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Das andere Chiapas

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Wenn mir neue FreundInnen – aus Mexiko oder Menschen aus anderen Ländern – Fragen über die Region stellen, in der ich aufgewachsen bin, gefällt es mir natürlich, ihnen die wunderschönen Aspekte aufzuzählen, die Chiapas zu bieten hat: Seine warmherzigen und aufrechten BewohnerInnen, seine spektakulären Sehenswürdigkeiten, seine ungezähmte Natur, seine Magie, seine Kultur, seine aufwärmenden Maya-Getränke, die Geschmäcker und Farben der lokalen Küche. Ich genieße es, Geschichten zu teilen über unsere Vorfahren und wie diese die Welt verstanden, über die alten Götter und die Tempel und all die Städte, die ihren Namen tragen.

Aber ich erzähle ihnen auch von dem anderen Chiapas. Von dem Chiapas der Menschen, vom Alltag, der die Pracht vermissen lässt und in dem die Realität überall zu spüren ist. Es ist notwendig, darauf hinzuweisen, dass unter all der Schönheit pueblos (Völker) verborgen sind, die marginalisiert und ausgeschlossen leben müssen. Das Chiapas aus der Perspektive des Besuchenden ist nicht das gleiche, wie das der Chiapaneken selbst.

Mythen und Entzauberungen

Ich bemerke schnell, dass mich die Leute ungläubig anschauen, die Augen voller Zweifel, wenn ich über diese andere Realität spreche. Ich verstehe diesen Blick – ist es doch auch für mich oft schwer nachzuvollziehen, dass so ein Elend, so eine Marginalisierung und Armut in einem so kulturell vielfältigen und reichen Land existieren kann. Dieses Chiapas war schon immer da, auch schon bevor und gleichzeitig mit dem, wie es sich heute zeigt. Seine Gesichter sind widersprüchlich, aber sie eint die Armut: Das Chiapas der unzugänglichen Erdpfade, der isolierten Orte, der Dörfer ohne medizinische Versorgung, wo Elektrizität und Licht gerade erst entdeckt wurden, und andere, in denen das Gleiche für einen Mythos aus den Städten gehalten wird. Das Chiapas der Analphabeten, in dem die Schulen in Trümmern liegen, die Kinder zwar LehrerInnen, aber keine Schulen haben. Daneben das Chiapas, in denen es an Lehrkräften mangelt. Das Chiapas mit den Häusern ohne Bäder, das mit Bädern, die ohne Wasser sind, mit leeren Kühlschränken (wenn es überhaupt welche gibt), das Chiapas der geteilten Betten, der Nächte auf dem Boden, der ungleichen Sandalenpaare, des abgekochten Wassers und der immer wieder zusammengeflickten Kleidung. Dieses Chiapas unterscheidet nicht zwischen Indigenen und Mehrheits-MexikanerInnen, Campesin@s oder FischerInnen, Gebirgsregionen oder Küste. Diese Realität betrifft uns allesamt.

Es erzeugt womöglich Verwirrung, wenn ich über das nicht-indigene Chiapas rede. Man nimmt im Allgemeinen oft an, wir seien alle Tzotziles, die bekannteste Ethnie unserer Region. Aber nein, in der Mehrheit leben in Chiapas Mestizos, MehrheitsmexikanerInnen, wie im gesamten restlichen Mexiko auch. Wir verloren im historischen Prozess viele unserer Wurzeln, die ursprünglichen Kulturen und die Götter der Vorfahren; ebenso, wie wir nicht mehr alle eine andere Muttersprache sprechen. Doch noch erhalten sich einige dieser Traditionen in unseren Dörfern. Zur selben Zeit werden diejenigen, die die autochtone Maya-Sprache sprechen, diskriminiert. Aber hinter den Museen über die vor-spanischsprachige Kultur, hinter dem magischen Chiapas steht das Chiapas der Indigenen, die Wochen an einem Originaltextilstück für die TouristInnen arbeiten, die, ohne um den kulturellen Hintergrund und den Aufwand zu wissen, um den Preis feilschen.

In diesen Stickereien wird ein Jahrtausenderbe verkauft, um sich ernähren zu können. Dort, in den Unterklassen, bewegt man sich in einer anderen Realität, in der die älteren Geschwister die Jüngeren aufziehen müssen, weil die Eltern den ganzen Tag arbeiten. Dort, wo die Bildung nicht das Wichtigste ist, weil zu arbeiten das Hauptbedürfnis darstellt, um sich ernähren zu können. Dort sind die Schuhe und die Kleidung, aber auch regelmäßig Fleisch zu essen, Luxusgüter. Ich spreche von dem Leben in den Bergen, wo das tägliche Essen aus Bohnen besteht und dreimal am Tag zu essen keine Gewohnheit darstellt; wo die Kleinsten noch nie Früchte probiert haben, während sie anderswo in den Hinterhöfen verderben. Dort, wo die PolitikerInnen hinkommen, um den immergleichen Unsinn zu reden und die Wahlstimme gegen Vorräte im Wert von noch nicht einmal vier Euro kaufen. Dort, wo der Zugang zu Nahrung zur Richtlinie der Politik wird.

In Chiapas ist die häusliche Gewalt ein offenes Geheimnis in jedem Stadtviertel. Sie wird flankiert von offen unterdrückte Frauen und Verlobungen, die schlechte Karikaturen der kommenden erzwungenen Ehen sind. Wir reden von einem Ort, in dem es für Jugendliche in großem Maße wahrscheinlicher ist, ungewollt schwanger zu werden, als den Zugang zu einer Universität zu erhalten. Es ist das Chiapas der großen und armen Familien - wo die Kinder zuerst den Umgang mit der Machete erlernen, bevor sie einen Bleistift halten können, und wo besonders die Mädchen zuerst lernen Tortillas zu machen, statt zu lesen. Wo die Pflanzen das einzige Arzneimittel in Reichweite sind und der Tod auch bei normalerweise einfach zu behandelnden Krankheiten noch Realität ist. Das Chiapas der Unterdrückten, wo die Elektrizität, die das ganze Land erhellt produziert wird, aber es fast unmöglich ist, die Rechnungen zu bezahlen.

Dieses Chiapas ist ein Paradies für PolitikerInnen, die, wenn es Naturkatastrophen gibt, die internationalen Spenden vor allem darauf verwenden, ihre eigenen Häuser zu bauen. Dort, im Ground Zero des verheerenden Erdbebens vom September 2017, gibt es andere Geschichten des Im-Stich-gelassen-werdens, der Korruption, der fehlenden Häuser und leeren Konten.

Zerreißt den Schleier

Etwa die Realität der – durch, von PolitikerInnen finanzierten, paramilitärischen Gruppen – brutal Vertriebenen. Sie sind die Leittragenden, wenn sich Probleme der Landwirtschaft aufgrund der Interessen der Minenkombinate nicht lösen lassen. Doch wo sind sie, wenn über Chiapas berichtet wird?

Aufmerksamkeit erhalten wir durch eine bewaffnete Bewegung, das Ejercito Zapatista de Liberación Nacional (EZLN). Die Bevölkerung in Chiapas erscheint dort als berühmt gewordene Bewegung, besonders populär in der deutschsprachigen Linken, die dort als weiterbestehende, aktive und dissidente Struktur dargestellt wird. Von meinem Blickwinkel aus sehe ich allerdings nur eine idealisierte und vermarktete EZLN, die – auch wenn sie eine historisch wichtige und schlagende Rolle gespielt hat – heute nicht mehr präsent, nicht solidarisch und nicht aktiv kämpfend ist. Ihr Ausverkauf reflektiert sich in den touristischen Städten, wie San Cristobal de las Casas oder der Regionalhauptstadt Tuxtla Gutierréz. In all den Produkten, die man dort finden kann, wie Flip-Flops, Poster und Schmuckstücke mit dem Abbild eines vermummten Mannes. Die Leitikone einer Bewegung, die sich gut verkauft, aber die sich weder in anderen Formen, wie sozialen Projekten, im Alltag der Menschen niederschlägt, noch dass die Mehrheit der Chiapaneken Kontakt zu dieser Welt aufnehmen könnte. Wo sind die Zapatisten? Abgeschottet in ihren Gemeinden? Es gibt keinen sichtbaren Schulterschluss mit dem Rest der Bevölkerung, nicht über soziale Zusammenkünfte, nicht über das Bewusstsein schaffende Politik.

Mich ermutigt es, über diese Dinge zu schreiben, während ich im Gebirge der Sierra Madre unterwegs bin. Ich verspüre den Verlust und die Hilflosigkeit umso mehr, nachdem ich in den Notlagern der Vertriebenen gewesen bin, und nun versuche, diese Gefühle in Worte zu fassen. Diese Lager, gebaut aus Plastik und Holz, nahezu unter freiem Himmel der Kälte und des Regens der Berge, existieren allein, da die Paramilitärs jede/n erschießen, der/die sich den indigenen Dörfern nähert. Diese Dörfer sind es, um die Landkonflikte ausgetragen werden, in der Regel zugunsten der mexikanischen Regierung. Die Notlager sind oftmals die einzige Möglichkeit des Überlebens für die Vertriebenen. Ich berichte von hier, wo die Kälte die Füße verbrennt und die Kinder barfuß laufen. Vom anderen Chiapas zu reden bleibt wichtig. Es existiert und ist nicht unsichtbar. Den Schleier zu zerreißen und sich diesem dystopischen Szenario zu öffnen ist ein Anfang.

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