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Woanders sein, als man ist

Woanders sein als man ist

Ich möchte über ein Thema sprechen, das erstmal total esoterisch klingt: Wir werden überall dazu angehalten, dass wir mehr im Hier und Jetzt leben müssen, dass wir bei unserem Tun nicht immer woanders, zum Beispiel bei unseren Zielen oder bei irgendwelchen Sorgen, sondern eben in unserem Tun selbst sein müssen.

Ja, es klingt wie etwas, das man auf Grußkarten am Bahnhofskiosk lesen kann. Dennoch, diese Rede über das „Hier und Jetzt“ fällt haargenau mit einer Art von Leiden zusammen, das für viele alltäglich ist: Dass wir, egal ob es um die Arbeit, ums Essen, ums gemeinsame Biertrinken, ums Musikhören oder um die Liebe geht, sehr oft nicht „richtig“ bei der Sache sind. Wir sind engagiert, interessiert, gehen aber trotzdem nicht in der Sache auf. Unsere Muskeln sind verspannt. Vielleicht bewegen wir uns nur noch mechanisch oder sogar leicht gezwungen, fühlen eine gewisse Pflicht. Eine Pflicht gegenüber den anderen Biertrinkerinnen, fröhlich und ungezwungen zu sein, oder gegenüber „der Musik“, möglichst ergriffen davon zu sein. Es mag auch irgendwie Spaß machen, aber trotzdem ist da das seltsame Gefühl einer unsichtbaren Wand zwischen uns und uns selbst. Statt loszulassen und einfach nur zu genießen, denken wir an lauter negative Dinge: ob uns die anderen Biertrinkerinnen für uncool halten; was wir heute und die nächsten Tage noch erledigen müssen.

Immer wieder gibt es dann diese Idee, sich selbst zu vergessen. Alle diese Pflichten, Ängste, Zukunftssorgen könnten von uns abfallen, es könnte ruhig in uns und das Leben einfach werden: Das Vogelgezwitscher anhören, und es ist schön; minutenlang nichts tun, außer den eigenen Atem zu spüren und sich gut dabei fühlen; die geliebte Person berühren, und es gibt nichts außer dieser magischen Berührung. Es ist die Idee einer erfüllten Sinnlichkeit, wo also nicht nur Bedürfnisse befriedigt werden, oder man nicht einfach „Spaß“ hat, sondern wo eine reichhaltige Intensität des Erlebens entsteht. Und auch nicht nur eine „messbare“ Intensität, sondern eine solche, die qualitativ auf die sinnlichen Alltagsdinge bezogen ist.

Wenn man über so etwas spricht, muss man ohne Zweifel aufpassen, dass man nicht in einen irrationalen Diskurs abdriftet und eine Authentizität und Unmittelbarkeit des Lebens herbei phantasiert. Für mich verbindet sich dieses irrationale Abdriften immer mit dem reaktionären Philosophen Martin Heidegger. Der spricht in seinem Hauptwerk Sein und Zeit von einem eigentlichen Sein, in dem sich die verfestigte Ich-Instanz auflöst, in dem wir ohne primären Unterschied zu unseren Alltagsgegenständen und wesentlich in unserem Tun selbst sind. Der Gegensatz von Ich und Außenwelt ist für ihn in erster Linie ein Produkt des Rationalismus, der uns von unserem eigentlichen Selbst losgerissen hat. Im weiteren Verlauf dieses Buchs entwickelt er dann die philosophische Version davon, dass wir mehr im Hier und Jetzt leben müssen: Er nennt das „Augenblicklichkeit“. Dieses Authentizitätsdenken, das nicht nur bei solchen Philosophen vorkommt, sondern ja auch zum bürgerlichen Alltagsverstand gehört, hat ein ziemliches Problem. Denn es entwirft ein vom wirklichen, sinnlichen Leben losgelöstes „authentisches Selbst“, das unabhängig von den wirklichen Bedürfnissen und Notwendigkeiten des Lebens existieren soll: Das „wahre, unverfälschte Ich“. Es ist die Vorstellung, dass man durch ein Arbeiten an sich selbst die eigene Zerrissenheit überwinden könnte, indem man ein versöhntes Bei-sich-Sein ausbildet. Das ist aber nur der Schein einer Versöhnung, unter dem die Zerrissenheit fortbesteht.

Ich versuche das am Beispiel der Authentizität gegen die Massenkultur zu veranschaulichen. Viele fühlen sich „in der Menge“ fremd und außer sich, fühlen sich beständig von Dingen wie Fernsehshows, Sportevents, Fastfood, Hollywood und der „Arbeit bloß um des Geldes willen“ belagert und in ihrer Integrität verletzt. Dagegen setzen sie dann die Vorstellung eines bedächtigen, genießenden Lebens, in dem sie sich künstlerisch, geistig und moralisch entfalten. Das wäre eine Form von authentischem Selbst. Die Menschen fühlen sich befreit von der Zerrissenheit, aber nur, weil sie in einer bloßen Vorstellung eines authentischen Selbst, ihres unverfälschten Ichs, leben. Denn natürlich wird die Zerrissenheit, die diese Menschen zunächst erfahren, durch das authentische Selbst nicht überwunden: Es gibt kein Leben außerhalb der Massenkultur und unabhängig vom Materialismus des Geldes. Der Preis, den sie für ihre vermeintliche Entfaltung zahlen, ist die Verdrängung und Unterdrückung ihrer eigenen Bedürfnisse ebenso wie die Aufgabe einer wirklichen Überwindung der Zerrissenheit, die in einem politischen Kampf gegen ihre gesellschaftlichen Bedingungen bestünde. So stabilisiert der Schein des versöhnten Selbst auch den Kapitalismus, da er eine rein individuelle Lösung eines gesellschaftlichen Problems darstellt.

Es liegt auf der Hand, dass diese Art von Leiden vom Marxismus kritisiert werden muss.  Es betrifft zwar nicht die basalen materiellen Bedürfnisse – Arbeitsbedingungen, Nahrung, Wohnung, Kulturkonsum –, sehr wohl aber die ebenfalls sehr materielle Sinnlichkeit in ihrer intensiven Qualität. Wir müssten also herausfinden, wie man auf eine marxistische, nicht-bürgerliche Weise über diese subjektive Not sprechen kann, und wie eine politische, nicht bloß individuelle Praxis dagegen aussehen würde. Wir müssten also, ohne in das Authentizitätsdenken zu verfallen, über diese Momente sprechen können, in denen der Druck und die Distanz zu sich selbst auf einmal abfällt und man sehr genau das Gefühl hat, wieder „in der Wirklichkeit“ anzukommen. Über diesen furchtbaren Widerspruch in uns selbst, an einem Ort und zu einem Zeitpunkt zu sein und eine bestimmte Tätigkeit zu verrichten, und zugleich die Gewissheit zu haben, nicht da zu sein, kein Gefühl für die Situation zu haben und keinen Kontakt zu dem zu haben, was da passiert. Und über das Rätsel, das in der Gewissheit liegt, dass wir selbst diese Distanz zu uns hervorbringen, und zugleich so in uns fixiert sind, dass wir nicht loslassen können.

Das sind natürlich große Fragen, und mehr als ein wenig darüber nachdenken können wir hier nicht. Lassen wir uns dazu von dem inspirieren, was Marx in den Pariser Manuskripten von 1844 über den Kommunismus schreibt:

„Die Aufhebung des Privateigentums ist daher die vollständige Emanzipation aller menschlichen Sinne und Eigenschaften ... Die Sinne … verhalten sich zu der Sache um der Sache willen, aber die Sache selbst ist ein gegenständliches menschliches Verhalten zu sich selbst und zum Menschen und umgekehrt. Das Bedürfnis oder der Genuß haben darum ihre egoistische Natur und die Natur ihre bloße Nützlichkeit verloren ...“ (MEW, Band 20)

Unter dem Privateigentum, also im Kapitalismus, haben die Sinne eine „egoistische Natur“, die Sache eine „bloße Nützlichkeit“. Sinne und Sache sind getrennt voneinander, isoliert, und dem stellt Marx emanzipierte Sinne gegenüber, bei denen das Verhältnis zwischen Sinnen und Sachen „menschlich“ ist. Im Kommunismus gibt es dann nicht mehr das Problem, dass die Sinne die Distanz zu den Sachen überwinden und ihrer „habhaft“ werden, sondern die Sinne sind selbst ein Verhältnis zwischen Mensch und Sache. Beim Musikhören von oben ist es nicht mehr die Frage, dass wir das Stück nur „haben“ (bzw. hören) dürfen, wenn wir möglichst ergriffen davon sind.

Vergleichen wir das kurz mit der kapitalistischen Ökonomie. Dort ist es ja auch so, dass die Menschen und ihre Arbeitsprodukte voneinander getrennt sind und im Gegensatz zueinander stehen. Die Arbeitsprodukte sind Waren, deren die Menschen erst habhaft werden müssen, damit sie sie konsumieren können. Diese Trennung ist aber selbst ein bestimmtes Verhältnis, ein negatives Verhältnis, das die Menschen beherrscht. Ebenso ist es bei den Sinnen: Dass die Sinne diese „egoistische Natur“ haben, ist ein genauso negatives Verhältnis, von dem wir uns emanzipieren müssen.

Bei diesem Verhältnis geht es aber nicht um Arbeitsprodukte und Bedürfnisbefriedigung, um Privateigentum an Waren und Ausbeutung der Arbeit anderer, also um Ökonomie, sondern um unsere emotionalen und zwischenmenschlichen Beziehungen, die mit dem Kapitalismus natürlich auch ganz bestimmte Form annehmen: Dass die Sinne so „egoistisch“ sind, auf sich vereinzelt, ganz isoliert sind, hat mit dem negativen Verhältnis zu tun, das wir in unserem zwischenmenschlichen Leben zueinander einnehmen. Heute ist es so, dass wir ständig so gemein zueinander sind, dass wir uns gegenseitig emotional ausbeuten und uns gegenseitig dazu benutzen, unsere Selbstgefühle zu pushen. Wir versuchen andere zu beeindrucken, locken sie mit Versprechungen von Wertschätzung, und lassen sie fallen, wenn wir sie nicht mehr brauchen.

Damit das anders wird, bräuchte es eine kritische Bewusstheit über genau diesen gemeinen Umgang miteinander. Es bräuchte eine Ehrlichkeit zueinander und ein gegenseitiges Sprechen über Bedürfnisse. Eine solche emanzipierte Umgangsweise setzt freilich voraus, dass wir in zwischenmenschlichen Beziehungen leben, in denen wir nicht objektiv gezwungen sind, den anderen Gefühle zu verheimlichen oder sie zu beeindrucken. Wo wir durch gegensätzliche Interessen, sei es in WGs, in einer Intellektuellenszene oder in ökonomisch verwertbaren Politprojekten, gegeneinander gerichtet sind, ist ein emanzipierter und ehrlicher Umgang miteinander nur äußerst schwer möglich.

Ohne Aufhebung des Privateigentums ist die Emanzipation der Sinne nicht denkbar. Aber dabei geht es nicht nur um die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln, sondern auch des Privateigentums an den eigenen Lebensgrundlagen. Auch die bloß privat vollzogene Reproduktion muss in Richtung von solidarischen Reproduktionskollektiven oder Kommunen überwunden werden, in denen emanzipierte Beziehungen erst praktiziert werden können. Mit anderen Worten, jede wirkliche Revolution schließt eine Kulturrevolution ein. Und da jede wirkliche Revolution kein Ereignis in einer unbestimmten Zukunft ist, sondern als Bewegung in der Gegenwart beginnt, bei uns selbst, können wir auch schon heute damit anfangen.

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