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Das Gegenteil von Rot

Streikende bei Sto Kokkino

Sto Kokkino heißt übersetzt zwar „in Rot“ oder „die Rote“, die Realität bei der griechischen Radiostation sieht aber anders aus: Ein Ultimatum zu einer 20 Prozent Pauschalkürzung für die, die ein Gehalt über 750 Euro im Monat haben. Eine unbefristete Aussetzung zweier ausstehender Gehaltszahlungen. Öffentliche Bloßstellung und Diffamierung der Beschäftigten, die es gewagt hatten, sich den Maßnahmen zu widersetzen und mit einer überwältigenden Mehrheit in der betrieblichen Generalversammlung im Rücken in den Streik gingen. Und schließlich die Entlassung von sieben ArbeiterInnen – inklusive des vier Personen umfassenden Streik-Komitees. All das trug sich kürzlich in der Radiostation „Sto Kokkino“ zu, deren Eigentümerin nicht eine x-beliebige Arbeitgeberin, sondern die regierende SYRIZA-Partei um Ministerpräsident Alexis Tsipras ist. Unter massivem Druck des betriebsinternen Streiks stimmte das Managment zwar zu, die Entlassungen rückgängig zu machen; sie verlangte jedoch von den Beschäftigten als nicht-verhandelbare Notwendigkeit, die Gehaltskürzungen hinzunehmen. 

Diese Entwicklung zeigt uns zweierlei: Zum Einen, dass es keinen Unterschied macht, ob Chefs links oder rechts sind – ihr gleichbleibendes Interesse ist der Profit und die Rentabilität des Geschäfts. Zum Anderen ist diese Geschichte ein weiterer Beweis dafür, dass SYRIZA, die für sich reklamierte, die erste linke Regierung Griechenlands zu sein, nicht nur mit der Mehrheit der griechischen Gesellschaft – was sich nicht zuletzt an der Austeritätspolitik und der untragbaren Steuerpolitik zeigte –, sondern auch mit ihren eigenen Angestellten unbarmherzig verfährt. 

Es kann auch festgehalten werden, dass die Situation rund um die Radiostation, in Bezug auf die durchschnittlichen Arbeitsbedingungen in den griechischen Medien die Regel und nicht die Ausnahme ist. Mehr noch: Die Entwicklung, die sich in diesem Arbeitssektor in den vergangenen Jahren unter den Memoranden abgezeichnete, ist dramatisch und hat nicht nur ernsthafte Auswirkungen auf die Arbeitskraft in diesem Bereich, sondern auch auf jene der griechischen Gesellschaft als Ganzes.

Nach den Massenentlassungen und Schließungen von Zeitungen, Fernsehkanälen und Magazinen, sehen sich ArbeiterInnen im Mediensektor einer Arbeitslosigkeitsrate von 30 Prozent gegenüber. Lohnauszahlungsverzögerungen machen die Situation ebenso erdrückend für die ,,Glücklichen‘‘, die noch arbeiten können. Die Abwesenheit eines Manteltarifvertrags verschärft darüber hinaus das Problem der flexiblen und prekären Arbeitsbedingungen, während die einzige Möglichkeit häufig in der Online-Arbeit mit einem durchschnittlichen monatlichen Arbeitslohn von 300-600 Euro besteht – nach endlosen Stunden der Arbeit. Gleichzeitig wird die Gesellschaft täglich mit Desinformation und der Propaganda der Regierungspartei ,,zugemüllt‘‘. Die Bespielung der Medien durch JungunternehmerInnen (in den meisten Fällen von zweifelhafter Qualität), die in der Regel eine organische Verbindung zum bürgerlichen Establishment haben, macht eine objektive Versorgung mit Informationen quasi unmöglich. Die Social-Media-Kanäle werden vom Chaos regiert, in dem Fake-News und Trolle die Oberhand haben und ein absolut unerträgliches Szenario erzeugen.

In diesem dystopisch anmutenden Kontext ist heute der Aufbau von alternativen Informations- und Kommunikationsnetzwerken das Gebot der Stunde, um den Widerstand, den Ungehorsam und letztendlich den Gegenangriff gegen das Kapital, seine Funktionsweise und seine Regierungen zu organisieren.


George Pavlopoulos ist Journalist und Redakteur der griechischen Zeitung Prin.

Übersetzung von Jan Schwab.

Anmerkung:

Auf dem Transparent des Titelbildes ist zu lesen: „Entlassungen bei Kokkino. Sie waren gerecht (rechtens), sie wurden Praxis (umgesetzt)“ – ein Motto, das von Alexis Tsipras und die SYRIZA-Regierung regelmäßig verwendet wird, hier auf sarkastische Art von den Streikenden genutzt.  

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