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Revolution statt Himmelfahrtskommando. Möglichkeiten der Novemberrevolution

_MG_0761.jpg Alp Kayserilioğlu

100 Jahre Novemberrevolution, Januaraufstand und Märzkämpfe: Ein Berliner Kollektiv aus Gruppen sowie Einzelpersonen veröffentlicht im Dezember eine Broschüre zur revolutionären Geschichte. Vor einem Jahrhundert fegten revolutionäre Bewegungen in ganz Deutschland nicht nur die Monarchie beiseite und setzten dem mörderischen Weltkrieg ein Ende. Soziale und revolutionäre Forderungen standen plötzlich auf der politischen Agenda im gesamten Land. Neben der Gründung von Räterepubliken wurden Betriebe von Arbeiter*innen-Räten selbst verwaltet. Im Vorfeld der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration 2019 in Berlin wird die Broschüre auf vergangene Kämpfe, ihre Bedeutung für aktuelle radikal linke Politik sowie auf revolutionäre Perspektiven eingehen. re:volt ist Medienpartnerin und veröffentlicht drei Texte im November, Dezember sowie Anfang Januar exklusiv vorab.

Die Broschüre „Alle Macht den Räten“ mit einem Umfang von ungefähr 80 Seiten, inklusive interessantem Bildmaterial, wird über Fire and Flames sowie unter Antifa Nordost bestellbar sein.

Anbei der erste exklusiv vorab veröffentlichte Text: re:volt-Redakteur Alp Kayserilioğlu mit einem Blick auf die konkurrierenden Revolutionen und verpasste Chancen.


Ende September 1918 herrscht Panik unter den Eliten des Deutschen Reichs. Generalquartiermeister Erich Ludendorff sieht ein, dass Deutschland den Krieg verloren hat. Dieser ist gemeinsam mit Generalfeldmarschall von Hindenburg einen der Führungsköpfe der Obersten Heeresleitung (OHL), einer de facto Militärdiktatur im Deutschen Reich in den letzten Jahren des Ersten Weltkriegs. Zuvor hatte er nach dem Abschluss des Brest-Litowsker Friedens im März 1918 noch 600.000 Mann von der Ostfront in Russland in den Westen abgezogen, um in einer Entscheidungsschlacht gegen die Entente (Frankreich, England, USA, Italien) doch noch den Sieg zu garantieren. Nach fünf unendlich verlustreichen Offensiven war es jedoch vorerst aus mit dem Traum vom deutschen Europa. Im eigenen Land brodelt es derweil gewaltig: 1916 brechen die ersten Hungerrevolten aus, 1917 meutern die Matrosen der Hochseeflotte zum ersten Mal, im Januar 1918 wird ganz Deutschland vom sogenannten „Munitionsarbeiterstreik“ durchzogen. Seitdem mehren sich Streiks und Aufstände im ganzen Land. Vor hochrangigen Militärs gibt Ludendorff laut Angaben des anwesenden Oberst von Thaer am 1. Oktober zu verstehen:

„Die O.H.L. und das deutsche Heer seien am Ende; der Krieg sei nicht nur nicht mehr zu gewinnen, vielmehr stehe die endgültige Niederlage wohl unvermeidlich bevor. Bulgarien sei abgefallen. Österreich und die Türkei, am Ende ihrer Kräfte, würden wohl bald folgen. Unsere eigene Armee sei leider schon schwer verseucht durch das Gift spartakistisch-sozialistischer Ideen. Auf die Truppen sei kein Verlaß mehr.“ [1]

Es ist dringend, droht doch der Zusammenbruch der gesamten Westfront und daran anschließend eine „Katastrophe“. Dabei versteht Ludendorff unter der „Katastrophe“ nicht nur eine militärische Totalniederlage, sondern durchaus den Einbruch einer sozialen Revolution. In derselben Rede hält er fest:

„Er könne nicht mit Divisionen operieren, auf die kein Verlaß mehr sei. So sei vorauszusehen, daß dem Feinde schon in nächster Zeit mit Hilfe der kampffreudigen Amerikaner ein großer, ein Durchbruch im ganz großem Stile gelingen [würde], dann werde dieses Westheer den letzten Halt verlieren und in voller Auflösung zurückfluten über den Rhein und werde die Revolution nach Deutschland tragen. Diese Katastrophe müsse unbedingt vermieden werden.“ [2]

Die militärdominierten Eliten entschließen sich sehr schnell zu einer Vorgehensweise. In einer geheimen Unterredung zwischen dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes (der damaligen Entsprechung zum*zur Außenminister*in) Admiral von Hintze mit Ludendorff und von Hindenburg, schlägt ersterer schon am 29. September 2018 zwei Optionen vor: entweder die Errichtung einer Militärdiktatur zur Abwehr der „Katastrophe“ oder eine Revolution „von oben“, um den bevorstehenden Zusammenbruch von „Reich und Dynastie“ bei einer Niederlage vorzubeugen. Ludendorff lehnt ersteres ab, weil er einen Sieg gegen die Alliierten für nicht machbar hält. Er und Hindenburg beschließen: Es soll eine Revolution „von oben“ werden. Und zwar gerade unter Einschluss der Parteien der Reichstagsmehrheit, insbesondere der SPD. Ludendorff geht es glasklar um eine Verschiebung der Schuld, die „Dolchstoßlegende“ wird hier im Prinzip schon vorbereitet. Zu diesem Zweck verdreht Ludendorff später auch die Tatsachen und lügt öffentlich, dass sich die Balken biegen. Im oben zitierten Treffen mit hochrangigen Militärs vom 1. Oktober hebt Ludendorff hervor:

„Ich habe ... Seine Majestät gebeten, jetzt auch diejenigen Kreise an die Regierung zu bringen, denen wir es in der Hauptsache zu danken haben, daß wir so weit gekommen sind. Wir werden also diese Herren jetzt in die Ministerien einziehen sehen. Die sollen nun den Frieden schließen, der jetzt geschlossen werden muss. Sie sollen die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben!“ [3]

Auch Prinz Max von Baden, der am 9. November 1918 eigenmächtig den Kaiser absetzt und Ebert als Reichskanzler einsetzt, hält in seinen Erinnerungen rückblickend in so klaren Worten seine Motivation und sein Vorgehen fest, dass es lohnt, ausführlicher zu zitieren. Schon am 7. November hält er fest:

„Das Schicksal Deutschlands hing daran, dass Ebert die Leistung seines Parteigenossen [Noske in Kiel, A.K.] im Großen wiederholte, d.h. die Bewegung im ganzen Lande 'zurückrollte'. Nach unserer Unterredung […] zweifelte ich nicht an seinem guten Willen – und auch nicht an seiner Macht, sobald die klare Parole gegeben wäre, um den Trennungsstrich nach links erneut zu ziehen.“ [4]

Als die Revolution am 9. November in Berlin losgeht und der Kaiser noch immer nicht von selbst abgedankt hat, handelt er auf eigene Faust:

„Ich sagte mir: Die Revolution ist im Begriff, siegreich zu sein; wir können sie nicht niederschlagen, vielleicht aber ersticken. Jetzt heraus mit der Abdankung, mit der Berufung Eberts, mit dem Appell an das Volk, durch die Verfassungsgebende Nationalversammlung seine eigene Staatsform zu bestimmen. Wird Ebert mir als Volkstribun von der Straße präsentiert, dann kommt die Republik, ist es Liebknecht, auch der Bolschewismus. […] Vielleicht gelingt es, die revolutionären Energien in die legalen Bahnen des Wahlkampfes zu lenken.“ [5]

Zu einer fast identischen und ebenfalls sehr klaren Einschätzung, auch bezüglich der aktiven Teilnahme der SPD an der „Revolution von oben“, kommt Generalleutnant Groener, nach Ludendorff der zweite Kopf der OHL:

„Ihnen allen [der SPD-Führung, A.K.] war der gewaltsame Umsturz verhasst und auch für ihre eigenen Parteiabsichten in höchstem Grade unerwünscht. Mit der von Hintze durchgeführten Parlamentarisierung waren alle ihre Wünsche erfüllt, da die Revolution ihnen nur die Macht über die Massen entreißen konnte, die immer mehr im radikalen Fahrwasser trieben. Ebert bekannte sich […] zwar für seine Person zur Republik, schlug aber gleichzeitig die Regentschaft des Prinzen Eitel-Friedrich oder Oskar [Söhne des Kaisers, A.K.] vor. Auf die Personaländerungen glaubten sie mit Rücksicht auf eben diese Massen nicht verzichten zu können. Die Lawine, die durch diesen Stein ins Rollen kam, ist von den Mehrheitssozialisten mit verursacht, aber nicht beabsichtigt worden.“ [6]

Die geplante und schließlich umgesetzte „Revolution von oben“ lässt sich also kaum allein als raffinierter Schachzug einer militärputschistischen Clique bezeichnen, sondern als ein Programm, das von links bis rechts alle Eliten der Ordnungskräfte in jeweils ihrer eigenen Art und Weise und durchaus im Konflikt miteinander durchführen wollten, inklusive der systeminternen Opposition. Die SPD und die „Parteien der Reichstagsmehrheit" (SPD, Zentrum, liberale Parteien) waren zwar Oppositionsparteien und verlangten mehr oder minder scharf eine Demokratisierung. Kaum eine der Parteien, auch nicht die SPD, wollte jedoch ursprünglich eine demokratische, gar sozialistische Republik, als allerletztes noch mittels einer sozialen Revolution. Noch im Juli 1917 bildeten sie gemeinsam den Interfraktionellen Ausschuss, der angeblich den Gegenpol zu Kaiser und Militärs darstellen sollte. Dabei verlangten sie einzig mehr Mitspracherecht des Parlaments – keine Abschaffung des Kaiserreichs – und betonten ihre Forderung nach einem Verständigungsfrieden, demzufolge keine Territorial- oder sonstige Konzessionen gemacht werden dürfen, mit den Worten:

„Solange jedoch die feindlichen Regierungen auf einen solchen Frieden nicht eingehen, solange sie Deutschland und seine Verbündeten mit Eroberung und Vergewaltigung bedrohen, wird das deutsche Volk wie ein Mann zusammenstehen, […] unerschütterlich ausharren und kämpfen[.]“ [7]

Ein „Verständigungsfriede“ also aus einer Position heraus, in der die Hauptaggressionspartei die Hälfte Europas besetzt hält. In der Tat ein sehr „deutsches“ Verständnis von „Verständigung“. In der kurzen Regierungsphase der Parteien der Reichstagsmehrheit unter der Kanzlerschaft Prinz Max von Baden vom 4. Oktober bis zum 9. November 2018 ist das Maximum an Forderungen, das diese Parteien stellen, die Einführung der konstitutionellen Monarchie und die Rechenschaftspflicht des Militärs gegenüber dem Parlament. Friedrich „ich hasse die Revolution wie die Sünde“ Ebert [8] soll sogar geweint haben, als er von der nahenden militärischen Niederlage hörte.

Noch am 4. November 2018, als die Arbeiter*innen und Matrosen in Kiel die Macht übernehmen, erlässt der MSPD-Parteivorstand eine öffentliche Erklärung, in der den Arbeiter*innen und Parteigenoss*innen „dringend“ geraten wird, nicht auf die Straße zu gehen und die „wichtige[n] Verhandlungen“ von MSPD mit Max von Baden über die Abdankung des Kaisers nicht zu stören. Gustav „einer muss der Bluthund werden“ Noske schreibt noch zehn Jahre nach der Revolution im Jahre 1928 einen Artikel, von dem Mensch glauben könnte, ein Nationalkonservativer hätte ihn verfasst, wüsste Mensch nicht, wer Noske ist. [9] Aber auch Philipp Scheidemann, ein im Vergleich zu Noske durchaus moderater Politiker, ist Anfang November 1918 der Meinung, dass der „Bolschewismus“ eine „größere Gefahr [ist,] als die Entente“ [10]. Noch am 31. Oktober ist Ebert der Meinung, dass Deutschland nicht reif für eine Republik sei. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Glücklicherweise haben sich Arbeiter*innen und Soldaten nicht an die öffentlich verkündeten Ratschläge der MSPD gehalten, sonst wäre es vermutlich noch nicht einmal zur bürgerlichen Republik gekommen.

Auseinanderbrechende Ordnung? Alp Kayserilioğlu

Brach die alte Ordnung wirklich auseinander? Matrosendenkmal in Kiel.

Kurzer Frühling im langen Winter

Letztlich vermasseln es die Militärs. Mit der Ablehnung des Friedensvorschlags von US-Präsident Wilson, der eine Abtretung aller auch in Russland besetzten Gebiete, sowie eine Dezimierung der deutschen Armee vorsieht, ebenso wie mit der Vorbereitung eines letzten wahnwitzigen Himmelsfahrtkommandos seitens der Seekriegsleitung (SKL) gegen England, erzwingen die Militärs geradezu den Aufstand. Ein Lehrstück darüber, welche Irrationalitäten der Imperialismus, bei aller staatsmännischer Raison, dennoch hervorbringt. Die Matrosen bekommen Wind von der letzten „Ehrenschlacht“ und meutern Ende Oktober 1918. Auch aufgrund vieler taktischer Fehler seitens der arroganten Militärführung, die immer noch nicht begreift oder begreifen will, was vorgeht, ufert die Meuterei in einen großen Matrosenaufstand in Kiel aus, dem sich die Arbeiter*innen vor Ort organisiert anschließen. Schließlich kommt es am 4. November zur Machtübernahme des Arbeiter- und Soldatenrates in Kiel.

Von da an geht alles ganz schnell. Wie eine Lawine rollt die Revolutionswelle durch das ganze Land. Kieler Matrosen strömen in Zügen überall hin und verbreiten das Ende des Krieges und den Beginn der Revolution. Am 7. November siegt die Revolution in Bayern, das Militär in München läuft über. Zwar möchte Reichskanzler Prinz von Baden dem Schlimmsten zuvorkommen, indem er am 9. November eigenmächtig die Abdankung des Kaisers und die Übergabe der Kanzlerschaft an Friedrich Ebert verkündet. Aber da befinden sich schon längst Hunderttausende auf den Straßen Berlins, mit tatkräftiger Wirkung des Spartakusbundes, der USPD und der Revolutionären Obleute. Der Großteil der Truppen in Berlin befindet sich ebenfalls auf der Seite der Revolution. Philipp Scheidemann verkündet initiativ die deutsche Republik, wenig später ruft Liebknecht die sozialistische Republik aus. Unter Führung des Großkapitalisten Hugo Stinnes gründet die deutsche Industrie die „Antibolschewistische Liga“, die alles Reaktionäre auf deutschem Boden gegen „den Bolschewismus“ finanziert. Die Schwerindustrie diskutiert schon im Oktober 1918: „Wie kann man die Industrie retten? Wie kann man auch das Unternehmertum vor der drohenden, über alle Wirtschaftszweige hinwegfegenden Sozialisierung, der Verstaatlichung und der nahenden Revolution bewahren?“ [11] – so das Resümee eines Treffens seitens Jakob W. Reichert, Geschäftsführer des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller im Rückblick. Sie kommen zu der Einsicht, dass dies nur gemeinsam mit den Arbeiter*innen geht. Es kommt zum berühmt-berüchtigten Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1918, das durch Einführung des Achtstundentages, vollständiger Legalisierung und Bekräftigung der Gewerkschaften, der Einführung von Arbeiter*innenausschüssen (später Betriebsräten) bei de facto Verzicht auf weitergehende Forderungen die bis heute währende Sozialpartnerschaft zwischen Kapital und Arbeit begründet.

Die folgenden Wochen und Monate sind ein konstantes, teils extrem militarisiertes Tauziehen um den Charakter der Revolution und der entstehenden Republik. SPD und Militärs verbünden sich (der berühmte „Ebert-Groener-Pakt“ vom 9. oder 10. November 1918 [12]), die militant konterrevolutionären Teile der zurückkehrenden Fronttruppen werden in „Freikorps“verbände umformiert, während sich die Räte auf dem Reichsrätekongress im Dezember 1918 selbst abschaffen, indem sie die Einberufung einer parlamentarischen Nationalversammlung als der einzig gültigen demokratischen Repräsentationsinstanz zustimmen. Parallel dazu übertragen sie bis dahin alle politische Macht auf den Rat der Volksbeautragten und entmachten damit die Basisräte. Dabei bereiten die Militärs schon jetzt – und nicht erst 1920 – den Militärputsch vor. Der Nachfolger von Ludendorff in der OHL, Generalleutnant Groener, plant für den 10. Dezember 1918 einen Putsch mithilfe der rückkehrenden Fronttruppen, mit denen er Ebert als Diktator unter Aufsicht der OHL einsetzen will. Der Putsch soll der Verhinderung des Reichsrätekongresses und zur Zerschlagung der Räte dienen. Ebert wird am 18. November von diesem Plan seitens Groeners unterrichtet und ist ihm nicht gänzlich abgeneigt. Letztlich putschen Geheimdienstler und reaktionäre Studenten in Unkenntnis der OHL-Pläne schon am 6. Dezember mit demselben Ziel und scheitern kläglich. Ebert beginnt zu schwanken, Groener plant eine Diktatur ohne Ebert, die Putschpläne fliegen auf und sowieso möchte der Großteil der rückkehrenden Fronttruppen lieber nach Hause, als putschen: Innerhalb von wenigen Tagen lösen sich die schwerbewaffnet in Berlin einmarschierenden 10 Divisionen (100.000 bis 300.000 Mann) in Luft auf. Es bleiben klägliche 800 Männer übrig. Groener beklagt sich darüber, dass „das ganze Programm der Säuberung Berlins von bolschewistischen Elementen“ nicht ausgeführt werden konnte. Und so entkommt die junge Republik ganz knapp der Militärdiktatur. Die Reaktion steht zwar ohne militärische Kräfte da, weil aber keine Konsequenzen gezogen werden, kommt es kurz darauf zu den Weihnachtskämpfen 1918 in Berlin, die im Prinzip als zweiter Putschversuch der OHL gelten können. Ebenso werden die folgenden Aufstände in Berlin im Januar und insbesondere im März 1919 niedergeschlagen. Die Weichenstellung für die fatale Schwäche der Weimarer Republik ist durch tatkräftige Unterstützung seitens der SPD gelegt.

Die alten Eliten werden nicht angetastet, sie wirken fort und organisieren geduldig und ungestört die Konterrevolution. Der Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 ist der erste ernsthafte Versuch zur Zerstörung der Revolutionsergebnisse, der nicht durch die reguläre Reichswehr, sondern durch einen Millionen Beschäftigte mobilisierenden Generalstreik niedergeschlagen wird. Der Hitler-Ludendorff-Putsch von 1923 stellt den zweiten derartigen Versuch dar. Die konterrevolutionären Elemente und Schlächter der Aufstände von 1918–23 werden kaum verfolgt oder bestraft. Im Gegenteil: Beteiligte des Kapp-Lüttwitz-Putsches werden zum Beispiel direkt anschließend zur Niederschlagung der Roten Ruhrarmee wieder „verwertet“ und somit rehabilitiert. Viele von ihnen und Mitglieder der alten Eliten beteiligen sich an Umsturzversuchen – so wie zum Beispiel Ludendorff selbst, der sich 1920 und auch 1923 am Putsch beteiligte, bei letzterem sogar führend. Später bilden viele von ihnen die Kernstrukturen von SS und SA. Man schaue sich einfach nur die zukünftige Laufbahn von bekannten Freikorps-Mitgliedern im englischsprachigen (!) Wikipedia an und man sieht eine Liste der Crème de la Crème des faschistischen Deutschlands. Wo spielt der Umstand heute noch eine Rolle, dass Hauptmann und späterer SA-Chef Ernst Röhm ein wichtiger Führer der Bayern-Abteilung der Schwarzen Reichswehr war, einer konterrevolutionären Untergrundarmee, mit der die OHL die Bedingungen des Versailler Friedens umgehen und sich für einen kommenden Krieg vorbereiten wollte?

Die „Offenheit“ der revolutionären Situation

Aus einer linken, revolutionären Perspektive heutzutage stellt sich in Bezug auf die Novemberrevolution meines Ermessens weniger die Frage nach dem „Verrat“ oder der „konterrevolutionären Tätigkeiten“ der SPD, die inzwischen hinreichend belegt sind. Die SPD war schon vor 1914 zunehmend zu einer verbürgerlichten Partei der bestehenden Ordnung geworden, die Machtpositionen einnehmen und im Rahmen des Bestehenden einige Verbesserungen für die Werktätigen herausschlagen wollte. Was ihr in Form von „Burgfrieden“ und der späteren Sozialpartnerschaft auch gelang. Der Preis hierfür waren Weltkrieg, Verzicht auf Sozialismus und Brüten der Konterrevolution. Konterrevolutionär war die SPD phasenweise und in bestimmten Perspektiven. Sie war nicht-revolutionär, als die Revolution 1918 losging und wollte die Dynamiken so schnell wie möglich eindämmen. Sie wurde notgedrungen revolutionär im Sinne von pro-republikanisch, als die Massen sie dazu zwangen. Laut der Memoiren von Scheidemann sei Ebert an die Decke gegangen, als Scheidemann die Republik ausrief. Die Partei wurde konterrevolutionär, insofern sie glühend gegen eine weitere, sozialistische Radikalisierung der Revolution mit den alten Eliten paktierte. Sie war aber wieder anti-konterrevolutionär, als es um die Verteidigung der Republik gegen die putschenden konterrevolutionären Mächte ging. Dabei ging sie, aus Angst vor der Linken, niemals konsequent gegen die konterrevolutionären Hauptkräfte vor, sondern nutzte sie sogleich wieder, als sie den Putschversuch beendeten. Damit positionierte sich die SPD als eigenständige Kraft. Sie über den Kamm mit den monarchistischen und reaktionären konterrevolutionären Kräften zu scheren, übersieht allerdings die Widersprüchlichkeiten des Zweckbündnisses dieser unterschiedlichen Kräfte, die mehr als einmal zur Explosion führten. Vor allem war sie und machte sie auch damals blind gegenüber Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit der SPD-Basis, die zum Teil noch lange Zeit offen für radikalere Vorgehensweisen und soziale Perspektiven waren.

Die Perspektive, die sich ausschließlich auf den Verrat der SPD konzentriert, verschließt durch ihren moralistischen Charakter häufig den Blick auf das Feld des Politischen. Wir müssten uns doch vielmehr fragen, was die Linke nicht geschafft hat, welche Chancen sie verpasst hat, wie es stattdessen die rätefeindliche SPD geschafft hat, die Räte zu dominieren – und nicht die Linken, die doch gerade eine Räterepublik wollten. Kurz: Wie es die SPD schaffte, die Zustimmung der Werktätigen zwar nicht unangefochten, aber trotzdem einigermaßen ordentlich zu monopolisieren und nicht die Kommunist*innen – um es in Zukunft besser machen zu können.

Der in der offiziellen kommunistischen Tradition in unterschiedlichen Variationen festgestellte Befund hierzu ist, dass im November 1918 eine organisierte kommunistische Partei gefehlt habe. Hätte es sie gegeben, hätte sie die Führung übernehmen und die Revolution siegreich zum Sozialismus bringen können. In geradezu teleologischer, die Geschichte im Nachhinein legitimierender und damit eigentümlich unkritischer Art und Weise, wird die Niederlage der Linken geradezu als Notwendigkeit dargestellt: Die Lehren mussten gelernt und aus diesen Fehlern heraus die KPD gegründet werden. Dabei spiegelt sich schon allein in den sprachlichen Passivkonstruktionen in der Diskussion um den Charakter der Revolution – war sie eine bürgerliche oder eine mit proletarischen Mitteln erkämpfte bürgerlich-demokratische oder war sie gar eine unvollendete sozialistische Revolution und so weiter – das Verlorengehen von Geschichtlichkeit wider. Es ist so nicht mehr denkbar, dass die Revolution eine bestimmte wurde, dass im Handgemenge entschieden wurde, wohin sie sich wie entwickelt und dass nicht von Anfang an restlos klar war, was am Ende heraus kommen sollte. Lenin wird nicht müde zu betonen, dass noch die revolutionärste Situation zu keiner Revolution führt, wenn nicht auch der subjektive Faktor stimmt:

„Für den Marxisten unterliegt es keinem Zweifel, daß eine Revolution unmöglich ist ohne revolutionäre Situation, wobei aber nicht jede revolutionäre Situation zur Revolution führt. (...) Warum? Weil nicht aus jeder revolutionären Situation eine Revolution hervorgeht, sondern nur aus einer solchen Situation, in der zu den oben aufgezählten objektiven Veränderungen noch eine subjektive hinzukommt, nämlich die Fähigkeit der revolutionären Klasse zu revolutionären Massenaktionen, genügend stark, um die alte Regierung zu stürzen (oder zu erschüttern), die niemals, nicht einmal in einer Krisenepoche ,zu Fall kommt‘, wenn man sie nicht ,zu Fall bringt‘.“ [13]

Aber dieser subjektive Faktor ist nicht nur eine Voraussetzung der Revolution, er ist zugleich Resultat der Revolution, wird also wesentlich aus der Revolution heraus geboren:

„Revolutionen sind Festtage der Unterdrückten und Ausgebeuteten. Nie vermag die Volksmasse als ein so aktiver Schöpfer neuer gesellschaftlicher Zustände aufzutreten, wie während der Revolution. Gemessen an dem engen, kleinbürgerlichen Maßstab des allmählichen Fortschritts ist das Volk in solchen Zeiten fähig, Wunder zu wirken.“ [14]

Der subjektive Faktor nimmt also für Lenin eine der Schlüsselrollen in der revolutionären Situation ein und bestimmt, wohin die Reise geht. Die Revolution findet statt in der Dialektik von objektiver revolutionärer Situation und der Fähigkeit des subjektiven Faktors, während diese selbst Voraussetzung sowie Resultat des Gangs der Revolution ist. Die revolutionäre Situation ist somit strukturell offen, wenn auch nicht total zufällig oder total indeterminiert.

Das Hauptproblem der These vom Fehlen der kommunistischen Partei ist diesbezüglich natürlich, dass mit der KPD seit Ende 1918 genau die laut Lehre „richtige kommunistische Partei“ bestand, trotzdem hat seitdem keine sozialistische Revolution in (West-)Deutschland stattgefunden. Es liegt offensichtlich nicht nur an der Existenz der „richtigen“ Partei, ob die Revolution sozialistisch wird oder nicht, sondern auch an den richtigen Taktiken und Politiken in jeweiligen geschichtlichen Situationen und Kräfteverhältnissen. Gerade die Perspektive darauf wird aber verbaut, wenn der Gang der Ereignisse als quasi naturgeschichtliche Gesetzmäßigkeit präsentiert wird, statt die Etappen der Geschichte kritisch durchzugehen und auszuloten: Ob es denn wirklich so kommen musste? Ob nicht hätte anders gehandelt werden können und müssen? Tatsächlich lässt sich sagen, dass die wirkliche KPD zumindest in ihrer Gründung nicht die richtigen Lehren zog, sondern durch die Dominanz der „Bremer Linksradikalen“ extrem linksradikalistisch – durch bewaffneten Aufstand, die Nicht-Beteiligung an Wahlen – Liebknecht und Luxemburg links überholte und die alten Fehler fortsetzte.

In einer ansonsten geradezu dogmatisch SED-treuen Abhandlung, die das Fehlen der KPD als einzigen Grund für das Fehlschlagen der revolutionären Potenziale ausmacht, kommt Rudolf Lindau zu einer dennoch sehr interessanten und sehr richtigen Einsicht:

„Im November hieß die Alternative nicht Sprung zum Sozialismus oder formale, bürgerliche Demokratie, sondern die Aufgabe war: machtpolitische Sicherung der revolutionär errungenen Volksfreiheiten, um der Entwicklung zum Sozialismus die Bahn zu bereiten.“ [15]

Warum ist diese Einsicht so interessant und richtig? Weil sie den Punkt der Massenaktivität und der Kräfteverhältnisse im Konkreten trifft und die richtige Perspektive formuliert. Die werktätigen Massen der Arbeiter*innen, Matrosen und Soldaten waren großteils keine ideologisch geschulten und politisch organisierten Vorkämpfer*innen des Sozialismus. In keiner Revolution ist dies so. In jeder Revolution hängt das Schicksal derselben davon ab, ob die Massen der Werktätigen fehlende Voraussetzungen gemeinsam mit den jeweiligen Kampforganen im Prozess der Revolution zur Genüge nachholen und aufbauen können, um sodann genug Kraft zu haben, den entscheidenden Schlag zu versetzen – oder nicht. Die Rolle der organisierten Mächte ist es dann, diesen Prozess zu stützen und zu schützen, um ihn zu radikalisieren. Die Novemberrevolution wurde motiviert durch den für die Werktätigen in jeder Hinsicht unerträglichen Krieg. Den Unmut und die Zerstörungen, die dieser Krieg bei den Werktätigen anrichtete, konnten politisch organisierte und ideologisch geschulte linke Sozialdemokrat*innen, Kommunist*innen und Revolutionäre Obleute nutzen und ihm einerseits die Form einer permanenten Kampftätigkeit, zum Beispiel in Form zunehmender Streiks seit 1916, andererseits eine politische Perspektive geben.

Der erzreaktionäre Historiker Hans Herzfeld weiß deshalb sehr genau über diese Dialektik zu sagen:

„Ohne die furchtbare Not des deutschen Volkes wäre der revolutionären Agitation niemals die Überwindung des Geistes von 1914 [damit ist die anfänglich angeblich totale Kriegseuphorie in Deutschland gemeint, A.K.] geglückt, ohne die bewusste Arbeit der revolutionären Treiber wäre der Übergang der passiven Unzufriedenheit und Gärung im Volke zu bewusster Auflehnung gegen den nationalen Existenzkampf in keinem Fall denkbar.“ [16]

Mit den Ereignissen Anfang November war die explizite politische Herrschaft derjenigen gestürzt, die für all das Elend verantwortlich waren, gegen das die Massen rebellierten und das mit tatkräftiger Unterstützung der organisierten Linken zur Novemberrevolution wurde. Einige bürgerlich-demokratische Errungenschaften, wie der Parlamentarismus, die Presse- und Meinungsfreiheit und die Freilassung politischer Gefangener, wurden sehr schnell umgesetzt. Aber die Macht hielten die Werktätigen nur sehr begrenzt in ihren Händen. Zwar besaßen sie Räte, aber weder hatten sie Erfahrung mit ihnen, noch mit Machtausübung im Allgemeinen, was sich in den Forderungen und Praktiken der Räte widerspiegelte. Mal waren sie radikaler und klarer auf Sozialismus aus, mal forderten sie eher radikal-demokratische Umgestaltung und Beteiligung an praktischen politischen Arbeiten, die die bestehenden politischen und bürokratischen Strukturen oft mehr begleiteten als ersetzten. Viele Beteiligte wollten einfach nur ein Ende des Krieges und ein normales Leben. Die alten politischen Strukturen, insbesondere des Militärs und der politischen Elite, wurden nicht abgesetzt. Die Räte nahmen oft eine schwankende Haltung ihnen gegenüber ein. Es entstand eine beinahe klassische Situation der Doppelmacht, in der unter und neben den Institutionen der bürgerlichen Politik die Keimformen der Politik einer anderen, sozialistischen Gesellschaft entstanden. Diese waren aber aufgrund der Unerfahrenheit und bisherigen Ohnmacht der Werktätigen nicht entwickelt genug, um den endgültigen Schlag gegen die bestehende Ordnung auszuführen. In dieser Situation stand nicht der Aufbau des Sozialismus unmittelbar auf der Tagesordnung, sondern es ging darum, den Impuls der Bewegung nicht zu verlieren und die eigenständige Machtposition der Werktätigen und ihrer Organe auszubauen, kurz: dafür zu sorgen, dass sich die Situation der Doppelmacht nicht zugunsten der Ordnungsmächte auflöst und dass stattdessen die eigenständige Position der Werktätigen gestärkt wird, um den Revolutionsprozess daraufhin weiter radikalisieren zu können.

Revolutionsstadt Kiel Alp Kayserilioğlu

"Geburtsstunde der deutschen Demokratie" oder nicht viel eher soziale Revolution gegen Krieg und Kapital?

Verpasste Chancen

In dieser Beziehung lässt sich erkennen, dass die SPD die Schwäche der Bewegung, das Schwanken und die Unsicherheit der Massen aufgrund ihrer Unerfahrenheit und bisherigen Ohnmacht sehr gut ausnutzen konnte. Während die Linke oft nur die Masse der Bewegung sah und darüber die Stärke derselben überschätzte. Der Pakt der SPD mit den Militärs und Noske als „Bluthund“ sind hinreichend bekannt. Oftmals von revolutionären Linken weniger ernst genommen wird allerdings die hegemoniale Kraft der SPD, die nicht nur erfolgreich intrigieren, sondern vor allem auch erfolgreich taktieren konnte wie es derart Kadetten und Menschewiken in Russland nicht vermochten. Obwohl sie von Anfang an dem unkontrollierten Charakter der Revolution spinnefeind war und die Räte ablehnte, integrierte sich die SPD in sie, wo klar war, dass sonst eine Kontrolle der Werktätigen nicht mehr möglich war, um sie von innen und außen heraus letztlich erfolgreich zu zersetzen. So schaffte es Noske, sich mit Zustimmung der Arbeiter*innen und Soldaten in Kiel zum Vorsitzenden des lokalen Arbeiter- und Soldatenrates zu machen. Die Unerfahrenheit des Rates nutzend, unterminierte er dessen Macht, während er gleichzeitig vorgab, im Sinne der Werktätigen zu handeln. Schon im Januar 1918 hatte die MSPD ihr diesbezügliches Geschick gezeigt. Als überall im Land die Munitionsarbeiter*innenstreiks die Kriegsproduktion lahmlegten, gingen SPD-Funktionäre in die Streikkomitees und konnten Schritt um Schritt die streikenden Arbeiter*innen davon überreden, den Streik niederzulegen und auf von der MSPD durchzusetzende Reformen zu vertrauen. Im Rat der Volksbeauftragten wie auch in den anderen zentralen Revolutionsinstitutionen hielt die SPD erfolgreich die USPD hin und gab den Ton an, während Friedrich Ebert eine wohl überlegte Rede im Reichsrätekongress im Dezember 1918 im Prinzip gegen die Räte hielt und damit einiges gewinnen konnte. Er ließ sich dabei nicht davon einschüchtern, dass der Kongress von einem seiner Feinde, dem revolutionären Obmann Richard Müller eingeleitet wurde.

Man vergleiche diese Aktion mit dem Verhalten Karl Liebknechts, der kaum die politische Flexibilität besaß, sich klug und abwägend zu bewegen in einem nicht von revolutionären Linken dominierten, aber dennoch die Werktätigen entscheidend beeinflussenden politischen Raum. Bei Anwesenheit von politischen Gegnern gelang es ihm oft nicht, teils vorübergehende Kompromisse und Atempausen zu beschließen, um dadurch die Basis der eigenen Zustimmung zu verbreitern. Stattdessen verließ er immer mal wieder erzürnt den Raum, was oft darauf hinauslief, den Gegner*innen das Feld zu räumen. So verpasste er die Chance, im November 1918 in den von Ebert raffiniert anberaumten Rat der Volksbeauftragten – im Prinzip eine Übergangsregierung – einzutreten oder zumindest kontrollierend auf ihn einzuwirken. Ebert plante damit zwar sehr geschickt durchdacht die Neutralisierung von Fundamentalopposition durch Einbindung in Regierungsgeschäfte. Aber der Staat war ja halb auseinandergefegt und die Regierung saß ja noch nicht in festen Sätteln, die Karten wurden gerade erst neu gemischt. Einige Möglichkeiten standen radikal offen, wie zum Beispiel die Umgestaltung des Militärs – eine geradezu lebenswichtige Aufgabe für die Revolution. Eine auch nur kontrollierende Tätigkeit in diesem Rat schloß einen Fokus auf den außerparlamentarischen Aufbau der alternativen (Räte-)Macht nicht aus, sondern hätte im Gegenteil durch geschicktes Vorgehen den Aufbau der alternativen Macht unterstützen oder zumindest die Restauration der Konterrevolution sabotieren und hinauszögern können. So ähnlich argumentierte letztlich in den Jahren 1920–21 die KPD in Sachsen und Thüringen in ihrer Begründung als „loyale Opposition“ zu Arbeiter*innenregierungen. 1918 wurde die Chance zu einer (sicherlich vorübergehenden) reinen – wenn auch ganz sicher nicht rein sozialistisch-revolutionären – Arbeiter*innenregierung verbaut. Dabei war auch schon die zwischen revolutionärer Haltung und reformistischem Revisionismus hin- und herschwankende und deshalb „harmlosere“ USPD im Rat der Volksbeauftragten den Militärs von Anfang an ein Dorn im Auge, weil sie die restlose Restauration ihrer Macht, wenn auch passiv, verhinderte. An entscheidenden Punkten ließ sich die USPD einlullen und verpasste wichtige radikaldemokratische Schritte. So „drohte“ der neue OHL-Chef Groener im Dezember mehrmals damit, die OHL aufzulösen. Eine Selbstauflösung der alten autoritären Militärführung! Kann Mensch sich mehr wünschen? Die USPD ließ die Chance verstreichen, Liebknecht aber konnte nicht vor Ort sein, um die Absetzung zu forcieren, da er sich ja selbst um diese Möglichkeit gebracht hatte.

Dabei stand die Lage lange Zeit gar nicht so schlecht. So ging aus dem Reichsrätekongress im Dezember 1918 nicht nur die Wahl einer Nationalversammlung statt einer Räterepublik hervor. Dieser beschloss auch die Demokratisierung des Militärs und die Sozialisierung von Schlüsselindustrien. Es waren also auch breite Teile der SPD (die den Reichsrätekongress dominierte), die für eine weitere Radikalisierung prinzipiell offen waren. Auf die Forderung nach der Demokratisierung des Militärs „drohte“ Groener mit Rücktritt. Es wäre hier die Aufgabe der Linken gewesen, nicht unmittelbar die Diktatur der Räte zu fordern, sondern eine vollständige Selbstentmachtung der Räte abzuwehren. Sie, solange sie noch zu schwach waren, parallel zu den etablierten politischen Strukturen zu erhalten und die sich in solchen Forderungen wie Demokratisierung des Militärs und Sozialisierung der Schlüsselindustrien zeigenden weiteren Radikalisierungspotenziale breiter Schichten der Werktätigen zu nutzen. Hingegen forderten Müller und Ernst Däuming (ebenfalls revolutionäre Obmänner) das reine Rätesystem. Der Vorschlag wurde gnadenlos überstimmt. Aber warum nicht einen Vorschlag für eine Nationalversammlung, aber mit Beibehaltung der Räte machen, wenn die Kräfteverhältnisse so lagen wie sie eben waren? Hätte man die unmittelbaren sozialen und demokratischen Aufgaben entschiedener als die SPD angehen können, hätte dies zu einer besseren hegemonialen Positionierung unter den Werktätigen im Angesicht der SPD geführt. Zugleich hätte alles daran gesetzt werden müssen, dass die Räte als Organe der alternativen Macht genug Zeit erhielten, um eine revolutionäre Erziehung der Werktätigen herbeizuführen. Entscheidende geschichtliche, teils militärische Scheidepunkte der direkteren Auseinandersetzung hätten in Teilen in diesem Sinne genutzt werden können.

Aber wo in Fällen von Hegemoniepolitik die Linken daran scheiterten, „soft power“ auszuüben, auch mal Kompromisse einzugehen oder, wo nötig, Zwischenschritte zu gehen, anstatt immer sofort den ganzen Umbruch zu fordern, waren sie in Situationen, die tatsächlich militärisch unmittelbar vom Vorteil für die Revolution waren, nicht entschieden und klar genug und verpassten auch hier Chancen oder erlitten schwere Niederlagen. Zum Beispiel geschah dies nach den Weihnachtskämpfen 1918. Im Prinzip wurde damals von Seiten der OHL unter einem Vorwand ein Putschversuch in Berlin unternommen. Die den Linken nahestehende kampfkräftige Volksmarinedivision (VMD) sollte ausgeschaltet und die Macht in Berlin von Militärs übernommen werden. Aber die VMD konnte sich erfolgreich wehren, es kam zu einem spontanen Massenaufstand in Berlin, der Großteil der angreifenden Verbände löste sich auf. Major von Harbou empfahl der OHL an Weihnachten: „Truppen des Generalkommandos Lequis [der OHL unterstellte angreifende Truppe in Berlin; A.K.] sind nicht mehr aktiv verwendungsfähig. Empfehle seine Auflösung“ [17]. Einige Offiziere in der OHL empfahlen sogar die Selbstauflösung der gesamten OHL, weil diese keine Einheiten mehr besitze. Ebert geht abgekämpft nach Hause und meint, Liebknecht könne ruhig die Reichskanzlei besetzen, er finde eh nur ein leeres Nest vor. Und was machen die Linken aus einer Situation, in der der Gegner militärisch am Boden liegt? Nichts! Die Garde-Kavallerie Schützendivision (GKSD), die Hauptstütze der Reaktion in den Jahren 1918–19, wird freigelassen. Dabei schätzte sogar der erzreaktionäre Hauptmann Pabst, Führer der GKSD, später rückblickend ein: „Es wäre an und für sich ein Leichtes gewesen, mit uns fertigzuwerden.“ [18] Und auch Groener meint später rückblickend, dass diese Untätigkeit der Revolutionäre in vergleichslos günstiger Stunde „auch eine Merkwürdigkeit für unsere deutsche Revolution“ [19] war. Erst nach den Weihnachtskämpfen forderte die USPD im Rat der Volksbeauftragten plötzlich eine andere Militärpolitik, aber da war es schon reichlich spät, wenn auch nicht ausweglos. Stattdessen verließ die USPD, so linksradikalistisch wie sonst nur Liebknecht, den Rat vollständig und überließ damit die gesamte Staatsmacht den Ordnungskräften – ohne aber eine alternative Macht aufgebaut, die reaktionären Elemente der Staatsmacht zerschlagen oder zumindest ihre Rekonstituierung so weit wie möglich sabotiert zu haben.

Im Januar 1919 erneut ein Vorstoß der Konterrevolution: Emil Eichhorn, Polizeipräsident in Berlin und quasi letzter wichtiger USPD-Mann im Staate, wird am 4. Januar abgesetzt, weil er der Revolution zu nahe steht. In den darauffolgenden zwei Tagen kommt es zu den bisher größten Demonstrationen in Berlin, hunderttausende Regierungsgegner*innen auf den Straßen. Alle glauben an die zweite, die sozialistische Phase der Revolution. Aber es fehlen die Truppen, Versuche zur wirklichen Absetzung der Regierung und Ersetzung durch eine neue werden nicht gemacht oder vermasselt. Am dritten Tag erklären sich alle Berliner Truppen inklusive der VMD für neutral. Entweder man hatte bis dahin die Macht in der Hand – wurde dies aber nicht geschafft, war sofort der geordnete Rückzug nötig, um einer Vernichtung, wie sie schließlich leider stattfand, zu entgehen und eventuell sogar Kompromisse auszuhandeln. Mit Hunderttausenden auf den Straßen hätte Mensch, wenn schon nicht die Regierungsmacht übernehmen, so zumindest vielleicht wichtige Forderungen aufstellen können, wie zum Beispiel die Beibehaltung von Räten als Parallelorganen oder sofortige Demokratisierung der Militärs und Abschaffung der „Freikorps“. Stattdessen wurde weiter am Aufstand festgehalten, Luxemburg empfahl quasi erst in den letzten Tagen den Abbruch, Liebknecht und Pieck wollten weitermachen. Er wird aufs Brutalste von Militärs und „Freikorps“ niedergeschlagen, aufgrund von überaus verantwortungslosem Verhalten werden letztlich Liebknecht und Luxemburg erwischt und kurz darauf ermordet. Die kommunistische Bewegung verliert zwei ihrer wichtigsten Köpfe.

Ich möchte es bei diesen Beispielen belassen, auch deshalb, weil in den Jahren 1918 bis 1919 vielleicht die größten Spielräume vorhanden waren. Ab 1919 war das Militär wieder fast vollständig aufgebaut und funktionstüchtig. Danach erschwerten sich konkrete revolutionäre Aufstände rein militärisch betrachtet um ein Vielfaches. Dennoch zeigen der deutschlandweite Generalstreik zur Niederwerfung des Kapp-Lüttwitz-Putsches 1920, die Rote-Ruhr-Armee im selben Jahre, der Mitteldeutsche Aufstand 1921, die Existenz und Diskussion um die Arbeiter*innenregierungen in Sachsen und Thüringen 1920–21 sowie 1923, der Wahlerfolg der USDP 1920, der Wahlerfolg der KPD 1924, schließlich die Stärkung der KPD ab 1930 und so weiter, dass alles Potenzial zur weiteren massenhaften Radikalisierung vorhanden war, auf das aufgebaut hätte werden können und müssen. Letztlich gilt – natürlich aus der Warte eines späteren und deshalb einfach urteilenden weil nicht involvierten Betrachters – zumindest für die Phase von 1918–19, dass das „Wechselspiel zwischen Partei, Klasse und Massen“ nicht ernst genommen wurde. Nicht nur waren die Parteien und Organisation zu schwach oder nicht vorhanden, was vorhanden war, agierte auch nicht im Sinne des Standes und Potenzials der Klasse und auch nicht der Massen. Die Werktätigen hatten die Revolution zwar gemacht, sie hatten aber noch nicht genug Erfahrung und Macht, um auch den Gang der Revolution aktiv und führend zu lenken. In dieser Phase wäre es notwendig gewesen, feindlichen Angriffen, aber vor allem feindlichen Hegemonieansprüchen im eigenen Lager zu entgegnen auf Grundlage einer Politik, die die gemeinschaftlichen Ziele der Werktätigen, wie sie die Revolution motivierten und befeuerten, hätte vorantreiben können. Damit wäre die Hegemonie des sozialistisch-revolutionären Lagers innerhalb der Werktätigen gestiegen.

Die Rede von der sozialdemokratischen Basis und der reaktionären, sozialdemokratischen Führung geht so darüber hinweg, dass auch die Basis schwankend war auf Grundlage ihrer Unerfahrenheit und es deshalb ein praktisches, nicht ein Problem allein der mangelnden „Aufklärung“ war, die Macht der Arbeiter*innenklasse auszubauen. Nicht zuletzt deshalb wäre eine Beibehaltung und Stärkung der Räte unter gegebenen Bedingungen, die aufgrund von Unerfahrenheit und bisheriger Ohnmacht des Großteils der Werktätigen Kompromisse bei Strafe des Untergangs (der letztlich für die Räte ja auch eintrat) erzwangen, nötig gewesen. Denn erst in ihrem Organisationsrahmen, der endlich gefundenen, politischen Form des Sozialismus, hätten die Werktätigen, allen voran die Arbeiter*innen, ihre eigenständige Macht fundieren, ausbauen und letztlich die Revolution in eine sozialistische umwälzen können.


Anmerkungen:

[1] Albrecht von Thaer, zitiert nach: Wolfgang Ruge/Wolfgang Schumann (Hrsg.), Dokumente zur deutschen Geschichte 1917-19, Berlin, 1975, S. 45. Der Lesbarkeit willen werden nur direkte Zitate in den Fußnoten angegeben. Verweise zu genutzten Quellen gibt es weiter unten. Alle genutzten Bilder sind vom Autor.

[2] Ebd., S. 45–46.

[3] Ebd., S. 46.

[4] Prinz Max von Baden, Erinnerungen und Dokumente, Stuttgart, 1968, S. 571.

[5] Ebd., S. 597–598.

[6] Zitiert nach Stefan Bollinger, November '18. Als die Revolution nach Deutschland kam, Berlin, 2018, S. 150.

[7] Zit. n. Ebd., S. 87–88.

[8] Ebert soll am 9. November zum damaligen Reichskanzler Prinz von Baden laut Erinnerungen von Badens gesagt haben: „Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sünde.“ Zit n. Max von Baden S. 567.

[9] Siehe Ruge/Schumann, a. a. O., S. 56.

[10] Noske hält selbst in seinen Erinnerungen fest, dass er bei der Lagebesprechung zur Niederschlagung des Januar-Aufstandes 1919 gesagt habe: „Meinetwegen! Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht!“ Zit n. Bollinger. a. a. O., S. 180. Der betreffende Essay ist der folgende: „Die Abwehr des Bolschewismus“, in: Zehn Jahre deutsche Geschichte 1918–1928, Berlin, 1928, S. 21–38.

[11] Ruge/Schumann, a. a. O., S. 52.

[12] Wilhelm Groener wurde zweiter Chef der OHL, nachdem Ludendorff zwecks Rettung seiner Ehre Ende Oktober zurücktrat. Groener hält in seinen Memoiren das Telefongespräch zwischen ihm und Ebert am Abend des 9. oder 10. Oktobers wie folgt fest: „[A]m Abend rief ich die Reichskanzlei an und teilte Ebert mit, dass das Heer sich seiner Regierung zur Verfügung stelle, dass dafür der Feldmarschall [Hindenburg, A.K.] und das Offizierskorps von der Regierung Unterstützung erwarteten bei der Aufrechterhaltung der Ordnung und Disziplin im Heer. Das Offizierskorps verlange von der Regierung die Bekämpfung des Bolschewismus und sei dafür zum Einsatz bereit. Ebert ging auf meinen Bündnisvorschlag ein. Von da ab besprachen wir uns täglich abends auf einer geheimen Leitung zwischen der Reichskanzlei und der Heeresleitung über die notwendigen Maßnahmen. Das Bündnis hat sich bewährt.“ Zit. n. Bollinger, a. a. O., S. 139.

[13] W. I. Lenin, „Der Zusammenbruch der II. Internationale (1915)“, in: LW Bd. 21, Berlin, 1974, S. 206–07.

[14] W. I. Lenin, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, in: LW 5, S. 103.

[15] Rudolf Lindau, Revolutionäre Kämpfe 1918-1919. Aufsätze und Chronik, Berlin, 1960, S. 28.

[16] Dr. Hans Herzfeld, Die deutsche Sozialdemokratie und die Auflösung der nationalen Einheitsfront im Weltkriege, Leipzig, 1928, S. 189-190 [Rechtschreibung modernisiert, A.K.].

[17] Major von Harbou, zit. n. Gietinger, a. a. O., S. 101.

[18] Waldemar Pabst, zit. n. ebd., S. 99.

[19] Wilhelm Groener, zit. n. Langer, a. a. O., S. 210.


Quellen:

Bernd Langer, Die Flamme der Revolution. Deutschland 1918/19, Münster, 2018.

Dr. Hans Herzfeld, Die deutsche Sozialdemokratie und die Auflösung der nationalen Einheitsfront im Weltkriege, Leipzig, 1928.

Erich Ludendorff, Die Revolution von Oben. Das Kriegsende und die Vorgänge beim Waffenstillstand. Zwei Vorträge, Lorch, 1926.

Gustav Noske, Von Kiel bis Kapp. Zur Geschichte der deutschen Revolution, Berlin, 1920.

Gustav Noske, „Die Abwehr des Bolschewismus“, in: Zehn Jahre deutsche Geschichte 1918–1928, Berlin, 1928, S. 21–38.

Illustrierte Geschichte der deutschen Novemberrevolution 1918/19, Berlin, 1978.

Klaus Gietinger, November 1918. Der verpasste Frühling des 20. Jahrhunderts, Hamburg, 2018.

Max von Baden, Erinnerungen und Dokumente, Stuttgart, 1968.

Rudolf Lindau, Revolutionäre Kämpfe 1918-1919. Aufsätze und Chronik, Berlin, 1960.

Stefan Bollinger, November '18. Als die Revolution nach Deutschland kam, Berlin, 2018.

W. I. Lenin, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, in: LW 5.

W. I. Lenin, „Der Zusammenbruch der II. Internationale (1915)“, in: LW Bd. 21, Berlin, 1974.

Wilhelm Groener, Lebenserinnerungen. Jugend, Generalstab, Weltkrieg, Göttingen, 1957.

Wolfgang Ruge/ Wolfgang Schumann (Hrsg.), Dokumente zur deutschen Geschichte 1917-19, Berlin, 1975.