{"version": "https://jsonfeed.org/version/1", "title": "re:volt magazine Archiv", "home_page_url": "http://revoltmag.org/articles/?tags=98", "description": "Zeige Artikel mit den Schlagworten t\u00fcrkei", "feed_url": "http://revoltmag.org/feeds/articles.json?tags=98", "language": "en", "icon": "http://revoltmag.org/static/logos/logo_192.png", "favicon": "http://revoltmag.org/static/favicon.png", "items": [{"title": "Frieden ist Krieg", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Frieden ist&nbsp;Krieg</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"DSC04066\" height=\"420\" src=\"/media/images/DSC04066.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Peoples\u2019 Caravan to defend humanity</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p data-block-key=\"3exyu\">Es gibt diesen einen ber\u00fchmten Satz des preu\u00dfischen Kriegs- und Milit\u00e4rtheoretikers General Carl von Clausewitz, wonach \u201e[d]er Krieg [\u2026] eine blo\u00dfe Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln\u201c ist. <b>[1]</b> Allerdings scheint oft vergessen zu werden, dass unter bestimmten Umst\u00e4nden auch das Gegenteil zutreffen kann: Politik ist lediglich eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln \u2013 sei es im w\u00f6rtlichen Sinne, wie etwa bei einem Krieg um nationale Selbstbestimmung, oder im \u00fcbertragenen Sinne, wie beim Klassenkampf. Nach mehr als einem Jahr der j\u00fcngsten Verhandlungen zwischen dem Staat der Republik T\u00fcrkei und der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) und angesichts der j\u00fcngsten Entwicklungen in Syrien sehen wir, wie sehr die Logik des Krieges das Terrain der Politik bestimmen kann.</p><h2 data-block-key=\"2hae8\"><b>Kalk\u00fcle und Strategien</b></h2><p data-block-key=\"bd0jd\">Der j\u00fcngste Verhandlungsprozess, f\u00fcr den es keinen Namen gibt, auf den sich alle beteiligten Akteur*innen gemeinsam einigen konnten, begann zumindest in der \u00d6ffentlichkeit im Oktober 2024 \u2013 mit einer staatlichen Initiative auf t\u00fcrkischer Seite. Beobachter*innen <a href=\"https://revoltmag.org/articles/frieden-oder-friedhofsruhe/\">skizzierten rasch</a> einige Bedingungen, Gr\u00fcnde und Ziele dieser Entwicklung: Die t\u00fcrkische Seite sah sich gegen\u00fcber der PKK in einer milit\u00e4risch starken Position und in einer starken regionalen Position im Irak; einige Monate sp\u00e4ter dann auch in Syrien, nachdem dort die Dschihadisten, die unter anderem mit der T\u00fcrkei eng verbunden sind, die Regierung \u00fcbernommen hatten. Aus dieser starken Position heraus strebt der t\u00fcrkische Staat danach, einen jahrzehntelangen schweren Konflikt zu seinem eigenen Vorteil zu beenden und seine interne Koh\u00e4renz zu st\u00e4rken, um das politische Regime und die externe Machtprojektion der T\u00fcrkei zu festigen.</p><p data-block-key=\"2iler\"><a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/cansu-camlibel/mumtaz-er-turkone-erdogan-cozum-surecini-tirpanlayacak-bahceli-de-bunun-uzerine-erken-secime-goturecek-cunku-hukuka-donmeden-surecin-basari-sansi-yok,49556\">Differenzen</a> hinsichtlich der konkreten Ausgestaltung sind zwischen den wichtigsten Akteur*innen des Staates dabei <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/mustafa-durmus/baris-sureci-nin-en-buyuk-engeli-bilincli-olarak-yaratilan-kafa-karisikligi,50743\">sicherlich anzunehmen</a>: Recep Tayyip Erdo\u011fan <a href=\"https://ozgurrozkan.com/blog/f/1\">zielt offensichtlich</a> auch darauf ab, kurdische W\u00e4hler*innen und Abgeordnete f\u00fcr sich zu gewinnen und die Opposition durch Ungleichbehandlung zu spalten, um seine eigene Herrschaft zu verl\u00e4ngern \u2013 die Spaltung durch Ungleichbehandlung diesmal durch eine leichte Lockerung der Repressionen gegen Kurd*innen und deren symbolische Anerkennung, gekoppelt mit einer erheblichen Versch\u00e4rfung der Repressionen gegen die republikanische Opposition. Sollte diese Kalkulation aufgehen, g\u00e4be es vielleicht einige geringf\u00fcgige Rechte f\u00fcr die Kurden ohne grundlegende \u00c4nderung der Verfassung, wodurch sich in der T\u00fcrkei vermutlich ein \u201e<a href=\"https://foreignpolicy.com/2025/07/30/turkey-pkk-peace-talks-democracy-multicultural-authoritarianism/\">multikultureller Autoritarismus</a>\u201c etablieren w\u00fcrde, wie Sinem Adar es treffend \u2013 und \u00fcberhaupt ziemlich kritisch gegen\u00fcber dem gesamten Prozess \u2013 formuliert hat.</p><p data-block-key=\"4dre1\">Erdo\u011fans wichtigster Verb\u00fcndeter hingegen, Devlet Bah\u00e7eli von der Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP), strebt eher danach, die innere und \u00e4u\u00dfere Macht der T\u00fcrkei im Allgemeinen zu st\u00e4rken, <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/04/22/bahceli-yuruyus-videosu-yayinliyorsa-mesaj-erdoganadir/\">unabh\u00e4ngig</a> von kurzfristigen politischen Kalk\u00fclen. Tats\u00e4chlich gibt es einige Anzeichen, wenn auch <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mhp-li-yildiz-dan-gizli-tanik-cikisi-beyanlarin-tek-basina-hukme-esas-alinmamasi-hukukumuz-icin-buyuk-bir-kazanimdir,1282365\">noch schwache</a>, dass Bah\u00e7eli sich und seine MHP <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceliden-emekli-ayligi-aciklamasi-sefalet-ucreti-sozlerimin-arkasindayim-mhp-cumhur-ittifaki-ortagidir-ancak-iktidar-ortagi-degildir-kabinenin-aldigi-kararlara-destek-oluyoruz,1292387\">absichert</a> und versucht unersetzlich zu machen, um eine entscheidende Rolle in der Zukunft der Politik der T\u00fcrkei zu spielen, mit oder ohne Erdo\u011fan und seine regierende Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP). <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceliden-emekli-ayligi-aciklamasi-sefalet-ucreti-sozlerimin-arkasindayim-mhp-cumhur-ittifaki-ortagidir-ancak-iktidar-ortagi-degildir-kabinenin-aldigi-kararlara-destek-oluyoruz,1292387\">Bah\u00e7elis Ansage</a>, die MHP sei nicht Teil der Regierung, sondern nur Teil der dominierenden politischen Koalition, wobei die MHP das Kabinett quasi von au\u00dferhalb der Regierung unterst\u00fctzt, ist deshalb durchaus ernst zu nehmen. Sprich, er \u00fcbernimmt keine Verantwortung f\u00fcr die konkrete Regierungspolitik, auch wenn er sie wesentlich mitgestaltet. Stattdessen schiebt er alle Verantwortung auf Erdo\u011fan und die AKP ab \u2013 in guten, wie aber auch in potenziell schlechten Zeiten.</p><p data-block-key=\"i5oh\">So mag Erdo\u011fan sich w\u00fcnschen, m\u00f6glicherweise gar bis zum J\u00fcngsten Tag unangefochten zu regieren, und Bah\u00e7eli imaginiert sich sicherlich die T\u00fcrkei als st\u00e4rksten Staat der Region, der sich dann zu einem der st\u00e4rksten Staaten weltweit entwickeln soll. Jedoch sind andere wichtige Akteur*innen in diesem Prozess und allgemein in der Region damit eher ganz und gar nicht einverstanden. Es ist erstaunlich, dass eine zentrale Erkenntnis \u00fcber die Grundlagen von Politik in der Debatte \u00fcber die j\u00fcngsten Verhandlungen offenbar verloren gegangen ist oder zumindest nicht ausreichend ber\u00fccksichtigt wird: n\u00e4mlich, dass Politik das Ergebnis konkurrierender und manchmal sogar antagonistischer Interessen und Strategien ist, die auf einem Kr\u00e4ftegleichgewicht beruhen, das sich wiederum h\u00f6chstwahrscheinlich als Ergebnis konfliktreicher politischer Handlungen und Auseinandersetzungen in die eine oder andere Richtung verschieben wird. <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/mustafa-durmus/ihtiyatli-iyimserlik-iktidarin-niyetine-ragmen-barisi-ve-demokratiklesmeyi-savunmak,48870\">Es muss daher nicht so laufen</a>, wie es sich Erdo\u011fan und Bah\u00e7eli w\u00fcnschen.</p><p data-block-key=\"do9mi\">Nun haben auch Israel und Saudi-Arabien Interessen in Syrien und intervenieren direkt (Israel) oder indirekt (Saudi-Arabien) in das Land, um ihre Machtposition in der Region zu verst\u00e4rken. Auch internationale Verschiebungen sind f\u00fcr die j\u00fcngsten Entwicklungen <a href=\"https://www.academia.edu/145371335/Linke_Lektionen_in_Zeiten_der_Katastrophe\">von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung</a>: Der R\u00fcckzug Russlands hat \u00fcberhaupt erst die fatale Schw\u00e4che Assads und den Sieg der Jihadisten erm\u00f6glicht. Zudem wurden Iran und seine Verb\u00fcndeten seit dem 7. Oktober 2023 empfindlich geschw\u00e4cht. Auch das hat Assads Herrschaft untergraben und die M\u00f6glichkeit der Aufrechterhaltung von Interessen und Politik auf Grundlage eines Balanceakts von diversen M\u00e4chten erschwert, schlicht und ergreifend deshalb, weil ein Teil einer solchen m\u00f6glichen Balance stark geschw\u00e4cht wurde. Schlie\u00dflich kam es zu einer Ann\u00e4herung der noch vor Kurzem mehr oder minder stark divergierenden Interessen von (de facto) NATO-Partnern in der Region. Israel, die T\u00fcrkei, die USA und das neue syrische Regime n\u00e4herten sich an den Punkten, an denen sie wirklich divergierten, vor allem <a href=\"https://www.reuters.com/world/middle-east/how-syrias-sharaa-captured-kurdish-held-areas-while-keeping-us-onside-2026-01-21/\">kurz vor</a> den derzeit akuten Entwicklungen stark an: Israel schloss \u00fcber die USA vermittelt einen Sicherheitspakt mit den neuen Machthabern in Damaskus ab, wodurch ihr Interesse an Rojava als Druckmittel gegen Damaskus vermindert und zugleich der t\u00fcrkisch-israelische Kampf um Einfluss in Syrien <a href=\"https://mei.edu/publication/ankaras-double-win-kurds-israel-and-the-new-syria/\">abgeschw\u00e4cht wurde</a>; die T\u00fcrkei signalisierte, sich noch weiter von Russland zu entfernen (konkret geht es dabei um ein russisches Waffensystem, das die T\u00fcrkei wieder absto\u00dfen will), weshalb die USA Vetos gegen die Durchsetzung t\u00fcrkischer Interessen in Syrien mindestens aufgehoben haben (dazu weiter unten mehr).</p><p data-block-key=\"2oql2\">So kamen die Interessen Israels, der USA, der T\u00fcrkei und sogar Damaskus\u2019 in einem Moment zusammen, in dem Rojavas Verhandlungsposition am meisten von ihrer Divergenz profitiert h\u00e4tte. Diese Konstellationen bilden aber nur den Hintergrund \u2013 nicht den eigentlichen Gegenstand der folgenden Analyse. Ich befasse mich in diesem Artikel n\u00e4her mit den Akteur*innen, die an dem Prozess selbst direkt beteiligt sind und/oder die uns als Linke auch unmittelbarer interessieren. Das hat auch etwas damit zu tun, dass ich der \u00dcberzeugung bin, dass wir gelegentlich die Macht des oft als extern gedachten <a href=\"https://www.europe-solidaire.org/spip.php?article77893\">Imperialismus \u00fcbersch\u00e4tzen</a> und nicht sehen, wie oft Initiative vor Ort dann doch auch entscheidend ist \u2013 freilich auf dem Hintergrund von objektiven Einschr\u00e4nkungen wie den globalen und regionalen Kr\u00e4fteverschiebungen und so weiter. Und schlie\u00dflich sind nicht die internationale Politik, abstrakte Begriffe und Theorien unsere Verb\u00fcndeten und Genoss*innen (au\u00dfer man betrachtet die erhabene Kunst der Rechthaberei als eine solche), sondern die konkreten k\u00e4mpfenden Menschen vor Ort, mit denen wir mitf\u00fchlen und deren Schicksal uns betrifft, weil es auch unsere Geschichte ist, die dort gemacht wird.</p><h2 data-block-key=\"20vh8\"><b>M\u00e4chte und Interessen</b></h2><p data-block-key=\"aulqd\">Die Entwicklungen von Oktober 2024 bis heute zeigen uns, dass die PKK nicht deshalb in die Verhandlungen eingetreten ist, weil sie ihre Niederlage akzeptiert und einseitig kapituliert hat; auch ihre Schwesterorganisationen in Syrien, die Volksverteidigungseinheiten (YPG und YPJ) und die Partei der Demokratischen Union (PYD), haben nicht aufgegeben und sich aufgel\u00f6st. Ebenso wenig hat die offizielle und legale pro-kurdische Partei in der T\u00fcrkei, die Partei f\u00fcr Demokratie und Gleichheit der V\u00f6lker (DEM), ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Erdo\u011fanismus bekundet. Ganz im Gegenteil. Schon allein deshalb m\u00fcssten viele Einsch\u00e4tzungen und Analysen, wie sie Ende 2024, Anfang 2025 gemacht wurden, noch einmal \u00fcberdacht werden. Es ist deutlich, dass die kurdischen Akteur*innen, insbesondere die PKK, mit ihren eigenen Kalk\u00fclen in den Prozess eingetreten sind, und diese bestehen nicht darin, einige minimale Rechte f\u00fcr sich selbst zu erlangen und dabei die Demokratisierungsperspektive der T\u00fcrkei aufzugeben, <a href=\"https://www.turkeyanalyst.org/publications/turkey-analyst-articles/item/739-with-the-tripp-turkey-is-set-to-benefit-most-in-the-south-caucasus.html\">wie einige kritisieren</a>. W\u00e4re dies der Fall gewesen, w\u00e4re der Prozess schon zu einem Abschluss gekommen. Tats\u00e4chlich aber <a href=\"https://mei.edu/publication/ankaras-double-win-kurds-israel-and-the-new-syria/\">befindet sich</a> der Prozess offensichtlich in einer <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/articles/crmlp82j04wo\">Sackgasse</a> und ist <a href=\"https://www.arabnews.com/node/2630811/middle-east\">vielleicht</a> auch schon wieder zu Ende ohne Ergebnisse. Dies liegt offensichtlich daran, dass die Interessen und Strategien zu unterschiedlich sind, um eine Einigung zu erzielen, und dass sich das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis (noch) nicht entscheidend verschoben hat, um einer oder mehreren Seiten der Gleichung eine entscheidende \u00c4nderung ihrer Kalkulationen aufzuzwingen.</p><p data-block-key=\"3cqfm\">Die PKK ging offensichtlich milit\u00e4risch geschw\u00e4cht in die Verhandlungen in der T\u00fcrkei und im Irak und befand sich in Syrien mit dem Sieg der Dschihadisten Ende 2024 in einer prek\u00e4ren Lage. In bestimmten Aspekten geschw\u00e4cht zu sein bedeutet jedoch nicht, dass sie vollst\u00e4ndig besiegt war oder in anderer Hinsicht keine St\u00e4rken vorweisen konnte: Innerhalb des letzten Jahrzehnts hat sie sich zu einer regionalen Massenbewegung mit globaler Sichtbarkeit und Anerkennung (sogar innerhalb der T\u00fcrkei) entwickelt, w\u00e4hrend in Syrien mit ihr verb\u00fcndete Kr\u00e4fte eine starke Stellung einnehmen und in den von ihnen kontrollierten Gebieten sogar eine Art alternativen Quasi-Staat bilden konnten. Und auch die T\u00fcrkei hat gravierende Schw\u00e4chen: eine prek\u00e4re interne soziale Koh\u00e4sion, die an Inkoh\u00e4renz und an einen katastrophalen Zusammenbruch von Hegemonie grenzt, ganz zu schweigen von der fragilen Wirtschaft. Vor diesem Hintergrund ging die PKK das Risiko ein, in die Verhandlungen einzutreten, anstatt sie von vornherein abzulehnen. Zum Teil, weil die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse sie dazu zwangen. Aber auch mit dem <a href=\"https://www.researchgate.net/publication/398155689_Turkey&#x27;s_Kurdish_Conflict_Transformed\">Ziel der Selbsttransformation</a> und der Verbesserung ihres Status: n\u00e4mlich die Beendigung des bewaffneten Kampfes durch die Erlangung von Rechten, die sie als gest\u00e4rkte soziale und politische Akteur*in innerhalb der T\u00fcrkei und in Syrien legitimieren w\u00fcrde, um auf erh\u00f6hter Stufenleiter f\u00fcr <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/gokcer-tahincioglu-yuzlesme/tarihi-aciklamanin-satir-aralarinda-soylenenler-ve-iktidarin-zorlu-sinavi,49874\">Demokratie und Sozialismus</a> zu k\u00e4mpfen.</p><p data-block-key=\"7422m\">Man kann kritisieren, dass die PKK \u00fcberhaupt auf Gespr\u00e4che und Verhandlungen einging. Ich kann <a href=\"https://revoltmag.org/articles/frieden-oder-friedhofsruhe/\">nur mutma\u00dfen</a>, dass das Risiko einer Nichtannahme von Gespr\u00e4chen darin gesehen wurde, dass die PKK dadurch hegemoniale Kraft und Unterst\u00fctzung unter Kurd*innen einb\u00fc\u00dfen w\u00fcrde, weil sie als unverbesserlicher Radikalinski dast\u00fcnde, der f\u00fcr ideologische Zwecke \u00fcber gr\u00f6\u00dfte Blutopfer gehe. Und dass sie es damit auch der T\u00fcrkei international erleichtert h\u00e4tte, st\u00e4rker und noch direkter milit\u00e4risch in Rojava zu intervenieren, als sie es sowieso schon tut. Mir scheinen solche Kalk\u00fcle im Prinzip schl\u00fcssig zu sein. Aber auch diese (m\u00f6glichen) Kalk\u00fcle und die daraus gezogenen Schl\u00fcsse kann man kritisieren. Dann sollte man aber zumindest Alternativen vorschlagen oder andiskutieren, die nicht auf eine Form von heroischem Himmelfahrtskommando um der reinen, unbefleckten Prinzipien der Revolution willen hinauslaufen. Der politische Ertrag von letzterem tendiert gegen null.</p><p data-block-key=\"4t9ce\">Wie dem auch sei: Aus den unterschiedlichen Interessen und Strategien ergaben sich <a href=\"http://www.turkeyrecap.com/p/the-next-phase-of-turkey-pkk-peace\">deutlich erkennbare Unterschiede</a> in der Herangehensweise des Staates der T\u00fcrkei und der PKK an den Prozess. Die k\u00f6nnte man grob so kategorisieren: Erstens unterscheiden sie sich in ihren jeweiligen Vorstellungen dar\u00fcber, <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/06/04/suriyede-sorun-barrack-sdg-muttefikimiz-fidan-abd-destegi-kalkmali/\">wer genau</a> entwaffnet und aufgel\u00f6st werden soll. Der Staat der T\u00fcrkei vertritt ganz klar die Auffassung, dass sich auch die YPG/J und die von den YPG/J gef\u00fchrten Syrischen Demokratischen Kr\u00e4fte (SDF) in Rojava/Nordsyrien aufl\u00f6sen und vollst\u00e4ndig in den neuen syrischen Staat integrieren m\u00fcssen, ohne jegliche organisatorische Koh\u00e4renz oder Autonomie. Die kurdische Seite nimmt Rojava ausdr\u00fccklich aus den Verhandlungen mit dem t\u00fcrkischen Staat heraus. Dies ist verst\u00e4ndlich, da kurdische und PKK-nahe Kr\u00e4fte in Syrien eine viel st\u00e4rkere Machtposition haben als in der T\u00fcrkei \u2013 oder vielmehr hatten. In Syrien haben die PKK-nahen Kr\u00e4fte daher in ihren Gespr\u00e4chen und Vereinbarungen mit der neuen Regierung, wie beispielsweise dem Abkommen vom 10. M\u00e4rz 2025 \u00fcber die Integration der SDF in den neuen Staat, nicht kapituliert, wie einige w\u00fctende linke Argumente \u00fcber den \u201eVerrat\u201d glauben machen wollen. Im Gegenteil, sie bestanden darauf, (einige) milit\u00e4rische und politische Autonomie zu behalten, wenn auch innerhalb der neuen staatlichen Strukturen. Klar, das ist partielle Positionsaufgabe, aber kein \u201eVerrat\u201c oder eine \u201eKapitulation\u201c. Einige Karten \u2013 den alternativen Quasi-Staat \u2013 zu verlieren, um viel mehr zu gewinnen, n\u00e4mlich Anteile an ganz Syrien zu halten, ist hier das riskante Kalk\u00fcl. Dies ist einer der Hauptgr\u00fcnde, warum sich die Lage dort seit Ende 2025 versch\u00e4rft hat. Und es zeigt, dass die j\u00fcngsten Verhandlungen zwischen der T\u00fcrkei und der PKK weder eine rein interne noch eine rein externe Angelegenheit sind, <i>sondern beides</i>.</p><p data-block-key=\"1fjgk\">Zweitens sind sie sich \u00fcber die Sequenzierung des Prozesses uneinig. Die T\u00fcrkei will, dass die PKK <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cevdet-yilmazdan-dem-parti-raporu-degerlendirmesi-cok-fazla-beklenti-iceriyor,1289022\">zuerst entwaffnet</a> und aufgel\u00f6st wird, bevor Reformen stattfinden; die PKK und mit ihr verb\u00fcndete Kr\u00e4fte dr\u00e4ngen weiterhin auf eine Gleichzeitigkeit von Entwaffnung und Reformen. Das ist auch durchaus verst\u00e4ndlich: Wie k\u00f6nnten sie sonst sicher sein, dass der Staat der T\u00fcrkei nicht einfach alles fallen l\u00e4sst, nachdem er die Aufl\u00f6sung seiner Gegnerin erreicht hat? Der Staat der T\u00fcrkei war schlie\u00dflich nie ein verl\u00e4sslicher Verhandlungspartner, und es ist nicht nur seine Herangehensweise an die Frage der Sequenzierung in laufenden Prozess, die ein Desinteresse an allem au\u00dfer der Beendigung des bewaffneten Konflikts erkennen l\u00e4sst. Es gibt auch wichtige Unterschiede bei einigen Themen, die diesem Punkt untergeordnet sind: Was wird mit den Guerillak\u00e4mpfer*innen und ihren Kommandant*innen geschehen? Die PKK will <a href=\"https://anf-news.com/guncel/bese-hozat-surecin-ikinci-evresindeyiz-ozgurluk-yasalari-cikarilmali-220149\">Anerkennung f\u00fcr alle</a> und betrachtet sie als legitime Freiheitsk\u00e4mpfer*innen. Die T\u00fcrkei spricht von einer teilweisen \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/gozler-surec-komisyonunda-rapor-yazim-ekibinden-ilk-toplanti-amac-devleti-yeniden-yapilandirmak-degil-anayasa-nin-ilk-dort-maddesi-tartismaya-acilamaz,1285380\">Amnestie</a>\u201c und das wahrscheinlich auch nur f\u00fcr eine Minderheit der K\u00e4mpfer*innen, die somit im Sinne des Straf- und Anti-Terror-Rechts betrachtet werden, wobei die Kommandant*innen gezwungen sein sollen, in Drittl\u00e4nder umzusiedeln.</p><p data-block-key=\"80rv7\">Drittens unterscheiden sie sich hinsichtlich der <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/gokcer-tahincioglu-yuzlesme/komisyonun-zor-tercihi-ve-yarginin-yolsuzluk-cikmazi,51139\">Ziele des Prozesses</a>, woraus sich auch die unterschiedlichen Bezeichnungen ergeben, die beide Seiten daf\u00fcr verwenden. F\u00fcr die T\u00fcrkei ist klar, dass das Ziel eine \u201eterrorfreie T\u00fcrkei\u201c ist, und so benennt sie den Prozess auch. Bestenfalls wird von \u201eEinheit und Br\u00fcderlichkeit\u201c gesprochen. Es gibt keinerlei Hinweise auf eine Demokratisierung; wir wissen nicht einmal viel \u00fcber die Reformen, die der Staat selbst umsetzen wollen w\u00fcrde, sobald die T\u00fcrkei \u201evom Terror befreit\u201d w\u00e4re, womit nat\u00fcrlich die PKK gemeint ist. F\u00fcr die kurdische Seite ist klar, dass die L\u00f6sung der \u201ekurdischen Frage\u201d ein Kernelement f\u00fcr die umfassende Demokratisierung der T\u00fcrkei ist, einschlie\u00dflich einer Reform der Verfassung und des Antiterror- und Strafrechts. Deshalb verwendet die kurdische Seite in ihrer Bezeichnung des Prozesses immer auch den Begriff der \u201eDemokratisierung\u201d.</p><p data-block-key=\"qlgf\">Es gibt keine M\u00f6glichkeit, diese massiven Divergenzen in dreifacher Hinsicht zu einem gemeinsamem Projekt zu vermitteln, ohne das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis in die eine oder andere Richtung zu verschieben oder ohne dass sich Strategien und Interessen substanziell \u00e4ndern. Das ist w\u00e4hrend des gr\u00f6\u00dften Teils des Jahres 2025 nicht geschehen \u2013 was erkl\u00e4rt, warum wir in diesem Prozess au\u00dfer einigen eher symbolischen Handlungen oder mehr oder weniger ausf\u00fchrlichen Debatten \u00fcber Aspekte der konkreten Streitfragen bisher nicht viel Greifbares gesehen haben. Die \u00f6ffentliche Meinung <a href=\"https://www.osw.waw.pl/en/publikacje/analyses/2025-12-18/one-step-forward-one-step-back-a-year-turkish-kurdish-peace-process\">hat sich zwar leicht</a> in Richtung Akzeptanz eines Friedensprozesses und einer Friedensperspektive verschoben. Wir kennen das von fr\u00fcheren Prozessen; die Akzeptanz ist urspr\u00fcnglich sehr niedrig, aber mit den Errungenschaften des Friedens steigt sie dann irgendwann sehr schnell. Die Opposition befand sich in einem prek\u00e4ren Navigationsprozess der wechselseitigen Ressentiments. Eigentlich war das gar nicht schlecht, denn eine zu starke Spaltung wurde damit vermieden. Aber es war eben nicht genug, um die Gesellschaft und schlie\u00dflich den Staat weiter weg von den Erdo\u011fan-Bah\u00e7eli-Kalk\u00fclen hin zu einer Demokratisierung zu dr\u00e4ngen, zumal sich angef\u00fchrt von rechtsradikalen (Kleinst-)Parteien subaltern aber lautstark auch ein chauvinistischer <i>Backlash</i> etabliert hat gegen den Prozess. Es wird noch mehr Zeit und gute politische Navigation ben\u00f6tigen, um aus diesen Potenzialen mehr zu machen als das, was Erdo\u011fan und Bah\u00e7eli sich w\u00fcnschen. Dem kamen die neuesten Entwicklungen in Syrien und Rojava erstmal zuvor.</p><h2 data-block-key=\"e7urn\"><b>Brennpunkt Syrien</b></h2><p data-block-key=\"36rns\">Das neue Regime in Syrien unter Jolani/Scharaa verlor zun\u00e4chst deutlich an seiner ohnehin schon recht schwachen hegemonialen Ausstrahlung. Ausschlaggebend waren die furchtbaren Massaker, teilweise mit eindeutig genozidaler Absicht, gegen die <a href=\"https://www.ohchr.org/sites/default/files/documents/hrbodies/hrcouncil/sessions-regular/session59/a-hrc-59-crp4-en.pdf\">Alawiten im Westen</a> und die <a href=\"https://www.washingtonpost.com/world/2025/08/08/syria-sectarian-violence-sweida-suwayda/\">Drusen im S\u00fcden</a> durch Milit\u00e4reinheiten, die <a href=\"https://www.reuters.com/investigations/syrian-forces-massacred-1500-alawites-chain-command-led-damascus-2025-06-30/\">loser oder enger</a> mit dem neuen Regime und der T\u00fcrkei verbunden sind. Als wichtiges Beispiel l\u00e4sst sich eine Ver\u00e4nderung in der Haltung der USA im Sommer 2025 nachzeichnen, die von einer vorbehaltlosen und jubelnden Unterst\u00fctzung des neuen Regimes zu einer zur\u00fcckhaltenderen Haltung \u00fcberging. Dies geht etwa aus den \u00c4u\u00dferungen des US-Sondergesandten f\u00fcr Syrien, Tom Barrack, hervor, wonach f\u00fcr Syrien m\u00f6glicherweise <a href=\"https://www.washingtonpost.com/world/2025/08/23/syria-minorities-druze-alawites-kurds-sharaa/\">etwas \u00e4hnliches wie eine f\u00f6derale Option</a> in Betracht gezogen werden k\u00f6nnte und sollte. Dies ist nicht darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass die USA pl\u00f6tzlich erkannt h\u00e4tten, dass der demokratische Schleier der ehemaligen Dschihadisten sehr d\u00fcnn ist. Das ist f\u00fcr alle offensichtlich, und niemand k\u00fcmmert sich wirklich darum, schon gar nicht die USA. Es zeigte sich lediglich in konkreten politischen Handlungen und somit im Nachhinein, dass die Zentralgewalt zu schwach war, um gewaltt\u00e4tige Milizen zu kontrollieren, und h\u00f6chstwahrscheinlich nicht in der Lage sein w\u00fcrde, Stabilit\u00e4t im neuen Syrien zu garantieren. Daher erwies sich das Jonglieren mit verschiedenen Akteur*innen, die sich gegenseitig ausbalancieren, f\u00fcr ein stabiles Syrien und die weitere Aus\u00fcbung imperialistischer Einflussnahme erneut als eine gute Idee. In der Folge schien sich die Pattsituation in den Verhandlungen in Syrien, die der in der T\u00fcrkei \u00e4hnelte, zugunsten der SDF zu verschieben: <a href=\"https://www.rudaw.net/english/middleeast/syria/151020251\">Glaubw\u00fcrdige Berichte</a> ab <a href=\"https://www.rudaw.net/english/middleeast/syria/291020251\">Oktober 2025</a> deuteten darauf hin, dass die SDF in drei organisierten Regimentern in den neuen Staat <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sam-13-maddelik-nihai-entegrasyon-onerisini-resmen-iletti-genelkurmay-da-ve-iki-bakanlikta-yardimciliklar-sdg-ye-mi-gidiyor,1284332\">integriert</a> werden w\u00fcrde, wobei auch die regionalen Verwaltungen bedeutend gest\u00e4rkt werden w\u00fcrden. Im <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/articles/cn98rv2gdvyo\">Dezember 2025</a> schienen nur mehr Unterschiede in Verfassungsfragen zu bestehen: Die <a href=\"https://jacobin.com/2025/11/syria-al-sharaa-transition-democracy\">derzeitige provisorische Verfassung</a> in Syrien ist stark pr\u00e4sidentialistisch, autorit\u00e4r, exkludierend, islamistisch und nationalistisch gepr\u00e4gt. Es waren also Unterschiede, die die Demokratisierung im Allgemeinen betreffen.</p><p data-block-key=\"3d04k\">Im Dezember/Januar 2025-26 \u00e4nderten sich die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und die damit verbundenen Kalk\u00fcle dramatisch. Wir <a href=\"https://www.reuters.com/world/middle-east/how-syrias-sharaa-captured-kurdish-held-areas-while-keeping-us-onside-2026-01-21/\">wissen mittlerweile</a>, dass es zahlreiche Treffen zwischen Damaskus, der T\u00fcrkei, Israel und den USA in Paris und anderen Orten gab. Es geht daraus hervor, dass Damaskus Israels Interessen entgegenkam und im Gegenzug ihren von der T\u00fcrkei gest\u00fctzten Absichten f\u00fcr eine Milit\u00e4rkampagne gegen Rojava nichts entgegengesetzt wurde. Ich sehe aus den vorliegenden Quellen nicht, dass die USA direkt gr\u00fcnes Licht gegeben haben. Aber eben auch kein rotes. Das l\u00e4uft auf dasjenige Kalk\u00fcl der USA heraus, was es vermutlich auch beim gescheiterten Milit\u00e4rputsch in der T\u00fcrkei vom Juli 2016 war: Macht, was ihr wollt \u2013 fahrt ihr gegen die Wand, euer Problem; seid ihr erfolgreich, unterst\u00fctzen wir euch eh. Es gibt hier offensichtlich eine sehr wichtige aktive Rolle der T\u00fcrkei: Sie dr\u00e4ngte vermutlich auch hinter den Kulissen stark darauf, die Entwicklungen in Syrien umzukehren, aus Angst, dass sie sonst auch Druck auf die Situation in den T\u00fcrkei-internen Verhandlungen aus\u00fcben w\u00fcrden \u2013 zu Ungunsten des Staates der T\u00fcrkei. Ab Dezember 2025 wurden <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/articles/c701zvrvw9zo\">unverhohlene Androhungen</a> milit\u00e4rischer Ma\u00dfnahmen seitens des <a href=\"https://t24.com.tr/haber/msb-den-suriye-aciklamasi-yardim-talebi-halinde-turkiye-gerekli-destegi-saglayacak-,1289200\">t\u00fcrkischen Verteidigungsministeriums</a> und des <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hakan-fidan-dan-sdg-ye-uyari-surecin-hizindan-memnun-degiliz-askeri-yollara-basvurmak-istemiyoruz-ama-sabrimiz-tukeniyor,1284462\">Au\u00dfenministers Hakan Fidan</a> gegen\u00fcber Rojava ge\u00e4u\u00dfert sowie die feste Zusage, den neuen syrischen Staat zu unterst\u00fctzen, sollte er beschlie\u00dfen, gegen Rojava vorzugehen.</p><p data-block-key=\"bv2ge\">Dies tat der syrische Staate dann auch, nachdem er zun\u00e4chst die Schw\u00e4chen der SDF ausgenutzt hatte. Da ist beispielsweise die offensichtlich \u00e4u\u00dferst schwache Hegemonie der SDF in den <a href=\"https://www.wsj.com/world/middle-east/syria-ahmed-sharaa-us-troops-a1b0a1d9\">mehrheitlich arabischen Gebieten</a> in Raqqa und Deir-ez-Zor, was nach Vorbereitungen im Einklang mit Damaskus zu <a href=\"https://www.wsj.com/world/middle-east/syrian-presidents-forces-make-strategic-gains-against-u-s-backed-sdf-87259aa6\">gro\u00dfen arabischen Abspaltungen</a> und einer Desorientierung der SDF f\u00fchrte, als der neue Staat seine Gro\u00dfoffensive in denselben Gebieten startete. Ein anderer geschickter Schachzug von Scharaa st\u00e4rkte seine hegemoniale Aura: Mitte Januar verabschiedete er das <a href=\"https://sana.sy/en/politics/2290787/\">Dekret Nr. 13</a>, das den Kurd*innen auf dem Papier mehr Rechte versprach, als sie in irgendeinem der angrenzenden L\u00e4nder derzeit genie\u00dfen.</p><p data-block-key=\"cu930\">Die <a href=\"https://eyeonkurdistan.substack.com/p/aleppos-kurdish-neighborhoods-under\">Angriffe auf die kurdischen Viertel Aleppo</a>s, eine isolierte, von der SDF gehaltene Enklave in Zentralsyrien, Ende Dezember 2025 und dann schlie\u00dflich Anfang Januar 2026 waren die Generalprobe; Mitte Januar folgte dann die eigentliche Aktion, ein gro\u00df angelegter milit\u00e4rischer Angriff auf ganz Rojava. Berichte deuten darauf hin, dass die USA <a href=\"https://www.reuters.com/world/middle-east/how-syrias-sharaa-captured-kurdish-held-areas-while-keeping-us-onside-2026-01-21/\">nicht</a> <a href=\"https://www.wsj.com/world/middle-east/u-s-weighs-complete-military-withdrawal-from-syria-ae3ff68b\">von vornherein</a> auf einen solchen Erfolg der Jihadisten <a href=\"https://www.wsj.com/world/middle-east/syria-ahmed-sharaa-us-troops-a1b0a1d9\">eingestellt waren</a> und ad-hoc damit umgingen, was meiner These vom pragmatischen Abwarten der USA entspricht. Schlie\u00dflich sprach Tom Barrack aber so <a href=\"https://www.aljazeera.com/news/2026/1/20/us-envoy-says-sdfs-role-in-syria-has-largely-expired-after-isil\">klar, wie bisher noch ni</a>e, als ein gro\u00dfer Sieg der Jihadisten in Aussicht schien: Die SDF wird nicht mehr gebraucht, die USA kooperieren nun unter dem Vorwand der Bek\u00e4mpfung des IS mit dem neuen Syrien. Das bedeutete das Ende der besonderen Unterst\u00fctzung der USA f\u00fcr die SDF \u2013 eine Unterst\u00fctzung, die ohnehin von Anfang an <a href=\"https://www.washingtoninstitute.org/sites/default/files/pdf/PolicyFocus168KnightsvanWilgenburgv3.pdf\">nur vor\u00fcbergehend war</a> und von geopolitischen Kalk\u00fclen abhing, wie PKK-F\u00fchrer Abdullah \u00d6calan und andere f\u00fchrende Pers\u00f6nlichkeiten der PKK damals <a href=\"https://lowerclassmag.com/2016/10/12/buergerlicher-antiimperialismus-und-buergerlicher-kommunismus-als-revolutionsblockade-zur-rojava-debatte/\">sehr wohl wussten</a>. Die Unterst\u00fctzung der USA f\u00fcr die Kurd*innen war aus ihrer Perspektive die Unterst\u00fctzung f\u00fcr einen Akteur, \u00fcber den sich die USA eine Machtposition in Syrien erhalten wollte \u2013 nicht f\u00fcr das politische Projekt Rojava. <b>[2]</b> Mit einem neuen, nun auch als f\u00e4hig(er) erscheinenden Zentralstaat, der \u00dcbereinkunft mit us-amerikanischen und verb\u00fcndeten NATO-Interessen signalisierte, <a href=\"https://www.evrensel.net/yazi/98521/hizli-cokusun-anatomisi\">entfiel f\u00fcr die USA der Grund</a> der Unterst\u00fctzung f\u00fcr Rojava. Das ist kein heimt\u00fcckischer Verrat \u2013 das ist konsequente imperialistische Au\u00dfenpolitik.</p><h2 data-block-key=\"c3hjq\"><b>Zur\u00fcck in die Zukunft</b></h2><p data-block-key=\"495k2\">Zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Artikels (28. Januar 2026) herrscht ein fragiler Waffenstillstand, der am 24. Januar nochmal um 15 Tage verl\u00e4ngert wurde. Die neue syrische Armee steht an den Grenzen der mehrheitlich von Kurd*innen bewohnten Gebiete, die vom Oberbefehlshaber der SDF, Mazlum Abdi, zu <a href=\"https://anf-news.com/rojava-surIye/mazlum-abdi-kurt-bolgeleri-kirmizi-cizgimizdir-burada-kimse-zafer-kazanamaz-223406\">roten Linien</a> erkl\u00e4rt wurden, die bis zur letzten Krieger*in verteidigt werden sollen. Andererseits versuchen staatliche Kr\u00e4fte schon partiell in mehrheitlich kurdische Gebiete einzur\u00fccken \u2013 so in das erneut belagerte Koban\u00ea. Eine <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/articles/c1kl0eevy3jo\">Vereinbarung vom 18. Januar</a>, die zuerst von der SDF wieder abgelehnt und dann <a href=\"https://t24.com.tr/haber/suriye-cumhurbaskanligi-sdgyle-haseke-konusunda-anlasma-saglandi-mazlum-abdi-savunma-bakan-yardimciligi-ve-valilik-icin-isim-onerecek,1292496\">am 20. Januar</a> erneuert wurde, ist viel st\u00e4rker im Sinne des Zentralstaats formuliert: Entwaffnung und Aufl\u00f6sung der SDF, individuelle statt organisierte Integration der ehemaligen SDF-Mitglieder in die syrische Armee, nur sehr schwache politische und repr\u00e4sentative Gewinne f\u00fcr Rojava in den neuen Strukturen, keine Rede von einer Verfassungs\u00e4nderung. Hat Rojava jetzt zu diesem Zeitpunkt noch viele Optionen au\u00dfer diese Vereinbarung? Kann es einen vollst\u00e4ndigen Angriff ohne externe Unterst\u00fctzung \u00fcberstehen? Sicherlich insbesondere dann nicht, wenn die T\u00fcrkei sich direkter einmischt. Oder kann es zumindest die Einmischung der T\u00fcrkei hinausz\u00f6gern und versuchen, seine Verhandlungsposition zur\u00fcckzugewinnen? <a href=\"https://anf-news.com/kurdIstan/murat-karayilan-bedeli-ne-olursa-olsun-rojava-yi-yalniz-birakmayacagiz-222746\">F\u00fchrende PKK-Kommandeur*innen</a> haben zu einer <a href=\"https://nupel.tv/kck-halkimiz-rojava-ozerk-yonetiminin-seferberlik-cagrisina-karsilik-vermelidir/\">umfassenden Mobilisierung</a> und <a href=\"https://anf-news.com/kurdIstan/karasu-gun-rojava-yi-savunma-gunudur-222711\">zum Widerstand</a> aufgerufen; die syrische Regierung l\u00e4sst beunruhigt verlauten, dass PKK-K\u00e4mpfer*innen von den Kandilbergen nach Rojava kommen. Die SDF mag schnell eingebrochen sein \u2013 jetzt stehen ihre Truppen aber im Kernland Rojavas. Dort ist ihr hegemonialer Halt viel st\u00e4rker \u2013 und es geht jetzt auch um viel mehr.</p><p data-block-key=\"e8pai\">Den Abgesang auf Rojava sollte man daher nicht zu fr\u00fch anstimmen: It ain\u2019t over, until it\u2019s over. Wir werden sehen \u2013 und wir werden sehen, welche Auswirkungen diese Entwicklungen auf den allgemeinen Prozess zwischen der T\u00fcrkei und der PKK haben werden. Derzeit sind es Rojava und die kurdischen Akteur*innen und ihre Verb\u00fcndeten, die im sich wandelnden Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis den K\u00fcrzeren ziehen. Aber das kann sich in den kommenden Tagen und Wochen auch wieder \u00e4ndern. Schon jetzt scheint durch, dass die Vereinbarung vom 20. Januar <a href=\"https://anf-news.com/rojava-surIye/mazlum-abdi-kurt-bolgeleri-kirmizi-cizgimizdir-burada-kimse-zafer-kazanamaz-223406\">nicht ganz gilt</a>, die Option mit den drei unabh\u00e4ngigen kurdischen Regimentern ist anscheinend <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erbil-deki-toplantinin-detaylari-sinir-kapilari-ve-petrol-sahalari-sam-yonetimine-devredilecek-kurtlerin-kontrolundeki-bolgeler-suriye-devletinin-parcasi-olacak,1293219\">wieder auf dem Tisch</a>. Zwischen Rojava und Damaskus herrscht derzeit reger diplomatischer Verkehr.</p><p data-block-key=\"rkka\">R\u00fcckblickend k\u00f6nnten und sollten wir uns aber auch fragen, was \u2013 und ob \u00fcberhaupt etwas \u2013 Rojava <a href=\"https://en.majalla.com/node/329368/opinion/four-miscalculations-sdf\">h\u00e4tte anders machen k\u00f6nnen</a>, um das zu verhindern, was jetzt geschieht. Nicht deshalb, um jetzt die Genoss*innen und uns gegenseitig sinnlos zu gei\u00dfeln mit bel\u00e4mmerten <i>blame games</i> und die Besserwisser*in zu spielen. Sondern um dazu beizutragen Lehren zu ziehen, um es in Zukunft und in kommenden K\u00e4mpfen vielleicht besser zu machen \u2013 in vollem Bewusstsein dar\u00fcber, dass selbst die besten Taktiken und Strategien objektive Umst\u00e4nde, die einfach zu ung\u00fcnstig sind, m\u00f6glicherweise nicht umkehren k\u00f6nnen. <i>Caminando preguntamos</i>, fragend schreiten wir voran, ist meines Ermessens ein sehr weiser Leitsatz der Zapatista.</p><p data-block-key=\"c5ir6\">Von Anfang an war klar, dass Rojavas Existenz auf einzigartigen Umst\u00e4nden beruhte, indem es sich einen Raum f\u00fcr eine halbautonome Entwicklung geschaffen hatte, der auf die ganze Welt ausstrahlte und ein Leuchtfeuer der Hoffnung war, basierend auf dem Ausbalancieren und Ausspielen unterschiedlicher globaler und regionaler Interessen. Es war klar, dass das Zeitfenster, das dies erm\u00f6glichte, nicht ewig offen bleiben w\u00fcrde und dass Rojava nicht \u00fcber das materielle Potenzial verf\u00fcgte, um selbst zu einem regionalen Akteur zu werden. H\u00e4tte Rojava mit geringeren Erwartungen eine Einigung mit Assad erzielen und sich daf\u00fcr entscheiden k\u00f6nnen, innerhalb eines integrierten Syriens f\u00fcr mehr zu k\u00e4mpfen, um so die M\u00f6glichkeit einer Macht\u00fcbernahme durch Dschihadisten und die Folgen davon abzuwenden? Hat Rojava <a href=\"https://www.newarab.com/opinion/should-kurdish-freedom-be-sacrificed-syrias-centralisation\">tats\u00e4chlich genug</a> f\u00fcr eine starke, integrative Hegemoniepolitik in den <a href=\"https://www.europe-solidaire.org/spip.php?article77893\">mehrheitlich arabischen Gebieten</a> getan \u2013 wenn ja, warum brachen viele Araber*innen so schnell weg von Rojava? Oder h\u00e4tte Rojava, nachdem die Dschihadisten die Macht \u00fcbernommen hatten, mit den neuen Machthabern in Damaskus eine Vereinbarung ohne gro\u00dfe Verfassungs\u00e4nderungen treffen k\u00f6nnen, beispielsweise die Akzeptanz des im Dezember 2025 erreichten Status quo \u2013 und damit den Vorwand f\u00fcr eine milit\u00e4rische Eskalation beseitigen k\u00f6nnen? Um dann unter autorit\u00e4rer Verfassung aber immerhin mit relativ autonomen Milit\u00e4reinheiten im R\u00fccken innerhalb des Landes weiter um politische Ver\u00e4nderung zu k\u00e4mpfen? Nicht zuletzt: Den PKK-Kommandant*innen mag zwar klar gewesen sein, dass die Unterst\u00fctzung des US-Imperialismus transitorisch und instrumentell ist \u2013 haben sie aber auch wirklich genug getan, um sich von der Abh\u00e4ngigkeit von den USA zu befreien und Alternativen zu ihr zu schaffen?</p><p data-block-key=\"mgfu\">Auch ein \u00dcberdenken der Informationspolitik scheint n\u00f6tig. Es ist zwar sehr verst\u00e4ndlich, aber wir sollten dennoch ehrlich festhalten, dass die Informationspolitik aus Rojava oft propagandistischen Charakter hatte und die Verh\u00e4ltnisse offensichtlich sch\u00f6ngezeichnet hat. Deshalb glauben \u2013 beispielsweise \u2013 auch heute noch viele, Rojava sei ein reines Basisprojekt; dabei sind die T\u00e4tigkeiten von teils sehr autorit\u00e4r agierenden Parteistrukturen, n\u00e4mlich der PYD und der PKK, <a href=\"https://kritisch-lesen.de/essay/rojava-welche-art-der-selbstbestimmung\">zentral f\u00fcr den Erfolg Rojavas</a>. Das zu wissen und zu reflektieren ist auch wichtig f\u00fcr Debatten bez\u00fcglich der politischen Theorie der sozialen Revolution und \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Basis, Spontaneit\u00e4t, Partei(strukturen) und Staat. Propaganda ist n\u00f6tig, keine Frage; es sind aber auch ehrliche, umfassende und tiefgehende Informationen und Analysen n\u00f6tig, damit wir alle gemeinsam, wo n\u00f6tig selbstkritisch, Fehler und M\u00e4ngel diskutieren und gemeinsam weiterdenken k\u00f6nnen, um eventuell zu einer st\u00e4rkeren Praxis beizutragen.</p><p data-block-key=\"7nmoj\">Die (selbst-)kritische Auseinandersetzung mit diesen und \u00e4hnlichen Fragen ist heute ebenso dringend notwendig wie die Mobilisierung zur Verteidigung der Errungenschaften Rojavas: die in der Region beispiellose Revolution und Selbst-Befreiung der Frauen*, der ganz praktische Nachweis, dass populare Selbsterm\u00e4chtigung eines kolonialistisch und imperialistisch ausgebeuteten und unterdr\u00fcckten Volkes durchaus m\u00f6glich ist, und dass R\u00e4testrukturen keine romantische Idee des 19. Jahrhunderts sind. Rojava mag es in der Form, die es seit 2011 nach und nach angenommen hat, bald vielleicht nicht mehr geben, aber es wird sich <a href=\"https://www.rosalux.de/news/id/54313/nord-und-ostsyrien-ende-der-autonomie\">nicht in Luft aufl\u00f6sen</a>. Guerilla-Strukturen k\u00f6nnen bestehen bleiben, politische Organisationen wie die PYD werden dies vermutlich sowieso tun. Das alles wird machttheoretisch gesprochen vermutlich schw\u00e4cher sein, als was zuvor existierte \u2013 aber es ist nicht Nichts und vermutlich mehr, als Linke an vielen anderen Orten auf der Welt haben. Nicht zuletzt sind linke Melancholie und Depression \u2013 bei allem Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr \u2013 eben doch auch Luxusg\u00fcter. Die Kurd*innen k\u00f6nnen sich das nicht leisten. Bei ihnen geht es gerade nicht nur um Politik und Revolution und sowas, sondern um Existenz und \u00dcberleben. Dementsprechend sehen wir aktuell vielleicht eine <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/516363.rojava-kampf-statt-kapitulation.html\">globalisierte, pankurdische Solidarit\u00e4t</a> im Entstehen begriffen: Weltweit gehen Kurd*innen auf die Stra\u00dfen, \u00fcberall in Europa wird <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1197106.angriffe-auf-rojava-zehntausende-zeigen-solidaritaet-mit-kurden-in-syrien.html\">demonstriert</a>, vor allem in der Region \u2013 in Syrien und im Irak \u2013 wirken die j\u00fcngsten Entwicklungen wie ein Fanal, das einen <a href=\"https://indian-ocean-map.carnegieendowment.org/middle-east/diwan/2026/01/kurdish-nationalism-rears-its-head-in-syria\">massenmobilisierenden kurdischen Nationalismus entfacht</a>. Spendenkampagnen f\u00fcr Rojava sind am Laufen und es hat sich ein ziviler Unterst\u00fctzungskonvoi f\u00fcr Koban\u00ea in Europa gebildet, die <a href=\"https://peoplescaravan.tem.li/language/de/die-karawane/\">Peoples\u2019 Caravan to defend humanity</a>.</p><p data-block-key=\"a7dp\">Noch ist nichts endg\u00fcltig. Es wird noch gek\u00e4mpft, und deshalb macht es auch Sinn, sich einzubringen. Und dann gibt es <a href=\"https://bobbyghosh.substack.com/p/syria-just-solved-turkeys-kurdish\">immer einen Tag danach</a>, und auch darauf muss man vorbereitet sein.</p><hr/><p data-block-key=\"dc5c8\"><b>Anmerkungen:</b></p><p data-block-key=\"drfn8\"><b>[1]</b> Carl von Clausewitz, <i>Vom Kriege</i>, Erftstadt, 2009 [orig. 1832/34], S. 21.</p><p data-block-key=\"d7r72\"><b>[2]</b> <a href=\"https://haber.sol.org.tr/haber/salih-muslim-hasdi-sabi-iddiasi-icin-once-barrack-istedi-reddettik-dedi-sonra-yalanladi\">Ger\u00fcchten zufolge</a> habe Tom Barrack den SDF angeboten, die Angriffe stoppen zu lassen, wenn sich die SDF dem Kampf gegen iranische Milizen im Irak anschlie\u00dfen, was die SDF abgelehnt habe. Mehr als ein Ger\u00fccht ist diese Information nicht, aber ich halte sie hier fest, da sie sehr relevant f\u00fcr die Entwicklung und Einsch\u00e4tzung der Ereignisse ist, falls sie sich im Laufe der Zeit best\u00e4tigen sollte.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Was folgt daraus f\u00fcr Rojava und linke Perspektiven? Unser Redakteur Alp Kayserilio\u011flu mit einer Analyse."}, {"title": "Verdichtete Eskalation", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Verdichtete Eskalation</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"muhtesem satrayni_semazen (2025).jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/muhtesem_satrayni_semazen_202.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">muhte\u015fem satrayni</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Am 18. M\u00e4rz erreichte die politische Eskalation in der T\u00fcrkei eine neue Stufe: Das Dekanat der Istanbul Universit\u00e4t entzog dem B\u00fcrgermeister der Stadt, Ekrem Imamo\u011flu, kurzerhand das Hochschuldiplom, das dieser dort vor \u00fcber 30 Jahre erworben hatte. Imamo\u011flu, Politiker der st\u00e4rksten Oppositionspartei Republikanische Volkspartei (<i>Cumhuriyet Halk Partisi</i>, CHP), wird schon seit geraumer Zeit als aussichtsreichster Gegenkandidat zu Erdo\u011fan bei den n\u00e4chsten Wahlen gehandelt; ein Universit\u00e4tsdiplom ist allerdings notwendig in der T\u00fcrkei, um zur Pr\u00e4sidentschaftswahl zugelassen zu werden. Aber das war noch nicht genug, schienen sich Erdo\u011fan und Konsorten gedacht zu haben: <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ekrem-imamoglu-a-gozalti,1226929\">Am 19. M\u00e4rz 2025</a> wurde Imamo\u011flu auf Grundlage von zwei unterschiedlichen Anklagepunkten \u2013 Korruption und Terrorunterst\u00fctzung \u2013 gemeinsam mit rund 100 seiner Mitarbeiter*innen und Kolleg*innen in Untersuchungshaft genommen. Vier Tage sp\u00e4ter wurde er dann per Gerichtsbeschluss in Gef\u00e4ngnishaft \u00fcberf\u00fchrt.</p><p>Das vielleicht \u00fcberraschendste an dieser Eskalation ist jedoch die Reaktion auf der Stra\u00dfe: <a href=\"https://t24.com.tr/haber/isntabul-da-imamoglu-protestolari-ogrenciler-sokaklara-tasti-vatandaslar-7-gun-polis-mudahalelerine-direndi,1228619\">Seit</a> dem Entzug von Imamo\u011flus Diplom hat sich eine <a href=\"https://www.ozgurlukharitasi.com/\">landesweite Massenbewegung</a> formiert, die schon am ersten Wochenende vom 22. bis zum 23. M\u00e4rz allein in Istanbul <a href=\"https://www.turkeyrecap.com/p/street-clashes-to-continue-in-turkeys\">600.000 Menschen t\u00e4glich</a> mobilisieren konnte. Eine Gro\u00dfkundgebung am letzten Samstag, den 29. M\u00e4rz, schaffte es sogar <a href=\"https://www.turkeyrecap.com/p/cornered-but-energized-turkeys-opposition\">bis zu</a> einer Million Menschen auf der anatolischen Seite Istanbuls zusammen zu bringen. Was steckt hinter dieser Entwicklung? Welche Strategie verfolgt Erdo\u011fan, und wie reagiert die Opposition?</p><h2><b>Erdo\u011fans ewiger Staatsstreich</b></h2><p>Selbst f\u00fcr langj\u00e4hrige Beobachter*innen der t\u00fcrkischen Politik wie mich bleibt jede neue Eskalationsstufe erstaunlich \u2013 obwohl ich selbst <a href=\"https://revoltmag.org/articles/frieden-oder-friedhofsruhe/\">noch vor weniger als einem Monat</a> im <i>re:volt magazine</i> schrieb: \u201eDas derzeitige sehr hohe Ma\u00df an Repression, auch gegen die wichtigste Oppositionspartei, die CHP, [wird] sicherlich beibehalten werden.\u201c Jede neue Repressionsfurie verbl\u00fcfft eben doch immer wieder. Tats\u00e4chlich war Erdo\u011fans aktueller Move aber auch im Konkreten keineswegs unerwartet \u2013 er hatte sich mit Pauken und Trompeten angek\u00fcndigt.</p><p>Seit Jahren steht der Istanbuler B\u00fcrgermeister Imamo\u011flu im Fadenkreuz der Regierung. Bereits vor den Entwicklungen der letzten Woche wurde aus <a href=\"https://www.hrw.org/news/2025/03/19/turkiye-istanbul-mayor-detained\">mindestens</a> f\u00fcnf Richtungen juristisch gegen ihn vorgegangen; seit Jahren h\u00e4ngt \u00fcber Imamo\u011flu das Damoklesschwert des politischen Bet\u00e4tigungsverbots aufgrund eines politischen Verfahrens. Sein \u201eVerbrechen\u201c: Imamo\u011flu hat sich in wenigen Jahren als ernstzunehmender Gegenkandidat zu Erdo\u011fan herauskristallisiert. Aber auch das ist nur Teil von Erdo\u011fans ewigem Staatsstreich: Die systematische und gewaltvolle Ausschaltung aller autonomen oder oppositionellen Akteur*innen von Rang in Staat und Gesellschaft. Das Muster ist bekannt: Seit Jahren sitzen f\u00fchrende kurdische und linke Politiker*innen wie Selahattin Demirta\u015f und Figen Y\u00fcksekda\u011f, viele kurdische B\u00fcrgermeister*innen oder auch der gr\u00f6\u00dfte Kulturm\u00e4zen des Landes (Osman Kavala) im Gef\u00e4ngnis. Es ist daher unbegreiflich, dass sich jetzt noch Artikel ver\u00f6ffentlichen lassen mit Titeln wie \u201e<a href=\"https://jacobin.com/2025/03/turkey-erdogan-imamoglu-imprisonment-authoritarianism\">Turkey\u2019s Authoritarian Turn</a>\u201c. Guten Morgen! Neu ist hingegen, dass sich die autorit\u00e4re Eskalation jetzt auch versch\u00e4rft gegen die republikanische, t\u00fcrkische Opposition und gegen einen ihrer f\u00fchrenden Politiker richtet, der zum ersten Mal seit \u00fcber 20 Jahren AKP-Herrschaft eine reale Aussicht auf Erfolg hat.</p><p>Keine Sekunde lang sollte man ernsthaft in Erw\u00e4gung ziehen, dass gegen Imamo\u011flu und die anderen Angeklagten irgendetwas wirklich Justiziables vorliegt. Die Anklagen sind, das zeigen die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-nun-121-sayfalik-ifadesi-,1227616\">Vernehmungsprotokolle</a> bei der Polizei und beim Haftrichter, so sehr <a href=\"https://www.hrw.org/news/2025/03/24/turkiye-court-jails-istanbul-mayor\">an den Haaren herbeigezogen</a> und so offensichtlich politisch motiviert, wie es nur geht. Der Entzug des Diploms etwa verst\u00f6\u00dft nicht nur gegen den Geist, sondern sogar <a href=\"https://t24.com.tr/haber/istanbul-universitesi-nin-imamoglu-na-degerli-mezunumuz-diye-hitap-ettigi-paylasimlar-gundem-oldu,1226916\">gegen den Buchstaben des Gesetzes</a>: Es wurde ein Gesetz angewendet, das es 1990, als Imamo\u011flu an die Istanbuler Universit\u00e4t wechselte, noch gar nicht gab. Selbst nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben w\u00e4re der Fall eine <a href=\"https://t24.com.tr/haber/idare-hukuku-hocalarindan-imamoglu-nun-diplomasi-konusunda-uzman-gorusu-diploma-iptali-acikca-hukuka-aykiri,1227082\">rein verwaltungsrechtliche</a> Angelegenheit \u2013 in einem (b\u00fcrgerlichen) Rechtsstaat w\u00e4re es <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aym-2023-te-emsal-niteliginde-diploma-kararina-imza-atmis-diplomayi-bir-yil-sonra-iptal-etmek-idarenin-tutarliligiyla-bagdasmaz,1226552\">undenkbar</a>, jemandem nach \u00fcber 30 Jahren wegen so etwas das Diplom zu entziehen. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-nun-savciliktaki-yolsuzluk-ifadesi-namusuma-haysiyetime-leke-getirecek-uygulamalari-yapanlarla-mucadelemi-hukuki-zeminde-sonuna-kadar-arayacagima-yemin-ettim-,1227803\">Die Korruptionsvorw\u00fcrfe</a> basieren auf den Aussagen von Geheimzeugen, deren Identit\u00e4t und Inhalte nicht \u00fcberpr\u00fcft werden k\u00f6nnen \u2013 ein altbew\u00e4hrtes Muster bei politischen Verfahren in der T\u00fcrkei. Immer wieder stellt sich im Nachhinein heraus, dass jene Geheimzeugen schlicht erfunden sind. Politische Fiktion, nichts weiter. Auch der Terrorvorwurf ist ein alter Hut: politische Zusammenarbeit mit Kurd*innen. <a href=\"https://www.lrb.co.uk/blog/2025/march/Imamoglu-s-arrest\">I</a><a href=\"https://www.lrb.co.uk/blog/2025/march/Imamoglu-s-arrest\">m konkreten Fall</a>: Die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ekrem-imamoglu-nun-teror-sorusturmasindan-ifadesi-ortaya-cikti-,1227792\">Zusammenarbeit</a> der CHP mit der pro-kurdischen, linken Partei f\u00fcr Emanzipation und Demokratie der V\u00f6lker (<i>Halklar\u0131n E\u015fitlik ve Demokrasi Partisi</i>, DEM) im Rahmen der Lokalwahlen 2024, insbesondere in Istanbul. Und: weil Kurd*innen Terrorist*innen sind, gilt das als Unterst\u00fctzung von Terrorismus. Klar, logisch.</p><p>Warum erfolgt der Schlag gegen Imamo\u011flu also genau jetzt? Erdo\u011fan ist ein politischer Meisterstratege von unvergleichlichem Geschick. Er wartete einfach auf den bestm\u00f6glichen Moment, um zuzuschlagen. Die n\u00e4chsten Wahlen stehen fr\u00fchestens in zwei Jahren, wahrscheinlich jedoch eher in drei Jahren (2028), an. Schafft er es jetzt, seinen elektoralen Hauptgegner auszuschalten, wird die Opposition es kaum schaffen, kurzfristig eine neue Figur mit vergleichbarer Strahlkraft aufzubauen. Gleichzeitig wird Erdo\u011fan noch genug Zeit haben, auch gegen einen weiteren Konkurrenten vorzugehen: Gegen den zweiten aussichtsreichen Oppositionskandidaten, den B\u00fcrgermeister von Ankara Mansur Yava\u015f (auch CHP), l\u00e4uft \u2013 suprise, suprise! \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ankara-buyuksehir-belediyesi-nin-33-konserine-kamu-zarari-iddiasiyla-sorusturma-izni-verildi,1228130\">auch schon</a> ein mehrteiliges Verfahren wegen Korruption. Besonders ironisch daran: Unter dem langj\u00e4hrigen AKP-B\u00fcrgermeister Melih G\u00f6k\u00e7ek (von 1994-2017) war Ankara <i>das </i>Sinnbild der Korruption der AKP-\u00c4ra, bis die CHP das B\u00fcrgermeisteramt 2019 \u00fcbernahm. Die \u00f6konomischen Folgen der Verhaftung sind f\u00fcr Erdo\u011fan jedenfalls <a href=\"https://umitak.substack.com/p/whats-next-for-turkiye\">durchaus noch verkraftbar</a>. Jeder m\u00f6gliche Schaden (Verlust von Devisenreserven der Zentralbank, Entwertung der Lira, wieder zunehmende Inflation) l\u00e4sst sich bis 2027-28 wieder derart einfangen, dass Erdo\u011fan sogar in altbekannter Manier kurz vor den n\u00e4chsten Wahlen erneut \u00f6konomischen Populismus betreiben k\u00f6nnte.</p><p>Umgekehrt wird es schwieriger werden, die aktuelle Mobilisierung und das Tempo der Opposition bis zu den n\u00e4chsten Wahlen aufrecht zu erhalten. Gut in Regierungskreise vernetzte Journalist*innen berichten, dass die AKP plant, die Istanbuler Stadtverwaltung mit Verfahren, Repression und Schikanen <a href=\"https://www.nefes.com.tr/yazarlar/nuray-babacan/topal-ordek-stratejisi-24064\">zu zerm\u00fcrben</a>, ob mit oder ohne Imamo\u011flu an der Spitze. Hinzu kommen die Friktionen und Spaltungstendenzen innerhalb der Opposition, auf die ich gleich genauer eingehen werde. Nicht zuletzt kommen Erdo\u011fan die internationalen Entwicklungen zugute: Er <a href=\"https://www.ft.com/content/ee3d8d91-1573-4236-9f41-749ced732732\">wei\u00df</a> nat\u00fcrlich, dass er mit Trump in den USA und einer EU, die dringend einsatzbereite Truppen f\u00fcr den Ukrainekrieg und Waffenschmieden f\u00fcr die \u201eZeitenwende\u201c ben\u00f6tigt, keinen g\u00fcnstigeren Zeitpunkt f\u00fcr seine aktuelle Offensive finden konnte <a href=\"https://www.ft.com/content/84683c95-e970-4c18-bff5-27f14e57679c\">als jetzt</a>. Die neueste Eskalationsspirale ist also nicht abgek\u00fchlt \u2013 sie hat gerade erst angefangen.</p><h2><b>Die Stra\u00dfendynamik und ihre Errungenschaften</b></h2><p>So weit, so Erdo\u011fan. Nun ist aber auch er nicht unfehlbar und seine Kalk\u00fcle gehen nicht immer auf. Wirklich \u00fcberraschend bei den Entwicklungen der letzten Woche waren daher die riesigen landesweiten Massenmobilisierungen, die sich innerhalb weniger Tage entwickelten. Hatte die CHP urspr\u00fcnglich zu Kundgebungen am Istanbuler Rathaus und dem angrenzenden Sara\u00e7hane Park mobilisiert, sprengten die Proteste schnell diesen eng gesteckten Rahmen: Schon direkt am 19. M\u00e4rz <a href=\"https://x.com/ozgurlukcugnclk/status/1902637494404837619?s=52&amp;t=fprcCCrfm3TWL_wrtyfYWA\">mobilisierten zehntausende Studierende</a> fast aller \u00f6ffentlichen Elite-Universit\u00e4ten des Landes \u2013 ODT\u00dc und Bilkent in Ankara, Bo\u011fazi\u00e7i, Marmara, Istanbul Universit\u00e4t und Technische Uni in Istanbul \u2013 unter F\u00fchrung linksrevolution\u00e4rer Jugendorganisationen auf unabh\u00e4ngige Studierendendemonstrationen, und zwar t\u00e4glich. Anpolitisierte Jugendliche mit diffus nationalistischen Grund\u00fcberzeugungen mobilisierten sich selbst oder unter F\u00fchrung rechtsextremer nationalistischer Organisationen, ebenfalls zu Zehntausenden, ebenfalls t\u00e4glich. In fast allen Enden und Ecken des Landes, inklusive in erzkonservativen Hochburgen in Zentralanatolien (wie Konya oder \u00c7orum) und am Schwarzmeer (Rize, Trabzon), kam es zu teils spontanen, teils von den lokalen CHP-Abteilungen angef\u00fchrten Demonstrationsz\u00fcgen. In Istanbul weiteten sich die Proteste auf einzelne Stadtviertel aus \u2013 mit teils Zehntausenden Beteiligten wie in Kad\u0131k\u00f6y. Und das parallel und unabh\u00e4ngig von der jeweils t\u00e4glich stattfindenden Hauptkundgebung am Istanbuler Rathaus.</p><p>Einmal mehr wurde also die Jugend zur Speerspitze des popularen Aufstandes und trieb diesen \u00fcber sich selbst hinaus. Die Demonstrationen tragen, wie damals bei Gezi, karnevaleske Z\u00fcge: Banner mit Slogans wie \u201eLiebe Polizei, bitte kein Tr\u00e4nengas, das macht mein Mascara kaputt\u201c; Banner von IT-Studis, die die Unm\u00f6glichkeit Erdo\u011fans per Funktionsgleichungen \u201ebeweisen\u201c; mehrere Demonstrant*innen, die verkleidet als <a href=\"https://www.birgun.net/haber/cnne-konusan-pokemon-uzmani-pikachu-maksatli-bir-eylem-yapti-611104\">Pikachu</a> in der ersten Reihe mitlaufen; ein Demonstrant, der unter Beschuss durch Wasserwerfer auf dem Boden einen Fisch nachahmt; die harten Jungs, die direkt vor der hochger\u00fcsteten Polizeireihe miteinander darum konkurrieren, wer die meisten Liegest\u00fctzen hinkriegt; die s\u00fc\u00dfen P\u00e4rchen, die sich direkt vor der Polizeikette Heiratsantr\u00e4ge machen; hier ein Derwisch mit Gasmaske, der unter Tr\u00e4nengasbeschuss den sufistischen <i>semazen</i> tanzt; dort kollektive Volkst\u00e4nze, Ch\u00f6re, T\u00f6pfeklopfen, Autohupen \u2013 und so weiter, und so fort.</p><p>Die CHP hat diese Dynamik nicht selbst entfesselt und konnte sie auch nicht so einfach kontrollieren. Doch diesmal kam es zu einer fundamentalen Errungenschaft der Massenproteste, zu etwas, was meine Generation an Jugendrebell*innen um die Gezi-Aufst\u00e4nde im Sommer 2013 nicht geschafft hatte: Nach anf\u00e4nglichem Z\u00f6gern und Zaudern akzeptierte die CHP-F\u00fchrung die Stra\u00dfendynamik. Der Chef der CHP, \u00d6zg\u00fcr \u00d6zel, rief dazu auf, Polizeibarrikaden <a href=\"https://www.gazetepencere.com/gundem/ozgur-ozelden-yeniden-sokaga-cikin-cagrisi-barikatlari-asin-meydanlara-akin-655153h\">zu missachten</a> und <a href=\"https://gazeteoksijen.com/turkiye/sarachanede-son-bulusma-ozgur-ozel-darbeyi-puskurttunuz-burada-kayyim-yoksa-sizin-sayenizde-238203\">drohte</a> <a href=\"https://gazeteoksijen.com/turkiye/sarachanede-son-bulusma-ozgur-ozel-darbeyi-puskurttunuz-burada-kayyim-yoksa-sizin-sayenizde-238203\">mit</a> einem Demonstrationszug auf den symboltr\u00e4chtigen Taksim-Platz in Istanbul, falls die Polizeigewalt nicht abnehme. Es sei dahingestellt, wie ernst ihm damit ist. Die CHP oszilliert seit dem Wochenende vom 22.-23. M\u00e4rz zwischen zwei Polen: Sie versucht zum einen, die Bewegung zu d\u00e4mpfen und kontrollierbar zu halten, aber auch schw\u00e4cher zu machen: Schon hat \u00d6zel das Ende der Kundgebungen am Istanbuler Rathaus verk\u00fcndet, <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/articles/cvg52947nvlo\">weil</a> Erdo\u011fans Putsch <a href=\"https://t24.com.tr/haber/chp-nin-maltepe-mitingi-nde-konusan-ozel-turkiye-ye-ihanet-eden-bir-avuc-insanin-darbe-girisimine-hep-birlikte-tanik-olduk-,1229150\">zur\u00fcckgeschlagen</a> worden sei. Erdo\u011fan zur\u00fcckgeschlagen nach ein, zwei Wochen Protesten? Wohl kaum. Andererseits verteidigt die CHP gleichzeitig weiterhin den Kampf gegen Polizeibarrikaden auf den Stra\u00dfen und k\u00fcndigt an, dass die Demonstrationen <a href=\"https://halktv.com.tr/gundem/imamogluna-ozgurluk-mitingi-istanbul-akin-akin-maltepeye-gidiyor-925304h\">st\u00e4rker weitergef\u00fchrt werden</a>. Am 29. M\u00e4rz kam es zu einer Gro\u00dfkundgebung im Bezirk Maltepe, auf der asiatischen Seite Istanbuls, mit bis zu einer Million Beteiligten. In den ganzen Jahren der AKP-\u00c4ra hat es so etwas vonseiten der CHP nicht gegeben; allein schon diskursiv stellt dies einen wichtigen Dammbruch dar. In regierungsnahen Kreisen \u2013 insbesondere bei der F\u00fchrung der Exekutive (Polizeipr\u00e4sidium und Gouverneur) in Istanbul \u2013 w\u00e4chst die Angst, dass sich die Proteste zum 1. Mai mit Unterst\u00fctzung der CHP tats\u00e4chlich auf den Taksim-Platz und den angrenzenden Gezi-Park ausweiten k\u00f6nnten. Und diese Angst ist berechtigt.</p><p>Die zweite wichtige Errungenschaft der Mobilisierungen h\u00e4ngt unmittelbar damit zusammen. Erdo\u011fan hat sich, zumindest kurzfristig, schlicht verkalkuliert. Interne <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/tolga-sardan-buyutec/ibb-sorusturmasi-ankara-ve-istanbul-da-isiklar-daha-ne-kadar-yanacak,49167\">Berichte</a> deuten darauf hin, dass Regierungskreise eine solche Massenreaktion nicht erwarteten haben. Sie gingen vielmehr davon aus, dass der Widerstand auf die CHP und ein paar Kundgebungen vor dem Istanbuler Rathaus beschr\u00e4nkt bleiben w\u00fcrde \u2013 was eigentlich gar nicht so verkehrt gedacht war, wenn man sich vor Augen h\u00e4lt, wie die CHP bisher Widerstand leistete. Diesmal ging die Rechnung nicht auf. Die Wut, der Oppositionellen und insbesondere der perspektivlosen Jugend, ist sehr hoch \u2013 sie gab der Massendynamik eine organisierte Realit\u00e4t, in der sich der Unmut weiter manifestieren konnte. Welcher Tropfen das Fass zum \u00dcberlaufen bringt, das ist eben im Vornherein selten vorherzusehen; die ontologische Unvorhersehbarkeit bleibt eine Grundeigenschaft von spontanen Massen-\u201eEreignissen\u201c wie die derzeit stattfindende in der T\u00fcrkei \u2013 auch, wenn im Nachhinein die allgemeinen Ursachen und Dynamiken nachvollziehbarer und klar werden. War nicht auch der Gezi-Aufstand von 2013 so ein \u201eEreignis\u201c?</p><p><a href=\"https://www.ayrim.org/guncel/her-seyi-degistiren-olay/\">Ohne die Massendynamik</a> w\u00e4ren die Wut und der Unmut eine individuelle Angelegenheit geblieben \u2013 ausgedr\u00fcckt als Frust, Depolitisierung, Apathie, wie es bisher oft der Fall war. Die CHP h\u00e4tte ein bisschen symbolisch protestiert und w\u00e4re zum Verfassungsgericht gerannt, das w\u00e4r\u2019s gewesen. Jetzt hat aber hat die Bewegung (kleine) Berge versetzt: Erdo\u011fan musste schon in der kurzen Zeit <a href=\"https://www.nefes.com.tr/yazarlar/deniz-zeyrek/iki-kayyum-planindan-geri-donulmus-24530\">R\u00fcckzieher machen</a>. Offensichtlich hatte die politische Justiz vor, die gesamte CHP-F\u00fchrung abzusetzen und einen von der Zentralregierung eingesetzten Zwangsverwalter f\u00fcr die gesamte CHP einzusetzen (klingt unglaublich, aber in der T\u00fcrkei heute ist alles m\u00f6glich). Zudem wollte sie offensichtlich einen Zwangsverwalter f\u00fcr das B\u00fcrgermeisteramt Istanbuls einsetzen. Beide Pl\u00e4ne musste Erdo\u011fan jetzt zur\u00fcckziehen.</p><p>Es gibt aber auch noch eine dritte unmittelbare Errungenschaft der Massendynamik. Man darf nicht untersch\u00e4tzen, welch Bedeutung die Wahlurne in der T\u00fcrkei unter Umst\u00e4nden haben kann. Wenn man das faschismustheoretisch \u00fcbersieht, dann kann man nicht mehr erkl\u00e4ren, was gerade passiert. Die Ergebnisse von Wahlg\u00e4ngen sind in der T\u00fcrkei sakrosankt. Das ist demokratietheoretisch nat\u00fcrlich problematisch: Denn zu einer b\u00fcrgerlichen Demokratie geh\u00f6ren ja nicht nur Wahlen dazu, sondern auch sowas wie Gewaltenteilung, Grundrechte und dergleichen. Die gibt es ja in der T\u00fcrkei nicht mehr oder nur mehr in verk\u00fcmmerten \u00dcberresten; die Wahlen sind nicht fair, und teils auch nicht mehr frei. Ganz zu schweigen von der Problematik der \u00dcberbetonung von Wahlen aus der Sicht popular-demokratischer Vorstellungen. Aber die Wahlurne und ihre Ergebnisse bleiben eben in der heutigen T\u00fcrkei ein zentraler Ma\u00dfstab in der breiten Wahrnehmung von Legitimit\u00e4t, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Erdo\u011fan macht zwar, was er will \u2013 aber nur, wenn er sich irgendwie elektoral absichert. Nat\u00fcrlich arbeiten Erdo\u011fan und seine Schergen dabei aktiv mit illegitimen und unfairen Mitteln daran mit, dass die Wahlen am Ende so aussehen, wie sie Erdo\u011fan passen. Das klappt aber eben trotz der Repression und Unfairness nicht immer so, wie erw\u00fcnscht. Das muss man einfach in der Analyse mitbedenken.</p><p>Hinzuf\u00fcgen muss man, dass die Missachtung von Wahlergebnissen nicht \u00fcberall im gleichen Ma\u00dfe skandalisiert wird. In den kurdischen Gebieten etwa werden Wahlergebnisse seit langem mit F\u00fc\u00dfen getreten, was von der restlichen T\u00fcrkei bestenfalls mit m\u00e4\u00dfigem Interesse zur Kenntnis genommen wird. F\u00fcr die Kurd*innen selbst ist es hingegen eine fundamentale Frage. Hier verl\u00e4uft die \u201eracial line\u201c der T\u00fcrkei. Doch es gibt Momente, in denen Wahlbetrug oder die Missachtung von Wahlergebnissen auch \u00fcber diese Linie hinaus Emp\u00f6rung ausl\u00f6sen. Und zwar vor allem in Istanbul.</p><p>Schon einmal, n\u00e4mlich bei den <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkischer-fr%C3%BChling/\">Lokalwahlen am 31. M\u00e4rz 2019</a>, ging daher der Versuch, den Sieg von Imamo\u011flu mit Mitteln der politischen Justiz <a href=\"https://revoltmag.org/articles/erdo%C4%9Fans-ziviler-putschversuch/\">zu unterdr\u00fccken</a>, nach hinten los: Bei der <a href=\"https://revoltmag.org/articles/politisches-erdbeben-istanbul/\">Wahlwiederholung in Istanbul am 23. Juni 2019</a> errang Imamo\u011flu einen \u00fcberw\u00e4ltigenden Sieg gegen\u00fcber seinem AKP-Kontrahenten, mit einem Unterschied von 800.000 Stimmen (etwa 9%). Die Istanbuler Bev\u00f6lkerung nahm die Missachtung der Wahlurne also als grobe Ungerechtigkeit wahr und quittierte der AKP ihr Vorgehen. Die AKP musste schlie\u00dflich das Ergebnis zumindest formal betrachtet akzeptieren. Bei den <a href=\"https://revoltmag.org/articles/republic-strikes-back/\">Lokalwahlen 2024</a> wuchs Imamo\u011flus Vorsprung auf eine Million Stimmen (etwa 12%) an. Dies vor dem Hintergrund, dass die Lokalwahlen 2024 \u00fcberhaupt zu einem historischen Ereignis wurden, weil zum ersten Mal die CHP st\u00e4rkste Partei im Land wurde und sogar in konservativen Hochburgen das B\u00fcrgermeisteramt gewann. Das Wahlvolk hatte sich, vielleicht noch vorsichtig und explorativ, daf\u00fcr entschieden, der CHP auf lokaler Ebene eine Chance zu geben, weil der Unmut insbesondere \u00fcber die \u00f6konomischen Zust\u00e4nde stark gewachsen war.</p><p>Unter diesen Umst\u00e4nden einen derart deutlichen Wahlsieg per Gewalt zu unterdr\u00fccken, war von Anfang an riskant. Die Stra\u00dfendynamik hat den Unmut aber auch \u00fcber die Protestierenden hinaus getragen und handfest als Massen-Bewusstsein \u00fcber Unrecht und legitimen Widerstand manifestiert: Laut der <a href=\"https://bianet.org/haber/konda-arastirdi-kamuoyu-imamoglu-protestolarinda-nerede-duruyor-305914\">erst k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Umfrage</a> des integren Umfrageinstituts KONDA sind ganze 73% der Befragten der Meinung, dass die Proteste legitim seien (sofern sie gewaltfrei bleiben, sagen an die 50%); laut einer <a href=\"https://medyascope.tv/2025/03/24/hatem-ete-yorumladi-chpnin-surecteki-pozisyonu-video/\">anderen Umfrage</a> finden etwa 60-70% die Verhaftungen falsch. Das zeigt die Tiefe der Legitimationskrise, in der die AKP mit Stand heute steckt.</p><h2><b>Von Man\u00f6vern, Spaltungslinien und Einheitstendenzen</b></h2><p>Die Winkel- und Schachz\u00fcge der unterschiedlichen Akteur*innen verdienen indes besondere Aufmerksamkeit. Zuerst zur CHP. Sie hat sich schlie\u00dflich auf die Stra\u00dfendynamik und allt\u00e4glichen Demonstrationen eingelassen, diese motiviert und Kundgebungen gehalten. Gleichzeitig lancierte sie eine <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/24/ozgur-ozel-boykot-listesi-acikladi-sarachaneyi-gormeyeni-gormeyecegiz/\">Boykottkampagne</a> gegen regierungsnahe Medienunternehmen, die nicht zu den Protesten berichten, sowie \u00fcberhaupt gegen regierungsnahe Unternehmen wie die \u201enational-islamische\u201c Caf\u00e9-Kette <i>Espressolab</i>. Auch in Serbien erweist sich derzeit der intermittierende Boykott von allen Superm\u00e4rkten landesweit, dort haupts\u00e4chlich als Protest gegen die Lebensmittelpreise, als ein sehr wirkungsvolles Protestmittel. Die Ernennung von Ekrem Imamo\u011flu als Pr\u00e4sidentschaftskandidat wurde zu einem landesweiten Massenereignis transformiert. Sie war auf den 23. M\u00e4rz anberaumt worden; auch, um dieser K\u00fcr zuvorzukommen, schlug Erdo\u011fans Repressionsapparat in der Woche vom 18. M\u00e4rz zu. Die urspr\u00fcnglich parteiinterne Angelegenheit wurde daraufhin von der CHP ge\u00f6ffnet: Im ganzen Land wurden mehrere Tausend \u201eSolidarit\u00e4ts\u201c-Urnen f\u00fcr nicht-CHP-Mitglieder aufgestellt, die dort ihre Stimme f\u00fcr Imamo\u011flu als Kandidaten abgeben konnten. Trotz kurzfristiger und rein zivilgesellschaftlicher Organisation kamen <a href=\"https://ankahaber.net/haber/detay/ozgur_ozel_sarachanede_ekrem_imamoglunun_aldigi_oy_14_milyon_850_binin_uzerindedir_228823\">an die 15 Millionen Stimmen</a> f\u00fcr Imamo\u011flu zusammen.</p><p>Die Ernennung auf den 23. M\u00e4rz anzuberaumen und Erdo\u011fans Schergen dazu zu zwingen, davor zu handeln, schw\u00e4chte \u2013 vermutlich unbeabsichtigt \u2013 einen wichtigen Vorteil Erdo\u011fans, den Vorteil des g\u00fcnstigen Zeitpunkts. Denn auf das Wochenende vom 22.-23. M\u00e4rz fielen auch die zentralen Newroz-Feiern der pro-kurdischen, linken DEM-Partei. Ich hatte schon im Artikel zu <a href=\"https://revoltmag.org/articles/frieden-oder-friedhofsruhe/\">\u00d6calans Aufruf</a> vor ein paar Wochen darauf hingewiesen, dass es der AKP nun darum gehen werde, kurdische und republikanische Opposition gegeneinander auszuspielen: Den Kurd*innen wird, mit hoher Wahrscheinlichkeit nur zum Schein, der Friedenszweig angeboten. Zugleich wird damit ihre Opposition zur AKP ged\u00e4mpft, weil sie sich auf Verhandlungen einlassen. Der CHP gegen\u00fcber wird hingegen der harte Kurs beibehalten beziehungsweise noch versch\u00e4rft. Das Kalk\u00fcl: Die  nationalistische Seite der CHP aufzustacheln, indem die Vorurteile und die Ablehnung der Kurd*innen aufgrund einer angeblichen Sonderbehandlung durch die AKP angefeuert werden. So solle sich die Opposition durch Misstrauen, Uneinigkeit und Zwietracht weiter spalten.</p><p>Die Inszenierung dieser Strategie war allzu deutlich: W\u00e4hrend die <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/turkiye-kalp-krizi-geciriyor-p156204\">Polizeigewalt</a> gegen die Demonstrierenden und insbesondere die Jugendlichen in diesem Zeitraum immer h\u00e4rtere Z\u00fcge annahm und die Gouverneure vieler St\u00e4dte, am prominentesten nat\u00fcrlich der Istanbuls, mehrt\u00e4tige Versammlungs- und Demonstrationsverbote verh\u00e4ngten, lobte Erdo\u011fan nicht nur die Kurd*innen und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-nevruz-mesaji-21-mart-i-baharin-ve-kardesligin-bayrami-olarak-ilan-etmek-icin-teklif-sunmaya-varim,1227589\">bot an</a>, Newroz zu einem nationalen Feiertag zu erheben \u2013 der Gouverneur Istanbuls nahm die zentralen Newroz-Feierlichkeiten in Istanbul <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/20/19-mart-imamoglu-vakasi-sustukca-mi-susturdukca-mi-sira-gelecek/\">explizit aus</a> vom Versammlungs- und Demonstrationsverbot. Die willk\u00fcrliche Ungleichbehandlung von unterschiedlichen Personengruppen aufgrund der politischen Kalk\u00fcle der AKP wurde also sehr offensichtlich vorgef\u00fchrt. Die DEM-Partei nahm auch <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tuncer-bakirhan-kurtlerle-bir-surec-yuruturken-turkiye-nin-demokrasi-guclerini-doverim-yaklasimini-kabul-etmiyoruz,1228992\">prompt</a> gegen die Repression seit dem 18./19. M\u00e4rz <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-nun-tutuklanmasina-dem-parti-den-ilk-tepki-adalet-ve-demokrasiye-donuk-darbe,1227860\">Stellung</a>, kritisierte sie als einen \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/dem-parti-myk-imaooglu-operasyonu-ardindan-olaganustu-toplandi-sivil-bir-darbe-hayata-gecirildi,1227095\">Putsch</a>\u201c und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/istanbul-da-nevruz-kutlamalari-yenikapi-meydani-na-girisler-basladi,1227862\">stellte in Frage</a>, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ocalan-in-pkk-ya-silah-birakma-cagrisi-diyarbakir-nevruzuna-yansidi-baris-mesaji-verildi-cozum-sureci-ertelenemez-entube-edilemez,1227603\">wie Frieden</a> bei einer solchen Entdemokratisierung m\u00f6glich sein solle. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/dem-parti-den-maltepe-mitingi-karari,1228994\">Auch</a> rief sie zur gro\u00dfen CHP-Kundgebung am 29. M\u00e4rz auf.</p><p>Zeitgleich zerf\u00e4llt der neueste \u201eFriedensprozess\u201c zwischen dem t\u00fcrkischen Staat und der PKK zusehends: Der Staat <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-devletimiz-cagri-yapilmasini-saglayarak-uzerine-duseni-yapmistir-dedi-pkk-ya-seslendi-sinirsiz-vakte-ve-tahammule-sahip-degiliz,1229255\">artikuliert</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/devlet-bahceli-den-yeni-cozum-sureci-aciklamasi-geciktirmemek-ve-sahip-cikmak-oncelikli-mesele-,1229432\">immer klarer</a>, dass er nichts f\u00fcr den Frieden zu tun gedenke, au\u00dfer immer forscher die bedingungslose Kapitulation der PKK verlangen. Die PKK hingegen macht <a href=\"https://firatnews.com/kurdIstan/2025-newroz-u-Onder-apo-nun-ozgurlugu-icin-yeni-bir-baslangic-olabilir-210495\">immer</a> unmissverst\u00e4ndlicher <a href=\"https://firatnews.com/guncel/-210411\">deutlich</a>, dass sie ohne Gegenschritte des Staates <a href=\"https://firatnews.com/guncel/bayik-Onder-apo-nun-yukunu-herkes-omuzlamali-210308\">weder</a> einen Kongress anberaumen, <a href=\"https://www.rudaw.net/turkish/kurdistan/1903202511\">noch</a> die Waffen niederlegen werden.</p><p>Dennoch ging das Kalk\u00fcl Erdo\u011fans partiell auf. Wichtige Personen der CHP, wie der aus dem nationalistischen Milieu stammende B\u00fcrgermeister von Ankara, Mansur Yava\u015f, gaben rassistische und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-sarachane-de-dun-doguda-bana-gore-pacavra-olan-bayraklar-sallanirken-polisler-onlara-pamuk-sekeri-veriyordu,1227796\">antikurdische Statements</a> von sich, was dazu f\u00fchrte, dass die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ocalan-in-pkk-ya-silah-birakma-cagrisi-diyarbakir-nevruzuna-yansidi-baris-mesaji-verildi-cozum-sureci-ertelenemez-entube-edilemez,1227603\">eigentlich solide</a> CHP-Botschaft bei den Newroz-Feierlichkeiten ausgebuht wurde. F\u00fchrende Regimepers\u00f6nlichkeiten nutzen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-den-chp-nin-eylemci-kitlesi-degiliz-diyen-bakirhan-a-takdir,1228964\">jede kleinste Gelegenheit aus</a>, um die Spaltung und den Zwist zwischen dem t\u00fcrkisch-s\u00e4kularen und dem kurdischen Lager innerhalb der Opposition zu <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mhp-bayram-programini-acikladi-dem-parti-listeye-girdi-chp-ile-bayramlasma-yok,1227306\">vertiefen</a>. Generell ist heute unter t\u00fcrkischen wie kurdischen Jugendlichen der jeweilige Nationalismus st\u00e4rker geworden, wenn auch auf diffuse Art und Weise. Die bew\u00e4hrte Tradition der 1990er, der zufolge t\u00fcrkische Republikaner*innen und linke, liberale, s\u00e4kulare Kurd*innen auf die eine oder andere Art, ob in derselben Partei oder in separaten Strukturen, mehr oder minder widerspr\u00fcchlich miteinander zusammenarbeiteten, ist f\u00fcr die Jugendlichen heute nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich. Das auf kurdischer Seite aufgrund des strukturellen Rassismus durchaus nachvollziehbare, auf t\u00fcrkischer Seite mehr identit\u00e4r artikulierte hochemotionale Nationalgef\u00fchl, f\u00fchrt heute viel schneller zu wechselseitiger Abgrenzung und Ablehnung.</p><p>Ein kluges politisches Vorgehen darf diese ungleichen Nationalismen derzeit nicht frontal angehen, das kann nichts bringen. Man muss stattdessen diese Themen umschiffen und Einigendes in den Vordergrund r\u00fccken: Schlie\u00dflich profitieren alle in der T\u00fcrkei lebenden Nationen von Demokratisierung durch Anerkennung und sozialen Frieden. Das gilt generell vor allem f\u00fcr die Problemstellung des t\u00fcrkischen Nationalismus. Die Studierenden sind zwar unter F\u00fchrung linksrevolution\u00e4rer Organisationen organisiert und auf den Demos in der ersten Reihe dabei. Aber der Jugendcharakter der derzeitigen Proteste in der T\u00fcrkei weist weit \u00fcber die Studierenden hinaus: Bei den restlichen Jugendlichen <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/ilk-gun-gelen-150-bin-kisi-korku-bariyerini-yikti-p155861\">dominiert</a> ein diffuser <a href=\"https://t24.com.tr/haber/siyah-giyen-cogunlugu-milliyetci-gencler-neden-sokakta-olduklarini-anlatti-kimse-yalniz-kalmasin-diye,1228782\">t\u00fcrkischer Nationalismus</a>. Das ist ein wichtiger Unterschied zu Gezi 2013, wo der Nationalismus nicht derart dominiert hatte. Nach jahrelanger Unterdr\u00fcckung jedweder linken Haltung und der Betonung des t\u00fcrkischen Nationalismus von Regierungs- als auch den meisten Oppositionsparteien, wurde dieser zum prominentesten, gar ausschlie\u00dflichen Vehikel der Selbstidentifikation f\u00fcr viele Menschen, vor allem f\u00fcr jugendliche T\u00fcrken. Die radikalisierten Teile dieser Jugendlichen sind offen f\u00fcr die Agitation und den militanten Charakter rechtsextrem-nationalistischer Teile der Opposition wie der Partei des Sieges (<i>Zafer Partisi</i>, ZP). Diese besticht durch rigorosen antikurdischen Rassismus und einer rabiaten Hetze gegen Gefl\u00fcchtete.</p><p>Die Unterwanderung der Demonstrationen durch die Rassisten zu verhindern, ohne den gro\u00dfen Anteil t\u00fcrkeinationalistischer Jugendlicher zu verlieren \u2013 das ist eines der dr\u00e4ngenden Probleme, die sich die Jugendbewegung <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1190155.proteste-tuerkei-gemeinsam-gegen-die-akp.html?sstr=T%FCrkei\">heute anzugehen vornimmt</a>. Denn, nur weil sich t\u00fcrkische Jugendliche heute stark nationalistisch identifizieren, hei\u00dft das nicht, dass sie zwangsl\u00e4ufig faschistisch sind oder rechtsextrem werden m\u00fcssen. <a href=\"https://gazeteoksijen.com/yazarlar/bekir-agirdir/on-gundur-yasananlar-geleceksizlige-tepki-238307\">L</a><a href=\"https://gazeteoksijen.com/yazarlar/bekir-agirdir/on-gundur-yasananlar-geleceksizlige-tepki-238307\">aut einer Umfrage</a> haben auch \u00fcber 70% von ihnen Angst, dass die Freiheiten zu stark eingeschr\u00e4nkt werden, zudem sind viele sehr ungl\u00fccklich mit dem Leben im Land. Auf die Gezi-Proteste beziehen sie sich <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/candan-yildiz/yenikapi-dan-sarachane-ye-farkli-genclik-halleri-ve-olasi-riskler,49159\">positiv</a> und sie beklagen ihre <a href=\"https://umutgazetesi45.org/arsivler/131566\">\u00f6konomische Perspektivlosigkeit</a>. Nationalistisch, aber ungl\u00fccklich und freiheitlich orientiert: Das genau ist das Widerspr\u00fcchliche und Diffuse des Nationalismus der heutigen t\u00fcrkischen Jugend. Man muss und kann dieser Jugend andere Angebote machen als jene, die von den Rechtsextremen kommen.</p><p>Die Opposition ist also weiterhin durchzogen von Spaltungstendenzen, die auf strukturellen Machtverh\u00e4ltnissen und konjunktureller Ungleichbehandlung durch das Regime beruhen, und aber auch Einheitstendenzen, die gest\u00e4rkt werden m\u00fcssen. Und auch Erdo\u011fan bleibt weiter handlungsf\u00e4hig: Er und seine Schergen wurden zwar auf dem falschen Fu\u00df erwischt, geschlagen sind sie aber noch lange nicht. Er <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/25/kriz-surerken-mehmet-simseke-tek-soru-hakkiniz-olsa-ne-sorardiniz/\">verl\u00e4ngerte</a> das eigentlich dreit\u00e4gige Zuckerfest im Anschluss an den Ramadan auf ganze neun Tage (29. M\u00e4rz bis 6. April). Zum Zuckerfest reisen viele zu ihren Familien oder nehmen Urlaub. Die Idee ist daher nat\u00fcrlich, dass die Dynamik \u00fcber diese Zeit stark abnimmt und die Mobilisierung abflaut. Aber auch, damit die Basis der Regierungsparteien von den Protestierenden isoliert bleibt, damit sich kein Verst\u00e4ndnis und keine gemeinsame Anerkennung zwischen diesen Gruppen herstellen.</p><h2><b>Der steinige Weg der demokratisierenden Gegeneskalation</b></h2><p>Die wirklich schwierige und anspruchsvolle Aufgabe wird es ab jetzt sein, das Mobilisierungsniveau zu erhalten und weiter auszubauen. Ohne kontinuierliche Stra\u00dfendemonstrationen droht die Aura der Unbesiegbarkeit und \u00dcbermacht des Repressionsregimes und seiner Apparate intakt zu bleiben \u2013 und umgekehrt, der Mut und das Ungerechtigkeitsgef\u00fchl der Menschen zu versanden. Gleichzeitig m\u00fcssen neue, kreative Protest- und Aktionsformen gefunden werden, die auch handfeste Ergebnisse liefern. Insofern ist der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ozgur-ozel-imamoglu-ve-erken-secim-icin-imza-kampanyasini-bayramin-ilk-gunu-baslatti,1229257\">Plan der CHP</a>, eine landesweite Unterschriftenkampagne f\u00fcr vorgezogene Neuwahlen zu starten, mit dem Ziel, mehr Unterschriften zu sammeln, als Erdo\u011fan bei der letzten Pr\u00e4sidentschaftswahl gewonnen hat (also etwa 27 Millionen), eine von vielen guten Ideen. Den ersten Schritt hierzu ist die Bewegung mit den 15 Millionen Solidarit\u00e4tsstimmen f\u00fcr Imamo\u011flu schon gegangen; 27 Millionen setzt die Messlatte h\u00f6her, es ist riskant, aber potenziell wirkungsvoll. Bei Erfolg k\u00f6nnte der Druck auf Erdo\u011fan immens gesteigert werden. Mit 15 Millionen f\u00fcr Imamo\u011flu und 27 Millionen f\u00fcr Neuwahlen wird es \u2013 zumindest Stand heute \u2013 auch f\u00fcr Erdo\u011fan und seine Entourage schwierig, die Forderungen und die Stra\u00dfenmobilisierungen zu unterdr\u00fccken.</p><p>Vor diesem Hintergrund muss dann allersp\u00e4testens <a href=\"https://umutsen.org/index.php/2025/03/halk-isyanindan-daha-kuvvetli-olan-sadece-orgutlu-halk-isyanidir/\">zum 1. Mai</a> ein Demonstrationszug nach Taksim stattfinden, w\u00e4hrend parallel zu Demonstrationen im ganzen Land aufgerufen wird. In der Zwischenzeit k\u00f6nnten periodisch stattfindende Gro\u00dfkundgebungen und/oder auf Stadtviertel verteilte Mobilisierungen stattfinden. Die CHP verfolgt <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/29/maltepe-imamoglu-icin-doldu-tasti-ozel-oyun-bozuldu-sokaga-devam/\">aktuell</a> dieses Konzept, erwarteterweise jedoch auf niedrigem Niveau: Jeden Mittwoch eine Kundgebung in nur einem Viertel Istanbuls, jedes Wochenende eine gro\u00dfe Kundgebung in wechselnden St\u00e4dten der T\u00fcrkei. Das alleine wird kaum reichen.</p><p>Die Mobilisierungen k\u00f6nnten mit versch\u00e4rften Boykotten erg\u00e4nzt werden: Warum nicht <a href=\"https://www.serbianmonitor.com/en/results-of-supermarket-boycott/\">wie in Serbien</a> ein, zwei Tage in der Woche festlegen, an denen alle Superm\u00e4rkte boykottiert werden? Auch und vor allem in der T\u00fcrkei sind schlie\u00dflich die Lebensmittelpreise durch die Decke gegangen und die Regierung hat schlicht dabei zugeschaut, wie die Breite der Bev\u00f6lkerung in Armut versinkt. Erste Initiativen gibt es bereits: Angesto\u00dfen von der Studierendenbewegung wird derzeit \u00fcber einen <a href=\"https://techolay.net/sosyal/konu/2-nisan-tuketim-boykotu.101414/\">ersten umfassenden Konsumboykott am 2. April</a> diskutiert. Herausforderungen an das Regime, die Debatte und auch das Verfahren gegen Imamo\u011flu \u00f6ffentlich zu f\u00fchren, k\u00f6nnten ebenfalls forciert werden.</p><p>Mit diesen Mitteln \u2013 erg\u00e4nzt um weitere, neu zu erprobende Protestformen \u2013 kann die Initiative der Opposition gest\u00e4rkt und das Mobilisierungsniveau hochgehalten werden. Gleichzeitig d\u00fcrfen die Oppositionsparteien nicht mit dem Ziel der Kontrollierbarkeit der Bewegung durch die Parteien die Spontaneit\u00e4t von Demonstrationen unterdr\u00fccken, sondern m\u00fcssen diese aktiv ermutigen. Alle Kan\u00e4le des Kampfes m\u00fcssen eben entfesselt werden, ob organisiert oder unorganisiert, geplant oder spontan. Es ist dann wirklich nicht abwegig, dass Erdo\u011fan zu Neuwahlen gezwungen und besiegt werden kann \u2013 aber eben nur, wenn die politischen Forderungen durch die Breite der Bev\u00f6lkerung und ihrer Massenaktivit\u00e4t getragen werden. Auch wenn die Bewegung weniger erfolgreich wird, k\u00f6nnten dennoch wichtige Errungenschaften erk\u00e4mpft werden. Partiell k\u00f6nnten Ergebnisse der Repressionsfurie revidiert werden, etwa der Diplomentzug oder vielleicht sogar die Inhaftierung Imamo\u011flus. Das alles k\u00f6nnen realistische Entwicklungen sein.</p><h2><b>Katalysator oder Verhandlungsmasse?</b></h2><p>F\u00fcr Linke gilt allgemein das, was der Co-Vorsitzende der DEM, Tuncer Bak\u0131rhan, \u00fcber sich und die Basis seiner Partei <a href=\"https://www.rudaw.net/turkish/middleeast/turkey/2703202517\">gesagt hat</a>: Wir sind keine Aktivist*innen- oder Verhandlungsmasse der CHP; wir k\u00e4mpfen f\u00fcr den langfristigen gesellschaftlichen Frieden. Denn es geht hier nicht nur um Unrecht gegen einen Kandidaten der CHP, sondern um eine umfassende Welle der Autoritarisierung: Sie trifft Linke, Minderheiten und Gefl\u00fcchtete, sch\u00fcrt nationalistisch-chauvinistische Hetze und f\u00fchrt zu einem massiven Einbruch des Lebensstandards der werkt\u00e4tigen Mehrheit. Gleichzeitig kann nur eine autonome und selbst\u00e4ndige Linke der Garant daf\u00fcr sein, dass die Dynamik nicht wieder von der CHP erstickt wird und auch minimale Errungenschaften nicht wieder verloren gehen. Die CHP w\u00fcrde nat\u00fcrlich am liebsten ganz ohne potenziell unkontrollierbare gesellschaftliche Dynamik die n\u00e4chsten Wahlen in drei Jahren abwarten (sogar <a href=\"https://www.nefes.com.tr/yazarlar/aytunc-erkin/lider-ben-olacaktim-simdi-toplum-bana-liderlik-yapiyor-24873\">Imamo\u011flu selbst</a> klingt aus dem Gef\u00e4ngnis manchmal danach). Die revolution\u00e4re Linke mobilisiert daher eigenst\u00e4ndig unter <a href=\"https://www.toplumsalozgurluk.org/2025/03/28/ferman-padisahin-sokaklar-bizimdir/\">Slogans wie</a> \u201eDekrete geh\u00f6ren dem Sultan, die Stra\u00dfe geh\u00f6rt uns\u201c oder der dreifachen Forderung nach \u201eGeneralstreik \u2013 umfassender Widerstand \u2013 Boykott\u201c. Tats\u00e4chlich diskutieren mehrere Gewerkschaften derzeit die <a href=\"https://jacobin.com/2025/03/turkey-erdogan-imamoglu-chp-protests\">M\u00f6glichkeiten des Generalstreiks</a>. Obwohl die gewerkschaftliche Organisierung schwach ist und eine fl\u00e4chendeckende Perspektive unwahrscheinlich erscheint, zeigt die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/boykot-sorusturmasinda-egitim-sen-yoneticilerine-iki-hafta-ev-hapsi,1228543\">juristische Repression gegen</a> die Bildungsgewerkschaft E\u011fitim-Sen, dass die Regierung davor Angst hat. E\u011fitim-Sen hatte zu einem akademischen Streik aufgerufen. Angefangen mit einem solchen k\u00f6nnten <a href=\"https://umutgazetesi45.org/arsivler/131566\">Option</a><a href=\"https://umutgazetesi45.org/arsivler/131566\">en ausgelotet werden</a>, in welche Sektoren Streik- und Protestbewegungen ausgeweitet werden k\u00f6nnen \u2013 so zum Beispiel in die Metall- und Automobilsektoren, die vergleichsweise stark gewerkschaftlich organisiert und links orientiert sind.</p><p>\u00dcber die Macht in der Produktionssph\u00e4re aber auch in Demonstrationsmobilisierungen kann und muss die Linke ihre eigenst\u00e4ndigen Akzente setzen, ohne sich auf eine allgemeine <a href=\"https://www.karsimahalle.org/2025/03/25/darbe-ve-sonrasi\">Verteidigung demokratischer Mindeststandards</a> mit der breiten Opposition gegen Erdo\u011fan zu beschr\u00e4nken: Sie muss einen erweiterten Demokratiebegriff akzentuieren, der gesellschaftliche Aktivit\u00e4t von unten abseits einer blo\u00dfen Bek\u00e4mpfung des Autoritarismus stark macht; die Klasseninteressen der werkt\u00e4tigen Mehrheit gegen die post-neoliberale Wirtschaftspolitik der Regierung und die eher orthodox-neoliberale Perspektive der Opposition hervorheben; und schlie\u00dflich eine Vision f\u00fcr eine alternative T\u00fcrkei jenseits von Nationalismus, Rassismus, Chauvinismus und Autoritarismus aufzeigen. Dabei gilt es, zwei Sackgassen zu vermeiden: Einerseits eine linksradikale Abgehobenheit, die sich auf das Deklamieren besonders revolution\u00e4r klingender Parolen beschr\u00e4nkt und politisch absolut unwirksam ist; andererseits eine reformistische Anpassung an die gem\u00e4\u00dfigte, neoliberale und eventuell nur sehr beschr\u00e4nkt demokratische Agenda der b\u00fcrgerlichen Opposition unter F\u00fchrung der CHP. Gelingt es der Linken, in einer gemeinsam geteilten Minimalperspektive der Verteidigung von freien Wahlen gegen autorit\u00e4re \u00dcbergriffe ihre eigenen Formen und Punkte hervorzuheben, kann auch sie trotz der relativen F\u00fchrung der Oppositionsdynamik durch die CHP erstarken und zu einer Alternative innerhalb der Opposition werden.</p><p>Einfach wird es nicht: Beim kleinsten Anlass oder beim Abebben der Dynamik wird die Repressionskeule wieder f\u00fcrchterlich auf die Opposition niedergehen. Alle bisherigen Errungenschaften k\u00f6nnen genauso gut wieder verloren gehen und Erdo\u011fan seine Repression weiter ausbauen. Zudem wei\u00df Erdo\u011fan, dass er R\u00fcckendeckung von der EU und von den USA hat, weil diesen der Kampf gegen Autoritarismus nur dann wichtig ist, wenn es gegen geopolitische Gegner wie Putin geht. Sind es allerdings n\u00fctzliche Autokrat*innen, wie derzeit die T\u00fcrkei in r\u00fcstungsindustrieller (Stichwort: <a href=\"https://www.politico.eu/article/turkey-crisis-recep-tayyip-erdogan-ekrem-imamoglu-arrest-eu-accession-funds/\">europ\u00e4ische Aufr\u00fcstung</a>), aber auch in <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2025-03-24/turkey-erdogan-bets-nato-allies-will-turn-a-blind-eye-to-turmoil\">milit\u00e4rischer Hinsicht</a> bei eventuellen \u201eFriedenstruppen\u201c in der Ukraine, dann akzeptiert man diese auch sehr gerne. Selbst Imamo\u011flu richtet sich mittlerweile in der <i>New York Times</i> an die USA und an Europa und <a href=\"https://www.nytimes.com/2025/03/28/opinion/mayor-imamoglu-arrested-erdogan.html\">erinnert diese h\u00f6flich daran</a>, bei aller Geopolitik den Kampf um Demokratisierung nicht zu vergessen. Welch Zeiten, in denen die Peripherie das Zentrum daran erinnert, dass es mal hegemonial agierte in der (westlichen) Welt!</p><p>Die k\u00e4mpfenden Menschen in der T\u00fcrkei k\u00f6nnen sich derzeit nur auf sich selbst verlassen \u2013 und auf die Solidarit\u00e4t eines non-staatlichen subalternen Internationalismus. Die Verlogenheit von USA und EU kann man dann daher durchaus auch als Chance begreifen: N\u00e4mlich zur Festigung der Einsicht, dass nur subalterne Selbstaktivit\u00e4t, Selbstorganisation und schlie\u00dflich internationale Solidarit\u00e4t einen progressiven und sozialen Weg aus der Hegemoniekrise des Kapitalismus in der T\u00fcrkei wie weltweit erm\u00f6glichen.</p><hr/><h3><b>Anmerkung</b>:</h3><p>Gro\u00dfen Dank an Johanna Br\u00f6se, Lily Lynch und Svenja Huck f\u00fcr Kommentare, Kritik und Korrekturen.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Februar 2025 eine gro\u00dfe \u00dcberraschung dar. Dabei war der Aufruf Teil eines l\u00e4ngeren Verhandlungsprozesses zwischen staatlichen Akteuren und kurdischen Politiker*innen. Der Prozess wurde \u2013 zumindest \u00f6ffentlich wahrnehmbar \u2013 Ende 2024 auf Initiative von Devlet Bah\u00e7eli, Erdo\u011fans Verb\u00fcndetem von der rechtsextremen nationalistischen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP), angesto\u00dfen. Verbl\u00fcffend war die Entwicklung daher schon im Herbst 2024: Immerhin lief Bah\u00e7eli einst immer <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/articles/c2kdk9581z0o\">mit einem Strick herum</a>, mit dem er \u00d6calan aufh\u00e4ngen wollte. Ob schon l\u00e4ngere Zeit zuvor Gespr\u00e4che im Hintergrund liefen, <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/03/nevruz-resmi-bayram-ya-da-tatil-ilan-edilsin-buradan-baslayalim/\">ist stark</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ozgur-ozel-den-iktidara-ocalan-ve-surec-tepkisi-milletin-akliyla-alay-etmeyin,1222234\">umstritten</a>, jedoch nicht unwahrscheinlich. In seinem Aufruf vom 27. Februar forderte \u00d6calan nun nicht nur eine Entwaffnung \u201ealler Gruppen\u201c, einschlie\u00dflich der PKK, und eine Aufl\u00f6sung der PKK. Er r\u00fcckte auch explizit von fr\u00fcheren Forderungen, etwa einer f\u00f6deralen L\u00f6sung der \u201eKurdischen Frage\u201c in der T\u00fcrkei, ab und scheint nun eine viel engere Perspektive zu vertreten: die einer Demokratisierung innerhalb der gegebenen staatlichen Strukturen der Republik T\u00fcrkei. Auch an anderer Stelle weist der aktuelle Aufruf \u00d6calans weit \u00fcber fr\u00fchere hinaus: Auf Grundlage durchaus problematischer Interpretationen der Gegenwart konstatiert \u00d6calan zum ersten Mal explizit, dass die Zeit der PKK vorbei sei \u2013 das Ende der Sowjetunion und die Entwicklungen hinsichtlich der Freiheiten habe sie obsolet gemacht. Vor allem der letzte Punkt sorgt zurecht f\u00fcr starke Irritationen. Fr\u00fchere <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/gokcer-tahincioglu-yuzlesme/ocalan-dan-beklenen-cagri-geldi-simdi-ne-olacak,48804\">Spekulationen</a>, dass \u00d6calan den Aufruf auch an Rojava richtete \u2013 er spricht ja von \u201eallen Gruppen\u201c \u2013, scheinen durch die Tatsache best\u00e4tigt zu werden, dass Salih M\u00fcsl\u00fcm von der PYD und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mazlum-abdi-bu-cagriya-yaklasimimiz-olumludur-mesele-baris-meselesidir-cagri-pkk-yadir-bolgemiz-uzerinde-de-etkili-olacak,1222077\">Mazlum Abdi</a> von der SDF positiv auf den Aufruf reagierten. M\u00fcsl\u00fcm <a href=\"https://t24.com.tr/haber/salih-muslim-den-ocalan-cagrisina-ilk-aciklama-siyasi-bir-grup-olarak-faaliyet-gostermemize-izin-verilirse-silah-birakacagiz,1222067\">bot sogar an</a>, sich selbst (also die YPG und YPJ) zu entwaffnen, wenn sie als PYD weiterhin als politische Organisation existieren d\u00fcrften. Das Regierungslager jedenfalls <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/pkk-kongresini-nisan-ayinda-topluyor-42716868\">erwartet</a> Entwaffnung und Demobilisierung <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-cagri-bastan-sana-degerli-ve-onemli-orgutun-butun-bilesenlerine-yapildi-turk-milleti-namina-mutesekkiriz,1222598\">explizit auch in Rojava</a>.</p><p>W\u00e4hrend Intellektuelle, Liberale und die regierungsnahe Presse \u00d6calans Ank\u00fcndigung lobten, herrschte unter Linken Uneinigkeit: Was ist geschehen? Hat \u00d6calan die Kurden verraten? Was, wenn nicht eine totale Kapitulation, k\u00f6nnte eine Selbstaufl\u00f6sung der PKK unter den derzeitigen Bedingungen in der T\u00fcrkei bedeuten? Ich nahm diesen Artikel haupts\u00e4chlich deshalb in Angriff, weil viele meiner Freund*innen und Genoss*innen wegen \u00d6calans Erkl\u00e4rung \u00fcberrascht und irritiert mit Fragen dieser Art an mich herantraten.</p><h2><b>Die Vektoren eines inkoh\u00e4renten Prozesses</b></h2><p>Es macht Sinn, die Machtverh\u00e4ltnisse und das m\u00f6gliche strategische Kalk\u00fcl der Hauptakteure vor einem historischen Hintergrund zu betrachten, bevor man zu einem endg\u00fcltigen Urteil kommt. Obwohl sich das Erdo\u011fan-Regime seit Jahren in einer tiefen hegemonialen Krise befindet, wird gleichzeitig ein Prozess der autorit\u00e4ren Konsolidierung vorangetrieben. Im Rahmen dieses Prozesses wurde der Staat umstrukturiert und in stark autorit\u00e4rer Weise um das von Erdo\u011fan gef\u00fchrte Pr\u00e4sidialamt zentriert. Mit Ausnahme der Kommunalwahlen im Jahr 2024 wird dieser Prozess von den W\u00e4hler*innen unterst\u00fctzt, wenn auch nur sehr knapp und unter sehr unfairen und teils auch unfreien Bedingungen des elektoralen Wettbewerbs. Gleichzeitig befindet sich die PKK in der T\u00fcrkei seit Jahren auf dem R\u00fcckzug. In Syrien haben j\u00fcngst von der T\u00fcrkei unterst\u00fctzte Islamisten Assad gest\u00fcrzt und die Macht \u00fcbernommen. Man kann also derzeit festhalten, dass der t\u00fcrkische Staat und die Regierung aus einer Position der relativen St\u00e4rke heraus agieren, w\u00e4hrend die kurdischen Kr\u00e4fte relativ geschw\u00e4cht sind. Ich sage relativ geschw\u00e4cht, denn dass die Kurd*innen in ihrer Existenz \u00fcberhaupt anerkannt werden und auf eine Art und Weise, wenn auch auf schwacher Basis, mit ihren politischen und milit\u00e4rischen F\u00fchrer*innen \u201everhandelt\u201c wird, das ist nat\u00fcrlich auch Ergebnis eines jahrzehntelang gef\u00fchrten Kampfes.</p><p>Aufgrund dieser Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse wird der aktuelle Prozess seitens der Regierung auch \u2013 ungleich fr\u00fcherer \u00e4hnlicher Versuche \u2013 nicht \u201eFriedensprozess\u201c oder \u201eL\u00f6sungsprozess\u201c genannt. Stattdessen hei\u00dft er \u201eterrorfreie T\u00fcrkei\u201c (<i>ter\u00f6rs\u00fcz T\u00fcrkiye</i>/<i>Ter\u00f6rden And\u0131r\u0131lm\u0131\u015f T\u00fcrkiye</i>). Nicht einmal das Wort \u201eProzess\u201c wird gebraucht \u2013 der w\u00fcrde ja eine Beteiligung mehrerer Partien mehr oder minder auf Augenh\u00f6he und mit offener Perspektive nahelegen. Und dementsprechend l\u00e4uft es derzeit auch ab: Die Forderungen der Regierung sind stark, die Angebote sind schwach. Es ist prinzipiell unklar, was der Staat als Gegenleistung f\u00fcr die Niederlegung der Waffen und die Aufl\u00f6sung der PKK anzubieten hat. Zumindest ist kaum etwas \u00f6ffentlich kommuniziert worden, au\u00dfer, dass \u00d6calan <a href=\"https://www.nefes.com.tr/yazarlar/nuray-babacan/ocalana-kisitli-ozgurluk-19044\">m\u00f6glicherweise</a> unter Hausarrest gestellt werden k\u00f6nnte. Derzeit wird jedenfalls tagt\u00e4glich posaunt, dass gar keine Deals und <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/tarihi-cagri-42711208\">gar keine Gegenangebote</a> staatlicherseits gemacht werden. <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/gokcer-tahincioglu-yuzlesme/ocalan-dan-beklenen-cagri-geldi-simdi-ne-olacak,48804\">Ger\u00fcchte</a> von hinter den Kulissen deuten auf die M\u00f6glichkeit eines Ende der weit verbreiteten Praxis hin, gew\u00e4hlte kurdische B\u00fcrgermeister*innen durch von der Zentralregierung bestellte Beamte, die sogenannten Zwangsverwalter (<i>kayyum</i>), zu ersetzen; zudem auf ein Ende der Aggressionen gegen das kurdisch dominierte Nordsyrien, besser bekannt als Rojava, und vielleicht auf die Freilassung bestimmter Gefangener. Doch im Gegensatz zu fr\u00fcheren Verhandlungsprozessen ist nichts davon bisher deutlich artikuliert oder schriftlich festgehalten worden. Au\u00dferdem ist klar: Dass gew\u00e4hlte B\u00fcrgermeister*innen nicht durch Zwangsverwalter ersetzt werden, sollte keine Verhandlungsmasse, sondern nach Wahlen die \u00fcbliche Praxis sein. Es w\u00e4re die Einhaltung von Minimalbedingungen b\u00fcrgerlicher Demokratie und das auch nur in bestimmten Hinsichten. Eine solche Leistung im Gegenzug f\u00fcr Entwaffnung und Demobilisierung anzubieten, entleert den Begriff der \u201eDemokratisierung\u201c.</p><p>Auch direkte \u00c4u\u00dferungen von AKP-F\u00fchrungspersonen seit \u00d6calans Erkl\u00e4rung laufen darauf hinaus, dass man darauf wartet, dass sich die PKK selbst aufl\u00f6st (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/akp-den-ocalan-in-cagrisi-sonrasi-ilk-aciklama,1222040\">Efkan Ala</a>); verst\u00e4rkend werden Drohgeb\u00e4rden in Richtung Rojavas und der PKK gemacht, sollte sich die PKK nicht oder nur zum Schein aufl\u00f6sen (<a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/03/nevruz-resmi-bayram-ya-da-tatil-ilan-edilsin-buradan-baslayalim/\">Erdo\u011fan</a>). Diese und weitere Umst\u00e4nde, etwa das Fehlen vermittelnder Drittstaaten, das Fehlen von Verhandlungen mit konkreten Verhandlungspunkten oder die nicht vorhandene parlamentarische Beteiligung sind die materiellen Indizien, die darauf hindeuten, dass der Staat aus relativer St\u00e4rke heraus viel fordert und wenig bis nichts bietet. Zusammen mit der Fokussierung auf eine \u201eterrorfreie T\u00fcrkei\u201c sowie die Tatsache, dass wichtige Sprecher des Regimes wie der Pr\u00e4sidentenberater Mehmet U\u00e7um betonen, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-basdanismani-mehmet-ucum-turkiye-nin-kurt-sorunu-mesele-olmaktan-cikti-konuya-donustu,1213326\">die Kurd*innen seien Teil der t\u00fcrkischen Nation</a>, lassen es mehr als fraglich erscheinen, dass der Staat eine wirkliche soziale Vers\u00f6hnung der V\u00f6lker oder einen sozialen Frieden anstrebt. Ganz zu schweigen von der politischen Bilanz der AKP und ihrer Verb\u00fcndeten, die in den letzten Jahren die Reste der Demokratie in Grund und Boden gestampft haben. Warum aber haben sich \u00d6calan und die (PKK-nahen) kurdischen Kr\u00e4fte in diesem Machtgef\u00fcge dann \u00fcberhaupt auf diesen Prozess eingelassen?</p><h2><b>Man\u00f6vrieren in einer Zeit der Monster</b></h2><p>Einerseits ist es gerade das kurz skizzierte Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis, das den kurdischen Kr\u00e4ften diesen Prozess prinzipiell aufgedr\u00e4ngt hat. Darauf nicht einzugehen, riskiert beispielsweise eine milit\u00e4rische Eskalation in Rojava mit sehr sicher fatalen Folgen. Jede Partie verfolgt die internationale Politik, das ist keine Blau\u00e4ugigkeit. Auch Erdo\u011fan macht das deutlich, wenn er in Richtung Rojavas <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/03/nevruz-resmi-bayram-ya-da-tatil-ilan-edilsin-buradan-baslayalim/\">ganz unverbl\u00fcmt droht</a>: Bald steht niemand mehr hinter euch, und dann sind wir, ihr in Rojava und wir, die T\u00fcrkei, ganz allein miteinander in der Region. Er muss dabei nicht einmal explizit auf Trumps Umgang mit der Ukraine als Beispiel verweisen. Rojava wei\u00df, dass es allein keinen Krieg mit der T\u00fcrkei gewinnen kann. Andererseits muss die kurdische Seite auch aus hegemonialer Sicht auf das \u201eAngebot\u201c des Staates reagieren. Die Forderung nach Frieden genie\u00dft in der kurdischen Bev\u00f6lkerung ein hohes Ansehen. Ein Angebot des Staates in diese Richtung nicht anzunehmen, wie fraglich und zweideutig das Angebot auch sein mag, riskiert, Millionen kurdischer W\u00e4hler*innen an die AKP zu verlieren. Es sollte nicht vergessen werden, dass die AKP bei nationalen wie lokalen Wahlen in den kurdischen Gebieten der T\u00fcrkei in den fr\u00fchen 2000er-Jahren mit Versprechungen von Demokratisierung und Frieden zur st\u00e4rksten Partei wurde.</p><p>Die kurdischen Kr\u00e4fte m\u00fcssen daher auf das Angebot von Staat und Regierung auf die eine oder andere Weise eingehen. Die entscheidende Frage ist aber, wie genau. Die PKK-F\u00fchrung in den Kandil-Bergen hat die Initiative und insbesondere \u00d6calans \u00c4u\u00dferungen und Forderungen zun\u00e4chst weniger und dann mehr unterst\u00fctzt. Gleichzeitig blieb sie skeptisch gegen\u00fcber dem Verlauf des Prozesses. Die PKK wies auf die offensichtlichen Schw\u00e4chen hin: die fehlenden Garantien, die ausstehenden Gegenleistungen des Staates und die fortgesetzte Freiheitsberaubung \u00d6calans. <a href=\"https://firatnews.com/kurdIstan/pkk-bugunden-gecerli-olmak-uzere-ateskes-ilan-ediyoruz-209788\">Jetzt</a> steht sie voll und ganz hinter \u00d6calans Erkl\u00e4rung. Was daraus im Konkreten folgt, das wird aber von der PKK ebenfalls nicht sehr klar ausbuchstabiert. Auch \u00d6calan betonte in einem, seinem Aufruf beigef\u00fcgten, aber separat vorgelesenen Vermerk, die Aufl\u00f6sung der PKK und ihre Niederlegung der Waffen k\u00f6nne in praktischer Hinsicht nat\u00fcrlich nur in einem demokratischen Rahmen und bei entsprechender Rechtslage erfolgen. Auch die PKK fordert einen solchen Rahmen, inklusive einer Freilassung von \u00d6calan, die sie als unabdingbar f\u00fcr die Einberufung eines Kongresses sieht, auf dem eine Entwaffnung und Selbstaufl\u00f6sung beschlossen werden soll.</p><p>Aber wird der Staat diese Forderungen erf\u00fcllen? Und umgekehrt: Wird die PKK auf einem Kongress tats\u00e4chlich ihre Aufl\u00f6sung verk\u00fcnden \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/gokcer-tahincioglu-yuzlesme/ocalan-dan-beklenen-cagri-geldi-simdi-ne-olacak,48804\">oder eher</a> ank\u00fcndigen, dass sie es zu tun gedenken, aber nur, wenn der Staat die Bedingungen daf\u00fcr schafft, etwa durch rechtliche Garantien f\u00fcr Guerillas und andere Zusagen? Und wie wird der Staat dann damit umgehen? Oder, in eine andere Richtung gedacht: Wird sich die PKK offiziell aufl\u00f6sen \u2013 aber inoffiziell Schattenstrukturen im Irak und Iran unterhalten oder zumindest Wege zur Re-Organisation schaffen, falls die Gespr\u00e4che wieder scheitern? Was in Kolumbien nach dem Abkommen mit der FARC geschah, ist sicher vielen Beteiligten in Erinnerung: Die Paramilit\u00e4rs setzten ihre Gewalt fort und die Garantien wurden nur teilweise eingehalten. Teile der FARC formierten sich daraufhin neu \u2013 wohlgemerkt unter weit schlechteren Bedingungen als zuvor. Ein wichtiger Unterschied in diesem Vergleich liegt nat\u00fcrlich darin, dass es in Kolumbien zumindest schriftliche Garantien gab. In der T\u00fcrkei gibt es bisher noch nicht einmal welche.</p><h2><b>Die Kr\u00e4ftematrix der Kalk\u00fcle</b></h2><p>Bei all dem ist Erdo\u011fans Kalk\u00fcl klar: Er will die Opposition spalten und weitere Unterst\u00fctzung f\u00fcr eine Verfassungs\u00e4nderung gewinnen. Diese w\u00fcrde es ihm erlauben, erneut f\u00fcr das Pr\u00e4sidentenamt zu kandidieren, ohne vorgezogene Neuwahlen auszurufen \u2013 zu Bedingungen, die es ihm legal wie elektoral leichter machen w\u00fcrden, die erste Runde des Pr\u00e4sidentschaftsrennens zu gewinnen. Daher macht auch der Zeitpunkt des derzeitigen \u201eProzesses\u201c total Sinn: Ein bis zwei Jahre d\u00fcrfte es dauern, bis optimalerweise Ergebnisse des \u201eProzesses\u201c vorliegen; 2027 wird fr\u00fchestens mit Neuwahlen gerechnet. Er hofft, f\u00fcr die Verfassungs\u00e4nderungen wie auch elektoral die Kurd*innen zu gewinnen, denen er dann m\u00f6glicherweise eine geringere Repression in den kommenden Monaten und Jahren oder andere kleinere Zugest\u00e4ndnisse in Aussicht stellen k\u00f6nnte. Umgekehrt hofft er darauf, die Zustimmung in seiner Basis st\u00e4rken und halten zu k\u00f6nnen. Immerhin k\u00f6nnte er sich dann als den Friedenspr\u00e4sidenten pr\u00e4sentieren, der den \u201eTerror\u201c in der T\u00fcrkei beendet hat.</p><p>Gleichzeitig wird das derzeitige sehr hohe Ma\u00df an Repression, auch gegen die wichtigste Oppositionspartei, die Republikanische Volkspartei (CHP), sicherlich beibehalten werden. Ziel ist es nicht nur, ihre organisatorische und hegemoniale St\u00e4rke zu brechen, sondern auch Zwietracht unter den oppositionellen Kr\u00e4ften zu s\u00e4en. Wenn sich Kurd*innen und Staat ohne die CHP einigen und der Staat die Kurd*innen besser oder zumindest nicht mehr ganz so schlecht behandelt wie zuvor, beziehungsweise wie die CHP, dann k\u00f6nnten sich in der CHP und vor allem in der CHP-W\u00e4hler*innenschaft alte \u00dcberzeugungen wieder verfestigen: n\u00e4mlich, dass die Kurd*innen jederzeit bereit seien, sich mit Erdo\u011fan f\u00fcr ihre partikularen Vorteile zu einigen und eine demokratische Zukunft des Landes zu verraten. Ganz zu schweigen vom Unmut der rechtsextrem-nationalistischen Teilen der Opposition au\u00dferhalb der MHP, die auch noch den f\u00fcr die T\u00fcrkei vorteilhaftesten Deal mit der PKK aus Prinzip ablehnen, und <a href=\"https://www.t24.com.tr/haber/iyi-parti-imrali-surecine-tepkiler-cogaliyor-partimize-ilgi-artiyor,1222901\">jetzt schon</a> ihre Opposition zum neuen \u201eProzess\u201c lautstark verk\u00fcnden.</p><p>Die offizielle kurdische Politik hingegen k\u00f6nnte in ihrer Opposition zu Erdo\u011fan vorsichtiger werden, um keine Verhandlungsoptionen zu verlieren. So war es letztlich bei Gezi 2013, als zwar die Kurd*innen auch en masse auf die Stra\u00dfe gingen, die \u201eoffizielle\u201c Politik der HDP anf\u00e4nglich aber eine sehr vorsichtige und distanzierte war. Letztlich h\u00e4tte es ein Einheitskandidat der Opposition im Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf \u2013 und das wird nach derzeitiger Lage fast sicher der derzeitige B\u00fcrgermeister von Istanbul, Ekrem Imamo\u011flu von der CHP werden \u2013 dann viel schwerer, als Sieger aus den Wahlen gegen Erdo\u011fan hervorzugehen: Denn ein Einverst\u00e4ndnis zwischen CHP und Kurd*innen wird erschwert werden, die rechtsextremen Nationalist*innen werden gespalten sein. Optimalerweise kommt es \u00fcberhaupt nicht zu einem Einverst\u00e4ndnis \u00fcber einen Einheitskandidaten in der Opposition und Erdo\u011fan gewinnt in der ersten Runde der Wahlen. So weit das Kalk\u00fcl des Erdo\u011fan-Lagers.</p><p>Die kurdischen Kr\u00e4fte und darin vor allem die derzeit f\u00fchrende legale pro-kurdische Partei f\u00fcr Emanzipation und Demokratie der V\u00f6lker (DEM) hingegen rechnen damit, dass sie durch Verhandlungen ihren politischen Spielraum erweitern und auch in der kurdischen Bev\u00f6lkerung noch mehr hegemonialen R\u00fcckhalt gewinnen k\u00f6nnen. Die kurdische Bev\u00f6lkerung ist und bleibt die wichtigste gesellschaftliche Basis der PKK wie auch der DEM. Es sind nicht Linke oder S\u00e4kulare, die die gesellschaftliche Hauptbasis von PKK und DEM bilden. Das darf man nicht vergessen. In zuk\u00fcnftigen Verhandlungen mit dem Staat oder der CHP k\u00f6nnte eine in ihrer Hauptbasis gest\u00e4rkte DEM sich dann besser durchsetzen. Sie w\u00e4re dann, wenn sie zumindest Teile ihrer Forderungen nach Amnestie durchsetzen kann, um entwaffnete aber politisch militante, willensstarke und extrem f\u00e4hige Kader der (dann wohl ehemaligen) PKK gest\u00e4rkt. PKK-F\u00fchrer geben zumindest deutlich die Ansage durch, dass sie <a href=\"https://firatnews.com/guncel/karasu-Onder-apo-nun-kongre-surecinde-devreye-girmesi-gerekli-209922\">weiter den politischen Kampf um Demokratie und Sozialismus in einer anderen Form f\u00fchren werden</a>, auch wenn sie sich entwaffnen und aufl\u00f6sen.</p><p>Aber die DEM ist nat\u00fcrlich auch nur menschlich, allzu menschlich. Vielleicht haben sich ihre F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten ja auch wirklich in die Illusion hineinbegeben, dass hier eine ernstgemeinte Friedensabsicht vonseiten des Staates vorliegt \u2013 ganz ohne Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und Machtkalk\u00fcle. \u00d6calan ist eine herausragende Pers\u00f6nlichkeit der Geschichte der modernen T\u00fcrkei und \u00fcberhaupt der modernen Menschheitsgeschichte, wie es nur sehr wenige gibt. Es ist unm\u00f6glich, dass er die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und Machtkalk\u00fcle nicht kennt und nicht mitbedenkt. Er versucht daher sicherlich, auf ihrem Hintergrund strategisch zu agieren. Aber auch er ist zugleich menschlich, allzu menschlich. Warum sollte er nicht darauf hoffen, dass er noch zu Lebzeiten zum Nelson Mandela der T\u00fcrkei beziehungsweise der Kurd*innen (in der T\u00fcrkei) emporsteigt? Vielleicht ist er ja auch ernsthaft bereit, den Preis zu zahlen, den auch Nelson Mandela zu zahlen bereit war: Aufgabe jedweden Anspruchs auf einen Zustand nach dem Kapitalismus sowie eine von Anfang an sehr riskante und potenziell nur sehr beschr\u00e4nkte Aufhebung rassistischer Gesellschaftsstrukturen. Auch das ist m\u00f6glich.</p><h2><b>Schuld und S\u00fchne</b></h2><p>Die politischen Entscheidungen und K\u00e4mpfe der kommenden Zeit werden zeigen, welches strategische Kalk\u00fcl in welchem Ausma\u00df aufgeht. In jedem Fall sollte klar sein, dass Aussichten auf einen nachhaltigen Frieden und eine umfassende Demokratisierung auf der Grundlage der oben skizzierten Machtverh\u00e4ltnisse und Berechnungen nicht priorit\u00e4r auf der Tagesordnung stehen. Daran sollte es keinen ernsthaften Zweifel geben: Eine durchgreifende Demokratisierung und ein dauerhafter Frieden werden mit Erdo\u011fan und Bah\u00e7eli prinzipiell nicht m\u00f6glich sein. Sie h\u00e4tten Zeit genug gehabt, ihren Wunsch nach Demokratie praktisch zu beweisen.</p><p>Zugleich sollte man ihre Man\u00f6vrierf\u00e4higkeit nicht untersch\u00e4tzen: Sie k\u00f6nnen partiell nachgeben und kleinere Zugest\u00e4ndnisse machen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Erdo\u011fan und Bah\u00e7eli auf ein Szenario \u00e4hnlich wie in Kolumbien zielen: Auf eine strukturelle Schw\u00e4chung von bewaffneter Fundamentalopposition, zudem politische St\u00e4rkung der Rechten und des autorit\u00e4ren Regimes. Bestenfalls wollen sie allerdings gar keine Zugest\u00e4ndnisse machen. Daher sollte auch die <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/03/nevruz-resmi-bayram-ya-da-tatil-ilan-edilsin-buradan-baslayalim/\">Kakophonie</a> der Stimmen aus dem Regierungs(nahen)lager \u2013 einige wollen abwarten, andere drohen exzessiv, Bah\u00e7eli <a href=\"https://halktv.com.tr/makale/bahceli-pervin-buldani-da-aradi-918716\">dankt</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imrali-heyeti-uyesi-sirri-sureyya-onder-aciklama-yapiyor,1223089\">ganz lieb</a> kurdischen Politiker*innen \u2013 und die weiterhin hohe Repression auch gegen Kurd*innen nicht als das Werk von konspirativen Saboteur*innen gegen den Prozess interpretiert werden, wie es einige DEM-Politiker*innen zumindest in ihrer \u00f6ffentlichen Kommunikation machen. Es gibt keine Machtgruppen mehr im Staat, die bei so wichtigen Angelegenheiten wie dem derzeitigen Prozess ohne oder gar gegen Erdo\u011fans und Bah\u00e7elis Zustimmung agieren k\u00f6nnten. Zuckerbrot und Peitsche, das ist das, was gerade staatlicherseits gemacht wird. Divide et impera, das ist das, was staatlicherseits anvisiert ist.</p><p>Dass es derzeit keine Perspektive auf einen nachhaltigen Frieden oder eine umfassende Demokratisierung in der T\u00fcrkei gibt, ist aber nicht die Schuld der Kurd*innen. Kemalistische Thesen in dieser Richtung sind rigoros abzulehnen. Die Kurd*innen versuchen, aus den gegebenen Machtverh\u00e4ltnissen das Beste aus ihrer Sicht zu machen. Weder Republikaner*innen noch revolution\u00e4re Linke waren seit Jahrzehnten stark genug, mehr zu erk\u00e4mpfen oder besser mit den Kurd*innen zusammenzuarbeiten. Da kann man sich ruhig zu erst selbst an der Nase fassen, bevor man mit dem Finger auf den Kurden zeigt. Nur eine lager\u00fcbergreifende und kompromisslose Demokratisierungsagenda, die keine Zugest\u00e4ndnisse an nationalistische und reaktion\u00e4re Kr\u00e4fte macht, gepaart mit der Einbettung in soziale und politische K\u00e4mpfe, k\u00f6nnte mehr aus den Umst\u00e4nden der heutigen T\u00fcrkei machen. Doch seit Jahren haben die wichtigsten Oppositionsparteien es vers\u00e4umt, eine solche Agenda ernsthaft in Angriff zu nehmen. Man kann das noch nachholen. Sonst riskiert man eben, mit einem reformierten Erdo\u011fanismus weiterzuleben.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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In Kombination mit mehreren schweren Nachbeben wurden dabei nach offiziellen <a href=\"https://artigercek.com/guncel/erdoganin-deprem-konutu-vaadinden-sadece-201-bini-teslim-edildi-332767h\">Angaben</a> 53.725 Menschen get\u00f6tet und 107.213 Personen verletzt. W\u00e4hrend zum ersten Jahrestag die mediale Aufmerksamkeit noch vorhanden war, scheint es nun so, als sei das t\u00f6dlichste Erdbeben in der Geschichte der Republik T\u00fcrkei bereits mehr oder minder ad acta gelegt. Vielleicht weil die betroffenen Regionen weit entfernt von den Metropolen Istanbul, Izmir oder Ankara liegen. Doch f\u00fcr die Menschen vor Ort geht der allt\u00e4gliche Kampf um ein menschenw\u00fcrdiges Leben weiter, ebenso wie ihr Kampf darum, nicht in Vergessenheit zu geraten. <b>[1]</b></p><h2><b>Wiederaufbau</b></h2><p>Bereits im Fr\u00fchjahr 2023 versprach Pr\u00e4sident Erdo\u011fan \u2013 mitten im damaligen Wahlkampf -, seine Regierung w\u00fcrde in nur einem Jahr 319.000 neue Wohnungen bauen lassen. Die aktuelle Bilanz zeigt, dass dieses gro\u00dfe Versprechen bis heute nicht eingehalten wurde. Aktuell wurden laut Murat Kurum, Minister f\u00fcr Umwelt und Stadtplanung, etwas mehr als 200.000 Wohneinheiten fertig gestellt. Diese H\u00e4user der staatlichen Baubeh\u00f6rde TOK\u0130 (<i>Toplu Konut \u0130daresi Ba\u015fkanl\u0131\u011f\u0131</i>) werden im Losverfahren vergeben. Die Schl\u00fcssel\u00fcbergaben werden immer wieder medial gro\u00df inszeniert, was jedoch die Tatsache verdecken soll, dass bei weitem nicht f\u00fcr alle Gesch\u00e4digten eine neue Wohnung zeitnah in Aussicht steht. Und selbst wer das Gl\u00fcck hat, eine Wohnung zugelost zu bekommen, der bekommt diese nicht geschenkt, sondern muss sich zum Kauf der Immobilie verschulden, was sich nicht jeder leisten kann. Wegen des \u00fcbertriebenen Versprechens, das von Beginn an auf einer unrealistischen Einsch\u00e4tzung beruhte, verlief die Plan- und Bauphase v\u00f6llig unkoordiniert. Bauen ohne Garantierung erdbebenresistenter Konstruktionsweise und ohne \u00dcberpr\u00fcfung der Untergrundbeschaffenheit, aber daf\u00fcr schnelle Gewinne f\u00fcr die Baufirmen: Es waren genau diese Fehler beim Bau der H\u00e4user, die schon einmal begangen wurden und schlie\u00dflich zum Einsturz zahlreicher Geb\u00e4ude am 6. Februar 2023 f\u00fchrten.</p><p>Die chaotischen Verh\u00e4ltnisse beim derzeitigen Wiederaufbau spiegeln sich auch in der gesamten Infrastruktur der Stadt wieder. H\u00e4ufig kommt es zu Unf\u00e4llen von Baufahrzeugen auf maroden, schlecht beleuchteten Stra\u00dfen. F\u00fcr die lokale Bev\u00f6lkerung stellt dies massive Probleme dar. Viele Schulkinder fahren t\u00e4glich per Anhalter zur Schule, weil es kaum ausreichende \u00f6ffentliche Verkehrsmittel gibt. F\u00fcr Frust sorgt ebenfalls die Beobachtung, dass repr\u00e4sentative Stra\u00dfen beispielsweise im Stadtzentrum von Antakya pl\u00f6tzlich asphaltiert werden, nur weil sich zum Jahrestag des Erdbebens hochrangige Politiker f\u00fcr einen kurzen Besuch angek\u00fcndigt haben. Forderungen der Stadtbewohner*innen werden hingegen seit Monaten \u00fcberh\u00f6rt.</p><h2><b>Containerst\u00e4dte \u2013 (k)eine \u00dcbergangsl\u00f6sung</b></h2><p>Die als \u00dcbergangsl\u00f6sung gedachten Container, in denen die Menschen untergebracht wurden, sind mittlerweile zu einer vermeintlichen Dauerl\u00f6sung geworden. \u00dcber 200.000 Menschen leben allein in Hatay noch in solchen Containern. Auf 20m\u00b2 Wohnfl\u00e4che kommen oft ganze Familien, die den beengten Wohnraum noch mit provisorischen Zelten versuchen zu erweitern. Bei starken Regenf\u00e4llen kommt es dort zu \u00dcberschwemmungen und Stromausf\u00e4llen; einige Stra\u00dfen sind aufgrund fehlender Kanalisation dann nicht mehr befahrbar. Die linke Organisation <i>Halkevleri</i> bezeichnet diese Containerst\u00e4dte als \u201ehalboffene Gef\u00e4ngnisanlagen\u201c. Fehlende Isolierung und ungepr\u00fcfte Stromleitungen haben in den vergangenen Monaten immer wieder zu gef\u00e4hrlichen Br\u00e4nden in den Containerst\u00e4dten gef\u00fchrt.</p><p>Die beengten Wohnverh\u00e4ltnisse haben sich schnell auf die Gesundheit der Menschen ausgewirkt. Infektions- und Hautkrankheiten h\u00e4ufen sich, meist bedingt durch unhygienische Zust\u00e4nde in den Containern, in denen die Menschen auf engstem Raum zusammenleben m\u00fcssen. Eines der gr\u00f6\u00dften Probleme ist der extrem hohe Anteil von Giftstoffen wie Asbest, die durch die Massen an Tr\u00fcmmern und Schutt der eingest\u00fcrzten Geb\u00e4ude in die Luft geraten sind. Dadurch ist das <a href=\"https://artigercek.com/guncel/depremin-ikinci-yilinda-hatay-asbest-genis-alanlara-yayildi-kanser-hastaliklari-artacak-332558h\">Krebsrisiko</a> f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung noch f\u00fcr Jahrzehnte sehr stark gestiegen. Die Luftverschmutzung in Hatay betr\u00e4gt das Vierfache des von der WHO vorgegeben Grenzwertes f\u00fcr gesundheitssch\u00e4dliche Luftqualit\u00e4t. Auch das Leitungswasser ist mittlerweile nicht mehr trinkbar, da die sch\u00e4dlichen Stoffe aus dem Schutt ins Grundwasser gelangt sind.</p><p>Auch in anderen Hinsichten sind die Lebensumst\u00e4nde f\u00fcr vieler prek\u00e4r. Bei einer gemeinsamen Untersuchung der \u00c4rztekammer Hatay (<i>Hatay Tabip Odas\u0131</i>, HTO) und der Gewerkschaft f\u00fcr Gesundheitspersonal Hatay (<i>Sa\u011fl\u0131k ve Sosyal Hizmet Emek\u00e7ileri Sendikas\u0131 Hatay \u015eubesi</i>, SES) in den Bezirken Samanda\u011f, Antakya-Merkez und Defne unter rund 600 Familien wurde ermittelt, dass Dreiviertel der Befragten keiner gesicherten beziehungsweise regelm\u00e4\u00dfigen Arbeit nachgehen. Au\u00dferdem beobachteten sie Unterern\u00e4hrung von Kindern. Auch die Kindersterblichkeitsrate sei in Hatay doppelt so hoch wie im Durchschnitt der T\u00fcrkei. Da ein Gro\u00dfteil der Krankenh\u00e4user w\u00e4hrend der Erdbeben eingest\u00fcrzt ist, aber bisher nur wenige neue Gesundheitszentren gebaut wurden, fehlt es an ausreichender Infrastruktur. Das Personal vor Ort verdient im Durchschnitt 30% weniger Lohn als in anderen Provinzen der T\u00fcrkei, weshalb es starken Personalmangel gibt. Laut dem T\u00fcrkischen Statistikamt T\u00dcIK besitzt die Provinz Hatay die schlechteste Gesundheitsversorgung des Landes. Auf keinen Fall au\u00dfer Acht zu lassen ist die psychische Belastung. Gerade junge Menschen scheinen hier besonders betroffen zu sein, was auch die zunehmende Zahl an Schulabbr\u00fcchen verdeutlicht. Der Zusammenbruch des gewohnten Umfeldes, sowie die Perspektivlosigkeit vor Ort f\u00fchren zu Alkohol- und Drogenabh\u00e4ngigkeit; auch die Suizidrate ist angestiegen.</p><h2><b>Der Kampf um Gerechtigkeit</b></h2><p>Zahlreiche lokale Initiativen haben diverse rechtliche und politische K\u00e4mpfe f\u00fcr ihre verstorbenen Angeh\u00f6rigen, f\u00fcr die Umwelt in der Region Hatay und f\u00fcr ihren Grundbesitz aufgenommen. Wie stark die Windm\u00fchlen sind, gegen die die Gesch\u00e4digten auch vor Gericht k\u00e4mpfen, zeigt eine \u00dcbersicht der Nachrichtenagentur <i>Anka Haber Ajans\u0131</i>. In den letzten zwei Jahren wurden zwar eine handvoll Bauherren zu Haftstrafen zwischen acht und 21 Jahren verurteilt, doch es gab auch Freispr\u00fcche wegen vermeintlich mangelnder Beweislage und Verantwortliche, die einfach abgetaucht sind. Das gr\u00f6\u00dfere Probleme ist jedoch, dass es auf politischer Ebene bis heute keine Konsequenzen gegeben hat.</p><p>Der <i>Halkevleri</i>-Bericht kommt daher zu dem Schluss, dass die Unt\u00e4tigkeit der Strafgerichte in Hatay die Schuldigen sch\u00fctzt und die Kl\u00e4ger*innen Hoffnung und Vertrauen in die Justizbeh\u00f6rden verlieren. So lassen die Kl\u00e4ger*innen die Klagen schlussendlich auch aus finanziellen Gr\u00fcnden fallen. Eine andere <a href=\"https://www.diken.com.tr/hatayda-rezerv-alan-karmasasi-yikim-kararlari-yanlislikla-asilmis/\">Initiative</a> wiederum k\u00e4mpft gegen die staatliche Enteignung von Grundbesitz, der nicht selten als Agrarfl\u00e4che genutzt wurde. Dort sollen neue Geb\u00e4ude entstehen, w\u00e4hrend den lokalen Eigent\u00fcmer*innen die rechtliche Lage bez\u00fcglich etwaiger Entsch\u00e4digungen nicht klar ist. Immer wieder kommt es zu spontanen Protesten der Dorfbewohner*innen, die auch eine Zerst\u00f6rung ihrer lokalen Strukturen und gemeinschaftlichen Organisierung bef\u00fcrchten. Gerade den arabischen Alawit*innen und auch den christlichen Minderheiten wie der kleinen verbliebenen <a href=\"https://bianet.org/haber/turkiyenin-son-ermeni-koyu-vakifli-kamulastirma-tehdidiyle-karsi-karsiya-304132\">armenischen</a> Gemeinde machen die staatlichen Enteignungspl\u00e4ne Angst, da sie auf eine lange Geschichte der Unterdr\u00fcckung und Assimilierung von Seiten des t\u00fcrkischen Staates zur\u00fcckblicken.</p><h2><b>Das n\u00e4chste Ungl\u00fcck steht vor der T\u00fcr</b></h2><p>Politische Konsequenzen nach den schweren Erdbeben von 2023 k\u00f6nnen die verstorbenen Menschen nicht wieder zur\u00fcckbringen und auch juristische Gerechtigkeit lindert den Schmerz \u00fcber den Verlust nur wenig. Doch die enge Verstrickung zwischen korrupten Politikern und dem Bausektor, die seit jeher unter der Pr\u00e4misse \u201eProfite statt Menschenleben\u201c de facto S\u00e4rge statt Wohnungen f\u00fcr die Menschen in der T\u00fcrkei bauen, ist vor zwei Jahren un\u00fcbersehbar geworden. Umso gef\u00e4hrlicher ist das Wissen, dass auch in Istanbul, der gr\u00f6\u00dften Metropole des Landes, ein Erdbeben derselben St\u00e4rke jeden Moment passieren kann. Erst k\u00fcrzlich gab der Minister f\u00fcr Stadtplanung, Murat Kurum, zu, dass Istanbul darauf nicht ausreichend vorbereitet sei. Wohlgemerkt, das ist ein Minister der Partei, die seit den 1990er-Jahren bis 2019 das B\u00fcrgermeisteramt in Istanbul innehatte, sowie seit \u00fcber 20 Jahren das Land alleine regiert. \u201eBedauerlicherweise\u201c, sagte er, \u201ek\u00f6nnten jederzeit 600.000 marode Geb\u00e4ude in Istanbul einst\u00fcrzen.\u201c Nach einer groben Sch\u00e4tzung w\u00fcrden bei dem zu erwartenden schweren Erdbeben in Istanbul drei Millionen Menschen sterben, was die gr\u00f6\u00dfte zivile Katastrophe der T\u00fcrkei bedeuten w\u00fcrde. Wie gef\u00e4hrlich nicht eingehaltene Sicherheitsstandards sind, sah man auch zuletzt bei dem Brand in einem Skihotel in Kartalkaya, bei dem 78 Menschen ums Leben kamen, weil den Betreibern die Kosten f\u00fcr den Brandschutz einfach zu teuer waren. Auch hier gab es keine Konsequenzen auf politischer Ebene, obwohl dem Hotel alle notwendigen Genehmigungen ausgestellt wurden.</p><p>Der Forderungskatalog der lokalen Initiativen in Hatay zeigt leider deutlich auf, dass es in den letzten zwei Jahren kaum merkliche Fortschritte beim Wiederaufbau und der Wiederherstellung lebensw\u00fcrdiger Umst\u00e4nde gab. Die Menschen in diesen Regionen f\u00fchlen sich im Stich gelassen von der Zentralregierung in Ankara und fordern umfassendere Unterst\u00fctzung.</p><p>Die <a href=\"https://www.birgun.net/haber/hatay-depremzede-derneginden-2-yil-raporu-disarida-kimse-var-mi-596529\">Forderungen</a> des \u201eVereins der Erdbebenopfer Hatay\u201c sind folgende:</p><ol><li>Anstelle der abgerissenen Familiengesundheitszentren m\u00fcssen schnell neue gebaut werden. Qualifizierte und zug\u00e4ngliche Gesundheitsdienste m\u00fcssen in Hatay zur Verf\u00fcgung gestellt werden.</li><li>Regelm\u00e4\u00dfige und nachhaltige psychosoziale Unterst\u00fctzung muss uns, insbesondere benachteiligten Gruppen, zur Verf\u00fcgung gestellt werden.</li><li>Die Nutzung von Schulgeb\u00e4uden zu anderen Zwecken als der Bildung muss verhindert werden. Unser Recht auf Bildung darf nicht angetastet werden.</li><li>Die Meinung der Bev\u00f6lkerung von Hatay muss bei den Umgestaltungsprozessen in Reserve- und Risikogebieten ber\u00fccksichtigt werden. Wir wollen als die wahren Eigent\u00fcmer*innen von Hatay beim Wiederaufbau unserer Stadt ein Mitspracherecht haben.</li><li>Ein Sonderbudget aus der Staatskasse sollte f\u00fcr Hatay bereitgestellt werden.</li><li>W\u00e4hrend sich die allgemeine Wirtschaftskrise versch\u00e4rft, muss die Benachteiligung von uns Erdbebenopfern aufh\u00f6ren.</li><li>Die Infrastrukturprobleme der Stadt m\u00fcssen schnell gel\u00f6st werden.</li><li>Unsere Natur, Luft und B\u00f6den m\u00fcssen nach dem Erdbeben gesch\u00fctzt werden; die Umweltzerst\u00f6rung muss aufh\u00f6ren.</li><li>Das Schicksal unserer B\u00fcrger*innen, die seit dem Erdbeben als verschwunden gelten, muss aufgekl\u00e4rt werden.</li><li>Unsere Rechte auf Unterkunft, Gesundheit, Umwelt und Information m\u00fcssen gesch\u00fctzt werden; von der Verfassung garantierte Rechte d\u00fcrfen nicht ausgesetzt werden.</li><li>Die Verantwortlichen f\u00fcr die Vers\u00e4umnisse nach dem Erdbeben m\u00fcssen ermittelt und strafrechtlich verfolgt werden.</li><li>Wo und wie die Erdbebensteuern verwendet werden, muss \u00f6ffentlich gemacht werden.</li><li>Die Menschen d\u00fcrfen nicht dazu verdammt werden, in provisorischen Containerst\u00e4dten zu leben, sondern es muss freier Zugang zu dauerhaften und sicheren Unterk\u00fcnften gew\u00e4hrt werden.</li><li>Unser Lebensstandard muss verbessert werden und unsere Grundrechte m\u00fcssen garantiert werden.</li></ol><p>Trotz all dieser Umst\u00e4nde beweisen die Menschen in Hatay seit zwei Jahren ihren unvergleichlichen Kampfgeist f\u00fcr Gerechtigkeit und ein menschenw\u00fcrdiges Leben. Ein Slogan, den sie von Anfang an rufen und der auch heute wieder in den Stra\u00dfen von Hatay erklingen wird, lautet \u201eMa r\u0131hna nehna hon!\u201d \u2013 \u201eWir gehen nicht fort, wir bleiben hier!\u201c.</p><hr/><h4><b>Anmerkungen:</b></h4><p><b>[1]</b> Die meisten der in diesem Text verwendeten Daten entstammen dem <a href=\"https://sendika.org/2025/02/halkevlerinden-hatay-deprem-raporu-iki-yildir-bitmeyen-felaket-ve-yasam-mucadelesi-719127\">Bericht</a> \u201eHatay\u2019\u0131 G\u00f6r!\u201c der linken Organisation <i>Halkevleri</i>, zu dem Vertreter*innen der T\u00fcrkischen \u00c4rzt*innenkammer, Anw\u00e4lt*innen, Architekt*innen, Umweltaktivist*innen, Gewerkschafter*innen und Journalist*innen beigetragen haben. Die Autor*innen bezeichnen darin die Erdbeben vom 6. Februar als eines der \u201egr\u00f6\u00dften sozialen Massaker in der Geschichte der T\u00fcrkei\u201c und warnen davor, die aktuelle Situation zu normalisieren.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Politische Versprechen wurden gebrochen, Korruption bl\u00fcht, und die Opfer werden vergessen. Doch lokale Initiativen fordern Gerechtigkeit \u2013 bevor die n\u00e4chste Katastrophe kommt."}, {"title": "The Republic Strikes Back?", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>The Republic Strikes&nbsp;Back?</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"photo_2024-04-02 20.22.34.jpeg\" height=\"420\" src=\"/media/images/photo_2024-04-02_20.22.34.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Kemalist Rebel Alliance</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Man kommt nicht umhin, die Ergebnisse der Lokalwahlen in der T\u00fcrkei vom 31. M\u00e4rz 2024 als \u00fcberraschend und verbl\u00fcffend zu bezeichnen: Zum ersten Mal in der AKP-\u00c4ra und \u00fcberhaupt seit 1977 wurde die von Mustafa Kemal Atat\u00fcrk gegr\u00fcndete Republikanische Volkspartei (CHP) zur st\u00e4rksten Partei im Land. Sie ergatterte rekordverd\u00e4chtige 37,76% der g\u00fcltigen W\u00e4hler*innenstimmen f\u00fcr Stadt- und Regionalparlamente beziehungsweise 33,17% der B\u00fcrgermeisterwahlen. Die AKP hingegen musste mit 35,48% respektive 30,26% der Stimmen ihre bis dato schwerste Wahlniederlage hinnehmen. <b>[1]</b> Und nicht nur das: Die CHP gewann auch <a href=\"https://t24.com.tr/haber/akp-ve-mhp-kalelerinde-kaybetti-akp-16-mhp-6-kentte-geride-kaldi-,1158559\">mehrere Hochburgen</a> der AKP und ihres B\u00fcndnispartners, der Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP), in Anatolien. Sprich dort, wo sie <a href=\"https://t24.com.tr/haber/chp-nin-buyuk-zaferi-ilk-kez-akp-yi-geride-birakti-5-milyon-oy-kaybetti-,1158588\">traditionell sehr schwach</a> ist und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/adiyaman-da-30-yil-sonra-zaferin-nasil-geldigini-baskan-anlatti,1158738\">seit Jahrzehnten nicht mehr</a> regierte \u2013 darunter sogar eine Provinz, in der sie seit dem \u00dcbergang ins Mehrparteiensystem im Jahr 1950 nie die Wahl gewonnen hatte (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/chp-balikesir-de-74-yil-sonra-ilk-kez-yerel-secimleri-kazandi,1158568\">Bal\u0131kesir</a>). Niemand hatte ein solches Ergebnis erwartet, zumal noch vor 10 Monaten trotz der schwersten Wirtschaftskrise des Landes seit 2000-01 und trotz des schwersten Erdbebens in der Geschichte der modernen T\u00fcrkei Erdo\u011fan als Pr\u00e4sidentschaftskandidat und das von der AKP angef\u00fchrte Regierungsb\u00fcndnis bei den Pr\u00e4sidentschafts- und Parlamentswahlen im Mai 2023 f\u00fcr die Umst\u00e4nde entsprechend recht m\u00fchelos \u00fcber die Opposition siegten. Die t\u00fcrkische Satirezeitschrift <i>Zaytung</i>bringt die Verbl\u00fcffung \u00fcber den Wandel ironisch auf den Punkt: Die T\u00fcrkei, eine \u201e<a href=\"http://www.zaytung.com/haberdetay.asp?newsid=419319\">Demokratie vom Typ borderline</a>\u201c, das eine Jahr so gew\u00e4hlt, das n\u00e4chste Jahr das direkte Gegenteil, ohne erkennbaren objektiven Grund, der einen solchen gro\u00dfen Wandel erkl\u00e4ren k\u00f6nnte. Man kann die Ergebnisse jedoch rational erkl\u00e4ren, ohne ihnen abzusprechen, dass sie \u00fcberraschend und unvorhergesehen waren.</p><h3><b>Die elektorale Erosion der AKP</b></h3><p>Der erste Grund: Schon seit den nationalen Wahlen 2018 nehmen die elektoralen Werte der AKP im engeren Sinne sukzessive bei allen Wahlen ab. Darin spiegelt sich die steigende Unzufriedenheit auch der AKP-W\u00e4hler*innenbasis wider: Es geht dabei prim\u00e4r um die \u00f6konomische Situation, aber auch um die zunehmende Polarisierung, die ausufernde Korruption, die Beschr\u00e4nkung der Meinungsfreiheit und die Politisierung der Religion. Erdo\u011fan thront jedoch weiterhin als Majest\u00e4t \u00fcber seiner Partei, er ist daher von der Erosion der AKP bisher nicht betroffen. Die meisten Unzufriedenen wandten sich bislang anderen Parteien im Regierungsblock zu \u2013 haupts\u00e4chlich der nationalistisch-faschistoiden MHP oder, seit neuestem, der islamistischen <i>Yeniden Refah Partisi</i> (YRP). Nur selten, wie in Istanbul und Ankara bei den Lokalwahlen 2019, gingen sie \u201ezur anderen Seite\u201c, zum Oppositionsblock, \u00fcber. Was Politik- und Sozialwissenschaftler*innen als \u201enegative Identifikation\u201c bezeichnen, das hei\u00dft Selbst-Identifikation haupts\u00e4chlich durch Ablehnung der \u201eanderen Seite\u201c, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/bekir-agirdir/secim-yapmiyoruz-kimlikleri-sayiyoruz,43616\">hatte weitestgehend Bestand</a>.</p><p>Diese Erosion versch\u00e4rfte sich nun insbesondere aufgrund der \u00f6konomischen Situation. Das spiegelt sich einerseits in der Zunahme von Wahlabstinenz und von ung\u00fcltigen Stimmen wider; beides gemeinsam macht mittlerweile 25% aller Stimmen aus (hierzu und zum Folgenden siehe <a href=\"https://t24.com.tr/haber/secime-katilim-oraninin-dusmesi-bu-kez-akp-yi-etkiledi,1158535\">hier</a>, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/sertug-cicek/31-mart-2024-ve-2019-secimlerinin-81-ilde-karsilastirmali-tablolarla-analizi,44202\">hier</a>, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/yeniden-refah-partisi-akp-yi-sarsti,1158584\">hier</a>, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/yeniden-refah-hem-kazandi-hem-de-kaybettirdi,1158693\">hier</a>, <a href=\"https://birikimdergisi.com/guncel/11487/yeniden-refah-ve-2023-secimleri-yeniden-refah-partisi-nereden-ve-nasil-yukseldi\">hier</a> und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/akp-ve-mhp-kalelerinde-kaybetti-akp-16-mhp-6-kentte-geride-kaldi-,1158559\">hier</a>). Lag die Wahlbeteiligung 2023 noch bei 88% und bei den Lokalwahlen 2019 bei 84%, ging sie bei den aktuellen Lokalwahlen auf etwas weniger als 79% zur\u00fcck. Es ist davon auszugehen, dass es insbesondere AKP und MHP waren, die dadurch an Stimmen verloren, da diese anteilig mehr Stimmen verloren, als andere Parteien hinzugewannen. Die Erosion der AKP spiegelt sich aber auch im fortgesetzten Aufstieg der einst v\u00f6llig unwichtigen islamistischen Splitterpartei YRP wider, die von etwa 2% bei den Parlamentswahlen 2023 auf nun \u00fcber 6% gesprungen ist. Insbesondere in Anatolien und im Osten/Kurdistan machte sie in Hochburgen der AKP dieser ihre F\u00fchrungsposition mit zweistelligen Prozentwerten streitig und gewann sogar die B\u00fcrgermeisterschaft in zwei Provinzen, eine in Zentralanatolien und eine in Kurdistan (Yozgat und Urfa). Die YRP scheint eine gangbare Alternative f\u00fcr konservativ-islamistische W\u00e4hler*innen zu sein, die mit der Regierungspartei unzufrieden sind: Wie die AKP unter Erdo\u011fan steht sie f\u00fcr eine anti-queere, anti-feministische und islamistisch-konservative Perspektive und hatte im Kampf um die nationalen Wahlen im Mai 2023 noch gemeinsam mit dieser zum Erhalt \u201eunserer Werte und Normen\u201c aufgerufen. Gleichzeitig \u00fcbt sie aber scharfe Kritik an der Wirtschaftspolitik, der Korruption und dem inkonsequenten Verhalten der AKP gegen\u00fcber Pal\u00e4stina und Israel und bringt damit den Unmut in der AKP-Basis zum Ausdruck. Wer die YRP w\u00e4hlt, der kann seine schwere Missbilligung und Abweichung von der AKP in vielen Politikfeldern zum Ausdruck bringen, ohne zugleich in das Lager der \u201eSchwulen/Queeren\u201c (<a href=\"https://bianet.org/haber/erdogan-dan-muhalefete-uckuru-kaptirmissiniz-280644\">Erdo\u011fan \u00fcber die Opposition</a>) \u00fcberzugehen.</p><p>Am plausibelsten und einfachsten scheint mir daher die Erkl\u00e4rung der (fortgesetzten und vertieften) Schw\u00e4chung der AKP zu sein. Damit ist aber noch nicht viel \u00fcber den \u00fcberragenden Erfolg der CHP gesagt.</p><h3><b>Die republikanischen Lokomotiven Istanbul und Ankara</b></h3><p>Kommen wir daher zum zweiten Grund. Insbesondere die Wirkung von positiver Performanzlegitimit\u00e4t in Istanbul ist f\u00fcr die Entwicklungen nicht zu untersch\u00e4tzen. Damit ist das Erringen von Legitimation aufgrund erfolgreicher politischer Handlungen gemeint, oft in Form von guten \u00f6konomischen Ergebnissen. Die wichtige Rolle von Istanbul in der T\u00fcrkei hat was mit der spezifischen Form der Industrialisierung und Modernisierung zu tun. Diese lief nicht geographisch dezentral ab, sondern stark konzentriert auf wenige Regionen, mit Istanbul als Motor und Lokomotive dieser Prozesse. Istanbul ist nicht Berlin, ist nicht Paris, ist nicht London. Istanbul ist nicht blo\u00df eine kosmopolitische (de facto) Hauptstadt: Istanbul ist die T\u00fcrkei <i>en miniature</i>, das ganze Multiversum des Landes konzentriert in einer Stadt. Sie ist seit 1950 um \u00fcber das Zehnfache gewachsen und hat Migration aus allen Enden und Ecken des Landes empfangen. Sie beherbergt daher alle unterschiedlichen Regionen und Identit\u00e4ten des Landes, wobei die Migrierten weiterhin soziale Banden in ihre Ursprungsregionen, -St\u00e4dte und -D\u00f6rfer behalten. Erfolg und Misserfolg in Istanbul haben daher das Potenzial, in Richtung des gesamten Landes auszustrahlen.</p><p>In Ankara und Istanbul war die erfolgreiche Kommunalpolitik der CHP der letzten f\u00fcnf Jahre das Schl\u00fcsselelement, die in diesen St\u00e4dten sowieso schon aufgeweichten Polarisierungen zwischen pro-AKP- und anti-AKP-Block weiter im Sinne der CHP zu verschieben. Die landesweit beobachtbare Polarisierung greift in Istanbul und Ankara weniger, da in beiden St\u00e4dten aufgrund der verdichteten Differenzen der Kontakt zwischen den ideologischen und kulturellen Lagern im Alltag st\u00e4rker ist, <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/hani-bos-tencerenin-goturemeyecegi-iktidar-yoktu-makale-1622647\">und weil die \u00f6konomische Situation</a>, insbesondere die Mietensituation, hier f\u00fcr den Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung bedeutend schlechter ist als in der restlichen T\u00fcrkei. F\u00fcnf Jahre zeigten zudem, dass nicht alles den Bach runtergeht, wenn es nicht die AKP ist, die die Gro\u00dfst\u00e4dte verwaltet. Im Gegenteil: \u00d6ffentliche Dienstleistungen wie auch populistische Redistributionspolitiken verbesserten sich, da \u2013 ohne die Rentenverteilungspolitik an AKP-nahe islamistische Organisationen und Unternehmer*innen \u2013 mehr Ressourcen zur Verf\u00fcgung standen.</p><p>In Istanbul hat die CHP das Rennen mit Ekrem Imamo\u011flu als amtierenden und nun wieder gew\u00e4hlten B\u00fcrgermeister einfach und mit gro\u00dfen Abstand gewonnen (mit grob 50% gegen 40%), in Ankara hat sie mit Mansur Yava\u015f als amtierenden und nun ebenfalls wiedergew\u00e4hlten Kandidaten die AKP regelrecht abserviert (mit grob 60% gegen 30%). <a href=\"https://t24.com.tr/haber/uc-buyuk-kentte-buyuksehirde-ve-ilcelerde-chp-den-tarihi-fark,1158567\">Zudem</a> hat sie diesmal auch die Mehrheit in beiden Stadtparlamenten errungen (2019 gewann die CHP nur die B\u00fcrgermeisterschaften, die Parlamente blieben bei der AKP) sowie <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/articles/crg9r8e9n1lo\">viele neue</a> B\u00fcrgermeisterschaften in den Vierteln der beiden St\u00e4dte; darunter seit Jahrzehnten von der AKP und ihren Vorg\u00e4ngerparteien regierte eher konservativ-islamisch gepr\u00e4gte Viertel wie \u00dcsk\u00fcdar, Ey\u00fcpsultan oder Ke\u00e7i\u00f6ren, aber auch das Herzst\u00fcck des modernen Istanbuls, Beyo\u011flu. In Istanbul und Ankara ist es deutlich sichtbar, dass die CHP auch Stimmen vom Regierungsblock gewinnen und damit die Barrieren der Polarisierungen teilweise einrei\u00dfen konnte.</p><h3><b>Die demokratische Volksfront von unten</b></h3><p>Ein dritter Grund f\u00fcr die Wahlergebnisse ist die de facto Fortsetzung des Hauptoppositionsb\u00fcndnisses, welches 2018 gegr\u00fcndet wurde, von unten, das hei\u00dft vonseiten der W\u00e4hler*innen statt von den Parteispitzen \u2013 und ihre partielle Unterst\u00fctzung durch den linken Oppositionsblock. Ausnahmsweise mal <a href=\"https://www.yenisafak.com/gundem/millet-ittifaki-chpde-devam-etti-4612495\">ganz richtig titelt</a> die regierungsnahe Revolverpresse daher: \u201eDas B\u00fcndnis der Nation [das Hauptoppositionsb\u00fcndnis] lebt fort in der CHP\u201c. Diese Entwicklung ist meines Ermessens das \u00fcberraschendste und erfreulichste Ergebnis der Lokalwahlen vom 31. M\u00e4rz 2024 und ist \u00fcberhaupt nicht selbstverst\u00e4ndlich gewesen.</p><p>Die Entwicklungen in der offiziellen politischen Sph\u00e4re der Opposition seit der Wahlniederlage im Mai 2023 erweckten n\u00e4mlich den Eindruck, die Oppositionsparteien h\u00e4tten das System Erdo\u011fan mit ihrer Wahlniederlage akzeptiert und seien jetzt nur mehr darauf aus, kleine P\u00f6stchen im Machtkampf mit ehemaligen Alliierten zu gewinnen. Das wirkte eher demoralisierend als mobilisierend. Beide oppositionellen Wahlb\u00fcndnisse fransten aus: Das B\u00fcndnis der Nation (<i>Millet Ittifak\u0131</i>) aus CHP und f\u00fcnf anderen Parteien zerlegte sich komplett, aber auch das linke B\u00fcndnis f\u00fcr Arbeit und Freiheit (<i>Emek ve \u00d6zg\u00fcrl\u00fck Ittifak\u0131</i>) ging auseinander. <a href=\"https://yetkinreport.com/2023/07/19/meraklisi-icin-chp-entrikalari-canak-comlek-patladi/\">Innerhalb der CHP</a> entbrannte ebenfalls ein Machtkampf um die Kontrolle der Partei und kleine parteiinterne Machtposten. Nach au\u00dfen hin hielt die CHP aber zu den ehemaligen B\u00fcndnispartner*innen die Hand ausgestreckt und reagierte nicht oder nur sanft auf Polemiken und Anschuldigungen derselben. Dennoch gingen alle konstitutiven Parteien des CHP-gef\u00fchrten B\u00fcndnisses schlie\u00dflich, im Gegensatz zu den Lokalwahlen 2019, mit eigenen Listen in den Wahlkampf. Auch in \u2013 so glaubte man zu Beginn der Vorwahlzeit \u2013 auf der Kippe stehenden St\u00e4dten wie Istanbul und Ankara.</p><p>Auch die pro-kurdische, linke DEM (ehemals HDP) stellte fast \u00fcberall ihre eigenen Kandidat*innen auf. Die Entscheidung l\u00e4sst sich diskutieren, es sollte aber festgehalten werden, dass dieser ein legitimer Groll der kurdischen Bev\u00f6lkerung zugrunde lag: Ihre Unterst\u00fctzung von au\u00dfen f\u00fcr das Hauptoppositionsb\u00fcndnis im Mai 2023 und insbesondere f\u00fcr den damaligen Pr\u00e4sidentschaftskandidaten Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, damals Chef der CHP, wurde stillschweigend als gegeben angenommen \u2013 jeder \u00f6ffentliche Kontakt, jede Wertsch\u00e4tzung oder Machtteilung mit der damaligen HDP jedoch gemieden. Die ungleiche Behandlung der Oppositionspartner*innen fand ihren Gipfel in einem erst nach den Wahlen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/umit-ozdag-kemal-bey-attigi-imzayi-inkar-edecek-insan-degildir,1120772\">\u00f6ffentlich gemachten Protokoll</a>, demzufolge K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu dem rechtsextremen Nationalisten \u00dcmit \u00d6zda\u011f, der etwas mehr als 2% der W\u00e4hler*innenstimmen im ersten Wahlgang der Pr\u00e4sidentschaftswahl auf sich vereinigen konnte, Ministerien und Beh\u00f6rden versprach (angeblich das Innenministerium sowie den Geheimdienst), falls er mit dessen Unterst\u00fctzung die zweite Wahlrunde gewinnen sollte. Das Protokoll hielt auch fest, dass die bisher von der Regierung betriebene Praxis des Austauschs von gew\u00e4hlten B\u00fcrgermeister*innen durch von der Zentralregierung beorderte Zwangsverwalter unter Umst\u00e4nden fortgesetzt werden sollte. Von dieser Praxis waren fast ausschlie\u00dflich die kurdischen B\u00fcrgermeister*innen betroffen. Das Hauptoppositionsb\u00fcndnis versuchte also, die Wahlen im Mai 2023 unter dem Deckmantel der \u201eDemokratisierung\u201c durch Anbiederung an die nationalistische und konservative Rechte zu gewinnen (ich habe <a href=\"https://revoltmag.org/articles/kartoffeln-zwiebeln-auf-wiedersehen-erdo%C4%9Fan-hegemoniek%C3%A4mpfe-in-der-t%C3%BCrkei/\">ausf\u00fchrlich dazu geschrieben</a>, inwiefern <a href=\"https://revoltmag.org/articles/den-gordischen-knoten-zerschlagen-aber-wie/\">auch sonst</a> seit Jahren eine Anbiederung vonseiten des Hauptoppositionsb\u00fcndnisses an die Rechte stattfand). Es ist nur allzu verst\u00e4ndlich, dass die Kurd*innen darauf im Nachklapp mit Groll reagierten.</p><p>Was hier nun vor sich ging, ist tats\u00e4chlich verbl\u00fcffend: Die empirisch nachweisbare Demoralisierung der oppositionellen W\u00e4hler*innen (s. u.) und der aus den dargestellten Gr\u00fcnden gerechtfertigte Groll der kurdischen W\u00e4hler*innen schlug sich, entgegen aller Erwartungen, nicht negativ in den Wahlergebnissen nieder. Ganz im Gegenteil. Die W\u00e4hler*innen des ehemaligen Hauptoppositionsb\u00fcndnisses stimmten fast durchgehend f\u00fcr die CHP und straften den Opportunismus der einzelnen anderen Parteien ab. Oppositionelle Kleinstparteien, oft entstanden aus Abspaltungen von der AKP, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/yeniden-refah-partisi-akp-yi-sarsti,1158584\">verschwanden</a> in die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/altili-masa-dan-performansi-artan-tek-parti-chp-oldu,1158564\">elektorale Bedeutungslosigkeit</a> und die ehemals zweitgr\u00f6\u00dfte Oppositionspartei, die nationalistische IYI Parti, wurde mit rund 4% der Stimmen auf den Status einer Kleinstpartei <a href=\"https://t24.com.tr/haber/altili-masa-dan-performansi-artan-tek-parti-chp-oldu,1158564\">degradiert</a>.</p><p>Zu den Kurd*innen ist zu sagen, dass sie wieder mal disziplinierter als die preu\u00dfische Armee waren und in ihrem eigenen Sinne gegen die AKP und f\u00fcr das Potenzial von Demokratisierung stimmten: s\u00e4uberlich aufgeteilt, im Westen (insbesondere in Istanbul) strategisch f\u00fcr die CHP, im Osten/Kurdistan hingegen f\u00fcr die DEM. Bei den Wahlen 2023 war die HDP/DEM noch zu stark auf die Niederlage Erdo\u011fans und seines Regierungsb\u00fcndnisses fokussiert: Sie machte deshalb in Bezug auf ihre eigenen Positionen zu viele Eingest\u00e4ndnisse und befremdete ihre eigene W\u00e4hler*innenbasis. In der aktuellen Kampagne pochte sie indes (zu sehr?) auf ihr eigenes Programm und lenkte nur hinter vorgehaltener Hand ein (wiederum vor allem in Istanbul). In Kurdistan wurde ihr dies <a href=\"https://t24.com.tr/haber/yesil-sol-un-kaybettigini-dem-geri-aldi,1158582\">positiv quittiert</a>: Sie gewann mehr Provinzen hinzu, als sie verlor. In einigen kurdischen Provinzen, haupts\u00e4chlich \u015e\u0131rnak und Bitlis, wirkte indes die (auch durch Videoaufnahmen best\u00e4tigte) <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tasimali-secmen-hakkari-ve-sirnak-ta-etkili-oldu-kucuk-ilce-ve-beldelerde-sonucu-degistirdi,1158593\">Wahlmanipulation wahlentscheidend</a> und brachte der AKP den Sieg <b>[2]</b> \u2013 ansonsten w\u00e4re der Wahlerfolg der DEM im Osten/Kurdistan noch \u00fcberw\u00e4ltigender gewesen. W\u00e4hrend ich diesen Artikel fertig stelle, geht die politisierte Justiz schon gegen die DEM vor und entzieht ihr unter fadenscheinigen Gr\u00fcnden einzelne B\u00fcrgermeisterschaften. Das Kalk\u00fcl, das neben der Unterdr\u00fcckung der DEM zentral ist, ist so klar wie altbekannt: Die CHP dazu zu zwingen, eine eindeutige Position bez\u00fcglich der DEM einzunehmen. Ist diese positiv, kann man die CHP als PKK-Sympathisantin brandmarken, ist diese negativ oder ausweichend, f\u00fchrt dies zu einer Abkehr der Kurd*innen von der CHP. Und da sieht man wieder, wie der von der b\u00fcrgerlichen Opposition mit angefachte Nationalismus zu einer Waffe gegen die b\u00fcrgerliche Opposition selbst wird.</p><p>Es ist jedenfalls bezeichnend f\u00fcr den nationalistischen und beschr\u00e4nkt demokratischen Konsens der politischen Eliten und Parteien sowie der \u00d6ffentlichkeit im Land, dass die Wahlmanipulationen im Osten/Kurdistan kaum thematisiert wurden und eher untergingen im Jubel \u00fcber den CHP-Erfolg. Noch kurz vor den Wahlen wurde davor gewarnt, dass die Kurd*innen der AKP zuarbeiten w\u00fcrden, w\u00e4hrend nun ihre strategisch vern\u00fcnftige Wahloption im Westen des Landes kaum gen\u00fcgend und auf Augenh\u00f6he gew\u00fcrdigt wird.</p><p>\u00c4hnliches wie f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Opposition galt auch f\u00fcr linke und sozialistische Parteien: Dort, wo sie in kleinlichen Machtspielchen und Opportunismen versunken das \u201egro\u00dfe Ganze\u201c \u2013 das Zur\u00fcckdr\u00e4ngen des Regierungsblocks \u2013 vollst\u00e4ndig zugunsten ihres partikularen Wahlerfolges ignorierten, wurden sie abgestraft. Das trifft vor allem auf das megalomanisch wirkende Vorgehen der <i>Arbeiter*innenpartei der T\u00fcrkei</i> (TIP) in Istanbul-Kadik\u00f6y, Hatay-Defne und Hatay-Stadt zu. Die TIP erlag aufgrund ihrer Popularit\u00e4t und ihres respektablen Erfolgs bei den Wahlen 2023 offensichtlich der Illusion, ihre Popularit\u00e4t sei ihr allein als individueller Partei zu verdanken \u2013 und nicht der St\u00e4rkung einer allgemeinen linken Perspektive und Gegenhegemonie, zusammen mit den Kurd*innen und einem gro\u00dfen Teil der linken und sozialistischen Parteien, die sich in den letzten Jahren aus den sozialen K\u00e4mpfen und politischen Praktiken landesweit und vor allem in den Erdbebengebieten entwickelte. Durch das kleinliche, nur auf die Wahlergebnisse ihrer eigenen Partei bedachte Kalk\u00fcl der TIP, mit der sie sogar <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/murat-sabuncu/tip-in-gebze-de-kurdugu-laboratuvar-kimliklere-mesafeli-sinif-siyaseti-ne-getirir,43638\">nationalistische und islamistische Personen</a> aufgrund ihrer <a href=\"https://medyascope.tv/2024/02/13/hatayin-solculari-gokhan-zanin-adayligina-ne-diyor/\">angeblichen Popularit\u00e4t</a> als Kandidat*innen aufstellte, wirkte sie daran mit, diese zaghaft gebildeten Elemente einer linken Gegenmacht und das in die Linke gesetzte Vertrauen partiell zu entt\u00e4uschen. An Orten, wo hingegen Linke und Sozialist*innen zusammenarbeiteten, um eine realistische Alternative zur AKP (und CHP) zu bilden, da konnten sie teils sogar gewinnen (das linke B\u00fcndnis in Hatay-Samanda\u011f um die TIP ist hierf\u00fcr ein Beispiel) oder beachtliche Achtungserfolge erzielen. Beispiele sind das linke B\u00fcndnis in Hatay-Defne um die TKP, das fast siegte, im Unterschied zu TIP und SOL, die dort abgestraft wurden und dazu beitrugen, dass das linke B\u00fcndnis knapp verlor; aber auch die TIP selbst, n\u00e4mlich im B\u00fcndnis mit CHP und DEM in Kocaeli-Gebze.</p><p>Es l\u00e4sst sich daher festhalten, dass oppositionelle W\u00e4hler*innen trotz aller Demoralisierung eines eint: Wer es mit der Opposition gegen\u00fcber eines sich faschisierenden Regimes nicht ernst meint, der wird abgestraft; wer es aber schafft, seine eigene Position und damit sich selbst als Alternative \u00fcberzeugend zu pr\u00e4sentieren, dabei aber das \u201egro\u00dfe Ganze\u201c, das Zur\u00fcckdr\u00e4ngen des Regierungsblocks, nicht aus den Augen l\u00e4sst, der kann das Vertrauen der oppositionellen W\u00e4hler*innen gewinnen.</p><h3><b>Die Konjunktur des Dammbruchs</b></h3><p>Warum insbesondere der erste und der zweite Grund nicht schon im Mai 2023 dazu gef\u00fchrt haben, dass die AKP-gef\u00fchrte Regierungsallianz und Erdo\u011fan als Pr\u00e4sidentschaftskandidat verloren haben, ist eine sehr wichtige Frage. Ich sehe hierf\u00fcr, viertens, mehrere konjunkturelle Gr\u00fcnde:</p><p>Im Mai 2023 hatten die W\u00e4hler*innen des Regierungsblocks <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/secim-sonrasi-anketten-ne-cikti-42291172\">noch einmal</a> <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2023/05/al-monitorpremise-turkey-poll-erdogan-kilicdaroglu-statistically-tied-election\">ihre Hoffnung in die Regierungskoalition</a> gesetzt. Zwischenzeitlich hat sich die \u00f6konomische Situation der Masse der Bev\u00f6lkerung aber nicht verbessert. Die AKP hatte nach den Mai-Wahlen 2023 eine <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/articles/cw0rg2ejy21o\">nicht ganz konsistent</a> <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/ovp-ve-muhalefetteki-isbirlikcileri-makale-1637492\">durchgezogene</a> <a href=\"https://10haber.net/2024/01/17/mehmet-simsekin-firsat-penceresi-kapaniyor-339386/\">R\u00fcckkehr</a> <a href=\"https://www.ft.com/content/c69b7401-6d71-43da-843b-e3c8ad43a20c\">zu klassischer</a> <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/simsek-programi-turkiyeyi-krize-surukluyor-makale-1645231\">neoliberaler Austerit\u00e4ts- und Deflationspolitik</a> <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/simsekin-issizlikle-sinavi-yeni-basliyor-makale-1660790\">vollzogen</a>. Daher wird oft von einem \u201e<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yeni-normal-makale-1628872\">hybriden</a>\u201c wirtschaftspolitischen Regime gesprochen: <a href=\"https://www.mahfiegilmez.com/2024/01/enflasyonun-gercekligi-ve-para.html\">Eine Mischung</a> aus orthodox-neoliberal und heterodox-antineoliberal, deflation\u00e4r-rezessiv und expansionistisch-developmentalistisch. Greifbare Beispiele hierf\u00fcr sind die immensen zus\u00e4tzlichen Staatsausgaben f\u00fcr Wiederaufbau nach dem Erdbeben sowie zur populistischen Geldredistribution an die Bev\u00f6lkerung, was <a href=\"https://www.ekonomim.com/ekonomik-veriler/20-yilin-en-kotu-gelir-gider-tablosu-haberi-730921\">das Staatsdefizit antrieb</a>, <a href=\"https://www.ekonomim.com/kose-yazisi/ekonomi-yonetimi-gazi-ve-freni-birlikte-kullaniyor/700160\">bei</a> <a href=\"https://www.ekonomim.com/gundem/2023te-toplanan-verginin-yuzde-10u-motorlu-tasitlarin-otvsinden-haberi-726407\">gleichzeitiger</a> <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/binhan-elif-yilmaz/ucuncu-ceyrek-buyumenin-bilesenleri,42500\">Erh\u00f6hung</a> aller <a href=\"https://www.gazetepencere.com/nuray-babacan-simsek-calisan-emeklilere-ikramiye-karari-icin-bu-kadar-vergiyi-niye-koyduk-o-zaman-demis/\">Steuern</a>, um dadurch das Defizit wieder zu balancieren. Beides wirkte und wirkt inflationsf\u00f6rdernd, w\u00e4hrend die geldpolitische Wende <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/tcmbden-ucret-artislarina-itiraz-makale-1669477\">deflation\u00e4r orientiert</a> ist. Die <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/imf-kemerleri-daha-sikin-diyor-iktidar-uyguluyor-ya-muhalefet-makale-1641844\">inkonsistente Umsetzung</a> der R\u00fcckkehr zu einem orthodoxen neoliberalen Regime wiederum befeuert die <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/articles/cm5003jv5gmo\">Entwertung der Lira</a> und wirkt aufgrund der Importabh\u00e4ngigkeit der T\u00fcrkei damit ebenfalls inflationsf\u00f6rdernd.</p><p><a href=\"https://10haber.net/2023/10/30/yabanci-yatirimci-icin-tek-engel-erdogan-faktoru-degil-281114/\">Nicht konsistent</a> ist die R\u00fcckkehr <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/akpnin-yeni-rotasi-sekilleniyor-makale-1630068\">daher, weil</a> die makro\u00f6konomischen Parameter (insbesondere die Inflation und die riesige Schere zwischen Inflation und Leitzins) solch desastr\u00f6se Z\u00fcge angenommen hatten, <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/faiz-artislarinin-neresindeyiz-makale-1644146\">dass ein sofortiger radikaler Wandel</a> <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ercan-uygur/tcmb-faizi-ve-tusiad-in-ikiz-acigi,40514\">ziemlich sicher</a> zu einer Finanzkrise wegen Preisverfalls von Wertpapieren und Kreditausf\u00e4llen bei Schuldnern mit flexiblen Zinsraten gef\u00fchrt und wohl eine tiefe Wirtschaftskrise ausgel\u00f6st h\u00e4tte. Aber auch schlicht aus Gr\u00fcnden des makro\u00f6konomischen Populismus, sprich, um durch die (f\u00fcr die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-batman-mitinginde-konusuyor,1157951\">Zukunft</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-bursa-da-aciklamalarda-bulunuyor,1158106\">angek\u00fcndigte</a>) <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bakan-duyurdu-emeklilere-ozel-indirim-ve-kampanyalar-baslatilacak,1157654\">St\u00e4rkung</a> der Nachfrage <a href=\"https://t24.com.tr/haber/emekli-promosyonu-odemeleri-icin-yeni-karar-ozel-bankalar-da-dahil-edildi,1158141\">mithilfe</a> vor\u00fcbergehender <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-erdogan-kamu-bankalari-emeklilere-8-12-bin-lira-promosyon-odemesi-yapacak,1157048\">expansionistischer</a> Ma\u00dfnahmen die <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ercan-uygur/faiz-soku-yerine-fiyat-soku-ve-butce,40853\">Zustimmung zum Regime</a> im Vorlauf zu den Wahlen im M\u00e4rz 2024 zu erhalten. Das f\u00fchrte zu widerspr\u00fcchlichen Resultaten wie <a href=\"https://www.ekonomim.com/ekonomi/ozel-bankalar-ticari-kredide-gaza-basti-haberi-719772\">zu einer</a> <a href=\"https://www.ekonomim.com/ekonomi/doviz-talebini-kismak-icin-tum-tuslara-basiliyor-haberi-734035\">Kontraktion</a> <a href=\"https://www.ekonomim.com/ekonomi/son-dakika-merkez-bankasindan-ilave-sikilasma-adimlari-haberi-732818\">im Kreditmarkt</a> und in der <a href=\"https://www.ekonomim.com/ekonomi/sirketlerin-2023-hasari-su-yuzune-cikiyor-haberi-723763\">Aktivit\u00e4t bestimmter wirtschaftlicher Sektoren</a>, somit zu einer <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Labour-Force-Statistics-January-2024-53525&amp;dil=2\">leichten Zunahme</a> der Arbeitslosigkeit, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ercan-uygur/aciklanan-ve-algilanan-enflasyon-tartismasi-kim-hakli,43552\">bei</a> <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ercan-uygur/tcmb-faizi-istikrar-ve-enflasyon-beklentisi-icin-dogru-faiz-midir,43676\">erneuter Beschleunigung</a> des <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Consumer-Price-Index-February-2024-53623&amp;dil=2\">Anstiegs der Inflation</a>. Ist aber ein Hyperinflationsniveau erreicht, k\u00f6nnen auch populistische expansionistische Ma\u00dfnahmen kaum mehr zur Stabilisierung des Lebensstandards der Masse der Bev\u00f6lkerung beitragen und werden selbst, <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2023-10-11/bofa-report-shows-candid-views-on-turkey-after-investor-meeting\">nebst den anderen</a> inflationsf\u00f6rdernden Ma\u00dfnahmen, zu Beschleunigern der Inflation, wie mittlerweile auch <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-bursa-da-aciklamalarda-bulunuyor,1158106\">Erdo\u011fan selbst \u00f6ffentlich zugibt</a>. Daher wurde jetzt erst das<i>prospektive</i> in die Regierungskoalition investierte Vertrauen zur\u00fcckgezogen und diese abgestraft.</p><p>Das \u00f6konomistische Argument, dass es den Menschen heute wesentlich schlechter geht als 2023, und dass dies den starken R\u00fcckgang der Zustimmung der AKP erkl\u00e4rt, \u00fcberzeugt indes nicht ganz. Zum einen hat sich an den wesentlichen makro\u00f6konomischen Parametern nichts Wesentliches ver\u00e4ndert. Zum anderen ist ein <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ercan-uygur/enflasyon-sorunu-ve-yarattigi-reel-faizler,43761\">Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung</a> <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ercan-uygur/yerel-secimler-mikro-ve-statik-midir,44164\">nicht erst seit 2024</a> <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/mak-danismanliktan-30-buyuksehir-anketi-eskisehir-adana-antalya-hatay-orduda-surpriz-galeri-1675947?p=3\">sehr unzufrieden</a> <a href=\"https://www.gazetepencere.com/akplileri-telaslandiran-durum-emekli-secmen-eriyor/\">\u00fcber die</a> <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/saros-arastirma-2024-te-ekonomi-daha-kotu-olacak,26766/3\">\u00f6konomische Situation</a>, sondern schon seit Jahren. Der <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/ipsos-arastirma-turkiye-nin-en-onemli-ve-en-endise-duyulan-sorun-ekonomi,26240/3\">Anteil der Unzufriedenen</a> ist innerhalb des letzten Jahres nicht wirklich gestiegen. \u00d6konomistische Analysen \u00fcbersehen oft, dass Menschen nicht ausschlie\u00dflich aus unmittelbar \u00f6konomischen Gr\u00fcnden politisch handeln oder w\u00e4hlen, sondern die \u00f6konomischen Umst\u00e4nde gefiltert durch Subjektivierungs- und Identit\u00e4tsmuster wirken. Es ist die Kombination aus <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ercan-uygur/tuik-turkiye-deki-yoksul-sayisini-hangi-varsayimlarla-dusuk-gosteriyor-,43354\">Fortsetzung</a> <a href=\"https://www.mahfiegilmez.com/2023/11/orta-snfn-cokusunun-baslangc.html\">einer</a> f\u00fcr die <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/candan-yildiz/ibb-her-10-kadindan-8-i-evinde-dogal-gaz-yakmadan-oturuyor,43865\">Masse der Bev\u00f6lkerung</a> <a href=\"https://www.ekonomim.com/ekonomi/rakamlar-aci-gercegi-ortaya-koydu-egitimliler-eriyor-haberi-727751\">untragbaren \u00f6konomischen Situation</a> einerseits und Verlust der Hoffnungen auf das Einsetzen einer Verbesserung durch die Politik des Regierungsblocks andererseits, die wesentlichen Anteil daran hat, dass die sinn- und identit\u00e4tsstiftenden Praktiken und Diskurse der AKP nun st\u00e4rker einbrachen \u2013 und demgegen\u00fcber die erfolgreiche Performanzlegitimit\u00e4t der CHP in Istanbul und Ankara in den Vordergrund treten und auf den Rest des Landes st\u00e4rker ausstrahlen konnte. Aus diesem Grund fiel es Regierungsblockw\u00e4hler*innen nun leichter, die CHP zu w\u00e4hlen.</p><p>Zudem sind Lokalwahlen offener f\u00fcr Abweichungen und \u201eexplorative Testversuche\u201c, da in ihnen nicht \u00fcber die zentralen Institutionen des Landes entschieden wird; daher greift auch die Polarisierung w\u00e4hrend Lokalwahlen weniger stark. Wie Fatih Erbakan, der Chef der YRP, die auf nationaler Ebene in einer Koalition mit der AKP, in den Lokalwahlen aber in starker Konkurrenz zur AKP stand, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/fatih-erbakan-yeniden-refah-partisi-nin-ittifak-kararini-acikliyor,1150148\">konzise hervorhob</a>, ging es diesmal nicht \u201eum\u2019s Ganze\u201c, sprich darum, den feindlichen Block von der Macht fernzuhalten, sondern \u201enur\u201c um die lokalen Verwaltungen. Daher sei eine allianzinterne Konkurrenz gerechtfertigt, vor allem, da die YRP in vielen einzelnen Politikfeldern unterhalb der \u201egro\u00dfen nationalen\u201c Fragen nach Identit\u00e4t und Ideologie stark von der AKP abweicht. F\u00fcr den \u201eVersuchscharakter\u201c der Wahlentscheidung vieler ehemaliger MHP- und AKP-Anh\u00e4nger*innen spricht, dass in einigen anatolischen Provinzen, deren B\u00fcrgermeisterschaftswahl die CHP gewonnen hat, das jeweilige Provinzparlament dennoch von der AKP dominiert wird (bspw. Afyonkarahisar, Burdur, K\u00fctahya, Ad\u0131yaman, Kastamonu, Sinop, Giresun, Ardahan). Wie schon 2019 in Istanbul und Ankara w\u00e4hlten also AKP- und MHP-W\u00e4hler*innen in diesen Provinzen weiterhin mehrheitlich ihre eigene Partei, gaben aber dem Oppositionskandidaten f\u00fcr das B\u00fcrgermeister*innenamt eine Chance.</p><p>Nicht zuletzt scheint die Ver\u00e4nderung innerhalb der CHP mobilisierend gewirkt zu haben, obwohl diese nicht massiv und schnell wieder die \u201eLuft raus\u201c war. Der alte Vorsitzende der CHP, Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, dem die Schuld an der Wahlniederlage von 2023 gegeben wurde, der sich aber weigerte, zur\u00fcckzutreten, wurde zu einem au\u00dferordentlichen Kongress dazu gezwungen. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-donemi-bitti-yeni-chp-genel-baskani-%C3%B6zg%C3%BCr-%C3%B6zel,1137246\">\u00dcberraschenderweise gelang es dort</a> einer oppositionellen Fraktion der Unzufriedenen um den dann zum Vorsitzenden gew\u00e4hlten \u00d6zg\u00fcr \u00d6zel, die Mehrheit zu erlangen. Zu dieser Fraktion geh\u00f6rt auch der Istanbuler B\u00fcrgermeister Ekrem Imamo\u011flu, dessen nationale Repr\u00e4sentation dadurch weiter wuchs. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ozgur-ozel-hesap-vermek-bedel-odemek-ozelestiri-yapmak-sandikla-olur-yenilenmek-zorundayiz,1130482\">Allerdings verschwand</a> ein stark <a href=\"https://www.eczozgurozel.com/wp-content/uploads/2023/09/Tutum-Belgesi-Ozgur-Ozel.pdf\">links orientierter Programmvorschlag</a> von \u00d6zg\u00fcr \u00d6zel schnell in der Bedeutungslosigkeit, Imamo\u011flus kontrafaktischer und inkonsistenter Versuch der <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/murat-sabuncu/imamoglu-kendi-ozume-turklugume-hayranim-kendi-dilime-cok-tutkuluyum-hal-hatir-soracak-kadar-kurtce-ogrenmeyi-sorumluluk-kabul-ediyorum,43965\">Demokratisierung von Nationalismus und religi\u00f6sem Glauben</a>, also die fortgesetzte ideologische Anbiederung an die Rechte, trat in den Vordergrund. In der politischen Praxis gewann die CHP keine nennenswerte Initiative und machte <a href=\"https://turkeyrecapturkce.substack.com/p/chpnin-acklanmayan-adaylar-ozel-imamoglu\">eher</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2024/01/29/chp-disi-muhalefetin-ilk-hedefi-chpye-kaybettirmek/\">den Eindruck</a> eines <a href=\"https://yetkinreport.com/2024/02/06/halki-hice-saymanin-bir-bedeli-olacak-mi-hatay-ornegi/\">Versunkenseins in inneren Grabenk\u00e4mpfen</a>. Starke Kandidaten wie der ehemalige B\u00fcrgermeister von Izmir, der links tendierende und mit den Kurd*innen zusammenarbeitende Tun\u00e7 Soyer, wurden diesen K\u00e4mpfen geopfert, w\u00e4hrend in Ungunst geratene Kandidaten wie <a href=\"https://www.birgun.net/haber/chp-de-lutfu-savas-krizi-yeni-bir-isim-gundeme-geldi-504451\">L\u00fctf\u00fc Sava\u015f</a> in Hatay aufgrund ihrer angeblichen Popularit\u00e4t auch bei nationalistisch-konservativen W\u00e4hler*innen beibehalten wurden. In beiden F\u00e4llen wurden die Entscheidungen durch die W\u00e4hler*innen quittiert: In Izmir, einer CHP-Hochburg, gewann die CHP zwar die Wahl, musste aber empfindliche Einbu\u00dfen hinnehmen; Hatay, ebenfalls eine CHP-Hochburg seit fast 20 Jahren, verlor sie hingegen komplett.</p><p>Dar\u00fcber hinaus scheint jedoch der Wechsel der Spitze und die zunehmende Bedeutung von Imamo\u011flu mobilisierend gewirkt zu haben, letzteres jedoch durchaus auch aus sehr volatilen Gr\u00fcnden: <a href=\"https://yetkinreport.com/2024/03/16/secmen-siyasetten-bikti-kim-benim-icin-kavga-edecek/\">Eine Studie</a> stellt fest, dass sich allgemeiner Frust und/oder Demoralisierung bei Regimew\u00e4hler*innen wie auch Oppositionsw\u00e4hler*innen aufgrund des Mangels an Ver\u00e4nderung und der Alternativlosigkeit breit macht und dass daher starke F\u00fchrer wie Erdo\u011fan und Imamo\u011flu attraktiv erscheinen. Dies jedoch ist unter den <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/bekir-agirdir/31-mart-oncesi-son-durum-genel-secimin-tekrari-mi-yoksa-gelecegin-habercisi-mi,44107\">gegebenen Umst\u00e4nden</a> von steigendem Frust, Unmut und <a href=\"https://yetkinreport.com/2024/03/16/secmen-siyasetten-bikti-kim-benim-icin-kavga-edecek/\">politischer Apathie</a> eine sehr labile, instabile Form der Zustimmung und schlie\u00dflich aus der Perspektive einer demokratischen und sozialen Zukunft der T\u00fcrkei eine gef\u00e4hrliche Kombination.</p><h3><b>Potenziale und Gefahren der Hegemoniekrise</b></h3><p>Zusammenfassend hat ein Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren zum Ergebnis bei den Wahlen vom 31. M\u00e4rz 2024 gef\u00fchrt. Nebst der fortgesetzten elektoralen Erosion der AKP aufgrund der wirtschaftlichen Situation konnte die CHP insbesondere in Istanbul und Ankara die Barrieren negativer Identifikation durch ihre Leistungen in den letzten f\u00fcnf Jahren partiell einrei\u00dfen. Oppositionelle W\u00e4hler*innen zeigten trotz Demoralisierung einen erstaunlich starken Willen, den Regierungsblock zur\u00fcckzutreiben und straften allzu partikulare und opportunistische Machtkalk\u00fcle innerhalb des eigenen Lagers ab. All dies fand in einer einzigartigen Konjunktur statt, in der das von AKP-W\u00e4hler*innen in die AKP gesetzte Vertrauen aufgrund der \u00f6konomischen Entwicklungen weiter einbrach, der potenzielle \u201eExplorationscharakter\u201c von Lokalwahlen die Polarisierung schw\u00e4chte und dadurch Wandel im Kleinen erm\u00f6glichte, w\u00e4hrend Imamo\u011flu und die neue CHP-F\u00fchrung zumindest den Schein von Ver\u00e4nderung und starken Pers\u00f6nlichkeiten verbreiten konnten.</p><p>Alle diese einzelnen Faktoren zusammengenommen h\u00e4tten jedoch auch zu eher kleineren Verschiebungen im Gro\u00dfen und Ganzen f\u00fchren k\u00f6nnen, wie es noch bei den Lokalwahlen 2019 der Fall war. Dass sie zu vergleichsweise gro\u00dfen Ver\u00e4nderungen gef\u00fchrt haben, hat wenig mit einer \u201eBorderline Demokratie\u201c zu tun und viel mit der Hegemoniekrise im Land, die die sozialen Widerspr\u00fcche versch\u00e4rft und unvorhergesehene Spr\u00fcnge erm\u00f6glicht. Identit\u00e4ten und Subjektivit\u00e4ten sind grundlegend instabil geworden und daher in einer g\u00fcnstigen Konjunktur offen f\u00fcr Ver\u00e4nderung. Die M\u00f6glichkeit des Eintretens von Unvorhergesehenem, von erst im Nachhinein Erkl\u00e4rbarem, w\u00e4chst.</p><p>Das elektorale Verschwinden von rechten, rechtsextremen und islamistischen oppositionellen Kleinstparteien zeigt eindr\u00fccklich, dass Opposition auch ohne diese geht. Zudem widerlegt es liberale Thesen, nach denen man es allen recht machen muss, wenn man die AKP besiegen will. Das Wahlergebnis vom 31. M\u00e4rz 2024 zeigt, dass man prinzipiell mit einer \u00fcberzeugenden Alternative in einer g\u00fcnstigen Konjunktur hervortreten und das Alte absterben lassen kann, anstatt durch Anbiederung zu dessen Fortleben beizutragen. Nun tr\u00e4gt aber andererseits auch die heutige CHP den seit 1980 dominierenden allgemeinen Rechtsruck mit, auch wenn sie sich derzeit gegen ihre autorit\u00e4rste und autokratischste Ausformung wendet. Dass sie die Gunst der Stunde nicht nutzt, um eine grundlegende Alternative zu verankern, damit gehen auch gro\u00dfe Gefahren einher.</p><p>Zum einen folgt daraus, dass die CHP sofort wieder W\u00e4hlerzustimmung verlieren kann, wenn AKP und MHP \u201eliefern\u201c k\u00f6nnen, das hei\u00dft, insbesondere die \u00f6konomische Situation f\u00fcr die Masse der Bev\u00f6lkerung verbessern k\u00f6nnen. Dazu wird es <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tepav-onlem-alinmazsa-enflasyonun-maliyeti-toplumsal-refah-uzerinde-olur,1149070\">kurzfristig vermutlich nicht</a> kommen, es scheint weiterhin die Versch\u00e4rfung der neoliberalen Orthodoxie auf dem Programm zu stehen. Doch in einer Situation nach einer Restabilisierung der makro\u00f6konomischen Situation ab Ende dieses, Anfang n\u00e4chsten Jahres k\u00f6nnte es erneut zu einer Restabilisierung des Lebensstandards der Masse der Bev\u00f6lkerung auf einem unteren bis mittleren Niveau kommen. Das Regime <a href=\"https://www.gazetepencere.com/iste-aci-gercekler-kotu-tablo-mehmet-simsekin-itiraflari-2/\">spekuliert wohl in diese Richtung</a>. Devlet Bah\u00e7eli, Chef der MHP, <a href=\"https://www.haberturk.com/mhp-genel-baskani-devlet-bahceli-den-aciklama-mhp-demokratik-mesaji-almistir-3674336?page=3\">argumentiert</a>, der \u00f6konomische Unmut habe sich verallgemeinert auf die politische Sph\u00e4re niedergeschlagen und dazu beigetragen, dass die CHP mithilfe der Kurd*innen und der g\u00fcnstigen konjunkturellen Stimmungen Profit daraus schlug. Diese \u201eKonjunktur\u201c zu beheben, das wird das Hauptanliegen des Regimes in den n\u00e4chsten Monaten und Jahren sein. Die n\u00e4chsten Parlamentswahlen stehen offiziell erst in etwas mehr als vier Jahren an. Es ist also noch viel Zeit vorhanden im normalen Lauf der Dinge.</p><p>Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass insbesondere die Stimmen der Kurd*innen in St\u00e4dten wie Istanbul und Ankara nur \u201eleihweise\u201c an die CHP \u00fcbertragen wurden, um die AKP zu besiegen. Diese Stimmen werden bei den n\u00e4chsten Wahlen wieder zur pro-kurdischen linken Partei, derzeit DEM, flie\u00dfen. Der Groll \u00fcber den Nationalismus h\u00e4lt zudem weiterhin an. Was mit den Stimmen von W\u00e4hler*innen anderer Oppositionsparteien passiert, bleibt offen; sie sind jedenfalls noch nicht best\u00e4ndig und stark genug bei der CHP, als dass der Vertrauensvorschuss nicht wieder zur\u00fcckgezogen werden k\u00f6nnte.</p><p>Folgenschwerer ist, dass die CHP potenziell zur <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/murat-sabuncu/milliyetci-muhafazakar-cephe-genislerken-chp-yalnizlastirilmaya-calisiliyor,43121\">Rechtsverschiebung im Land</a> beitr\u00e4gt. Noch kann die CHP zwischen einem Demokratisierungsversprechen unter anderem an die Kurd*innen und einem nationalistisch-konservativen Angebot an Rechte und Traditionalist*innen hin und her oszillieren. Bei weiteren Siegen, insbesondere auf nationaler Ebene, muss sie den Worten jedoch Taten folgen lassen. Dann wird der Spagat schwieriger oder sogar unm\u00f6glich. H\u00e4lt sich mit Zutat der CHP der Rechtsruck weiter aufrecht, bleiben die Demokratisierungsperspektiven der T\u00fcrkei tr\u00fcbe. Es kommt hinzu, dass die CHP gerade davon profitiert, dass es die AKP ist, die eine Wirtschaftspolitik umsetzt, die sich auch die CHP (viel weniger \u201ehybride\u201c artikuliert) zum Programm gemacht hat, n\u00e4mlich eine neoliberale Orthodoxie. Diese ist nicht umsonst ein wesentlicher Grund f\u00fcr den elektoralen Einbruch der AKP: Sie zeitigt desastr\u00f6se Auswirkungen auf den Lebensstandard der Bev\u00f6lkerung und ist daher aus einer linken Perspektive weiterhin abzulehnen.</p><p>F\u00fcr die Linke er\u00f6ffnen sich \u00e4hnliche Chancen wie f\u00fcr die CHP. Ihre wenigen Wahlerfolge zeigen, dass die Linke sich durch erfolgreiche Praxis und Strategie auch elektoral verankern kann. Die prinzipielle \u00d6ffnung der Wahlbev\u00f6lkerung f\u00fcr Alternativen \u00f6ffnet auch ihren Spielraum. Zudem haben oppositionelle W\u00e4hler*innen bewiesen, dass ein starker Wille nach Ver\u00e4nderung besteht; soziale K\u00e4mpfe setzen sich unvermindert fort; Gro\u00dfereignisse wie der 8. M\u00e4rz und Newroz, das kurdische Fr\u00fchjahrsfest, wiesen dieses Jahr sogar eine teils bedeutend st\u00e4rkere und k\u00e4mpferischere Beteiligung auf. Daf\u00fcr muss die Linke aber heraus aus kleinlichem Kalk\u00fcl. Sie muss ihre Punkte durchstreiten, ohne das gro\u00dfe Ganze und die Errichtung von Gegenhegemonie aus dem Blick zu verlieren.</p><hr/><h4><b>Anmerkungen:</b></h4><p><b>[1]</b> Wo nicht anders angegeben nutze ich die Zahlen der offiziellen staatlichen Agentur Anadolu Ajans\u0131 (AA) in der Aufbereitung von <a href=\"https://www.haberturk.com/secim/secim2024/yerel-secim\">Haber T\u00fcrk</a>. Gro\u00dfen Dank an Evrim Mu\u015ftu und Johanna Br\u00f6se f\u00fcr ihre Redaktion des Textes.</p><p><b>[2]</b> Mit Videoaufnahmen belegt ist der Missbrauch einer besonderen gesetzlichen Bestimmung, nach der Beamt*innen im Dienst w\u00e4hrend den Wahlen f\u00fcr die Abgabe ihrer Stimme nicht an eine spezifische Wahlurne gebunden sind. Auf Videos ist zu sehen, wie Hunderte von Polizist*innen und Soldat*innen in Bussen in kurdische Bezirke gebracht werden, um dort konzertiert zu w\u00e4hlen. Die DEM gibt im Abgleich mit W\u00e4hler*innenregistern und den ihr vorliegenden Wahlresultaten insgesamt an die 46.000 Stimmen an, die in dieser Form missbr\u00e4uchlich genutzt wurden. In manchen kurdischen Gebieten waren wenige Tausend Stimmen genug, um das Wahlergebnis entscheidend zu beeinflussen.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Wie ist das m\u00f6glich, wo die AKP und Pr\u00e4sident Erdo\u011fan bei nationalen Wahlen vor einem Jahr noch vergleichsweise m\u00fchelos siegten?"}, {"title": "Den Gordischen Knoten zerschlagen \u2013 aber wie?", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Den Gordischen Knoten zerschlagen \u2013 aber&nbsp;wie?</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"clouded perspectives\" height=\"420\" src=\"/media/images/IMG_1594.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Johanna Br\u00f6se</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Um es von Anfang an unmissverst\u00e4ndlich zu sagen: Die Ergebnisse der Doppelwahl in der T\u00fcrkei vom 14. Mai 2023 \u2013 f\u00fcr Parlament und Pr\u00e4sidentschaft \u2013 waren ein relativer Sieg f\u00fcr den amtierenden t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Reccep Tayyip Erdo\u011fan und ein relativer Misserfolg der Opposition, sowohl der linken als auch der rechten. Selbst wenn das Pr\u00e4sidentschaftsrennen noch nicht entschieden ist \u2013 keiner der Kandidaten konnte die f\u00fcr den Sieg in der ersten Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen erforderlichen 50 %+1 der Stimmen f\u00fcr sich verbuchen, so dass am 28. Mai eine zweite Runde anberaumt ist \u2013 k\u00f6nnen wir schon jetzt einige wichtige analytische Schlussfolgerungen ziehen und Perspektiven diskutieren. Nicht zuletzt gibt es auch gen\u00fcgend Gr\u00fcnde, den Kampf um den Sieg \u00fcber Erdo\u011fan am 28. Mai nicht aufzugeben. N\u00e4hern wir uns dem vertrackten gordischen Knoten Schritt f\u00fcr Schritt.</p><h2><b>Die Best\u00e4ndigkeit des institutionalisierten autorit\u00e4ren Populismus an der Macht</b></h2><p>Die Wahlergebnisse der ersten Runde zeigen einen relativen Sieg von Erdo\u011fan. Klar, autorit\u00e4re Repression, stark ungleiche Ausgangsbedingungen im Vorfeld und am Wahltag sowie Wahlbetrug in einer erneut von mysteri\u00f6sen Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten \u00fcberschatteten Wahlnacht sind wie gehabt sehr wichtige Elemente, die diesen relativen Sieg erm\u00f6glicht haben. Es gibt bereits deutliche Anzeichen daf\u00fcr, dass sich der Wahlbetrug vor allem darauf konzentriert hat, Stimmen f\u00fcr die linke, pro-kurdische Gr\u00fcne Linkspartei (<i>Ye\u015fil ve Sol Partisi,</i> YSP) in Stimmen f\u00fcr die rechtsextreme nationalistische Partei, die Partei der Nationalistischen Bewegung (<i>Milliyet\u00e7i Hareket Partisi,</i> MHP), den wichtigsten Verb\u00fcndeten von Erdo\u011fan, umzuwandeln (siehe z. B. den Hashtag #Ye\u015filSolPartininOylar\u0131Nerede \u2013 \u201eWo sind die Stimmen f\u00fcr die YSP?\u201c \u2013 auf Twitter). Zum Zeitpunkt, an dem ich diesen Artikel schreibe, ist das Ausma\u00df des Betrugs noch nicht klar und auch nicht, ob dieser entscheidende Auswirkungen auf das Wahlergebnis haben wird. Die Entwicklungen sind, wie so oft in der T\u00fcrkei, hochdynamisch. Dennoch: Der Betrug kann an sich nicht die enorme Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr Erdo\u011fan als Pr\u00e4sidentschaftskandidaten und sein regierendes B\u00fcndnis, die Volksallianz (<i>Cumhur Ittifak\u0131</i>, CI) erkl\u00e4ren.</p><p>Erdo\u011fan kam nach den offiziellen (staatlichen) Zahlen mit bisher 49,50 % der W\u00e4hler:innenstimmen (gegen\u00fcber 52,60 % und einem Sieg in der ersten Runde im Jahr 2018) knapp an den Sieg in der ersten Runde des Pr\u00e4sidentschaftsrennens heran, w\u00e4hrend sein Konkurrent, der Vorsitzende der Republikanischen Volkspartei (<i>Cumhuriyet\u00e7i Halk Partisi,</i> CHP), Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, der auch das wichtigste b\u00fcrgerliche Oppositionsb\u00fcndnis, die Allianz der Nation (<i>Millet Ittifak\u0131</i>, MI), anf\u00fchrt, etwas weniger als 45 % der W\u00e4hler:innenstimmen auf sich vereinte. Obwohl Erdo\u011fans CI mit einer W\u00e4hler:innenunterst\u00fctzung, die nahe an der von Erdo\u011fan liegt (49,46 % gegen\u00fcber 53,60 % im Jahr 2018 nach den bisherigen Zahlen), etwas weniger als die absolute Mehrheit gewonnen hat, verf\u00fcgt die CI aufgrund der Wahlarithmetik mit 322 von 600 Abgeordneten immer noch \u00fcber die absolute Mehrheit im t\u00fcrkischen Parlament. Obwohl die CI und Erdo\u011fan Stimmenanteile verloren haben und Erdo\u011fan es nicht geschafft hat, in der ersten Runde zu gewinnen, sollte die Tatsache, dass die MI und der zweite, linke Oppositionsblock, das B\u00fcndnis f\u00fcr Arbeit und Freiheit (<i>Emek ve \u00d6zg\u00fcrl\u00fck Ittifak\u0131,</i> E\u00d6I) unter F\u00fchrung der YSP, es nicht geschafft haben, die Macht der CI im Parlament zu brechen, sowie die Tatsache, dass K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu die erste Runde des Pr\u00e4sidentschaftswahlkampfs weder gewonnen noch angef\u00fchrt hat, eindeutig als relativer Sieg f\u00fcr Erdo\u011fan verstanden werden. Warum?</p><p>Im Gegensatz zu liberal-demokratischen Behauptungen \u00fcber das starke Abschneiden der Opposition in der T\u00fcrkei, wenn man sie mit der Opposition in Russland und Ungarn vergleiche (ein ausgezeichneter Artikel entlang dieser Argumentationslinie findet sich <a href=\"https://www.journalofdemocracy.org/seven-lessons-from-turkeys-effort-to-beat-a-dictator/\">hier</a>), sollte man den entscheidenden Unterschied des autorit\u00e4ren Regimes in der T\u00fcrkei im Vergleich zu den genannten betonen, der das Wahlergebnis zu einem relativen Sieg f\u00fcr das Regime macht: Es ist n\u00e4mlich im Verh\u00e4ltnis zu den tiefen und vielf\u00e4ltigen Krisen zu sehen, in die das Regime das Land gest\u00fcrzt hat. Die T\u00fcrkei befindet sich in der schwersten Wirtschaftskrise seit \u00fcber 20 Jahren (zumindest f\u00fcr die breite Masse der Bev\u00f6lkerung), wobei das Schlimmste wahrscheinlich erst noch bevorsteht. Das Land hat bei der Pandemie im Bereich der \u00f6ffentlichen Gesundheit sehr schlecht abgeschnitten und Anfang diesen Jahres die schlimmsten Erdbeben in der modernen Geschichte der T\u00fcrkei durchlebt, f\u00fcr deren fatale Auswirkungen die Regierung eine <a href=\"https://revoltmag.org/articles/das-staatsbeben-in-der-t%C3%BCrkei/\">gro\u00dfe Verantwortung</a> tr\u00e4gt. Trotz alledem beh\u00e4lt das Erdo\u011fan-Regime die Oberhand. Und dies, im \u00dcbrigen, <a href=\"https://www.dwturkce.com/tr/erdo%C4%9Fan-deprem-b%C3%B6lgesinde-ilk-s%C4%B1rada-%C3%A7%C4%B1kt%C4%B1/a-65631057\">auch im Erdbebengebiet</a>, wo der <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/sertug-cicek/14-mayis-secimlerinin-rontgeni-hangi-parti-ve-ittifak-ne-kazandi-ne-kaybetti-hangi-surpriz-sonuclar-var,40007\">R\u00fcckgang der Unterst\u00fctzung</a> f\u00fcr die CI und insbesondere f\u00fcr die AKP zwar nicht zu vernachl\u00e4ssigen ist, sie aber trotzdem weitab vorne liegen, w\u00e4hrend Erdo\u011fan als Pr\u00e4sidentschaftskandidat <a href=\"https://substackcdn.com/image/fetch/f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/13bcf876-0874-4b2f-832c-41200a25096d_795x566.jpeg\">kaum Verluste</a> hinzunehmen hat im Vergleich zu 2018. Keines der etablierten rechtsautorit\u00e4ren Regime weltweit durchlebte bisher auch nur im Entferntesten derartig tiefe Krisen wie dasjenige unter F\u00fchrung von Erdo\u011fan.</p><hr/><h4><b>Dies f\u00fchrt zu einer ersten wichtigen theoretischen Schlussfolgerung, die auch im globalen Ma\u00dfstab relevant ist: Ein institutionalisierter autorit\u00e4rer Populismus an der Macht und seine Mechanismen der polarisierten Identit\u00e4tsbildung k\u00f6nnen selbst angesichts tiefer und massiver Krisen hartn\u00e4ckig Bestand haben.</b></h4><hr/><p>Einem Gro\u00dfteil der schockierten Reaktionen auf die Wahlergebnisse scheint ein liberaler, aufkl\u00e4rungsphilosophischer Ansatz zugrunde zu liegen, der davon ausgeht, dass niemand aus rationalen Gr\u00fcnden ein Regime w\u00e4hlen w\u00fcrde oder sollte, das die Bev\u00f6lkerung \u2013 erneut aus vermeintlich rationalen Gesichtspunkten betrachtet \u2013 immer wieder im Stich l\u00e4sst. Diese Argumentation war und ist erkenntnistheoretisch und ontologisch offensichtlich unangemessen, um zu verstehen, was in der jetzigen Wahl geschehen ist und was seit Jahren geschieht.</p><p>Erdo\u011fan und die AKP konnten zun\u00e4chst auf der Welle eines \u201eeingebetteten Neoliberalismus\u201c reiten, das hei\u00dft, den Neoliberalismus in Mechanismen der minimalen Gesundheitsversorgung und oft recht paternalistische und klientelistische Formen der Umverteilung integrieren. Dies ging einher mit Diskursen und Praktiken, die das Gef\u00fchl einer umfassenden sozialen Teilhabe vermittelten. Diese waren wiederum vermittelt durch Subjektivierungsmechanismen nach konservativem Muster und einer nur restriktiven, das hei\u00dft nicht-strukturellen Erm\u00e4chtigung der subalternen Teile ihrer Unterst\u00fctzer:innenbasis. Diese gesellschaftliche Verankerung von Erdo\u011fan und der AKP ist der Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis, wie es Erdo\u011fan gelungen ist, seinen verschw\u00f6rungstheoretisch-autorit\u00e4ren Diskurs und seine Politiken der Polarisierung so zu verankern, dass er ein veritables Ma\u00df an gesellschaftlicher Zustimmung auf sich vereinen und ein B\u00fcndnis mit extrem nationalistischen Kr\u00e4ften wie der MHP schmieden konnte. Ohne diesen tiefenanalytischen Hintergrund bleibt man schlicht an der Oberfl\u00e4che der Ereignisse kleben, wie so viele <a href=\"https://www.gmfus.org/news/erdogan-just-short-another-victory-election-not-over-until-its-over\">politikwissenschaftliche Analysen</a>, die beispielsweise die Polarisierungstaktiken oder den \u00f6konomischen Populismus von Erdo\u011fan hervorheben, aber nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, warum das bei Erdo\u011fan seit Jahren trotz tiefen Krisen klappt, bei Trump, Bolsonaro und Johnson aber nicht.</p><p>Der Erfolg, sich als F\u00fchrer und die AKP als f\u00fchrende Partei zu pr\u00e4sentieren, die die Anliegen des Volkes vorantreibt entlang der oben genannten Linien und des oben genannten historischen Hintergrunds, verlieh der Anziehungskraft von Erdo\u011fan/CI auch in Krisenzeiten eine gewisse Best\u00e4ndigkeit und verhinderte eine massive Abnahme der Zustimmung unter der Erdo\u011fan/CI-W\u00e4hler:innenschaft. Hinzu kommt die reale und symbolische Selbst-Erhebung, die die Unterst\u00fctzer:innen durch die Annahme des autorit\u00e4ren Angebots, Teil des von Erdo\u011fan/CI vertretenen \u201enationalen Willens\u201c (<i>mill\u00ee irade</i>) zu sein, erlangen. Auch die Auswirkungen der populistischen Wirtschaftspolitik im Vorfeld der Wahlen d\u00fcrfen nicht untersch\u00e4tzt werden: Deckelung der Mieten, Erh\u00f6hung des Mindestlohns, Ausweitung der Rentenanspr\u00fcche und Erh\u00f6hung der Renten, Energieverbrauchssubventionen, Versprechen, das Erdbebengebiet innerhalb eines Jahres wieder aufzubauen, Versprechen, die H\u00e4lfte der Kosten f\u00fcr neue Wohnungen im Erdbebengebiet zu finanzieren und so weiter. Nichts von alledem d\u00fcrfte nachhaltig sein. Aber die Versprechungen f\u00f6rderten das bereits bestehende erfolgreiche F\u00fchrerimage. Eine typische Erdo\u011fan/CI-W\u00e4hler:inmentalit\u00e4t, die in den letzten Wochen h\u00e4ufig zu sehen und zu h\u00f6ren war, besteht in der Klage \u00fcber viele Dinge, etwa die Wirtschaft; gekoppelt aber mit dem Glauben, dass immer noch Erdo\u011fan/CI die beste/einzige Option zur L\u00f6sung der Probleme sei.</p><p>Es ist also auch die Unzufriedenheit innerhalb der Erdo\u011fan/CI-W\u00e4hler:innenschaft gro\u00df, was sich in den Stimmenverlusten f\u00fcr Erdo\u011fan und die CI im Vergleich zu 2018 und in bestimmten qualitativen Feldstudien und \u00f6ffentlichen Umfragen widerspiegelt. Warum ist es der Opposition dann nicht gelungen, diese Unzufriedenheit st\u00e4rker als bisher von Erdo\u011fan/CI weg zu kanalisieren?</p><h2><b>Die Grenzen eines halbherzigen progressiven Neoliberalismus</b></h2><p>Wie bereits mehrfach von kritischen Stimmen hervorgehoben wurde, ist der wichtigste b\u00fcrgerliche Oppositionsblock eher schwach darin, eine \u00fcberzeugende alternative Vision f\u00fcr Staat und Gesellschaft zu pr\u00e4sentieren \u2013 und noch weniger gut darin, eine solche Perspektive in sozialen Praktiken zu verankern, die mit den Menschen in Verbindung stehen. Ihre polit\u00f6konomische Perspektive beinhaltet die Restauration eines klassischen neoliberalen Akkumulationsregimes, m\u00f6glicherweise mit einem developmentalistischen Einschlag. Sie stehen damit f\u00fcr ein Akkumulationsregime, das haupts\u00e4chlich verantwortlich ist f\u00fcr ein Wachstum ohne Besch\u00e4ftigungszuwachs (<i>jobless growth</i>), die zunehmende Ungleichheit von Einkommen und Verm\u00f6gen und die Zerst\u00f6rung der Organisation der Arbeiter:innenklasse \u2013 und damit f\u00fcr ein Akkumulations, das die Grundlage bot und bietet f\u00fcr die B\u00fcndelung der Unzufriedenheit auf reaktion\u00e4re Weise, wie es Erdo\u011fan tat und weiterhin tut.</p><hr/><h4><b>Auch in dieser Hinsicht \u00e4hnelt der Fall der T\u00fcrkei dem globalen Trend einer vorherrschenden innersystemischen Dialektik zwischen progressivem Neoliberalismus und reaktion\u00e4rem Populismus vor dem Hintergrund einer tiefen und vielschichtigen Krise der globalisierten neoliberalen Weltordnung. In der T\u00fcrkei jedoch mit einer noch weniger ausgepr\u00e4gten \u201eProgressivit\u00e4t\u201c auf der neoliberalen Seite der Dialektik als etwa bei Macron in Frankreich, Biden in den USA oder der \u201eFortschrittskoalition\u201c in Deutschland. Wie und warum ist das so?</b></h4><hr/><p>Die Forderung der MI nach Demokratie bleibt recht unbestimmt, da vor allem die innerstaatliche Dimension der Demokratisierung von der Hauptopposition dargelegt wird im Rahmen einer Perspektive hin zu einem gest\u00e4rkten parlamentarischen System. In den einschl\u00e4gigen Dokumenten der MI finden sich viele gute Vorschl\u00e4ge, zum Beispiel in Bezug auf das Justizwesen. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass das derzeitige Pr\u00e4sidialregime in der T\u00fcrkei nicht mit dem Fallschirm vom Himmel auf die Erde gesprungen ist, sondern sich aus eben einem parlamentarischen System heraus entwickelt hat \u2013 genauer gesagt dadurch, dass Erdo\u011fan/CI gesellschaftliche Konflikte instrumentalisiert haben, um vor dem Hintergrund einer Hegemoniekrise den \u00dcbergang zu einem autorit\u00e4ren Pr\u00e4sidialregime zu forcieren. In dieser Hinsicht bleibt die Forderung der Hauptopposition nach Pluralismus in den gesellschaftlichen Beziehungen weit weniger detailliert, da hoch umstrittene Themen wie die kurdische und alevitische \u201eFrage\u201c und das Thema der LGBTQI+-Rechte umgangen werden. Positive Verweise auf historische Institutionen ausgrenzender religionsbasierter Politik wie das Direktorat f\u00fcr religi\u00f6se Angelegenheiten (Diyanet) finden sich bei der CHP, aber auch bei anderen Parteien der MI. Ebenso finden sich positive Verweise auf neuere symbolische und institutionelle Elemente des Rechtsnationalismus und Autoritarismus, etwa auf die Einleitung und die ersten vier Paragraphen der vom Milit\u00e4r auferlegten und immer noch g\u00fcltigen Verfassung von 1982. Diese beinhalten ein ethnisch-ausgrenzendes Verst\u00e4ndnis der t\u00fcrkischen Nation und einen autorit\u00e4ren \u201eAtat\u00fcrkismus\u201c. Elemente wie diese, gepaart mit einem starken Fokus auf aggressiven Nationalismus und patriarchale Werte, waren die Schl\u00fcsselthemen, die von Erdo\u011fan/CI instrumentalisiert wurden, um auf dem Weg zum aktuellen Pr\u00e4sidialsystem auf Zustimmung zu dr\u00e4ngen. Und sie bleiben die Schl\u00fcsselelemente, die von Erdo\u011fan/CI instrumentalisiert werden, um aktuell den autorit\u00e4ren Konsens zu konsolidieren. Nicht zuletzt \u00e4hnelte die Mobilisierung der Hauptopposition jener von Erdo\u011fan/CI: Das hie\u00df, die Menschen kleinzuhalten und zu demotivieren, selbst aktiv zu werden oder auf die Stra\u00dfe zu gehen, indem sie sie vor schlimmen Dingen warnen, die sonst passieren k\u00f6nnten. Sie setzen darauf, dass die Menschen demobilisiert bleiben oder nur auf eine paternalistische und kontrollierte Weise mobilisiert werden.</p><p>Ein ausgrenzender (extremer) Nationalismus, eine ausgrenzenden religionsbasierten Politik sowie die einem autorit\u00e4ren Staatsglauben und der Staatssicherheit einger\u00e4umte Vorrangstellung gegen\u00fcber der selbstt\u00e4tigen Aktivit\u00e4t der Massen und der popularen Demokratie sind zentrale Themen der herrschenden Bl\u00f6cke seit der Gr\u00fcndung der modernen Republik T\u00fcrkei. Nichts davon war und ist unangefochten und unver\u00e4ndert. Ein Intermezzo gro\u00dfer sozialer Auseinandersetzungen 1960-80 stellte diese autorit\u00e4ren Grundlagen der Republik in Frage. Diese wurden jedoch von der Milit\u00e4rjunta des Staatsstreichs vom 12. September 1980 und ihrer autorit\u00e4ren Verfassung in modifizierter Form wiederhergestellt.</p><p>Seitdem ist das zunehmende Erstarken eines rechtsgerichteten Konservatismus zu verzeichnen, der Nationalismus und Islamismus einschlie\u00dft. Er wird von den wichtigsten b\u00fcrgerlichen Parteien und dem Milit\u00e4r propagiert und instrumentalisiert und f\u00fcllt das Vakuum, das die zerst\u00f6rte revolution\u00e4re Linke hinterlassen hat. St\u00e4rkere oder schw\u00e4chere Alternativ- oder Gegentrends gab und gibt es nach wie vor, wie der kurzlebige Aufstieg der Sozialdemokratie in den fr\u00fchen 1990er Jahren, die illusion\u00e4ren Versuche eines \u201eprogressiven Neoliberalismus\u201c unter der fr\u00fchen AKP und in j\u00fcngerer Zeit vor allem der Gezi-Aufstand von 2013 gezeigt haben. Die Republikaner und die republikanische Linke haben es jedoch vermieden und vermeiden es weiterhin, Gegentendenzen zu einer umfassenden nicht-neoliberalen Alternative zu formulieren, w\u00e4hrend die revolution\u00e4re Linke nach 1980 viel zu schwach blieb und bleibt oder in Teilen liberal wurde. Das ist der Hauptgrund, warum es seit geraumer Zeit eine unabh\u00e4ngige dritte, linke und pro-kurdische Koalition in der T\u00fcrkei gibt.</p><p>Dass der wichtigste Oppositionsblock heute ebenfalls versucht, auf der dominierenden Welle des Konservatismus zu reiten, sollte daher nicht \u00fcberraschen. Noch weniger, wenn man bedenkt, dass im Grunde alle Parteien innerhalb der MI neben der CHP Abspaltungen von der AKP (Davuto\u011flus GP, Babacans DEVA) oder der MHP (Ak\u015feners IYI) sind, au\u00dferdem eine Nachfolgepartei der Vorg\u00e4ngerpartei der AKP (Karamollao\u011flus SP) und eine Partei, die in der Haupttradition der rechten Mitte in der T\u00fcrkei steht (Uysals DP). Es handelt sich also um Parteien der rechten Seite des politischen Spektrums, weswegen die manchmal zu vernehmende Rede von einer \u201egro\u00dfen, parteien\u00fcbergreifenden Koalition\u201c in Bezug auf die MI schlicht falsch ist.</p><p>Es gibt keine offene Zusammenarbeit mit der YSP oder dem E\u00d6I, diese wird von fast allen Parteien innerhalb der MI au\u00dfer der CHP rundweg abgelehnt. Dies ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass die YSP und ihre Vorl\u00e4uferin, die Demokratische Partei der V\u00f6lker (<i>Halklar\u0131n Demokratik Partisi</i>, HDP) bei den Kommunalwahlen 2019 ma\u00dfgeblich zum Erfolg der Opposition beigetragen haben und jetzt wieder dazu beitragen, den Stimmenanteil von K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu zu erh\u00f6hen. In der Tat erzielte K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu in den \u00fcberwiegend kurdischen Gebieten der T\u00fcrkei die h\u00f6chsten Werte, oft weit \u00fcber 60 % der Stimmen. Im Gegensatz dazu h\u00f6rt man oft Aufrufe aus dem liberalen Lager an K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu und die CHP, sich zug\u00e4nglich gegen\u00fcber konservativen und nationalistischen W\u00e4hler:innen zu zeigen, um eine erfolgreiche demokratische Koalition zu schmieden und die Macht von Erdo\u011fan/CI \u00fcber diese W\u00e4hler:innenschaft zu brechen. \u00c4hnliche Aufrufe an K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu und die CHP, sich der HDP/YSP oder dem E\u00d6I anzun\u00e4hern, gibt es allerdings kaum. Offensichtlich ist die MI nicht nur aus pragmatischen Gr\u00fcnden der Ansicht, dass ein Einlenken gegen\u00fcber einer scheinbar dominanten konservativen Str\u00f6mung ihr die Oberhand bei den Wahlen verschaffen w\u00fcrde. Der Schluss ist naheliegend, dass die Mehrheit der MI auch aktiv davon \u00fcberzeugt ist, dass der Konservatismus die \u201erichtige\u201c Art und Weise ist, zu regieren und die Gesellschaft zu gestalten. Gerade dieses Appeasement an den rechtskonservativen Trend machte es schon vor den Wahlen fragw\u00fcrdig, wie weit eine Demokratisierung unter F\u00fchrung der MI gehen k\u00f6nnte.</p><p>Allerdings scheint diese Anpassung an den dominanten rechtskonservativen Trend als Alternative gar nicht erst \u00fcberzeugend genug zu sein, um einen Wandel in der Legislative einzuleiten, wie schon vor den Wahlen oft kritisch angemerkt wurde: Die MI blieb bei den Parlamentswahlen im Wesentlichen bei ihren Stimmenanteilen von 2018 (damals 33,94%, jetzt 35%), wobei die IYI etwas weniger (jetzt 9,7% gegen\u00fcber 9,96% 2018) und die CHP etwas mehr als bei den letzten Wahlen (25,33% gegen\u00fcber 22,65%) erzielte. Da die CHP jedoch nur durch die viel gepriesene Taktik, mit allen MI-Mitgliedern au\u00dfer der IYI mit gemeinsamen Listen in den Wahlkampf zu ziehen, mehr Abgeordnete gewinnen konnte, werden sich diese Gewinne in Verluste verwandeln, da die CHP mehr Sitze an MI-Mitglieder abgeben wird, als sie gewonnen hat. Man fragt sich schon, ob die Taktik, eine Mitte-Rechts-Koalition zu schmieden, um das demokratische Potenzial gegen den Autoritarismus zu kanalisieren, doch nicht so gut aufgegangen ist und ob ein alternatives Mitte-Links-B\u00fcndnis, etwa mit der CHP und der HDP im Kern, bei guter Durchf\u00fchrung, nicht erfolgreicher gewesen w\u00e4re.</p><p>Die Lehren aus dem relativen Scheitern der Opposition sind meines Ermessens daher diese hier: Ohne eine umfassende alternative gesellschaftliche Vision, inklusive einer alternativen polit\u00f6konomischen Vision, plus einer Praxis, die sich im Alltag und in der sozialen Praxis der Menschen mit diesen verbindet, um die Alternative tats\u00e4chlich zu verankern und die Menschen umfassend handlungsf\u00e4hig subjektiviert und daher die reaktion\u00e4ren Subjektivierungsmechanismen ersetzt, wird es kaum gehen. Oder es wird gehen zu einem immer st\u00e4rker steigenden Preis, das hei\u00dft auf dem Hintergrund von immer schwereren Krisen, deren Materialit\u00e4t dann irgendwann die Materialit\u00e4t und Superstruktur des Erdo\u011fanismus brechen wird, allerdings dann mit einer Sto\u00dfrichtung, die radikal offen bleibt in alle Richtungen, fortschrittlich wie reaktion\u00e4r.</p><hr/><h4><b>Schlimmer jedoch als die nur mittelm\u00e4\u00dfige Performance der MI ist,</b> <b>dass das Einlenken gegen\u00fcber dem Rechtskonservatismus, um dessen extremste autorit\u00e4re Form, n\u00e4mlich das faschistoide Regime unter Erdo\u011fan, zu st\u00fcrzen, dazu beigetragen hat \u2013 wohl unbeabsichtigt, nehme ich an, aus der Sicht der Mehrheit der Republikaner:innen \u2013, die steigende Flut des rechten (extremistischen) Konservatismus zu st\u00e4rken. Auch das war eine gro\u00dfe Gefahr, vor der kritische Analysen schon seit geraumer Zeit gewarnt haben.</b></h4><hr/><h2><b>Der Aufstieg des extremen Rechtskonservatismus</b></h2><p>Der heimliche Gewinner der Wahlen in der T\u00fcrkei vom 14. Mai 2023 scheint derzeit der (extreme) Rechtskonservatismus zu sein, der als allgemeine Tendenz b\u00fcndnis\u00fcbergreifend erstarkt und verschiedene Unterstr\u00f6mungen wie extremen Nationalismus und extremen Islamismus umfasst. Z\u00e4hlt man die (rechtsextremen) nationalistischen Parteien aus der Regierungskoalition wie die MHP, aber auch aus der Opposition wie die bereits erw\u00e4hnte IYI, aber auch die rasend fl\u00fcchtlingsfeindliche Partei des Sieges (<i>Zafer Partisi</i>, ZP), die ihrerseits eine Abspaltung der IYI ist, zusammen, ergibt sich f\u00fcr diese Str\u00f6mung ein Gesamtstimmenanteil von etwa 24-25 %. Das gro\u00dfe bisher ungel\u00f6ste R\u00e4tsel in dieser Gleichung ist die starke Performance der MHP. Waren ihr im Durchschnitt aller Umfragen vor den Wahlen 6-7% der Stimmen vorhergesagt worden, konnte sie mit knapp \u00fcber 10% der Stimmen ihre Zustimmungswerte von 2018 im Allgemeinen fast ohne Verluste verteidigen. Eine \u00e4hnliche massive Fehlvorhersage fast aller Wahlumfrageinstitute f\u00fcr das Abschneiden der MHP war schon 2018 aufgetreten.</p><p>Auf der anderen Seite, w\u00e4hrend die AKP als Partei, obwohl sie immer noch die st\u00e4rkste Partei bleibt, der gro\u00dfe Verlierer dieser Wahlen ist (35,58% im Vergleich zu 42,56% im Jahr 2018), werden die extremen Islamisten von Erbakans Neuer Wohlfahrtspartei (<i>Yeniden Refah Partisi,</i> YRP) mit 2,82% der Stimmen als Teil der CI f\u00fcnf Mitglieder ins Parlament schicken. Dar\u00fcber hinaus sind vier Abgeordnete der kurdisch-islamistischen Partei der Freien Sache (<i>H\u00fcr Dava Partisi,</i>H\u00dcDA-PAR) \u00fcber die AKP-Listen ins Parlament eingezogen. Die YRP wurde der CI hinzugef\u00fcgt, um deren Anziehungskraft im islamistischen Lager zu verst\u00e4rken, w\u00e4hrend die H\u00dcDA-PAR dem B\u00fcndnis hinzugef\u00fcgt wurde, um die Anziehungskraft unter konservativen Kurd:innen zu erh\u00f6hen. W\u00e4hrend H\u00dcDA-PAR in der Tradition der t\u00fcrkischen Hizbullah steht, die in den 1990er Jahren f\u00fcr barbarische Massaker und F\u00e4lle brutaler Folter verantwortlich war, pflegen sowohl H\u00dcDA-PAR als auch YRP eine aggressive Feindseligkeit gegen\u00fcber queeren Menschen und Frauen*rechten. Wie der erfahrene republikanische Journalist Murat Yetkin zu Recht <a href=\"https://yetkinreport.com/2023/05/16/turkiyenin-en-milliyetci-ve-muhafazakar-meclisi-kuruldu/\">feststellt</a>, ist das derzeitige Parlament auf dem besten Wege, das nationalistischste und islamistischste Parlament in der Geschichte der modernen T\u00fcrkei zu werden. Im Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf hat der rechtsextrem-nationalistische Kandidat Sinan O\u011fan, der sich ebenfalls von der IYI abgespalten hat und sich f\u00fcr das im Rennen um das Parlament an sich unbedeutende ATA-B\u00fcndnis (wortw\u00f6rtlich \u201eB\u00fcndnis der Vorfahren\u201c) aufstellen lie\u00df, mit einem Gesamtstimmenanteil von 5,17 % entscheidend dazu beigetragen, dass das Rennen nun in eine zweite Runde geht.</p><p>Auch wenn wir noch nicht \u00fcber wissenschaftlich fundierte Analysen der W\u00e4hler:innenstr\u00f6me verf\u00fcgen, k\u00f6nnen wir vorl\u00e4ufig davon ausgehen, dass ver\u00e4rgerte AKP-W\u00e4hler:innen f\u00fcr Parteien innerhalb desselben B\u00fcndnisses (wie etwa die YRP) und in geringem Ma\u00dfe f\u00fcr Parteien au\u00dferhalb der Regierungskoalition, die dieser ideologisch nahe stehen, gestimmt haben.</p><p>Es zeichnet sich ab, dass nationalistisch orientierte Neuw\u00e4hler:innen und ver\u00e4rgerte W\u00e4hler:innen anderer Parteien, <a href=\"https://turkiyeraporu.com/arastirma/cumhurbaskani-adaylari-hangi-parti-secmenlerinden-oy-aldi-15309/\">insbesondere</a> diejenigen, die IYI gew\u00e4hlt haben, Sinan O\u011fan ihre Stimme gaben. IYI-Parteichefin Meral Ak\u015fener scheint durch das Wahlergebnis nicht so sehr aus der Fassung gebracht zu sein zu sein wie die Republikaner oder die Linke; sie hat sich in der Wahlnacht und bis zum jetzigen Zeitpunkt (Mittwoch, 17. Mai) \u00fcberhaupt nicht zu den Wahlergebnissen ge\u00e4u\u00dfert. Man kann nur vermuten, dass ein extremer Nationalist aus der gleichen Tradition wie Ak\u015fener als mutma\u00dflicher K\u00f6nigsmacher in der zweiten Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen sie ebenso erfreut wie das allgemein starke Abschneiden des (extremen) Nationalismus bei den Wahlen.</p><hr/><h4><b>Zusammenfassend haben die jahrelange D\u00e4monisierung der relativ zentristischen CHP und insbesondere der HDP/YSP als terroristisch von einem extrem nationalistischen Standpunkt aus ebenso wie das Fehlen einer Alternative zum Rechtskonservatismus und die Beschwichtigung desselben durch den wichtigsten Oppositionsblock zu diesen Ergebnissen gef\u00fchrt.</b></h4><hr/><p>Das hei\u00dft, Politik hat zu dieser Situation beigetragen und nicht irgendeine mysteri\u00f6se allgemeine Soziologie der T\u00fcrkei, derzufolge reaktion\u00e4rer Konservatismus/Nationalismus irgendwie ein fester Bestandteil der t\u00fcrkischen Nation seit ehedem sei. Dennoch: Wie beispielsweise Cihan Tu\u011fal <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/articles/c3gpj1p1e7eo\">hervorgehoben</a> hat, werden diese strukturellen Verschiebungen in der allgemeinen W\u00e4hler:innenstimmung und der Identit\u00e4tsbildung in den wenigen Tagen vor der zweiten Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen h\u00f6chstwahrscheinlich nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden k\u00f6nnen, auch wenn K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu das wollte (was er, \u00fcbrigens, offensichtlich nicht tut; siehe weiter unten). Bevor ich mich der Wahlnacht und den Perspektiven f\u00fcr den zweiten Wahlgang zuwende, m\u00f6chte ich einen kurzen Blick auf den Zustand der Linken werfen.</p><h2><b>Revolution\u00e4re Fehlz\u00fcndungen</b></h2><p>Nach den aktuell vorliegenden offiziellen Ergebnissen bleibt das Abschneiden des linken E\u00d6I mittelm\u00e4\u00dfig. Sie k\u00f6nnte sogar Stimmenanteile verloren haben (10,54 % jetzt gegen\u00fcber 11,70 % f\u00fcr die HDP im Jahr 2018). Dies gilt insbesondere f\u00fcr die YSP (jetzt 8,81 %), unter deren Dach die HDP kandidierte, da letztere mit einem politisierten Schlie\u00dfungsverfahren vor dem Verfassungsgericht konfrontiert ist. Da sich die Diskussionen um Wahlbetrug jedoch speziell auf die Stimmen f\u00fcr die YSP und in geringerem Ma\u00dfe f\u00fcr die Arbeiterpartei der T\u00fcrkei (<i>T\u00fcrkiye I\u015f\u00e7i Partisi,</i>TIP), die Teil des E\u00d6I ist, konzentrieren, werden detaillierte Diskussionen \u00fcber den Wahlerfolg oder das Scheitern des E\u00d6I warten m\u00fcssen, bis sich der Nebel des Krieges gelichtet hat. Dennoch lassen sich bereits jetzt einige allgemeinere Aussagen treffen.</p><p>Der bereits erw\u00e4hnte Betrug und die autorit\u00e4re Repression sowie der allgemeine Anstieg des Rechtskonservatismus der letzten Jahre haben den Aktionsradius des E\u00d6I eingeschr\u00e4nkt. Dennoch bleibt das E\u00d6I eine wichtige Kraft, mit der man rechnen muss, und zwar seit Jahren. Das B\u00fcndnis stellt den einzigen wirklichen Garant f\u00fcr die Demokratisierung in der T\u00fcrkei dar, und aufgrund der sozialistischen und linken Tendenzen innerhalb des E\u00d6I auch f\u00fcr die M\u00f6glichkeit einer sozialen Perspektive f\u00fcr die T\u00fcrkei \u00fcber den Neoliberalismus hinaus. Das ist einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr die D\u00e4monisierung des E\u00d6I und insbesondere der HDP/YSP durch die meisten Parteien des politischen Spektrums: Sie wollen diese Ausrichtung einer Alternative f\u00fcr die T\u00fcrkei auf die Kurd:innen und einige marginalisierte Elemente der Linken beschr\u00e4nken, da der Rechtskonservatismus von den dominierenden politischen Parteien als soziale Vision f\u00fcr die T\u00fcrkei bevorzugt wird.</p><p>Das E\u00d6I wurde erst kurz vor den Wahlen gegr\u00fcndet und bezog noch mehr sozialistische Parteien als zuvor in ein strategisches B\u00fcndnis mit den pro-kurdischen linken Kr\u00e4ften ein. Dies war ein wichtiger Schritt, da es die Reichweite eines strategischen B\u00fcndnisses von Sozialist:innen und pro-kurdischen Linken um diejenigen Parteien und Organisationen erweiterte, die fr\u00fcher in relativer Distanz zur kurdischen Bewegung standen. Allerdings f\u00fchrten Meinungsverschiedenheiten dar\u00fcber, ob man \u00fcber gemeinsame Listen unter dem Dach der HDP/YSP oder \u00fcber verschiedene Listen in den Parlamentswahlkampf eintreten sollte, zu schwerwiegenden Reibereien innerhalb des B\u00fcndnisses. Letztendlich entschied sich nur die TIP aus den Reihen des E\u00d6I, \u00fcber eine unabh\u00e4ngige Liste neben der HDP/YSP anzutreten, w\u00e4hrend alle anderen sozialistischen Parteien \u00fcber HDP-Listen kandidierten. Positiv am Wahlergebnis f\u00fcr das E\u00d6I ist die Tatsache, dass die TIP aus dem Stand heraus vier Abgeordnete mit 1,73% der Stimmen gewinnen konnte, das ist die gleiche Anzahl an Abgeordneten wie bei und nach ihrer ersten Kandidatur 2018 \u00fcber HDP-Listen. Dies ist prinzipiell zu begr\u00fc\u00dfen, da es zeigt, dass eine sozialistische Partei in strategischer Allianz mit der HDP/YSP in der Lage ist, selbst als Newcomer im parlamentarischen Wettbewerb Stimmen und Sitze zu gewinnen. Auch hier liegt bislang keine klare Analyse der W\u00e4hler:innenstr\u00f6me vor, so dass nicht genau festgestellt werden kann, woher die Stimmen f\u00fcr die TIP kamen. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass TIP Stimmen von linksgerichteten CHP-W\u00e4hler:innen, bisherigen Nichtw\u00e4hler:innen und HDP/YSP-W\u00e4hler:innen erhalten hat. Sollte die TIP mehr Stimmen von linksgerichteten CHP-W\u00e4hler:innen und Nichtw\u00e4hler:innen als von HDP/YSP-W\u00e4hler:innen erhalten haben, k\u00f6nnte man davon ausgehend argumentieren, dass die eigenst\u00e4ndigen Listen der TIP im Prinzip zum Wachstum des Gesamtstimmenanteils des E\u00d6I beigetragen hat.</p><p>Wie auch immer die W\u00e4hler:innenstr\u00f6me im Einzelnen aussehen m\u00f6gen: Auf der negativen Seite des Wahlergebnisses f\u00fcr das E\u00d6I steht die Tatsache, dass die Kandidatur \u00fcber getrennte Listen nach einigen Berechnungen f\u00fcr das E\u00d6I aufgrund der Spaltung der linken W\u00e4hler:innenschaft in bestimmten Wahlbezirken zu einem Verlust von <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/sertug-cicek/14-mayis-secimlerinin-rontgeni-ittifak-politikalari-ne-kazandirdi-ne-kaybettirdi-tip-in-ayri-listesi-hangi-illerde-sonucu-etkiledi,40029\">etwa vier Abgeordneten</a> f\u00fchrte (Berechnungen \u00fcber potenzielle Verluste von Parlamentssitzen bleiben noch provisorisch). W\u00e4hrend ein Zusammenschluss mit dem vorrangigen Ziel, mehr Abgeordnete zu erhalten \u2013 und damit der Verzicht auf unabh\u00e4ngige Organisation und Propaganda \u2013 in normalen Zeiten als eine autorit\u00e4re Perspektive des Ausb\u00fcgelns von Differenzen um des st\u00e4rksten Teils der Einheit willen aus rein pragmatischen Gr\u00fcnden (= mehr Abgeordnete) angesehen und kritisiert werden muss, war die T\u00fcrkei am 14. Mai nicht auf normale Wahlen eingestellt: Die absolute Mehrheit der CI im Parlament zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und Erdo\u011fan als Pr\u00e4sidentschaftskandidaten zu schlagen, war und bleibt der Schl\u00fcssel, um den konsolidierten Autoritarismus an diesem kritischen historischen Punkt empfindlich zu treffen. Darum ging es am 14. Mai. Der Zeitpunkt der TIP-Initiative, mit eigenen Listen anzutreten und auch dort separat zu kandidieren, wo dies absehbar zu einem Verlust von Abgeordneten f\u00fcr das E\u00d6I insgesamt f\u00fchren w\u00fcrde, muss daher als grober Fehler gewertet werden, der die gemeinsame Dynamik des B\u00fcndnisses besch\u00e4digte und als solcher scharf kritisiert werden sollte.</p><p>Andererseits hat der Geist der Debatten \u00fcber die Listenfrage und die Perspektive nach den Wahlen zuweilen die Grenzen des legitimen Wettbewerbs und der Kritik innerhalb eines Linksb\u00fcndnisses verlassen und war auch f\u00fcr den Geist des B\u00fcndnisses \u00e4u\u00dferst destruktiv. Wenn wir die bisherigen offiziellen Ergebnisse f\u00fcr bare M\u00fcnze nehmen (und dabei immer den Betrugsvorbehalt im Hinterkopf behalten), hat die HDP/YSP mehr Stimmen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hdp-ve-yesil-sol-parti-den-secim-sonuclarina-iliskin-aciklama,1110004\">verloren</a> als die TIP gewonnen hat, <a href=\"https://twitter.com/alkanfrkan/status/1658036982721675264\">selbst</a> in Gebieten, in denen die TIP nicht parallel zur HDP/YSP antrat, wie in (Teilen von) Izmir, Ankara, Bursa, Ayd\u0131n, Kocaeli und Manisa. Die Besch\u00e4digung des B\u00fcndnisgeistes k\u00f6nnte zu einer Demoralisierung und folglich zu einem Verlust von Stimmenanteilen insgesamt beigetragen haben. Eine n\u00fcchterne Selbstreflexion und -kritik ist notwendig, um die Gr\u00fcnde f\u00fcr den relativen Verlust von Stimmenanteilen zu finden. Innerhalb des B\u00fcndnisses stehen an den beiden extremen Polen der Debatte die Klage des TIP-Abgeordneten Ahmet \u015e\u0131k \u00fcber \u201ekurdische Faschisten\u201c und die Behauptung der HDP-Ko-Vorsitzenden Pervin Buldan, jede Stimme f\u00fcr eine andere Partei innerhalb des E\u00d6I als die HDP/YSP sei eine Stimme f\u00fcr Erdo\u011fan (beide entschuldigten sich sp\u00e4ter). Auch nach der Wahlnacht ging die Suche nach einem S\u00fcndenbock innerhalb des E\u00d6I viral. Dies ist keine akzeptable Form, eine b\u00fcndnisinterne Debatte zu f\u00fchren.</p><hr/><h4><b>Die E\u00d6I-Mitglieder und -Mitgliedsparteien sollten sich rasch wieder auf die Wiederherstellung des B\u00fcndnisgeistes besinnen, ohne sich dabei berechtigte Kritik zu verkneifen. Gerade jetzt sind alle Kr\u00e4fte notwendig, um die seit der Wahlnacht einsetzenden allgemeinen Demoralisierungstendenzen umzukehren, um auf dem steinigen Weg zum 28. Mai wieder die Initiative zu ergreifen.</b></h4><hr/><p>Man kann nicht genug betonen, wie wichtig es ist, sich so schnell wie m\u00f6glich auf die zweite Wahlrunde vorzubereiten. Zudem: Mittel- bis langfristig, unabh\u00e4ngig von den Ergebnissen des 28. Mai, ist eine starke und geeinte E\u00d6I notwendig, um dem Aufstieg des Rechtskonservatismus entgegenzuwirken, mehr Kr\u00e4fte f\u00fcr eine Demokratisierung der T\u00fcrkei mit einer starken sozialen Perspektive zu sammeln und das Kr\u00e4ftegleichgewicht in eine solche Richtung zu bewegen. Dies wird der E\u00d6I nicht gelingen, wenn sie in eine Psychologie der Niederlage zur\u00fcckf\u00e4llt, die die destruktiven Energien nach innen lenkt, anstatt sie in positive Energien nach au\u00dfen zu wenden.</p><h2><b>Ein harter Kampf steht bevor</b></h2><p>Momente und Elemente, die keine zentralen Bestandteile von Strukturen oder von mittel- bis langfristigen Tendenzen darstellen, k\u00f6nnen dennoch kurzfristig von gro\u00dfer Bedeutung sein. Sie werden historisch entscheidend, wenn das Kurzfristige selbst ein kritischer historischer Kreuzungspunkt ist.</p><p>Die Wahlnacht bleibt nach wie vor geheimnisumwittert, da die Ver\u00f6ffentlichung neuer Daten zum Wahlergebnis durch alle relevanten Instanzen, einschlie\u00dflich des von CHP und MI konstruierten alternativen Systems, mitten in der Nacht f\u00fcr einige Stunden gestoppt wurde. Selbst die sonst sehr lautstarken CHP-B\u00fcrgermeister von Istanbul und Ankara, Ekrem Imamo\u011flu und Mansur Yava\u015f, die die offizielle Ausz\u00e4hlung und die AKP-Blockademan\u00f6ver am Abend und in der Nacht angefochten hatten, verstummten ohne jede Erkl\u00e4rung. Dabei hatte Imamo\u011flu bei den Kommunalwahlen am 31. M\u00e4rz 2019 die ganze Nacht hindurch die offizielle Ausz\u00e4hlung in ganz \u00e4hnlicher Weise angefochten, was als entscheidendes Element f\u00fcr den Sieg der CHP gegen den versuchten Wahlbetrug durch die AKP angesehen wird. Was ist dieses Mal passiert? Drei Tage danach gibt es immer noch keine befriedigende Erkl\u00e4rung. Es gibt viele Ger\u00fcchte und Anzeichen \u2013 wie den R\u00fccktritt der Person, die innerhalb der CHP f\u00fcr die Wahlsicherheit und die Wahlberichterstattung zust\u00e4ndig ist \u2013, die darauf hindeuten, dass innerhalb der CHP etwas grundlegend schief gelaufen ist. Aber die breite Bev\u00f6lkerung wird \u00fcber Details im Unklaren gelassen und dadurch demobilisiert. Hinzu kommt, dass Wahlbetrug, dessen Ausma\u00df nach wie vor hoch <a href=\"https://twitter.com/alicanuludag/status/1658580790773440514?t=RD_k8mk4GHrW0UesNWklkw&amp;s=35\">umstritten</a> ist, bereits zwei Tage nach den Wahlen aufgedeckt wurde. Vielleicht ist es reiner Zufall und die hohe analytische Begabung des Innenministers S\u00fcleyman Soylu (AKP), dass er das Wahlergebnis am Wahltag fast <a href=\"https://www.sabah.com.tr/yazarlar/ovur/2023/05/16/secimin-kazanani-kaybedeni-ve-surprizi\">exakt genau</a> vorhersagte (49,50% f\u00fcr Erdo\u011fan, 320-325 Sitze f\u00fcr CI). Oder vielleicht auch nicht.</p><p>Selbst wenn der Betrug die immer noch hohe W\u00e4hler:innenunterst\u00fctzung f\u00fcr Erdo\u011fan und die CI nicht erkl\u00e4rt: Wenn Betrug das Wahlergebnis auch nur um 1-3% zugunsten von Erdo\u011fan und der MHP und gegen K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu und die YSP ver\u00e4ndert hat, wird er entscheidend f\u00fcr den Moralfaktor im Vorfeld der zweiten Runde des Pr\u00e4sidentschaftsrennens sein. Was in der Wahlnacht vor aller Augen geschah \u2013 zahllose Einw\u00e4nde von AKP-Militanten gegen die Ausz\u00e4hlung von Wahlurnen in Istanbul und Ankara \u2013 k\u00f6nnte dann als Ablenkungsman\u00f6ver interpretiert werden, um Aufmerksamkeit, Zeit und Energie von den Wahlurnen abzulenken, wo der eigentliche Betrug stattfand. Die Entlarvung dieses m\u00f6glichen Wahlbetrugs wird K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu h\u00f6chstwahrscheinlich keinen Sieg in der ersten Runde bescheren und vermutlich auch nicht die absolute Mehrheit der CI im Parlament zunichte machen. Aber das unerwartet starke Abschneiden der MHP im Parlament und der Beinahe-Sieg von Erdo\u011fan in der ersten Runde waren die beiden Schl\u00fcsselelemente der weit verbreiteten Demoralisierung in und nach der Wahlnacht. Sicherlich tragen auch die von den politischen Parteien gen\u00e4hrten \u00fcberzogenen Erwartungen ihren Teil der Verantwortung f\u00fcr diese Demoralisierung. Dennoch w\u00fcrde eine Verringerung des Stimmenanteils der MHP und von Erdo\u011fan durch die Aufdeckung dieser Betrugsf\u00e4lle die Moral erheblich st\u00e4rken.</p><hr/><h4><b>Es kann nicht genug betont werden, wie wichtig es ist, den genauen Umfang des Wahlbetrugs so gut wie m\u00f6glich zu ermitteln und die Ergebnisse so schnell wie</b> <b>m\u00f6glich zu kippen, um die</b> <b>allgemeine Stimmung auf dem steinigen Weg zum 28. Mai zu \u00e4ndern. Trotzdem: Auch ohne die Aufdeckung des Betrugs ist der selbst in manchen kritischen Analysen festzustellende Def\u00e4tismus im Hinblick auf die zweite Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen von vornherein ein falscher Ansatz.</b></h4><hr/><p>Sinan O\u011fan und die rund 5 % der Stimmen, die er auf sich vereinigen konnte, sind entscheidend geworden f\u00fcr den 28. Mai. O\u011fan hat erkl\u00e4rt, er werde mit beiden Seiten sprechen und seine Forderungen f\u00fcr eine Unterst\u00fctzung seinerseits am 28. Mai vorlegen. Diese lassen sich im Wesentlichen auf die Forderung reduzieren, dem extremen t\u00fcrkischen Nationalismus und der Anti-Gefl\u00fcchteten-Hetze Respekt zu zollen. O\u011fan scheint im Moment dazu zu tendieren, K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu am 28. Mai zu unterst\u00fctzen, w\u00e4hrend er bereits mit vorgezogenen Neuwahlen in zwei bis drei Jahren rechnet \u2013 unabh\u00e4ngig davon, wer gewinnt, da er, nicht ganz zu Unrecht, eine instabile Situation nach dem 28. Mai voraussieht. Andererseits ist der Charakter von O\u011fans W\u00e4hler:innenschaft noch nicht wirklich klar. Sie sind offensichtlich in Opposition zu Erdo\u011fan und durch nationalistische Gef\u00fchle motiviert, zugleich aber auch auf Distanz zu K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu. K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu kann sich entscheiden, dem t\u00fcrkischen Nationalismus noch mehr Zugest\u00e4ndnisse zu machen, als er ohnehin schon gemacht hat, um die O\u011fan-W\u00e4hler:innen f\u00fcr sich zu gewinnen. Hierdurch l\u00e4uft er jedoch Gefahr, die Unterst\u00fctzung der Linken und der Kurd:innen zu verlieren. Oder er setzt auf die Betonung der anti-Erdo\u011fan und antifaschistischen, pro-demokratischen Perspektive, die von Teilen der O\u011fan-W\u00e4hler:innen geteilt zu werden scheint \u2013 und riskiert, im Gegenzug die Unterst\u00fctzung der Hardcore-Nationalist:innen zu verlieren. Mit Stand heute (Mittwoch, 17. Mai) scheint er <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-vatanimizi-birakmayacagiz-dedi-10-milyon-duzensiz-multeciyi-icimize-soktular,1110466\">ersteres zu bevorzugen</a> und beginnt mit einer aggressiven Anti-Gefl\u00fcchteten-Hetze sowie einem Lob auf das Vaterland und den nationalistischen Militarismus.</p><p>Wie dem auch sei, ein Sieg von K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu w\u00e4re der Schl\u00fcssel zur Schw\u00e4chung von Erdo\u011fan und der CI, da das autorit\u00e4re Pr\u00e4sidialsystem dem Pr\u00e4sidenten die M\u00f6glichkeit gibt, die gesamte Regierung und einen gro\u00dfen Teil der oberen B\u00fcrokratie zu bestimmen, unabh\u00e4ngig davon, wer das Parlament kontrolliert. Eine Situation der Doppelherrschaft, in der ein Block den Pr\u00e4sidenten und der andere das Parlament kontrolliert, w\u00fcrde also nicht automatisch zu einem Verwaltungschaos f\u00fchren, wie manche meinen. Die Exekutive und die B\u00fcrokratie unter K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, einschlie\u00dflich der Sicherheitsapparate, der wirtschaftspolitischen Institutionen und gro\u00dfer Teile der oberen Gerichtsbarkeit, k\u00f6nnten so agieren, dass sie die absolute Mehrheit der CI im Parlament umgehen. Aus hegemonialer Sicht w\u00e4re eine solche Situation jedoch h\u00f6chstwahrscheinlich nicht f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit haltbar, insbesondere angesichts des Versprechens der MI, das Pr\u00e4sidialsystem zu beenden.</p><p>Die Opposition gegen den Faschisierungsprozess in der T\u00fcrkei hat auf dem steinigen Weg zum 28. Mai einen schweren Stand. Zwar hat die partielle Aufdeckung des Betrugs, dessen Ausma\u00df nach wie vor umstritten ist, die Moral bis zu einem gewissen Grad wiederhergestellt, doch haben Erdo\u011fan und die CI nach wie vor die Oberhand, und es sieht aus heutiger Sicht wahrscheinlicher aus, dass sie den 28. Mai gewinnen werden. Das ist jedoch keine ausschlie\u00dfliche Notwendigkeit, und es besteht eine realistische Chance, dass auch K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu gewinnt. Dies sollte nicht leichtfertig abgetan werden, da der Erfolg oder Misserfolg des Kampfes gegen die Demoralisierung und die Wiedererlangung der Initiative mit dar\u00fcber entscheidet, ob Erdo\u011fan am 28. Mai besiegt wird oder nicht. Der Erfolg oder Misserfolg am 28. Mai ist nicht nur eine intellektuelle, erkenntnistheoretische \u00dcbung der rationalen Analyse dessen, was mehr oder minder wahrscheinlich geschehen wird, sondern eben auch eine Frage der Praxis, die den Ausgang der Wahl mit entscheidet. Nichts anderes bedeutet es in praktischer Hinsicht, von M\u00f6glichkeiten statt von Notwendigkeiten zu sprechen. Def\u00e4tismus \u00e0 la \u201eErdo\u011fan hat eh schon gewonnen, ich mach mir \u00fcberhaupt keine Hoffnungen\u201c ist eine Luxusware aus der Sicht all jener oppositionellen und dissidenten Menschen, die im Falle eines Erdo\u011fan/CI-Doppelsieges keine realistische Perspektive haben, aus dem Land zu fliehen. Die Depression, die aus der Wahrnehmung einer ausweglosen Perspektive von weiteren f\u00fcnf Jahren Erdo\u011fan in Koalition mit der Hizbullah entstanden ist, hat schon jetzt die 20-j\u00e4hrige K\u00fcbra Ergin <a href=\"https://sendika.org/2023/05/kadin-savunmasi-genc-kadinin-intihar-ettigi-yenikapi-marmaraya-cicekler-birakti-685070/\">in den Freitod</a> getrieben. Die Verbreitung einer solchen Wahrnehmung der Ausweglosigkeit l\u00e4sst sich stoppen, das sind wir K\u00fcbra Ergin und vielen anderen schuldig. Alle Kr\u00e4fte m\u00fcssen jetzt geb\u00fcndelt werden, um f\u00fcr eine Niederlage von Erdo\u011fan am 28. Mai zu k\u00e4mpfen. Nur so besteht die M\u00f6glichkeit, dass der faschistische Ansturm kurzfristig etwas nachl\u00e4sst, was notwendig ist, um die Grundlagen f\u00fcr den Aufbau einer sozialen Kraft und einer Vision zu schaffen, die den gordischen Knoten durchschlagen k\u00f6nnte. All dies nat\u00fcrlich ohne der Illusion zu verfallen, dass eine Pr\u00e4sidentschaft von K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu der T\u00fcrkei Demokratie und Sozialismus bringen wird, umso weniger, wenn Konzessionen ultranationalistischer Art an O\u011fan damit einhergehen. Die Alternative ist jedoch, dass die Tore der H\u00f6lle sperrangelweit ge\u00f6ffnet werden. Dann kann man sich die revolution\u00e4ren mittel- bis langfristigen Perspektiven vermutlich auch erst mal gr\u00fcndlich abschminken. Dar\u00fcber sollte man sich schon im Klaren sein, bevor man in einen bequemen Pessimismus verf\u00e4llt oder sich umgekehrt in einen <a href=\"https://umutgazetesi42.org/arsivler/98701\">revolution\u00e4ren Ultralinksradikalismus</a> st\u00fcrzt.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Februar 2023 ersch\u00fctterten zwei Erdbeben der St\u00e4rke 7,8 beziehungsweise 7,7 im Abstand von neun Stunden mit Zentrum in der t\u00fcrkischen Provinz Kahramanmara\u015f massiv den S\u00fcden der T\u00fcrkei und den Norden Syriens. In der T\u00fcrkei war ein Gebiet betroffen, in dem etwa 15 Prozent der Bev\u00f6lkerung leben und das etwa zehn Prozent des BIP des Landes erwirtschaftet. Es entstand ein <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/murat-sabuncu/turkonfed-raporu-is-dunyasi-72-bin-can-kaybi-84-milyar-dolarlik-hasar-tahmini-yapiyor,38684\">gesch\u00e4tzter Sachschaden</a> von \u00fcber 84 Milliarden US-Dollar. Mit \u00fcber 41.000 gemeldeten Toten allein in der T\u00fcrkei bis zum 20. Februar und \u00fcber 110.000 zerst\u00f6rten oder nicht mehr reparaturf\u00e4higen Geb\u00e4uden stellen die beiden Erdbeben die bisher verheerendsten in der Geschichte der modernen T\u00fcrkei dar. Ebenso erdr\u00fcckend wie die Ausma\u00dfe der Erdbeben selbst ist jedoch das Ausma\u00df des staatlichen Versagens \u2013 das hei\u00dft, wenn man die \u00f6ffentliche Gesundheit und das Wohlergehen der Bev\u00f6lkerung als Ma\u00dfstab daf\u00fcr nimmt, was mit staatlichen Kapazit\u00e4ten \u00fcberhaupt erreicht werden soll. Die T\u00fcrkei erlebte also nicht nur ein katastrophales Naturereignis, sondern auch ein Staatsbeben: den Zusammenbruch des Staates des Kapitals und des autorit\u00e4ren Staates aus einer popularen Sicht.</p><h2><b>Ein t\u00f6dlicher Bauboom</b></h2><p>Was den ersten Punkt betrifft, so wurde der Bauboom in der AKP-\u00c4ra allgemein und sein klientelistischer Charakter im Besonderen von kritischen Analyst*innen regelm\u00e4\u00dfig erw\u00e4hnt. In der Tat r\u00fchmt sich das Regime um Recep Tayyip Erdo\u011fan h\u00e4ufig damit, den Bau von Flugh\u00e4fen, Br\u00fccken, U-Bahnen, Autobahnen und vor allem von unz\u00e4hligen Wohneinheiten erm\u00f6glicht zu haben. All dies angeblich gem\u00e4\u00df der sehr strengen Bauvorschriften, die in der T\u00fcrkei erlassen wurden, nachdem schon 1999 ein verheerendes Erdbeben Izmit (in der N\u00e4he von Istanbul) ersch\u00fcttert hatte. Jetzt stellt sich heraus, dass all diese Bauvorschriften blo\u00dfe Papiertiger sind.</p><p>Entgegen Erdo\u011fans (unbelegter) Behauptung, fast alle der eingest\u00fcrzten Geb\u00e4ude seien vor 1999 gebaut worden, zeigen indes <a href=\"https://www.paraanaliz.com/2023/genel/tuik-yikilan-binalarin-yuzde-51i-2001den-sonra-yapildi-g-47133/\">Daten des Statistikinstituts</a> (T\u00dcIK), dass mehr als 50 Prozent der Bev\u00f6lkerung in der Region in Geb\u00e4uden leben, die nach 2001 gebaut wurden. Im Zentrum von Kahramanmara\u015f \u2013 das bei den j\u00fcngsten Erdbeben mit am heftigsten zerst\u00f6rt wurde \u2013 liegt dieser Anteil sogar bei fast 60 Prozent. Obgleich es zwar noch keine fundierte und umfassende Analyse des Alters der eingest\u00fcrzten Geb\u00e4ude gibt (abgesehen von der Regierungspropaganda, die sich was Zahlen angeht schon fr\u00fcher als sehr \u201ekreativ\u201c erwiesen hat), stellen <a href=\"https://www.karar.com/guncel-haberler/erdogan-yikilan-binalarin-yuzde-98i-1999-oncesi-insa-edildi-demisti-1728486\">Satellitenbilder</a> und <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/tek-tek-siraladi-iste-hatayda-depremde-yikilan-binalar-ve-muteahhitleri-2050995\">Berichte</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/depreme-dayanikli-denilen-binalarin-yarisi-2001den-sonra-insa-edildi-2049891\">von vor Ort</a> \u00fcber bestimmte Geb\u00e4ude Erdo\u011fans Behauptung ernsthaft in Frage. Unter den eingest\u00fcrzten Geb\u00e4uden befanden sich luxuri\u00f6se Wohngeb\u00e4ude und Residenzen, die einst mit Pauken und Trompeten er\u00f6ffnet und als v\u00f6llig erdbebensicher angepriesen wurden. Selbst zentrale Infrastruktureinrichtungen wie der neu errichtete Flughafen von Hatay und wichtige Autobahnen, die f\u00fcr die Katastrophenhilfe und das Rettungsmanagement von entscheidender Bedeutung waren, aber auch Schulen, Krankenh\u00e4user und Gemeindegeb\u00e4ude wurden zerst\u00f6rt oder waren nach dem Erdbeben aufgrund der massiven Sch\u00e4den (zeitweilig) unbenutzbar. Selbst wenn Erdo\u011fans Behauptung stimmen sollte, dann l\u00e4sst sich festhalten: 22 Jahre AKP-Alleinregierung wurden offensichtlich nicht dazu genutzt, erdbebensichere Bausubstanzen von vor 1999 vollst\u00e4ndig oder in gr\u00f6\u00dferem Rahmen zu erneuern.</p><p>Indes: Im Widerspruch zu Erdo\u011fans oben erw\u00e4hnter Behauptung hat der Staat mittlerweile <a href=\"https://www.ft.com/content/a8419771-6cd9-4fec-8075-62c7e604aca7\">rund 150 Staatsanw\u00e4lte</a> angewiesen, gegen mehr als 430 Bauunternehmer, Ingenieure und andere Personen wegen ihrer Verantwortung im Zusammenhang mit der Katastrophe zu ermitteln. Inzwischen sitzen bereits \u00fcber 130 von ihnen <a href=\"https://www.diken.com.tr/muteahhit-avi-sehir-sehir-gozalti-ve-tutuklamalar/\">im Gef\u00e4ngnis</a>. Einige wurden auf Flugh\u00e4fen festgenommen, als sie versuchten, aus dem Land zu fliehen; darunter auch diejenigen, die f\u00fcr einige der eingest\u00fcrzten, angeblich \u201eerdbebensicheren\u201c Luxusbauten verantwortlich waren. Wie bei den Preisschocks, die die T\u00fcrkei 2018 und seit 2021 durch die Kombination der Krise ihres Akkumulationsregimes mit einem auf kurzfristige Interessen orientierten wirtschaftspolitischen Rahmen um des politischen \u00dcberlebens willen erlebt, versucht das Regime erneut, \u201eeinige b\u00f6se Gesch\u00e4ftsleute\u201c f\u00fcr die Katastrophe verantwortlich zu machen und sich selbst freizusprechen.</p><h2><b>Amnestierte Massengr\u00e4ber</b></h2><p>Aber die Rentierkapitalisten sind nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist der Staat des Kapitals selbst. Ohne vermeintlich rigide staatliche Kontrollen k\u00f6nnen in der T\u00fcrkei keine Geb\u00e4ude errichtet werden. Es gibt jedoch <a href=\"https://t24.com.tr/haber/deprem-bolgelerinde-sorusturmalar-denetci-ve-kamu-gorevlilerine-uzandi-iki-denetciye-tutuklama,1093438\">zahlreiche Beweise</a> daf\u00fcr, dass die Vorschriften und Pr\u00fcfungen <a href=\"https://time.com/6254024/turkey-syria-earthquake-building-2023/\">nicht ausreichend durchgesetzt</a> wurden und dass Bauherren oft nach vermeintlicher Fertigstellung noch erhebliche \u00c4nderungen an den Geb\u00e4uden vornahmen, die deren Stabilit\u00e4t beeintr\u00e4chtigten. Hinzu kommt, dass viele illegal gebauten Geb\u00e4ude von staatlich gef\u00f6rderten Amnestien profitiert haben: Unter der AKP wurden <a href=\"https://carnegieeurope.eu/strategiceurope/89026\">insgesamt sieben</a> solcher gro\u00dfen \u201eAmnestien\u201c verk\u00fcndet, <a href=\"https://www.npr.org/2023/02/13/1156512284/turkey-earthquake-erdogan-building-safety\">die letzte</a> im Jahr 2018 im Vorfeld der Parlaments- und Pr\u00e4sidentschaftswahlen, was zu mehr als sieben Millionen Antr\u00e4gen auf \u201eAmnestie\u201c f\u00fchrte. Mit solchen Antr\u00e4gen werden Eigent\u00fcmer*innen und Bauherren gegen eine geringe Geldsumme von jeglichem Vorwurf freigesprochen, ihre Geb\u00e4ude w\u00fcrden gegen das Gesetz oder die Vorschriften versto\u00dfen.</p><p>Selbst staatliche Ministerien errechneten in j\u00fcngsten Berichten, dass rund 50 Prozent des t\u00fcrkischen Geb\u00e4udebestands nicht den aktuellen Bauvorschriften entsprechen. Die seit Jahren wiederholten Warnungen vor der hohen Erdbebengefahr in den nun betroffenen Gebieten und den mangelnden Schutz-Vorbereitungen \u2013 etwa von der Kammer der Geologie-Ingenieur*innen und anderer prominenter Wissenschaftler*innen \u2013 wurden v\u00f6llig ignoriert. Der Gipfel der Arroganz und der sicherlich auch durch den Islamismus bedingten Wissenschaftsfeindlichkeit, die dieser Ignoranz zugrunde liegt, wurde vom B\u00fcrgermeister von Kahramanmara\u015f zum Ausdruck gebracht, der dem Chef der Kammer der Geologie-Ingenieur*innen <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/internationales/das-grosste-problem-ist-die-ignoranz-experten-geben-erdogan-mitschuld-an-todeszahlen-9326072.html\">gesagt haben soll</a>, er glaube nicht an die Pal\u00e4oseismologie \u2013 also die Wissenschaft der Analyse sehr alter tektonischer Verschiebungen, um Erkenntnisse \u00fcber aktuelle Erdbeben zu gewinnen. Niemand wei\u00df zudem, was mit den \u201eErdbebensteuern\u201c (<a href=\"https://tr.euronews.com/2023/02/11/deprem-vergisi-22-yilda-ne-kadar-vergi-toplandi-bununla-kac-konut-yapilabilirdi\">insgesamt etwa</a> 38 Mrd. US-Dollar) geschehen ist, die seit dem Erdbeben von 1999 eingenommen wurden und die f\u00fcr die erdbebensichere Sanierung von Geb\u00e4uden verwendet werden sollten. Erdo\u011fan weigerte sich vor drei Jahren, auf Nachfrage Einzelheiten dazu zu nennen. Stattdessen behauptete er nur ver\u00e4rgert, dass das Geld dort eingesetzt wurde, \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-erdogan-dan-deprem-vergisi-aciklamasi-harcanmasi-gereken-yere-harcadik,858226\">wo es gebraucht wurde</a>\u201c. Einer Berechnung zufolge <a href=\"https://tr.euronews.com/2023/02/11/deprem-vergisi-22-yilda-ne-kadar-vergi-toplandi-bununla-kac-konut-yapilabilirdi\">h\u00e4tte man</a> mit dem gesammelten Geld fast alle Wohneinheiten der betroffenen Regionen erdbebensicher erneuern k\u00f6nnen.</p><p>Kurzum, die Verquickung der Profitinteressen des Rentierkapitals und des Staates bei der Bereitstellung dieser Profite, aber auch des kleinteiligen Wohneigentums, um die Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung zu sichern, war eine Hauptursache f\u00fcr das Ausma\u00df der Katastrophe. Wie Wissenschaftler*innen <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/berna-abik/hatay-da-hasarli-bazi-binalarda-gozlenen-x-seklindeki-catlaklarin-nedeni-ne-eski-imo-genel-baskani-cemal-gokce-anlatti,38738\">unerm\u00fcdlich betonen</a>, ist es technisch betrachtet problemlos m\u00f6glich, Geb\u00e4ude zu bauen, die Erdbeben der aktuellen Gr\u00f6\u00dfenordnung standhalten k\u00f6nnen. Offensichtlich war man nicht gewillt, dies zu tun.</p><h2><b>72 Stunden auf sich allein gestellt</b></h2><p>Neben dem Vers\u00e4umnis, das Gebiet auf die Erdbeben vorzubereiten, gab es auch ein v\u00f6lliges Vers\u00e4umnis, die Verluste an Menschenleben nach dem Erdbeben zu minimieren, das hei\u00dft beim Katastrophenmanagement. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bir-haftalik-enkaz-ve-hafiza-raporu-yillarca-dinlenmeyen-uyarilar-yerle-bir-olan-sehirler-afallayan-afad-depremzede-feryadindan-kacan-ekranlar-engellenen-sosyal-medya-ohal-ve-deftere-yazilan-ofke,1091847\">In</a> <a href=\"https://apnews.com/article/politics-turkey-government-business-earthquakes-0f7d4fb77ea45c94b7b5ecd637a930c7\">ausnahmslos</a> <a href=\"https://turkeyrecap.substack.com/p/aftershocks\">allen</a> <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/candan-yildiz/dayanisma-icin-gelenler-olmasa-kalbi-zar-zor-atan-bir-insan-gibi-hatay,38672\">unabh\u00e4ngigen</a> <a href=\"https://turkeyrecap.substack.com/p/adyaman-overlooked-residents-express\">Berichten</a> <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/murat-sabuncu/deprem-notlari-adiyaman-ah-kardas-bir-sehir-olur-mu-turkler-ermenilerin-ermeniler-turklerin-doktorudur,38736\">aus</a> <a href=\"https://umutsen.org/index.php/deprem-gozlem-raporu/\">dem Gebiet</a> <a href=\"https://publicseminar.org/essays/theres-nothing-natural-about-turkeys-earthquake-disaster/\">wird festgehalten</a>, dass der Zentralstaat in den ersten 24 Stunden nach dem ersten Erdbeben kaum mehr als nichts unternommen hat. In St\u00e4dten wie Antakya in der Provinz Hatay dauerte es ganze drei Tage, bis alle Mechanismen des Katastrophenmanagements einsatzf\u00e4hig waren, und auch dann nur in den st\u00e4dtischen Zentren, nicht in der Peripherie oder in den D\u00f6rfern. Es waren <a href=\"https://umutsen.org/index.php/deprem-gozlem-raporu/\">33 gewerkschaftlich organisierte Minenarbeiter*innen</a>, die am 7. Februar professionell mit den Bergungsarbeiten in Antakya begannen, nicht die zentralstaatlichen Institutionen (und die damit den zivilen Helfer*innen zur Hilfe kamen, die teilweise mit blo\u00dfen H\u00e4nden nach Menschen gruben). Hunderte von Professionellen \u2013 \u00c4rzt*innen, Minenarbeiter*innen, internationale Hilfstrupps \u2013 verloren in der ersten Nacht nach dem Beben <a href=\"https://t24.com.tr/haber/yuzlerce-saglikci-ve-arama-kurtarma-ekibi-arac-eksikligi-nedeniyle-saatlerdir-havalimaninda-bekliyor,1090246\">kostbare Stunden</a> mit planlosem Warten am Flughafen von Adana, weil keine koordinierende Instanz sie zielgerichtet in den Einsatz beordern konnte. Zur Erinnerung: Bei der Bew\u00e4ltigung von Erdbebenkatastrophen gelten die ersten 48 Stunden als die wichtigsten. Insbesondere bei eisigen Temperaturen, wie sie im Katastrophengebiet herrschen \u2013 in Malatya und Elbistan sind es derzeit bis zu -20 C\u00b0 bei Nacht \u2013, sinkt die \u00dcberlebenschance danach rapide.</p><p></p><hr/><p><b>F\u00fcr die Unf\u00e4higkeit des Staates, angemessen zu intervenieren, gibt es einen klaren Grund: Nicht das schlechte Wetter, wie von Erdo\u011fan behauptet, sondern die autorit\u00e4re und parteipolitisch motivierte Zurichtung staatlicher Institutionen, gepaart mit neoliberalen Rationalit\u00e4ten, haben zu einem Zustand der L\u00e4hmung des staatlichen Katastrophenmanagements gef\u00fchrt.</b></p><hr/><p></p><p>Alle Aspekte des Katastrophenschutzes und -managements in der T\u00fcrkei wurden in den letzten Jahren in einer einzigen Institution, dem AFAD (<i>Afet ve Acil Durum Y\u00f6netimi Ba\u015fkanl\u0131\u011f\u0131</i>), zentralisiert, die dazu in typisch neoliberaler Manier <a href=\"https://www.ekonomim.com/kose-yazisi/nerede-yanlis-yaptik/682554\">Sparma\u00dfnahmen ausgesetzt</a> und mit nur <a href=\"https://www.dw.com/tr/afad-b%C3%BCy%C3%BCk-bir-depreme-ne-kadar-haz%C4%B1rd%C4%B1/a-64639121\">sehr geringen Mitteln</a> ausgestattet wurde. Dar\u00fcber hinaus wurde sie umstrukturiert und mit AKP-Militanten besetzt, die aufgrund ihrer Parteizugeh\u00f6rigkeit und nicht aufgrund ihrer F\u00e4higkeiten f\u00fcr ihre Positionen ausgew\u00e4hlt wurden. Das extremste Beispiel hierf\u00fcr ist sicherlich die f\u00fcr Katastropheneins\u00e4tze zust\u00e4ndige Person: <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bir-haftalik-enkaz-ve-hafiza-raporu-yillarca-dinlenmeyen-uyarilar-yerle-bir-olan-sehirler-afallayan-afad-depremzede-feryadindan-kacan-ekranlar-engellenen-sosyal-medya-ohal-ve-deftere-yazilan-ofke,1091847\">ein Geistlicher</a> ohne jegliche Erfahrung im Katastrophenmanagement. Der <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/baris-pehlivan/afaddan-tanzanyaya-kacisin-nedeni-2052519\">Leiter der Beh\u00f6rde</a> hingegen hatte zuvor Gouverneursposten inne und besitzt ebenfalls keine Erfahrung im Katastrophenmanagement. Das Chaos innerhalb des AFAD muss so gro\u00df gewesen sein, dass die Regierung den alten, erfahreneren Chef des AFAD zur\u00fcckbeorderte, um die Kontrolle in der Region Adana zu \u00fcbernehmen. Zuvor war dieser auf einen unwichtigen Posten versetzt worden, weil er sich nicht ganz nach den politischen Interessen des Innenministers richtete.</p><p><a href=\"https://t24.com.tr/haber/afad-gorevlisi-konustu-7-subat-ta-antakya-da-kimse-yoktu-sanki-bizi-onlugumuzle-dolasalim-diye-gondermislerdi,1093446\">Anonyme Quellen</a> <a href=\"https://www.instagram.com/p/CoZqYLuosxN/\">aus den Reihen</a> des AFAD best\u00e4tigen, dass es vor allem in den ersten 24 Stunden zu einem v\u00f6lligen Mangel an Koordination innerhalb des AFAD kam. Einige AKP-Militante in verantwortlichen Positionen wollten indes aus Angst vor den Reaktionen der \u00d6ffentlichkeit aufgrund ihres langsamen Agierens nicht auf die Stra\u00dfe gehen. Sogar der AFAD selbst hat in einem <a href=\"https://media-cdn.t24.com.tr/files/1676019838347-duzce-depremi-etki-analizi.pdf\">Pr\u00fcfbericht</a>, den der Vorsitzende der gr\u00f6\u00dften Oppositionspartei (CHP), Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, publik gemacht hat, eine lange Liste von Vers\u00e4umnissen, Unf\u00e4higkeiten und mangelnder Koordination in einem Bericht zur Bewertung der Ma\u00dfnahmen bei einem kleineren Erdbeben im letzten Jahr erw\u00e4hnt. Nicht nur, dass der Mangel an F\u00e4higkeiten, Personal und Ausr\u00fcstung ein effektives Katastrophenmanagement verhinderte: Die Abh\u00e4ngigkeit aller im Staat von den Launen Erdo\u011fans verringerte in diesem Fall zus\u00e4tzlich den Willen der Verantwortlichen, Initiative zu ergreifen. Die Armee wurde aus Angst vor ihr und aus dem offensichtlichen Kalk\u00fcl heraus, ihre Beteiligung w\u00fcrde die Legitimit\u00e4t der Regierung schm\u00e4lern, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/uzmanlar-anlatiyor-deprem-bolgelerinde-tsk-neden-beklendigi-olcude-sahada-degil-askerin-gorunmesi-istenmiyor-mu-neler-yapabilir,1090461\">wissentlich nicht ausreichend mobilisiert</a> \u2013 obwohl sie ausreichend Erfahrung und Ger\u00e4te f\u00fcr Bergungsarbeiten sowie f\u00fcr den Aufbau mobiler Hilfsstrukturen (Zelte, Suppenk\u00fcchen usw.) besitzt.</p><p>Dieser Mangel an Initiative steht in krassem Gegensatz zu dem, was im Anschluss an das Erdbeben von 1999 geschah. Obwohl das damalige Erdbeben in \u00e4hnlicher Weise die gef\u00e4hrlichen Folgen des neoliberalen Baubooms und des Versagens der Zentralregierung aufzeigte, erkannten Mitglieder der Regierung und eine parlamentarische Untersuchung diese Vers\u00e4umnisse an und kritisierten sie. Viele zivilgesellschaftliche und staatliche Institutionen wie die Armee ergriffen die Initiative und handelten sofort, relativ autonom und ohne zentralstaatliche Weisung \u2013 und die Medien waren frei genug, um die Regierung zu gei\u00dfeln. Heute \u00fcberlagern autorit\u00e4re Hybris und die Notwendigkeiten des politischen \u00dcberlebens selbst die geringste Selbstkritik, w\u00e4hrend die eiserne Faust des Staates versucht, jede unabh\u00e4ngige Berichterstattung zu unterdr\u00fccken. Wie bei der Corona-Pandemie war auch diesmal der Staat in seiner Reaktion laut der Propagandamaschinerie des Regimes Weltklasse. Und wenn es zu Zerst\u00f6rungen kam, dann war das laut Erdo\u011fan \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/kahramanmaras-a-giden-cumhurbaskani-erdogan-deprem-icin-yine-kader-plani-dedi,1090738\">Teil des Plans des Schicksals</a>\u201c oder das Ergebnis einer <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-hatay-da-konusuyor-devletin-ve-milletin-tum-imkanlarini-seferber-ederek-afet-bolgesine-yonlendirdik,1090772\">riesigen Naturkatastrophe</a>, gegen die niemand etwas tun k\u00f6nne. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-enkazin-uzerinde-tepinen-feryadimizdan-siyasi-rant-asirmak-icin-cirpinan-utanmazlara-her-donemde-sahitlik-ettik,1092178\">Kritiker*innen</a> wurden mit <a href=\"https://sendika.org/2023/02/erdogan-gun-bir-olma-zamanidir-dedi-kilicdaroglunu-hedef-aldi-spk-onune-gidip-siyaset-yapanlari-ogrencilerimizi-kiskirtanlari-canla-basla-yurutulen-faaliyetleri-sabote-etmeye-kalkanlari-a-677173/\">harter Vergeltung</a> bedroht: jetzt sei nicht die Zeit der Politik, sondern die der nationalen Einheit. Ironischerweise kritisierten <a href=\"https://www.yenicaggazetesi.com.tr/medya-1999da-devleti-suclarken-bugun-yandaslik-yapiyor-627915h.htm\">islamistische Medien</a> und Personen, die <a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/omer-celik/bugun-susmak-43517\">heute hohe \u00c4mter</a> bekleiden, 1999 die Vorstellung einer \u201enationalen Einheit\u201c scharf und wiesen darauf hin, dass diese Art von Narrativ nur dazu diene, die Verantwortung von Staat, Politiker*innen und Bauherren an der Katastrophe zu relativieren. Man mache sich mitschuldig, wenn man diese Relativierung mittrage. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/depremzedeye-kader-plani-diyen-erdogan-2003-teki-bingol-depremi-icin-kader-diye-gecistirilemez-demisti,1090749\">Erdo\u011fan selbst</a> hatte 2003 anl\u00e4sslich eines anderen, kleineren Erdbebens schnell die fr\u00fcheren Regierungen und Bauherren gegei\u00dfelt und den Begriff des Schicksals entschieden zur\u00fcckgewiesen. L\u2019enfer, c\u2019est les autres (die H\u00f6lle, das sind die anderen, \u00dcbers. Red.).</p><h2><b>Ein Gespenst geht durch die T\u00fcrkei...</b></h2><p>Was der Staat trotz der \u00e4u\u00dferst schweren Umst\u00e4nde in der T\u00fcrkei nicht getan hat, haben die Menschen selbst getan. Eine wahrhaft erstaunliche Welle der Solidarit\u00e4t schwappte \u00fcber das Land und die Diaspora und mobilisierte Menschen, Material und Geld, die dann ihren Weg in das Katastrophengebiet fanden. Unz\u00e4hlige Freiwillige beteiligen sich an den Bem\u00fchungen in der Region und dar\u00fcber hinaus, und st\u00e4ndig fahren Lastwagen voller dringend ben\u00f6tigter G\u00fcter aus allen Landesteilen und dem Ausland in Richtung des Katastrophengebiets. In Antakya haben Kommunist*innen verschiedener Richtungen eine f\u00fchrende Rolle bei der Organisation von Solidarit\u00e4tsstrukturen, des \u201eErdbebenkommunismus\u201c (Ali Ergin Demirhan), \u00fcbernommen. Sie sind so gut und effizient vor Ort organisiert, dass sich die Gendarmerie bei der Verteilung zwischenzeitlich eintreffender staatlicher Hilfsg\u00fcter <a href=\"https://sendika.org/2023/02/hataydan-deprem-notlari-2-koordinasyon-krizi-ve-deprem-komunizmi-677617/\">auf die Kommunist*innen verl\u00e4sst</a>. Auch die feministischen Strukturen in der Region wie etwa <a href=\"http://mordayanisma.org\">Mor Dayan\u0131\u015fma</a> (Lila Solidarit\u00e4t) k\u00f6nnen aufgrund ihrer zielgerichteten Arbeit hohen Zulauf vermelden \u2013 einen eindr\u00fccklichen Einblick gibt \u0130rem Kay\u0131kc\u0131s Bericht &quot;<a href=\"https://revoltmag.org/articles/im-frauenzelt-te-b%C3%BCsik-iydik-ya-hayti/\">Im Frauenzelt</a>&quot;. Die Spenden an unabh\u00e4ngige Einrichtungen oder politische Organisationen sind in die H\u00f6he geschnellt, ein Symptom f\u00fcr das tiefe Misstrauen der Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber den zentralstaatlichen Institutionen. F\u00fcr viele f\u00fchlt sich dies wie eine Wiederbelebung des Geistes von Gezi und eine Manifestation der immer latent vorhandenen \u201eanderen T\u00fcrkei\u201c an. Diese Bewegung ist so stark, dass selbst der Staat sie nicht vollst\u00e4ndig aufhalten konnte, auch wenn er versucht, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-maalesef-ayrimcilik-var-gonderdigimiz-bazi-araclar-zaman-zaman-sehre-sokulmadi,1092213\">sie einzuschr\u00e4nken</a> und unabh\u00e4ngige Einrichtungen <a href=\"https://www.birgun.net/haber/soylu-dan-bagis-cikisi-devletle-es-kosmaya-calisan-varsa-geregi-yerine-getirilir-421527\">bedroht</a>.</p><p>Nach dem anf\u00e4nglichen Chaos versucht das Regime nun, die Initiative wiederzuerlangen und politische Schadensbegrenzung zu betreiben. Sie wissen sehr genau, dass das Blut von Zehntausenden an ihren H\u00e4nden klebt, und handeln dementsprechend, damit sie nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Dem gesamten Auftreten Erdo\u011fans sieht man geradezu das eiskalte Kalk\u00fcl des politischen Machterhalts an: Die einzige Emotion, die er zeigt, ist die Wut dar\u00fcber, dass das Ausma\u00df der Katastrophe seine Kalk\u00fcle durchkreuzen k\u00f6nnte. Das Regime wird sein Bestes tun, um das Staatsbeben als Naturkatastrophe und als eine gro\u00dfartige Geschichte, ja sogar <a href=\"https://www.cfr.org/in-brief/massive-earthquake-could-reshape-turkish-and-syrian-politics\">theatralische Inszenierung</a> der nationalen Einheit und der staatlichen Leistungsf\u00e4higkeit darzustellen. <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/murat-sabuncu/erdogan-secimde-depremzedelere-ev-sozu-ve-kutuplastirmaya-oynayacak-kilicdaroglu-muhalefette-tavrini-ve-cabasini-en-net-ortaya-koyan-isim,38828\">Schon jetzt</a> wirft Erdo\u011fan erneut die Geldpresse an f\u00fcr die Betroffenen und dar\u00fcber hinaus und verspricht, das gesamte Gebiet innerhalb eines Jahres aufzubauen. Derzeit ist noch nicht klar, ob \u201eErdo\u011fan einem unaufhaltsamen <a href=\"https://www.cfr.org/in-brief/massive-earthquake-could-reshape-turkish-and-syrian-politics\">Tsunami der Unzufriedenheit</a> gegen\u00fcbersteht\u201c. Die Einblicke in die \u00f6ffentliche Stimmung bleiben noch l\u00fcckenhaft. Bisher war Erdo\u011fan immer in der Lage, Katastrophen so einzurahmen, dass er die Oberhand behielt, wenn auch nur knapp. In Verbindung mit der Wirtschaftskrise f\u00fcr die Massen und der allgemeinen Unzufriedenheit steht er dieses Mal mit Sicherheit vor der gr\u00f6\u00dften Herausforderung seiner Regentschaft. Dennoch: einzig eine richtige politische Strategie und Taktik k\u00f6nnen der Unzufriedenheit eine Richtung geben, die seinen Sturz herbeif\u00fchrt.</p><h2><b>Anmerkung:</b></h2><p>Dieser Artikel ist eine ver\u00e4nderte und l\u00e4ngere Version eines Artikels, der unter dem Titel \u201e<a href=\"https://newleftreview.org/sidecar/posts/turkeys-statequake\">Turkey\u2019s Statequake</a>\u201c am 21. Februar im Magazin Sidecar erschienen ist.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Mangels Fahrzeugen war sie zu Fu\u00df aus einem abgelegenen Viertel gekommen, um Lebensmittel zu holen. In ihrer Hand hielt sie nur eine Plastikt\u00fcte. Ich k\u00fcsste sie auf den Kopf. Unsere Tr\u00e4nen vermischten sich, als unsere H\u00e4nde sich ber\u00fchrten. Was auch immer wir tun, wie sehr wir uns auch bem\u00fchen, es wird nicht ausreichen, es wird das Verlorene nie wieder zur\u00fcckbringen \u2013 das wissen wir. Und dennoch: Unsere Bem\u00fchungen wachsen und werden immer st\u00e4rker, indem wir die H\u00e4nde der <i>hayti</i> \u2013 der Schwestern \u2013 halten, welchen den Frauen der \u00fcberwiegend arabisch-alevitischen Bev\u00f6lkerung von Samanda\u011f zur Seite stehen.</p><p>Im Namen derjenigen von uns, die am ersten Tag des Erdbebens vom 6. Februar 2023 in Samanda\u011f ankamen und die Solidarit\u00e4tsstruktur sowie die Zelte f\u00fcr die Frauen aufbauten, m\u00f6chte ich euch von unseren Aktivit\u00e4ten berichten. Davon, wie wir unsere Schwestern hier erreicht haben, um ihnen zu sagen: \u201eWir sind hier, wir sind zusammen und wir gehen nicht weg\u201c.</p><h2><b>Auf dem Weg zu den Frauensolidarit\u00e4ts-Strukturen</b></h2><p>Als uns am Morgen des 6. Februar die Nachricht des Erdbebens erreichte, das elf St\u00e4dte verw\u00fcstet hatte, versuchten viele von uns zun\u00e4chst, ihre Familien, Freund*innen, Verwandte und Nachbarn zu erreichen. Aber das war nat\u00fcrlich nicht in allen F\u00e4llen m\u00f6glich. Wer auch immer jemanden erreichen konnte oder erfuhr, dass jemand gestorben war, dem mussten wir glauben, auch wenn wir es aus zweiter (oder f\u00fcnfter) Hand erfuhren. Tage sp\u00e4ter wurde uns klar, dass es aus zweierlei Gr\u00fcnden sehr wichtig war, von den Todesf\u00e4llen zu wissen. Erstens, weil die wenigen Teams der Katastrophenschutzbeh\u00f6rde AFAD, die schlie\u00dflich am vierten Tag nach dem Erdbeben nach Samanda\u011f kamen, die Tausenden von Menschen hier nicht erreichen konnten oder durften \u2013 w\u00e4hrend den freiwilligen Such- und Rettungshelfern, die bereits am ersten Tag ankamen, gesagt wurde: \u201eDas Gebiet ist dem Erdboden gleich, bem\u00fcht euch nicht hierher zu kommen\u201c. Zweitens, obwohl sogar am elften Tag des Erdbebens noch Menschen lebend aus den Tr\u00fcmmern gerettet wurden, die Bagger anr\u00fcckten, um die Tr\u00fcmmer zu beseitigen. Einmal mehr wurde klar: Sie waren nicht gekommen, um die Menschen zu retten.</p><p>Uns war und ist bewusst, dass in Katastrophenzeiten vor allem Frauen, Kinder, LGBTQ+ und behinderte Menschen vernachl\u00e4ssigt, get\u00f6tet bzw. dem Tod \u00fcberlassen oder von Krankheiten bedroht werden. Wir rechneten auch hier damit. Deshalb wandten wir uns sofort an unsere Frauensolidarit\u00e4tsnetzwerke in den Stadtvierteln. Mittlerweile regnete es in der Region stark, die Temperaturen fielen nachts unter null Grad Celsius.<br/></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>In Istanbul wurde nach dem Solidarit\u00e4tsaufruf von <i>Mor Dayan\u0131\u015fma</i> (Lila Solidarit\u00e4t) am Montag unser erster Lastwagen innerhalb weniger Stunden gef\u00fcllt. Zusammen mit zwei Transportern voller Lebensmittel machten wir uns auf den Weg, um zun\u00e4chst Antakya und anschlie\u00dfend Samanda\u011f zu erreichen. Nach dem wir den Belen-Pass bei \u0130skenderun \u00fcberquert hatten, blickten wir auf die Stadt Antakya: Sie war in v\u00f6llige Dunkelheit geh\u00fcllt, in Erwartung eines Ger\u00e4usches, in Erwartung von Hilfe. Als wir in die Stadt kamen, h\u00f6rten wir keine Frauen- oder Kinderstimmen. Die Stra\u00dfen und Gassen waren voller M\u00e4nner, die ebenfalls auf Hilfe warteten. Und ich hatte das Gef\u00fchl, dass der anf\u00e4nglich stumme Schmerz und die Revolte der Frauen genau an dort ihren Anfang nahmen. Best\u00e4tigt wurde dies durch die Worte, die wir auf der Stra\u00dfe h\u00f6rten: \u201eDie Frauen sind bei den Tr\u00fcmmern mit den Kindern, den Kranken und den Alten\u201c.</p><p>Wir wussten, dass der Stadtteil Armutlu durch das Erdbeben v\u00f6llig zerst\u00f6rt wurde (dort befand sich auch eines ein Zentrum von <i>Mor Dayan\u0131\u015fma,</i> Anm. Red.). Daher verabredeten wir uns gegen zwei Uhr morgens mit Freund*innen und Freiwilligen von <i>Mor Dayan\u0131\u015fma</i> an der Autobahn Samanda\u011f/Harbiye. Nachdem wir die Lebensmittel, Hygiene- und Babyartikel sowie Tiernahrung verteilt hatten, die nach Armutlu und zu den weiteren Teilorten Serinyol, Harbiye und Defne geliefert werden sollten, machten wir uns auf den Weg nach Samanda\u011f.</p><p>Entlang der gesamten Stra\u00dfe war die Zerst\u00f6rung sehr deutlich zu sehen. Wir hatten im Vorfeld Kontakt zu einigen Frauen aufnehmen k\u00f6nnen; sie warteten mit ihren Kindern drau\u00dfen unter Vord\u00e4chern und Behelfsschutzkonstruktionen, sofern es diese gab, und einige von ihnen in Autos. Unerm\u00fcdlich hatten sie in den zehn Stunden mit Sonnenlicht und W\u00e4rme so viel zusammengetragen, wie sie finden konnten.</p><p>Wir erreichten die Frauen im Stadtteil Koyuno\u011flu gegen 2.45 Uhr. Zun\u00e4chst gingen wir zu den Kindern, die seit Stunden ohne Essen und Wasser auskommen mussten. Das erste, was wir in den n\u00e4chsten beiden Tagen taten, war hier mit den Frauen eine Suppenk\u00fcche einzurichten und die Beschaffung von Lebensmitteln und deren Verteilung zu organisieren.</p><p>In den fr\u00fchen Morgenstunden des 8. Februar versuchten wir zudem, mit dem Lastwagen nach Samanda\u011f zu gelangen. Da die meisten Stra\u00dfen durch das Erdbeben aufgerissen waren, gestaltete sich dies jedoch schwierig. Hunderte von zerst\u00f6rten Geb\u00e4uden, die sich auf die Stra\u00dfe neigten, waren gef\u00e4hrlich und machten eine Weiterfahrt physisch unm\u00f6glich. Wir hielten auf der Autobahn in der N\u00e4he der Favvar-Br\u00fccke an und sahen dutzende Frauen, auch aus entfernteren D\u00f6rfern, die sich aus den Seitenstr\u00e4\u00dfchen in unsere Richtung bewegten.</p><p>Die n\u00e4chsten Stunden zeigten einmal mehr: Die Frauen, welche die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung von Samanda\u011f ausmachen, stie\u00dfen zwar gegen die Mauern der geschlechtsspezifischen Ungleichheit \u2013 sie durchbrachen sie jedoch mit dem Bewusstsein, der Erfahrung und der Kraft, die sie aus der arabisch-alevitischen Kultur und der Frauensolidarit\u00e4t sch\u00f6pften. Sie waren in der Lage, aus den zerst\u00f6rten H\u00e4usern herauszukommen und die Zerst\u00f6rungswut und Diskriminierung des m\u00e4nnlich-dominierten Staates und der Regierung deutlich zu erkennen. Sie sahen es nicht nur, sondern fassten es auch in Worte:</p><p><i>\u201eDer Staat ist nicht gekommen... Das ist das erste Mal, dass wir problemlos Damenbinden bekommen k\u00f6nnen... Ich konnte vorher nicht hierherkommen, weil ich mich um unsere Alten und Behinderten k\u00fcmmern musste... Wir brauchen Unterw\u00e4sche, wir haben noch keine bekommen... Es gibt immer mehr gyn\u00e4kologische Erkrankungen...\u201c</i></p><p>Dass ich \u00fcber das Thema \u201eDer Staat ist nicht gekommen\u201c in einem anderen Beitrag schreiben werde, glaube ich nicht. Die Abwesenheit des Staates war \u00fcberdeutlich deutlich zu sehen, jede*r hat das bereits betont. Was ich hier hervorheben m\u00f6chte, ist die b\u00f6sartige Pr\u00e4senz des patriarchalen, kapitalistischen Staates. Es gab ihn auch schon vor dem Erdbeben. Aber ist es reiner Zufall, dass die Such- und Rettungsma\u00dfnahmen und die Erdbebenhilfe in vielen der \u00fcberwiegend alevitischen Bezirke, D\u00f6rfern und Nachbarschaften nicht eingesetzt wurden, in denen Frauen* einen relativ hohen Grad an Freiheit genie\u00dfen? Oder dass es immer noch keine Politik zur Verhinderung von Geschlechterdiskriminierung unter den verheerenden Bedingungen des Erdbebens gibt? Glaubt ihr, dass dies etwas ist, wor\u00fcber nur wir Revolution\u00e4r*innen und Feminist*innen sprechen? Dann h\u00f6rt den Frauen zu, wenn sie \u00fcber die Katastrophe vom 6. Februar sprechen. Ihr werdet merken, wie sehr ihr auf dem Holzweg seid. Sie werden euch alles erz\u00e4hlen.</p><h2><b>Die Geschichte der Frauensolidarit\u00e4ts-Struktur und der Frauenzelte</b></h2><p>In den ersten drei Tagen besuchten wir zahlreiche Stadtteile von Samanda\u011f, darunter Atat\u00fcrk, \u00c7i\u011fdede, Cumhuriyet, Yeni, Kurt Deresi, Deniz, \u00c7evlik, Zeytuni, Suta\u015f\u0131, Ku\u015falan\u0131, \u00c7\u00f6y\u00fcrl\u00fc, Tekeba\u015f\u0131, De\u011firmenba\u015f\u0131, Uzunba\u011f, Fidanl\u0131 und Yayl\u0131ca. Dorthin brachten wir die solidarisch gesammelten Lebensmittel, Decken und Hygieneartikel, w\u00e4hrend t\u00e4glich mindestens 700-1000 Frauen aus diesen Vierteln unseren Treffpunkt aufsuchten. Obwohl H\u0131d\u0131rbey, Yo\u011funoluk, Karak\u00f6se und Sinanl\u0131 sehr abgelegene Orte sind, kamen Frauen auch aus diesen Gebieten zu unserem Solidarit\u00e4tsort, der sich an der Durchgangsstra\u00dfe befindet. Die Nachricht sprach sich schnell herum, wurde von Frau zu Frau weitergegeben. Es gab zwar kein Internet und keinen Handyempfang, doch als das Gefl\u00fcster st\u00e4rker wurde, wuchs auch unsere Frauensolidarit\u00e4tsgruppe.</p><p>Fragt diese hunderten von Frauen, lasst sie erz\u00e4hlen! Die Frauen, die uns seit dem ersten Tag hier sehen; die Frauen, die uns auf den Stra\u00dfen wiedererkennen, auf denen sie nicht mehr mit ihren Nachbar*innen zusammensitzen k\u00f6nnen; die Frauen, die uns mit in ihre G\u00e4rten und Gew\u00e4chsh\u00e4user nehmen, wo wir gemeinsam schlafen; die Frauen, mit denen wir gemeinsam die Solidarit\u00e4tspakete verteilen, Hoffnung verteilen.</p><p>Die Anlaufstelle der Frauensolidarit\u00e4t, die wir ab dem 10. Februar im Yeni-Park im Atat\u00fcrk-Viertel aufgebaut haben, war anfangs nur ein kleines Zelt. Direkt gegen\u00fcber brachten wir die Frauen und Kinder aus dem Viertel in vier Schlafzelten unter, die wir auf einer gr\u00f6\u00dferen, ebenen Fl\u00e4che aufgebaut hatten. Wir sitzen mit ihnen jeden Abend zusammen, sprechen \u00fcber ihre Bed\u00fcrfnisse und sorgen gemeinsam mit den Mitgliedern und Freiwilligen von <i>Mor Dayan\u0131\u015fma</i> f\u00fcr ihre Sicherheit. Und dieser Raum, dieses Solidarit\u00e4tsnetzwerk wuchs, mit jeder Frau, die zu uns kam und sagte: \u201eIch m\u00f6chte auch helfen\u201c.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"1676793352892.jpg\" height=\"691\" src=\"/media/images/1676793352892.original.jpg\" width=\"768\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Mor Dayan\u0131\u015fma</span>\n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Zelt der Frauensolidarit\u00e4t in Hatay.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Durch die anhaltenden Aufrufe zur Solidarit\u00e4t, die unsere Mitglieder und Freiwilligen seit dem ersten Tag in zahlreichen St\u00e4dten (vor allem in Istanbul, Izmir, Ankara, Adana, Mersin, Antalya, Mu\u011fla und Denizli) verbreiteten, konnten wir bis zum Ende des elften Tages hunderten Frauen ein Minimum an Hilfsg\u00fctern bereitstellen. Haben wir dabei nur frauenspezifische Hilfsg\u00fcter und Unterst\u00fctzung von den Nichtregierungsorganisationen, Gemeinden, Verb\u00e4nden oder Kommunen erhalten, die sich an uns wandten? Nein. Jeder Lastwagen, jede Verteilaktion und jedes Viertel, in dem wir als Feministinnen t\u00e4tig sind, hat gesehen, dass wir uns um alle k\u00fcmmern. Die Frauen handelten solidarisch und wurden zu Koordinatorinnen der Aktionen. Wohin gingen die Lastwagen und die Lebensmittel, die von den Feministinnen und solidarischen Unterst\u00fctzer*innen aus dem In- und Ausland geschickt wurden? Sie gingen an unsere Schwestern in den Vierteln, die wir mit Autos und Motorr\u00e4dern erreichten, an die Frauensolidarit\u00e4ts-Strukturen, wo sie verteilt und pers\u00f6nlich abgeholt wurden, an LGBTQ+, an unser mobiles Team von Kindertheatern mit freiwilligen Psycholog*innen, Schauspieler*innen und Kindererzieher*innen.</p><p>Was machen die Frauen nun in den Solidarit\u00e4tsstrukturen und Zelten, die in Samanda\u011f sowie in den Vierteln Sevgi Park, Harbiye und Serinyol in Antakya aufgebaut wurden? Um den sich permanent \u00e4ndernden Bed\u00fcrfnissen gerecht zu werden, erweitern sie das Netzwerk der Solidarit\u00e4t, f\u00f6rdern den Prozess der Subjektwerdung der Frauen durch feministische Politik und schaffen jeden Abend R\u00e4ume f\u00fcr Frauen, um sich bei einer Tasse Tee zu unterhalten. Sie h\u00f6ren den erdbebenbetroffenen Frauen zu, um die Wunden im bevorstehenden Prozess zu heilen und dar\u00fcber zu diskutieren, weshalb und wie frauenfreundliche St\u00e4dte geschaffen werden k\u00f6nnen.</p><p>Eine Bemerkung, die ich hier wiedergeben m\u00f6chte, r\u00fcckt die Frage \u201eWas f\u00fcr eine Stadt und welches Leben wollen wir?\u201c in den Mittelpunkt \u2013 hier in Hatay, wo Seite an Seite arabisch-alevitische, christliche, armenische Frauen leben:</p><p><i>\u201eEs gibt keine Worte, um die Zerst\u00f6rung und das Leid im Zentrum von Antakya und Samanda\u011f zu beschreiben; wir kennen diejenigen, die gegangen sind und freuen uns auf ihre R\u00fcckkehr. Aber wir wissen auch, dass die Sozialistinnen, die Feministinnen und die Frauensolidarit\u00e4t ab dem ersten Tag an unserer Seite waren. Und wir wollen nicht in eine isolierte Containerstadt gehen, weit weg von unseren Vierteln, eine Siedlung, in der es noch keine Sicherheit, kein Wasser und keine Hygiene gibt.\u201c</i></p><p>Wir geben die Informationen \u00fcber die [staatlich organisierten, Amn. d. \u00dcbersetzerin] Container- und Zeltst\u00e4dte an alle Frauen weiter, aber diese schnaufen nur und fragen uns: \u201eK\u00f6nnt ihr uns keine Zelte geben? K\u00f6nnt ihr uns keine Container geben?\u201c Was sagt uns diese Nachfrage nach Zelten oder Containern, die die Menschen in den sicheren R\u00e4umen ihrer eigenen Felder, G\u00e4rten und Nachbarschaften aufstellen wollen? Wir m\u00fcssen zuh\u00f6ren, verstehen und L\u00f6sungen schaffen.</p><h2><b>Vom Frauenzelt zu frauenfreundlichen St\u00e4dten</b></h2><p>Reicht der Aufbau von Frauenzelten aus? Ganz und gar nicht. Warum bestehen wir dann darauf und warum sollten wir dies alle tun? Die oben beschriebenen Fragen, die mir und uns die Frauen hier stellen, zeigen, dass die Frauen ihre Situation sehr deutlich erkennen. Es sind die Umst\u00e4nde des brutalen jahrhundertealten patriarchalen Kapitalismus und der Menschenfeindlichkeit, die nochmals besonders laut und deutlich in den letzten zehn Tagen von den regierenden Parteien AKP und MHP, sowie allen faschistischen Strukturen und Organisationen, gezeigt wurden. Diese m\u00e4nnerdominierte, profitorientierte, diebische, schamlose Ordnung muss gest\u00fcrzt werden.</p><p>Trifft das auch f\u00fcr die lokalen Verwaltungen zu? Dann m\u00fcssen auch dort die politischen Verantwortlichen abgesetzt werden! Sind die Bauunternehmen auch so? Dann m\u00fcssen sie beseitigt werden! Ist die Regierung so? Dann muss sie gest\u00fcrzt werden! Denn:</p><p></p><hr/><p><b>Das Sicherheitsgef\u00fchl der Frauen entstand nicht durch ein St\u00fcck Papier, das vom Staat beschrieben wurde. Es entstand durch ein Frauenzelt, auch wenn dessen W\u00e4nde nicht dicker als Papier waren. Die Kraft, die Nachbarschaft, den Ort und die Gr\u00fcnfl\u00e4chen f\u00fcr sich zu beanspruchen, kam von den Frauen, die sagen: \u201eGebt uns Container und Zelte, wir bleiben hier\u201c.</b></p><hr/><p></p><p>W\u00e4hrend die Vertreter zahlreicher m\u00e4nnerdominierter Gemeinden, wie der B\u00fcrgermeister von Samanda\u011f, in ihren makellosen Anz\u00fcgen f\u00fcr die Kamera posierten, kamen die Frauen, die tagelang keinen Zugang zu Hygieneartikeln hatten, in blutgetr\u00e4nkter Kleidung zu uns.</p><p>Hilfsmittel aus dem In- und Ausland kamen zu uns, zusammen mit Solidarit\u00e4tsbotschaften, die sagten: \u201eWir vertrauen euch, dass ihr die Spenden zu den Menschen bringt.\u201c Und die Frauen, die sich in jedem sozialen Bereich, in dem wir mit unserer feministischen Politik intervenieren, stark und sicher f\u00fchlen, kommen auch zum Frauenzelt, um uns gegen die feindliche Politik des M\u00e4nnerstaates beizustehen. Was die Notwendigkeit betrifft, dass Frauen sich f\u00fcr den Schutz der ethnischen und soziokulturellen Struktur in den Erdbebengebieten organisieren, so waren es vor uns organisierten Frauen die Betroffenen selbst, die sich zu Wort meldeten und fragten: \u201eWas soll getan werden?\u201c</p><p>Die Forderung \u201eNachbarschaftscontainer oder Zelte!\u201c wird in allen Bezirken und Vierteln, die wir in den letzten Tagen erreicht haben, laut und deutlich erhoben. Nehme wir diese Forderung ernst. Wir haben von dem Bed\u00fcrfnis nach Solidarit\u00e4t, lokalen Strukturen und Frauenzelten erfahren, als die Stimme dieser tausenden Frauen noch nicht h\u00f6rbar waren. Mit ihrem Wissen haben wir uns auf den Weg gemacht und es mit sozialistischer, feministischer Politik verbunden. Die beiden Felder, die miteinander verbunden sind, aber auch unterschiedliche Forderungen fokussieren, m\u00fcssen verst\u00e4rkt und unterst\u00fctzt werden. Die kapitalistische Ordnung, die mindestens 45.000 Menschenleben gefordert hat, will neue St\u00e4dte bauen, die erneut Menschen t\u00f6ten. Lasst uns stattdessen Frauenzelte bauen. Die <i>hayti</i>, die unsere H\u00e4nde halten werden, warten auf euch, die Frauen*, die Feminist*innen, um diese Zelte zu errichten.</p><p></p><hr/><h2><b>Spenden und Unterst\u00fctzung von</b> <b>Mor Dayan\u0131\u015fma:</b></h2><p>Gemeinsam mit LabourNet Germany e.V. haben wir die <a href=\"https://revoltmag.org/articles/unterst%C3%BCtzt-die-spendenkampagne-lila-solidarit%C3%A4t-jetzt/\">\u201eSpendenkampagne Lila Solidarit\u00e4t jetzt!\u201c</a> lanciert. Wenn ihr spenden k\u00f6nnt, \u00fcberweist bitte an folgendes Konto:</p><p>Spendenkonto: Labournet Germany e.V.:<br/>IBAN DE76 4306 0967 4033 7396 00<br/>BIC: GENODEM1GLS<br/>Verwendungszweck \u201cLila Solidarit\u00e4t\u201d</p><p>Eine Spendenquittung kann nur ausgestellt werden, wenn wir die Post-Adresse haben, eine e-mail an verein@labournet.de reicht daf\u00fcr. Schreibt einfach, unter welchem Namen ihr gespendet habt und sendet die postalische Adresse mit.</p><p>Wenn ihr andere Fragen zur Unterst\u00fctzung habt, oder eine alternative M\u00f6glichkeit des Spendens nutzen wollt, meldet euch auch gerne bei uns. Unsere Redakteurin Jo erreicht ihr unter jo@revoltmag.org. Sie steht mit den Freundinnen von Mor Dayan\u0131\u015fma in direktem Kontakt.</p><p></p><hr/><p>\u00dcbersetzung: Svenja Huck<br/>Bild: Mor Dayan\u0131\u015fma</p><p>Der Bericht erschien zuerst auf der Webseite von <a href=\"https://mordayanisma.org/2023/02/20/from-the-womens-tent-te-busik-iydik-ya-hayti/\">Mor Dayan\u0131\u015fma</a> auf t\u00fcrkisch und englisch. Folgt der Organisation auch auf den Sozialen Medien f\u00fcr Updates und Unterst\u00fctzung.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"deprem2.jpg\" height=\"1080\" src=\"/media/images/deprem2.original.jpg\" width=\"1080\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Bitte gerne den Spendenaufruf weiterleiten. Jeder Euro z\u00e4hlt.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/im-frauenzelt-te-b%C3%BCsik-iydik-ya-hayti/", "id": "https://revoltmag.org/articles/im-frauenzelt-te-b%C3%BCsik-iydik-ya-hayti/", "author": {"name": "\u0130rem Kay\u0131k\u00e7\u0131", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2023-02-22T17:05:38.303897+00:00", "date_modified": "2023-03-01T07:55:26.193507+00:00", "tags": ["re:port", "erdbebenhilfe", "t\u00fcrkei", "frauensolidarit\u00e4t", "feminismus", "frauenkollektive", "solidarit\u00e4t", "mor dayan\u0131\u015fma"], "summary": "Lebenswichtige Frauensolidarit\u00e4t: Wie die feministische Organisation Mor Dayan\u0131\u015fma in der vom Erdbeben zerst\u00f6rten Region Hatay kollektive Solidarit\u00e4tsstrukturen f\u00fcr alle aufbaut. 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Hegemoniek\u00e4mpfe in der&nbsp;T\u00fcrkei</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"ist_newroz_20mart_2022_vcuzdan8 Kopie.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/ist_newroz_20mart_2022_vcuzda.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">sendika.org</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"gezi taksim direnis.png\" height=\"190\" src=\"/media/images/gezi_taksim_direnis.original.png\" width=\"2364\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Nach dem <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkisches-inferno/\">Inferno des vergangenen Sommers</a>, als die gr\u00f6\u00dften Waldbr\u00e4nde der Geschichte der modernen T\u00fcrkei ganze Landstriche verw\u00fcsteten, folgte ein langer Winter im Land. Im Januar 2022 legte ein heftiger Schneesturm das gesamte Leben Istanbuls lahm. Hunderte Autos und Busse blieben im hohen Schnee auf den Hauptverkehrsachsen stecken, keine F\u00e4hren fuhren mehr, die Menschen \u00fcbernachteten improvisiert in den Vierteln, in denen sie der Schneesturm erwischt hatte. Zwei Monate sp\u00e4ter waren Stadt, Gouverneursamt und Bev\u00f6lkerung besser vorbereitet. Erneut zogen an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden im M\u00e4rz heftige Schneest\u00fcrme \u00fcber Istanbul hinweg und bedeckten die Stadt mit eisigem Frost.</p><p>In diesem langen Winter fegte jedoch nicht nur der Schnee \u00fcber Istanbul, sondern mit <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Tuketici-Fiyat-Endeksi-Nisan-2022-45793\">fast 70 Prozent</a> auf seinem bisherigen Gipfel (April 2022) auch die h\u00f6chste Inflationsrate seit 20 Jahren \u00fcber die T\u00fcrkei hinweg. Lebensmittel, Strom, Gas zum Heizen und Kochen \u2013 viele Grundg\u00fcter des modernen Lebens wurden zu fast unbezahlbaren Luxusg\u00fctern. Die Preise steigen teils w\u00f6chentlich. Menschen kaufen wenige und schlechtere Lebensmittel ein und beginnen, alles m\u00f6gliche auf Vorrat im Sonderangebot zu kaufen. Ladenbesitzer*innen sitzen in dicken M\u00e4nteln, Schals und Polarhandschuhen in ihren L\u00e4den, weil die Heizkosten explodieren. Der Winter kann als eine lange, niederschmetternde Depression f\u00fcr den Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung bezeichnet werden. Aber ganz oben wird weiterhin das altbekannte makabre Theater der Hybris gespielt: Die T\u00fcrkei <a href=\"https://www.bloomberght.com/bakan-nebati-oncu-gostergelerimiz-cok-iyi-2302041\">erringe</a> \u201eeinen [wirtschaftlichen] Erfolg nach dem anderen\u201c (Wirtschafts- und Finanzminister Nureddin Nebati), sie werde zu \u201eeinem der m\u00e4chtigsten L\u00e4nder der Welt\u201c (<a href=\"https://www.bloomberght.com/bakan-nebati-yatirimcilar-turkiye-ye-gelsin-diye-kosacagiz-2302140\">ebenfalls</a> Nebati); \u201ewir geh\u00f6ren zu denen, die am besten wissen, wie man Inflation bek\u00e4mpft\u201c (<a href=\"https://www.bloomberght.com/bakan-nebati-burokratik-engeller-cikaranlarin-onunde-duracagiz-2302054\">wieder</a> Nebati); \u201edie T\u00fcrkei ist so stark wie noch nie in den letzten 300 Jahren\u201c (Innenminister S\u00fcleyman <a href=\"https://www.birgun.net/haber/soylu-nun-hedefinde-kilicdaroglu-ve-6-parti-var-bildiriyi-hangi-buyukelcilige-duzeltmeye-gonderdin-382037\">Soylu</a>).</p><p>Wer auf Regimeseite die beinharten Realit\u00e4ten nicht mehr ignorieren konnte, versuchte diese <a href=\"https://www.yeniakit.com.tr/yazarlar/abdurrahman-dilipak/goz-gore-gore-37197.html\">verschw\u00f6rungsideologisch</a><a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/ibrahim-karagul/biden-o-an-ne-dusundu-chp-hdp-turkiyeyi-boler-o-mudahale-yapilmali-ic-komplo-da-cokecektir-2060036\">zu prozessieren</a>. Das hei\u00dft zum Beispiel, Wirtschaftskrise und politische Instabilit\u00e4t als gro\u00dfes Spiel b\u00f6ser M\u00e4chte gegen \u201edie T\u00fcrkei\u201c darzustellen (Abdurrahman Dilipak, Ibrahim Karag\u00fcl), die \u2013 selbstredend von der AKP betriebene \u2013 <a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/yusuf-kaplan/hem-kendimizle-hem-de-batiyla-yuzlesmeden-asl-2060760\">Polarisierung</a> der Gesellschaft als Ergebnis fr\u00fcherer Verwestlichung zu beklagen (Yusuf Kaplan), oder <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/nagehan-alci/3205516-millet-ittifaki-kopruden-onceki-son-cikisa-dikkat-etmeli\">Existenz\u00e4ngste</a> vor einem bevorstehenden Generalzusammenbruch der T\u00fcrkei zu sch\u00fcren, sollten Regierung und Opposition nicht zusammenarbeiten (Nagehan Al\u00e7\u0131). Ihr verschw\u00f6rungstheoretisches Vorbild haben sie in Recep Tayyip Erdo\u011fan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-erdogan-erken-secim-yapmak-ilkel-kabilelerin-isidir,995442\">h\u00f6chstpers\u00f6nlich</a>: \u201eHinter allen Ereignissen der letzten acht Jahre in unserem Land [\u2026] steht ein Plan, ein Szenario, eine Falle\u201c. Wie seit geraumer Zeit so funktionieren auch heute regimetreue Verschw\u00f6rungsideologien in dem Sinne, dass sie die Objektivit\u00e4t der Hegemoniekrise dethematisieren und die Menschen der rationalen Erkenntnis gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse berauben, damit sie, in Angst und Panik versetzt, handlungsunf\u00e4hig werden.</p><p>Aber mit dem langen Winter der Depression kommt auch der Fr\u00fchling des Widerstands: Eine <a href=\"https://emekcalisma.files.wordpress.com/2022/03/eccca7t_2022-grev.pdf\">Welle an Streiks</a> fand in den beiden ersten Monaten des Jahres 2022 \u00fcber \u00fcber die gesamte T\u00fcrkei verteilt statt \u2013 noch gr\u00f6\u00dfer als die bisher gr\u00f6\u00dfte Streikwelle der AKP-\u00c4ra, dem <a href=\"http://diebuchmacherei.de/produkt/partisanen-einer-neuen-welt-eine-geschichte-der-linken-und-arbeiterbewegung-in-der-tuerkei/\">\u201eMetallsturm\u201c von 2015</a>. In der gesamten T\u00fcrkei inklusive der AKP-Hochburg der \u00f6stlichen Schwarzmeerregion protestierten Menschen gegen die exorbitanten (Strom-)Preise (unter dem Slogan <i>ge\u00e7inemiyoruz!</i> - Wir kommen nicht mehr \u00fcber die Runden!), Studierende gegen den Mangel an Wohnheimen (<a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkish-university-students-camp-parks-protest-rent-hikes\"><i>bar\u0131nam\u0131yoruz!</i></a> \u2013 Wir kommen nicht mehr unter!); Werkt\u00e4tige des Gesundheitssektors gingen in zahlreichen Wei\u00dfen M\u00e4rschen (<a href=\"https://sendika.org/2021/11/beyaz-yuruyus-suruyor-eskisehirde-hekimler-polis-engelini-tanimadi-638464/\"><i>beyaz y\u00fcr\u00fcy\u00fc\u015f</i></a>) in vielen St\u00e4dten der T\u00fcrkei gegen die schlechten Arbeitsbedingungen auf die Stra\u00dfen. Trotz einer tiefgreifenden \u00c4nderung im Wahlprozedere der Anwaltskammern zugunsten des Regimes <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/12/06/barolar-birligi-secimi-kaybeden-yalniz-feyzioglu-olmadi/\">gewann</a> der k\u00e4mpferische Oppositionskandidat Erin\u00e7 Sa\u011fkan die Wahl und k\u00fcndigte ein Ende der Appeasementpolitik seitens der Spitze der Anwaltskammern gegen\u00fcber dem Regime an. Der 8. M\u00e4rz und Newroz, das kurdische Fr\u00fchjahresfest, wurden gegen alle Verbote auf den Stra\u00dfen und den Pl\u00e4tzen mit Hunderttausenden Beteiligten gefeiert. Und tats\u00e4chlich, es kam wieder so etwas wie ein Geist von Gezi und die darin ausgedr\u00fcckte kreative Lebensfreude auf: <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-59533531\"><i>Patates, so\u011fan, g\u00fcle g\u00fcle Erdo\u011fan</i></a> \u2013 \u201eKartoffeln und Zwiebeln, auf Wiedersehen Erdo\u011fan!\u201c, wurde zu einem g\u00e4ngigen Slogan gegen die Preisexplosion und deren politischen (Mit-)Verursacher. Wie immer in den letzten Jahren wurden auch diesmal alle diese legitimen sozialen K\u00e4mpfe und ihre Forderungen seitens der Regierung mit \u201e<a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkish-students-continue-protests-despite-arrests-erdogans-accusations\">Terrorismus</a>\u201c <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-yurt-bahanesiyle-eylem-yapanlar-teror-baglantili,984434\">in Zusammenhang</a> gebracht; oder in kontrafaktischer Hybris davon fabuliert, die Regierung l\u00f6se alle Probleme \u2013 oder diese g\u00e4be es eigentlich gar nicht erst: \u201eWir haben <a href=\"https://www.bloomberght.com/erdogan-vatandasi-enflasyona-ezdirmedik-ezdirmeyecegiz-2298681\">nicht zugelassen</a>, dass unsere B\u00fcrger von der Inflation erschlagen werden, und werden dies auch weiterhin nicht tun\u201c, so Erdo\u011fan; fast <a href=\"https://haberglobal.com.tr/ekonomi/bakan-nebati-hic-kimseyi-enflasyona-ezdirmedik-ezdirmeyecegiz-166939\">wortgleich</a> der Wirtschafts- und Finanzminister Nebati.</p><p>W\u00e4hrend das Regime mit altbekannten und neuen Tricks versucht, aus seiner bis dato tiefsten Hegemoniekrise mittels eines wiederaufgenommenen Prozesses der autorit\u00e4ren Konsolidierung herauszukommen, versammeln sich die Hauptoppositionsparteien des b\u00fcrgerlichen Blocks, um den wachsenden Unmut f\u00fcr einen restaurierten Neoliberalismus zu vereinnahmen. Der Ausgang der tiefen Hegemoniekrise bleibt bislang offen und umk\u00e4mpft zwischen den Kr\u00e4ften der autorit\u00e4ren Konsolidierung, der neoliberalen Restaurationsperspektive und den popularen Kr\u00e4ften. <b>[1]</b></p><h2><b>Mit Vollgas in die Sackgasse: Die Versch\u00e4rfung der Wirtschaftskrise</b></h2><p>Leser*innen <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkisches-inferno/\">fr\u00fcherer Artikel</a> von mir wissen um die wirtschaftspolitische Taktik der permanenten Kehrtwenden beziehungsweise \u201eErdo\u011fans Zickzackkurs\u201c, der seit geraumer Zeit die politische \u00d6konomie des Landes bestimmt: Um sich eine politische Basis unter den kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs) und ihrer Arbeiter*innen zu erschaffen, beziehungsweise zu konsolidieren, schl\u00e4gt das Regime um Erdo\u011fan regelm\u00e4\u00dfig eine nicht der neoliberalen Orthodoxie entsprechende Wirtschaftspolitik der Niedrigzinsen und der Kreditexpansion ein. Dies f\u00fchrt jedes Mal zu einem weiteren Fall des Wertes der Lira und wegen der hohen Importabh\u00e4ngigkeit der t\u00fcrkischen Wirtschaft damit zu einer sehr hohen Inflationsrate. Um diese Folgen dann wieder abzud\u00e4mpfen, reagiert das Regime um Erdo\u011fan daher immer wieder mit einer Kehrtwende in Richtung orthodoxer Wirtschaftspolitik: Eine Hochzinspolitik gegen die Inflation \u2013 einerseits, um ausl\u00e4ndisches Kapital anzuziehen (weil Zinsen h\u00f6her als die Inflation Gewinne garantieren), andererseits, um die Kreditexpansion und damit die durch erh\u00f6hten Konsum bedingte Inflation zu drosseln. Damit im Zusammenhang stehen dann regelm\u00e4\u00dfig auch andere kontraktive Ma\u00dfnahmen.</p><p>Ein Ausweg aus diesem Zickzackkurs schien unm\u00f6glich, solange der semi-periphere Neoliberalismus in der T\u00fcrkei fest in die transatlantische neoliberale Weltordnung integriert blieb. Denn dies macht die t\u00fcrkische Wirtschaft abh\u00e4ngig von Kapital- und Produktionsg\u00fcterimporten und volatil angesichts der Situation der Weltwirtschaft insgesamt, in der nach den Krisenzeiten um 2008/09 und insbesondere nach 2013 die Kapitalzufl\u00fcsse in (semi-)periphere L\u00e4nder abnahmen oder stark schwankten. Die aus dieser Volatilit\u00e4t hervorgehende wirtschaftliche Instabilit\u00e4t sowie die Ersch\u00f6pfung des semi-peripheren Akkumulationsmodells in der T\u00fcrkei (unter Anderem wegen dem Erreichen der Grenzen der Lohndr\u00fcckerei im internationalen Vergleich sowie wegen dem fehlenden technologischen Upgrade der t\u00fcrkischen Wirtschaft) sorgten schon ganz von selbst ohne Erdo\u011fans Autoritarismus und der zunehmend heterodoxen Wirtschaftspolitik f\u00fcr eine Verlangsamung des t\u00fcrkischen Wirtschaftswachstums. Letztgenannte wirken nur \u2013 zugegebenerma\u00dfen immer st\u00e4rker \u2013 versch\u00e4rfend auf diese Krise des semi-peripheren Neoliberalismus in der T\u00fcrkei.</p><p>Dieser Zickzackkurs scheint mittlerweile aber verlassen worden zu sein zugunsten eines einseitigen Fokus auf die heterodoxe Seite. Wie schon im Artikel \u201eT\u00fcrkisches Inferno\u201c erw\u00e4hnt, wurde im M\u00e4rz 2021 erneut ein heterodox agierender, Erdo\u011fan-treuer Zentralbankchef, \u015eahap Kavc\u0131o\u011flu, von Erdo\u011fans Gnadentum eingesetzt. Dieser konnte aber \u00fcber Monate hinweg wegen der drastischen Reaktion der M\u00e4rkte die Zinsen nicht senken. So blieb der Zentralbankzins bei 19 Prozent \u2013 nur ganz leicht \u00fcber der damaligen Inflationsrate. Eine Inflationsrate von etwas weniger als 19 Prozent, zwischenzeitlich undenkbar. Die Schockstarre hielt selbstredend nicht lange an: <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/bowing-erdogans-pressure-turkish-central-bank-makes-risky-rate-cut\">Von Ende September</a> <a href=\"https://www.bloomberght.com/merkez-bankasi-faiz-kararini-acikladi-2290205\">bis</a> Anfang Dezember 2021 wurde der Leitzins unter dem neuen Zentralbankchef auf 14 Prozent gesenkt, w\u00e4hrend die (offizielle) (Verbraucherpreis-)Inflationsrate <a href=\"https://www.bloomberght.com/tufe-yuzde-20-ye-dayandi-ufe-19-yilin-zirvesinde-2291219\">sukzessive</a> von <a href=\"https://www.bloomberght.com/enflasyonda-yayilim-2021-zirvesinde-2289021\">fast 20 Prozent</a> im September und Oktober <a href=\"https://www.tcmb.gov.tr/wps/wcm/connect/TR/TCMB+TR/Main+Menu/Istatistikler/Enflasyon+Verileri/Tuketici+Fiyatlari\">auf</a> 36 Prozent im Dezember 2021, \u00fcber 48 Prozent im Januar 2022, \u00fcber 54 Prozent im Februar, 61 Prozent im M\u00e4rz und zuletzt auf fast 70 Prozent im April (im Vergleich zum Vorjahreszeitraum) stieg. Mitarbeitende der Zentralbank (<i>T\u00fcrkiye Cumhuriyet Merkez Bankas\u0131</i>, TCMB), die sich gegen diesen Kurs stellten, <a href=\"https://www.reuters.com/world/middle-east/turkeys-erdogan-overhauls-cenbank-mpc-appoints-two-new-members-2021-10-13/\">wurden gefeuert</a>, de facto <a href=\"https://halktv.com.tr/makale/merkez-bankasinin-eski-yoneticilerine-surgun-gibi-gorevlendirmeler-670265\">strafversetzt</a> und durch regime-treue Personen <a href=\"https://halktv.com.tr/makale/merkez-bankasi-meclisinde-sessiz-sedasiz-kritik-bir-degisiklik-670403\">ersetzt</a>. Zudem wurde der damalige Wirtschafts- und Finanzminister L\u00fctfi Elvan, der ebenfalls eher f\u00fcr eine orthodoxere Gangart stand und die Wirtschaftspolitik <a href=\"https://www.bloomberght.com/elvan-her-bir-kurum-uzerine-dusen-gorevi-yapmali-2292111\">immer offener</a> kritisierte, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/sahi-hazine-ve-maliye-bakani-elvan-nerede,32854\">noch handlungsunf\u00e4higer</a> gemacht, als er es sowieso schon war. Schon im November 2021 <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/bakan-lutfi-elvanin-istifa-ettigi-iddia-edildi-berat-albayrak-ismi-yeniden-gundemde-1882173\">sickerte durch</a>, dass Elvan seinen R\u00fccktritt eingereicht hatte, weil er anderer Meinung war als der (damals noch) stellvertretende Minister Nebati, der noch zu Zeiten des Wirtschaftsministeriums unter Erdo\u011fans Schwiegersohn Albayrak 2018ff. eingesetzt wurde und die heute verfolgte heterodoxe Negativzinspolitik verteidigte. Elvan hatte versucht, diesen aus dem Amt zu entfernen, was ihm misslang; zugleich sank sein Einfluss in der Ministerialb\u00fcrokratie immer weiter. Im November wurde Elvans R\u00fccktrittsgesuch, so die Ger\u00fcchte, noch abgelehnt von Erdo\u011fan. Am 2. Dezember hingegen war es soweit: Sein \u201eGesuch auf Entbindung von Aufgaben/Verantwortung\u201c (<i>g\u00f6revinden af dile\u011fi</i>), wie es im euphemistischen Jargon des Regimes neuerdings bei ordin\u00e4ren Ministerentlassungen durch Erdo\u011fans Hand teils ohne vorherige Kenntnis der jeweiligen Minister hei\u00dft, wurde <a href=\"https://www.bloomberght.com/hazine-ve-maliye-bakanligina-nureddin-nebati-atandi-2293417\">stattgegeben</a>, anstatt seiner der schon bekannte Nebati eingesetzt.</p><h4><i>Die Krisendynamik</i></h4><p>Entsprechend dieser Geldpolitik wuchs der Negativrealzins, also der Leitzins der Zentralbank minus die Inflationsrate. Vor allem in Banken gehaltene Lira (<i>T\u00fcrk Liras\u0131</i>, TL)-Guthaben wurden damit de facto sukzessive entwertet, Devisen und Gold wurden zu Vehikeln der Verm\u00f6gensabsicherung und -steigerung, was nebst dem Negativrealzins den Druck auf die Lira erh\u00f6hte. \u00dcber das Jahr 2021 gerechnet verloren so <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Finansal-Yatirim-Araclarinin-Reel-Getiri-Oranlari-Ocak-2022-45570\">laut dem Statistischen Institut (</a><a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Finansal-Yatirim-Araclarinin-Reel-Getiri-Oranlari-Ocak-2022-45570\"><i>T\u00fcrkiye \u0130statistik Kurumu</i></a><a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Finansal-Yatirim-Araclarinin-Reel-Getiri-Oranlari-Ocak-2022-45570\">, T\u00dcIK</a>) Lira-Einlagenbesitzer*innen 22,75 Prozent (real, also gegen die Inflation gerechnet) an Wert, Investor*innen in t\u00fcrkische Staatsanleihen dagegen 32,69 Prozent, w\u00e4hrend Investor*innen in US-Dollar, Euro und Gold jeweils 23,08 Prozent, 14,45 Prozent und 19,70 Prozent an Wert gewannen. Gekoppelt mit der Unvorhersehbarkeit, die diese aus Sicht neoliberaler Orthodoxie heterodoxe und irrationale Geldpolitik repr\u00e4sentierte, f\u00fchrte diese unmittelbar zur massiven Entwertung der Lira, damit zur Erh\u00f6hung der Importkosten und wegen der Importabh\u00e4ngigkeit der t\u00fcrkischen Wirtschaft zur erw\u00e4hnten rasenden Erh\u00f6hung der Inflation. Die Schere zwischen (inl\u00e4ndischer) Erzeugerpreis- und Verbraucherpreisinflationsrate mit im April 2022 \u00fcber 50 Prozent nimmt mittlerweile historische Ausma\u00dfe an \u2013 die Erzeugerpreisinflationsrate liegt derzeit bei <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Yurt-Ici-Uretici-Fiyat-Endeksi-Nisan-2022-45853\">\u00fcber 120 Prozent</a>. Wegen der hohen Inflationsrate werfen mittlerweile alle vom T\u00dcIK erfassten regul\u00e4ren finanziellen Anlagen real <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Finansal-Yatirim-Araclarinin-Reel-Getiri-Oranlari-Mart-2022-45572\">Verluste ab</a> (Januar-M\u00e4rz 2022).</p><p>Der wegen der Billigkreditschwemme angekurbelte <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkeys-export-driven-growth-sustainable\">Binnenkonsum</a> trug zum einen zwar wesentlich zum <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/02/turkeys-economy-11-growth-brings-risk\">11 Prozent BIP-Wachstum 2021</a> bei (<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/bireysel-kredi-kullanimi-35-milyona-yaklasti-15-milyonluk-istanbulda-13-milyon-kisi-kredi-borclusu-haber-1534894\">fast die H\u00e4lfte</a> der Bev\u00f6lkerung der T\u00fcrkei ist verschuldet mit individuellen Bedarfskrediten; in Istanbul sogar etwa 80 Prozent der Bev\u00f6lkerung; das Kreditvolumen <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/04/turkey-inflation-hits-61-fallout-ukraine-war-continues#ixzz7PWQd6Oey\">wuchs</a> um etwa 44 Prozent aufs Jahr gerechnet). Aber gleichzeitig stiegen die staatlichen Ausgaben f\u00fcr die Staatsbanken im Jahr 2021 exorbitant an: Deren <a href=\"https://www.dunya.com/finans/haberler/konut-sektoru-faiz-kampanyalarla-yuzde-1in-altina-inerse-doping-olur-haberi-637634\">politisch bestimmte</a> <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-10-25/turkish-state-banks-follow-rate-gamble-by-pledging-cheaper-loans\">Niedrigzinspolitik</a> f\u00fchrte wegen der galoppierenden Inflation zu hohen Verlusten, die dann vom zentralstaatlichen Budget <a href=\"https://www.mahfiegilmez.com/2022/03/ayrntl-butce-analizi.html\">beglichen werden</a> mussten. Aber all diese und andere Ma\u00dfnahmen \u2013 wie beispielsweise die klassisch neoliberal-populistische vor\u00fcbergehende <a href=\"https://www.bloomberght.com/yeni-enflasyon-tedbirleri-paketi-aciklandi-2298721\">Senkung der Mehrwertsteuern</a> auf Grundnahrungsg\u00fcter und Strom auf 1 Prozent, die (mittlerweile von der Inflation l\u00e4ngst \u00fcberholte) <a href=\"https://www.bloomberght.com/2022-icin-asgari-ucret-4-bin-250-tl-oldu-2294450\">Erh\u00f6hung des Mindestlohns</a> um 50 Prozent auf 4250 Lira Netto (weniger als 300 Euro) im Dezember 2021 seitens Erdo\u011fans, die Durchf\u00fchrung von <a href=\"https://www.cnnturk.com/ekonomi/istanbuldaki-marketlerde-es-zamanli-fiyat-ve-etiket-denetimi\">Preiskontrollen</a> und <a href=\"https://www.bloomberght.com/rekabet-kurumu-zincir-marketlere-ceza-yagdirdi-2291000\">heftige Strafen</a> f\u00fcr Superm\u00e4rkte mit \u201eWucherpreisen\u201c und die Einf\u00fchrung <a href=\"https://www.dunya.com/kose-yazisi/tarim-kredi-marketleri-gida-fiyatlarini-dusurebilir-mi/635714\">staatlich subventionierter</a> M\u00e4rkte (wie schon 2019) <b>[2]</b> \u2013 konnten die mit 70 Prozent galoppierende Inflation und ihre Auswirkungen auf die breite Bev\u00f6lkerungsmasse nicht oder nur sehr schwach bremsen. Hinter der durchschnittlichen Inflationsrate von 70 Prozent \u2013 unabh\u00e4ngige Berechnungen gehen sogar <a href=\"https://enagrup.org/\">von \u00fcber 155 Prozent</a> aus \u2013 verstecken sich exorbitante Preiserh\u00f6hungen von G\u00fctern des allt\u00e4glichen Bedarfs. Die Preise f\u00fcr Nahrungsmittel und alkoholfreie Getr\u00e4nke stiegen <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Tuketici-Fiyat-Endeksi-Nisan-2022-45793\">um fast 90 Prozent</a> (April 2022 gegen\u00fcber Vorjahreszeitraum) <a href=\"https://t24.com.tr/haber/disk-ar-yoksulun-gida-enflasyonu-yuzde-131-6,1032242\">beziehungsweise</a> sogar <a href=\"https://www.dunya.com/kose-yazisi/enflasyonla-mucadelede-tcmb-olmadiysa-tuik-verelim/653964\">vermutlich noch mehr</a>, der Preis von <a href=\"https://t24.com.tr/haber/son-bir-yilda-benzine-yuzde-166-motorine-yuzde-235-zam-geldi,1019585\">Benzin</a> stieg um 166 Prozent und der von Diesel um sagenhafte 235 Prozent (Anfang M\u00e4rz 2022 gegen\u00fcber dem Vorjahr), <a href=\"https://tr.euronews.com/next/2022/03/29/akaryak-t-dogal-gaz-elektrik-turkiye-de-ve-avrupa-ulkelerinde-enerji-fiyatlar-ne-kadar-art\">Energiepreise im Allgemeinen</a> (also inklusive Erdgas und Strom) um fast 100 Prozent (Februar 2022 gegen\u00fcber dem Vorjahr) und somit etwa drei mal so viel wie im EU-Durchschnitt. Die <a href=\"https://betam.bahcesehir.edu.tr/2022/04/sahibindex-kiralik-konut-piyasasi-gorunumu-nisan-2022/\">Mietpreise explodierten</a> um durchschnittlich 123,5 Prozent t\u00fcrkeiweit (M\u00e4rz 2022 im Vergleich zum Vorjahresmonat); <a href=\"https://haber.sol.org.tr/haber/kira-krizinin-arka-plani-neden-ev-bulamiyoruz-313611\">unter anderem</a> deshalb, weil einige gutbetuchte Menschen ihre Geldverm\u00f6gen in Immobilien stecken, um weiterhin hohe Gewinne zu garantieren, w\u00e4hrend gleichzeitig das Wohnungsangebot wegen der \u2013 <a href=\"https://artigercek.com/haberler/limak-holding-in-patronu-nihat-ozdemir-yabanci-sermaye-turkiye-ye-sadece-tatile-gelir\">teils</a> ebenfalls durch die hohe Inflation hervorgebrachte \u2013 <a href=\"https://www.bloomberght.com/insaat-maliyetlerindeki-artis-zirveden-geriledi-2289625\">Krise des</a> <a href=\"https://www.bloomberght.com/insaat-maliyetlerindeki-artis-zirveden-geriledi-2289625\">Immobiliensektors</a> in St\u00e4dten wie Istanbul <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/konutta-fiyat-artisi-surecek-mi-gelir-adaletsizligi-fiyat-dengesini-bozdu,32689\">kaum mehr steigt</a>.</p><p>Die reale, weit gefasste Arbeitslosigkeitsrate bleibt <a href=\"http://disk.org.tr/2022/03/genis-tanimli-issiz-sayisi-salgin-oncesine-gore-1-milyon-103-bin-artti/\">immer noch</a> bei \u00fcber 20 Prozent, die eng gefasste weiterhin bei \u00fcber 10 Prozent. Die Folgen der Corona-Pandemie sowie des Ukrainekrieges (vor allem erhebliche Lieferst\u00f6rungen sowie Preisschocks in Grundg\u00fctern) kamen noch weiter versch\u00e4rfend hinzu, insbesondere was die Energiepreise angeht. Sie k\u00f6nnen aber genau so wie die abh\u00e4ngige Integration der T\u00fcrkei in die Weltwirtschaft nicht (allein) erkl\u00e4ren, warum die Inflation in Grundg\u00fctern in der T\u00fcrkei und die <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ercan-uygur/iyimser-enflasyon-beklentileri,34827\">Geldentwertung im internationalen Vergleich</a> so sehr hervorsticht. Es ist die heterodoxe Wirtschaftspolitik unter Erdo\u011fan <i>bei der gegebenen Art der Integration der T\u00fcrkei in die Weltwirtschaft</i>, die daf\u00fcr verantwortlich ist, dass die durch die Struktur und Krise des Akkumulationsregimes sowieso schon schwierige Situation so derma\u00dfen au\u00dfer Rand und Band ger\u00e4t.</p><p>Auf der Spitze der Zinssenkungsspirale im November-Dezember 2021 st\u00fcrzte die T\u00fcrkei daher erneut in eine tiefe Wirtschaftskrise: Terminverk\u00e4ufe oder Verk\u00e4ufe \u00fcberhaupt in mehreren Wirtschaftssektoren <a href=\"https://www.bloomberght.com/gubre-ve-zirai-ilac-satislari-gecici-olarak-durdu-2292667\">wurden</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/dolar-10-24-tl-yi-de-gecti-bircok-sektorde-vadeli-satislar-durdu-bazi-ureticiler-siparis-iptaline-gitti,993724\">ausgesetzt</a>, da die Entwertungs- und Inflationsspirale belastbare Preiskalkulationen verunm\u00f6glichte; der Verkauf von Kaffee, Zucker und Fett in Superm\u00e4rkten wurde aus denselben Gr\u00fcnden <a href=\"https://www.haberler.com/marketler-yag-ve-sekerden-sonra-kahve-satisini-14549070-haberi/\">quotiert</a>. Im Textilsektor pochten Rohstoffproduzent*innen auf <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/ekonomi/odemelerde-bize-tl-gondermeyin-6794788/\">Vorauszahlung in Devisen</a>, die Istanbuler B\u00f6rse musste an einem Tag <a href=\"https://t24.com.tr/haber/borsa-gunu-yuzde-8-52-dususle-kapatti,1001670\">zwei mal schlie\u00dfen</a> wegen zu hohen Kursverlusten. Vom 1. bis zum 17. Dezember intervenierte die TCMB \u2013 dieses mal offen und nicht unter der Hand wie 2020-21 (s. \u201eT\u00fcrkisches Inferno\u201c) \u2013 <a href=\"https://foreks.com/haber/detay/61d7f62d5908010001235169/PICNEWS/tr/tcmb-17-aralik-ta-2-1-milyar-dolar-satti-5-mudahale-miktari-7-3-milyar-dolar-oldu\">insgesamt</a> f\u00fcnf mal in den Geldmarkt und verkaufte 7,3 Milliarden US-Dollar, um den Wert der Lira zu st\u00fctzen, was zu aller \u00dcberraschung zum x-ten mal scheiterte. Sukzessive entwertete die Lira bis zum historischen Tiefpunkt von <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/ekonomi/dolar-ve-euroda-bas-donduren-oynaklik-tl-yuzde-20-deger-kazandi-6838793/\">zeitweise</a> \u00fcber 18 Lira auf den Dollar und \u00fcber 20 Lira auf den Dollar am 20. Dezember 2021 (zum Vergleich: Anfang 2021 lag der Wert des Dollar bei etwa 7,5 Lira, der des Euro bei etwa 9,10 Lira). Die B\u00f6rse musste<a href=\"https://www.bloomberght.com/borsa-yeni-haftaya-sert-dususle-basladi-2294744\">erneut</a> zwei mal im Laufe des Tages schlie\u00dfen wegen zu hohen Kursverlusten, die von der <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/12/lira-rallies-erdogan-unveils-new-financial-scheme-jitters-prevail\">Devisenklemme</a> des verarbeitenden Gewerbes verursacht wurde, das Gro\u00dfkapital war in heller Panik: Die Wirtschaft stand vor dem unmittelbaren Kollaps.</p><h4><i>Kaninchen aus dem Zauberhut?</i></h4><p>Am selben Tag verk\u00fcndete Erdo\u011fan ein <a href=\"https://www.bloomberght.com/erdogandan-ekonomik-onlem-paketi-aciklamasi-2294809\">gro\u00dfes Ma\u00dfnahmenpaket</a>, dessen wichtigstes Element das sogenannte <i>Kur Korumal\u0131 TL Mevduat\u0131</i> (KKM, devisenabgesicherte TL-Einlagen) darstellte. Das Paket beinhaltete allerdings (unter bestimmten Umst\u00e4nden und Laufzeiten) auch <a href=\"https://www.bloomberght.com/tcmb-nin-1-ay-vadeli-tl-uzlasmali-doviz-ihalesine-talep-gelmedi-2298408\">Wechselkursgarantien</a> f\u00fcr kleine und mittlere Exporteure, was teils die begeisterte Aufnahme des Pakets bei Teilen des Kapitals zu erkl\u00e4ren helfen vermag (siehe Abschnitt \u201eK\u00e4mpfe um hegemoniale Strategien inmitten der Krise\u201c).</p><p>Zuerst aber noch einige Worte zum KKM: Nutzt ein Kunde diese von allen Gro\u00dfbanken zur Verf\u00fcgung gestellte Einlagenform, dann erh\u00e4lt er eine staatliche Garantie gegen die Lira-Entwertung, insofern ihm bei einer Entwertung der Lira gegen\u00fcber dem Dollar in einem bestimmten Zeitraum die Differenz zum Zins, den ihm eine normale Bankeinlage in diesem Zeitraum abwerfen w\u00fcrde (grob 17 Prozent aufs Jahr gerechnet), zus\u00e4tzlich zu eben jenem von der jeweiligen Bank zu zahlenden Zins vom Staat auf die KKM-Einlage \u00fcberwiesen wird. Prompt wertete die Lira innerhalb von 24 Stunden wieder auf auf grob 12 Lira auf den Dollar und 13 Lira auf den Euro. Wohlgemerkt: Das beste Ergebnis betreffs des Lira-Kurses, das mit dem KKM bisher und das auch nur f\u00fcr sehr kurze Zeit (um den 24. Dezember 2021 herum) erreicht wurde, bewegte sich mit 10 bis 11 Lira auf den Dollar beziehungsweise 12 Lira auf den Euro auf dem Niveau von Mitte November 2021 \u2013 dem Monat also, als sich schon Quotierungen im Einzelhandel, Probleme in der Produktion wegen Verunm\u00f6glichung der Preiskalkulation und massenweise Beschwerden vom Kapital eingestellt hatten.</p><p>Freilich <a href=\"https://www.dw.com/tr/d%C3%B6vize-m%C3%BCdahalede-imza-krizi-bakanl%C4%B1kta-o-gece-neler-ya%C5%9Fand%C4%B1/a-60240402\">kam</a> <a href=\"https://halktv.com.tr/makale/ekonomi-mucizesi-mi-ikinci-128-milyar-dolar-mi-657879\">im Nachhinein</a> <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ugur-gurses/arka-kapidan-doviz-satisinin-donusu,33564\">heraus</a>, dass vermutlich sechs bis sieben Milliarden Dollar <a href=\"https://www.ft.com/content/ac397d03-d738-42ca-8a59-4a2179a6f8b4\">von der TCMB selbst</a> am 20. und 21. Dezember in Lira umgewechselt wurden; sowie <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ercan-uygur/20-aralik-operasyonu-kur-ve-dolarlasma,33788\">vermutlich insgesamt</a> 20 Milliarden Dollar von den \u00f6ffentlichen Banken vom 20. bis zum 22. Dezember (nat\u00fcrlich wird dies von offizieller Seite <a href=\"https://www.reuters.com/article/turkey-economy-minister-idUSA4N2DB02M\">bestritten</a> und zwecks Herstellung eines ideologischen Mythos behauptet, das Volk habe quasi von selbst in Scharen Devisen eingetauscht). Mittlerweile ist es <a href=\"https://t24.com.tr/haber/eski-ziraat-bankasi-genel-mudur-yardimcisi-babuscu-doviz-mevduatlarinin-yuzde-10-unu-kkm-ye-donusturmeyenlere-komisyon-cezasi-geliyor,1025758\">Pflicht f\u00fcr Banken</a> geworden, 10 bis 20 Prozent ihrer Deviseneinlagen in KKM umzuwandeln und ansonsten eine Strafe an die TCMB zu zahlen.</p><p>Da der Staat die Differenz zwischen Einlagenzins und Lira-Entwertung zahlt, ist das eine <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-59736185.amp\">de facto Erh\u00f6hung der Zinslast</a>auf das Staatsbudget. <a href=\"https://www.bloomberght.com/butce-2021-de-acik-yazdi-2296726\">Das Staatsdefizit</a> wird daher wegen der erneut in Gang gesetzten Lira-Entwertung in die H\u00f6he schie\u00dfen, was zus\u00e4tzlich zur de facto Erh\u00f6hung der Zinslast auf das Staatsbudget durch das KKM die <a href=\"https://www.mahfiegilmez.com/2021/12/faizi-dusurdukce-faiz-yukseliyor.html\">sowieso schon steigenden</a> unmittelbaren Zinsen auf die Verschuldung des Staates <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/04/ankaras-interest-liabilities-balloon-dizzying-heights\">schon jetzt</a> <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2022/ekonomi/hazineden-2-milyar-dolarlik-borclanma-7018099/\">weiter erh\u00f6ht</a> und damit auch den Druck auf die Lira, und somit \u2013 gekoppelt mit den anderen weiter fortwirkenden Ursachen f\u00fcr die Lira-Entwertung wie die Negativrealzinspolitik und die generelle nicht-orthodoxe Wirtschaftspolitik \u2013 den Wechselkurs erneut in die H\u00f6he treibt: Ende M\u00e4rz 2022 lag der Wechselkurs wieder bei grob 14,80 Lira auf den Dollar und 16,30 Lira auf den Euro; bis Anfang Mai ist der Euro dann wieder auf 15,60 Lira gefallen, allerdings haupts\u00e4chlich wegen den Auswirkungen des Ukrainekrieges und der Aufwertung des Dollars wegen den Zinssteigerungen der us-amerikanischen Zentralbank. Deshalb wird freilich \u2013 entgegen den offiziellen Verlautbarungen \u2013 <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-59751684\">ebenfalls die Inflation</a> in die H\u00f6he getrieben. Wegen der absehbaren Folgen wurde dieser \u2013 wie sp\u00e4ter herauskam <a href=\"https://www.reuters.com/markets/europe/turkey-launched-rescue-plan-when-lira-crossed-red-line-sources-2021-12-22/\">schon 2018 entworfene</a> \u2013 Plan fr\u00fcher und auch noch unter dem ehemaligen Finazminister Elvan unter Verweis auf sehr hohe Risiken und Belastung des Staatsbudgets verworfen. Dennoch erkl\u00e4rten <a href=\"https://www.bloomberght.com/erdogan-acikladigimiz-program-amacina-ulasmistir-2295062\">Erdo\u011fan</a> wie <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bakan-nebati-turkiye-geliyor-son-19-yilda-yaptigi-hamleyle-orta-koydu,1002546\">Nebati</a> innerhalb von nur ein bis zwei (!) Tagen den vollen Erfolg ihres Programms. \u00c4hnliches erlebte die T\u00fcrkei in den 1970ern mit den von den Rechtsregierungen populistisch ausufernd ausgeweiteten<a href=\"https://tr.euronews.com/2021/12/21/dovize-cevrilebilir-tl-mevduat-hesaplar-dcm-nedir-daha-once-kullan-ld-m-sonuclar-ne-oldu\"><i>D\u00f6vize \u00c7evirilebilir Mevduat</i></a> (D\u00c7M, devisenkonvertible Einlagen), die unter anderem zum Staatsbankrott Ende der 1970er f\u00fchrten und deren Zahlungslast noch bis in die 1990er-Jahre hinein schwer auf dem Staatsbudget lastete. Das ist ein monet\u00e4rer Neokolonialismus sowie eine epische Zinserh\u00f6hung aus den H\u00e4nden eines Regimes, das im Namen von Nation und Vaterland Gift und Galle spuckt gegen die gesamte Opposition im Land und geradezu einen Jihad gegen die \u201eZinslobby\u201c ausgerufen hat. Die Flexibilit\u00e4t und Halsverrenkungen des autorit\u00e4ren Populismus sind bemerkenswert.</p><p>Jedenfalls bringt die Devisen-Indexierung von Lira-Konten dem Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung beziehungsweise der Kleinanleger*innen nicht viel. F\u00fcr den Fall der F\u00e4lle, dass Ersparnisse vorliegen, werden diese vermutlich weiterhin in Devisen gehalten werden, da das neue Instrument nicht mehr als das bietet \u2013 oder sogar weniger, da das KKM nicht gegen Inflation absichert. Zudem beinhaltet es bestimmte Mindestlaufzeiten (\u00e0 drei, sechs, neun oder 12 Monate), bei deren Unterschreitung die Einlegerin ihr Anrecht auf (den zus\u00e4tzlichen) Zins verliert und <a href=\"https://www.dunya.com/kose-yazisi/kur-korumali-hesapta-anaparadan-olma-riski-de-var/643738\">potenziell sogar Verluste</a> auf die Stammeinlagensumme machen kann, falls der Wechselkurs bei nicht laufzeitgerechter Aufl\u00f6sung des Instrumentes niedriger liegt als bei der Beanspruchung des Instruments. Dagegen k\u00f6nnen Devisen zu jeder Zeit problemlos fl\u00fcssig gemacht werden. Die Lira-Einlagen, die f\u00fcr die laufenden Ausgaben von kleinen Bankeinlagenbesitzer*innen gebraucht werden, das hei\u00dft allt\u00e4gliche Konsumausgaben und \u00e4hnliches, die bei Menschen mit kleinen Einkommen und/oder Verm\u00f6gen immer den allergr\u00f6\u00dften Gro\u00dfteil der Ausgaben ausmachen, werden durch die Mindestlaufzeit von drei Monaten gar nicht abgesichert. <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ercan-uygur/eriyen-tasarruflar-doviz-sinirlamalari-ve-endeksleme,33881\">Etwa 90 Prozent</a> der bisherigen Devisen- wie Lira-Einlagen im t\u00fcrkischen Bankensystem haben eine verbindliche Laufzeit, die k\u00fcrzer ist als drei Monate (also beispielsweise Tagesgeldkonten, wie es f\u00fcr uns Normalsterbliche \u00fcblich ist, auf die t\u00e4glich zugegriffen und die t\u00e4glich aufgel\u00f6st werden k\u00f6nnen). So blieb denn der Erfolg des neuen Instruments anfangs auch recht beschr\u00e4nkt, wurde daher ausgeweitet auf Unternehmer*innen sowie im Ausland lebende oder registrierte (t\u00fcrkische und nicht-t\u00fcrkische) Personen und Unternehmer*innen. Zus\u00e4tzlich wurde <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/erdogan-saglam/kur-korumali-tl-mevduat-katilim-hesaplarindan-elde-edilen-gelirlerin-vergilendirilmesi,33613\">eine Steuerbefreiung</a> f\u00fcr KKM-Einlagen verk\u00fcndet. Letzteres macht das KKM besonders attraktiv f\u00fcr Verm\u00f6gende, die nicht auf t\u00e4gliche Verf\u00fcgbarkeit ihres Verm\u00f6gens angewiesen sind. Es ist daher nicht weiter \u00fcberraschend, dass bis Mitte April 2022 <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ercan-uygur/enflasyon-tahmini-liralasma-ve-kur-beklentisi,35086\">vor allem</a> Devisen-Konten mit verbindlichen Laufzeiten in das KKM-Format konvertiert wurden und kaum Devisen-Konten ohne Laufzeiten.</p><p>Obwohl die Datenlage wegen der notorischen Intransparenz der Regierung und der eigentlich zur Transparenz strikt verpflichteten staatlichen Institutionen schlecht ist, l\u00e4sst sich Ende M\u00e4rz 2022 grob folgende <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/03/turkish-taxpayers-outraged-cost-lira-protection-scheme\">vorl\u00e4ufige Bilanz</a> des KKM-Instruments <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ugur-gurses/halinin-altina-supurulen-enkaz,34700\">ziehen</a>: Nur grob 9 Prozent aller Bankeinlagen in der T\u00fcrkei (591 Milliarden Lira oder etwa 40 Milliarden Dollar) wurden in KKM angelegt und nur etwa 57 Prozent dieser Einlagen durch Eintauschen von Devisen gegen Lira. Der Rest besteht aus normalen Lira-Einlagen, die zu KKM-Einlagen konvertiert wurden. Es wurden eine Million KKM-Einleger registriert, davon 30.000 Unternehmenskonten. Zwar konnte die Dollarisierung der Privateinlagen (Anteil von Devisen/Dollar-Einlagen an allen Privateinlagen) etwas gesenkt werden, allerdings von einem sehr hohen Niveau von 71 Prozent kurz vor Deklarierung des KKM auf immer noch sehr hohe 64 Prozent. Da die Lira seit Einf\u00fchrung des Instruments erneut grob 30 Prozent ihres Wertes auf den Dollar verloren hat, muss der Staat etwa 25 Prozent Zinsen an KKM-Einleger der ersten Stunde einzahlen (gerechnet auf eine Drei-Monats-Einlagendauer bei einem Jahreszins auf normale Bankeinlagen von 17 Prozent, so dass der anteilige Zins, den die Bank auf die drei Monate auszuzahlen hat, um die 4,25 Prozent betr\u00e4gt). Entgegen den Verlautbarungen des Regimes bleibt also die Beteiligung beim KKM \u00fcberschaubar, die Kosten hingegen recht hoch. Zudem konnten weder Lira-Entwertung noch die Inflation gebremst werden, ganz im Gegenteil.</p><p>Der Chef der rechtsnationalistisch-faschistoiden Partei der Nationalistischen Bewegung (<i>Milliyet\u00e7i Hareket Partisi</i>, MHP) und derzeitiger Hauptverb\u00fcndeter von Erdo\u011fan, Devlet Bah\u00e7eli kann sich daher noch so sehr in seinen Tiraden gegen \u201e\u00f6konomische Putschisten\u201c und \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-kilicdaroglu-nereye-giderse-gitsin-milli-nefesimiz-ensesinde-olacaktir,996086\">Wechselkursbombenattent\u00e4ter</a>\u201c \u00fcberschlagen, Erdo\u011fan kann so viel gegen den ihm loyalen Zentralbankchef oder den Wirtschafts- und Finanzminister <a href=\"https://www.reuters.com/world/middle-east/exclusive-erdogan-is-cooling-his-latest-central-bank-chief-sources-say-2021-10-08/\">poltern</a><a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdal-saglam-bakan-nebati-nin-gorevden-alinacagi-konusuluyor-yerine-getirilmek-istenen-belli,1022768\">; ihnen</a> drohen <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/erdogan-ne-dedi-bakanlar-kurulunda-nebatinin-zor-anlari-1913885\">und verlangen</a>, <a href=\"https://www.dw.com/tr/kulis-erdo%C4%9Fan-bakan-nebatiye-neden-k%C4%B1zg%C4%B1n/a-60379828\">dass diese</a> ihre Versprechungen bez\u00fcglich eines Wirtschaftsaufschwungs gekoppelt mit einer Stabilisierung des Wertes der Lira auf niedrigem Niveau und der Senkung der Inflationsrate aber mit heterodoxen/expansiven Mitteln <i>bei gegebener Integration in die Weltwirtschaft</i> einhalten: Dieser versprochenen und eingeforderten Quadratur des Kreises sind schlicht objektive Grenzen gesetzt. Auch die dahinter stehende <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/erdogana-ekonomiden-hayir-yok-makale-1558212\">ideologische Konstruktion</a> zur Abwehr der Verantwortung f\u00fcr die Malaise \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-erdogan-fiyatlar-konusunda-vatandaslarimizin-asina-goz-dikenleri-acimayacagiz,1025168\">es sind ja</a> die \u201egeldgierigen Wucherer\u201c (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/stokculuga-agir-yaptirim-getiren-yasa-teklifi-tbmm-de-kabul-edildi,1001419\">Erdo\u011fan</a>), die uns das Problem der Inflation einbringen; wir bek\u00e4mpfen diese mit Strafen und helfen dem Volk mit Steuersenkungen \u2013 mag kaum mehr jemanden \u00fcberzeugen (siehe Abschnitt \u201eRestauration oder populare Demokratie?\u201c). <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bakan-nabati-den-elektrik-sorusuna-yanit-bu-gunlerde-indirim-soz-konusu-degil,1022476\">Allen</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/merkez-bankasi-baskani-kavcioglu-enflasyondaki-baz-etkilerin-ortadan-kalkmasiyla-dezenflasyonist-surecin-baslayacagini-ongormekteyiz,1024205\">realit\u00e4tsfernen</a> und <a href=\"https://www.bloomberght.com/hazine-ve-maliye-bakani-nebati-bloomberg-ht-haberturk-ortak-yayininda-2298653\">verzweifelt \u00fcbersteigerten</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bakan-nebati-hedefimiz-tarimda-ve-enerjide-disariya-bagimli-olmayan-bir-ulke-konuma-gelmek,1027054\">Verlautbarungen</a> und <a href=\"https://www.bloomberght.com/enflasyon-yuzde-48-i-asti-2298052\">Beschwichtigungen</a> zum Trotz ist die polit\u00f6konomische Situation festgefahren.</p><p>Wozu dann also das Ganze?</p><h2><b>Neoliberale ISI oder Rekonsolidierungsversuch des Krisenmanagements?</b></h2><p>Ob der wirtschaftspolitische Zickzackkurs nun endg\u00fcltig verlassen wurde zugunsten einer vereindeutigten heterodoxen Wirtschaftspolitik und wenn ja, zu welchen Zwecken; das ist eine gro\u00dfe Streitfrage unter kritischen Theoretiker*innen in Fortsetzung der zuvor und auch weiterhin gef\u00fchrten Debatten um den (Klassen-)Charakter der heterodoxen Wirtschaftspolitik.</p><p>Schaut man sich die Verlautbarungen des Regimes und seiner wichtigen Wortf\u00fchrer an, dann wurde tats\u00e4chlich ein neuer polit\u00f6konomischer Weg eingeschlagen. <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/gundem/erdogan-ekonomide-yol-haritasini-anlatti-cin-de-boyle-buyudu-41952854\">Erdo\u011fan selbst</a> legte mit seinen expliziten Verweisen auf Chinas wirtschaftlichen Aufschwung nahe, vom \u201echinesischen Modell\u201c zu sprechen. Das war offensichtlich nicht \u201enational\u201c genug. Daher wurde wenig sp\u00e4ter vom damals neuen Wirtschafts- und Finanzminister Nebati das \u201e<a href=\"https://www.bloomberght.com/hazine-tum-kurumlar-yeni-ekonomi-modeli-ni-destekleyen-adimlar-atacak-2294578\">T\u00fcrkische Wirtschaftsmodell</a>\u201c deklariert. Der Grundgedanke ist recht simpel und l\u00e4sst sich als <i>neoliberale importsubstituierende Industrialisierung(sstrategie)</i> (ISI) begreifen: Teure Devisen (bzw. eine abgewertete Lira) sollen wegen hoher Preise Importe hemmen und zur Ersetzung von Importen durch einheimische Produktion anhalten, Exporte hingegen (wegen niedrigen Preisen durch die entwertete Lira) f\u00f6rdern und somit auch die Investition in (Export-)Sektoren, da diese h\u00f6here Profite versprechen. Die Niedrigzinspolitik soll parallel hierzu die kosteng\u00fcnstige Investition in die importsubstituierenden Sektoren anregen. Die reduzierte Importabh\u00e4ngigkeit solle sodann das Leistungsbilanzdefizit und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hazine-ve-maliye-bakan-yardimcisi-nebati-salginin-yol-actigi-arz-enflasyonunu-azaltmak-icin-faizlerin-dusurulmesi-gerekmektedir,996256\">damit die Auslandsschulden senken</a>, durch erh\u00f6hte Exporte <a href=\"https://www.bloomberght.com/erdogan-secime-kadar-faizin-ciddi-manada-dustugunu-gorecegiz-2293269\">sogar einen Leistungsbilanz\u00fcberschuss</a> <a href=\"https://www.bloomberght.com/erdogan-secime-kadar-faizin-ciddi-manada-dustugunu-gorecegiz-2293269\">erzeugen</a>. Damit w\u00fcrde sich der durch die Importabh\u00e4ngigkeit ergebende Druck auf die TL und somit auf die Inflation <a href=\"https://www.mahfiegilmez.com/2021/11/hukumetin-yeni-ekonomi-politikas.html\">senken</a> und zugleich die Notwendigkeit einer Hochzinspolitik zur Stabilisierung des Wechselkurses und Attraktion von Kapitalimporten entfallen, sodass sich das Modell selbst tragen w\u00fcrde. Der Teufelskreislauf aus hohen Zinsen und hohen Leistungsbilanzdefiziten w\u00fcrde ersetzt werden durch niedrige Zinsen, hohe Besch\u00e4ftigung und Produktion \u2013 so der <a href=\"https://www.bloomberght.com/kavcioglundan-piyasa-prensiplerine-baglilik-mesaji-2292947\">TCMB-Chef Kavc\u0131o\u011flu</a>. <a href=\"https://www.bloomberght.com/erdogan-bu-ekonomik-kurtulus-savasindan-zaferle-cikacagiz-2292587\">\u00c4hnlich</a> Erdo\u011fan. Sein Finanzb\u00fcroleiter G\u00f6ksel A\u015fan benennt das Modell daher auch <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskanligi-finans-ofisi-baskani-asan-cok-buyuk-ihtimalle-nisanda-cari-fazlayi-goruruz,1004674\">explizit</a> als eine ISI. Und Nebati meint, es sei eine <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bakan-nebati-hedefimiz-tarimda-ve-enerjide-disariya-bagimli-olmayan-bir-ulke-konuma-gelmek,1027054\">Unabh\u00e4ngigkeit</a> der T\u00fcrkei in Energie und Landwirtschaft anvisiert. Das T\u00fcrkische Wirtschaftsmodell, eine eierlegende Wollmilchsau.</p><p>Das ganz gro\u00dfe Problem ist: Das Modell wird nicht im entferntesten in dieser Form realisiert. Das liegt daran, dass ganz wesentliche Elemente einer klassischen ISI <a href=\"https://haber.sol.org.tr/yazar/patron-akademisyen-bakan-yeni-turkiyenin-ruhu-320124\">fehlen</a>, was gemeinsam mit der Unterdr\u00fcckung der Arbeiter*innenklasse den genuin neoliberalen Charakter des \u201eT\u00fcrkischen Wirtschaftsmodells\u201c ausmacht: In der historischen ISI war die staatliche Planung und Lenkung des Wirtschaftsgeschehens zentral, genauso die staatliche Kontrolle \u00fcber den Kapitalmarkt und die F\u00fchrungsfunktion von Staatsbetrieben durch Investition in f\u00fcr Privatkapital unprofitable, aber f\u00fcr die ISI wesentliche Sektoren und/oder durch Bereitstellung von billigen Zwischeng\u00fctern f\u00fcr die privatwirtschaftlichen ISI-Betriebe. Ohne aktive staatliche Intervention wird sich die investitions- und exportf\u00f6rdernde Geldpolitik, zumal in einem sehr schwierigen \u00f6konomischen Umfeld der Krise, nicht in importsubstituierende Investitionen umsetzen, sondern vielmehr in der Aufrechterhaltung des laufenden Gesch\u00e4fts oder Investitionen in Immobilien und nicht-produktive Anlagen zwecks Verm\u00f6genswahrung/-mehrung angesichts der Inflation niederschlagen. Dies wird auch von einigen <a href=\"https://www.bloomberght.com/sadece-ihracata-yonelik-ekonomi-politikasi-olamaz-2294187\">Industrie- und Handelskapitalisten</a> (etwa der Industrie- und Handelskammer Mersin) und den <a href=\"https://www.bloomberght.com/tusiad-da-orhan-turan-donemi-2302687\">f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals</a> kritisch festgehalten. Denn auch die Ersetzung von Importen durch den Aufbau von importsubstituierenden Produktionskapazit\u00e4ten geht ja nicht von heute auf morgen vonstatten, sondern bedarf mehrerer Jahre, unter Umst\u00e4nden sogar Dekaden. Zudem beinhaltet sie \u2013 unter kapitalistischen Bedingungen \u2013 ein gewisses Risikos seitens der jeweiligen individuellen Investoren, da die Erfolgsaussichten der neuen Produktionskapazit\u00e4ten unter anderem wegen noch fehlender Konkurrenzf\u00e4higkeit fraglich sind. Kein individueller Privatkapitalist wird ein solches Risiko eingehen, ohne mehr staatliche Unterst\u00fctzung als blo\u00df billige Kredite zu bekommen. Diese m\u00fcsste auch Elemente einer protektionistischen Zollpolitik beinhalten, die die importsubstituierenden Produktionssektoren gegen\u00fcber der in der Aufbauphase wettbewerbsf\u00e4higeren ausl\u00e4ndischen Konkurrenz sch\u00fctzt. Ganz zu schweigen von dem Hauptproblem der ISI: Jeder bisherige Versuch eines Aufbaus importsubstituierender Kapazit\u00e4ten bedurfte <i>teils erheblicher</i> Importe, n\u00e4mlich Importe von Kapitalg\u00fctern (Produktionsmittel, Technologien) zumindest bis zu dem Punkt, an dem eine Volkswirtschaft die Grundlagen f\u00fcr eine selbst\u00e4ndige Hochtechnologieg\u00fcter- und Wissensproduktion errichtete. In der T\u00fcrkei wurde letzteres \u2013 im Unterschied zu beispielsweise S\u00fcdkorea \u2013 bis zum heutigen Tag nicht erreicht, weswegen ihr Status innerhalb der Weltwirtschaft immer noch semi-peripher ist. Daher w\u00fcrde die T\u00fcrkei auch bei einem erneuten, diesmal neoliberalen Anlauf zu einer (vertieften?) ISI zumindest noch eine Weile lang von wichtigen Importen abh\u00e4ngig bleiben. Es ist daher mehr als fraglich, ob die Vorteile einer massiv entwerteten Lira aus Perspektive einer solchen neoliberalen ISI die Nachteile derselben aufwiegen w\u00fcrden (Vorteile: billigere und daher mehr Exporte; Nachteile: massiv verteuerte und f\u00fcr die Produktion notwendige Importe).</p><p>Der quasi-Cheftheoretiker des neuen Kurses, \u015eefik \u00c7al\u0131\u015fkan, <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/modelin-ozeti-uretim-ve-istihdami-korumak-haberi-642732\">verteidigt</a> mit ganz viel populistischem Pseudo-Antiimperialismus gew\u00fcrzt nicht nur eine neoliberale ISI durch die Kombination aus Negativzins- und Liraentwertungspolitik. Er ist zudem der \u00dcberzeugung, dass der daraus entstehende enorme Druck auf die Lira, den Binnenmarkt und -konsum sowie die massive Dollarisierung gut sei, weil der Zwang zum Export die Deviseneinkommen der Unternehmen, damit die Einkommen der in diesen Unternehmen Besch\u00e4ftigten und des Staates sowie wegen der hohen Dollarisierung allgemein das Einkommen aller Bev\u00f6lkerungsteile steigern w\u00fcrde. Damit w\u00e4re im Namen des Anti-Imperialismus de facto eine vollst\u00e4ndige Kopplung der Lira an den Dollar vollzogen, ohne die Lira formell abzuschaffen. Wie die t\u00fcrkische Wirtschaft, die jetzt schon mit den Problemen der Entwertungs- und Inflationswelle k\u00e4mpft (Unm\u00f6glichkeit der kurzfristigen Preis- und Zahlungs- und damit der Investitionsplanung und der wirtschaftlichen T\u00e4tigkeit \u00fcberhaupt), ein solches Programm tragen soll, das bei Implementierung eine bisher noch nie gesehene rasende Entwertungs- und Inflationsspirale lostreten w\u00fcrde, taucht im Phantasiekonstrukt des \u015eefik \u00c7al\u0131\u015fkan nicht als Problem auf. Dem Narren erscheint die Welt als ein einfaches Spiel.</p><h4><i>Das gro\u00dfe Durchwurschteln</i></h4><p>Letztlich zeigt ja die Einf\u00fchrung des KKM-Instruments, dass auch dem Regime klar ist, dass es ein Limit gibt, ab dem die Lira-Entwertung(sspirale) f\u00fcr die t\u00fcrkische Wirtschaft untragbar wird. Weitere im Verlauf der letzten Monate implementierte Ma\u00dfnahmen unter dem Schlagwort der \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ercan-uygur/enflasyon-tahmini-liralasma-ve-kur-beklentisi,35086\">Liraisierungsstrategie</a>\u201c (<i>lirala\u015fma stratejisi</i>) dienen ebenfalls dem Ziel, den Wert der Lira durch Reduzierung der Dollarisierung beziehungsweise durch Erh\u00f6hung der Devisenreserven der TCMB (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/kulis-merkez-bankasi-dovizi-tutabilmek-icin-aylik-10-12-milyar-dolar-satiyor,1031630\">oder Verkauf</a> derselben gegen Lira) zu stabilisieren (40 Prozent der Devisenerl\u00f6se von Exporteuren <a href=\"https://www.bloomberght.com/tcmb-nin-yeni-duzenlemesi-turizm-sektoru-icin-sikinti-olusturmuyor-2304453\">m\u00fcssen</a> an die Zentralbank verkauft werden; Devisennutzung bei kommerziellen Transaktionen im Inland wird immer st\u00e4rker <a href=\"https://www.bloomberght.com/menkul-satislarinda-tl-ile-odeme-zorunlulugu-2304504\">beschr\u00e4nkt</a>/<a href=\"https://halktv.com.tr/makale/dovizle-odeme-yasagi-1970lere-geri-donduk-673451\">verboten</a>; zus\u00e4tzliche Anreize f\u00fcr <a href=\"https://www.bloomberght.com/dovizini-tl-ye-ceviren-sirketlere-vergi-istisnasi-geliyor-2304060\">Unternehmen</a> und <a href=\"https://www.dunya.com/kose-yazisi/o-ilk-dugme-yok-mu-ilk-dugme-yanlis-iliklenen/656089\">Banken</a>, das KKM-Format zu nutzen, werden geschaffen).</p><p>Wahrscheinlicher ist es daher davon auszugehen, dass der derzeit eingeschlagene wirtschaftspolitische Kurs der x-te erneute Versuch des Krisenmanagements und der autorit\u00e4ren Konsoliderung darstellt anstatt des \u00dcbergangs zu einem neuen Akkumulationsregime. Die expansive Wirtschaftspolitik und insbesondere das KKM zielen offensichtlich darauf ab, die negativen Effekte der Wirtschaftskrise auf die Breite der Bev\u00f6lkerung und der kleinen und mittelst\u00e4ndischen Unternehmen (KMU) abzufedern und damit Zeit zu gewinnen, vermutlich bis zu den n\u00e4chsten Parlaments- und Pr\u00e4sidentschaftswahlen (regul\u00e4r im Sommer 2023). Derzeit sind weitere Ma\u00dfnahmen und Finanzinstrumente angedacht, die ebenfalls darauf abzielen die Effekte der Inflation auf die Breite der Bev\u00f6lkerung abzud\u00e4mpfen (<a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/ekonomi/ak-parti-calismalara-basladi-20-kalem-urunun-fiyati-sabitlenecek-mi-42037781\">Preiskontrollen bei Grundg\u00fctern</a>, <a href=\"https://www.bloomberght.com/bakan-nebati-den-enflasyon-mesaji-2303277\">inflationsindexierte Finanzinstrumente</a>). Zudem wurde <a href=\"https://www.bloomberght.com/150-milyar-liralik-kredinin-fonlamasi-tcmbden-2304335\">wieder ein Kreditpaket</a> f\u00fcr importsubstituierende Unternehmen (Produktionsmittelproduktion) und Exporteure zu sehr g\u00fcnstigen Konditionen (neun Prozent Zinsen) deklariert. Freilich geht all dies massiv zulasten des Staatsbudgets und ist wegen der symptomatischen Herangehensweise notwendig transitorischer Art. Sowieso ist es fragw\u00fcrdig, ob die Rechnung des Regimes aufgeht \u2013 siehe Inflation. Die Probleme akkumulieren sich so immer mehr und ihre im kapitalistischen Sinne produktive L\u00f6sung wird weiter vertagt.</p><p>Dieser Versuch der Rekonsolidierung des Krisenmanagements bringt auch einen Kampf um hegemoniale Strategien mit sich, der nicht so einseitig ist, wie er auf den ersten Blick erscheint. Er ist daher genauer zu analysieren.</p><h2><b>K\u00e4mpfe um hegemoniale Strategien inmitten der Krise</b></h2><p>Es wurde zur Gen\u00fcge und <a href=\"https://www.calismatoplum.org/makale/doviz-kuru-politikalarinin-ekonomi-politigi\">detailreich</a> festgehalten, dass die heterodoxe/expansive Wirtschaftspolitik die Stabilisierung der Akkumulation binnenmarktorientierter oder weniger importabh\u00e4ngiger aber exportorientierter KMUs und des Binnenmarktkonsums, das hei\u00dft des Konsums der breiten Bev\u00f6lkerungsmasse anvisiert. Betrachtet man die Reaktionen auf das \u201eT\u00fcrkische Wirtschaftsmodell\u201c und das KKM, kann man sehen, dass es <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/istikrar-enflasyon-yatirim-ve-adalet-haberi-644447\">tendenziell</a> die f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/tusiad-baskani-kaslowski-bunlar-dogru-adimlar-ise-neden-enflasyon-bu-denli-siddetli-yukseliyor,1006005\">T\u00dcSIAD</a>) und die Industriellen (Istanbuler Industriekammer, <a href=\"https://www.bloomberght.com/iso-baskani-bahcivan-dan-tcmb-yi-saskinlikla-izliyoruz-cikisi-2294653\">ISO</a>) sind, die diese Ma\u00dfnahmen scharf kritisieren. <a href=\"https://sendika.org/2021/12/musiad-erdogandan-pasi-aldi-turkiye-ekonomisi-yalnizca-doviz-kuruna-indirgenerek-degerlendirilemez-640906/\">Umgekehrt</a> sind es <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/musiaddan-10-maddelik-manifesto-haberi-643751\">tendenziell</a> binnenmarktorientierte und/oder <a href=\"https://www.bloomberght.com/ito-baskani-avdagic-bedel-odense-de-yeni-bir-doneme-gecilmesi-gerekiyor-2294046\">exportorientierte</a> KMUs, die die Ma\u00dfnahmen <a href=\"https://www.bloomberght.com/ito-baskani-ndan-yeni-modele-destek-2294913\">teils</a> <a href=\"https://www.bloomberght.com/tim-baskani-gulle-model-ihracat-ekseninde-buyume-modeli-bundan-memnuniyet-duyuyoruz-2294946\">mit</a> gl\u00fchendem Eifer begr\u00fc\u00dfen.</p><p>Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich die Sache aber als etwas komplizierter: Einerseits beschweren sich die mit dieser Wirtschaftspolitik vom Regime anvisierten Kapitalfraktionen \u00f6fter, als auf den ersten Blick erscheint, \u00fcber die Folgen der Wirtschaftskrise und des Krisenmanagements, andererseits profitiert das Gro\u00dfkapital mehr vom derzeitigen Regime, als <a href=\"https://birartibir.org/muharebenin-dugumu-para-politikasi/\">die These</a> vom \u201eKampf zwischen international orientiertem Gro\u00dfkapital und binnenmarktorientierten/importschwachen aber exportorientierten KMUs\u201c nahelegt.</p><p>Der Reihe nach. <a href=\"https://sendika.org/2021/10/guncel-kriz-dinamikleri-ve-sosyalist-stratejiyi-tartismak-634684/\">All die</a> als Hauptprofiteure der heterodoxen/expansiven Wirtschaftspolitik analysierten Kapitalfraktionen beziehungsweise Verb\u00e4nde haben sich im vergangenen halben Jahr eben so oft \u00fcber die Wirtschaftspolitik und ihre Folgen beschwert, wie sie diese hochgelobt haben. So kritisierten die Union der Kammern und B\u00f6rsen der T\u00fcrkei (<i>T\u00fcrkiye Odalar ve Barolar Birli\u011fi</i>, TOBB) und die Istanbuler Handelskammer (ITO) die <a href=\"https://www.bloomberght.com/tobbhisarciklioglu-kurlarin-artmasi-reel-sektorumuzu-tedirgin-etmektedir-2290340\">Zinssenkungsentscheidungen</a>, die massive Entwertung der Lira \u00fcber die dadurch gew\u00e4hrten kompetitiven Vorteile <a href=\"https://www.bloomberght.com/ito-baskani-ndan-faiz-yorumu-2292358\">hinaus</a>, die <a href=\"https://www.bloomberght.com/ito-baskani-avdagic-bedel-odense-de-yeni-bir-doneme-gecilmesi-gerekiyor-2294046\">dadurch entstehende</a>wirtschaftliche Unvorhersehbarkeit und die Verunm\u00f6glichung der Preiskalkulation. Sie verlangten <a href=\"https://www.bloomberght.com/tobb-dan-piyasa-istikrari-icin-onlem-cagrisi-2294660\">dringende Ma\u00dfnahmen</a>, um die wirtschaftliche Stabilit\u00e4t wieder herzustellen. Der als Flaggschiff der AKP-nahen Kapitalfraktionen geltende Verband Unabh\u00e4ngiger Unternehmer (<i>M\u00fcstakil Sanayici ve \u0130\u015f Adamlar\u0131 Derne\u011fi</i>, M\u00dcSIAD) benannte noch <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/ekonomi/musiad-baskani-mahmut-asmalidan-yil-sonu-dolar-tahmini-1888851\">Ende November</a> und <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/musiad-baskani-asmali-kurdan-etkilenmiyorum-diyen-sanayici-dogru-soylemiyordur-haberi-642150\">Anfang Dezember</a> 2021 ebenfalls alle diese Probleme als gewichtig. Der M\u00dcSIAD-Vorsitzende Mahmuat Asmal\u0131 hielt einen Dollar-Kurs von 8 bis 9 Lira f\u00fcr vern\u00fcnftig und kompetitiv, nicht jedoch dar\u00fcber. <a href=\"https://www.bloomberght.com/musiad-baskani-asmali-politika-faizi-maalesef-reel-sektore-yansimadi-2296055\">Noch Anfang des Jahres</a> beschwerte sich der M\u00dcSIAD dar\u00fcber, dass sich der niedrige Leitzins nicht auf die Zinsen f\u00fcr kommerzielle Kredite niederschlage. Eines der wichtigsten Ziele der heterodoxen Wirtschaftspolitik ist es ja gerade, Kredite zu niedrigen Zinsen f\u00fcr binnenmarktorientierte Unternehmen bereitzustellen. Die Inflation, die <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-59332074\">\u00f6konomische Unsicherheit</a> und freilich die Macht der Banken erschwert diese Absicht allerdings.</p><p>Dass sich auch die binnenmarkt- und/oder exportorientierte KMUs beschweren, hat gute Gr\u00fcnde. Zu stark steigende Preise importierter Inputs sind ein riesiges Problem, <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkeys-export-driven-growth-sustainable\">wie</a> auch die Vereinigung Istanbuler Konfektionskleidungsexporteure (<i>\u0130stanbul Haz\u0131r Giyim ve Konfeksiyon \u0130hracat\u00e7\u0131lar\u0131 Birli\u011fi</i>, IHKIB) <a href=\"https://www.dunya.com/sektorler/tekstil/hazir-giyimde-yaza-yuzde-80-zam-yolda-haberi-654097\">oder</a> der Verband der Kleidungsunternehmer (<i>T\u00fcrkiye Giyim Sanayicileri Derne\u011fi</i>, TGSD) <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkeys-export-driven-growth-sustainable\">betonen</a>, da sie die durch eine Lira-Entwertung entstehenden preislichen Wettbewerbsvorteile hinsichtlich des Exports gleich wieder revidieren beziehungsweise die inl\u00e4ndischen Verkaufspreise stark erh\u00f6hen. So ist es dann auch der Fall, dass der Auslandserzeugerpreisindex (die Preise, die Hersteller f\u00fcr G\u00fcter verlangen, die f\u00fcr den Export bestimmt sind) mit <a href=\"https://www.bloomberght.com/uc-haneli-yurt-disi-uretici-enflasyonu-suruyor-2304593\">knapp \u00fcber 105 Prozent</a> im M\u00e4rz 2022 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum fast <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Yurt-Ici-Uretici-Fiyat-Endeksi-Mart-2022-45852\">genau so exorbitant</a> stieg wie der Inlandserzeugerpreisindex (fast 115 Prozent). Die wellenf\u00f6rmige Steigerung der Inflationsrate und die Entwertung der Lira in sehr kurzen Zeitr\u00e4umen erschwert bis verhindert durch die Unvorhersehbarkeit und die Unm\u00f6glichkeit der robusten Preiskalkulation auch das Gesch\u00e4ft der KMUs, wie diese ja selbst festhalten. So autark und unabh\u00e4ngig von Importen ist kein Betrieb, dass er von diesen Entwicklungen nicht betroffen w\u00e4re. Umgekehrt w\u00fcrde eine von der neoliberalen Orthodoxie vorgesehene Kreditkontraktion und eine immense Erh\u00f6hung der Zinsen zwecks Stabilisierung des Lira-Kurses und der erneuten Attraktion von ausl\u00e4ndischem Kapital ziemlich sicher zum Bankrott vieler KMUs f\u00fchren. Sie befinden sich daher <i>objektiv</i> in einer Zwickm\u00fchle, aus der es derzeit keinen gem\u00fctlichen Weg raus gibt. Daher sind auch objektiv <i>unterschiedliche Strategien</i> mit unterschiedlichen Risiken als L\u00f6sungsversuch der Krise und Fortsetzung der Akkumulation m\u00f6glich.</p><h4><i>Wirtschaftspolitik als Teil des Kampfes um hegemoniale Strategien</i></h4><p>Die Wirtschaftspolitik des Regimes muss daher konzeptionell klarer gefasst werden als <i>Teil eines allgemeineren Hegemoniekampfes, der K\u00e4mpfe um die dominante \u00f6konomische Strategie und ihre politische F\u00fchrung inkludiert</i>, und nicht als eine eins-zu-eins Repr\u00e4sentation pr\u00e4-strategisch gegebener \u00f6konomischer Interessen in der politischen Sph\u00e4re. In der Kalkulation des Regimes ist eine R\u00fcckkehr zu orthodoxer neoliberaler Wirtschaftspolitik \u2013 wegen der dann zu erwartenden Bankrottwelle und des (zumindest vor\u00fcbergehend) noch massiveren Einbruchs des Haushaltskonsums als derzeit \u2013 mit viel h\u00f6heren politischen Kosten verbunden als eine Wirtschaftspolitik, die versucht, sich inmitten der Wirtschaftskrise durchzuwurschteln und die Kriseneffekte auf KMUs und Binnenkonsum so weit wie m\u00f6glich abzufedern. Dabei versucht das Regime an die Existenz\u00e4ngste vieler KMUs anzukn\u00fcpfen und durchzusetzen, dass diese ihr unmittelbares \u00dcberleben oder ihre unmittelbare Akkumulation als strategisches Primat ansehen \u2013 und das Regime als jene politische F\u00fchrung, die dieses strategische Primat einzig umzusetzen in der Lage ist. Es ist aber objektiv \u00fcberhaupt nicht absehbar, ob die vom Regime verfolgte Strategie allein noch das \u00dcberleben vieler KMUs garantieren kann, oder ob sie nicht viel eher die Krisendynamik und damit auch den Druck auf jene KMUs versch\u00e4rft, was derzeit als objektiv wahrscheinlich erscheint.</p><p>Es sind aber auch andere strategische Perspektiven m\u00f6glich. So k\u00f6nnten leistungsstarke KMUs, die den kompetitiven Druck einer orthodoxen Geldpolitik aushalten k\u00f6nnen, daf\u00fcr optieren, gemeinsam mit den f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals f\u00fcr eine Re-Integration der T\u00fcrkei in die globale Weltwirtschaft auf erweiterter Stufenleiter zu streiten und L\u00e4nder wie China dadurch in den Lieferketten abzul\u00f6sen. Wie Hakk\u0131 \u00d6zdal in Bezug auf die Wahl des neuen T\u00dcS\u0130AD-Pr\u00e4sidenten Orhan Turan, ehemals Pr\u00e4sident der T\u00dcSIAD-nahen Vereinigung von kleinen und mittleren Kapitalisten (T\u00dcRKONFED), im M\u00e4rz 2022 <a href=\"https://mavidefter.net/sermayenin-yeni-vitrini-aklin-zekati-ve-bir-hediye-fotograf/\">ganz richtig festhie</a>lt, gibt es derzeit in der T\u00fcrkei kein Monopol (mehr?) auf die politische Repr\u00e4sentation der kleinen und mittleren Kapitalisten. Es wird vielmehr um diese Repr\u00e4sentation gerungen, was auch bedeutet, um unterschiedliche \u00f6konomische Strategien zu k\u00e4mpfen. Wir werden in n\u00e4chster Zeit vermutlich sehen, wie der oppositionelle Restaurationsblock versuchen wird, eine alternative \u00f6konomische Strategie auch f\u00fcr KMUs zu entwerfen. Es ist nicht allein die objektive Stellung im Produktionsprozess im Allgemeinen wie im Besonderen (in einem bestimmten Akkumulationsregime zu einem bestimmten Zeitpunkt der Entwicklung desselben), die die Interessen unterschiedlicher Kapitalfraktionen determiniert, denn aus deren Stellungen im Produktionsprozess heraus sind objektiv unterschiedliche Perspektiven m\u00f6glich. Diese und damit die Interessen der Kapitalfraktionen werden daher co-determiniert von politischen K\u00e4mpfen um \u00f6konomische und gesamtgesellschaftliche Strategien.</p><p>Den \u00f6konomisch f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals geht es indes viel besser, als ihre f\u00fcr kapitalistische Verh\u00e4ltnisse lautstarke Kritik an der Politik des Regimes glauben lassen w\u00fcrde. Die f\u00fchrenden Gro\u00dfunternehmen der T\u00fcrkei erzielten teils exorbitante Profite (Metall, Automobil, Getr\u00e4nke, Kommunikation, bis <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bilancolar-sirket-karlarinin-rekor-oranda-arttigini-gosteriyor-vatandas-yoksullasirken-ozel-sektor-buyuyor,991093\">Ende 2021</a>; Bankensektor: +57 Prozent, <a href=\"https://www.bloomberght.com/bankacilik-sektorunun-kri-2021-de-yuzde-57-artti-2297790\">2021</a> im Vergleich zum Vorjahr, +323 Prozent, <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2022/ekonomi/banka-karlari-neden-uctu-7043027/\">Januar-Februar 2022</a> im Vergleich zum Vorjahreszeitraum). Die Negativzinspolitik der Zentralbank <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2022/ekonomi/banka-karlari-neden-uctu-7043027/\">hebt</a> die Zinseinkommen der (Privat-)Banken, anstatt sie zu senken, da diese die niedrigen Zinsen nicht so an Kreditnehmer*innen weitergeben und die wachsende Differenz als steigende Profite einkassieren (der <a href=\"https://evds2.tcmb.gov.tr/index.php?/evds/portlet/K24NEG9DQ1s=/tr\">Zins auf Kredite</a> lag Ende M\u00e4rz 2022 je nach Art des Kredits bei 20 bis 30 Prozent gegen\u00fcber 14 Prozent Zentralbankleitzins und 16 bis 17 Prozent Einlagenzins; dazu kommen noch die steigenden Zinsen auf Staatsanleihen). Das ist es letztlich, wor\u00fcber sich der M\u00dcSIAD noch Anfang des Jahres beschwerte. <a href=\"https://www.perspektif.online/fare-delige-sigmamis-bir-de-kuyruguna-kabak-baglamis/\">Zudem</a> sorgt die hohe Verschuldung des Staates an t\u00fcrkische Banken in Devisen oder inflationsindexierten Staatsanleihen f\u00fcr die exorbitant steigenden Bankenprofite. Die gr\u00f6\u00dfte Unternehmensgruppe der T\u00fcrkei, Ko\u00e7, die politisch klar oppositionell zum Regime eingestellt ist, <a href=\"https://www.bloomberght.com/ali-kocbatarya-yatirimi-kuresel-rekabet-avantaji-saglayacak-2301442\">t\u00e4tigt derzeit</a> mit Unterst\u00fctzung von Pr\u00e4sident Erdo\u011fan gro\u00dfe Investitionen in die E-Fahrzeug- und -Batterien-Produktion. Eines der Flaggschiffe der Ko\u00e7-Gruppe, Ford Otosan, erh\u00f6hte seine Profite 2021 <a href=\"https://www.bloomberght.com/ford-otosan-in-kri-beklentileri-asti-2298934\">um fast 100 Prozent</a>; die gesamte Unternehmensgruppe berichtet von einer Zunahme der konsolidierten Gewinne von <a href=\"https://www.bloomberght.com/rahmi-m-koc-yatirimlarimiza-kararlilikla-devam-edecegiz-2303047\">89 Prozent</a>.</p><p>So sehr die derzeitige Wirtschaftspolitik und politische \u00d6konomie der T\u00fcrkei auch von konkurrierenden (bzw. sich in Krise befindenden) Strategien und Hegemonieprojekten gekennzeichnet ist, beh\u00e4lt sie bei allen Differenzen und Widerspr\u00fcchen doch ein grundlegendes <a href=\"https://ozgurorhangazi.com/2021/11/23/faiz-doviz-meselesi-3-sermayeler-arasi-savas-mi-ya-da-niyet-neydi-akibet-ne-olacak/\">Element der Einheit</a> bei, namentlich, dass sie hinsichtlich der Distributionsverh\u00e4ltnisse eindeutig zulasten des Gro\u00dfteils der Werkt\u00e4tigen und zugunsten des Kapitals im Allgemeinen geht: <a href=\"https://www.birgun.net/haber/ayni-gemide-degilmisiz-379585\">So sank</a> die Lohnquote sukzessive von 35,1 Prozent im Jahre 2019 auf 33,1 Prozent im Jahr 2020 und letztlich 30,2 Prozent im Jahr 2021, w\u00e4hrend die Gewinnquote in der selben Zeit von 47 Prozent auf 52,6 Prozent zulegte. Die <a href=\"https://www.birgun.net/haber/isci-enflasyonun-altinda-ezildi-371579\">realen durchschnittlichen Bruttol\u00f6hne</a> gingen zwischen 2016 und 2020 um sagenhafte 42,2 Prozent zur\u00fcck (Inflation!); auch der Haushaltskonsum ging, trotz Kreditst\u00fctzen in den letzten Jahren, <a href=\"https://mavidefter.net/tusiadin-krizden-cikis-recetesi-halki-daha-da-yoksullastirmak/\">zur\u00fcck</a> von 65 Prozent im Jahr 2012 auf 56 Prozent im Jahr 2021 (im Verh\u00e4ltnis zum BIP). Dabei verdeckt die permanente Erh\u00f6hung des Mindestlohns einerseits, dass dieser dennoch sehr niedrig bleibt (wieder: Inflation!), andererseits, dass sich die Durchschnittsl\u00f6hne <a href=\"http://arastirma.disk.org.tr/wp-content/uploads/2020/09/D%C4%B0SK-AR-12-Eyl%C3%BCl-RAPOR-SON.pdf\">seit 1980</a> <a href=\"http://arastirma.disk.org.tr/wp-content/uploads/2022/03/Pandeminin-Ikinci-Yilinda-Iscilerin-Durumu-KONSOLIDE-son-son.pdf\">zunehmend</a> dem Mindestlohn anpassen, dass also eine Abw\u00e4rtsspirale und nicht eine Aufw\u00e4rtsspirale der L\u00f6hne stattfindet, und zwar <a href=\"https://www.birgun.net/haber/memur-yoksullasti-memur-sen-buyudu-383711\">auch im \u00f6ffentlichen Sektor</a> und damit in der Beamtenschaft. <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/akp-ve-kabine-asgari-ucret-ile-ikramiye-artisinda-ters-dustu-1925634\">Zugleich</a> wird derzeit eine weitere Erh\u00f6hung des Mindestlohns wegen des davon ausgehenden \u201einflation\u00e4ren Drucks\u201c abgelehnt, was nat\u00fcrlich reichlich grotesk ist angesichts einer Wirtschaftspolitik, die auch schon ohne Lohnerh\u00f6hungen zu einer historisch hohen Inflationsrate f\u00fchrt, und zugleich Abermilliarden f\u00fcr Unternehmen und Verm\u00f6gende bereitstellt. Aber das Argument des \u201einflation\u00e4ren Drucks\u201c, das gegen die Mindestlohnerh\u00f6hung genutzt wird, ist nat\u00fcrlich nur Ideologie zwecks Rationalisierung einer klar pro-kapitalistischen Politik. Insofern ist nichts \u201egroteskes\u201c dran, denn es ist knallharte Interessenpolitik. Einen grundlegenden Bruch mit wichtigen Prinzipien des Neoliberalismus in der T\u00fcrkei (Unterdr\u00fcckung der Arbeiter*innenklasse, kein produktiver Staatssektor), seinen \u00f6konomisch dominanten Akteuren und der Integration desselben in die Weltwirtschaft hat das Regime bei allen Abweichungen von bestimmten Prinzipien (bspw. von der neoliberal-orthodoxen Geldpolitik) \u2013 noch? \u2013 nicht vollzogen. W\u00e4hrend sich also der politische Autoritarismus nicht einfach aus dem Neoliberalismus (und seiner Krise) ableiten l\u00e4sst, ist es allerdings umgekehrt auch nicht der Fall, dass der politische Autoritarismus den Neoliberalismus einfach vollst\u00e4ndig destruiert. Das Verh\u00e4ltnis beider ist also dialektisch als ein inneres, aber widerspr\u00fcchliches zu verstehen, egal, ob man die Situation nun als \u201eautorit\u00e4rer Neoliberalismus\u201c, \u201eautorit\u00e4rer Etatismus im Neoliberalismus\u201c oder \u201eneoliberaler Etatismus\u201c verbegrifflicht.</p><h4><i>Die alternative Perspektive der f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals</i></h4><p>Aus all diesen Gr\u00fcnden ist es auch unter den heutigen Bedingungen schlicht nicht richtig, <a href=\"https://www.birgun.net/haber/erdogan-buyuk-sermayeye-istedigini-veremedi-374329\">davon zu sprechen</a>, dass es zu einem <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/anadolu-burjuvazisi-simdi-ne-dusunuyor,33150\">gro\u00dfen Bruch</a> zwischen Gro\u00dfbourgeoisie und der AKP gekommen ist. Richtiger ist es, festzustellen, dass es gro\u00dfe Konflikte und daher Hegemoniek\u00e4mpfe um die zu befolgenden Strategien gibt, die umfassenderer Natur sind als j\u00e4hrliche Profitmargen, wobei diese Hegemoniek\u00e4mpfe aber keinen \u201egro\u00dfen Bruch\u201c darstellen.</p><p>Der T\u00dcSIAD beschwert sich dabei schon seit Jahren \u00fcber die heterodoxe Wirtschaftspolitik und ihre Folgen und verlangt eine orthodoxe Rejustierung derselben. <a href=\"https://www.bloomberght.com/tusiad-genel-kabul-gormus-iktisat-bilimi-kurallarina-hizla-donulmeli-2294704\">So auch</a> <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/tusiad-baskani-dunyaya-konustu-faiz-indiriminde-sabir-gerektiren-kritik-surece-giriyoruz-haberi-632294\">in den letzten Monaten</a>. Dabei geht es nicht nur um die unmittelbaren Interessen der f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals wie beispielsweise die mittels orthodoxer Geldpolitik und Institutionen prognostizierte erneut einsetzende Attraktion von gro\u00dfen Summen an ausl\u00e4ndischem Kapital f\u00fcr gro\u00dfe Investitionen und die von fast allen Kapitalfraktionen geteilte Forderung nach Stabilisierung von Wechselkurs und Inflation zwecks Vorhersehbarkeit und robuster Preiskalkulation. Der T\u00dcSIAD visiert offensichtlich auch eine spezifische hegemoniale und \u00f6konomische Strategie an: Hegemonial betrachtet herrscht aufseiten des T\u00dcSIAD die Sorge vor, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/omer-m-koc-tum-belirsizliklere-ve-olumsuzluklara-ragmen-memleketimizin-gelecegine-inaniyoruz-esasli-bir-reform-ajandasina-sarilarak-ulke-riskimizi-azaltmak-zorundayiz,985931\">dass</a> die massive \u00f6konomische Ungleichheit und die Krise des politischen Autoritarismus <a href=\"https://yetkinreport.com/2022/03/14/rusya-ukrayna-savasinin-tetikledigi-donusumler/\">starke sozial destabilisierende Effekte</a> haben k\u00f6nnte. (Die ITO ist dieser Problematik gegen\u00fcber \u00fcbrigens <a href=\"https://www.bloomberght.com/ito-baskani-avdagic-bedel-odense-de-yeni-bir-doneme-gecilmesi-gerekiyor-2294046\">auch nicht vollst\u00e4ndig blind</a>.) Daher die wiederholte Forderung von \u201epluraler Demokratie, Gewaltenteilung, Freiheiten\u201c einerseits, einer anti-inflation\u00e4ren Wirtschaftspolitik andererseits. Freilich findet sich in den Aussagen und Publikationen des T\u00dcSIAD wenig Konkretes zur Ver\u00e4nderung des Arbeitsmarktes oder zur Institutionalisierung sozialer Rechte. Die Hoffnung liegt klar auf einem sich selbst tragenden neoliberalen Wachstumsmodell mit Produktivit\u00e4tsfortschritten, aus dem ohne gro\u00dfe Verrechtlichung der Marktbeziehungen im Sinne der Werkt\u00e4tigen und ohne allzu gro\u00dfen Ver\u00e4nderungen der Distributionsverh\u00e4ltnisse genug f\u00fcr die Werkt\u00e4tigen abspringt, damit diese befriedet sind.</p><p>Gleichzeitig ist der T\u00dcSIAD der Meinung, dass die kurzfristige Orientierung der Wirtschaftspolitik die kapitalistische Entwicklung der T\u00fcrkei blockiere, insofern es mit ihr nicht m\u00f6glich sei, einen Aufstieg der t\u00fcrkischen Wirtschaftsstruktur im System der internationalen Arbeitsteilung zu erlangen. Das hei\u00dft, der T\u00dcSIAD visiert mittel- bis langfristig eine ganz andere hegemoniale \u00f6konomische Strategie an, als in der derzeitigen vom Krisenmanagement dominierten Wirtschaftspolitik des Regime enthalten ist. Letztere ist notgedrungen kurzfristig angelegt und enth\u00e4lt derzeit wenig Potenziale f\u00fcr eine kapitalistische Akkumulation auf qualitativ erweiterter Stufenleiter. Diese \u00f6konomische wie auch politisch-regulative hegemoniale Strategie hat der T\u00dcSIAD nun Ende letztes Jahres <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tusiad-iktidari-ozneyi-soylemeden-elestirdi-omer-koc-acemoglu-nun-demokrasideki-gerilemeyi-anlattigi-sunumu-notlar-alarak-dinledi,986791\">zu einem Bericht</a> mit dem unmissverst\u00e4ndlichen Titel <a href=\"https://tusiad.org/tr/basin-bultenleri/item/10854-tusi-ad-dan-yeni-bir-anlayisla-gelecegi-i-nsa-raporu\"><i>Yeni Bir Anlay\u0131\u015fla Gelece\u011fi \u0130n\u015fa</i></a>, \u00fcbersetzt in etwa \u201eMit einer neuen Vision die Zukunft gestalten\u201c synthetisiert und der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert. Murat Sabuncu <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tusiad-akp-turkiyesi-ne-yeni-bir-gelecek-hayaliyle-itiraz-ediyor,986818\">h\u00e4lt ganz richtig fest</a>, dass sich dieser Bericht nicht allein an Unternehmer*innen, sondern an die Breite der Gesellschaft wendet, sprich einen hegemonialen Anspruch hat. Der Kampf um die Krise des Neoliberalismus geht also in eine neue Runde.</p><h2><b>Altbekannte und (scheinbar) neue Taktiken der autorit\u00e4ren Konsolidierung</b></h2><p>In diesem Kampf um die Krise des Neoliberalismus, in dem das Regime um seinen politischen Machterhalt k\u00e4mpft, sind die Kampfmethoden nat\u00fcrlich nicht blo\u00df \u00f6konomischer Art. Die altbekannten und scheinbar neue Taktiken der autorit\u00e4ren Konsolidierung werden ebenfalls fortgesetzt. Diese visieren, wie ehedem, Unterdr\u00fcckung, Zerm\u00fcrbung, Spaltung und Integration der Opposition aber auch die Etablierung einer popularen Legitimationsbasis f\u00fcr den Autoritarismus an. Weiterhin werden <a href=\"https://t24.com.tr/haber/engelli-web-raporu-2020-sonu-itibariyla-467-bin-web-sitesi-erisime-engellendi,972358\">Hunderttausende Webseiten</a> <a href=\"https://www.dokuz8haber.net/turkiyede-internet-ozgurlugu-uc-yildir-dususte\">blockiert</a>, weitfl\u00e4chig Druck und Repression <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-nin-yarisma-programini-hedef-alan-genelgesi-ve-milli-manevi-degerler,1011389\">gegen</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-nin-yarisma-programini-hedef-alan-genelgesi-ve-milli-manevi-degerler,1011389\">Medien</a> und Oppositionelle <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/03/international-domestic-groups-ring-alarms-human-rights-turkey\">ausge\u00fcbt</a> sowie <a href=\"https://www.dw.com/tr/sosyal-medya-yasas%C4%B1-neler-getirecek/a-60815430\">an einem Gesetz</a> zur weiteren Kriminalisierung von Meinungs\u00e4u\u00dferungen auf Social Media-Plattformen unter dem Vorwand der Bek\u00e4mpfung von \u201efake news\u201c gearbeitet. Erdo\u011fan selbst <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-ozgurlugun-sembolu-olarak-nitelenen-sosyal-medya-gunumuz-demokrasisi-icin-ana-tehdit-kaynaklarindan-birine-donusmustur,1000034\">deklarierte j\u00fcngst</a><i>social media</i> als \u201eeiner der gr\u00f6\u00dften Gef\u00e4hrdungsquellen f\u00fcr die heutige Demokratie\u201c. <a href=\"https://tihv.org.tr/wp-content/uploads/2022/03/TIHV_covid_hak_ihlalleri_rapor_Mart_2022.pdf\">\u00dcber 200</a> Kundgebungen und Demonstrationen wurden unter vorgeschobenen Gr\u00fcnden des Infektionsschutzes w\u00e4hrend der Pandemie verboten (w\u00e4hrend vom Regime wohlwollend betrachtete Massenereignisse nat\u00fcrlich erlaubt und sogar gefeiert wurden). Auch sonst geht die mehr oder minder verdeckte (<a href=\"https://www.dw.com/tr/akpnin-lin%C3%A7-giri%C5%9Fimi-videosu-soru-i%C5%9Faretleri-yaratt%C4%B1/a-59647524\">Androhung von) Gewalt</a> gegen (f\u00fchrende) Oppositionelle und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/orhan-pamuk-sezen-aksu-hepimizin-gururudur-sanatcisini-ezen-bir-devlet-ve-millet-olmayacagiz,1010074\">Kulturschaffende</a> ungebrochen weiter. Die T\u00fcrkei bleibt das nach Russland dasjenige europ\u00e4ische Land, in dem sich proportional zur Bev\u00f6lkerung die meisten Menschen <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-dunya-60981073\">im Gef\u00e4ngnis</a> befinden. Den protestierenden und streikenden \u00c4rzt*innen wurde von Erdo\u011fan <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/doktorlara-gidiyorlarsa-gitsinler-diyen-erdogana-tepki-yagdi-1914317\">vorgeworfen</a>, sie h\u00e4tten Luxusprobleme und sollten das Land verlassen, wenn es ihnen nicht passt (nur um <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-ulkemizi-kuresel-saglik-sistemi-icinde-mumkun-olan-en-iyi-yere-getirmek-istiyoruz,1020848\">ein Tag danach</a> die selben \u00c4rzt*innen in den Himmel zu loben und einer Reihe ihrer Forderungen nachzugeben).</p><p>Offensichtlich als Teil des de facto schon begonnenen Wahlkampfs wurde die Repression k\u00fcrzlich noch einmal besonders versch\u00e4rft: Zum Abschluss eines jahrelangen Schauprozesses gegen einige in den Gezi-Protesten 2013 involvierte wichtige zivilgesellschaftliche Akteur*innen wurden Ende April 2022 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/gezi-davasinda-karar-durusmasi,1030116\">drakonische Strafen</a> verh\u00e4ngt, darunter auch gegen den gro\u00dfb\u00fcrgerlich-liberalen M\u00e4zen Osman Kavala, der zu lebenslanger Haft unter erschwerten Bedingungen (<i>a\u011f\u0131rla\u015ft\u0131r\u0131lm\u0131\u015f m\u00fcebbet</i>) verurteilt wurde. Gleichzeitig lancierte der t\u00fcrkische Staat eine <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/04/turkey-launches-offensive-against-pkk-targets-northern-iraq\">gro\u00dfangelegte Milit\u00e4roffensive</a> gegen Teile der als PKK-St\u00fctzpunkte genutzten Kandilberge im Irak, wobei diese parallel \u2013 und vermutlich zuvor mit der T\u00fcrkei abgestimmt \u2013 <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/04/turkey-launches-offensive-against-pkk-targets-northern-iraq\">begleitet wurde</a> von einer Offensive der Truppen der irakischen Regierung gegen das PKK-nahe ezidisch dominierte Schengal.</p><p>Islamisierung und autorit\u00e4re heteronormativ-familiale Geschlechterpolitik bilden weiterhin eine wichtige Grundlage f\u00fcr den Versuch, einen autorit\u00e4ren Konsens herzustellen als Legitimationsbasis f\u00fcr das autorit\u00e4re Regime. Die Kriminalisierung und Repression von <a href=\"https://www.duvarenglish.com/copies-of-british-authors-book-being-sold-in-envelopes-in-turkey-after-ministry-finds-it-obscene-for-including-gay-character-news-58959\">LGBTQI+-Identit\u00e4ten</a> wird weiterhin konstant betrieben. Der Chef der Religionsbeh\u00f6rde Diyanet, Ali Erba\u015f, kann eine umfassende <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkeys-powerful-top-cleric-called-tone-down-or-resign\">Kritik am Laizismus</a> lancieren und die Forderung aufstellen, Korankurse f\u00fcr 4-6j\u00e4hrige Kinder nicht mehr als Wahl-, sondern <a href=\"https://t24.com.tr/haber/diyanet-ten-zorunlu-kur-an-kursu-aciklamasi,979450\">als Pflichtfach</a> einzuf\u00fchren. Die Forderung nach einem \u201ereligi\u00f6sen\u201c Grundgesetz (ehemaliger <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/eski-meclis-baskani-ismail-kahramandan-dindar-anayasa-aciklamasi-sozlerim-carpitildi-1874529\">Parlamentssprecher Ibrahim Kahraman</a>, AKP) wird wieder en vogue. Der Freitod eines jungen Studierenden, <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/01/turkish-teen-suicide-revives-secular-pious-debate\">Enes Kara</a>, der die unertr\u00e4glichen Verh\u00e4ltnisse in einem religi\u00f6sen Wohnheim nicht mehr aushielt, befeuerte erneut die Debatte um die Schlie\u00dfung religi\u00f6ser Heime.</p><p>Auch die scheinliberalen Versuche und Ref\u00f6rmchen zur Einbindung der Hauptoppositionsparteien gehen weiter: So wurde hinter den Kulissen dar\u00fcber diskutiert, das Pr\u00e4sidialsystem dahingehend <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58734677\">zu modifizieren</a>, dass die Minister nicht mehr wie bisher von Pr\u00e4sidenten ernannt, sondern vom Parlament gew\u00e4hlt werden und das Parlament wieder das Recht auf Anfragen und \u00e4hnliches einger\u00e4umt bekomme. Nat\u00fcrlich w\u00e4re das nur eine Scheinliberalisierung gewesen, da derzeit ja auch das Parlament noch von AKP-MHP dominiert wird. Zudem war die \u201eKonzession\u201c verbunden mit dem Vorschlag, die Auflage einer absoluten Mehrheit (\u00fcber 50 Prozent der g\u00fcltigen Wahlstimmen) f\u00fcr den erfolgreichen Sieg in der ersten Runde einer Pr\u00e4sidentschaftswahl abzuschaffen. Offensichtlich halten es auch AKP-MHP f\u00fcr wahrscheinlich, dass Erdo\u011fan nicht mehr in der ersten Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen gewinnen k\u00f6nnte. Denn kontr\u00e4r zur nach au\u00dfen kommunizierten Hybris ist den AKP-Entscheidungstr\u00e4gern <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58965213\">intern</a> nat\u00fcrlich klar, dass die <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/bulent-arincin-ekonomi-ve-sandik-mesajina-akplilerden-destek-1927234\">wirtschaftliche Krise</a> und \u201eM\u00e4ngel im Pr\u00e4sidialsystem\u201c (aka Willk\u00fcr, Repression insbesondere gegen\u00fcber Kurd*innen, politisierte Justiz) die Gr\u00fcnde f\u00fcr den (prognostizierten) Stimmenverlust sind und dass die Opposition gewonnen werden muss f\u00fcr eine (leichte) Modifikation des Pr\u00e4sidialsystems (wobei klar ist, dass am Prinzip des Pr\u00e4sidialsystems nichts ge\u00e4ndert werden soll). Sp\u00e4ter, im M\u00e4rz 2022, als die Novellierung des Wahlgesetzes eigentlich schon als sicher galt (siehe ein paar Abs\u00e4tze weiter unten), <a href=\"https://www.korkusuz.com.tr/erdoganin-yeni-oyun-plani.html\">sickerte durch</a>, dass AKP und MHP zu einer weiteren Senkung der Wahlh\u00fcrde auf drei Prozent bereit seien. Sie verlangten daf\u00fcr aber ein Ende der von der Opposition gef\u00fchrten Diskussion, ob Erdo\u011fan laut geltendem Gesetz \u00fcberhaupt erneut zu einer Kandidatur antreten d\u00fcrfe. <b>[3]</b></p><p>Mittlerweile wurden auch zahlreiche \u201eMenschenrechtsaktionspl\u00e4ne\u201c oder \u201eJustizreformpakete\u201c \u2013 angeblich zur Verbesserung der menschenrechtlichen Situation \u2013 verk\u00fcndet. Freilich bleiben Selahattin Demirta\u015f, Figen Y\u00fckseda\u011f oder Osman Kavala <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-bahceli-tercihlerimiz-kim-oldugumuzun-isaretidir,988449\">weiterhin</a> teils lebensl\u00e4nglich inhaftiert und werden als \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-cumhur-ittifaki-ciftci-dostudur-esnaf-sevgisiyle-doludur,986731\">Terroristen</a>\u201c oder \u201eSoros-Anh\u00e4nger\u201c verschrien. Angesichts der weiter oben ausgef\u00fchrten ununterbrochen fortgesetzten Repression gegen fast alle oppositionellen Teile der Gesellschaft ist klar, dass diese \u201eliberalen Ref\u00f6rmchen\u201c eh schon kaum das Papier wert waren, auf dem sie geschrieben wurden. Aber sogar das war und ist zu viel f\u00fcr die Hardliner innerhalb des Regimes, wie die von Bah\u00e7eli wiederholt vorgebrachte Forderung nach der Schlie\u00dfung des Verfassungsgerichtes (AYM) und der R\u00fccktritt des Justizministers G\u00fcl (siehe unten) zeigen.</p><p>Es wird auch weiterhin die Handlungsf\u00e4higkeit der oppositionsgef\u00fchrten St\u00e4dte untergraben, um die \u2013 auf erfolgreiche Bereitstellung st\u00e4dtischer Dienstleistungen als materieller Grundlage basierende \u2013 Hegemoniepolitik der Opposition zu torpedieren: Beispielsweise bleiben <a href=\"https://www.birgun.net/haber/metrolari-ibb-ye-devretmeyecekler-358362\">weiterhin</a> zentrale Metrolinien <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/11/rezoning-istanbul-islands-raises-concerns-akp-meddling\">oder</a> <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/11/rezoning-istanbul-islands-raises-concerns-akp-meddling\">Bezirke</a> Istanbuls in der Hand zentralstaatlicher Ministerien oder werden in diese \u00fcberf\u00fchrt; es werden weitere Metroprojekte durch die Stadt oder eine grundlegende \u00c4nderung des maroden Taxi-Systems auf die lange Bank geschoben oder <a href=\"https://www.dw.com/tr/muhalefetin-y%C3%B6netimindeki-projelere-onay-engeli/a-61165248\">zahlreiche andere</a> kommunale Projekte in oppositionsgef\u00fchrten St\u00e4dten durch AKP-MHP oder zentralstaatliche Apparate gebremst oder gestoppt. Gegen mehr als 500 Mitarbeitende der Istanbuler Stadtverwaltung lancierte das Innenministerium zudem eine <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-erdogan-ve-soylu-ya-gonderdigi-mektupta-ne-yazmisti,1003777\">\u201eTerrorismus\u201c-Untersuchung</a>, Bah\u00e7eli <a href=\"https://t24.com.tr/haber/chp-den-bahceli-ye-ibb-yaniti-secimlerde-abdullah-ocalan-in-mektubuna-bel-baglamis-bir-ittifaksiniz-bu-suclamayi-yoneltmek-size-birkac-gomlek-buyuk-gelir,1004578\">k\u00fcndigte daraufhin</a> eine m\u00f6gliche Amtsenthebung des oppositionellen Istanbuler B\u00fcrgermeisters Imamo\u011flu an. Sogar die Schneest\u00fcrme in Istanbul wurden <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/01/istanbul-residents-get-stuck-snow-politicians-throw-blame-each-other\">instrumentalisiert</a> im Hegemoniekampf zwischen Regimekr\u00e4ften und Hauptoppositionparteien, indem sich beide Seiten wechselseitig Unf\u00e4higkeit vorwarfen und jeweils ihre eigenen Leistungen hervorhoben.</p><h4><i>Die neuesten Man\u00f6ver</i></h4><p>Nicht zuletzt sind zwei wichtige Entwicklungen zu nennen, die der Spaltung und Schw\u00e4chung der Opposition dienen: Zum einen die \u00c4nderung des Wahlgesetzes, zum anderen die politische R\u00fcckkehr einer Mitterechts-Hardlinerin der 1990er-Jahre, Tansu \u00c7iller.</p><p>Das Wahlgesetz war zuletzt 2018 grundlegend ge\u00e4ndert worden, um die Bildung von Wahl-Koalitionen zu erlauben. Es bildeten sich die bis heute bestehenden zwei Koalitionen: Das B\u00fcndnis des Volkes (<i>Cumhur \u0130ttifak\u0131</i>) des Regimes und das B\u00fcndnis der N<i>ation (Millet \u0130ttifak\u0131</i>), der b\u00fcrgerliche Hauptoppositionsblock. F\u00fcr Parteien, die Teil einer solchen Wahl-Koalition waren, galt die 10 Prozent-H\u00fcrde nicht; sie galt nur f\u00fcr die Koalition als Ganze. Der Stimmanteil der Koalition war ma\u00dfgeblich f\u00fcr den Anteil der Parlamentssitze, die die Koalition als Ganze erhielt; erst in einem zweiten Schritt wurden diese dann entsprechend des Stimmanteils der Koalitionsparteien unter diesen aufgeteilt wurden. Die Wahlgesetz\u00e4nderung von 2018 war ganz offensichtlich eine Ma\u00dfnahme, um der AKP-Partnerin MHP den Einzug ins Parlament zu garantieren, da damalige Umfragen die MHP unter der 10 Prozent-Wahlh\u00fcrde sahen (am Ende bekam sie allerdings doch 11 Prozent).</p><p>Auch die jetzt im Fr\u00fchjahr 2022 erfolgte <a href=\"https://t24.com.tr/haber/secim-barajini-dusuren-tekliften-ittifak-hamlesi-cikti-yeni-teklif-en-cok-akp-ye-yariyor-muhalefeti-strateji-belirlemeye-zorluyor,1020850\">grundlegende \u00c4nderung des Wahlgesetzes</a> dient <a href=\"https://t24.com.tr/haber/il-ve-ilce-secim-kurullarinin-tamami-ile-ysk-nin-bes-uyesi-sandikta-yargi-guvencesinin-budandigi-tartismasi-esliginde-degisiyor,1021100\">unmittelbar politischen Kalk\u00fclen</a> des Regimes. Zwar wurde die Wahlh\u00fcrde jetzt auf 7 Prozent abgesenkt, um das Ganze als \u201eDemokratisierung\u201c verkaufen zu k\u00f6nnen. Aber einerseits ist wegen der M\u00f6glichkeit der Koalitionsbildung die Wahlh\u00fcrde derzeit de facto nicht mehr wirklich ein Hindernis, da alle relevanten Parteien entweder in Koalitionen organisiert sind oder, wie die linke und pro-kurdische Demokratische Partei der V\u00f6lker (<i>Halklar\u0131n Demokratik Partisi</i>, HDP), auch ohne Koalition \u00fcber die 10 Prozent-Wahlh\u00fcrde kommen. Zum anderen wurde vor allem die Parlamentssitzverteilung grundlegend ge\u00e4ndert. Es entscheidet bei koalierten Parteien zwar immer noch der Stimmenanteil der gesamten Koalition, ob die Wahlh\u00fcrde \u00fcberwunden und prinzipiell der Einzug ins Parlament geschafft wird oder nicht; bei der Sitzverteilung wird allerdings nicht mehr dem Stimmanteil der jeweiligen Koalitionen entsprechend aufgeteilt. Stattdessen wird von Anfang an der Stimmenanteil der einzelnen Parteien in den jeweiligen Wahlbezirken genommen und ausschlie\u00dflich daran die Sitzverteilung der einzelnen Parteien ausgemacht. <a href=\"https://bianet.org/english/politics/259162-turkey-s-election-law-tweak-explained-will-it-save-erdogan-from-losing-majority-in-parliament\">Einer wahlarithmetischen Berechnung zufolge</a> h\u00e4tte eine solche Form der Sitzverteilung bei den Wahlen 2018 zu knapp 36 mehr Sitzen f\u00fcr die Regime-Koalition und 44 weniger Sitzen f\u00fcr die Hauptoppositionskoalition gef\u00fchrt. Jetzt bedroht es zudem vor allem die Kleinstparteien, die mit dem Szenario konfrontiert sind, im Rahmen einer Oppositionskoalition zwar \u00fcber die Wahlh\u00fcrde zu kommen, aber wegen jeweils sehr kleinen Stimmanteilen gar keine Parlamentarier*innen stellen zu k\u00f6nnen \u2013 au\u00dfer sie stellen ihre Kandidat*innen auf den Listen der beiden gro\u00dfen mitte-rechts Hauptoppositionsparteien (die Republikanische Volkspartei CHP und die Gute Partei IYI) auf. Aber auch die IYI h\u00e4tte nach dem jetzt g\u00fcltigen Wahlsystem, so die erw\u00e4hnte Berechnung, trotz mehr als 10 Prozent der g\u00fcltigen Wahlstimmen 2018 keine einzige (!) Parlamentarier*in gestellt.</p><p>Gegen die M\u00f6glichkeit gemeinsamer Listen ist das Kalk\u00fcl von AKP-MHP, dass einerseits der <a href=\"https://www.reuters.com/markets/asia/turkeys-ruling-parties-draft-law-suggesting-vote-more-likely-next-year-2022-03-14/\">Parteienegoismus</a> der Kleinstparteien dieses Vorgehen verhindern k\u00f6nnte. Und \u2013 f\u00fcr den Fall der F\u00e4lle, dass dies nicht passiert \u2013 dass dann die W\u00e4hler*innenklientel der betreffenden Kleinstparteien, die ideologisch-kulturell haupts\u00e4chlich aus dem konservativ-islamischen Spektrum kommt, insbesondere die CHP nicht w\u00e4hlt. Diese wurde und wird im Zuge des Kulturkampfes des politischen Islams als repressiv antiislamisch und verwestlicht d\u00e4monisiert. AKP-MHP bauen also darauf, dass das Machtstreben der einzelnen Parteien sowie die polarisierte Identit\u00e4tsbildung mit dieser Ver\u00e4nderung des Wahlgesetzes zum entscheidenden Nachteil f\u00fcr die Opposition und Vorteil f\u00fcr das Regime wird, auch wenn ein potenzielles Wahlklientel des Regimes von vier bis sieben Prozent aller g\u00fcltigen Stimmen (Summe der Stimmen der Kleinstparteien laut aktuellen Umfragen) von AKP-MHP wegbricht. Eine weitere Alternative f\u00fcr die Opposition w\u00e4re die Bildung einer rechtskonservativen Koalition um IYI und die Kleinstparteien und somit die Bildung einer genuin rechtskonservativen Blockalternative unabh\u00e4ngig von der CHP. Es ist wahrscheinlicher, dass die W\u00e4hler*innen der Kleinstparteien deren Kandidat*innen auf Listen der IYI w\u00e4hlen statt auf Listen der CHP. Die Rechnung des Regimes geht bez\u00fcglich dieser Alternative dahingehend, dass die Aufspaltung des Hauptoppositionsblocks in zwei Koalitionen die Friktionen zwischen den jeweiligen Bl\u00f6cken und Parteien insbesondere entlang der \u201ekurdischen Frage\u201c st\u00e4rkt und ihr einheitliches Vorgehen erschwert. Zudem gibt es, wie erw\u00e4hnt, das Problem, in einer solchen Konstellation \u00fcberhaupt Parlamentarier*innen entsenden zu k\u00f6nnen. Oder aber der Hauptoppositionsblock h\u00e4lt im Rahmen der <i>Millet \u0130ttifak\u0131</i> zusammen und gleichzeitig werden die Kandidat*innen der Kleinstparteien auf den Listen von IYI platziert (aber auch da bleibt das Problem bestehen, ob die IYI \u00fcberhaupt Parlamentarier*innen entsenden kann). <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-61171442\">Wie man es dreht und wendet</a>, macht es diese Wahlgesetzes\u00e4nderung <i>prima facie</i> den Hauptoppositionsparteien die Rechnung schwerer als sie sonst w\u00e4re und das ist auch der haupts\u00e4chliche Grund f\u00fcr die jetzt erfolgte Wahlgesetz\u00e4nderung.</p><p>Zudem spielen vermutlich auch <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkeys-political-realities-clash-erdogans-2023-dreams\">Friktionen zwischen AKP und MHP</a> f\u00fcr die Gesetzes\u00e4nderung eine Rolle: Nicht nur k\u00f6nnen sich so beide Parteien <a href=\"https://halktv.com.tr/makale/bahceli-istifa-ediniz-hsk-uyesi-basustune-650666\">f\u00fcr den eventuellen Niedergang des jeweils anderen</a> die Option offen halten, in Zukunft in anderen Konstellationen weiterhin eine wichtige politische Rolle zu spielen oder bei geschw\u00e4chtem Partner mehr Macht innerhalb des Regimes einzufordern. Die Senkung der Wahlh\u00fcrde auf sieben Prozent ist insofern ein Sieg der MHP, insofern sie bei einer erfolgreichen \u00dcberwindung der H\u00fcrde \u2013 und dies erscheint derzeit als wahrscheinlich, wenn auch knapp \u2013 im Regime-internen Kampf um Macht mehr Gewicht bekommt, da sie es dann erneut ohne Garantie der Koalitionsform ins Parlament geschafft haben wird. Neben den unmittelbaren Machtanspr\u00fcchen der beiden Parteien gab es immer wieder auch inhaltliche Konflikte, vor allem in der sogenannten \u201ekurdischen Frage\u201c und angesichts der (vor allem syrischen) Gefl\u00fcchteten im Land. W\u00e4hrend die MHP eine bedeutend h\u00e4rtere Gangart gegen die Kurd*innen vertritt, versucht die AKP immer wieder, auch die militarisierte Politik oberfl\u00e4chlich mit integrativen Balanceakten zu versehen. Ein Grund daf\u00fcr ist, dass die AKP immer noch Wahlpotenzial unter konservativen Kurd*innen besitzt, w\u00e4hrend die t\u00fcrkistische MHP nie kurdisches Wahlpotenzial besa\u00df. Gegen\u00fcber Gefl\u00fcchteten vertritt die MHP \u2013 wie ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung auch \u2013 eine stark ablehnende Haltung, w\u00e4hrend die AKP (neben der HDP als einzige Partei im Parlament und aus anderen Gr\u00fcnden als die HDP) eine positive Haltung dazu einnimmt.</p><p>Das erneute Auftauchen von Tansu \u00c7iller auf der politischen Arena ist Teil des Versuchs, die mitte-rechts Opposition zu spalten. \u00c7iller ist die wichtigste Pers\u00f6nlichkeit aus der Tradition des rechten Liberalkonservatismus in der T\u00fcrkei, die seit 2018 ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr die AKP ausgesprochen hat. Unter ihrer Ministerpr\u00e4sidentschaft fand die <a href=\"https://www.dw.com/tr/tansu-%C3%A7iller-aktif-siyasete-d%C3%B6n%C3%BCyor/a-61099019\">Ausweitung des extralegalen Kriegsf\u00fchrung</a> (paramilit\u00e4risch, mafi\u00f6s und mittels offizieller staatlicher Sicherheitsapparate) gegen die Kurd*innen in den 1990ern statt. Meral Ak\u015fener, die derzeitige Chefin der IYI und ehemals Innenministerin unter \u00c7iller, ist derzeit die einzige wichtige Pers\u00f6nlichkeit aus dieser Traditionslinie, die sich in der Opposition befindet. Alle anderen \u00f6ffentlich auftretenden wichtigen Pers\u00f6nlichkeiten dieser Tradition sind entweder direkt an der Regierung beteiligt wie der Innenminister Soylu oder unterst\u00fctzen das Regime offen wie der ehemalige Innenminister Mehmet A\u011far (dazu ausf\u00fchrlicher im Artikel \u201eT\u00fcrkisches Inferno\u201c). \u00c7iller hat <a href=\"https://www.sabah.com.tr/gundem/2022/03/09/son-dakika-tansu-cillerden-cok-carpici-cikis-koalisyonlar-darbeden-beterdir\">erst k\u00fcrzlich</a> die Perspektive der R\u00fcckkehr zum parlamentarischen System als \u201eVerrat an der Nation\u201c gebrandmarkt, in der Verteidigung des Pr\u00e4sidialsystems Koalitionsregierungen absurderweise als schlimmer als Milit\u00e4rputsche bezeichnet (absurd auch deshalb, weil ja fast alle Parteien in Koalitionen zur Wahl antreten, inklusive AKP-MHP) und eine R\u00fcckkehr zur Politik angek\u00fcndigt. In welcher Form diese erfolgt, ist noch nicht ganz fix: <a href=\"https://www.birgun.net/haber/tansu-ciller-in-partisinin-ismi-kulislere-sizdi-380168\">Vermutlich</a> wird sie an die Spitze einer wiederbelebten alten Partei treten. Jedenfalls geht es ihr <a href=\"https://halktv.com.tr/makale/cilleri-ve-erdogani-birlestiren-hedef-meral-aksener-668649\">explizit darum</a>, das potenzielle W\u00e4hler*innenpotenzial der IYI abzugraben und wieder f\u00fcr das Regime zu gewinnen.</p><h2><b>Die dezisionistisch-polykratische Struktur</b></h2><p>Ich hatte schon in \u201eT\u00fcrkisches Inferno\u201c analysiert, dass die politische Struktur in der T\u00fcrkei zunehmend dezisionistisch und polykratisch ist. Dezisionistisch, insofern Entscheidungen von potenten Machtakteur*innen Regeln und Gesetze bestimmen, anstatt dass diese im Rahmen konstitutioneller und institutioneller Schranken ausgehandelt werden; polykratisch, insofern sich unter der Spitze der Macht, dem Pr\u00e4sidenten, eine Reihe an ebenfalls dezisionistisch agierenden Machtakteur*innen hervortun, die miteinander um Macht und Einfluss ringen, wobei Erdo\u011fan als Schiedsrichter letzter Instanz \u00fcber dem Kampfplatz thront. Diese Struktur ist eine Herrschaftsform <i>sui generis</i> und sollte als eine solche analysiert, nicht jedoch auf dem normativem Hintergrund eines konstitutionell-liberalen Regimes als defizit\u00e4r abgetan werden. Eruptive und nicht objektiv-institutionell vermittelte Austragungen von Differenzen und Konflikten sind nur unter bestimmten Bedingungen dysfunktional f\u00fcr ein solches System, ansonsten aber Formen der Reproduktion desselben. Sich daher darauf zu verlassen, dass ein solches System <i>per se</i> instabil ist und zum Zusammenbruch neigt, ist eine gef\u00e4hrliche objektivistische Fehleinsch\u00e4tzung.</p><p>Wie zuvor gab Erdo\u011fan in der dezisionistisch-polykratischen Struktur nicht nur durch seine Praxis, sondern auch durch \u00f6ffentliche Ermunterung zu dezisionistischem Handeln den Ton an: \u201eWir sind vorangeschritten indem wir die B\u00fcrokratie Schritt um Schritt zerst\u00f6rt haben. Wenn n\u00f6tig, m\u00fcsst ihr das auch tun\u201c, <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/20-yildir-iktidarda-olan-erdogan-hala-valilerden-kaymakamlardan-yoneticilerden-sikayetci-1916979\">so</a> Erdo\u011fan j\u00fcngst zu AKP-Parlamentarier*innen, die sich \u00fcber Hindernisse in der Verwaltungsb\u00fcrokratie beschwerten. <a href=\"https://halktv.com.tr/ekonomi/nebati-fransiz-yatirimciya-vadetti-burokrasiyi-alasagi-ederiz-cumhurbaskani-668454h\">Ganz \u00e4hnlich</a> t\u00f6nte sein Wirtschafts- und Finanzminister Nebati im M\u00e4rz 2022 zu Investoren: \u201eWenn ihr ein Problem habt, k\u00f6nnt ihr uns sofort kontaktieren. Das Thema, das mir am leidigsten ist: Regularien oder B\u00fcrokratie, die den Investoren Probleme bereiten. Lasst uns gemeinsam k\u00e4mpfen, wir werden die B\u00fcrokratie zertr\u00fcmmern. Seid beruhigt, der Pr\u00e4sident steht hinter uns. Die Regularien ver\u00e4ndern wir auch, im Rahmen des Pr\u00e4sidialsystems schreiten wir schnell voran.\u201c</p><p>Vor allem im Kampf um die Justiz hat es in der dezisionistisch-polykratischen Struktur in den letzten Monaten wichtige Ver\u00e4nderungen gegeben. Wie in den Jahren zuvor pochte auch j\u00fcngst der Vorsitzende des Verfassungsgerichtshofes, Z\u00fcht\u00fc Arslan, auf liberal-konstitutionelle Elemente im Staat, wie beispielsweise auf eine aufkl\u00e4rerische und unter allen Umst\u00e4nden <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anaya-mahkemesi-baskani-arslan-idari-mali-ve-bilimsel-ozerklik-universite-ozerkliginin-ayrilmaz-unsurlaridir,986536\">freie Universit\u00e4t</a>. Dies ist nat\u00fcrlich <a href=\"https://www.brookings.edu/blog/order-from-chaos/2022/01/21/resistance-to-erdogans-encroachment-at-turkeys-top-university-one-year-on/\">angesichts des Kampfes</a> um den von Erdo\u011fan eingesetzten, aber von der gesamten Universit\u00e4t abgelehnten Rektors an der Bo\u011fazi\u00e7i-Universit\u00e4t sehr brisant. Zugleich benannte Arslan, ebenfalls wie schon in den Jahren zuvor, die hohe Anzahl an Verletzungen des Rechts auf faires Gerichtsverfahren als <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anayasa-mahkemesi-baskani-zuhtu-arslan-adil-yargilanma-hakkiyla-ilgili-bir-meselemiz-var,1006985\">gro\u00dfes Problem</a>. Seit der Bef\u00f6rderung des gl\u00fchenden Erdo\u011fan-Anh\u00e4ngers Irfan Fidan zum Verfassungsrichter \u2013 ein ehemaliger Istanbuler Generalstaatsanwalt, der <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/yazarlar/ismail-saymaz/bestepe-hukuk-burosu-6192101/\">sehr offen</a> zu politischen Zwecken und daher mittels eines sehr durchschaubar politischen Verfahrens eingesetzt wurde \u2013, <a href=\"https://gazeteoksijen.com/turkiye/15-bin-200-liralik-cezanin-9-yillik-hazin-oykusu-150857\">kippte das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis</a> innerhalb des AYM aber zunehmend zugunsten des politischen Blocks, der in Grundsatzfragen \u00fcber Menschen- und Freiheitsrechte ablehnend und im Sinne der (Staats-)Sicherheit entscheidet. Es wird gemunkelt, dass Erdo\u011fan Fidan als AYM-Chef haben m\u00f6chte und blo\u00df mehr das Ende der Amtszeit von Arslan abwartet.</p><p>Auch zeichnete sich schon gegen Oktober letzten Jahres ab, dass der Justizminister Abd\u00fclhamit G\u00fcl <a href=\"https://www.turkeyanalyst.org/publications/turkey-analyst-articles/item/680-fading-fa%C3%A7ades-abd%C3%BClhamit-g%C3%BCl-the-rule-of-law-and-the-power-struggles-within-the-erdo%C4%9Fan-regime.html\">im Machtkampf</a> mit dem Innenminister Suleyman Soylu <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/adalet-bakani-abdulhamit-gulun-gorevden-alinacagi-iddia-edildi-1880459\">unterliegt</a>. G\u00fcl wurde vom nationalistisch-autorit\u00e4ren Block im Staat <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/baris-pehlivan/polis-aracinda-esrarla-yakalanan-akpli-1881346\">als Blockade</a> f\u00fcr die beabsichtigte zunehmende Repression sowie ihrer Kaderpolitik angesehen. <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/siyaset/akpde-kavga-buyuyor-abdulhamit-gulden-soyluya-sert-tepki-1883035\">Einer</a> der Streitpunkte der letzten Monate war das von Soylu offen von Ortsvorsteher*innen eingeforderte dezisionistische Handeln, ohne auf Gerichtsprozesse und -entscheidungen zu warten (es ging um das Abrei\u00dfen von angeblich rechtswidrig errichteten Geb\u00e4uden). G\u00fcl betonte hier den Vorrang der Rechtsstaatlichkeit. Ebenfalls <a href=\"https://www.birgun.net/haber/partisinden-bile-destek-alamadi-371064\">stellte sich G\u00fcl gegen</a> die erw\u00e4hnten \u201eTerrorismus\u201c-Untersuchungen von Soylu gegen\u00fcber der Istanbuler Stadtverwaltung und andere rechtswidrige Vorgehensweisen. Ende Januar 2022 wurde letztlich seinem angeblichen \u201eGesuch auf Enthebung von Verantwortung\u201c statt gegeben, das hei\u00dft er wurde seitens Erdo\u011fans von seinem Amt enthoben. Dem war ein Machtverlust des Blocks um G\u00fcl in der Hohen Justiz gegen den nationalistisch-autorit\u00e4ren Block <a href=\"https://t24.com.tr/haber/abdulhamit-gul-ayrildi-adalet-bakanligi-na-bozdag-geldi-gul-soylu-istanbul-grubu-denklemi-bozuldu,1011306\">voraus</a><a href=\"https://t24.com.tr/haber/abdulhamit-gul-ayrildi-adalet-bakanligi-na-bozdag-geldi-gul-soylu-istanbul-grubu-denklemi-bozuldu,1011306\">gegangen</a>. Akteure wie Abd\u00fclhamit G\u00fcl oder Z\u00fcht\u00fc Arslan repr\u00e4sentieren weniger eine b\u00fcrgerlich-demokratische Opposition gegen die dezisionistisch-polykratische Struktur denn eine Nuancierung innerhalb derselben. Sie bef\u00fcrchten einen zu starken Hegemonieverlust, wenn der Dezisionismus au\u00dfer Rand und Band ger\u00e4t und visieren daher eine partielle R\u00fccknahme oder Schw\u00e4chung der allerextremsten Formen des Dezisionismus an. Offensichtlich hat der gem\u00e4\u00dfigte Fl\u00fcgel innerhalb der dezisionistisch-polykratischen Struktur mit der Amtsenthebung von G\u00fcl eine empfindliche Niederlage erlitten. Dem neu eingesetzten Bekir Bozda\u011f, der schon zwei Mal Justizminister in der AKP-\u00c4ra war, gab Erdo\u011fan <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/siyaset/siyaset-kulisi-hareketli-bekir-bozdaga-ilk-talimat-1903947\">angeblich die Anweisung</a>, die unter Abd\u00fclhamit G\u00fcl eingesetzten religi\u00f6sen Kader zu s\u00e4ubern und eine Einheit der Justiz unter F\u00fchrung der Konservativen und Nationalisten, aber auch einiger Sozialdemokraten herzustellen. Letzteres soll vermutlich dem Eindruck entgegenwirken, die Justiz w\u00fcrde von der AKP kontrolliert und dient damit der Beschwichtigung und Integration der b\u00fcrgerlichen Opposition.</p><p>Mit der Amtsenthebung von G\u00fcl verbunden war <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tuik-te-gorev-degisimi-erdal-dincer-gorevden-alindi-yerine-erhan-cetinkaya-atandi,1011302\">auch</a> die Amtsenthebung des Vorsitzenden des Statistikinstituts T\u00dcIK, Sait Erdal Din\u00e7er. Anfang 2022 <a href=\"https://www.diken.com.tr/kulis-erdogan-tuik-baskanina-tepkili/\">wurde bekannt</a>, dass Erdo\u011fan w\u00fctend auf ihn sei, weil das von ihm gef\u00fchrte Institut zu hohe Inflationszahlen ver\u00f6ffentlichte. Erdo\u011fan monierte, das T\u00dcIK hebe in seinen Publikationen nicht klar genug hervor, dass die Inflation \u201ek\u00fcnstlich\u201c und \u201evon au\u00dfen verursacht\u201c sei. Dabei steht das T\u00dcIK seit langem von allen seri\u00f6sen und unabh\u00e4ngigen Beobachter*innen in der Kritik; Grund daf\u00fcr sind laut Kritiker*innen gezielt zu niedrige Zahlen. Der Amtsenthebungsentscheidung waren eine Reihe kleinerer Entscheidungen vorhergegangen, die alle eine politisch motivierte Manipulation mit makro\u00f6konomischen Zahlen beinhalteten: Neben den st\u00e4ndigen Ersetzungen der jeweiligen Finanz- und Wirtschaftsminister sowie Zentralbankgouverneure sickerten zum einen seit geraumer Zeit <a href=\"https://www.diken.com.tr/tuik-yoneticisi-enflasyon-rakaminin-nasil-hazirlandigini-anlatti/\">Informationen</a> durch, wonach sich angeblich einige Mitarbeitende des T\u00dcIK gegen die Zahlenmanipulationen des T\u00dcIK stellten und daf\u00fcr gefeuert wurden. Zum anderen wurde, \u00e4hnlich wie bei den Inflationszahlen vor einigen Jahren, die Berechnung der Auslandsschulden <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/turkeys-external-debt-drops-25-billion-stroke\">kosmetisch gesch\u00f6nt</a>, wobei die betreffenden Eckdaten dennoch schlecht blieben. Aber trotz aller Bem\u00fchungen um eine autorit\u00e4re Konsolidierung bleibt die populare Unterst\u00fctzung f\u00fcr das Regime mangelhaft.</p><h2><b>Restauration oder populare Demokratie?</b></h2><p>Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise und seinen Auswirkungen auf die breite Bev\u00f6lkerungsmasse sowie dem Erfolg der Opposition in den neu gewonnenen Stadtverwaltungen spitzt sich der Hegemoniekampf zwischen Regime und Opposition zu. Der arithmetische <a href=\"https://en.wikipedia.org/wiki/Opinion_polling_for_the_2023_Turkish_parliamentary_election\">Durchschnitt</a> aller Wahlumfragen der letzten Monate zeigt, dass die Wahlstimmung eindeutig zuungunsten der AKP-MHP-Koalition gekippt ist (obzwar weniger verl\u00e4sslich, kippen auch die Umfragen zur anstehenden <a href=\"https://en.wikipedia.org/wiki/Opinion_polling_for_the_2023_Turkish_presidential_election\">Pr\u00e4sidentschaftswahl</a> gegen einen Sieg Erdo\u011fans). Selbst AKP-<a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/mehmet-acet/ak-partinin-son-anketlerinde-vaziyet-neyi-gosteriyor-2059800\">interne</a> bzw. -<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/optimar-anketi-erdogan-acik-ara-onde-galeri-1537428?p=2\">nahe</a> Umfragen zeigen, dass der AKP-MHP-Block, beziehungsweise Erdo\u011fan als Pr\u00e4sidentschaftskandidat, bei den anstehenden Wahlen nur sehr knapp gewinnen k\u00f6nnten. Die Opposition ist daraufhin mutiger geworden: Der Chef der CHP, Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, tritt zwischenzeitlich offensiver auf als gewohnt. Er besuchte mehrere staatliche Institutionen und wichtige Machtakteur*innen wie <a href=\"https://www.bloomberght.com/chp-lideri-kilicdaroglu-tcmb-baskani-ile-gorusecek-2289832\">die Zentralbank</a>, <a href=\"https://www.bloomberght.com/kilicdaroglu-tuike-gidiyor-2293565\">das T\u00dcIK</a>, das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-nun-gelisi-oncesi-meb-in-kapisina-kilit-vuruldu,1004618\">Bildungsministerium</a> (<i>Mill\u00ee E\u011fitim Bakanl\u0131\u011f\u0131</i>, MEB), die staatliche <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-randevu-talebine-yanit-verilmeyen-et-ve-sut-kurumu-genel-mudurlugu-onunde,1026424\">Fleisch- und Milchinstitution</a> (<i>Et ve S\u00fct Kurumu</i>) oder den TOBB, um Rechenschaft oder menschenw\u00fcrdige Preise einzufordern und Hegemoniepolitik zu betreiben. Der <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/11/16/kilicdaroglu-merkez-bankasindan-sonra-tobb-hamlesi/\">Besuch bei TOBB</a> war ein erster ernsthafter Versuch, die historisch AKP-nahen KMUs jetzt auf die Seite der Opposition zu ziehen. Gleichzeitig k\u00fcndigte er zum ersten Mal an, rechtswidrig oder parteiisch vorgehende B\u00fcrokrat*innen bei Machtantritt <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-kim-fakir-fukaranin-hakkini-yerse-karsisinda-olacagim-yaninda-erdogan-dahi-olsa,986276\">zu bestrafen</a>. AKP\u2019ler*innen berichten davon, dass ihnen <a href=\"https://www.diken.com.tr/kulis-kilicdaroglunun-cikisi-sonrasi-burokraside-direnc-basladi/\">seit</a> <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/3240950-kilicdaroglunun-hedefi\">dieser Erkl\u00e4rung</a> mehr Widerstand seitens der B\u00fcrokratie geleistet wird. K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu selbst berichtet davon, dass der Opposition seitdem <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-yolsuzluklarla-ilgili-belge-yagiyor,1010817\">immer mehr interne Unterlagen</a> zu staatlich betriebener Korruption und klientelistischer Ressourcenverschwendung zugeschickt w\u00fcrden. Eine Serie an t\u00fcrkeiweiten Kundgebungen unter dem Titel \u201eStimme der Nation\u201c (<i>Milletin Sesi</i>) wurde, nach einem Auftakt in der s\u00fcdt\u00fcrkischen Hafenstadt Mersin im Dezember 2021, bis auf weiteres verschoben, soll aber nach Ramadan (April-Mai 2022) mit der Forderung nach vorgezogenen Neuwahlen fortgesetzt werden. Auch in sonstiger Hinsicht gibt es Neuerungen: Zum ersten Mal seit Jahren hat die CHP die parlamentarische Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Verl\u00e4ngerung des Mandats f\u00fcr milit\u00e4rische Auslandseins\u00e4tze in Syrien und Irak \u00fcber zwei Jahre <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ankara-da-suriye-irak-tezkeresi-tartismasi-chp-neden-hayir-dedi,988647\">verweigert</a>, weil sie bef\u00fcrchtet, dass es im Vorlauf zu den anstehenden Wahlen (Sommer 2023) zu einem erneuten Kriegsszenario f\u00fcr die innenpolitische Mobilisierung kommen k\u00f6nnte. Zudem haben CHP und teils auch IYI nun \u00f6ffentlich die HDP als <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkeys-opposition-parties-drop-hints-future-cooperation\">legitime kurdische Repr\u00e4sentation</a> im Parlament zur L\u00f6sung der \u201eKurdischen Frage\u201c anerkannt.</p><h4><i>Angepasster Hauptoppositionsblock</i></h4><p>Dennoch: Die Taktik des b\u00fcrgerlichen Hauptoppositionsblockes bleibt seiner Grundausrichtung nach paternalistisch und teilweise angepasst an den Autoritarismus und das autorit\u00e4re Erbe der T\u00fcrkischen Republik. Eine Perspektive, die \u00fcber die Restauration des Neoliberalismus hinausgeht, ist nicht anvisiert.</p><p>Inhaltlich betrachtet werden weiterhin Elemente des t\u00fcrkischen Nationalismus und Chauvinismus bedient: <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkeys-political-realities-clash-erdogans-2023-dreams\">Hetze</a> gegen syrische Gefl\u00fcchtete und die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-hepimiz-sakin-olmaliyiz-afganlari-demokratik-yollarla-gondermek-zorundayiz,971595\">oft ge\u00e4u\u00dferte Absicht</a>, diese (alle!) \u201emit <a href=\"https://www.dunya.com/gundem/chp-lideri-kilicdaroglu-esad-ile-anlasmamiz-lazim-haberi-631961\">Pauken und Trompeten</a>\u201c oder \u201eauf demokratischen Wegen\u201c in ihre Heimatl\u00e4nder zur\u00fcckzusenden, sollte der Oppositionsblock an die Macht kommen, geh\u00f6ren zum politischen Alltag des b\u00fcrgerlichen Hauptoppositionsblocks. Dies trifft problematischerweise auf sehr hohe Zustimmung (<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/son-secim-anketi-imamoglu-18-yavas-15-puan-fark-atiyor-galeri-1531954\">mehr als 80 Prozent</a> der Bev\u00f6lkerung laut einer Umfrage). Mit dem Chef der faschistoiden MHP, Bah\u00e7eli, streitet K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu dar\u00fcber, wer der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-herkes-turkiye-nereye-dogru-savruluyor-diye-endise-icinde,988519\">echtere Nationalist</a> ist. Auch in der Wirtschaftspolitik wird die Regierung wegen der abh\u00e4ngigen Finanzialisierung der T\u00fcrkei daf\u00fcr kritisiert, \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-genclere-seslendi-sorunlarinizi-cozmeyi-ahdettik-sizleri-universite-bitirdikten-sonra-issiz-birakan-duzeni-tepe-taklak-yikacagiz,995465\">anti-national</a> und anti-autochton\u201c zu sein \u2013 dabei visiert der Hauptoppositionsblock die Restauration des Neoliberalismus und damit eben dieselbe abh\u00e4ngige Finanzialisierung an. Eine St\u00e4rkung von sozialen und Arbeiter*innenrechten inklusive der grundlegenden Revision der repressiven arbeitsrechtlichen und -organistorischen Bestimmungen (bzgl. Gewerkschaften oder des Streikrechts) findet sich bei diesen Parteien so selten wie im oben erw\u00e4hnten Bericht des T\u00dcSIAD. Noch bei einer der banalsten und simpelsten Protestformen, die K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu lancierte, namentlich \u00fcber einige Tage hinweg seine Stromrechnung nicht zu bezahlen in Solidarit\u00e4t mit all jenen, die unter der massiven Erh\u00f6hung des Strompreises litten, machten die anderen mitte-rechten Oppositionsparteien nicht mit, weil sie den Protest <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/04/turkish-opposition-leader-loses-electricity-he-protests-high-prices\">angeblich</a> zu \u201elinkspopulistisch\u201c fanden. Ein erst vor eineinhalb Monaten deklariertes Manifest des Hauptoppositionsblocks f\u00fcr die Perspektive eines sogenannten \u201everst\u00e4rkten parlamentarischen Systems\u201c <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/riza-turmen/guclendirilmis-parlamenter-sistem-ve-yeni-turkiye,34622\">bekundet zwar</a> die Absicht der Zerschlagung des dezisionistischen Pr\u00e4sidialsystems, beinhaltet daf\u00fcr aber weder einen Bezug auf soziale Gerechtigkeit, noch auf die Probleme der Kurd*innen oder Alevit*innen, geschweige denn ein zum Neoliberalismus der 2000er-Jahre alternatives \u00f6konomisches Programm.</p><p>Die Anerkennung der \u201eKurdischen Frage\u201c und der HDP bleibt auf sehr problematische Art und Weise inkonsequent (was Mesut Ye\u011fen in seiner <a href=\"https://www.cats-network.eu/publication/erdogan-and-the-turkish-opposition-revisit-the-kurdish-question\">Auflistung</a> der wohlwollenden Bez\u00fcge der Hauptopposition zur HDP nicht hinreichend ber\u00fccksichtigt): Einerseits dient diese \u201eAnerkennung\u201c dazu, Abdullah \u00d6calan und die PKK als Verhandlungspartner*innen grundlegend abzulehnen. \u201eNennt mich nicht K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, wenn ich dieses Nest Kandil [Kandilgebirge im Grenzgebiet T\u00fcrkei-Irak-Iran, mutma\u00dfliches Hauptquartier der PKK; Anm. d. Aut.] nicht dem Erdboden gleich mache\u201c, <a href=\"https://www.haberturk.com/kilicdaroglu-kandil-i-yerle-yeksan-etmezsem-kilicdaroglu-demesinler-3241622\">so K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu</a>. Er <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-ndan-sinir-otesi-operasyon-yapan-tsk-ya-allah-bu-mubarek-ayda-mehmetcigimizin-ayagina-tas-degdirmesin,1028645\">verteidigt</a> daher auch die derzeit laufende gro\u00dfangelegte Milit\u00e4roffensive gegen das Kandilgebirge. Dabei ist es unwahrscheinlich, dass die PKK milit\u00e4risch besiegt werden kann. Zudem genie\u00dfen sie und \u00d6calan eine sehr hohe Zustimmung unter der kurdischen Bev\u00f6lkerung. Auf die Kriegsoption zu setzen \u2013 wie es derzeit ja auch das Regime tut \u2013 wird daher nur den ewigen Krieg blutig fortsetzen und sicherlich nicht zu einem gesellschaftlichen Frieden beitragen. Andererseits ist aber auch die Anerkennung der HDP selbst nur halbherzig: IYI-Chefin Ak\u015fener <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-bugun-turkiye-de-kadin-hayir-dediginde-onun-iradesini-koruyacak-bir-hukuk-yok,990478\">betont</a>, dass sie die HDP an der Seite der PKK sehen und die Nutzung des Worts \u201eKurdistan\u201c auf die \u201eTerrororganisation\u201c (also die PKK) zur\u00fcckgehe (was nat\u00fcrlich Humbug ist). CHP wie IYI unterst\u00fctzten erneut die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/chp-hdp-li-semra-guzel-in-dokunulmazliginin-kaldirilmasina-evet-diyecegiz,1009164\">Aufhebung der Parlamentsimmunit\u00e4t</a> einer HDP-Parlamentarierin wegen angeblicher \u201eTerrorpropaganda\u201c; die Kleinstpartei <i>Gelecek Partisi</i> (Zukunftspartei, GP) verteidigt <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/nagehan-alci/3224883-davutoglu-kimse-galibiyet-ya-da-secim-hezimeti-beklentisi-ile-turkiyenin-onunu-tikamamali\">bis heute aktiv</a> die fr\u00fcher get\u00e4tigten Aufhebungen der Parlamentsimmunit\u00e4ten von HDP-Abgeordneten. Einer eventuellen Schlie\u00dfung der HDP wegen terroristischer Aktivit\u00e4t macht Ak\u015fener die Forderung zur Kondition, dass dann auch der Partei der Prozess gemacht werden m\u00fcsse, die mit ihr den \u201eFriedensprozess\u201c gef\u00fchrt habe \u2013 also die AKP \u2013, anstatt den Verbotsprozess grundlegend abzulehnen. Und <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/murat-sabuncu/tusiad-baskani-merkez-bankasi-nin-attigi-faiz-indirimi-adimlari-ne-gercekten-piyasa-faizlerine-ne-de-ekonomiye-olumlu-yansiyor,33182\">auch</a> der T\u00dcSIAD ist der Meinung, dass T\u00fcrkisch weiterhin Amts- und Schulsprache bleiben, das hei\u00dft, Kurdisch nicht offiziell als gleichwertig zu T\u00fcrkisch gelten solle. Da war sogar der <a href=\"https://tusiad.org/tr/yayinlar/raporlar/item/1797-turkiyede-demokratiklesme-perspektifleri\">T\u00dcSIAD-Demokratiebericht 1997</a> weiter, da er die \u201eKurdische Frage\u201c als solche benannte und auch das Recht auf muttersprachlichen Unterricht anerkannte. Wie sich die Akteur*innen des b\u00fcrgerlichen Hauptoppositionsblocks mit solchen Haltungen vorstellen, die \u201eKurdische Frage\u201c gel\u00f6st zu bekommen, bleibt fraglich. Da ist dann auch die \u201eAnerkennung\u201c der HDP nicht viel wert und mehr oder minder nur ein Feigenblatt f\u00fcr die Fortsetzung des t\u00fcrkischen Nationalismus. Letzterer ist nicht gottgegeben, sondern ver\u00e4nderbar: <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/bekir-agirdir-cozum-surecine-destek-yuzde-40-seviyesinde-hazirlanmamiz-lazim-haber-1561575\">Eine</a> Metastudie des Meinungsforschungsinstituts KONDA <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/istanbulda-kurt-sorunu-tartisildi-kurtler-ayri-devlet-mi-istiyor-haber-1561536\">konnte aufzeigen</a>, dass die Zustimmung zum \u201eFriedensprozess\u201c in der Bev\u00f6lkerung der T\u00fcrkei innerhalb des letzten Jahrzehnts gro\u00dfen Schwankungen unterlag mit zeitweisen Spitzenwerten von bis zu 60 Prozent Zustimmung f\u00fcr denselben. Die AKP war einst mutiger als die heutige Opposition: Sie begann den \u201eFriedensprozess\u201c in einer Zeit, als die Zustimmung zu diesem laut KONDA bei 30 Prozent lag. Sich stattdessen an den historisch und politisch erneut bewusst gef\u00f6rderten t\u00fcrkischen Nationalismus und Chauvinismus anzubiedern wie es die heutige Opposition teilweise tut, ist daher eine bewusste politische Entscheidung und ein bewusstes politisches Kalk\u00fcl, aber keine objektive Notwendigkeit.</p><p>Formal betrachtet wird weiterhin Appeasement ge\u00fcbt an die omin\u00f6se \u201eEinheit des Staates\u201c im Allgemeinen, an das Pr\u00e4sidialsystem im Besonderen:</p><p><a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/dikkat-ceken-gorusme-meral-aksener-chp-genel-merkezine-geldi-1878236\">Absurderweise</a> stellten sich CHP wie IYI <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/ahmet-hakan/dahiyane-bir-formul-41925619\">direkt</a> <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-dunya-59028607\">auf Regierungsseite</a>, als im Herbst letzten Jahres zehn Botschafter*innen die T\u00fcrkei dazu ermahnten, sich bez\u00fcglich des Gerichtsverfahrens gegen den liberalen M\u00e4zen Osman Kavala an die Entscheidungen des Europ\u00e4ischen Gerichtshofes f\u00fcr Menschenrechte (EGMR) zu halten. Dieser forderte n\u00e4mlich eine sofortige Haftentlassung. Dabei hatte doch die T\u00fcrkei aus eigener Entscheidung heraus die Entscheidungen des EGMR als oberstes Gericht vertraglich akzeptiert. Osman Kavala blieb weiterhin aus purer autorit\u00e4rer Willk\u00fcr \u2013 n\u00e4mlich zwecks Abschreckung gro\u00dfb\u00fcrgerlich-liberaler Opposition \u2013 inhaftiert und die eigentlich recht zahnlose Erkl\u00e4rung der Botschafter*innen wurde gezielt zu einem riesigen Theater seitens des Regimes aufgeblasen, um mal wieder chauvinistisch-pseudoantiimperialistisch St\u00e4rke zu demonstrieren. Mittlerweile ist Kavala zu lebensl\u00e4nglicher Haft unter erschwerten Bedingungen verurteilt worden. Gewollt oder ungewollt hat die Opposition mit solchen Verhaltensweisen diesem politischen Urteil zugespielt.</p><p>Dabei eiern die Hauptoppositionsparteien teils immer noch sogar beim ganz banalen Minimalpunkt der Bek\u00e4mpfung des Regimes herum, gemeint ist die Abschaffung des Pr\u00e4sidialsystems. Der Chef der <i>Saadet Partisi</i> (Gl\u00fcckseligkeitspartei, SP), die aus derselben politischen Tradition kommt wie einst die AKP, hielt es unter bestimmten Umst\u00e4nden <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/erdogandan-karamollaogluna-sistem-iyi-bir-tek-501-mahsurlu-haber-1541538\">nicht f\u00fcr absolut ausgeschlossen</a>, dass sie das Pr\u00e4sidialsystem unterst\u00fctzen k\u00f6nnten; GP-Chef Davuto\u011flu <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/nagehan-alci/3224883-davutoglu-kimse-galibiyet-ya-da-secim-hezimeti-beklentisi-ile-turkiyenin-onunu-tikamamali\">bekundet</a>, dass sie sich nat\u00fcrlich mit der AKP an einen Tisch setzen w\u00fcrden, wenn diese \u201eihre Meinung \u00e4ndert\u201c. Derselbe K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, der rechtswidrig/parteiisch agierende B\u00fcrokrat*innen mit Verfolgung bei Macht\u00fcbernahme bedrohte, sprach zugleich davon, dass er sich ganz allgemein und umfassend \u201e<a href=\"https://www.dw.com/tr/k%C4%B1l%C4%B1%C3%A7daro%C4%9Flundan-yeni-helalle%C5%9Fme-a%C3%A7%C4%B1klamas%C4%B1/a-59835688\">auss\u00f6hnen</a>\u201c (<i>helalle\u015fmek</i>) m\u00f6chte. Dass sich diese Auss\u00f6hnung nicht, wie von f\u00fchrenden CHP-Kadern behauptet, ausschlie\u00dflich auf eine Vers\u00f6hnung der polarisierten Massen der Bev\u00f6lkerung ausrichtete, sondern durchaus auch die Entsch\u00e4rfung des popularen Antagonismus zu Staat und Erdo\u011fan beinhaltete, wurde kurz darauf deutlich. Als die CHP ausnahmsweise mal <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-59533531\">eine Massenkundgebung</a> veranstaltete, namentlich in Mersin im Rahmen der <i>Milletin Sesi</i>-Kundgebungen mit zehntausenden Beteiligten, da warnte K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu die k\u00e4mpferische Menge davor, gegen das Statistische Amt zu wettern und einen R\u00fccktritt Erdo\u011fans zu fordern. Er hielt fest, dass jetzt nicht die Zeit des K\u00e4mpfens und des Konflikts sei, sondern die der Einheit und der Vereinigung. Aber wann sonst, wenn nicht in einer autorit\u00e4r-faschistoiden Spirale und einer tiefen Wirtschafts- und Hegemoniekrise w\u00e4re denn die Zeit des K\u00e4mpfens?</p><p>Generell bleibt die Herangehensweise der beiden (mitte-)rechten Hauptoppositionsparteien weiterhin so, dass sie <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-den-erdogan-a-sokaga-dokulme-yaniti-nereden-baksaniz-acayiplik-sacmalik-derhal-bir-psikiyatriste-gorunmesini-tavsiye-ediyorum,1005907\">explizit</a> Mobilisierungen auf die Stra\u00dfen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-ndan-erdogan-a-beyefendi-bizim-sokaga-cikmamizi-istiyor-cikmayacagiz-catisma-alani-yaratmak-istiyorlar-o-tuzaga-dusmeyecegiz,1005896\"><i>ablehnen</i></a>. Hierzu \u00e4u\u00dferte sich CHP-Chef K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-alti-lider-karar-aldik-adayi-birlikte-belirleyecegiz,1026641\">erst k\u00fcrzlich</a> erneut ganz unmissverst\u00e4ndlich: \u201eEffektive Opposition ist das eine, ins Feld gehen etwas anderes. [\u2026] Ich m\u00f6chte nur das eine: unser Volk soll entspannt bleiben, zumindest bis zu den Wahlen. Wir werden sowieso alle schwerwiegenden Probleme l\u00f6sen, sobald wir an der Macht sind. [\u2026] Jetzt, kurz vor den Wahlen, d\u00fcrfen wir uns nicht vom Palast [Erdo\u011fans Pr\u00e4sidentenpalast; A. K.] provozieren lassen.\u201c Es war daher auch eine \u2013 freilich bisher einmalige \u2013 <a href=\"https://artigercek.com/haberler/deva-dan-sokaga-cikin-cagrisi\">\u00dcberraschung</a>, als die Diyarbak\u0131r-Sektion der oppositionellen Kleinstpartei <i>Demokrasi ve At\u0131l\u0131m Partisi</i> (Partei f\u00fcr Demokratie und Fortschritt, DEVA) im Oktober 2021 eine Kundgebung organisierte \u2013 mit dem Verweis, dass nur der Protest auf der Stra\u00dfe etwas bringe, nicht der in den eigenen vier W\u00e4nden.</p><h4><i>Das strategische Kalk\u00fcl hinter der angezogenen Handbremse</i></h4><p>Alle diese Dinge stellen nicht Schw\u00e4chen oder M\u00e4ngel der Hauptopposition dar, sondern ein klar durchdachtes politisches Kalk\u00fcl. Es ist offensichtlich, dass Massenmobilisierungen f\u00fcr die Opposition nur in Frage kommen, wenn sie <i>paternalistisch geg\u00e4ngelt und kontrolliert</i> werden k\u00f6nnen, damit sie den hegemoniepolitischen Rahmen, der vom Hauptoppositionsblock eng abgesteckt wird, nicht verlassen. Der Hauptoppositionsblock <a href=\"https://www.turkeyanalyst.org/publications/turkey-analyst-articles/item/685-conservatism-as-solution-can-the-nation-alliance-solve-turkey%E2%80%99s-problems\">visiert</a> die Restauration des neoliberalen Regimes auf \u00f6konomisch erh\u00f6hter Stufenleiter minus seiner derzeitigen dezisionistischen Struktur an, wobei aber autorit\u00e4re und nationalistische Ideologieelemente sowie eine die Bev\u00f6lkerung nicht als aktives Subjekt anrufende politische Praxis beibehalten werden sollen. Diese sollen deshalb beibehalten werden, damit die Subalternen nicht selbst\u00e4ndig und als aktive, gesellschaftsver\u00e4ndernde Subjekte gegen\u00fcber den Herrschenden auftreten k\u00f6nnen. Wo sich Nationalismus und Autoritarismus etabliert haben, erweisen sie sich neben ihrer repressiven Funktion gegen gegen-hegemoniale Akteur*innen als n\u00fctzliche Formen, <i>subalternen Konsens f\u00fcr ansonsten intern extrem ungleiche und entrechtende Regime</i> herzustellen. Die omin\u00f6se und allseits beschworene Einheit des Staates, die nichts anderes als die Verewigung der G\u00e4ngelung relativ selbst\u00e4ndiger Politik und sozialer K\u00e4mpfe ist, gereicht zwar dem jeweils dominanten politischen Regime am meisten zum Vorteil, da es auch das Terrain b\u00fcrgerlich-oppositioneller Politik enger absteckt. Die Opposition kann aber immer darauf hoffen, selbst eines Tages diese Ressource anzapfen zu k\u00f6nnen. Von selbst auf die hegemonialen Ressourcen von Nationalismus, Autoritarismus und Staatsfetischismus zu verzichten, das mag derzeit offensichtlich niemand im b\u00fcrgerlichen Hauptoppositionsblock der T\u00fcrkei.</p><p>(Links-)Liberale Analytiker*innen sind daher oft <a href=\"https://www.justsecurity.org/79306/might-the-turkish-electorate-be-ready-to-say-goodbye-to-erdogan-after-two-decades-in-power/\">allzu vorschnell</a> in ihrer <a href=\"https://www.politikyol.com/turkiyenin-gelisen-yeni-modeli/\">Begeisterung</a> f\u00fcr das <a href=\"https://pomed.org/opposition-leaders-unveil-plan-to-democratize-turkey/\">Demokratisierungspotenzial</a> des b\u00fcrgerlichen Hauptoppositionsblocks und seiner <a href=\"https://www.foreignaffairs.com/articles/middle-east/2022-01-04/erdogans-end-game\">Erfolgsaussichten</a>. Die <a href=\"https://mavidefter.net/joachim-beckerle-roportaj-macaristan-secimleri-ve-altili-muhalafetin-basarisiz-sinavi/\">k\u00fcrzlich</a> erfolgte vernichtende Niederlage des <a href=\"https://newleftreview.org/sidecar/posts/orban-victorious\">restaurativ-neoliberalen ungarischen Hauptoppositionsblocks</a>, der als Vorbild des Blocks in der T\u00fcrkei diskutiert wurde, h\u00e4tte ein Weckruf sein k\u00f6nnen. Aber CHP-Chef K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu ist der Meinung, dass es <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-alti-lider-karar-aldik-adayi-birlikte-belirleyecegiz,1026641\">keine \u00c4hnlichkeiten</a> mit der Situation in Ungarn g\u00e4be, weil dort die Opposition haupts\u00e4chlich aus linken Parteien best\u00fcnde und die Wirtschaft in einem guten Zustand sei. Was sonst folgt daraus als dass die Hauptoppositionspartei eben auf eine rechte Politik und die Tiefe der Wirtschaftskrise vertraut als Garanten f\u00fcr einen Wahlsieg? Die <a href=\"https://sendika.org/2021/09/direnis-fraksiyonu-630629/\">Beschr\u00e4nkung der Kritik</a> durch den Hauptoppositionsblock in der T\u00fcrkei auf eine \u201eRegierungs-/Verwaltungsunf\u00e4higkeit\u201c des Regimes und das Klientelkapital bei \u00dcbernahme nationalistischer und autorit\u00e4rer Muster dient exakt der Dethematisierung der neoliberal-autorit\u00e4ren Grundlage der derzeitigen Gesellschaftsformation in der T\u00fcrkei. Es bleibt sehr fraglich, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/bekir-agirdir/yeni-ak-parti-olmak-meseleyi-cozer-mi,33003\">ob</a> eine solche Perspektive, die kaum einen positiven Entwurf f\u00fcr die T\u00fcrkei \u2013 au\u00dfer der Behebung der als M\u00e4ngel wahrgenommenen autorit\u00e4ren Z\u00fcge des Pr\u00e4sidialsystems \u2013 beinhaltet, die Menschen tats\u00e4chlich positiv begeistern und damit die Identifikation mit den Regimeparteien zugunsten eines neuen Konsens brechen kann.</p><p>Denn <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/08/16/akpden-kopan-secmen-neden-beklemede/\">a</a>uch wenn die \u201enegative Identit\u00e4tsbildung\u201c bei AKP-MHP-W\u00e4hler*innen abnimmt (also Identifizierung mit AKP und/oder MHP aufgrund der Abgrenzung gegen\u00fcber den Oppositionsparteien), <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-anketi-12-puanlik-akp-ve-mhp-secmeni-kararsiz,1021981\">bleibt</a> der Anteil der unter anderem trotz Abwendung oder Infragestellung von AKP/MHP <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-anketi-kararsizlarin-erdogan-a-oy-verme-egilimi-nasil,1022661\">unsicher oder schwankend</a> verbleibenden W\u00e4hler*innen mit <a href=\"https://tr.euronews.com/2021/10/12/2023-cumhurbaskanl-g-secimleri-son-anketler-ne-diyor\">um die 20 bis 25 Prozent</a> Anteil an allen Wahlberechtigten <a href=\"https://tr.euronews.com/2021/09/21/turkiye-raporu-anketi-ak-parti-nin-oylar-yuzde-30-un-alt-na-geriledi\">hoch</a>. Eine W\u00e4hler*innenbewegung setzt, wenn \u00fcberhaupt, dann zur rechtsnationalistischen IYI ein. Dabei ist die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/orc-arastirma-son-secimde-erdogan-a-oy-verenlerin-yaklasik-yuzde-40-i-erken-secimin-ihtiyac-oldugunu-soyledi,980001\">Unzufriedenheit</a> bei AKP- bzw. Erdo\u011fanw\u00e4hler*innen <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/ekonomi/carpici-ekonomi-arastirmasi-10-kisiden-9unun-gorusu-ayni-1916355\">insbesondere</a> angesichts der vertieften Wirtschaftskrise \u2013 so <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ipsos-arastirmasi-turkiye-de-vatandaslarin-yuzde-82-si-ekonomi-kotu-diyor,1031825\">wie im Rest</a> der Bev\u00f6lkerung <a href=\"https://www.bloomberght.com/her-10-kisiden-dordu-ailesinden-maddi-destek-aldi-2304784\">auch</a> \u2013 vergleichsweise hoch, das Wirtschaftsmanagement wird von (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/mak-arastirma-baskani-herkes-ekonomi-kotu-yonetiliyor-diyor-hukumet-bunu-hic-uzerine-almiyor,1024330\">\u00fcber</a>) <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/metropollden-ekonomi-anketi-ak-parti-ve-mhp-secmeni-iktidar-ekonomiyi-yonetemiyor-galeri-1540308\">80 Prozent</a> als schlecht bewertet. Auch wird weiterhin \u00fcber das <a href=\"https://www.dw.com/tr/konda-y%C3%BCzde-69-adalete-g%C3%BCvenmiyor/a-59436393\">marode Justizsystem</a> und die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-anketi-akp-secmeninin-yuzde-75-i-oy-almak-icin-dinin-siyasette-kullanilmasini-onaylamiyor,984192\">Nutzung der</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-anketi-akp-secmeninin-yuzde-72-si-diyanetin-ve-din-adamlarinin-siyasetle-ugrasmalarini-yanlis-buluyor,984405\">Religion zu politischen Zwecken</a> Unzufriedenheit ge\u00e4u\u00dfert. Eine <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-anketi-secmenlerin-84-5-i-hayat-pahaliliginin-artmaya-devam-edecegini-dusunuyor,990462\">pessimistische Sicht</a> auf die Zukunft, insbesondere <a href=\"https://www.dunya.com/kose-yazisi/iste-devletin-yaptirdigi-en-buyuk-secim-anketi/649485\">unter Jugendlichen</a>, nimmt stark zu. Dennoch ist insbesondere unter AKP-W\u00e4hler*innen weiterhin der Glaube stark, <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/10/will-turkeys-opposition-blow-golden-opportunity-beat-erdogan\">dass es</a> die Opposition <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/mak-anketi-secmenin-yuzde-41-i-oy-verdigi-partiyi-degistirecek-secmenin-yuzde-42-si-erdogan-a-asla-oy-vermem-diyor,13531/3\">nicht besser</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-anketi-halkin-muhalefetin-ekonomik-sorunlari-cozecegine-dair-guveni-gittikce-azaliyor,994774\">k\u00f6</a>nne, beziehungsweise bei einem potenziellen Machtantritt \u201eerneut\u201c <a href=\"https://yetkinreport.com/2022/01/18/sadece-ekonomik-kriz-iktidara-secim-kaybettirir-mi/\">massive Repression</a> betreiben w\u00fcrde (in der Ideologie der AKP ist die Opposition Schuld an der Unterdr\u00fcckung muslimischer Identit\u00e4ten in der Vergangenheit). <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-halkin-yuzde-46-si-muhalefet-liderlerinin-28-subat-ta-duzenledigi-toplantidan-habersiz,1024225\">Fast die H\u00e4lfte</a> der Bev\u00f6lkerung wei\u00df gar nicht, dass sich die b\u00fcrgerlichen Oppositionsparteien auf einer gemeinsamen Konferenz zum Beschluss einer gemeinsamen politischen Strategie getroffen haben. Die teils auf Polarisierung, Chauvinismus, Angst und Panikmache basierende und von der AKP und Erdo\u011fan aktiv hergestellte Identit\u00e4t unter ihren W\u00e4hler*innen h\u00e4lt, zumindest angesichts der Tiefe der Wirtschafts- und allgemeinen Hegemoniekrise, weiterhin <a href=\"https://yetkinreport.com/en/2021/10/26/how-do-the-low-income-akp-voters-get-poorer-but-not-flee/\">erstaunlich gut</a>. Sie ist daher weiterhin ein Beleg f\u00fcr die relative Autonomie des Politischen und der dem Politischen immanenten Vergegenst\u00e4ndlichungen (Identit\u00e4ten, Polarisierungen, Subjektivierungsformen etc.). Nur das Erk\u00e4mpfen realer Handlungsmacht auf Grundlage einer positiven, inklusiven Perspektive und einer alternativen politischen \u00d6konomie f\u00fcr die Zukunft der T\u00fcrkei kann jene Identit\u00e4t vollumf\u00e4nglich aufbrechen und sie grundlegend durch neue ersetzen.</p><h4><i>Sanfter \u00dcbergang oder radikaler Bruch?</i></h4><p>Aber angenommen, die an das Bestehende angepassten Taktiken des Hauptoppositionsblocks w\u00fcrden aufgehen und die Wahlen von diesem Block gewonnen werden: Mit der geplanten Restauration des Neoliberalismus und der Fortsetzung autorit\u00e4rer und chauvinistischer Elemente, ja vielleicht sogar mit einer nur halbgaren Abrechnung mit dem alten System werden all die hinreichenden Bedingungen der M\u00f6glichkeit eines erneuten autorit\u00e4ren <i>backlashs</i> reproduziert.</p><p>Es ist ein bekannter oppositioneller Akademiker, der ohne Scham offen ausspricht und einfordert, was unausgesprochen als reale M\u00f6glichkeit im derzeitigen Vorgehen des b\u00fcrgerlichen Hauptoppositionsblocks mitschwingt: Namentlich bei einem (Wahl-)Sieg \u00fcber Erdo\u011fan diesem und seiner Familie <a href=\"https://www.foreignaffairs.com/articles/middle-east/2022-01-04/erdogans-end-game\">Amnestie zu gew\u00e4hren</a>, um einen \u201esanften \u00dcbergang\u201c zu gew\u00e4hrleisten. Ein paar Linke seien bestimmt gegen diese besonders gewiefte Taktik, aber sie sei schon die wirklich vern\u00fcnftige. Das Milit\u00e4r k\u00f6nne ja diesen \u00dcbergang \u00fcberwachen. Die ungeheuerlichen Folgen, die eine solche Absegnung autorit\u00e4rer Willk\u00fcrherrschaft und des Klientelismus durch eine siegreiche Opposition dazu noch unter erneuter G\u00e4ngelung des Milit\u00e4rs mit sich bringen w\u00fcrde, ist jenem Akademiker augenscheinlich nicht einen Gedanken wert. Man fragt sich: Ist es denn keine Lektion gewesen, dass die Straflosigkeit der Akteur*innen des \u201eTiefen Staates\u201c der 1990er jetzt dazu f\u00fchrt, dass derselbe brutalisierte Chauvinismus wieder um sich greift und zentrale Akteur*innen jenes \u201eTiefen Staates\u201c \u2013 Sedat Peker, Mehmet A\u011far, S\u00fcleyman Soylu, Tansu \u00c7iller und andere \u2013 heute wieder fr\u00f6hliche Urst\u00e4nde feiern? Ganz zu schweigen davon, was die Jahrzehnte der Dominanz des Milit\u00e4rapparats innerhalb des Staates an Schaden angerichtet hat. M\u00fcsste man nicht gerade als Liberaler weit \u00fcber das Pr\u00e4sidialsystem Erdo\u011fans hinaus die konsequenteste und umfassendste Abrechnung mit dem nicht-liberalen Erbe der T\u00fcrkei fordern, \u201eGerichtstag halten \u00fcber uns selbst, Gerichtstag \u00fcber die gef\u00e4hrlichen Faktoren in unserer Geschichte, nicht zuletzt \u00fcber alles, was hier inhuman war\u201c (Fritz Bauer in Anlehnung an Henrik Ibsen), damit sich das Inhumane nie wieder wiederhole? Aber hier scheinen eben die Grenzen dieses angepassten Liberalismus auf.</p><p>In der T\u00fcrkei gibt es indes genug K\u00e4mpfe und soziale Dynamiken, die das Potenzial haben, weit \u00fcber die Dialektik zwischen autorit\u00e4rer Konsolidierung und neoliberaler Restauration hinauszuweisen. Gerade der Zerm\u00fcrbung, Atomisierung und Zerschlagung dieses Potenzials dienen solche Entwicklungen wie die drakonischen Strafen im Zuge des Gezi-Prozesses. Eben deshalb ist die Massenmobilisierung und der aktive politische Kampf wichtig, um der Zerm\u00fcrbung und der Demoralisierung Einhalt zu gebieten. Denn das Potenzial jener sozialen Dynamiken und K\u00e4mpfe kann sich, auf Grundlage gemeinsamer Handlungsmacht und zu erk\u00e4mpfenden Errungenschaften, durchaus mit den progressiven und demokratischen Elementen/Tendenzen in der AKP-MHP-W\u00e4hler*innenbasis verbinden und deren widerspr\u00fcchliches Alltagsbewusstsein klarer von seinen reaktion\u00e4ren und chauvinistischen Elementen befreien. Damit k\u00f6nnen die Grundlagen f\u00fcr eine popular-demokratische Perspektive geschaffen werden. Das wird aber nicht klappen, wenn man sich opportunistisch oder gar aus \u00dcberzeugung an die r\u00fcckst\u00e4ndigsten und reaktion\u00e4rsten Tendenzen innerhalb der Bev\u00f6lkerung anpasst, statt in erster Linie das schon vorhandene und sich in jahrelangen K\u00e4mpfen bildende Oppositions- und Demokratisierungspotenzial zu sch\u00fctzen und aufzubauen. Daf\u00fcr und f\u00fcr eine Ausstrahlung jenes Potenzials auch auf die Regimebasis bedarf es einer starken, koordiniert k\u00e4mpfenden revolution\u00e4ren Linken im B\u00fcndnis mit der kurdischen Bewegung. Die St\u00e4rkung dieses B\u00fcndnisses und seiner Beteiligten ist die einzige Garantie f\u00fcr die Demokratisierung der T\u00fcrkei. Alles andere beherbergt die Gefahr der Fortsetzung oder Wiederholung der Trag\u00f6die.</p><hr/><h2><b>Anmerkungen:</b></h2><p><b>[1]</b> Ich danke Axel Gehring und Johanna Br\u00f6se f\u00fcr viele, viele R\u00fcckmeldungen, Korrekturvorschl\u00e4ge und Kritiken.</p><p><b>[2]</b> Im \u00fcbrigen zeigen die klassisch neoliberal-populistischen \u201eGegenma\u00dfnahmen\u201c der Regierung gegen die Auswirkungen der Inflation, dass die Regierung gegen alle ideologische Hybris sowie \u201eTerrorismus\u201c-Gedr\u00f6hn angesichts sozialer Proteste sehr wohl wei\u00df, wie dr\u00e4ngend die sozialen und \u00f6konomischen Probleme, die ja erst zu jenen Protesten f\u00fchren, f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung geworden sind. Die Ma\u00dfnahmen sind klassisch neoliberal-populistisch, weil sie nur sehr milde Elemente von Fiskalpolitik zwecks \u00fcberschaubarer Umverteilung beinhalten, die zudem die Kapitalseite nicht ber\u00fchren, anstatt auf kollektive Rechte oder gar Ver\u00e4nderungen in der Arbeitswelt zu setzen oder die Menschen selbst als aktive, gestaltende Subjekte anzurufen.</p><p><b>[3]</b> Laut geltendem Gesetz darf ein Pr\u00e4sidentschaftskandidat nur zwei mal das Pr\u00e4sidentschaftsamt innehaben, au\u00dfer er selbst l\u00f6st das Parlament w\u00e4hrend einer seiner Amtszeiten auf und forciert vorgezogene Neuwahlen des Parlaments, wobei dann parallel dazu auch der Pr\u00e4sident neu gew\u00e4hlt wird. Erdo\u011fan wurde 2014 zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt und 2018 nochmal, aber zwischen beiden Wahlen fand die das Pr\u00e4sidialsystem einf\u00fchrende Verfassungs\u00e4nderung statt. Daher wurde Erdo\u011fan laut seinen Verteidiger*innen bisher nur ein mal gew\u00e4hlt nach derjenigen Verfassung, die die Auflage der zwei Amtsperioden beinhaltet, und kann daher noch einmal antreten. Die Kritiker*innen hingegen sind der Meinung, dass die Verfassungs\u00e4nderung nichts am Tatbestand \u00e4ndert, dass Erdo\u011fan schon zwei mal Pr\u00e4sident war/ist und daher nicht erneut zur Wahl antreten kann.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Erdo\u011fan und das Regime tun dabei alles, um den Prozess der autorit\u00e4ren Konsolidierung zu stabilisieren. Aber die Hegemonie br\u00f6ckelt. Eine Analyse der Hegemoniek\u00e4mpfe in der T\u00fcrkei von Alp Kayserilio\u011flu."}, {"title": "T\u00fcrkisches Inferno", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>T\u00fcrkisches Inferno</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"peker 8-fire.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/peker_8-fire.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">re:volt magazine</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Zitate am Anfang\" height=\"600\" src=\"/media/images/leere_frohliche_fahrt-2.original.jpg\" width=\"900\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h4><i>K\u0131ymetli karde\u015flerim, k\u0131ymetli dostlar\u0131m; tekrardan burday\u0131z. S\u00f6z verdi\u011fimiz \u00fczere, her zaman dedi\u011fimiz gibi, s\u00f6z namus</i>.</h4><p>\u201eVerehrte Br\u00fcder, gesch\u00e4tzte Freunde; hier sind wir wieder. Wie wir versprochen haben, wie wir immer gesagt haben: Die Treue zum Wort ist Ehre.\u201c Mit diesen oder \u00e4hnlichen Worten und erhobener rechter Hand mit Faustring auf der Handinnenfl\u00e4che leitete der verurteilte ultranationalistische Mafiapate und Sto\u00dftruppler des tiefen Staates in der T\u00fcrkei, Sedat Peker, fast alle seine seit Mai diesen Jahres aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) aufgenommenen und per Youtube in alle Welt verbreiteten <a href=\"https://www.youtube.com/user/pekersedsat\">Videos</a> ein. Nicht nur enth\u00fcllte Peker darin viele angeblich neue Details aus dem ekelerregenden, stinkenden Morast von Staat, Gl\u00fccksrittern, selbstverliebten und tiefkorrupten Pseudo-Journalisten, Auftragsm\u00f6rdern und der staatlich organisierten Menschenverachtung, die landl\u00e4ufig als Tiefer Staat bezeichnet wird. Nein, m\u00f6glich war der nur auf den ersten Blick individuelle Rachefeldzug Pekers einzig aufgrund der Versumpfung des Staates insgesamt, das hei\u00dft, der in alle Richtungen ausufernden wechselseitigen Verflechtung von Dezisionismus, Faschisierung und Polykratie im Politischen und des Klientelkapitalismus im \u00d6konomischen (auf diese Begriffe werde ich sp\u00e4ter noch ausf\u00fchrlicher Bezug nehmen). Peker und seine \u201eEnth\u00fcllungen\u201c sind selbst nur platzende Blasen auf der Oberfl\u00e4che dieses Sumpfes, der die gesamte T\u00fcrkei zu ersticken droht. So weit schritt die im Sinne der Regimeerhaltung betriebene Zerst\u00f6rung des sowieso schon recht \u00fcberschaubaren Mindestma\u00dfes an b\u00fcrgerlichem Konstitutionalismus in der T\u00fcrkei und seine Ersetzung durch den Sumpf voran, dass eine Kamera, ein Tripod und ein Faschist-jetzt-M\u00f6chtegern-Volksheld ausreichten, den Machtblock und das ganze Land <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57412909\">erneut in Aufruhr</a> zu versetzen. Beachtlich auch die enorme relative Autonomie dieses Sumpfes, der sich ja \u2013 wie oft vergessen wird \u2013 \u00fcber dem \u201eNormalbetrieb\u201c des neoliberalen Kapitalismus in der T\u00fcrkei erhebt und diesen \u2013 je nach Situation \u2013 so sehr bedroht, wie er ihn aufrechterh\u00e4lt.</p><p>Derzeit befindet sich die T\u00fcrkei in einer sich immer weiter versch\u00e4rfenden Spirale an Instabilit\u00e4t, \u00f6konomischen Verwerfungen, sozialer Depravation, Legitimationskrise, Gewalt, Militarismus und, seit j\u00fcngst, den vermutlich verheerendsten Waldbr\u00e4nden der Republiksgeschichte. Mitten in diesem Inferno t\u00f6nen die Stimmen der wichtigen Akteure des Regimes immer schriller: Wir waren die meisterhaftesten in der Pandemiebek\u00e4mpfung, unsere Wirtschaft ist am besten durch die Corona-Krise gekommen, es gibt keine Verarmung der Menschen, wir haben unendliche Gasvorkommen entdeckt, die T\u00fcrkei wird zum <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-amacimiz-ulkemizi-dorduncu-sanayi-devrimi-urun-ve-teknolojilerinin-ussu-haline-getirmek,919807\">Zentrum</a> der Vierten Industriellen Revolution, wir werden es <a href=\"https://www.yenisafak.com/en/columns/ibrahimkaragul/a-storm-will-strike-after-the-pandemic-turkey-will-further-shock-the-world-in-2021-2047718\">der ganzen Welt</a> zeigen, wir werden auf den Mond steigen, es gibt kaum irgendwo eine so gute Brandbek\u00e4mpfung wie in unserem Land und so weiter und so fort. Es ist eine Grundlehre der Psychoanalyse, dass die Rationalisierung einer bedr\u00fcckenden Situation, eines Traumas, umso \u00fcberbordender, schriller, zwanghafter wird, umso schwieriger die Aufrechterhaltung jener Rationalisierung angesichts der Realit\u00e4t ist.</p><h4><i>Dies ist die kafkaeske \u201eleere fr\u00f6hliche Fahrt\u201c des Regimes, das sich um nichts anderes mehr wirklich schert als um sich selbst \u2013 und dessen Akteuren im Ringen miteinander und mit der Hegemoniekrise die Kontrolle des Fahrwerks immer mehr entgleitet.</i></h4><p>Es gibt aber auch mehr als genug Potenzial in der T\u00fcrkei, um die wilde Fahrt aufzuhalten, bevor das gesamte Land mit der Kutsche in den Abgrund st\u00fcrzt. Das allerdings h\u00e4ngt davon ab, ob sich die politischen Akteure einfinden, jenes Potenzial auch zu entfesseln.<b> [1]</b></p><h2><b>Die Coronakrise in der T\u00fcrkei, oder: Stell Dir vor, Du l\u00fcgst auf Weltma\u00dfstab, und niemanden interessiert es</b></h2><p>Was sich schon im fr\u00fchen Herbst letzten Jahres abzeichnete, wurde im November dann ganz offiziell best\u00e4tigt: Die t\u00fcrkische Regierung hatte in Bezug auf die Coronakrise die vermutlich gr\u00f6\u00dfte bewusste und aktiv vorangetriebene Zahlenmanipulation weltweit betrieben. Der eigentliche Skandal daran ist allerdings, dass es kein Skandal wurde.</p><p>Man muss sich das vergegenw\u00e4rtigen: \u00dcber Monate hinweg zweifelten alle noch nicht vollst\u00e4ndig regimetreuen Institutionen in der T\u00fcrkei, allen voran die <a href=\"https://www.rosalux.de/news/id/43363/trotz-repression-den-menschen-mit-einem-laecheln-dienen\">wahrhaft heroisch</a> um Aufkl\u00e4rung und Volkswohl k\u00e4mpfende \u00c4rztekammer (<i>T\u00fcrk Tabipler Birli\u011fi</i>, TTB), die vom Gesundheitsminister durchgegebenen Zahlen zu Neuinfektionen und Todesf\u00e4llen in Bezug zu Covid an. Dabei waren schon diese <a href=\"https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(21)01098-9/fulltext\">schlimm genug</a>. Aber durch Hochrechnung von beispielsweise durch die TTB selbst kompilierten Daten konnte gesch\u00e4tzt werden, dass sich Anfang November 2020 die Zahl der Neuinfektionen zwischen <a href=\"https://www.ttb.org.tr/kollar/COVID19/haber_goster.php?Guid=19431d58-241d-11eb-a1e1-3f428dfd4b81\">20.000</a> und <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/ttb-her-10-dakikada-1-kisi-covid-19dan-oluyor-haber-1505071\">50.000</a> Personen t\u00e4glich bewegte \u2013 um ein vielfaches h\u00f6her als offiziell vom Gesundheitsministerium durchgegeben. F\u00fcr die durchgehend kritische und aufkl\u00e4rerische Haltung des TTB gegen\u00fcber den Regierungsma\u00dfnahmen wurde dieselbe \u00fcbrigens vom \u201ekleinen Partner\u201c der regierenden Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Aufschwung (<i>Adalet ve Kalk\u0131nma Partisi</i>, AKP), dem Chef der nationalistisch-faschistoiden Partei der Nationalistischen Bewegung (<i>Milliyet\u00e7i Hareket Partisi</i>, MHP) Devlet Bah\u00e7eli des Vaterlandverrates bezichtigt und mit Schlie\u00dfung und juristischer Verfolgung bedroht. Aber dann kam eins nach dem anderen: Zuerst gab der Gesundheitsminister zu, dass die vom Ministerium gemeldeten Neuinfektionen nur diejenigen beinhalteten, die gleich mehrere (!) Symptome aufwiesen \u2013 sprich, eine Minderheit der Corona-Infektionsf\u00e4lle. Kurze Zeit sp\u00e4ter sah sich der Gesundheitsminister von Erdo\u011fans Gnadentum dazu bem\u00fc\u00dfigt, auch \u201ealle anderen\u201c F\u00e4lle zu erw\u00e4hnen, sprich die wahren \u2013 oder zumindest der Wahrheit n\u00e4heren \u2013 Zahlen rauszur\u00fccken. Am 25. November 2020, von einem Tag auf den anderen, gingen daher die Neuinfektionen von grob 5.000 pro Tag auf <a href=\"https://www.bloomberght.com/bakan-koca-bugunku-vaka-sayisi-28-bin-351-vefat-sayisi-168-2269394\">fast 29.000 Neuinfektionen</a> pro Tag hinauf (was im \u00dcbrigen die Reputation und Professionalit\u00e4t der \u00c4rztekammer bewies, die durch unendlich m\u00fchevolle Kleinstarbeit und unter gro\u00dfem politischen Druck sehr nahe an diese Wahrheit rankam). Anfang Dezember \u201ekorrigierte\u201c der Gesundheitsminister dann dementsprechend auch die Gesamtinfektionszahlen nach oben: Waren im November 2020 vor der Bekanntgabe der nachjustierten Zahlen <a href=\"https://www.dw.com/de/streit-%C3%BCber-corona-zahlen-in-der-t%C3%BCrkei/a-55725636\">noch etwas weniger</a> als 30.000 in der T\u00fcrkei lebende Menschen offiziell als infiziert gemeldet, so lag die Zahl am 10. Dezember <a href=\"https://t24.com.tr/haber/saglik-bakani-koca-turkiye-de-toplam-koronavirus-vaka-sayisi-ni-acikladi-1-milyon-748-bin-567,919914\">ganz pl\u00f6tzlich</a> bei fast 1,75 Millionen Personen. Schaut man sich im Corona-Dashboard der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die <a href=\"https://covid19.who.int/region/euro/country/tr\">T\u00fcrkeiseite</a> an, erkennt man sofort die K\u00fcnstlichkeit der Daten, insbesondere die Spr\u00fcnge bei den Neuinfektionen Ende Juli und Ende November 2020. Laut der Investigativplattform<i> Total Analysis</i> befindet sich die T\u00fcrkei auf <a href=\"https://www.totalanalysis.com/Covid19/TAAlerts/179\">Platz 97</a> von 100 der auf Transparenz der Corona-Daten untersuchten L\u00e4nder. \u201eAber was sind denn schon eine Million mehr oder weniger Infektionsf\u00e4lle angesichts der schieren Unendlichkeit des Weltraums?\u201c, ist wohl die Logik, die hinter dieser nonchalanten Herangehensweise steht.</p><p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit den Angaben zu Verstorbenen w\u00e4hrend und wegen der Corona-Pandemie. Zwar hat das Statistische Institut der T\u00fcrkei (<i>T\u00fcrkiye \u0130statistik Kurumu</i>, T\u00dcIK) die t\u00fcrkeiweiten Todeszahlen und -ursachen f\u00fcr das Jahr 2020 immer noch nicht ver\u00f6ffentlicht, ja sogar die Ver\u00f6ffentlichung der Daten <a href=\"https://www.tuik.gov.tr/media/announcements/olum2020_en.pdf\">explizit ohne genaue Terminangabe</a> im Juni 2021 exakt einen Tag vor dem regul\u00e4ren Ver\u00f6ffentlichungstermin verschoben. Aber unabh\u00e4ngige Forscher und Zeitungen konnten aussagekr\u00e4ftige Berechnungen zur Exzessmortalit\u00e4t vorlegen (das hei\u00dft Anzahl oder Rate der Todesf\u00e4lle, die \u00fcber dem Durchschnitt der Todesf\u00e4lle eines Vergleichszeitraumes liegt). Die <a href=\"https://www.nytimes.com/interactive/2020/04/21/world/coronavirus-missing-deaths.html\"><i>New York Times</i></a> wie auch der Epidemiologe Mesut Erzurumo\u011flu kommen zum Beispiel zu \u00e4hnlichen Ergebnissen bez\u00fcglich der Mortalit\u00e4t in Istanbul: Beide gehen f\u00fcr die Millionenstadt von einer Exzessmortalit\u00e4t im Jahre 2020 (im Vergleich zum j\u00e4hrlichen Durchschnitt der Jahre 2015-19) von <a href=\"https://twitter.com/mesuturkiye/status/1381918089831407617\">25%</a> oder etwa 18.000 zus\u00e4tzlichen Toten aus \u2013 <a href=\"https://mesuturkey.wordpress.com/2021/01/03/excess-mortality-in-2020s-turkey/\">fast so vielen</a>, wie offiziell t\u00fcrkeiweit als Corona-Tote des Jahres gemeldet waren. Der Medieninformatiker G\u00fc\u00e7l\u00fc Yaman extrapoliert regelm\u00e4\u00dfig aus den Mortalit\u00e4tsdaten von St\u00e4dten in der T\u00fcrkei, in denen etwa die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung lebt beziehungsweise in denen etwa die H\u00e4lfte aller Todesf\u00e4lle der T\u00fcrkei stattfanden, (Exzess-)Mortalit\u00e4tszahlen und -raten f\u00fcr die gesamte T\u00fcrkei. F\u00fcr den Zeitraum vom 11. M\u00e4rz bis zum 10. November 2020 <a href=\"https://gucluyaman.com/tr/excess-deaths-in-turkey/\">errechnete er so</a> eine Exzessmortalit\u00e4t von 23% oder etwa 30.000 Exzess-Tote (im Vergleich zu den Jahren 2015-19) f\u00fcr das gesamte Land, was in etwa der doppelten Zahl der offiziellen Corona-Toten f\u00fcr den genannten Zeitraum im gesamten Land entspricht. Obzwar es nicht gesichertes Wissen ist, liegt es doch nahe, anzunehmen, dass die gesamte Exzessmortalit\u00e4t als die \u201eechte\u201c Zahl der Corona-Toten zu betrachten ist, zumal Todesf\u00e4lle durch eine Reihe anderer Gr\u00fcnde (Unf\u00e4lle, andere Infektionskrankheiten, usw.) durch die Pandemiebek\u00e4mpfungsma\u00dfnahmen \u00fcblicherweise zur\u00fcckgingen. Dass die Zahl der \u201ewirklichen\u201c Corona-Toten im weltweiten Durchschnitt <a href=\"https://www.bmj.com/content/373/bmj.n1188\">etwa doppelt so hoch</a> ist wie die offiziell gemeldeten Zahlen, wird mittlerweile als wahrscheinlich angesehen. Schaut man sich jedoch Yamans <a href=\"https://gucluyaman.com/tr/excess-deaths/excess-deaths-in-turkey-update-01-06-2021/\">neuere Berechnungen</a> an, die bis in den Juni 2021 hinein reichen, ergeben sich 146.000 Exzesstote im Verh\u00e4ltnis zu 48.000 offiziell gemeldeten Covid-Toten, also ein Verh\u00e4ltnis von etwas mehr als 3:1. Das liegt haupts\u00e4chlich daran, dass in einigen Dezemberwochen, in denen die Pandemie in der T\u00fcrkei bisher am schlimmsten w\u00fctete, Exzessmortalit\u00e4tsraten von laut Yaman unglaublichen 122% erzielt wurden.</p><h4><i>Social statistics are frozen tears \u2013 einer der ersten S\u00e4tze, die man im Studium der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte lernt. Statistiken zu manipulieren und nach Gutd\u00fcnken zu verdrehen, um das von Herrschaft geschaffene oder gef\u00f6rderte Leid der Menschen sch\u00f6nzureden, geh\u00f6rt hingegen zum Alltagsgesch\u00e4ft b\u00fcrgerlicher Politik im Kapitalismus.</i></h4><p>Nur ist es so, dass es mancherorts besonders schamlos, besonders menschenverachtend, besonders gleichg\u00fcltig gegen Wohl und Leid der Bev\u00f6lkerung betrieben wird. Die Zahlen zu Corona-Infektionen in der T\u00fcrkei sind indes nicht die einzigen wichtigen Zahlen, die \u201enach oben\u201c korrigiert wurden im Zeitraum, den diese Analyse abdeckt. Auch die Arbeitslosigkeitszahlen wurden, wie ich noch zeigen werde, nach oben korrigiert. Umgekehrt wurde, was die Inflationszahlen angeht, weiterhin staatlicherseits versucht per Repression realit\u00e4tsgerechtere Repr\u00e4sentationen zu unterbinden.</p><p>Der derzeitige Gesundheitsminister der T\u00fcrkei, Fahrettin Koca, ist indes nur ein \u2013 nat\u00fcrlich nicht unwichtiges und zur Verantwortung zu ziehendes, aber dennoch \u201enur\u201c ein \u2013 Rad im Getriebe einer (Pandemie-)Politik, deren einziges Anliegen politischer Machterhalt inklusive Fortsetzung kapitalistischer Profitakkumulation und so weit m\u00f6glich die Reproduktion der Minimalbedingungen einer sozialen Restlegitimit\u00e4t f\u00fcr jenen Machterhalt ist. Nicht mehr, nicht weniger. Und dass die Opposition in der T\u00fcrkischen Republik wie aber auch die gro\u00dfen, sch\u00f6nen, Werte-und-Normen geleiteten europ\u00e4ischen und transatlantischen Hauptverb\u00fcndeten der T\u00fcrkei die Corona-bezogene Zahlenmanipulation und die darin zum Ausdruck kommende, gezielt gegen menschliches Leid indifferente Pandemiepolitik kaum (Opposition) oder gar nicht (Europa und Co) skandalisierten, zeigt erneut in aller Deutlichkeit, dass b\u00fcrgerlicher \u201eAnti-Autoritarismus\u201c entsprechend der von ihm verfolgten Interessen recht bescheiden ist, wenn es um Wohlstand, Gesundheit und Lebensfreude der \u00fcbergro\u00dfen Mehrheit der Bev\u00f6lkerung geht. Au\u00dfer nat\u00fcrlich, es geht um Belarus, Russland oder China, also um geopolitische Antagonisten des euro-transatlantischen Kapitalismus. Da spielen dann jene Werte und Normen pl\u00f6tzlich eine ganz gro\u00dfe Rolle. Auch diese Bescheidenheit wird uns den restlichen Artikel \u00fcber als Konstante begleiten.</p><h2><b>Der Pandemie ausgeliefert</b></h2><p>Ich bin mir nicht sicher, ob man sagen kann, dass der Hochmut der Regierenden in den letzten Monaten in der T\u00fcrkei zugenommen hat. Ich meine jene Art von ma\u00dflosem selbstverherrlichendem Hochmut, der alle sogar vom Regime selbst gesetzten Regeln und Gesetze mit F\u00fc\u00dfen tritt und sich eines Besseren d\u00fcnkt, dies auch noch jeder und jedem ganz ohne Scham und \u00f6ffentlich unter die Nase reibt und damit das ganze Land verh\u00f6hnt, das unter Pandemie und Wirtschaftskrise \u00e4chzt und kr\u00e4chzt. Dieser Hochmut und die sich darin ausdr\u00fcckende schreiende Ungerechtigkeit sind aber jedenfalls viel sichtbarer und greifbarer geworden, da sie in mittlerweile krassester Diskrepanz zur Lebensrealit\u00e4t des Gro\u00dfteils der Menschen in der T\u00fcrkei inmitten der Pandemie stehen.</p><h4><i>Der Hochmut speist sich aus der Machtrunkenheit einer fast 20-j\u00e4hrigen Regierung, die zudem in den letzten zehn Jahren sukzessive konstitutionelle und b\u00fcrokratische Mechanismen in Politik und teilweise Wirtschaft ersetzt hat durch unmittelbarere Machtbeziehungen \u2013 also dezisionistischen Praktiken \u2013 und Klientelverh\u00e4ltnisse.</i></h4><p>Diese Politik sp\u00fclte damit Tausende kleine Erdo\u011fans, Neureiche, Gl\u00fccksritter, schmierige Gestalten, Menschheitsverbrecher und Opportunisten (erneut) an die Oberfl\u00e4che der \u00d6ffentlichkeit. Sinnbildlich f\u00fcr diesen Hochmut steht Erdo\u011fan h\u00f6chstpers\u00f6nlich, der auf die Frage eines Journalisten, ob er w\u00e4hrend der l\u00e4ngsten Periode der fast totalen Ausgangssperre im gesamten Lande (Mai 2021) in Istanbul bleiben werde, s\u00fcffisant und mit einem L\u00e4cheln auf den Lippen <a href=\"https://t24.com.tr/video/erdogan-dan-tam-kapanma-doneminde-istanbul-da-misiniz-sorusuna-yanit-en-kotu-ihtimalle-turkiye-deyim,38448\">antwortete</a>: \u201eIch habe mich noch nicht endg\u00fcltig entschlossen, ich werde jedenfalls hier in der Gegend sein. Im schlimmsten Fall bin ich in der T\u00fcrkei.\u201c Im schlimmsten Fall dazu verdammt, in der krisengebeutelten T\u00fcrkei inmitten einer rasenden Pandemie zwischen Not und Tod eingesperrt und ohne jegliche Perspektive zu sein \u2013 eine Realit\u00e4t f\u00fcr Viele, einen Witz wert f\u00fcr den Pr\u00e4sidenten des Landes. Aber gehen wir vom Gro\u00dfen ins Kleine. Das Ausma\u00df und die Ungerechtigkeit des Totentanzes der Macht auf das Land zeigt sich nur auf dem Hintergrund der Lebensrealit\u00e4t, zu dem der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung verdammt wurde.</p><p>Wie ich schon in \u201e<a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">Virus als Katalysator</a>\u201c hervorgehoben habe, reagierte der Staat sehr sp\u00e4t und sehr inkonsequent auf die Pandemie. Er begn\u00fcgte sich mit ideologischer Hybris, wohlgemeinten Ratschl\u00e4gen und der Abw\u00e4lzung der Verantwortung auf Individuen aus Angst vor wirtschaftlichem Schaden einerseits, weiteren Legitimationseinbr\u00fcchen durch nat\u00fcrlich kaum staatlich aufgefangene Schlie\u00dfungen und andere Ma\u00dfnahmen andererseits. Wie <a href=\"https://www.institutmolinari.org/wp-content/uploads/sites/17/2021/03/etude-zero-covid2021_en.pdf\">\u00fcberall sonst</a> <a href=\"https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(21)00978-8/fulltext\">auch</a> auf der Welt, wo dieses inkonsequente Vorgehen zwecks sehr kurzfristiger Interessen statt einer konsequenten Eind\u00e4mmungsstrategie pr\u00e4feriert wurde, hatte dies katastrophale Folgen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerungsmehrheit: Sie f\u00fchrte zu teils extrem hohen Reproduktionszahlen des Virus (bis zu 16 in Istanbul im April 2020; sprich, eine infizierte Person steckte rechnerisch 16 weitere Personen an), 2021 auch zu extrem hohen Inzidenzzahlen von \u00fcber 900 auf 100.000 Personen (<a href=\"https://www.cnnturk.com/turkiye/il-il-risk-haritasi-guncellendi-mi-19-nisan-2021-illere-gore-haftalik-koronavirus-vaka-sayilari-artan-ve-azalan-iller\">beispielsweise</a> in Istanbul und \u00c7anakkale, 10.-16. April 2021), zu t\u00fcrkeiweiten <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/2823868-turkuaz-tablonun-merkezine-girdim\">PCR-Testpositivraten</a> von <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/koronavirus-testi-turkiyede-yeterli-miktarda-test-yapiliyor-mu-1836797\">10-20%</a> und zu den zuvor angef\u00fchrten Zahlen betreffs Gesamtinfektionen und Todesf\u00e4llen. Weitergehende Ausgangssperren erfolgten nicht pr\u00e4ventiv, sondern wortw\u00f6rtlich in letzter Sekunde, um das vollst\u00e4ndige Entgleiten der Pandemie zu verhindern, etwa in Situationen, in denen die Krankenh\u00e4user in Gro\u00dfst\u00e4dten wie Izmir, Istanbul und Ankara <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/bilim-kurulunun-ilk-toplantisi-haftaya-ertelendi-1826756\">fast vollst\u00e4ndig</a> ausgelastet waren und <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/turkiye-vaka-sayisinda-avrupa-birincisi-oldu-1826754\">zu kollabieren</a> drohten (so im April und November 2020 und dann nochmal im April/Mai 2021).</p><p>Die erdr\u00fcckende Last einer au\u00dfer Rand und Band geratenen Pandemie machte sich auch in den Reaktionen des Regimes bemerkbar: Erdo\u011fan klang <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/04/turkish-health-experts-workers-call-social-support-ahead-17-day-covid-lockdown\">fast panisch</a>, als er im April 2021 feststellte, dass Europa schon zu \u00d6ffnungen \u00fcbergehe \u2013 w\u00e4hrend sich die Infektionslage in der T\u00fcrkei immer weiter zuspitze. Er erwarte heftige Folgen, wenn nichts unternommen w\u00fcrde (er dachte dabei nat\u00fcrlich ausschlie\u00dflich an den Tourismus). Auch der Gesundheitsminister wusste entgegen seiner durchgehend relativierenden Herangehensweise sehr wohl um die prek\u00e4re Situation in den Krankenh\u00e4usern. Er verh\u00e4ngte daher schon Ende Oktober 2020 ein <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-28/turkey-bars-health-workers-quitting-as-covid-deaths-near-10-000\">K\u00fcndigungsverbot</a> f\u00fcr Werkt\u00e4tige im Gesundheitssektor. Auch zum Zeitpunkt, als es zu Ausgangssperren kam, lag die Priorit\u00e4t auf der Wahrung kapitalistischer Profite vor dem gesundheitlichen Interesse der Bev\u00f6lkerung und insbesondere der Arbeiter*innen: W\u00e4hrend dem \u201etotalen Lockdown\u201c im Mai 2021 \u2013 \u00fcber Wochen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/icisleri-bakanligi-ndan-tam-kapanma-tedbirleri-genelgesi,948642\">galt eine absolute Ausgangssperre</a> im gesamten Land mit wenigen Ausnahmen \u2013 mussten immer noch 61% aller Arbeiter*innen <a href=\"http://arastirma.disk.org.tr/wp-content/uploads/2021/04/Tam-kapanma-yok-on-milyonlarca-isci-calismaya-devam-ediyor-Bulten.pdf\">normal weiter arbeiten</a>, das hei\u00dft sich dem Infektionsrisiko aussetzen. Nur 17% aller Arbeiter*innen profitierten vollumf\u00e4nglich von den Ausgangssperren, sprich ersparten sich den Arbeitsweg und den Aufenthalt am Arbeitsort \u2013 und damit die Infektionsgefahr. Was es hei\u00dft, inmitten einer Pandemie weiter arbeiten zu m\u00fcssen, das zeigt <a href=\"http://www.birlesikmetalis.org/index.php/tr/guncel/basin-aciklamasi/1603-metal-sektorunde-salgin-ciddi-boyutlara-ulasti\">ein Bericht</a> der linken Metallarbeiter*innengewerkschaft Birle\u015fik Metal-\u0130\u015f: Allein im Zeitraum zwischen M\u00e4rz und November 2020 infizierten sich 7,3% der Arbeiter*innen in Betrieben, in denen Birle\u015fik Metal-\u0130\u015f organisiert ist, offiziell mit dem Coronavirus. Einem Bericht der Gewerkschaft zufolge gab es zum Ver\u00f6ffentlichungszeitpunkt desselben in 86,75% der Betriebe, in denen Birle\u015fik Metal-\u0130\u015f organisiert ist, aktive Coronavirus-Infektionsf\u00e4lle.</p><p>Wie anderorts auch intervenierte der t\u00fcrkische Staat gegen die von Corona ausgel\u00f6ste Wirtschaftskrise. Ein Gro\u00dfteil der wirtschaftlichen St\u00fctzungshilfen gingen dabei an das Gro\u00dfkapital (Steuererleichterungen, Lohnnebenkostenhilfen, billige Kredite, Devisenverk\u00e4ufe der Zentralbank zur Stabilisierung der Lira), so gut wie nichts an den restlichen Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung. Die Ausma\u00dfe lassen sich mittlerweile etwas besser quantifizierend vergleichen. Nach Zahlen des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IMF) vergab die T\u00fcrkei w\u00e4hrend der Pandemie (bzw. im Zeitraum M\u00e4rz 2020 bis M\u00e4rz 2021) Hilfen in Form von zus\u00e4tzlichen unmittelbaren Ausgaben, Einkommensst\u00fctzen und Steuernachl\u00e4ssen und \u00c4hnlichem <a href=\"https://www.imf.org/en/Topics/imf-and-covid19/Fiscal-Policies-Database-in-Response-to-COVID-19\">in H\u00f6he von nur</a> 1,9%/BIP. Sie hat damit vor Mexiko und einigen wenigen armen L\u00e4ndern wie Nigeria, Myanmar und Bangladesch fast am wenigsten unter den vom IMF untersuchten L\u00e4ndern f\u00fcr die Breite der Bev\u00f6lkerung in der Pandemie getan (relativ zum BIP betrachtet). <b>[2]</b> Zum Vergleich: Die durchschnittlichen zus\u00e4tzlichen unmittelbaren Ausgaben der reichen L\u00e4nder betrug 16,42% ihres jeweiligen BIP, die der L\u00e4nder mit mittlerem Einkommen (worunter auch die T\u00fcrkei f\u00e4llt) 4,0% und die der armen L\u00e4nder 1,6%. Demgegen\u00fcber erreichten die indirekten Ausgaben (Kredite, Schulden und Garantien) der T\u00fcrkei mit 9,4%/BIP fast das Niveau der reichen L\u00e4nder (durchschnittlich 11,3%). Und auch nur deshalb lagen die gesamten Ausgaben (direkte + indirekte) der T\u00fcrkei im Rahmen der Pandemie mit etwa 11,3%/BIP bedeutend h\u00f6her als der Durchschnitt der L\u00e4nder mit mittlerem Einkommen (durchschnittlich 6,5%). In keinem anderen der vom IMF untersuchten L\u00e4nder machten daher die direkten Ausgaben und Einkommensst\u00fctzen mit <a href=\"http://arastirma.disk.org.tr/wp-content/uploads/2021/02/Covid-19-Harcamalar%C4%B1-Raporu-OCAK-2021.pdf\">nur 11%</a> aller Hilfen w\u00e4hrend der Pandemie 2020 einen so kleinen Anteil aus wie in der T\u00fcrkei. Daher hatte der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung und darin insbesondere die Werkt\u00e4tigen in der T\u00fcrkei nicht nur unter dem katastrophalen Pandemiemanagement des Regimes zu leiden, sondern wurde zugleich heftig gebeutelt von der durch die Pandemie versch\u00e4rften Wirtschaftskrise.</p><h4><i>Und die Wirtschaftskrise war und ist f\u00fcr die unteren und mittleren Klassen ziemlich heftig. Wer der Skylla der Infektion entkam, den verschlang die Charybdis der Arbeitslosigkeit und der Armut.</i></h4><p>Zwar verzeichneten die Daten des T\u00dcIK durchgehend eine immer weiter sinkende (!) Arbeitslosigkeitsrate. Das lag aber haupts\u00e4chlich daran, dass Hunderttausende Menschen aus Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen flogen und als dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verf\u00fcgung stehend klassifiziert oder auf \u201eunbezahlten Urlaub\u201c gesetzt wurden, so dass parallel zur \u201esinkenden\u201c Arbeitslosenquote die Erwerbsquote (Anteil der Erwerbspersonen und der Arbeitslosen, die prinzipiell dem Arbeitsmarkt zur Verf\u00fcgung stehen) laufend sank. So flogen beispielsweise <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tuik-issizlik-rakamlarini-acikladi,940653\">\u00fcber 1,5 Millionen Menschen</a> bis Februar 2021 aus der Erwerbst\u00e4tigenbev\u00f6lkerung heraus. Oder es wurden w\u00e4hrend der Pandemie trotz Entlassungsverbotes <a href=\"https://t24.com.tr/haber/disk-ar-kod-29-ile-2020-yilinda-176-bin-662-isci-isten-cikarildi,943927\">\u00fcber 175.000 Arbeiter*innen</a> mittels einer als Ausnahme vom Entlassungsverbot weiterhin g\u00fcltigen und prompt weitfl\u00e4chig missbrauchten Bestimmung des Arbeitsgesetzes namens Kod 29 (wegen \u201emoralischen Fehlverhaltens\u201c oder \u00e4hnlichem) entlassen, was einer <a href=\"https://t24.com.tr/haber/pandemide-kod-29-ile-atilanlarin-orani-%20yuzde-%2070-artti,939439\">Zunahme</a> der Entlassungen wegen jener Bestimmung um 70% entsprach. Schon l\u00e4nger besteht breite Einigkeit dar\u00fcber, dass die Arbeitslosigkeitszahlen des T\u00dcIK nicht die Realit\u00e4t abbilden, <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/isgucu-verileri-masaya-yatirildi-issizligin-izlenmesinde-yeni-ve-yaratici-cozumler-gerekli-haberi-481463\">auch</a> unter Mainstream-\u00d6konom*innen. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/disk-tuik-in-issizlik-verileri-gercekleri-yansitmiyor-genis-tanimli-issizlik-yuzde-27,925919\">W\u00e4hrend</a> beispielsweise das T\u00dcIK im Januar 2021 die Arbeitslosenquote mit 12,7% angab, berechnete die linke Gewerkschaftskonf\u00f6deration DISK die realit\u00e4tsgerechtere breitere Arbeitslosigkeitsquote auf etwa 27%. In diesem Fall wurde dem T\u00dcIK die Diskrepanz zwischen ihren Zahlen und der Realit\u00e4t zu gro\u00df: Sie passte ihre Zahlen <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Isgucu-Istatistikleri-Ocak-2021-37486\">im M\u00e4rz 2021</a> an und ver\u00f6ffentlicht seitdem auch eine sogenannte \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/tuik-acikladi-issiz-sayisi-4-milyon-236-bin-kisi-oldu,951533\">Inaktivenquote</a>\u201c (Arbeitslose + vor\u00fcbergehend Unterbesch\u00e4ftigte + potenziell Arbeitsf\u00e4hige). Diese entspricht in etwa den Angaben der DISK zur breiteren Arbeitslosigkeitsquote und ist dementsprechend viel h\u00f6her (bisher durchgehend zwischen 20-30% im Jahr 2021) als die offizielle Arbeitslosigkeitsquote. Noch schlimmer ist die Situation der Jugendlichen (bzw. der etwa 18-25/30-J\u00e4hrigen): Liegt die offizielle Jugendarbeitslosigkeitsquote schon bei 25%, geht sogar eine Untersuchung der Universit\u00e4t der Union der Kammern und B\u00f6rsen der T\u00fcrkei (<i>T\u00fcrkiye Odalar ve Borsalar Birli\u011fi</i>, TOBB) in Ankara davon aus, dass sie <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/02/turkey-pandemic-youth-unemployment-reaches-alarming-level.html\">real</a> bei 38,5% anzusetzen ist. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/18-22-yas-araligindaki-issiz-genclerin-yuzde-74-3-u-sadece-yol-yemek-veren-bir-yerde-calismaya-razi,919818\">Fast Dreiviertel</a> aller arbeitslosen 18-22-J\u00e4hrigen stimmen zu, dass sie einen Job annehmen w\u00fcrden, auch wenn die Entlohnung nur aus Bezahlung des Fahrtweges und Verpflegung best\u00fcnde, so das Ergebnis einer Untersuchung, an der auch der Arbeitgeberverband (<i>T\u00fcrkiye \u0130\u015fveren Sendikalar\u0131 Konfederasyonu</i>, T\u0130SK) mitarbeitete. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/genclerin-yuzde-76-si-yurt-disinda-yasamak-istiyor-her-iki-gencten-biri-mutlu-degil,900749\">Fast alle</a> (86%) Jugendlichen sind verschuldet und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/genc-issizlik-yuzde-25-3-e-yukseldi-en-buyuk-hayalleri-yurtdisinda-yasamak,953186\">wollen</a> ins Ausland (76%). Laut einer <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/ekonomi/genclerimizin-yuzde-70i-ekonomik-endise-icinde-6548984/\">OECD-Untersuchung</a> von 2021 f\u00fcrchten 70% aller Jugendlichen in der T\u00fcrkei um die eigene finanzielle Situation und die ihrer Familien, 78% sind der Meinung, dass die Regierung h\u00e4tte mehr tun k\u00f6nnen w\u00e4hrend der Pandemie. Trotz dieser also massiven, teils sogar nach geltendem Recht semi-/illegalen Zunahme von Unterbesch\u00e4ftigung und Erwerbslosigkeit und, wie gleich gezeigt wird, der damit einhergehenden weitfl\u00e4chigen Verarmung, hatte der Staat den Werkt\u00e4tigen mit 39 TL Kurzarbeitsgeld pro Tag (derzeit umgerechnet etwas weniger als 4 \u20ac) kaum etwas zu bieten. Im Gegenteil: Er <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/ekonomi/emeklilik-zorlasiyor-isten-atma-kolaylasiyor-6061987/\">f\u00f6rderte sogar</a> eine sehr kurzfristige und rechtlose Besch\u00e4ftigung von Jugendlichen und Menschen im Alter von 50 Jahren aufw\u00e4rts.</p><h4><i>Als geradezu notwendige Konsequenz aus dem Herunterfahren der Wirtschaft, einer erneut induzierten Wirtschaftskrise und fehlender Unterst\u00fctzung folgte eine grassierende Armut.</i></h4><p>Je nach Umfrage zwischen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halkin-dortte-biri-gida-ve-barinma-gibi-temel-ihtiyaclarini-karsilayamiyor,949952\">27%</a> und <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/ekonomi/gelirler-eridi-borclar-katlandi-6102430/\">38%</a> der Bev\u00f6lkerung haben mittlerweile Schwierigkeiten damit, f\u00fcr Grundbed\u00fcrfnisse wie Wohnung und Lebensmittel aufzukommen. Mindestens 30% (fr\u00fchere Umfragen: 50%) haben <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/ekonomi/gelirler-eridi-borclar-katlandi-6102430/\">Einkommenseinbu\u00dfen</a> zu verzeichnen und die Einkommensungleichheit erreicht mittlerweile <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/06/official-data-lays-bare-deepening-poverty-turkey\">fast das Niveau</a> von Brasilien, Mexiko und S\u00fcdafrika. Schon die offiziellen Inflationszahlen f\u00fcr Lebensmittel zeigen, dass deren Preiserh\u00f6hung <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2021/01/turkey-firm-fined-food-prices-high-inflation-economy-lira.html\">betr\u00e4chtlich \u00fcber</a> der durchschnittlichen Inflationsrate liegt (im Durchschnitt 20% vs. 12,28% im Jahr 2020); alternative Berechnungen gehen sogar <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-55935159\">von bis zu</a> 30-50% <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/birlesik-kamu-isin-halkin-enflasyonu-arastirmasinin-carpici-sonuclarini-acikladi-1830313\">Teuerung</a> der Grundnahrungsg\u00fcter aus. Arbeitslosigkeit und Teuerung sind so grassierend und heftig geworden, dass sogar das Gro\u00dfkapital davor mahnt, dass sie \u201e<a href=\"https://www.bloomberght.com/tusiad-baskani-kaslowski-istihdama-yonelik-destekler-devam-etmeli-2279214\">unsere Zukunft gef\u00e4hrden</a>\u201c \u2013 sprich, die stabile Zustimmung zur kapitalistischen Produktionsweise in Frage stellen k\u00f6nnen. Der ehemalige Chef des T\u00dcIK, der mittlerweile in einer kleinen Oppositionspartei ehemaliger AKP\u2019ler organisiert ist, berichtet von <a href=\"https://t24.com.tr/video/eski-tuik-baskani-berat-bey-doneminde-verilere-guvensizlik-daha-fazlaydi-gercek-enflasyon-yuzde-15-in-cok-uzerinde,36849\">kreativen Methoden</a> in den Inflationsberechnungen des T\u00dcIK, um die Zahlen so niedrig wie m\u00f6glich zu halten. Aber selbst nach Zahlen des T\u00dcIK litten 27,4% der Bev\u00f6lkerung 2020 unter \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/bunca-yoksulluga-ragmen-akp-nasil-hala-yuzde-35-aliyor-dunya-bankasi-nin-yaniti,31441\">ernstem materiellen Mangel</a>\u201c. Nach Definition der Weltbank (WB) galten 12,2% der Bev\u00f6lkerung als arm \u2013 im Gegensatz zum Jahre 2018, dem diesbez\u00fcglich bisher besten Jahr der T\u00fcrkei, in dem die Rate bei 8,5% lag. Als arm in einem Land wie der T\u00fcrkei gelten den Berechnungen der WB zufolge Personen, die mit weniger als 5,5 $ (38 TL, auf das Jahr 2020 gerechnet) pro Tag \u00fcber die Runden kommen. Ein Schelm, wer den Grund der Festsetzung des Kurzarbeitsgeldes bei extrem niedrigen 39 TL darin sucht, den Anstieg der von der WB sowieso schon sehr niedrig angesetzten Schwelle zur \u201eArmut\u201c gerade noch so etwas zu umgehen. \u00dcber 40% der Bev\u00f6lkerung ist \u2013 zumeist in Form von privaten Konsumkrediten \u2013 an Banken <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/ekonomi/34-5-milyon-kisinin-899-milyar-lira-borcu-var-6442304/\">verschuldet</a>; ihre Schuldlast stieg 2020 um 36%. Und das sind nur die \u201eoffiziellen\u201c Schulden, also solche, die institutionell stattfinden und daher objektiviert erfasst werden. Laut einer Analyse der Stadtverwaltung Istanbuls f\u00fchren mittlerweile 71% der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ekmek-yumurta-ve-sigarada-veresiye-donemi-istanbul-da-bakkallarin-yuzde-71-i-veresiye-defter-tutuyor,937170\">Sp\u00e4tis/Kioske</a> Schuldenhefte, wobei die Gesamtschuldlast der Kund*innen w\u00e4hrend der Pandemie um 54,8% und die Zahl der Kund*innen, die auf Pump beim Kiosk kaufen, um 32,2% gestiegen ist. Die drei Hauptg\u00fcter, die auf Pump gekauft wurden, sind in absteigender Reihenfolge Brot, Eier und Zigaretten. Die Kleinladenbesitzer*innen sind aber <a href=\"https://t24.com.tr/haber/esnafin-borcluluk-orani-yuzde-65-e-cikti-veresiye-dustu-kart-kullanimi-artti,947597\">mittlerweile</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/esnafin-borcluluk-orani-yuzde-65-e-cikti-veresiye-dustu-kart-kullanimi-artti,947597\">selbst</a> zu 65% verschuldet und verlangen immer mehr Kreditkartenk\u00e4ufe statt K\u00e4ufe auf Pump. Zudem k\u00f6nnen viele nicht von den Coronahilfen profitieren und halten sie f\u00fcr ungen\u00fcgend.</p><h2><b>Die Selbstverg\u00f6ttlichung der Macht</b></h2><p>Der Hunger und die Armut brechen sich mittlerweile teils mit Gewalt und gegen das Bewusstsein Bahn. Der Vorsitzende des <a href=\"https://t24.com.tr/video/erdogan-a-evimize-ekmek-goturemiyoruz-diyen-minibusculer-odasi-baskani-sozlerim-carpitildi,33542\">Minibusfahrervereins</a> in Malatya <b>[3]</b> und eine <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/erdogana-acim-diye-seslenmisti-ac-acikta-degilim-allah-benim-omrumden-alsin-onunkine-versin-1813877\">arme \u00e4ltere Frau</a> in Elaz\u0131\u011f, beide AKP-Anh\u00e4nger*innen beziehungsweise Mitglieder der AKP, flehten unabh\u00e4ngig voneinander ganz impulsiv Erdo\u011fan bei dessen Besuch in ihrer jeweiligen Stadt an: Wir hungern, wir haben kein Brot mehr im Haus! Und ruderten sp\u00e4ter \u2013 da setzte das politische Bewusstsein wieder ein \u2013 zur\u00fcck und bezeugten mehrmals dem\u00fctig ihren Respekt vor Erdo\u011fan. Aber die Hybris, der Hohn auf alle zur Armut willentlich und wissentlich Verdonnerten des Landes, ist dort grenzenlos, wo die Apotheose der Macht regiert. Erdo\u011fan reagierte auf das Flehen des Minibusfahrers mit einem <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-evimize-ekmek-goturemiyoruz-diyen-esnafa-bu-bana-abartili-geldi-al-bu-keyif-cayini-ic,911288\">lapidaren</a>: \u201eDas erscheint mir jetzt ein bisschen \u00fcbertrieben. Hier, g\u00f6nn dir einen Schwarztee zur Vergn\u00fcgung!\u201c \u2013 und reichte ihm ein Paket Schwarztee. Einige Monate sp\u00e4ter, im Juni 2021, kam Erdo\u011fan nochmals auf den Hunger zur\u00fcck und meinte <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-neymis-millet-acmis-ac-olarak-dolasanlari-buyurun-siz-de-doyuruverin,957912\">ganz ohne Schamesr\u00f6te</a> zur Opposition: \u201eWie bitte, das Volk ist hungrig? Bitte, dann s\u00e4ttigt es doch.\u201c \u00c4hnlich Emine Erdo\u011fan, die Ehefrau des Pr\u00e4sidenten, die allen Ernstes in einem Werbevideo l\u00e4chelnd und wohlmeinend die Bev\u00f6lkerung dazu aufrief \u201e<a href=\"https://haber.sol.org.tr/haber/iste-porsiyonlarinizi-kucultun-diyen-emine-erdoganin-sarayinin-mutfak-harcamasi-308327\">die Portionen kleiner</a>\u201c zu halten (um Abf\u00e4lle zu reduzieren) \u2013 wobei sie nat\u00fcrlich selber bekannt ist f\u00fcr ihnen <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/turkeys-ruling-party-elites-love-splurge-while-preaching-frugality\">ostentativen Luxuskonsum</a>. Und nicht zuletzt: Als fast die H\u00e4lfte der Provinzen der T\u00fcrkei Ende Juli-Anfang August 2021 mit den verheerendsten Waldbr\u00e4nden der letzten Jahrzehnte zu k\u00e4mpfen hatten (dazu sp\u00e4ter mehr), lie\u00df es sich Erdo\u011fan nicht nehmen, mit einem riesigen Konvoi durch die Provinzhauptstadt einer der am heftigsten betroffenen Provinzen, Marmaris, zu fahren, dabei den gesamten Verkehr inklusive der Feuerwehr lahmzulegen und Tee vom Bus aus <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=Rh_LzMR2DnI\">mit herrschaftlichen Gr\u00fc\u00dfen</a> an Umstehende zu verteilen. Suetons Kaiser Nero sang wenigstens nur Ges\u00e4nge auf das brennende Rom, Erdo\u011fan hingegen verh\u00f6hnt noch zus\u00e4tzlich das Land, die Natur und die Bev\u00f6lkerung.</p><p>Ein Kleinladenbesitzer in Denizli, der vom Gouverneur w\u00e4hrend einer PR-m\u00e4\u00dfig inszenierten Inspektionstour zur Umsetzung der Corona-Ma\u00dfnahmen gefragt wurde, warum er keine Maske trage, <a href=\"https://t24.com.tr/video/denizli-valisinin-maske-sorusuna-gebermek-istiyorum-cevabi-veren-o-esnaf-konustu-maske-benim-son-derdim,33338\">antwortete</a>: \u201eDie Maske ist mein allerletztes Problem. Ich mache keine 15 Lira am Tag, kann Mieten und Strafen nicht mehr zahlen. Ich m\u00f6chte verrecken.\u201c Der Hohn der Macht: Derselbe Gouverneur lie\u00df w\u00e4hrend derselben Inspektionstour einen D\u00f6nerimbiss schlie\u00dfen, weil die Arbeiter*innen ohne Handschuhe arbeiteten (was im \u00dcbrigen keine Corona-Auflage war) und die Maske unter der Nase trugen. Erst nachdem sein Vorgehen \u00f6ffentlich skandalisiert wurde, ruderte er zur\u00fcck. Dabei schl\u00e4gt sich die Materialit\u00e4t der um sich greifenden Armut und Depravation mitunter auch <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/iktidar-muhalefete-degil-gerceklere-yeniliyor-makale-1502872\">wider Willen</a> im Handeln des Regimes nieder: Devlet Bah\u00e7eli, Chef der MHP und <a href=\"https://www.mei.edu/publications/erdogans-two-man-rule\">Hauptb\u00fcndnispartner</a> der AKP, rief eine Kampagne ins Leben, wonach <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-den-askida-ekmek-elestirilerine-sert-tepki,910276\">Brote an Gabenz\u00e4une</a> f\u00fcr Arme aufgeh\u00e4ngt werden sollten f\u00fcr Bed\u00fcrftige \u2013 wenige Tage sp\u00e4ter meinte Erdo\u011fan, Brotlosigkeit g\u00e4be es in der T\u00fcrkei nicht. Wie eine Furie w\u00fctete Bah\u00e7eli dann allerdings, als seine Aktion ganz zurecht als unwillk\u00fcrliches Eingest\u00e4ndnis der Existenz weitfl\u00e4chiger Armut seitens eines der wichtigsten Akteure des Regimes interpretiert und skandalisiert wurde.</p><p>Hohn und Verachtung f\u00fcr das Volk h\u00f6ren hier nicht auf. W\u00e4hrend fast das gesamte Land im Mai 2021 au\u00dfer f\u00fcr Arbeit und das Notwendigste in die eigenen vier W\u00e4nde eingesperrt war, galt Narrenfreiheit f\u00fcr Tourist*innen. Geradezu auf Knien erbettelte sich das Regime von den unterschiedlichen L\u00e4ndern Tourist*innenstr\u00f6me, um die eigenen einbrechenden Devisenreserven noch zu retten. <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/ahmet-hakan/mevlut-cavusogluna-turistin-gorebilecegi-herkesi-asilayacagiz-cumlesini-sordum-41805811\">Sogar die Impfkampagne</a> sollte f\u00fcr den Tourismus passend zugeschnitten sein: Der Au\u00dfenminister Mevl\u00fct \u00c7avu\u015fo\u011flu gab Anfang Mai durch, dass sie jede Person bis Ende Mai impfen w\u00fcrden, mit der ein Tourist in Kontakt treten k\u00f6nnte, also Werkt\u00e4tige der Tourismusbranche. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Impfkampagne im Land noch nicht einmal wirklich angefangen. Ein dazugeh\u00f6riges staatliches Werbevideo verbreitete eine Aura von Sommer, Sonne, guter Laune und lauter wuseligen werkt\u00e4tigen T\u00fcrk*innen voller Lebensfreude und Gastfreundschaft, die Masken mit der Aufschrift \u201e<a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=Mz4Ps40qqRc\">Enjoy, I\u2019m vaccinated</a>\u201c trugen. <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/bulent-kilic-in-istanbul-da-kapanma-fotografi-sosyal-medyanin-gundeminde-128-milyar-dolari-eritip-3-5-dolara-bel-baglayanlar-utansin,12003\">Ein eindr\u00fcckliches Foto</a> des AFP-Korrespondenten B\u00fclent K\u0131l\u0131\u00e7, der wenig sp\u00e4ter am 26. Juni 2021 beim Istanbul Pride von durchdrehenden Polizisten <a href=\"https://t24.com.tr/haber/polisin-bogazina-bastirarak-gozaltina-aldigi-afp-foto-muhabiri-bulent-kilic-orada-bir-gazeteci-oldurulmeye-calisildi,962002\">fast umgebracht wurde</a>, brachte hingegen das reale Grauen zum Ausdruck: Eine finster und ungl\u00fccklich in die Ferne blickende t\u00fcrkische Putzkraft, neben ihr lachende Tourist*innen in Saus und Braus, inmitten des ansonsten verlassenen historischen Altstadtteils Istanbuls, Fatih. \u201eTurkey Unlimited. Now available without Turks\u201c, brachte es<a href=\"https://www.reuters.com/world/middle-east/turkey-welcomes-foreign-tourists-while-locking-down-locals-2021-05-05/\"> einer</a> der zynischen Kommentare auf Social Media auf den Punkt.</p><h4><i>Aber die wahre Apotheose der Macht auf dem R\u00fccken und in Erniedrigung des Volkes, die absolute Indifferenz gegen alles Recht und alle Norm, sogar der vom Regime selbst gesetzten, das reine Regime des Dezisionismus, stellt alles andere in den Schatten.</i></h4><p>Denn f\u00fcr das Regime galten keine Ausgangsbeschr\u00e4nkungen und keine Corona-Ma\u00dfnahmen. Seit Oktober 2020 \u2013 w\u00e4hrend die T\u00fcrkei dabei war, einen der bis dahin schlimmsten Gipfel der Pandemie zu durchleben \u2013 hielt die AKP unter F\u00fchrung von Erdo\u011fan dutzende kleinere und gr\u00f6\u00dfere Provinzkongresse in geschlossenen R\u00e4umen ab und zwar mit Tausenden (!) von Teilnehmenden, gegen alles Recht und gegen alle Ma\u00dfnahmen und in totaler Ignoranz der grassierenden Pandemie. Dabei wurde der Hochmut noch <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56177899\">schamlos</a> zur Schau gestellt. Erdo\u011fan hob etwa voller Freude (!) auf dem Kongress seiner Partei in der am Schwarzmeer gelegenen Stadt Rize am 15. Februar 2021 hervor: \u201eWir halten Kongresse ab w\u00e4hrend einer Pandemie und der Kongresssalon in Rize ist zum Bersten voll!\u201c Und alle klatschen und johlen. Nat\u00fcrlich sprechen <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56184456\">einige Indizien</a> und der gesunde Menschenverstand <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/gundem/lebaleb-kongrelerin-bilancosu-agirlasiyor-ilk-10a-girdiler-6289871/\">daf\u00fcr</a>, dass diese Kongresse die Pandemie beschleunigt haben; abschlie\u00dfend l\u00e4sst sich das jedoch nicht feststellen, <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56598812\">da nicht einmal</a> die Mitglieder des wissenschaftlichen Pandemiebeirats des Gesundheitsministers genauere Kenntnis \u00fcber Ort und Grund von Infektionen besitzen. <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-dakika-bakan-kocadan-korkutan-mutasyonlu-virus-aciklamasi-1824374\">Das Einzige</a>, was der Gesundheitsminister zur Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber allen Corona-Regeln seitens seiner Partei zu sagen hatte, war: \u201eIch finde es jetzt nicht richtig, deshalb [wegen den Kongressen, A.K.] eine Geschichte \u00fcber Privilegien zu spinnen.\u201c Der Chef der Rundfunk- und Fernsehbeh\u00f6rde (RT\u00dcK) gab eine Memo <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/televizyon-kanallarina-lebaleb-talimati-ortaya-cikan-rtuk-baskani-sahin-kendini-boyle-savundu-1832926\">an alle Fernsehsender</a> durch, dass sie nicht die Kongresse zeigen sollen, sondern leere Stra\u00dfen.</p><p>Damit nicht genug. So wurden inmitten des \u201etotalen\u201c Lockdowns mehrere \u00f6ffentliche Begr\u00e4bniszeremonien von prominenten AKP-Mitgliedern oder Staatsb\u00fcrokraten abgehalten, obwohl diese verboten waren, erneut mit <a href=\"https://t24.com.tr/video/erdogan-tam-kisitlamada-kalabalik-bir-grupla-umraniye-belediye-baskani-nin-babasinin-cenaze-namazina-katildi,38494\">Hunderten</a> bis <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/02/24/ak-partiye-her-sey-serbest-kovit-yasaklari-da-hakaret-de/\">Tausenden</a> Teilnehmenden, darunter auch Ministern, dem Pr\u00e4sidenten selber, hohen B\u00fcrokrat*innen und so weiter. Die Kr\u00f6nung in der Missachtung der Corona-Ma\u00dfnahmen leistete sich erneut Erdo\u011fan: <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-erdogan-kulliye-de-iftar-verdi,945715\">Am selben Tag</a>, an dem Erdo\u011fan weitgehende Beschr\u00e4nkungen des Lebens wegen der Pandemie verk\u00fcndete (dem 13. April 2021, zu Beginn des Fastenmonats Ramadan), darunter ein Verbot gemeinschaftlichen Fastenbrechens, hielt er selbst ein gr\u00f6\u00dferes gemeinschaftliches Fastenbrechen in seinem Pr\u00e4sidentenpalast ab. Deutlicher h\u00e4tte man nicht vorf\u00fchren k\u00f6nnen, dass Gesetze nur f\u00fcr das zertretene Volk, nicht aber f\u00fcr die Damen und Herren der Macht gelten. Vom Regime organisierte Massenveranstaltungen und Demonstrationen wie beispielsweise <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/ayasofya-da-87-yil-sonra-ilk-kez-ramazan-bayrami-namazi-kilindi-tam-kapanmaya-ragmen-binlerce-kisi-katildi,12014/2\">ein Gebet</a> mit tausenden Teilnehmenden vor der Hagia Sophia zum Zuckerfest oder <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sokaga-cikma-yasagina-ragmen-turkiye-nin-bircok-ilinde-israil-protestosu-duzenlendi-araclarla-konvoy-yapildi,951694\">pro-Jerusalem Demonstrationen</a> und Autokonvois waren inmitten des \u201etotalen\u201c Lockdowns im Mai 2021 erlaubt. Die Demos der HDP oder von Feminist*innen etwa anl\u00e4sslich des Austritts aus der Istanbul Konvention oder der Istanbul Pride waren es indes nicht. Verhaftungen auf der Istanbul Pride wurden mit dem Verweis auf Corona-Schutzma\u00dfnahmen vollzogen \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/onur-yuruyusu-nde-kafeden-gozaltina-alinan-murat-kahya-anlatti-sadece-sokakta-bulunmaktan-gozaltina-islemine-tabi-tutuldum-herkes-sussun-isteniyor,962123\">selbstverst\u00e4ndlich</a> von einem Polizeioffizier veranlasst, der selbst ohne Maske durch die Gegend schrie und verhaften lie\u00df ganz nach seinem pers\u00f6nlichen gusto. W\u00e4hrend Gastronomie und Kleinhandel wegen den Auflagen und mangelnder Unterst\u00fctzung <a href=\"https://t24.com.tr/video/koronavirus-genelgesi-sonrasi-kapatilan-esnaflar-kadikoy-de-basin-aciklamasi-yapiyor,34334\">regelrecht abstarben</a> \u2013 laut Sch\u00e4tzungen sind 20-25% der Gastronomiebetriebe <a href=\"https://www.dunya.com/sektorler/restoranlar-ve-kafelerde-iflas-orani-yuzde-25e-dayandi-haberi-617935\">Bankrott gegangen</a> \u2013, <a href=\"https://twitter.com/beyogluesnafi/status/1365194040132726786\">feierten</a> AKP\u2019ler ausgelassen in geschlossenen R\u00e4umen, mit Musik und Tanz; das tat auch und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ahmet-hakan-erdogan-in-irak-basbakani-icin-verdigi-aksam-yemegini-yazdi-tum-restoranlar-kapaliyken-boyle-bir-yemegin-duzenlenmesinde-bir-sorun-gorulmuyor-mu,921830\">erneut Erdo\u011fan</a> in seinem Palast (ohne Tanz, daf\u00fcr mit vielen G\u00e4sten und Musik). Auf Ger\u00fcchte im Dezember 2020, wonach AKP-Mitglieder unter der Hand priorisiert geimpft wurden, wusste der Gesundheitsminister <a href=\"https://t24.com.tr/haber/koronavirus-asisi-geldi-el-altindan-akp-li-siyasiler-ve-yakinlarina-yapilmaya-baslandi-iddiasina-bakan-koca-dan-yanit,919757\">nur zu sagen</a>: \u201eSowas w\u00fcrden wir nicht begr\u00fc\u00dfen\u201c, was die Sache nicht besser machte. Genau so wenig wie der Umstand, dass Erdo\u011fan Anfang Juni 2021 ganz unverbl\u00fcmt im Fernsehen herausplapperte, dass er schon die <a href=\"https://www.dw.com/tr/erdo%C4%9Fana-3-doz-tepkisi/a-57757065\">3. Impfung</a> und zwar <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/cumhurbaskanligi-secimindeki-belirsizlikler-41827308\">vermutlich</a> mit dem sehr effizienten BioNTech/Pfizer-Vakzin bekommen hatte, w\u00e4hrend damals t\u00fcrkeiweit <a href=\"https://ourworldindata.org/covid-vaccinations?country=~TUR\">erst</a> <a href=\"https://ourworldindata.org/covid-vaccinations?country=~TUR\">etwa</a> 20% der Bev\u00f6lkerung eine Erstimpfung erhalten und davon nur etwa 15% vollst\u00e4ndig geimpft waren, dazu noch weitestgehend mit dem weitaus weniger effektiven Sinovac-Vakzin.</p><p>Nicht zuletzt noch die Zurschaustellung ma\u00dflosen Reichtums und der Verschwendung, deren Urspr\u00fcnge wie Ausw\u00fcchse niemandem mehr als legitim erscheinen, dazu noch inmitten der Pandemie. So wurde bekannt, dass <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/03/30/sadece-kovit-degil-erdoganin-turkiye-tablosu-da-dokuluyor/\">zahlreiche</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/04/21/ak-partiyi-yipratmak-icin-ak-partili-elitler-yeter-de-artar/\">wichtige</a> staatliche Funktionstr\u00e4ger sowie Berater von Erdo\u011fan gleich <a href=\"https://t24.com.tr/haber/rtuk-baskani-sahin-rtuk-baskanligi-disinda-halk-bankasi-yonetim-kurulu-uyeligimden-maas-aliyorum-bu-da-yasal-ve-etiktir,945232\">mehrere Geh\u00e4lter</a> beziehen und Unsummen an Geld verdienen. Der <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56610843\">Skandal um K\u00fcr\u015fat Ayvato\u011flu</a>, einem aufstrebenden J\u00fcngling im Hauptquartier der AKP, zeigt nur die Spitze des Eisbergs: Ayvato\u011flu war beim Koksen in einer Luxuskarosserie erwischt worden und wurde urspr\u00fcnglich laufengelassen, nachdem er sich auf der Polizeiwache mit: \u201edas war nur Puderzucker, wir haben das als Witz aufgezogen\u201c verteidigte. Im weiteren Verlauf des Skandals tauchten zahlreiche Bilder von ihm auf, in denen er mit unendlich viel Luxus und einflussreichen Leuten an seiner Seite posiert. Er ist nur einer von vielen zutiefst opportunistischen Gl\u00fccksrittern, die durch Anbiederung an die Macht zu Neureichen wurden, sich gerne mit M\u00e4chtigen ablichten lassen und im Abglanz der Macht baden, sowie ihren verschwenderischen Luxus ganz offen in Social Media-Profilen zur Schau stellen. Pers\u00f6nlichkeiten wie Ayvato\u011flu, der sich laut Eigenaussage aus purem Machtkalk\u00fcl bis ins AKP-Hauptquartier hocharbeitete, und die geldverschlingenden B\u00fcrokraten stehen nicht nur im extremen Widerspruch zum nach Au\u00dfen kommunizierten konservativ-islamischen Ethikverst\u00e4ndnis der AKP; die ostentative Verschwendungssucht, die darin schamlos expliziert wird, ist ein Hohn auf Alle, die unter Pandemie und Pandemiemanagement erdr\u00fcckt werden.</p><h4><i>Hochmut kommt vor dem Fall. Die haupts\u00e4chlich im Sinne von Herrschaft und Kapital betriebene Pandemiepolitik sowie die \u00f6ffentlich dargestellte Selbstapotheose der Macht hat zusammen mit der sozialen Depravation ganz wesentlich zu einem massiven Legitimationseinbruch gef\u00fchrt.</i></h4><p>Eine Mehrheit der Befragten in Meinungsumfragen <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/anket-iste-cumhurbaskani-erdogan-in-mansur-yavas-ve-ekrem-imamoglu-karsisinda-oy-orani,11163/2\">bevorzugt mittlerweile</a> das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metro-poll-arastirma-halkin-yuzde-57-7-si-guclendirilmis-parlamenter-sistem-e-gecmek-istiyor,928429\">Parlamentssystem</a> gegen\u00fcber dem \u201ePr\u00e4sidialsystem\u201c von Erdo\u011fans Gnaden; glaubt, dass sich <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/03/kriz-akp-tabanini-vurdu-mutlu-azinliktan-herkes-rahatsiz/\">die</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/03/kriz-akp-tabanini-vurdu-mutlu-azinliktan-herkes-rahatsiz/\">Wirtschaft</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metro-poll-un-son-anketi-vatandas-enflasyon-siyasi-gerilim-andimiz-istanbul-sozlesmesi-ve-merkez-bankasi-konularinda-hukumete-tepkili,944188\">wegen</a> <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-05-25/erdogan-s-poll-rating-hits-all-time-low-as-economic-woes-grow\">schlechtem Management</a> in einer Krise/<a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/anket-iste-cumhurbaskani-erdogan-in-mansur-yavas-ve-ekrem-imamoglu-karsisinda-oy-orani,11163/2\">in einem miserablen Zustand</a> <a href=\"https://tr.euronews.com/2020/11/09/metropoll-turkiye-nin-nabz-anketi-ak-parti-oylar-ilk-kez-yuzde-30-un-alt-nda\">befindet</a>; glaubt zu 80% <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-arastirmasi-cumhurbaskanligi-seciminde-erdogan-ve-mansur-yavas-karsilasmasinda-mansur-yavas-kazaniyor,924308\">nicht mehr</a> den offiziellen Inflationszahlen; vertraut laut einer von der AKP selbst aufgegebenen Umfrage <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/gundem/iste-pandeminin-fotografi-her-iki-kisiden-birinin-yakini-viruse-yakalandi-41735095\">nicht mehr</a> in das Pandemiemanagement der Regierung; hat das Vertrauen in das Justizsystem <a href=\"https://d4b693e1-c592-4336-bc6a-36c134d6fb5e.filesusr.com/ugd/c80586_9672fab5d7a042dd82d2c9eba95f125b.pdf\">fast vollst\u00e4ndig</a> <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/ozkiraz-akpye-yakin-sirketin-anketinde-erdogan-ilk-kez-kaybetti-galeri-1525679?p=6\">verloren</a>; <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-anketi-halkin-yuzde-79-1-i-pandemi-doneminde-duzenlenen-kongreleri-yanlis-buluyor,949353\">verurteilt sehr eindeutig</a> die AKP-Kongresse w\u00e4hrend der Pandemie (zu 79%) sowie das Beziehen mehrerer Geh\u00e4lter von B\u00fcrokrat*innen und Berater*innen (zu 70%); befindet, dass sich das Land und die Wirtschaft in eine <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/03/kriz-akp-tabanini-vurdu-mutlu-azinliktan-herkes-rahatsiz/\">schlechte Richtung</a> entwickeln und klagt <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/sosyo-politikin-anketi-uc-parti-baraji-geciyor-cumhur-ittifaki-yuzde-44te-galeri-1515701\">haupts\u00e4chlich</a> \u00fcber <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halk-turkiye-deki-en-acil-sorunun-gecim-sikintisi-ve-issizlik-oldugunu-dusunuyor,937423\">wirtschaftliche Probleme</a> und die <a href=\"https://tr.sputniknews.com/columnists/202101071043535483-arastirma-kendisini-ve-ailesini-gecindiremeyenlerin-orani-yuzde-511-sadece-yuzde-36-tasarruf/\">Coronakrise</a>. Immer mehr W\u00e4hler*innen von AKP und MHP springen entweder <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-secmenini-en-cok-kaybeden-parti-mhp,965341\">direkt ab</a> oder sind sich <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-isiklar-yaniyor-dan-darbe-tartismasina-donus,909368\">unsicher</a> \u00fcber ihre Parteipr\u00e4ferenz; der Anteil der Befragten, die keine klaren Wahlpr\u00e4ferenzen artikulieren (Protestw\u00e4hler*innen, Unsichere, keine Antwort), liegt mittlerweile <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-secim-anketi-bu-sonuc-akp-tarihinde-bir-ilk-1832823\">regelm\u00e4\u00dfig</a> bei <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-bu-pazar-milletvekili-secimi-olsa-hangi-parti-yuzde-kac-oy-alir,965664\">kr\u00e4ftigen 20%</a>. Nicht zuletzt sinkt die Zustimmung zu Erdo\u011fan als Pr\u00e4sident und befindet sich auf einem <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halkin-yarisindan-fazlasi-cumhurbaskani-erdogan-in-gorevini-yapis-tarzini-onaylamiyor,949034\">historischen Tief</a> und <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-uc-ayda-16-anket-sirketi-inceledi-iste-partilerin-oy-oranlari-1817641\">fast alle</a> Wahlumfrageinstitute berichten von Ergebnissen, wonach die Regierungskoalition bei einer anstehenden Wahl <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/9-farkli-sirketin-secim-anketlerinden-dikkat-ceken-sonuclar-ortaya-cikti-1815448\">nicht mehr</a> als Siegerin hervorgehen w\u00fcrde \u2013 darunter <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/ozkiraz-akpye-yakin-sirketin-anketinde-erdogan-ilk-kez-kaybetti-galeri-1525679?p=6\">sogar AKP-nahe</a> Wahlumfrageinstitute. AKP-intern werden mittlerweile <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/krizle-birlikte-akpnin-eriyen-oylari-anketlerle-gun-yuzune-cikti-iktidar-endiseli-1846283\">\u00c4ngste ge\u00e4u\u00dfert</a>, dass bei den n\u00e4chsten Wahlen Schluss sein k\u00f6nnte. Nur: Ein Legitimationseinbruch allein gen\u00fcgt nicht, wenn nicht eine \u00fcberzeugende Alternative da ist. Solange verbleibt der Dissens atomisiert und perspektivlos, jederzeit bereit dazu, zu verk\u00fcmmern oder doch beim Bestehenden zu bleiben. Ich greife dieses Thema und das Problem der Opposition am Ende des Artikels noch einmal auf. Jetzt erst mal zur Wirtschaftskrise.</p><h2><b>Die ewige Wiederkunft der gleichen Wirtschaftskrise</b></h2><p>Sp\u00e4testens seit 2013 hat sich ein Muster wirtschaftlicher Krisenanf\u00e4lligkeit in der T\u00fcrkei eingestellt, das sich alle paar Monate oder Jahre wiederholt und seit 2018 besonders versch\u00e4rft. Zeitgleich entwickelten sich die Debatten \u00fcber prim\u00e4re und sekund\u00e4re Ursachen dieser Krise weiter und die Fragen danach, was sich daraus f\u00fcr die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und Entwicklungsperspektiven innerhalb der t\u00fcrkischen Gesellschaftsformation ableiten l\u00e4sst.</p><p>Prinzipiell befindet sich der semi-periphere Neoliberalismus in der T\u00fcrkei wegen seiner Au\u00dfenabh\u00e4ngigkeit seit 2013 in einer strukturellen Krise. Das hei\u00dft, dass die t\u00fcrkische Wirtschaft sehr wesentlich auf den Import von Zwischen- und Kapitalg\u00fctern f\u00fcr die (Export-)Produktion sowie von finanziellem Kapital f\u00fcr die Finanzierung von Investitionen im Land sowie der Tilgung des Au\u00dfenhandelsdefizits angewiesen ist. Ihr fehlt dagegen weitestgehend eine eigenst\u00e4ndige Kapitalg\u00fcter- beziehungsweise technologieintensive Produktion, die ihre Au\u00dfenabh\u00e4ngigkeit reduzieren beziehungsweise das Au\u00dfenhandelsdefizit mindern k\u00f6nnte. Die derzeitige Lage begr\u00fcndet sich schlicht darauf, dass die AKP das schon vor ihr entstandene semi-periphere Modell des Neoliberalismus geerbt und vollst\u00e4ndig verankert hat. Und es liegt zugleich daran, dass die AKP den sich ihr bietenden Spielraum in der Wirtschaftspolitik nicht im Sinne eines produktiven Updates der t\u00fcrkischen Wirtschaft, sondern klientelkapitalistisch und politisch motiviert durch die <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/kamu-ozel-isbirlikleri-devletlestirilebilir-mi-makale-1500437\">Vergabe von Unmengen an Bauauftr\u00e4gen</a> in den Beton gesetzt hat (das hei\u00dft, in Sektoren gelenkt hat, die kein produktives Upgrade der Industrie m\u00f6glich machen und wenig bis keine Devisen generieren).<i> Quantitative Easing</i> und Anleihek\u00e4ufe der US-amerikanischen Zentralbank (Fed) sorgten zwar nach 2007-08 weiterhin daf\u00fcr, dass der Zufluss von ausl\u00e4ndischem finanziellen Kapital in die T\u00fcrkei nicht abnahm. Als die Fed 2013 jedoch ank\u00fcndigte, diese Programme zur\u00fcckzufahren, wurden die Kapitalfl\u00fcsse volatiler und der Wert der Lira gegen dem US-Dollar und dem Euro fing seitdem immer an zu fallen, wenn nicht besonders g\u00fcnstige internationale Umst\u00e4nde den Kapitalzufluss wieder ankurbelten. Da die seinerzeit zu sehr g\u00fcnstigen Konditionen aufgenommenen Auslandsschulden insbesondere des Privatsektors teils erheblich waren, nahm damit die Auslandsverschuldung und wegen der Importabh\u00e4ngigkeit der t\u00fcrkischen Industrie auch die Inflation permanent zu. Erdo\u011fans zunehmend unorthodox neoliberales und re-politisiertes Wirtschaftsmanagement, das eigenwillige au\u00dfenpolitische Agieren der t\u00fcrkischen Regierung sowie das Ersetzen konstitutioneller und institutioneller Mechanismen durch willk\u00fcrliche, kamen erschwerend hinzu. So f\u00fchrte ein diplomatischer Konflikt mit den USA im Sommer 2018 zu einem <a href=\"https://jacobinmag.com/2019/03/erdogan-akp-turkey-local-elections\">schweren W\u00e4hrungsschock</a>. Auslandsschulden und Importkosten explodierten, R\u00fcckzahlungsprobleme, Schuldenumstrukturierungen und Einbruch des Konsums waren die Folgen. Es folgten <a href=\"https://www.tcmb.gov.tr/wps/wcm/connect/EN/TCMB+EN/Main+Menu/Core+Functions/Monetary+Policy/Central+Bank+Interest+Rates/CBRT+INTEREST+RATES\">massive Zinserh\u00f6hungen</a> der t\u00fcrkischen Zentralbank (TCMB) bis zum Peak des Leitzinses von 25,50% im September 2018, die zwar die Attraktivit\u00e4t der t\u00fcrkischen Wirtschaft f\u00fcr ausl\u00e4ndisches Kapital und den Wert der TL aufrechterhalten sollten, aber wegen der H\u00f6he der Zinsen zus\u00e4tzlich kontraktiv auf den Kredit- wie allgemein den Binnenmarkt wirkten. Die W\u00e4hrungskrise entwickelte sich zu einer <a href=\"https://www.researchgate.net/publication/333951280_The_Making_of_Turkey&#x27;s_2018-2019_Economic_Crisis\">schweren Wirtschaftskrise</a>.</p><p>In Folge intervenierte Erdo\u011fan noch direkter in die Wirtschaftspolitik. Zum einen setzte er schon kurz vor jener W\u00e4hrungskrise seinen Schwiegersohn Berat Albayrak als Finanz- und Wirtschaftsminister ein, der eine st\u00e4rker binnenmarktorientierte Politik verfolgen sollte und hierf\u00fcr vor leichten Kapitalverkehrskontrollen, Handelsbeschr\u00e4nkungen und \u2013 im Gegensatz zum damaligen Zentralbankchef \u2013 einer von staatlichen Banken angef\u00fchrten Kreditexpansion nicht zur\u00fcckschreckte. Zum anderen ersetzte Erdo\u011fan prompt den unter hohem politischem Druck dennoch mehr oder minder nach orthodox-neoliberalen Regeln vorgehenden Zentralbankchef Murat \u00c7etinkaya durch Murat Uysal, der seinem Namen volle Ehre angedeihen lie\u00df (Uysal hei\u00dft f\u00fcgsam, willf\u00e4hrig auf T\u00fcrkisch). Er senkte die Zinsen wider die orthodoxen-neoliberalen Lehren schrittweise bis auf etwa 9% im Sommer 2020, <a href=\"https://www.statista.com/statistics/277044/inflation-rate-in-turkey/\">das hei\u00dft</a> weit unter die durchschnittliche Inflationsrate von 15,18% (2019) beziehungsweise 12,28% (2020) und somit auf ein reales Negativzinsniveau. <b>[4]</b> Beides und beide f\u00fchrten zu einer stetigen Erosion des Wertes der TL und zum Versiegen insbesondere der <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/12/turkey-economic-turmoil-is-far-from-over-increase-inflation.html\">kurzfristigen Kapitalzufl\u00fcsse</a>, sodass mitten in der Corona-Pandemie erneut eine <a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">schwere W\u00e4hrungskrise</a> einsetzte und die TL <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/11/turkey-inflation-lira-worst-performer.html\">am meisten</a> unter den W\u00e4hrungen der Schwellenl\u00e4nder abwertete. Milliarden an Dollar-Reserven der TCMB wurden verschleudert, um den Wert der TL ohne Zinshebungen zu verteidigen: Laut Aussagen von Erdo\u011fan selbst insgesamt immense <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-04-21/erdogan-says-turkey-used-165-billion-of-reserves-in-two-years\">165</a> <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-04-21/erdogan-says-turkey-used-165-billion-of-reserves-in-two-years\">Milliarden</a> $ zwischen 2019 und 2020, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/128-milyar-dolarin-perde-arkasi-1-rezervler-hangi-platformda-satildi-gizemli-protokol,30666\">laut Kritiker*innen</a> allein grob 128 Milliarden $ davon w\u00e4hrend der Coronakrise 2020 und dem erneuten W\u00e4hrungsschock im Sommer 2020. Umsonst alle Bem\u00fchungen der Sterblichen: Die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mahfi-egilmez-swap-haric-rezervler-eksi-54-1-milyar-dolar,917398\">Nettonegativreserven</a> der TCMB abz\u00fcglich der Swaps machten die Situation noch prek\u00e4rer (F\u00fcr alle, die es genauer wissen wollen: Die Devisenreserven der TCMB minus Schulden und Swaps in ausl\u00e4ndischer W\u00e4hrung: -54,1 Mrd. $, Ende November 2020; <a href=\"https://www.mahfiegilmez.com/2021/07/merkez-bankas-hakknda-bilmemiz.html\">immer noch</a> -45,57 Mrd. $ Ende Juni 2021). <b>[5]</b> Hinzu kamen erneut <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-07/turkish-lira-weakens-to-record-as-geopolitical-risks-mount\">au\u00dfenpolitische Spannungen</a> insbesondere mit den USA. Zus\u00e4tzlich wurden eine <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/12/turkey-erdogan-akp-alarming-surge-consumer-corporate-debt.html\">Kreditschwemme</a> staatlicherseits <a href=\"https://www.academia.edu/45165470/Turkey_s_Economy_Amid_the_COVID_19_Pandemic_Measures_and_Their_Impact\">haupts\u00e4chlich \u00fcber staatliche Banken</a> forciert \u2013 das gesamte Kreditvolumen wuchs um 40%! \u2013 und die schon erw\u00e4hnten Konjunkturpakete verk\u00fcndet, um die Wirtschaft zu st\u00fctzen. Die Kredite gingen <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/12/turkey-erdogan-akp-alarming-surge-consumer-corporate-debt.html\">haupts\u00e4chlich</a> an Privathaushalte, was nat\u00fcrlich die Binnennachfrage ankurbelte. <a href=\"https://www.academia.edu/44607632/Turkeys_Public_Banks_Amid_the_Covid_19_Pandemic\">Insgesamt</a> 7 Millionen Individuen bezogen Bedarfskredite (max. 10.000 TL, also etwas weniger als 1.000 \u20ac), \u00f6ffentliche Banken reichten Kredite an 180.000 kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie an 1,1 Millionen Ladenbesitzer*innen. Nach -9,9%/BIP im 2. Quartal 2021 gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum wuchs die t\u00fcrkische Wirtschaft kr\u00e4ftige 6,7%/BIP im 3. Quartal gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum. Die <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/tuik-ekonomi-ucuncu-ceyrekte-yuzde-67-buyudu-haber-1505934\">Komposition</a> des Wirtschaftswachstums indes war bezeichnend f\u00fcr den Charakter desselben und relativierte dessen Tragf\u00e4higkeit: der inl\u00e4ndische Konsum wuchs um 9%, die Industrie immerhin um 8%, aber das Finanz- und Versicherungswesen um ganze 41,1%. Von den niedrigen Zinsen hatten ja nicht nur die KMU und die privaten Konsument*innen profitiert, sondern nat\u00fcrlich auch die gro\u00dfen Privatbanken, die billig an TL rankamen, um diese teurer weiter zu geben oder zu handeln (wor\u00fcber sich wiederum die KMU, die weiterhin auch auf Privatbanken angewiesen blieben, <a href=\"https://www.dunya.com/finans/haberler/tobb-baskani-hisarcikliogludan-bankalara-yuksek-faiz-elestirisi-haberi-606968\">lautstark beschwerten</a>).</p><p>Schrille T\u00f6ne folgten: So sprach Erdo\u011fan von einem \u201e<a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-31/turkey-fighting-against-unholy-trinity-in-economy-erdogan-says\">wirtschaftlichen Befreiungskrieg</a>\u201c wie im sp\u00e4ten Osmanischen Reich; der Finanz- und Wirtschaftsminister Albayrak deklarierte \u00f6ffentlich, dass ihm der Wert des Dollars <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hazine-ve-maliye-bakani-berat-albayrak-dolarla-ugrasmiyoruz-istesek-dusururuz,913487\">egal sei</a>. Der willf\u00e4hrige Zentralbankchef erkl\u00e4rte Ende Oktober 2020 ebenfalls, dass die TCMB kein Ziel bez\u00fcglich des Werts der TL verfolge \u2013 was zwar strenggenommen dem Mandat der Zentralbank entspricht (keine Devisenfokussierung, sondern Preis- und ergo Inflationsfokussierung), aber mit den Zus\u00e4tzen des Zentralbankchefs: \u201eder Wert der Lira ist extrem niedrig\u201c und \u201edie Wertlosigkeit der TL ist ein Risiko f\u00fcr die Preisstabilit\u00e4t\u201c, ein sehr offen kommuniziertes <a href=\"https://t24.com.tr/haber/merkez-bankasi-yil-sonu-enflasyon-tahminini-yuzde-12-1-e-cekti,911785\">Eingest\u00e4ndnis</a> der prek\u00e4ren Situation und der Handlungsohnmacht der TCMB darstellte. Verst\u00e4ndlicherweise kollabierte der Wert der TL daraufhin nat\u00fcrlich nochmals. <b>[6]</b> Allein in jener Woche <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-28/lira-heads-for-biggest-monthly-decline-this-year-inside-turkey\">verschleuderte</a> die TCMB angeblich an die eine Milliarde Dollar an Devisenreserven, um den Wert der TL zu halten \u2013 v\u00f6llig umsonst. <a href=\"https://www.bloomberght.com/doviz/dolar\">Von etwa</a> 6 TL pro Dollar Anfang 2020 fiel der Wert der TL auf bis zu 8,5 TL pro Dollar Anfang November 2020. Aber schon im August/September 2020 hatte sich wegen der prek\u00e4ren Situation wieder eine 180\u00b0-Kehrtwende <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/ekonomide-u-donusu-demokratiklesme-degil-otoriter-konsolidasyon-getirebilir-makale-1504645\">angek\u00fcndigt</a>, die dann sukzessive vollzogen wurde: Auf die massive Kreditexpansion folgte eine massive Kreditkontraktion der \u00d6ffentlichen und die Zinsen der TCMB wurden <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/merkez-bankasi-piyasalari-ters-kose-yapti-dolar-uctu-haber-1502396\">zuerst durch die Hintert\u00fcr</a> und dann zaghaft <a href=\"https://www.tcmb.gov.tr/wps/wcm/connect/en/tcmb+en/main+menu/announcements/press+releases/2020/ano2020-58\">auch explizit</a> erh\u00f6ht, obzwar der Leitzins immer noch unter der Inflationsrate blieb. Gekr\u00f6nt wurde diese Kehrtwende erneut durch eine Ersetzung des Zentralbankchefs seitens Erdo\u011fans in einer spontanen Aktion vom 6. November 2020. Finanz- und Wirtschaftsminister Berat Albayrak reichte daraufhin seinen R\u00fccktritt ein \u2013 per Instagram, wohlgemerkt (und widerlegte damit \u00fcbrigens linksliberale Fehlvorstellungen, wonach Erdo\u011fans Politik <a href=\"https://www.ft.com/content/5ba8d28a-2550-446a-8cd5-92e33caff637\">nur mehr</a> \u201eklientelistische Familienpolitik\u201c sei). Und das Pendel der mittlerweile bekannten wirtschaftspolitischen Taktik der permanenten Kehrtwenden schlug erneut in die entgegengesetzte, orthodox-neoliberale Richtung aus: Der neue Finanzminister L\u00fctfi Elvan wie auch der neue Zentralbankchef Naci A\u011fbal k\u00fcndigten in <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/11/turkey-new-finance-minister.html\">sehr klaren Worten</a> eine <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/elvan-ortak-akilla-gerekli-duzenlemeleri-yapacagiz-haber-1504806\">neoliberale Geld- und Fiskalpolitik</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tcmb-baskani-naci-agbal-2021-yili-para-ve-kur-politikasi-ni-acikliyor,920953\">an</a> (hohe Zinsen, Kreditkontraktion, Ausgabenk\u00fcrzungen). Erdo\u011fan sprach davon, dass \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/dolar-kuru-8-liranin-altina-indi,914186\">die bittere Pille</a> geschluckt\u201c werden m\u00fcsse. Und erneut fand, diesmal schon als Farce der Farce, der x-te zweite Fr\u00fchling in der Beziehung zwischen AKP und Gro\u00dfkapital statt: Innerhalb k\u00fcrzester Zeit <a href=\"https://www.bloomberght.com/yabancilar-tcmb-nin-faiz-artirimini-olumlu-karsiladi-2269011\">stieg</a> der TCMB-Leitzins um mehr als 400 Basispunkte gerade noch so ein bisschen \u00fcber das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hazine-ve-maliye-bakani-yuksek-enflasyonun-vatandasimiz-uzerindeki-etkilerini-en-aza-indirmek-icin-tum-gucumuzle-calisiyoruz,918471\">Inflationsniveau</a> auf 15% an (die Inflation lag im November 2020 bei 14%, daher wurde der Leitzins bis <a href=\"https://www.ft.com/content/4fd66e78-3ba8-4bd9-8a31-bfbb9605284a\">Ende des Jahres</a> auch auf bis zu 17% gehoben, um einen positiven Realzins zu garantieren). Eine Welle an Kapital kam <a href=\"https://www.bloomberght.com/ekonomide-yeni-donem-mesajlarinin-verildigi-haftada-yabancilarin-alimi-3-yilin-zirvesinde-2269010\">ins Land geflossen</a>, die Lira gewann <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-02-11/turkish-corporate-debt-rallies-as-lira-rebound-adds-funding-room\">stetig an Wert</a>, der Hauptverband des Gro\u00dfkapitals, die Vereinigung t\u00fcrkischer Industrieller und Gesch\u00e4ftsleute (<i>T\u00fcrk Sanayicileri ve \u0130\u015f \u0130nsanlar\u0131 Derne\u011fi</i>, T\u00dcSIAD), und gro\u00dfe internationale Player wie die<i> Soci\u00e9t\u00e9 G\u00e9n\u00e9rale</i> <a href=\"https://www.bloomberght.com/tusiad-in-faiz-artisi-yorumu-2269022\">gratulierten</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tuncay-ozilhan-yuksek-reel-faize-dayali-sok-tedavi-uzun-sure-kullanilmamali,918501\">gleich</a> <a href=\"https://www.bloomberght.com/tusiadkaslowski-reform-adimlarinin-atilacagina-inaniyoruz-2269550\">mehrmals</a> euphorisch zur \u201eneuen\u201c Wirtschaftspolitik. Mehrere Treffen mit Verb\u00e4nden der KMU wie auch des Gro\u00dfkapitals wurden gehalten und erneut Einigkeit erzielt; ja <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/01/29/sermayenin-erdoganla-dansi-figurler-zarif-ama-muzik-sert/\">sogar ein Gremium</a> f\u00fcr die Kontrolle der stark umstrittenen Inflationsberechnungen des T\u00dcIK gegr\u00fcndet, in dem Vertreter des Gro\u00dfkapitals sa\u00dfen, um das Vertrauen kapitalistischer Akteure in die regulativen Institutionen des Staates weiter zu festigen.</p><p>Eigentlich ist das Muster dieser wirtschaftspolitischen Taktik der permanenten Kehrtwenden, \u201e<a href=\"https://newleftreview.org/sidecar/posts/erdogans-zigzags\">Erdo\u011fans Zigzag\u2019s</a>\u201c, <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yeni-ekonomi-yonetimi-eski-bir-drama-makale-1504320\">altbekannt</a> und wird seit Jahren praktiziert.</p><h4><i>Ist der Druck wegen Kapitalabfluss und W\u00e4hrungsverfall auf Inflation und Zinsen so gro\u00df, dass sie binnenmarktorientierte KMU zu stark gef\u00e4hrdet, schl\u00e4gt das Regime um Erdo\u011fan eine aus der Perspektive neoliberaler Orthodoxie heterodoxe Wirtschaftspolitik der Kreditexpansion, Niedrigzinsen, teils staatlich gest\u00fctzter Billigdevisen und \u00e4hnlicher Ma\u00dfnahmen ein.</i></h4><p>Diese Kehrwende wird dann mit reichlich nationalistisch-antiimperialistischer Rhetorik ideologisch verkleidet, zieht regelm\u00e4\u00dfig die Kritik des Gro\u00dfkapitals und der linksliberalen Antiautorit\u00e4ren auf sich und f\u00fchrt letztlich oft zu einer Versch\u00e4rfung der Krisenelemente: Fall der Lira, noch h\u00f6here Inflation, daher noch h\u00f6herer Druck auf die Zinsen, Versiegen der Kapitalfl\u00fcsse und Versch\u00e4rfung der innerkapitalistischen Antagonismen. Sobald genug Zeit erkauft wurde, um die binnenmarktorientierten Kapitale und KMU kurzfristig zu retten, und der Druck der internationalen Finanzm\u00e4rkte, in die die T\u00fcrkei ja organisch eingebettet ist, zu hoch wird, wird dann erneut eine 180\u00b0-Kehrtwende hin zu einer augenscheinlich orthodoxen neoliberalen Wirtschaftspolitik eingeschlagen. Es werden Reformen und Bekenntnisse zum freien Markt, zu makro\u00f6konomischer Stabilit\u00e4t, Berechenbarkeit, Transparenz etc. verk\u00fcndet \u2013 bis zur n\u00e4chsten Krise, in der dann wieder um 180\u00b0 gewendet wird, und so weiter bis zum J\u00fcngsten Gericht. Dass nicht nur die Gro\u00dfbourgeoisie der T\u00fcrkei, sondern auch die \u201einternationalen Finanzm\u00e4rkte\u201c jedes Mal wieder die eine Seite der 180\u00b0-Wende, n\u00e4mlich die orthodox-neoliberale, voller Gl\u00fcck empfangen wie Kinder ein frisch lackiertes Schaukelpferd, und wider besseren Wissens ignorieren, dass die n\u00e4chste Kehrtwende wieder kommt, l\u00e4sst sich vielleicht auch als Symptom des Zustands des globalen Kapitalismus lesen: Hauptsache es funktioniert jetzt, egal was sp\u00e4ter kommt, denn es gibt ja doch nichts besseres.</p><p>Auch dieses Mal zeichnete sich eigentlich recht fr\u00fch die Verg\u00e4nglichkeit der orthodox-neoliberalen Kehrtwende ab. Noch wenige Tage nach dem Wechsel in der Wirtschaftspolitik und den verantwortlichen B\u00fcrokraten sprach Erdo\u011fan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-buralara-vesayetin-parasutuyle-gelmedik-zorluklari-tecrube-ederek-buralara-geldik,915569\">schon davon</a>, dass er am liebsten wieder sehr fr\u00fch <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/erdogandan-faiz-yorumu-bazi-aci-ilaclari-icmemiz-gerekiyor-haber-1505058\">niedrigere Zinsen</a> sehen w\u00fcrde. Hardcoreberater von Erdo\u011fan wie der Ex-Marxist-jetzt-Stiefellecker Cemil Ertem oder die Speerspitzen der Revolverpresse schossen <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/naci-agbal-in-yalnizligi-bestepe-ve-akp-de-herkes-onun-politikalarina-karsi,29560\">eine Salve nach der anderen</a> auf den neuen Zentralbankchef ab. Was kam, war also schon l\u00e4ngst gewusst und zudem mit Fanfaren angek\u00fcndigt. <i>Amor fati</i> aber lautete das Lebensmotto; und allzu erwartbar war also auch die Wiederkunft der ewig selben Wirtschaftskrise. Konkretes zeichnete sich im M\u00e4rz 2021 ab: Keine zwei Monate nach Ank\u00fcndigung der Errichtung des Kontrollgremiums f\u00fcr die Inflationszahlen wurde dieses sang- und klanglos <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/tuik-te-iki-aylik-peri-masali-bitti-danisma-kurullarinin-lagvi-bakan-elvan-a-mesaj-mi,30173\">begraben</a>. Hinter den Kulissen munkelte man, der neue Finanzminister und der neue Zentralbankchef h\u00e4tten <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/elvan-ve-agbal-a-hazine-bakanligi-ve-merkez-bankasi-nda-kendi-ekiplerini-kurma-izni-neden-verilmiyor,30139\">kaum Entscheidungsmacht</a> innerhalb ihrer jeweiligen Bereiche; und ein Reformpaket f\u00fcr die Wirtschaft kam \u00fcber <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/erdal-saglam/ekonomik-reform-paketini-kim-tirpanladi-1820906\">wohlklingende Worth\u00fclsen</a> nicht hinaus. Als sich dann der Zentralbankchef angesichts der hohen Inflationsrate in den USA <b>[7]</b> trotzdem traute, die Zinsen <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-03-18/turkey-delivers-bigger-than-expected-rate-hike-to-rein-in-prices\">nochmal</a> um 2% auf 19% zu heben und \u2013 so hei\u00dft es \u2013 <a href=\"https://www.reuters.com/article/turkey-cenbank-int-idUSKBN2BN1H4\">Untersuchungen anstellte</a>, wie und warum so viele Devisenreserven der TCMB verschleudert wurden, da war dann Schluss mit lustig. Wenige Tage nach dieser Zinsentscheidung, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vom 19. auf den 20. M\u00e4rz 2021, wurde der Zentralbankchef erneut <a href=\"https://www.bloomberght.com/merkez-bankasi-baskani-naci-agbal-gorevden-alindi-2277022\">per pr\u00e4sidialem Dekret</a> ausgewechselt. Anstatt seiner wurde erneut ein ehemaliger AKP-Parlamentarier eingewechselt, \u015eahap Kavc\u0131o\u011flu, der noch einen Monat zuvor im Flaggschiff der Revolverpresse,<i> Yeni \u015eafak</i>, <a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/sahap-kavcioglu/enflasyon-faiz-ve-doviz-kuru-2057586\">ganz aggressiv</a> die Meinung vertreten hatte, dass die Zinsen zu senken seien. Und so kam dann, was kommen musste: <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-03-21/turkey-bulls-are-wrong-footed-after-central-bank-hawk-s-ouster\">Kaum</a> \u00f6ffnete die Istanbuler B\u00f6rse wieder am 21. M\u00e4rz, musste sie gleich zweimal im Laufe des Tages wegen zu gro\u00dfen Kurseinbr\u00fcchen schlie\u00dfen. Erneut kam es mit <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-dunya-56495233\">1400% Zinsen</a> auf TL-Swaps zu einer TL-Klemme im Londoner Devisenmarkt und innerhalb einer einzigen Woche waren <a href=\"https://www.bloomberght.com/doviz/dolar\">fast alle</a> die m\u00fchsamen Gewinne der TL gegen\u00fcber dem $ von \u00fcber f\u00fcnf Monaten zunichte gemacht geworden. Absurderweise senkte der neue Zentralbankchef \u2013 vermutlich \u00fcberrannt von den heftigen Reaktionen der Finanzm\u00e4rkte \u2013 <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-04-15/turkey-holds-rates-in-first-meeting-under-new-central-banker\">noch nicht einmal</a> die Zinsen und <a href=\"https://www.bloomberght.com/tcmb-baskani-kavcioglu-nun-ilk-ozel-roportaji-2277484\">gab</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/merkez-bankasi-baskani-kavcioglu-erken-gevseme-beklentisi-ortadan-kalkmali,956322\">sogar</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/merkez-bankasi-baskani-sahap-kavcioglundan-flas-mesajlar-1824350\">mehrmals durch</a>, dass er sich an die orthodox-neoliberalen Spielregeln halten w\u00fcrde. Der Zentralbank-Leitzins steht daher immer noch bei 19%, wobei die Inflationsrate mittlerweile fast ebenso hoch ist und daher starken Druck auf den Leitzins nach oben aus\u00fcbt, anstatt wie erhofft einen kleinen Spielraum f\u00fcr die Senkung der Zinsen zu liefern. Auch der Finanzminister \u2013 der nicht entlassen wurde \u2013 <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-03-22/turkey-says-no-step-back-from-free-markets-after-lira-crash\">beteuerte</a> hilflos die freien M\u00e4rkte, das liberale Devisenregime und dergleichen. Es nutzte aber alles nichts. Tiefe Entt\u00e4uschung sodann, <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/tusiad-yik-baskani-ozilhan-ekonomi-yonetimini-elestirdi-1824292\">erneut</a>, beim Gro\u00dfkapital: eineinhalb Jahre \u00f6konomischer Reformpakete seien ergebnislos geblieben, ohne Berechenbarkeit sei nichts zu machen, die T\u00fcrkei verpasse den Anschluss an die Welt wie schon zu Ende der 1970er, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tusiad-de-genel-kurul-gunu-ozilhan-rezervlerden-doviz-satmak-ancak-kisa-vadede-ise-yarar-kaslowski-3-yildir-aciklanan-ekonomik-paketler-sonuc-vermedi,942481\">so</a> der T\u00dcSIAD.</p><p>Zwar ist die T\u00fcrkei wegen der massiven Kreditexpansion und den niedrigen Zinsen nach China <a href=\"https://www.aa.com.tr/en/economy/turkish-economy-grows-18-in-2020/2160307\">das einzige Land</a> innerhalb der G20, das das Jahr 2020 mit einem <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/03/01/buyume-yuzde-18-ekonomik-gorunum-nasil/\">wirtschaftlichen Plus</a> abschloss (1,8% BIP-Wachstum in der T\u00fcrkei f\u00fcr das ganze Jahr). Auch im neuen Jahr w\u00e4chst die t\u00fcrkische Wirtschaft bislang <a href=\"https://t24.com.tr/haber/turkiye-2021-in-ilk-ceyreginde-yuzde-7-buyudu,955702\">kr\u00e4ftig weiter</a> (7%/BIP-Wachstum im 1. Quartal 2021 gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum). Aber nicht nur blieben die strukturellen Defizite des t\u00fcrkischen Neoliberalismus wie die finanzielle Au\u00dfenabh\u00e4ngigkeit und das gro\u00dfe <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/12/turkey-erdogan-akp-alarming-surge-consumer-corporate-debt.html\">Leistungsbilanzdefizit</a> (-5,1%/BIP, 2020) bestehen, welches weiterhin mit ausl\u00e4ndischem Kapital finanziert werden muss. Es gesellte sich auch noch ein gr\u00f6\u00dferes staatliches Defizit (-3,7%/BIP, 2020) hinzu, das logischerweise zu einer <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/01/turkey-economy-public-debt-is-growing-generating-risks.html\">betr\u00e4chtlichen Erh\u00f6hung</a> der einst eigentlich recht niedrigen Staatsverschuldung auf 40%/BIP (2018: 29%, 2019: 31%) f\u00fchrte \u2013 wovon <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/01/turkey-economy-public-debt-is-growing-generating-risks.html\">mehr als die H\u00e4lfte</a> in ausl\u00e4ndischer W\u00e4hrung besteht. Das hei\u00dft: Auf den Wertverlust der Lira folgt nicht nur Zunahme der Verschuldung der Privaten, sondern auch des Staates. Mittlerweile hat Erdo\u011fan ein <a href=\"https://haber.sol.org.tr/haber/erdogandan-akplileri-uzen-tasarruf-genelgesi-cumhurbaskanligi-muaf-308251\">umfassendes Sparpaket</a> f\u00fcr alle staatlichen Institutionen und Ministerien ver\u00f6ffentlicht \u2013 ausgenommen nat\u00fcrlich des Pr\u00e4sidialamtes. Ebenfalls nahm wegen der Kreditschwemme und dem W\u00e4hrungsverfall die (Privat-)Verschuldung enorm zu (75%/BIP <a href=\"https://data.worldbank.org/indicator/FS.AST.PRVT.GD.ZS?locations=TR\">Inlandsverschuldung</a> der Privaten, insgesamt 60%/BIP <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/02/turkey-foreign-debt-risks-hover-over-turkish-lira-recovery.html\">Auslandsverschuldung</a> privat und \u00f6ffentlich), wobei <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/05/further-depreciation-turkish-lira-appears-inevitable\">alleine</a> 200 Milliarden $ an Schulden (etwa 25%/BIP) in ausl\u00e4ndischer W\u00e4hrung haupts\u00e4chlich des Privatsektors kurzfristig, das hei\u00dft innerhalb von 12 Monaten umzuw\u00e4lzen sind.</p><p>Die zu erwartende Explosion der <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/bankalarin-batik-kredileri-hakkinda-gec-olmadan-konusmamiz-lazim,31117\">Rate notleidender Kredite</a> (<i>non-performing loans</i>, NPL) konnte nur mittels tempor\u00e4rer Ma\u00dfnahmen verdeckt werden: Wurden fr\u00fcher 90 Tage \u00dcberziehung von Kreditratenr\u00fcckzahlungen als notleidende Kredite klassifiziert, so erlaubte die Regierung w\u00e4hrend der Pandemie eine Ausweitung auf 180 Tage. Daher betr\u00e4gt derzeit der Anteil der NPL an allen Krediten offiziell 3,79%; nach fr\u00fcherer Darstellung berechnet jedoch 4,43%. Rechnet man alle Kredite hinzu, die in irgendeiner Weise R\u00fcckzahlungsschwierigkeiten aufweisen, kommt man auf einen Anteil problematischer Darlehen von 15% an allen Krediten. Zudem wurden Darlehen in Milliardenh\u00f6he umstrukturiert; das hei\u00dft, es wurden R\u00fcckzahlungskonditionen von bestehenden Krediten im Sinne der Schuldner ver\u00e4ndert (beispielsweise mittels Ratenaufschub, oder blo\u00dfer Zinszahlung f\u00fcr eine bestimmte Zeit). So wurden <a href=\"https://www.dunya.com/finans/haberler/178-firmanin-38-milyar-lira-borcuna-yapilandirma-haberi-619418\">beispielsweise</a> zwischen Oktober 2019 und M\u00e4rz 2021 Kredite von 178 Unternehmen in H\u00f6he von 38 Milliarden TL umstrukturiert. Anfang Juli dieses Jahres kam es zur bislang <a href=\"https://www.bloomberght.com/istanbul-havalimani-isletmecisinden-turkiye-tarihinin-en-buyuk-refinansmani-2284223\">gr\u00f6\u00dften Refinanzierungsaktion</a> der t\u00fcrkischen Geschichte: Bezeichnenderweise war es die den dritten Istanbuler Flughafen bedienende Operateurin IGA, die ganze 6,9 Milliarden $ Schulden refinanzieren lie\u00df. <a href=\"https://www.academia.edu/44607632/Turkeys_Public_Banks_Amid_the_Covid_19_Pandemic\">Schon 2018</a> betrug die H\u00f6he der Kreditrestrukturierungen f\u00fcr Unternehmen 30 Milliarden $. Aber darauf zu spekulieren, dass Unternehmen, die heute Kredite nicht mehr zur\u00fcckzahlen k\u00f6nnen, morgen pl\u00f6tzlich wieder in der Lage hierzu sind, stellt eine sehr riskante Flucht in die Zukunft dar. Man denke an das an sich unbedeutende Unternehmen Diriteks Tekstil, dessen B\u00f6rsenwert im Jahr 2020 um ganze 246% zulegte. Diriteks Tekstil musste Anfang des Jahres schon Schulden von \u00fcber einer Million TL restrukturieren, konnte die erste R\u00fcckzahlungsrate trotz g\u00fcnstiger Konditionen dennoch nicht zahlen und sah sich folgerecht einem Vollstreckungsverfahren seitens des Gl\u00e4ubigers, der \u00f6ffentlichen Halk Bank, <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/zombilerin-yukselisi-makale-1502135\">ausgesetzt</a>. Ein \u00d6konom der Europ\u00e4ischen Bank f\u00fcr Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) spricht mit Bezug auf die notleidenden Kredite in der T\u00fcrkei treffend vom \u201e<a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-12/turkey-s-credit-boom-seen-at-risk-of-backfiring-into-bad-loans\">elefant-in-the-room</a>\u201c. Und nicht ohne Grund sind die Profite der \u00f6ffentlichen Banken \u2013 die ja zu jener Kreditschwemme zu realen Negativzinsen politisch forciert wurden \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kamu-bankalarinin-karinda-sert-dusus-vakifbank-in-kari-yuzde-56-halkbank-in-yuzde-92-azaldi,951544\">ins Bodenlose gefallen</a> und gehen mittlerweile <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/ekonomi/kamu-bankalarindan-iki-ayda-11-milyar-tllik-zarar-iki-nedeni-var-6512170/\">ins Minus</a>.</p><p>Der Wert der Lira f\u00e4llt indes weiter. Die Dollarisierung der Einlagen, also der Anteil von $-Bankeinlagen an allen Bankeinlagen, als Schutz vor W\u00e4hrungsverfall und Inflation betr\u00e4gt weiterhin <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/05/further-depreciation-turkish-lira-appears-inevitable\">fast 60%</a>, die Inflation ist mit <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/turkish-inflation-climbs-two-year-high-likely-delaying-interest-rate-cut\">mittlerweile 18,95%</a> (Juli) erneut stark gestiegen und die Schere zwischen der Inflation der Produzentenpreise und der Verbraucherpreise <b>[8]</b> hat mit fast 26% mittlerweile einen <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/fiyatlara-uretici-farki-sonbaharda-geliyor-haberi-627126\">historischen H\u00f6chststand</a> erreicht. Diese Entwicklung wird sich sehr sicher in kurzer Zeit auf die Verbraucherpreise niederschlagen. Kaum jemand glaubt mehr den erw\u00e4hnten Inflationszahlen des T\u00dcIK; alternative Berechnungen der Untersuchungsgruppe Inflation (<i>Enflasyon Ara\u015ft\u0131rma Grubu</i>, ENAG) gehen von einer fast dreifachen Inflationsrate (<a href=\"https://twitter.com/ENAGRUP/status/1345997008117649408\">36%</a> f\u00fcr 2020) als der offiziell angegebenen aus. Es verwundert nicht, dass die ENAG wegen \u201egezielter Verleumdung\u201c und \u201eIrref\u00fchrung der \u00d6ffentlichkeit\u201c <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-05-08/turkish-researchers-face-fines-for-publishing-own-inflation-data\">prompt</a> seitens des T\u00dcIK und des Finanzministers angezeigt und vom Staatsanwalt vorgeladen wurde.</p><h4><i>Lange Rede, kurzer Sinn: Die kr\u00e4ftigen Wachstumszahlen verdecken nicht nur die Ausma\u00dfe der sozialen Depravation, sondern \u00fcberhaupt die fundamentale Instabilit\u00e4t des Akkumulationsregimes und des Krisenmanagements.</i></h4><p>Diese werden seit Jahren palliativ behandelt, wobei sich Instabilit\u00e4t und Krisen Jahr um Jahr versch\u00e4rfen. Ob und wann sich diese Instabilit\u00e4t erneut als manifeste Krise Bahn bricht, steht in den Sternen geschrieben. Fest steht jedoch: Umso mehr sie sich versch\u00e4rft, umso heftiger bricht sie hervor, wenn es soweit ist. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt: Das ist immer wieder der Fall. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der stets wiederkehrende Zyklus aus struktureller Instabilit\u00e4t \u2013 Krise \u2013 palliatives Krisenmanagement beendet wird, solange das derzeitige politische und Akkumulationsregime bestehen bleibt.</p><h2><b>Das Unbehagen im Akkumulationsregime</b></h2><p>Im Unterschied zu den untergeordneten Kapitalfraktionen geht es dem Gro\u00dfkapital unmittelbar ganz pr\u00e4chtig: Die gr\u00f6\u00dften Kapitalgruppen und Privatbanken der T\u00fcrkei wie <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/koc-holding-2020de-927-milyar-tl-kar-etti-1814053\">Ko\u00e7</a>, Sabanc\u0131, \u0130\u015f Bankas\u0131 und so weiter legten <a href=\"https://www.birgun.net/haber/ulkede-kriz-yasanirken-koc-ve-sabanci-net-karini-ikiye-katladi-321976\">2020</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/koc-holding-in-konsolide-cirosu-ilk-ceyrekte-5-kat-artti-ceo-cakiroglu-son-5-yilda-43-3-milyar-tl-yatirim-yaptik,951019\">wie auch</a> <a href=\"https://www.bloomberght.com/sabanci-ilk-ceyrekte-krini-47-artirdi-2279847\">bisher</a> im Jahr 2021 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/is-bankasi-ilk-ceyrek-karini-yillik-bazda-yuzde-27-artirdi,952180\">kr\u00e4ftig zu</a>, an Ums\u00e4tzen so sehr wie an Profiten. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/iso-500-aciklandi-iste-pandemi-yilinda-sanayinin-devleri-haberi-622485\">gr\u00f6\u00dften 500 Industrieunternehmen</a> der T\u00fcrkei, deren gr\u00f6\u00dfte zu ebenen jenen Kapitalgruppen geh\u00f6ren \u2013 auch wenn ihre Verschuldung und Schuldenr\u00fcckzahlungen ebenfalls zunahmen und sich ihre kr\u00e4ftigen Profitsteigerungen haupts\u00e4chlich aus dem nicht-operativen Gesch\u00e4ft ergaben (also au\u00dferhalb ihres industriellen Kerngesch\u00e4fts liegend, z.B. im Finanzwesen). Woher kommt also das Unbehagen der f\u00fchrenden \u00f6konomischen Akteure im Akkumulationsregime? Warum beschwert sich der T\u00dcSIAD fast durchgehend \u00fcber das derzeitige Regime (au\u00dfer es legt mal wieder eine orthodox-neoliberale Wende hin)?</p><h4><i>Marxistische Theoretiker*innen und Kritiker*innen haben \u00fcberzeugend dargestellt, dass Erdo\u011fans weiter oben dargestellten permanenten \u201eZigzag\u2019s\u201c nicht einer pers\u00f6nlichen Schrulle des Pr\u00e4sidenten entspringen oder gar einer islamistischen Ideologie, wie es \u00f6fter aus (links-)liberalen Kreisen zu h\u00f6ren ist.</i></h4><p>Es handelt sich vielmehr um einen immer prek\u00e4rer werdenden Balanceakt des Regimes zwischen den \u00f6konomischen Interessen des Gro\u00dfkapitals und denen der KMU, wobei die letzteren gemeinsam mit ihren Besch\u00e4ftigten zur Hauptw\u00e4hler*innenbasis des derzeitigen Regimes geh\u00f6ren. In Abgrenzung zu liberalen Analyseans\u00e4tzen tendieren die marxistischen dennoch oft in eine allzu rigide strukturalistische Richtung: Die These vom \u201e<a href=\"https://www.taylorfrancis.com/chapters/edit/10.4324/9781003098638-5/making-new-neoliberal-state-turkey-melehat-kutun\">neuen Neoliberalismus</a>\u201c legt beispielsweise nahe, dass der Autoritarismus Erdo\u011fans eine geradezu notwendige Folge der Krise des finanzialisierten Neoliberalismus (in der T\u00fcrkei) darstellt. Dabei streben doch gerade die b\u00fcrgerliche Opposition in der T\u00fcrkei und die \u00f6konomisch dominanten Akteure, das Gro\u00dfkapital, eine Perspektive der Restauration des Neoliberalismus anstelle des derzeitigen dezisionistischen Regimes an. Der Marxist \u00dcmit Ak\u00e7ay <a href=\"https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13569775.2020.1845920\">hebt zwar hervor</a>, dass die bisher gr\u00f6\u00dfte Krise des Regimes, die sich durch den Gezi-Aufstand 2013 manifestierte, nicht unmittelbar aus einer Krise des Akkumulationsregimes folgte. Er f\u00fchrt aus, dass es so etwas wie \u201e[t]he political elite\u2019s survival strategies\u201c (S. 10) gab, die zu einer Staatskrise und dann zum Wandel des politischen Regimes hin zur pr\u00e4sidialen Diktatur f\u00fchrten \u2013 sprich, sich politische K\u00e4mpfe nicht eins zu eins auf die Verh\u00e4ltnisse im Akkumulationsregime zur\u00fcckf\u00fchren lassen. Gleichzeitig bleiben sie davon auch nicht g\u00e4nzlich unabh\u00e4ngig, da beispielsweise im betreffenden Fall die Akkumulationskrise die Staatskrise versch\u00e4rfte. Dann aber ordnet Ak\u00e7ay den politischen Autoritarismus in der T\u00fcrkei dem allgemeinen globalen Trend zum Autoritarismus angesichts wirtschaftlicher Stagnation zu und identifiziert \u00fcberhaupt politischen Autoritarismus mit Neoliberalismus, den er als \u2013 ausschlie\u00dfliche? \u2013 <a href=\"https://newleftreview.org/sidecar/posts/erdogans-zigzags\">Ursache</a> f\u00fcr jenen Autoritarismus betrachtet \u2013 als ob das eine zwangsl\u00e4ufig aus dem anderen folgte. Auch historisch betrachtet ist dies ungen\u00fcgend: Als sei es nach Thatcher und Reagan nicht zur Formation eines \u201eprogressiven Neoliberalismus\u201c gekommen; als g\u00e4be es aktuell nicht Biden in den USA, den Aufschwung des Gr\u00fcnen Kapitalismus in Europa und die neoliberale Restaurationsperspektive in der T\u00fcrkei als reale Alternativen f\u00fcr die dominanten Fraktionen des Kapitals.</p><p>Der Marxist Ali R\u0131za G\u00fcrgen hebt gegen liberale Ans\u00e4tze <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/sermayeyi-agirlamak-makale-1509511\">hervor</a>, dass nicht der Autoritarismus von Erdo\u011fan f\u00fcr die prek\u00e4re Situation der internationalen Kapitalfl\u00fcsse in die T\u00fcrkei verantwortlich sei, sondern \u2013 so legt es sein Artikel nahe \u2013<i> ausschlie\u00dflich</i> der globale Kontext, das hei\u00dft die globale Krise des Kapitalismus im Zuge der Coronapandemie, die ein Versiegen der Kapitalstr\u00f6me in die Peripherie mit sich brachte. Es stimmt nat\u00fcrlich, dass die t\u00fcrkische Wirtschaft wegen ihrer abh\u00e4ngigen Finanzialisierung auf internationale Kapitalstr\u00f6me besonders sensibel reagiert. Warum dann aber beispielsweise letztes Jahr die Lira derjenigen W\u00e4hrung der Schwellenl\u00e4nder wurde, die am st\u00e4rksten abwertete, obwohl alle Schwellenl\u00e4nder mehr oder minder im selben globalen Kontext operieren und alle mehr oder minder von internationalen Kapitalfl\u00fcssen abh\u00e4ngen, l\u00e4sst sich nicht allein damit erkl\u00e4ren.</p><h4><i>Selbstverst\u00e4ndlich hat die Politik und damit auch die unvorhersehbare \u2013 oder eigentlich: vorhersehbar im Zickzackkurs prozessierende \u2013 Wirtschaftspolitik des Regimes unmittelbare Auswirkungen auf die Kapitalkreisl\u00e4ufe: Die offensichtlich politisch herbeigef\u00fchrte Negativzinspolitik der TCMB letzten Jahres f\u00fchrte sehr unmittelbar zu einem Versiegen der internationalen Kapitalstr\u00f6me und versch\u00e4rfte die Krise.</i></h4><p>Die erneute \u201eUnberechenbarkeit\u201c und Politisierung der Wirtschaftspolitik seit M\u00e4rz dieses Jahres nach einem kurzen orthodox-neoliberalen Intermezzo f\u00fchrt weiterhin zu einem Fall des Wertes der Lira, damit zu einer Steigerung der Inflation und so weiter, die sich nicht allein aus der strukturellen Akkumulationskrise erkl\u00e4ren lassen, sondern wesentlich durch die Wirtschaftspolitik des Regimes versch\u00e4rft werden. Politik und Wirtschaftspolitik gehen somit selbst nicht unmittelbar oder ausschlie\u00dflich auf in ihren Funktionen f\u00fcr die Erf\u00fcllung der Interessen der dominanten \u00f6konomischen Akteure. Sie funktionieren ebenso im Sinne des politischen Machterhalts, was sich nicht immer oder nicht in jeder Hinsicht mit den Interessen der dominanten \u00f6konomischen Akteure deckt und zugleich unmittelbare Auswirkungen auf die Akkumulation hat. Umgekehrt sind die dominanten Fraktionen des Kapitals nicht nur am weitestgehend reibungslosen Funktionieren der Kapitalkreisl\u00e4ufe interessiert, sondern ebenso am gesamtgesellschaftlichen Kontext, in dem die Kapitalkreisl\u00e4ufe eingebettet sind, sprich an der Stabilit\u00e4t gesellschaftlicher Hegemonie.</p><p>Die marxistischen Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze zur derzeitigen Situation in der T\u00fcrkei leiden meines Ermessens daran, dass sie bestimmte \u00f6konomische Zusammenh\u00e4nge als gegeben und als ausschlie\u00dflich oder haupts\u00e4chlich determinativ f\u00fcr gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse ansehen, dabei aber die gesellschaftlichen und hegemonialen Aspekte von Vergesellschaftung sowie den (Klassen-)Kampf um hegemoniale (\u00f6konomische) Strategien essentialistisch oder funktionalistisch relativieren und ihnen keine wesentliche Determinationskraft zuordnen. Wie schon hervorgehoben, hat das Wirtschaftsmanagement unter Erdo\u011fan den wirtschaftspolitischen Spielraum der \u201egoldenen Jahre\u201c (2002-10) dazu genutzt, klientelkapitalistische Beziehungen aufzubauen und zu st\u00e4rken, anstatt diesen f\u00fcr ein Upgrade der kapitalistischen Struktur der t\u00fcrkischen Wirtschaft insgesamt zu verwenden. Diese klientelkapitalistischen Beziehungen sind zwar, gesamtwirtschaftlich gesprochen, nebens\u00e4chlich: Der linke Analytiker Bahad\u0131r \u00d6zg\u00fcr <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/baskan-ve-milli-oligarklari-makale-1501497\">skandalisiert</a> zwar zurecht, dass die gr\u00f6\u00dften 10 Unternehmen, die die gr\u00f6\u00dften Staatsauftr\u00e4ge erhalten, 2002-19 Auftr\u00e4ge in H\u00f6he von 203,9 Milliarden $ oder Auftr\u00e4ge von einem Volumen von 26%/BIP zugesprochen bekommen haben. Damit ist laut WB die T\u00fcrkei das Land, in dem die gr\u00f6\u00dften 10 Unternehmen am meisten Staatsauftr\u00e4ge relativ zum BIP bekommen, noch vor Brasilien mit 9,8%/BIP. Aber diese Relationen verblassen im Vergleich zum Gro\u00dfkapital, was \u00d6zg\u00fcr und viele andere linke Analytiker*innen nicht betonen und daher ein verzerrtes Bild reproduzieren: Allein die gr\u00f6\u00dfte Kapitalgruppe der T\u00fcrkei, die <a href=\"https://www.koc.com.tr/hakkinda/biz-kimiz\">Ko\u00e7 Holding</a>, hat einen j\u00e4hrlichen Umsatz von 6%/BIP; die <a href=\"https://tusiad.org/tr/tusiad/hakkinda\">T\u00dcSIAD</a> als Ganze hingegen produziert 50%/BNP ausschlie\u00dflich des \u00f6ffentlichen Sektors. Weder Ko\u00e7 noch die T\u00dcSIAD als Ganze z\u00e4hlen zum klientelkapitalistischen Netzwerk im engeren Sinne, sondern bilden den Hauptmotor des t\u00fcrkischen Kapitalismus. Aufgrund dieser vergleichbar untergeordneten Rolle des Klientelkapitalismus war daher die Gro\u00dfbourgeoisie diesen Beziehungen gegen\u00fcber lange Zeit auch mehr oder minder gleichg\u00fcltig eingestellt, oder hielt sie f\u00fcr einen Preis, den man f\u00fcr die im Sinne des Gro\u00dfkapitals umgesetzten neoliberalen Reformen seitens der AKP zahlen musste. Sie sind aber f\u00fcr den politischen Machterhalt des Regimes unerl\u00e4sslich, so sehr, wie sie im derzeitigen dezisionistisch-polykratischen Politikgef\u00fcge gleichzeitig auch zu einer Last werden f\u00fcr das Regime, da ein \u201eSkandal\u201c nach dem anderen auffliegt (ich f\u00fchre dies sp\u00e4ter aus). Zum anderen: Auch das wirtschaftliche Krisenmanagement des Regimes zielt ganz offensichtlich darauf, durch St\u00fctzung der KMU das politische \u00dcberleben des Regimes zu sichern. Wegen der \u00f6konomischen Subordination der KMU und wegen des Realit\u00e4tssinnes der AKP wird dabei stets der prek\u00e4re Balanceakt mit dem Gro\u00dfkapital gesucht, woraus sich der schon beschriebene Zickzack-Kurs herleitet, der aber zugleich die fundamentale wirtschaftliche Instabilit\u00e4t versch\u00e4rft.</p><h2><b>Der Kampf um die Krise des Neoliberalismus</b></h2><h4><i>Gesellschaftliche Hegemonie besteht nicht allein aus und dient nicht allein der \u00f6konomischen Dominanz beziehungsweise Hegemonie der f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals, wie sich umgekehrt \u00f6konomisch hegemoniale Akteure nicht allein um (ihre) \u00f6konomische Dominanz und Hegemonie k\u00fcmmern, sondern auf umfassende gesellschaftliche Hegemonie visieren.</i></h4><p>In der Organisation gesellschaftlicher Hegemonie werden nicht nur die Interessen der \u00f6konomisch relevanten Akteur*innen prozessiert, sondern auch derer, die im Politischen, Kulturellen und Sozialen Deutungsmuster, Ideologien, Vermittlungsformen usw. im Sinne gesellschaftlicher Hegemonie und damit ebenfalls politische, kulturelle (und andere) Hegemonie(n) organisieren. Militarismus, Chauvinismus, gesellschaftliche Polarisierung, Dezisionismus und dergleichen sind hierbei ebenso Mittel, mit denen das derzeitige Regime in der T\u00fcrkei versucht, sich teils mit nicht unmittelbar \u00f6konomischen Methoden eine neue Legitimationsbasis zu schaffen und daher nicht allein als Funktionen f\u00fcr die kapitalistische Akkumulation zu betrachten. Daher funktioniert der politische Machterhalt des Regimes beziehungsweise die Sicherung seines \u00dcberlebens trotz aller Krisen im Land weiterhin, auch wenn seit l\u00e4ngerem die Legitimation des Regimes schleichend untergraben wird. Der immer <a href=\"https://tr.euronews.com/2020/11/09/metropoll-turkiye-nin-nabz-anketi-ak-parti-oylar-ilk-kez-yuzde-30-un-alt-nda\">noch verbreitete Unglaube</a> der Bev\u00f6lkerung, dass die Opposition es <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halkin-yarisindan-fazlasi-muhalefet-partilerinin-iktidara-karsi-alternatif-cozum-onerileri-sunamadigini-dusunuyor,938203\">besser</a> machen k\u00f6nne (bzw. dass es tragf\u00e4hige <a href=\"https://t24.com.tr/haber/arastirma-muhafazakar-secmen-sosyal-demokrat-secmene-kiyasla-daha-karasiz-secmenin-stratejik-oy-verme-egilimi-guclu,921725\">alternative Parteien</a> g\u00e4be), der weiterhin fest verankerte Glaube von fast 80% der AKP-W\u00e4hler*innen an eine <a href=\"https://www.turkuazlab.org/wp-content/uploads/2020/12/Turkiyede-Kutuplasmanin-Boyutlari-2020-Arastirmasi-Sunumu.pdf\">ausl\u00e4ndische Verschw\u00f6rung</a> hinter dem Gezi-Aufstand 2013, und die damit im Zusammenhang stehende viel st\u00e4rkere Zunahme der wahltechnisch betrachtet <a href=\"https://t24.com.tr/haber/arastirma-muhafazakar-secmen-sosyal-demokrat-secmene-kiyasla-daha-karasiz-secmenin-stratejik-oy-verme-egilimi-guclu,921725\">Unsicheren/Schwankenden</a> als derer, die statt den Regimeparteien nun die Oppositionsparteien w\u00e4hlen wollen, bezeugt das Gewicht der relativen Autonomie politischer und sozialer Muster von Macht und Identit\u00e4tsbildung auch inmitten einer Hegemoniekrise.</p><p>Weder die Krise des Akkumulationsregimes, noch die allgemeinere Legitimationskrise haben unmittelbar und unvermittelt soziale und politische Effekte. Sie haben nur vermittelt durch die Formen des Politischen und des Sozialen Effekte, die somit co-determinativ sind und deren Eigenheiten daher nicht einfach funktionalistisch entkernt werden k\u00f6nnen. Umgekehrt gef\u00e4hrden insbesondere gesellschaftliche Polarisierung und Dezisionismus aus der Perspektive des orthodox-neoliberalen b\u00fcrgerlichen Lagers \u2013 wegen der durch sie teils induzierten, teils versch\u00e4rften Hegemoniekrise \u2013 die Stabilit\u00e4t des gesamten gesellschaftlichen Systems ungleicher und ausbeuterischer gesellschaftlicher Beziehungen (nicht nur der \u00f6konomischen) grundlegend, weshalb sie, zumindest in ihrer eigenen diskursiven Repr\u00e4sentation, f\u00fcr eine stabilere Form der Regulation<i> aller</i> gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse streiten. <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/iktidar-bloku-icinde-arayislar-makale-1507278\">Das regulationstheoretische Argument</a>, dass das (hegemoniale) Projekt politischer Akteure die Interessen der Bourgeoisie im weitesten Sinne mit einbeziehen muss, und dass erst die Synchronisation von politischem Projekt mit diesen Interessen die Kontinuit\u00e4t des Machtblocks gew\u00e4hrleistet, ist zwar so allgemein gehalten richtig, weicht der Bearbeitung dieser Felder aber letztlich aus und zieht sich auf eine deskriptive Position zur\u00fcck (Feststellung von Synchronit\u00e4t oder Asynchronit\u00e4t/Krise). Es ist daher auch zugleich nicht richtig: Zum einen aufgrund der Bandbreite an M\u00f6glichkeiten, die zwischen vollst\u00e4ndiger Synchronisation und vollst\u00e4ndiger Asynchronit\u00e4t liegen. Es fehlt die Antwort auf die Frage nach den Faktoren, die festlegen, welche Position genau zwischen vollst\u00e4ndiger Synchronisation und vollst\u00e4ndiger Asynchronit\u00e4t eingenommen wird und damit nach Akteur*innen, Funktionsweisen und Interessen (innerhalb) derjenigen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, die miteinander synchronisieren oder asynchron sind. Damit im Zusammenhang l\u00e4sst es zum anderen die Frage nach der Eigenheit nicht-\u00f6konomischer Sph\u00e4ren und somit nicht-\u00f6konomischer Interessen, Akteure, Hegemonien usw. im Ensemble der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse unbeantwortet und legt einen Funktionalismus \u201ein letzter Instanz\u201c nahe (in letzter Instanz m\u00fcssen diese anderen Verh\u00e4ltnisse n\u00e4mlich mit den \u00f6konomischen synchronisieren). Aus dieser unzureichenden theoretischen Bearbeitung folgt aber die unzureichende Analyse hegemonietheoretisch ausschlaggebender Prozesse, was der theorie- und analyseimmanente Grund f\u00fcr die Attraktivit\u00e4t nicht-marxistischer Ans\u00e4tze ist.</p><p>Liest man die Verlautbarungen des T\u00dcSIAD genauer, kann man eine ineinander verschr\u00e4nkte \u00f6konomische wie politisch-regulative, in jeder Hinsicht jedoch <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/kavga-turkiye-kapitalizmini-kim-nasil-yonetecek-makale-1517988\">sehr umfassende</a> Kritik am derzeitigen Regime herauslesen: <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/tusiad-yik-baskani-ozilhan-ekonomi-yonetimini-elestirdi-1824292\">\u00d6konomisch</a> wird ganz offen f\u00fcr eine neoliberale Restauration auf erweiterter Grundlage optiert. Politisierung der regulativen Institutionen, Unvorhersehbarkeit, Unf\u00e4higkeit in der Inflations- und W\u00e4hrungsverfallsbek\u00e4mpfung und somit palliatives statt transformatives Krisenmanagement werden darin scharf kritisiert. Im Gegenzug werden eine neoliberale Geldpolitik, depolitisierte regulative Institutionen, ein Krisenmanagement und eine Wirtschaftspolitik eingefordert, die die industrielle Produktionsbasis des t\u00fcrkischen Kapitalismus eine Stufe h\u00f6her heben kann, statt mit Kreditschwemmen bankrotte Gesch\u00e4ftsmodelle am Leben zu halten. Das Kalk\u00fcl ist, in den globalen Lieferketten aufzusteigen und China partiell abzul\u00f6sen. <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/catismanin-alternatif-bir-yuzu-tusiad-ve-mhp-makale-1526777\">Politisch-regulativ</a> betrachtet kritisiert der T\u00dcSIAD fast alle wichtigen politischen Entscheidungen des Regimes: Ob nun den Austritt aus der Istanbuler Konvention, das HDP-Verbotsverfahren, die Berufung des neuen Rektors der Bo\u011fazi\u00e7i-Universit\u00e4t wider den Willen der Studierenden und Lehrenden, die Bildungspolitik, die Infragestellung des Laizismus, die Repression der Medien, die diplomatische Isolation des Landes oder die politisierte Justiz \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tusiad-yuksek-istisare-konseyi-baskani-ozilhan-dan-sedat-peker-aciklamasi-kamuoyu-nezdinde-dile-gelen-bu-suphelerin-giderilmesi-gerekiyor,959760\">nicht zuletzt</a> die durch Sedat Pekers \u201eOffenbarungen\u201c publik gemachte Versumpfung des Staates. All dies wird kritisiert aus der Angst heraus, dass ansonsten gesellschaftliche Polarisierung und Legitimationseinbruch die Hegemoniekrise so sehr versch\u00e4rfen k\u00f6nnten, dass sie nicht mehr nur die derzeitige Regierung und das derzeitige politische Regime gef\u00e4hrden. Aus demselben Grund bezieht sich der Vorsitzende des T\u00dcSIAD, Simone Kaslowski, positiv-wohlwollend auf Bidens Krisenpaket, das er als \u201e<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/kavga-turkiye-kapitalizmini-kim-nasil-yonetecek-makale-1517988\">sozialdemokratisch gef\u00e4rbt</a>\u201c charakterisiert. Bez\u00fcglich des Krisenmanagements in der T\u00fcrkei \u00e4u\u00dfert er, wie oben hervorgehoben, Sorge wegen Inflation und Arbeitslosigkeit.</p><p>Inwiefern die Vorschl\u00e4ge der restaurativen Akteure \u00fcberhaupt f\u00fcr die popularen Klassen von Nutzen sind, diskutiere ich am Ende des Artikels genauer. F\u00fcr diesen Abschnitt m\u00f6chte ich allerdings Folgendes hervorheben: Nat\u00fcrlich w\u00e4re Erdo\u011fan ohne den Neoliberalismus nicht m\u00f6glich gewesen. Dessen krisenhafte Umsetzung in den 1990ern delegitimierte fast alle Parteien au\u00dferhalb der AKP, vor allem die sozialdemokratische Linke; zudem zerschlug die Privatisierungswelle der 2000er die organisiertesten Teile der Arbeiter*innenklasse, wie \u00fcberhaupt der Neoliberalismus f\u00fcr einen <a href=\"http://arastirma.disk.org.tr/wp-content/uploads/2020/09/D%C4%B0SK-AR-12-Eyl%C3%BCl-RAPOR-SON.pdf\">grundlegenden Positionsverlust</a> der Arbeiter*innenklasse sorgte (Entrechtung, stagnierende Reall\u00f6hne, klaffende Produktivit\u00e4ts-Lohn-Schere, finanzielle Abh\u00e4ngigkeit usw.).</p><h4><i>Eine desorientierte, zunehmend sozial depravierte Arbeiter*innenklasse bei gleichzeitiger (partieller) Delegitimation der b\u00fcrgerlichen Linken ist eine der wichtigsten Bedingungen f\u00fcr den Aufstieg der autorit\u00e4ren Rechten, die so einerseits das Vakuum f\u00fcllen, andererseits den sozialen Unmut auf ihre Art und Weise prozessieren kann.</i></h4><p>Marxist*innen wie Korkut Boratav, Galip Yalman, P\u0131nar Bedirhano\u011flu oder \u00dcmit Ak\u00e7ay haben diese Entwicklungen exzellent aufgearbeitet. Es sind dies aber nicht die einzigen und hinreichenden Gr\u00fcnde f\u00fcr den Aufstieg der autorit\u00e4ren Rechten \u2013 im Fall der T\u00fcrkei: f\u00fcr die Errichtung einer pr\u00e4sidialen Diktatur unter F\u00fchrung von Erdo\u011fan. Es bedarf auch einer autorit\u00e4ren Rechten, die, um der eigenen politischen Macht willen, einen erfolgreichen sozialen und politischen Kampf mit politischen Kontrahent*innen und den relevanten sozialen Akteuren um politische und soziale F\u00fchrung ausficht. Eine autorit\u00e4re Rechte, die zudem in der Lage ist, eine gewisse aktive oder passive Massenbasis zu schaffen. Einmal an der Macht, ist diese auch seitens der Gro\u00dfbourgeoisie nicht mehr ohne weiteres kontrollierbar und deshalb \u2013 au\u00dfer in au\u00dferordentlichen Krisenzeiten \u2013 selten von ihr erw\u00fcnscht. Daher \u00e4hnelt der T\u00dcSIAD heute dem Zauberlehrling, der die Geister nicht mehr kontrollieren kann, die er selbst herbeirief (oder zumindest stark in ihrer Genese unterst\u00fctzte). Es gibt aber auch keinen Zaubermeister, der helfen kann. Insofern ist es richtiger, den derzeitigen Autoritarismus nicht als \u201eneuen Neoliberalismus\u201c zu bezeichnen, <a href=\"https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Studien/Studien_6-19_Globalisierung.pdf\">sondern als</a> \u201eErgebnis einer mit zunehmender H\u00e4rte gef\u00fchrten Auseinandersetzung<i> um</i> Neoliberalismus\u201c (S. 59) seitens diverser im engeren Sinne \u00f6konomischer und nicht-\u00f6konomischer Akteur*innen. Erdo\u011fan bleibt an das Gro\u00dfkapital gebunden, das die \u00f6konomische Hauptkraft in der T\u00fcrkei ist. Und ebenso bleibt das Gro\u00dfkapital an Erdo\u011fan gebunden: Denn seine Regierung h\u00e4lt, wenn auch krisenhaft, die Profite des Kapitals und neoliberale Arbeitsverh\u00e4ltnisse aufrecht. Eine allzu antagonistische Opposition gegen Erdo\u011fan zu betreiben, vergr\u00f6\u00dfert die Gefahr, ganz andere Geister, n\u00e4mlich die popularen, zu entfachen, was wiederum aus Sicht des Gro\u00dfkapitals und der b\u00fcrgerlichen Opposition ganz andere Risiken birgt. Daher befinden sich Erdo\u011fan und Gro\u00dfkapital in einem instrumentellen Zweckverh\u00e4ltnis miteinander, das sie bei erstbester Gelegenheit \u00fcber den Haufen schmei\u00dfen w\u00fcrden \u2013 w\u00e4re dies nur m\u00f6glich, ohne gro\u00dfe Krisen zu riskieren!</p><h2><b>Autorit\u00e4re Konsolidierungsversuche</b></h2><h4><i>Die schon bekannten autorit\u00e4ren Konsolidierungsversuche des Regimes setzen sich derweil ununterbrochen fort. Sie setzen sich zusammen aus Unterdr\u00fcckung (erstens und zweitens), sowie Einbindung und Spaltung zugleich der Opposition (zweitens und drittens). Au\u00dferdem findet der Versuch der Festigung eines autorit\u00e4ren, dezisionistischen Regimes inklusive einer ihm entsprechenden neuen Legitimationsbasis statt (viertens).</i></h4><p><i>Erstens</i> wird der Kampf um die entscheidenden oppositionsgef\u00fchrten Gro\u00dfst\u00e4dte weitergef\u00fchrt. Wie schon dargelegt, bilden die oppositionsgef\u00fchrten Gro\u00dfst\u00e4dte \u2013 insbesondere Ankara und Istanbul \u2013 die politische Hauptschlagkraft der b\u00fcrgerlichen Opposition gegen das Regime, wie sie selbst Ergebnis eines erfolgreichen Kampfes der Opposition sind. Seit den Kommunalwahlen 2019, also seitdem Ankara und Istanbul nach Jahrzehnten von der AKP (oder Vorg\u00e4ngerparteien der AKP) an die Opposition \u00fcbergingen, decken deren neugew\u00e4hlte B\u00fcrgermeister <a href=\"https://t24.com.tr/haber/yavas-in-aktardigi-3-katrilyonluk-yolsuzluk-iddiasinin-bilancosu-sus-bitkileri-de-var-osmanlispor-da,919238\">einen Korruptions- oder Misswirtschaftsfall</a> <a href=\"https://www.birgun.net/haber/35-milyon-dolarlik-kamu-zarari-310611\">nach</a> <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/gundem/akp-doneminde-ibbde-paralari-odenen-isler-ortada-yok-6158045/\">dem anderen</a> aus der AKP-\u00c4ra auf. Zugleich nutzen sie die Mittel der Stadtverwaltungen, um durch dienstleistungsorientierte Politik und milde redistributive Ma\u00dfnahmen f\u00fcr die Mittellosen eine gewisse Massenbasis f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Opposition aufzubauen. Es ist <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/chp-iktidar-icin-yerel-yonetimlere-yogunlasti-haber-1501385\">offensichtlich</a>, dass die b\u00fcrgerliche Opposition darauf abzielt, durch den Erfolg in den Kommunalverwaltungen in die Macherrolle zu kommen, Barrieren bei Regime-W\u00e4hler*innen zu brechen und ergo gen\u00fcgend Unterst\u00fctzung aufzubauen, um die n\u00e4chsten Parlaments- und Pr\u00e4sidentschaftswahlen zu gewinnen. Erdo\u011fan und das um ihn herum organisierte Regime hingegen versuchen, den Handlungsspielraum der oppositionellen Stadtverwaltungen so weit wie m\u00f6glich einzuschn\u00fcren, um diese Rechnung der Gegenseite zu vereiteln.</p><p>Mehrere Mechanismen greifen dabei ineinander: Zum einen werden zwar die B\u00fcrgermeister der betreffenden St\u00e4dte von der oppositionellen CHP gestellt, die Stadtparlamente sind aber immer noch von AKP und MHP dominiert. Das bedeutet, die Parteien des Regimes nutzen ihre Parlamentsmehrheiten, um die Legislative und Exekutive auf Munizipalebene zu blockieren. Zudem nutzt Erdo\u011fan die Mittel des Zentralstaates, um die Ressourcen der St\u00e4dte so weit wie m\u00f6glich zum Versiegen zu bringen: So bekommen oppositionsgef\u00fchrte St\u00e4dte (und Unternehmen) unterdurchschnittlich wenig zentralstaatliche Gelder und <a href=\"https://2020.tr-ebrd.com/state-banks-on-the-rise/\">\u00f6ffentliche Kredite</a>, weshalb sie sich <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-4-metro-hatti-icin-eurobond-la-580-milyon-dolar-borclandi-imamoglu-kamu-bankalari-garabet-tavri-birakmali,918696\">internationale</a> Partner oder Kreditgeber wie die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-eminonu-alibeykoy-tramvay-hatti-projesi-icin-fransiz-kalkinma-bankasi-ndan-93-milyon-euro-luk-finansman-destegi-alacak,961088\">franz\u00f6sische</a> oder <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-ile-avrupa-imar-ve-kalkinma-bankasi-arasinda-mutabakat-metni-imzalandi-ilk-proje-incirli-beylikduzu-metro-hatti-olacak,950060\">europ\u00e4ische</a> Entwicklungsbank suchen. Es werden aber auch historische St\u00e4tten wie etwa der <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/ibbden-gezi-parki-alaninin-sultan-beyazit-hani-veli-hazretleri-vakfina-devredilmesine-iliskin-aciklama-1821921\">Gezi Park</a> oder der Galata-Turm (beides Istanbul), die sich eigentlich im Eigentum der Gro\u00dfst\u00e4dte befinden, an zentralstaatliche Ministerien \u00fcbertragen und somit aus den H\u00e4nden der Stadtverwaltungen genommen. Nicht zuletzt interveniert die Zentralregierung permanent in die Angelegenheiten der St\u00e4dte: Spendensammlungen der Munizipalit\u00e4ten, um von der Corona-Pandemie Betroffenen zu helfen (und nat\u00fcrlich gesellschaftliche Legitimation aufzubauen), wurden etwa der \u201eParallelstaatlichkeit\u201c und des Terrorismus bezichtigt und seitens des Innenministeriums unter einem juristischen Vorwand verboten. Die oppositionellen Munizipalit\u00e4ten <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-2020-de-ihtiyac-sahiplerine-618-milyon-890-bin-lira-destek-saglandi,937437\">wussten</a> dies aber mehr oder minder <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-duyurdu-6-milyon-tek-yurek-kampanyasi-ikinci-kez-basladi,942920\">zu umgehen</a>. Die Auseinandersetzung um das Spendensammeln und -verteilen der oppositionellen Munizipalit\u00e4ten setzt sich <a href=\"https://t24.com.tr/video/imamoglu-ndan-bagis-kampanyasina-izin-vermeyen-bakan-soylu-ya-tepki-132-bin-ailenin-bayramda-yuzlerinin-gulmesini-istemeyen-bir-kisi-var-o-da-icisleri-bakani,40154\">bis heute</a> fort, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tunc-soyer-tv-ler-bizi-yok-saydi-ama-48-saatte-ankara-nin-gonderdiginden-daha-fazla-yardim-topladik,913291\">ebenso</a> wie das Bem\u00fchen derselben, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-bayram-oncesinde-100-milyon-lira-tutarinda-yeni-destek-paketi-hazirladik-185-bin-ailemizin-kartlarina-500-lira-yatirdik,964909\">alternative</a> Methoden der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-duyurdu-kampanyamiz-bir-ayda-20-milyon-tl-destek-aldi,950661\">Redistribution</a> zur Anwendung zu bringen und somit der Repressionskeule des Regimes zu entgehen. Auch <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/ibbdeki-akp-yolsuzluklarini-acikliyoruz-her-yol-tugvaya-1843746\">beschlagnahmte</a> das Innenministerium einen Gro\u00dfteil der \u201eAntikorruptionsdossiers\u201c der Istanbuler Stadtverwaltung, bevor diese die Dossiers finalisieren und der Justiz \u00fcbergeben konnte.</p><p>Der derzeit gr\u00f6\u00dfte Konfliktpunkt, der mehrere dieser Mechanismen zusammenf\u00fchrt und daher symptomatisch ist, ist der Konflikt um <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/405297.megaprojekt-istanbuls-untergang.html\"><i>Kanal Istanbul</i></a>, ein megalomanes, mehrere Dutzend Milliarden Dollar teures Projekt zur Anlage eines k\u00fcnstlichen zweiten Wasserkanals parallel zum Bosporus. Von den \u00f6kologisch potenziell desastr\u00f6sen Folgen dieses Projekts abgesehen, ist offensichtlich, dass es sich hier \u00f6konomisch betrachtet um ein klassisches Klientelprojekt handelt \u2013 die Bauauftr\u00e4ge gehen nat\u00fcrlich an Erdo\u011fan-nahe Unternehmer. Zugleich ist es ein Prestigeprojekt Erdo\u011fans, mit dem er sich erneut als Vision\u00e4r und \u201eMacher\u201c pr\u00e4sentieren will. Und nicht zuletzt ist es ein Armdr\u00fccken zwischen Erdo\u011fan und der Istanbuler Munizipalit\u00e4t darum, wer eigentlich in Istanbul das Sagen hat.</p><p><i>Zweitens</i> geht die umfassende Repression gegen Oppositionelle und Dissidenten ununterbrochen weiter. Demonstrationen oder Kundgebungen sind, wenn sie nicht regierungsnah sind, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tihv-2020-yilindaki-hak-ihlallerini-paylasti-hak-savunucularina-24-yil-hapis-cezasi-90-tutuklama-1079-haber-ile-97-internet-sitesine-erisim-engeli,958235\">fast unm\u00f6glich</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/chp-den-adalet-raporu-804-gun-eylem-yasagi-6-bin-322-gozalti-761-is-cinayeti-349-habere-erisim-engeli,959513\">geworden</a>, Folter und Gewalt seitens Beamt*innen nimmt zu. Unabh\u00e4ngige oder nicht regierungskonforme Fernsehsender werden im Gegensatz zu regimetreuen mit <a href=\"https://www.hrw.org/news/2020/12/15/turkey-crackdown-independent-tv-channels\">horrenden Strafzahlungen</a> des Obersten Rundfunk- und Fernsehrates (<i>Radyo ve Televizyon \u00dcst Kurulu</i>, RT\u00dcK) \u00fcberzogen, dessen Chef laut Eigenaussage zudem Erdo\u011fans \u201eEmpfehlungen und Vorschl\u00e4ge\u201c als Befehle ansieht. Der letztes Jahr neu gegr\u00fcndete Fernsehsender <i>Olay TV</i> musste innerhalb k\u00fcrzester Zeit <a href=\"https://t24.com.tr/haber/nevsin-mengu-ne-izmir-marsi-ne-mehter-marsi-caldik-haber-yaptik-cavit-caglar-hdp-yanlisi-diyerek-baskiyi-mesrulastiriyor,923135\">schlie\u00dfen</a> \u2013 mutma\u00dflich wegen gro\u00dfem politischem Druck, da der Sender auch \u00fcber die pro-kurdische, linke HDP berichtete. Nat\u00fcrlich gehen <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/mhp-medyasi-kaynak-aktariminda-akp-medyasini-geride-birakti-ulkeyi-bahceli-yonetiyor-1848890\">fast alle</a> \u00f6ffentlichen Reklameschaltungen und damit Unsummen an Geldern <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/iktidar-destekcisi-medyaya-akan-kamu-kaynagi-3-adaletsizlikten-cok-daha-buyuk-bir-sorun-var-haber-1528410\">an regimetreue Sender und Zeitungen</a>, kaum welche an oppositionelle. <a href=\"https://ifade.org.tr/reports/EngelliWeb_2019_Eng.pdf\">Nicht nur</a> werden Hunderttausende Webseiten blockiert und Tausende Social Media-Accounts juristisch verfolgt; die Regierung \u00fcberzog auch Facebook, Youtube, Instagram, TikTok und Twitter mit <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-11-04/biggest-social-media-companies-are-fined-by-turkey-under-new-law\">Strafen</a> in H\u00f6he von insgesamt 1,2 Millionen \u20ac, weil sie keine der Regierung gegen\u00fcber f\u00fcr das Unternehmen verantwortlichen lokalen Repr\u00e4sentanten ernannt hatten. Das Gesetz, das dies erfordert, wie auch die Strafzahlungen stehen im Zusammenhang mit dem Versuch des Regimes, mehr direkte Kontrolle auf die Social Media-Unternehmen auszu\u00fcben. Eine <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/turkey-plans-further-clampdown-independent-media\">weitere Versch\u00e4rfung</a> des Medienrechts, wonach die Kontrolle der Regierung \u00fcber Nachrichtenplattformen, die Gelder aus dem Ausland beziehen (also im Prinzip die gesamte alternative Onlinepresse), wurde schon angek\u00fcndigt als \u201eKampf gegen die f\u00fcnfte Kolonne\u201c. Zudem wurden seit 2018 etwa 40 (oft oppositionelle) Journalist*innen <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/05/erdogan-endorses-mob-attack-opposition-leader-warning-more-come\">t\u00e4tlich angegriffen</a>. Der oppositionelle, nationalistisch orientierte Sender<i> Halk TV</i> wurde w\u00e4hrend einer Live\u00fcbertragung aus den Waldbrandgebieten Anfang August von einem regierungsnahen Mob <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/08/06/tv-yayinina-baskin-bakan-istifasi-ve-bir-asker-videosu/\">angegriffen</a>, nachdem zuvor der RT\u00dcK Sender, die nicht regierungskonform \u00fcber die Waldbr\u00e4nde berichteten, mit \u201eden heftigsten Sanktionen\u201c bedroht (und diese dann <a href=\"https://bianet.org/bianet/medya/248607-rtuk-once-tehdit-etti-sonra-ceza-kesti?bia_source=mailchimp&amp;ct=t(RSS_EMAIL_CAMPAIGN+-+Bianet+T%C3%BCrk%C3%A7e+G%C3%BCnl%C3%BCk)&amp;mc_cid=bee6f913c5&amp;mc_eid=4504c19f40\">umgesetzt</a>) und der millionenfach auf Twitter geteilte #HelpTurkey-Hashtag \u00f6ffentlich und juristisch <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/turkish-prosecutor-investigates-tweets-calling-help-wildfires\">angeprangert und verfolgt</a> wurde, weil er die T\u00fcrkei als \u201eschwach\u201c darstelle.</p><p>Die Verfolgung geschieht auch au\u00dferhalb der T\u00fcrkei, <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/exiled-turkish-journalist-attacked-outside-home-germany\">wie j\u00fcngst der Angriff</a> auf den kritischen Investigativjournalisten Erk Acarer in Berlin und die Existenz von <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/407199.gefahr-f%C3%BCr-t%C3%BCrkische-oppositionelle-im-fadenkreuz.html\">Todeslisten</a> mit Namen von t\u00fcrkeist\u00e4mmigen Oppositionellen und Dissidenten in Deutschland gezeigt hat. Das Vorgehen beschr\u00e4nkt sich nicht allein auf Journalist*innen, sondern hat System. Erst neulich wurde die Chefin der rechten Oppositionspartei IYI, Meral Ak\u015fener, bei einem Besuch in Rize am Schwarzen Meer von einem aufgestachelten Mob empfangen und musste die Stadt fr\u00fchzeitig verlassen. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-erdogan-salgin-surecinde-milletimizin-hem-sagligini-guvenligini-asini-ve-isini-korumak-icin-devletimizin-tum-imkanlarini-seferber-ettik,954704\">Erdo\u011fans Kommentar</a>, an Ak\u015fener gerichtet: \u201eDanke Gott daf\u00fcr, dass sie nicht zu weit gegangen sind, und dir [nur, A. K.] eine Lehre erteilt haben. Das sind noch die guten Tage, wartet mal ab, was da noch kommt\u201c, ist paradigmatisch f\u00fcr die drohende, Gewalt relativierende oder <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/siddetin-tarihcesi-daha-neler-olacak-neler-galeri-1525820\">zur Gewalt anstachelnde Sprache</a>, die zentrale Personen des Regimes seit Jahren gegen oppositionelle Politiker*innen, Journalist*innen, Akademiker*innen und andere nutzen. Dabei ist MHP-Chef <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-bu-kez-ahmet-sik-i-hedef-gosterdi-mhp-nin-hedef-gosterdigi-kimler-saldiriya-ugramisti,957623\">Bah\u00e7eli</a> oft viel direkter als Erdo\u011fan. So bezeichnete er Protestierende an der Eliteuniversit\u00e4t Bo\u011fazi\u00e7i als \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-bogazici-universitesi-nde-turkiye-nin-sinir-uclariyla-oynaniyor-eskiyalar-bogazici-ne-tutunarak-ulkemize-meydan-okuyor,930788\">giftige Schlangen, deren K\u00f6pfe wir zerquetschen m\u00fcssen</a>\u201c.</p><p>Die Repressionswelle gegen die HDP wurde in der vergangenen Zeit immer intensiver. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hdp-nin-hak-ihlalleri-raporu-son-5-yilda-16-binden-fazla-hdp-li-gozaltina-alindi-4-bine-yakin-hdp-li-tutuklandi,919835\">Tausende</a> ihrer Mitglieder, Funktionstr\u00e4ger*innen und sogar Parlamentarier*innen wurden in den letzten Jahren in Untersuchungshaft genommen, etwa 1000 <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/2990310-iki-bucuk-yilda-1336-dosya\">Immunit\u00e4tsaufhebungsantr\u00e4ge</a> liegen f\u00fcr HDP-Parlamentarier*innen im Parlament vor und fortlaufend finden Razzien gegen sie statt. Mittlerweile l\u00e4uft auch das sogenannte \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/3530-sayfalik-kobani-iddianamesinden-kapatilmasi-icin-cagri-yapilan-hdp-ile-ilgili-iddialar-cikti-myk-toplantisina-kck-lilar-katildi-hdp-liler-de-orgut-yoneticisi,925222\">Kobane-Verfahren</a>\u201c auf Grundlage einer <a href=\"https://t24.com.tr/haber/demirtas-in-avukatlari-suclamalara-20-ayri-baslikla-yanit-verdi-gizli-tanik-aslinda-yok-twitter-hesabi-sahte,929051\">haneb\u00fcchenen</a> Anklageschrift gegen insgesamt 108 \u00e4ltere F\u00fchrungspersonen der HDP. Gegen die Partei ist mittlerweile auch ein umfassendes Verbotsverfahren beim Verfassungsgericht anh\u00e4ngig (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/hdp-nin-kapatilmasi-istemine-cozum-sureci-gerekce-gosterildi-hdp-kapatilir-mi-hangi-secenekler-soz-konusu,960815\">ebenfalls</a> auf Grundlage einer haneb\u00fcchenen Anklageschrift), das auch eine Politikverbotsforderung f\u00fcr Hunderte HDP-Politiker*innen enth\u00e4lt; beide Anklagen mit dem Hauptvorwurf der Spaltung von Staat und Nation beziehungsweise der Zuarbeit zu einer \u201eTerrororganisation\u201c (also der PKK).</p><p>Auch hier gilt: Was von oben abgesegnet wurde, findet von unten seine Entsprechung. Am 15. Juni 2021 ermordete ein \u00fcberzeugter Faschist in Izmir Deniz Poyraz, eine Mitarbeiterin im dortigen B\u00fcro der HDP am 15. Juni 2021. Die Tat, begangen von einem, der <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/hdpli-ertugrul-kurkcu-saldirganlari-acikladi-3-silahli-iceri-giriyor-1845160\">in Syrien gek\u00e4mpft</a> und sich <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/gokcer-tahincioglu-yuzlesme/deniz-poyraz-in-katili-onur-gencer-icimi-soguttum-beni-serbest-birakin,31464\">laut Eigenaussage</a> vorgenommen hatte, so viele HDP\u2019ler wie er konnte zu ermorden, ist \u2013 egal ob es ein <a href=\"https://ilerihaber.org/icerik/deniz-poyrazin-katili-onur-gencerin-izmir-valiliginin-yonetiminde-oldugu-balcova-termal-oteli-sik-sik-ziyaret-ettigi-ortaya-cikti-127333.html\">geplantes Attentat</a> oder ein Selbstl\u00e4ufer war \u2013 direkte Folge einer von oben gezielt betriebenen Politik der <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/gundem/turkiye-cok-gergin-dil-mutlaka-degismeli-6531109/\">gewaltt\u00e4tigen Polarisierung</a> im Sinne des Machterhalts. <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/erdogans-game-plan-next-election-involves-kurdish-vote\">Es folgten</a> weitere auch bewaffnete Attacken auf HDP-B\u00fcros und ein <a href=\"https://bianet.org/english/human-rights/247964-seven-people-from-kurdish-family-shot-dead-at-home-in-racist-assault\">Massenmord</a> an einer kurdischen Familie in Konya, bei der sieben Mitglieder der Familie von einem t\u00fcrkischen Faschisten ermordet wurden, kaum ein paar Wochen nachdem sie von einem aufgestachelten Mob, an dem auch der sp\u00e4tere Massenm\u00f6rder teilnahm, angegriffen wurden. <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1155265.kurdische-familie-dedeo%C4%9Fullar%C4%B1-tuerkei-grosse-feuer-ueberall.html\">Einen Tag darauf</a> griff ein faschistischer Mob von 300 Personen kurdische Landarbeiter*innen in Elmal\u0131 an und forderte sie dazu auf, das Land zu verlassen.</p><h4><i>Offensichtlich dient die Entfesselung der Repression im Allgemeinen (wie im Besonderen gegen die HDP) dazu, Teile der Opposition zu demobilisieren und zu zerm\u00fcrben sowie, bez\u00fcglich der Medien, zu Regimediskursen massenwirksame alternative Diskurse zu verhindern. Au\u00dferdem dient sie dazu, eine autorit\u00e4r-faschistoide Massenbasis aufzubauen.</i></h4><p>Beim angestrebten HDP-Verbot k\u00f6nnte die Rechnung der Regierung weniger die sein, die Formation einer alternativen, mitte-links orientierten pro-kurdischen Partei in der T\u00fcrkei <i>\u00fcberhaupt</i> zu verhindern. Wichtigen politischen Akteur*innen in der T\u00fcrkei ist klar, dass dies eher unwahrscheinlich ist und auch, dass sich pro-kurdische Parteien in der Vergangenheit immer st\u00e4rker reformierten, nachdem sie verboten wurden. Das Kalk\u00fcl ist vermutlich eher, dass eine Schlie\u00dfung der HDP (oder eine Kappung der ihr zustehenden staatlichen Zusch\u00fcsse) <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/3112432-butun-hesaplar-eylule-odakli\">kurz vor den n\u00e4chsten Wahlen</a> zu einer gleichm\u00e4\u00dfigen Verteilung des W\u00e4hler*innenpotenzials der HDP auf Regime- wie restlichen Oppositionsparteien f\u00fchrt (oder die Effizienz der HDP weiter reduziert) und somit den Regimeparteien den Sieg erm\u00f6glicht. Es ist aber bislang nicht abzusehen, in welche Richtung sich das Verbotsverfahren entwickelt, da sein Ausgang wesentlich von den derzeitig laufenden Machtk\u00e4mpfen abh\u00e4ngt und nicht von juristischen Prozessen (w\u00e4ren Recht und Gesetz Ma\u00dfstab des Verfahrens, w\u00e4re es gar nicht erst zu einem Verbotsverfahren gekommen).</p><p>Die in diesem Artikel wegen einem innenpolitischen Fokus stiefm\u00fctterlich behandelte Au\u00dfenpolitik, in diesem Fall das Verh\u00e4ltnis zur USA und zur EU, hat diese Repressionsorgie im Allgemeinen und das Verbotsverfahren gegen die HDP im Besonderen nicht nachteilig affiziert, <a href=\"https://jacobinmag.com/2021/03/turkey-erdogan-hdp-peoples-democratic-party-pro-kurdish-socialism\">im Gegenteil</a>. Die durch die politische wie \u00f6konomische Integration der T\u00fcrkei in den euro-transatlantischen Kapitalismus sowie durch Druck ihrer Hauptakteure (USA, EU) erzeugte Wiederann\u00e4herung der T\u00fcrkei an die au\u00dfenpolitischen Interessen der NATO war Grund genug f\u00fcr diese, keine weiteren Sanktionen gegen die T\u00fcrkei zu erheben \u2013 <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-turkey-eu-exclusive-idUSKBN2BA1KP\">mit explizitem Verweis</a> darauf, dass auch ein drohendes HDP-Verbot daran nichts \u00e4ndern w\u00fcrde. Dies steht <a href=\"https://revoltmag.org/articles/deutsch-t%C3%BCrkische-untiefen/\">in Kontinuit\u00e4t</a> zur Au\u00dfenpolitik des euro-transatlantischen Blocks gegen\u00fcber der T\u00fcrkei der letzten Jahre, wonach die wirtschaftliche und geheimdienstliche Zusammenarbeit sowie R\u00fcstungsexporte weiter Bl\u00fcten trieben, w\u00e4hrend gelegentliche Skandalisierungen der Menschenrechtslage in der T\u00fcrkei als disziplinierende Hebel genutzt wurden, um die T\u00fcrkei \u00f6konomisch wie au\u00dfenpolitisch auf Linie zu halten. Jedenfalls folgten niemals auch nur ann\u00e4hernd so harte Sanktionen gegen\u00fcber der T\u00fcrkei wie gegen\u00fcber Russland, China oder seit neuestem Belarus. <a href=\"https://www.swp-berlin.org/en/publication/customs-union-old-instrument-new-function-in-eu-turkey-relations/\">Seit geraumer Zeit</a> verweisen bundesdeutsche Think Tanks zudem <a href=\"https://www.dw.com/tr/almanyadan-%C3%A7arp%C4%B1c%C4%B1-t%C3%BCrkiye-raporu-kurumlar-felce-u%C4%9Frat%C4%B1ld%C4%B1/a-57127795\">ganz offen</a> und unverbl\u00fcmt darauf hin, dass sich die EU ihrer mangelnden \u201enormativen Kraft\u201c bewusst werden und sich daher darauf beschr\u00e4nken sollte, wirtschaftliche Druckmechanismen daf\u00fcr zu nutzen, die T\u00fcrkei ausschlie\u00dflich in au\u00dfenpolitischen Angelegenheiten auf Linie zu bringen.<i> Hic Rhodus, hic salta</i> \u2013 zeige hier und jetzt, was du kannst! Das HDP-Verbotsverfahren ist das Rhodos der Fabel, und <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57611741\">die EU sprang</a>: Es wurde eine Vertiefung der f\u00fcr die T\u00fcrkei sehr wichtigen Zollunion und eine Verl\u00e4ngerung des \u201eFl\u00fcchtlingsdeals\u201c vereinbart statt neuen Sanktionen. Insofern ist der EU keine Inkonsequenz vorzuwerfen \u2013 au\u00dfer freilich derjenigen, \u201eMenschenrechte\u201c ganz nach gusto hochtrabend im Munde zu f\u00fchren aber sich nur dann f\u00fcr sie zu interessieren, wenn es gegen Russland, China, Belarus, Venezuela oder Kuba geht.</p><p>Aber die Repression gegen die HDP ist,<i> drittens</i>, auch ein integrales Element der Spaltung und Einbindung von Teilen der Opposition.</p><h4><i>Die (Nicht-)Thematisierung der \u201ekurdischen Frage\u201c auf Grundlage eines assimilatorischen t\u00fcrkischen Nationalismus und die Normalisierung eines rasenden militaristisch-nationalistischen \u201eAntiterrordiskurses\u201c hat den antikurdischen t\u00fcrkischen Nationalismus zu einer wichtigen Mobilisierungs- und Legitimationsquelle f\u00fcr politische Akteur*innen gemacht.</i></h4><p>Sogar der klassisch progressiv-neoliberale Ali Babacan, ehemals Wirtschaftsminister unter der AKP, nun Chef der kleinen Oppositionspartei DEVA, der sonst einen sehr starken Fokus auf \u201eRechtsstaatlichkeit und Menschenrechte\u201c hat, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/murat-sabuncu/ali-babacan-cozum-surecinde-hukumet-bir-adim-atacak-orgut-bir-adim-atacak-tavri-orgutu-guclendirdi,28323\">kritisiert</a> den in der Vergangenheit liegenden \u201eFriedensprozess\u201c mit der PKK, weil er die PKK gest\u00e4rkt habe. Abdullah G\u00fcl, der letzte Pr\u00e4sident vor Erdo\u011fan, der tendenziell Babacan-nah ist und die Polarisierung im Land wie auch das Pr\u00e4sidialsystem (wenn auch oft in sehr diplomatischen Worten) ablehnt, lehnt zwar den Verbotsantrag gegen die HDP ab \u2013 allerdings mit der <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/murat-sabuncu/11-cumhurbaskani-gul-t-24-e-konustu-hdp-ye-kapatma-davasi-acilmasini-ve-gergerlioglu-nun-milletvekilliginin-dusurulmesini-cok-yanlis-buluyorum,30262\">Begr\u00fcndung</a>, dass eine Schlie\u00dfung der HDP \u201eTerrororganisationen\u201c (also die PKK) st\u00e4rken w\u00fcrde und nicht etwa, weil ein solches Verbot gegen jede Minimalvorstellung von Rechtsstaatlichkeit geht. Sogar Babacan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ali-babacan-dan-anayasa-nin-ilk-dort-maddesi-sorusuna-uygun-iklim-yaniti,932645\">dr\u00fcckt sich darum</a>, die Pr\u00e4ambel und die ersten vier Paragraphen der <a href=\"https://www.tbmm.gov.tr/anayasa/anayasa_2018.pdf?TSPD_101_R0=08ffcef486ab2000ff259786418a411d0b908f239414891a82ca1e70fb157d3ec257397cacea6e8a08eee612741430007014cc9d5900a144826ec0c4b95c00ba5e6519cb6a8fb620e0367c3e8ace91d2b73f56888936220fa477a70f4a0c573f\">Verfassung</a>, die unter anderem einen rasenden geschichtsmetaphysischen t\u00fcrkischen Nationalismus und einen staatsverherrlichenden \u201eAtat\u00fcrkismus\u201c auf Verfassungsrang erheben, infrage zu stellen. Daher und weil sich die b\u00fcrgerliche Opposition weitestgehend mit dieser Normalisierung arrangiert und diese teilweise auch f\u00fcr ihre eigenen Zwecke nutzt, wird der antikurdische t\u00fcrkische Nationalismus von Regime- wie von Oppositionsparteien mehr oder minder stark geteilt.</p><p>Die Regimeparteien waren, machiavellianisch betrachtet, sehr geschickt darin, diesen militaristisch-nationalistischen \u201eAntiterrordiskurs\u201c auch auf die HDP auszuweiten und diese mit der PKK in eins zu setzen. <a href=\"https://www.turkuazlab.org/wp-content/uploads/2020/12/Turkiyede-Kutuplasmanin-Boyutlari-2020-Arastirmasi-Sunumu.pdf\">Mittlerweile</a> ist die HDP \u2013 neben der AKP \u2013 die <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/galeri/metropoll-arastirma-akp-yuzde-277-ile-secmenin-asla-oy-vermem-dedigi-ilk-parti-1852570/2\">am st\u00e4rksten abgelehnte</a> Partei in der Bev\u00f6lkerung, auch eine politische Zusammenarbeit mit ihr wird <a href=\"https://t24.com.tr/haber/area-arastirma-olasi-cumhurbaskanligi-secimlerinde-mansur-yavas-muharrem-ince-ile-abdullah-gul-e-fark-atiyor,899856\">mehrheitlich abgelehnt</a>. Mit der intensivierten Repression gegen die HDP man\u00f6vriert das Regime daher auch die b\u00fcrgerliche Opposition in eine schwierige Position. Diese wissen ja: Ohne die HDP, die bei landesweiten Wahlumfragen bei etwa 10% der Stimmen liegt, und somit auch ohne politische Zugest\u00e4ndnisse an die HDP scheint ein Sieg gegen die Regimeparteien und Erdo\u011fan unm\u00f6glich. Beispielsweise waren die HDP-W\u00e4hler*innen die <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkischer-fr%C3%BChling/\">K\u00f6nigsmacher</a> bei den Kommunalwahlen in Istanbul 2019. Andererseits ist die Ablehnung von PKK und HDP insbesondere bei der oppositionellen MHP-Abspaltung IYI und innerhalb ihrer W\u00e4hler*innenbasis sehr stark. Orientiert sich die Hauptoppositionspartei CHP also allzu offen auf eine Zusammenarbeit auch mit der HDP, dann riskiert sie einen Bruch mit der IYI und anderen kleineren Oppositionsparteien, was die Aussichten auf einen Sieg gegen Erdo\u011fan bei Wahlen ebenso unwahrscheinlich macht. Regimeakteure konzentrieren daher ihre verbalen Attacken und \u201eTerrorismusvorw\u00fcrfe\u201c auch <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-gayemiz-daha-guclu-bir-turkiye,942434\">ganz besonders</a> auf die CHP und <a href=\"https://www.birgun.net/haber/siyasette-ittifak-savaslari-332225\">versuchen</a> \u2013 teils mit <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-den-iyi-parti-lideri-meral-aksener-e-onerimiz-gecerliligini-korumakta-don-evine-bitsin-bu-cile,922602\">expliziten Einladungen</a> \u2013, die IYI und andere kleinere Oppositionsparteien auf ihre Seite zu ziehen. Ganz davon abgesehen gibt es auch innerhalb der CHP und den CHP-W\u00e4hler*innenschaft starke anti-kurdische und anti-HDP Tendenzen.</p><p>Es ist also ein best\u00e4ndiges Schwanken der b\u00fcrgerlichen Hauptoppositionsparteien hinsichtlich der HDP zu sehen: <a href=\"https://t24.com.tr/haber/iyi-parti-genel-baskan-yardimcisi-hdp-yi-problemli-goruyoruz-fezlekeler-geldiginde-evet-diyecegiz,935268\">Bekundete</a> der stellvertretende Chef der IYI, Yavuz A\u011f\u0131ralio\u011flu, dass sie die Aufhebung der Immunit\u00e4ten von HDP-Parlamentar*iennen unterst\u00fctzen werden (weil Terror!), <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-den-iktidara-1994-ruhu-dedikleri-iste-o-yirtip-attiklari-gomlegin-ta-kendisi,936623\">ruderte</a> gleich darauf die Chefin der IYI, Meral Ak\u015fener, zur\u00fcck und betonte, man w\u00fcrde nicht einfach so, ohne genauere Pr\u00fcfung, die Immunit\u00e4tsaufhebungsantr\u00e4ge abnicken. Dieselbe Ak\u015fener sagte <a href=\"https://www.diken.com.tr/hdpyle-ittifak-yapmayiz-diyen-aksenerden-demirtasa-terorle-ic-ice-oldugu-gercek/\">aber auch</a> noch kurz zuvor im Februar 2021, Selahattin Demirta\u015f (der ehemalige Co-Vorsitzende der HDP, der seit mehreren Jahren im Gef\u00e4ngnis sitzt) sei organisch mit dem \u201eTerror\u201c verbunden und sie suche kein B\u00fcndnis mit der HDP. Zur Verbotsdrohung gegen die HDP blieb und bleibt sie allerdings <a href=\"http://www.diken.com.tr/hdpyle-ittifak-yapmayiz-diyen-aksenerden-demirtasa-terorle-ic-ice-oldugu-gercek/\">gezielt vage</a> und h\u00e4lt sogar eine Unterst\u00fctzung daf\u00fcr von Teilen ihrer Partei f\u00fcr m\u00f6glich. Innerhalb der IYI wird <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/iyi-parti-once-icerige-bakacak-1817197\">diskutiert</a>, wie es zu bewerkstelligen ist, sich so scharf wie m\u00f6glich von der HDP abzugrenzen, zugleich aber auch nicht dem Regime zuzuarbeiten; etwa, indem man beispielsweise durch Akzeptanz der Immunit\u00e4tsaufhebungen auch die Ausweitung der Repression auf die restliche Opposition erm\u00f6glicht. Die IYI denkt <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/iyi-parti-cephesi-demirtasin-onerisinin-milleti-baltalayacagini-dusunuyor-1825490\">offensichtlich auch</a> \u00fcber die Gr\u00fcndung eines dritten Wahlb\u00fcndnisses nach, sollten CHP und HDP offen miteinander koalieren. Einige <a href=\"https://t24.com.tr/amp/haber/iyi-parti-toplu-istifa-aksener-e-guvenimiz-sarsildi,916591\">wenige Austritte</a> aus der IYI wegen der \u201eN\u00e4he zur HDP\u201c hat es ebenfalls schon gegeben. CHP-Chef K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu hingegen weicht zwar vom Ultranationalismus seines Vorg\u00e4ngers Deniz Baykal betreffs der \u201ekurdischen Frage\u201c ab, <a href=\"http://www.aljazeera.com.tr/gorus/cozum-surecinde-chp-ucuncu-yol-mumkun-mu\">lehnte aber</a> den \u201eFriedensprozess\u201c mit der PKK ab 2009/2010 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglundan-cozum-sureci-aciklamasi,229601\">dennoch ab</a> \u2013 mit der Begr\u00fcndung, dieser nutze der PKK und \u00d6calan. In den letzten Jahren <a href=\"https://www.jacobinmag.com/2016/11/turkey-erdogan-coup-hdp-pkk-syria-gulen-ypg\">stach er damit hervor</a>, dass er milit\u00e4rische Invasionen der t\u00fcrkischen Armee gegen die PKK und kurdische Gebiete in Syrien unterst\u00fctzte und zudem denjenigen Immunit\u00e4tsaufhebungsantr\u00e4gen zustimmte, die \u00fcberhaupt erst zur Inhaftierung der ehemaligen Co-Vorsitzenden der HDP (und sp\u00e4ter auch zur Inhaftierung eines CHP-Parlamentariers) f\u00fchrten. Auch aktuell lehnt er die offensichtlich zur Schw\u00e4chung und Spaltung der Opposition eingesetzten Immunit\u00e4tsaufhebungsantr\u00e4ge nicht rigoros ab, sondern bekundet, man m\u00fcsse erst mal deren Inhalte \u201e<a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/chp-genel-baskan-kemal-kilicdaroglu-yasalarla-oynayan-iktidar-gidicidir-1815708\">pr\u00fcfen</a>\u201c.</p><p>Ein wirkliches Novum war allerdings die Reaktion der b\u00fcrgerlichen Opposition auf eine in ihrer Zielsetzung und Umsetzung <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/02/16/13-sehit-sorulari-harekatin-amaci-neydi-sorumlusu-kim/\">bis heute</a> <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/sedat-ergin/o-magarada-saat-saat-ne-oldu-41743108\">nicht ganz aufgekl\u00e4rten</a> Milit\u00e4roperation des t\u00fcrkischen Staates im irakisch-kurdischen Gebirge von Gara im Februar 2021. W\u00e4hrend der Operation kamen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/milli-savunma-bakani-akar-gara-da-13-vatandasimizin-naasina-ulasildi,932974\">13 t\u00fcrkische Geiseln</a> in der Hand der PKK um, wof\u00fcr sich der t\u00fcrkische Staat und die PKK gegenseitig beschuldigten. W\u00e4hrend die b\u00fcrgerlichen Oppositionsparteien bei solchen Operationen \u2013 insbesondere mit so hohen Verlusten \u2013 \u00fcblicherweise sofort an der Seite der Regierung stehen, blieben sie diesmal kritisch-distanziert und <a href=\"https://www.kisadalga.net/yazar/garede-cuvallayan-iktidar-ve-muhalefetin-soru-sorma-basarisi_2608\">stellten viele Fragen</a> bez\u00fcglich des Zwecks und des genauen Ablaufs der Operation. Das versetze <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/aksener-tarzi-muhalefet-41743103\">nat\u00fcrlich</a> das Regime <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-hicbir-sey-adina-terore-goz-yumulamaz-tarafsiz-ve-hareketsiz-kalinamaz,933916\">in Rage</a>. In diesem Fall durchschauten also die b\u00fcrgerlichen Oppositionsparteien die politische Inszenierung des Operationsablaufs als Methode des Regimes, sich Legitimation auch im oppositionellen Lager zu organisieren. Das Verbotsverfahren gegen die HDP ist in dieser Hinsicht nat\u00fcrlich auch eine Initiative des Regimes, um die b\u00fcrgerliche Opposition dazu zu zwingen, sich nicht mehr schwankend angesichts der \u201ekurdischen Frage\u201c beziehungsweise der HDP zu verhalten, <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/gundemi-hdpye-odaklayan-iktidar-anayasa-degisikligiyle-bir-daha-acilmamasinin-pesinde-1815713\">sondern sich eindeutig zu positionieren</a> \u2013 und daf\u00fcr den Preis bezahlen (n\u00e4mlich entweder die Unterst\u00fctzung der Kurd*innen oder die der Nationalist*innen zu verlieren).</p><p>Die Versuche zur Spaltung und Einbindung der Opposition erfolgen indes nicht ausschlie\u00dflich \u00fcber die \u201ekurdische Frage\u201c. Zum einen f\u00e4llt die wohlwollende Berichterstattung \u00fcber Spaltungen innerhalb der Oppositionsparteien ins Auge. Eine <a href=\"https://t24.com.tr/haber/umit-ozdag-iyi-parti-yi-chp-nin-uydu-partisi-haline-getirmislerdir,936900\">offiziell</a> mit Verweis auf die \u201ekurdische Frage\u201c und N\u00e4he zur G\u00fclen-Gemeinde erfolgte Abspaltung von der IYI wurde seitens der Regimepresse gut aufgenommen. Auch der Pr\u00e4sidentschaftskandidat der CHP von 2018, Muharrem Ince, trat aus der CHP aus und hat mittlerweile eine eigene Partei gegr\u00fcndet. Auch \u00fcber ihn wurde in der Regimepresse <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/erdoganin-anayasa-hamlesinin-puf-noktalari-41730444\">sehr wohlwollend</a> berichtet und das Vorgehen der CHP gegen\u00fcber Ince skandalisiert. Aber es wird unter Umst\u00e4nden auch direkter interveniert: So <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/trumptan-once-trumptan-sonra-41709165\">besuchte</a> Erdo\u011fan im Januar 2021 ein wichtiges Mitglied der kleinen oppositionellen Partei der Gl\u00fcckseligkeit (<i>Saadet Partisi</i>, SP), die aus der Tradition des politischen Islams in der T\u00fcrkei kommt und von deren Vorg\u00e4ngerin sich die AKP als Abspaltung gegr\u00fcndet hat. Offensichtlich konnte Erdo\u011fan diese Pers\u00f6nlichkeit (O\u011fuzhan Asilt\u00fcrk) von einer Wiederann\u00e4herung an die AKP \u00fcberzeugen. Seit kurzem pl\u00e4diert Asilt\u00fcrk offen daf\u00fcr, dass sich die SP der Wahlallianz des Regimes, der Volksallianz (<i>Cumhur \u0130ttifak\u0131</i>) anschlie\u00dft und ihre oppositionelle Rolle aufgibt. Er <a href=\"https://t24.com.tr/haber/saadet-partisi-nden-oguzhan-asilturk-e-yanit-partinin-yetkili-kurullari-ve-karar-organlari-bellidir,959353\">versucht</a> mittlerweile zunehmend aggressiv, die Macht innerhalb der SP zu \u00fcbernehmen, wobei auch die derzeitige SP-F\u00fchrung selbst in ihrer Opposition zur AKP <a href=\"https://t24.com.tr/haber/karamollaoglu-dogru-bulmadigimiz-politikalarini-degistirmesi-sartiyla-ak-parti-yle-ittifak-yapilabilir,928502\">nicht immer klar</a> positioniert ist. Offensichtlich zielen diese Taktiken darauf ab, eine Demobilisierung, Demoralisierung und/oder sogar ein \u00dcberlaufen von Teilen der Opposition herbeizuf\u00fchren.</p><p>Nicht zuletzt erfolgen Einbindungsversuche der Opposition auch \u00fcber die k\u00fcmmerlichen Reste gemeinschaftlicher oder konsultativer Verfahren sowie einer angeblich an Rechtsstaatlichkeit orientierten Reformagenda. Bei der <a href=\"https://www.haberturk.com/adalet-bakani-gul-den-hsk-secimi-mesaji-uzlasmayla-secilmesi-cok-onemli-3077728\">Besetzung</a> von sieben neuen Mitgliedern des f\u00fcr die Ernennung aller wichtigen Richter*innen und Staatsanw\u00e4lt*innen zust\u00e4ndigen Rats f\u00fcr Richter und Staatsanw\u00e4lte (<i>Hakim ve Savc\u0131lar Kurulu</i>, HSK) erlaubte das Regime der CHP und IYI, zwei der Mitglieder zu ernennen und somit so etwas wie eine \u201egemeinsame Verantwortung in der Staatsf\u00fchrung\u201c zu evozieren. Auch wurde <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/erdoganin-asilturk-ile-gorusmesinde-yeni-anayasanin-da-gundeme-geldigi-belirtiliyor-1811157\">zeitweise</a> dar\u00fcber gemunkelt, das Regime k\u00f6nne einige wenige Zugest\u00e4ndnisse an die rechten Oppositionsparteien machen bei der Ausarbeitung einer neuen Verfassung \u2013 und selbstredend im Gegenzug Unterst\u00fctzung f\u00fcr die neue Verfassung erhalten. Und wie schon vor zwei Jahren wurde mit gro\u00dfem Tamtam ein <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-erdogan-insan-haklari-eylem-plani-ni-acikliyor,936450\">Menschenrechtsaktionsplan</a> verk\u00fcndet, das angeblich Menschenrechte sch\u00fctzen und willk\u00fcrlichen Haftstrafen vorbeugen und dadurch als Schein einer Teilliberalisierung die oppositionelle Energie d\u00e4mpfen sollte. Letztlich tragen die Zugest\u00e4ndnisse an gemeinschaftliche Verfahrensweisen und die Reformagenda allerdings nicht weit, da sie schon von Anfang an weitestgehend Makulatur waren.</p><p>Denn gemeinschaftliche Verfahren und Rechtsstaatlichkeit vertragen sich,<i> viertens</i>, nicht mit dem andauernden Faschisierungsprozess als Krisenbearbeitungsmodus, der daher auch einer anderen Legitimationsbasis, namentlich einer autorit\u00e4ren bedarf. In dieser Hinsicht erfolgte zuz\u00fcglich der in diesem Artikel schon beschriebenen repressiven Ma\u00dfnahmen und zur Gewalt anstachelnden Reden seitens des Regimes auch eine erneute Diskussion um die Wiedereinf\u00fchrung der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-bahceli-nin-aym-cagrisina-destek-tbmm-bir-adim-atarsa-seve-seve-ben-de-buna-katilirim,906649\">Todesstrafe</a> sowie <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-anayasa-mahkemesi-aciklamasi-aym-baskani-ve-uyeleri-ayni-dusuncede-degilse-geregini-yapmali,909193\">mehrmalige</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/04/01/bahceli-istedi-diye-erdogan-aym-duzenine-son-verir-mi/\">Forderungen</a> nach der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-anayasa-mahkemesi-tekrar-yapilandirilmali-yeni-anayasa-surecinde-yuksek-mahkemenin-mevcut-durumu-mutlaka-ele-alinmali,932241\">institutionellen Entmachtung</a> oder gar <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-aym-milletin-mahkemesi-olmayacaksa-derhal-kendisini-feshetsin-basindaki-zat-da-gecikmeden-istifa-etsin,933415\">Abschaffung</a> des Verfassungsgerichtes, da es in einigen wichtigen politischen Verfahren nicht nach dem Gefallen des Regimes entschied. Als Zementierung konservativ-autorit\u00e4ren Lebensstils wurden <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hafta-sonu-tekel-bayileri-kapatilacak-mi-marketlerde-icki-satisi-olmayacak-mi-genelgede-acik-hukum-yok-fiili-yasak-mi-gundemde,919504\">Alkoholverkaufsverbote</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/icisleri-bakani-soylu-dan-tam-kapanma-aciklamasi-denetimleri-en-ust-seviyede-tutmaliyiz,948802\">w\u00e4hrend</a> pandemiebedingten Lockdowns verh\u00e4ngt, <a href=\"https://t24.com.tr/video/erdogan-muzik-yasagini-saat-24-00-e-cekiyoruz-kusura-bakmasinlar-gece-kimsenin-kimseyi-rahatsiz-etmeye-hakki-yok,39860\">Musik und Unterhaltung</a> m\u00fcssen aktuell trotz vollst\u00e4ndiger \u00d6ffnungen um Mitternacht beendet werden. Und es erfolgte die lang angek\u00fcndigte Aufk\u00fcndigung der Istanbuler Konvention zum Schutz vor h\u00e4uslicher Gewalt seitens des t\u00fcrkischen Staates. Der Austritt aus diesem Abkommen war schon letztes Jahr versucht worden, traf aber auch innerhalb des Regimes auf gro\u00dfen Widerstand. Dieses Jahr war das Regime <a href=\"https://www.duvarenglish.com/turkeys-erdogan-quits-istanbul-convention-with-a-midnight-presidential-decree-news-56713\">erfol</a><a href=\"https://www.duvarenglish.com/turkeys-erdogan-quits-istanbul-convention-with-a-midnight-presidential-decree-news-56713\">greich darin</a>, die K\u00fcndigung der Istanbuler Konvention durchzudr\u00fccken \u2013 mit dem <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskanligi-iletisim-baskanligi-ndan-istanbul-sozlesmesi-aciklamasi,940584\">Argument</a>, diese legitimiere mit dem Begriff \u201egesellschaftliches Geschlecht\u201c \u201ewidernat\u00fcrliche\u201c (also nicht-heteronormative) Sexualit\u00e4ten, was \u201eunserem\u201c Moralverst\u00e4ndnis <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56492232\">wi</a><a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56492232\">derspr\u00e4che</a>. Die restriktive und homophobe Sexualit\u00e4ts- und Alltagsmoral zielt damit aber nicht nur auf die Unterdr\u00fcckung und Demoralisierung alternativer Lebensentw\u00fcrfe und Sexualit\u00e4ten, sondern vor allem auch auf die Schaffung (oder St\u00e4rkung) von und Legitimation durch konservativ-autorit\u00e4re Sozialcharaktere. Warum sonst kommt eine Familien- und Sozialministerin auf die Idee, den Anstieg von Gewalt an Frauen f\u00fcr \u201e<a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/05/why-women-are-calling-turkeys-only-female-cabinet-member-resign\">tolerabel</a>\u201c zu halten, da sie einen (noch) st\u00e4rkeren Anstieg mit der Pandemie erwartet h\u00e4tte? Zugleich erdreistete sich aber das Tourismusministerium Ende Juli 2021 ernsthaft und ohne Scham ein Promotionsvideo \u00fcber Istanbul mit dem Titel \u201e<a href=\"https://twitter.com/TCKulturTurizm/status/1419764679019278336?s=19\">Istanbul is the new cool</a>\u201c zu drehen und zu ver\u00f6ffentlichen, das Istanbul als eine s\u00e4kulare, liberale, offene, lebensfreudige, unbeschwerte, potenziell queere und hippe Stadt darstellte, um irgendwie noch westliche Tourist*innen anzuziehen. Als ob \u201eEnjoy, I\u2019m vaccinated\u201c nicht gereicht h\u00e4tte. Die <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/secular-turks-mock-governments-appropriation-care-free-lifestyles-istanbul-promo\">zynischen Kommentare</a> auf Twitter reichten von \u201edas war/ist Istanbul vor/nach der AKP\u201c bis hin zu \u201eFrauen tanzen, Ballett auf den Stra\u00dfen, wilde N\u00e4chte, Getr\u00e4nke, Tische... Es ist so sch\u00f6n, ich frage mich welches Land das wohl sein mag\u201c.</p><p>Nicht zuletzt gab es einige institutionelle Ver\u00e4nderungen zur St\u00e4rkung der repressiven Apparate. Die Ver\u00e4nderungen zielen auf die Festigung eines autorit\u00e4ren Staatsaufbaus: <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2021/01/turkey-gives-police-access-military-alarming-human-rights.html\">Beispielsweise</a> ist es mittlerweile dem Geheimdienst (MIT) und der Polizei erlaubt, bei \u201eterroristischen oder gesellschaftsbezogenen Ereignissen\u201c auf Waffenbest\u00e4nde des Milit\u00e4rs zuzugreifen. Zudem ist es mittlerweile <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bakan-soylu-toplumsal-olaylarda-kayit-yasagina-dair-emniyet-genelgesi-anayasa-ya-aykiri-degil-basini-engellemez,949777\">verboten</a>, mit Handys Aufnahmen von polizeilichen Ma\u00dfnahmen zu t\u00e4tigen. Auch wurde die <a href=\"https://www.hrw.org/news/2020/12/24/turkey-draft-law-threatens-civil-society\">Kontroll- und Interventionsmacht</a> des Innenministeriums \u00fcber die Vorst\u00e4nde von NGOs <a href=\"https://media-cdn.t24.com.tr/files/Venedik_Komisyonu_Turkiye_raporu.pdf\">bedeutend gest\u00e4rkt</a>. Und es wird seitens des Regimes die Einf\u00fchrung einer <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/2958771-yeni-anayasanin-olmazsa-olmaz-iki-sarti-1-cumhurbaskanligi-hukumet-sistemi-2-uniter-yapi\">neuen Verfassung</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/02/03/yeni-anayasadan-ilk-haberler-daha-guclu-baskanlik/\">diskutiert</a>, die <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/yeniden-kurulus-anayasasi-41737612\">offensichtlich</a> eine verfassungsrechtliche St\u00e4rkung der Pr\u00e4sidialdiktatur parallel mit einer St\u00e4rkung der t\u00fcrkisch-nationalistischen und islamistischen Elemente der Verfassung zum Ziel hat. Aber keine dieser Ma\u00dfnahmen konnte verhindern, dass Anatolien Ende Juli wortw\u00f6rtlich in Flammen aufging.</p><h2><b>Anatolien in Flammen</b></h2><h4><i>Seit Ende Juli w\u00fcten die vermutlich verheerendsten Waldbr\u00e4nde in der Geschichte der</i> <a href=\"https://atmosphere.copernicus.eu/copernicus-mediterranean-region-evolves-wildfire-hotspot-while-fire-intensity-reaches-new-records\"><i>modernen T\u00fcrkei</i></a><i>.</i> <a href=\"https://www.economist.com/europe/2021/08/07/turkeys-deadly-fires-raise-the-heat-for-erdogan\"><i>\u00dcber 160.000 Hektar Waldfl\u00e4che</i></a><i> verbrannten vom 28. Juli bis zum 9. August in</i> <a href=\"https://twitter.com/bekirpakdemirli/status/1424804281941733379/photo/1\"><i>\u00fcber 270 Br\u00e4nden</i></a><i>, die 53 von insgesamt 81 Provinzen in Flammenmeere verwandelten.</i></h4><p>Es ist nat\u00fcrlich einerseits Zufall, dass im selben Jahr die Corona-Pandemie auf der Welt w\u00fctet; in Texas im Februar eine historische <a href=\"https://www.nbcnews.com/news/us-news/death-toll-rises-210-february-cold-wave-texas-n1273911\">K\u00e4ltewelle</a> zum Zusammenbruch des Elektrizit\u00e4tsnetzwerkes und zu \u00fcber 200 K\u00e4ltetoten f\u00fchrte; Kanada und Teile der USA eine bisher nicht gesehen Hitzewelle von 50\u00b0 Celsius durchmach(t)en; in Rheinland-Pfalz beziehungsweise Nordrhein-Westfalen (und in Belgien, Luxemburg, der Niederlande und der nord\u00f6stlichen Schwarzmeerk\u00fcste der T\u00fcrkei) geradezu <a href=\"https://www.nationalgeographic.co.uk/environment-and-conservation/2021/07/experts-fear-germanys-deadly-floods-are-a-glimpse-into-climate-future\">diluvianische Sintfluten</a> zu immensen Zerst\u00f6rungen und zum Tod von fast 200 Menschen f\u00fchrten; weitere Regionen rund um das <a href=\"https://www.vice.com/en/article/n7bk9d/a-heatwave-has-triggered-a-massive-melting-event-in-greenland\">Mittelmeer in Flammen</a> stehen (Waldbr\u00e4nde in Italien, Griechenland, dem Balkan, Algerien...); auch Kalifornien mit dem gr\u00f6\u00dften Waldbrand seiner Geschichte k\u00e4mpft; es sogar in Sibirien zu weitfl\u00e4chigen Waldbr\u00e4nden kommt, w\u00e4hrend in Gr\u00f6nland die Eiskappen wegen einer Hitzewelle <a href=\"https://www.vice.com/en/article/n7bk9d/a-heatwave-has-triggered-a-massive-melting-event-in-greenland\">massiv schmelzen</a> und so weiter. Aber es ist zugleich \u00fcberhaupt kein Zufall, sondern diese Extremwetterereignisse sind eine logische Konsequenz von geradezu eiserner Notwendigkeit. Sie folgen aus dem menschengemachten Klimawandel, wie der <a href=\"https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2021-08/klimawandel-ipcc-bericht-weltklimarat-erderwaermung-extremwetter/komplettansicht\">aktuell ver\u00f6ffentlichte</a> Weltklimabericht des<i> Intergovernmental Panel on Climate Change</i> (IPCC) in aller Ausf\u00fchrlichkeit und wissenschaftlich fundiert festh\u00e4lt. Extremwetterereignisse werden daher unausweichlich zunehmen, einzig die Frage nach dem <i>wann</i> und <i>wo</i> beherbergt eine Prise Zufall. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit dem zumindest stark durch menschliche Handlungen beg\u00fcnstigten Ausbruch und der Verbreitung von Epidemien und Pandemien. Vielleicht wird dieses Jahr irgendwann als das erste \u00f6kologische Katastrophenjahr bezeichnet werden, in dem sich die mit apodiktischer Notwendigkeit aus dem Klimawandel und den spezifischen Formen menschlicher Landwirtschaft folgenden Extremwetterereignisse und Pandemien in einem bislang noch nicht gekannten Ausma\u00df akkumulierten \u2013 und damit auch den Menschen in den imperialistischen Zentren die Klimakrise fassbar vor Augen f\u00fchrten. Die UN spricht schon davon, dass wir auf einen Planet hinsteuern, der zu einer \u201e<a href=\"https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/Human%20Cost%20of%20Disasters%202000-2019%20Report%20-%20UN%20Office%20for%20Disaster%20Risk%20Reduction.pdf\">uninhabitable hell</a>\u201c (S. 3) wird und Leo Panitch bl\u00e4ut uns, etwas arg pessimistisch, schon seit Jahren ein, dass wir uns <a href=\"https://catalyst-journal.com/2020/06/class-theory-for-our-time\">darauf vorbereiten m\u00fcssen</a>, den Sozialismus unter Umst\u00e4nden aufzubauen, die denen von<i> Blade Runner</i> \u00e4hneln.</p><h4><i>Das derzeitige Inferno in Anatolien ist allerdings nicht nur eine Geschichte des menschengemachten Klimawandels. Es f\u00fchrt \u2013 wie in einem Brennglas \u2013 alle in diesem Artikel bereits angesprochenen sozialen Entwicklungen und Antagonismen konzentriert zusammen und versch\u00e4rft sie: den neronischen Hochmut des Regimes, das Desinteresse des neoliberalen Staates an Mensch und Natur, die Faschisierung, den Lynchmob, die antikurdische Hetze \u2013 aber auch das Potenzial umfassender Solidarit\u00e4t.</i></h4><p>An erster Stelle ist das Totalversagen des neoliberalen Staates zu nennen, wo es um Schutz und \u00dcberleben von Mensch und Natur geht: Angesichts der v\u00f6llig unzureichenden Ausstattung von Feuerwehr und Feuerl\u00f6schflugzeugen versuchten Dorfbewohner*innen, Polizist*innen und Gendarmen individuell mit eigenen H\u00e4nden, kleinen Wasserk\u00fcbeln, Decken und dergleichen den Fl\u00e4chenbrand zu bes\u00e4nftigen; die Evakuation von Tausenden von Menschen aus K\u00fcstenorten und Tourismusressorts wurde teils mit <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=Pk2NZ9Q2_o8\">privaten Mitteln</a>, das hei\u00dft mit Privatjachten, Jetskies und kleinen Booten organisiert. Ganze D\u00f6rfer und St\u00e4dte mussten evakuiert werden; auch das <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=1IP3j2NrQVY\">Kohlekraftwerk \u00d6ren</a> bei Milas/Mu\u011fla, das in letzter Sekunde abgeschaltet und gemeinsam mit der ganzen Umgebung von den Seestreitkr\u00e4ften des t\u00fcrkischen Milit\u00e4rs evakuiert wurde. Es war eine der wenigen Situationen, in denen die Regierung das Milit\u00e4r, das seit dem Putschversuch 2016 direkt dem Gouverneur und der Regierung mit Ausnahme des milit\u00e4rischen Verteidigungsfalles weisungsgebunden untersteht, zu Hilfe rief. Die Furcht vor einer (eher fiktiven denn wahrscheinlichen) kemalistischen \u201eVereinigung von Volk und Armee\u201c durch gemeinsame Aktion sitzt tief. Viele <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=6Fs8YITtkwo\">freiwillige Brandbek\u00e4mpfer*innen</a> aus allen Landesteilen, oft politisch links eingestellt, und Dorfbewohner*innen <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=QgN7tnoEkZ4\">berichten</a> <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=rCcHGmm6Uaw\">davon</a>, dass lange Zeit gar keine oder kaum Flugzeuge/Helikopter eingesetzt wurden \u2013 oder sie, von Staat und Regierung in Stich gelassen, die Br\u00e4nde selbst bek\u00e4mpfen mussten. \u201eIch wei\u00df nicht, wer uns helfen wird\u201c, ruft \u2013 verzweifelt und w\u00fctend zugleich \u2013 Ismail \u00d6zt\u00fcrk, ein Dorfbewohner bei Manavgat/Antalya, dessen gesamtes Dorf niederbrannte.</p><p>Im Zentrum der Debatte um Staatsversagen steht die beizeiten von Atat\u00fcrk gegr\u00fcndete gemeinn\u00fctzige Institution der T\u00fcrkischen Luftfahrtgesellschaft (<i>T\u00fcrk Hava Kurumu</i>, THK) und nat\u00fcrlich das Forst- und Landwirtschaftsministerium. Die THK diente historisch nicht nur der Verbreitung und Ausbildung der Luftfahrt, sondern auch der Bek\u00e4mpfung von Br\u00e4nden. Noch 2002 besa\u00df sie 19 L\u00f6schflugzeuge, die in den 2000er-Jahren im In- wie im internationalen Ausland zum Einsatz kamen. Ab etwa 2010 wurde sie <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-08-06/grounded-firefighting-aircraft-haunt-erdogan-as-blazes-rage\">zunehmend heruntergewirtschaftet</a>, indem ihr bestimmte privilegierte Einkommensquellen staatlicherseits gekappt und islamistischen Organisationen \u00fcbergeben wurden. Seit 2019 wird sie von einem regimetreuen Zwangsverwalter gef\u00fchrt, der 2015 kurzfristig einen Ministerposten innehatte (den f\u00fcr Handel und Z\u00f6lle), und die THK gemeinsam mit dem Forst- und Landwirtschaftsministerium ganz aus der Brandbek\u00e4mpfung <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/tuncay-mollaveisoglu/bu-bir-yonetim-krizi-goz-gore-gore-yandik-1857732\">herauszog</a>. Das Herunterwirtschaften der THK ist dabei nicht nur (aber auch) Teil des antikemalistischen Kulturkampfes der AKP: Die THK steht immer noch f\u00fcr ein \u201eErbe Atat\u00fcrks\u201c und galt als kemalistische Bastion. Das Kaputtsparen der de facto halbstaatlichen, aber nach Privatrecht operierenden THK ist aber auch ganz simpel Teil einer neoliberalen Austerit\u00e4tspolitik, die an allen haupts\u00e4chlich sozialen und infrastrukturellen Ausgaben spart, die als \u201e\u00fcberfl\u00fcssig\u201c gelten. <a href=\"https://griechenlandsoli.com/2021/08/07/polizisten-im-uberfluss-aber-keine-feuerwehrleute/\">Ein Blick</a> auf das Nachbarland Griechenland, in dem die <a href=\"https://www.heise.de/tp/features/Griechenland-Verheerende-Waldbraende-bedrohen-auch-die-Hauptstadt-6156901.html\">durch Austerit\u00e4t</a> fast handlungsunf\u00e4hige Feuerwehr verzweifelt mit dem <a href=\"https://www.independent.co.uk/climate-change/greece-fires-news-live-wildfires-weather-b1898720.html\">wenigen Personal</a>, das ihr zur Verf\u00fcgung steht, versucht, die Br\u00e4nde zu bek\u00e4mpfen \u2013 w\u00e4hrend zugleich die Polizei massiv aufgestockt wurde und wird \u2013, macht deutlich, <a href=\"https://www.heise.de/tp/features/Griechenland-erst-saniert-dann-verbrannt-6158465.html?seite=all\">wie \u00e4hnlich</a> sich zwei neoliberale Staaten an der euro-transatlantischen Peripherie bei allen ideologischen und kulturellen Differenzen sind.</p><p>Anstatt die durchaus vorhandenen <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58029855\">funktionsf\u00e4higen Teile</a> der Flotte der THK sofort zu nutzen \u2013 <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=ZW88UT6Ol_U\">sieben Flieger</a> standen die ganze Zeit flugbereit bei Etimesgut/Ankara auf dem Flugfeld \u2013 und die reparaturbed\u00fcrftigen schnellstm\u00f6glich auf Vordermann zu bringen, regnete es <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58029855\">Schm\u00e4hungen und Drohungen</a> auf die THK und alle, die den Einsatz der THK einforderten. Dabei plapperte der Forst- und Landwirtschaftsminister Bekir Pakdemirli nat\u00fcrlich heraus, dass dem Ministerium selbst <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58029855\">keine Feuerl\u00f6schflugzeuge</a> zur Verf\u00fcgung st\u00fcnden. Und der derzeitige Zwangsverwalter der THK gab zu, dass er sich \u201eauf einer Hochzeit\u201c befand, als ihn CHP-Chef Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu verzweifelt versuchte, per Telefon zu erreichen. Dieser wollte ihm das Angebot der am heftigsten vom Feuer betroffenen Gebiete (alle CHP-gef\u00fchrt) \u00fcberreichen, wonach die betreffenden Munizipalit\u00e4ten vorschlugen, die Wartungskosten der THK-Feuerl\u00f6schflugzeuge zu \u00fcbernehmen, damit diese schnellstm\u00f6glich in den Einsatz geschickt werden k\u00f6nnten. Bis Feuerl\u00f6schflugzeuge und -helikopter von Russland, der Ukraine, Israel und Aserbaidschan und anderen L\u00e4ndern \u2013 \u00fcbrigens zu vermutlich bedeutend <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/tuncay-mollaveisoglu/ormanlar-yansin-diye-her-sey-yapildi-1848468\">h\u00f6heren Kosten</a> als eine <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58029855\">Wartung</a> der THK-Flotte \u2013 angemietet wurden und die EU Hilfe schickte, waren die Br\u00e4nde schon zu einem Fl\u00e4chenbrand ausgewachsen.</p><h4><i>Sehenden Auges also lie\u00df das Regime die Provinzen in Flammen aufgehen \u2013 genauso, wie der r\u00f6mische Geschichtsschreiber Sueton Kaiser Nero beschreibt, der dem Gro\u00dfen Brand von Rom unt\u00e4tig zugeschaut haben soll.</i></h4><p>Wie der Nero der Erz\u00e4hlungen Suetons, so verfolgt \u2013 abgesehen von der neoliberalen Inkompetenz \u2013 auch das Regime in der T\u00fcrkei offensichtlich mehrere Kalk\u00fcle mit dem laxen Vorgehen gegen die Br\u00e4nde. Ein Faktor ist vermutlich ein polit\u00f6konomischer: <a href=\"https://www.tema.org.tr/basin-odasi/basin-bultenleri/canakkale-icin-kader-ani\">Bis zu</a> 70% <a href=\"https://www.tema.org.tr/basin-odasi/basin-bultenleri/yasalarla-madencilikten-korunan-alanlar-belirlenmeli\">einiger</a> betroffener Provinzen sind mit Bergbaulizenzen versehen. Das Abbrennen der W\u00e4lder \u201evereinfacht\u201c da nat\u00fcrlich den Bergbau, zumal \u2013 zuf\u00e4lligerweise? \u2013 unmittelbar zu Beginn der Br\u00e4nde <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/07/31/yanginlar-sonmeden-orman-ve-kiyilar-yeni-yagmaya-aciliyor/\">ein Gesetz</a> verabschiedet wurde, das im Prinzip dem Pr\u00e4sidenten das Recht zuspricht, nach Gutd\u00fcnken Waldgebiete als Bergbaugebiet zu deklarieren. Obwohl der Schutz der W\u00e4lder auf Verfassungsrang verbindlich festgelegt ist, wurde dieses Verfassungsprinzip w\u00e4hrend der AKP-\u00c4ra <a href=\"https://monde-diplomatique.de/artikel/!5761209\">kontinuierlich untergraben</a>. Der Bergbau (Gold, Metalle, usw.) stellt nun mal eines der lukrativsten Investitionsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr AKP-nahe Kapitalgruppen dar. Auch jetzt wird zwar versprochen und versichert, dass alle niedergebrannten W\u00e4lder aufgeforstet werden. \u00c4hnliche hochheilige Versprechungen haben sich allerdings in der Vergangenheit als <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1155310.waldbraende-in-tuerkei-grosse-waldgebiete-zerstoert.html\">blanke L\u00fcgen</a> erwiesen.</p><p>Ein weiterer Faktor ist ein gedoppelter politischer. Zum einen wird die Unf\u00e4higkeit, die Br\u00e4nde zu bek\u00e4mpfen \u2013 auch von Erdo\u011fan selbst \u2013 <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/erdogan-struggles-contain-political-fallout-turkeys-wildfires\">der Opposition zugeschrieben</a>. Alle Kommunalverwaltungen der am heftigsten von den Br\u00e4nden betroffenen Provinzen an der West- und S\u00fcdk\u00fcste der T\u00fcrkei sind n\u00e4mlich unter Kontrolle der CHP. Das ist nat\u00fcrlich Teil des allgemeinen Kampfes um die Hegemonie zwischen Regime und Opposition um die Gunst der Bev\u00f6lkerung. Zugleich aber soll und darf aus Regimeperspektive brennen, was zum verhassten West- und S\u00fcdk\u00fcstenstreifen der T\u00fcrkei geh\u00f6rt \u2013 das hei\u00dft diejenigen Teile des Landes, die w\u00e4hrend der AKP-\u00c4ra durchgehend in der Hand der kemalistischen CHP (oder, wenn auch etwas weniger stabil, der MHP) blieben und daher nun in neronischer Verachtung dem Brand ausgeliefert wurden. Und inmitten dieses Infernos sang <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/erdogandan-yangin-aciklamasi-suikast-iddiasi-yogun-sekilde-sorusturuluyor-1856606\">das Regime</a> und <a href=\"https://onedio.com/haber/yandas-medyanin-turkiye-nin-yangin-basarisi-hakkinda-yaptigi-gecmis-haberleri-okuyunca-saskina-doneceksiniz-996006\">die Regimepresse</a> <a href=\"https://www.sabah.com.tr/gundem/2021/08/10/son-dakika-yanginlarda-buyuk-basari-tarihe-gecen-anlar\">eine Ode</a> auf die angeblich unvergleichlich effektive Brandbek\u00e4mpfung(sinfrastruktur) des t\u00fcrkischen Staates und <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/turkish-prosecutor-investigates-tweets-calling-help-wildfires\">schwang die Repressionskeule</a> gegen den millionenfach geteilten #HelpTurkey-Hashtag auf Twitter.</p><p>Der andere Teil des politischen Kalk\u00fcls ist die Nutzbarmachung der Br\u00e4nde f\u00fcr die Entfachung des antikurdischen Rassismus und der faschistischen Massenmobilisierung zwecks Legitimationserhalt. <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/407845.waldbr%C3%A4nde-in-der-t%C3%BCrkei-schuld-sind-die-anderen.html\">Erdo\u011fan h\u00f6chstpers\u00f6nlich</a> legte eine Verursachung der Br\u00e4nde durch die PKK nahe. Er bezeichnete die Opposition erneut als \u201eTerroristen\u201c und <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58075222\">drohte</a> durch die Blume mit Gewalt im Falle eines solchen \u201eVaterlandsverrats\u201c, was die dann nat\u00fcrlich tats\u00e4chlich stattfindenden \u00dcbergriffe legitimierte und anfachte. Nat\u00fcrlich gibt es bis heute keine Beweise daf\u00fcr, dass \u201eSaboteure\u201c oder die PKK die Feuer gelegt haben. Der t\u00fcrkische Staat m\u00fcsste sich grundlegend Gedanken \u00fcber seinen Existenzgrund machen, wenn Saboteure und/oder die PKK so f\u00e4hig w\u00e4ren, dass sie fast die H\u00e4lfte des Landes in ein Flammenmeer verwandeln k\u00f6nnen. <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1155310.waldbraende-in-tuerkei-grosse-waldgebiete-zerstoert.html\">Unter F\u00fchrung</a> vermutlich der MHP (aber auch Teilen der oppositionellen MHP-Abspaltung <a href=\"https://twitter.com/alibaydas/status/1422198847305129988\">IYI</a>) und mit tatkr\u00e4ftiger Unterst\u00fctzung der regimetreuen <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/407468.hasskampagne-massaker-an-kurden.html\">Revolverpresse</a> wurden \u00fcber <a href=\"https://sendika.org/2021/07/kim-yakti-627226/\">Social Media-Accounts</a> und <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yalan-yangini-provokasyon-linc-hedef-gosterme-haber-1530516\">Internetseiten</a> Hetze gegen angebliche \u201ePKK-Terroristen\u201c und andere \u201eB\u00f6sewichte\u201c betrieben und bewaffnete rechte Volkswehren zum \u201eSchutze des Vaterlandes\u201c gegr\u00fcndet. Anstelle die Feuer zu bek\u00e4mpfen und die Regeneration von Mensch und Natur zu f\u00f6rdern, wie linke Freiwillige es taten, konzentrierten sich diese Volkswehren darauf, Lynchmobs und sogar <a href=\"https://twitter.com/svendscha/status/1422498595547271168\">Passkontrollen</a> auf viel befahrenen Stra\u00dfen zu organisieren. Alle, die \u201eausl\u00e4ndisch\u201c, \u201esuspekt\u201c oder, noch schlimmer, wie Kurd*innen aussahen beziehungsweise per Geburtsort als \u201eKurde\u201c identifiziert werden konnten, wurden <a href=\"https://www.zeit.de/zett/politik/2021-08/rassismus-tuerkei-waldbraende-kurdische-bevoelkerung\">angegriffen</a> und regelrecht zum Abschuss freigegeben. Die Aufwiegelung ging so weit, dass ein <a href=\"https://twitter.com/kazdaglariist/status/1422173374822944770\">Gendarmerie-Kommandant intervenierte</a> und organisierte Zivilist*innen in scharfen Worten mahnte, nicht auf Falschinformationen bez\u00fcglich angeblicher \u201eTerroristen\u201c und Sabotageakten reinzufallen. Die Gendarmerie h\u00e4tte eine Reihe an solchen anonymen Meldungen gepr\u00fcft; alle seien falsch gewesen und h\u00e4tten Unschuldige bewusst zur Zielscheibe erkoren. Der Kommandant hob explizit hervor, dass solcher Art Informationen der wechselseitigen Aufhetzung und der Lynchjustiz dienten. Offensichtlich bef\u00fcrchten auch Teile des Staates, dass die betriebene Hetze zu einem unkontrollierbaren Chaos und zur weiteren Destabilisierung des Landes f\u00fchrt.</p><h2><b>Alle gegen alle \u2013 im Namen von Staat und Erdo\u011fan!</b></h2><p>Denn inmitten der autorit\u00e4ren Konsolidierungsversuche versch\u00e4rft sich mit dem sich einengenden \u00f6konomischen Spielraum und der allgemeinen Krisenhaftigkeit der konflikthafte Charakter der Polykratie. <a href=\"https://www.jstor.org/stable/40185021\"><i>Polykratie</i></a> bezeichnet ein \u201e\u00e4u\u00dferst komplizierte[s] Herrschaftsgef\u00fcge[], aufgebaut aus mehreren, sich gegenseitig nicht selten bek\u00e4mpfenden und blockierenden Zentren, die allerdings in der Regel [\u2026] dem allm\u00e4chtigen F\u00fchrer\u201c (S. 417) untergeordnet bleiben. Zu so einer Situation kommt es \u00fcblicherweise mit der schrittweisen Ersetzung konstitutionell-institutioneller Vermittlungs- und Politikformen durch dezisionistische Politik- und Staatsformen. <i>Dezisionismus</i> hei\u00dft in diesem Fall, dass das politische Handeln nicht prim\u00e4r mittels rechtsstaatlich-konstitutionell abgesicherten und f\u00fcr alle relevanten Machtakteur*innen verbindlichen Regeln, Normen und gemeinschaftlichen Vermittlungsformen stattfindet. Vielmehr sind es unmittelbare Entscheidungen von potenten Machtakteur*innen, aus deren Handlungen auch Gesetz und Norm folgen oder zumindest nach gusto interpretiert/angewandt werden (k\u00f6nnen). <b>[9]</b></p><p>Die grundlegende dezisionistische Fiktion ist nat\u00fcrlich diejenige, dass es in einem politischen Zustand, in dem der Dezisionismus dominant ist oder eine wichtige Rolle spielt, nur<i> einen</i> Souver\u00e4n gibt, aus dessen Entscheidung dann alles Relevante folgt beziehungsweise dem alle anderen politischen Organe untergeordnet sind. Stattdessen tun sich unter dem einen offiziellen (dezisionistisch agierenden) Souver\u00e4n (in diesem Fall Erdo\u011fan), der sich auch in das Gesch\u00e4ft anderer staatlicher Institutionen <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/erdal-saglam/fiyat-istikrari-komite-kurarak-saglanamaz-1848776\">einmischt</a>, lauter kleinere (M\u00f6chtegern-)Souver\u00e4ne und Machtbl\u00f6cke hervor, die miteinander konkurrieren um Macht und Einfluss, eben eine Polykratie. Da aber konstitutionell-institutionelle Vermittlungsformen politischer Konflikte fehlen oder den dominanten dezisionistischen stark untergeordnet sind, werden diese Konflikte oft hinter den Kulissen gef\u00fchrt. B\u00fcndnisse und Kooperationen werden ad hoc und institutionell nicht abgesichert geschlossen \u2013 und genauso abrupt wieder aufgek\u00fcndigt. Dabei nehmen alle untergeordneten, aber dennoch entscheidenden, Akteur*innen f\u00fcr sich in Anspruch, ganz und gar im Sinne des offiziellen Souver\u00e4ns (Erdo\u011fan) oder des Staatswohls zu handeln, da diese Elemente das Einzige sind, worauf sich die dezisionistischen Akteure als \u00fcbergeordnete Institutionen einigen k\u00f6nnen. Da diese selbst aber durch den Dezisionismus entweder fast jedweder Verbindlichkeit und objektivierter Institutionalisierung beraubt sind oder aber selbst wesentlich dezisionistisch agieren, wird der politische Konflikt innerhalb des polykratischen Gef\u00fcges zunehmend eruptiv und agonal ausgetragen, insbesondere, wenn der politische und \u00f6konomische Verteilungsspielraum durch die andauernde Krisenhaftigkeit kleiner wird.</p><h4><i>Erdo\u011fan thront als Schiedsrichter letzter Instanz \u00fcber dem polykratischen Kampfplatz und versucht, dessen Volatilit\u00e4t durch ad hoc kalkulierte Balanceakte unter Kontrolle zu halten.</i></h4><p>Es macht daher auch Sinn, von einem (politischen) Regime zu sprechen, da nicht alle relevanten politischen Akteur*innen auch \u00f6ffentliche oder offen gelegte politische Funktionen \u00fcbernehmen, aber dennoch im und au\u00dferhalb des Staates politisch ma\u00dfgeblich sind. Die MHP hat beispielsweise keinen einzigen Ministerialposten inne \u2013 dennoch organisiert sie ihre Kader in bestimmten Staatsapparaten und wirkt ganz ma\u00dfgeblich mit an der Formulierung der Regierungspolitik.</p><p>\u00dcber die Ausma\u00dfe dieses polykratischen Zustandes habe ich <a href=\"https://revoltmag.org/articles/zwischen-faschisierung-elitenzwist-und-widerstand-die-t%C3%BCrkei/\">anderorts</a> ausf\u00fchrlich <a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">geschrieben</a>. Ich m\u00f6chte hier auf die aktuellen Entwicklungen eingehen. Zum einen hat sich der Machtkampf zwischen dem \u2013 von den Nationalisten der MHP unterst\u00fctzten \u2013 Innenminister S\u00fcleyman Soylu, der nicht aus der Tradition des politischen Islams stammt, und dem aus der Tradition des politischen Islams kommenden Schwiegersohn von Erdo\u011fan, Berat Albayrak (ehemals Finanz- und Wirtschaftsminister), durch den weiter oben diskutierten R\u00fccktritt von Albayrak Ende letzten Jahres vorerst im Sinne von Soylu \u2013 und daher im Sinne des nationalistischen Lagers beziehungsweise eines nationalistischen Kr\u00e4ftenetzwerkes im derzeitigen Regime \u2013 entschieden.</p><p>Dieses Netzwerk befindet sich mit dem erneut eskalierten Krieg gegen die Kurd*innen ab 2015 und der, politisch betrachtet lebenserhaltenden, Unterst\u00fctzung der MHP f\u00fcr die AKP schon seit geraumer Zeit im Aufwind. Auch in diesem Jahr \u00fcbernahm der MHP-Chef Bah\u00e7eli wie in den Jahren zuvor die Initiative im Faschisierungsprozess der T\u00fcrkei, indem er die Wiedereinf\u00fchrung der Todesstrafe, mehrmals die Entmachtung und/oder Abschaffung des Verfassungsgerichtshofes und letztlich eine neue Verfassung vorschlug. An letzterem <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/mhpnin-hazirladigi-yeni-anayasa-calismasinin-ayrintilari-belli-olmaya-basladi-1833808\">entfacht</a>e sich ein bisher nicht weiter hochgekochter Konflikt mit der AKP, da Bah\u00e7elis Vorschlag zwar auf ein autorit\u00e4res Staatssystem ausgerichtet ist, aber auch explizite Kontrollmechanismen des Pr\u00e4sidenten, beispielsweise durch ebenfalls direkt gew\u00e4hlte Pr\u00e4sidentenberater (sozusagen durch faschistische Tribune) vorsieht. Auch bei der Verbotsforderung gegen\u00fcber der HDP war Bah\u00e7eli lautstark vorne dabei \u2013 mit Sicherheit auch deswegen, um der M\u00f6glichkeit einer taktisch-instrumentellen Ann\u00e4herung der AKP an die HDP oder einem erneuten \u201eFriedensprozess\u201c zuvorzukommen, da die MHP selbst Haupttreiberin und eine der Hauptprofiteurinnen des militaristischen Kurses ist. Demgegen\u00fcber k\u00f6nnte die AKP unter Umst\u00e4nden auch wegen ihrer Geschichte zu einem taktisch-instrumentell verstandenen \u201eFriedensprozess\u201c mit der kurdischen Bewegung zur\u00fcckkehren oder eine R\u00fcckkehr wahltaktisch in Aussicht stellen, auch wenn dies aufgrund der Entwicklungen immer unwahrscheinlicher wird. \u00c4hnliches, wenn auch auf einem viel niedrigeren Niveau, wurde schon bei den Kommunalwahlen 2019 versucht. <b>[10]</b> Dass Erdo\u011fan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-sizler-baskalarinin-evlatlarini-daga-olume-gonderenlerin-kendi-evlatlarini-yurt-disinda-nasil-ihtimamla-buyuttuklerini-yasattiklarini-da-gayet-iyi-biliyorsunuz,964882\">vor Kurzem</a> die mehrheitlich kurdische Gro\u00dfstadt Diyarbak\u0131r besuchte und betonte, es sei nicht die AKP gewesen, die den \u201eFriedensprozess\u201c beendet habe (sondern nat\u00fcrlich PKK und HDP), war f\u00fcr die t\u00fcrkischen Verh\u00e4ltnisse seit 2015 ein Novum, weil es den Friedensprozess zumindest wieder zum Thema machte. <a href=\"https://www.trthaber.com/haber/gundem/cumhurbaskani-erdogan-yangin-mahalline-gorevli-olmayanlar-giremeyecek-600203.html\">Erst k\u00fcrzlich</a> hob er kontrafaktisch hervor, dass es der t\u00fcrkische Staat gewesen sei, der die Kurd*innen in Kob\u00e2ne vor dem IS gesch\u00fctzt habe. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-cumhur-ittifaki-dunden-daha-guclu-bir-sekilde-ayaktadir,965572\">Prompt intervenierte</a> Bah\u00e7eli und gab \u00f6ffentlich zu verstehen, dass niemand irgendwelche \u201eAbsichten\u201c (sprich, auf einen erneuten Friedensprozess) herauslesen sollte.</p><h4><i>Im Zuge der Erstarkung des nationalistischen Lagers in seiner Breite sowie der erneuten offenen Militarisierung der T\u00fcrkei sind auch zentrale Akteur*innen des</i> <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57257229\"><i>Tiefen Staates der 1990er</i></a><i> als wirkm\u00e4chtige Akteur*innen erneut in die \u00d6ffentlichkeit ger\u00fcckt.</i></h4><p>Ryan Gingeras <a href=\"https://www.jstor.org/stable/40586942\">h\u00e4lt fest</a>, dass der Begriff des Tiefen Staates genutzt wird, um</p><p><i>to explain why and how agents employed by the state execute policies that directly contravene the letter and spirit of the law. It is a phrase that generally refers to a kind of shadow or parallel system of government in which unofficial or publicly unacknowledged individuals play important roles in defining and implementing state policy. Although military officers are often seen as ringleaders in administering the Turkish deep state, the participation of narcotics traffickers, paramilitaries, terrorists and other criminals is also deemed essential in constructing the deep state. [\u2026] Paramount to the operation and survival of the deep state is the extreme emphasis placed upon state security[.]</i> (S. 152-54, 173)</p><p>Im Tiefen Staat spielen also Pers\u00f6nlichkeiten innerhalb und au\u00dferhalb des Staates eine zentrale Rolle in der Formulierung und Umsetzung legaler wie vor allem illegaler Sicherheitspolitik im Namen der \u201eStaatssicherheit\u201c. Die ehemalige Premierministerin <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/gokcer-tahincioglu-yuzlesme/cinayetler-kasetler-yalanlar-ve-sorusturulmayan-suclar,31087\">Tansu \u00c7iller</a>, die alle (das hei\u00dft vor allem auch rechtswidrig vorgehende Paramilit\u00e4rs) als \u201eHelden\u201c bezeichnete, die f\u00fcr den Staat t\u00f6ten und get\u00f6tet werden; der ehemalige Polizeichef und Innenminister <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57235924\">Mehmet A\u011far</a>, der f\u00fcr den Aufbau der Sondereinsatzkr\u00e4fte der Polizei und ihrer semi- bis illegalen Kriegsf\u00fchrung in den kurdischen Gebieten in den 1990er ma\u00dfgeblich verantwortlich war (und wegen der Bildung einer kriminellen Organisation w\u00e4hrend seiner Amtszeit ins Gef\u00e4ngnis musste); sowie nationalistische Mafiabosse, darunter auch Sedat Peker, wurden seit 2015/16 juristisch wie politisch rehabilitiert und unterst\u00fctz(t)en seitdem die AKP. Auch Innenminister S\u00fcleyman Soylu kommt aus der politischen Tradition, aus der auch Mehmet A\u011far kommt. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/susurluk-u-hatirlatan-o-fotografi-gozaltinda-kaybedilenlerin-yakinlari-yorumladi-onlar-icin-adalet-hic-islemedi,909907\">Ein</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/susurluk-u-hatirlatan-o-fotografi-gozaltinda-kaybedilenlerin-yakinlari-yorumladi-onlar-icin-adalet-hic-islemedi,909907\">Fot</a>o aus dem letzten Jahr, auf dem besagter Mehmet A\u011far, ein ultranationalistischer Mafiaboss und zwei <a href=\"https://www.dw.com/tr/faili-me%C3%A7hullerle-an%C4%B1lan-isim-korkut-eken/a-57694554\">ehemalige hochrangige Milit\u00e4rs</a> aus dem Gebiet der \u201espeziellen Kriegsf\u00fchrung\u201c in einem Luxusyachthafen posieren, zeigt deutlicher als alle Worte, was Tiefer Staat in der T\u00fcrkei ist.</p><p>Aber die Konflikte innerhalb dieses polykratischen Regimes nehmen nicht ab, sondern eher zu. So kam es zu einem gr\u00f6\u00dferen Machtkonflikt mit einer spezifischen nationalistischen Fraktion, die wegen ihrer au\u00dfenpolitischen Perspektive einer zu erschaffenden Balance zwischen USA und Russland als Eurasier bezeichnet werden. <a href=\"https://warontherocks.com/2021/04/turkeys-talk-show-nationalists/\">Diese Fraktion</a> war ebenfalls nach dem Bruch zwischen AKP und G\u00fclen-Gemeinde 2012-13, sp\u00e4testens jedoch ab 2016 juristisch wie politisch rehabilitiert worden. Sie konnte sogar eine starke mediale Pr\u00e4senz entwickeln und in Diplomatie und au\u00dfenpolitischer Sicherheitsdoktrin partiell den Ton angeben, trotz fehlender elektoraler Verankerung. Der vorgeschobene Grund f\u00fcr den jetzt aufbrechenden Machtkonflikt war eine eher spielerische denn ernsthafte Infragestellung des Vertrages von Montreux (1936), der die Hoheit der T\u00fcrkei \u00fcber die Bosporus-Meerenge und die Freiheit der Handelsschifffahrt garantiert, dabei aber zugleich den internationalen milit\u00e4rischen Schiffsverkehr stark einschr\u00e4nkt. Diese Infragestellung ist jedoch ein Symptom der <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/akp-bu-kumpasin-neresinde-makale-1518245\">au\u00dfenpolitischen Reorientierung</a> des Regimes in Richtung einer engeren Zusammenarbeit mit den USA und dem Westen im Allgemeinen: Vor allem Staaten, die nicht Anrainer des Schwarzen Meeres sind, sind von den milit\u00e4rischen Beschr\u00e4nkungen des Vertrages betroffen. <a href=\"https://www.zeitschrift-luxemburg.de/die-tuerkei-zwischen-neuer-eu-annaeherung-geopolitischen-verwicklungen-und-putschbedatte/\">Daher</a> ver\u00f6ffentlichten unter anderem mehr als 100 ehemalige Admir\u00e4le aus besagter eurasischer Fraktion eine Erkl\u00e4rung, die zur Einhaltung des Vertrages mahnte, da sie eine Besch\u00e4digung des Verh\u00e4ltnisses zu Russland bef\u00fcrchteten. Es war zugleich ein Man\u00f6ver, um ihrer offensichtlich anstehenden politischen Liquidation <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/metin-gurcan/bir-amiral-bildirisi-analizi-gercekler-dogrular-yanlislar-senaryolar,30491\">zuvorzukommen</a>. AKP und MHP reagierten umgehend und verurteilten die Erkl\u00e4rung als \u201ePutschversuch\u201c; es folgte eine riesige Razzia gegen die Admir\u00e4le. Ein hochrangiger AKP\u2019ler bezeichnete die Erkl\u00e4rung als \u201e<a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56658215\">Gottes Segen</a>\u201c \u2013 so wie Erdo\u011fan den Milit\u00e4rputsch 2016 als Gottes Segen bezeichnet hatte \u2013, der ihnen die S\u00e4uberung der eurasischen Elemente erm\u00f6gliche. Der intellektuelle Kopf der Eurasier, der ehemalige Admiral Cem G\u00fcrdeniz, war gemeinsam mit anderen wichtigen eurasischen Milit\u00e4rs nach Jahren der teils \u00f6ffentlichen Lobpreisung seitens des Regimes im Handumdrehen zur<i> persona non grata</i> geworden \u2013 eine typische Entwicklung in dezisionistisch-polykratischen B\u00fcndniskonstellationen.</p><p>Auch mit dem Hauptb\u00fcndnispartner MHP und der um sie und in ihr organisierten nationalistischen Fraktion kommt es zu Konflikten. Die \u201ekurdische Frage\u201c und die Kontrolle \u00fcber das Pr\u00e4sidialamt beziehungsweise die Debatte um die neue Verfassung habe ich schon erw\u00e4hnt. Es gibt aber auch einen Kampf um die ideologische Deutungshoheit im Allgemeinen. Eine Wiederann\u00e4herung Erdo\u011fans und der AKP an Parteien sowie an Kultur- und Symbolpolitik des politischen Islams ist klar erkennbar. Nach 2015-2016 hatte eine t\u00fcrkisch-nationalistische und staatsverherrlichende Wende stattgefunden, da die AKP angesichts der Hegemoniekrise und des Bruchs mit ihrem ehemaligen B\u00fcndnispartner, der Gemeinde des Predigers Fetullah G\u00fclen, das B\u00fcndnis mit unterschiedlichen nationalistischen Fraktionen in Staat und Gesellschaft suchte. Jetzt aber versucht die AKP wieder umzuschwenken. Ihr geht es dabei wie bei der instrumentellen Tuchf\u00fchlung an die Kurd*innen zum einen darum, das eigene B\u00fcndnisnetzwerk ausweiten und damit zugleich die Opposition zu schw\u00e4chen. Das habe ich weiter oben bez\u00fcglich der Ann\u00e4herungen an die<i> Saadet Partisi</i> (SP) ausgef\u00fchrt. Die AKP nahm hierf\u00fcr auch eine <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56505590\">innere Erneuerung</a> ihrer Kaderstruktur vor und versetzte erneut viele Pers\u00f6nlichkeiten aus der Tradition des politischen Islams in entscheidende Stellen der Parteistruktur. Andererseits geht es ihr aber auch darum, im Ideologischen und Kulturellen daf\u00fcr zu sorgen, dass ihr die F\u00fchrung nicht zugunsten der nationalistischen Fraktionen entgleitet. Schon fr\u00fcher gab es darum Konflikte. Wegen der Abschaffung eines <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-den-andimiz-kararina-sert-tepki-danistay-skandal-bir-karara-imza-atmis-milli-gerceklerle-catismistir,939250\">erznationalistischen Eidspruchs</a> in Schulen oder bestimmter <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/harp-okullarina-giris-kosullarini-belirleyen-yonetmeliklerde-kritik-degisiklik-irticai-faaliyet-cikarildi-1822750\">anti-islamistischer Regularien</a> bei den Rekrutierungsmechanismen des Milit\u00e4rs gab es j\u00fcngst einen \u00e4hnlichen Konflikt zwischen AKP und nationalistischen Fraktionen.</p><p>Dabei treten auch in der Reorientierung der AKP auf einen <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/erdogan-erken-secime-mi-hazirlaniyor-41851386\">islamistischen Kulturkampf</a> dezisionistische Elemente zutage: Der Imam der erst j\u00fcngst wieder in eine Moschee konvertierten Hagia Sophia, Boynukal\u0131n, trat mehrmals initiativ ins Rampenlicht, indem er <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56434283\">lautstark</a> gegen hohe Zinsen, den Laizismus, LGBTQI*, die Nutzung des Begriffs \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/ayasofya-nin-bas-imami-prof-boynukalin-kadin-cinayetleri-vurgusu-kadini-erkege-dusman-etmeye-calisan-bir-sloganik-medya-propagandasidir,937665\">Femizid</a>\u201c sowie die Istanbuler Konvention Stellung bezog und das seiner Interpretation nach vom Quran <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mehmet-boynukalin-dan-tepki-toplayan-aciklamalar-bana-dusen-hisseden-hepinize-kaliteli-pamuk-aldim-alayinizin-cehenneme-kadar-yolu-var,949592\">verb\u00fcrgte Recht</a> des Mannes \u00fcber die Familie zu herrschen verteidigte. Er \u00fcbersch\u00e4tzte sich allerdings. Nach gro\u00dfem \u00f6ffentlichen Druck trat er im April diesen Jahres <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ayasofya-daki-bas-imamlik-gorevinden-ayrilan-boynukalin-kararimin-bir-sebebi-de-ayasofya-imami-konusuyor-da-biz-niye-konusmayalim-hezeyanlarina-meydan-vermemektir,944470\">zur\u00fcck</a>. An seiner Statt ergriff gleich der n\u00e4chste Imam die Initiative: Bei einem Gebet, bei dem auch Erdo\u011fan zugegen war, bezeichnete er den Staatsgr\u00fcnder Atat\u00fcrk als \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-in-katildigi-programda-ataturk-e-atfen-zalim-ve-kafir-diyen-imama-tepki-yagdi,955487\">Unterdr\u00fccker und Ungl\u00e4ubige</a>n\u201c, was nat\u00fcrlich ebenfalls zu einem gro\u00dfen Skandal wurde. Ein anderer AKP-Parlamentarier war der Meinung, dass \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/meclis-teki-butce-gorusmelerinde-akp-li-aydogdu-nun-seriat-bizim-hukukumuzdur-sozleri-tutanaklara-gecti,919767\">die Scharia unser Gesetz</a>\u201c ist, w\u00e4hrend ein stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AKP die Perspektive vertrat, dass die geplante neue Verfassung eine \u201e<a href=\"https://www.birgun.net/haber/akp-den-akp-ye-yanit-kurulus-anayasasi-soz-konusu-degil-334242\">Verfassung der Neubegr\u00fcndung</a>\u201c der Republik anstrebe. Der eigentliche Fraktionsvorsitzende der AKP ruderte prompt zur\u00fcck und versicherte, dass man an der Republik von 1923 festhalten werde.</p><p>Der Kampf um die Justiz setzt sich ebenfalls fort. Wie gehabt beschweren sich zentrale Figuren des Verfassungsgerichtshofs regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber unterschiedliche Aspekte mangelhafter Rechtsstaatlichkeit im Land; etwa \u00fcber die mangelhafte Umsetzung von Urteilsspr\u00fcchen des Verfassungsgerichtes. Dabei h\u00e4lt sich das Verfassungsgericht selber \u201enach oben hin\u201c, also hinsichtlich der Umsetzung von Urteilen des Europ\u00e4ischen Menschengerichtshofes, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/berberoglu-karari-ilk-degil-turkiye-yargisinda-anayasa-muhim-degil-parasi-neyse-oderiz-donemi,909009\">nicht immer</a> an dessen Beschl\u00fcsse. Es handelt also selbst nicht rechtsstaatlich und ist intern politisch <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/sedat-ergin/anayasa-mahkemesinin-hassas-dengeleri-41636492\">grob in zwei Lager</a> gespalten. Erdo\u011fan versucht, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-da-eski-istanbul-bassavcisi-ni-secti-fidan-27-kasim-da-yargitay-a-23-ocak-ta-anayasa-mahkemesi-uyeligine-secildi,928355\">eigene Leute</a> in diese Institution zu platzieren, die noch nicht vollst\u00e4ndig unter seiner Kontrolle ist. Innerhalb des polykratischen Herrschaftsgef\u00fcges hat sich das Verfassungsgericht den \u00c4rger f\u00fchrender Vertreter des Regimes zugezogen, da es in einigen besonders krassen rechtswidrigen F\u00e4llen nicht im Sinne des Regimes entschied: Beispielsweise beim <a href=\"https://t24.com.tr/haber/karayollarinda-yuruyusu-engelleyen-kurala-iptal-demokratik-protesto-hakkina-iptal-karari-baskanin-oyuyla-verilebildi,915544\">Demonstrationsrecht</a>, dem ersten Verbotsantrag gegen die HDP (das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aym-hdp-iddianamesini-iade-kararini-gerekcesiyle-yargitay-a-gonderdi,946185\">mangels</a> \u00fcberzeugender Begr\u00fcndung einstimmig zur\u00fcckgewiesen wurde!) und bei der offensichtlich rechtswidrigen und rein politisch motivierten <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57679999\">Inhaftierung</a> eines HDP-Parlamentariers (\u00d6mer Faruk Gergerlio\u011flu). Es kam sogar zu einem <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/aym-uyesiyle-icisleri-arasinda-isik-atismasi-haber-1501618\">sehr heftigen \u00f6ffentlichen Schlagabtausch</a> zwischen einem vermutlich linksnationalistischen Richter des Gerichts und dem Innenminister Soylu. Aus diesen Gr\u00fcnden speist sich die mehrfach erfolgte Forderung nach der Abschaffung des Verfassungsgerichtes, allen voran seitens der MHP. Das Verfassungsgericht bef\u00fcrchtet, dass der Vertrauenseinbruch in das Justizsystem zu gro\u00df wird und es \u201enotwendigerweise zu Suchbewegungen au\u00dferhalb des Justizsystems\u201c (AYM-Vorsitzender Arslan) <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aym-baskani-mahkemelerin-yargilama-ilkelerine-uygun-bir-sekilde-uyusmazliklara-cozum-uretemedigi-bir-yerde-hukuk-disi-arayislarin-ortaya-cikmasi-kacinilmaz,962130\">kommt</a>; dass also die staatliche Ordnung aktiv in Frage gestellt und Gerechtigkeit au\u00dferstaatlich gesucht wird. \u00c4hnlich argumentiert auch der Justizminister Abd\u00fclhamit G\u00fcl, der deshalb mit Innenminister Soylu <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-55769361\">seit l\u00e4ngerem</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/akpden-suleyman-soyluya-bir-tepki-daha-1807819\">im Clinch</a> liegt. Soylu fordert <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/adalet-bakani-gulun-karsi-ciktigi-bazi-duzenlemeleri-iceren-torba-teklif-mecliste-1851289\">beispielsweise</a> im Gegensatz zu Justizminister G\u00fcl die Fortf\u00fchrung von Elementen des Ausnahmezustandes; diese seien n\u00fctzlich im \u201eKampf gegen den Terror\u201c (Soylu hat sich in dieser Angelegenheit mittlerweile durchgesetzt). Aber letztlich bilden die Gegens\u00e4tze Verfassungsgericht-Lokalgerichte oder (Abd\u00fclhamit) G\u00fcl-Soylu nur unterschiedliche Nuancen desselben dezisionistisch-polykratischen Herrschaftsgef\u00fcges im Justizsystem. Die Justiz als solche ist in hohem Ma\u00dfe durchpolitisiert und so zu \u201eunabh\u00e4ngigen\u201c Entscheidungen nicht f\u00e4hig. Sichtbar wird dies etwa aus einer Untersuchung von Reuters auf Grundlage von Daten des Justizministeriums, nach der 45% der 21.000 Richter*innen und Staatsanw\u00e4lt*innen drei oder <a href=\"https://www.reuters.com/investigates/special-report/turkey-judges/\">weniger als drei Jahre Erfahrung</a> im Amt haben.</p><h2><b>\u201eDer Staat ist heilig, nicht aber das Wort eines jeden, der ihm dient\u201c</b></h2><p>Zur\u00fcck zum Aufh\u00e4nger des Essays, dem ber\u00fcchtigten Mafiaboss, Sto\u00dftruppler des tiefen Staates und mittlerweile Social Media Star Sedat Peker.</p><h4><i>Peker ist MHP\u2019ler und tritt ein f\u00fcr die Schaffung eines gro\u00dft\u00fcrkischen Reiches \u2013 er ist also ein typischer ultranationalistischer Faschist, genauer gesagt ein</i> <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56695017\"><i>Pant\u00fcrkist</i></a><i>. Als Mafiaboss \u00fcbernahm er</i> <a href=\"https://warontherocks.com/2021/06/the-state-stays-dark-mafia-politics-return-to-turkey/\"><i>laut seinen eigenen Aussagen</i></a><i> auch bewaffnete Aufgaben f\u00fcr den Staat im Kampf gegen die PKK.</i></h4><p>In Geheimdienstberichten der 1990er wird er namentlich genannt als Akteur innerhalb der mit dem Geheimdienst konkurrierenden staatlichen Elemente des Tiefen Staates. In den sp\u00e4ten 1990ern und fr\u00fchen 2000ern erlosch sein Glanz \u2013 wie der der anderen nicht-staatlichen Elemente des Tiefen Staates. Innerhalb der staatlichen Elemente des Tiefen Staates setzte sich die \u00dcberzeugung durch, nach der Inhaftierung von Abdullah \u00d6calan seien diese schwer kontrollierbaren und relativ autonomen Akteure nicht mehr n\u00fctzlich genug f\u00fcr den Staat. Ein Mafiaboss nach dem anderen landete im Gef\u00e4ngnis oder musste ins Ausland fliehen, die kurdische Hizbullah wurde dezimiert. Aber wie schon erw\u00e4hnt: Sp\u00e4testens mit der offen militaristisch-nationalistischen Wende der AKP ab 2015 krochen diese Kreaturen wieder hervor. Auch Sedat Peker, der 2016 wieder zu fragw\u00fcrdigem \u201eRuhm\u201c gelangte: Er bedrohte die Akademiker*innen f\u00fcr den Frieden (BAK) damit, dass er in ihrem Blut duschen werde. Seitdem wurde er wieder zu einer angesehenen und f\u00fcr das Regime mobilisierenden Pers\u00f6nlichkeit \u2013 bis er sich 2020 ins Ausland absetzte. Einige Monate sp\u00e4ter, im April 2021 kam es dann zu einer gro\u00dfen Razzia gegen seine Familie und seine Mafiastrukturen.</p><p>Laut eigener Aussage hatte ihn der Innenminister Soylu vor dieser m\u00f6glichen Razzia gewarnt und Peker deshalb empfohlen, f\u00fcr einige Zeit ins Ausland zu verschwinden, bis sich die Lage beruhige. Es ist bisher nicht wirklich ersichtlich, warum genau Soylu Peker fallen lie\u00df; auch Peker \u00e4u\u00dfert in seinen ersten Videos Verwunderung und vor allem Entr\u00fcstung \u00fcber den Innenminister: Peker habe doch auch aus dem Ausland so sehr f\u00fcr Soylu im Kampf gegen Albayrak Position bezogen. \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-besinci-video-devletin-bilgisi-dahilinde-fethullah-gulen-le-gorusmeye-gittigini-soyleyen-mehmet-agar-in-elinde-yazili-emir-var-midir-yoksa-devlet-geleneginde-teror-orgutu-liderine-sozlu-talimatla-insan-yollanir-mi,38886\">Du warst doch mein R\u00fcckkehrticket</a>\u201c, bricht er an einer Stelle in seinem f\u00fcnften Video ehrlich entr\u00fcstet hervor, als er sich direkt an Soylu wendet. Im Endeffekt ist dieses Detail vielleicht auch unwichtig. Im Allgemeinen k\u00f6nnen wir einen polit-\u00f6konomischen und vermutlich einen politischen Ursachenkomplex f\u00fcr den Zwist ausmachen, auch ohne alle Details genau zu kennen.</p><p>Polit\u00f6konomisch betrachtet handelt es sich um ein <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/peker-agar-ve-ortadaki-pamuk-sekeri-makale-1521106\">Auseinanderbrechen</a> von Teilen des unendlich komplex ausdifferenzierten milliardenschweren Klientelgeflechts der Netzwerke um und zwischen Erdo\u011fan und dem Regierungsclan der Aliyevs in Aserbaidschan, in welchem die nicht zum engen Netzwerk geh\u00f6renden Akteure geschasst wurden, als sich \u00f6konomische Probleme (prim\u00e4r Schuldenr\u00fcckzahlungsprobleme) einstellten. Peker war wohl mit einem azerischen Oligarchen alliiert, der in Bedr\u00e4ngnis geriet und unterging \u2013 das zumindest legt die verlinkte Analyse von Bahad\u0131r \u00d6zg\u00fcr nahe. Politisch betrachtet ist es ein <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ahmet-sik/sedat-peker-videolari-bize-ne-anlatiyor-ne-anlatmiyor,30964\">wahrscheinliches Szenario</a>, dass sich ein Teil des nationalistischen Machtblocks daf\u00fcr einsetzt, dass Albayrak (oder Soylu?) sich zum Nachfolger von Erdo\u011fan heraufarbeitet, um im Windschatten des schwachen Albayrak (oder Soylus?) erneut die dominante Kraft im Staat zu werden. Peker hat sich wohl Ger\u00fcchten nach relativ autonom und gegen diesen Block und Albayrak (oder Soylu?) gestellt und geriet dadurch auf die politische Abschussliste. Warum ihn dann der mit Albayrak verfeindete Soylu fallen lie\u00df, dar\u00fcber k\u00f6nnen wir, wie gesagt, derzeit nur spekulieren. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-e-erhan-tuncel-i-kim-emanet-eder-diyen-soylu-ya-peker-den-yanit-bana-bu-komployu-kuran-organize-sube-yetkilileri-feto-culukten-cezaevinde,954416\">Mittlerweile</a> r\u00fchmt sich Peker auch damit, dass er Soylus Pl\u00e4ne auf das Pr\u00e4sidialamt zerst\u00f6rt habe. Eventuell war nicht Albayrak, sondern Soylu die Person, die den Windschatten f\u00fcr die nationalistische Fraktion hervorbringen sollte. Oder aber die Person \u00e4nderte sich im Laufe der Zeit.</p><p>Was wir wissen ist, dass Soylu bisher versucht, <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/mustafa-balbay/saray-soylu-surgun-1842920\">die ganze Aff\u00e4re</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/mustafa-balbay/saray-soylu-surgun-1842920\">dahingehend</a><a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/mustafa-balbay/saray-soylu-surgun-1842920\"> auszunutzen</a>, gegen die islamistischen Fraktionen innerhalb der AKP vorzugehen und partiell auch gegen vergangene Politik der AKP wie beispielsweise den Friedensprozess zu wettern, also in die Offensive zu kommen. Dabei hat er aber einen schweren Stand: Innerhalb der <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/tolga-sardan-buyutec/emniyet-terfilerinde-serh-krizi-ve-cumhurbaskanligi-ndan-soylu-ya-gelen-mesaj,31540\">zentralen Machtstellen des Polizeiapparates</a> ist anscheinend schon ein Kampf zwischen Soylu-nahen und anti-Soylu-Fraktionen entbrannt \u2013 und auch <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/yoneylem-arastirmanin-turkiye-siyaset-paneli-haziran-verileri-cumhuriyette-1850431\">in Bev\u00f6lkerungsumfragen</a> steht Soylu <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/anket-secmenin-yuzde-75-i-sedat-peker-in-iddialarina-inaniyor,12123\">mittlerweile</a> <a href=\"https://ahvalnews.com/tr/suleyman-soylu/bahceli-savunsa-da-mhp-secmeni-de-soyludan-destegini-cekti-arastirma\">schlecht da</a>. In einem der wichtigsten Think Tanks des Regimes, SETA, hat es <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/baris-terkoglu/setanin-cocuklari-birbirini-yedi-1847859\">vermutlich</a> die zuvor Soylu unterlegene Albayrak-Fraktion geschafft, die gesamte Soylu-nahe Fraktion auszumerzen (die wiederum, typisch f\u00fcr einen polykratischen F\u00fchrerstaat, mit viel Pathos und der Ansage: \u201ewir werden weiter auf dem Weg marschieren, den der Pr\u00e4sident gezeigt hat\u201c, den Think Tank mit wehenden Fahnen verlie\u00df). <a href=\"https://www.dw.com/tr/merkez-bankas%C4%B1ndaki-siyasi-atama-furyas%C4%B1-90-ki%C5%9Fiyi-buldu/a-58056396\">Auch innerhalb</a> der B\u00fcrokratie der TCMB <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kulis-merkez-bankasi-na-eski-hsk-uyesi-yazar-in-atanmasi-ekonomi-burokrasisinde-berat-albayrak-etkisinin-surdugunun-gostergesi,965616\">scheint</a> die Albayrak-Fraktion die Oberhand gewonnen zu haben. Wie gesagt: Wo Dezisionismus und Polykratie herrschen, da k\u00f6nnen Verb\u00fcndete von gestern Feinde am n\u00e4chsten Tag sein und umgekehrt.</p><h4><i>Pekers erneuter Aufstieg und das Aufplatzen der von ihm \u201eaufgedeckten\u201c Skandale als Form politischer Abrechnung w\u00e4ren nicht m\u00f6glich gewesen ohne die ausgeuferten Verschr\u00e4nkungen von Dezisionismus, Polykratie und Klientelkapitalismus \u2013 letzterer als Mechanismus der Loyalit\u00e4tsbildung \u2013 der letzten Jahre.</i></h4><p>Anf\u00e4nglich \u2013 wie er selbst in seinen Videos betont \u2013 motiviert aus Entr\u00fcstung, Wut und Rachedurst erz\u00e4hlte Peker in einer immer wieder durch ausf\u00fchrliche Drohungen und Kampfansagen an Mehmet A\u011far, Albayrak und Soylu durchsetzten manisch-narzisstischen Inszenierung aus dem Plauderk\u00e4stchen dezisionistischer und klientelistischer Willk\u00fcr hinter den Kulissen. Bis Mitte-Ende Mai ging es in seinen Videos darum, wie sich angeblich Mehmet A\u011far im oben erw\u00e4hnten polit\u00f6konomischen t\u00fcrkisch-azerischen Geflecht den ebenfalls oben erw\u00e4hnten Luxusyachthafen mit unlauteren Mitteln krallte; sein Sohn (ein AKP-Parlamentarier) eine Frau vergewaltigt und umgebracht und sich dann durch den Staat habe decken lassen; darum, dass der Sohn des ehemaligen AKP-Premiers Binali Y\u0131ld\u0131r\u0131m, Erkam Y\u0131ld\u0131r\u0131m, angeblich den Drogenhandel zwischen Kolumbien-Venezuela-T\u00fcrkei-Zypern organisiert habe; um einen lokalen Polizeichef in Silivri, der Suizid beging, weil er anscheinend dem Druck politischer Direktiven Soylus nicht mehr standgehalten habe; um eine Hand voll erzopportunistischer Journalisten wie Hadi \u00d6z\u0131\u015f\u0131k oder Veyis Ate\u015f, die sich inmitten der Aufl\u00f6sung des Konstitutionalismus im Glanze von Macht und Geld zu Vermittlern zwischen Macht und Geld aufgespielt h\u00e4tten (unter anderem auch zwischen Peker und Soylu); um S\u00fcleyman Soylu selbst, der seine Position als Minister ausgenutzt habe, um sein Versicherungsunternehmen aufbl\u00fchen zu lassen; aber auch darum, wie Peker im Zypern der 1990er seinen Bruder dem Milit\u00e4r f\u00fcr extralegale Aktivit\u00e4ten zur Verf\u00fcgung stellte; wie er im Sinne der AKP 2015 mit Gewalt gegen Medien vorging; wie er AKP-Parlamentariern und AKP-nahen Auslandsorganisationen wie den (zwischenzeitlich verbotenen) Osmanen Germania Geld zusteckte und so weiter und so fort. Wortmeldungen seitens in den Videos genannter Personen, Leaks von Videos und Gespr\u00e4chen, einige journalistische Recherchen und sogar einige wenige R\u00fccktritte (<a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/gundem/veyis-atesle-ilgili-flas-gelisme-6491448/\">Veyis Ate\u015f</a> k\u00fcndigte von seinem Sender, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/yalikavak-marina-dan-mehmet-agar-aciklamasi-gorevinden-ayrildi,955288\">Mehmet A\u011far</a> trat von seiner CEO-Position im Luxusyachthafen zur\u00fcck) legen bei den meisten von Peker erz\u00e4hlten Geschichten nahe, dass in ihnen zumindest <a href=\"https://farukbildirici.com/sedat-peker-vakasinda-gazetecilik-bilancosu/\">ein F\u00fcnkchen Wahrheit</a> innewohnt; wie viel genau davon Realit\u00e4t, wieviel Fiktion, wie viel blo\u00df falsches Wissen oder \u00dcberheblichkeit ist, werden wir indes wohl erst dann lernen, sobald uns alle relevanten staatlichen Quellen offengelegt werden \u2013 wenn \u00fcberhaupt. Die t\u00fcrkische Justiz tut angesichts der \u201eEnth\u00fcllungen\u201c von Peker bisher jedenfalls \u2013 gar nichts.</p><p>In der partiell auch von Peker \u201eaufgedeckten\u201c Geschichte des dubiosen Gesch\u00e4ftsmannes <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ahmet-sik/a-dan-z-ye-sezgin-baran-korkmaz-olayi,29414\">Sezgin Baran Korkmaz</a> kommen alle diese F\u00e4den des Dezisionismus, der Polykratie und des Klientelkapitalismus exemplarisch zusammen. Korkmaz, ein aggressiver Investor kurdischer Abstammung, geh\u00f6rt zu den typischen Neureichen der AKP-\u00c4ra. Nach 2016 arbeitete er sich durch Anbiederung an den Staat nach oben, etwa durch Vermittlungst\u00e4tigkeiten zwischen der us-amerikanischen Gesch\u00e4ftswelt und der t\u00fcrkischen. Unter Umst\u00e4nden spielte er auch eine wichtige <a href=\"https://kronos34.news/tr/sezgin-baran-korkmazin-ucagi-40-kez-venezuelaya-gitmis/\">Vermittlerrolle</a> im Drogenhandel zwischen Venezuela und der T\u00fcrkei. F\u00fcr seine Dienste wurde er offensichtlich klientelistisch belohnt: mit Insiderinformationen zu Unternehmen in der T\u00fcrkei, die sich in Schwierigkeiten befanden. Diese kaufte er dann aggressiv und vermutlich teils mit unlauteren Mitteln auf. Zudem betrieb er Geldw\u00e4sche f\u00fcr die Kingston-Br\u00fcder, einer Betr\u00fcgerbande in den USA, die sich vom us-amerikanischen Staat rechtswidrig Milliarden von Dollar an Zusch\u00fcssen zuwenden lie\u00dfen. Korkmaz hatte offensichtlich Kontakte in alle Bereiche \u00f6konomischer, politischer und juristischer Macht in der T\u00fcrkei und lie\u00df aus all diesen Bereichen wichtige Personen in seinen Luxushotels umsonst verkehren. Aber er war eben nicht der einzige Klient der Macht: Ein t\u00fcrkischer Konkurrent, der Korkmaz auch \u00f6konomisch unterlegen war und von ihm vernichtet zu werden drohte, wandte sich vermutlich an den Innenminister Soylu (die Details der Story bleiben noch vage). Mit Appellen an Nation, Vaterland und dergleichen hochtrabende Dinge bat er diesen, Korkmaz aus dem Verkehr ziehen zu lassen. Soylu sah vermutlich die Chance gekommen, sich einen getreuen \u00f6konomischen Klienten aufzubauen. Er informierte Korkmaz, \u00e4hnlich wie sp\u00e4ter Peker, vor einer bevorstehenden Razzia und riet ihm zur Flucht. Das B\u00fcro f\u00fcr die Untersuchung von Finanzkriminalit\u00e4t (MASAK) fertigte zeitgleich einen vernichtenden Bericht \u00fcber Korkmaz an \u2013 ein paar Monate, nachdem ein vorhergehender Bericht desselben MASAK nichts gegen Korkmaz aufzudecken hatte. Und schon war Korkmaz pl\u00f6tzlich Saulus statt Paulus. Die Leser*in wei\u00df mittlerweile schon: Solche abrupten Umkehrungen sind typisch f\u00fcr dezisionistisch-polykratische Herrschaftsgef\u00fcge. Hinzu kommt nun, dass der schon genannte Journalist Veyis Ate\u015f Korkmaz telefonisch kontaktierte \u2013 Teile des Telefongespr\u00e4chs wurden im Zuge des \u201eSkandals\u201c <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ses-kaydi-var-aciklamasi-haberturk-sunucusu-veyis-ates-firari-sezgin-baran-korkmaz-dan-10-milyon-euro-istedi-mi,959129\">ver\u00f6ffentlicht</a> \u2013 und sich als Vermittler zwischen ihm und Soylu anbot; nat\u00fcrlich im Gegenzug f\u00fcr eine l\u00e4ppische Aufwandsentsch\u00e4digung von 10 Millionen Euro!</p><h4><i>Der Staat war also nicht nur tief, sondern auch sumpfig geworden, voller Kreaturen, denen noch die \u201enationalen Werte\u201c der alten Mafiosis und Paramilit\u00e4rs des Tiefen Staates zu blo\u00dfen Instrumenten ihres reinen individuellen Machtopportunismus wurden.</i></h4><p>Interessant ist, dass Peker in seinen ersten Videos stets hervorhob, nicht gegen den Staat zu sein. Im Gegenteil, er hielt bei seinen \u201eAufdeckungen\u201c und Attacken auch stets den Staatspr\u00e4sidenten Erdo\u011fan au\u00dfen vor. Mehrmals betonte er, dass er im Staate aufgewachsen und f\u00fcr ihn gedient habe. \u201e<a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/sedat-peker-1834751\">Der Staat existiert ewig</a>, er ist heilig. Es gibt aber kein Gesetz, das vorschreibt, dass das Wort eines jeden, der dem Staat dient, auch heilig ist\u201c, so Peker im dritten Video, und sp\u00e4ter im siebten Video: \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-7-video,39060\">Der Staat ist ein Geist</a> und es ist dieser Geist, der heilig ist\u201c. Deshalb, so Peker, greife er bestimmte \u00fcble oder \u201etiefe\u201c Elemente im Staat an, nicht aber den Staat als solchen. Er hob hervor, dass \u201esie\u201c \u2013 A\u011far, Soylu, Albayrak \u2026 und so weiter? \u2013 Erdo\u011fan umgarnt h\u00e4tten und rief Erdo\u011fan, den er seinen \u201egro\u00dfen Bruder\u201c nannte, dazu auf, im Sinne des Staates (und somit nat\u00fcrlich in seinem eigenen) zu intervenieren. Im vierten Video sprach er davon, dass er \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-dorduncu-video-koruma-polisimi-sen-vermedin-mi-suleyman-soylu-temiz-suleyman-in-istifa-olayi-var-ya-bir-gun-once-robot-hesaplardan-tweetler-hazirlandi,38805\">vor dem Staat in den Staat</a>\u201c fl\u00fcchtete. Das kann w\u00f6rtlich verstanden werden: Aus der T\u00fcrkei fl\u00fcchtete er nach Albanien, dann in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Es ist aber vor allem im \u00fcbertragenen Sinne zu verstehen: Geschasst im Machtkonflikt innerhalb des polykratischen Staatsgebildes seitens einer ihm feindlich gesinnten Fraktion fl\u00fcchtete er nach vorne, mitten in dieses Gebilde hinein \u2013 in der Hoffnung, das Spiel gegen die ihn verfolgenden Elemente im Staat zu wenden und sich selbst erneut als lukrativen Agent desselben pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen. Alle seine Videos sind daher ebenso viele Gespr\u00e4chsangebote an den Staat im Allgemeinen, an Erdo\u011fan im Besonderen.</p><p>Ende Mai drehte er jedoch den Hahn weiter auf. Er betrat sehr sensible Themenbereiche \u2013 vermutlich, weil seine Versuche, erneut vom Staat ernst genommen zu werden, bis dato keine Fr\u00fcchte getragen hatten. In seinem achten Video machte <a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-8-video,39238\">er \u00f6ffentlich</a>, wie seinem Wissen nach die T\u00fcrkei Waffen an Jihadisten in Syrien lieferte \u2013 unter anderem ihn selbst \u201eausnutzend\u201c, wie er es bezeichnete. Peker k\u00fcndigte an, auch in eine Abrechnung mit Erdo\u011fan h\u00f6chstpers\u00f6nlich gehen zu wollen und dessen Ged\u00e4chtnis \u201eaufzufrischen\u201c, <a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-8-video,39238\">da Erdo\u011fan leider</a> im Sinne von Soylu Partei ergriffen habe. Er fing an, die AKP im Allgemeinen anzugreifen und dar\u00fcber zu berichten, wie nicht nur Soylu Klientelismus betreibe, sondern auf welche Art und Weise in allen AKP-Munizipalit\u00e4ten Korruption und Vetternwirtschaft stattf\u00e4nde. Peker nutzte die Gelegenheit, seine Zuschauer*innen dazu aufzurufen, sich gegen die Regierung zu stellen, diese umzuw\u00e4lzen und die Ordnung zu ver\u00e4ndern, damit Korruption und Klientelismus aufh\u00f6rten. Er schlug sogar einen linkspopulistischen Ton an: Er sprach von der Pl\u00fcnderung von Ressourcen durch eine Handvoll Klientelkapitalisten, w\u00e4hrend die Bauern und das Volk in Armut dahindarbten. Er \u00e4u\u00dferte sich auch dar\u00fcber hinaus politisch und kritisierte die Kurden- und Alevitenpolitik der Regierung. Auch w\u00e4hrend der Waldbr\u00e4nde Ende Juli/Anfang August kritisierte er die Schuldzuweisungen an die HDP und <a href=\"https://sendika.org/2021/07/sedat-peker-yanginlari-hdpliler-cikariyor-demek-halkimizi-hdp-binalarina-saldirtma-amacindan-baska-ne-ise-yarayabilir-627191/\">bezeichnete</a> die Vorw\u00fcrfe als \u201eSpiel von Provokateuren im Gewande der Vaterlandsliebe\u201c. Peker vertrat damit eine politische Linie, die sich eigentlich als Mehrheitsmeinung im Staat der fr\u00fchen 2000er durchgesetzt hatte, namentlich die in diesen \u201eFragen\u201c enthaltenen sozialen Antagonismen durch milde integrative Kompromisse zu entsch\u00e4rfen und damit der PKK die soziale Basis abzugraben, ohne von den Prinzipien des t\u00fcrkischen Nationalismus g\u00e4nzlich abzuweichen. Letztlich konnte er noch so oft betonen, dass er nur einzelne Individuen im Staat angriff und der Staat heilig sei: Ende Mai/Anfang Juni befand Peker sich eindeutig auf Kriegsfu\u00df mit Regierung wie Staat.</p><p>Seine ver\u00e4nderte Strategie machte vermutlich Eindruck. In Kombination mit dem gro\u00dfen \u00f6ffentlichen \u201eErfolg\u201c seiner Videos kam es deshalb ab Anfang/Mitte Juni zu einer merklichen Ver\u00e4nderung im Vorgehen von Peker. Am Wochenende des 12./13. Juni 2021 erschien nicht wie erwartet ein neues Video. Zun\u00e4chst hie\u00df es, Peker sei von t\u00fcrkischen Kommandos entf\u00fchrt worden. Es stellte sich heraus, dass ihn <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/sedat-peker-dubaili-yetkililer-tarafindan-konutundan-alindi-iddiasi-1844197\">Beamte der VAE</a> (vermutlich des Geheimdienstes) zu einer Befragung einbestellt hatten. Wir wissen nicht genau, was dort und anderweitig besprochen wurde. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-ailemin-yanina-geldim-mit-timlerinin-yaptigi-operasyonla-yakalandigim-asla-dogru-degildir,958887\">Peker selbst</a> erz\u00e4hlt die eher unwahrscheinliche Geschichte, dass ihn die VAE-Beamten davor warnten, weitere Videos zu ver\u00f6ffentlichen, da sein Leben in h\u00f6chster Gefahr sei. Wahrscheinlicher ist, dass die VAE gegen au\u00dfenpolitische Konzessionen der T\u00fcrkei Druck auf Peker aufbauten; gleichzeitig ist es sehr wahrscheinlich, dass um diesen Zeitpunkt herum auch Verhandlungen zwischen Peker und dem t\u00fcrkischen Staat, oder besser gesagt, bestimmten Fraktionen im t\u00fcrkischen Staat stattfanden. Die Videos h\u00f6rten abrupt auf. Seitdem twittert Peker seine \u201eEnth\u00fcllungen\u201c nur mehr. Er ging auch nicht wie angek\u00fcndigt dazu \u00fcber, Erdo\u011fan ins Zentrum zu stellen. Stattdessen schoss er sich wieder vor allem auf S\u00fcleyman Soylu und dessen angebliches Klientelnetzwerk ein: Beispielsweise machte er publik, dass Soylu angeblich auch nach dem gescheiterten Milit\u00e4rputsch vom 15. Juli 2016 unter der Hand <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-den-bakan-soylu-ya-arkandaki-saibeli-organizasyonla-15-temmuz-sonrasinda-da-devlet-envanterine-kayitli-olmayan-silahlari-dagitmaya-neden-devam-ettiniz,964626\">Langfeuerwaffen an Zivilisten verteilte</a> in der Vorbereitung auf einen B\u00fcrgerkrieg (was <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/turkish-mobster-claims-akp-supporters-secretly-armed-after-putsch\">plausibel</a> ist, da eine bei der angeblichen Waffen\u00fcbergabe beteiligte Person das von Peker angef\u00fchrte \u00dcbergabetreffen best\u00e4tigt hat, ohne jedoch zu wissen was \u00fcbergeben wurde, und laut einer Analyse von Daten des Innenministeriums bis zu 100.000 Waffen aus staatlichen Inventaren fehlen). <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/06/16/pekerin-olasi-haber-kaynaklari-ve-mit-operasyonu-haberi/\">Es ist seitdem offensichtlich</a>, dass Peker seither (wenn nicht schon zuvor) unmittelbar aus dem Polizei- und Justizapparat heraus sensible Informationen auch \u00fcber <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/emniyette-dun-alinan-ifadeyi-bugun-sedat-peker-yayinladi-haber-1527661\">sehr aktuelle Ereignisse</a> erh\u00e4lt, die er sodann auch ver\u00f6ffentlicht.</p><p>Peker hat also sein subjektives Ziel, als jemandes Agent im Staat zu fungieren und darin zugleich seine eigenen Interessen zu verfolgen, vorerst erfolgreich erreicht. Ende Mai waren seine Videos schon insgesamt <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57236348\">172 Millionen mal</a> angeschaut gewesen, in den Sozialen Medien folgen ihm ebenfalls Millionen Menschen. \u00d6ffentliche Umfragen \u00fcber Kenntnis und Einsch\u00e4tzung der Inhalte von Pekers Videos seitens der Bev\u00f6lkerung der T\u00fcrkei oszillieren in ihren Ergebnissen zwar noch zu extrem, um daraus zu tragf\u00e4higen Schl\u00fcssen zu kommen; es ist aber offensichtlich, dass Peker zu einem popularen Ph\u00e4nomen geworden ist.</p><h4><i>Das von ihm wohlkomponiert inszenierte Simulacrum, die Simulation des \u201eEhrenmannes\u201c, der \u00fcberpotente M\u00e4nnlichkeit, Gewaltbereitschaft, einen exzessiv-manischen Narzissmus und ein dementsprechendes Selbstbewusstsein gekoppelt mit einer aufm\u00fcpfigen, gar politisch oppositionellen Haltung, aber im Namen von Staat (devlet), Nation (millet) und Vaterland (vatan) verk\u00f6rpert, macht den verf\u00fchrerischen Bann seiner politischen \u00c4sthetik aus.</i></h4><p>Sehr erfolgreich auf wenige Minuten ist dies in einem <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=RwJcYJylUEg\">Kunstvideo</a> des Youtubers T\u0131mar Rutherford zur Darstellung gebracht worden. Peker selbst ist nat\u00fcrlich alles andere als irgendwie \u201eoppositionell\u201c oder gar emanzipatorisch: \u201eWenn ich Dreck bin, dann nur Dreck der untersten Stufe in einem ganzen System an Dreck\u201c, hebt Peker selber <a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-9-video-yasadikca-ve-yaslandikca-degil-direndikce-buyuruz,39442\">in aller Ehrlichkeit</a> im bisher letzten seiner langen Videos hervor. Durch seine Popularit\u00e4t und seine Bef\u00e4higung, wichtige Akteur*innen der polykratischen Konfiguration ins Wanken zu bringen und \u00f6ffentlich zu demaskieren, hat er erreicht, was viele andere Machtnetzwerke im polykratischen Gef\u00fcge nicht schaffen. Darin liegt Pekers derzeitige Einzigartigkeit und Unersetzbarkeit, was ihn letztlich n\u00fctzlich gemacht hat \u2013 f\u00fcr wen auch immer innerhalb des polykratischen Gef\u00fcges. Ryan Gingeras h\u00e4lt dazu passend <a href=\"https://www.jstor.org/stable/40586942\">fest</a>, dass die nicht-staatlichen Elemente des Tiefen Staates zwar vornehmlich mit Bezug auf den Staat wirkm\u00e4chtig werden, dass sie aber nicht darin aufgehen, willenlose Instrumente f\u00fcr staatliche Akteure zu sein. Dar\u00fcber hinaus verfolgen sie auch eigene Interessen und legen sich daf\u00fcr, wo n\u00f6tig, auch mit staatlichen Akteuren an.</p><p>Was hat sich also machtpolitisch hinter den Kulissen getan Ende Mai/Anfang Juni? <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/23/peker-konustukca-erdoganin-mintika-temizligi-kolaylasiyor/\">Eine These</a> w\u00e4re, dass Erdo\u011fan durch Pekers Performance \u00fcberzeugt ist, jetzt den geeigneten Moment gefunden zu haben, sich einer nationalistischen Fraktion im Machtblock zu entledigen, dass aber Bah\u00e7eli, der auch als erster von beiden \u00f6ffentlich Soylu in Schutz genommen hat, blockt. Andererseits hat Peker vor Kurzem auch wenig subtil damit gedroht, die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-den-suleyman-soylu-ya-tum-suclarin-yaninda-bana-bilgi-sizdirdigin-icin-yuce-divana-kesin-gideceksin,965735\">Gewalt eskalieren zu lassen</a>, wenn \u201esie\u201c bei den n\u00e4chsten Wahlen, die \u201esie\u201c laut Peker offensichtlich verlieren werden, nicht von selbst die Macht abtreten. Es ist nicht ganz klar, ob Peker mit \u201esie\u201c Erdo\u011fan und die AKP meint, oder nur bestimmte Teile des derzeitigen Regimes. Letztlich k\u00f6nnen wir derzeit nur spekulieren, mit wem im Staat Peker zusammenarbeitet. Fakt ist, dass die Causa Peker beziehungsweise die vom ihm \u00f6ffentlichkeitswirksam aufgerollten Skandale eindr\u00fccklich vor Augen f\u00fchren, welches Ausma\u00df Dezisionismus, Polykratie und Klientelkapitalismus in der T\u00fcrkei mittlerweile angenommen haben.</p><h4><i>Das ganze Land schaut auf die Youtube-Videos eines gewaltaffinen, im Namen des Staates mordenden Mafiabosses</i> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/25/ikinci-perde-soylunun-yanitladigi-tek-soruyla-acildi/\"><i>anstatt</i></a><i> auf das Parlament und die Justiz f\u00fcr entscheidende Entwicklungen in Politik und Recht \u2013 kann es ein eindr\u00fccklicheres Bild f\u00fcr die Ersetzung von Konstitutionalismus durch Dezisionismus und Polykratie geben?</i></h4><p>Und zeigen nicht gerade die von ihm \u201eaufgedeckten\u201c Skandale, wie sehr Dezisionismus und Polykratie mit Korruption, Vetternwirtschaft, Gl\u00fccksrittertum, kurzum: Klientelkapitalismus zusammengewachsen sind? Zugleich zielt Pekers Vorgehen nat\u00fcrlich darauf ab, diese etablierten Mechanismen zu festigen. In der klassisch paternalistischen Manier des Rechtspopulismus entfacht er den berechtigten Unmut und die Leidenschaften der Bev\u00f6lkerung in einer tendenziell reaktion\u00e4ren Art und Weise \u2013 und dann noch in einer Form, die die Bev\u00f6lkerung passiv mobilisiert, sie also explizit nicht selbst zur Organisation und zur Aktivit\u00e4t aufruft, sondern als mobilisierte Man\u00f6vriermasse im innerpolykratischen Machtkampf zur Hand haben m\u00f6chte.</p><h2><b>Die widerst\u00e4ndige T\u00fcrkei und die etatistische Opposition</b></h2><p>Beim Versuch einer paternalistischen Mobilisierung der Bev\u00f6lkerung steht Peker nicht alleine da. Der Unmut in der Bev\u00f6lkerung und der Unglaube in die Institutionen des Staates ist, wie gezeigt, weit verbreitet. Es gibt aber dar\u00fcber hinaus auch zahlreiche Widerst\u00e4nde und K\u00e4mpfe gegen die vom Regime und vom Neoliberalismus herbeigef\u00fchrten destruktiven Zw\u00e4nge, Verbote, Entrechtungen, Depravationen. So k\u00e4mpften und k\u00e4mpfen <a href=\"https://sendika.org/2021/05/salgin-yonetiminin-on-dorduncu-ayinda-isci-sinifi-mucadelesi-617316/\">die gesamte Pandemie \u00fcber</a> Arbeiter*innen an vielen Standorten gegen Entlassungen, Nicht-Erf\u00fcllung von Corona-Ma\u00dfnahmen, fehlende Auszahlung von L\u00f6hnen und vieles mehr \u2013 <a href=\"https://sendika.org/2021/03/genel-is-genel-merkezi-kartal-belediyesi-ile-tis-imzaladi-isciler-irademiz-yok-sayildi-dedi-609945/\">auch</a> in <a href=\"https://elyazmalari.com/2021/02/23/kadikoyun-simarik-grevcileri/\">oppositionsgef\u00fchrten Kommunen</a>. Zwar waren am <a href=\"https://sendika.org/2021/05/1-mayis-2021-direnis-iradesi-sokakta-616787/\">1. Mai 2021</a> im Prinzip alle Demonstrationen verboten, Linke und Gewerkschafter*innen organisierten aber in vielen Stadtteilen und -pl\u00e4tzen kleinere Kundgebungen und lie\u00dfen sich von Gewahrsamnahmen nicht einsch\u00fcchtern. An der Bo\u011fazi\u00e7i Universit\u00e4t, einer der prestigetr\u00e4chtigsten Universit\u00e4ten des Landes, kam es seit Januar diesen Jahres zu einer riesigen Protestwelle gegen einen von Erdo\u011fan per Dekret und gegen die W\u00fcnsche der Studierenden und Lehrenden eingesetzten AKP\u2019ler als Zwangsverwalter-Rektor \u2013 mit Erfolg: Erst vor Kurzem wurde der Rektor, <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/01/05/otomatik-taslakerdogan-emaneti-ehline-bakin-nasil-veriyor/\">Melih Bulu</a>, ebenfalls per Erdo\u011fans Gnadendekret abgesetzt. Die <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1154670.der-erste-zwangsverwalter-geht.html\">Bo\u011fazi\u00e7i-Uni</a> geh\u00f6rt neben einer kleinen Handvoll anderer Eliteuniversit\u00e4ten zu den Universit\u00e4ten, die die AKP trotz 20-j\u00e4hriger Regierungszeit nicht kontrolliert bekommt. Die feministische Bewegung ist die Einzige, die wegen ihrer gro\u00dfen Legitimation immer noch Demos organisieren und teils die Polizei zum R\u00fcckzug von den Stra\u00dfen zwingen kann. Dabei hat die Mobilisierungsf\u00e4higkeit der feministischen Bewegung mit zunehmender Repression und Austritt aus der Istanbuler Konvention nicht abgenommen, sondern zugenommen. Die HDP ist zwar durch den autorit\u00e4ren Dauerbeschuss kaum mehr handlungsf\u00e4hig, bleibt aber weiterhin standhaft; auch in Wahlumfragen bleibt sie weiterhin stabil bei um die 10%. Der Kampf der Anwaltskammern gegen die regimefreundliche Reform derselben letzten Jahres wie auch der geradezu heroische Kampf der \u00c4rztekammer f\u00fcr eine populare Pandemiepolitik und gegen die Verdrehungen und Inhumanit\u00e4t des Regimes unter den widrigsten Umst\u00e4nden zeigen, dass es auch in und durch organisierte Korporationen \u2013 \u00dcberreste des fordistischen Erbes in der T\u00fcrkei \u2013 Widerstand gegen den Autoritarismus m\u00f6glich ist.</p><p>Auch angesichts dieser K\u00e4mpfe und anderen wichtigen politischen Fragen ist regelm\u00e4\u00dfig eine mehr oder minder starke beziehungsweise absolute Mehrheit der Bev\u00f6lkerung anderer Meinung als das Regime: Eine absolute Mehrheit der Bev\u00f6lkerung lehnt den Austritt aus der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-saadet-partililerin-yuzde-81-i-mhp-lilerin-yuzde-31-i-istanbul-sozlesmesi-nden-cikilmasini-onaylamiyor,942740\">Istanbuler Konvention</a> ab; eine absolute Mehrheit lehnt die staatlichen Profitgarantien f\u00fcr die zahlreichen \u201e<a href=\"https://www.turkuazlab.org/wp-content/uploads/2020/12/Turkiyede-Kutuplasmanin-Boyutlari-2020-Arastirmasi-Sunumu.pdf\">Megaprojekte</a>\u201c (Br\u00fccken, Tunnel, Flugh\u00e4fen, usw.) ab und unterst\u00fctzt deren <a href=\"http://www.metropoll.com.tr/upload/content/files/1870-ekim20-ayin5rakami.pdf\">Verstaatlichung</a>; eine Mehrheit lehnt auch den <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halk-kanal-istanbul-un-yapilmasi-hakkinda-ne-dusunuyor,962105\">Kanal Istanbul</a> ab; eine absolute Mehrheit ist der Meinung, dass es keine politische Einmischung in die <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/arastirma-millet-ittifaki-na-yakinim-diyenlerin-orani-cumhur-ittifaki-na-yakinim-diyenlerden-fazla,11090/4\">Universit\u00e4ten</a> geben und diese ihre Rektor*innen selber w\u00e4hlen sollten und unterst\u00fctzt den Protest an der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/konda-arastirmasindan-carpici-sonuc-toplumun-yuzde-67-si-bogazici-universitesi-ogrencilerini-hakli-buluyor,943200\">Bo\u011fazi\u00e7i-Universit\u00e4t</a>; ebenso eine absolute Mehrheit lehnt jedwede Beschr\u00e4nkung des <a href=\"http://www.metropoll.com.tr/upload/content/files/1870-ekim20-ayin5rakami.pdf\">Verfassungsgerichtes</a> ab; eine absolute Mehrheit bevorzugt <a href=\"https://www.milliyet.com.tr/yazarlar/guneri-civaoglu/muhafazakar-kesim-mri-6447122\">Laizismus</a> statt \u201edie Scharia\u201c (81% gg. 18%); eine Mehrheit lehnt die Enteignung des <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-arastirma-semenin-neredeyse-yarisi-markette-pazarda-gida-enflasyonunun-yuzde-40-ve-uzerinde-oldugunu-soyluyor,943359\">Gezi-Parkes</a> und seine \u00dcberf\u00fchrung in ministeriales Eigentum ab; eine absolute Mehrheit ist der Meinung, dass die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halkin-yaklasik-yuzde-60-i-emekli-amiraller-bildirisinde-darbe-imasi-oldugunu-dusunmuyor,944750\">Erkl\u00e4rung der Admir\u00e4le</a> zum Vertrag von Montreux keinen Putschversuch darstellt; und nicht zuletzt findet eine Mehrheit die von der Opposition betriebene Skandalisierung der <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/metro-poll-den-carpici-anket-millet-ittifaki-na-egilim-cumhur-ittifaki-na-egilimden-3-puan-fazla,11919/4\">Verschleuderung der TCMB-Reserven</a> richtig.</p><p>Angesichts der autorit\u00e4ren Furie, wie sie in der T\u00fcrkei w\u00fctet, ist dieses Niveau an Widerstand, K\u00e4mpfen und abweichender politischer Meinung der Bev\u00f6lkerungsmehrheit beachtlich. Der LKW-Fahrer, der bei einem Besuch der oppositionellen CHP \u00fcber die \u00f6konomische Misere seines Berufsstandes klagt und dann spontan vor laufender Kamera explodiert: \u201e<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/nakliyeciden-chpli-vekillere-abi-bir-kukreyelim-haber-1527446\">Bruder, lass\u2019 mal br\u00fcllen wie ein L\u00f6we</a>. Mein verehrter Bruder, hau doch mal die Faust auf den Tisch und br\u00fcll mal. Es geschieht Unrecht, die Menschen hier leiden, den Menschen geht es schlecht, sie sind hungrig\u201c, hat schon viel in Kauf genommen. Es bedarf viel Mut, eine solche Kampfansage in der heutigen T\u00fcrkei vor laufender Kamera abzulassen.</p><h4><i>An Kampfbereitschaft und Mut fehlt es wahrlich nicht. Aber die K\u00e4mpfe finden nur selten zu einer relativ geeinten politischen Form und Perspektive zusammen</i>.</h4><p>Das Potenzial atomisierter und demobilisierter Proteste und individueller Kampfbereitschaft bleibt aber notwendig beschr\u00e4nkt und tendenziell offen f\u00fcr eine reaktion\u00e4re Degeneration, Hoffnungslosigkeit, Kapitulation vor dem Herrschenden und/oder R\u00fcckzug. Angesichts dessen verfolgt die b\u00fcrgerliche Opposition eine sehr etatistische Form der Politik. Die N\u00e4he bis hin zu Identit\u00e4t der b\u00fcrgerlichen Opposition zur/mit der Regierung bez\u00fcglich der \u201ekurdischen Frage\u201c habe ich schon erw\u00e4hnt. Auch in allen Angelegenheiten, die als \u201estaatlich\u201c akzeptiert sind, wie beispielsweise die grunds\u00e4tzliche Vorstellung einer <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-ndan-abdulkadir-selvi-abdulkadir-selvi-benim-adima-nasil-konusuyor-yoksa-birileri-selvi-ye-yazdiriyor-mu,919825\">Substanz</a> und Einheit des Staates und die Verteidigung seiner Institutionen (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/chp-den-charlie-hebdo-tepkisi-hicbir-ulke-turkiye-cumhuriyeti-nin-cumhurbaskani-na-hakaret-edemez-ettirmeyiz,911906\">inklusive des Pr\u00e4sidialamtes</a>!) und <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/dort-partiden-abdye-caatsa-kinamasi-haber-1507401\">Interessen</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/meral-aksenerden-erdoganin-cagrisina-yanit-1757650\">nach Au\u00dfen</a>, steht die b\u00fcrgerliche Opposition <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/09/turkey-russia-erdogan-dispute-armenia-azerbaijan-nagorno.html\">Seite an Seite</a> mit dem Regime (oder fordert <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ali-babacan-ve-ahmet-davutoglu-ndan-ortak-basin-toplantisi,938443\">sogar</a> ein <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-bu-ulkede-millete-terorist-diyenler-andimiz-i-yasaklayanlar-oldu,939659\">noch h\u00e4rteres Vorgehen</a>). Sie stimmen damit de facto zu, wenn wichtige Wortf\u00fchrer*innen des Regimes die Unterscheidung machen in <a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/nedret-ersanel/mehmet-agar-bu-olaylar-neticesinde-baska-siyasi-beklentiler-var-ise-acik-soyleyeyim-o-olmaz-2057662\">Regierungsangelegenheiten</a>, bei denen man durchaus unterschiedlicher Meinung sein k\u00f6nne, und <a href=\"https://www.sabah.com.tr/yazarlar/donat/2021/05/06/kanayan-yara\">Staatsangelegenheiten</a>, bei denen Einheit gefordert sei. Dabei gibt es nat\u00fcrlich nicht einen \u201eheiligen Geist des Staates\u201c, der zeitlos durch Raum und Zeit west, wie es Peker und viele vor ihm behaupteten. Die Anrufung einer mystischen \u201eEssenz des Staates\u201c ist allerdings ein Mittel, um Zustimmung zu einer grunds\u00e4tzlich autorit\u00e4ren Vergesellschaftungsform zu generieren \u2013 etwas, worin sich in der Tat Regierende wie b\u00fcrgerliche Oppositionelle seit Gr\u00fcndung der Republik, ja seit dem sp\u00e4ten Osmanischen Reich einig sind. Insofern l\u00e4sst sich mit Fug und Recht von einer autorit\u00e4ren Staatstradition in der T\u00fcrkischen Republik sprechen.</p><h4><i>Die b\u00fcrgerliche Opposition teilt aber auch den Aspekt der paternalistischen Mobilisierung, die der autorit\u00e4ren Staatstradition zueigen ist.</i></h4><p><a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-video-ile-seslendi-buradan-siyasi-iktidara-acik-bir-cagrida-bulunuyorum-turkiye-nin-evlatlarini-serbest-birakin,930648\">Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu</a> so sehr <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-izmir-hdp-il-baskanligina-yapilan-provokasyon-amacli-saldirinin-cok-daha-buyuklerini-ne-yazik-ki-onumuzdeki-zamanlarda-yasayacagiz,959773\">wie</a> <a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-8-video,39238\">Sedat Peker</a>, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-ndan-hutbe-aciklamasi-diyanet-gencleri-ayirmayan-devlet-yoneticileri-olsun-diye-de-dua-etsin,931708\">Imamo\u011flu</a> (CHP-B\u00fcrgermeister von Istanbul) so sehr wie <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/bogazicili-ogrencilerden-bahceliye-yanit-once-terorist-demekten-vazgec-1816006\">Bah\u00e7eli</a>, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-kktc-mustakil-bir-devlettir-haddinizi-bilin,931922\">Meral Ak\u015fener</a> so sehr wie die <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/hdpye-saldiri-aydinlatilmali-41834543\">Revolverpresse</a> des Regimes sind sich einig im Aufruf, dass die Menschen \u201eja nicht auf die Stra\u00dfe\u201c gehen oder zumindest \u201eMa\u00df und Zur\u00fcckhaltung\u201c in ihrem Protest wahren sollen, weil sonst alles au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t und Chaos das Land regiert. Als disziplinierend-mobilisierendes Element werden dazu verschw\u00f6rungstheoretische Ideologiefragmente \u201e<a href=\"https://dukespace.lib.duke.edu/dspace/bitstream/handle/10161/22556/Goknar%20-%20Political%20Melodramas%20of%20Conspiracy.pdf?isAllowed=y&amp;sequence=2\">as an intentionally deployed weapon of politics</a>\u201c (S. 2) genutzt. \u201eJemand hat auf den Knopf gedr\u00fcckt\u201c <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/turkiyenin-onundeki-kritik-esik-41842003\">und</a> <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/yazarlar/ismail-saymaz/sen-suclusun-mehmet-ali-bey-6492402/\">\u00e4hnliche S\u00e4tze</a> sind politische Allgemeinpl\u00e4tze geworden, die implizieren, dass es ein \u2013 nat\u00fcrlich nie konkret zu identifizierendes \u2013 Mastermind (<i>\u00fcst ak\u0131l</i>) gibt, das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-yargimiz-nasil-15-temmuz-un-hesabini-soruyorsa-6-8-ekim-olaylarinin-hesabini-da-bolucu-orgutun-unsurlarindan-soruyor,906889\">laut Erdo\u011fan</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-son-8-yilda-partimize-yonelik-kesintisiz-saldiri-doneminden-milletimizin-destegiyle-ciktik,964513\">seit Gezi 2013</a> in den unzusammenh\u00e4ngendsten Ereignissen als das eine identische Subjekt wirkt, um die T\u00fcrkei durch wechselseitige Polarisierung und Aufhetzung der Bev\u00f6lkerung zu vernichten. <a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/ibrahim-karagul/sedat-pekere-feto-dosyalari-mi-verildi-zaafi-olan-dubaiye-kosuyor-bin-zayedin-tetikcisi-oluyor-onlarca-sedat-peker-harcanir-2058569\">Auch Sedat Peker</a> wird von der Revolverpresse in diese Verschw\u00f6rung eingeordnet.</p><p>Nat\u00fcrlich gibt es kein Mastermind. Es ist das Regime selbst, das Polarisierung und Aufhetzung betreibt, um Alternativen zu unterdr\u00fccken und sich eine autorit\u00e4re Legitimationsbasis zu schaffen. In Kombination mit anderen Krisenelementen bringt dies aber auch eine Reihe nichtintendierter Effekte mit sich, wie sich versch\u00e4rfende au\u00dfenpolitische und soziale Antagonismen, Prekarit\u00e4t, usw., die durchaus wirklich zu einer Art von Kontrollverlust f\u00fchren, n\u00e4mlich zur Hegemoniekrise an sich. Das verschw\u00f6rungstheoretische Framing versucht blo\u00df, diese Hegemoniekrise disziplinierend zu organisieren. Denn wo hinter allem Unzusammenh\u00e4ngenden und allen Verwerfungen ein b\u00f6ser Mastermind zum Schaden Aller agiert und man nie wei\u00df, ob nicht auch etwas als Gut erscheinendes eigentlich dem B\u00f6sen dient, da macht sich eine passivierende \u00c4ngstlichkeit breit. Der Glaube daran w\u00e4chst, dass es der Lenkung durch die das Volk f\u00fchrenden Elite bedarf, welche allein kompetent den Kampf gegen dieses Mastermind ausfechten kann. \u201e[C]onspiracy isn\u2019t just a symptom of authoritarian politics, [\u2026] it imagines and prefigures that authoritarianism\u201c (S. 6), fasst G\u00f6knar im eben zitierten Artikel folgerichtig zusammen. Ein erfolgreicher Kampf gegen die Taktiken des Regimes, in dem die Bev\u00f6lkerung selbst organisiert partizipiert, ist der erfolgversprechendste Weg gegen die Pr\u00e4sidialdiktatur: Die Wahrnehmung der eigenen Wirkm\u00e4chtigkeit ist das beste praktische Gegenmittel gegen die verschw\u00f6rungstheoretische Disziplinierung im Allgemeinen, aber vor allem auch gegen die in der Diffusit\u00e4t des Alltagsverstandes verankerten, jahrzehntelang von den Herrschenden gef\u00f6rderten reaktion\u00e4ren Elemente wie den antikurdischen Rassismus <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57485198\">oder</a> die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/area-arastirma-olasi-cumhurbaskanligi-secimlerinde-mansur-yavas-muharrem-ince-ile-abdullah-gul-e-fark-atiyor,899856\">Unterst\u00fctzung</a> f\u00fcr <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/son-anket-millet-ittifaki-onde-galeri-1500153?p=5\">au\u00dfenpolitischen Chauvinismus</a>.</p><p>Die b\u00fcrgerliche Opposition will dies aber offensichtlich nicht. Sie hofft darauf, durch die Exploitation reaktion\u00e4rer Sedimente im Alltagsverstand eine paternalistische Mobilisierung gegen das Regime zu organisieren, mit dem sie das Regime st\u00fcrzen und den \u00dcbergang zu einer restaurierten neoliberalen Hegemonie einleiten kann \u2013 ohne eine zu starke populare Partizipation zu riskieren, die bedeutend mehr als eine blo\u00dfe Restauration des Neoliberalismus auf die politische Agenda setzen k\u00f6nnte. Wie sehr die b\u00fcrgerliche Opposition das Regime st\u00fcrzen und wirklich abschaffen will, ist ohnehin an sich fragw\u00fcrdig. Der Chef der Hauptoppositionspartei CHP, Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, gab erneut zu verstehen, dass sie <a href=\"https://t24.com.tr/video/kilicdaroglu-kanal-istanbul-ihalesine-girecek-ulkeye-mesafe-koyacagiz-paralarini-odemeyecegiz-bizden-bir-banka-kredi-verirse-gunu-geldiginde-o-da-gorur,38698\">keine Abrechnung</a> (<i>devr-i sab\u0131k</i>) mit der AKP-\u00c4ra und ihren Verbrechen vorhaben, sollten sie an die Macht kommen. \u00c4hnlich der schon erw\u00e4hnte stellvertretende Vorsitzende der IYI, Yavuz A\u011f\u0131ralio\u011flu, der \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/iyi-partili-agiralioglu-ak-parti-deki-arkadaslarimiza-dusman-degiliz-onlarin-rakipleriyiz,941960\">unsere Freunde in der AKP</a>, inklusive Herr Erdo\u011fan\u201c explizit nicht als Feinde, sondern als Konkurrenten unter dem Banner derselben Sache, \u201eNation und Heimat\u201c bezeichnete.</p><p>Unter dem Druck der Faschisierung sind auch Teile der Linken, allen voran starke Fraktionen innerhalb der HDP, auf eine Taktik der \u201eDemokratiefront\u201c umgeschwenkt, der zufolge die Zusammenarbeit aller \u201edemokratischer Parteien\u201c zwecks Sturz des Regimes Priorit\u00e4t hat. Die Linke, auch die HDP, w\u00e4re allerdings besser beraten, sich prim\u00e4r auf das zu konzentrieren, was sie von den b\u00fcrgerlichen Parteien unterscheidet: Eine Perspektive auf die \u00dcberwindung des Neoliberalismus im Sinne der popularen Klassen und eine umfassende Demokratisierung durch populare Massenmobilisierung und -partizipation. Ansonsten bleiben nicht nur die materiellen Bedingungen der M\u00f6glichkeit einer reaktion\u00e4ren Organisierung und Mobilisierung der popularen Klassen erhalten, sondern auch die ideellen und politischen \u2013 wie der antikurdische Rassismus, der militaristische Chauvinismus und dergleichen. Erst wenn das Volk selbst an der politischen Macht aktiv partizipiert und \u00fcber sein Geschick selbst entscheidet, werden die Bedingungen der M\u00f6glichkeit des Autoritarismus aufgehoben, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/riza-turmen/akp-sonrasi-turkiye-yeni-bir-demokrasi,31141\">so</a> R\u0131za T\u00fcrmen, ehemaliger Richter der T\u00fcrkei am Europ\u00e4ischen Menschengerichtshof und linker Demokrat. Die revolution\u00e4ren Elemente innerhalb der Linken m\u00fcssen dabei zus\u00e4tzlich den Punkt stark machen, dass es nicht blo\u00df um Klientelkapitalismus und Neoliberalismus geht und dass strategisch die \u00dcberwindung der kapitalistischen Produktionsweise als solcher letztlich der einzige Weg ist, die notwendigen (wenn auch nicht allein hinreichenden) Grundlagen f\u00fcr ein gutes Leben f\u00fcr die Bev\u00f6lkerungsmehrheit zu schaffen. Dass sich Linke priorit\u00e4r auf ihre Aufgaben konzentrieren, schlie\u00dft eine taktische Wahlzusammenarbeit, so denn Wahlen stattfinden sollten, nicht aus. Im Gegenteil: Erst dann, wenn die Linke ihre Aufgaben gut macht, kann sie bei einer m\u00f6glichen Wahlallianz eine Anerkennung linker Positionen erzwingen.</p><p>Das kurz- bis mittelfristige Ziel f\u00fcr Linke sollte sein, Erdo\u011fan zu st\u00fcrzen \u2013 aber unter Umst\u00e4nden, in denen die Linke so stark wie m\u00f6glich ist. Es w\u00e4re sogar w\u00fcnschenswert, wenn sie bei den n\u00e4chsten Wahlen einen selbstbewussten und eigenst\u00e4ndigen dritten Parteienblock im Unterschied zum Regimeblock wie zum Block der b\u00fcrgerlichen Opposition bilden k\u00f6nnte, anstatt direkt oder indirekt dem b\u00fcrgerlichen Oppositionsblock zuzuarbeiten. Nur durch organisatorische und ideologische Autonomie sowie einer erfolgreichen popularen Praxis kann die Linke Positionen erk\u00e4mpfen. Zusammenschl\u00fcsse wie Einheit f\u00fcr Demokratie (<i>Demokrasi \u0130\u00e7in Birlik</i>, D\u0130B), die sich aus Parteien und Organisationen, Bewegungen und Einzelpersonen zusammensetzen, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/demokrasi-icin-birlik-ten-muhalefete-armut-pisip-kimsenin-agzina-dusmeyecek,907330\">versuchen gerade</a>, solch eine <a href=\"https://www.evrensel.net/haber/436368/demokrasi-konferansi-halkin-gercek-halk-egemenligi-kuracagi-yolculuga-katki-sunmaya\">populare Perspektive</a> zusammen mit einer popularen Mobilisierung zu entwickeln.</p><h4><i>Vielleicht sind wir derzeit an einem Punkt angelangt, an dem es nicht mehr so sehr um die Frage geht, ob Erdo\u011fan st\u00fcrzt \u2013 sondern eher darum, wie er st\u00fcrzt und wie die T\u00fcrkei nach Erdo\u011fan aussehen wird. Diesem Kampf um die Zukunft der T\u00fcrkei sollten wir uns selbstbewusst und voll Lebensfreude stellen.</i></h4><hr/><h2><b>Anmerkungen:</b></h2><p><b>[1]</b> F\u00fcr die Entwicklungen und theoretischen Einsch\u00e4tzungen zu den Entwicklungen vor/bis September 2020 verweise ich auf meinen l\u00e4ngeren Analyseartikel \u201e<a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">Virus als Katalysator</a>\u201c, ebenfalls hier im<i> re:volt magazine</i> erschienen. Ich werde die dort ausgef\u00fchrten Dinge hier nicht mehr ausf\u00fchrlich behandeln und auf permanente Verweise auf jenen Artikel verzichten; wo keine Quellen angegeben sind oder nicht weiter ausgef\u00fchrt wird, lassen sich Details in jenem Artikel nachlesen.</p><p>F\u00fcr viele wichtige inhaltliche Diskussionen und Literaturempfehlungen danke ich dem Arbeitskreis<i> Social and Political History of Turkey</i>. Besonderer Dank gilt dabei Axel Gehring und Svenja Huck f\u00fcr wichtige inhaltliche und formale Kommentare. Ganz besonderen Dank zudem an Johanna Br\u00f6se f\u00fcr eine sehr genaue inhaltliche und sprachliche Redaktion des<i> gesamten</i> Artikels. Was w\u00e4re der Artikel nur ohne dich und deine Arbeit? F\u00fcr alle Fehler, Fehleinsch\u00e4tzungen und Verr\u00fccktheiten, die weiterhin im Artikel geblieben sind, bin nat\u00fcrlich nur ich verantwortlich. Gedankt sei auch Jo aus dem <i>re:volt</i>-Kollektiv f\u00fcr die meines Ermessens sehr treffende Collage, die als Titelbild des Artikels fungiert.</p><p><b>[2]</b> Ein in der Zwischenzeit vorlegter Rechenschaftsbericht des Finanzministeriums nennt fast identische Zahlen: 2,4%/BIP direkte Ausgaben, 9,3%/BIP Kredite usw. <a href=\"https://ms.hmb.gov.tr/uploads/sites/12/2021/06/Kamu-Maliyesi-Raporu-1.pdf\">Siehe</a> T.C. Hazine ve Maliye Bakanl\u0131\u011f\u0131,<i> Kamu Maliyesi Raporu 2021-I</i>, Mai 2021, S. 30.</p><p><b>[3]</b> Minibusse sind kleinere Busse, die etwa 10-20 Sitz- und 5-10 Stehpl\u00e4tze haben und eines der meistgenutzten Fortbewegungsmittel in der T\u00fcrkei darstellen.</p><p><b>[4]</b> Sind die Zinsen niedriger als die Inflationsrate, spricht man von realem Negativzins. Das hei\u00dft die Zinsen sind \u2013 egal ob sie nominell positiv, das hei\u00dft \u00fcber 0% liegen \u2013 real negativ, da sie unterhalb des Niveaus der Preissteigerung verbleiben. Jeder, der zu realem Negativzins investiert, betreibt also im Normalfall ein Verlustgesch\u00e4ft. Im betreffenden Fall ist ein realer Negativleitzins der TCMB daher ein sehr starker negativer Investitionsimpuls f\u00fcr ausl\u00e4ndisches Kapital. Anders sieht es beispielsweise bei <a href=\"https://www.deutsche-finanzagentur.de/de/private-anleger/bundeswertpapiere/bundesanleihen/\">bundesdeutschen Staatsanleihen</a> aus, die ebenfalls einen realen Negativzins abwerfen. Da sie jedoch gemeinsam mit der deutschen Wirtschaft und im Unterschied zur T\u00fcrkei als stabil und als sicherer Hafen gelten, investieren Finanzmarktakteur*innen durchaus in sie um diese dann beispielsweise als Sicherheiten f\u00fcr weitere Finanzgesch\u00e4fte zu nutzen.</p><p><b>[5]</b> Bei einem W\u00e4hrungs- oder Devisenswap werden Mengen zweier W\u00e4hrungen wechselseitig getauscht, um in Zukunft wieder r\u00fcckgetauscht zu werden. Die TCMB beispielsweise nutzt solche Swaps, um kurzfristig an dringend notwendige Devisen heranzukommen. Damit verschiebt sich das Problem des Devisenmangels in die Zukunft.</p><p><b>[6]</b> Da die t\u00fcrkische Wirtschaft bei wesentlichen Inputs an Importe gebunden bleibt, wirkt sich nat\u00fcrlich ein Wertverfall der Lira unmittelbar auf die Inflation aus und zieht regelm\u00e4\u00dfig eine Steigerung derselben mit sich. So wurde dann zwar nach den desastr\u00f6sen 1990ern, als die TCMB noch eine Fokussierung auf einen fixen TL-Wert hatte und inmitten der Transformationskrisen zum regulierten Neoliberalismus und spekulativer Attacken im Prinzip handlungsunf\u00e4hig wurde, die Wechselkursfokussierung der TCMB aufgegeben im Sinne einer Preisstabilit\u00e4tsfokussierung. Da letzteres aber ebenfalls eine gewisse Stabilit\u00e4t des Wechselkurses voraussetzte, intervenierte die TCMB wo n\u00f6tig nat\u00fcrlich auch in den Devisenmarkt, so beispielsweise 2004-05. Aber das waren noch gute Zeiten, da war das Akkumulationsregime noch nicht fundamental krisenhaft, sondern wurde nur zyklisch negativ affiziert von volatilen internationalen Finanzstr\u00f6men.</p><p><b>[7]</b> Was Zinshebungen in den USA und daher Kapitalabfl\u00fcsse aus der Peripherie in die USA wahrscheinlich machte <a href=\"https://www.mahfiegilmez.com/2021/03/faiz-nicin-artrld-simdi-ne-olacak.html\">und daher</a> trotz orthodox-neoliberaler Geldpolitik des t\u00fcrkischen Zentralbankchefs zu einem Fall des Wertes der TL f\u00fchrte. Auch die beste Wirtschaftspolitik kann im Regelfall die strukturellen Defizite eines spezifischen Akkumulationsmodells nicht beheben, in diesem Fall die abh\u00e4ngige Finanzialisierung der t\u00fcrkischen Wirtschaft.</p><p><b>[8]</b> \u00dcblicherweise werden die Steigerungen der Verbraucherpreise als offizielle Inflationsrate angegeben. Produzentenpreise hingegen bezeichnen die Preise, die Produzenten f\u00fcr ihre Inputs bezahlen. <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/turkeys-inflation-spirals-out-control\">Wegen der Importabh\u00e4ngigkeit</a> der t\u00fcrkischen Wirtschaft und dem Fall des Wertes der Lira ins Bodenlose sind die Produzentenpreise um mehr als 40% gestiegen, weit mehr als die Verbraucherpreise. Das hei\u00dft letztlich, dass die Kosten der Unternehmen viel st\u00e4rker steigen als die Preise, zu denen sie ihre Waren verkaufen k\u00f6nnen. Auf kurz oder lang werden also Bankrotte folgen oder eine <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/wealthy-turks-drive-consumption-despite-soaring-inflation\">Anpassung</a> der beiden divergierenden Preisentwicklungen stattfinden, das hei\u00dft die sich schon <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-dakika-lpgye-zam-geldi-1848996\">beschleunigende</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/kapanmanin-faturasi-agir-oldu-1846972\">Steigerung der Verbraucherpreise</a>.</p><p><b>[9]</b> Ich nutze damit den Begriff etwas anders als Carl Schmitt, der ihn als ein metaphysisches Letztbegr\u00fcndungsprinzip jeder Rechtsordnung, egal ob liberal oder monarchisch oder sonst wie, verstanden wissen will und ihn zudem normativ positiv aufl\u00e4dt. Daher die Charakterisierung von Schmitt als proto-faschistisch. Ich nutze den Begriff als Analysetool f\u00fcr<i> eine</i> m\u00f6gliche Strukturierung eines gegebenen politischen Systems (im betreffenden Fall der T\u00fcrkei), zudem sicherlich ohne eine normative Aufwertung.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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M\u00e4rz 2021 k\u00fcndigte der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Recep Tayyip Erdo\u011fan den Austritt aus der Istanbul-Konvention an. Das \u00bb\u00dcbereinkommen des Europarats zur Verh\u00fctung und Bek\u00e4mpfung von Gewalt gegen Frauen und h\u00e4uslicher Gewalt\u00ab ist ein v\u00f6lkerrechtlicher Vertrag, der 2014 in Kraft getreten ist und 2011 in Istanbul von 13 Mitgliedstaaten des Europarates unterzeichnet wurde \u2013 unter anderem auch von der T\u00fcrkei, in der Erdo\u011fan zu diesem Zeitpunkt das Amt des Ministerpr\u00e4sidenten innehatte. Bis 2020 wurde das \u00dcbereinkommen von 45 Staaten unterzeichnet und von 34 ratifiziert</i><b><i>. [1]</i></b></p><p><i>Das \u00dcbereinkommen schreibt vor, dass die Gleichstellung der Geschlechter ebenso wie die Abschaffung von Geschlechterdiskriminierung im Rechtssystem verankert werden/sein muss. Zudem sollen Ma\u00dfnahmen zur Unterst\u00fctzung f\u00fcr Frauen* durchgesetzt werden: Rechtsberatung, psychologische Betreuung, finanzielle Betreuung, Zugang zu Frauenh\u00e4usern, Unterst\u00fctzung in Bildung und auf dem Arbeitsmarkt, eine offensive Verfolgung psychischer, physischer und sexueller Gewalt (Zwangsheirat, Genitalverst\u00fcmmelung, Zwangssterilisierung und Zwangsabtreibung inbegriffen).</i></p><p><i>Der Austritt aus der Vereinbarung wurde schon vor L\u00e4ngerem von Erdo\u011fan ins Spiel gebracht, konnte aber von einem breiten Widerstand der Frauen*organisationen verhindert werden. Nun hat Erdo\u011fan den Austritt sozusagen im Alleingang \u2013 per Dekret \u2013 entschieden. Wir sprachen \u00fcber die aktuellen antifeministischen Entwicklungen und ihre politische Tragweite mit Irem aus der T\u00fcrkei.</i></p><p></p><p><b>[Maja Tschumi:] Liebe Irem, du bist seit Jahren bei der Frauenorganisation \u00bbMor Dayan\u0131\u015fma\u00ab (Lila Solidarit\u00e4t) aktiv.</b> <b>Wir haben im re:volt magazine immer wieder \u00fcber eure Arbeit</b> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/campushexe-strikes-back/\"><b>berichtet</b></a><b> und auch erst im Winter 2020 eine</b> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/unterst%C3%BCtzt-die-spendenkampagne-lila-solidarit%C3%A4t/\"><b>Spendenkampagne</b></a><b> in Deutschland initiiert, um euch auch finanziell zu unterst\u00fctzen.</b> <b>Erz\u00e4hle uns doch etwas \u00fcber eure Organisation und eure aktuelle Arbeit.</b></p><p></p><p>[Irem:] Die feministische Bewegung<i> Mor Dayan\u0131\u015fma</i> (Lila Solidarit\u00e4t), die sich seit 2012 in vielen Provinzen der T\u00fcrkei organisiert, ist in den letzten Jahren zusammen mit den Solidarit\u00e4tsnetzwerken von Frauen* allgemein und insbesondere in den Stadtvierteln stark gewachsen. Wir kommen zusammen unter dem Motto: \u00bbWir organisieren uns in H\u00e4usern, K\u00fcchen, Fabriken und nat\u00fcrlich auf den Stra\u00dfen, um unsere Leben und unsere Rechte zu retten\u00ab.</p><p>Die frauenfeindliche, heteronormativ-sexistische und konservative Politik der inzwischen schon 19 Jahre andauernden AKP-Regierung ist ein zentraler Pfeiler bei der Zementierung eines autorit\u00e4ren Regimes unter Erdo\u011fan. Die Angriffe auf Frauen und LGBTI+ haben in den letzten Jahren dramatisch zugenommen, unter anderem auch, weil sie mit einer Straflosigkeit der T\u00e4ter einhergingen.</p><p>Als Antwort auf diese Angriffe durch diese Regierungskoalition, die die Frauen* wieder im Haus und in der Familie einsperren will, begann <i>Mor Dayan\u0131\u015fma</i> die Netzwerke der Frauensolidarit\u00e4t an der Basis zu erweitern. Denn in diesem patriarchalen kapitalistischen Staat, der tief ins Private hineinreicht, ist keine von uns mehr sicher: In den letzten Jahren ist aufgrund des Versagens des m\u00e4nnlich dominierten Staatsapparats und der entsprechenden Ordnungsh\u00fcter bei der Umsetzung der Istanbul-Konvention und des Gesetzes die Zahl der Femizide [Morde an Frauen*, weil sie Frauen* sind, Anm. d. Red.], nicht unter 300 Morden pro Jahr gesunken. Im Gegenteil: durch die Urteile der AKP-abh\u00e4ngigen Justiz, welche die Bed\u00fcrfnisse und Anliegen der M\u00e4nner sch\u00fctzt, werden die T\u00e4ter oft freigelassen und Femizide, Morde an trans Personen und Kindesmissbrauch k\u00f6nnen straflos zunehmen. Auch in den sozialen Medien haben Verbrechen und Drohungen gegen Frauen und LGBTI+ als Folge dieser Politik zugenommen. Kurzum: Die T\u00fcrkei ist f\u00fcr T\u00e4ter zu einem \u00bbMir passiert nichts\u00ab-Land geworden und die willk\u00fcrlichen Entscheidungen von Staatsapparat und Justiz zeigen, wie sie direkt auf unsere Leben abzielen.</p><p></p><p><b>Was hat die Covid-19-Pandemie samt der mit ihr zutage tretenden multiplen Krisen f\u00fcr die Frauen und f\u00fcr die Arbeit von \u00abMor Dayan\u0131\u015fma\u00bb ver\u00e4ndert?</b></p><p>Corona hat nat\u00fcrlich noch vieles versch\u00e4rft. W\u00e4hrend der Pandemie hat sich deutlich gezeigt, dass die neoliberale Politik den Menschen keine gute Zukunft bieten kann. Deshalb haben wir begonnen, unser Netzwerk der Frauensolidarit\u00e4t vor Ort zu erweitern. Und es sind Frauen*, die besonders betroffen sind von der Pandemie \u2013 nicht nur \u00f6konomisch, sondern auch sozial und zuhause. Ihre Arbeitsbelastung steigt und sie sind vermehrt h\u00e4uslicher Gewalt ausgesetzt. In diesem Zusammenhang haben wir das Konzept der \u00bbfeminisierten Armut\u00ab ausgearbeitet. Wir verwenden es im Zusammenhang mit der Geschlechterungleichheit, um zu zeigen, wem die Wirtschaftskrise und die Pandemiekrise mittels neuer und verschiedener Ausbeutungsformen in Rechnung gestellt wird.</p><p>Angesichts der zunehmenden Femizide, der Rechtsverletzungen und der h\u00e4uslichen Gewalt gegen Frauen* w\u00e4hrend der Corona-Pandemie und den erschwerten Kontaktm\u00f6glichkeiten waren wir gezwungen, daran angepasste, effektivere Organisierungsmethoden zu entwickeln: Wir gr\u00fcndeten eine eigene Rechtskommission, eine Kommission f\u00fcr psychosoziale Unterst\u00fctzung und Gesundheitskommissionen in den Bezirken, wo wir als Bewegung t\u00e4tig sind. Gegen diskriminierende und nicht selten auch gef\u00e4hrliche Situationen, denen Frauen beispielsweise in Gerichtsgeb\u00e4uden oder in Polizeistationen ausgesetzt sind, bieten wir juristische Unterst\u00fctzung in Rechtsstreitigkeiten an mit feministischen Anw\u00e4lt*innen und Berater*innen. Wir wollen damit klar signalisieren: Frauen* sind nicht allein gegen die m\u00e4nnliche Gewalt und die Gewalt des Staates, selbst wenn der Staat sich nach den Bed\u00fcrfnissen der M\u00e4nner ausrichtet.</p><p>Wir haben zudem begonnen, in unserer Gesundheitskommission Kampagnen zu organisieren. Es geht in diesen Kampagnen neben dem Kampf um eine bessere Gesundheitsversorgung auch darum, dass wir selber \u00fcber unsere K\u00f6rper entscheiden k\u00f6nnen, auch darum, R\u00e4ume zu schaffen f\u00fcr lokale Frauenversammlungen, in denen Frauen zusammenkommen und ein kollektives Subjekt in der Politik sein k\u00f6nnen.</p><p></p><p><b>Nun hat die t\u00fcrkische Regierung angek\u00fcndigt, aus einer der wenigen internationalen Vereinbarungen auszutreten, die Verbesserungen f\u00fcr die Lage von Frauen und LGBTIQ+ auf das politische Parkett bringen: Die Istanbul-Konvention. Einen Tag nach Erdo\u011fans Austrittsdekret, am 20. M\u00e4rz 2021, kam es zu zahlreichen Demonstrationen und Kundgebungen \u00fcberall in der T\u00fcrkei. Wie hast du diese Entwicklung und den Protest wahrgenommen?</b></p><p>Am Samstag, den 20. M\u00e4rz, in den fr\u00fchen Morgenstunden wurde diese Entscheidung ohne jegliche parlamentarische Debatte im Amtsblatt ver\u00f6ffentlicht \u2013 oder sagen wir besser: heimlich durchgedr\u00fcckt. Angriffe auf die Konvention und Debatten um einen m\u00f6glichen Austritt aus der Konvention gibt es allerdings seitens der AKP schon seit l\u00e4ngerem, vor allem mit der Begr\u00fcndung, die Istanbul-Konvention schade \u00bbden Familienwerten\u00ab. Doch die Regierungsmitglieder, die sich im August 2020 in den zentralen Verwaltungsr\u00e4ten der AKP zu diesem Thema versammelten, trafen auf eine sehr starke Frauenbewegung (im \u00dcbrigen auch von Seiten regierungstreuer Frauenorganisationen), die mit den Pl\u00e4nen nicht einverstanden war. Um zu verstehen, wie nun ein Austrittsvorhaben ideologisch doch m\u00f6glich gemacht wurde, muss man verstehen, dass sich Erdo\u011fans Politik ebenso wie gegen die Frauen auch gegen LGBTI+ richtete und diese nun auch im Zuge der Abschaffungspl\u00e4ne der Konvention fokussiert wurden.</p><p>Homophobe Ansagen <a href=\"https://kaosgl.org/haber/erdogan-lezbiyen-mezbiyenlerin-soylediklerine-takilmayalim\">wie</a> \u00bbK\u00fcmmert euch nicht um Lesben! Die M\u00fctter sind die S\u00e4ulen der Familie\u00ab, die von Erdo\u011fan selbst in AKP-Provinzkongressen verbreitet werden, oder auch das <a href=\"https://www.sivilsayfalar.org/2020/12/16/gokkusagi-yasagi-bir-ifade-ozgurlugu-ihlali/\">Verbot und die Zensur</a> von Regenbogenfarben (das Symbol der homosexuellen und der LGBTQ+-Bewegung) oder Gegenst\u00e4nden mit Regenbogensymbolen sind eine gezielte Ausgrenzung und Marginalisierung dieser Bev\u00f6lkerungsgruppen \u2013 und auch gleichzeitig eine Stabilisierung traditioneller, konservativer Frauenbilder.</p><p>Bereits im Vorfeld erfuhren wir von einigen Politiker*innen und Parlamentarier*innen, dass die Nachricht vom Austritt aus der Istanbul-Konvention in der Nacht vom 20. M\u00e4rz kommen k\u00f6nnte. Wir hofften auf Fehlalarm, weil dieser Plan rechtswidrig war. Als die Entscheidung Erdo\u011fans dann ver\u00f6ffentlicht wurde, organisierten wir gemeinsam mit anderen Frauen*organisationen unter dem Namen \u00bb\u0130stanbul s\u00f6zle\u015fmesinden vazge\u00e7miyoruz\u00ab \u2013 also: Wir geben die Instanbul-Konvention nicht auf \u2013 einen <a href=\"https://twitter.com/DayanismaMor/status/1375782486064660480\">Protest</a> auf dem Kad\u0131k\u00f6y-Pier [eine zentrale Anlegestelle der F\u00e4hren auf der asiatischen Seite in Istanbul, Anm. d. Red] und verwandelten auch zahlreiche weitere Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze und Parks in Orte der Aktion. Frauen*, die bei den Frauen*kampftags-Demonstrationen um den 8. M\u00e4rz in Gewahrsam genommen wurden, weil sie \u00bbTayyip, lauf! Die Frauen kommen!\u00ab oder \u00bbTanzt im Rhythmus dieser Parole\u00ab skandiert hatten, begannen diesmal, diese Parole noch lauter zu skandieren und riefen sogar \u00bbTayyip, tritt zur\u00fcck!\u00ab. Eine grosse Wut lag in der Luft und \u00fcberall in der T\u00fcrkei war die starke und k\u00e4mpferische Haltung zu sp\u00fcren: \u00bbWir erkennen diese Entscheidung nicht an\u00ab. In jeder Provinz begannen Frauen* aus den Bezirken Proteste zu organisieren. Bis jetzt haben die Proteste nicht aufgeh\u00f6rt. Sie laufen unter dem Hashtag #\u0130stanbulS\u00f6zle\u015fmesiBizim \u2013 die Istanbul-Konvention geh\u00f6rt uns.</p><p></p><p><b>Im Grunde ist der Austritt aus dem Istanbul-Abkommen im Alleingang rechtswidrig. Aufgrund der Machtverteilung im Parlament w\u00e4re es vermutlich ebenfalls gelungen, den Austritt absegnen zu lassen. Warum hat Erdo\u011fan das nicht getan, welche Einsch\u00e4tzung habt ihr da? Hat es etwas mit innen- oder au\u00dfenpolitischer Machtdemonstration zu tun?</b></p><p>Erdo\u011fan kann den t\u00fcrkischen Staat \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 nicht alleine regieren. Daher versucht er, den verschiedenen innerstaatlichen Fraktionen und den W\u00e4hler*innenmassen zu gefallen, die bei den kommenden Wahlen [sie stehen offiziell im Jahr 2023 an, Anm. d. Red.] f\u00fcr seine Partei beziehungsweise Koalition stimmen k\u00f6nnten. Auch wenn die verschiedenen Attacken der Regierung dazu dienten, ihre Macht zu erhalten, hat es bisher nicht gereicht, einen faschistischen Staat zu implementieren. Das hat einige Gr\u00fcnde, zentral ist aber auch, weil es einen starken Widerstand dagegen gibt: Von den Arbeiter*innen, die unter dem Vorwand von Covid-19 entlassen wurden, weil sie Gewerkschaftsmitglieder waren (das Arbeitsgesetz wurde w\u00e4hrend der Pandemie von den Arbeitgeber*innen zur leichteren Entlassung von Arbeiter*innen missbraucht); den jungen Menschen, die arbeitslos sind und um ihre Zukunft und eine Perspektive k\u00e4mpfen; von Student*innen, die demokratische Universit\u00e4ten fordern; den Alevit*innen, LGBTI+-Gruppen und Immigrant*innen, die in der Pandemie noch mehr an den Rand der Gesellschaft gedr\u00e4ngt und existenziell bedroht wurden; den Kurd*innen, die durch permanente milit\u00e4rische und politische Angriffe zunehmend von der geografischen Landkarte der T\u00fcrkei ausradiert werden; und von Frauen*, die f\u00fcr Gleichheit und Freiheit k\u00e4mpfen: Sie alle und ihre K\u00e4mpfe sind ein grosser Schutz vor dem Faschismus.</p><p>Die Selbstorganisation ist dabei sehr wichtig. Denn die soziale Opposition erwartet keine bessere Zukunft von der angeblichen \u00bbHaupt-Oppositionspartei\u00ab [gemeint ist die Gr\u00fcndungspartei der T\u00fcrkei, die Republikanische Volkspartei CHP, Anm. d. Red] und den neu gegr\u00fcndeten rechten Parteien. Denn diese Parteien, die stark mit dem Kapital und dem Staat verbunden sind, haben Angst vor dem Volk und der sozialen Dynamik, die ich oben erw\u00e4hnt habe. Doch die soziale Opposition, die Basisbewegungen und die populare Dynamik fordern eine Politik, die weit \u00fcber diese Parteien hinausgeht. Die aktuelle Regierung, die eine Wahlniederlage kaum akzeptieren w\u00fcrde, nutzt wiederum diese Spaltung zwischen Opposition und Basisbewegungen aus. Sie vergisst dabei, dass sie sich vor allem vor einer M\u00f6glichkeit f\u00fcrchten sollte: Dass sich all diese Bewegungen von unten zusammenschliessen.</p><p></p><p><b>Die Entwicklungen, das hast du gesagt, haben Kontinuit\u00e4t: Wir konnten in den letzten Jahren unter Erdo\u011fan und der AKP-F\u00fchrung auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen die Zunahme von autorit\u00e4ren und faschistischen Tendenzen beobachten. Frauen* bekommen in solchen Entwicklungen meist zuerst die Konsequenzen zu sp\u00fcren. Du hast Festnahmen bei den traditionellen Frauen*demonstrationen am 8. M\u00e4rz gesprochen. Welche Entwicklungen gingen diesen voraus, was waren K\u00e4mpfe, die Frauen* davor unmittelbar auszufechten hatten?</b></p><p>In der Kontinuit\u00e4t der AKP-Regierung spielt die autorit\u00e4re und faschistische Politik, die in den letzten Jahren aufgekommen ist, eine wichtige Rolle. Viele Cliquen und Interessensgruppen, die einen m\u00f6glichst gro\u00dfen Anteil von der staatlichen Verwaltung und nat\u00fcrlich vom Kapital abzubekommen versuchen, befinden sich jetzt im Kampf um ein Mitspracherecht in der staatlichen Verwaltung. Deshalb brachte die Zeit nach der R\u00fcckverwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee neue Angriffe mit sich im Sinne einer Institutionalisierung des Faschismus und von Versuchen, die Basis und die demokratischen Kr\u00e4fte mit diesen Angriffen zum Schweigen zu bringen.</p><p>In der aktuellen Staatskrise und der wirtschaftlichen Krise, die sich mit der Corona-Pandemie noch versch\u00e4rft hat, verst\u00e4rkte die Regierung die Angriffe auf die Frauen*bewegung, LGBTI+-Personen, Student*innen und die kurdische Bewegung, um ihre eigene Position zu st\u00e4rken. Ebenso wie die regierungstreuen Beamt*innen, die in den kurdischen Provinzen anstelle der gew\u00e4hlten Repr\u00e4sentant*innen als Zwangsverwalter eingesetzt wurden, war auch die erste Handlung jenes obrigkeitsh\u00f6rigen Rektors, der f\u00fcr die Bo\u011fazi\u00e7i-Universit\u00e4t ernannt wurde, die Schlie\u00dfung des LGBTI+-Clubs und des Frauen*arbeitskreises.</p><p>Besonders nach den Protesten an der Bo\u011fazi\u00e7i-Universit\u00e4t sahen sich LGBTI+-Personen mehr Druck und verbalen Attacken durch Vertreter*innen der Regierung ausgesetzt, unter ihnen der Leiter des Amtes f\u00fcr religi\u00f6se Angelegenheiten und der Imam der Hagia Sophia.</p><p>Am 8. M\u00e4rz griff die Polizei den Trans+Konvoi an und blockierte den Zugang zum Protestgel\u00e4nde f\u00fcr alles und jede*n, was/die mit einem Regenbogensymbol ausgestattet war. Nicht einmal Regenbogen-Regenschirme waren erlaubt. Doch die Frauen* und LGBTI+-Personen lie\u00dfen sich das nicht gefallen und machten klar, dass sie alle St\u00e4dte in Protestgebiete verwandeln w\u00fcrden, wenn die Polizei die Barrikade nicht \u00f6ffnen w\u00fcrde und die Regenbogenfarben verboten bliebe. Und wir verwandelten tats\u00e4chlich alles zu einem Protestgebiet.</p><p></p><p><b>Im Kampf gegen Faschismus, Kapitalismus und das Patriarchat ist der Kampf von Frauen* seit jeher ma\u00dfgebend. Die Frauen*- und die LGBTQI-Bewegung in der T\u00fcrkei ist sehr stark und hat in den letzten Jahren auch Pr\u00e4senz und St\u00e4rke bewiesen. Gibt es eine M\u00f6glichkeit, Erdo\u011fan \u00fcber politischen Druck von der Strasse noch umzustimmen? Welche K\u00e4mpfe stehen f\u00fcr euch jetzt an?</b></p><p>Die Aufhebung der Istanbul-Konvention sollte nicht nur als ein Angriff auf Frauen* und LGBTI+ gesehen werden. Sie ist ein Angriff auf alle, die nicht der Machterhaltung dienen. Insofern nehmen auch die Proteste von Frauen* eine andere Dimension an, je nachdem mit welchen anderen oppositionellen Kr\u00e4ften sie sich auf der Stra\u00dfe und in politischen B\u00fcndnissen zusammentun. Es geht also nicht nur darum, einen Meinungsumschwung bei Erdo\u011fans zu erzwingen. Es geht weit dar\u00fcber hinaus: Wir m\u00fcssen die Angriffe gegen alle oppositionellen und \u00bbNicht-AKP\u00ab-Segmente der Gesellschaft abwehren und bek\u00e4mpfen. Im Moment zielen die Angriffe der Regierung darauf ab, jede Form von Protest einzud\u00e4mmen. Sie greift \u00fcberall dort an, wo sie nur angreifen kann. Daf\u00fcr macht sich die Regierung \u2013 wie an vielen anderen Orten auch \u2013 die Einschr\u00e4nkungen aufgrund der Pandemie zunutze. So sieht sich Erdo\u011fan nicht im Zugzwang, Erkl\u00e4rungen abzugeben f\u00fcr sein Handeln oder auch f\u00fcr Verordnungen, die der wissenschaftlichen Einsch\u00e4tzung widersprechen. Er kann nicht erkl\u00e4ren, warum es zig AKP-Kongresse mit Abertausenden von Teilnehmenden auf engstem Raum gab. Er erkl\u00e4rt nur, warum und wie er 32 Millionen T\u00fcrkische Lira Strafen wegen Verletzung von Corona-Ma\u00dfnahmen kassiert hat.</p><p>Wie werden wir nun die Wut, die sich in der Arbeiter*innenklasse insgesamt angestaut hat, mit der spezifischen Wut der Frauen* im Kampf um die Ver\u00e4nderung des Systems zusammenbringen und organisieren?</p><p>Es ist wichtig, dass die Gewerkschaften, welche nun die Rechte von Tausenden von Arbeiter*innen verteidigen m\u00fcssen \u2013 Arbeiter*innen, die entlassen wurden, weil sie ihre Gewerkschaftsrechte eingefordert haben \u2013 den sozialistischen und den feministischen Kampf nicht getrennt voneinander sehen. In der T\u00fcrkei ist das noch immer ein Problem. Die Frauen*k\u00e4mpfe haben auch im Klassenkampf viel erreicht und das muss noch mehr anerkannt werden. Die Solidarit\u00e4t der Gewerkschaften mit den feministischen K\u00e4mpfen muss zunehmen. Sie k\u00f6nnen Arbeiter*innen, die gegen den Kapitalismus <i>und</i> das Patriarchat k\u00e4mpfen, nicht sagen: \u00bbDas Patriarchat ist allein euer Problem\u00ab. Das Patriarchat, in dem wir leben, ist zutiefst verbunden mit der kapitalistischen Ausbeutung. Man kann beides nur gemeinsam bek\u00e4mpfen. Der Schritt, den die Gewerkschaften machen, wenn sie die Streiks der Arbeiterinnen* f\u00fcr die \u0130stanbul-Konvention unterst\u00fctzen, ist ein Schritt, unsere Leben ganz existenziell zu st\u00fctzen. Und es ist ein Schritt, der dar\u00fcber hinaus auch den faschistischen Tendenzen der AKP-Regierung Erdo\u011fans Einhalt gebieten wird. Aus diesem Grund sollten linke Gewerkschaften, Anwaltskammern und Berufsverb\u00e4nde die Zeichen der Zeit lesen und die Bed\u00fcrfnisse der Frauen* und ihre K\u00e4mpfe unterst\u00fctzen.</p><p></p><p><b>Welche internationalistische Bewegung beziehungsweise internationale Solidarit\u00e4t w\u00fcnscht ihr euch?</b></p><p>Wir wissen, dass die Sicherheit, Freiheit und Rettung der Frauen* nicht m\u00f6glich ist, wenn man sich nur auf ein Land oder eine Stadt konzentriert. Es braucht eine internationalistische Frauen*solidarit\u00e4t. Die Istanbul-Konvention ist ein Vertrag, der durch einen harten Kampf von Frauen* erk\u00e4mpft worden ist. Die Gesetzesartikel, die im Nachgang der Unterzeichnung in das innerstaatliche Recht vieler Unterzeichner-L\u00e4nder eingegangen sind, haben aufgrund der Istanbul-Konvention an Wert gewonnen. Die Sicherung der Frauen*rechte ist zu wichtig, als dass wir sie einfach dem patriarchalen kapitalistischen System, seiner Milit\u00e4r- und Polizeiapparate oder ihren Staatschefs \u00fcberlassen k\u00f6nnen: Es geht um nichts weniger als unser Leben.</p><p>Wir stehen an einem wichtigen Punkt der Geschichte \u2013 in der T\u00fcrkei und an vielen anderen Orten, wo konservative und faschistische Tendenzen wieder erstarken. Ich kann mich nicht erinnern, dass der Slogan, den wir normalerweise bei Arbeiter*innendemonstrationen oder -streiks skandieren, so laut und hoffnungsvoll auch in den Frauen*protesten gerufen wurde, wie jetzt: \u00bbEs gibt keine Rettung f\u00fcr mich allein. Entweder alle zusammen oder keiner von uns.\u00ab Das kann eine Botschaft an unseren Schwestern* im Ausland sein.</p><p></p><p></p><hr/><h2>Anmerkungen</h2><p><b>Mor Dayanisma:</b> <i>Mor Dayan\u0131\u015fma wurde 2014 im Geist der Gezi-Proteste in der T\u00fcrkei gegr\u00fcndet. Seither gibt es Stadtteil- und Regionalstrukturen der Organisation von Edirne bis \u015e\u0131rnak, von Istanbul bis Hatay. Im Laufe der Zeit entstanden in vielen St\u00e4dten Zentren und Orte der Zusammenkunft, in denen sich Frauen* weiterbilden, politisch aktiv werden und sich gemeinsam gegen das patriarchale kapitalistische System zur Wehr setzen, welches eine ganz</i> <a href=\"https://elyazmalari.com/2020/12/02/siddet-fasizm-ve-devlt-ucgeninde-kadinlar-cemile-baklaci/\"><i>besondere Herrschaft \u00fcber</i></a><i> die Arbeit, Identit\u00e4t und K\u00f6rper von Frauen* aus\u00fcbt. Die Frauen* treffen sich f\u00fcr kostenlose Fortbildungen, etwa, was Arbeitsschutz und gesundheitliche Vorsorge angeht; sie k\u00f6nnen \u00fcber die Basis-Organisation anwaltliche, gewerkschaftliche oder psychologische Unterst\u00fctzung finden, oder gemeinsam Schmuck und Handwerkskunst herstellen, welches ihnen ein eigenes oder zus\u00e4tzliches Auskommen erm\u00f6glicht. In Zeiten der Pandemie wurde die Unterst\u00fctzung teilweise umorganisiert, um die Frauen in der Pandemie zu erreichen.</i></p><p></p><p><b>[1]</b> Zur Istanbul-Konvention in deutschsprachigen Raum: W\u00e4hrend \u00d6sterreich die Konvention bereits 2013, vor Inkrafttreten, ratifizierte, geschah dies in der Schweiz erst 2017 und in Deutschland 2018.Das Bu\u0308ndnis Istanbul-Konvention (BIK) , ein Zusammenschluss vieler unterschiedlicher Arbeitsgemeinschaften und Anlaufstellen zu Gewalt gegen Frauen* und M\u00e4dchen*, hat im Februar 2021 den \u00bb<a href=\"https://www.djb.de/fileadmin/user_upload/Alternativbericht-BIK-2021.pdf\">Alternativbericht</a> zur Umsetzung des U\u0308bereinkommens des Europarats zur Verhu\u0308tung und Beka\u0308mpfung von Gewalt gegen Frauen und ha\u0308uslicher Gewalt\u00ab herausgebracht. Im \u00fcber 200-seitigen Papier machen sie auf bisherige Vers\u00e4umnisse in der Umsetzung aufmerksam: Die Expert:innen sehen viele rechtlich bindenden Verpflichtungen der Istanbul-Konvention noch immer nicht erf\u00fcllt und stellen ihre Kernforderungen an die Bundes- und Landespolitik in der BRD vor. \u00bbDie Unterzeichnerstaaten verpflichten sich nicht nur zur Gleichbehandlung aller Frauen und M\u00e4dchen, sondern auch, geeignete Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen zu ergreifen, um bestehende geschlechterbezogene Rollenstereotypen und ungleiche Machtverh\u00e4ltnisse abzubauen. Leider existiert nicht einmal ein Aktionsplan hierf\u00fcr\u00ab, wird Dr. Delal Atmaca, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin von DaMigra, dem Dachverband der Migrantinnenorganisationen und Teil des B\u00fcndnisses, in einem <a href=\"https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/pm/pressemitteilung-des-buendnisses-istanbul-konvention-bericht-zu-gewalt-gegen-frauen-nimmt-bundesregierung-in-die-pflicht.html\">Bericht des Bundesverbands</a> der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) zitiert. Vor allem f\u00fcr marginalisierte Gruppen, LBTI*, Personen mit Flucht- oder Migrationserfahrung, mit Behinderungen oder in Wohnungslosigkeit, ist der Konvention zufolge der Zugang zu Pr\u00e4vention, Schutz, Beratung und Recht nach wie vor mangelhaft.</p><p>Das BIK hat zudem eine <a href=\"https://www.buendnis-istanbul-konvention.de/2021/03/24/pressemitteilung\">Stellungnahme</a> zum Austritt der T\u00fcrkei aus der Istanbul-Konvention ver\u00f6ffentlicht. Darin verurteilen sie diesen Schritt und rufen zu Konsequenzen in den deutsch/europ\u00e4isch-t\u00fcrkischen Beziehungen auf. Weiter schreiben sie \u00bbAuch innerhalb der EU gibt es Staaten, die eine Ratifizierung der Konvention auf Eis gelegt haben oder erw\u00e4gen, aus der Konvention auszutreten. Dies ist das Ergebnis einer schon seit Jahren schwelenden Entwicklung, die darauf abzielt die Rechte von Frauen und M\u00e4dchen auf ein gewaltfreies Leben massiv einzuschr\u00e4nken.\u00ab</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Januar protestieren die Studierenden und gro\u00dfe Teile der Lehrenden der Universit\u00e4t gegen Bulu. Die Bo\u011fazi\u00e7i Universit\u00e4t gilt als beste staatliche Universit\u00e4t des Landes und besitzt eine lange Tradition der Selbstverwaltung und eines liberal-humanistischen Geistes. Seit langem ist die Universit\u00e4t ein Dorn im Auge der AKP, weil sie die Universit\u00e4t nicht kontrollieren kann. Seit langem versucht die AKP, die Autonomie der Universit\u00e4t zu zerschlagen.</i></p><p><i>Gegen Bulu wird demonstriert, weil er nicht von den Mitgliedern der Universit\u00e4t gew\u00e4hlt wurde und daher zurecht als Zwangsverwalter von Erdo\u011fans Gnaden gesehen wird, der die Universit\u00e4t brechen und auf Linie bringen soll. Die Demonstrierenden protestieren aber ebenfalls gegen die unz\u00e4hligen anderen vom Regime eingesetzten Stadtverwalter \u2013 zumeist anstelle gew\u00e4hlter HDP B\u00fcrgermeister*innen \u2013 oder Rektoren an anderen Universit\u00e4ten.</i></p><p><i>Die Proteste eskalierten Ende Januar erneut, nachdem eine Ausstellung von Studierenden attackiert wurde und wegen den angeblich religionsfeindlichen Inhalten eines Bild dieser Ausstellung eine staatliche Kampagne gegen LGBTI+ Individuen gestartet wurde. Der Innenminister S\u00fcleyman Soylu sprach in einem Tweet von \u201eLGBT Perverslingen\u201c und zwei Studierende wurden verhaftet. Im Laufe der letzten Woche weiteten sich daraufhin die Proteste aus auf Izmir, Ankara, Istanbul und andere kleinere St\u00e4dten, die meist mit Polizeigewalt und hunderten von Festnahmen beantwortet wurden. Das Regime ist offensichtlich in Panik \u00fcber eine Protestwelle, die so etwas \u00e4hnliches ausl\u00f6sen k\u00f6nnte wie die Gezi-Bewegung 2013.</i></p><p><i>Gestern wurde der Ton noch einmal rauher, als Erdo\u011fan selbst in den Ring stieg. Er sagte, mit Bezug auf die Forderung nach dem R\u00fccktritt von Melih Bulu, dass die Protestierenden doch den R\u00fccktritt des Pr\u00e4sidenten, also von ihm, fordern sollten, wenn sie genug Mut h\u00e4tten. In der selben Rede referierte er auf den liberalen M\u00e4zen Osman Kavala, der seit Jahren inhaftiert und als \u201eOrganisator der Gezi-Proteste\u201c angeklagt ist, und dessen Frau Prof. Ay\u015fe Bu\u011fra, eine international anerkannte Wissenschaftlerin, die seit vielen Jahren an der Bo\u011fazi\u00e7i Universit\u00e4t unterrichtet. Erdo\u011fan nannte sie \u201edie Frau von Kavala\u201c. In der Nacht kam dann die n\u00e4chste Attacke: Per Pr\u00e4sidialdekret wurden neue Fakult\u00e4ten an der Bo\u011fazi\u00e7i Universit\u00e4t gegr\u00fcndet, unter anderem der Jurisprudenz und Kommunikation. Es ist offensichtlich, dass das Ziel ist, regimetreue Kader an die Uni zu bringen, um Unterst\u00fctzung f\u00fcr Melih Bulu zu organisieren. Kurz darauf ver\u00f6ffentlichte die Bo\u011fazi\u00e7i-Solidarit\u00e4t einen offenen Brief an den Pr\u00e4sidenten, den wir hier vollst\u00e4ndig in \u00dcbersetzung und mit zus\u00e4tzlichen redaktionellen Anmerkungen dokumentieren.</i></p><h2>Offener Brief an den 12. Pr\u00e4sidenten der T\u00fcrkei</h2><p>Wir hatten schon zuvor Melih Bulu mit dem Gedicht \u201eGedichtversuche \u00fcber einen Provokateur\u201c geantwortet. Es ist erfreulich, dass Sie verstanden haben, dass der eigentliche Verantwortliche Sie selbst sind und dass Sie uns geantwortet haben. Bisher haben Sie \u00fcber die Stiftung T\u00dcRGEV [T\u00fcrkische Stiftung f\u00fcr Jugend und Bildung; der Sohn Erdo\u011fans sitzt im Leitungsgremium, Anm. d. Red.] unter der Hand mit uns Kontakt aufgenommen. Jetzt versuchen Sie also \u00fcber die Medien mit uns zu diskutieren. Wir m\u00f6gen keine Mittelspersonen und bevorzugen es, direkt und offen f\u00fcr alle in Kontakt zu treten. Wir hoffen, dass auch Sie auf diese Art weitermachen werden.</p><p>Zuerst m\u00f6chten wir Sie noch einmal an die Gr\u00fcnde unserer Proteste und an unsere Forderungen erinnern:</p><p>Sie haben die Studierenden und Lehrenden unserer Universit\u00e4t ignoriert und einen Zwangsverwalter eingesetzt. Ist das, was sie gemacht haben, legal? Ja, wie Sie ja auch bei jeder Gelegenheit betonen, ist es legal, aber legitim ist es nicht. Diese Einsetzung bringt jeden in dieser Gesellschaft, der oder die auch nur ein Kr\u00fcmelchen Gerechtigkeitsbewusstsein besitzt, dazu, sich dagegen zu erheben!</p><p>Obendrein er\u00f6ffnen Sie dann auch noch in einer Schnellschusserkl\u00e4rung Freitag nachts Fakult\u00e4ten und setzen Dekane ein, um die Lehrenden, Studierenden, Arbeiter*innen und die ganze Institution zu unterdr\u00fccken. Es ist ein Ausdruck der politischen Krise, in der Sie sich befinden, dass Sie versuchen, unsere Universit\u00e4ten mit ihren eigenen politischen Militanten zu besetzen. Die Opfer dieser Krise werden jeden Tag mehr!</p><p>Wir nutzen unsere von der Verfassung garantierten Rechte, um alle Teile der Gesellschaft auf die Ungerechtigkeit, die uns angetan wird, aufmerksam zu machen. Unsere Forderungen sind:</p><p>- Alle unsere Freund*innen, die w\u00e4hrend der Proteste festgenommen wurden, sollen sofort freigelassen werden!</p><p>- Die diskreditierenden Kampagnen gegen unsere LGBTI+ Freund*innen und alle anderen als Zielscheibe ausgegebenen Gruppen m\u00fcssen enden!</p><p>- Alle Zwangsverwalter sollen zur\u00fccktreten, allen voran Melih Bulu, der der Grund f\u00fcr diese Festnahmen, Verhaftungen und S\u00fcndenbockpolitik ist!</p><p>- An den Universit\u00e4ten sollen demokratische Rektoratswahlen stattfinden, an denen alle Teile der Universit\u00e4ten teilnehmen!</p><p>Sie haben einen Satz gesagt, der mit den Worten \u201ewenn sie mutig genug sind\u201c anf\u00e4ngt. Ist es ein von der Verfassung garantiertes Recht, den Pr\u00e4sidenten zum R\u00fccktritt aufzufordern? JA! Seit wann ist es dann eine Frage des Mutes, ein von der Verfassung garantiertes Recht in Anspruch zu nehmen? Verwechseln Sie uns nicht mit jenen, die sich Ihnen bedingungslos unterwerfen. Sie sind kein Sultan und wir nicht Ihre Untertanen.</p><p>Aber da Sie schon von Mut gesprochen haben, wollen wir auch darauf eine Antwort geben:</p><p>Wir haben \u00fcberhaupt keine Immunit\u00e4t! Sie aber agieren seit 19 Jahren unter einem Panzer an Immunit\u00e4t.</p><p>Der Innenminister l\u00fcgt und missbraucht daf\u00fcr religi\u00f6se Empfindlichkeiten. Aber wir halten dagegen, dass wir keine Selbstzensur anwenden werden.</p><p>Ihr nennt unsere LGBTI+ Freund*innen Perverslinge, aber wir sagen, dass die Rechte von LGBTI+ Individuen Menschenrechte sind.</p><p>Ihre Parteifreunde treten in Soma Bergarbeiter <b>[1]</b>, wir hingegen stehen Seite an Seite mit den Arbeiter*innen und werden das auch weiterhin tun.</p><p>Sie halten die ehemaligen Vorsitzenden der HDP ohne rechtliche Grundlage im Gef\u00e4ngnis. Ebenso Journalist*innen und Gewerkschafter*innen. Wir hingegen sind eins mit denjenigen, die ohne Furcht die Wahrheit laut hinausrufen, und sind gegen alle Zwangsverwalter.</p><p>Sie lassen die Mutter von Berkin Elvan auf Kundgebungen ausbuhen. Wir sagen, wir stehen an der Seite Berkin Elvans. <b>[2]</b></p><p>Sie p\u00f6beln Ay\u015fe Bu\u011fra an und machen sie zur Zielscheibe, indem Sie sagen: \u201edie Ehefrau von Osman Kavala ist auch unter diesen Provokateuren\u201d, und erw\u00e4hnen dabei nicht einmal ihren Namen. Mit dieser rohen Ausdrucksweise, die suggeriert, die einzig nennenswerte Eigenschaft einer Frau sei es, die Ehegattin von einem Mann zu sein, bringen sie eine sexistische, einf\u00e4ltige \u00dcberzeugung zum Ausdruck. Wir hingegen sagen: \u201eAy\u015fe Bu\u011fra ist unsere gesch\u00e4tzte Dozentin und eine Wissenschaftlerin.\u201c Wir sagen: \u201eEinen Angriff auf sie verstehen wir als einen Angriff auf uns.\u201c</p><p>(Wir wissen, dass Sie wegen dieses Briefes dutzende Verfahren er\u00f6ffnen werden wegen Verherrlichung von Verbrechern oder Beleidigung des Pr\u00e4sidenten, aber wir wissen auch, dass wir niemals aufgeben werden, das Richtige zu sagen!)</p><p>Sich mit neugegr\u00fcndeten Fakult\u00e4ten und einem aufgebl\u00e4hten Lehrk\u00f6rper auf den Beinen zu halten, da Ihre Kraft nicht ausreicht, um den von Ihnen selbst eingesetzten Rektor an der Uni zu halten, ist kein sonderlich wagemutiger Schritt. Aus diesem Grund nehmen wir das, was Sie \u00fcber Mut sagen, nicht ernst.</p><p>Uns ist bewusst, dass weder die Bo\u011fazi\u00e7i Universit\u00e4t die wichtigste Einrichtung der T\u00fcrkei ist, noch die Einsetzung von Melih Bulu als dessen Zwangsverwalter das gr\u00f6\u00dfte Problem des Landes. Geht es um die Forderung nach Ihrem R\u00fccktritt, so rufen wir Sie nicht aus diesem Grund zum R\u00fccktritt auf. Warum?</p><p>Wenn Sie zur\u00fccktreten w\u00fcrden, w\u00e4ren sie schon l\u00e4ngst zur\u00fcckgetreten,</p><p>als Hrant Dink ermordet wurde! <b>[3]</b></p><p>als in Soma 301 Minenarbeiter ermordet wurden!</p><p>als in Roboski 34 Kurd*innen ermordet wurden! <b>[4]</b></p><p>nach dem Zugunfall in \u00c7orlu! <b>[5]</b></p><p>als Sie gesehen haben, dass Sie Tausende von Staatsb\u00fcrger*innen arbeitslos und damit mittellos gemacht haben, allen voran die durch Pr\u00e4sidialdekrete Entlassenen!<b> [6]</b></p><p>als die Wirtschaft so tief in der Krise steckte, dass das Volk in die Verarmung getrieben wurde. Sie h\u00e4tten dann Verantwortung \u00fcbernommen, statt ihren Schwiegersohn zu opfern. <b>[7]</b></p><p>Es gibt noch weitere Beispiele, aber Sie sind nie zur\u00fcckgetreten. Statt, um es mal mit Ihren Worten zu sagen, Mut zu bekennen, haben Sie es bevorzugt, sich so darzustellen, als seien Sie naiverweise betrogen worden.<b> [8]</b></p><p>Warum sollten wir Sie jetzt zum R\u00fccktritt aufrufen?</p><p>Solange Melih Bulu auf seinem Rektorsstuhl sitzt, werden wir unsere Proteste verst\u00e4rken und fortsetzen.</p><p>Ob Sie in dieser Frage die notwendigen Schritte setzen werden, das m\u00fcssen Sie selbst wissen.</p><p>Wir sind an der Seite derer, die ihrer demokratischen Rechte und Freiheiten beraubt wurden! In der Hoffnung, dass Sie verstehen, dass Sie die Unterdr\u00fcckten dieses Landes nicht zum Schweigen bringen k\u00f6nnen dadurch, dass sie von den Pl\u00e4tzen und Rednerpulten schreien und drohen.</p><p></p><hr/><p><i>Der Brief wurde aus dem T\u00fcrkischen ins Deutsche \u00fcbersetzt von Max Zirngast und einer Genossin.</i></p><hr/><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Beim durch einen Kohlenbrand ausgel\u00f6sten Grubenungl\u00fcck in Soma vom 13. Mai 2014 starben 301 Minenarbeiter*innen. Es war das opferreichste Grubenungl\u00fcck der t\u00fcrkischen Geschichte. Obwohl Untersuchungen herausfanden, dass zentrale Sicherheitsvorkehrungen willentlich und bewusst nicht eingehalten wurden, so dass es einerseits \u00fcberhaupt zum Unfall kommen konnte und andererseits der Unfall so viele Opfer forderte, folgten zu erst keine Konsequenzen. Erst vier Jahre sp\u00e4ter wurden drei Verantwortliche des Unternehmens unter anderem wegen fahrl\u00e4ssiger T\u00f6tung verhaftet. Staatspr\u00e4sident Erdo\u011fan relativierte anfangs den Vorfall mit dem Verweis darauf, dass solche Unf\u00e4lle \u00fcberall auf der Welt passieren. Ein Bild, auf dem zu sehen ist, wie ein Bodyguard von Erdo\u011fan mithilfe der Polizei auf einen protestierenden Minenarbeiter schlug, wurde zum Symbolbild des Umgangs der Regierung mit dem Ereignis.</p><p><b>[2]</b> Berkin Elvan war 14 Jahre alt, als er w\u00e4hrend der Gezi-Proteste am 16. Juni 2013 Brot einkaufen ging und dabei auf eine Polizeipatrouille stie\u00df. Diese schossen ihm eine Tr\u00e4nengaskartusche in den Hinterkopf. Nach 14-t\u00e4gigem Koma verstarb Elvan im Krankenhaus. Die M\u00f6rder wurden nicht belangt, Erdo\u011fan nannte Elvan einen \u201eTerroristen\u201c.</p><p><b>[3]</b> Hrant Dink, ein ber\u00fchmter armenischer Journalist, wurde am 19. Januar 2007 auf offener Stra\u00dfe von einem fanatischen Nationalisten erschossen. Die Untersuchungen ergaben, dass hohe staatliche Stellen bis hin zur Spitze des Geheimdienstes der Polizei im Mord involviert waren oder zumindest im vornherein davon wussten. Bis zum heutigen Tage wurde die Verantwortung des Staates am Mord nicht hinreichend gekl\u00e4rt, ein letztes Verfahren l\u00e4uft immer noch weiter. Die offizielle Version der Regierung, die sich im Laufe der Jahre je nach innerstaatlicher B\u00fcndnispolitik der AKP ge\u00e4ndert hat, lautet mittlerweile, dass im Staat organisierte Anh\u00e4nger des Predigers Fetullah G\u00fclen den Mord organisiert h\u00e4tten. Bevor das B\u00fcndnis zwischen AKP und G\u00fclenisten zerbrach hie\u00df es, nationalistische Cliquen unter dem Namen Ergenekon h\u00e4tten den Mord organisiert, um die Gesellschaft zu destabilisieren. Nach dem Bruch zwischen AKP und G\u00fclen wurden alle Personen, die als Mitglieder von Ergenekon inhaftiert waren, freigesprochen.</p><p><b>[4]</b> Als Uludere-Massaker (t\u00fcrkisch) oder Roboski-Massaker (kurdisch) benennt man eine Luftwaffenoperation der t\u00fcrkischen Armee in der Nacht vom 28. Dezember 2011. Dabei wurden unweit der irakischen Grenze 34 kurdische Zivilisten, zumeist Schmuggler, umgebracht. Die T\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte (TSK) gingen davon aus, dass es sich um K\u00e4mpfer der kurdischen Guerillaorganisation PKK gehandelt habe. Obzwar sp\u00e4ter durchsickerte, dass die t\u00fcrkische Armee auf ungesicherten Informationen operiert hatte und zudem der Geheimdienst (MIT) falsche Informationen weitergeleitet hatte, wurden die Untersuchungen in ein m\u00f6gliches Fehlverhalten der Armee und des Geheimdienstes auf Eis gelegt. Es folgten keine Konsequenzen f\u00fcr die Involvierten.</p><p><b>[5]</b> Am 8. Juli 2018 entgleisten mehrere Zugwaggons auf der Zugstrecke zwischen Istanbul und dem bulgarischen Swilengrad, 25 Menschen starben. Obwohl sich im Nachhinein herausstellte, dass das Transportministerium und die Staatliche Eisenbahnbeh\u00f6rde der T\u00fcrkei (TCDD) fahrl\u00e4ssig gehandelt und nicht alle Sicherheitsvorkehrungen f\u00fcr die Strecke getroffen hatten, spielten Gerichte und Ministerien die Angelegenheit herunter. Bis heute streiten die betroffenen Familien f\u00fcr Gerechtigkeit.</p><p><b>[6]</b> Nach dem gescheiterten Milit\u00e4rputsch vom 15./16. Juli 2016, den Erdo\u011fan als \u201eSegen Gottes\u201c bezeichnete, wurden Zehntausende oft gar nicht mit dem Putsch oder der G\u00fclen-Gemeinde im Zusammenhang stehende Staatsbedienstete mittels Pr\u00e4sidialdekreten ihres Amtes enthoben, sozial ge\u00e4chtet, mit Ausreisesperren versehen und sonstig schikaniert.</p><p><b>[7]</b> Die T\u00fcrkei erlebte eine beispiellose wirtschaftliche Volatilit\u00e4t in den Jahre 2018-20, die sich vor allem f\u00fcr die normale Bev\u00f6lkerung in einer sehr hohen Inflationsrate f\u00fcr Alltagsg\u00fcter und damit einhergehender Armut ausdr\u00fcckte. Als Konsequenz legte der Wirtschafts- und Finanzminister, Berat Albayrak, der Schwiegersohn von Erdo\u011fan, Ende letzten Jahres sein Amt nieder.</p><p><b>[8]</b> Die Autor*innen spielen auf Erdo\u011fan an, der nach dem Bruch zwischen AKP und G\u00fclen gesagt hatte, dass sie von den G\u00fclenisten \u201ebetrogen\u201c wurden.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Daher ist unsere Solidarit\u00e4t dringend n\u00f6tig!</p><p>Nach einem intensiven Austausch mit den Genossinnen in der T\u00fcrkei haben wir uns an das <i>LabourNet Germany</i> gewandt und um Unterst\u00fctzung f\u00fcr eine Spendenkampagne gebeten. Die gro\u00dfartigen Genoss:innen haben sich sofort solidarisch gezeigt und mit uns gemeinsam die \u201eSpendenkampagne \u201aLila Solidarit\u00e4t\u201c auf den Weg gebracht. Wenn ihr also ein paar Euro f\u00fcr internationale Soli-Arbeit \u00fcbrig habt, klickt auf die Kampagnen-Seite oder scrollt zum Ende dieses Artikels f\u00fcr die Kontodaten.</p><p></p><hr/><p><a href=\"https://www.labournet.de/interventionen/solidaritaet/spendenkampagne-lila-solidaritaet-labournet-germany-und-das-revolt-magazine-rufen-zu-spenden-fuer-die-basisaktivistinnen-von-mor-dayanisma-in-der-tuerkei-auf/\">[Spendenkampagne \u201eLila Solidarit\u00e4t\u201c]</a><br/> <i>LabourNet Germany und das re:volt magazine rufen zu Spenden f\u00fcr die Basisaktivistinnen von Mor Dayan\u0131sma in der T\u00fcrkei auf\u201c !</i></p><hr/><p></p><h2>Warum die Kampagne n\u00f6tig ist</h2><p>Die Organisation <a href=\"https://mordayanisma.org\">Mor Dayan\u0131\u015fma</a> lebt von einmaligen oder regelm\u00e4\u00dfigen Spenden, eine staatliche Unterst\u00fctzung existiert nicht und ist auch politisch nicht gewollt. In der T\u00fcrkei trifft die Covid-19-Krise auf eine ganze Reihe weiterer sozialer Antagonismen <a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">und verst\u00e4rkt diese</a>: Das betrifft die schwelende Wirtschaftskrise samt rasanter Inflation sowie die autorit\u00e4ren Konsolidierungsversuche Erdo\u011fans ebenso wie die immer wieder aufflammenden Widerst\u00e4nde im Kontext von Chauvinismus und (sexualisierter) Gewalt gegen Frauen*. Die Arbeitslosenquote von Frauen <a href=\"https://elyazmalari.com/2020/04/11/kayda-gecsin-covid-19-ile-kadinlarin-sirtina-yuklenen-ev-ve-bakim-emegi/\">stieg</a> schon vor der Corona-Pandemie in f\u00fcnf Jahren um 52 Prozent und erreichte 2019 16,6 Prozent (das bedeutet \u00fcber 1 755 000 Frauen ohne Einkommen durch Lohnarbeit). Knapp drei Millionen Frauen arbeiteten derweil mehr als 45 Stunden pro Woche, 34,4 Prozent dieser Frauen waren informell besch\u00e4ftigt.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"2. VIP RESISTENCE 2.jpg\" height=\"720\" src=\"/media/images/2._VIP_RESISTENCE_2.original.jpg\" width=\"960\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Unterst\u00fctzung des Protests von Textilarbeiterinnen, die vom Unternehmen VIP im Jahr 2019 entlassen wurden, weil sie Mitglied einer Gewerkschaft geworden sind.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Und nun, wie \u00fcberall auf der Welt, haben die Frauen* in der T\u00fcrkei auch im Zuge der Corona-Krise die meisten Einkommensverluste und die gr\u00f6\u00dfte Zunahme von Care-Arbeit zu verbuchen. F\u00fcr die Arbeiterinnen* in den Fabriken und auch im privaten Sektor, in Gesch\u00e4ften und kleinen Betrieben, gibt es viele Probleme in Bezug auf Mobbing und sexuelle Bel\u00e4stigung. Hinzu kommt der Mangel an notwendigen Hygienema\u00dfnahmen an den Arbeitspl\u00e4tzen; die fortgesetzte Arbeit in Menschenmengen, lange Arbeitszeiten, ungesicherte Arbeit, zunehmende Nachtschichten, Lohnk\u00fcrzungen und Gefahr von K\u00fcndigungen setzen den Frauen zu. In einem <a href=\"https://mordayanisma.org/2020/09/20/3368/\">aktuell ver\u00f6ffentlichten Survey</a> der Organisation wurde das Ausma\u00df der Hoffnungslosigkeit deutlich, die Frauen ohne ein aktuelles Arbeitsverh\u00e4ltnis zwischenzeitlich in Bezug auf ein Auskommen und eine ausreichend bezahlte Lohnarbeit artikulieren: Nur 35 Prozent suchen \u00fcberhaupt noch nach einer Arbeit. Aufschlussreich sind dabei die Notizen, welche die befragten Frauen im Survey-Abschnitt &quot;Was Sie hinzuf\u00fcgen m\u00f6chten&quot; geschrieben haben: &quot;Ich habe keinen Ort, an den ich gehen kann, ich habe keine Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten&quot;, &quot;Schutzr\u00e4ume sollten vermehrt werden&quot;, &quot;Schutzr\u00e4ume und rechtliche Unterst\u00fctzung sind f\u00fcr Frauen von entscheidender Bedeutung&quot; und \u00e4hnliches. Die S\u00e4tze zeigen die Reaktionen der Frauen \u00fcber das hoffnungslose Klima im Land und ihre Suche nach L\u00f6sungen angesichts multipler Problemlagen, die mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten verflochten sind.</p><p>Mor Dayan\u0131\u015fma arbeitet immer wieder mit Frauenplattformen und Initiativen, wie <i>Barkod</i>-Kad\u0131n Dayan\u0131\u015fma A\u011f\u0131, der Arbeiter*innenorganisation <i>Ekmek ve Onur</i> oder Basisinitiativen wie <i>#\u0130\u015f\u00e7ilerBirlikteG\u00fc\u00e7l\u00fc</i> (Arbeiter*innen sind gemeinsam stark) zusammen, um den Frauen* in ihren ausbeuterischen Arbeitsverh\u00e4ltnissen zur Seite zu stehen und gemeinsam dagegen zu k\u00e4mpfen. Hierzu unterst\u00fctzen die Frauen* beispielsweise Streiks der Arbeiterinnen* vor den Fabriktoren oder f\u00fchren Informationsveranstaltungen zu Arbeitsthemen durch.</p><p>Die Treffpunkte von Mor Dayan\u0131\u015fma sind inmitten der Viertel angesiedelt, in denen Menschen in prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen, Armut und schlechter gesundheitlicher Versorgung leben. Die Dynamiken der Krise betreffen damit die Frauen*, die sich bei Mor Dayan\u0131\u015fma treffen, in besonderem Ma\u00dfe - und zwar in allen Bereichen des Lebens. Sie ben\u00f6tigen dringend diese Orte des Austauschs, der Organisierung und der kollektiven Herstellung von Handlungsf\u00e4higkeit, die sie sich selbst mit so viel Herzblut und Arbeit aufgebaut haben.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"4. #WeArentSafe Campaign Brochure.jpg\" height=\"720\" src=\"/media/images/4._WeArentSafe_Campaign_Brochure.original.jpg\" width=\"960\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Mor Dayan\u0131\u015fma-Mitglied Basar in einer Nachbarschaft beim Verteilen der &quot;Wir sind nicht sicher&quot;-Kampagnenbrosch\u00fcre.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Mor Dayan\u0131\u015fma wurde 2014 im Geist der Gezi-Proteste in der T\u00fcrkei gegr\u00fcndet. Seither gibt es Stadtteil- und Regionalstrukturen der Organisation von Edirne bis \u015e\u0131rnak, von Istanbul bis Hatay. Im Laufe der Zeit entstanden in vielen St\u00e4dten Zentren und Orte der Zusammenkunft, in denen sich Frauen* weiterbilden, politisch aktiv werden und sich gemeinsam gegen das patriarchale kapitalistische System zur Wehr setzen, welches eine ganz <a href=\"https://elyazmalari.com/2020/12/02/siddet-fasizm-ve-devlt-ucgeninde-kadinlar-cemile-baklaci/\">besondere Herrschaft \u00fcber</a> die Arbeit, Identit\u00e4t und K\u00f6rper von Frauen* aus\u00fcbt. Die Frauen* treffen sich f\u00fcr kostenlose Fortbildungen, etwa, was Arbeitsschutz und gesundheitliche Vorsorge angeht; sie k\u00f6nnen \u00fcber die Basis-Organisation anwaltliche, gewerkschaftliche oder psychologische Unterst\u00fctzung finden, oder gemeinsam Schmuck und Handwerkskunst herstellen, welches ihnen ein eigenes oder zus\u00e4tzliches Auskommen erm\u00f6glicht. In Zeiten der Pandemie wurde die Unterst\u00fctzung teilweise umorganisiert, um die Frauen in der Pandemie zu erreichen. Die Harekete Ge\u00e7 (Komm&#x27; in Bewegung) -Kampagne entstand zu einer Zeit, als die Verletzungen von Frauenrechten unglaublich zahlreich waren, und entwickelte sich dann zum G\u00fcvende De\u011filiz (Wir sind nicht sicher) - Prozess. Als Ergebnis dieser Kampagne wurde im September 2020 die oben aufgef\u00fchrte Umfragestudie ver\u00f6ffentlicht, die mit 1497 Frauen aus 76 Provinzen durchgef\u00fchrt wurde.</p><p>Aus basisgewerkschaftlicher Perspektive ist zentral, dass durch die Netzwerke der Frauen* untereinander die M\u00f6glichkeit von Arbeitsk\u00e4mpfen diskutiert und kollektiv nach L\u00f6sungen gesucht werden. Dadurch erfahren die Frauen das Gef\u00fchl der Selbstwirksamkeit und fangen an, sich auch in politischen und gewerkschaftlichen Kontexten zu organisieren. Das ist insbesondere deshalb so wichtig, weil viele der Frauen* bei Mor Dayan\u0131\u015fma informell besch\u00e4ftigt und somit von vielen institutionell verankerten Rechten ausgeschlossen sind. Mor Dayan\u0131\u015fma ist daf\u00fcr auch mit anderen Basisorganisationen verkn\u00fcpft und versucht, in den Medien (etwa durch kontinuierliche Pr\u00e4senz in den Sozialen Medien sowie zahlreichen Online-Angeboten der Mitglieder) und auf der Stra\u00dfe mit ihrer feministischen Arbeit aktiv zu sein.</p><p></p><hr/><p><b>Solidarit\u00e4tsbotschaft von \u0130rem Kay\u0131kc\u0131, Sprecherin von Mor Dayan\u0131\u015fma in Istanbul:</b></p><p><i>Liebe Freundinnen und Freunde,</i></p><p><i>inmitten der pandemischen Entwicklung in der T\u00fcrkei, in der Gewalt gegen Frauen*, Rechtsverletzungen und wirtschaftliche Ausbeutung von Frauen zunehmen, bin ich dankbar f\u00fcr eure Unterst\u00fctzung. Wir versuchen, uns \u00fcberall Geh\u00f6r zu verschaffen, von den Stadtvierteln bis zu den Fabriken, und k\u00e4mpfen f\u00fcr Frauen, die in vielen verschiedenen Arbeitsbereichen und Haushalten unterschiedlichen Formen der Ausbeutung ausgesetzt sind. Ihre Unterst\u00fctzung wird uns helfen, uns weiter zu organisieren und den Kampf f\u00fcr die Befreiung der Frauen weiter zu st\u00e4rken.</i></p><p><i>Mit meinen aufrichtigen W\u00fcnschen und meiner Solidarit\u00e4t,</i></p><p><i>\u0130rem Kay\u0131k\u00e7\u0131</i></p><hr/><p></p><p><i>LabourNet Germany,</i> das<i> re:volt magazine</i> und viele andere Unterst\u00fctzer*innen rufen zu Spenden f\u00fcr <b>Mor Dayan\u0131\u015fma</b> auf:</p><p>Spendenkonto: Labournet e.V.:<br/>IBAN DE 76430609674033739600<br/>BIC: GENODEM1GLS<br/>Verwendungszweck \u201cLila Solidarit\u00e4t\u201d<br/>(f\u00fcr eine e-mail an verein@labournet.de samt Adresse kann eine Spendenquittung ausgestellt werden)</p><p></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"3. #MoveOn Campaign (Against Femicide and Abuse of Women Rights).jpg\" height=\"540\" src=\"/media/images/3._MoveOn_Campaign_Against_Femicide_and_Abuse_o.original.jpg\" width=\"960\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Das Bild zeigt eine Fahrraddemonstration, um die Kampagne Harekete Ge\u00e7 (Komm&#x27; in Bewegung) sichtbar zu machen.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/unterst%C3%BCtzt-die-spendenkampagne-lila-solidarit%C3%A4t/", "id": "https://revoltmag.org/articles/unterst%C3%BCtzt-die-spendenkampagne-lila-solidarit%C3%A4t/", "author": {"name": "Johanna Br\u00f6se", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-12-22T14:23:03.436625+00:00", "date_modified": "2020-12-22T16:33:34.427315+00:00", "tags": ["re:claim", "t\u00fcrkei", "basisorganisierung", "stadtteilarbeit", "arbeitskampf", "feminismus", "frauen", "feministischer streik"], "summary": "LabourNet Germany und das re:volt magazine starten eine Spendenkampagne f\u00fcr die feministische Basisorganisation Mor Dayan\u0131\u015fma in der T\u00fcrkei."}, {"title": "\u201eSie greifen an, wenn sie verlieren\u201c", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>\u201eSie greifen an, wenn sie&nbsp;verlieren\u201c</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Design ohne Titel.png\" height=\"400\" src=\"/media/images/Design_ohne_Titel.2e16d0ba.fill-840x420-c100.png\" width=\"800\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>G\u00fcnayd\u0131n, T\u00fcrkiye! Wieder einmal hat ein Tag in der T\u00fcrkei mit Nachrichten von massiven Polizeioperationen gegen demokratische und revolution\u00e4re Kr\u00e4fte begonnen. Schon zwei Wochen zuvor, am 11. September 2020, hatte es gro\u00dfangelegte Razzien gegen die Sozialistische Partei der Unterdr\u00fcckten (ESP) gegeben. 17 Festgenommene wurden letztlich auch verhaftet und ins Gef\u00e4ngnis gesteckt.</p><p>Gestern, am 25. September, legte der t\u00fcrkische Staat dann noch einmal nach und f\u00fchrte zwei gro\u00dfangelegte Operationen durch. Insgesamt ist von 82 Personen in sieben Provinzen die Rede, gegen die ein Festnahmebefehl vorliegen soll. Eine erste Welle von Razzien wurde von Ankara aus gesteuert und richtete sich gegen die Kurdische Bewegung. Die Oberstaatsanwaltschaft gab dazu eine Stellungnahme ab, in der er vom \u201eKoban\u00ea Ermittlungsverfahren\u201c sprach. Wir erinnern uns: Vom 6. bis zum 8. Oktober 2014 gab es in vielen St\u00e4dten der T\u00fcrkei, besonders im kurdischen S\u00fcdosten, Aufst\u00e4nde und Zusammenst\u00f6\u00dfe mit staatlichen Kr\u00e4ften. \u00dcber 50 Tote waren zu beklagen. Der Grund daf\u00fcr war, dass die Banden des selbsterkl\u00e4rten Islamischen Staates (IS) die Stadt Koban\u00ea in Nordsyrien an der Grenze zur T\u00fcrkei zu attackieren begannen und dabei Sch\u00fctzenhilfe durch den t\u00fcrkischen Staat erhielten. </p><h2><b>Einfach mal festnehmen!</b></h2><p>Und jetzt, sechs Jahre sp\u00e4ter werden unter anderem der Ko-B\u00fcrgermeister der Stadt Kars, Ayhan Bilgen, der ehemalige Abgeordnete und Filmregisseur S\u0131rr\u0131 S\u00fcreyya \u00d6nder, sowie die Politiker*innen Altan Tan, Emine Ayna und Nazmi G\u00fcr \u2013 allesamt zu der damaligen Zeit Parlamentsabgeordnete \u2013 festgenommen. Weitere f\u00fchrende HDP-Politiker*innen und bekannte Personen des \u00f6ffentlichen Lebens, etwa die Akademikerin Beyza \u00dcst\u00fcn, Can Memi\u015f, die Forscherin und Feministin G\u00fclfer Akkaya, der sozialistische Autor Alp Alt\u0131n\u00f6rs, G\u00fcnay Kubilay und Dilek Ya\u011fl\u0131 wurden ebenfalls inhaftiert. Sechs ganze Jahre sp\u00e4ter! Eine erneute Glanzleistung der \u2013 selbstverst\u00e4ndlich v\u00f6llig unabh\u00e4ngigen \u2013 Justiz der T\u00fcrkei, wie wir sie unter anderem schon in der Causa <a href=\"https://freemaxzirngast.org\">#FreeMaxZirngast</a> beobachten durften. Einige der nun Festgenommenen wurden noch nie zu ihrer Beteiligung 2014 befragt, andere schon zuvor festgenommen, angeklagt, freigesprochen und wieder auf freien Fu\u00df gesetzt worden und so weiter. Eine scheinbare Willk\u00fcr, die aber durchaus System hat. Geleitet wurde die Operation der \u2013 nat\u00fcrlich vollst\u00e4ndig unabh\u00e4ngigen \u2013 Justiz von Y\u00fcksel Kocaman, dem Oberstaatsanwalt in Ankara. Dieser war erst vor wenigen Tagen mit seiner Frau nach seiner Hochzeit <a href=\"https://twitter.com/artigercek/status/1307681796012863488\">zu Besuch im Palast</a> bei Pr\u00e4sident Erdo\u011fan gewesen, wo sie alle zusammen f\u00fcr ein sch\u00f6nes Hochzeitsfoto posierten. Zum Gl\u00fcck gibt es sie, diese unabh\u00e4ngigste Justiz der Welt, wenn nicht des ganzen Universums!</p><p>Die zweite Operation richtete sich vor allem gegen die sogenannte \u201eBewegung der Namenlosen\u201c (\u0130simsizler Hareketi). Das ist eine unabh\u00e4ngige Plattform, die vor allem in den sozialen Medien Kampagnen initiiert, um oppositionelle Stimmen und Haltungen zu st\u00e4rken. Dementsprechend traf die Festnahmewelle auch sehr unterschiedliche Personen aus verschiedenen politischen und zivilgesellschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen, deren jeweilige Verbindung mit der genannten Plattform nicht immer ganz klar ist. Aber solche Details k\u00f6nnen die  \u2013 nat\u00fcrlich vollst\u00e4ndig unabh\u00e4ngige \u2013  Justiz der T\u00fcrkei ohnehin nicht stoppen. So wurden etwa der Anwalt Tamer Do\u011fan festgenommen, die <a href=\"https://elyazmalari.com/author/perihan-koca/\">Redakteurin</a> der Plattform <i>elyazmalar\u0131</i> und Sprecherin der Partei f\u00fcr soziale Freiheit (Toplumsal \u00d6zg\u00fcrl\u00fck Partisi, T\u00d6P) Perihan Koca, der Journalist Hakan G\u00fclseven sowie der Intellektuelle und Autor Temel Demirer. Der Vorwurf ist bereits bekannt, auch wenn es derzeit noch keine Einsicht in die Akten gibt: \u201ePutschversuch via soziale Medien\u201c. Da ist man doch direkt versucht, diese wirkm\u00e4chtigen Sozialen Medien gleich mal auszuprobieren: Hashtag Revolution jetzt, los geht es! Oder die gem\u00e4\u00dfigten Varianten, wie sie die Unterst\u00fctzer*innen der Festgenommenen derzeit allerorts verbreiten: #LasstDieGefangenenFrei, #DieHDPWirdSichNichtBeugen bis zu personalisierten Nachrichten, wie #TamerDo\u011fanIstUnserAllerAnwalt. M\u00f6gen unsere Hashtags die Welt aus den Angeln heben!</p><h2><b>Viraler Kontrollverlust und Widerstand</b></h2><p>Die Hintergr\u00fcnde dieser repressiven Politik sind relativ eindeutig. Dem Regime ist es zwar gelungen, die zentralen Staatsapparate mehr oder weniger vollst\u00e4ndig unter Kontrolle zu bekommen; gleichzeitig gelingt es aber nicht, die gesellschaftliche Legitimit\u00e4t f\u00fcr das Herrschaftsprojekt herzustellen. Im Gegenteil! Umfragen zeigen seit einiger Zeit, dass die Zustimmung in der Bev\u00f6lkerung schwindet. Die <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/gundem/metropollun-son-anketinde-carpici-sonuclar-akp-ve-mhp-6043740/\">j\u00fcngste Umfrage</a> zeigte AKP und MHP gemeinsam bei 38,8 Prozent. Und es sieht nicht so aus, als w\u00e4re das Regime f\u00e4hig, die Krisendynamiken weiterhin kontrollieren zu k\u00f6nnen.</p><p>Dazu tr\u00e4gt bei, dass der Staat beim Umgang mit der Corona-Pandemie komplett versagt hat. In der T\u00fcrkei schwanken die t\u00e4glichen Neuansteckungen fast ausschlie\u00dflich zwischen 1200 und 1700 F\u00e4llen. Erstaunlich f\u00fcr ein Virus, dass sich \u00fcberall sonst auf der Welt exponentiell ausbreitet. Aber in dem Land, das (wie sich nachtr\u00e4glich herausstellte) seinen ersten Coronatoten schon vor dem offiziellen ersten Fall hatte, sind auch solche Wunder m\u00f6glich. Kaum jemand in der T\u00fcrkei glaubt an die offiziellen Zahlen, und au\u00dferhalb der T\u00fcrkei sieht das nicht anders aus. Als unl\u00e4ngst die Vereinigung der \u00c4rzt*innen (TTB) gegen die Zust\u00e4nde protestierte, forderte Erdo\u011fans <i>partner in crime</i>, der MHP-Chef Devlet Bah\u00e7eli, die Schlie\u00dfung der TTB. Die zweite entscheidende Krisendynamik ist die \u00f6konomische Krise, die aus unserer Redaktion erst <a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">gestern in einem weiteren Artikel</a> zur T\u00fcrkei (Virus als Katalysator von Alp Kayserilio\u011flu) ausf\u00fchrlich beleuchtet wird.</p><p>Es ist sehr klar, dass das Regime mit diesen Angriffen und den j\u00fcngsten \u00dcberf\u00e4llen die aktuelle Verfasstheit der Opposition testet. Sehr wahrscheinlich wird dies nur der Beginn einer Kampagne gegen alle demokratischen und sozialen Kr\u00e4fte in der T\u00fcrkei sein, die sich letztendlich sogar auf die b\u00fcrgerliche Opposition erstrecken kann. Anzeichen daf\u00fcr sind weitreichende <a href=\"https://twitter.com/FuocoSavinelli/status/1309582574394761218\">Online-Sperrungen</a> von oppositionellen Medien, wie <i>Halk TV</i> oder <i>Yeni Ya\u015fam</i>.</p><p>Es gibt aber auch Widerstand. Obwohl es heutzutage schwierig ist, in Massen auf die Stra\u00dfe zu gehen, wurden in vielen St\u00e4dten des Landes bereits Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rungen abgegeben \u2013 etwa in <a href=\"http://bianet.org/bianet/insan-haklari/231596-hdp-operasyonu-kadikoy-de-protesto-edildi\">Kad\u0131k\u00f6y, Istanbul</a>. Die k\u00e4mpferische Botschaft: \u201eSie greifen an, weil sie verlieren!\u201c Dar\u00fcber hinaus konnte das Regime die sozialen Medien nicht so gut unter seine Kontrolle bringen, wie es dies w\u00fcnscht. Ein <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/07/29/sabahladilar-ama-sosyal-medya-yasasi-1-ekimde-yururluge-girecek/\">k\u00fcrzlich verabschiedetes Internetgesetz</a>, das derzeit durchgesetzt wird, versucht, dies nun mit anderen Mitteln zu erreichen. Das Gesetz schreibt im Wesentlichen vor, dass alle Unternehmen, die in der T\u00fcrkei vertreten sein wollen, einen in der T\u00fcrkei ans\u00e4ssigen Vertreter haben m\u00fcssen, sich alle User*innen mit Namen registrieren m\u00fcssen und das jeweilige Unternehmen diese Informationen an den t\u00fcrkischen Staat weitergeben muss. Es ist noch abzuwarten, ob Unternehmen wie YouTube und Twitter, die wichtige Plattformen der Opposition darstellen, den Anforderungen des neuen Gesetzes nachkommen. Und was passiert, wenn sie dies nicht tun.</p><p>Derzeit ist es von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung, dass wir mit allen revolution\u00e4ren und demokratischen Kr\u00e4ften in der T\u00fcrkei solidarisch sind, die heute f\u00fcr ein freies Land k\u00e4mpfen.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Die haarstr\u00e4ubenden Begr\u00fcndungen: Teilnahme an Protesten gegen den IS-Angriff auf Koban\u00ea 2014 \u2013 und \u201ePutschversuch via Soziale Medien\u201c."}, {"title": "Virus als Katalysator", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Virus als&nbsp;Katalysator</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"ebrum timtim.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/ebrum_timtim.63b0595f.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">sendika.org</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Am 11. M\u00e4rz 2020, als offiziell die erste Corona-Infektion in der T\u00fcrkei registriert wurde, t\u00f6nte Staatspr\u00e4sident Erdo\u011fan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-erdogan-dan-koronavirus-aciklamasi,865821\">ganz gro\u00df</a>: \u00bbKein Virus ist st\u00e4rker als unsere Vorkehrungen.\u00ab Am Tenor ideologischer Selbstdarstellung hat sich seitdem wenig ge\u00e4ndert: In v\u00f6lliger Verkehrung der Tatsachen wird die T\u00fcrkei als Weltspitze der Corona-Bek\u00e4mpfung pr\u00e4sentiert, w\u00e4hrend der entwickelte Westen den Bach runtergehe \u2013 autorit\u00e4re Hybris <i>at its best</i>. Diese Hybris und ihr Versprechen der Gr\u00f6\u00dfe haben Staatspr\u00e4sident Erdo\u011fan und das unter seiner F\u00fchrung organisierte national-autorit\u00e4re Regime auch bitter n\u00f6tig, wo doch die Realit\u00e4t ganz anders aussieht: eine teils katastrophale Pandemiebek\u00e4mpfung, <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkey-executive-presidency-proved-to-be-fail-in-two-years.html\">einbrechende Umfragewerte</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-15-ayda-yapilan-57-anketin-ortalamasi-erdogan-ve-cumhur-ittifaki-gidici-diyor-1768312\">f\u00fcr</a> das Regime, eine schwere Wirtschaftskrise insbesondere f\u00fcr die unteren und Mittelklassen und eine <a href=\"https://t24.com.tr/haber/area-arastirma-olasi-cumhurbaskanligi-secimlerinde-mansur-yavas-muharrem-ince-ile-abdullah-gul-e-fark-atiyor,899856\">erstarkende Opposition</a> <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/avrasya-arastirma-dan-anket-secimler-yenilense-mevcut-buyuksehir-belediye-baskanina-oy-verir-misiniz,9966\">vor allem</a> in den (oppositionsgef\u00fchrten) Gro\u00dfst\u00e4dten. Das entgeht nat\u00fcrlich weder Erdo\u011fan noch seinen Verb\u00fcndeten. Deshalb radikalisieren sie ihre bisherigen Hauptmechanismen der <a href=\"https://www.researchgate.net/publication/256039501_Authoritarian_Consolidation\">autorit\u00e4ren Konsolidierung</a>: milit\u00e4rische Auslandseins\u00e4tze, Inhaftierung von Oppositionellen, Repression gegen Dissident*innen, Gesetze zur Schw\u00e4chung der Zivilgesellschaft, Einschr\u00e4nkung der Handlungsf\u00e4higkeit oppositioneller B\u00fcrgermeister*innen, chauvinistische und sexistische Propaganda und so weiter. Dabei versch\u00e4rfen sich auch die internen Fraktionsk\u00e4mpfe des Regimes. SARS-CoV-2 ist somit ein Katalysator gesellschaftlicher Antagonismen in der T\u00fcrkei.<b> [1]</b></p><h2><b>Hybris und Realit\u00e4t</b></h2><p>Im Prinzip handelt die T\u00fcrkei in der Bek\u00e4mpfung des Virus nach <a href=\"https://revoltmag.org/articles/der-zug-f%C3%A4hrt-ab/\">denselben</a> Handlungsmaximen wie alle entwickelten kapitalistischen L\u00e4nder des Westens: Das Regime versucht eine Strategie umzusetzen, die abw\u00e4gt zwischen kurzfristigen Stabilit\u00e4ts- und Wirtschaftsinteressen und langfristigen Interessen kapitalistischer Akkumulation. Sterben zu schnell zu viele Menschen, kann es zur Destabilisierung kommen; werden zu viele beschr\u00e4nkende Ma\u00dfnahmen verh\u00e4ngt, fallen die Profite zu stark. Eine konsequente Eind\u00e4mmungspolitik des Virus wird deshalb, wie auch in Deutschland, explizit nicht verfolgt. Der Pr\u00e4sidentensprecher Ibrahim Kal\u0131n brachte das sehr direkt auf den Punkt, als er <a href=\"https://www.birgun.net/haber/saray-dan-sokaga-cikma-yasagi-aciklamasi-ekonomik-maliyeti-buyuk-olur-296875\">festhielt</a>: \u00bbDie wirtschaftlichen Kosten einer allgemeinen Ausgangssperre w\u00e4ren hoch.\u00ab Auch dem Gesundheitsminister Fahrettin Koca war <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/ahmet-hakan/saglik-bakani-kocaya-sordum-salginda-son-durum-nedir-41600122\">klar</a>, dass die Eind\u00e4mmungsperspektive durchaus m\u00f6glich ist; er wischte sie allerdings allzumenschlich beiseite: \u00bbUm dieses Problem vollst\u00e4ndig zu l\u00f6sen, m\u00fcsste man eine vollst\u00e4ndige Isolation implementieren. Aber kein Land der Welt will das. Auch die T\u00fcrkei will das nicht. Aus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden wird nirgends auf der Welt und auch in der T\u00fcrkei nicht auf vollst\u00e4ndige Isolation gesetzt.\u00ab</p><p>Im Unterschied allerdings zu L\u00e4ndern wie der BRD verf\u00fcgt die krisengebeutelte T\u00fcrkei nicht \u00fcber genug Ressourcen und vor allem das politische Regime nicht \u00fcber genug Stabilit\u00e4t, um eine Kontrolle der Epidemie im Rahmen jener Handlungsmaximen effektiv zu betreiben. Zwar wurden nach und nach alle gr\u00f6\u00dferen Gesch\u00e4fte und gastronomischen L\u00e4den geschlossen, es gab aber im Prinzip nie effektive Kontaktbeschr\u00e4nkungsma\u00dfnahmen, und die <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/04/03/devletin-korona-gunlugu-hangi-kurum-ne-zaman-ne-yapti/\">meisten Ma\u00dfnahmen</a> wurden nur sehr z\u00f6gerlich und dann f\u00fcr vergleichsweise kurze Zeit eingef\u00fchrt. Wie die t\u00fcrkische \u00c4rztekammer (TTB) <a href=\"https://www.ttb.org.tr/haber_goster.php?Guid=11be613e-de25-11ea-a538-cd82211f39c1\">ganz richtig</a> festh\u00e4lt, w\u00e4lzte der Staat die gesamte Verantwortung auf die einzelnen B\u00fcrger*innen ab und sorgte selbst f\u00fcr die Verbreitung einer Aura der Sorglosigkeit mittels einer sogenannten \u00bbR\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t\u00ab ab dem 1. Juni, inklusive <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/09/turkey-akp-govt-weaponizes-covid19-to-disarm-opposition.html\">propagandistischer Gro\u00dfveranstaltungen</a> wie die Einweihung der Hagia Sophia mit Hunderttausenden Beteiligten. Auf dem bisherigen H\u00f6hepunkt der Virusverbreitung wurden zwar wiederholt komplette Ausgangssperren in mehreren Gro\u00dfst\u00e4dten verh\u00e4ngt. Dies aber bewusst nur an Wochenenden oder Feiertagen, also an Tagen, an denen Arbeiter*innen sowieso am ehesten frei haben und deshalb am wenigsten Profite zu entfallen drohen.</p><p>Das halbherzige Vorgehen in der Pandemiebek\u00e4mpfung schl\u00e4gt sich auch nur bedingt in verl\u00e4sslichen Zahlen nieder. Mit Stand vom 22. September 2020 sind <a href=\"https://covid19.who.int/region/euro/country/tr\">offiziell</a> 302.867 Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert gewesen und 7.506 Personen daran verstorben. Aber noch Monate nach der ersten offiziellen Corona-Infektion gab es kaum eine genaue Aufteilung der Infizierten und Toten nach Regionen, Alter und Vorerkrankungen, so dass sich die \u00c4rztekammer \u00fcber l\u00e4ngeren Zeitraum <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/saglik/2020/06/12/ttb-salgin-sirlarla-yurutuluyor/\">nicht in der Lage</a> sah, eine angemessene epidemiologische Analyse vorzunehmen. Erst am 1. Juli, also 112 Tage nach dem ersten registrierten Infektionsfall, fing das Gesundheitsministerium an, regelm\u00e4\u00dfige Berichte und Daten zu ver\u00f6ffentlichen. Aber bis zum heutigen Tage <a href=\"https://www.ttb.org.tr/kutuphane/covid19-rapor_6.pdf\">beschwert</a> sich die \u00c4rztekammer \u00fcber intransparente und unzul\u00e4ngliche Daten. Irregularit\u00e4ten in den zur Verf\u00fcgung gestellten Daten sowie prohibitive Interventionen des Gesundheitsministeriums in die Forschung wurden in einem offenen Brief vom 15. August in der internationalen Fachzeitschrift<i> The Lancet</i> von praktizierenden \u00c4rzten <a href=\"https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)31691-3/fulltext\">gebrandmarkt</a> und vom Gesundheitsminister nat\u00fcrlich sofort in derselben Zeitschrift <a href=\"https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)31864-X/fulltext\">dementiert</a>. \u00c4rztekammer wie Gewerkschaften des Gesundheitssektors weisen <a href=\"https://birartibir.org/siyaset/825-salgina-korukle-gitmek\">seit geraumer Zeit</a> darauf hin, dass die <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/01/ses-ankarada-gunluk-vaka-sayisi-2-bin-civarinda/\">echten Infektionsf\u00e4lle</a> <a href=\"https://ato.org.tr/news/show/840\">weit</a> <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-health-coronavirus-turkey/doctors-say-turkish-covid-19-outbreak-worse-than-reported-as-hospitalisations-swell-idUSKCN251231\">\u00fcber</a> den offiziellen Zahlen liegen und dass sie Todesf\u00e4lle registrieren, die COVID-19 <a href=\"https://www.birgun.net/haber/kecioren-gercegi-covid-19-olumleri-resmi-kaydin-5-kati-313942\">zuzuordnen sind</a>, aber <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-bilim-kurulu-uyesi-prof-dr-kilicaslan-koronavirus-kaynakli-cok-sayida-olum-kayitlara-bulasici-hastalik-olarak-gecti-istanbul-da-60-bin-civarinda-vaka-var,873846\">anders klassifiziert</a> werden, um die Statistik zu besch\u00f6nigen. Der Istanbuler B\u00fcrgermeister Imamo\u011flu meinte <a href=\"https://www.voanews.com/covid-19-pandemic/turkey-accused-coronavirus-cover-cases-rise\">k\u00fcrzlich</a>, dass laut den ihm vorliegenden Zahlen allein Istanbul so viele Neuinfektionen am Tag registriert wie das Gesundheitsministerium f\u00fcr die ganze T\u00fcrkei angibt (also grob \u00fcber 1500); \u00e4hnliches meinte der B\u00fcrgermeister von Ankara, Mansur Yava\u015f. Aus vielen St\u00e4dten wurde zumindest zeitweise dar\u00fcber berichtet, dass die Intensivstationen in Krankenh\u00e4usern <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-health-coronavirus-turkey/doctors-say-turkish-covid-19-outbreak-worse-than-reported-as-hospitalisations-swell-idUSKCN251231\">\u00fcberf\u00fcllt</a> waren, was sogar der Gesundheitsminister <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/02/fahrettin-koca-birinci-dalganin-ikinci-pikini-yasiyoruz/\">nachtr\u00e4glich zugeben</a> musste. Eine <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/avrasya-arastirma-dan-anket-secimler-yenilense-mevcut-buyuksehir-belediye-baskanina-oy-verir-misiniz,9966\">\u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit</a> der Bev\u00f6lkerung der Gro\u00dfst\u00e4dte \u2013 etwa 70 Prozent \u2013 glaubt laut einer Umfrage den Zahlen des Gesundheitsministeriums nicht. Aber auch schon die offiziellen Zahlen zeigen, dass die T\u00fcrkei in eine Phase der Lockerungen eintrat, als die erste Welle noch gar nicht abgeklungen war, <a href=\"https://www.toraks.org.tr/site/news/10005\">weshalb</a> Expert*innen wie die T\u00fcrkische Thorax-Vereinigung <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/ahmet-hakan/saglik-bakani-kocaya-sordum-salginda-son-durum-nedir-41600122\">schon l\u00e4ngst vor dem</a> Gesundheitsminister von einem \u00bbzweiten Peak der ersten Welle\u00ab sprachen. Unter den Umst\u00e4nden einer intransparenten und relativierenden Vorgehensweise der Regierung, \u00fcberrannter Krankenh\u00e4user, steigender Infektions- und Todesf\u00e4lle unter Krankenhausbesch\u00e4ftigten und fehlenden Schutzma\u00dfnahmen haben <a href=\"https://jurnaltr.com/salgin-boyunca-900-hekim-istifa-etti-30-bin-saglik-calisani-koronaviruse-yakalandi/\">mittlerweile</a> Hunderte Gesundheitsarbeitende ihre <a href=\"https://www.ttb.org.tr/haber_goster.php?Guid=11be613e-de25-11ea-a538-cd82211f39c1\">K\u00fcndigung</a> <a href=\"https://www.toraks.org.tr/site/news/10005\">eingereicht</a>.</p><p><a href=\"https://www.ttb.org.tr/kutuphane/covid19-rapor_4.pdf\">Als Folge</a> der unentschlossenen Pandemiebek\u00e4mpfung erreichte die effektive Reproduktionszahl <b>[2]</b> in <a href=\"https://www.milliyet.com.tr/gundem/son-dakika-haberi-corona-viruste-son-durum-bakan-koca-toplam-can-kaybi-425-vaka-sayisi-20-921e-yukseldi-6180754\">Istanbul</a> kurzzeitig (Anfang April) den sagenhaften Wert von 16 und t\u00fcrkeiweit (Ende M\u00e4rz) den Wert von neun, was im weltweiten Vergleich sehr hoch ist. Laut \u00c4rztekammer schneidet die T\u00fcrkei im Vergleich zu \u00e4hnlich situierten L\u00e4ndern auch in anderen Hinsichten (Tote pro 1000 Einwohner*innen, Neuinfektionen gerechnet auf Tage nach dem ersten Infektionsfall, usw.) eher schlechter ab. Dabei zeigen erste vorl\u00e4ufige Studien, dass mit 0,81 Prozent Seropr\u00e4valenz von Coronavirus-Antik\u00f6rpern in der Bev\u00f6lkerung auch die T\u00fcrkei weit entfernt ist von einer Herdenimmunit\u00e4t, f\u00fcr die ja grob 60 Prozent notwendig w\u00e4ren (Stand: Ende Juni).</p><p>Dabei trifft SARS-CoV-2 <a href=\"https://www.cambridge.org/core/journals/new-perspectives-on-turkey/article/new-perspectives-on-turkey-roundtable-on-the-covid19-pandemic-prospects-for-the-international-political-economic-order-in-the-postpandemic-world/3B8003A8F0A071F2EA4126A61EC37F6A\">wie in den meisten L\u00e4ndern</a> so auch in der T\u00fcrkei die Schw\u00e4chsten: Von den Fabriken \u00fcber die Textilbranche und den Dienstleistungssektor bis hin zum Bausektor hatten viele oft informell besch\u00e4ftigte Arbeiter*innen, die nicht zum Management geh\u00f6ren, keine andere Wahl, als auch in Hochzeiten der ersten Welle zu arbeiten, oft ohne ausreichende Schutzbestimmungen, gefangen zwischen der Skylla der Infektion und der Charybdis des Hungers. <b>[3]</b> Besonders <a href=\"https://www.tr.undp.org/content/turkey/en/home/library/corporatereports/COVID-gender-survey-report.html\">negativ betroffen</a> sind Frauen, insofern sie viel h\u00e4ufiger als M\u00e4nner ihre Jobs verloren und zudem den Gro\u00dfteil der zus\u00e4tzlich anfallenden Reproduktionsarbeiten im Haushalt \u00fcbernahmen, wie eine UN-Studie festh\u00e4lt. Auch in der T\u00fcrkei brachen gr\u00f6\u00dfere Infektionsgeschehen an Produktionsstandorten aus, so bei SuperFresh (Lebensmittel) und \u00dclker (Geb\u00e4ck) in Bursa, Eti G\u0131da (Geb\u00e4ck) in Eski\u015fehir oder Gedik Pili\u00e7 (Gefl\u00fcgelfabrik) in U\u015fak und BMC (Automobil) in Izmir. In einer der gr\u00f6\u00dften Fabriken des Landes, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kapali-devre-calisma-modelinin-uygulandigi-dardanel-den-aciklama-sadece-gonullu-calisanlar-katildi,895774\">Dardanel</a> (Dosenfisch) bei \u00c7anakkale, wandten Manager ein sogenanntes \u00bbgeschlossenes Arbeitssystem\u00ab an, um die Produktion trotz eines gro\u00dfen Infektionsgeschehens fortzusetzen. \u00bbGeschlossenes Arbeitssystem\u00ab hie\u00df in diesem Fall, dass die Infizierten nur mehr miteinander auf Schicht arbeiten und auf dem Betriebsgel\u00e4nde isoliert von Kontakt nach au\u00dfen leben sollten \u2013 um niemanden sonst mehr anzustecken! Bei <a href=\"https://www.birgun.net/haber/yusufeli-nde-santiyeden-cikmak-yasak-iscileri-esir-aldilar-313312\">Vestel</a> (Haushaltsger\u00e4te), einer anderen gro\u00dfen Fabrik mit Tausenden Arbeiter*innen, ignorierten Manager*innen nicht nur Sicherheitsbestimmungen und versuchten ein gro\u00dfes Infektionsgeschehen zu verdecken, sondern sie exponierten die Arbeiter*innen willentlich und wissentlich einem gro\u00dfen Infektionsrisiko. In Yusufeli bei Artvin hingegen wurden Arbeiter*innen eines <a href=\"https://www.birgun.net/haber/yusufeli-nde-santiyeden-cikmak-yasak-iscileri-esir-aldilar-313312\">Staudamms</a> de facto vom Gouverneur dazu gezwungen weiter auf der Baustelle zu verbleiben und zu arbeiten trotz eines laufenden Infektionsgeschehens. Au\u00dfer BMC bei Izmir wurden aber bisher keine der betroffenen Fabriken geschlossen. Bei einer solchen Sorglosigkeit ist es kein Wunder, dass in Istanbul \u2013 dem \u00bb<a href=\"https://www.cnnturk.com/turkiye/saglik-bakani-kocadan-koronavirus-aciklamasi-istanbul-turkiyenin-wuhani-oldu\">Wuhan der</a> <a href=\"https://www.cnnturk.com/turkiye/saglik-bakani-kocadan-koronavirus-aciklamasi-istanbul-turkiyenin-wuhani-oldu\">T\u00fcrkei</a>\u00ab laut dem Gesundheitsminister \u2013 die \u00e4rmsten Viertel wie Ba\u011fc\u0131lar, Esenler und Bayrampa\u015fa am heftigsten von der Epidemie betroffen sind.</p><p>Um die tats\u00e4chlichen Ausma\u00dfe der Pandemie einzusch\u00e4tzen, k\u00f6nnte man nun einen Blick auf die Exzessmortalit\u00e4t (eine im Verh\u00e4ltnis zu einem Vergleichszeitraum feststellbare erh\u00f6hte Sterblichkeit) werfen, wie dies in Europa \u00fcblich ist. Das ist allerdings f\u00fcr die T\u00fcrkei wegen der mangelhaften Datenlage schwierig. Die<i> New York Times</i> und der<i> Economist</i> haben weltweit die \u00dcbersterblichkeit untersucht. Der<i> Economist</i> kommt dabei zum <a href=\"https://www.economist.com/graphic-detail/2020/04/16/tracking-covid-19-excess-deaths-across-countries\">Ergebnis</a>, dass sich die Exzessmortalit\u00e4t in Istanbul auf der H\u00f6he des ersten Peaks zwischen M\u00e4rz und Mai auf grob 50 Prozent belief, w\u00e4hrend die Anzahl der Exzess-Toten fast doppelt so gro\u00df war wie die offiziell festgestellten COVID-19-Toten. Die<i> New York Times</i> <a href=\"https://www.nytimes.com/interactive/2020/04/21/world/coronavirus-missing-deaths.html\">hingegen</a> sch\u00e4tzt die Exzessmortalit\u00e4t in Istanbul im Vergleich zu 2017-19 auf grob 20 Prozent, allerdings f\u00fcr den Zeitraum von M\u00e4rz bis Ende Juni. Da es aber keine genauen Zahlen zu allen Todesf\u00e4llen geschweige denn zu COVID-19-Toten in Istanbul gibt, ist dies nur eine grobe Sch\u00e4tzung und zudem nicht auf das ganze Land \u00fcbertragbar. Prof. Steve Hanke von der Johns Hopkins Universit\u00e4t ordnete die T\u00fcrkei wegen all dieser Ungenauigkeiten und Intransparenz denjenigen L\u00e4ndern zu, deren Zahlen zu COVID-19 <a href=\"https://e.vnexpress.net/news/news/us-economist-says-vietnam-lacks-coronavirus-statistics-prompts-retraction-demand-4117553.html\">sehr unzuverl\u00e4ssig</a> seien.</p><h2><b>Der Einbruch</b></h2><p><a href=\"https://www.cambridge.org/core/services/aop-cambridge-core/content/view/3B8003A8F0A071F2EA4126A61EC37F6A/S0896634620000230a.pdf/new_perspectives_on_turkey_roundtable_on_the_covid19_pandemic_prospects_for_the_international_political_economic_order_in_the_postpandemic_world.pdf\">Wie \u00fcberall sonst</a> auf der Welt, f\u00fchrte die Corona-Krise auch in der T\u00fcrkei trotz Besch\u00f6nigungsversuchen des Regimes zu einem massiven Wirtschaftseinbruch, der die unteren und mittleren Klassen ungleich h\u00e4rter trifft. Dabei traf aber die Corona induzierte Krise auf eine sowieso schon angeschlagene Wirtschaft, was zu einem W\u00e4hrungsschock wie im Sommer 2018 f\u00fchrte und das Potenzial f\u00fcr eine ausgewachsene Wirtschaftskrise hat. Die <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-30/turkey-likely-spared-worst-of-economic-damage-inflicted-by-virus\">Industrieproduktion</a> brach zwischen Februar und Mai durchgehend ein und wuchs erst im Juni wieder; die Nettokapitalinvestitionen gingen, wie durchgehend seit Mitte 2018, zur\u00fcck so wie auch das gesamte <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-30/turkey-likely-spared-worst-of-economic-damage-inflicted-by-virus\">Wirtschaftswachstum</a> im zweiten Quartal 2020 um 9,9% gegen\u00fcber dem Vorjahresquartal zur\u00fcckging. Besonders stark waren Exporte und Tourismus, die Hauptdeviseneinnahmenquellen der t\u00fcrkischen Wirtschaft, betroffen: W\u00e4hrend <a href=\"https://www.bloomberght.com/turkiye-2-ceyrekte-yillik-yuzde-99-kuculdu-uzmanlar-rakamlari-degerlendirdi-2263267\">Exporte</a> um grob 35 Prozent im zweiten Quartal gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum einbrachen, <a href=\"https://salaamgateway.com/story/how-much-was-turkeys-tourism-impacted-by-covid-19-jan-to-jun-2020\">besuchten</a> 75 Prozent weniger Besucher*innen die T\u00fcrkei im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. <a href=\"https://www.dailysabah.com/business/tourism/turkeys-tourism-revenues-could-hit-15b-in-2020-despite-pandemic\">Optimistische Hochrechnungen</a> gehen davon aus, dass die Einnahmen aus dem Tourismus im gesamten laufenden Jahr um mehr als 50 Prozent gegen\u00fcber 2019 einbrechen k\u00f6nnten. Der <a href=\"https://www.imf.org/en/Countries/TUR\">IWF</a> rechnet mit einem Einbruch des Bruttoinlandproduktes von f\u00fcnf Prozent \u00fcber das gesamte Jahr, die <a href=\"https://www.bloomberght.com/oecd-turkiye-nin-2020-de-yuzde-29-daralmasini-bekliyor-2264456\">OECD</a> hingegen von 2,9 Prozent, w\u00e4hrend die <a href=\"https://www.birgun.net/haber/covid-19-doneminde-issizlik-ve-is-kaybi-tuik-in-bildigi-ama-soyle-ye-medigi-gercekler-308063\">echte Arbeitslosenquote</a> <b>[4]</b> schon jetzt um die 25 Prozent betr\u00e4gt und bei <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anar-dan-anket-vatandaslarin-yuzde-77-6-si-salgindan-sonraki-en-buyuk-sorunu-ekonomi-olarak-goruyor,880458\">Umfragen</a> mindestens die H\u00e4lfte aller Beteiligten \u00fcber <a href=\"https://sendika63.org/2020/05/bisam-iscilerin-yuzde-92si-borclu-her-uc-isciden-ikisinin-tuketici-kredisi-borcu-var-588761/#more\">finanzielle Einbu\u00dfen</a>, <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/05/turkey-manufacturing-demand-inflation-virus.html\">N\u00f6te</a> und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/istanbul-universitesi-nden-koronavirus-arastirmasi-calisani-issizlik-korkusu-sardi-vatandas-hayatina-yonelik-kontrol-duygusunu-kaybetti-huzursuz,880015\">Zukunfts\u00e4ngste</a> im Zuge der Pandemie klagt. Bis zu 20 Millionen Menschen k\u00f6nnten in die <a href=\"https://ca.reuters.com/article/us-health-coronavirus-turkey-poverty-ana-idCAKBN2611BD\">Armut</a> rutschen, doppelt so viele wie bisher.</p><p>Dem Regime stehen dabei nur sehr begrenzte Mittel zur Verf\u00fcgung, um die aktuelle Krise zu bek\u00e4mpfen. Wegen der <a href=\"https://jacobinmag.com/2019/03/erdogan-akp-turkey-local-elections\">strukturellen Schw\u00e4chen</a> des Neoliberalismus in der T\u00fcrkei (hohe Abh\u00e4ngigkeit von ausl\u00e4ndischen Kapitalfl\u00fcssen, Devisen, Importen f\u00fcr Binnen- wie Exportproduktion und so weiter) kam die t\u00fcrkische Wirtschaft schon 2013 ins Straucheln, als die us-amerikanische Zentralbank (US Fed) das Ende ihres zwecks Bek\u00e4mpfung der Krise 2007ff. implementierten Anleihekauf- und Geldexpansionsprogramms (<i>quantitative easing</i>) verk\u00fcndete. Die teilweise Abwendung des Regimes vom neoliberaliberalen Konstitutionalismus wie die Abl\u00f6sung nichtpolitischer Institutionen und Wirtschaftspolitiken durch die Re-Politisierung des Wirtschaftsmanagements sowie Erdo\u011fans dezisionistische Politikgestaltung kamen erschwerend hinzu, so dass es seit 2013 zu mehreren Einbr\u00fcchen der Wirtschaft und einer Instabilit\u00e4t derselben kam. Als diese Instabilit\u00e4t im Sommer 2018 ausgel\u00f6st durch einen diplomatischen Konflikt mit den USA zu einem <a href=\"https://www.researchgate.net/publication/333951280_The_Making_of_Turkey&#x27;s_2018-2019_Economic_Crisis\">schweren W\u00e4hrungsschock</a> f\u00fchrte, explodierten die Importkosten und Auslandsschulden des Privatsektors, was wiederum zu R\u00fcckzahlungsproblemen, Schuldenumstrukturierungen im Milliardengr\u00f6\u00dfe, einer Explosion der Inflation und zu einem Inflations-induzierten Konsumtionseinbruch f\u00fchrte.</p><p>Als die Corona-induzierte Wirtschaftskrise unter diesen Umst\u00e4nden einsetzte, intervenierte die Regierung zuerst in dreierlei Art und Weise, um Unternehmen zu st\u00fctzen. Zum einen wurde im M\u00e4rz ein <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/03/19/saraylara-milyarlik-koruma-kulubelere-kolonya/\">Konjunkturpaket</a> im Umfang von 100 Milliarden T\u00fcrkischen Lira (TL) (derzeit etwas weniger als 11,5 Milliarden Euro) verabschiedet, das haupts\u00e4chlich aus Steuererleichterungen und Lohnnebenkostenhilfen bestand, aber fast nichts f\u00fcr die Werkt\u00e4tigen selbst beinhaltete. Zum zweiten intervenierte die Regierung mittels Zentralbank (TCMB) und anderen \u00f6ffentlichen Banken massiv in den Finanzmarkt und den Au\u00dfenhandel, um einen weiteren Fall der Lira angesichts der sich tr\u00fcbenden Weltwirtschaftslage und der <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-market-volatility-lira.html\">einsetzenden Kapitalflucht</a> von etwas mehr als 11 Milliarden US-Dollar in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres zu verhindern. Das beinhaltete den <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-04/turkish-lira-rates-blow-out-to-1000-after-currency-intervention\">Verkauf von Devisenreserven</a> der Zentralbank in einer Gr\u00f6\u00dfenordnung von grob 65 Milliarden US-Dollar von Anfang des Jahres bis Ende Juli, aber auch die Einf\u00fchrung von leichten Kapitalverkehrskontrollen und Handelsbeschr\u00e4nkungen <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/05/13/turkiyede-rejim-sorunu-ile-ilgili-bir-tartisma/\">wie</a> die Beschr\u00e4nkung des Devisenhandels und die Erh\u00f6hung von <a href=\"https://ahval.me/turkey-imports/turkeys-finance-minister-vows-press-measures-curb-imports\">Importz\u00f6llen</a> auf <a href=\"https://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/arbeitspapiere/CATS_Working_Paper_Nr_5_Doruk_Arbay.pdf\">mittlerweile</a> fast 5000 Waren. Drittens stieg die Kreditvergabe an angeschlagene Unternehmen zu <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-06-16/post-lockdown-turkey-snapshot-shows-economic-damage-hard-to-undo\">realen Negativzinsen</a> \u00fcber \u00f6ffentliche Banken <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-17/turkey-s-homemade-economic-pain-won-t-cost-traders-any-sleep\">explosionsartig</a>.</p><p>Inmitten dieses Corona-Einbruchs und der Krisenma\u00dfnahmen setzte pl\u00f6tzlich erneut ein <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkish-lira-falls-two-percent.html\">schwerer W\u00e4hrungsschock</a> im August ein. Als der Tagessatz f\u00fcr TL-Swaps<b> [5]</b> in London in der <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-04/turkish-lira-rates-blow-out-to-1000-after-currency-intervention\">Nacht des 4. August</a> auf unglaubliche 1050 Prozent sprang \u2013 weil die schon erw\u00e4hnten <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/swap-yabanci-banka-yasagi-ve-ekonomi-yonetiminin-buyuk-acmazi,26692\">Kapitalrestriktionen</a> f\u00fcr ausl\u00e4ndische Banken und Restriktionen von <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/05/albayrak-reassures-investors-turkish-lira-falls.html\">TL-Swaps</a> zu einer TL-Krise von Anlegern und daran anschlie\u00dfend zu einem Panikverkauf von TL-dotierten Aktien und Wertpapieren zwecks Beschaffung von Liquidit\u00e4t in TL f\u00fchrte \u2013 fiel der Wert der Lira ins Bodenlose: Seit Anfang des Jahres bis zum 17. September verlor die Lira fast 27 Prozent gegen den <a href=\"https://www.dunya.com/finans/doviz/SUSD/abd-dolari\">US-Dollar</a> und 32 Prozent gegen\u00fcber dem <a href=\"https://www.dunya.com/finans/doviz/SEUR/euro\">Euro</a>, den zwei f\u00fcr die t\u00fcrkische Wirtschaft wichtigsten Auslandsw\u00e4hrungen. Relativ schnell gingen die <a href=\"https://www.ft.com/content/cb70275f-8b7d-453c-9184-6d65815a8b10\">Nettoreserven</a> der TCMB \u2013 ausschlie\u00dflich Swaps \u2013 ins Negative und die TCMB musste <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/07/turkey-central-bank-peg-legged-foreign-currency-reserves.html\">Swapdeals</a> mit Qatar, China und den Privatbanken der T\u00fcrkei abschlie\u00dfen, um die Lage zu retten \u2013 was nicht viel brachte, da nun die negativen Nettoreserven exklusive Swaps der TCMB die Situation versch\u00e4rften. Weil Erdo\u011fan seit Jahren gegen die Erh\u00f6hung des Leitzinses ist \u2013 und zwar nicht, weil er ein Idiot ist oder an eine \u00bbheterodoxe Wirtschaftstheorie\u00ab glaubt, sondern weil er zurecht die Vernichtung der kleinen und mittleren Unternehmen, eines wichtigen Elements seiner popularen Basis durch h\u00f6here Zinsraten bef\u00fcrchtet \u2013, blieb der TCMB nichts anderes \u00fcbrig als im Prinzip eine <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-turkish-lira-usd-policy-reversal-pose-erdogan-risks.html\">180\u00b0-Wendung</a> in der Krisenbek\u00e4mpfung hinzulegen: Der massiven Kreditexpansion folgte eine ebenso massive <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-economy-external-debt-crunch-family-silver-will-next.html\">Kreditkontraktion</a> und die TCMB fing an durch die <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-17/pressure-mounts-on-central-bank-as-lira-declines-inside-turkey\">Hintert\u00fcr</a> die Zinsraten zu erh\u00f6hen, obzwar der Leitzins unver\u00e4ndert blieb.</p><p>Vergeblich die Tausend Bem\u00fchungen der Sterblichen: Die Lira st\u00fcrzt weiter und Expert*innen gehen davon aus, dass der TCMB <a href=\"https://www.bloomberght.com/yurt-disi-ve-yurt-icinden-ekonomistler-tcmb-faiz-kararini-degerlendirdi-2262661\">so langsam</a> die Alternativen zur Erh\u00f6hung des Leitzines ausgehen, <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-central-bank-keeps-interest-rates.html\">da</a> die negativen Realzinsen Investitionen behindern und Druck auf Bankeinlagen erzeugen, weil Konsument*innen wegen Furcht vor Kaufkraftverlust ihr Geld abziehen und in sicherere Anlagen wie Immobilien oder Wertmetalle deponieren. <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/09/turkey-drastic-tax-hike-on-car-imports-to-suppress-demand.html\">Goldimporte</a> belegen mittlerweile mit einem Anstieg von 119 Prozent in den ersten acht Monaten des Jahres gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum Platz eins im Leistungsbilanzdefizit der T\u00fcrkei und die Regierung zerbricht sich den Kopf dar\u00fcber, wie sie all die Sch\u00e4tze, die <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-09-11/turkey-has-new-plan-to-crack-open-under-the-mattress-gold-hoard\">unter den Matratzen</a> versteckt werden und fast halb so viel wert sind wie das Bruttoinlandsprodukt der T\u00fcrkei, in das Finanzsystem \u00fcberf\u00fchren kann. Gleichzeitig <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-09-17/turkish-bank-stocks-dumped-by-foreigners-sink-to-record-discount\">fallen</a> die Aktienpreise t\u00fcrkischer Banken stark wegen sinkender Profitaussichten (da realer Negativzins) und private Haushalte investieren immer mehr nicht mehr nur in ausl\u00e4ndische W\u00e4hrungen, die <a href=\"https://www.tcmb.gov.tr/wps/wcm/connect/122c325c-6afd-4718-8573-49f75964ff34/Money_Bank.pdf?MOD=AJPERES&amp;CACHEID=ROOTWORKSPACE-122c325c-6afd-4718-8573-49f75964ff34-nirR1xf\">mittlerweile</a> \u00fcber 50 Prozent aller Bankeinlagen ausmachen, sondern in <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-09-15/turks-are-yield-hunting-as-lira-s-woes-deepen-love-for-dollars\">Eurobonds</a> (Wertpapiere in ausl\u00e4ndischer W\u00e4hrung), weil diese h\u00f6here Profite versprechen als W\u00e4hrungseinlagen. Ob die von der TCMB am 24. September vorgenommene <a href=\"https://www.tcmb.gov.tr/wps/wcm/connect/en/tcmb+en/main+menu/announcements/press+releases/2020/ano2020-58\">Erh\u00f6hung des Leitzinses</a> um 200 Basispunkte von 8,25 Prozent auf 10,25 Prozent einen wirklichen Trendwechsel im Krisenmanagement markiert, wird sich noch zeigen, <a href=\"https://www.bloomberght.com/uzmanlar-merkez-in-surpriz-faiz-artirimini-degerlendirdi-2265168\">vor allem</a> da der de facto Zins wegen den Hintert\u00fcr-Ma\u00dfnahmen schon h\u00f6her liegt und 10,25 Prozent immer noch einen realen Negativzins darstellen. Berat Albayrak hingegen ist weiterhin erpicht darauf, seine k\u00fcnstlerische Dauerperformance mit dem Titel \u00bbFinanzminister der T\u00fcrkei\u00ab weiter aufzuf\u00fchren: <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-09-09/q-a-turkey-s-finance-minister-comments-on-economy-lira-energy\">Seiner Ansicht nach</a> werde \u00bbdynamisch\u00ab mit der Situation umgegangen und gewinne die T\u00fcrkei wegen einer \u00bbkompetetiven W\u00e4hrung\u00ab, was zu einem H\u00f6henflug f\u00fchren werde.</p><p>Fast alle diese Ma\u00dfnahmen der Regierung <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/06/12/buyurun-yatirima/\">widersprechen</a> strengen Dogmen des Neoliberalismus. Es scheint aber zu fr\u00fch, um deshalb schon von einem <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/05/13/turkiyede-rejim-sorunu-ile-ilgili-bir-tartisma/\">Post-Neoliberalismus</a> in der T\u00fcrkei als eines eigenen Akkumulationsregimes zu sprechen, wie es der marxistische Wirtschaftswissenschaftler \u00dcmit Ak\u00e7ay zu tun scheint. Ebenso verkehrt ist es, von einem <a href=\"https://www.zedbooks.net/shop/book/turkeys-new-state-in-the-making/\">neuen Neoliberalismus</a> in der T\u00fcrkei zu sprechen, wie es die Marxistin P\u0131nar Bedirhano\u011flu schon seit l\u00e4ngerem tut. Neoliberalismus l\u00e4sst sich nicht allein verstehen mittels eines Blicks auf das Verh\u00e4ltnis von Kapital und Arbeit; es muss auch noch das Verh\u00e4ltnis von Staat und Kapital und letztlich die Gesellschaftsformation als Ganze in Betracht gezogen werden. Die <a href=\"https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Studien/Studien_6-19_Globalisierung.pdf\">schwierige</a>, teils <a href=\"https://emedien.arbeiterkammer.at/viewer/image/AC15181468/1/LOG_0003/\">widerspr\u00fcchliche</a> Beziehung zwischen autorit\u00e4ren Populisten an der Macht, dem Neoliberalismus und den f\u00fchrenden Fraktionen des Gro\u00dfkapitals wurde von kritischen Forscher*innen global vergleichend herausgearbeitet. Ob es sich in der T\u00fcrkei bez\u00fcglich der politischen \u00d6konomie derzeit um einen \u00dcbergang zu einer anderen Akkumulationsweise oder gar zu einem neuen Neoliberalismus handelt, l\u00e4sst sich gar nicht so genau angeben, da sich die T\u00fcrkei in dieser Hinsicht derzeit eher in einem instabilen Krisenregime befindet, um dessen Stabilisierung unterschiedliche Akteure auf Grundlage unterschiedlicher Interessen und strategischen Vorstellungen miteinander fechten. Re-Politisierung des Wirtschaftsmanagements, eine viel zu starke und unkontrollierte Autonomie der Exekutive, Isolation in der Au\u00dfenpolitik und gesellschaftliche Polarisierung beschr\u00e4nken und behindern auch in der T\u00fcrkei die Mobilit\u00e4t, Stabilit\u00e4tsinteressen und Kontrolle der f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals, weswegen sich der gr\u00f6\u00dfte Interessenverband des Gro\u00dfkapitals, T\u00dcSIAD, seit 2013 durchgehend diesbez\u00fcglich beschwert.</p><p>Auch w\u00e4hrend der Corona-Pandemie betonte der T\u00dcSIAD, dass <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/05/turkey-reopens-coronavirus-curfew.html\">zu fr\u00fche Lockerungen</a> gef\u00e4hrlich sind, eine <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/05/27/tusiad-ve-musiad-firsati-nasil-goruyor/\">Importsubstitution</a> gro\u00dfe Sch\u00e4den verursacht, dass Frauenrechte <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tusiad-istanbul-sozlesmesi-yasatir,891479\">zu achten</a> sind und <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/tusiad-baskani-kaslowski-algi-yonetimi-yetmez-piyasayla-barisilmali-haberi-480401\">letztlich</a> dass ein politisiertes und Kredit-basiertes Wirtschaftsmanagement nicht funktioniert und stattdessen ein produktives Update des t\u00fcrkischen Kapitalismus vonn\u00f6ten ist. Selbstverst\u00e4ndlich sind es aber zugleich die f\u00fchrenden Fraktionen des Gro\u00dfkapitals in der T\u00fcrkei, die am meisten von der Wirtschaftspolitik der Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) profitierten \u2013 sei es durch Privatisierungen, Flexibilisierung der Arbeitsverh\u00e4ltnisse oder dem Zufluss von ausl\u00e4ndischem Kapital. Daher sehen sie die derzeitige Krise auch als <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/05/27/tusiad-ve-musiad-firsati-nasil-goruyor/\">gro\u00dfe Chance</a>: Die Interessenverb\u00e4nde des Gro\u00dfkapitals, ob nun eher islamisch-konservativ (M\u00dcSIAD) oder westlich-laizistisch (T\u00dcSIAD) orientiert, reden davon, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen sei, China in der globalen Wertsch\u00f6pfungskette zu ersetzen. Die vorgeschlagenen Mittel sind dystopisch: Die Rede ist von riesigen, abgeschotteten Industrie-St\u00e4dten mit rechtlosen Arbeitskr\u00e4ften und einem elektronischen \u00dcberwachungspanopticon unter dem Deckmantel der Pandemiebek\u00e4mpfung. Gleichzeitig arbeitet die Regierung auf Anweisung von Erdo\u011fan an Gesetzen, um das Abfindungsrecht massiv einzuschr\u00e4nken und Teilzeitarbeit zu normalisieren. Der linke Gewerkschafter Aziz \u00c7elik warnt, auf dem Hintergrund der oben erw\u00e4hnten Erfahrung mit dem \u00bbgeschlossenen Arbeitssystem\u00ab bei Vestel, zu Recht vor \u00bb<a href=\"https://www.birgun.net/haber/covid-19-covid-1984-olmasin-salgin-ve-calismanin-gelecegi-301297\">Covid-1984</a>\u00ab.</p><p>F\u00fcr die Armen und Mittellosen hat der Staat jedenfalls so gut wie nichts \u00fcbrig. Das Kurzarbeitergeld f\u00fcr formell Besch\u00e4ftigte beschr\u00e4nkt sich auf etwas weniger als f\u00fcnf Euro pro Tag. <a href=\"https://www.birgun.net/haber/salgin-doneminde-yoksula-ve-isciye-verilen-destek-yeterli-mi-sosyal-koruma-kalkani-gercekleri-310519\">Davon</a> und von \u00e4hnlichen Zuwendungen profitierten zwar grob sechs Millionen Arbeiter*innen bis Anfang August. Aber allein die Unterst\u00fctzungszahlungen des staatlichen Arbeitslosenfonds <a href=\"https://www.birgun.net/haber/salgin-doneminde-yoksula-ve-isciye-verilen-destek-yeterli-mi-sosyal-koruma-kalkani-gercekleri-310519\">an Unternehmen</a> (!) seit 2019 bis heute sind h\u00f6her als die Gesamtsumme an Kurzarbeitergeldern, die der Fonds im Zuge der Corona-Pandemie an Werkt\u00e4tige und Arbeitslose auszahlte. Auch die <a href=\"https://bizbizeyeteriz.gov.tr/\">offiziellen Zahlen</a> des Pr\u00e4sidialamtes zeigen auf, dass alle Unterst\u00fctzungszahlungen f\u00fcr Werkt\u00e4tige bis Anfang September grob ein Drittel so gro\u00df waren wie das unternehmensfreundliche Hilfspaket vom M\u00e4rz. Also appellierte der Staat an die Bev\u00f6lkerung das zu tun, was eigentlich Aufgabe des Staates ist, n\u00e4mlich sich um Menschen in Notlagen zu k\u00fcmmern: Fast zeitgleich riefen Erdo\u011fan wie die von der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP) gef\u00fchrten Stadtregierungen separat zu Spendenkampagnen f\u00fcr Bed\u00fcrftige auf. Die offizielle Kampagne von Erdo\u011fan konnte nach eigenen Angaben bis zum 30. Juni etwas weniger als 280 Millionen Euro zusammentragen. Die ganze Misere macht sich allerdings erst auf lokaler Ebene fest: Zur bisherigen Hochzeit der Pandemie im Mai beantragten <a href=\"https://t24.com.tr/haber/istanbul-da-her-7-haneden-biri-belediyeden-yardim-istedi-en-fazla-destek-alan-ilceler-esenyurt-bagcilar-sultangazi,877743\">ein Siebtel</a> aller Istanbuler Haushalte, mehrheitlich aus den \u00e4rmsten Vierteln, individuelle Hilfsleistungen bei der Stadtregierung; in Ankara wurden bis Ende Mai G\u00fcter im Wert von \u00fcber 30 Millionen TL (grob 3,4 Millionen Euro) durch die Vermittlung der Stadtregierung an Bed\u00fcrftige gespendet. Laut eigenen Angaben <a href=\"https://www.birgun.net/haber/chp-li-torun-uyardi-belediyelerimiz-kapisina-kilit-vurmak-zorunda-kalabilir-300761\">versorgten</a> CHP-gef\u00fchrte Kommunen bis Ende Mai insgesamt mehr als vier Millionen Familien mit Hilfen. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-baskani-istanbul-vakfi-na-yapilan-bagislar-hedefinin-ustune-cikti-130-bin-ihtiyac-sahibi-ailemizin-evine-kurban-eti-ulasacak,894341\">Diese</a> und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-in-afiyet-ver-kampanyasina-24-saatte-1-milyon-650-bini-askin-lira-destek,893007\">\u00e4hnliche</a> Kampagnen gingen weiter bis zum Opferfest (<i>kurban bayram\u0131</i>). Das war dem Regime ein Dorn im Auge.</p><h2><b>Versuche autorit\u00e4rer Konsolidierung</b></h2><p>Die Corona-Pandemie und ihre Bek\u00e4mpfung leiteten Akt Zwei im Kampf um die Gro\u00dfst\u00e4dte ein. Nachdem das Regime bei den <a href=\"https://revoltmag.org/articles/politisches-erdbeben-istanbul/\">Kommunalwahlen letzten Jahres</a> fast alle wichtigen Gro\u00dfst\u00e4dte inklusive Istanbul und Ankara verlor, wurde es seine Leitlinie, die oppositionellen CHP-B\u00fcrgermeister finanziell lahmzulegen und ihren Handlungsspielraum \u00fcber die noch von den Regime-Parteien dominierten Stadtparlamente zu <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-akp-grabs-authority-of-mayors-with-chp-istanbul-chora.html\">blockieren</a>. So sollte verhindert werden, dass die Opposition \u00fcber erfolgreiche Lokalpolitik an Fahrt aufnimmt. Als nun die CHP-B\u00fcrgermeister ihre eigenen lokalen Spendenkampagnen ins Leben riefen, <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-52127212\">intervenierte</a> das Innenministerium sofort und verbot die Annahme von monet\u00e4ren Spenden seitens der Stadtregierungen. Erdo\u011fan sprach vom Versuch, einen <a href=\"https://www.dw.com/tr/erdo%C4%9Fan-devlet-i%C3%A7inde-devlet-olman%C4%B1n-bir-anlam%C4%B1-yoktur/a-52982162\">Parallelstaat</a> aufzubauen, und verglich das Vorgehen der B\u00fcrgermeister mit <a href=\"https://medyascope.tv/2020/04/20/cumhurbaskani-erdogandan-chpli-belediyelere-bu-tur-tesebbusler-gecmiste-feto-ve-pkk-gibi-orgutler-tarafindan-da-denenmisti/\">Terrorismus</a>.</p><p>Daraufhin wichen die Stadtregierungen auf Naturalhilfen und die Vermittlungst\u00e4tigkeit von Spenden aus. Die Rechnung der Regierung ging somit nicht auf: Die <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/avrasya-arastirma-dan-anket-secimler-yenilense-mevcut-buyuksehir-belediye-baskanina-oy-verir-misiniz,9966\">Zustimmungswerte</a> f\u00fcr die oppositionellen B\u00fcrgermeister*innen und ihre Parteien steigen kontinuierlich; Opposition und AKP beziehungsweise Erdo\u011fan nehmen sich in Umfragen nicht mehr viel. Gleichzeitig brechen aber die Einnahmen der St\u00e4dte ein, und die Regimeparteien reduzieren oder blockieren Finanzmittel und Kreditaufnahme. Schon jetzt k\u00fcndigt der Istanbuler B\u00fcrgermeister Imamo\u011flu (CHP) ein <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/ibbden-ek-tasarruf-hamlesi-tum-birimlere-yazi-gitti-1745673\">K\u00fcrzungsprogramm</a> von 35 Prozent in allen Ressorts an. Wie lange die Ressourcen der oppositionellen B\u00fcrgermeister reichen, ist ungewiss.</p><p>Um die schwindende Legitimation auszugleichen, griff das Regime auf seine altbekannten Taktiken autorit\u00e4rer Konsolidierung zur\u00fcck. Zum einen ging die Repression, insbesondere gegen die linke, pro-kurdische Demokratische Partei der V\u00f6lker (HDP), nahtlos weiter: <a href=\"https://pomed.org/snapshot-democracy-denied-unfair-elections-and-overturned-results-for-turkeys-kurds/\">Mittlerweile</a> sind fast alle HDP-B\u00fcrgermeister*innen wegen \u00bbTerrorverdachtes\u00ab abgesetzt, drei <a href=\"https://yetkinreport.com/2020/06/05/uc-vekil-daha-hapiste-meclis-vesayet-altinda/\">Parlamentarier*innen</a> (zwei von der HDP, einer von der CHP) wurden teils zeitweise inhaftiert, missliebige Richter*innen wie die Vorsitzende der Richter*innengewerkschaft Ay\u015fe Sar\u0131su Pehlivan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/izmir-hakimi-orhan-gazi-ertekin-e-grup-yorum-paylasimi-sorusturmasi,878748\">strafversetzt</a> oder vom Dienst <a href=\"http://www.cumhuriyet.com.tr/haber/hakim-ayse-sarisu-pehlivan-gorevden-uzaklastirildi-1738967\">suspendiert</a>. Erst <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/09/25/kars-belediyesi-es-baskani-sevin-alaca-ayhan-bilgenin-evi-araniyor/\">heute</a> wurde wieder zu einem gro\u00dfen Schlag gegen HDP und andere Linke in mehrere St\u00e4dten ausgeholt: 82 Personen, darunter ehemalige Parlamentarier*innen wie S\u0131rr\u0131 S\u00fcrreyya \u00d6nder oder Altan Tan, wurden festgenommen unter den abstrusesten Terrorvorw\u00fcrfen.</p><p>Aber Repression und Autoritarismus sind auch ein mobilisierendes Mittel der Herrschaftssicherung, sofern sie in der Lage sind, eine autorit\u00e4re Basis aufzubauen, die den autorit\u00e4ren Staat st\u00fctzt und selbst wiederum von ihm gest\u00fctzt und aufgewertet wird. Das funktioniert partiell. <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkey-minorities-threats-attacks.html\">Drei armenische Kirchen</a> wurden innerhalb eines Monats angegriffen, die Hrant-Dink-Stiftung hat Todesdrohungen bekommen, die <a href=\"https://sendika63.org/2020/05/beldeki-silah-kanun-olunca-polis-siddeti-dur-durak-bilmedi-darp-tehdit-kufur-ve-ters-kelepce-588411/\">allt\u00e4gliche Polizeigewalt</a> hat zugenommen, ebenso anti-kurdische \u00dcbergriffe. Eine AKP-Anh\u00e4ngerin konnte live im Fernsehen dar\u00fcber <a href=\"https://t24.com.tr/haber/15-temmuz-boslugumuza-geldi-istediklerimizi-yapamadik-diyen-sevda-noyan-ifadesinde-geri-adim-atti-bos-bulunarak-soyledim-ozur-dilerim,881744\">fantasieren</a>, dass ihre Familie mindestens ein paar Dutzend Oppositionelle umbringen kann. Kein Wunder, dass unz\u00e4hlige kleine Despot*innen wie Pilze aus dem Boden schie\u00dfen, wenn der Staatspr\u00e4sident gegen die \u00bbarmenische und griechische Lobby\u00ab wettert, das Innenministerium Folter durch die Polizei verteidigt und generell von den h\u00f6chsten Staatsspitzen aus eine extrem polarisierende und chauvinistische Rhetorik gegen Oppositionelle und Minderheiten gefahren wird. Die R\u00fcckwandlung der <a href=\"https://www.jadaliyya.com/Details/41518/What-Is-in-a-Place-Hagia-Sophia-in-the-Affective-Topography-of-Populism-in-Turkey-41518\">Hagia Sophia</a> in eine Moschee mit bis zu 300.000 Beteiligten beim ersten Freitagsgebet vom 24. Juli diente demselben Ziel der Konsolidierung der Regimebasis durch einen rasenden nationalistisch-islamistischen Chauvinismus.</p><p>Gleichzeitig wurde ein <a href=\"https://t24.com.tr/haber/infaz-sureleri-yariya-iniyor-cinsel-dokunulmazliga-karsi-suclarda-indirim-yok,869946\">Gesetz</a> verabschiedet, das die Entlassung von bis zu 90.000 Straft\u00e4tern aus den Gef\u00e4ngnissen erm\u00f6glichte \u2013 politische Gefangene ausgenommen. Frauenorganisationen f\u00fchren unter anderem darauf den <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/04/turkey-domestic-violence-rises-coronavirus.html\">Anstieg von Gewalt an Frauen</a> zur\u00fcck. Mittlerweile wird offen \u00fcber einen Austritt aus der Istanbul-Konvention debattiert, die der Pr\u00e4vention von h\u00e4uslicher Gewalt und Gewalt gegen Frauen dient. Als der oberste Religionsgelehrte des Landes seitens der Anwaltskammer von Ankara stark kritisiert wurde, weil er \u00f6ffentlich \u00e4u\u00dferte Homosexuelle w\u00fcrden Krankheiten verbreiten und zur Degeneration beitragen, stellte sich Erdo\u011fan hinter den Religionsgelehrten und sah die \u00bb<a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-ankara-barosu-na-diyanet-isleri-baskani-miza-kullanilan-uslup-devletimize-yapilan-bir-saldiridir,875302\">nationalen Werte</a>\u00ab in Gefahr. \u00c4hnlich <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkey-lgbt-propaganda-red-crescent.html\">ausfallend</a> \u00fcber LGBTI+ \u00e4u\u00dferten sich der Vorsitzende des Roten Halbmondes in der T\u00fcrkei und der Pr\u00e4sidentensprecher, w\u00e4hrend seitens der AKP als eines der <a href=\"https://www.turkiyegazetesi.com.tr/gundem/726030.aspx\">Hauptargumente</a><i> gegen</i> (!) die Istanbul-Konvention die angebliche F\u00f6rderung von LGBT-Identit\u00e4ten durch dieselbe angef\u00fchrt wird. War die Anrufung einer autorit\u00e4ren, patriarchalen Heteronormativit\u00e4t <a href=\"https://www.advocate.com/commentary/2020/9/01/turkeys-government-using-antigay-hate-retain-power\">stets ein beliebtes Mittel</a> der AKP, so <a href=\"https://www.theguardian.com/world/2020/aug/29/grumpy-virgin-bows-out-drag-becomes-political-act-turkey\">radikalisiert</a> sich diese angesichts von Corona und gender-basierter<i> hate speech</i> von oben f\u00fchrt zu gender-basierter Gewalt von unten: Die LGBTI+-Organisation SPoD berichtet von einer Verdopplung von <a href=\"http://spod.org.tr/SourceFiles/pdf-2020623151720.pdf\">Hilfegesuchen</a> wegen gender-basierter Diskriminierung und Gewalt in den 45 Tagen seit jenen \u00c4u\u00dferungen des obersten Religionsgelehrten.</p><p>Auch institutionell wurden Schritte zur autorit\u00e4ren Verankerung unternommen: Ein Gesetzespaket gab der zus\u00e4tzlich zur Polizei neu gegr\u00fcndeten und \u00fcber 20.000 Mann starken Sicherheitsstruktur der Nachtw\u00e4chter (<i>bek\u00e7i</i>) das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tbmm-de-kabul-edildi-bekciler-zor-ve-silah-kullanma-yetkisine-sahip-olacak,883391\">Recht zur Waffennutzung</a>. Diese steht mutma\u00dflich der Regierung nahe und f\u00e4llt durch <a href=\"https://newhumanist.org.uk/articles/5678/watching-the-watchmen\">brutale \u00dcbergriffe</a> auf. Eine andere relativ autonome und haupts\u00e4chlich dem hohen Staatspersonal zugeordnete Sicherheitsstruktur innerhalb der bestehenden Polizei, die Hilfseinsatzkr\u00e4fte der Polizei (<i>Takviye Haz\u0131r Kuvvet Polis Birimi</i>), wurde <a href=\"https://t24.com.tr/haber/emniyet-istanbul-a-takviye-birlik-kuruyor,898229\">verst\u00e4rkt</a>. Zudem <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/akp-chp-ve-iyi-parti-gruplarini-ziyaret-ederek-uzlasi-aradi-1747282\">verabschiedeten</a> die Regimeparteien ein Gesetz, das die Macht der oppositionellen und mitgliedsst\u00e4rksten Anwaltskammern (Istanbul, Izmir und Ankara) <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/07/turkey-lawyers-bar-association-bill-parliament.html\">bricht</a> und die regimetreuen und mitgliedsschwachen anatolischen Anwaltskammern st\u00e4rkt. Angek\u00fcndigt ist ein \u00e4hnliches Vorgehen gegen fast alle restlichen relativ autonomen und regimekritischen Kammern (\u00c4rztekammer, Ingenieurskammer), w\u00e4hrend Erdo\u011fans Hauptb\u00fcndnispartner, der Chef der faschistischen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) Devlet Bah\u00e7eli gar gleich ganz die <a href=\"https://www.dw.com/tr/bah%C3%A7eli-ttbyi-incelemek-i%C3%A7in-heyet-kurduk/a-54981255\">Schlie\u00dfung der \u00c4rztekammer</a> fordert. Aus der Perspektive legislativer Macht ist das Parlament de facto dysfunktional geworden, da Erdo\u011fan in den zwei Jahren seiner Pr\u00e4sidentschaft nach dem neuen Pr\u00e4sidentschaftssystem mehrere Dutzend <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/08/20/aymden-2-yil-denetimi-91-basvuru-11-karar-6-ret/\">Gesetze</a> und Tausende von <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkey-executive-presidency-proved-to-be-fail-in-two-years.html\">Gesetzes\u00e4nderungen</a> in Form von Pr\u00e4sidialdekreten ohne Beteiligung des Parlaments und noch nicht einmal seiner eigenen Partei erlassen hat.</p><p>Nicht zuletzt nimmt das milit\u00e4rische Engagement der T\u00fcrkei zu. Nach mehreren Invasionen in die mehrheitlich kurdisch kontrollierten Teile Nord- und Nordwestsyriens (auch Rojava genannt) in den letzten Jahren, legte sich die T\u00fcrkei kurz vor Ausbruch der Pandemie mit dem syrischen Regime im letzten gr\u00f6\u00dferen, mehrheitlich von Jihadisten kontrollierten Gebiet in Nordwestsyrien, Idlip, an. Noch mitten in der Pandemie intervenierte die T\u00fcrkei zus\u00e4tzlich in Libyen zugunsten der \u00dcbergangsregierung (GNA) von as-Sarraj und konnte nicht nur deren totale Niederlage gegen General Hafter abwenden, sondern ihr sogar zu einer <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/05/turkey-libya-fall-of-wattiya-plays-into-hands-of-erdogan.html\">Offensive</a> verhelfen. Parallel dazu begann die T\u00fcrkei im Juni wieder mit mehreren Milit\u00e4roperationen im Irak, um logistische Strukturen der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zu zerschlagen. Zielt der Libyeneinsatz auf eine Gro\u00dfraumkontrolle im <a href=\"https://foreignpolicy.com/2020/08/18/eastern-mediterranean-greece-turkey-warship-geopolitical-showdown/\">\u00f6stlichen Mittelmeer</a> zwecks Zugriff auf Energieressourcen, so geht es in Syrien und im Irak eher um die Hegemonie im Nachkriegssyrien und die Zerschlagung kurdischer Autonomie. Und nat\u00fcrlich dient der Militarismus auch der Aufrechterhaltung des autorit\u00e4ren Regimes im Inneren.</p><p>Das in der Geschichte der T\u00fcrkischen Republik bisher einmalig breit aufgef\u00e4cherte au\u00dfenpolitische und milit\u00e4rische Auftreten entspricht zwar dem Aktionspotenzial des t\u00fcrkischen Kapitalismus und ist nur auf dem geschichtlichen Hintergrund <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/06/15/mavi-vatan-ve-turkiyenin-yeni-guvenlik-doktrini/\">neuer</a> <a href=\"https://www.iai.it/sites/default/files/iaip2017.pdf\">strategischer Perspektiven</a> und <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-africa-opening-fuels-cloud-wars-libya-somalia-niger.html\">Praktiken</a> zu verstehen, die unterschiedliche politische Eliten der T\u00fcrkei seit Ende der Sowjetunion <a href=\"https://warontherocks.com/2020/06/blue-homeland-the-heated-politics-behind-turkeys-new-maritime-strategy/\">entwickelten</a> und die wiederum einem <a href=\"https://www.washingtonpost.com/world/2020/08/10/treaty-sevres-erdogan-turkey/\">globalen Trend</a> zur Multipolarisierung entsprechen. Aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Schwerpunkten formuliert besteht der gemeinschaftliche Kern jener neuen strategischen Perspektiven darin, der T\u00fcrkei mehr Autonomie und Weltgeltung zu verschaffen mit dem Fokus auf die unmittelbare geographisch-kulturelle Umgebung der T\u00fcrkei beziehungsweise auf die sunnitisch-islamische Welt im Allgemeinen. Aber das derzeitige aggressive Vorgehen der Regierung bei der Umsetzung dieser Strategie erh\u00f6ht gleichzeitig die au\u00dfen- und innenpolitischen Risiken des Regimes. Nicht nur nimmt der Ertrag von \u00bb<a href=\"https://www.gmfus.org/publications/understanding-turkeys-coercive-diplomacy\">coercive diplomacy</a>\u00ab rapide ab, da ein einseitiger Fokus auf diese Taktik es der T\u00fcrkei verunm\u00f6glicht Demonstration milit\u00e4rischer St\u00e4rke in diplomatische Siege <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkey-libya-egypt-sirte-military-challenge-awaits-ankara.html\">umzuwandeln</a>. Zugleich muss die T\u00fcrkei nun aktiv gegen andere <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/09/14/dogu-akdenizde-u-donusu-mu/\">etablierte Interessen</a> wie die Russlands, \u00c4gyptens oder der Vereinigten Arabischen Emirate Politik machen. Die derzeitige exzessive Militarismus der T\u00fcrkei hat zu einer beispiellosen Isolation der T\u00fcrkei insbesondere in der arabischen Welt gef\u00fchrt: L\u00e4nder wie Bahrein, die Vereinigten Arabischen Emirate, \u00c4gypten und Israel, die bisher aus historischen Gr\u00fcnden nicht die besten Beziehungen miteinander unterhielten, haben sich <a href=\"https://www.middleeasteye.net/opinion/new-message-resounds-arab-world-get-ankara\">de facto</a> zu einem <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/09/turkey-israel-uae-deal-ankara-became-bane-of-arab-regimes.html\">Block gegen</a> die t\u00fcrkisch-imperialistischen Ambitionen zusammengeschlossen. Gleichzeitig bringt sich das Regime wegen der militarisierten Politik immer mehr um eine integrative L\u00f6sung der sogenannten \u00bbKurdischen Frage\u00ab nicht nur im Inneren der T\u00fcrkei.</p><h2><b>W\u00f6lfe unter sich</b></h2><p>Erdo\u011fan ist zwar als Staatspr\u00e4sident de jure die h\u00f6chste Macht im Staate, aber wie in allen autorit\u00e4ren Staaten regiert auch in der T\u00fcrkei kein Mann allein, sondern die W\u00f6lfe sind unter sich. Umso mehr Dezisionismus Konstitutionalismus ersetzt, umso mehr kristallisiert sich ein <a href=\"https://www.jstor.org/stable/pdf/40185021.pdf\">polykratischer F\u00fchrerstaat</a> heraus, in dem Machtgruppen miteinander ebenfalls dezisionistisch und unter Anrufung Erdo\u011fans als letzten Richter und gro\u00dfen Vermittler um Einfluss und Status konkurrieren. W\u00e4hrend sich die nationalistischen Fraktionen im Machtblock zunehmend durchsetzen, tun sich unterhalb Erdo\u011fans eine Reihe starker M\u00e4nner hervor, die nicht aus der Tradition des politischen Islams stammen. So der Innenminister Soylu, dessen von Erdo\u011fan abgelehnter R\u00fccktritt wegen des desastr\u00f6sen Vorgehens bei der ersten Ausgangssperre im Land \u2013 sie wurde vom Innenministerium zwei Stunden vor Inkrafttreten verk\u00fcndet, was zu einer <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sokaga-cikma-yasagi-aciklandiginda-panikle-disari-cikanlar-ne-aldi,873310%20\">Massenpanik</a> f\u00fchrte und Millionen auf die Stra\u00dfe zwecks Panikk\u00e4ufen trieb \u2013 weitestgehend als <a href=\"https://www.birartibir.org/siyaset/673-al-takke-yok-kulah\">erfolgreiches Machtman\u00f6ver</a> der nationalistischen Fraktion um Soylu gegen AKP-interne Kontrahent*innen gedeutet wird. Soylu ist mittlerweile einer der <a href=\"https://yetkinreport.com/2020/08/24/erdogana-halef-kim-albayrak-mi-soylu-mu-baskasi-mi/\">beliebtesten Politiker</a> im Land, insbesondere bei der Basis des Regimes, und wird als derjenige angesehen, der am besten dazu geeignet ist Erdo\u011fan zu ersetzen, sollte dieser den Vorsitz der AKP abgeben. Der Dezisionismus der unteren Ebenen kann dabei jederzeit vom Dezisionismus Erdo\u011fans gebrochen werden: Obwohl Innenministerium und Gesundheitsministerium \u2013 die beiden f\u00fcr die Pandemiebek\u00e4mpfung zentralen Ministerien \u2013 mit Zustimmung Erdo\u011fans am ersten Juniwochenende, als die \u00bbNormalisierung\u00ab eigentlich schon angefangen hatte, erneut eine Ausgangssperre f\u00fcr 15 St\u00e4dte beschlossen, <a href=\"https://odatv4.com/ikinci-soylu--koca-krizi-mi-05062043.html\">hob</a> Erdo\u011fan diesen Beschluss <a href=\"https://www.dw.com/tr/erdo%C4%9Fan-soka%C4%9Fa-%C3%A7%C4%B1kma-yasa%C4%9F%C4%B1n%C4%B1-iptal-etti/a-53694617\">nachtr\u00e4glich</a> auf, da er so etwas mit seinem \u00bbGewissen nicht vereinbaren\u00ab konnte. Als der Finanzminister Berat Albayrak 2018 im Zuge einer Offensive zur Rehabilitierung des Ansehens der t\u00fcrkischen Wirtschaftspolitik im Ausland ein B\u00fcro erschuf, das unter wesentlicher Beteiligung des internationalen Beratungsunternehmens McKinsey &amp; Company die Wirtschaftspolitik der t\u00fcrkischen Regierung \u00fcberpr\u00fcfen und bewerten sollte, <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2018/10/turkey-pins-hope-on-time-buying-measures-for-economy.html\">intervenierte</a> Erdo\u011fan innerhalb einer Woche und l\u00f6ste die Vereinbarung auf.</p><p>Auch das institutionelle Geflecht der Staatsapparate franst aus: Die Aufgabenteilung innerhalb der Exekutive ist mittlerweile unklar, da dem Pr\u00e4sidenten unterstehende Beratungsgremien und B\u00fcros <a href=\"https://www.academia.edu/38645550/Cumhurba%C5%9Fkanl%C4%B1%C4%9F%C4%B1_H%C3%BCk%C3%BCmet_Sistemi_ve_T%C3%BCrkiyede_Ekonomi_Y%C3%B6netiminin_D%C3%B6n%C3%BC%C5%9F%C3%BCm%C3%BC\">exekutive Arbeiten</a> wie die Planung des nationalen Wirtschaftsprogramms \u00fcbernehmen, die eigentlich jeweiligen Fachministerien wie dem Finanzministerium zugeordnet sein m\u00fcssten. Das f\u00fchrt zu einer <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/09/turkey-libya-syria-six-problems-aggressive-foreign-policy.html\">Erosion</a> des institutionellen Eigengewichts der jeweiligen Ministerien und ihrer relativ autonomen Traditionen und Operationsweisen wie beispielsweise des Au\u00dfenministeriums, das sich laut eines sich anonym \u00e4u\u00dfernden Diplomaten in einer \u00bb<a href=\"https://www.brookings.edu/wp-content/uploads/2019/01/20190111_turkey_presidential_system.pdf\">state of paralysis</a>\u00ab befindet. Politisierung und Klientelismus angef\u00fchrt durch den Pr\u00e4sidialapparat ersetzen so zunehmend auch die exekutive Arbeitsteilung in Ministerien, die selber immer mehr zu uneigenst\u00e4ndigen technokratischen Anh\u00e4ngseln des Pr\u00e4sidialapparats werden statt politische Entscheidungstr\u00e4ger zu sein. Wo Ministerien mal <a href=\"https://www.duvarenglish.com/columns/2020/09/16/two-names-to-watch-in-turkish-politics/\">initiativ hervorstechen</a> wie das Wirtschaftsministerium oder das Innenministerium, dann wegen ihrer jeweiligen Minister (Berat Albayrak beziehungsweise S\u00fcleyman Soylu), die im Kampf um Einfluss und Status Risikobereitschaft zeigen und eigenst\u00e4ndige Initiativen \u00fcbernehmen in der Hoffnung, dass Erdo\u011fan ihr Vorgehen absegnet.</p><p>Andererseits st\u00e4rkt der milit\u00e4rische Kurs den ehemaligen Generalstabschef und derzeitigen Verteidigungsminister Hulusi Akar, der zum wiederholten Male konkurrierende Gener\u00e4le strafversetzen lie\u00df oder zum <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/05/18/cihat-yayci-bahriyenin-onurunu-ezdirmek-istemedim/\">R\u00fccktritt</a> zwang. Nicht zuletzt gibt der Hauptb\u00fcndnispartner der AKP, die MHP, immer mehr den Ton in der Regierungspolitik an. Als ein gro\u00dfer Erfolg der MHP in Pandemiezeiten kann gewertet werden, dass der faschistische Auftragsm\u00f6rder Alaattin \u00c7ak\u0131c\u0131, ein gl\u00fchender MHP-Anh\u00e4nger, nach 16 Jahren Haft wegen Mordes <a href=\"https://t24.com.tr/haber/yeni-infaz-yasasi-yla-tahliye-edilen-organize-suc-orgutu-lideri-alaattin-cakici-dan-erdogan-ve-bahceli-ye-tesekkur-mektubu,873273\">fr\u00fchzeitig freigelassen</a> wurde. Erdo\u011fan sperrte sich bis zuletzt gegen eine Amnestie, mutma\u00dflich weil er eine zu starke MHP f\u00fcrchtete. Offensichtlich haben sich die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse innerhalb des Regimes verschoben. \u00c4hnlich der Fall des nationalistisch-islamistischen Intellektuellen <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/24/mumtazer-turkone-tahliye-edildi/\">M\u00fcmtaz\u2019er T\u00fcrk\u00f6ne</a>: Seit 2016 inhaftiert \u2013 absurderweise wegen G\u00fclen-N\u00e4he \u2013, verlangte Bah\u00e7eli im Fr\u00fchjahr 2020 dessen Freilassung, was gestern vom Kassationshof tats\u00e4chlich vollzogen wurde.</p><p>Was die hohe Justiz angeht, dringt genug durch, dass wir feststellen k\u00f6nnen, dass es einen <a href=\"http://www.diken.com.tr/post-cemaat-doneminde-yargida-savas-dost-ve-dusman-yeniden-belirlenirken/\">intensiven Machtkampf</a> gibt zwischen unterschiedlichen islamistischen Gruppierungen, die zusammen genommen Weg der Rechtschaffenheit (<i>Hakyol</i>) genannt werden und dem Justizminister Abd\u00fclhamit G\u00fcl nahestehen, der sogenannten <a href=\"https://tele1.com.tr/pelikanin-yeni-hedefi-hskdaki-istanbul-grubu-95071/\">Istanbuler Gruppe</a> mit N\u00e4he zu Albayrak und den \u00dcberresten einer nationalistisch-alevitisch-partiell linken Koalition, die sich organisiert in der Vereinigung f\u00fcr Einheit in der Judikative (<i>Yarg\u0131da Birlik Platformu</i>). W\u00e4hrend letztere <a href=\"https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/03932729.2015.1020651\">nach 2014</a> in die hohe Justiz aufgenommen wurden, um beim Kampf gegen den Einfluss der G\u00fclenisten zu helfen, werden sie jetzt sukzessive wieder aus den h\u00f6heren Posten verdr\u00e4ngt. Andererseits leistet die Istanbuler Gruppe Widerstand gegen Reformen des Justizministeriums, die eine oberfl\u00e4chliche Teilliberalisierung der politisierten Justiz beabsichtigen, weil diese au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t. Unter anderem daraus l\u00e4sst sich erkl\u00e4ren, warum einige Lokalgerichte weiterhin verbindliche Entscheidungen des Verfassungsgerichtes (AYM) <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tablo-anayasa-mahkemesi-baskani-nin-acikladigindan-da-vahim-ihlal-kararlari-da-ihlal-ediliyor,883719\">ignorieren</a> wie im Fall der Altan Br\u00fcder, und warum die Anzahl von Urteilen von unteren Gerichten, die das AYM wegen Verletzung des Rechts auf freies und faires Verfahren aufhob, <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/23/anayasa-mahkemesi-baskani-arslandan-soyluya-okumadan-anlamadan-elestirme/\">in die H\u00f6he</a> geschossen sind und mittlerweile \u00fcber 50 Prozent aller vom AYM revidierten Urteile ausmachen. <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/15/aym-uyesinden-soyluya-anayasali-yanit/\">Seit einigen Tagen</a> findet wieder ein haupts\u00e4chlich \u00fcber Medien ausgetragenes Wortgefecht zwischen Innenminister Soylu und dem Vorsitzendem des AYM, Z\u00fcht\u00fc Arslan statt, wobei <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/24/soylu-arslanin-aldiklarinin-yuzde-41ini-fetoden-ihrac-ettim/\">jener</a> das AYM daf\u00fcr kritisiert viel zu lax vorzugehen angesichts \u00bbterroristischer Gefahr\u00ab f\u00fcr die \u00bbnationale Sicherheit\u00ab, <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/23/anayasa-mahkemesi-baskani-arslandan-soyluya-okumadan-anlamadan-elestirme/\">w\u00e4hrend</a> sich das AYM gegen eine Einmischung in die Unabh\u00e4ngigkeit der Justiz wehrt.</p><p>Aber da der Dezisionismus auf allen Ebenen des Staates Konstitutionalismus ersetzt, ist auch das AYM durchpolitisiert: Nicht nur spaltet es sich regelm\u00e4\u00dfig in zwei etwa gleich starke Lager bei Entscheidungen, bei denen es um politisch sensible Inhalte geht, wobei dann die eine H\u00e4lfte die Grundreiheiten, die andere die nationale Sicherheit hochh\u00e4lt. W\u00e4hrend erstere letztes Jahr mit einer Stimmenmehrheit von nur einer Stimme die Akademiker*innen f\u00fcr Frieden von allen Vorw\u00fcrfen <a href=\"http://bianet.org/english/law/210934-constitutional-court-freedom-of-expression-of-academics-for-peace-violated\">freisprach</a> und daf\u00fcr vom anderen Lager gebrandmarkt wurde, konnte letztere ebenfalls mit nur einer Stimme Mehrheit <a href=\"https://www.haberturk.com/aym-baskani-zuhtu-arslan-dan-osman-kavala-aciklamasi-2499520\">durchsetzen</a>, dass der liberale M\u00e4zen Osman Kavala wegen Gef\u00e4hrdung der nationalen Sicherheit nicht freigesprochen wurde, wogegen wiederum der Vorsitzende des AYM heftig protestierte. Die k\u00fcrzlich erfolgte <a href=\"https://jurnaltr.com/salgin-boyunca-900-hekim-istifa-etti-30-bin-saglik-calisani-koronaviruse-yakalandi/\">Aufhebung</a> des vom Innenministerium erlassenen Gesetzes zum Verbot von Versammlungen auf Autobahnen \u2013 diese Entscheidung f\u00fchrte zum Zwist zwischen AYM und Soylu \u2013 wurde ebenfalls mit nur einer Stimme Mehrheit, und zwar mit der des Vorsitzenden Z\u00fcht\u00fc Arslan beschlossen. Zugleich reproduziert aber das AYM im Gro\u00dfen die anti-konstitutionalistische Herangehensweise, die Lokalgerichte gegen das AYM bezeugen, namentlich wenn es aktiv ablehnt, sich bindenden Entscheidungen des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs f\u00fcr Menschenrechte <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/riza-turmen/aym-aihm-e-karsi,27568\">zu beugen</a>.</p><p>Moderatere Stimmen wie die B\u00fcrgermeisterin von Gaziantep, Fatma \u015eahin (AKP), die die Bezeichnung der Opposition als Terroristen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/fatma-sahin-cumhurbaskanimizin-belirledigi-politikalara-aykiri-beyanda-bulunmamiz-soz-konusu-olamaz,875008\">ablehnte</a>, sind mittlerweile innerhalb des regierenden Parteienblocks eine Rarit\u00e4t geworden. Die meisten gem\u00e4\u00dfigten Politiker*innen haben mittlerweile bei zwei AKP-Abspaltungen Zuflucht gefunden, der Partei f\u00fcr Demokratie und Fortschritt (DEVA) des ehemaligen Finanzministers der AKP, Ali Babacan und bei der Zukunftspartei (GP) des ehemaligen Au\u00dfen- und Premierministers der AKP, Ahmet Davuto\u011flu. Vertritt Davuto\u011flu eher den islamisch-konservativen Fl\u00fcgel ehemaliger AKPler, so Babacan eher den liberal-konservativen Fl\u00fcgel. F\u00fcr beide ist allerdings klar, dass die Anfangsjahre der AKP bis 2013 eine Erfolgsstory waren, die zu wiederholen ist. Eine grundlegende Infragestellung des neoliberalen Akkumulationsregimes, das die AKP errichtete und das sich derzeit in einer tiefen Krise befindet, ist von diesen Parteien nicht zu erwarten. F\u00fcr die Regimeparteien ist die Formation dieser neuen Parteien aber trotzdem eine solche Gefahr, dass eine Zeit lang offen \u00fcber vorgezogene Neuwahlen diskutiert wurde um einem potenziellen Erstarken der neuen Parteien zuvorzukommen und <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/gundem/online-secim-gundemde-41611424\">derzeit</a> ein <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/08/27/mhpli-yildizdan-parti-kurmayi-zorlastiracak-teklif-hazirligi/\">Gesetzespaket</a> in Arbeit ist, das einerseits <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/mevcutta-5-ayri-yasaya-bagli-yapilan-secimlerle-ilgili-tek-yasa-cikarilmasi-gundemde-1741450\">gegen kleine Parteien</a> gerichtet ist und andererseits den Parteienwechsel von Parlamentarier*innen erschweren soll.</p><h2><b>Die andere T\u00fcrkei</b></h2><p>Es gibt aber auch eine andere T\u00fcrkei, die nicht so tickt wie das Wolfsrudel. Eine von der linken Konf\u00f6deration der Revolution\u00e4ren Arbeitergewerkschaften der T\u00fcrkei (DISK) <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-koronavirus-le-mucadelede-isciler-gozden-cikarildi,871051\">angek\u00fcndigte</a> organisierte Aus\u00fcbung des Rechts auf Arbeitsniederlegung wegen unmittelbar drohender Gefahr (Gesetz Nr. 6331 \u00fcber den Arbeitsschutz) durch Corona wurde zwar nie fl\u00e4chenweit umgesetzt; dennoch streikten Arbeiter*innen von sich aus beispielsweise in Dar\u0131ca/Kocaeli (Sarkuysan Elektronik Bak\u0131r), Diyarbak\u0131r (Diyarbak\u0131r Organize Sanayi B\u00f6lgesi), Istanbul (AKM Taksim) und Izmir (Akar Tekstil) wegen Infektionsf\u00e4llen und fehlendem Gesundheitsschutz. In Izmir demonstrierten Gesundheitsarbeiter*innen gegen Gehaltsk\u00fcrzungen und ausstehende Zusatzzahlungen, in Istanbul Bauarbeiter*innen bei Ofton Construction f\u00fcr die Auszahlung von zur\u00fcckgehaltenen L\u00f6hnen (mit Erfolg). In gr\u00f6\u00dferen Fabriken in Izmir und Istanbul wird neuerdings gegen ein geplantes Gesetz zur Zerschlagung des <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkish-unions-threaten-strike-severance-cuts.html\">Abfindungsrechts</a> protestiert, w\u00e4hrend K\u00e4mpfe gegen klassische<i> union busting</i>-Methoden wie die fristlose K\u00fcndigung von gewerkschaftlich organisierten Arbeiter*innen ebenfalls weiter gef\u00fchrt werden.<b> [6]</b></p><p>Auf der politischen Ebene stechen neben der erfolgreichen Anti-Korruptions- und Sozialpolitik der CHP-B\u00fcrgermeister die zwei gro\u00dfen Protestm\u00e4rsche der Anwaltskammern und der HDP im Juni sowie die Proteste von Fraueorganisationen gegen eine m\u00f6gliche Abschaffung der Istanbuler Konvention hervor. Die HDP hielt trotz aller Polizeirepression einen <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/hdp-turkey-democracy-rally-pressure-kurdish-parliament.html\">Demokratiemarsch</a> ab gegen die Absetzung ihrer B\u00fcrgermeister*innen und die Inhaftierung ihrer Parlamentarier*innen; die Anwaltskammern organisierten einen \u00bb<a href=\"https://t24.com.tr/haber/savunma-yuruyusu-ne-polis-engeli-ikinci-gunde-devam-ediyor-bilecik-barosu-baskanvekili-gozaltina-alindi,885999\">Verteidigungsmarsch</a>\u00ab gegen das Gesetzespaket zur Schw\u00e4chung der Anwaltskammern.</p><p>Ein Gro\u00dfteil des Dissens und des abweichenden Potenzials ist zwar nicht greifbar, offenbart sich aber in anonymisierten Umfragen. Deren Ergebnisse zeigen, dass <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/gundem/gezici-arastirma-merkezi-baskani-murat-gezici-sozcuye-acikladi-turkiyenin-kaderi-z-kusaginin-elinde-5867771/\">junge Menschen</a>, die 2018 zum ersten Mal w\u00e4hlen durften und bei den 2023 anstehenden Wahlen etwa 20 Prozent aller W\u00e4hler*innen ausmachen werden, in \u00fcberw\u00e4ltigender Mehrheit (\u00fcber 70 Prozent) nicht die Regimeparteien w\u00e4hlten und sich f\u00fcr Demokratie und Gerechtigkeit aussprechen. Ein <a href=\"https://t24.com.tr/haber/genclerin-yuzde-76-si-yurt-disinda-yasamak-istiyor-her-iki-gencten-biri-mutlu-degil,900749\">Gro\u00dfteil der Jugendlichen</a> f\u00fchlt sich von den in der Gesellschaft dominanten Werten wie Nationalismus oder Konservatismus nicht mehr angesprochen, ebenso wenig von den bestehenden Parteien. Bev\u00f6lkerungsrepr\u00e4sentative Umfragen ergeben ebenso, dass dieselben <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-deva-ve-gelecek-in-iktidara-karsi-el-yukseltmesi-ne-anlama-geliyor,881222\">demokratiefreundlichen Tendenzen</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-konda-demokrasi-raporu-nu-acikliyor,879984\">vorherrschen</a>, wenn auch abgeschw\u00e4chter und weit weniger ausgepr\u00e4gt, sobald spezifischer nach Rechten der Kurd*innen und Alevit*innen gefragt wird. Zudem <a href=\"https://www.karar.com/yeni-secmen-iktidara-soguk-1549800\">steigt</a> die Zustimmung zu <a href=\"https://t24.com.tr/haber/toplumun-yuzde-66-si-kadinlarin-yasadigi-en-buyuk-sorun-siddet-diyor,865730\">feministischen Themen</a> und nimmt die Entgegensetzung von Religi\u00f6sit\u00e4t und linker Politik ab. Ein <a href=\"https://t24.com.tr/haber/arastirma-akp-lilerin-yuzde-27-si-istanbul-sozlesmesi-nden-cekilmesini-onaylarken-yuzde-50-si-onaylamiyor,892925\">Gro\u00dfteil</a> der Bev\u00f6lkerung inklusive der AKP-Basis lehnt eine Abschaffung der Istanbuler Konvention ab. Sogar die Frauenorganisation der AKP <a href=\"https://yetkinreport.com/2020/08/03/ak-parti-zemininde-beliren-uc-fay-hatti/\">protestierte</a> vehement gegen eine m\u00f6gliche Abschaffung der Istanbuler Konvention (w\u00e4hrend sie sich allerdings zugleich sehr stark anti-LGBTQI+ positionierte), was zu <a href=\"https://bianet.org/1/8/228812-akp-li-kadinlar-dilipak-tan-sikayetci-oldu\">\u00dcberwerfungen</a> im Regimelager f\u00fchrte. Die \u00f6konomische Situation ist zum Hauptproblem der Bev\u00f6lkerung weit vor \u00bbTerror\u00ab, Au\u00dfenpolitik oder andere Themen ger\u00fcckt. Auch die Rekonversion der Hagia Sophia hat <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/avrasya-arastirma-son-anketini-acikladi-erdoganin-ve-akpnin-oylari-erimeye-devam-ediyor-1755335\">keinen Einfluss</a> auf potenzielles Wahlverhalten gehabt, da ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung glaubt, dass die Rekonversion vollzogen wurde um von \u00f6konomischen Schwierigkeiten <a href=\"https://themedialine.org/by-region/most-turks-believe-hagia-sophia-debate-politically-driven-poll-says/\">abzulenken</a>. Gleichzeitig mit einem demokratischen Grundkonsens in der breiten Bev\u00f6lkerung artikuliert sich allerdings auch ein <a href=\"https://www.americanprogress.org/issues/security/reports/2018/02/11/445620/turkey-experiencing-new-nationalism/\">aggressiver Nationalismus</a>, der nur m\u00e4\u00dfig bis gar nicht religi\u00f6s motiviert ist.</p><p>Auch in der weithin konservativen W\u00e4hler*innenbasis von AKP und MHP zeigen sich, wie <a href=\"https://www.hurriyetdailynews.com/akp-surveys-voters-amid-party-restructuring-116785\">schon</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mak-danismanlik-akp-tabaninda-koalisyona-hos-bakilmiyor-tek-adamlik-kaygisi-var,563070\">seit l\u00e4ngerem</a>, \u00e4hnliche Tendenzen auf: Wie eine neuere <a href=\"https://www.americanprogress.org/issues/security/reports/2020/08/24/489727/turkeys-president-erdogan-losing-ground-home/\">ausf\u00fchrliche Analyse</a> von Max Hoffman mittels Interviews in der urbanen Basis von AKP und MHP aufzeigen konnte, beschweren sich diese \u2013 und hierin insbesondere die Jugendlichen \u2013 weiterhin \u00fcber Korruption, Klientelismus, eine zu stark aufoktroyierte Religi\u00f6sit\u00e4t und unbrauchbare Medien und sprechen sich f\u00fcr Toleranz aus. Das zeigt, wie stark transformierte \u00dcberreste von \u00dcberzeugungen redistributiver, kommunaler Gerechtigkeit im islamisch-national-konservativen Milieu weiter existieren, auch wenn sie zugleich gekreuzt werden von reaktion\u00e4ren \u00dcberzeugungen. Denn die Studie von Hoffman zeigt zugleich auf, wie die AKP-MHP-Basis Erdo\u011fan mystifiziert \u00fcberh\u00f6ht und teils stark nationalistisch gepr\u00e4gt ist. Dieses widerspr\u00fcchliche Amalgam aus reaktion\u00e4ren und (potenziell) fortschrittlichen Elementen entspricht recht genau dem, was sich mit Gramsci als \u00bbWiderspr\u00fcchlichkeit des Alltagsbewusstseins\u00ab bezeichnen l\u00e4sst und das sich dann einstellt, wo es kein organisiertes Klassenbewusstsein oder gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse gibt, innerhalb derer die Menschen selber erm\u00e4chtigt sind.</p><p>Wie die Widerst\u00e4nde gegen den Autoritarismus und der starke demokratische Grundkonsens neben reaktion\u00e4ren Elementen innerhalb eines gro\u00dfen Teils der Bev\u00f6lkerung aufzeigen, gibt es mehr als genug Ansatzpunkte f\u00fcr eine andere T\u00fcrkei. Dass diese (noch?) nicht erbl\u00fcht, hat nicht nur mit der Repressionsfuror des autorit\u00e4ren Regimes zu tun. Einige der wichtigsten Oppositionsparteien tun sich weiterhin schwer damit, ernsthaft f\u00fcr diese andere T\u00fcrkei zu streiten. Zwei Gr\u00fcnde sind hier zentral: Einmal das Verh\u00e4ltnis zur \u00bbKurdischen Frage\u00ab, zum anderen die allgemeine Staatsr\u00e4son. Die CHP hat die HDP w\u00e4hrend der gesamten Phase bis auf Lippenbekenntnisse mehr oder minder alleine gelassen, ja CHP-Chef K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/gundem/vekil-adaylarini-halk-secsin-5847455\">lehnte mehrmals ab</a>, auf die Stra\u00dfen zu mobilisieren, weil er meinte, dies sei eine Einladung f\u00fcr die AKP, den Ausnahmezustand wieder einzuf\u00fchren. Als ob ein den W\u00fcnschen und Dekreten des Pr\u00e4sidenten unterstehender Staat mit einer durch und durch <a href=\"https://rm.coe.int/report-on-the-visit-to-turkey-by-dunja-mijatovic-council-of-europe-com/168099823e\">politisierten Justiz</a> und polizeistaatlicher Willk\u00fcr nicht schon ein Staat des Ausnahmezustands w\u00e4re; als ob sich ein solches System ohne<i> auch</i> die Macht der Stra\u00dfe umw\u00e4lzen lie\u00dfe. Ak\u015fener, Chefin der oppositionellen MHP-Abspaltung Gute Partei (IYI), ist da unverbl\u00fcmter: Sie <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/04/24/meral-aksener-hdp-pkknin-yaninda/\">identifiziert</a> regelm\u00e4\u00dfig die HDP mit der verbotenen PKK, verweigert offen die Solidarit\u00e4t mit der HDP angesichts von Repressionen und rief Erdo\u011fan sogar zur \u00bb<a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-den-liderlere-cagri-memleket-masasi-etrafinda-toplanalim-ortak-akli-isletmemiz-lazim,877657\">Nationalen Einheit</a>\u00ab auf, um der Pandemie zu begegnen. Ihrer Ansicht nach sind Regierung und Opposition <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/meral-aksenerden-erdoganin-cagrisina-yanit-1757650\">schon geeint</a> in au\u00dfenpolitischen Dingen, das hei\u00dft im chauvinistischen Militarismus, wie auch die CHP oder Davuto\u011flus GP die Regierung daf\u00fcr <a href=\"https://t24.com.tr/haber/muhalefet-turkiye-nin-dogu-akdeniz-politikasini-nasil-degerlendiriyor-neleri-farkli-yapardi,904885\">kritisierten</a>, zu viele Zugest\u00e4ndnisse zu machen und <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/09/13/chp-myk-oruc-reisin-geri-donmesi-taviz/\">nicht</a><a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/09/13/chp-myk-oruc-reisin-geri-donmesi-taviz/\"> genug</a> die Rechte der T\u00fcrke im \u00f6stlichen Mittelmeer zu wahren, sprich nicht gen\u00fcgend chauvinistisch und militaristisch zu agieren. <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/meral-aksenerden-erdoganin-cagrisina-yanit-1757650\">Bezeichnenderweise</a> dauerte es Tage, bis Ak\u015fener ein gemeinsames Angebot von Erdo\u011fan und Bah\u00e7eli das Oppositionslager zu verlassen und sich auf Regimeseite zu schlagen ablehnte.</p><p>Die \u00bbKurdische Frage\u00ab ist nicht das einzige demokratische Problem der T\u00fcrkei, sie ist aber zur Chiffre aller demokratischen Probleme der heutigen T\u00fcrkei geworden. Und das ist zugleich auch in der allgemeinen Staatsr\u00e4son begr\u00fcndet: Staat und Kapital in der T\u00fcrkei bef\u00fcrchten, dass mit der unkontrollierten Partizipation des Gro\u00dfteils des Bev\u00f6lkerung am politischen Prozess wie w\u00e4hrend des Gezi-Aufstandes 2013 auch Forderungen nach einer grundlegend anderen, demokratischen und sozialen Republik stark werden, in der die starken M\u00e4nner und die staatstreue Opposition von heute keinen Platz mehr haben. Das ist vielleicht auch der Hauptgrund daf\u00fcr, warum die Hauptoppositionsparteien unf\u00e4hig und vor allem nicht gewillt sind, Erdo\u011fan grundlegend herauszufordern, der wiederum Tag um Tag seine relative Autonomie weiter ausbaut und die T\u00fcrkei immer mehr in eine Sackgasse aus Wirtschaftskrise und Instabilit\u00e4t man\u00f6vriert \u2013 wobei letzteres offensichtlich nicht den Interessen der f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals und der b\u00fcrgerlichen Opposition entspricht.</p><p>In eing\u00e4ngigeren Analysen der Erfolge der Opposition in den letzten Jahren, die diese Erfolge an einer <a href=\"https://www.journalofdemocracy.org/articles/the-pushback-against-populism-running-on-radical-love-in-turkey/\">anti-populistischen Inklusivit\u00e4t</a> und der <a href=\"https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/13510347.2020.1803841\">Koordination</a> der Opposition auf Grundlage einer demokratischen Perspektive im Antagonismus zum Autoritarismus festmachen, wird \u00fcblicherweise fast vollst\u00e4ndig unterschlagen, wie ineffektiv oder gar unterst\u00fctzend die Hauptoppositionsparteien gegen\u00fcber der Politik des Regimes <a href=\"https://www.criticatac.ro/lefteast/communal-elections-tr2019/\">\u00fcber Jahre hinweg</a> blieben, insbesondere hinsichtlich des Militarismus und Chauvinismus. Auch als das Regime die Rekonversion der Hagia Sophia in eine Moschee in ein regelrechtes <a href=\"https://www.jadaliyya.com/Details/41518/What-Is-in-a-Place-Hagia-Sophia-in-the-Affective-Topography-of-Populism-in-Turkey-41518\">nationalistisch-islamistisches Festival</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-erdogan-aciklama-yapiyor,893500\">verwandelte</a>, kam \u2013 au\u00dfer von der HDP \u2013 nichts von den Oppositionsparteien, um ja nicht muslimische W\u00e4hler*innen abzuschrecken. Ja, wichtige Oppositionspolitiker*innen wie Muharrem Ince (republikanischer Kontrahent Erdo\u011fans im Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf 2018) oder Meral Ak\u015fener <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/ince-kurultaydan-sonra-cok-talep-aliyorum-41578581\">begr\u00fc\u00dften</a> sogar die Rekonversion \u2013 daher die Einladung von Erdo\u011fan und Bah\u00e7eli an Ak\u015fener und die sehr freundliche Berichterstattung der pro-Regime-Medien \u00fcber Ince, der derzeit an einer Abspaltungsbewegung von der CHP arbeitet.</p><p>Es gibt einen feinen, aber dennoch sehr klaren Unterschied zwischen einem inklusiven Vorgehen, das versucht auch W\u00e4hler*innen von AKP und MHP zu gewinnen, und einer Appeasementpolitik, die noch den reaktion\u00e4rsten Befindlichkeiten opportunistisch oder, noch schlimmer, aus \u00dcberzeugung nachgibt. Letzteres st\u00e4rkt nicht nur das Regime. Es erschwert zudem die M\u00f6glichkeit einer demokratischen und sozialen Zukunft der T\u00fcrkei dadurch, dass es der Dispersion und Verankerung autorit\u00e4rer Attit\u00fcden und Subjektivit\u00e4ten Vorschub leistet, die wiederum einer solchen Zukunft abtr\u00e4glich sind auch in einer Zeit nach Erdo\u011fan.</p><p>Die Hauptpole des derzeitigen politischen Kampfes in der T\u00fcrkei sind nicht die zwischen Autoritarismus und Demokratie, sondern die zwischen einer krisenhaften autorit\u00e4ren Konsolidierung und einer neoliberalen Restauration. Teile der liberalen und tats\u00e4chlich auch republikanischen und marxistischen Intelligenz tappen gerade <a href=\"https://t24.com.tr/video/aksaclilar-dan-iktidar-ve-muhalefete-uyari-cumhuriyetin-teminati-butun-kurumlar-tek-tek-islemez-hale-getiriliyor,30821\">erneut</a> ungewollt in die Falle einer Unterst\u00fctzung f\u00fcr ein neoliberales Restaurationsprojekt gegen ein autorit\u00e4res Projekt so wie sie es beim Aufstieg der AKP in den fr\u00fchen 2000er-Jahren taten. Auch der inhaftierte ehemalige Co-Vorsitzende der HDP, Selahattin Demirta\u015f, tappt in diese Falle, wenn er f\u00fcr die Illusion einer \u00bb<a href=\"https://t24.com.tr/haber/selahattin-demirtas-tan-genis-tabanli-demokrasi-ittifaki-icin-9-maddelik-ilkeler-onerisi,898052\">demokratischen</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/selahattin-demirtas-tan-genis-tabanli-demokrasi-ittifaki-icin-9-maddelik-ilkeler-onerisi,898052\">Allianz</a>\u00ab inklusive aller Oppositionsparteien wirbt anstatt das demokratisch-soziale Profil der HDP gegen beide Pole zu sch\u00e4rfen, wie er das <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/selahattin-demirtas-akp-secmeni-bile-oteki-1752855\">noch vor einigen Monaten</a> tat. Es gibt aber eine gangbare Alternative zu beiden Polen und einen Ausweg aus der ewigen Wiederkunft des Gleichen. Eine solche Alternative, den \u00bb<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/09/14/hdpsiz-olmaz-ama-sadece-hdpyle-de-olmaz/\">dritten Block</a>\u00ab zu organisieren und von den beiden anderen b\u00fcrgerlichen Polen abzugrenzen war ja der Grund f\u00fcr die Gr\u00fcndung der HDP im Jahre 2012. Wenn die wirkliche demokratische und soziale Opposition in der politischen Arena erstarkt und die Menschen der anderen T\u00fcrkei ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, dann k\u00f6nnen sie nicht nur die Macht von Erdo\u011fan brechen, sondern auch daf\u00fcr sorgen, dass die dystopischen Pl\u00e4ne des Kapitals nicht aufgehen und sich das politische System grundlegend \u00e4ndert \u2013 oder zumindest gezwungen ist, viel mehr Zugest\u00e4ndnisse und Kompromisse in Richtung der popularen Kr\u00e4fte zu t\u00e4tigen als wenn eine neoliberale Restauration einfach so, das hei\u00dft ohne oder fatalerweise sogar mit Unterst\u00fctzung des demokratisch-sozialen Lagers durchregiert.</p><p></p><hr/><p>Dieser Aufsatz ist eine l\u00e4ngere und etwas andere Version eines Essays, der im Oktober erscheinen wird in: Dieter F. Bertz (Hrsg.),<i> Die Welt nach Corona. Von den Risiken des Kapitalismus, den Nebenwirkungen des Ausnahmezustands und der kommenden Gesellschaft</i></p><hr/><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Ich danke meinem Freund und Genossen Hasan Durkal, Redakteur beim linken Onlinemagazin <a href=\"https://elyazmalari.com/\"><i>El Yazmalar\u0131</i></a>, f\u00fcr seine Unterst\u00fctzung bei diesem Artikel.</p><p><b>[2]</b> Die (effektive) Reproduktionszahl gibt an, wie viele nicht-immune Menschen von einer infekti\u00f6sen Person zu einem bestimmten Zeitpunkt durchschnittlich angesteckt werden.</p><p><b>[3]</b> In der linken Tageszeitung <i>Bir G\u00fcn</i> ist eine <a href=\"https://www.birgun.net/haber/korona-gunlerinde-en-alttakiler-302285\">exzellente</a>, mehrteilige Serie \u00fcber Arbeiter*innen und Arbeitsbedingungen w\u00e4hrend der Pandemie erschienen. Die Veteranjournalistin <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/03/22/alti-bin-calisanin-hepsi-evde-su-an-ne-olacak-bilmiyor/\">P\u0131nar \u00d6\u011f\u00fcn\u00e7</a> hat f\u00fcr<i> Gazete Duvar</i> eine bewundernswerte 35-teilige Reportage \u00fcber Arbeiter*innen in den unterschiedlichsten Sektoren und ihre Sorgen und Hoffnungen verfasst, in der die Arbeiter*innen und ihre Geschichten im Vordergrund stehen. Wissenschaftlich betrachtet ist die Metastudie von Dr. Necati \u00c7\u0131tak im <a href=\"https://www.ttb.org.tr/kutuphane/covid19-rapor_6.pdf\">TTB-Bericht</a> f\u00fcr den sechsten Monat der Corona-Krise in der T\u00fcrkei zu empfehlen, der akademische Studien aus den USA, Gro\u00dfbritannien und der T\u00fcrkei zusammenfasst und dabei die ungleichen Auswirkungen der Pandemie entlang Klassenlinien festmacht. \u00c4hnlich geht Dr. Arzu \u00c7erkezo\u011flu, zugleich Vorsitzende der linken Gewerkschaftskonf\u00f6deration DISK, vor in ihrer Analyse f\u00fcr denselben Bericht.</p><p><b>[4]</b> Also die offizielle Arbeitslosenquote plus die mit statistischen Tricks herausgerechneten Arbeitslosen im Verh\u00e4ltnis zu allen potenziellen Erwerbst\u00e4tigen. Vor allem w\u00e4hrend der Corona-Krise klaff(t)en offizielle und echte Arbeitslosenquote auseinander: W\u00e4hrend Millionen von Menschen aus der Erwerbst\u00e4tigkeit rausgefallen sind, steigt die Arbeitslosenquote kaum. Sogar Wirtschaftsmedien des Mainstreams wie <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/isgucu-verileri-masaya-yatirildi-issizligin-izlenmesinde-yeni-ve-yaratici-cozumler-gerekli-haberi-481463\"><i>D\u00fcnya</i></a> verweisen deshalb mittlerweile auf die Sinnlosigkeit der offiziellen Arbeitslosenzahlen hin. Einen <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/07/turkey-statistics-controversial-unemployment-rates-pandemic.html\">guten \u00dcberblick</a> \u00fcber die unterschiedlichen Berechnungsmethoden und somit Quoten der Arbeitslosigkeit liefert Mustafa S\u00f6nmez in einer Analyse f\u00fcr<i> Al-Monitor</i>.</p><p><b>[5]</b> Bei W\u00e4hrungsswaps (also W\u00e4hrungstausch/wechsel) tauschen zwei Vertragspartner*innen unterschiedliche W\u00e4hrungen miteinander f\u00fcr eine bestimmte Zeit aus, wobei ein bestimmter Zins beim Zeitpunkt des R\u00fccktausches zu zahlen ist. Swaps werden oft genutzt, um kurzfristig anstehende Zahlungen in einer W\u00e4hrung, die die involvierten Seiten nicht oder nicht ausreichend besitzen, zu begleichen. Als Tagessatz (im Englischen<i> overnight interest rate</i>) bezeichnet man \u00fcblicherweise den Zins auf ein Wertpapier oder einen Kredit, das/der eine Laufzeit von maximal einem Tag besitzt.</p><p><b>[6]</b> Unterschiedliche linke Kollektive und Arbeiter*innenvereine berichten auf ihren Social-Media-Accounts regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber kleine wie gro\u00dfe Arbeitsk\u00e4mpfe in der T\u00fcrkei. Ich habe w\u00e4hrend meiner Recherche zu diesem Absatz auf Informationen des Arbeiter*innenkollektivs <a href=\"https://www.facebook.com/guvencesizlersendikasi\"><i>Umut-Sen</i></a> (Gewerkschaft der Hoffnung) und des Arbeiter*innenvereins <a href=\"https://www.facebook.com/EKMEKveONUR\"><i>Ekmek ve Onur</i></a> (Brot und W\u00fcrde) zur\u00fcckgegriffen.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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In den Auseinandersetzungen mit den Faschisten in Istanbul neigte sich das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zugunsten der revolution\u00e4ren Linken. Die meisten Viertel und Universit\u00e4ten geh\u00f6rten uns. Aber die Zentren hielten sie: die Rechts- und Jurafakult\u00e4t der Istanbuler Universit\u00e4t, genau so die Zentren der Viertel Si\u015fli, Zeytinburnu, Aksaray und Beyaz\u0131t.<b> [1]</b></p><p>Wir beschlossen, diese faschistische Belagerung zu brechen. Die TIP, TSIP und die TKP <b>[2]</b> bezeichneten unser Vorgehen als \u201egauchistisch\u201c<b> [3]</b>, es w\u00fcrde \u201eden Faschismus provozieren\u201c. Deshalb beteiligten sie sich nicht. Alle anderen Revolution\u00e4r*innen, inklusive derer, die seit Jahren nicht mehr die Universit\u00e4t besuchten, fingen mit Beginn des Semesters zum 1. M\u00e4rz an, wieder kollektiv zur Universit\u00e4t zu gehen.</p><p>Weil die Universit\u00e4t ihnen geh\u00f6rte, waren die Faschisten recht selbstbewusst. Sie waren \u201edrinnen\u201c, w\u00e4hrend wir von \u201edrau\u00dfen\u201c kamen. Aber innerhalb von zwei Wochen \u00e4nderte sich das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis. Faschisten auf der einen Seite, revolution\u00e4re Studierende auf der anderen Seite, die Polizisten dazwischen \u2013 und die demokratischen Studierenden, die in immer intensiveren Kontakt und in Solidarit\u00e4t mit den revolution\u00e4ren Studierenden traten. Das war die Situation.</p><h2><b>Der Wind dreht sich</b></h2><p>Mitten durch die Polizei ging damals ein Riss hindurch. Es gab genau so viele linke Polizist*innen wie rechte. Aber die Einheit, die auf dem Hauptcampus stationiert war, bestand vollst\u00e4ndig aus Rechten. Sp\u00e4ter wurde diese Sondereinheit zur Y\u0131ld\u0131z Universit\u00e4t geschickt, wo es am Mai desselben Jahres ebenfalls einen Anschlag gab.<b> [4]</b> Weil die demokratischen Studierenden anfingen, mit den Revolution\u00e4ren zu sympathisieren, und die Revolution\u00e4re anfingen, die zahlenm\u00e4\u00dfige Mehrheit zu erlangen, nahmen die Provokationen zu.</p><p>Die Faschisten, die von Nezih, Ahmet, Kaz\u0131m \u2013 er war Kurde aus Elaz\u0131\u011f, sp\u00e4ter wurde er Provinzchef der MHP<b> [5]</b> \u2013, Mehmet \u2013 der wurde sp\u00e4ter Parlamentsabgeordneter \u2013 angef\u00fchrt wurden, wurden immer aggressiver. Sie bekamen zwar stets die Antwort, die sie verdienten, waren aber frohen Mutes, da die Polizei immer auf ihrer Seite stand. Unter den Revolution\u00e4r*innen machte sich Wut und Frustration, aber auch die \u00dcberzeugung breit, dass die Belagerung zu brechen sei. Unter den revolution\u00e4ren Studierenden taten sich Osman, der sp\u00e4ter inhaftierte Revolution\u00e4re verteidigen und Chef der Anwaltskammer werden sollte, und Seyfi hervor, der heute zum Vorstand der SDP <b>[6]</b> geh\u00f6rt. Einige TKP\u2019ler, TIP\u2019ler und TSIP\u2019ler fingen nun auch an, zur Universit\u00e4t zu kommen.</p><p>Am 16. M\u00e4rz war die Luft wortw\u00f6rtlich schwer wie Blei. Am Morgen desselben Tages war im Viertel \u015eehremini ein Attentat auf den damals ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Polizeioffizier U\u011fur G\u00fcr, Chef der Istanbuler Politischen Polizei, ver\u00fcbt worden, die TIKKO bekannte sich dazu <b>[7]</b>. 13 Kugeln des TIKKO-Militanten trafen U\u011fur G\u00fcr, der verbl\u00fcffenderweise \u00fcberlebte; danach zog sich der Militante im permanenten Feuergefecht mit den Polizisten etwa eineinhalb bis zwei Kilometer bis nach Fatih zur\u00fcck und wurde erst festgenommen, als ihm die Munition ausging. <b>[8]</b> Auf dem Weg zur Universit\u00e4t wurde ich zuf\u00e4llig Zeuge, wie die Polizisten ihn abf\u00fchrten; ich war wie vom Blitz getroffen. Vor Ort war mir zwar nicht genau klar, um was es ging; ich h\u00f6rte aber die Slogans, die der Verhaftete rief und erkannte daran, dass er ein Linker war. Als ich in S\u00fcleymaniye <b>[9]</b> ankam, wo wir uns immer trafen, um gemeinsam zur Universit\u00e4t zu gehen, erfuhr ich dann den Rest. Alle waren angespannt.</p><h2><b>\u201eKommunisten nach Moskau!\u201c</b></h2><p>Als mittags die Kurse an der Universit\u00e4t zu Ende gingen und die Studierenden anfingen, die Geb\u00e4ude zu verlassen, griffen die Faschisten im unteren Stockwerk der Rechtsfakult\u00e4t an. Die Polizisten lie\u00dfen sie bewusst gew\u00e4hren. Als sich die revolution\u00e4ren Studierenden gerade sammelten, um zum Gegenschlag auszuholen, da gingen die Polizisten nat\u00fcrlich sofort dazwischen, um \u201eeine Eskalation zu verhindern\u201c. Das alles geschah innerhalb von zwei, drei Minuten. Wir hatten zwar nicht allzu viel abbekommen, aber alle waren w\u00fctend und hoch agitiert. Ich denke, wir waren so an die 300 bis 400 Personen und wir fingen an, Slogans zu rufen.</p><p>In Reih und Glied marschierten wir zum Hauptausgang. Der Polizeioffizier vor Ort hie\u00df Behzat und er war irgendwie nerv\u00f6s. Es war, als ob seine H\u00e4nde zitterten. Und er war viel freundlicher zu uns als sonst, denn normalerweise lie\u00df er uns nicht ohne ordentliches Gerangel gehen. Das war diesmal anders. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass er wusste, was gleich passieren w\u00fcrde. Aber dennoch \u2013 manchmal erscheinen einem Dinge im R\u00fcckblick als unheimliches Omen.</p><p>Als wir aus dem Hauptausgang heraustraten, wunderten wir uns, dass nicht wie sonst immer Polizisten zwischen uns und den Faschisten standen. Die Faschisten unter F\u00fchrung von Kaz\u0131m und Mehmet schrien uns entgegen: \u201eVerdammt seien die Kommunisten\u201c, \u201eKommunisten nach Moskau!\u201c. Welch Ironie, dass sich gerade die \u201emoskautreuen\u201c Kommunisten nicht an der Aktion zur Brechung der faschistischen Belagerung beteiligten, weil sie diese als \u201eProvokation\u201c einstuften. Wie dem auch sei: Wie immer wollten wir uns nach rechts Richtung Pharmazeutische Fakult\u00e4t wenden, um von dort in die kleine Seitenstra\u00dfe, die die Faschisten \u201eKleinmoskau\u201c nannten, Richtung S\u00fcleymaniye einzubiegen. In den 16 Tagen unserer Aktion zur Brechung der faschistischen Belagerung hatten wir stets bewaffnete Genoss*innen an den Fenstern mit Blick auf die Pharmazeutische Fakult\u00e4t positioniert \u2013 f\u00fcr den Fall eines bewaffneten Angriffs. Sobald wir die kleine Seitenstra\u00dfe erreichen w\u00fcrden, gab es sowieso keine Probleme mehr. Ab dort war es unser Gebiet.</p><p>Als wir uns gerade zur Seitenstra\u00dfe drehten, h\u00f6rte ich eine Stimme rufen: \u201eEine Granate!\u201c Ich drehte mich um, sah die Granate in meine Richtung fliegen und dachte einen kurzen Augenblick daran, sie zur\u00fcckzuwerfen. Dann entschied ich mich dagegen und warf mich, wie ein Freund es mir zuvor beigebracht hatte, mit den F\u00fc\u00dfen Richtung Granate auf den Boden. Sie explodierte, bevor ich auf dem Boden lag. Au\u00dfer einem lauten Knall und meinen tauben Ohren f\u00fchlte ich erstmal nichts. Kaum gratulierte ich mir selber \u2013 \u201eJunge, Junge, auch das hast du \u00fcberstanden\u201c \u2013, da f\u00fcllte sich mein Mund mit Blut. Als ich mich aufrichtete, um mich vom Ort des Geschehens zu entfernen \u2013 um mich herum sah es schrecklich aus \u2013, da prasselte eine Serie an Salven aus 15er-Reihenfeuerpistolen auf uns nieder. Ich duckte mich vor den Kugeln, mir wurde schwindlig, kalter Schwei\u00df trat aus meinem K\u00f6rper aus.</p><p>Ich dachte, ich sterbe, und versuchte einen letzten Slogan zu rufen, als ich merkte, dass ich kaum mehr eine Stimme hatte und das Blut immer mehr meinen Mund f\u00fcllte. Als die Salven aufh\u00f6rten \u2013 ich denke, das ging in etwa eine Minute \u2013, stand ich auf und versuchte, mich ins Esnaf Krankenhaus zu retten [welches an den Campus angrenzt, Anm. Red.]. Ich schaffte es etwa bis zur Fakult\u00e4t f\u00fcr Fremdsprachen, als ich merkte, dass ich nicht mehr konnte und hinfallen w\u00fcrde. Da kamen Polizisten aus der Richtung von S\u00fcleymaniye angerannt und zogen mich an meinen Armen hoch. Es waren linke Polizisten von Pol-Der [antifaschistische Polizeivereinigung der 1970er; Anm. d. Red.], die zuvor vom unmittelbaren Umkreis der Universit\u00e4t abgezogen worden waren und in der entfernteren Umgebung Dienst leisten mussten. Sie riefen mir zu: \u201eHalte durch, Freund!\u201c, und trugen mich. Einer, ich werde es nie vergessen, hatte Tr\u00e4nen in den Augen. Die beiden Freunde von der Pol-Der haben ma\u00dfgeblichen Anteil daran, dass ich heute noch lebe.</p><h2><b>Cemil, unser herzallerliebster Cemil</b></h2><p>Da es keinen Platz mehr im Esnaf Krankenhaus gab, schulterten sie mich wieder \u2013 ich konnte nicht mehr allein laufen \u2013 und brachten mich in ein Taxi: \u201eSofort nach \u00c7apa <b>[10]</b>!\u201c Sie fuhren mit. Im Taxi war noch eine verwundete Genossin, ich glaube sie hie\u00df Nil\u00fcfer, und sie rief Slogans: \u201eVerdammt sei der Faschismus\u201c, \u201edie Revolution ist der einzige Weg\u201c oder so \u00e4hnlich; ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Mein Mund war mittlerweile richtig voller Blut, ich hatte Schwierigkeiten beim Atmen und wurde immer wieder ohnm\u00e4chtig. Ich versuchte mich an den Slogans zu beteiligen, aber ob mehr als ein R\u00f6cheln dabei rauskam, das wei\u00df ich nicht mehr. Ich dr\u00fcckte ihre Hand und sie die meine und so hielten wir uns fest aneinander.</p><p>Als wir nach schweren Notfalloperationen wieder zu Bewusstsein kamen und sofort einen Blick in die Zeitungen warfen, lernten wir, dass Revolution\u00e4r*innen die Universit\u00e4t besetzt hatten und 50.000 Menschen zum Beerdigungszug der sechs verstorbenen Freund*innen kamen, wobei sich auch viele Arbeiter*innen beteiligten. Wir waren sechs Schwerverwundete im Krankenhauszimmer und wir weinten alle vor Freude. Die faschistische Belagerung war gebrochen worden und die Arbeiter*innen hatten die Fabriken verlassen, um zum Begr\u00e4bniszug unserer Genoss*innen zu kommen.</p><p>Cemil war einer der Verletzten, die vor Freude weinten. Obwohl die Ayd\u0131nl\u0131k-Bewegung \u2013 heute<i> Vatan Partisi</i> (VP) <b>[11]</b> \u2013, der er angeh\u00f6rte, gegen Avantgarde-Aktionen war, hatte er sich mit uns an der Brechung der Belagerung beteiligt. Er bereute nichts, im Gegenteil. Die Wunden von uns restlichen f\u00fcnf im Zimmer waren viel schwerer, er hatte nur oberfl\u00e4chliche Schrapnell-Wunden, davon aber viele. Die Faschisten hatten an die Granate noch einige gr\u00f6\u00dfere Eisenst\u00fccke befestigt; als die Granate explodierte, flogen sie wie Geschosse durch die Gegend. Zum Gl\u00fcck explodierte die Granate erst, als sie schon auf dem Boden gelandet war; w\u00e4re sie in der Luft explodiert, die Zahl der Verwundeten und Toten w\u00e4re viel gr\u00f6\u00dfer gewesen. Der Feind war niedertr\u00e4chtig, und er war entschlossen.</p><p>Cemil, unser herzallerliebster Cemil. W\u00e4hrend er noch Volkslieder sang und unsere Seelen aufmunterte, ging es pl\u00f6tzlich bergab mit ihm. Eines der Schrapnelle hatte zu Wundbrand an einem Bein gef\u00fchrt. Sie nahmen ihn sofort mit zur Notfall-OP. Als sie ihn wegf\u00fchrten, rief er noch: \u201eDen Hunden zum Trotz werde ich leben, ich werde wieder kommen und ich werde wieder singen\u201c. Einige Zimmer weiter \u2013 damals gab es kaum Narkosen, wir wurden alle mehr oder minder ohne Narkose operiert \u2013 amputierten sie ihm das Bein. Seine Schreie kann ich noch immer h\u00f6ren. Wir alle erstarrten zu Eis. H\u00e4tte es doch nur einen Gott gegeben, zu dem wir h\u00e4tten beten k\u00f6nnen. Cemil, unser herzallerliebster Cemil, er starb leider am darauffolgenden Tage. Und der Toten wurden sieben. 40 Menschen waren verwundet worden, davon, ich glaube, neun schwer.</p><h2><b>Eine Generation der W\u00fcrde</b></h2><p>Die Ereignisse vom 16. M\u00e4rz 1978 stehen f\u00fcr eine gesamte Periode. Diese Art von Ereignissen, die den J\u00fcngeren heute wie ein Film erscheinen mag, waren damals Normalit\u00e4t. Es wurde ein B\u00fcrgerkrieg gef\u00fchrt von Kr\u00e4ften des tiefen Staates mit Unterst\u00fctzung des Kapitals und der USA, bei dem von der MHP aufgehetzte arme, bemitleidenswerte Jugendliche verheizt wurden. Ein von allen seinen Ketten losgelassener faschistischer Terror w\u00fctete im Land und versuchte, das Erwachen des revolution\u00e4ren Willens Anatoliens in Blutb\u00e4dern zu ertr\u00e4nken. Die 78er versuchten, inmitten solcher Zeiten standhaft zu bleiben. Sie vertraten und verteidigten den Willen der Armen und die Ehre des Landes.</p><p>Es gelang den Faschisten nicht, sie konnten nicht siegen. Sie wurden nach dem 16. M\u00e4rz zuerst von allen Universit\u00e4ten und dann von allen Vierteln vertrieben. Letztlich konnten sie sich in Istanbul \u00fcberhaupt nicht mehr halten. Und wo ihre Kraft nicht ausreichte, da blieb ihnen nur mehr der 12. September 1980 <b>[12]</b>. Die, die die USA \u201eour boys\u201c nannten <b>[13]</b>, taten, was ihnen befohlen wurde.</p><p>Entschuldigt bitte, dass ich die Geschichte so erz\u00e4hle, als ob sie meine ist. Ich spiele keine Rolle, wirklich. Was wie meine Geschichte klingt, ist in Wahrheit die Geschichte der 78er-Generation. Tausende Jugendliche machten damals \u00e4hnliches durch und dachten \u00e4hnliches. Wir gaben nie auf. Auch wenn wir fielen, standen wir wieder auf und gingen den aufrechten Gang. Die 78er sind eine Generation der W\u00fcrde und des Widerstandes. Ich bin stolz darauf, Teil dieser Generation zu sein.</p><p><i>Der Text ist die \u00fcberarbeitete Form eines Texts aus den 1980ern und wurde</i> <a href=\"http://www.soldefter.com/2011/03/16/16-mart-ve-78liler-oguzhan-kayserilioglu/\"><i>zu erst</i></a><i> auf T\u00fcrkisch auf der Seite Sol Defter am 16. M\u00e4rz 2011 ver\u00f6ffentlicht. Er wurde leicht modifiziert ins Deutsche \u00fcbertragen und mit Anmerkungen versehen von Alp Kayserilio\u011flu.</i></p><h2><b>Anmerkungen der Redaktion:</b></h2><p><b>[1]</b> Alles Viertel auf der europ\u00e4ischen Seite Istanbuls, nicht alle in der historischen Altstadt gelegen, teils weit voneinander entfernt.</p><p><b>[2]</b><i> T\u00fcrkiye \u0130\u015f\u00e7i Partisi</i> (T\u0130P), Arbeiterpartei der T\u00fcrkei;<i> T\u00fcrkiye Sosyalist \u0130\u015f\u00e7i Partisi</i> (TS\u0130P), Sozialistische Arbeiterpartei der T\u00fcrkei;<i> T\u00fcrkiye Kom\u00fcnist Partisi</i> (TKP), Kommunistische Partei der T\u00fcrkei.</p><p><b>[3]</b> <i>Go\u015fizm</i>, vom Franz\u00f6sischen<i> gauche</i> (links); bezeichnete im damaligen Sprachgebrauch der t\u00fcrkischen Linken \u201eLinksradikalismus\u201c.</p><p><b>[4]</b><i> Y\u0131ld\u0131z Teknik Universitesi</i>, technische Universit\u00e4t Istanbuls, 1911 im Osmanischen Reich als<i> Kondukt\u00f6r Mekteb-i \u00c2l\u00eesi</i> in Anlehnung an die Pariser Ingenieurshochschule gegr\u00fcndet. Am 9. Mai 1978 gab es einen faschistischen Anschlag auf die Universit\u00e4t, bei der drei Menschen starben und 12 Menschen verletzt wurden.</p><p><b>[5]</b><i> Milliyet\u00e7i Hareket Partisi</i> (MHP), Partei der Nationalistischen Bewegung; faschistisch-nationalistisch ausgerichtet, derzeit Hauptb\u00fcndnispartner von Erdo\u011fan.</p><p><b>[6]</b><i> Sosyalist Demokrasi Partisi</i> (SDP), Partei der Sozialistischen Demokratie.</p><p><b>[7]</b> <i>T\u00fcrkiye \u0130\u015f\u00e7i K\u00f6yl\u00fc Kurtulu\u015f Ordusu</i> (T\u0130KKO), Befreiungsarmee der Arbeiter und Bauern der T\u00fcrkei, illegaler milit\u00e4rischer Arm der maoistischen<i> T\u00fcrkiye Kom\u00fcnist Partisi/Marksist-Leninist</i> (TKP/ML), Kommunistische Partei der T\u00fcrkei/Marxistisch-Leninistisch.</p><p><b>[8]</b><i> \u015eehremini</i>: Kiez am westlichen Ende der Istanbuler Altstadt;<i> Fatih</i>: Zentrum der Istanbuler Altstadt, bezeichnet heute zugleich verwaltungstechnisch zugleich die gesamte Altstadt. Der Name <i>Fatih</i>, dt.: der Eroberer bezieht sich auf den Beinamen des Sultan Mehmet II. (1432-1481), unter dessen Regentschaft am 29. Mai 1453 Konstantinopel/Istanbul von den Osmanen erobert wurde.</p><p><b>[9]</b><i> S\u00fcleymaniye</i>: direkt n\u00f6rdlich vom Hauptgeb\u00e4ude der Istanbuler Universit\u00e4t gelegenes historisches Moscheenviertel, bezieht seinen Namen aus dem gro\u00dfen Moscheenkomplex namens S\u00fcleymaniye, errichtet vom ber\u00fchmten Architekten Sinan 1550-57 f\u00fcr Sultan S\u00fcleyman I. (1495/96?-1566), den Pr\u00e4chtigen.</p><p><b>[10]</b> Medizinische Fakult\u00e4t mit Krankenhaus im nahegelegenen \u015eehremini-Viertel.</p><p><b>[11]</b><i> Vatan Partisi</i> (VP), Vaterlandspartei; schon damals fragw\u00fcrdig und national-revolution\u00e4r, heutzutage klar nationalchauvinistisch, derzeit B\u00fcndnispartner von Erdo\u011fan.</p><p><b>[12]</b> 12. September 1980, blutigster Milit\u00e4rputsch der modernen T\u00fcrkei, f\u00fchrte zur Zerschlagung der Linken und zur Umsetzung des Neoliberalismus.</p><p><b>[13]</b> Nach Aussagen des Journalisten Mehmet Ali Birand kabelte der CIA-Verantwortliche in Ankara, Paul Henze, als er vom Erfolg des Milit\u00e4rputsches erfuhr, nach Washington: \u201eOur boys did it.\u201c Henze bestritt dies sp\u00e4ter; Birand pochte darauf, dass Henze selbst ihm das so gesagt habe.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"bild ist beyazit.jpg\" height=\"1038\" src=\"/media/images/bild_ist_beyazit.original.jpg\" width=\"1200\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Die Istanbul Universit\u00e4t und die sieben Genoss_innen, die bei dem Anschlag ermordet wurden.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/es-war-unser-fr%C3%BChling/", "id": "https://revoltmag.org/articles/es-war-unser-fr%C3%BChling/", "author": {"name": "O\u011fuzhan Kayserilio\u011flu", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-03-16T10:05:18.771191+00:00", "date_modified": "2020-03-16T10:07:03.512169+00:00", "tags": ["re:port", "t\u00fcrkei", "1978", "istanbul", "anschlag", "polizeigewalt", "revolution", "revolution\u00e4re linke"], "summary": "Am 16. M\u00e4rz 1978 ver\u00fcbten t\u00fcrkische Faschisten einen Anschlag auf die Istanbuler Universit\u00e4t, sieben Menschen starben. Die Folge: Die revolution\u00e4re Linke erstarkte und vertrieb die Faschisten aus Istanbul. Ein Genosse, der den Anschlag \u00fcberlebte, \u00fcber eine Generation der W\u00fcrde."}, {"title": "Video: Interview mit Max Zirngast zur aktuellen Lage in der T\u00fcrkei", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Video: Interview mit Max Zirngast zur aktuellen Lage in der&nbsp;T\u00fcrkei</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"artikelbild_video_max_zirngast.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/artikelbild_video_max_zirngas.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">CC0 1.0 Universal</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Etwa seit 2013 steckt die t\u00fcrkische Gesellschaft in einer sich versch\u00e4rfenden Hegemoniekrise. Aber auch in der Region selbst werden im Poker um Macht und Herrschaft die Karten neu verteilt. Innerstaatlich trifft der Versuch, ein konservatives bis faschistisches Gesellschaftsmodell zu installieren, auf zunehmenden Widerstand. Noch ist unklar, was am Ende des Entwicklungsprozesses stehen wird, auch deshalb, weil die internationalen Machtverschiebungen einen erheblichen Einfluss auf die internen Entwicklungen haben. Der schleichende R\u00fcckzug der USA aus dem Nahen Osten, die Zunahme des regionalen Einflusses Russlands und der wirtschaftliche Aufstieg Chinas sind dabei Teilaspekte einer komplexen politischen Neuausrichtung, die von sozialen K\u00e4mpfen begleitet wird.</p><p>Das Interview ist Teil der ausf\u00fchrlichen T\u00fcrkei-Berichterstattung des <i>re:volt magazine</i>.<br/> Zum Weiterlesen: <a href=\"https://revoltmag.org/articles/ein-krieg-zur-st\u00e4rkung-des-faschismus/\">Ein Krieg zur St\u00e4rkung des Faschismus</a><br/></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-html\">\n        <div style=\"padding:56.25% 0 0 0;position:relative;\"><iframe src=\"https://player.vimeo.com/video/407662226?title=0&byline=0&portrait=0\" style=\"position:absolute;top:0;left:0;width:100%;height:100%;\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen\" allowfullscreen></iframe></div><script src=\"https://player.vimeo.com/api/player.js\"></script>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><hr/><p></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Video in Kooperation mit Left Report <a href=\"https://leftreport.org/\">leftreport.org</a></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Aber auch in der Region selbst werden im Poker um Macht und Herrschaft die Karten neu verteilt. 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Leser*innen unseres Magazins wissen, dass wir uns mit diesen und \u00e4hnlichen tiefsch\u00fcrfenden philosophischen Fragen besch\u00e4ftigen mussten, als letztes Jahr unser Kollege und Genosse Max Zirngast in der T\u00fcrkei festgenommen wurde. Ihm wurde vorgeworfen, Mitglied, ja sogar Ankara-Verantwortlicher einer omin\u00f6sen illegalen und bewaffneten \u201eTerrororganisation\u201c namens \u201eTKP/K\u201c (Kommunistische Partei der T\u00fcrkei/Funke) zu sein. Wir und vor allem die Kolleg*innen von der internationalen <a href=\"https://freemaxzirngast.org/\"><i>Solidarit\u00e4tskampagne #FreeMaxZirngast</i></a> w\u00e4lzten Order um Ordner, lasen Hunderte von Seiten, um herauszufinden, was an diesen Vorw\u00fcrfen dran ist. Zu unserer v\u00f6lligen \u00dcberraschung mussten wir feststellen: An den Vorw\u00fcrfen war ja gar nichts dran! Das Ganze war ein reines politisches Willk\u00fcrverfahren, um Oppositionelle mundtot zu machen!</p><p>Der t\u00fcrkische Staatsanwalt brauchte etwas l\u00e4nger: Aus dem Dornr\u00f6schenschlaf von Sultans\u2019 Gnaden erwacht, entdeckte er am 11. September 2019, exakt ein Jahr nach der Inhaftierung von Max Zirngast und Genoss*innen, urpl\u00f6tzlich das Hauptprinzip von Rechtsstaatlichkeit,<i> in dubio pro reo</i> (in Zweifel f\u00fcr den Angeklagten) und verlangte prompt den Freispruch f\u00fcr alle Angeklagten wegen Mangels an Beweisen. Der Richter war so baff angesichts der Argumentationsk\u00fcnste des Staatsanwaltes, dass er das Verfahren nach zehn Minuten fast wortlos beendete und dem Antrag des Staatsanwaltes stattgab, die Genoss*innen kamen frei \u2013 wie von Zauberhand, denn die Informationslage im Verfahren war die ganze Zeit \u00fcber dieselbe geblieben. Die T\u00fcrkei ist ein Land der Wunder, die Br\u00fccke zwischen Ost und West, das Land von politischer Massenhaft und sporadischem Freispruch. So oder so \u00e4hnlich k\u00f6nnten wir es wohl in einem orientalistischen Reisef\u00fchrer nachschlagen.</p><h2><b>Sultanat im Alpenland?</b></h2><p>Aber, jetzt kommt der Witz, es stellte sich heraus, dass der Sultan vom Bosphorus gar nicht nur in der ber\u00fchmten Meeresenge zwischen Asien und Europa haust \u2013 sondern auch mitten in Europa, zum Beispiel in der Alpenrepublik. Seine getreuen Janitscharen, die Grazer Staatsanwaltschaft und der \u00f6sterreichische Inlandsgeheimdienst BVT, lancierten n\u00e4mlich ebenfalls zur gleichen Zeit wie Ihro Majest\u00e4t ergebenster Staatsanwalt in Ankara ein \u201eTerrorverfahren\u201c gegen Max Zirngast in \u00d6sterreich. Das deckten die <a href=\"https://www.falter.at/zeitung/20191211/unter-terrorismusverdacht/_d7a70a9ea5\">Wochenzeitung<i> Falter</i></a> aus \u00d6sterreich und die <a href=\"https://freemaxzirngast.org/2019/12/ein-handfester-skandal-die-oesterreichischen-behoerden-und-der-fall-max-zirngast/\"><i>Solidarit\u00e4tskampagne #FreeMaxZirngast</i></a> nun auf. Und zwar mit denselben fadenscheinigen Gr\u00fcnden wie die politische Willk\u00fcrjustiz in der T\u00fcrkei. Da aber allein ein Nachplappern der t\u00fcrkischen Despotie v\u00f6llig langweilig w\u00e4re, legten sich die \u00f6sterreichischen Beh\u00f6rden ordentlich ins Zeug und erfanden in ihrer unzweifelhaften und unvergleichlichen Habsburger Weisheit einfach neue Dinge dazu. In \u201eVersicherung ihrer vorz\u00fcglichen Hochachtung\u201c vor den Kolleg*innen in der T\u00fcrkei, versteht sich. Auf einmal hie\u00df es, dass die \u201eTKP/K\u201c, deren Mitglied ja Max h\u00e4tte sein sollen, eigentlich eine Abspaltung der \u201eTKP/ML\u201c sei, die mit der \u201eTIKKO\u201c eine bewaffnete Guerillaarmee zwecks gewaltsamen Umsturzes der staatlichen Ordnung unterhalte. Viele Abk\u00fcrzungen mit T zu Beginn, wir verstehen die Verwirrung. Mehr Sekt und Popcorn bitte,<i> the show must go on</i>!</p><h2><b><i>re:volt</i></b><b> macht Geschichte</b></h2><p>Ob das nun der gr\u00f6\u00dfte Skandal der Zweiten Republik wird oder \u201eso an Kaffeehaus-Gschichtl\u201c am Rande einer wahnhaften Wiener Episode von Djuna Barnes\u2019 Erz\u00e4hlungen bleibt, das wird bekanntlich die Geschichte entscheiden. Aber auch wir haben hier mitzureden, denn es geht ums Ganze. Wie analysierte schon der alte Marx ganz richtig: \u201eDas<i> re:volt magazine</i> macht seine eigene Geschichte, aber es macht es nicht aus freien St\u00fccken, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und \u00fcberlieferten Umst\u00e4nden.\u201c Welche Umst\u00e4nde fanden wir nun vor? Ein kleines Nikolausgeschenk an uns, versteckt in den Akten des \u00f6sterreichischen Verfahrens gegen Max! Darin wurde uns der Ruhm und die Ehre zuteil, von einem angesichts seiner Leistungen offensichtlich extrem \u00fcberbezahlten \u00f6sterreichischen Inlandsgeheimdienst mit folgenden Worten gew\u00fcrdigt zu werden:</p><p>\u201e<i>... dass das Magazin Re:volt linksorientiert ist. Ihre Slogans lauten unter anderem Rebellion! Widerstand! Freiheit! Ihre Ideologie ist Internationalismus, Sozialismus und Marxismus. Prokurdisch. Die Artikel bzw. das Medium ist wenig verbreitet oder bekannt.</i>\u201c</p><p>In einer Sondersitzung, die wir als Redaktion nach Kenntnisnahme dieser Zuschreibungen einberiefen, versuchten wir herauszufinden, woher zur H\u00f6lle das BVT eigentlich auf die Idee kam, dass wir einen Slogan h\u00e4tten und dass der dann auch noch wie eine Kampfparole einer Mitgliedspartei der 4. Internationale klingt (hey Genosskis, nehmt\u2019s nicht pers\u00f6nlich!). Letztlich einigten wir uns auf eine postmoderne L\u00f6sung und sagten uns: Wo nichts ist, da kann ja noch was werden! Und hiermit erkl\u00e4ren wir \u00f6ffentlich und in Versicherung unserer vorz\u00fcglichen Hochachtung: Ab jetzt soll unser Kampfslogan \u201e<b>Rebellion! Widerstand! Freiheit!</b>\u201c hei\u00dfen, er soll unsere wehenden gelb-rot-gr\u00fcnen Fahnen des Internationalismus, Sozialismus und Marxismus schm\u00fccken und einst auch auf unseren Gr\u00e4bern geschrieben stehen.</p><p>Ansonsten verweisen wir auch noch gerne auf die Leistungen von Menschen, die viel schlechter bezahlt werden als das BVT, dabei aber viel profunderes Wissen zur t\u00fcrkischen Linken besitzen: Ein Blick in das von Nick Brauns und Murat \u00c7ak\u0131r herausgegebene Buch <a href=\"https://diebuchmacherei.de/produkt/partisanen-einer-neuen-welt-eine-geschichte-der-linken-und-arbeiterbewegung-in-der-tuerkei/\"><i>Partisanen einer neuen Welt. Eine Geschichte der Linken und Arbeiterbewegung in der T\u00fcrkei</i></a> vom letzten Jahr lohnt sich. Darin wird in allen Details die Geschichte der mehreren (!) TKPs, der TKP/ML, der TIKKO, und der vieler, vieler anderer linker Str\u00f6mungen und Organisationen in der Geschichte der modernen T\u00fcrkei erz\u00e4hlt (hey BVT, einfach das n\u00e4chste Mal die paar Euro investieren und mal was wirklich lernen!). Wir haben Ausz\u00fcge aus dem Buch zu \u201eDoktor\u201c Hikmet K\u0131v\u0131lc\u0131ml\u0131, seinen Nachfolgern und den wenigen Informationen, die die Herausgeber zur TKP/K finden konnten, zusammengetragen und mit freundlicher Erlaubnis der Herausgeber ebenfalls letztes Jahr als Artikel unter dem Titel \u201e<a href=\"https://revoltmag.org/articles/diagnosen-eines-doktors-zur-geschichte-einer-kommunistischen-tradition-der-t%C3%BCrkei/\">Diagnosen eines Doktors \u2013 Zur Geschichte einer kommunistischen Tradition in der T\u00fcrkei</a>\u201c ver\u00f6ffentlicht. Es w\u00e4re so einfach gewesen\u2026</p><p>Und zum Schluss mal ganz ohne Zynismus: Wir als Redaktion des<i> re:volt magazine</i>s versprechen, genau so weiter zu machen wie bisher und uns nicht kleinkriegen oder ablenken zu lassen von irgendwelchen regionalen Despoten oder ihren willf\u00e4hrigen Speichelleckern im Zentrum des imperialistischen Weltsystems. Wie wir schon in unserem <a href=\"https://revoltmag.org/about/\">Selbstverst\u00e4ndnis</a> festhalten:</p><p>\u201e<i>Die Zeichen stehen auf Sturm: Seit dem Untergang der sozialistischen Staaten des Ostblocks w\u00fctet der Kapitalismus ungehindert in allen Teilen des Erdballs. Nicht nur pl\u00fcndern die reichsten L\u00e4nder der Welt nach wie vor ungehemmt den globalen S\u00fcden aus und halten damit einen Gro\u00dfteil der Weltbev\u00f6lkerung in bitterer Armut gefangen. Auch die Kriegsf\u00fchrung der imperialistischen Staaten hat sich seit 1990 versch\u00e4rft. [\u2026] Parallel zu dieser imperialistischen Weltmachtpolitik, in der auch Deutschland wieder kr\u00e4ftig mitmischt, wird seit nunmehr \u00fcber 40 Jahren ein ungeheurer Angriff auf die Errungenschaften der Arbeiter_innenbewegung in den imperialistischen Zentren seitens des Kapitals unter dem Deckmantel des \u201eNeoliberalismus\u201c vollzogen. Im Zuge dieser Entwicklung schreitet die Reaktion \u00fcberall voran und auch die grundlegendsten demokratischen Rechte werden zunehmend eingeschr\u00e4nkt. [...] Andererseits nehmen die Menschen ihr Schicksal nicht einfach hin, sondern k\u00e4mpfen um ihre Zukunft. Von Rojava \u00fcber die Bolivarische Revolution und den transformierten Kampf der FARC-EP, \u00fcber #BlackLivesMatter, Gezi, Occupy Wall Street und #15M, dem Kampf gegen Hartz I-IV, gegen Wohnungsnot und Mietenwahnsinn, gegen Gewalt an Frauen und an LGBTQ* oder den massenhaften Platzbesetzungen wie am Syntagma oder Tahrir-Platz: In diesen und vielen weiteren K\u00e4mpfen und Orten f\u00fchrten und f\u00fchren die Unterdr\u00fcckten und Ausgebeuteten den unerm\u00fcdlichen Kampf um ihre Befreiung.</i>\u201c</p><p>Insofern rufen wir auf zu:<b> Rebellion! Widerstand! Freiheit!</b></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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In der zum 30. Jahr des \u201eMauerfalls\u201c erscheinenden Brosch\u00fcre</i> <a href=\"https://antifa-nordost.org/8948/broschuere-veranstaltungsreihe-deutschland-ist-brandstifter/\">\u201eDeutschland ist Brandstifter! Gegen den BRD-Imperialismus und den Mythos Friedliche Revolution\u201c</a> <i>steuern wir als re:volt magazine unter anderem den nachfolgenden Text zum Verh\u00e4ltnis zwischen BRD-Imperialismus und T\u00fcrkei bei. Release der Brosch\u00fcre ist am Donnerstag, den 7. November 2019 um 19:30 Uhr im Zielona G\u00f3ra (Gr\u00fcnberger Stra\u00dfe 73 / Friedrichshain).</i></p><p></p><hr/><p></p><p>Noch vorletztes Jahr lieferten sich die t\u00fcrkische Regierung und die EU spektakul\u00e4re Wortgefechte. Anlass waren die Absagen von Wahlauftritten f\u00fcr AKP-Minister*innen und andere hochrangige AKP-Mitglieder in den Niederlanden und in Deutschland seitens der jeweiligen staatlichen Institutionen. Daraufhin hielt es Erdo\u011fan f\u00fcr n\u00f6tig, der Niederlande eine \u201eneonazistische Gesinnung\u201c, Staatsterrorismus und Beteiligung an V\u00f6lkermord vorzuwerfen, Merkel hielt er entgegen: \u201eDu benutzt gerade Nazi-Methoden\u201c. Den Niederlanden wurde mit Sanktionen gedroht, die AKP-Jugend erstach unter \u201efaschistisches Holland!\u201c-Rufen <a href=\"http://www.diken.com.tr/akpli-genclerden-hollanda-protestosu-portakal-orada-kal\">Orangen mit Buttermessern</a> und trank rached\u00fcrstend den mit wahrlich beeindruckender Kraft ausgepressten Saft, die <a href=\"https://www.sabah.com.tr/gundem/2017/03/16/sabah-avrupadan-bilde-almanca-cevap\">Revolverpresse</a> titelte: \u201eIhr k\u00e4mpft umsonst. Eure Macht reicht nicht, um die T\u00fcrkei aufzuhalten\u201c.</p><p>Die Reaktionen auf europ\u00e4ischer Seite waren ungleich sch\u00e4rfer, als bisher gewohnt: Der niederl\u00e4ndische Premier Rutte lehnte rigoros eine Entschuldigung und die Aufnahme von Verhandlungen bei Fortsetzung der Beleidigungen von seitens der T\u00fcrkei ab, Gabriel und Steinmeier forderten ein sofortiges Ende der uns\u00e4glichen Nazi-Vergleiche, Merkel k\u00fcndigte weitere Auftrittsverbote an. D\u00e4nemark sagte einen Auftritt des t\u00fcrkischen Premiers Y\u0131ld\u0131r\u0131m ab, der EU-Kommissar f\u00fcr Europ\u00e4ische Nachbarschaftspolitik und Erweiterungsverhandlungen Johannes Hahn strich einen Teil der EU-Fonds f\u00fcr die T\u00fcrkei und \u00e4u\u00dferte Zweifel an der Fortsetzung der EU-Beitrittsverhandlungen mit der T\u00fcrkei.</p><p>Auf diese Reaktionen der europ\u00e4ischen Seite reagierten wiederum hochrangige AKP-Mitglieder und Minister*innen in der von ihnen gewohnten Manier. Und so ging es eine Zeit lang munter weiter.</p><h3><b>Die Propaganda und Taten des</b> <b><i>F\u00fchrers</i></b></h3><p>Diese letztlich weitestgehend auf verbaler Ebene gebliebene Auseinandersetzung zwischen der T\u00fcrkei und der EU war nichts Neues. Ihr Beginn l\u00e4sst sich auf sp\u00e4testens 2013 datieren. <a href=\"https://www.edition-assemblage.de/buecher/die-tuerkei-am-scheideweg/\">Wie bekannt</a>, gingen damals mit dem Juni- oder Gezi-Aufstand Millionen von Menschen gegen das autorit\u00e4re Regime in der T\u00fcrkei auf die Stra\u00dfen. Die AKP-Herrschaft geriet ordentlich ins Wanken, ihr gesamter Zauber, ihr Glanz und ihre \u00dcberzeugungskraft verflogen wie ein vor\u00fcbergehendes Schattenspiel. Es zeigte sich offen das h\u00e4ssliche Gesicht (und die Keule) der Gewaltherrschaft. Die Ereignisse der darauffolgenden Jahre zeigten zur Gen\u00fcge, dass die AKP die t\u00fcrkische Gesellschaft nicht mehr mit demokratischen Mitteln f\u00fchren konnte und dass ihr die durch demokratische Mittel hervorgebrachte Legitimation wegbrach.</p><p>Das Ende der AKP-Herrschaft war absehbar, sollten weiterhin die Spielregeln der Demokratie gelten. Ergo wurden diese von Seiten der AKP abgeschafft. Im zumeist kurdischen S\u00fcdosten der T\u00fcrkei wurde ein unglaublich brutaler Vernichtungskrieg gegen\u00fcber der kurdischen Bev\u00f6lkerung und kurdischen Militanten entfesselt. Am Ende waren \u00fcber ein Dutzend St\u00e4dte gro\u00dfteils dem Erdboden gleichgemacht. Eine Furie der Repression und eine rasante Schlie\u00dfung des \u00f6ffentlichen Raumes f\u00fcr oppositionelle Politik und Meinung, also eine<i> Faschisierung,</i> setzten ein. Und sp\u00e4testens seit dem gescheiterten Milit\u00e4rputsch vom 15. Juli 2016 wird ganz offen nach dem Schmittschen Paradigma regiert: \u201eSouver\u00e4n ist, wer \u00fcber den Ausnahmezustand entscheidet.\u201c Und zum absoluten Souver\u00e4n, dazu h\u00e4lt sich Erdo\u011fan berufen, der von seinen Anh\u00e4ngern mittlerweile offen als F\u00dcHRER, REIS im T\u00fcrkischen, verehrt wird (Gro\u00dfschreibung im Original).</p><p>Auf der diskursiven Ebene der politischen Propaganda wurden die mittlerweile klassischen Begriffe moderner Feindbildung lanciert: Der Terrorismus, die Zinslobby, die Auslandsm\u00e4chte, die dunklen Kr\u00e4fte und andere \u00e4hnliche Begriffe. Das bundesdeutsche Feindstrafrecht und der US-amerikanische<i> War on Terror</i> hatten ja vorgemacht, wie man den Gebrauch solcher Begriffe institutionalisieren und damit Angriffskriege und rechtliche Ungleichbehandlung rechtfertigen konnte. Je nach politischer Konjunktur fielen, auf die Au\u00dfenpolitik bezogen, mal China, mal Russland und vor allem recht oft die Bundesrepublik in die Kategorie der dunklen Kr\u00e4fte/Auslandsm\u00e4chte. Mal hie\u00df es, Deutschland habe Gezi angefacht, das n\u00e4chste Mal hie\u00df es, Deutschland besch\u00fctze Terroristen, die der T\u00fcrkei sch\u00e4digen w\u00fcrden. Nun hie\u00df es zur Abwechslung mal, Deutschland w\u00fcrde \u201eNazi-Methoden\u201c anwenden.</p><p>Aus europ\u00e4ischer Perspektive stellten hingegen die Ereignisse ab 2013 und vor allem seit 2016 gewisserma\u00dfen endg\u00fcltig klar, dass die T\u00fcrkei nicht wirklich zu Europa geh\u00f6rte, zumindest die europ\u00e4ischen Werte nicht gen\u00fcgend vertrete, ja sogar mit F\u00fc\u00dfen trete.</p><h3><b>Strategische Zusammenarbeit...</b></h3><p>In den zwei Jahren seit dem medialen und spektakul\u00e4ren Hochkochen des T\u00fcrkei-EU-Konfliktes ist nicht viel \u00fcbriggeblieben, au\u00dfer der ab und an ge\u00e4u\u00dferten \u201eBesorgnis\u201c \u00fcber die erodierenden Demokratiestandards in der T\u00fcrkei. Zwischenzeitlich hat Sigmar Gabriel in unterw\u00fcrfiger Manier Tee getrunken mit seinem t\u00fcrkischen Amtskollegen \u00c7avu\u015fo\u011flu; der damalige Ministerpr\u00e4sident der T\u00fcrkei, Y\u0131ld\u0131r\u0131m, hat die Normalisierungen der Beziehungen zur BRD nach einem Treffen mit Merkel angek\u00fcndigt und Erdo\u011fan ist doch wieder in Deutschland aufgetreten, hat sich mit Merkel getroffen und l\u00e4chelnd vor Kameras H\u00e4nde gesch\u00fcttelt trotz \u201etiefgehender Differenzen\u201c.</p><p>Warum aber ist die EU und insbesondere Deutschland so zaghaft im Umgang mit der T\u00fcrkei, wenn die T\u00fcrkei doch angeblich alle \u201edemokratischen Werte\u201c mit den F\u00fc\u00dfen tritt?</p><p>Es gibt sehr reale Interessen seitens europ\u00e4ischer Staaten und insbesondere der BRD an einer Zusammenarbeit mit der T\u00fcrkei. Und bisher entsprach das Handeln der T\u00fcrkei beziehungsweise der t\u00fcrkischen Regierung auch weitestgehend diesen Interessen. Wenn man sich Publikationen und \u00c4u\u00dferungen deutscher Eliten in Wirtschaft und Politik anschaut \u2013 zum Beispiel in Publikationen der regierungsnahen SWP und der christdemokratischen Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) oder vonseiten der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) \u2013 kann man <a href=\"https://www.kas.de/documents/252038/253252/7_dverbund_doc_pdf_438_1.pdf/eef2114c-83aa-5300-184f-bd9b98d362c4?version=1.0&amp;t=1539623935375\">res\u00fcmierend festhalten</a>: Die T\u00fcrkei wird als langfristig erfolgsversprechender Investitionsort und Exportmarkt gesehen, von dem Deutschland als Handelspartner Nummer Eins insbesondere durch Milliarden-Investitionen im Verkehrs- und Energiesektor profitieren k\u00f6nne (KAS). Die deutsche Wirtschaft ist in der Tat seit den 1970ern in der T\u00fcrkei aktiv und mittlerweile operieren dort \u00fcber 6000 deutsche Firmen und erfreuen sich der wirtschaftsfreundlichen Politik der AKP \u2013 \u201eein klarer Beweis unseres starken Interesses an einem guten Verh\u00e4ltnis unserer beider L\u00e4nder\u201c, so DIHK-Chef Martin Wansleben <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2017/08/turkey-germany-considers-economic-sanctions.html\">2017</a>. Die sich verschlechternden Beziehungen auf oberfl\u00e4chlicher politischer Ebene standen trotz der Erw\u00e4hnung von deutschen Unternehmen auf einer semi-offiziellen Terrorliste nicht im Wege, als Siemens gemeinsam mit t\u00fcrkischen Partnern einen der <a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/siemens-and-turkish-partners-win-billion-dollar-wind-energy-tender%E2%80%94116296\">gr\u00f6\u00dften Auftr\u00e4ge</a> f\u00fcr Windenergie mit einem Investitionsumfang von einer Milliarde US-Dollar gewann. Im Jahr darauf profitierte erneut Siemens von einer geschichtstr\u00e4chtigen Kontinuit\u00e4t:</p><p>Bundeswirtschaftsminister Altmaier (CDU) <a href=\"https://www.spiegel.de/wirtschaft/tuerkei-peter-altmaier-und-joe-kaeser-werben-fuer-bahnprojekt-a-1234836.html\">reiste extra in die T\u00fcrkei</a>, um den Auftrag f\u00fcr die Modernisierung der zu Zeiten der Baghdad-Bahn gebauten Eisenbahnschienen mit einem Investitionsumfang von sagenhaften 35 Milliarden Euro f\u00fcr Siemens zu garantieren. Schon vor \u00fcber hundert Jahren war Siemens am Bau der Baghdad-Bahn mit tatkr\u00e4ftiger Unterst\u00fctzung von Kaiser Wilhelm II. beteiligt, alles im damals noch sehr unverbl\u00fcmt ge\u00e4u\u00dferten Interesse des deutschen Imperialismus: \u201eEinzig und allein eine politisch und milit\u00e4risch starke T\u00fcrkei erm\u00f6glicht es uns, daf\u00fcr zu sorgen, dass die gro\u00dfen Aussichten, welche sich in den L\u00e4ndern am Euphrat und Tigris f\u00fcr die Vergr\u00f6\u00dferung unseres Nationalverm\u00f6gens und die Verbesserung unserer wirtschaftlichen Bilanz bieten, auch wirklich mit einiger Sicherheit in die Sph\u00e4re der realen Existenz \u00fcbergehen k\u00f6nnen. F\u00fcr eine schwache T\u00fcrkei keinen Pfennig, f\u00fcr eine starke, soviel nur irgend gew\u00fcnscht wird\u201c. So 1902 der <a href=\"http://raeterepublik.de/Strategische_Partnerschaft.htm\">deutsche Kolonialstratege</a> Paul Rohrbach in seinem Buch<i> Die Baghdad-Bahn \u2013 Vom deutschen Weg zur Weltgeltung</i>.</p><p>Osmanischer Kriegseintritt unter deutschem Oberkommando und deutsche Toleranz und in Teilen aktive Zuarbeit beim Armenischen Genozid folgten. J\u00fcrgen Hardt, au\u00dfenpolitischer Sprecher der CDU/CSU, h\u00e4lt in der oben zitierten KAS-Brosch\u00fcre \u2013 bei weitem nicht mehr so unverbl\u00fcmt wie einst, sondern zivilisierter, das hei\u00dft verschleierter \u2013 fest, dass 100-j\u00e4hrige politische und wirtschaftliche Banden die T\u00fcrkei und Deutschland zusammenhielten und dass die T\u00fcrkei ein zentraler Akteur und Stabilit\u00e4tsanker sowie \u201eunser verl\u00e4sslichster Partner in der Region\u201c nach Israel sei, sowie die Diversifizierung der Energielieferungen an Deutschland erm\u00f6gliche. [1] Die T\u00fcrkei ist also <a href=\"https://ipc.sabanciuniv.edu/wp-content/uploads/2018/07/NATO-Report-Kirchner.pdf\">aus europ\u00e4ischer Perspektive</a> eine \u201eBr\u00fccke in den Nahen Osten, in den Kaukasus und indirekt auch nach Zentralasien\u201c. Die NATO und die EU sind dabei die zwei haupts\u00e4chlichen internationalen Institutionen, die die T\u00fcrkei an den Westen binden, so <a href=\"https://www.zeit.de/2016/31/tuerkei-nato-putschversuch-militaer\">ganz richtig</a> der au\u00dfenpolitische Hauptstadtkorrespondent von <i>Die Zeit</i>, Michael Thumann.</p><p>Bei dieser Interessenlage und einer solchen strategischen Zusammenarbeit ist man nat\u00fcrlich auch gern zu Zugest\u00e4ndnissen bereit, wo es um Demokratie, Menschenrechte und \u00e4hnliche profane Dinge geht. Der Bundesinnenminister de Maizi\u00e8re verewigte sich in dieser Angelegenheit am 25. Januar 2016 <a href=\"https://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/schmusekurs-mit-erdogan-106.html\">mit folgenden Worten</a>: \u201eAlle, die uns jetzt sagen, man muss die Tu\u0308rkei von morgens bis abends kritisieren, denen rate ich mal, jetzt das nicht fortzusetzen. Wir haben einen Interessensausgleich mit der Tu\u0308rkei vor uns. Wir haben Interessen, die Tu\u0308rkei hat Interessen. Das ist ein wichtiger Punkt\u201c. Der T\u00fcrkei-Korrespondent der FAZ, Michael Martens, brachte die Konsequenzen einer solchen Haltung in einem Artikel vom 8. November 2016 viel direkter und ehrlicher <a href=\"https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/tuerkei/europas-notwendigkeit-mit-der-tuerkei-zu-verhandeln-14517389.html\">auf den Punkt</a>: \u201eSelbst wenn an Europas su\u0308do\u0308stlichen Grenzen ein Staat entstehen sollte, in dem dauerhaft und systematisch Oppositionelle gefoltert und Menschenrechte missachtet werden, w\u00e4re es notwendig, am Dialog mit dem Nato-Partner festzuhalten\u201c. Darauf, dass auch dies eine <a href=\"https://zeitschrift-ip.dgap.org/de/ip-die-zeitschrift/archiv/jahrgang-2017/maerz-april/abschied-von-europa\">historische Tradition</a> hat, verwies der oben erw\u00e4hnte Thumann: \u201eDie NATO hat der Putsch-T\u00fcrkei 1960, 1971, 1980 und 1998 nicht die T\u00fcr gewiesen [...] und sie muss heute wegen Erdogan nicht die Nerven verlieren.\u201c</p><p>Es sind aber nicht nur Zugest\u00e4ndnisse, die an eine sich faschisierende T\u00fcrkei gemacht werden. Es findet auch schlicht die Fortsetzung strategischer Zusammenarbeit im sicherheitsdienstlichen und milit\u00e4rischen Bereich statt; diese wurde von den Wortgepl\u00e4nkeln auf politischer Ebene \u00fcberhaupt nicht nachteilig ber\u00fchrt \u2013 im Gegenteil: sie verst\u00e4rkte sich. Das Vorgehen der BRD gegen die PKK oder vermeintliche PKK-Unterst\u00fctzer*innen ist, entgegen der Propaganda des Regimes in der T\u00fcrkei, schon seit dem PKK-Verbot 1993 kontinuierlich beinhart, wie sogar ein FAZ-Artikel festh\u00e4lt: Seit 1992/93 wurden 52 \u201eder PKK zurechenbare\u201c Organisationen in der BRD verboten, 90 \u201ePKK-Funktion\u00e4re\u201c verurteilt und seit 2011 nach einer Gesetzesversch\u00e4rfung noch einmal 180 <a href=\"https://www.faz.net/aktuell/politik/tuerkei/geht-deutschland-ausreichend-gegen-die-pkk-vor-14934050.html\">Ermittlungsverfahren</a> gegen 241 Beschuldigte aufgenommen. Unter Innenminister Seehofer wurde dem nur die Krone aufgesetzt: vermehrte Razzien bei kurdischen Organisationen wie Civaka Azad und NAV-DEM, eine Zunahme der PKK-Verfahren <a href=\"https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-03/arbeiterpartei-kurdistans-pkk-ermittlungsverfahren-deutschland\">um das Dreifache</a> innerhalb eines Jahres, Fahnenverbote auch f\u00fcr die der YPG sowie letztlich die Verbote des <i>Mezopotamien</i> Verlages und <i>Mir-Musik</i>, um nur die krassesten Beispiele aufzuz\u00e4hlen. Gleichzeitig befinden sich Tausende Regime-Spitzel in der BRD, werden <a href=\"https://taz.de/Agent-des-tuerkischen-Geheimdienstes/!5382128\">Todeslisten</a> oppositioneller Politiker*innen angestellt und Mordtaten geplant. Auch die R\u00fcstungsg\u00fcterexporte schnellten, entgegen aller L\u00fcgen Sigmar Gabriels, in die H\u00f6he: Im Jahre 2018 war die T\u00fcrkei mit Abstand an erster Stelle, was deutsche Waffenexporte angeht, und diese machten <a href=\"https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/deutschland-verkauft-fuer-184-millionen-euro-waffen-an-die-tuerkei-16287033.html\">fast 33 Prozent</a> der gesamten bundesdeutschen Waffenexporte aus. Trotz einer umfassenden Milit\u00e4roffensive der T\u00fcrkei auf Nordostsyrien (\u201e<a href=\"https://revoltmag.org/articles/ein-krieg-zur-st%C3%A4rkung-des-faschismus/\">Operation Friedensquelle</a>\u201c seit 9. Oktober 2019), mit der die T\u00fcrkei beabsichtigt, ein sehr gro\u00dfes Gebiet de facto zu besetzen und zu kolonialisieren, gingen die deutschen Waffenexporte in die T\u00fcrkei nicht nur munter weiter, sie erreichten sogar Rekordh\u00f6hen! <a href=\"https://www.sueddeutsche.de/politik/tuerkei-deutschland-waffenexporte-2019-1.4644309\">Allein</a> die Waffenexporte der ersten acht Monate diesen Jahres an die T\u00fcrkei sind mit 250,4 Millionen Euro gr\u00f6\u00dfer als im gesamten Jahr 2018 und schon jetzt der h\u00f6chste Wert seit 2005; Die Neugenehmigungen von Waffenexporten waren bis zum 9. Oktober mit 28,5 Millionen Euro doppelt so viel (!) wie im gesamten letzten Jahr. Ganz ohne Scham konnte Au\u00dfenminister Heiko Maas (SPD) die t\u00fcrkische Regierung f\u00fcr ihr immens brutales und v\u00f6lkerrechtswidriges Vorgehen in Nordostsyrien kritisieren und von einer \u201e<a href=\"https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-10/waffenembargo-exportstopp-tuerkei-offensive-heiko-maas-russland-syrien\">Beschr\u00e4nkung</a>\u201c der R\u00fcstungsg\u00fcterexporte an die T\u00fcrkei sprechen, w\u00e4hrend gleichzeitig durchsickerte, dass es \u2013 wie zu erwarten \u2013 die bundesdeutsche Regierung war, die ein EU-weites Waffenembargo an die T\u00fcrkei <a href=\"https://www.epochtimes.de/politik/deutschland/bild-bundesregierung-blockiert-schaerfere-tuerkei-massnahmen-a3034311.html\">verhinderte</a>. Die <i>S\u00fcddeutsche</i> <a href=\"https://www.sueddeutsche.de/politik/tuerkei-deutschland-waffenexporte-2019-1.4644309\">meint</a> dazu: \u201eDie praktischen Auswirkungen des teilweisen Exportstopps der Bundesregierung d\u00fcrften daher relativ gering sein.\u201c Same shit, different day.</p><p>Auch dieses Vorgehen weist Kontinuit\u00e4t auf: Schon in den 1980ern und 1990ern bekam die T\u00fcrkei ganze 397 Leopard-1-Panzer; allein in den Jahren von 2006 bis 2011 hingegen 354 Leopard-2-Panzer, womit die t\u00fcrkische Armee derzeit mehr Leopard-2-Panzer besitzt, als die Bundeswehr, wobei diese Panzerlieferungen explizit von Artikel 5 des NATO-Vertrages \u2013 Einsatz nur zur kollektiven Verteidigung \u2013 <a href=\"https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-01/bodenoffensive-afrin-kurden-tuerkei-syrien-eu-staaten-besorgnis\">ausgenommen</a> wurden. Konsequenterweise waren diese Panzer beim Angriff auf Afrin im Fr\u00fchjahr 2018 im Einsatz \u2013 einem Angriff, den sogar der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages im M\u00e4rz 2018 als <a href=\"https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-03/militaeroffensive-afrin-tuerkei-bundestag-voelkerrecht\">nicht dem V\u00f6lkerrecht entsprechend</a> einstufte. Derselbe Wissenschaftliche Dienst f\u00fcgte Ende 2018 in einem separaten Gutachten hinzu, dass die Pr\u00e4senz der T\u00fcrkei in Syrien \u201edie <a href=\"https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-12/bundestagsgutachten-besatzungsmacht-tuerkei-syrien\">Kriterien einer milit\u00e4rischen Besatzung</a>\u201c erf\u00fclle. Die Bundesregierung hingegen zeigte sich <a href=\"https://www.welt.de/politik/ausland/article172805011/Syrien-Einsatz-Bundesregierung-sieht-legitime-Sicherheitsinteressen-der-Tuerkei.html\">besorgt</a>, sprach aber gleichzeitig von \u201elegitime[n] t\u00fcrkische[n] Sicherheitsinteressen\u201c. Jetzt, mit der \u201eOperation Friedensquelle\u201c, legte der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages noch einmal nach und betonte noch einmal, dass auch diese Milit\u00e4rinvasion im \u201e<a href=\"https://www.tagesschau.de/inland/tuerkei-wissensch-dienst-101.html\">Widerspruch zum V\u00f6lkerrecht</a>\u201c stehe. Trotz alldem hat die deutsche Rheinmetall<i>,</i> gemeinsam mit dem t\u00fcrkischen Waffenhersteller BMC und einem malaysischen Partner und tatkr\u00e4ftiger Unterst\u00fctzung der Bundesregierung, ein Waffengro\u00dfunternehmen mit dem Namen Rheinmetall BMC Defence Industry (RBSS) mit Sitz in Ankara gegr\u00fcndet, das laut <a href=\"https://correctiv.org/aktuelles/wirtschaft/2017/08/11/was-hat-rheinmetall-in-der-tuerkei-zu-verbergen\">internen</a> Papieren <a href=\"https://www.stern.de/politik/deutschland/rheinmetall-will-doch-keine-panzer-fuer-erdogan-bauen-8526166.html\">einst beabsichtigte</a>, bis zu 1000 Panzer zu einem Preis von sieben Milliarden Euro zu bauen \u2013 wobei das ganze Unternehmen derzeit in Mysterien eingeh\u00fcllt ist. Ob mit Produktionsfabrik vor Ort oder Lizenzvergaben oder Exporten: Rheinmetall, Daimler AG, Heckler und Koch, VW/Renk, MTU Friedrichshafen, ThyssenKrupp Marine Systems und <a href=\"http://www.imi-online.de/2019/10/18/deutsche-waffen-beim-tuerkischen-militaer/\">viele andere deutsche Unternehmen</a> verdienen Millionen \u00fcber Millionen an den Blutb\u00e4dern des t\u00fcrkischen Militarismus.</p><h3>\u2026 <b>und ihre Widerspr\u00fcche</b></h3><p>Erdo\u011fan und die AKP wissen nur zu gut, dass es diese sehr realen europ\u00e4ischen Interessen an der T\u00fcrkei gibt und dass sich die etablierten M\u00e4chte in Europa f\u00fcr Demokratie, Menschenrechte und dergleichen offensichtlich nur dann interessieren, wenn es ihnen wirtschaftlich und geostrategisch etwas bringt. Solange Stabilit\u00e4t herrscht und Erdo\u011fan im weitesten Sinne des Wortes mit den europ\u00e4ischen Interessen konform geht, l\u00e4sst man ihm freie Hand. Die rote Linie f\u00fcr EU und insbesondere Deutschland ist genau dann erreicht, wenn jenen Interessen geschadet wird.</p><p>Auf keinen Fall k\u00f6nnen westliche Gro\u00dfm\u00e4chte, so sie denn noch etwas auf ihre eigenen weltpolitischen Machtambitionen geben, tolerieren, dass von t\u00fcrkischer Seite aus versucht wird, ein Programm zu verfolgen, das zuerst der einstige Au\u00dfenminister, sp\u00e4ter Premierminister und derzeitige Renegat Ahmet Davuto\u011flu Anfang der 2000er Jahre entwarf. [2] Davuto\u011flu glaubte, wie so viele andere, dass nach dem Ende der Sowjetunion ein Machtvakuum in der Weltordnung entstanden sei, welches die USA durch einen Alleinherrschaftsanspruch auszuf\u00fcllen versuchten. Da dies nicht geklappt habe, sei die Welt nun in einem \u00dcbergang hin zu einer multipolaren Ordnung begriffen. L\u00e4nder wie die T\u00fcrkei k\u00f6nnten in dieser \u00dcbergangsperiode aufgrund ihrer <i>strategischen Tiefe</i> (historische, geographische und kulturelle Ressourcen) zu einer Regionalmacht, ja gar zur Weltmacht aufsteigen. Die ehemals wegen Putschpl\u00e4nen gegen die AKP inhaftierten ultranationalistischen Milit\u00e4rs, mit denen sich die AKP im Kampf gegen die neuen Putschmilit\u00e4rs verb\u00fcnden musste, beschreiben die dabei idealerweise zu verfolgende geostrategische Taktik mit solch <a href=\"https://t24.com.tr/haber/emekli-tumamiral-cem-gurdeniz-tanki-durdurana-sahip-cikarim,351771\">imposanten Begriffen</a> wie \u201edynamisches Gleichgewicht\u201c: Die T\u00fcrkei k\u00f6nne eine relative Autonomie und Bestimmungsmacht im geostrategischen Machtgef\u00fcge erlangen, indem sie sich im Gleichgewicht zwischen den Interessen von Russland und der USA bewege, somit von keiner der beiden Parteien abh\u00e4ngig sei, sondern im Gegenteil beide Parteien gegeneinander f\u00fcr die eigene Autonomie ausspiele. Letztlich hat auch diese Haltung eine hundertj\u00e4hrige Tradition: Noch wenige Tage vor dem Kriegseintritt des Osmanischen Reiches auf Seiten Deutschlands in den Ersten Weltkrieg verhandelte die jungt\u00fcrkische F\u00fchrung mit Russland, um einer zu starken Abh\u00e4ngigkeit vom deutschen Imperialismus zu entgehen.</p><p>Zwar sprechen die Fakten eine andere Sprache, als das beabsichtigte \u201edynamische Gleichgewicht\u201c: Das t\u00fcrkische Milit\u00e4r ist vollst\u00e4ndig in die NATO integriert und von ihr abh\u00e4ngig, 80 Prozent des Auslandsdirektinvestitionsbestands in der T\u00fcrkei kommen aus der EU und die meisten Exporte der T\u00fcrkei gehen in die EU. Sprich, die T\u00fcrkei ist derart in die westliche Ordnung integriert, dass sich von einem dynamischen Gleichgewicht nicht reden l\u00e4sst; eine Losl\u00f6sung vom Westen scheint dementsprechend nicht im nationalen Interesse der Herrschenden in der T\u00fcrkei zu liegen. \u201eDoch kann sich\u201c, so G\u00fcnther Seufert von der SWP, \u201eder Westen nicht darauf verlassen, dass eine solche Sicht der t\u00fcrkischen Interessen in Ankara geteilt wird\u201c. Er <a href=\"https://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2017A06_srt.pdf\">empfiehlt</a> deshalb Zugest\u00e4ndnisse. Diese haben jedoch, wie oben ausgef\u00fchrt, ihre Grenze am Eigeninteresse der EU als globalem Machtakteur und der BRD als deren Hauptmotor. Erdo\u011fan und das derzeitige Regime in der T\u00fcrkei hingegen k\u00f6nnen nicht mehr so einfach wie fr\u00fcher garantieren, dass sie diesen Interessen entsprechend handeln. Daf\u00fcr sind sie einerseits zu sehr in die Ecke gedr\u00e4ngt; andererseits beschert ihnen erfolgreiche aggressive Au\u00dfenpolitik gro\u00dfe Zustimmung im Inland und bei den Eliten des Landes und entspricht bei Erfolg tats\u00e4chlich den Interessen derselben. Auch Seufert <a href=\"https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-08/tuerkisch-amerikanische-beziehung-reccep-tayyip-erdogan-donald-trump-usa-nato-mitgliedschaft/komplettansicht\">wei\u00df oder ahnt nat\u00fcrlich</a>, genauso wie der oben erw\u00e4hnte Davuto\u011flu aus t\u00fcrkisch-imperialistischer Perspektive, dass das erratische und aufm\u00fcpfige Verhalten der T\u00fcrkei nicht allein der Konjunktur nach dem gescheiterten Milit\u00e4rputsch 2016 entspringt, sondern seinen Grund in der ver\u00e4nderten Konstellation innerhalb des imperialistischen Weltsystems nach dem Ende der Sowjetunion hat: \u201eDas Ende des Kalten Krieges hat der T\u00fcrkei nicht nur in Zentralasien und auf dem Balkan neue Aktionsr\u00e4ume er\u00f6ffnet, sondern auch im Nahen Osten. Seit dieser Zeit sucht die T\u00fcrkei einerseits ihre Stellung im Nahen Osten zu st\u00e4rken. Andererseits f\u00fcrchtet das Land die Folgen amerikanischer Nahostpolitik, die aus seiner Perspektive die Destabilisierung nah\u00f6stlicher Staaten zur Folge hat und dadurch den Kurden des Irak, Syriens und damit auch denen der T\u00fcrkei Freir\u00e4ume schafft\u201c. Die Hinwendung zu Russland und Iran sieht Seufert darin <a href=\"https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-08/tuerkisch-amerikanische-beziehung-reccep-tayyip-erdogan-donald-trump-usa-nato-mitgliedschaft/komplettansicht\">begr\u00fcndet</a>, die fehlgeschlagenen au\u00dfenpolitischen Offensiven in \u00c4gypten, Tunesien und Syrien mit Beginn des Arabischen Fr\u00fchlings 2011 zumindest in einen Teilerfolg bez\u00fcglich der Verhinderung eines kurdischen Staates im Norden Syriens umzum\u00fcnzen. Ist also die T\u00fcrkei \u2013 noch \u2013 unentwirrbar in das westlich-imperialistische System eingebunden, so auch umgekehrt: Bei einer strategischen Hinwendung der T\u00fcrkei hin zu Russland \u2013 so unwahrscheinlich das heute noch klingen mag \u2013 w\u00fcrde sich \u201edas globale Machtgleichgewicht ver\u00e4ndern\u201c; \u201e[o]hne oder gar gegen Ankara\u201c kann Europa im Nahen Osten kaum agieren. Gerade deshalb ist es den politischen Eliten in Deutschland bis hinauf zur Bundeskanzlerin Merkel [3] so wichtig, die Widerspr\u00fcche beider L\u00e4nder nicht zu sehr eskalieren zu lassen. Andererseits bleibt auch die Aufm\u00fcpfigkeit und Abwendung der T\u00fcrkei vom Westen aus eben denselben Gr\u00fcnden der strategischen Zusammenarbeit beschr\u00e4nkt: Erst k\u00fcrzlich wurden wieder Milit\u00e4rs ges\u00e4ubert, die keine Zusammenarbeit mit den USA in Syrien wollten, da dies ihrer Meinung nach eine Invasion in Rojava erst einmal verunm\u00f6glichen w\u00fcrde; und erst daraufhin wurde ein sehr vages Einverst\u00e4ndnis zwischen der T\u00fcrkei und den USA bez\u00fcglich der <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/08/turkey-united-states-syria-safe-zone-deal-divided-public.html\">Errichtung einer Sicherheitszone</a> in Nordsyrien beschlossen, obwohl die T\u00fcrkei noch Anfang August kurz davor stand, eine Gro\u00dfoffensive in Rojava zu beginnen. In der Zwischenzeit aber konnte sich die T\u00fcrkei im internationalen Parkett durchsetzen und eine erneute Milit\u00e4rinvasion in Nordostsyrien unter dem zynischen Namen \u201e<a href=\"https://revoltmag.org/articles/ein-krieg-zur-st%C3%A4rkung-des-faschismus/\">Operation Friedensquelle</a>\u201c lancieren \u2013 trotz fehlender internationaler Unterst\u00fctzung.</p><p>Die Widerspr\u00fcche zwischen der BRD und der T\u00fcrkei gr\u00fcnden also in Widerspr\u00fcchen zwischen einer gr\u00f6\u00dferen imperialistischen Macht und einer kleineren, in der Region subimperialistisch agierenden Macht, die zudem innenpolitische Probleme teils per au\u00dfenpolitischer Offensive in den Griff zu bekommen versucht. Weil es diese Widerspr\u00fcche gibt, wird auf der Oberfl\u00e4che der Politik \u2013 das hei\u00dft ohne irgendetwas an der strategischen Zusammenarbeit zu \u00e4ndern \u2013 auch die Erdo\u011fan-Kritik seitens der BRD aufrechterhalten, werden verfolgte Akademiker*innen mit offenen Armen aufgenommen und sogar mutma\u00dfliche G\u00fclen-Anh\u00e4nger*innen toleriert. Diese eher auf der unmittelbaren Oberfl\u00e4che des Politischen verankerte Herangehensweise dient der BRD nicht nur dazu, sich auf oberfl\u00e4chliche Art die Weste rein zu halten \u2013 denn immerhin kritisiere man ja den b\u00f6sen Diktator. Sie wird von der BRD selbstverst\u00e4ndlich auch als Instrument dazu genutzt, einerseits das derzeitige Regime in der T\u00fcrkei in bundesdeutschem Interesse und im Sinne der westlich orientierten Verb\u00fcndeten innerhalb der T\u00fcrkei zu disziplinieren; andererseits auch dazu, Teile der Eliten-internen Opposition, ob nun links oder rechts, staatlich oder zivilgesellschaftlich f\u00fcr sich nutzbar zu machen \u2013 im Hier und Heute, f\u00fcr das eigene Image wie auch f\u00fcr die Disziplinierung des Regimes in der T\u00fcrkei; aber auch in Hinblick auf eine m\u00f6gliche post-Erdo\u011fan T\u00fcrkei. Aus anderen konkreten Gr\u00fcnden \u2013 aus innenpolitischem Interesse und aus subimperialistischer Perspektive heraus \u2013 aber prinzipiell mit derselben Motivation, wird die Frontstellung gegen\u00fcber BRD, EU, NATO und allgemein dem Westen gegen\u00fcber vom Regime in der T\u00fcrkei aufrechterhalten. Revolution\u00e4re Linke, insbesondere diejenigen antiimperialistischer Einstellung, sollten sich \u00fcber die Interessenlage zwischen der BRD und der T\u00fcrkei sowie der Natur ihrer Widerspr\u00fcche keine Illusionen machen und stattdessen eine eigenst\u00e4ndige Position entwickeln.</p><p></p><p></p><hr/><h3><b>Anmerkungen:</b> </h3><p><i>Die erneute Invasion der T\u00fcrkei in Nordostsyrien/Rojava (\u201eOperations Friedensquelle, seit 9. Oktober 2019) erfolgte nach Fertigstellung des Artikels f\u00fcr die Brosch\u00fcre; die Online-Version wurde deshalb entsprechend erg\u00e4nzt.</i></p><p><br/><b>[1]</b> Hardt, J\u00fcrgen: \u201eGemeinsame Verantwortung. Die wachsende Bedeutung der deutsch-t\u00fcrkischen Beziehungen\u201c, in:<i> Die Politische Meinung</i>, Nr. 537, M\u00e4rz/April 2016, S. 90\u201395.</p><p><b>[2]</b> Hierzu vgl. Birdal, Mehmet Sinan: \u201eThe Davuto\u011flu Doctrine: The Populist Construction of the Strategic Subject\u201c, in: Ak\u00e7a, Bekmen, \u00d6zden (Hrsg.), <i>Turkey</i> <i>Reframed. Constituting Neoliberal Hegemony</i>, London, S. 92\u2013106.</p><p><b>[3] </b>Vgl. <a href=\"https://www.bundeskanzlerin.de/bkin-de/aktuelles/regierungserklaerung-von-bundeskanzlerin-merkel-806392\">Regierungserkl\u00e4rung</a> von Angela Merkel, 9. M\u00e4rz 2017: \u201eEs gibt also einerseits umfassende gemeinsame europ\u00e4isch-t\u00fcrkische Interessen. Es gibt andererseits \u2013 wir sp\u00fcren das in diesen Tagen einmal mehr \u00fcberdeutlich \u2013 tiefgreifende Differenzen zwischen der Europ\u00e4ischen Union und der T\u00fcrkei, zwischen Deutschland und der T\u00fcrkei. [\u2026] Und deshalb erg\u00e4nze ich: So schwierig das alles derzeit auch ist, so unzumutbar manches ist: Unser au\u00dfen-, sicherheits- und geopolitisches Interesse kann es nicht sein, dass die T\u00fcrkei, immerhin ein NATO-Partner, sich noch weiter von uns entfernt.\u201c</p><p></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Oktober verwirklichte die T\u00fcrkei ihren lange gehegten Wunsch einer umfassenden milit\u00e4rischen Invasion in Nordost-Syrien (Rojava), nachdem ein Telefonat zwischen dem t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Recep Tayyip Erdo\u011fan und seinem us-amerikanischen Amtskollegen Donald Trump hierf\u00fcr den Weg ebnete. Trump lie\u00df wenig sp\u00e4ter <a href=\"https://twitter.com/realDonaldTrump/status/1181172465772482563\">per Twitternachricht</a> verlauten, dass \u201eer\u201c sich mit sofortiger Wirkung aus der Region heraushalten werde \u2013 \u201etime to [\u2026] bring our soldiers home\u201c. Ein Freifahrtschein f\u00fcr die T\u00fcrkische Armee (TSK) samt Gefolgsleuten.</p><p>Unterst\u00fctzt von heftigem Artilleriebeschuss und dem Bombardement durch Kampfjets schickte die T\u00fcrkische Armee (TSK) jihadistische Milizen unter dem pomp\u00f6sen Namen <i>Syrische Nationale Armee</i> (SNA) voran. Die Angaben zu ihrer Zahl schwanken, aber es soll sich bei ihnen um etwa<a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/10/turkey-syria-kurds-militias-in-operation-peace-spring.html\"> 15.000 K\u00e4mpfer handeln</a>, die in der jetzigen Invasion mobilisiert wurden. Die verschiedenen Teilgruppen der SNA agieren schon lange in Syrien. <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/10/turkey-syria-kurds-militias-in-operation-peace-spring.html\">21 der insgesamt 37 Gruppen</a>, die in der SNA versammelt sind, wurden in der Vergangenheit von den USA unterst\u00fctzt und viele fanden sich auch schon in der<i> Freien Syrischen Armee</i> (FSA). Sie \u00e4ndern permanent ihre Namen, sind aber im Grunde altbekannte jihadistische Gruppen.</p><h2><b>Eine Invasion vom Rei\u00dfbrett</b></h2><p>Der Krieg begann mit Artilleriebeschuss und Luftbombardements auf Stellungen der Syrischen Demokratischen Kr\u00e4fte (SDF), einem von der kurdischen YPG angef\u00fchrten multiethnischen Milit\u00e4rverbund, und auch auf die Regionen nahe der Grenze zur T\u00fcrkei. Die SNA konzentrierte ihre Angriffe dabei in erster Linie vor allem auf die St\u00e4dte Gire Sp\u00ee/Tal Abyad und Ser\u00ea Kaniy\u00ea/Ras al-Ayn und das Gebiet zwischen diesen beiden. Sie versuchte, die St\u00e4dte zu isolieren und voneinander, sowie von anderen St\u00e4dten abzuschneiden, um dann die St\u00e4dte selbst einzunehmen. W\u00e4hrend Gire Sp\u00ee /Tal Abyad mittlerweile an SNA und TSK gefallen ist, h\u00e4lt der Widerstand der SDF in Ser\u00ea Kaniy\u00ea/Ras al-Ayn an (Stand 16. Oktober 2019). Trotz kleinerer Scharm\u00fctzel sind die St\u00e4dte Qamishlo und Koban\u00ea/Ayn al-Arab nicht wirklich attackiert worden, Manbidsch, das westlich des Euphrat liegt, hat eine gewisse Sonderstellung und kam erst nach einigen Tagen unter Beschuss. Die Taktik der T\u00fcrkei d\u00fcrfte sein, das Gebiet der Selbstverwaltung von der Mitte her zu zerteilen und Verbindungswege zu kappen, beziehungsweise die St\u00e4dte zu isolieren. Der Plan ist dann in einer zweiten Phase des Krieges ein gr\u00f6\u00dferes Gebiet zu besetzen.</p><p>Erdo\u011fan <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-syria-security-turkey-erdogan/erdogan-says-turkish-led-offensive-to-extend-further-along-syrian-border-idUSKBN1WS0DY\">verweist seit Langem darauf</a>, dass es das Ziel der Operation sei, eine 30 Kilometer tiefe und \u00fcber 480 Kilometer lange Zone von \u201eterroristischen Elementen zu bereinigen\u201c und bis zu zwei Millionen syrischer Gefl\u00fcchteter, die sich derzeit in der T\u00fcrkei aufhalten, in dieser Zone anzusiedeln. In dieser \u2013 <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/10/turkey-syria-untied-states-three-phase-of-ankara-plan.html\">laut Milit\u00e4rstrategen</a> als dritte und letzte Phase der Milit\u00e4rinvasion zu realisierenden \u2013 Zone w\u00e4ren fast alle gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dte der Selbstverwaltung an der Grenze zur T\u00fcrkei eingeschlossen. Das Schicksal des Projekts, das mit dem \u201eRojava Aufstand\u201c im Jahr 2011 begann, w\u00e4re damit besiegelt \u2013 wenn denn dieser Plan aufgeht.</p><h2><b>Verschiebungen der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse in Syrien</b></h2><p>Im Moment sieht es so aus, als ob die SDF einen kontrollierten und fokussierten Widerstand leisten. Das <a href=\"https://www.reuters.com/article/syrien-kurden-russland-idDEKBN1WT0HJ\">\u00dcbereinkommen</a> zwischen den SDF und der<i> Syrischen Arabischen Armee</i> (SAA), das am 13. Oktober ausgehandelt wurde und sich seither in der Praxis vollzieht, hat die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse am Boden und die politischen Konstellationen in Syrien und im Mittleren Osten verschoben. Die Erkl\u00e4rung der Selbstverwaltung Nord- und Ost-Syriens spricht von einer Koordination der SAA mit der Selbstverwaltung zur Abwehr der Angriffe der T\u00fcrkei und zur Befreiung der besetzten St\u00e4dte wie Afr\u00een. Gleichzeitig ziehen sich verbleibende US-Truppen vollst\u00e4ndig aus der Region zur\u00fcck.</p><p>Die Zahlen der verlorenen Menschenleben seit Kriegsbeginn sind jetzt schon ersch\u00fctternd. Die SDF leistet einerseits starken Widerstand, andererseits sind Artilleriebeschuss und Luftbombardements der T\u00fcrkei teilweise scheinbar willk\u00fcrlich gegen St\u00e4dte mit Zivilbev\u00f6lkerung und auch zivile Konvois gerichtet. Dementsprechend gibt es auch sehr viele Berichte \u00fcber <a href=\"https://www.dailymail.co.uk/news/article-7568711/At-ten-dead-convoy-journalists-aid-workers-shelled-Turkish-forces.html\">ermordete Zivilist*innen</a>, zerst\u00f6rte <a href=\"https://www.hawarnews.com/en/haber/turkish-occupation-army-targets-mansoura-dam-supplying-water-to-2-m-people-h11914.html\">zivile Infrastruktur</a>, zerst\u00f6rte oder gestohlene <a href=\"https://reliefweb.int/report/syrian-arab-republic/who-gravely-concerned-about-humanitarian-situation-northeast-syria\">Rettungsfahrzeuge</a>, <a href=\"https://hawarnews.com/en/haber/turkish-occupation-targets-field-hospital-in-serkaniy-h12046.htmlTurkish?fbclid=IwAR1VoLpn1sH2nB8fGK3EZXFNteiZBNni-JjosEX2cbKLxvbm6wu-DW6BGWI\">Beschuss</a> und <a href=\"https://www.nytimes.com/2019/10/11/world/middleeast/turkey-syria-kurds.html\">R\u00e4umung</a> von Krankenh\u00e4usern und dergleichen mehr. Schreckliche Bilder und Videos von Gr\u00e4ueltaten der t\u00fcrkischen Armee und insbesondere von den mit ihr verb\u00fcndeten jihadistischen Gruppierungen kursieren in den Sozialen Medien. Mindestens <a href=\"https://www.nytimes.com/2019/10/13/world/middleeast/syria-turkey-invasion-isis.html\">130.000 Zivilist*innen</a> mussten fliehen und eine humanit\u00e4re Katastrophe entfaltet sich vor unseren Augen.</p><p>Dar\u00fcber hinaus gibt es Berichte zur <a href=\"https://www.nytimes.com/2019/10/13/world/middleeast/syria-turkey-invasion-isis.html\">gezielten Bombardierung</a> von Gef\u00e4ngnissen, in denen bislang insgesamt etwa 15.000 der IS-Mitgliedschaft verd\u00e4chtigte Menschen festgehalten wurden. Zumindest <a href=\"https://www.aljazeera.com/news/2019/10/hundreds-isil-prisoners-escape-syrian-camp-kurds-191013141044768.html\">einige hundert IS-Verd\u00e4chtige</a> konnten fliehen. Es ist durchaus m\u00f6glich, dass es zu einer teilweisen Wiederbelebung der fast schon eliminierten IS-Strukturen kommt \u2013 oder dass sich die IS-Jihadisten den t\u00fcrkeinahen S\u00f6ldnertruppen anschlie\u00dfen.</p><h2><b>Erzwungene Teilliberalisierung</b></h2><p>Was aber sind die innenpolitischen und wirtschaftlichen Dynamiken in der T\u00fcrkei, die diese Milit\u00e4rinvasion motivieren? Der erste Grund ist offensichtlich: Die T\u00fcrkei steht den Selbstverwaltungsbestrebungen in Rojava seit ihren Anf\u00e4ngen im Jahr 2011 feindlich gegen\u00fcber. Diese Feindschaft inkludierte zun\u00e4chst eine <a href=\"https://newsocialist.org.uk/trump-rojava/\">(in)direkte Akzeptanz und sogar Unterst\u00fctzung</a> der IS-Strukturen und anderer jihadistischer Gruppen, die gegen die Selbstverwaltung k\u00e4mpften. Nachdem dies nicht funktionierte, intervenierte die T\u00fcrkei direkt milit\u00e4risch, <a href=\"https://www.jacobinmag.com/2016/11/turkey-erdogan-coup-hdp-pkk-syria-gulen-ypg\">zun\u00e4chst</a> 2016 mit dem Einmarsch in vom IS besetztes Gebiet zwischen den Kantonen Afr\u00een und Koban\u00ea (Jarablus und al-Bab) <a href=\"https://revoltmag.org/articles/entscheidungsschlacht-um-afr%C3%AEn/\">und dann</a> nochmal 2018, als direkt die Kr\u00e4fte der Selbstverwaltung <a href=\"https://revoltmag.org/articles/die-besetzung-afr%C3%AEns/\">attackiert</a> wurden (Afr\u00een). Aus Sicht der herrschenden Kr\u00e4fte in der T\u00fcrkei stellt die schiere Existenz von Rojava eine Gefahr dar, da dadurch auch die kurdischen und demokratischen Strukturen in der T\u00fcrkei gest\u00e4rkt werden. Gleichzeitig erscheint Rojava den herrschenden Kr\u00e4ften in der T\u00fcrkei als ein Organisationsmodell von Staat und Gesellschaft, das im Widerspruch zum t\u00fcrkischen Modell des autokratischen Neoliberalismus steht. Rojava konstituiert daher eine Bedrohung des Wesens der Gesellschaftsformation der T\u00fcrkei. Der \u201eKrieg gegen die Kurd*innen\u201c ist au\u00dferdem der wichtigste gemeinsame Nenner, der die AKP nach den Wahlen im Juni 2015 mit ehemals verfeindeten nationalistischen Staatsfraktionen zur \u201eWahrung der Existenz des Staates\u201c in einer neuen \u201eStaatskoalition\u201c zusammenbrachte.</p><p>Diese allgemeinere Ebene ist, zweitens, direkt mit den derzeitigen Umst\u00e4nden in der T\u00fcrkei verbunden, n\u00e4mlich der akuten Hegemoniekrise des Regimes in der Folge der Lokalwahlen im M\u00e4rz und Juni 2019. Wie wir <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkischer-fr%C3%BChling/\">schon zuvor</a> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/erdo%C4%9Fans-ziviler-putschversuch/\">en detail</a> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/politisches-erdbeben-istanbul/\">analysiert haben</a>, dr\u00fcckte sich in den Wahlen die gro\u00dfe und weit verbreitete Unzufriedenheit angesichts der aktuellen \u00f6konomischen und politischen Lage in der T\u00fcrkei aus. Besonders die Wiederholung der Wahl in Istanbul zeigte, dass die AKP und ihre Verb\u00fcndeten ihren Willen nicht l\u00e4nger beliebig mit Gewalt und Betrug durchsetzen konnten.</p><p>Vor dem Hintergrund einer schon lange andauernden und sich versch\u00e4rfenden Hegemoniekrise und brodelnder Unzufriedenheit und Instabilit\u00e4t zogen sich nach den Wahlen Risse durch das ganze System.</p><p>Der <a href=\"http://bianet.org/english/law/210934-constitutional-court-freedom-of-expression-of-academics-for-peace-violated\">Verfassungsgerichtshof (AYM) entschied</a> beispielsweise mit einer sehr knappen Mehrheit von nur einer Stimme, dass die Prozesse gegen die Friedensakademiker*innen einen Bruch des Rechtes auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung darstellten. Nach dieser AYM-Entscheidung wurden Dutzende Friedensakademiker*innen freigesprochen.</p><p>Auch im Fall des fr\u00fcheren HDP-Abgeordneten und bekannten Regisseurs S\u0131rr\u0131 S\u00fcreyya \u00d6nder, der \u00fcber zehn Monate im Gef\u00e4ngnis gewesen war, <a href=\"http://bianet.org/english/politics/213981-court-rules-for-release-of-sirri-sureyya-onder\">entschied der AYM</a> \u2013 diesmal einstimmig \u2013, dass die Aussagen, f\u00fcr die er verurteilt worden war, durch das Recht auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung gedeckt seien und dass \u00d6nder eine sehr wichtige Rolle im Friedensprozess zwischen dem t\u00fcrkischen Staat und der PKK gespielt habe (!). Am darauffolgenden Tag entschied das Gericht seine Entlassung aus dem Gef\u00e4ngnis. Es ist bezeichnend, dass diejenigen Richter*innen am AYM, die im Sinne der Friedensakademiker*innen stimmten, noch von Erdo\u011fans Vorg\u00e4nger und mittlerweile Rivalen Abdullah G\u00fcl bestellt worden waren. Abdullah G\u00fcl, einer der Gr\u00fcnder der AKP, <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-turkey-politics/former-erdogan-ally-to-form-rival-party-before-year-end-paper-idUSKCN1VV0DR\">unterst\u00fctzt mittlerweile die Bestrebungen</a> des ehemaligen AKP-Wirtschaftsministers Ali Babacan, eine neue Partei zu gr\u00fcnden, die als Alternative zur AKP erscheinen soll.</p><p>Babacan und sein Umfeld <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/politik/erdogans-system-broeckelt-die-regierungspartei-akp-steht-vor-der-spaltung/24580168.html\">kritisieren die AKP</a> daf\u00fcr, vom rechten Weg abgekommen zu sein und <a href=\"https://www.karar.com/guncel-haberler/ali-babacan-karara-konustu-yil-bitmeden-partiyi-kuruyoruz-1319296\">konzentrieren</a> ihre eigene Arbeit auf die Wiederbelebung des konservativen Neoliberalismus der Fr\u00fchphase der AKP. Neben Babacan <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/kritik-an-erdogan-tuerkischer-ex-premier-davutoglu-tritt-aus-akp-aus/25013018.html\">brach noch ein weiterer f\u00fchrender AKP-Politiker</a> offen mit Erdo\u011fan, n\u00e4mlich der fr\u00fchere Au\u00dfenminister und Premierminister Ahmet Davuto\u011flu. W\u00e4hrend Babacan eher den konservativ-wirtschaftsliberalen Fl\u00fcgel der Partei und die entsprechenden Teile der Gesellschaft anzusprechen versucht, adressiert Davuto\u011flu den eher islamisch-konservativen Teil, der sich eventuell von der AKP abwenden k\u00f6nnte. Gemeinhin wird erwartet, dass die beiden neuen Parteien am Ende dieses beziehungsweise am Anfang des n\u00e4chsten Jahres gegr\u00fcndet werden. Es gibt keine Garantie daf\u00fcr, dass diese beiden Parteien gro\u00dfen Erfolg haben werden, aber die hart umk\u00e4mpfte AKP ist anf\u00e4llig f\u00fcr eine tiefe Krise, wenn ihr auch nur ein Teil ihrer Basis wegbricht. Es ist kein Zufall, dass Babacan und Davuto\u011flu ihre Parteigr\u00fcndungsprozesse nach den Lokalwahlen beschleunigten.</p><p>Die Entscheidungen im Fall der Friedensakademiker*innen oder im Fall von \u00d6nder sind keine Einzelf\u00e4lle. In vielen Prozessen dieser Art erfolgen mittlerweile Entlassungen oder Freispr\u00fcchen. So zum Beispiel auch im Fall von Max Zirngast, Teil unseres Autorenkollektivs, der am 11. September 2019, genau ein Jahr nach seiner Festnahme (mit anschlie\u00dfender dreimonatiger Untersuchungshaft) relativ \u00fcberraschend \u2013 wie auch alle seine Mitangeklagten \u2013 vom Vorwurf der \u201eMitgliedschaft in einer terroristischen Organisation\u201c <a href=\"https://freemaxzirngast.org/2019/09/max-zirngast-und-mitangeklagte-freigesprochen/\">freigesprochen</a> wurde. Diese Entscheidungen sind aber eben <a href=\"https://freemaxzirngast.org/2019/09/ich-bin-frei-andere-sind-es-noch-nicht-max-zirngast/\">kein Ausdruck einer \u201eR\u00fcckkehr zum Rechtssaat\u201c</a> oder dergleichen, sondern Zeichen einer erzwungenen Teilliberalisierung, die den sich ver\u00e4ndernden Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen geschuldet ist.</p><p>Gleichzeitig gibt es n\u00e4mlich auch gegenteilige Tendenzen, zum Beispiel die <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/politik/in-diyarbakir-mardin-und-van-tuerkei-setzt-drei-pro-kurdische-buergermeister-ab/24921112.html\">Absetzung</a> der HDP Ko-B\u00fcrgermeister*innen in den mehrheitlich kurdischen Gro\u00dfst\u00e4dten Diyarbak\u0131r, Van und Mardin aufgrund von laufenden \u201eTerrorprozessen\u201c oder die Verurteilung der Istanbul-Vorsitzenden der Republikanischen Volkspartei (CHP), <a href=\"https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/welt/2028205-10-Jahre-Haft-fuer-Istanbuler-CHP-Chefin.html\">Canan Kaftancio\u011flu</a>, zu fast zehn Jahren Haft aufgrund von absurden Vorw\u00fcrfen zu Tweets von vor sechs Jahren. Eine Strafe, die sie (bislang) nicht antreten musste und gegen die Widerspruch eingelegt wurde, die aber gleichzeitig wie ein Damoklesschwert \u00fcber ihrem Haupt schwebt und bei ver\u00e4nderten Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen jederzeit Realit\u00e4t werden kann. Dar\u00fcber hinaus bleibt der liberale M\u00e4zen <a href=\"https://www.dw.com/de/t%C3%BCrkei-intellektueller-kavala-weiter-in-haft/a-49637364\">Osman Kavala</a> nach \u00fcber zwei Jahren in Untersuchungshaft weiterhin im Gef\u00e4ngnis. Er wird absurderweise beschuldigt, einer der Drahtzieher und Financiers hinter den Geziprotesten 2013 zu sein.</p><p>Um zusammenzufassen: Nach den Lokalwahlen vollzog sich ein widerspr\u00fcchlicher und nicht-linearer Prozess der teilweisen und eingeschr\u00e4nkten Liberalisierung, die von den Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen erzwungen wurde. Dabei versuchten die Kr\u00e4fte des Regimes (AKP + MHP + andere Alliierte) ihre repressiven Mittel und Apparate angesichts ihres sich vermindernden Handlungsspielraumes auf jene Ziele zu lenken, die sie als die \u201ewichtigsten politischen Feinde\u201c erachteten. Um das zu erreichen, reduzierten sie zeitweise ihren Druck auf jene Gegner*innen, die als \u201eweniger wichtig\u201c und nicht (mehr) als \u201eunmittelbare Bedrohung\u201c angesehen wurden. Dadurch und aufgrund der akuten Hegemoniekrise wurden jedoch andererseits auch oppositionelle und abtr\u00fcnnige Kr\u00e4fte innerhalb des Systems ermutigt, offener und vehementer zu handeln. Ob Handlungen wie das oben erw\u00e4hnte Urteil des AYM im Sinne der Friedensakademiker*innen Teil einer kontrollierten Teilliberalisierung von oben oder eine unabh\u00e4ngige Aktion eben solcher oppositioneller Kr\u00e4fte innerhalb des Staatsapparates darstellen, die sich aus der Hegemoniekrise und erzwungenen Teilliberalisierung des Regimes motiviert, l\u00e4sst sich nicht genau angeben, da sich jene beiden Tendenzen (erzwungene Teilliberalisierung von oben einerseits, mutigeres Auftreten von oppositionellen/dissidenten systeminternen Kr\u00e4ften andererseits) im Konkreten nicht strikt voneinander trennen lassen.</p><p>Diese widerspr\u00fcchlichen Tendenzen und die ihnen zugrundeliegenden Motivationen f\u00fchrten in Kombination zu den wechselhaften Entwicklungen der letzten Monate nach den Lokalwahlen. Das widerspr\u00fcchliche Wesen dieses Prozesses kann auch in den Handlungen und dem Verh\u00e4ltnis der von der Opposition neu gewonnenen St\u00e4dte \u2013 vor allem Istanbul und Ankara \u2013 zum Regime deutlich gesehen werden. Einerseits versuchen diese Stadtverwaltungen, die Korruption und andere Ungereimtheiten vorhergehender AKP-Verwaltungen aufzuzeigen; auch verh\u00e4lt sich die Regimeallianz von AKP, MHP und anderer rechter, nationalistischer Fraktionen gegen\u00fcber den neuen Stadtverwaltungen sehr feindlich. Das wird besonders im Falle des Istanbuler B\u00fcrgermeisters Ekrem Imamo\u011flu (CHP) deutlich, der unter Anderem nicht zu einen <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/fatih-altayli-1001/2526096-gercekte-ne-oldu\">wichtigen Katastrophenmeeting</a> nach einem kleinen Erdbeben in der N\u00e4he von Istanbul eingeladen wurde. Andererseits lud Erdo\u011fan demonstrativ alle B\u00fcrgermeister*innen zu einem <a href=\"https://news.sol.org.tr/erdogan-meets-metropolitan-mayors-his-presidential-palace-chp-mayors-pleased-176181\">vers\u00f6hnlichen Treffen</a> \u201ezum Wohle der T\u00fcrkei\u201c in seinen Palast ein und die Vertreter*innen der Opposition verzichteten dort wie im Allgemeinen auf eine k\u00e4mpferische Haltung.</p><p>Diese Tendenzen in Staat und Gesellschaft korrespondieren mit den sich verschiebenden Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen und den Widerspr\u00fcchen innerhalb des herrschenden Blocks nach den Lokalwahlen. Der Krieg wurde in dieser Situation zu einer, ja sogar zu<i> der</i> M\u00f6glichkeit, die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse wieder im Sinne des Regimes zu verschieben.</p><h2><b>Ein Krieg um der Macht willen</b></h2><p>Die Hegemoniekrise ging so weit, dass sich sogar in <a href=\"https://www.yeniakit.com.tr/yazarlar/abdurrahman-dilipak/bu-kadar-bakan-cok-degil-mi-29728.html\">regimetreuen Medien</a> <a href=\"https://haber.sol.org.tr/turkiye/havuz-medyasinda-baskanlik-tartismasi-napicaz-be-kamil-265972\">kritische Stimmen</a> zum \u201ePr\u00e4sidialsystem\u201c vernehmen lie\u00dfen. Zeitgleich lie\u00df die AKP selbst <a href=\"http://bianet.org/english/print/213844-erdogan-on-presidential-election-with-40-percent-threshold-it-is-parliament-s-job\">ausloten</a>, ob in Zukunft 40 statt wie bisher 50 Prozent der Stimmen in der ersten Runde zur Wahl des Pr\u00e4sidenten/der Pr\u00e4sidentin ausreichen sollten. Dies wurde wiederum vom eigenen Hauptb\u00fcndnispartner, der Partei der nationalistischen Bewegung (Milliyet\u00e7i Hareket Partisi, MHP), <a href=\"http://www.hurriyet.com.tr/gundem/yuzde-40-1-tartismasi-41342754\">kritisiert</a>, weil es ein Ausdruck von Schw\u00e4che sei. Dazu kamen einige Umfragen, die einen <a href=\"https://ahvalnews.com/recep-tayyip-erdogan/erdogans-approval-rating-sees-sharp-drop-last-year-survey\">signifikanten R\u00fcckgang in der Zustimmung</a> zu Erdo\u011fan selbst feststellten. Um diesen Tendenzen entgegenzuwirken, wurde die Kriegsoption noch mehr zum Imperativ f\u00fcr das Regime als zuvor. Die T\u00fcrkei begann, die USA hinsichtlich einer Milit\u00e4roperation zu dr\u00e4ngen und bekam letztendlich gr\u00fcnes Licht, nachdem zuvor eigentlich die Errichtung einer Sicherheitszone an der syrisch-t\u00fcrkischen Grenze mit gemeinsamen t\u00fcrkisch-amerikanischen <a href=\"https://www.aargauerzeitung.ch/ausland/usa-und-tuerkei-starten-gemeinsame-patrouillen-in-nordsyrien-135587011\">Milit\u00e4rpatrouillen</a> ausgemacht worden war. Es ist allerdings offensichtlich, dass verschiedene Fraktionen in den US-Staatsapparaten hinsichtlich der Syrienpolitik in Konflikt zueinander stehen. Insgesamt <a href=\"https://www.srf.ch/news/international/erste-tote-und-viel-kritik-tuerkei-marschiert-in-syrien-ein-das-protokoll-zum-nachlesen\">gibt es kaum internationale Unterst\u00fctzung</a> f\u00fcr den Einmarsch der T\u00fcrkei. Abgesehen von bisher sehr <a href=\"https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/donald-trump-und-recep-tayyip-erdogan-harmlose-massnahmen-gegen-tuerkische-wirtschaft-a-1291637.html\">zaghaften US-Sanktionen</a> nach der ersten Tagen der Milit\u00e4rinvasion und der Ank\u00fcndigung einiger L\u00e4nder (die ohnehin keine gro\u00dfen Waffenlieferanten sind) zuk\u00fcnftige <a href=\"https://www.deutschlandfunk.de/sanktionen-gegen-die-tuerkei-liefert-deutschland-nun-noch.1939.de.html?drn:news_id=1058922\">Waffenexporte in die T\u00fcrkei zu stoppen</a>, blieben die internationalen Reaktionen bisher jedoch auf rhetorischer Ebene. Das Regime in der T\u00fcrkei sieht sich jedenfalls im Angesicht seiner Hegemoniekrise so sehr mit dem R\u00fccken an die Wand gedr\u00e4ngt, dass es sich trotz mangelhafter internationaler Unterst\u00fctzung dazu entschied, gro\u00dfe Risiken und potentielle Konflikte mit seinen internationalen Verb\u00fcndeten in Kauf zu nehmen und mit dem Einmarsch milit\u00e4risch \u201eFakten\u201c zu schaffen. Er dient also auch dem Zweck, sich im Inland erneut zu festigen, bevor eine ver\u00e4nderte internationale Konstellation andere Handlungsweisen erzwingen k\u00f6nnte.</p><p>Das Kalk\u00fcl scheint vorerst aufzugehen: Es gibt eine anscheinend hohe Zustimmung zum Milit\u00e4reinmarsch \u2013 dies wird durch <a href=\"https://www.amnesty.org/en/latest/news/2019/10/syria-turkish-military-offensive-risks-a-humanitarian-catastrophe/\">Ma\u00dfnahmen</a> wie der Festnahme von Menschen, die sich kritisch zum Krieg \u00e4u\u00dfern und einer de facto gleichgeschaltete Medienlandschaft abgesichert. Wie zu erwarten war, desavouierte sich auch die gesamte parlamentarische Opposition abseits der linken, pro-kurdischen Demokratischen Partei der V\u00f6lker (Halklar\u0131n Demokratik Partisi, HDP) selbst und stimmte in den Chor der chauvinistischen Euphorie und Kriegstreiberei mit ein. Die rechts-nationalistische Gute Partei (\u0130Y\u0130 Parti, \u0130P) genauso wie die islamistische Partei der Gl\u00fcckseligkeit (Saadet Partisi, SP) und auch die Hauptoppositionspartei CHP segneten den Krieg im Parlament und rhetorisch ab. In den Einheitsbrei der s\u00e4belrasselnden \u201enationalen Einheit\u201c gesellten sich auch der Istanbuler B\u00fcrgermeisters Ekrem Imamo\u011flu und der vorgeblich \u201elinke\u201c B\u00fcrgermeister von Izmir, Tun\u00e7 Soyer (beide von der CHP). Nur eine Minderheit in der CHP wie der kurdische Abgeordnete Sezgin Tanr\u0131kulu \u2013 der daf\u00fcr auch schon <a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/turkey-main-opposition-deputy-faces-inquiry-147510\">rechtliche Konsequenzen</a> zu tragen hat \u2013 oder die Istanbulvorsitzende der CHP, Canan Kaftanc\u0131o\u011flu, sprachen sich gegen den Krieg aus. Wieder einmal zeigt sich damit im Zuge des Milit\u00e4reinmarsches auf erb\u00e4rmliche Weise, dass alle Parteien der b\u00fcrgerlichen Ordnung in der T\u00fcrkei sich vereinigen, sobald es gegen die \u201eGef\u00e4hrdung der Existenz des Staates\u201c geht. In dieser Hinsicht ist es unm\u00f6glich, kemalistische und islamistische Tendenzen verschiedener Couleur voneinander zu unterscheiden, obwohl es sich \u2013 folgt man dem lange dominanten liberalen Verst\u00e4ndnis \u2013 bei diesen angeblich um die sich widersprechenden und im Kampf miteinander stehenden beiden politischen Hauptfraktionen in der T\u00fcrkei handeln soll.</p><p>Es geht bei diesem Krieg aber nicht um die \u201eExistenz des Staates\u201c. Es ist weder ein Krieg zur \u201eVerteidigung der T\u00fcrkei\u201c gegen eine unmittelbare \u201eterroristische Bedrohung\u201c, noch ein Krieg, um die \u201eQuellen des Friedens\u201c sprudeln zu lassen.<b> [1]</b> Es ist ein Krieg der rechtsradikalen Kr\u00e4fte in der T\u00fcrkei zur R\u00fcckgewinnung ihrer verlorengegangenen Initiative und zu ihrer erneuten Institutionalisierung. Es ist also ein Krieg um des Faschismus\u2019 Willen.</p><p>W\u00e4hrend die Mobilisierung chauvinistischer Reflexe im Zuge der Lokalwahlen nicht mehr ausreichte, um popularen Konsens zum Regime zu errichten, so hilft die \u201eOpposition\u201c jetzt durch ihre Zustimmung und Unterst\u00fctzung der Kriegstreiberei daran mit, dass dies wieder m\u00f6glich wird. Sie erm\u00f6glicht so die Re-Stabilisierung eines kriselnden Regimes, anstatt sich mit dessen Gr\u00e4ueltaten direkt auseinanderzusetzen und die M\u00f6glichkeit chauvinistischer Massenmobilisierung als Form der Politik abzuschaffen.</p><h2><b>Destabilisierung und Restabilisierung</b></h2><p>Der Krieg und die Sch\u00fctzenhilfe seitens des Gro\u00dfteils der parlamentarischen Opposition erm\u00f6glichen es dem Regime derzeit, die aufplatzende Krisenhaftigkeit gekonnt zu \u00fcberspielen und zumindest tempor\u00e4r zu l\u00f6sen. Zum Beispiel die Wirtschaftskrise. Wie wir <a href=\"https://www.jacobinmag.com/2019/03/erdogan-akp-turkey-local-elections\">bereits zuvor analysiert</a> haben, waren regelm\u00e4\u00dfige W\u00e4hrungsschocks als Folge eines schuldengetriebenen neoliberalen Modells eine der Hauptquellen der Destabilisierung der \u00d6konomie. Der private Sektor, dessen Auslandsverschuldung in etwa 40 Prozent des BIP entspricht, sieht sich permanent der Bedrohung des Bankrottes gegen\u00fcber und plagt sich mit Schuldenr\u00fcckzahlungen. Gegenteilig zu den offiziellen Erkl\u00e4rungen der Regierungsverantwortlichen, die von Rebalancing und einer starken Erholung sprechen, <a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/turkish-industrial-output-slips-in-august-147466\">schrumpft die Industrieproduktion</a>, ein wichtiger \u00f6konomischer Indikator, seit Anfang 2019 im Vergleich zur selben Periode des Vorjahres.</p><p>Dazu befinden sich verschiedene Fraktionen des Kapitals hinsichtlicher finanzieller Rettung und Sanierung in Konkurrenz zueinander, w\u00e4hrend sie andererseits das gemeinsame Ziel der Verstaatlichung der Schulden teilen. J\u00fcngst kam es zu <a href=\"https://www.evrensel.net/haber/388372/zam-yagmuru-suruyor-tren-ve-posta-ucretlerine-yuzde-20-zam-geldi\">Preis- und Steuererh\u00f6hungen zwischen 15 und 25</a> Prozent bei Transport, Gas, Milch, Zucker, Mautgeb\u00fchren und Elektrizit\u00e4t. Bei letzterem kam es in den letzten zwei Jahren sogar zu einem Preisanstieg von insgesamt 60 Prozent. Kurz, in beinahe allen wichtigen Bereichen des Alltagslebens gibt es massive Preissteigerungen, ohne dass diese zur Gen\u00fcge durch Lohnsteigerungen abgefedert w\u00fcrden. Dennoch <a href=\"https://ahvalnews.com/inflation/turkeys-consumer-inflation-falls-sharply-single-digits\">erkl\u00e4rte die Regierung</a> vor Kurzem, dass \u2013 wohl mit etwas \u201eMagie\u201c in der Berechnung \u2013 die Inflation in den einstelligen Bereich gesunken sei.</p><p>Diese fortdauernde Wirtschaftskrise, die sich unter anderem in einem langsamen aber stetigen Prozess der Verschlechterung des Lebensstandards der breiten Bev\u00f6lkerung ausdr\u00fcckt und nicht in einem pl\u00f6tzlichen Kollaps, trug mit Sicherheit zur schwindenden Popularit\u00e4t von Erdo\u011fan und seiner Partei bei.</p><p>Der Angriff auf Rojava dient somit auch der Ablenkung von den \u00f6konomischen Problemen. Nichts eignet sich daf\u00fcr so gut wie eine Konsolidierung der Nation gegen den \u201eewigen Feind\u201c: Schon hat die CHP eine f\u00fcr den 12. Oktober geplante <a href=\"https://www.birgun.net/haber/suriye-operasyonu-sonrasi-kazdaglari-ndaki-miting-iptal-edildi-271960\">Gro\u00dfdemonstration</a> im Ida-Gebirge gegen die Abholzung desselben f\u00fcr den Bau einer Goldmine abgesagt, obwohl die Kommune in ihrer Hand ist und es noch nicht einmal zu einem offiziellen Verbot der Demo kam. Ihre Begr\u00fcndung daf\u00fcr war, dass nun die \u201eZeit f\u00fcr eine nationale Einheit\u201c sei. Auch spricht niemand mehr \u00fcber den <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-49984537\">Protestmarsch</a> der Bergarbeiter*innen von Soma nach Ankara: Diese wurden nach dem schweren Grubenungl\u00fcck 2013 mit 301 Toten ohne Gr\u00fcnde entlassen und erhielten nie eine Abfertigungszahlung. Seitdem leisten sie Widerstand und fordern ihre Rechte ein.</p><p>Eine eventuelle Besetzung Rojavas ist aber auch unmittelbar \u00f6konomisch lukrativ f\u00fcr die T\u00fcrkei. Direkt nach Erdo\u011fans <a href=\"https://www.theguardian.com/world/2019/sep/24/erdogan-proposes-plan-for-refugee-safe-zone-in-syria\">offizieller Erkl\u00e4rung</a> seiner Besatzungspl\u00e4ne bei der UN Generalversammlung Ende September ver\u00f6ffentlichte sein B\u00fcro eine Brosch\u00fcre mit detaillierten Projekten f\u00fcr die besetzten Gebiete. Laut dieser sei es notwendig, vor der Ansiedlung von zwei Millionen Fl\u00fcchtlingen etwa <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/10/turkey-syria-who-will-pay-for-syrian-refugees-resettlement.html\">26 Milliarden US-Dollar</a> (151 Milliarden T\u00fcrkische Lira) in Infrastruktur und Geb\u00e4ude zu investieren. Es braucht nicht extra betont zu werden, dass das t\u00fcrkische Kapital auf diese (vermutlich staatlich unterst\u00fctzte) Chance mit gro\u00dfer Vorfreude wartet. Dies ist einer der Gr\u00fcnde, warum <a href=\"https://www.artigercek.com/haberler/patronlar-suriye-ye-askeri-harekata-destek-cikti\">alle Vertreterorganisationen</a> des Kapitals ihre volle Unterst\u00fctzung zum Krieg und f\u00fcr die \u201eheroische Armee\u201c gegeben haben.</p><p>Letztlich ist es klar, dass das Regime nicht nur sich und seine Verb\u00fcndeten st\u00e4rken, sondern auch die Opposition spalten und schw\u00e4chen will. Kurd*innen und Linksliberale werden sich von den kriegsunterst\u00fctzenden Teilen der Opposition nat\u00fcrlicherweise distanzieren, aber eventuell werden auch die Alevit*innen nachziehen, weil sie die Zusammenarbeit mit Jihadisten im Rahmen der Milit\u00e4rinvasion ablehnen. Diese Abwendung w\u00e4re aber gleichzeitig eine Chance f\u00fcr die antimilitaristischen Teile der Opposition, die allerdings von Dauerrepression betroffen sind. Seit Wochen mokieren sich regimetreue Medien und einige anti-kurdische oppositionelle Zirkel \u00fcber eine angebliche Ann\u00e4herung von CHP und HDP. Schon in den ersten Tagen des Krieges wurden <a href=\"https://www.turkishminute.com/2019/10/11/turkey-detains-121-social-media-users-for-criticism-of-syria-incursion/\">\u00fcber hundert Menschen wegen Postings</a> in Sozialen Medien festgenommen, weil sie sich in irgendeiner Form kritisch ge\u00e4u\u00dfert hatten \u2013 etwa, indem sie von einem \u201eKrieg\u201c statt von einer \u201eOperation gegen den Terror\u201c sprachen. Innenminister S\u00fcleyman Soylu <a href=\"https://www.turkishminute.com/2019/10/11/turkey-detains-121-social-media-users-for-criticism-of-syria-incursion/\">drohte sogar</a>: \u201eVon einem Krieg zu sprechen, ist Verrat.\u201c Auch <a href=\"https://cpj.org/2019/10/turkey-bans-critical-reports-on-military-operation.php\">zwei Journalisten von der linken</a> Tageszeitung<i> BirG\u00fcn</i> und der liberalen Onlineplattform<i> Diken</i> wurden in Gewahrsam genommen, dar\u00fcber hinaus einige Journalist*innen, die f\u00fcr pro-kurdische Agenturen arbeiten.</p><p>Der Faschismus ist ein Monster, das sich von Gemetzel und Krieg n\u00e4hrt und jede Opposition, egal ob rechts oder links, ja, sogar seine eigenen Elemente zu verschlingen versucht. Genau deswegen muss ihm mit Widerstand an allen Fronten entgegnet werden und nicht mit Appeasement. Die Systemopposition, vor allem die CHP, nutzte ihre gewonnene Initiative nach den Lokalwahlen nicht. Sie versuchte, das Monster mit einem Kompromiss nach dem anderen zu \u201ez\u00e4hmen\u201c. Dabei ist auch die CHP vom wiedererstarkenden Faschismus akut bedroht: Der Chef der faschistischen MHP und Hauptverb\u00fcndete Erdo\u011fans, Devlet Bah\u00e7eli, <a href=\"https://ipa.news/2019/10/05/erdogan-ally-suggests-lifting-main-opposition-leaders-parliamentary-immunity/\">machte unl\u00e4ngst klar,</a> dass aufgrund der angeblichen Ann\u00e4herung zwischen CHP und HDP \u201eder Weg frei [sei] f\u00fcr die Aufhebung der Immunit\u00e4t K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flus [Chef der CHP, Anm. d. Autoren]\u201c, sprich f\u00fcr seine Inhaftierung. Glaubt die CHP-F\u00fchrung wirklich, dass sie vom Monster des Faschismus verschont wird, wenn sie jetzt nur brav dem Krieg zustimmt?</p><h2><b>Kein Welthegemon mehr \u2013 oder: Wem geh\u00f6rt die Welt?</b></h2><p>Zur\u00fcck zur USA und ihrer Entscheidung, der T\u00fcrkei gr\u00fcnes Licht f\u00fcr die Milit\u00e4rinvasion zu geben. Es steht fest, dass die Entscheidung, so widerspr\u00fcchlich sie auch sein mag, nicht nur auf die Verr\u00fccktheit von Trump zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Tats\u00e4chlich ist der US-Imperialismus selbst in Widerspr\u00fcche verstrickt: Ein Teil des herrschenden Machtblocks, n\u00e4mlich der \u201einternationalistisch-interventionistische\u201c, hegt den Wunsch, eine globale Weltordnung aufrechtzuerhalten, in der die USA die Staaten und Institutionen der westlichen kapitalistischen Hemisph\u00e4re anf\u00fchrt. Ein zweiter Block scheint davon \u00fcberzeugt zu sein, dass Unilateralismus und Autarkie die bestm\u00f6glichen Ans\u00e4tze sind, um Weltmacht und Profite zu gew\u00e4hrleisten. W\u00e4hrend die eine Tendenz innerhalb der US-Eliten versucht, so viele Akteure wie m\u00f6glich davon zu \u00fcberzeugen, mit den USA zusammenzuarbeiten, um sie auf diese Weise an sich zu binden \u2013 darunter auch die Kurden in Syrien als vermeintliches Ass gegen Assad und den Iran und eventuell sogar die T\u00fcrkei \u2013, versucht die andere Tendenz wiederum, das internationale Engagement der USA so weit wie m\u00f6glich zu reduzieren und Verantwortung und sicherheitspolitische Funktionen auf andere Staaten zu \u00fcbertragen \u2013 in diesem Fall den alteingesessenen NATO-Partner T\u00fcrkei. Tats\u00e4chlich ist diese mittlerweile sch\u00e4rfer hervortretende Widerspr\u00fcchlichkeit innerhalb der Staatsapparate der USA selbst ein Produkt der Erosion der weltweiten Hegemonie der USA, die selbst wiederum mit der Krise des imperialistischen Weltsystems im Zusammenhang steht. Seit dem Ende der Sowjetunion emanzipieren sich die ehemaligen Alliierten der USA und stellen eigene Geltungsanspr\u00fcche, wobei die Weltwirtschaftskrise ab 2007 und ihre Folgen die zentrifugalen Kr\u00e4fte gest\u00e4rkt haben.</p><p>Unabh\u00e4ngig davon, was diese Widerspr\u00fcche f\u00fcr den US-Imperialismus bedeuten: Derzeit scheint Russland am meisten von den Entwicklungen in Syrien zu profitieren. Am Sonntag <a href=\"https://foreignpolicy.com/2019/10/13/kurds-assad-syria-russia-putin-turkey-genocide/\">k\u00fcndigte die SDF an</a>, dass sie sich auf eine Zusammenarbeit mit Assad (und Russland) geeinigt habe, um den \u201egenozidalen\u201c Vormarsch der T\u00fcrkei und ihren jihadistischen Verb\u00fcndeten zu verhindern.</p><p>Aus russischer Sicht stellt sich die Lage einerseits so dar, dass die kurdischen Kr\u00e4fte in Syrien vollkommen von den Vereinigten Staaten abgeschnitten zu sein scheinen, da sie die USA des Verrats bezichtigen. Andererseits st\u00e4rkt Trumps Entscheidung, sich aus Syrien zur\u00fcckzuziehen, die Position Russlands als wichtigem imperialistischen Akteur in der Region. Hinzu kommt, dass die Beziehungen zwischen der T\u00fcrkei und den USA vor dem Hintergrund st\u00e4rker werdender politischer Reaktionen seitens der \u201einternationalistisch-interventionistischen\u201c Tendenz innerhalb der US-Eliten auf die Invasion und einiger <a href=\"https://www.nytimes.com/aponline/2019/10/14/us/politics/ap-us-united-states-syria-the-latest.html?searchResultPosition=2\">Sanktionen politischer und \u00f6konomischer Art</a> weiter untergraben werden.</p><p>Es versteht sich von selbst, dass das Zustandekommen und Vergehen der Allianzen zwischen diesen souver\u00e4nen M\u00e4chten mit (sub-)imperialistischen Interessen auf dem Hintergrund einer sich in einer \u00dcbergangsperiode befindenden imperialistischen Weltordnung einem Puzzle gleichen. Daher k\u00f6nnen sich die Gleichgewichte jederzeit \u2013 den Umst\u00e4nden entsprechend \u2013 \u00e4ndern. In einer Zeit aber, in der Unsicherheit herrscht und sich Gleichgewichte und Allianzen in k\u00fcrzester Zeit verschieben, ist keine einzelne Macht in der Lage, den gesamten Prozess zu begreifen und zu kontrollieren. Einige Entscheidungen sind dabei schlichtweg Fehler, w\u00e4hrend die Logiken, die am Werk sind, nicht mehr jene der \u201enormalen\u201c altbekannten Zeiten sind.</p><h2><b>Gegen den Faschismus sein hei</b>\u00df<b>t, gegen den Krieg zu sein</b></h2><p>W\u00e4hrend wir diesen Artikel fertigstellen, schreiten die Streitkr\u00e4fte Syriens in Richtung Norden vor und n\u00e4hern sich der t\u00fcrkischen Grenze. Erste Gefechte zwischen den geeinten t\u00fcrkisch-jihadistischen und den geeinten kurdisch-syrischen Kr\u00e4ften eruptieren an der Front zu Manbidsch. Bisher ist die syrische Armee aber noch kaum zu den zentralen Gefechtspunkten Gire Sp\u00ee/Tal Abyad und Ser\u00ea Kaniy\u00ea/Ras al-Ayn vorger\u00fcckt (Stand: 16.Oktober 2019). Dabei ist es durchaus m\u00f6glich, dass sich die syrische Armee zu erst auf die Sicherung der weniger umk\u00e4mpften Zonen konzentriert und die SDF alleine l\u00e4sst mit der t\u00fcrkischen Offensive zwischen Gire Sp\u00ee/Tal Abyad und Ser\u00ea Kaniy\u00ea/Ras al-Ayn. Dieses Vorgehen l\u00e4sst sich aus einer \u00dcbersetzung der mutma\u00dflichen <a href=\"https://twitter.com/jenanmoussa/status/1184196900934815744?s=12&amp;fbclid=IwAR1yf8QZjhIHUhwqls_BtTif132hOtnM27TrUHqEza0ayInBWIZktKJmhPs\">Vereinbarung</a> zwischen SDF und SAA schlie\u00dfen. Ebenfalls ist unklar, ob und inwieweit sich Assad und die SDF auf politischer Ebene auf eine gemeinsame Verfassung werden verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen \u2013 oder zumindest auf eine solche hinarbeiten werden.</p><p>Es ist nicht nur die Zukunft Nordsyriens, die dabei im Unklaren bleibt. Die Welt k\u00f6nnte durchaus Zeugin eines aus seinen Aschen emporsteigenden IS werden. Und was viele Linke weltweit als \u201eRevolution von Rojava\u201c mit Euphorie begr\u00fc\u00dften, k\u00f6nnte in den Tr\u00fcmmerfeldern des Krieges begraben werden.</p><p>Der Krieg in Nordostsyrien wirkt sich aber auch ma\u00dfgeblich auf die T\u00fcrkei aus, was vielerorts nicht ernst genug genommen zu werden scheint: Falls die milit\u00e4rische Invasion gelingen sollte, werden Erdo\u011fan und seine faschistischen Verb\u00fcndeten ihre Macht enorm steigern k\u00f6nnen. Der gesamte politische Boden, der in den letzten Monaten und Jahren im Kampf gegen das Regime gewonnen wurde, k\u00f6nnte somit verloren gehen. All die kleinen und vereinzelten Siege und die allgemeine Erleichterung, dass der Nimbus der Unbesiegbarkeit des Regimes angekratzt wurde, w\u00fcrden in der Dunkelheit versinken und in Vergessenheit geraten. Es ist deshalb von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung, sich gegen die derzeitige milit\u00e4rische Invasion der T\u00fcrkei in Nordostsyrien zu stellen \u2013 denn nur so kann verhindert werden, dass der Faschismus in der T\u00fcrkei selbst an Boden gewinnt.</p><p></p><hr/><p></p><p><b>Anmerkungen:</b></p><p><b>[1]</b> Die Invasion hei\u00dft in menschenverachtendem Zynismus <i>Operasyon Bar\u0131\u015f P\u0131nar\u0131</i>, Operation Friedensquelle.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr: Die Kr\u00e4fte des Faschismus sind innenpolitisch bedr\u00e4ngt und in einer tiefen Krise. Um die Opposition zu schw\u00e4chen und die Initiative zu \u00fcbernehmen, brachen sie jetzt einen Krieg vom Zaun."}], "next_url": "http://revoltmag.org/feeds/articles.json?tags=98&page=2"}