{"version": "https://jsonfeed.org/version/1", "title": "re:volt magazine Archiv", "home_page_url": "http://revoltmag.org/articles/?tags=50", "description": "Zeige Artikel mit den Schlagworten feminismus", "feed_url": "http://revoltmag.org/feeds/articles.json?tags=50", "language": "en", "icon": "http://revoltmag.org/static/logos/logo_192.png", "favicon": "http://revoltmag.org/static/favicon.png", "items": [{"title": "Im Frauenzelt: \u00bbTe B\u00fcsik \u0130ydik Ya Hayti\u00ab*", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Im Frauenzelt: \u00bbTe B\u00fcsik \u0130ydik Ya&nbsp;Hayti\u00ab*</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"1676794309373-scaled.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/1676794309373-scaled.44ccd5a8.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Mor Dayan\u0131\u015fma</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>*</i>\u00bb<i>Te B\u00fcsik \u0130ydik Ya Hayti</i>\u00ab ist arabisch f\u00fcr <i>\u00bbLass mich deine Hand k\u00fcssen, Schwester.\u00ab</i></p><p>Es war der elfte Tag nach dem Erdbeben in Samanda\u011f in der Provinz Hatay (T\u00fcrkei), als eine \u00e4ltere Frauen diesen Satz zu mir sagte. Mangels Fahrzeugen war sie zu Fu\u00df aus einem abgelegenen Viertel gekommen, um Lebensmittel zu holen. In ihrer Hand hielt sie nur eine Plastikt\u00fcte. Ich k\u00fcsste sie auf den Kopf. Unsere Tr\u00e4nen vermischten sich, als unsere H\u00e4nde sich ber\u00fchrten. Was auch immer wir tun, wie sehr wir uns auch bem\u00fchen, es wird nicht ausreichen, es wird das Verlorene nie wieder zur\u00fcckbringen \u2013 das wissen wir. Und dennoch: Unsere Bem\u00fchungen wachsen und werden immer st\u00e4rker, indem wir die H\u00e4nde der <i>hayti</i> \u2013 der Schwestern \u2013 halten, welchen den Frauen der \u00fcberwiegend arabisch-alevitischen Bev\u00f6lkerung von Samanda\u011f zur Seite stehen.</p><p>Im Namen derjenigen von uns, die am ersten Tag des Erdbebens vom 6. Februar 2023 in Samanda\u011f ankamen und die Solidarit\u00e4tsstruktur sowie die Zelte f\u00fcr die Frauen aufbauten, m\u00f6chte ich euch von unseren Aktivit\u00e4ten berichten. Davon, wie wir unsere Schwestern hier erreicht haben, um ihnen zu sagen: \u201eWir sind hier, wir sind zusammen und wir gehen nicht weg\u201c.</p><h2><b>Auf dem Weg zu den Frauensolidarit\u00e4ts-Strukturen</b></h2><p>Als uns am Morgen des 6. Februar die Nachricht des Erdbebens erreichte, das elf St\u00e4dte verw\u00fcstet hatte, versuchten viele von uns zun\u00e4chst, ihre Familien, Freund*innen, Verwandte und Nachbarn zu erreichen. Aber das war nat\u00fcrlich nicht in allen F\u00e4llen m\u00f6glich. Wer auch immer jemanden erreichen konnte oder erfuhr, dass jemand gestorben war, dem mussten wir glauben, auch wenn wir es aus zweiter (oder f\u00fcnfter) Hand erfuhren. Tage sp\u00e4ter wurde uns klar, dass es aus zweierlei Gr\u00fcnden sehr wichtig war, von den Todesf\u00e4llen zu wissen. Erstens, weil die wenigen Teams der Katastrophenschutzbeh\u00f6rde AFAD, die schlie\u00dflich am vierten Tag nach dem Erdbeben nach Samanda\u011f kamen, die Tausenden von Menschen hier nicht erreichen konnten oder durften \u2013 w\u00e4hrend den freiwilligen Such- und Rettungshelfern, die bereits am ersten Tag ankamen, gesagt wurde: \u201eDas Gebiet ist dem Erdboden gleich, bem\u00fcht euch nicht hierher zu kommen\u201c. Zweitens, obwohl sogar am elften Tag des Erdbebens noch Menschen lebend aus den Tr\u00fcmmern gerettet wurden, die Bagger anr\u00fcckten, um die Tr\u00fcmmer zu beseitigen. Einmal mehr wurde klar: Sie waren nicht gekommen, um die Menschen zu retten.</p><p>Uns war und ist bewusst, dass in Katastrophenzeiten vor allem Frauen, Kinder, LGBTQ+ und behinderte Menschen vernachl\u00e4ssigt, get\u00f6tet bzw. dem Tod \u00fcberlassen oder von Krankheiten bedroht werden. Wir rechneten auch hier damit. Deshalb wandten wir uns sofort an unsere Frauensolidarit\u00e4tsnetzwerke in den Stadtvierteln. Mittlerweile regnete es in der Region stark, die Temperaturen fielen nachts unter null Grad Celsius.<br/></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>In Istanbul wurde nach dem Solidarit\u00e4tsaufruf von <i>Mor Dayan\u0131\u015fma</i> (Lila Solidarit\u00e4t) am Montag unser erster Lastwagen innerhalb weniger Stunden gef\u00fcllt. Zusammen mit zwei Transportern voller Lebensmittel machten wir uns auf den Weg, um zun\u00e4chst Antakya und anschlie\u00dfend Samanda\u011f zu erreichen. Nach dem wir den Belen-Pass bei \u0130skenderun \u00fcberquert hatten, blickten wir auf die Stadt Antakya: Sie war in v\u00f6llige Dunkelheit geh\u00fcllt, in Erwartung eines Ger\u00e4usches, in Erwartung von Hilfe. Als wir in die Stadt kamen, h\u00f6rten wir keine Frauen- oder Kinderstimmen. Die Stra\u00dfen und Gassen waren voller M\u00e4nner, die ebenfalls auf Hilfe warteten. Und ich hatte das Gef\u00fchl, dass der anf\u00e4nglich stumme Schmerz und die Revolte der Frauen genau an dort ihren Anfang nahmen. Best\u00e4tigt wurde dies durch die Worte, die wir auf der Stra\u00dfe h\u00f6rten: \u201eDie Frauen sind bei den Tr\u00fcmmern mit den Kindern, den Kranken und den Alten\u201c.</p><p>Wir wussten, dass der Stadtteil Armutlu durch das Erdbeben v\u00f6llig zerst\u00f6rt wurde (dort befand sich auch eines ein Zentrum von <i>Mor Dayan\u0131\u015fma,</i> Anm. Red.). Daher verabredeten wir uns gegen zwei Uhr morgens mit Freund*innen und Freiwilligen von <i>Mor Dayan\u0131\u015fma</i> an der Autobahn Samanda\u011f/Harbiye. Nachdem wir die Lebensmittel, Hygiene- und Babyartikel sowie Tiernahrung verteilt hatten, die nach Armutlu und zu den weiteren Teilorten Serinyol, Harbiye und Defne geliefert werden sollten, machten wir uns auf den Weg nach Samanda\u011f.</p><p>Entlang der gesamten Stra\u00dfe war die Zerst\u00f6rung sehr deutlich zu sehen. Wir hatten im Vorfeld Kontakt zu einigen Frauen aufnehmen k\u00f6nnen; sie warteten mit ihren Kindern drau\u00dfen unter Vord\u00e4chern und Behelfsschutzkonstruktionen, sofern es diese gab, und einige von ihnen in Autos. Unerm\u00fcdlich hatten sie in den zehn Stunden mit Sonnenlicht und W\u00e4rme so viel zusammengetragen, wie sie finden konnten.</p><p>Wir erreichten die Frauen im Stadtteil Koyuno\u011flu gegen 2.45 Uhr. Zun\u00e4chst gingen wir zu den Kindern, die seit Stunden ohne Essen und Wasser auskommen mussten. Das erste, was wir in den n\u00e4chsten beiden Tagen taten, war hier mit den Frauen eine Suppenk\u00fcche einzurichten und die Beschaffung von Lebensmitteln und deren Verteilung zu organisieren.</p><p>In den fr\u00fchen Morgenstunden des 8. Februar versuchten wir zudem, mit dem Lastwagen nach Samanda\u011f zu gelangen. Da die meisten Stra\u00dfen durch das Erdbeben aufgerissen waren, gestaltete sich dies jedoch schwierig. Hunderte von zerst\u00f6rten Geb\u00e4uden, die sich auf die Stra\u00dfe neigten, waren gef\u00e4hrlich und machten eine Weiterfahrt physisch unm\u00f6glich. Wir hielten auf der Autobahn in der N\u00e4he der Favvar-Br\u00fccke an und sahen dutzende Frauen, auch aus entfernteren D\u00f6rfern, die sich aus den Seitenstr\u00e4\u00dfchen in unsere Richtung bewegten.</p><p>Die n\u00e4chsten Stunden zeigten einmal mehr: Die Frauen, welche die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung von Samanda\u011f ausmachen, stie\u00dfen zwar gegen die Mauern der geschlechtsspezifischen Ungleichheit \u2013 sie durchbrachen sie jedoch mit dem Bewusstsein, der Erfahrung und der Kraft, die sie aus der arabisch-alevitischen Kultur und der Frauensolidarit\u00e4t sch\u00f6pften. Sie waren in der Lage, aus den zerst\u00f6rten H\u00e4usern herauszukommen und die Zerst\u00f6rungswut und Diskriminierung des m\u00e4nnlich-dominierten Staates und der Regierung deutlich zu erkennen. Sie sahen es nicht nur, sondern fassten es auch in Worte:</p><p><i>\u201eDer Staat ist nicht gekommen... Das ist das erste Mal, dass wir problemlos Damenbinden bekommen k\u00f6nnen... Ich konnte vorher nicht hierherkommen, weil ich mich um unsere Alten und Behinderten k\u00fcmmern musste... Wir brauchen Unterw\u00e4sche, wir haben noch keine bekommen... Es gibt immer mehr gyn\u00e4kologische Erkrankungen...\u201c</i></p><p>Dass ich \u00fcber das Thema \u201eDer Staat ist nicht gekommen\u201c in einem anderen Beitrag schreiben werde, glaube ich nicht. Die Abwesenheit des Staates war \u00fcberdeutlich deutlich zu sehen, jede*r hat das bereits betont. Was ich hier hervorheben m\u00f6chte, ist die b\u00f6sartige Pr\u00e4senz des patriarchalen, kapitalistischen Staates. Es gab ihn auch schon vor dem Erdbeben. Aber ist es reiner Zufall, dass die Such- und Rettungsma\u00dfnahmen und die Erdbebenhilfe in vielen der \u00fcberwiegend alevitischen Bezirke, D\u00f6rfern und Nachbarschaften nicht eingesetzt wurden, in denen Frauen* einen relativ hohen Grad an Freiheit genie\u00dfen? Oder dass es immer noch keine Politik zur Verhinderung von Geschlechterdiskriminierung unter den verheerenden Bedingungen des Erdbebens gibt? Glaubt ihr, dass dies etwas ist, wor\u00fcber nur wir Revolution\u00e4r*innen und Feminist*innen sprechen? Dann h\u00f6rt den Frauen zu, wenn sie \u00fcber die Katastrophe vom 6. Februar sprechen. Ihr werdet merken, wie sehr ihr auf dem Holzweg seid. Sie werden euch alles erz\u00e4hlen.</p><h2><b>Die Geschichte der Frauensolidarit\u00e4ts-Struktur und der Frauenzelte</b></h2><p>In den ersten drei Tagen besuchten wir zahlreiche Stadtteile von Samanda\u011f, darunter Atat\u00fcrk, \u00c7i\u011fdede, Cumhuriyet, Yeni, Kurt Deresi, Deniz, \u00c7evlik, Zeytuni, Suta\u015f\u0131, Ku\u015falan\u0131, \u00c7\u00f6y\u00fcrl\u00fc, Tekeba\u015f\u0131, De\u011firmenba\u015f\u0131, Uzunba\u011f, Fidanl\u0131 und Yayl\u0131ca. Dorthin brachten wir die solidarisch gesammelten Lebensmittel, Decken und Hygieneartikel, w\u00e4hrend t\u00e4glich mindestens 700-1000 Frauen aus diesen Vierteln unseren Treffpunkt aufsuchten. Obwohl H\u0131d\u0131rbey, Yo\u011funoluk, Karak\u00f6se und Sinanl\u0131 sehr abgelegene Orte sind, kamen Frauen auch aus diesen Gebieten zu unserem Solidarit\u00e4tsort, der sich an der Durchgangsstra\u00dfe befindet. Die Nachricht sprach sich schnell herum, wurde von Frau zu Frau weitergegeben. Es gab zwar kein Internet und keinen Handyempfang, doch als das Gefl\u00fcster st\u00e4rker wurde, wuchs auch unsere Frauensolidarit\u00e4tsgruppe.</p><p>Fragt diese hunderten von Frauen, lasst sie erz\u00e4hlen! Die Frauen, die uns seit dem ersten Tag hier sehen; die Frauen, die uns auf den Stra\u00dfen wiedererkennen, auf denen sie nicht mehr mit ihren Nachbar*innen zusammensitzen k\u00f6nnen; die Frauen, die uns mit in ihre G\u00e4rten und Gew\u00e4chsh\u00e4user nehmen, wo wir gemeinsam schlafen; die Frauen, mit denen wir gemeinsam die Solidarit\u00e4tspakete verteilen, Hoffnung verteilen.</p><p>Die Anlaufstelle der Frauensolidarit\u00e4t, die wir ab dem 10. Februar im Yeni-Park im Atat\u00fcrk-Viertel aufgebaut haben, war anfangs nur ein kleines Zelt. Direkt gegen\u00fcber brachten wir die Frauen und Kinder aus dem Viertel in vier Schlafzelten unter, die wir auf einer gr\u00f6\u00dferen, ebenen Fl\u00e4che aufgebaut hatten. Wir sitzen mit ihnen jeden Abend zusammen, sprechen \u00fcber ihre Bed\u00fcrfnisse und sorgen gemeinsam mit den Mitgliedern und Freiwilligen von <i>Mor Dayan\u0131\u015fma</i> f\u00fcr ihre Sicherheit. Und dieser Raum, dieses Solidarit\u00e4tsnetzwerk wuchs, mit jeder Frau, die zu uns kam und sagte: \u201eIch m\u00f6chte auch helfen\u201c.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"1676793352892.jpg\" height=\"691\" src=\"/media/images/1676793352892.original.jpg\" width=\"768\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Mor Dayan\u0131\u015fma</span>\n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Zelt der Frauensolidarit\u00e4t in Hatay.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Durch die anhaltenden Aufrufe zur Solidarit\u00e4t, die unsere Mitglieder und Freiwilligen seit dem ersten Tag in zahlreichen St\u00e4dten (vor allem in Istanbul, Izmir, Ankara, Adana, Mersin, Antalya, Mu\u011fla und Denizli) verbreiteten, konnten wir bis zum Ende des elften Tages hunderten Frauen ein Minimum an Hilfsg\u00fctern bereitstellen. Haben wir dabei nur frauenspezifische Hilfsg\u00fcter und Unterst\u00fctzung von den Nichtregierungsorganisationen, Gemeinden, Verb\u00e4nden oder Kommunen erhalten, die sich an uns wandten? Nein. Jeder Lastwagen, jede Verteilaktion und jedes Viertel, in dem wir als Feministinnen t\u00e4tig sind, hat gesehen, dass wir uns um alle k\u00fcmmern. Die Frauen handelten solidarisch und wurden zu Koordinatorinnen der Aktionen. Wohin gingen die Lastwagen und die Lebensmittel, die von den Feministinnen und solidarischen Unterst\u00fctzer*innen aus dem In- und Ausland geschickt wurden? Sie gingen an unsere Schwestern in den Vierteln, die wir mit Autos und Motorr\u00e4dern erreichten, an die Frauensolidarit\u00e4ts-Strukturen, wo sie verteilt und pers\u00f6nlich abgeholt wurden, an LGBTQ+, an unser mobiles Team von Kindertheatern mit freiwilligen Psycholog*innen, Schauspieler*innen und Kindererzieher*innen.</p><p>Was machen die Frauen nun in den Solidarit\u00e4tsstrukturen und Zelten, die in Samanda\u011f sowie in den Vierteln Sevgi Park, Harbiye und Serinyol in Antakya aufgebaut wurden? Um den sich permanent \u00e4ndernden Bed\u00fcrfnissen gerecht zu werden, erweitern sie das Netzwerk der Solidarit\u00e4t, f\u00f6rdern den Prozess der Subjektwerdung der Frauen durch feministische Politik und schaffen jeden Abend R\u00e4ume f\u00fcr Frauen, um sich bei einer Tasse Tee zu unterhalten. Sie h\u00f6ren den erdbebenbetroffenen Frauen zu, um die Wunden im bevorstehenden Prozess zu heilen und dar\u00fcber zu diskutieren, weshalb und wie frauenfreundliche St\u00e4dte geschaffen werden k\u00f6nnen.</p><p>Eine Bemerkung, die ich hier wiedergeben m\u00f6chte, r\u00fcckt die Frage \u201eWas f\u00fcr eine Stadt und welches Leben wollen wir?\u201c in den Mittelpunkt \u2013 hier in Hatay, wo Seite an Seite arabisch-alevitische, christliche, armenische Frauen leben:</p><p><i>\u201eEs gibt keine Worte, um die Zerst\u00f6rung und das Leid im Zentrum von Antakya und Samanda\u011f zu beschreiben; wir kennen diejenigen, die gegangen sind und freuen uns auf ihre R\u00fcckkehr. Aber wir wissen auch, dass die Sozialistinnen, die Feministinnen und die Frauensolidarit\u00e4t ab dem ersten Tag an unserer Seite waren. Und wir wollen nicht in eine isolierte Containerstadt gehen, weit weg von unseren Vierteln, eine Siedlung, in der es noch keine Sicherheit, kein Wasser und keine Hygiene gibt.\u201c</i></p><p>Wir geben die Informationen \u00fcber die [staatlich organisierten, Amn. d. \u00dcbersetzerin] Container- und Zeltst\u00e4dte an alle Frauen weiter, aber diese schnaufen nur und fragen uns: \u201eK\u00f6nnt ihr uns keine Zelte geben? K\u00f6nnt ihr uns keine Container geben?\u201c Was sagt uns diese Nachfrage nach Zelten oder Containern, die die Menschen in den sicheren R\u00e4umen ihrer eigenen Felder, G\u00e4rten und Nachbarschaften aufstellen wollen? Wir m\u00fcssen zuh\u00f6ren, verstehen und L\u00f6sungen schaffen.</p><h2><b>Vom Frauenzelt zu frauenfreundlichen St\u00e4dten</b></h2><p>Reicht der Aufbau von Frauenzelten aus? Ganz und gar nicht. Warum bestehen wir dann darauf und warum sollten wir dies alle tun? Die oben beschriebenen Fragen, die mir und uns die Frauen hier stellen, zeigen, dass die Frauen ihre Situation sehr deutlich erkennen. Es sind die Umst\u00e4nde des brutalen jahrhundertealten patriarchalen Kapitalismus und der Menschenfeindlichkeit, die nochmals besonders laut und deutlich in den letzten zehn Tagen von den regierenden Parteien AKP und MHP, sowie allen faschistischen Strukturen und Organisationen, gezeigt wurden. Diese m\u00e4nnerdominierte, profitorientierte, diebische, schamlose Ordnung muss gest\u00fcrzt werden.</p><p>Trifft das auch f\u00fcr die lokalen Verwaltungen zu? Dann m\u00fcssen auch dort die politischen Verantwortlichen abgesetzt werden! Sind die Bauunternehmen auch so? Dann m\u00fcssen sie beseitigt werden! Ist die Regierung so? Dann muss sie gest\u00fcrzt werden! Denn:</p><p></p><hr/><p><b>Das Sicherheitsgef\u00fchl der Frauen entstand nicht durch ein St\u00fcck Papier, das vom Staat beschrieben wurde. Es entstand durch ein Frauenzelt, auch wenn dessen W\u00e4nde nicht dicker als Papier waren. Die Kraft, die Nachbarschaft, den Ort und die Gr\u00fcnfl\u00e4chen f\u00fcr sich zu beanspruchen, kam von den Frauen, die sagen: \u201eGebt uns Container und Zelte, wir bleiben hier\u201c.</b></p><hr/><p></p><p>W\u00e4hrend die Vertreter zahlreicher m\u00e4nnerdominierter Gemeinden, wie der B\u00fcrgermeister von Samanda\u011f, in ihren makellosen Anz\u00fcgen f\u00fcr die Kamera posierten, kamen die Frauen, die tagelang keinen Zugang zu Hygieneartikeln hatten, in blutgetr\u00e4nkter Kleidung zu uns.</p><p>Hilfsmittel aus dem In- und Ausland kamen zu uns, zusammen mit Solidarit\u00e4tsbotschaften, die sagten: \u201eWir vertrauen euch, dass ihr die Spenden zu den Menschen bringt.\u201c Und die Frauen, die sich in jedem sozialen Bereich, in dem wir mit unserer feministischen Politik intervenieren, stark und sicher f\u00fchlen, kommen auch zum Frauenzelt, um uns gegen die feindliche Politik des M\u00e4nnerstaates beizustehen. Was die Notwendigkeit betrifft, dass Frauen sich f\u00fcr den Schutz der ethnischen und soziokulturellen Struktur in den Erdbebengebieten organisieren, so waren es vor uns organisierten Frauen die Betroffenen selbst, die sich zu Wort meldeten und fragten: \u201eWas soll getan werden?\u201c</p><p>Die Forderung \u201eNachbarschaftscontainer oder Zelte!\u201c wird in allen Bezirken und Vierteln, die wir in den letzten Tagen erreicht haben, laut und deutlich erhoben. Nehme wir diese Forderung ernst. Wir haben von dem Bed\u00fcrfnis nach Solidarit\u00e4t, lokalen Strukturen und Frauenzelten erfahren, als die Stimme dieser tausenden Frauen noch nicht h\u00f6rbar waren. Mit ihrem Wissen haben wir uns auf den Weg gemacht und es mit sozialistischer, feministischer Politik verbunden. Die beiden Felder, die miteinander verbunden sind, aber auch unterschiedliche Forderungen fokussieren, m\u00fcssen verst\u00e4rkt und unterst\u00fctzt werden. Die kapitalistische Ordnung, die mindestens 45.000 Menschenleben gefordert hat, will neue St\u00e4dte bauen, die erneut Menschen t\u00f6ten. Lasst uns stattdessen Frauenzelte bauen. Die <i>hayti</i>, die unsere H\u00e4nde halten werden, warten auf euch, die Frauen*, die Feminist*innen, um diese Zelte zu errichten.</p><p></p><hr/><h2><b>Spenden und Unterst\u00fctzung von</b> <b>Mor Dayan\u0131\u015fma:</b></h2><p>Gemeinsam mit LabourNet Germany e.V. haben wir die <a href=\"https://revoltmag.org/articles/unterst%C3%BCtzt-die-spendenkampagne-lila-solidarit%C3%A4t-jetzt/\">\u201eSpendenkampagne Lila Solidarit\u00e4t jetzt!\u201c</a> lanciert. Wenn ihr spenden k\u00f6nnt, \u00fcberweist bitte an folgendes Konto:</p><p>Spendenkonto: Labournet Germany e.V.:<br/>IBAN DE76 4306 0967 4033 7396 00<br/>BIC: GENODEM1GLS<br/>Verwendungszweck \u201cLila Solidarit\u00e4t\u201d</p><p>Eine Spendenquittung kann nur ausgestellt werden, wenn wir die Post-Adresse haben, eine e-mail an verein@labournet.de reicht daf\u00fcr. Schreibt einfach, unter welchem Namen ihr gespendet habt und sendet die postalische Adresse mit.</p><p>Wenn ihr andere Fragen zur Unterst\u00fctzung habt, oder eine alternative M\u00f6glichkeit des Spendens nutzen wollt, meldet euch auch gerne bei uns. Unsere Redakteurin Jo erreicht ihr unter jo@revoltmag.org. Sie steht mit den Freundinnen von Mor Dayan\u0131\u015fma in direktem Kontakt.</p><p></p><hr/><p>\u00dcbersetzung: Svenja Huck<br/>Bild: Mor Dayan\u0131\u015fma</p><p>Der Bericht erschien zuerst auf der Webseite von <a href=\"https://mordayanisma.org/2023/02/20/from-the-womens-tent-te-busik-iydik-ya-hayti/\">Mor Dayan\u0131\u015fma</a> auf t\u00fcrkisch und englisch. Folgt der Organisation auch auf den Sozialen Medien f\u00fcr Updates und Unterst\u00fctzung.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"deprem2.jpg\" height=\"1080\" src=\"/media/images/deprem2.original.jpg\" width=\"1080\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Bitte gerne den Spendenaufruf weiterleiten. Jeder Euro z\u00e4hlt.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Ein Bericht von \u0130rem Kay\u0131k\u00e7\u0131 vor Ort."}, {"title": "Frauen* mobilisieren sich gegen Erdo\u011fan", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Frauen* mobilisieren sich gegen&nbsp;Erdo\u011fan</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"MorDayanishma_Konvention.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/MorDayanishma_Konvention.94a5b76e.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Mor Dayan\u0131\u015fma</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Am 19. M\u00e4rz 2021 k\u00fcndigte der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Recep Tayyip Erdo\u011fan den Austritt aus der Istanbul-Konvention an. Das \u00bb\u00dcbereinkommen des Europarats zur Verh\u00fctung und Bek\u00e4mpfung von Gewalt gegen Frauen und h\u00e4uslicher Gewalt\u00ab ist ein v\u00f6lkerrechtlicher Vertrag, der 2014 in Kraft getreten ist und 2011 in Istanbul von 13 Mitgliedstaaten des Europarates unterzeichnet wurde \u2013 unter anderem auch von der T\u00fcrkei, in der Erdo\u011fan zu diesem Zeitpunkt das Amt des Ministerpr\u00e4sidenten innehatte. Bis 2020 wurde das \u00dcbereinkommen von 45 Staaten unterzeichnet und von 34 ratifiziert</i><b><i>. [1]</i></b></p><p><i>Das \u00dcbereinkommen schreibt vor, dass die Gleichstellung der Geschlechter ebenso wie die Abschaffung von Geschlechterdiskriminierung im Rechtssystem verankert werden/sein muss. Zudem sollen Ma\u00dfnahmen zur Unterst\u00fctzung f\u00fcr Frauen* durchgesetzt werden: Rechtsberatung, psychologische Betreuung, finanzielle Betreuung, Zugang zu Frauenh\u00e4usern, Unterst\u00fctzung in Bildung und auf dem Arbeitsmarkt, eine offensive Verfolgung psychischer, physischer und sexueller Gewalt (Zwangsheirat, Genitalverst\u00fcmmelung, Zwangssterilisierung und Zwangsabtreibung inbegriffen).</i></p><p><i>Der Austritt aus der Vereinbarung wurde schon vor L\u00e4ngerem von Erdo\u011fan ins Spiel gebracht, konnte aber von einem breiten Widerstand der Frauen*organisationen verhindert werden. Nun hat Erdo\u011fan den Austritt sozusagen im Alleingang \u2013 per Dekret \u2013 entschieden. Wir sprachen \u00fcber die aktuellen antifeministischen Entwicklungen und ihre politische Tragweite mit Irem aus der T\u00fcrkei.</i></p><p></p><p><b>[Maja Tschumi:] Liebe Irem, du bist seit Jahren bei der Frauenorganisation \u00bbMor Dayan\u0131\u015fma\u00ab (Lila Solidarit\u00e4t) aktiv.</b> <b>Wir haben im re:volt magazine immer wieder \u00fcber eure Arbeit</b> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/campushexe-strikes-back/\"><b>berichtet</b></a><b> und auch erst im Winter 2020 eine</b> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/unterst%C3%BCtzt-die-spendenkampagne-lila-solidarit%C3%A4t/\"><b>Spendenkampagne</b></a><b> in Deutschland initiiert, um euch auch finanziell zu unterst\u00fctzen.</b> <b>Erz\u00e4hle uns doch etwas \u00fcber eure Organisation und eure aktuelle Arbeit.</b></p><p></p><p>[Irem:] Die feministische Bewegung<i> Mor Dayan\u0131\u015fma</i> (Lila Solidarit\u00e4t), die sich seit 2012 in vielen Provinzen der T\u00fcrkei organisiert, ist in den letzten Jahren zusammen mit den Solidarit\u00e4tsnetzwerken von Frauen* allgemein und insbesondere in den Stadtvierteln stark gewachsen. Wir kommen zusammen unter dem Motto: \u00bbWir organisieren uns in H\u00e4usern, K\u00fcchen, Fabriken und nat\u00fcrlich auf den Stra\u00dfen, um unsere Leben und unsere Rechte zu retten\u00ab.</p><p>Die frauenfeindliche, heteronormativ-sexistische und konservative Politik der inzwischen schon 19 Jahre andauernden AKP-Regierung ist ein zentraler Pfeiler bei der Zementierung eines autorit\u00e4ren Regimes unter Erdo\u011fan. Die Angriffe auf Frauen und LGBTI+ haben in den letzten Jahren dramatisch zugenommen, unter anderem auch, weil sie mit einer Straflosigkeit der T\u00e4ter einhergingen.</p><p>Als Antwort auf diese Angriffe durch diese Regierungskoalition, die die Frauen* wieder im Haus und in der Familie einsperren will, begann <i>Mor Dayan\u0131\u015fma</i> die Netzwerke der Frauensolidarit\u00e4t an der Basis zu erweitern. Denn in diesem patriarchalen kapitalistischen Staat, der tief ins Private hineinreicht, ist keine von uns mehr sicher: In den letzten Jahren ist aufgrund des Versagens des m\u00e4nnlich dominierten Staatsapparats und der entsprechenden Ordnungsh\u00fcter bei der Umsetzung der Istanbul-Konvention und des Gesetzes die Zahl der Femizide [Morde an Frauen*, weil sie Frauen* sind, Anm. d. Red.], nicht unter 300 Morden pro Jahr gesunken. Im Gegenteil: durch die Urteile der AKP-abh\u00e4ngigen Justiz, welche die Bed\u00fcrfnisse und Anliegen der M\u00e4nner sch\u00fctzt, werden die T\u00e4ter oft freigelassen und Femizide, Morde an trans Personen und Kindesmissbrauch k\u00f6nnen straflos zunehmen. Auch in den sozialen Medien haben Verbrechen und Drohungen gegen Frauen und LGBTI+ als Folge dieser Politik zugenommen. Kurzum: Die T\u00fcrkei ist f\u00fcr T\u00e4ter zu einem \u00bbMir passiert nichts\u00ab-Land geworden und die willk\u00fcrlichen Entscheidungen von Staatsapparat und Justiz zeigen, wie sie direkt auf unsere Leben abzielen.</p><p></p><p><b>Was hat die Covid-19-Pandemie samt der mit ihr zutage tretenden multiplen Krisen f\u00fcr die Frauen und f\u00fcr die Arbeit von \u00abMor Dayan\u0131\u015fma\u00bb ver\u00e4ndert?</b></p><p>Corona hat nat\u00fcrlich noch vieles versch\u00e4rft. W\u00e4hrend der Pandemie hat sich deutlich gezeigt, dass die neoliberale Politik den Menschen keine gute Zukunft bieten kann. Deshalb haben wir begonnen, unser Netzwerk der Frauensolidarit\u00e4t vor Ort zu erweitern. Und es sind Frauen*, die besonders betroffen sind von der Pandemie \u2013 nicht nur \u00f6konomisch, sondern auch sozial und zuhause. Ihre Arbeitsbelastung steigt und sie sind vermehrt h\u00e4uslicher Gewalt ausgesetzt. In diesem Zusammenhang haben wir das Konzept der \u00bbfeminisierten Armut\u00ab ausgearbeitet. Wir verwenden es im Zusammenhang mit der Geschlechterungleichheit, um zu zeigen, wem die Wirtschaftskrise und die Pandemiekrise mittels neuer und verschiedener Ausbeutungsformen in Rechnung gestellt wird.</p><p>Angesichts der zunehmenden Femizide, der Rechtsverletzungen und der h\u00e4uslichen Gewalt gegen Frauen* w\u00e4hrend der Corona-Pandemie und den erschwerten Kontaktm\u00f6glichkeiten waren wir gezwungen, daran angepasste, effektivere Organisierungsmethoden zu entwickeln: Wir gr\u00fcndeten eine eigene Rechtskommission, eine Kommission f\u00fcr psychosoziale Unterst\u00fctzung und Gesundheitskommissionen in den Bezirken, wo wir als Bewegung t\u00e4tig sind. Gegen diskriminierende und nicht selten auch gef\u00e4hrliche Situationen, denen Frauen beispielsweise in Gerichtsgeb\u00e4uden oder in Polizeistationen ausgesetzt sind, bieten wir juristische Unterst\u00fctzung in Rechtsstreitigkeiten an mit feministischen Anw\u00e4lt*innen und Berater*innen. Wir wollen damit klar signalisieren: Frauen* sind nicht allein gegen die m\u00e4nnliche Gewalt und die Gewalt des Staates, selbst wenn der Staat sich nach den Bed\u00fcrfnissen der M\u00e4nner ausrichtet.</p><p>Wir haben zudem begonnen, in unserer Gesundheitskommission Kampagnen zu organisieren. Es geht in diesen Kampagnen neben dem Kampf um eine bessere Gesundheitsversorgung auch darum, dass wir selber \u00fcber unsere K\u00f6rper entscheiden k\u00f6nnen, auch darum, R\u00e4ume zu schaffen f\u00fcr lokale Frauenversammlungen, in denen Frauen zusammenkommen und ein kollektives Subjekt in der Politik sein k\u00f6nnen.</p><p></p><p><b>Nun hat die t\u00fcrkische Regierung angek\u00fcndigt, aus einer der wenigen internationalen Vereinbarungen auszutreten, die Verbesserungen f\u00fcr die Lage von Frauen und LGBTIQ+ auf das politische Parkett bringen: Die Istanbul-Konvention. Einen Tag nach Erdo\u011fans Austrittsdekret, am 20. M\u00e4rz 2021, kam es zu zahlreichen Demonstrationen und Kundgebungen \u00fcberall in der T\u00fcrkei. Wie hast du diese Entwicklung und den Protest wahrgenommen?</b></p><p>Am Samstag, den 20. M\u00e4rz, in den fr\u00fchen Morgenstunden wurde diese Entscheidung ohne jegliche parlamentarische Debatte im Amtsblatt ver\u00f6ffentlicht \u2013 oder sagen wir besser: heimlich durchgedr\u00fcckt. Angriffe auf die Konvention und Debatten um einen m\u00f6glichen Austritt aus der Konvention gibt es allerdings seitens der AKP schon seit l\u00e4ngerem, vor allem mit der Begr\u00fcndung, die Istanbul-Konvention schade \u00bbden Familienwerten\u00ab. Doch die Regierungsmitglieder, die sich im August 2020 in den zentralen Verwaltungsr\u00e4ten der AKP zu diesem Thema versammelten, trafen auf eine sehr starke Frauenbewegung (im \u00dcbrigen auch von Seiten regierungstreuer Frauenorganisationen), die mit den Pl\u00e4nen nicht einverstanden war. Um zu verstehen, wie nun ein Austrittsvorhaben ideologisch doch m\u00f6glich gemacht wurde, muss man verstehen, dass sich Erdo\u011fans Politik ebenso wie gegen die Frauen auch gegen LGBTI+ richtete und diese nun auch im Zuge der Abschaffungspl\u00e4ne der Konvention fokussiert wurden.</p><p>Homophobe Ansagen <a href=\"https://kaosgl.org/haber/erdogan-lezbiyen-mezbiyenlerin-soylediklerine-takilmayalim\">wie</a> \u00bbK\u00fcmmert euch nicht um Lesben! Die M\u00fctter sind die S\u00e4ulen der Familie\u00ab, die von Erdo\u011fan selbst in AKP-Provinzkongressen verbreitet werden, oder auch das <a href=\"https://www.sivilsayfalar.org/2020/12/16/gokkusagi-yasagi-bir-ifade-ozgurlugu-ihlali/\">Verbot und die Zensur</a> von Regenbogenfarben (das Symbol der homosexuellen und der LGBTQ+-Bewegung) oder Gegenst\u00e4nden mit Regenbogensymbolen sind eine gezielte Ausgrenzung und Marginalisierung dieser Bev\u00f6lkerungsgruppen \u2013 und auch gleichzeitig eine Stabilisierung traditioneller, konservativer Frauenbilder.</p><p>Bereits im Vorfeld erfuhren wir von einigen Politiker*innen und Parlamentarier*innen, dass die Nachricht vom Austritt aus der Istanbul-Konvention in der Nacht vom 20. M\u00e4rz kommen k\u00f6nnte. Wir hofften auf Fehlalarm, weil dieser Plan rechtswidrig war. Als die Entscheidung Erdo\u011fans dann ver\u00f6ffentlicht wurde, organisierten wir gemeinsam mit anderen Frauen*organisationen unter dem Namen \u00bb\u0130stanbul s\u00f6zle\u015fmesinden vazge\u00e7miyoruz\u00ab \u2013 also: Wir geben die Instanbul-Konvention nicht auf \u2013 einen <a href=\"https://twitter.com/DayanismaMor/status/1375782486064660480\">Protest</a> auf dem Kad\u0131k\u00f6y-Pier [eine zentrale Anlegestelle der F\u00e4hren auf der asiatischen Seite in Istanbul, Anm. d. Red] und verwandelten auch zahlreiche weitere Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze und Parks in Orte der Aktion. Frauen*, die bei den Frauen*kampftags-Demonstrationen um den 8. M\u00e4rz in Gewahrsam genommen wurden, weil sie \u00bbTayyip, lauf! Die Frauen kommen!\u00ab oder \u00bbTanzt im Rhythmus dieser Parole\u00ab skandiert hatten, begannen diesmal, diese Parole noch lauter zu skandieren und riefen sogar \u00bbTayyip, tritt zur\u00fcck!\u00ab. Eine grosse Wut lag in der Luft und \u00fcberall in der T\u00fcrkei war die starke und k\u00e4mpferische Haltung zu sp\u00fcren: \u00bbWir erkennen diese Entscheidung nicht an\u00ab. In jeder Provinz begannen Frauen* aus den Bezirken Proteste zu organisieren. Bis jetzt haben die Proteste nicht aufgeh\u00f6rt. Sie laufen unter dem Hashtag #\u0130stanbulS\u00f6zle\u015fmesiBizim \u2013 die Istanbul-Konvention geh\u00f6rt uns.</p><p></p><p><b>Im Grunde ist der Austritt aus dem Istanbul-Abkommen im Alleingang rechtswidrig. Aufgrund der Machtverteilung im Parlament w\u00e4re es vermutlich ebenfalls gelungen, den Austritt absegnen zu lassen. Warum hat Erdo\u011fan das nicht getan, welche Einsch\u00e4tzung habt ihr da? Hat es etwas mit innen- oder au\u00dfenpolitischer Machtdemonstration zu tun?</b></p><p>Erdo\u011fan kann den t\u00fcrkischen Staat \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 nicht alleine regieren. Daher versucht er, den verschiedenen innerstaatlichen Fraktionen und den W\u00e4hler*innenmassen zu gefallen, die bei den kommenden Wahlen [sie stehen offiziell im Jahr 2023 an, Anm. d. Red.] f\u00fcr seine Partei beziehungsweise Koalition stimmen k\u00f6nnten. Auch wenn die verschiedenen Attacken der Regierung dazu dienten, ihre Macht zu erhalten, hat es bisher nicht gereicht, einen faschistischen Staat zu implementieren. Das hat einige Gr\u00fcnde, zentral ist aber auch, weil es einen starken Widerstand dagegen gibt: Von den Arbeiter*innen, die unter dem Vorwand von Covid-19 entlassen wurden, weil sie Gewerkschaftsmitglieder waren (das Arbeitsgesetz wurde w\u00e4hrend der Pandemie von den Arbeitgeber*innen zur leichteren Entlassung von Arbeiter*innen missbraucht); den jungen Menschen, die arbeitslos sind und um ihre Zukunft und eine Perspektive k\u00e4mpfen; von Student*innen, die demokratische Universit\u00e4ten fordern; den Alevit*innen, LGBTI+-Gruppen und Immigrant*innen, die in der Pandemie noch mehr an den Rand der Gesellschaft gedr\u00e4ngt und existenziell bedroht wurden; den Kurd*innen, die durch permanente milit\u00e4rische und politische Angriffe zunehmend von der geografischen Landkarte der T\u00fcrkei ausradiert werden; und von Frauen*, die f\u00fcr Gleichheit und Freiheit k\u00e4mpfen: Sie alle und ihre K\u00e4mpfe sind ein grosser Schutz vor dem Faschismus.</p><p>Die Selbstorganisation ist dabei sehr wichtig. Denn die soziale Opposition erwartet keine bessere Zukunft von der angeblichen \u00bbHaupt-Oppositionspartei\u00ab [gemeint ist die Gr\u00fcndungspartei der T\u00fcrkei, die Republikanische Volkspartei CHP, Anm. d. Red] und den neu gegr\u00fcndeten rechten Parteien. Denn diese Parteien, die stark mit dem Kapital und dem Staat verbunden sind, haben Angst vor dem Volk und der sozialen Dynamik, die ich oben erw\u00e4hnt habe. Doch die soziale Opposition, die Basisbewegungen und die populare Dynamik fordern eine Politik, die weit \u00fcber diese Parteien hinausgeht. Die aktuelle Regierung, die eine Wahlniederlage kaum akzeptieren w\u00fcrde, nutzt wiederum diese Spaltung zwischen Opposition und Basisbewegungen aus. Sie vergisst dabei, dass sie sich vor allem vor einer M\u00f6glichkeit f\u00fcrchten sollte: Dass sich all diese Bewegungen von unten zusammenschliessen.</p><p></p><p><b>Die Entwicklungen, das hast du gesagt, haben Kontinuit\u00e4t: Wir konnten in den letzten Jahren unter Erdo\u011fan und der AKP-F\u00fchrung auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen die Zunahme von autorit\u00e4ren und faschistischen Tendenzen beobachten. Frauen* bekommen in solchen Entwicklungen meist zuerst die Konsequenzen zu sp\u00fcren. Du hast Festnahmen bei den traditionellen Frauen*demonstrationen am 8. M\u00e4rz gesprochen. Welche Entwicklungen gingen diesen voraus, was waren K\u00e4mpfe, die Frauen* davor unmittelbar auszufechten hatten?</b></p><p>In der Kontinuit\u00e4t der AKP-Regierung spielt die autorit\u00e4re und faschistische Politik, die in den letzten Jahren aufgekommen ist, eine wichtige Rolle. Viele Cliquen und Interessensgruppen, die einen m\u00f6glichst gro\u00dfen Anteil von der staatlichen Verwaltung und nat\u00fcrlich vom Kapital abzubekommen versuchen, befinden sich jetzt im Kampf um ein Mitspracherecht in der staatlichen Verwaltung. Deshalb brachte die Zeit nach der R\u00fcckverwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee neue Angriffe mit sich im Sinne einer Institutionalisierung des Faschismus und von Versuchen, die Basis und die demokratischen Kr\u00e4fte mit diesen Angriffen zum Schweigen zu bringen.</p><p>In der aktuellen Staatskrise und der wirtschaftlichen Krise, die sich mit der Corona-Pandemie noch versch\u00e4rft hat, verst\u00e4rkte die Regierung die Angriffe auf die Frauen*bewegung, LGBTI+-Personen, Student*innen und die kurdische Bewegung, um ihre eigene Position zu st\u00e4rken. Ebenso wie die regierungstreuen Beamt*innen, die in den kurdischen Provinzen anstelle der gew\u00e4hlten Repr\u00e4sentant*innen als Zwangsverwalter eingesetzt wurden, war auch die erste Handlung jenes obrigkeitsh\u00f6rigen Rektors, der f\u00fcr die Bo\u011fazi\u00e7i-Universit\u00e4t ernannt wurde, die Schlie\u00dfung des LGBTI+-Clubs und des Frauen*arbeitskreises.</p><p>Besonders nach den Protesten an der Bo\u011fazi\u00e7i-Universit\u00e4t sahen sich LGBTI+-Personen mehr Druck und verbalen Attacken durch Vertreter*innen der Regierung ausgesetzt, unter ihnen der Leiter des Amtes f\u00fcr religi\u00f6se Angelegenheiten und der Imam der Hagia Sophia.</p><p>Am 8. M\u00e4rz griff die Polizei den Trans+Konvoi an und blockierte den Zugang zum Protestgel\u00e4nde f\u00fcr alles und jede*n, was/die mit einem Regenbogensymbol ausgestattet war. Nicht einmal Regenbogen-Regenschirme waren erlaubt. Doch die Frauen* und LGBTI+-Personen lie\u00dfen sich das nicht gefallen und machten klar, dass sie alle St\u00e4dte in Protestgebiete verwandeln w\u00fcrden, wenn die Polizei die Barrikade nicht \u00f6ffnen w\u00fcrde und die Regenbogenfarben verboten bliebe. Und wir verwandelten tats\u00e4chlich alles zu einem Protestgebiet.</p><p></p><p><b>Im Kampf gegen Faschismus, Kapitalismus und das Patriarchat ist der Kampf von Frauen* seit jeher ma\u00dfgebend. Die Frauen*- und die LGBTQI-Bewegung in der T\u00fcrkei ist sehr stark und hat in den letzten Jahren auch Pr\u00e4senz und St\u00e4rke bewiesen. Gibt es eine M\u00f6glichkeit, Erdo\u011fan \u00fcber politischen Druck von der Strasse noch umzustimmen? Welche K\u00e4mpfe stehen f\u00fcr euch jetzt an?</b></p><p>Die Aufhebung der Istanbul-Konvention sollte nicht nur als ein Angriff auf Frauen* und LGBTI+ gesehen werden. Sie ist ein Angriff auf alle, die nicht der Machterhaltung dienen. Insofern nehmen auch die Proteste von Frauen* eine andere Dimension an, je nachdem mit welchen anderen oppositionellen Kr\u00e4ften sie sich auf der Stra\u00dfe und in politischen B\u00fcndnissen zusammentun. Es geht also nicht nur darum, einen Meinungsumschwung bei Erdo\u011fans zu erzwingen. Es geht weit dar\u00fcber hinaus: Wir m\u00fcssen die Angriffe gegen alle oppositionellen und \u00bbNicht-AKP\u00ab-Segmente der Gesellschaft abwehren und bek\u00e4mpfen. Im Moment zielen die Angriffe der Regierung darauf ab, jede Form von Protest einzud\u00e4mmen. Sie greift \u00fcberall dort an, wo sie nur angreifen kann. Daf\u00fcr macht sich die Regierung \u2013 wie an vielen anderen Orten auch \u2013 die Einschr\u00e4nkungen aufgrund der Pandemie zunutze. So sieht sich Erdo\u011fan nicht im Zugzwang, Erkl\u00e4rungen abzugeben f\u00fcr sein Handeln oder auch f\u00fcr Verordnungen, die der wissenschaftlichen Einsch\u00e4tzung widersprechen. Er kann nicht erkl\u00e4ren, warum es zig AKP-Kongresse mit Abertausenden von Teilnehmenden auf engstem Raum gab. Er erkl\u00e4rt nur, warum und wie er 32 Millionen T\u00fcrkische Lira Strafen wegen Verletzung von Corona-Ma\u00dfnahmen kassiert hat.</p><p>Wie werden wir nun die Wut, die sich in der Arbeiter*innenklasse insgesamt angestaut hat, mit der spezifischen Wut der Frauen* im Kampf um die Ver\u00e4nderung des Systems zusammenbringen und organisieren?</p><p>Es ist wichtig, dass die Gewerkschaften, welche nun die Rechte von Tausenden von Arbeiter*innen verteidigen m\u00fcssen \u2013 Arbeiter*innen, die entlassen wurden, weil sie ihre Gewerkschaftsrechte eingefordert haben \u2013 den sozialistischen und den feministischen Kampf nicht getrennt voneinander sehen. In der T\u00fcrkei ist das noch immer ein Problem. Die Frauen*k\u00e4mpfe haben auch im Klassenkampf viel erreicht und das muss noch mehr anerkannt werden. Die Solidarit\u00e4t der Gewerkschaften mit den feministischen K\u00e4mpfen muss zunehmen. Sie k\u00f6nnen Arbeiter*innen, die gegen den Kapitalismus <i>und</i> das Patriarchat k\u00e4mpfen, nicht sagen: \u00bbDas Patriarchat ist allein euer Problem\u00ab. Das Patriarchat, in dem wir leben, ist zutiefst verbunden mit der kapitalistischen Ausbeutung. Man kann beides nur gemeinsam bek\u00e4mpfen. Der Schritt, den die Gewerkschaften machen, wenn sie die Streiks der Arbeiterinnen* f\u00fcr die \u0130stanbul-Konvention unterst\u00fctzen, ist ein Schritt, unsere Leben ganz existenziell zu st\u00fctzen. Und es ist ein Schritt, der dar\u00fcber hinaus auch den faschistischen Tendenzen der AKP-Regierung Erdo\u011fans Einhalt gebieten wird. Aus diesem Grund sollten linke Gewerkschaften, Anwaltskammern und Berufsverb\u00e4nde die Zeichen der Zeit lesen und die Bed\u00fcrfnisse der Frauen* und ihre K\u00e4mpfe unterst\u00fctzen.</p><p></p><p><b>Welche internationalistische Bewegung beziehungsweise internationale Solidarit\u00e4t w\u00fcnscht ihr euch?</b></p><p>Wir wissen, dass die Sicherheit, Freiheit und Rettung der Frauen* nicht m\u00f6glich ist, wenn man sich nur auf ein Land oder eine Stadt konzentriert. Es braucht eine internationalistische Frauen*solidarit\u00e4t. Die Istanbul-Konvention ist ein Vertrag, der durch einen harten Kampf von Frauen* erk\u00e4mpft worden ist. Die Gesetzesartikel, die im Nachgang der Unterzeichnung in das innerstaatliche Recht vieler Unterzeichner-L\u00e4nder eingegangen sind, haben aufgrund der Istanbul-Konvention an Wert gewonnen. Die Sicherung der Frauen*rechte ist zu wichtig, als dass wir sie einfach dem patriarchalen kapitalistischen System, seiner Milit\u00e4r- und Polizeiapparate oder ihren Staatschefs \u00fcberlassen k\u00f6nnen: Es geht um nichts weniger als unser Leben.</p><p>Wir stehen an einem wichtigen Punkt der Geschichte \u2013 in der T\u00fcrkei und an vielen anderen Orten, wo konservative und faschistische Tendenzen wieder erstarken. Ich kann mich nicht erinnern, dass der Slogan, den wir normalerweise bei Arbeiter*innendemonstrationen oder -streiks skandieren, so laut und hoffnungsvoll auch in den Frauen*protesten gerufen wurde, wie jetzt: \u00bbEs gibt keine Rettung f\u00fcr mich allein. Entweder alle zusammen oder keiner von uns.\u00ab Das kann eine Botschaft an unseren Schwestern* im Ausland sein.</p><p></p><p></p><hr/><h2>Anmerkungen</h2><p><b>Mor Dayanisma:</b> <i>Mor Dayan\u0131\u015fma wurde 2014 im Geist der Gezi-Proteste in der T\u00fcrkei gegr\u00fcndet. Seither gibt es Stadtteil- und Regionalstrukturen der Organisation von Edirne bis \u015e\u0131rnak, von Istanbul bis Hatay. Im Laufe der Zeit entstanden in vielen St\u00e4dten Zentren und Orte der Zusammenkunft, in denen sich Frauen* weiterbilden, politisch aktiv werden und sich gemeinsam gegen das patriarchale kapitalistische System zur Wehr setzen, welches eine ganz</i> <a href=\"https://elyazmalari.com/2020/12/02/siddet-fasizm-ve-devlt-ucgeninde-kadinlar-cemile-baklaci/\"><i>besondere Herrschaft \u00fcber</i></a><i> die Arbeit, Identit\u00e4t und K\u00f6rper von Frauen* aus\u00fcbt. Die Frauen* treffen sich f\u00fcr kostenlose Fortbildungen, etwa, was Arbeitsschutz und gesundheitliche Vorsorge angeht; sie k\u00f6nnen \u00fcber die Basis-Organisation anwaltliche, gewerkschaftliche oder psychologische Unterst\u00fctzung finden, oder gemeinsam Schmuck und Handwerkskunst herstellen, welches ihnen ein eigenes oder zus\u00e4tzliches Auskommen erm\u00f6glicht. In Zeiten der Pandemie wurde die Unterst\u00fctzung teilweise umorganisiert, um die Frauen in der Pandemie zu erreichen.</i></p><p></p><p><b>[1]</b> Zur Istanbul-Konvention in deutschsprachigen Raum: W\u00e4hrend \u00d6sterreich die Konvention bereits 2013, vor Inkrafttreten, ratifizierte, geschah dies in der Schweiz erst 2017 und in Deutschland 2018.Das Bu\u0308ndnis Istanbul-Konvention (BIK) , ein Zusammenschluss vieler unterschiedlicher Arbeitsgemeinschaften und Anlaufstellen zu Gewalt gegen Frauen* und M\u00e4dchen*, hat im Februar 2021 den \u00bb<a href=\"https://www.djb.de/fileadmin/user_upload/Alternativbericht-BIK-2021.pdf\">Alternativbericht</a> zur Umsetzung des U\u0308bereinkommens des Europarats zur Verhu\u0308tung und Beka\u0308mpfung von Gewalt gegen Frauen und ha\u0308uslicher Gewalt\u00ab herausgebracht. Im \u00fcber 200-seitigen Papier machen sie auf bisherige Vers\u00e4umnisse in der Umsetzung aufmerksam: Die Expert:innen sehen viele rechtlich bindenden Verpflichtungen der Istanbul-Konvention noch immer nicht erf\u00fcllt und stellen ihre Kernforderungen an die Bundes- und Landespolitik in der BRD vor. \u00bbDie Unterzeichnerstaaten verpflichten sich nicht nur zur Gleichbehandlung aller Frauen und M\u00e4dchen, sondern auch, geeignete Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen zu ergreifen, um bestehende geschlechterbezogene Rollenstereotypen und ungleiche Machtverh\u00e4ltnisse abzubauen. Leider existiert nicht einmal ein Aktionsplan hierf\u00fcr\u00ab, wird Dr. Delal Atmaca, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin von DaMigra, dem Dachverband der Migrantinnenorganisationen und Teil des B\u00fcndnisses, in einem <a href=\"https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/pm/pressemitteilung-des-buendnisses-istanbul-konvention-bericht-zu-gewalt-gegen-frauen-nimmt-bundesregierung-in-die-pflicht.html\">Bericht des Bundesverbands</a> der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) zitiert. Vor allem f\u00fcr marginalisierte Gruppen, LBTI*, Personen mit Flucht- oder Migrationserfahrung, mit Behinderungen oder in Wohnungslosigkeit, ist der Konvention zufolge der Zugang zu Pr\u00e4vention, Schutz, Beratung und Recht nach wie vor mangelhaft.</p><p>Das BIK hat zudem eine <a href=\"https://www.buendnis-istanbul-konvention.de/2021/03/24/pressemitteilung\">Stellungnahme</a> zum Austritt der T\u00fcrkei aus der Istanbul-Konvention ver\u00f6ffentlicht. Darin verurteilen sie diesen Schritt und rufen zu Konsequenzen in den deutsch/europ\u00e4isch-t\u00fcrkischen Beziehungen auf. Weiter schreiben sie \u00bbAuch innerhalb der EU gibt es Staaten, die eine Ratifizierung der Konvention auf Eis gelegt haben oder erw\u00e4gen, aus der Konvention auszutreten. Dies ist das Ergebnis einer schon seit Jahren schwelenden Entwicklung, die darauf abzielt die Rechte von Frauen und M\u00e4dchen auf ein gewaltfreies Leben massiv einzuschr\u00e4nken.\u00ab</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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M\u00e4rz fanden in der Schweiz Volksabstimmungen auf Kantons- und Bundesebene statt. Einige von ihnen waren offen gegen Menschen- und Freiheitsrechte gerichtet. <a href=\"https://www.zh.ch/de/politik-staat/wahlen-abstimmungen/abstimmungen.html\">Darunter folgende</a>:</p><ol><li>Eine Abstimmung im Kanton Z\u00fcrich dar\u00fcber, ob die staatsb\u00fcrgerschaftlichen Informationen und die nationale Identit\u00e4t von Personen, die Straftaten begehen oder im Verdacht stehen, Straftaten begangen zu haben, ver\u00f6ffentlicht werden sollen. Diese von der rechten Schweizerischen Volkspartei (SVP) in Gang gesetzte Volksinitiative mit dem Titel \u201eBei Polizeimeldungen sind die Nationalit\u00e4ten anzugeben\u201c wurde mit 43,76 Prozent Ja-Stimmen abgelehnt.</li><li>Eine Abstimmung im Kanton Z\u00fcrich dar\u00fcber, ob Sozialhilfeempf\u00e4nger*innen, die im Verdacht stehen, Betrug oder Missbrauch mit der Sozialhilfe zu begehen, von Detektiven verfolgt werden d\u00fcrfen/sollen. Die vom Kantonsrat Z\u00fcrich vorgeschlagene Gesetzes\u00e4nderung (Sozialhilfegesetz SHG Klare rechtliche Grundlage f\u00fcr Sozialdetektive) wurde mit 67,73 Prozent der abgegebenen Stimmen angenommen.</li><li>Eine Schweiz-weite Volksinitiative mit dem Titel \u201eJa zum Verh\u00fcllungsverbot\u201c, die ein Verbot der Gesichtsverh\u00fcllung im \u00f6ffentlichen Raum (Einkaufszentren, Schulen, Stra\u00dfen usw.) forderte. Diese Initiative wurde mit 51,2 Prozent der abgegebenen Stimmen angenommen.</li></ol><p>Das, was diese (Gesetzes-)Initiativen eint: Sie sind rassistisch und insbesondere gegen Migrant*innen gerichtet. Als ob die mangelhaften und unhygienischen Bedingungen nicht ausreichten, wurden <i>refugees</i>, die in Lagern lebten, w\u00e4hrend der Corona-Pandemie noch weiter isoliert. Besuche wurden verboten, Ein- und Ausgehen aus den Lagern penibel kontrolliert. Migrantische Arbeitskr\u00e4fte befinden sich mitten in einer sich versch\u00e4rfenden Armuts- und Arbeitslosigkeitsspirale, da die Pandemie diejenigen Wirtschaftssektoren besonders stark trifft, in denen Migrant*innen haupts\u00e4chlich arbeiten. Nat\u00fcrlich sind migrantische Frauen* von diesen Umst\u00e4nden gleich doppelt betroffen. Durch diese Initiativen br\u00f6ckelt der Lebensstandard von Migrant*innen noch weiter und die Mauern, die sie umgeben, werden noch weiter hochgezogen \u2013 und das unter Umst\u00e4nden der Krise und Pandemie. Mit ihnen zeigt sich der rassistische und potenziell antidemokratische Charakter des schweizerischen Staates.</p><h2>Im Windschatten der Rechten</h2><p>Die erste Initiative wurde, wie gesagt, von der reaktion\u00e4rsten und rassistischsten Partei der Schweiz, der SVP in Gang gesetzt. Die Logik ist klar: Ausl\u00e4nder*innen begehen viel mehr Straftaten als \u201eEinheimische\u201c. Daher ein Gesetz, das ihrer \u201esauberen, wei\u00dfen Rasse und Hochkultur\u201c die Absolution erteilen soll. Au\u00dferdem soll die Ver\u00f6ffentlichung von Angaben \u00fcber Herkunft rassistische Argumente und migrationsfeindliche Haltungen befeuern. Die Initiative wurde zwar nicht angenommen. Wird sie aber etwas besser organisiert (so wie die Initiative zum Verh\u00fcllungsverbot) und findet kein Widerstand dagegen statt, dann wird auch die SVP-Initiative beim n\u00e4chsten Versuch durchkommen.</p><p>Und was soll man zur Gesetzesinitiative des Kantons Z\u00fcrich sagen, die es erm\u00f6glicht, dass Sozialhilfeempf\u00e4nger*innen durch Detektive nachspioniert werden kann? Die SVP ist eine klar rassistische Partei, aber warum hat der Z\u00fcricher Kantonsrat das Bed\u00fcrfnis, eine solche Gesetzesinitiative vorzuschlagen? Einige Politiker*innen sagen, das sei deshalb gemacht worden, um einer viel h\u00e4rteren Gesetzesinitiative der SVP zuvorzukommen und diese somit abzuwehren. Das ist eine wirklich interessante Argumentationsweise f\u00fcr die Politik in einem Land, das sich selbst zu den demokratischsten und liberal-freiheitlichsten der Welt z\u00e4hlt.</p><p>Es ist offensichtlich, dass dieses vage formulierte und daher in alle Richtungen dehnbare Gesetz einzig daf\u00fcr gut sein wird, den Zugang zur Sozialhilfe, die angesichts der Pandemie-bedingten Zunahme von Arbeitslosigkeit und Armut der einzige Ausweg f\u00fcr viele Menschen ist, weiter zu erschweren. Wenn man sich vor Augen h\u00e4lt, wer in der Schweiz am meisten Sozialhilfe beantragen muss, erkennt man auch sofort den rassistischen Charakter des Gesetzes. Der Kanton Z\u00fcrich, der in der Pandemie versagt hat, zwingt mit dieser Gesetzesinitiative Migrant*innen in den Niedriglohnsektor, in die Armut und letztlich dazu, das Land zu verlassen.</p><h2>Das Verh\u00fcllungsverbot</h2><p>Mag der rassistische und migrant*innenfeindliche Charakter der ersten beiden Abstimmungen unzweifelhaft erscheinen, so sind die Dinge etwas vertrackter, wenn es um das als Verh\u00fcllungsverbot deklarierte \u201eBurkaverbot\u201c geht. Vor allem f\u00fcr M\u00e4nner.</p><p>Die SVP hat <a href=\"https://www.svpag.ch/kampagne/verhuellungsverbot/\">einige Begr\u00fcndungen</a> f\u00fcr diesen Gesetzesvorschlag ins Feld gef\u00fchrt. Zum einen wird der Islam mit Terrorismus gleichgesetzt und das Gesetz so auch als Ma\u00dfnahme gegen Terror bezeichnet. Anscheinend sind wir Frauen* f\u00fcr den Terror verantwortlich, ohne davon zu wissen. Es w\u00fcrde mich wirklich interessieren, wie genau Terroranschl\u00e4ge verhindert werden, wenn es Frauen* untersagt wird mit einer Burka das Haus zu verlassen.</p><p>Aber damit nicht genug, sie erkl\u00e4ren uns auch, dass sie die Freiheit der Frauen* f\u00fcr wichtig befinden und dieses Gesetz es den Frauen* erleichtern soll, sich im \u00f6ffentlichen Raum zu bewegen. Weil jetzt nat\u00fcrlich ganz bestimmt alle betroffenen Frauen* pl\u00f6tzlich ihre Burka ablegen und nach drau\u00dfen rennen werden\u2026</p><p>Es w\u00e4re absurd anzunehmen, dass eine rassistische Partei wie die SVP tats\u00e4chlich auch nur einen einzigen Finger r\u00fchrt f\u00fcr die Frauen*befreiung. Sie waren ja auch diejenigen, die sich am st\u00e4rksten gegen den Frauen*streik gestellt und sogar dagegen organisiert haben. Sie haben kein anderes Ziel als Frauen*rechte zur\u00fcckzunehmen und zwar beginnend mit den Rechten migrantischer Frauen*. Sie f\u00fcrchten sich vor der Befreiung der Frau*. Sie f\u00fcrchten sich vor der Befreiung und der Organisation der migrantischen Frauen*, die die prek\u00e4ren, am schlechtesten bezahlten Jobs ohne soziale Absicherung machen, die die Schweizer*innen nicht machen wollen und genau dadurch aber daf\u00fcr sorgen, dass die Schweiz jeden Morgen erneut aufsteht und den Tag beginnt.</p><p>Wir d\u00fcrfen auch nicht \u00fcbersehen, dass mit dem Fokus auf die Burka gleichzeitig der in ganz Europa wachsende antiislamische Rassismus in der Schweiz seinen Ausdruck findet. Dadurch, dass muslimische Frauen* zur Zielscheibe erkl\u00e4rt werden, werden vermittelt alle Frauen* zur Zielscheibe erkl\u00e4rt.</p><p>Dar\u00fcber hinaus f\u00fcgt die SVP auch noch hinzu, dass ein Vermummungsverbot es der Polizei bei Demonstrationen erleichtert, \u201eStraft\u00e4ter\u201c schnell ausfindig zu machen. Obwohl die Initiative offiziell als Vermummungsverbot betitelt ist, l\u00e4sst aber schon die Werbung der Initiator*innen, die eine Frau* mit Burka zeigt, keinen Zweifel daran, worum es wirklich geht: ein Verbot der Burka.</p><p>Jetzt ist aber die Fehlannahme, dass ein solches Gesetz die Frauen* befreien wird, nicht allein bei der SVP, rassistischen Parteien und konservativen Schweizer*innen verbreitet. Einige liberale, linke, ja sogar linksradikale M\u00e4nner und Frauen* haben auch f\u00fcr das Gesetz gestimmt. Die dahingehende Argumentation von Frauen* deutet eher auf Angst und Manipulation im Zuge steigenden Drucks hin. Sie meinen, dass die Verh\u00fcllung der Frauen* ein Freiheitsproblem und der Islam eine Religion sei, die Frauen* unterdr\u00fcckt und dieses Gesetz den Druck auf Frauen* vermindern w\u00fcrde. Hingegen denken viele Frauen* aus dem Mittleren Osten, dass der Islam eingeschr\u00e4nkt werden muss, nicht zuletzt deshalb, weil sie unter dessen repressiven Charakter leiden und sich davon befreien wollen. Daher stimmten auch sie dem Gesetz zu. Diese Argumente m\u00f6gen richtig oder falsch sein, ich kann sie jedenfalls nachvollziehen. Frauen*, die \u00fcber dieses Gesetz abstimmen, denken zugleich auch an sich. Sie treffen eine Entscheidung hinsichtlich ihrer eigenen Kleidung. Sie kommentieren dadurch ihre Geschlechtsgenoss*innen. Aber diese Argumentation muss man strikt von der Argumentation der wei\u00dfen europ\u00e4ischen b\u00fcrgerlich-patriarchalen M\u00e4nner trennen, die eine sowohl in Form wie auch Inhalt rassistische Argumentation vorbringen.</p><h2>Und die M\u00e4nner?</h2><p>M\u00e4nner, denen \u2013 mit Ausnahme von gewissen Institutionen und LGBTIQ+-Erfahrungen \u2013 noch nie in ihrem Leben in ihre Kleidung hineingeredet wurde, haben keinen Begriff davon, was es hei\u00dft, aufgrund einer bestimmten Kleidung nicht auf die Stra\u00dfe oder ins Einkaufszentrum gehen zu k\u00f6nnen beziehungsweise sich daf\u00fcr umziehen, ein Kleidungsst\u00fcck aus- oder anziehen zu m\u00fcssen. Und wie sie keinen Unterschied zwischen der freien Wahl eines Kleidungsst\u00fccks aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden und dem erzwungenen Tragen eines Kleidungsst\u00fccks sehen, so sehen sie auch nicht, dass das erzwungene Ablegen eines Kleidungsst\u00fccks eben auch nur ein weiterer Zwang ist.</p><p>Nun gut, M\u00e4nner, die f\u00fcr die Frauen*befreiung eintreten und mit denen wir in vielen Bereichen gemeinsamen marschieren, hinterfragen also religi\u00f6s konnotierte Kleidungsst\u00fccke und wollen sie im Namen der Frauen*befreiung verbieten. Aber hinterfragen sie auch ihre eigene M\u00e4nnlichkeit, die vom Patriarchat beherrschten Religionen, oder das b\u00fcrgerliche Verst\u00e4ndnis von Mode, das oft stark vom Geschmack der M\u00e4nner beeinflusst ist?</p><p>Das Einzige, was M\u00e4nner hinsichtlich dieser Abstimmung verstehen sollten, ist Folgendes: Es ist \u00fcberhaupt nichts Emanzipierendes daran, wenn die Kleidung von Frauen* zum Politikum wird und eine Abstimmung dar\u00fcber auch M\u00e4nnern offen steht. Dieses Recht gibt ihnen der patriarchale Schweizer Staat. Dass nun vor allem M\u00e4nner, die in vielen politischen Initiativen mit uns Seite an Seite stehen, diesen Unsinn im Namen der Befreiung der Frauen* verteidigen und daf\u00fcr stimmen, ist eine inakzeptable linke M\u00e4nnerkrankheit. Es ist zugleich der Versuch das zu verschleiern, was die Frauen* wirklich unterdr\u00fcckt und ausbeutet.</p><h2>Was Frauen* wirklich gefangen h\u00e4lt</h2><p>Aus meiner Sicht ist es zentral zu hinterfragen, was es denn nun wirklich ist, das Frauen* so unterdr\u00fcckt und gefangen h\u00e4lt, dass sie nicht einmal ihre Kleidung frei w\u00e4hlen k\u00f6nnen. Die islamische Religion, die einige gesellschaftliche Regeln zusammenfasst und gewisse Glaubenswerte zum Ausdruck bringt? Oder ist es doch eher die Tatsache, dass diese Religion von patriarchalen Strukturen gepr\u00e4gt wurde und dass sich M\u00e4nner das Recht herausnehmen ihre Regeln zu bestimmen, die dann wiederum das Leben der Frauen* in ein Gef\u00e4ngnis verwandeln?</p><p>Es ist eine Realit\u00e4t, dass der Islam, wie alle Religionen, unter starkem patriarchalen Druck gepr\u00e4gt wurde und deshalb der freie Wille der Frauen* immer beiseite geschoben wurde. Wir sind mit einer Situation konfrontiert, wo Frauen* nicht nur \u00fcber ihre Kleidung nicht frei entscheiden k\u00f6nnen, sondern auch ihren Glauben nicht frei leben k\u00f6nnen. Was hier die Freiheit der Frauen* wirklich beschr\u00e4nkt, ist also nicht ein St\u00fcck Stoff, sondern das Patriarchat. Patriarchale Strukturen haben sich in allen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Sph\u00e4ren festgesetzt und \u00fcber Arbeit und K\u00f6rper der Frauen* ein Herrschaftssystem errichtet.</p><p>Wenn es aber um die Frauen*emanzipation geht, dann k\u00f6nnen wir erst dann von einer wirklichen Freiheit sprechen, wenn Frauen* einzig und allein selbst dar\u00fcber entscheiden k\u00f6nnen wie sie ihren K\u00f6rper verh\u00fcllen. Wir sind nicht allein dadurch freier, dass wir Kleidung tragen, die mehr von unserem K\u00f6rper zeigt. Wir sind frei, wenn wir unsere eigenen Entscheidungen selbst und ohne Manipulation treffen k\u00f6nnen. Erst in einer Situation, wo wir also v\u00f6llig selbstst\u00e4ndig und frei von Manipulation entscheiden k\u00f6nnen, was wir tragen wollen, sind Shorts und Burka gleicherma\u00dfen tats\u00e4chlich nur mehr Stoffst\u00fccke.</p><p>Kurz gefasst: Sich f\u00fcr die Emanzipation der Frauen* einzusetzen hei\u00dft, sich f\u00fcr die Entwicklung des freien Willens der Frauen* und f\u00fcr die Aufhebung des patriarchalen Drucks auf Frauen* zu k\u00e4mpfen. Ein solches Gesetz zu entwerfen und zur Abstimmung zu bringen hei\u00dft jedoch, ein Angriff auf die Rechte und Freiheiten der Frauen* als Menschen (was nicht selten vergessen wird und unbedingt betont werden muss) zu lancieren.</p><p>Leider konnten die linken, feministischen Gruppen in der Schweiz, die den Gesetzesentwurf abgelehnt haben, vor der Abstimmung keine starke Initiative dagegen organisieren. Aber wenn wir Frauen* nicht wollen, dass sich M\u00e4nner (oder ein von M\u00e4nnern beherrschtes System) das Recht herausnehmen, sich in die Kleidung von Frauen* einzumischen und irgendwann auch gegen unsere Shorts wettern, dann m\u00fcssen wir uns klar gegen diese patriarchale Haltung stellen und einen Gegenstandpunkt organisieren.</p><hr/><p>Meral \u00c7\u0131nar ist eine feministische Aktivistin aus der Schweiz. Sie ist auch eine Mibegr\u00fcnderin der migrantischen Selbstorganisation <a href=\"https://revoltmag.org/articles/unsere-lebensbedingungen-m%C3%BCssen-sich-grundlegend-%C3%A4ndern/\">ROTA</a>.</p><hr/><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p>Der Text erschien zu erst am 11. M\u00e4rz auf T\u00fcrkisch im feministischen Onlinemagazin <a href=\"http://feminerva.com/2021/03/isvicrede-burka-yasagi/\"><i>feminerva</i></a>. Aus dem T\u00fcrkischen ins Deutsche \u00fcbersetzt von Alp Kayserilio\u011flu und Max Zirngast.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/burkaverbot-und-sozialhilfedetektive-der-schweiz/", "id": "https://revoltmag.org/articles/burkaverbot-und-sozialhilfedetektive-der-schweiz/", "author": {"name": "Meral \u00c7\u0131nar", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2021-03-15T15:38:24.919544+00:00", "date_modified": "2021-03-17T21:59:02.758548+00:00", "tags": ["re:claim", "migration", "patriarchat", "feminismus", "schweiz", "migratische selbstorganisation", "rechtspopulismus", "burkaverbot", "svp"], "summary": "Am 7. M\u00e4rz wurde in der Schweiz \u00fcber eine Reihe migrations- und frauenfeindlicher Initiativen abgestimmt. Darunter das \u201eBurkaverbot\u201c und die Bef\u00e4higung, Sozialhilfeempf\u00e4nger*innen mittels Detektiven nachzuspionieren. Eine Einordnung und Kritik von Meral \u00c7\u0131nar."}, {"title": "[Video] 8M2021 - Feministischer Kampftag", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>[Video] 8M2021 - Feministischer&nbsp;Kampftag</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Bildschirmfoto 2021-03-10 um 09.43.09.png\" height=\"420\" src=\"/media/images/Bildschirmfoto_2021-03-10_um_.2e16d0ba.fill-840x420-c100.png\" width=\"840\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Eindr\u00fccke vom feministischen #Kampftag in Berlin. Dieses Jahr stand das Thema Gesundheit im Mittelpunkt. Drei Aktivistinnen* vom <i>Frauen*Streik Komitee Wedding </i>und der Initiative <i>Walk of Care </i>berichten \u00fcber K\u00e4mpfe in der Pflege - und dar\u00fcber, was ihr Widerstand mit der \u00dcberwindung des Kapitalismus zu tun hat. Es braucht &quot;eine Gesellschaft, in der (..) die Sorge von Menschen im Zentrum steht und nicht der Profit Einzelner. Dieses feministische Wir zeigt sich darin, dass wir alle geeint sind in der Position, dass wir gezwungen sind, unsere Arbeitskraft zu verkaufen.&quot;</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-embed\">\n        <div>\n    <iframe src=\"https://player.vimeo.com/video/521584583?app_id=122963\" width=\"640\" height=\"360\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen; picture-in-picture\" allowfullscreen title=\"8M2021-Feministischer Kampftag in Berlin\"></iframe>\n</div>\n\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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So k\u00f6nnte die Zustandsbeschreibung unserer Welt sein, in der Frauen* tagt\u00e4glich K\u00e4mpfe auszufechten haben. Einmal j\u00e4hrlich, zum Internationalen Frauen*kampftag am 8. M\u00e4rz, werden wir daran erinnert oder erinnern uns selbst daran. Wir gehen auf die Stra\u00dfe, oder - wie vielleicht im letzten und in diesem Jahr vermehrt - werden mit kreativen Aktionen aktiv und versuchen, unseren Widerstand in die Welt hinauszutragen. Und das ist gut so. Es ist allerdings viel zu selten, dass die K\u00e4mpfe abseits dessen sichtbar werden - oft sind es nur Fragmente, die zu uns durchdringen. Aber letztlich k\u00e4mpfen wir immer wieder gegen dasselbe System, dieselben Strukturen - in der Lohnarbeit, im Privaten, in unserem politischen Umfeld. Den Bezugnahmen auf ausgefochtene K\u00e4mpfe, Errungenschaften, Erinnerungen und Erfahrungen wird oft zu wenig Raum gegeben - und damit auch dem Potenzial, sie weltweit zu verbinden. Nach wie vor gibt es aber ein Verst\u00e4ndnis von Revolution, das mit sehr maskulinen K\u00e4mpfern und martialischen Umst\u00fcrzen assoziiert wird. Dabei zeigen uns die klassenk\u00e4mpferischen, antirassistischen und antikapitalistischen Bewegungen der letzten Jahre ja vor allem eines \u00fcberdeutlich: Frauen* k\u00e4mpfen an vorderster Front mit, weil es sie in besonderem Ma\u00dfe betrifft, oder weil sie realisiert haben, dass der Widerstand notwendig auch ein feministischer sein muss. Weil f\u00fcr sie Feminismus zum Lebensalltag oder als \u00dcberlebensstrategie einfach dazugeh\u00f6rt.</p><p>1000 kleine Revolutionen jeden Tag. Das ist auch der <a href=\"https://revoltmag.org/articles/1000-kleine-revolutionen-jeden-tag/\">Titel eines Beitrags</a>, der genau vor zwei Jahren im <i>re:volt magazine</i> erschien. Es war ein sehr ausf\u00fchrliches Gespr\u00e4ch mit Teilnehmer*innen der feministischen Delegation \u201eGemeinsam k\u00e4mpfen\u201c, die sich zu diesem Zeitpunkt seit mehreren Monaten in Rojava \u2013 dem Gebiet in Nord- und Ostsyrien \u2013aufhielten. Mit im Gep\u00e4ck hatten sie viele Fragen \u2013 und vermutlich noch mehr davon bei ihrer R\u00fcckkehr. Im kollektiven Prozess haben sie seitdem daran gearbeitet, ihre Erfahrungen \u00fcber den Aufbau der Selbstverwaltung, allem voran aber auch die Gespr\u00e4che mit den Frauen vor Ort niederzuschreiben. Entstanden ist dabei ein beeindruckender Sammelband, der k\u00fcrzlich im <i>Verlag edition assemblage</i> erschien. Das Buch tr\u00e4gt den Namen \u201eWir wissen was wir wollen. Frauenrevolution in Nord-und Ostsyrien. Widerstand und gelebte Utopien Band II\u201c. Die Frauenbewegung in Rojava ist eine wichtige Inspirationsquelle f\u00fcr die \u00dcberlegungen, was eine feministische Revolution bedeuten k\u00f6nnte. Jo vom <i>re:volt magazine</i> hat dar\u00fcber mit Anja, Clara und Olga gesprochen, die Teil des Herausgeber_innenkollektivs sind.</p><p>Im Folgenden sind zentrale Punkte des Gespr\u00e4chs zusammengefasst. Den Audiobeitrag mit dem Gespr\u00e4ch in voller L\u00e4nge k\u00f6nnt ihr hier h\u00f6ren:</p><p></p><hr/><p></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-html\">\n        <iframe width=\"100%\" height=\"60\" src=\"https://www.mixcloud.com/widget/iframe/?hide_cover=1&mini=1&light=1&feed=%2Frevolt_mag%2Fes-ist-eine-revolution-des-mittleren-ostens-8-m%C3%A4rz-2021%2F\" frameborder=\"0\" ></iframe>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><hr/><p>Olga erinnert sich: \u201eAls das Buch schon fast fertig war, sind wir nochmal durchgegangen und haben in den Interviews nach einem passenden Zitat f\u00fcr den Titel gesucht. Wir haben dort den Satz \u201eWir wissen was wir wollen und was wir tun\u201c gefunden und fanden das sehr passend.\u201c Es ist ein Zitat von Medya Abdullah, von der Anja dann mehr erz\u00e4hlt: \u201eMedya Abdullah ist die Vertreterin der Selbstverteidigungskr\u00e4fte in Der\u00eek. Eine Frau, die acht Kinder hat, 50, 60 Jahre alt ist und die sagt: Mein Leben ist die Revolution. Ich bin gl\u00fccklich, in dieser Zeit zu leben! In einer Zeit, wo wir vielleicht denken, da ist Krieg, dort sind sehr schwierige Verh\u00e4ltnisse, die Menschen fliehen nach Europa. Und sie sagt: Ich bin gl\u00fccklich, in dieser Zeit zu leben und endlich die Tr\u00e4ume einer befreiten Gesellschaft, die wir ein Leben lang hatten, in die Praxis umzusetzen.\u201c</p><h2><b>Kollektivit\u00e4t im Prozess</b></h2><p>Der Austausch der feministischen Delegation mit den Genossinnen der Frauenbewegung in Rojava h\u00e4lt noch immer an. Das Buch ist daher auch eine Gemeinschaftsarbeit mit vielen Beteiligten aus Europa sowie aus Nord- und Ostsyrien. Texte wurden hin- und hergeschickt, Ideen und Anmerkungen nat\u00fcrlich, und immer wieder aktuelle Berichte aus der Region, die andauernden milit\u00e4rischen Angriffen, vor allem des t\u00fcrkischen Milit\u00e4rs und islamistischer Gruppierungen, ausgesetzt ist.</p><p>Als ich mit den drei \u00fcber die Intention des Bandes spreche, f\u00fchrt Anja aus: \u201eUns war es wichtig, die Akteurinnen der Revolution aufs Cover zu bringen, also die Frauen dort und nicht uns selbst. In vielen Medien wird der milit\u00e4rische Aspekt hervorgehoben, man sieht Guerilla-K\u00e4mpferinnen oder K\u00e4mpferinnen der YPG/YPJ. Uns war es wichtig zu zeigen, dass es vor allem auch die Zivilgesellschaft ist, die die Revolution tr\u00e4gt.\u201c Es gehe dem Herausgeber_innenkollektiv darum, die Geschichte der Frauenrevolution Rojavas aufzuschreiben, in allen gesellschaftlichen Teilbereichen. Clara f\u00fcgt hinzu: \u201eDie Frauen haben uns auch immer wieder gesagt: Verbreitet das! Es ist also unsere Aufgabe, das, was wir dort gelernt haben mit Menschen zu teilen. Es ist also weniger &#x27;Wir geben denen eine Stimme!&#x27;, als dass sie uns die M\u00f6glichkeit gegeben haben, mit ihren Geschichten zu lernen und die Geschichten weiterzutragen.\u201c</p><p>Die Auseinandersetzungen mit den Geschichten der Frauen in Rojava wurden in einem anderen Interview ein \u201ekollektiv erk\u00e4mpfter Erfahrungsschatz\u201c genannt. Ich fand das sehr passend und habe die drei nach ihren \u00dcberlegungen zu Kollektivit\u00e4t gefragt.</p><p>\u201eMorgens zusammen aufstehen, zusammen fr\u00fchst\u00fccken, saubermachen, zusammen die Planung machen, auch Essen wurde immer abwechselnd f\u00fcr alle gekocht\u201c, beschreibt Olga das Zusammenleben auf der Delegationsreise und stellt dabei insbesondere die gemeinsamen Routinen f\u00fcr Kritik und Selbstkritik heraus: \u201eWichtig f\u00fcr das kollektive Zusammenleben war auch ein regelm\u00e4\u00dfiger Rahmen, in dem das Zusammenleben kritisiert werden kann, oder man sich selbst kritisieren kann. Das ist Kritik mit einer gemeinsamen Perspektive: Wir sind gepr\u00e4gt von einem patriarchalen, kapitalistischen System und wollen dahingehend unsere Verhaltensweisen \u00e4ndern. Wie wirkt es sich auf unser Zusammenleben aus, und was hei\u00dft das dann auch in der pers\u00f6nlichen Ver\u00e4nderung.\u201c Das bedeute auch, Kollektivit\u00e4t \u201enicht nur als die Schaffung eines kollektiven Rahmens zu begreifen, mit den Leuten, mit denen ich mich organisiere. Sondern dass wir nur Gesellschaft ver\u00e4ndern, wenn es die Grenzen, die es in der Gesellschaft gibt \u2013 die mich zum Beispiel fernhalten von Leuten, mit denen ich weniger eine Realit\u00e4t teile \u2013 auch aufbricht.\u201c Kollektivit\u00e4t, merkt Clara an, hat auch viel mit der Bereitschaft zu tun, voneinander zu lernen: \u201eVon K\u00e4mpfen, die bereits stattgefunden haben, K\u00e4mpfe, die gerade stattfinden. Und auch dort \u00fcber die eigene Region hinwegzukucken und zu fragen: Welche Fragen stellt man, aus welcher Perspektive kuck ich \u2013 und diese auch aktiv zu ver\u00e4ndern.\u201c</p><p>Insofern k\u00f6nnen wir, das machen alle drei Gespr\u00e4chspartnerinnen* deutlich, von diesen Formen der Kollektivit\u00e4t und Organisation viel dazulernen, weil sie sich damit in fokussierter Form gegen das Herrschafts- und Ausbeutungssystem wehren, dass es weltweit gibt. Auch f\u00fcr uns im Zentrum Europas sind kollektive Strukturen \u00fcberlebenswichtig, nur sind sie in unseren hoch individualisierten Gesellschaften oft nicht so direkt sichtbar. Olga beschreibt ihren Eindruck: \u201eHier, in Berlin, wirkt der politische Kampf oft als etwas, was man nebenbei macht, nicht aber als Notwendigkeit gegen dieses System, das uns einfach kaputt macht. Es ist dasselbe System, das letztendlich auch Rojava versucht kaputt zu machen. Um diesen Kampf gemeinsam zu k\u00e4mpfen, m\u00fcssen wir viel globaler denken und die Angriffe, die es auf Rojava gibt, auch auf uns beziehen.\u201c</p><h2><b>\u201eDie Revolution kommt nicht mit einem Knall und ist dann da\u201c</b></h2><p>Clara macht deutlich, dass es in der Revolution die Bereitschaft braucht, sich andauernd grundlegende Fragen zu stellen: \u201eUnd sich auch immer wieder zu erneuern. Da haben wir viel dazugelernt. Wir sehen: Klar, es gibt diese Herausforderungen, und die gibt es auch in anderen Teilen der Welt, weil wir eine sehr staatlich gepr\u00e4gte Gesellschaftsform haben. Dort herauszukommen, das wurde uns bewusst, das dauert einfach lange. Es ist ein Prozess. Jeden Tag m\u00fcssen wir ein St\u00fcck schauen, und jeden Tag m\u00fcssen wir auch daran arbeiten. Das hei\u00dft, in uns, miteinander und uns gegenseitig aufmerksam machen in den Strukturen. Wir haben gemerkt: Das sind Fragen, die werden immer wieder pr\u00e4sent sein. Wir haben keine anderen Antworten gefunden darauf, w\u00fcrde ich sagen. Aber andere Umg\u00e4nge mit den Fragen: Es sind Fragen, die d\u00fcrfen da sein, und die m\u00fcssen auch da bleiben. Das haben uns auch vor allem die Frauen gezeigt, mit denen wir Interviews gef\u00fchrt haben. Damit man auch in der Revolution, wenn man denkt: Oh, jetzt grade l\u00e4uft es doch ganz gut! \u2013 dass man dann trotzdem sagt, ne, lass uns das anschauen, lass schauen, was nicht so gut l\u00e4uft und eine Bereitschaft dazu haben, miteinander immer weiter zu wachsen, und nicht aufzuh\u00f6ren. Nicht an einem Punkt zu sagen, okay, jetzt ist alles entspannt, jetzt chillen wir. Sondern eher immer weiter dranzubleiben.\u201c</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Jinwar.JPG\" height=\"1763\" src=\"/media/images/Fur_Revolt_2.original.jpg\" width=\"3000\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Herausgeber_innenkollektiv</span>\n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Das Dorf der Freien Frauen, Jinwar, \u00fcber das im Buch auch berichtet wird.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Anja erg\u00e4nzt: \u201eWas wir oft f\u00fcr ein falsches Verst\u00e4ndnis von Revolution haben; im Sinne, dass man irgendwo reingeht, alles umschmei\u00dft und damit etwas Neues erschafft. Doch so funktioniert das nicht. Wir tragen ja die staatlichen Strukturen noch in uns. Die loszuwerden ist ein langer Kampf, ebenso wie der Kampf, Neues aufzubauen. Die Revolution kommt nicht mit einem Knall und ist dann da. Revolution ist etwas, was durch eine langj\u00e4hrige, kontinuierliche Arbeit aufgebaut wird.\u201c In Bezug auf die Region Nord- und Ostsyrien macht Anja zudem eine weitere wichtige Anmerkung, die auch die Verbundenheit der K\u00e4mpfe sichtbar macht: \u201eIm Buch kommen auch viele arabische Frauen zu Wort, nicht nur kurdische Frauen. Vielleicht wird die Revolution hierzulande in erster Linie als eine kurdische Revolution wahrgenommen, das ist aber \u00fcberhaupt nicht der Fall. Inzwischen ist der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung in der Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien nicht kurdisch, sondern arabisch. Und auch fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig sind die meisten D\u00f6rfer und St\u00e4dte, die dort in der Selbstverwaltung sind, \u00fcberwiegend arabisch bewohnt. Es ist also nicht eine kurdische Revolution in erster Linie, sondern eine Revolution des mittleren Ostens.\u201c</p><h2><b>\u201eFeminismus ist kein Teilbereichskampf\u201c</b></h2><p>Mit Bezug auf den Internationalen Frauen*kampftag frage ich, was die Erfahrung in Rojava und die Auseinandersetzung mit den K\u00e4mpfen den drei f\u00fcr die feministischen K\u00e4mpfe weltweit mitgegeben hat. Anjas Antwort ist kurz und knapp: \u201eDiese Entschlossenheit, \u00fcber Jahrzehnte zu k\u00e4mpfen. Oder auch einen sicheren Ort zu verlassen, um dort einen Teil der Revolution zu sein. Da k\u00f6nnen wir uns eine Scheibe von abschneiden.\u201c Olga f\u00fchrt aus, dass es wichtig ist, \u201edass wir Feminismus nicht als ein Teilbereichskampf sehen, sondern als eine gesamtgesellschaftliche Utopie. Also dass es nicht nur ein Kampf ist gegen die sexistischen Zust\u00e4nde und bestimmte Probleme, gegen die wir Abwehrk\u00e4mpfe f\u00fchren. Sondern f\u00fcr eine antipatriarchale, befreite Gesellschaft.&quot; Und das schlie\u00dfe eben ganz viele Lebensbereiche mit ein: \u201eWas hei\u00dft es, aus einer Perspektive der Frauenbefreiung, ein Gesundheitssystem aufzubauen oder eine Wirtschaft oder ein Bildungssystem oder Kultur und Medien und so weiter? Das ist nicht nur eine Frage f\u00fcr Frauen, Lesben, Trans, Inter (FLINT), sondern f\u00fcr alle. Trotzdem m\u00fcssen wir uns als FLINT autonom organisieren und unsere Themen voranbringen \u2013 aber darin eine gesamtgesellschaftliche Perspektive st\u00e4rken und in feministischen K\u00e4mpfen gesellschaftlichere Ans\u00e4tze entwickeln\u201c.</p><h2><b>Anmerkungen</b></h2><p>Das Herausgeber_innenkollektiv reiste als feministische Delegation der Kampagne \u201eGemeinsam K\u00e4mpfen\u201c im Winter 2018/19 von Deutschland aus in die nord- und ostsyrischen Gebiete, um das basisdemokratische Projekt Rojava besser kennenzulernen.</p><p>Der Band \u201eWir wissen was wir wollen. Frauenrevolution in Nord-und Ostsyrien. Widerstand und gelebte Utopien Band II\u201c erschien im Februar 2021. Auf der <a href=\"https://www.edition-assemblage.de/buecher/wir-wissen-was-wir-wollen/\">Webseite des Verlags edition assemblage</a> gibt es weitere Informationen dazu sowie die M\u00f6glichkeit, den 560 Seiten\u2013W\u00e4lzer direkt zu bestellen. Der Band ist die Fortsetzung des Werks \u201eWiderstand und gelebte Utopien\u201c, das 2012 im mittlerweile verbotenen Mezopotamien Verlag erschien. Im ersten Band lag der Fokus auf Nordkurdistan.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"IMG_0044.JPG\" height=\"3024\" src=\"/media/images/IMG_0044.original.jpg\" width=\"4032\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Herausgeber_innenkollektiv</span>\n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Cover des Sammelbands &quot;Wir wissen was wir wollen&quot;</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/audio-es-ist-eine-revolution-des-mittleren-ostens-gespr%C3%A4ch-zu-feministischen-k%C3%A4mpfen/", "id": "https://revoltmag.org/articles/audio-es-ist-eine-revolution-des-mittleren-ostens-gespr%C3%A4ch-zu-feministischen-k%C3%A4mpfen/", "author": {"name": "Joan Adalar", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2021-03-08T10:48:04.421328+00:00", "date_modified": "2021-03-17T21:54:34.532083+00:00", "tags": ["re:port", "re:wire", "jineoloji", "frauen*kampf", "frauen*streik", "internationalismus", "feminismus", "8.M\u00e4rz", "rojava", "kollektivit\u00e4t", "revolution", "demokratischer konf\u00f6deralismus"], "summary": "Mit Herausgeberinnen* des Sammelbands \u201eWir wissen was wir wollen\u201c sprechen wir \u00fcber die zivilgesellschaftliche Seite der Frauenrevolution in Rojava. Was k\u00f6nnen wir aus ihren Erfahrungen von Kollektivit\u00e4t und Widerstand f\u00fcr die feministischen K\u00e4mpfe weltweit lernen?"}, {"title": "Ein staatlich gef\u00f6rderter Feminizid: Das Beispiel Mariana", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Ein staatlich gef\u00f6rderter Feminizid: Das Beispiel&nbsp;Mariana</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"EtRCtAiXcAE8fSq.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/EtRCtAiXcAE8fSq.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Camila Villegas / Twitter</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Der nachfolgende Artikel erscheint in Kooperation mit dem</i> <a href=\"https://twitter.com/femstreik65\"><i>Frauen*Streik-Komitee Wedding</i></a><i>.</i></p><p></p><p>In Mexiko sterben Frauen*, die von M\u00e4nnern ermordet werden einen zweiten Tod durch die juristischen Institutionen. Heute tr\u00e4gt die politische Emp\u00f6rung \u00fcber diese Zust\u00e4nde den Namen einer weiteren Frau: Mariana S\u00e1nchez D\u00e1valos. In ihrem Fall spiegelt sich deutlich die Ungerechtigkeit, unterlassene Hilfeleistung und Grausamkeit, die der Staat und seine Institutionen an den K\u00f6rpern von Betroffenen sexueller Gewalt und Feminiziden ver\u00fcben.</p><p>Laut Artikel 325 des Strafgesetzbuches muss jede Frau*, die unter folgenden Umst\u00e4nden zu Tode gekommen ist, als Fall eines Feminizid verhandelt werden: (1) Das Opfer weist Anzeichen von sexueller Gewalt auf; (2) Es gibt eine Vorgeschichte unabh\u00e4ngig von der Art der Gewalt seitens des T\u00e4ters; (3) Es existierte eine emotionale oder vertrauensvolle Beziehung zwischen Opfer und T\u00e4ter; (4) Es gibt Hinweise darauf, dass der T\u00e4ter das Opfer zuvor bedrohte, \u00dcbergriffe oder Vergewaltigung beging; (5) Das Opfer wurde seiner Freiheit beraubt; (6) Der K\u00f6rper des Opfers wurde \u00f6ffentlich zur Schau gestellt. Im Falle einer Verurteilung erwarten den T\u00e4ter zwischen 40 und 70 Jahre Haft. Jede*r mit dem Fall befasste Angestellte des \u00f6ffentlichen Dienstes muss mit bis zu 8 Jahren rechnen, sollte er unzul\u00e4ssigerweise Material zum Fall ver\u00f6ffentlichen oder Ermittlungen behindern.</p><p></p><h3><b>Ein exemplarischer Fall staatlichen Vertuschens</b></h3><p>Die 24-j\u00e4hrige Mariana S\u00e1nchez D\u00e1valos studierte Medizin an der <i>Universidad Aut\u00f3noma de Chiapas (UNACH - deutsch: Freie Universit\u00e4t Chiapas\u2019).</i> Sie absolvierte zum Zeitpunkt ihres Todes das Anerkennungsjahr im \u00f6ffentlichen Krankenhaus der Gemeinde <i>Nueva Palestina (deutsch: Neues Pal\u00e4stina)</i> im Landkreis Ocosingo, Chiapas. Mariana wurde am 28. Januar erh\u00e4ngt in ihrem Studierendenzimmer aufgefunden. Die Todesursache war laut chiapanesischer Staatsanwaltschaft: Erstickung durch Erh\u00e4ngen, da der K\u00f6rper keine weiteren Anzeichen von Gewaltaus\u00fcbung aufwies, obwohl die Mutter Marianas das Gegenteil zu Protokoll gab.</p><p>So nahm die chiapanesische Staatsanwaltschaft ohne weitere Untersuchung trotz der Tatsache, dass der Fall mehrere Voraussetzungen zur Untersuchung als Feminizid erf\u00fcllt, einen Suizid an. Und dass obwohl Mariana bereits sechs Monate vor ihrem Tod sexuellen Missbrauch durch einen Kollegen am Krankenhauses erfuhr. Sie hatte zwei Monate zuvor Strafanzeige wegen sexuellen Missbrauchs gegen ihn gestellt und meldete den Fall auch an ihrer Universit\u00e4t, um Hilfe zu erhalten. Dar\u00fcber hinaus bat sie um Schutz durch das Gesundheitsamt mit einer Versetzung in eine andere Gemeinde.</p><p>Vergebens. Von allen drei genannten Institutionen zog nicht auch nur eine auf Basis einer geschlechtsorientierten Perspektive Konsequenzen. Das Gesundheitsamt gab dem Antrag auf Versetzung nicht statt, sondern genehmigte Mariana einen Monat \u201eUrlaub\u201d, allerdings ohne Fortzahlung des Praktikant*innengehalts. Nachtr\u00e4glich wurde sie erneut verpflichtet in der gleichen Gemeinde das Anerkennungsjahr zu absolvieren. Die Staatsanwaltschaft \u00e4scherte nach der Obduktion den K\u00f6rper von Mariana ein, und zwar ohne Erlaubnis der Familie. Das verstie\u00df nicht nur gegen die Menschenrechte des Opfers und der Familie, sondern verunm\u00f6glichte eine nachtr\u00e4gliche Untersuchung als Feminizid. Angesichts der vorliegenden Hinweise seitens der Mutter, der Recherchen feministischer Kollektive und Aussagen ihrer Studierendenkolleg*innen kann davon ausgegangen werden, dass es sich hier nicht um einen Suizid, sondern um einen staatlich beg\u00fcnstigten Frauen*mord handelt.</p><p></p><h3><b>Ein Staat gegen sein eigenes Gesetz</b></h3><p>Der Staat, das hei\u00dft in diesem Fall die chiapanesische Staatsanwaltschaft, die Freie Universit\u00e4t und das Gesundheitsamt sind mitverantwortlich f\u00fcr diesen Frauen*mord, weil sie wegschauten, als sich eine vergewaltigte Studentin an sie wandte. Nicht nur handelten sie gegen das Gesetz, sie verpflichteten sie auch an den Arbeitsplatz ihres Vergewaltigers zur\u00fcckzukehren. Der Vergewaltiger, der bereits durch Aussagen der Mutter Marianas identifiziert werden konnte, nahm ihr das Leben. Aber der Staat und seine Institutionen verurteilten sie zum Tode durch unterlassene Hilfeleistung.</p><p>Bedingt durch den seit vergangener Woche anschwellenden \u00f6ffentlichen Druck in der nationalen und internationalen Presse, und im Besonderen in Chiapas, entschied sich die Staatsanwaltschaft bereits, es in Betracht zu ziehen, den Fall nun doch als Feminizid zu untersuchen. Nur ohne untersuchbare Leiche, werden sie den Fall schnell unter den Teppich kehren k\u00f6nnen, wie sie es bereits in anderen F\u00e4llen getan haben. Die Geschichte wiederholt sich, die Ungerechtigkeit in Chiapas bleibt und tr\u00e4gt zahlreiche Namen von ermordeten Frauen* und Kindern, die allesamt Opfern von Feminiziden sind. Namen wie Lissette Paulina G\u00f3mez Zenteno, Jade Guadalupe Yuing G\u00f3mez, Miryana Iveth Salda\u00f1a Castillo stehen, ebenso wie Mariana f\u00fcr Feminizide, die trotz der Tatsache, dass sie den gesetzlichen Voraussetzungen entsprachen, nie als Feminizide untersucht wurden. Auch hier schloss die chiapanesische Staatsanwaltschaft den Fall mit der Einstufung als \u201eSuizid\u201d und kehrte ihn damit unter den Teppich.</p><p></p><h3><b>Nur der Widerstand garantiert die Gerechtigkeit</b></h3><p>Die staatliche Straflosigkeit geht weiter. Nur wenn die Angeh\u00f6rigen sich organisierten und k\u00e4mpften, konnten in der Vergangenheit F\u00e4lle als Feminizide untersucht und verhandelt, T\u00e4ter verfolgt und bestraft werden. Doch selbst dann, wenn der T\u00e4ter tats\u00e4chlich bestraft wird, findet sich im Zuge der Haft oftmals ein Richter, der ihn vorzeitig entl\u00e4sst \u2013 angeblich aus \u201eMangel an Beweisen\u201d. In Chiapas, wie auch im Rest des Landes, herrschen Ungerechtigkeit und Straflosigkeit in den Institutionen, die den Schutz von Betroffenen von sexueller Gewalt garantieren sollten. Es existiert in Mexiko kein Rechtsstaat f\u00fcr Frauen*.</p><p>Die Student*innen verschiedener Fakult\u00e4ten der Freien Universit\u00e4t Chiapas\u2019 f\u00fchren zur Zeit eine Bestreikung des Online-Unterrichts durch. Zugleich mobilisieren sie unter dem Motto <i>\u201eJusticia y Destituci\u00f3n de los Directivos!\u201c (deutsch: \u201eGerechtigkeit und R\u00fccktritt der Verantwortlichen!\u201c</i>) auf die Stra\u00dfen zu Kundgebungen und Demonstrationsz\u00fcgen. Ihre Forderung: Dass Mariana Gerechtigkeit widerf\u00e4hrt. F\u00fcr die Mutter Marianas f\u00e4ngt nun die H\u00f6lle staatlicher Repression erst richtig an, die staatliche Organe regelm\u00e4\u00dfig gegen Familienangeh\u00f6rige aus\u00fcben, die sich organisieren und Gerechtigkeit verlangen. Vor einigen Tagen meldete sich die Universit\u00e4tsleitung mit einer Pressekonferenz zu Wort und verk\u00fcndete ihre Bereitschaft, zur Aufkl\u00e4rung des Falles beizutragen. Das Gleiche ist nun vom verantwortlichen Gesundheitsamt zu vernehmen. Aber es sind diese Institutionen, die sich heute als gel\u00e4utert pr\u00e4sentieren und ihren Ruf wahren wollen, die den Tod von Mariana mit zu verantworten haben. Unterlassene Hilfeleistung t\u00f6tet \u2013 als staatlich gef\u00f6rderter Feminizid.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Nun organisiert sich Widerstand auf den Stra\u00dfen. Er ist die einzige Garantie auf ein Ende der Straflosigkeit."}, {"title": "Von den sozialen Netzwerken auf die Stra\u00dfe", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Von den sozialen Netzwerken auf die&nbsp;Stra\u00dfe</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"1200px-Marcha_8_de_marzo_de_2020_(49638261622).jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/1200px-Marcha_8_de_marzo_de_2.d6ea7e69.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">OpenSource</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Beim Artikel handelt es sich um einen Beitrag zum diesj\u00e4hrigen</i> <a href=\"https://streaming.media.ccc.de/rc3/one\"><i>RC3-Kongress</i></a><i>, ausgerichtet vom Chaos Computer Club (CCC). Ver\u00f6ffentlicht wird es in Kooperation mit dem</i> <a href=\"https://www.vizak.org/\"><i>linksradikalen Cyper-Kollektiv Vizak</i></a><i>.</i></p><p></p><p>Die Massenbewegung der Frauen in Mexiko ist eine Bewegung, die sich aus Arbeiterinnen, Studentinnen, jungen und \u00e4lteren Frauen, Betroffenen von geschlechtsbezogener Gewalt oder Angeh\u00f6rigen gewaltsam verschleppter oder ermordeter Frauen zusammensetzt. Sie hat trotz der Vielzahl verschiedener Motivationen ein gemeinsames Anliegen. Es handelt sich um eine Bewegung von unten, die sich aufgrund von Marginalisierung und der schieren \u00dcberlebensnotwendigkeit herausgebildet hat. Sie entsteht in einem gesellschaftlichen Kontext, in dem eine der Haupttodesursachen von Frauen die Tatsache ist, dass sie Frauen sind. Sie entsteht in einem Land, in dem sich geschlechtsbezogene Gewalt darin ausdr\u00fcckt, dass t\u00e4glich zehn bis zw\u00f6lf Frauen von zehn bis zw\u00f6lf M\u00e4nnern ermordet werden. In der Mehrheit der F\u00e4lle werden die Frauen von M\u00e4nnern ermordet, zu denen sie zuvor eine pers\u00f6nliche Beziehung pflegten. Die Opfer werden misshandelt und verst\u00fcmmelt oder verpackt in schwarzen M\u00fcllt\u00fcten an Stra\u00dfenr\u00e4ndern aufgefunden \u2013 wenn sie \u00fcberhaupt aufgefunden werden.</p><p>Auch wenn diese brutale Form der Gewalt keinen Unterschied zwischen gesellschaftlichen Klassen macht, f\u00e4llt doch auf, dass die Mehrheit der Ermordeten aus der ArbeiterInnenklasse kommt. Das ist kein Zufall. Diese Klasse ist besonders von einer geringen sozialen Absicherung betroffen sowie von unzureichendem Zugang zu Bildung, zu sexueller und/oder geschlechtlicher Selbstbestimmung, zu sozialer Mobilit\u00e4t, kulturellem Kapital und \u00f6konomischen M\u00f6glichkeiten. Diese \u00f6konomische und politische Marginalisierung spielt bei der Normalisierung und Unsichtbarmachung systematischer Gewalt gegen Frauen eine zentrale Rolle.</p><p>Die heutige feministische Bewegung in Mexiko, die sich gegen die systematische Ermordung von Frauen wendet, ist eine heterogene Bewegung, die nicht von einzelnen politischen Akteuren (Parteien oder Organisationen) gelenkt wird. Vielmehr handelt es sich um eine spontane, massenhafte Bewegung ohne politische F\u00fchrerinnen, deren Wut sich an den zahlreichen und immer neuen Mordf\u00e4llen entz\u00fcndet. Nachrichten von Mordf\u00e4llen verbreiten sich inzwischen viral in den sozialen Netzwerken, vor allem aber \u00fcber Facebook und Twitter.</p><p></p><h3><b>Die Politisierung ist die Stra\u00dfe</b></h3><p>Einerseits kann eine starke Aktivit\u00e4t der Bewegung an den weiterf\u00fchrenden Schulen und Universit\u00e4ten festgestellt werden. Die Sch\u00fclerinnen und Studentinnen organisieren sich dort vor allem gegen die institutionalisierte Straffreiheit gegen\u00fcber Sexualstraft\u00e4tern im unmittelbaren sozialen Umfeld, wie zum Beispiel Klassenkameraden, Lehrern und Professoren. Die feministische Sch\u00fclerinnen- und Studentinnenbewegung spielte eine wichtige Rolle bei gr\u00f6\u00dferen Demonstrationen, indem sie Betroffene mit einem Schutz-Netzwerk, aber auch im politischen Kampf unterst\u00fctzte. Es muss sich vergegenw\u00e4rtigt werden, dass es ein gro\u00dfer Beitrag ist, unter den erschwerten Bedingungen im Schul- und Universit\u00e4tsbetrieb gegen sexuelle Gewalt anzuk\u00e4mpfen. Denn die T\u00e4ter unter den Lehrkr\u00e4ften werden allzu oft unter dem Vorwand der \u201eWahrung des Rufs\u201c der Bildungsanstalt gesch\u00fctzt.</p><p>Andererseits erleben wir einen Aufschwung bei Gr\u00fcndungen feministischer Kollektive und zwar nicht nur in den St\u00e4dten, sondern auch in l\u00e4ndlichen Regionen. In diesen kleinen, selbstorganisierten Gruppen aktivistischer Frauen werden vor allem Bildungsprogramme organisiert, in denen Expertinnen zum Beispiel online via Stream \u00fcber feministische Themen informieren. Sie erf\u00fcllen damit die Pflicht zur Information \u00fcber Staatsb\u00fcrgerinnenrechte, die der mexikanische Staat nicht zu erf\u00fcllen in der Lage ist. Es sind unter anderem diese Orte und Formate der Information, durch die Interessierte Zugang zu feministischer Theorie erhalten.</p><p>Trotzdem erfolgt die Politisierung in erster Linie auf der Stra\u00dfe und am K\u00fcchentisch, lange bevor Frauen Zugang zu feministischer Theorie erhalten. Es ist mexikanische Realit\u00e4t, dass nur ein kleiner Prozentsatz der weiblichen Bev\u00f6lkerung Mexikos \u00fcberhaupt Zugang zu h\u00f6herer Schulbildung hat \u2013 sei es aufgrund \u00f6konomischer Faktoren oder aufgrund patriarchaler Rollenbilder. Eine Mehrheit der Frauen wird damit der M\u00f6glichkeit beraubt, sich in den Bildungsinstitutionen theoretisch zu bilden, zu politisieren oder zu organisieren. Die meisten Frauen politisieren sich darum aus pers\u00f6nlicher Betroffenheit heraus und durch die aktive Teilnahme an Demonstrationen auf den Stra\u00dfen. Diese Frauen eignen sich theoretische Konzepte, wie das des Patriarchats, der systematischen Gewalt an Frauen, sexueller und geschlechtlicher Selbstbestimmung, des Klassenkampfes und der Verbindung von Feminismus mit dem Kampf gegen den Kapitalismus sowohl autodidaktisch als auch in der Praxis an, wenn sie sich in Bewegung setzen.</p><p></p><h3><b>Das Mordmotiv, eine Feministin zu sein</b></h3><p>Es zeigen sich offensichtliche Unterschiede zwischen der deutschen und der mexikanischen feministischen Bewegung, die ihre Ursachen in den verschiedenen nationalen und politischen Kontexten haben. So sind die Universit\u00e4ten der wichtigste Ausgangspunkt der Organisierung des deutschen Feminismus. Er mobilisiert sich, anders als der Feminismus in Mexiko, erst nachrangig auf den Stra\u00dfen. Im deutschen gesellschaftlichen Kontext ist es m\u00f6glich, eine feministische politische Position in der \u00d6ffentlichkeit zu beziehen, was in Mexiko nicht der Fall ist. Der Begriff \u201eFeminismus\u201c ist in der mexikanischen Gesellschaft derart stigmatisiert, dass er oft mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt wird. Diese unm\u00f6gliche Gleichsetzung steht hinter dem in Mexiko h\u00e4ufig zu h\u00f6renden, abwertenden Ausdruck \u201eFeminazi\u201c. Es ist leicht vorstellbar, dass es f\u00fcr Feministinnen in Mexiko sehr schwer ist, sich \u00fcberhaupt \u00f6ffentlich artikulieren zu k\u00f6nnen, ohne unmittelbar danach von Todesdrohungen, politischer Verfolgung und Ermordung bedroht zu sein.</p><p>Beispielhaft daf\u00fcr ist der Fall von Leticia S\u00e1nchez M\u00e9ndez, einer indigenen Frau des Volkes der Tzeltal. M\u00e9ndez demonstrierte vergangenen September mit einem Transparent in ihrem Heimatort Chil\u00f3n im s\u00fcdmexikanischen Bundesstaat Chiapas gegen den Frauenmord an einer Minderj\u00e4hrigen. Die Folge war, dass sie Opfer von Cyber-Mobbing wurde: Sie wurde \u00f6ffentlich gedem\u00fctigt und mit dem Tode bedroht; und zwar von lokalen mexikanischen Regierungsinstitutionen, die ihr vorwarfen, der Regierung \u201eSchande zu bereiten\u201c und der \u201eRolle als Frau\u201c zuwiderzuhandeln. Es war das erste Mal, dass sich eine Frau des Volkes der Tzeltal im Landkreis Chil\u00f3n \u00f6ffentlich gegen Frauenmorde aussprach. Sie hat damit einen sehr mutigen und wichtigen Schritt gemacht.</p><p></p><h3><b>Erfolge werden erk\u00e4mpft</b></h3><p>Die j\u00fcngere Protestwelle weitete sich nicht nur in Mexiko-Stadt, sondern auch auf hunderten weitere St\u00e4dten landesweit aus und verbreitete eine Welle der Hoffnung. Angesichts der anhaltenden Straflosigkeit gegen\u00fcber Frauenm\u00f6rdern war neben Demonstrationen auch die Besetzung von Regierungsgeb\u00e4uden eine an verschiedenen Orten wiederkehrende Konstante. Auch wenn die Bewegung derzeit leider noch weit entfernt davon ist, weitreichende juristische Ma\u00dfnahmen zum Schutz des Lebens von Frauen und Kindern zu erk\u00e4mpfen, konnten durch den Druck auf den Stra\u00dfen und den sozialen Netzwerken Initiativen zu Gesetzesentw\u00fcrfen erk\u00e4mpft werden.</p><p>Ein Beispiel ist der Gesetzesentwurf \u201eLey Ingrid\u201c. Dieser soll das Verbreiten von Frauenmord-Fotos durch Beamte der staatlichen Polizeikr\u00e4fte verbieten, um die W\u00fcrde der Opfer und der Angeh\u00f6rigen von Frauenmorden zu sch\u00fctzen. Ein anderes Beispiel ist das \u201eLey Olimpia\u201c, das bereits landesweit verabschiedet wurde. Es zielt auf die Bestrafung von Verbreitung oder Vertrieb sexueller Inhalte ohne Erlaubnis durch die beteiligten Personen. Ein weiterer Fortschritt ist die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs im s\u00fcdmexikanischen Bundesstaat Oaxaca. Bedenkt man, dass Oaxaca der zweit\u00e4rmste Bundesstaat Mexikos ist, wo die dritth\u00e4ufigste Todesursache von Frauen die heimliche Abtreibung ist, wird die Bedeutung dieses Gesetzes deutlich.</p><p>Die feministische Bewegung gibt den mexikanischen Frauen die M\u00f6glichkeit, f\u00fcr ein Leben ohne Gewalt zu k\u00e4mpfen. Darum ist es kein Zufall, dass sich immer mehr Frauen der Bewegung anschlie\u00dfen, die selbst von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen sind, die beinahe Opfer eines Mordfalls wurden oder eine Freundin/Angeh\u00f6rige einer Verschwundenen und/oder Ermordeten sind. Der Feminismus auf den Stra\u00dfen ist eine energische, notwendige und mutige Antwort auf all diese Geschichten.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/von-den-sozialen-netzwerken-auf-die-stra%C3%9Fe/", "id": "https://revoltmag.org/articles/von-den-sozialen-netzwerken-auf-die-stra%C3%9Fe/", "author": {"name": "Juliana Ramirez", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-12-30T09:45:24.172426+00:00", "date_modified": "2023-02-02T09:29:29.093247+00:00", "tags": ["re:port", "frauenmord", "internationalismus", "feminizid", "mexiko", "feminismus", "gewalt an frauen"], "summary": "Die mexikanische Frauenbewegung erw\u00e4chst aus einem t\u00f6dlichen, patriarchalen gesellschaftlichen Kontext. Doch die j\u00fcngeren landesweiten Proteste gegen die Morde an Frauen wecken Hoffnung. 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FLORMAR RESISTENCE 1 (136th day).jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/1._FLORMAR_RESISTENCE_1_136th.74caa247.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">mor dayan\u0131\u015fma</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Mor Dayan\u0131\u015fma</i> ist eine arbeitsk\u00e4mpferische Frauenselbstorganisation, die sich in Vierteln, an den Arbeitspl\u00e4tzen und in den H\u00e4usern mit den Problemlagen von Frauen auseinandersetzt. Die feministische Struktur hat derzeit gro\u00dfe finanzielle Schwierigkeiten und l\u00e4uft damit auch Gefahr, ihre Stadtteiltreffs zu verlieren. Die sind aber ein sehr wichtiger Bezugspunkt f\u00fcr die Frauen*, auch und gerade in Covid-19-Zeiten. Daher ist unsere Solidarit\u00e4t dringend n\u00f6tig!</p><p>Nach einem intensiven Austausch mit den Genossinnen in der T\u00fcrkei haben wir uns an das <i>LabourNet Germany</i> gewandt und um Unterst\u00fctzung f\u00fcr eine Spendenkampagne gebeten. Die gro\u00dfartigen Genoss:innen haben sich sofort solidarisch gezeigt und mit uns gemeinsam die \u201eSpendenkampagne \u201aLila Solidarit\u00e4t\u201c auf den Weg gebracht. Wenn ihr also ein paar Euro f\u00fcr internationale Soli-Arbeit \u00fcbrig habt, klickt auf die Kampagnen-Seite oder scrollt zum Ende dieses Artikels f\u00fcr die Kontodaten.</p><p></p><hr/><p><a href=\"https://www.labournet.de/interventionen/solidaritaet/spendenkampagne-lila-solidaritaet-labournet-germany-und-das-revolt-magazine-rufen-zu-spenden-fuer-die-basisaktivistinnen-von-mor-dayanisma-in-der-tuerkei-auf/\">[Spendenkampagne \u201eLila Solidarit\u00e4t\u201c]</a><br/> <i>LabourNet Germany und das re:volt magazine rufen zu Spenden f\u00fcr die Basisaktivistinnen von Mor Dayan\u0131sma in der T\u00fcrkei auf\u201c !</i></p><hr/><p></p><h2>Warum die Kampagne n\u00f6tig ist</h2><p>Die Organisation <a href=\"https://mordayanisma.org\">Mor Dayan\u0131\u015fma</a> lebt von einmaligen oder regelm\u00e4\u00dfigen Spenden, eine staatliche Unterst\u00fctzung existiert nicht und ist auch politisch nicht gewollt. In der T\u00fcrkei trifft die Covid-19-Krise auf eine ganze Reihe weiterer sozialer Antagonismen <a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">und verst\u00e4rkt diese</a>: Das betrifft die schwelende Wirtschaftskrise samt rasanter Inflation sowie die autorit\u00e4ren Konsolidierungsversuche Erdo\u011fans ebenso wie die immer wieder aufflammenden Widerst\u00e4nde im Kontext von Chauvinismus und (sexualisierter) Gewalt gegen Frauen*. Die Arbeitslosenquote von Frauen <a href=\"https://elyazmalari.com/2020/04/11/kayda-gecsin-covid-19-ile-kadinlarin-sirtina-yuklenen-ev-ve-bakim-emegi/\">stieg</a> schon vor der Corona-Pandemie in f\u00fcnf Jahren um 52 Prozent und erreichte 2019 16,6 Prozent (das bedeutet \u00fcber 1 755 000 Frauen ohne Einkommen durch Lohnarbeit). Knapp drei Millionen Frauen arbeiteten derweil mehr als 45 Stunden pro Woche, 34,4 Prozent dieser Frauen waren informell besch\u00e4ftigt.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"2. VIP RESISTENCE 2.jpg\" height=\"720\" src=\"/media/images/2._VIP_RESISTENCE_2.original.jpg\" width=\"960\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Unterst\u00fctzung des Protests von Textilarbeiterinnen, die vom Unternehmen VIP im Jahr 2019 entlassen wurden, weil sie Mitglied einer Gewerkschaft geworden sind.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Und nun, wie \u00fcberall auf der Welt, haben die Frauen* in der T\u00fcrkei auch im Zuge der Corona-Krise die meisten Einkommensverluste und die gr\u00f6\u00dfte Zunahme von Care-Arbeit zu verbuchen. F\u00fcr die Arbeiterinnen* in den Fabriken und auch im privaten Sektor, in Gesch\u00e4ften und kleinen Betrieben, gibt es viele Probleme in Bezug auf Mobbing und sexuelle Bel\u00e4stigung. Hinzu kommt der Mangel an notwendigen Hygienema\u00dfnahmen an den Arbeitspl\u00e4tzen; die fortgesetzte Arbeit in Menschenmengen, lange Arbeitszeiten, ungesicherte Arbeit, zunehmende Nachtschichten, Lohnk\u00fcrzungen und Gefahr von K\u00fcndigungen setzen den Frauen zu. In einem <a href=\"https://mordayanisma.org/2020/09/20/3368/\">aktuell ver\u00f6ffentlichten Survey</a> der Organisation wurde das Ausma\u00df der Hoffnungslosigkeit deutlich, die Frauen ohne ein aktuelles Arbeitsverh\u00e4ltnis zwischenzeitlich in Bezug auf ein Auskommen und eine ausreichend bezahlte Lohnarbeit artikulieren: Nur 35 Prozent suchen \u00fcberhaupt noch nach einer Arbeit. Aufschlussreich sind dabei die Notizen, welche die befragten Frauen im Survey-Abschnitt &quot;Was Sie hinzuf\u00fcgen m\u00f6chten&quot; geschrieben haben: &quot;Ich habe keinen Ort, an den ich gehen kann, ich habe keine Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten&quot;, &quot;Schutzr\u00e4ume sollten vermehrt werden&quot;, &quot;Schutzr\u00e4ume und rechtliche Unterst\u00fctzung sind f\u00fcr Frauen von entscheidender Bedeutung&quot; und \u00e4hnliches. Die S\u00e4tze zeigen die Reaktionen der Frauen \u00fcber das hoffnungslose Klima im Land und ihre Suche nach L\u00f6sungen angesichts multipler Problemlagen, die mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten verflochten sind.</p><p>Mor Dayan\u0131\u015fma arbeitet immer wieder mit Frauenplattformen und Initiativen, wie <i>Barkod</i>-Kad\u0131n Dayan\u0131\u015fma A\u011f\u0131, der Arbeiter*innenorganisation <i>Ekmek ve Onur</i> oder Basisinitiativen wie <i>#\u0130\u015f\u00e7ilerBirlikteG\u00fc\u00e7l\u00fc</i> (Arbeiter*innen sind gemeinsam stark) zusammen, um den Frauen* in ihren ausbeuterischen Arbeitsverh\u00e4ltnissen zur Seite zu stehen und gemeinsam dagegen zu k\u00e4mpfen. Hierzu unterst\u00fctzen die Frauen* beispielsweise Streiks der Arbeiterinnen* vor den Fabriktoren oder f\u00fchren Informationsveranstaltungen zu Arbeitsthemen durch.</p><p>Die Treffpunkte von Mor Dayan\u0131\u015fma sind inmitten der Viertel angesiedelt, in denen Menschen in prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen, Armut und schlechter gesundheitlicher Versorgung leben. Die Dynamiken der Krise betreffen damit die Frauen*, die sich bei Mor Dayan\u0131\u015fma treffen, in besonderem Ma\u00dfe - und zwar in allen Bereichen des Lebens. Sie ben\u00f6tigen dringend diese Orte des Austauschs, der Organisierung und der kollektiven Herstellung von Handlungsf\u00e4higkeit, die sie sich selbst mit so viel Herzblut und Arbeit aufgebaut haben.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"4. #WeArentSafe Campaign Brochure.jpg\" height=\"720\" src=\"/media/images/4._WeArentSafe_Campaign_Brochure.original.jpg\" width=\"960\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Mor Dayan\u0131\u015fma-Mitglied Basar in einer Nachbarschaft beim Verteilen der &quot;Wir sind nicht sicher&quot;-Kampagnenbrosch\u00fcre.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Mor Dayan\u0131\u015fma wurde 2014 im Geist der Gezi-Proteste in der T\u00fcrkei gegr\u00fcndet. Seither gibt es Stadtteil- und Regionalstrukturen der Organisation von Edirne bis \u015e\u0131rnak, von Istanbul bis Hatay. Im Laufe der Zeit entstanden in vielen St\u00e4dten Zentren und Orte der Zusammenkunft, in denen sich Frauen* weiterbilden, politisch aktiv werden und sich gemeinsam gegen das patriarchale kapitalistische System zur Wehr setzen, welches eine ganz <a href=\"https://elyazmalari.com/2020/12/02/siddet-fasizm-ve-devlt-ucgeninde-kadinlar-cemile-baklaci/\">besondere Herrschaft \u00fcber</a> die Arbeit, Identit\u00e4t und K\u00f6rper von Frauen* aus\u00fcbt. Die Frauen* treffen sich f\u00fcr kostenlose Fortbildungen, etwa, was Arbeitsschutz und gesundheitliche Vorsorge angeht; sie k\u00f6nnen \u00fcber die Basis-Organisation anwaltliche, gewerkschaftliche oder psychologische Unterst\u00fctzung finden, oder gemeinsam Schmuck und Handwerkskunst herstellen, welches ihnen ein eigenes oder zus\u00e4tzliches Auskommen erm\u00f6glicht. In Zeiten der Pandemie wurde die Unterst\u00fctzung teilweise umorganisiert, um die Frauen in der Pandemie zu erreichen. Die Harekete Ge\u00e7 (Komm&#x27; in Bewegung) -Kampagne entstand zu einer Zeit, als die Verletzungen von Frauenrechten unglaublich zahlreich waren, und entwickelte sich dann zum G\u00fcvende De\u011filiz (Wir sind nicht sicher) - Prozess. Als Ergebnis dieser Kampagne wurde im September 2020 die oben aufgef\u00fchrte Umfragestudie ver\u00f6ffentlicht, die mit 1497 Frauen aus 76 Provinzen durchgef\u00fchrt wurde.</p><p>Aus basisgewerkschaftlicher Perspektive ist zentral, dass durch die Netzwerke der Frauen* untereinander die M\u00f6glichkeit von Arbeitsk\u00e4mpfen diskutiert und kollektiv nach L\u00f6sungen gesucht werden. Dadurch erfahren die Frauen das Gef\u00fchl der Selbstwirksamkeit und fangen an, sich auch in politischen und gewerkschaftlichen Kontexten zu organisieren. Das ist insbesondere deshalb so wichtig, weil viele der Frauen* bei Mor Dayan\u0131\u015fma informell besch\u00e4ftigt und somit von vielen institutionell verankerten Rechten ausgeschlossen sind. Mor Dayan\u0131\u015fma ist daf\u00fcr auch mit anderen Basisorganisationen verkn\u00fcpft und versucht, in den Medien (etwa durch kontinuierliche Pr\u00e4senz in den Sozialen Medien sowie zahlreichen Online-Angeboten der Mitglieder) und auf der Stra\u00dfe mit ihrer feministischen Arbeit aktiv zu sein.</p><p></p><hr/><p><b>Solidarit\u00e4tsbotschaft von \u0130rem Kay\u0131kc\u0131, Sprecherin von Mor Dayan\u0131\u015fma in Istanbul:</b></p><p><i>Liebe Freundinnen und Freunde,</i></p><p><i>inmitten der pandemischen Entwicklung in der T\u00fcrkei, in der Gewalt gegen Frauen*, Rechtsverletzungen und wirtschaftliche Ausbeutung von Frauen zunehmen, bin ich dankbar f\u00fcr eure Unterst\u00fctzung. Wir versuchen, uns \u00fcberall Geh\u00f6r zu verschaffen, von den Stadtvierteln bis zu den Fabriken, und k\u00e4mpfen f\u00fcr Frauen, die in vielen verschiedenen Arbeitsbereichen und Haushalten unterschiedlichen Formen der Ausbeutung ausgesetzt sind. Ihre Unterst\u00fctzung wird uns helfen, uns weiter zu organisieren und den Kampf f\u00fcr die Befreiung der Frauen weiter zu st\u00e4rken.</i></p><p><i>Mit meinen aufrichtigen W\u00fcnschen und meiner Solidarit\u00e4t,</i></p><p><i>\u0130rem Kay\u0131k\u00e7\u0131</i></p><hr/><p></p><p><i>LabourNet Germany,</i> das<i> re:volt magazine</i> und viele andere Unterst\u00fctzer*innen rufen zu Spenden f\u00fcr <b>Mor Dayan\u0131\u015fma</b> auf:</p><p>Spendenkonto: Labournet e.V.:<br/>IBAN DE 76430609674033739600<br/>BIC: GENODEM1GLS<br/>Verwendungszweck \u201cLila Solidarit\u00e4t\u201d<br/>(f\u00fcr eine e-mail an verein@labournet.de samt Adresse kann eine Spendenquittung ausgestellt werden)</p><p></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"3. #MoveOn Campaign (Against Femicide and Abuse of Women Rights).jpg\" height=\"540\" src=\"/media/images/3._MoveOn_Campaign_Against_Femicide_and_Abuse_o.original.jpg\" width=\"960\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Das Bild zeigt eine Fahrraddemonstration, um die Kampagne Harekete Ge\u00e7 (Komm&#x27; in Bewegung) sichtbar zu machen.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/unterst%C3%BCtzt-die-spendenkampagne-lila-solidarit%C3%A4t/", "id": "https://revoltmag.org/articles/unterst%C3%BCtzt-die-spendenkampagne-lila-solidarit%C3%A4t/", "author": {"name": "Johanna Br\u00f6se", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-12-22T14:23:03.436625+00:00", "date_modified": "2020-12-22T16:33:34.427315+00:00", "tags": ["re:claim", "t\u00fcrkei", "basisorganisierung", "stadtteilarbeit", "arbeitskampf", "feminismus", "frauen", "feministischer streik"], "summary": "LabourNet Germany und das re:volt magazine starten eine Spendenkampagne f\u00fcr die feministische Basisorganisation Mor Dayan\u0131\u015fma in der T\u00fcrkei."}, {"title": "\u201eIch werde nie wieder die Rolle der stummen Zuschauerin akzeptieren\u201c", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>\u201eIch werde nie wieder die Rolle der stummen Zuschauerin&nbsp;akzeptieren\u201c</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"xf7z2l3ou423.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/xf7z2l3ou423.42e80471.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><hr/><p></p><div>\n    <iframe width=\"100%\" height=\"120\" src=\"https://www.mixcloud.com/widget/iframe/?feed=https%3A%2F%2Fwww.mixcloud.com%2Frevolt_mag%2Faudio-ich-werde-nie-wieder-die-rolle-der-stummen-zuschauerin-akzeptieren%2F&amp;hide_cover=1\" frameborder=\"0\"></iframe>\n\n</div>\n<p></p><p><i>Der Beitrag wurde eingesprochen von CeeJay und Emexota.</i></p><hr/><p>Ich m\u00f6chte heute einen Ausschnitt meiner Geschichte mit euch teilen. Es ist schwer f\u00fcr mich, dar\u00fcber zu sprechen. Es ist schwer, daran zu denken. Es ist schwer, zu erinnern. Und das ist kein Zufall. Was man verdr\u00e4ngt, kann man nicht verurteilen. Was man verdr\u00e4ngt, kann man nicht anklagen. Was man verdr\u00e4ngt, kann man nicht bek\u00e4mpfen.</p><p>Es ist kein Zufall, dass es so schwer ist, \u00fcber die Dinge zu sprechen, die uns angetan werden. Wir werden stillgemacht. Die T\u00e4ter leben mit der Angst, dass au\u00dfer ihnen immer mindestens noch eine weitere Person wei\u00df, was sie getan haben: Wir. Sie machen uns still, weil sie genau wissen, dass wir niemals vergessen werden, was sie uns angetan haben. Sie nennen uns L\u00fcgnerinnen. Sie werfen uns vor, dass wir \u00fcbertreiben. Sie reden uns ein, wir bilden uns alles nur ein. Sie reden uns ein, wir seien zu empfindlich, wir seien verr\u00fcckt, krank, dumm, schwach, selbst schuld. Sie tun alles, uns unsere eigenst\u00e4ndige Wahrnehmung ihrer Taten zu nehmen. Denn in unserer Wahrnehmung sind sie T\u00e4ter. Sie bek\u00e4mpfen unsere Stimmen, gerade weil sie wissen, dass wir nicht \u00fcbertreiben, dass wir nicht l\u00fcgen, dass wir nicht verr\u00fcckt sind. Gerade weil sie wissen, dass wir die Wahrheit sprechen, bek\u00e4mpfen sie uns. Sie f\u00fcrchten sich vor uns! Eine nach der anderen erheben wir unserer Stimme. Eine nach der anderen schlagen wir zur\u00fcck. Sie wissen, dass sie uns nicht aufhalten k\u00f6nnen, wenn wir uns zusammentun. Und wir wissen es auch.</p><p>Die Taten eines anderen machen einen zum Opfer, das macht man nicht selbst. Ich bin zum Opfer gemacht worden. Aber ich weigere mich, mich daf\u00fcr zu sch\u00e4men. Ich bin nicht verantwortlich f\u00fcr seine Taten. Er soll sich sch\u00e4men, f\u00fcr das was er mir angetan hat! Der T\u00e4ter soll sich sch\u00e4men! Ich bin Opfer und ich bin stolz. Stolz, dass ich \u00fcberlebt habe. Stolz, dass ich heile. Stolz, dass ich k\u00e4mpfe, gegen Typen wie ihn. Jetzt erst recht. Soll noch einer kommen und mich schwach nennen, ich wei\u00df was ich durchgestanden habe. Ich wei\u00df, wie schwer die Last ist, die ich trage. Ich wei\u00df, wie stark ich bin. Es gibt nichts St\u00e4rkeres, als ein Opfer, dass \u00fcberlebt, sich wieder aufbaut und aus seinem Schmerz Widerstand macht.</p><p>Wenn ich zur\u00fcckblicke, gibt es vieles, was ich bereue. Ich habe viele Fehler gemacht. Ich h\u00e4tte mir viel ersparen k\u00f6nnen, wenn ich besser auf mich aufgepasst h\u00e4tte. Wenn ich mich besser und fr\u00fcher gewehrt h\u00e4tte. Aber ich habe es nicht. Und das ist ok. Ich vergebe mir. Egal, wie viele Fehler ich gemacht habe. Egal, welche Fehler ich gemacht habe: Ich lasse mir nicht die Verantwortung f\u00fcr seine Taten zuschieben. Er allein ist verantwortlich f\u00fcr sein Handeln. Das Recht, sicher vor emotionalen, k\u00f6rperlichen oder sexualisierten \u00dcbergriffen zu sein, m\u00fcssen wir uns nicht erst verdienen. Egal was wir tun. Wir haben es. Punkt.</p><p>Wenn er mit mir geredet hat, hat er mich immer zur stummen Zuh\u00f6rerin seiner Heldengeschichten gemacht. Er hat erz\u00e4hlt und erkl\u00e4rt, erkl\u00e4rt und erz\u00e4hlt ohne Pause. Ich war f\u00fcr ihn nur Publikum. Wenn ich gesprochen habe, hat er mir nicht zugeh\u00f6rt, und wenn ich ihm widersprochen habe, kam er gar nicht mehr klar. Also habe ich aufgeh\u00f6rt. Irgendwann habe ich eigentlich gar nichts mehr gesagt. Ich habe meine Rolle angenommen in seinem Theater, in dem seine Geschichten spannender und seine Argumente besser waren als meine. Ich habe mich von ihm in die Rolle der stummen Zuh\u00f6rerin dr\u00e4ngen lassen. Ich habe mir meine Stimme von ihm nehmen lassen.</p><p>Ich bin zu ihm nach Hause gegangen und ich bin geblieben, obwohl ich mich gelangweilt habe. Ich bin geblieben, obwohl ich mich unwohl gef\u00fchlt habe. Ich habe Warnsignale ignoriert und bin geblieben. Ich habe meine eigenen Bed\u00fcrfnisse \u00fcbergangen, und meine eigene Sicherheit aufs Spiel gesetzt, weil ich dachte, dass ich nicht das Recht, habe ihn zu entt\u00e4uschen.</p><p>Ich habe mein erstes <i>nein</i> nicht durchgesetzt. Ich habe mein zweites <i>nein</i> nicht durchgesetzt, und alle, die danach kamen. Ich habe seine Manipulationen nicht durchschaut. Ich habe mein letztes <i>nein</i> nicht durchgesetzt und bin eingebrochen. Ich habe aufgegeben. Ich habe <i>ja</i> gesagt und gehofft, dass es schnell vorbeigeht. Ich habe mich nicht gewehrt. Ich habe weder geschrien noch geschlagen. Ich habe in seinem Bett geschlafen und bin erst am n\u00e4chsten Morgen gegangen. Ich habe verdr\u00e4ngt, was er getan hat. Ich habe mich daf\u00fcr verantwortlich gemacht, dass es nicht sch\u00f6n war f\u00fcr mich. Ich bin ein zweites Mal zu ihm gegangen, um es besser zu machen. Ich hab\u2018 den Angst-Knoten in meinem Bauch ignoriert und bin trotzdem hingegangen. Habe wieder mein erstes <i>nein</i> nicht durchgesetzt. Bin wieder nicht gegangen. Ich habe wieder mein letztes <i>nein</i> nicht durchgesetzt und danach einfach gar nichts mehr gesagt. Ich habe wieder nichts getan und gewartet bis er fertig ist.</p><p>Ich habe wieder verdr\u00e4ngt was er getan hat. Ich habe nicht ernst genommen, dass es mir dreckig ging. Ich habe nicht ernst genommen, dass ich nachts von Vergewaltigungen tr\u00e4ume und morgens nicht aufstehen will. Ich habe die Freude am Leben verloren. Ich habe angefangen mich selbst zu verletzen. Ich bin jeden Morgen aufgewacht und wollte nicht mehr leben. Ich bin jeden Abend eingeschlafen, und war froh, noch einen Tag geschafft zu haben.</p><p>Ich habe denen geglaubt, die mir das Gef\u00fchl gegeben haben, dass es mir schlecht geht, weil ich schwach und krank bin. Ich habe viel zu lange Menschen meine Freunde genannt, die mich stumm gemacht haben, statt zu fragen, was passiert ist. Ich habe ein Jahr gebraucht, um zu erinnern und zu benennen, dass ich vergewaltigt wurde. Ich habe heute, fast vier Jahre sp\u00e4ter, manchmal immer noch Probleme damit.</p><p>Ich h\u00e4tte so viel besser machen k\u00f6nnen. Aber ich vergebe mir. Ich vergebe mir, dass ich mich nicht besser gesch\u00fctzt habe. Ich vergebe mir, dass ich ihn nicht aufgehalten habe. Ich vergebe mir, dass ich meine Wahrnehmung verleugnet habe. Ich vergebe mir. Er allein ist verantwortlich f\u00fcr seine Taten. Das Recht, sicher vor emotionalen, k\u00f6rperlichen oder sexualisierten \u00dcbergriffen zu sein, muss ich mir nicht erst verdienen. Egal was ich tue. Ich habe es. Punkt.</p><p>Ihm werde ich nie vergeben. Und auch wenn ich manchmal gerne w\u00fcrde, ich werde nie vergessen. Denn Erinnern hei\u00dft K\u00e4mpfen. Ich werde nie wieder aufh\u00f6ren mit dem K\u00e4mpfen. Ich werde nie wieder die Rolle der stummen Zuschauerin akzeptieren.</p><p>Also k\u00e4mpfe ich, gegen ihn und jeden, der auf seiner Seite steht.</p><p>F\u00fcr alles, was Menschen wie er uns genommen haben. F\u00fcr alle, die nicht \u00fcberlebt haben. F\u00fcr alle, die ihre Stimme noch nicht gefunden haben. F\u00fcr alle, die immer noch unter den Folgen leiden. F\u00fcr alle, die ohne Angst vor \u00dcbergriffen leben wollen. F\u00fcr jede von uns!</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Angesichts der systematischen Abwertung und Ausbeutung von Frauen* im Kapitalismus und der patriarchalen Gewalt in jeder gesellschaftlichen Sph\u00e4re ist ein Aufschrei dringend notwendig. Ein Bruch der Stille."}, {"title": "Die \u201eCorona-Krise\u201c als Care-Krise", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Die \u201eCorona-Krise\u201c als&nbsp;Care-Krise</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"markus-spiske-C0koz3G1I4I-unsplash.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/markus-spiske-C0koz3G1I4I-uns.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">M. 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Millionen von Kindern m\u00fcssen ab sp\u00e4testens Mitte der Woche privat betreut werden \u2013 Ausnahmen gibt es nur f\u00fcr Angeh\u00f6rige bestimmter \u201esystemrelevanter\u201c Berufsgruppen. Diese Ma\u00dfnahme sollen die Ansteckungsketten verz\u00f6gern und die Wirtschaft m\u00f6glichst wenig kosten. Das bedeutet f\u00fcr den absoluten Gro\u00dfteil der M\u00fctter (M\u00fctter, auch berufst\u00e4tige, verbringen <a href=\"https://service.destatis.de/DE/FrauenMaennerEuropa/DE_DE_womenmen_core/bloc-3d.html?lang=de\">statistisch</a> gesehen mehr Zeit mit Kindererziehung und werden gerade jetzt mehr damit verbringen), einen Arsch voll Arbeit damit zu haben, einen komplexen Not-Betreuungsmix zu organisieren \u2013 ohne Hilfe \u00e4lterer Familienmitglieder, auf die sonst oft zur\u00fcckgegriffen werden kann. Die Alternativen: nervt\u00f6tende, anstrengende und unproduktive Tage im Home-Office (schon mal versucht, mit Kleinkind auf dem Scho\u00df zu arbeiten?) oder eben unbezahlter Zwangs-Urlaub und existenzielle N\u00f6te. Im allerbesten Fall findet sich eine halbwegs egalit\u00e4re L\u00f6sung innerhalb der Partnerschaft. Letzteres bleibt wohl Ausnahmefall. Aus feministischer Perspektive l\u00e4sst sich sagen: Wir steuern einmal mehr auf eine Care-Krise zu. Und die Frauen* und M\u00fctter werden am meisten darunter leiden. Aber es kann ihnen zumindest ansatzweise solidarisch geholfen werden.</p><h2><b>All we care about</b></h2><p>Zuerst ein bisschen Theorie dazu. Vor einigen Jahren hat vor allem die linke Bewegung hierzulande mehr oder weniger fl\u00e4chendeckend das Thema Care-Arbeit f\u00fcr sich entdeckt. Sp\u00e4testens die Frauen*Streiks zum 8. M\u00e4rz im vergangenen Jahr zeigten dann, dass Care-Arbeit auch im breiteren linken und \u00f6ffentlichen Diskurs als Thema angekommen ist. Mit Care-Arbeit sind alle Arbeiten gemeint, die Hausarbeit, Betreuung, Pflege und Erziehung von Menschen (eben F\u00fcrsorge) umfassen. Care-Arbeit findet bezahlt statt (in den Dienstleistungsberufen, zum Beispiel als Erzieher*innen, Pflegekr\u00e4fte) und unbezahlt (zu Hause oder ehrenamtlich). Care-Arbeit ist \u201eweiblich\u201c. Der absolute Gro\u00dfteil der im Care-Bereich Besch\u00e4ftigten sind Frauen*. Diese Berufe sind schlechter bezahlt und abgesichert. Sie erfahren gesellschaftlich deutlich weniger Wertsch\u00e4tzung als Arbeiten, die mehrheitlich von M\u00e4nnern ausge\u00fcbt werden. Die Geschlechterforschung spricht hier auch von einer <a href=\"https://books.google.de/books?id=OaLODwAAQBAJ&amp;pg=PA147&amp;lpg=PA147&amp;dq=%E2%80%9Evergeschlechtlichten+Segregation+des+Arbeitsmarktes%22&amp;source=bl&amp;ots=iVnkQWr7_o&amp;sig=ACfU3U2jiOgiZYTGEGxzjl21EydArN8XuQ&amp;hl=en&amp;sa=X&amp;ved=2ahUKEwjwrM_zxqHoAhVHLewKHX9qCcEQ6AEwAHoECAMQAQ#v=onepage&amp;q=%E2%80%9Evergeschlechtlichten%20Segregation%20des%20Arbeitsmarktes%22&amp;f=false\">vergeschlechtlichten</a> Segregation des Arbeitsmarktes. Der absolute Gro\u00dfteil der unbezahlt geleisteten und unsichtbar gemachten Care-Arbeit wird von Frauen* erbracht. Sp\u00e4testens nach der Geburt des ersten Kindes tritt selbst in vorher mehr oder weniger egalit\u00e4r gef\u00fchrten Partnerschaften das Ph\u00e4nomen der \u201e<a href=\"https://www.deutschlandfunk.de/geschlechtergleichheit-moderne-familien-nur-im-kopf.1148.de.html?dram:article_id=386482\">Retraditionalisierung</a>\u201c auf. Mit anderen Worten: Zugunsten des m\u00e4nnlichen Familienern\u00e4hrers und seiner Karriere (und damit auch einer stabilen Familienfinanzierung) bezieht Mama Elterngeld. Sie bleibt zu Hause, wischt Baby-Popos sauber, kocht Brei und Papas Abendessen, putzt Klos und manchmal auch die Fenster. Alternativ lassen besserverdienende Frauen* diese Arbeiten von prek\u00e4r besch\u00e4ftigten Frauen* aus dem globalen S\u00fcden erledigen. Trotz dieser schon betr\u00e4chtlichen Arbeitsbelastung lassen es sich immer weniger Frauen* nehmen, auch sehr fr\u00fch nach der Geburt wieder in den Beruf einzusteigen. In Deutschland ist das Teilzeit-Modell nach kurzer Erwerbsunterbrechung das im Moment g\u00e4ngigste, um eine individuelle \u201eL\u00f6sung\u201c f\u00fcr die Vereinbarkeit zu finden. Denn auch Teilzeitarbeit und Erwerbsunterbrechung <a href=\"https://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Personengruppen/generische-Publikationen/Frauen-Maenner-Arbeitsmarkt.pdf\">sind \u201eweiblich\u201c</a> und gehen einher mit Nachteilen auf dem neoliberalen Arbeitsmarkt, \u00f6konomischer und sozialer Abh\u00e4ngigkeit von dem Partner oder dem Jobcenter, der Rolle einer Zuverdienerin und Altersarmut.</p><p>Obgleich diese sozialen und \u00f6konomischen Auswirkungen gerade sehr zugespitzt beobachtbar sind und diskutiert werden, sind sie im Grunde nichts wirklich Neues. Vorangestellt werden muss, dass sich die Situation von Frauen* und M\u00fcttern insgesamt durch Neoliberalismus und \u201eaktivierenden Sozialstaat\u201c in den vergangenen Jahren massiv versch\u00e4rft hat. Sp\u00e4testens seit den 1980er Jahren untersucht die Frauen- beziehungsweise Geschlechterforschung die Ph\u00e4nomene des sozialen Wandels der Frauen* durch die Bildungsexpansion der 1960er und 1970er Jahre sowie den Einbezug in den Arbeitsmarkt bei gleichzeitiger Beibehaltung der traditionellen geschlechtlichen innerfamili\u00e4ren Arbeitsteilung. <a href=\"https://www.fu-berlin.de/sites/gpo/soz_eth/Geschlecht_als_Kategorie/Die_doppelte_Vergesellschaftung_von_Frauen/becker_schmidt_ohne.pdf\">Regina Becker-Schmidt</a> und andere sprechen deshalb \u2013 angelehnt an marxistische Gesellschaftsanalysen \u2013 von der \u201edoppelten Vergesellschaftung der Frau\u201c. Im Fokus steht dabei der Einbezug der Frauen* in Familie und Beruf gleichzeitig. Die Frauenforschung stellt einen grundlegenden Wandel der subjektiven Haltung der Ehefrauen und M\u00fctter zugunsten einer durchg\u00e4ngigen biografischen \u201eDoppelorientierung\u201c auf Beruf und Familie fest. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Arbeitskraft von Frauen* wird im Kapitalismus doppelt ausgebeutet. Das kapitalistische System beruht darauf, dass die Frauen* den absoluten Gro\u00dfteil der gesamten Reproduktionsarbeit unterbezahlt oder gleich unbezahlt \u00fcbernehmen. M\u00e4nner mit Familie oder Freundin profitieren also auch strukturell davon, dass ihnen diese Arbeit abgenommen wird. Das kapitalistische Wirtschaftssystem braucht die weibliche Arbeitskraft als Fachkraft und f\u00fcr unbezahlte Care-Arbeit. Und der Staat beruht darauf, dass Familien unbezahlt Kinder produzieren, die dann sp\u00e4ter die Rente sichern. Das b\u00fcrgerliche Ideal einer gl\u00fccklichen, heilen Familie aus m\u00e4nnlichem Familienern\u00e4hrer, f\u00fcrsorgender Hausfrau und zwei wohlerzogenen Kindern ist nicht real und war es f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung auch eigentlich nie. Und trotzdem lebt dieses Bild in der Vorstellung vieler Menschen, die damit einhergehende Ungleichstellung der Geschlechter wird \u2013 auch von einigen <a href=\"https://revoltmag.org/articles/zerschlagt-das-patriarchat/\">Frauen* selbst</a> \u2013 als Normalit\u00e4t wahrgenommen.</p><h2><b>Back to Corona-Business</b></h2><p>Und was hat das jetzt mit Corona zu tun? Die <a href=\"https://revoltmag.org/articles/viraler-kapitalismus/\">aktuelle Krise</a> wird zu einem gro\u00dfen Teil davon gekennzeichnet sein, dass weibliche Arbeitskraft \u2013 insbesondere in Form von Care-Arbeit \u2013 noch heftiger als zuvor ausgebeutet wird. Pflegekr\u00e4fte litten schon vor Corona unter massiver Dauer-\u00dcberlastung, hervorgerufen durch das Kaputtsparen des Gesundheits- und Pflegesystems. Jetzt kann die Situation komplett eskalieren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden Arbeits- und Tarifrechte von Pflegekr\u00e4ften in Deutschland im aktuellen Ausnahmezustand \u201ezurechtgestutzt\u201c werden. Sie sind jetzt schon, mit einigen anderen \u201esystemrelevanten\u201c Berufsgruppen, die Einzigen mit einem Recht (beziehungsweise einer Pflicht) auf Notkinderbetreuung. Viele p\u00e4dagogische Fachkr\u00e4fte sind auch in ihrem normalen Arbeitsalltag st\u00e4ndig umgeben von \u201eVirenschleudern\u201c (zumeist Kindern) und haben dadurch generell hohe gesundheitliche Belastungen durch ihre Arbeit. Jetzt durften sie sich zun\u00e4chst einige Wochen lang ohne Risikozuschlag dem Risiko einer unbemerkten Ansteckung ausliefern, nur um jetzt pl\u00f6tzlich vor vollendeten Tatsachen und Unsicherheiten zu stehen. Infizierte Kinder zeigen h\u00e4ufig wenig bis gar keine Symptome und sind dennoch hochansteckend. Unklar ist zum Beispiel aktuell noch vielen Erzieher*innen, ob sie fr\u00fcher oder sp\u00e4ter unbezahlten Urlaub nehmen m\u00fcssen.</p><p>Kommen wir schlussendlich zu den vielen Millionen Kindern, die nun zu Hause betreut werden m\u00fcssen; oder den Kranken und unter Quarant\u00e4ne gesetzten, die zur \u201e\u00fcblichen\u201c T\u00e4tigkeit pflegender Angeh\u00f6riger dazu kommen. Wer wird das wohl alles leisten, und daf\u00fcr die beruflichen Nachteile oder n\u00e4chtliches Home-Office in Kauf nehmen? Ja, genau, Menschen wie Anja Klein werden das zum Beispiel tun. Die M\u00fctter, die sie heute (zum letzten Mal) in der Kinderturn-Gruppe getroffen hat, werden es gr\u00f6\u00dftenteils tun. Und die M\u00fctter aus den Krabbelgruppen-/Kita-/Grundschulklassen-/Spielplatz-Whatsapp-und-Facebook-Gruppen. Dort wird sich bereits informell \u00fcber m\u00f6gliche gegenseitige Betreuungshilfe ausgetauscht \u2013 aber auch diese werden nur sehr eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich sein, zumal es kaum Freizeit- und Bewegungsm\u00f6glichkeiten gibt und die Wohnungen als Spielpl\u00e4tze nur bedingt herhalten. Und die alleinerziehende Mama wird es sowieso tun m\u00fcssen. Die kommenden f\u00fcnf Wochen werden zeigen, wie belastbar dieses Care-System noch ist. Eine Vermutung: Es wird kollabieren, an irgendeiner Stelle. Darauf m\u00fcssen wir vorbereitet sein.</p><h2><b>Feministische Nachbarschaftshilfe</b></h2><p>Zum Schluss: Was k\u00f6nnte \u201eman\u201c jetzt tun? \u00dcber linke Perspektiven insgesamt m\u00fcssen wir uns dringend unterhalten, und unseren <a href=\"https://revoltmag.org/articles/viraler-kapitalismus/\">k\u00fcnftigen Kampf um eine andere Gesellschaft</a> so gut wie m\u00f6glich vorbereiten. Das wird in den n\u00e4chsten Monaten sehr entscheidend sein. Aber auch da ben\u00f6tigt es alle Kr\u00e4fte \u2013 eben auch diejenigen, die <a href=\"https://revoltmag.org/articles/arbeiten-zeiten-des-coronavirus/\">besonders von der Corona-Krise</a> betroffen sind. Daher meine ich hiermit das Konkrete, Allt\u00e4gliche: Zuerst einmal solche Initiativen verbreiten, die Risikogruppen oder \u201eUnter-Quarant\u00e4ne-Sitzenden\u201c Hilfe anbieten, wie es zwischenzeitlich schon sehr umfangreich passiert. Die kursierenden, <a href=\"https://www.unverwertbar.org/aktuell/2020/4434/\">selbstorganisierten Angebote</a> nehmen derzeit meistens die Form von allt\u00e4glicher Hilfestellung an (zum Beispiel Eink\u00e4ufe erledigen, Post einwerfen und so weiter). Aber es bleibt doch eine L\u00fccke: Es w\u00e4re w\u00fcnschenswert, wenn sich mehr politisch Aktive und Interessierte \u2013 abseits der sowieso schon am Limit laufenden M\u00fctter mit ihren privaten Netzwerken \u2013 f\u00fcr Care-Arbeit interessieren w\u00fcrden, auch wenn der Frauen*Streik zum 8. M\u00e4rz vorbei ist. Sich also f\u00fcr die Lage dieser Millionen Menschen, die in Deutschland mit Kindern oder Pflegebed\u00fcrftigen leben, mal unabh\u00e4ngig vom politischen Kalender zu interessieren und konkrete Hilfe anzubieten. Was sich Anja Klein konkret w\u00fcnschen w\u00fcrde? Dass wenigstens ein einziger (!) politisch linker Mensch (besser noch: ein m\u00e4nnlicher linker Mensch) ihr wenigstens in dieser Situation einmal anbieten w\u00fcrde, die Kinderbetreuung zu \u00fcbernehmen und sei es nur f\u00fcr einen Nachmittag oder eine Stunde. Das w\u00fcrde ihr erm\u00f6glichen, auch in solchen Krisenzeiten etwas Luft f\u00fcr politisches Engagement zu haben, statt wie zum Beispiel zum Verfassen dieses Texts, nachts am Computer sitzen zu m\u00fcssen, zwischen \u201eKind ins Bett bringen\u201c, \u201eAbendessen!\u201c, \u201eSchnell noch W\u00e4sche aufh\u00e4ngen\u201c und \u201eOh, Kind weint schon wieder\u201c. Oder ihrer Arbeit, oder ihrem Studium, oder oder oder. Es wird den M\u00fcttern in eurer Umgebung vermutlich ziemlich schlecht gehen in den kommenden Wochen. Und zwar nicht, weil sie ihre Kinder nicht lieben und gerne mit ihnen Zeit verbringen. Sondern, weil sie viel zu wenige Rahmenbedingungen und strukturelle Sicherheiten an die Hand kriegen, um diese Krise zu l\u00f6sen. Sie m\u00fcssen die sich t\u00e4glich zuspitzende Situation, soweit ist der Stand seitens der staatlichen Agenda, komplett alleine meistern. Und das wird geh\u00f6rig schiefgehen. Es hilft also nichts, wir m\u00fcssen uns auch auf uns selbst besinnen: Schaut euch um und werdet aktiv. Bietet einer Mutter in eurer Nachbarschaft Hilfe an <b>[1].</b> Nutzt eure Kinderbetreuungs- oder Pflegeskills oder baut sie aus. Macht fantastische Online-Angebote f\u00fcr Kinder und Jugendliche. Integriert auch feministische Solidarit\u00e4t in euren Alltag!</p><h2>Anmerkung:</h2><p><b>[1]</b> Um Infektionsketten zu verringern, solltet auch ihr mit m\u00f6glichst wenig verschiedenen Kindern und Familien Kontakt haben. Es wird empfohlen, lieber regelm\u00e4\u00dfig der gleichen Familie in der Nachbarschaft Hilfe bei der Kinderbetreuung anzubieten, als \u00f6fters wechselnden.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/die-corona-krise-als-care-krise/", "id": "https://revoltmag.org/articles/die-corona-krise-als-care-krise/", "author": {"name": "Anja Klein", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-03-17T13:45:48.082217+00:00", "date_modified": "2020-03-17T13:51:31.078288+00:00", "tags": ["re:claim", "corona", "feminismus", "krise", "care"], "summary": "Geschlossene Schulen, Kitas, Vereine: Die n\u00e4chsten Wochen sind eine Herausforderung f\u00fcr alle, insbesondere aber M\u00fctter und Frauen*. Sie stemmen die Hauptlast der Care-Arbeit \u2013 schon immer, und nun erst recht. 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M\u00e4rz bewegt sich keine!", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Video: Am 9. 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M\u00e4rz 2020 in Mexiko / Mexiko Stadt.</p><p>Zu den Hintergr\u00fcnden der feministischen Bewegung in Mexiko ver\u00f6ffentlichen wir am diesj\u00e4hrigen internationalen Frauen*kampftag <a href=\"https://revoltmag.org/articles/%C3%BCber-den-widerstand-in-einem-land-der-frauenmorde/\">einen Beitrag</a> von unserer Autorin Jazmin Martinez.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-html\">\n        <div style=\"padding:56.25% 0 0 0;position:relative;\"><iframe src=\"https://player.vimeo.com/video/396648837?title=0&byline=0&portrait=0\" style=\"position:absolute;top:0;left:0;width:100%;height:100%;\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen\" allowfullscreen></iframe></div><script src=\"https://player.vimeo.com/api/player.js\"></script>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Darunter sind Frauen, die sich in feministischen Kollektiven organisieren, aber auch solche, die Betroffene von Gewalt oder Familienangeh\u00f6rige von Ermordeten und Verschwundenen sind. Sie alle organisierten sich in den sozialen Netzwerken, in Solidarit\u00e4tskampagnen oder im Rahmen von Gedenkveranstaltungen zu einer nie dagewesenen Kraft, um ihren Frust \u00fcber die Gewalt, die sie t\u00e4glich erleben m\u00fcssen, Ausdruck zu verleihen. Die Lebensrealit\u00e4t mexikanischer Frauen ist ein t\u00e4glicher Kampf zwischen sexueller Bel\u00e4stigung auf den Stra\u00dfen und bei der Arbeit, ein Kampf gegen h\u00e4usliche Gewalt, Entf\u00fchrungen, Vergewaltigungen und Ermordungen.</p><p>Die Gewalt gegen Frauen ist so eingeschrieben in die mexikanische Gesellschaft, dass ein gro\u00dfer Teil der Frauen zumindest einmal im Leben Betroffene von h\u00e4uslicher oder sexualisierter Gewalt wurden. Es gibt keine Sicherheit f\u00fcr sie, wenn sie alleine die Stra\u00dfe entlanglaufen oder ein Taxi nehmen, um nach Hause zu fahren \u2013 zu jedem Zeitpunkt besteht die M\u00f6glichkeit, auf dem Weg angegriffen, vergewaltigt oder ermordet zu werden. Und auch zu Hause h\u00f6rt es nicht auf: Neun von zehn Frauenmorden beginnen mit h\u00e4uslicher Gewalt. Die M\u00f6rder sind die Ehem\u00e4nner, Beziehungspartner oder eifers\u00fcchtige Ex-Freunde.</p><p></p><h2><b>Die Komplizen der M\u00f6rder</b></h2><p>Die aktuellen massiven Proteste der Frauen* in Mexiko \u2013 unter anderem gingen gestern, am weltweiten Frauen*kampftag, mehrere Millionen Frauen* auf die Stra\u00dfe \u2013 entz\u00fcndeten sich aufgrund eines Leaks von sensiblem Beweismaterial durch einen Beamten der Bundespolizei oder der Staatsanwaltschaft. Das Material bezeugt einen der brutalsten Feminizide der j\u00fcngsten Zeit. Einen der ungef\u00e4hr 250 Frauenmorde seit Beginn des Jahres 2020. Die 25-j\u00e4hrige junge Frau wurde in ihrem eigenen Haus ermordet, ihr K\u00f6rper vom T\u00e4ter grausam verst\u00fcmmelt. Als dieser durch die Polizei am Tatort festgesetzt wurde, war er mit dem Blut der Ermordeten \u00fcberstr\u00f6mt. W\u00e4hrend der Festnahme des T\u00e4ters vernahm ein Beamter der Staatsanwaltschaft und/oder Polizei den T\u00e4ter \u00fcber die Gr\u00fcnde der Ermordung. Dieser gab an, er habe die Frau nach einem Streitgespr\u00e4ch ermordet.</p><p>Das Video dieser Vernehmung wurde anschlie\u00dfend in den sozialen Netzwerken verbreitet. Der Fall ging viral. Am darauffolgenden Tag gl\u00e4nzten die mexikanischen Boulevard-Zeitungen mit der Rechtfertigung des Frauenmordes. Sie verh\u00f6hnten die Ermordete in den \u00dcberschriften, machten satirische Kommentare und ver\u00f6ffentlichten Informationen \u00fcber sie ohne den geringsten Respekt vor dem verlorenen Leben, geschweige denn vor den Angeh\u00f6rigen des Opfers. Die Ver\u00f6ffentlichung des Videos durch Beamte f\u00fchrte schlie\u00dflich dazu, dass der M\u00f6rder freigelassen wurde, da er den Schutz seiner Pers\u00f6nlichkeitsrechte im Rahmen seiner Verhaftung einfordern konnte. So n\u00e4hrten nicht nur die mexikanische Presselandschaft, sondern auch die staatlichen Autorit\u00e4ten erneut ein frauenverachtendes System, das im vergangenen Jahr allein 3800 Leben von Frauen kostete. <b>[1]</b> Im direkten Vergleich wurden im Jahr 2018 in Deutschland laut Bundeskriminalamt 122 Frauen* durch ihre Ex-Partner und/oder Ehem\u00e4nner ermordet.</p><p></p><h3><b>Ein Ausdruck von kulturellem Konservatismus</b></h3><p>Bei den Opfern von Feminiziden handelt es sich h\u00e4ufig um Menschen der popularen Klassen, also Arbeiterinnen*, Hausfrauen*, Studentinnen* und so weiter. Das Gleiche gilt auch f\u00fcr die m\u00e4nnlichen T\u00e4ter. Das hei\u00dft jedoch nicht, dass die Gewalt notwendigerweise mit dem sozialen Status in der Gesellschaft zusammenh\u00e4ngt. Vielmehr \u00e4u\u00dfert sie sich je nach gesellschaftlicher Klasse unterschiedlich. Vielleicht kommt der einen oder anderen von uns der Gedanke, dass es sich hier um psychisch kranke M\u00e4nner oder unmenschliche Monster handeln muss \u2013 aber das entspricht nicht der Realit\u00e4t. Vielmehr handelt es sich um ganz normale Typen. Die T\u00e4ter haben gemeinsam, dass sie sich in ihrer Ideenwelt und bei ihren Taten auf gesellschaftlich hegemoniale konservative und patriarchale M\u00e4nnlichkeitsvorstellungen beziehen. M\u00e4nnlichkeitsvorstellungen, die direkt damit einhergehen, dass die Unterwerfung einer Frau etwas vollkommen Normales und sogar Notwendiges ist. Eine Unterwerfung, die mit machistischen Praktiken einhergeht, die irgendwann am Ende der Fahnenstange dieser Logik endet: der sexualisierten Gewalt und dem Frauenmord.</p><p>Dass diese Form konservativer M\u00e4nnlichkeit in Mexiko nach wie vor hegemonial ist und in anderen L\u00e4ndern nicht im selben Ma\u00dfe, hat nat\u00fcrlich Gr\u00fcnde. In Mexiko gab es nur wenige gesellschaftlich relevante feministische Bewegungen, die auch nicht in der Lage waren, das klassische Rollenbild nachhaltig in Frage zu stellen. Bislang nicht.</p><p></p><h3><b>Zuckerbrot, Aussitzen und Peitsche</b></h3><p>In den Tagen nach dem grauenhaften Mord an der 25-J\u00e4hrigen organisierten sich die Frauen \u00fcber die sozialen Netzwerke, um gegen das Komplizentum der mexikanischen Presselandschaft und der Beh\u00f6rden in Mexiko-Stadt Proteste loszutreten. Sie forderten Gerechtigkeit und eine gerechte Strafe auch f\u00fcr diejenigen, die die sensiblen Informationen \u00fcber die Tat ver\u00f6ffentlicht hatten. Die Antwort des Staates war Tr\u00e4nengasbeschuss durch die eigens f\u00fcr Frauenproteste aufgestellte und eingesetzte Fraueneinheit \u201eGrupo Atenea\u201c gegen die Demonstrierenden. Dar\u00fcber hinaus lancierte die Oberb\u00fcrgermeisterin der Hauptstadt, Claudia Sheinbaum, ihres Zeichens Mitglied der Linkspartei MORENA, eine Polizeioperation zum Schutz von historischen Monumenten in unmittelbarer N\u00e4he zu den Demonstrationen \u2013 aus \u201eAngst\u201c, diese k\u00f6nnten \u201ebesch\u00e4digt werden\u201c. In der Vergangenheit waren bei \u00e4hnlich gelagerten Protesten gegen sexualisierte Gewalt durch Polizisten historische Denkm\u00e4ler mit feministischen Slogans gegen Frauenmorde und Vergewaltigungen bemalt worden.</p><p>In direkter Folge der Proteste und dem \u00f6ffentlichen Druck pr\u00e4sentierte die Oberstaatsanw\u00e4ltin von Mexiko-Stadt, Ernestina Godoy, vor dem Kongress der Hauptstadt zudem <a href=\"https://www.congresocdmx.gob.mx/el-congreso-local-recibio-iniciativa-de-la-fiscal-general-cdmx-para-castigar-filtraciones-de-informacion-e-imagenes-que-lesionen-la-dignidad-de-la-victima/\">eine Gesetzesinitiative</a>: Diese sieht die Implementierung eines Artikels vor, der es k\u00fcnftig erm\u00f6glichen soll, jenen Teil der Beamtenschaft zur Rechenschaft zu ziehen, der sensibles Beweismaterial im Rahmen einer Ermittlung ohne Erlaubnis ver\u00f6ffentlicht. Die Strafe soll abh\u00e4ngig von der Schwere des Falls nach zwischen zwei und zw\u00f6lf Jahren Gef\u00e4ngnis schwanken, bei einer Strafzahlung zwischen 2000 und 4000 Euro.</p><p>W\u00e4hrend die Stadtoberen sich jedenfalls um ihre historischen Monumente sorgten, wurde in der gleichen Woche ein sieben Jahre altes M\u00e4dchen nach dem Verlassen der Schule entf\u00fchrt, vergewaltigt und ermordet. Die von sexueller und physischer Gewalt gezeichnete Leiche des M\u00e4dchens wurde Tage sp\u00e4ter in einer Plastikt\u00fcte aufgefunden. Dieser erneute Mord trat eine weitere Welle der Emp\u00f6rung gegen die Stadtverwaltung der Hauptstadt und diesmal auch gegen die Regierung des derzeitigen Pr\u00e4sidenten Mexikos, Andres Manuel L\u00f3pez Obrador (MORENA) los. Letzterer hatte bis zu diesem Zeitpunkt eher einen Kurs der Vermeidung des Themas Frauenmorde gefahren. Am 19. Februar nun lobte der mexikanische Pr\u00e4sident die Initiative zur Versch\u00e4rfung der Strafen bei Morden an Frauen und sexualisierter Gewalt. Es sollte jedoch klar sein, dass Initiativen dieser Art das Grundproblem nicht angehen \u2013 insbesondere in einem Land, in dem t\u00e4glich mindestens 50 Frauen Opfer von Vergewaltigungen werden und t\u00e4glich zehn Frauen get\u00f6tet werden.</p><p></p><h3><b>Die Statistiken der Gewalt \u00fcberschlagen sich</b></h3><p>Bei den Frauenmorden handelt es sich weder um Zufall noch um isolierte Einzelf\u00e4lle, sondern um Gewalttaten aus einer noch stark von patriarchalen Ideenwelten dominierten Gesellschaft. Das verdeutlichen auch nachfolgende Zahlen verschiedener internationaler Institutionen.</p><p>Die Feminizide an dem sieben Jahre alten M\u00e4dchen oder der 25-j\u00e4hrigen Frau sind Teil einer Statistik, die sich Jahr f\u00fcr Jahr weiter \u00fcberschl\u00e4gt: In den vergangenen Jahren nahmen laut dem Staatsanwalt Alejandro Gertz Manero die Zahl der registrierten Morde an Frauen <a href=\"https://www.jornada.com.mx/ultimas/politica/2020/02/11/gertz-aumentaron-los-feminicidios-137-en-cinco-anos-4329.html\">um nahezu 137 Prozent zu</a>. Laut dem US News &amp; World Report 2019 belegt Mexiko <a href=\"https://www.google.com/amp/s/www.forbes.com.mx/guatemala-el-peor-pais-para-ser-mujer-en-america-latina/amp/\">den vierten Platz</a> in Lateinamerika und <a href=\"https://www.google.com/amp/s/www.forbes.com.mx/mexico-entre-los-20-peores-paises-para-ser-mujer/amp/\">den zwanzigsten Platz weltweit</a>, was negative Lebensbedingungen von Frauen anbelangt. Es \u00fcberrascht vor diesem Hintergrund wenig, dass Mexiko das Land mit den meisten Frauenmorden <a href=\"https://www.jornada.com.mx/2019/04/09/politica/010n1pol\">auf dem amerikanischen Kontinent</a> ist.</p><p>Zwischen 2015 und 2019 wurde einer von zehn Frauenmorden an einer minderj\u00e4hrigen Frau ver\u00fcbt. So ist Mexiko laut der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OWZE) ganz vorne mit dabei bei <a href=\"http://comunicacion.senado.gob.mx/index.php/informacion/comision-permanente/boletines-permanente/41220-mexico-ocupa-el-primer-lugar-mundial-en-delitos-de-abuso-sexual-de-menores.html\">Delikten des sexuellen Missbrauchs</a>, der h\u00e4uslichen Gewalt und der Ermordungen von Kindern, die j\u00fcnger als vierzehn Jahre alt sind. Laut dem Netzwerk f\u00fcr Kinderrechte in Mexiko (REDIM) sterben in Mexiko <a href=\"https://www.forbes.com.mx/violencia-en-mexico-cobra-la-vida-de-3-6-ninos-al-dia/\">t\u00e4glich mindestens drei Kinder aufgrund von Gewalt</a>. Das alles, w\u00e4hrend die Nationale Kommission zur Suche von verschwundenen Personen im vergangenen Jahr feststellte, dass sieben Kinder t\u00e4glich verschwinden. Mal abgesehen von dem sch\u00e4ndlichen ersten Platz f\u00fcr Produktion und Vertrieb von Kinderpornographie laut dem Security Department der USA \u2013 neben dem Drogenhandel eines der lukrativsten Gesch\u00e4fte auf dem mexikanischen Schwarzmarkt.</p><p></p><h3><b>Der Widerstand w\u00e4chst</b></h3><p>Unter den Hashtags #undiasinnosotras (\u201eEin Tag ohne uns\u201c) und #elnueveningunasemueve (\u201eAm 9. M\u00e4rz bewegt sich keine\u201c) fand sich in den vergangenen Wochen eine feministische Kampagne zusammen, die zum ersten Mal in der Geschichte des Landes zu einem nationalen Streik der Frauen am 9. M\u00e4rz aufruft. Der Aufruf appelliert an alle Frauen, einen Tag nach dem weltweiten Frauen*kampftag einen klassenk\u00e4mpferischen Streik durchzuf\u00fchren; das hei\u00dft, weder zu arbeiten, noch einzukaufen, noch zu Schulen, Universit\u00e4ten oder sonst wo hin zu gehen.</p><p>Die Organisatorinnen gehen davon aus, dass die t\u00e4glichen Frauenmorde aus der patriarchalen Vorstellung resultieren, dass Frauen weniger wert seien als M\u00e4nner, oder eben sogar gar nichts wert seien. Das Zentrum zur Frauenforschung im Business Management (CIMAD) geht aber davon aus, dass ein Streik der Frauen die Abwesenheit von bis zu 22 Millionen regul\u00e4ren Arbeitskr\u00e4ften bedeuten k\u00f6nnte \u2013 und damit rund 40 Prozent des Personals der Firmen Mexikos betreffen. Das entspr\u00e4che einem 24-Stunden Streik der mexikanischen Automobilindustrie <a href=\"https://www.elfinanciero.com.mx/economia/paro-de-mujeres-costara-a-la-economia-26-300-mdp-estima-la-concanaco-servytur\">mit einem Einnahmenausfall</a> von ungef\u00e4hr 1.252.446.190 Euros. Dieser Streik w\u00fcrde also die Verzerrung der patriarchalen Logik offenlegen und w\u00e4re so der schlagende Beweis, dass ohne die Arbeitskraft der Frauen, ohne die Pr\u00e4senz der Frauen in der Gesellschaft, Mexiko und die Welt stillst\u00fcnde.</p><p></p><hr/><p></p><p>\u00dcbersetzung: Jan Schwab</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Dazu treten in den Jahren 2013 \u2013 2017 mindestens <a href=\"https://issuu.com/letra-s/docs/informe_crimenes_2017\">381 Morde</a> an LGBTI*s, davon 209 Morde an Trans-Frauen*, die aus Hass-Motiven begangen wurden.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Nicht mit den Frauen* in Mexiko. 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Oktober 2019 ausgebrochenen </i><a href=\"https://revoltmag.org/articles/die-krise-des-politischen-schiitentums-und-der-kampf-f%C3%BCr-das-recht-auf-hoffnung/\"><i>Proteste im Irak</i></a><i> haben die sozialen, politischen und \u00f6konomischen Widerspr\u00fcche ans Tageslicht gebracht und die gesellschaftlichen Konfliktlinien verschoben. Das sektiererische politische System ist radikal in Frage gestellt und vermehrt entwickelt sich die Einheit der Protestierenden auf der Basis der Klassenzugeh\u00f6rigkeit. Die irakische Revolution hat einen weiteren und in der Berichterstattung oft vernachl\u00e4ssigten gesellschaftlichen Widerspruch sichtbar gemacht, n\u00e4mlich die Unterdr\u00fcckung der Frauen in einer kapitalistischen und patriarchalen Gesellschaft. Frauen spielen jedoch vermehrt eine zentrale Rolle in den irakischen Protesten, die trotz </i><a href=\"https://www.alaraby.co.uk/english/news/2019/12/8/defiant-iraqi-protesters-pour-onto-streets-despite-deadly-attacks\"><i>massiver Repression</i></a><i> nicht abebben. Um diese Rolle genauer zu verstehen, hat Autorin Ansar Jasim mit Iqbal gesprochen, einer feministischen Aktivistin aus dem Umland von Bagdad, die von Anfang an an den Protesten teilnimmt.</i></p><p></p><p><b>Wir h\u00f6ren hier in den Medien wenig zur aktuellen Lage im Irak, und noch weniger \u00fcber die Zusammensetzung der Proteste. Wie nehmen die Frauen an und in dieser Revolution teil?</b></p><p>Meinen Beobachtungen zu Folge unterscheidet sich die Partizipation von Frauen in der derzeitigen Revolution kaum von der der M\u00e4nner. Das war in den Protesten der letzten Jahre nicht so. Bisher hatten Frauen eine sehr eingeschr\u00e4nkte Rolle, sie waren total \u201e\u00fcberwacht\u201c von den m\u00e4nnlichen und patriarchalen Elementen in den Protesten. Dieses Mal ist das anders. Frauen werden angespornt, an den Protesten teilzunehmen. Sie beteiligen sich auf allen Ebenen: im von den Protestierenden besetzten T\u00fcrkischen Restaurant \u2013 oder \u201eSchloss der Freien\u201c, wie es nun benannt wurde \u2013, auf der Stra\u00dfe, bei der Organisierung der Proteste, bei der S\u00e4uberung der Stra\u00dfen, im medizinischen Bereich. Und auch andersherum findet eine Ver\u00e4nderung statt: M\u00e4nner und nicht nur Frauen bereiten Nahrung f\u00fcr die Protestierenden zu \u2013 es geht also weg von der Vorstellung, dass die Frauen eben nur Brot machen und kochen. Das tun sie auch. Aber dieses Mal nehmen sie eben nicht nur in diesen Bereichen teil, sondern in allen Bereichen, wo auch M\u00e4nner vertreten sind. Von den aller ersten N\u00e4chten an haben sie auch bei K\u00e4lte in den Zelten auf den Pl\u00e4tzen geschlafen.</p><p></p><p><b>Wie w\u00fcrdest du die gesellschaftliche Akzeptanz daf\u00fcr beschreiben?</b></p><p>Es ist \u00fcberhaupt nicht normal! Aber die Frauen haben es der Gesellschaft aufgedr\u00fcckt. Das geht nun so weit, dass Personen, die dieses Verhalten kritisieren, dies gar nicht mehr so einfach machen k\u00f6nnten: Sie w\u00fcrden Gegenwind von tausenden anderen Menschen bekommen, die diese Ver\u00e4nderungen verteidigen.</p><p></p><p><b>Welchen sozialen Hintergrund haben diese Frauen?</b></p><p>Die Frauen geh\u00f6ren insgesamt zu allen sozialen Schichten. Aber jene Frauen, die eine besonders hohe Bildung und gesellschaftliche Position haben und wirtschaftlich unabh\u00e4ngig sind, sind kaum vertreten. Vor allem sind es Sch\u00fclerinnen, Studentinnen, M\u00e4dchen aus einfachen Verh\u00e4ltnissen, Lehrerinnen, selbst Staatsangestellte. Sie nehmen alle daran teil, da es um ihre nicht verwirklichten Rechte geht. Die Stimmen der Frauen sind in dieser Revolution deutlich pr\u00e4sent. Einige der Demonstrant*innen sind der Meinung, dass es darum geht, dass unsere Forderungen erf\u00fcllt werden. Ich denke, dass es f\u00fcr uns Frauen darum geht, dass uns unsere Rechte gestohlen wurden. Wir Frauen reden also von Rechten, nicht von Forderungen. Wir haben Rechte, die wir uns erk\u00e4mpfen m\u00fcssen von der politischen Klasse, vom regierenden politischen System. Das ist der Grund, warum ich seit dem ersten Oktober auf der Stra\u00dfe bin.</p><p></p><p><b>Es gibt einige M\u00e4dchen auf dem Tahrir-Platz (Zentrum des Protests, Anm. Red.), die aus gewaltt\u00e4tigen Haushalten stammen und nun in den besetzten Orten der Revolution Schutz finden. Ist das auch dein Eindruck?</b></p><p>Tats\u00e4chlich ist es die Revolution selbst, die einen Schutz kreiert hat f\u00fcr die Frauen, die keinen sicheren Zufluchts- und R\u00fcckzugsort haben. Der Tahrir-Platz wurde zu einem Ort, an dem Bel\u00e4stigungen nicht geduldet werden \u2013 ganz anders als bei den vorherigen Protesten. Es ist ein Ort, an dem die Frauen in den Zelten schlafen k\u00f6nnen und sich sicher f\u00fchlen. Insbesondere Islamistische Kr\u00e4fte hatten die Absicht, das immer wieder auszunutzen, um die Bewegung schlecht zu machen und ihren Ruf zu zerst\u00f6ren. Denn wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass der \u00f6ffentliche Raum heute noch oft nicht geschlechtlich durchmischt ist und Teile der konservativen Kr\u00e4fte eine Durchmischung als \u201emorallos\u201c verurteilen. Aber bis heute gelingt es ihnen nicht. </p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"20191129_104129.jpg\" height=\"3024\" src=\"/media/images/20191129_104129.original.jpg\" width=\"4032\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Schriftzug: &quot;Die H\u00e4lfte der Gesellschaft ist die Revolution&quot;</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Stattdessen werden wir jungen Frauen von allen Protestierenden gesch\u00fctzt. Die Protestorte sind sicher, und somit haben wir ganz stark das Gef\u00fchl, dass diese Revolution der Ausgangspunkt f\u00fcr die Befreiung der Frauen hier sein wird. Die Revolution richtet sich gegen Traditionen und Konventionen in der Gesellschaft. Es ist eine Revolution gegen eine politische Klasse, die diese Konventionen und die Religion der Gesellschaft, insbesondere den Frauen, aufgedr\u00fcckt hat. Sie ist gegen das politische System gerichtet, welches es zum Beispiel auch nicht zul\u00e4sst, dass Frauen an der Wirtschaft des Landes teilnehmen und wirtschaftlich unabh\u00e4ngig sind. Die Frauen haben nun wirklich das Gef\u00fchl, dass es ihre Revolution ist und ihre Rechte realisiert werden k\u00f6nnen. Dies trifft insbesondere auf diskriminierende Gesetze zu, die die politische Klasse gegen Frauen eingef\u00fchrt hat. Dazu geh\u00f6ren die Erlaubnis zur Vielehe und die Verheiratung von minderj\u00e4hrigen M\u00e4dchen sowie ein benachteiligendes Erbrecht. Diese Revolution richtet sich gegen diese Konventionen. Es ist eine Revolution, die alles zum Sturz f\u00fchren will, nicht nur einen bestimmten Teil davon.</p><p></p><p><b>Ist es also eine feministische Revolution?</b></p><p>Wann ist diese Revolution ausgebrochen? Wann haben die Massen beschlossen, gegen die politische Klasse auf die Stra\u00dfe zu gehen und der Regierung eine Frist von wenigen Tagen zu geben? Das war, nachdem die Ingenieursstudentinnen f\u00fcr Arbeitspl\u00e4tze protestiert und die Sicherheitsbeh\u00f6rden sie mit hei\u00dfem Wasser beworfen hatten. Danach wurde auf Facebook dagegen mobilisiert und dadurch wurde es zu einem Massenprotest. Man kann sagen, dass die feministischen K\u00e4mpfe ein zentraler Motor der Proteste sind. Es stimmt schon, dass es eine irakische Revolution ist, aber eigentlich ist es eine feministische Revolution.</p><p></p><p><b>Im Irak gibt es sowieso eine sehr hohe Arbeitslosenquote und ein gro\u00dfer Teil der Massen haben kein regelm\u00e4\u00dfiges Einkommen. Wirkt sich die Arbeitslosigkeit auf Frauen anders aus als auf M\u00e4nner?</b></p><p>Es gibt einen sehr gro\u00dfen Unterschied. Als ich studiert habe, da waren wir 66 Frauen und 33 M\u00e4nner. Die Zahl der graduierenden Frauen ist also wesentlich h\u00f6her. F\u00fcr Frauen ist Bildung oft der einzige erlaubte Horizont. Jedes Jahr siehst du hunderte Frauen graduieren, ohne dass sie Chancen auf einen Arbeitsplatz h\u00e4tten. Als die Ingenieursstudentinnen auf den Stra\u00dfen waren, da war es geradezu so, als w\u00fcrde der Staat sich an sie richten: Warum gehst du als Frau \u00fcberhaupt auf die Stra\u00dfe und warum h\u00f6ren wir deine Stimme? So hat der Staat also mit Konvention und Religion auf die Frauen reagiert. Erst nachdem die Frauen auf der Stra\u00dfe waren, folgten auch die Stimmen der M\u00e4nner.</p><p></p><p><b>Du hast vor allem von Bagdad gesprochen. Wie sieht es in anderen Teilen des Landes aus?</b></p><p>Als f\u00fcr die Demonstrationen mobilisiert wurde, da wurde in allen Gouvernements (19 Provinzen im Irak, Anm. Red.) mobilisiert. Bagdad spielte da eine wichtige Rolle. Aber es folgten Frauen aus allen Gouvernements, seien es Studierende, Graduierte, B\u00e4uerinnen, Gem\u00fcseverk\u00e4uferinnen, die alleinerziehende B\u00e4ckerin und so weiter. Alle Frauen waren auf den Stra\u00dfen. </p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"20191111_172922.jpg\" height=\"3024\" src=\"/media/images/20191111_172922.original.jpg\" width=\"4032\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Graffiti, welches die Rolle von Frauen in medzinischen Bereich zur Rettung der Protestierenden darstellt</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><b>Wie war die Situation der Frauen vor der Revolution?</b></p><p>Vor der Revolution war die Situation der Frauen sehr schlecht. Die Diskriminierung von Frauen war \u00fcberall sichtbar. Zum Beispiel wurden bei den Anstellungen im Staatsdienst \u2013 welche bei uns einige der wenigen Arbeitspl\u00e4tze sind \u2013 st\u00e4ndig M\u00e4nner bevorzugt, trotz schlechterer Noten. Ausschlaggebend war immer das Argument, M\u00e4nner seien f\u00fcr eine Familie verantwortlich. Das ignoriert total, dass ich als Frau auch eine Familie zu versorgen habe, selbst, wenn ich nicht verheiratet bin und eben somit nicht dem konventionellen Familienmodel entspreche. Wir sind gegen dieses System. Das politische System benutzt Frauen als Instrument, um mit den Konzepten von \u201eS\u00fcnde\u201c und \u201eSchande\u201c Druck auf die ganze Gesellschaft auszu\u00fcben. Und auch gerade die religi\u00f6sen W\u00fcrdentr\u00e4ger haben sich in den letzten Jahren sehr auf die Frauen konzentriert. Bei den Freitagspredigten haben sie die Kleidung von Frauen diskutiert \u2013 selbst Frauen, die die Abaya (traditionelle islamische Robe, Anm. Red.) tragen, wurden nicht in Ruhe gelassen. St\u00e4ndig wurden die Frauen kommentiert: Die eine tr\u00e4gt die Robe zu eng, die andere zu offen und das d\u00fcrfte nicht sein.</p><p></p><p><b>Warum die Konzentration auf den weiblichen K\u00f6rper?</b></p><p>Das liegt eben gerade an der wirtschaftlichen und politischen Lage, von der sie immer wieder ablenken wollen. Nur so k\u00f6nnen sie an der Macht bleiben: Wenn sie die Frauen in den Fokus stellen, und alles dahinter zur\u00fcckf\u00e4llt. Frauen sind die gro\u00dfe Ausrede, durch welche die politische Klasse reproduziert. Gleichzeitig repr\u00e4sentiert mich keine jener Frauen, die aufgrund der 25 Prozent-Quote am politischen Prozess im Parlament teilnehmen (Art. 49 Abs. 4 der Irakischen Verfassung von 2005 legt fest, dass der Anteil der weiblichen Abgeordneten im Parlament bei mindestens 25 Prozent liegen muss, Anm. Red.). Es sind Frauen, die diskriminierende Politiken gegen Frauen mitunterst\u00fctzt haben. Es sind Frauen, die tief patriarchale Politiken und Gesetze wie das der Vielehe unterst\u00fctzt haben.</p><p></p><p><b>Revolution ist ein Prozess, bei dem es immer wieder Errungenschaften geben kann. Welche siehst du bisher?</b></p><p>Die wichtigste Errungenschaft ist die Pr\u00e4senz von Frauen auf den Pl\u00e4tzen. Dieser Punkt ist nicht mehr zur\u00fcckzudrehen und er ist ein Ausgangspunkt f\u00fcr weitere Prozesse. Der 25. Oktober war der Auftakt f\u00fcr die Befreiung der Frau im Irak, denn zu diesem Tag wurde zu Massenprotesten aufgerufen und seit diesem Datum wird der Tahrir-Platz besetzt und die \u00f6ffentlichen Regeln durcheinandergebracht. Vor diesem Datum wurden Frauen daf\u00fcr kritisiert, wenn sie nach 20 Uhr auf der Stra\u00dfe waren. Heute schlafen sie auf dem Platz und machen alles, was M\u00e4nner auch tun.</p><p></p><p><b>Mein Gef\u00fchl ist auch, dass jene, die dort neben den Frauen stehen, und gemeinsam mit den Frauen f\u00fcr die Sicherheit sorgen, nicht die Intellektuellen sind, denen ja gerne unterstellt wird, dass sie ein fortschrittliches Denken haben. Aber es sind jene Jungs, die teilweise nicht mal einen Schulabschluss haben, die aus armen und oft auch sehr konservativen Familien kommen, die nun mit den Frauen in den ersten Reihen stehen und ihre Pr\u00e4senz ohne Wenn und Aber akzeptieren.</b></p><p>Das stimmt. Ich gebe noch ein Beispiel: In meinem Dorf in der Umgebung von Bagdad gibt es einen sehr konservativen, sehr traditionellen Bauern. Er hat seinen T\u00f6chtern nie irgend etwas erlaubt. Nachdem er die Nachrichten gesehen hatte, hat er sie zum Tahrir-Platz mitgenommen und sie sind ganze zwei Tage dort geblieben. Das hat ihn auch ver\u00e4ndert. </p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"20191129_103818.jpg\" height=\"3024\" src=\"/media/images/20191129_103818.original.jpg\" width=\"4032\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Sichtbarkeit von Frauen* auf den Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Die Jungs, denen es um die Revolution geht, betonen, dass ihnen die Anwesenheit der Frauen Vertrauen und Sicherheit gibt. Das wird mir immer wieder von allen m\u00f6glichen Leuten gesagt. Das zeigt sich auch darin, dass von vielen jungen M\u00e4nnern die Schwestern, ihre Cousinen, ihre Schw\u00e4gerinnen und so weiter auf dem Platz dabei sind. Viele Familien haben den M\u00e4dchen zuvor \u00fcberhaupt keine Freir\u00e4ume gelassen: Von der Schule nach Hause und das war\u2018s. Nun sind sie auf dem Platz und bleiben dort. Und es gibt kein Zur\u00fcck!</p><p></p><p><b>Wie hat der Staat auf die Pr\u00e4senz der Frauen reagiert?</b></p><p>Es wurden Aktivistinnen und insbesondere Medizinerinnen gezielt entf\u00fchrt. Nach ihrer Freilassung wurden sie weiterhin bedroht, sie sollen nie wieder auf den Protestplatz gehen. Dieses Mal funktioniert diese Einsch\u00fcchterung aber nicht. Und es gibt einen weiteren wichtigen Aspekt: Es wird immer gesagt, dass Frauen aufgrund k\u00f6rperlicher Schw\u00e4che bestimmte Dinge nicht tun k\u00f6nnten. Auch das wird in dieser Revolution widerlegt. Es gibt dieses <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=e6iPirI59zA\">epische Video</a> von einer der Medizinerinnen vom Tahrir-Platz. Ich habe das damals selbst gesehen. Einer der Protestierenden wurde verletzt und er hing unter einer der Br\u00fccken, die vom Platz zur verbotenen \u201eGreen-Zone\u201c (hochmilitarisierter Distrikt in Badgad, Anm. Red.) f\u00fchren. Sie ist unter die Br\u00fccke gegangen, kletterte zu dem Verletzten hinauf und leistete an Ort und Stelle Erste Hilfe. Sie blieb so lange bei ihm, bis er gerettet werden konnte. Es geht also nicht um Muskelst\u00e4rke. Aber das Aufst\u00fclpen der gesellschaftlich konstruierten Rolle hat Tradition. Es hat Frauen oft glauben gemacht, dass sie bestimmte Dinge wirklich nicht k\u00f6nnen und sie schw\u00e4cher w\u00e4ren. Nun \u00e4ndert sich das: Frauen klettern, Frauen werden zu Tuktuk-Fahrerinnen, Frauen sch\u00fctzen die anderen Protestierenden vor Tr\u00e4nengas indem sie die Tr\u00e4nengaskanister fangen und wegwerfen. Daf\u00fcr muss man kein Mann sein. Somit hat diese Revolution diese ganzen r\u00fcckschrittlichen Ideen ins Wanken gebracht.</p><p></p><p><b>Glaubst du, dass durch diese Revolution eine linke und feministische Bewegung im Irak entstehen wird? Bisher gab es zwar viele Feminist*innen, aber keine Massenbewegung.</b></p><p>F\u00fcr mich ist klar, dass linke Ideen sehr pr\u00e4sent sind auf den Protestpl\u00e4tzen \u2013 selbst, wenn sie sie so nicht benennen. Man muss dazu vielleicht wissen, dass es eine klare Empfindlichkeit demgegen\u00fcber hier gibt, da sie allen politischen Parteien gegen\u00fcber eine Abneigung hegen, auch gegen\u00fcber der kommunistischen Partei. Aber worauf die Leute abzielen und wie sie miteinander umgehen, das ist ganz klar links. Der beste Beweis daf\u00fcr ist, dass wir als marxistische Feminist*innen das gr\u00f6\u00dfte Plakat auf dem Tahrir-Gel\u00e4nde aufh\u00e4ngen konnten. Darauf steht \u201eAlle Macht geh\u00f6rt den rebellierenden Massen\u201c. Wir sind sehr pr\u00e4sent auf dem Platz, arbeiten dort und reden mit den Leuten. Damit erreichen wir t\u00e4glich mehr und mehr und k\u00f6nnen noch mehr Ideen unter die Massen bringen; etwa, wie wichtig es ist, dass die Massen sich selbst organisieren und eine Alternative zum jetzigen politischen System schaffen. Selbst wenn man der Ansicht w\u00e4re, dass diese Revolution nicht den Umsturz des politischen Systems schaffen wird, so hat sie es aber bisher geschafft, Frauen einen Horizont zu geben. Sie hat der Gesellschaft verst\u00e4ndlich gemacht, dass Frauen der essentielle Part der Revolution sind und dass der Platz der Frau in der gesamten Gesellschaft ist. Alle vorherigen Prinzipien, dass Frauen nur halbe Lebewesen seien, wurden zerst\u00f6rt. Wenn der politische Umsturz scheitert, dann werden Frauen, die auf den Protestpl\u00e4tzen pr\u00e4sent sind, dennoch nie wieder einfach den Mund halten. Sie werden nicht einfach herumsitzen, sondern sich neu organisieren f\u00fcr einen weiteren Aufstand. Und jeder kommende Aufstand wird noch gr\u00f6\u00dfer werden. </p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Erz\u00e4hlt uns doch erstmal etwas \u00fcber euer Projekt. Wer sind</b> <b><i>Mujeres por la Vida</i></b><b>?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> Wir sind eine autonome und selbstverwaltete feministische Organisation. Durch die F\u00f6rderung der aktiven Partizipation von Frauen aus den Armenvierteln, durch das Bereitstellen von Bildungsr\u00e4umen auf den Prinzipien der Volksbildung beziehungsweise Bildung von unten und durch die Schaffung von R\u00e4umen gegenseitiger Unterst\u00fctzung, F\u00fcrsorge und Selbsthilfe unter Frauen, tragen wir zum Aufbau von lokalen, selbstverwalteten Gruppen bei. Dort werden feministische Strukturen, Beziehungen und Lebensformen entwickelt, die sich den kapitalistischen und patriarchalen Werten entgegenstellen.</p><p></p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]: Seit wann gibt es euch denn schon und wo lagen und liegen eure Arbeitsschwerpunkte?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> <i>Mujeres por La Vida</i> entstand urspr\u00fcnglich im Jahr 1992 als Kollektiv st\u00e4dtischer, armer Frauen in La Carucie\u00f1a, Barquisimeto, der Hauptstadt des Staates Lara. Die Stadt befindet sich 450 Kilometer \u00f6stlich von Caracas. Wir schlossen uns zusammen, um gegen die Armut und die schlechten Lebensumst\u00e4nde unserer Gemeinschaft zu k\u00e4mpfen, die die Konsequenz der Implementierung des neoliberalen Systems in unserem Land waren. Besonders hart traf er aber die Frauen. Wir reden deshalb von einer <i>Feminisierung der Armut</i>. Gleichzeitig k\u00e4mpften wir gegen die Diskriminierung und Gewalt, die Frauen erfahren \u2013 allem voran gegen h\u00e4usliche Gewalt. Wir hatten damals keine legalen Instrumente, um uns zu sch\u00fctzen. In den 90er Jahren bestand unsere Arbeit in der Organisation von Vortr\u00e4gen und Diskussionen, Film-Clubs, Demonstrationen und Radioprogrammen, um die Diskriminierung und Unterdr\u00fcckung zu verurteilen, der wir als Frauen und und als Arme ausgesetzt waren. Wir waren auch an den damaligen gesellschaftlichen und politischen Prozessen beteiligt, die zum Ausbruch der bolivarianischen Revolution f\u00fchrten. Sie nahm ihren Anfang mit dem Wahlsieg des Comandante Hugo Ch\u00e1vez und dem verfassungsgebenden Prozess im ganzen Land. Seit dem Jahr 2000 arbeiten wir bewusst feministisch und mit einem Verst\u00e4ndnis von Patriarchat, zu dem uns ein Kollektiv von \u00f6ko-feministischen Genossinnen inspiriert hatte. In dieser Zeit sammelten wir unsere ersten Erfahrungen in der Organisation feministischer Bildung. Wir nannten das <i>Schule der freien Frauen</i>.</p><p></p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]: Und mit dem Aufkommen der Bolivarianischen Revolution hat sich eure Arbeit dann ver\u00e4ndert?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> In den Jahren zwischen 2000 und 2005 kam es in Venezuela zu einer Vielzahl von politischen Ereignissen; darunter der gescheiterte Putschversuch, der Unternehmerstreik, das <i>Widerrufsreferendum</i> [1] und andere. All diese Geschehnisse erforderten die Mobilisierung der sozialen Bewegungen und der Bev\u00f6lkerung im Allgemeinen f\u00fcr Aktionen zur Verteidigung des revolution\u00e4ren Prozesses. In diesen Jahren fokussierte sich ein Gro\u00dfteil unserer Bem\u00fchungen auf die Unterst\u00fctzung entsprechender Aktionen. Ab dem Jahr 2006 nahmen wir dann schlie\u00dflich die Arbeit innerhalb der Gemeinschaft wieder auf. Dieses Mal mit Frauen, die sich in Nachbarschaftsinitiativen und Arbeiter*innenorganisationen engagierten. Dies erm\u00f6glichte es uns, den Kontakt zu jungen Frauen aufzubauen. Sie schufen zwei neue Kollektive innerhalb von <i>Mujeres por la Vida</i>: das Kollektiv der <i>Lun\u00e1ticas</i> und die<i> Mariposas Libertarias (Libert\u00e4re Schmetterlinge)</i>, womit wir uns als Bewegung etablierten. Das<i> Lun\u00e1ticas</i> Kollektiv hat in den vergangenen Jahren verschiedene Erfahrungen in der Entwicklung von Medienformaten gesammelt, darunter die Videoproduktion <i>Abolir el Patriarcado es la Revoluci\u00f3n (Das Patriarchat abzuschaffen ist die Revolution)</i>, oder auch die Gemeinschaftsradio- und Fernsehprogramme <i>Juntas y Tambi\u00e9n Revueltas (Zusammen und rebellisch).</i></p><p></p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]: Wie hat sich eure Arbeit seitdem weiter entwickelt? Habt ihr neue Arbeitsfelder erschlie\u00dfen k\u00f6nnen?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> Unsere Arbeit konzentriert sich inzwischen auf folgende Arbeitsfelder: Erstens auf die St\u00e4rkung der Teilhabe von und F\u00fchrung durch Frauen in lokalen Organisationen und sozialen Bewegungen. Erreicht wird das durch feministische Bildung und Begleitung pers\u00f6nlicher und kollektiver Prozesse, die das Wachstum und Empowerment erleichtern. Zweitens die so genannte <i>Feministische P\u00e4dagogik</i>. Hier entwickeln wir Bildungsprozesse, die auf den Konzepten und Methoden der befreienden <i>Volksbildung</i> [2] basieren, und im Rahmen derer Frauen ihre eigenen Prozesse steuern. Wir arbeiten auch daran, die gro\u00dfen Themen des Kapitalismus und des Patriarchats mit dem pers\u00f6nlichen Leben jeder Einzelnen und den Beziehungen zwischen uns allen in Verbindung zu bringen. So entdecken wir das Gemeinsame unserer Probleme und die Notwendigkeit des kollektiven Handelns. Drittens schaffen wir durch Pr\u00e4ventions- und Verurteilungskampagnen Aufmerksamkeit f\u00fcr Gewaltsituationen, in denen wir als Frauen leben. Ein weiterer Teil der Arbeit besteht in der Begleitung von Frauen in Gewaltsituationen und in ihren pers\u00f6nlichen Prozessen, sowie rechtliche und psychologische Beratung. Viertens liegt unsere Arbeit in der Verteidigung und F\u00f6rderung sexueller und reproduktiver Rechte. F\u00fcnftens schaffen wir R\u00e4ume zur Unterst\u00fctzung von Frauen untereinander, durch R\u00e4ume f\u00fcr Begegnung und gemeinsames Leben, in denen jede das Gef\u00fchl hat, dass ihre Worte und ihre Teilnahme gesch\u00e4tzt wird. R\u00e4ume, in denen sie gegenseitige Akzeptanz und Respekt f\u00fcr alle leben, in denen die Freundschaft zwischen Frauen aufgebaut wird. Lernorte, an denen wir uns ruhig, behaglich und auf Augenh\u00f6he f\u00fchlen. So k\u00f6nnen wir uns f\u00fcr die Teilnahme in anderen R\u00e4umen st\u00e4rken und Ver\u00e4nderungen hin zu den Werten f\u00fchren, an die wir glauben. Es ist nicht nur ein weiteres Treffen, sondern ein Moment, nach dem wir uns sehnen, weil er uns n\u00e4hrt, es uns erm\u00f6glicht, tief durchzuatmen und st\u00e4rker herauszukommen. Sechstens unsere feministischen Volksmedien: eine neue Form der Medien, die es uns erlaubt, kritische Analysen und neue Inhalte zu produzieren, und uns dabei gegen die patriarchalen Rollenbilder und Stereotypen, Diskriminierung, Ungleichheit und geschlechtsspezifischer Gewalt zu positionieren. Genau diese Aspekte liegen dem patriarchalen System zugrunde und werden vor allem durch die gro\u00dfen Medien vermittelt. Mit <i>Juntas y Tambi\u00e9n Revueltas (Zusammen und rebellisch)</i> als unserem zentralen Radio-Sender und Ausdruck unserer K\u00e4mpfe, zeigen wir auch unsere Essenz, unsere Werte und Symbole, und multiplizieren die Stimmen derer, die das w\u00fcrdevolle Leben verteidigen.</p><p></p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]: Wie sch\u00e4tzt ihr heute den Ausgangspunkt feministischer K\u00e4mpfe in Venezuela ein?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> Die f\u00fchrende Beteiligung von Frauen an feministischen, sektoralen oder lokalen Organisationen ist in unserem Land von gro\u00dfer Bedeutung. Wir haben in vielen Bereichen F\u00fchrungsaufgaben \u00fcbernommen. Dies ging jedoch nicht mit einer Ver\u00e4nderung der Verantwortlichkeit in den Betreuungs- und Pfleget\u00e4tigkeiten einher, die haupts\u00e4chlich auf Frauen zur\u00fcckfallen und meistens eine Doppel- und Dreifachbelastung bedeuten. Patriarchale Vorstellungen setzen dar\u00fcber hinaus die Unterordnung und Wertlosigkeit der Frauen im \u00f6ffentlichen Leben fort. Daraus ergibt sich eine Reihe von Schwierigkeiten f\u00fcr Frauen, ihre gesellschaftliche Teilhabe und F\u00fchrungsaufgaben in der Gemeinde aufrecht zu erhalten.</p><p>Erschwert wird das Ganze auch durch die Folgen der sozio\u00f6konomisch schlechten Lage der letzten Jahre. Sie ist das Ergebnis einer Wirtschafts- und Finanzwirtschaftsblockade ausl\u00e4ndischer M\u00e4chte. Dazu kommen Diebst\u00e4hle von Verm\u00f6genswerten der Nation, und interne Probleme, wie Korruption und B\u00fcrokratie. Im Umkehrschluss bedeutet das f\u00fcr Frauen eine Doppelbelastung: einerseits die grundlegenden wirtschaftlichen Probleme zu Hause l\u00f6sen zu m\u00fcssen und andererseits die Grundbed\u00fcrfnisse der Gemeinschaft zu erf\u00fcllen. Das erschwert den Frauen, an sich selbst und die eigenen Bed\u00fcrfnisse zu denken. Immer mehr schl\u00e4gt sich diese Doppelbelastung in physischer und psychischer Verausgabung nieder. Es gibt nur wenig R\u00e4ume f\u00fcr R\u00fcckhalt und Begleitung, wo es m\u00f6glich w\u00e4re, \u00fcber kollektive Strategien nachzudenken, oder kreative Alternativen zu dieser Realit\u00e4t zu entwickeln.</p><p>Es ist notwendig von der Basis der Frauen aus eine Agenda des Kampfes f\u00fcr die Schaffung von \u00f6ffentlichen Politiken zu entwickeln, die nicht auf Almosen basieren und das Konzept der vermeintlich schutzbed\u00fcrftigen, passiven Frauen noch verst\u00e4rken. Wir als Volksbewegung haben in Abstimmung mit anderen Organisationen, Gemeinden und gesellschaftlichen Sektoren eine Reihe von Aktivit\u00e4ten, Seminaren und Treffen durchgef\u00fchrt, um genau eine solche Agenda zu entwickeln. Sie soll es uns erlauben, Respekt f\u00fcr unsere Rechte auf politische Beteiligung und F\u00fchrungspositionen einzufordern. Dar\u00fcber hinaus werden auf diese Weise Prozesse der Autonomie und der Selbstbestimmung \u00fcber unsere K\u00f6rper gest\u00e4rkt, sowie Gemeinschaftsmechanismen f\u00fcr ein Leben frei von Gewalt an Frauen geschaffen. Wir erarbeiten Strategien, um die Hausarbeit gerechter zu verteilen, schaffen Zugang zu Informationen und Kampagnen \u00fcber sexuelle und reproduktive Rechte und erm\u00f6glichen damit die Konsolidierung unserer politischen F\u00fchrung innerhalb der Bewegung f\u00fcr Volks- und Frauenmacht.</p><p></p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]: Welche Vorschl\u00e4ge hat</b> <b><i>Mujeres por la Vida</i></b><b> konkret? Worauf gr\u00fcndet ihr Euer politisches Handeln und welche Pl\u00e4ne habt ihr f\u00fcr heute und f\u00fcr die Zukunft?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> Seit mehr als 27 Jahren betonen wir die Notwendigkeit, neue emotionale Bindungen zwischen Frauen zu schaffen. Es geht aber nicht nur um Freundschaften, wir wollen R\u00e4ume f\u00fcr Reflektion und die St\u00e4rkung von feministischer F\u00fchrung schaffen. Erst das erlaubt uns, gemeinsam zu k\u00e4mpfen und gr\u00f6\u00dfere Hebel gegen das patriarchale, kapitalistische, imperialistische und koloniale System in Anschlag zu bringen.</p><p>Projekte, an denen wir arbeiten, sind unter anderem: 1) Die Einrichtung einer B\u00fcrgerbeauftragten f\u00fcr Frauen <i>(Defensor\u00eda de la Mujer Hermana Juanita)</i> im S\u00fcdwesten der Stadt Barquisimeto, die auch f\u00fcr die Gemeinden Ataroa und Loma de Le\u00f3n ansprechbar ist. 2) Die Gr\u00fcndung des feministischen Ausbildungszentrums <i>Mar\u00eda Jota Berrio Rodr\u00edguez</i> in der kommunal-feministischen Volksschule <i>Ana Torres.</i> 3) Unser Ansto\u00df zur Bildung der Aussch\u00fcsse f\u00fcr Frauen und Geschlechtergleichstellung in 40 Gemeinden des Bundesstaates Lara. 4) Seit 2017 die Teilnahme an der feministischen Plattform <i>Ni Una menos (Keine mehr!)</i> zur Organisation von Veranstaltungen zum 8. M\u00e4rz. 5) Die Teilnahme an internationalen und nationalen Frauentreffen, darunter das <i>Plurinationale Treffen</i> in Argentinien, das Lateinamerikanische Frauentreffen<i> ELLA</i> und die Bewegung <i>Mujeres de Alba</i>. 6) Sechstens die Produktion und Ausstrahlung des Radiosenders <i>Juntas y Tambi\u00e9n Revueltas</i>. 7) Medienerfahrungen wie die Ausstrahlung des Dokumentarfilms <i>Abolir el Patriarcado es la Revoluci\u00f3n (Die Abschaffung des Patriarchats ist die Revolution)</i> oder der Fernsehsendung <i>Juntas y Tambi\u00e9n Revueltas (Zusammen und rebellisch)</i>. 8) Die Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus La Carucie\u00f1a in Sachen sexueller und reproduktiver Rechte. 9) Die weiterbildende Begleitung f\u00fcr anderer Organisationen, wie zum Beispiel der Genossenschaft <i>8 de Marzo (8. M\u00e4rz)</i>, dem<i> Casa Vera (besetzten Geb\u00e4ude)</i>, sowie von 12 Kommunen des Bundesstaates Lara zu Themen wie Patriarchat, feministische Volksmedien, ein Leben ohne Gewalt f\u00fcr Frauen, feministische Kommunen und vieles mehr. 10) Die gezielte F\u00f6rderung und Moderation der vorbereitenden Frauenversammlungen des <i>Ersten Venezolanischen Frauenkongresses</i>. Und 11) das sozio-produktive Training f\u00fcr Frauen in Lebensmittelverteilungsprozessen in ihren territorialen Organisationen (Gebiete der Gemeinden Ataroa, Loma de Le\u00f3n und Pavia), haupts\u00e4chlich in der Entwicklung von Reinigungs- und K\u00f6rperpflegeprodukten.</p><p></p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]: Venezuela erlebt derzeit eine tiefe wirtschaftliche und politische Krise. Eine der Folgen ist die wachsende venezolanische Diaspora in aller Welt. Wie gestalten sich die Folgen f\u00fcr die venezolanischen Frauen? Wie wird mit dieser Situation umgegangen?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> Wie bei jedem Massenmigrationsprozess sind es vor allem Frauen und Kinder, die sich in gef\u00e4hrlichen und verletzlichen Situationen wiederfinden. Sie sind auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen, getrieben durch die aktuelle Situation im Land, die den \u00e4rmsten Menschen keine andere Wahl mehr l\u00e4sst. Dar\u00fcber hinaus glauben sie, dass in den L\u00e4ndern, in die sie fl\u00fcchten, eine bessere Zukunft m\u00f6glich sei. Dabei ist den meisten nicht bekannt, dass die Migrations- und Wirtschaftspolitik dieser L\u00e4nder jenen, die als Migrant*innen gelten, kaum Rechte garantiert.</p><p>Die Zahl venezolanischer Frauen, die unter h\u00e4uslicher Gewalt oder Arbeitsgewalt leiden, oder im Ausland ermordet werden und ihre S\u00f6hne und T\u00f6chter oft schutzlos zur\u00fcck lassen, ist beunruhigend hoch. Oft enden die Frauen in Netzwerken des Menschenhandels, werden als Sexsklavinnen ausgebeutet und verkauft, oder leiden unter prek\u00e4ren Arbeitsbedingungen, die weder ihren Lebensunterhalt, noch die M\u00f6glichkeit von Geld\u00fcberweisungen an die Familie garantieren.</p><p>In diesem Kontext ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass es Situationen gibt, in denen M\u00fctter, ob alleinerziehend oder mit ihren Ehem\u00e4nnern, migrieren und die S\u00f6hne und T\u00f6chter in der Obhut eines anderen Familienmitglieds zur\u00fccklassen, das k\u00f6rperliche, psychische und sexuelle Gewalt gegen Kinder aus\u00fcbt.</p><p>Deshalb ist es notwendig, Netzwerke der F\u00fcrsorge und Solidarit\u00e4t mit sozialen Organisationen in den Nachbarl\u00e4ndern aufzubauen, die diese Frauen, die sich ohne jegliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Emigration entscheiden, begleiten oder unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Diese Netzwerke k\u00f6nnen einerseits Informationen \u00fcber die M\u00f6glichkeiten vor Ort weitergeben, sollten andererseits aber auch f\u00fcr die Hinterbliebenen, soziale und produktive Projekte als Vorschlag alternativer, selbstverwalteter und solidarischer Wirtschaft vorantreiben. So werden wir der kapitalistischen Logik mit ihrer Spekulation und Hyperinflation die Stirn bieten. Zu unseren Initiativen geh\u00f6rt zum Beispiel die Wiederaufnahme einer Produktionsst\u00e4tte zur Herstellung von Reinigungsprodukten und Tomatensauce, um einen Beitrag zur Finanzierung des Familieneinkommens zu leisten.</p><p>Kein Hindernis wird unsere Hoffnung und unsere Tr\u00e4ume eines volksnahen und kommunalen Feminismus zerst\u00f6ren. Davon sind wir \u00fcberzeugt nach all dem, was wir bereits erreicht haben. Jenseits der starren, b\u00fcrokratischen Logik, die nicht erlaubt, interne Fehler und M\u00e4ngel zu korrigieren, werden wir die Schwierigkeiten \u00fcberwinden, indem wir Allianzen schmieden und unsere Strategien zur Verteidigung der Revolution der Frauen fortf\u00fchren. Wir werden trotz aller Probleme weiterhin die Protagonistinnen unserer eigenen Prozesse sein.</p><p></p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]: Von welchen Schwierigkeiten sprecht ihr da genau, die ihr derzeit als Bewegung durchlebt?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> Es sind Probleme, die mit der gegenw\u00e4rtigen politischen Konjunktur zu tun haben. Zum Beispiel gingen 2018 drei unserer Genossinnen aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden au\u00dfer Landes. Andere haben sich aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden der institutionellen Arbeit im Staat angeschlossen. Wieder andere Genossinnen aus den Gemeinden tun ihr Bestes, k\u00f6nnen dabei aber dem Gef\u00fchl der physischen und psychischen Belastung f\u00fcr die vielf\u00e4ltigen Aufgaben, die sie ausf\u00fchren m\u00fcssen, nicht entgehen. Darunter fallen die Nahrungsmittelsuche, Kochen mit Brennholz, die Verwaltung der h\u00e4uslichen Finanzen und fehlender Zugang zu Medizin und Verh\u00fctungsmitteln. F\u00fcr das dritte Quartal 2019 hoffen wir jedoch wieder einige Aktivit\u00e4ten mit mehr Kraft und Hoffnung neu aufnehmen zu k\u00f6nnen. Dank der internationalistischen Solidarit\u00e4t konnten wir bislang 30 dauerhafte Empf\u00e4ngnisverh\u00fctungsmittel erwerben, die an Frauen in den prek\u00e4rsten Vierteln weitergegeben werden. Durch den Erl\u00f6s des Verkaufs unserer Brosch\u00fcren konnten wir den Posten der B\u00fcrgerbeauftragten f\u00fcr Frauen <i>Hermana Juanita</i> wieder aufleben lassen.</p><p></p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]:</b> <b>Wie k\u00f6nnen wir uns von hier aus mit eurer Bewegung solidarisieren?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> Um Beziehungen der Solidarit\u00e4t zu schaffen, m\u00fcssen wir unsere verschiedenen Realit\u00e4ten verstehen lernen. Deshalb beteiligen wir uns an der Initiative, Online-Video-Foren vorzubereiten, die dazu beitragen, das Geschehen in Venezuela aus der Perspektive organisierter Frauen, die in armen Gegenden leben, medial zu verbreiten. Wir glauben, dass es wichtig ist, mit Hilfe von Internetplattformen den Zugang zu Informationen zu erleichtern. Wir informieren dabei nicht nur \u00fcber unsere Projekte, sondern auch \u00fcber Neuigkeiten im Zusammenhang mit dem Kampf der Frauen zur Verteidigung unseres Lebens und dem politischen Befreiungsprojekt in den Kommunen.</p><p>Das alles tun wir zur Schaffung einer \u00f6ffentlichen Politik der Gerechtigkeit, insbesondere der sozialen Gerechtigkeit. Wir haben unseren Beitrag immer auf eine selbstverwaltete Art und Weise geleistet, m\u00fcssen jedoch ehrlich anerkennen, dass die Situation des Landes uns beeinflusst hat, unsere eigenen Ressourcen unzureichend sind und die hohen Lebenshaltungskosten uns belasten. Obwohl wir uns nicht unterkriegen lassen, ist es doch schwieriger geworden, unsere Arbeit auf andere hilfsbed\u00fcrftige Sektoren auszudehnen und bereits konsolidierte Projekte aufrecht zu erhalten. Aus diesem Grund k\u00f6nnen jegliche finanziellen Beitr\u00e4ge, die geleistet werden, dazu beitragen, unsere hart erk\u00e4mpften Erfolge aufrechtzuerhalten.</p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]: Vielen Dank, liebe Genossinnen, f\u00fcr Eure Zeit.</b></p><p></p><hr/><p></p><p><i>Interview: Aquarella Padilla, Bloque Latinoamericano Berlin</i></p><p><i>\u00dcbersetzung: Orsolya Zilahy, Julia Walendzik</i></p><p></p><hr/><p></p><p><b>Anmerkungen:</b></p><p></p><p><b>[1]</b> <i>Widerrufsreferendum:</i> Mit dem erfolgreichen Widerrufsrerendum im Jahr 2004 wurde \u00fcber die Dauerhaftigkeit von Hugo Ch\u00e1vez im Pr\u00e4sidialamt des Staates gestimmt. In Folge des offiziellen Ergebnisses war er fortan nicht mehr zu widerrufen. Hintergrund ist Artikel 72 der venezolanischen Verfassung: <i>\u201eF\u00fcr alle diejenigen, die durch allgemeine Wahlen in \u00c4mter in Verwaltung und Rechtsprechung berufen worden sind, kann das Mandat widerrufen werden. Nach Ablauf der H\u00e4lfte der Amtszeit, f\u00fcr die der Amtstr\u00e4ger oder die Amtstr\u00e4gerin gew\u00e4hlt wurde, k\u00f6nnen mindestens zwanzig Prozent der in der entsprechenden Verwaltungseinheit eingetragenen Wahlberechtigten die Durchf\u00fchrung einer Volksabstimmung beantragen, um dessen oder deren Mandat zu widerrufen.\u201c</i></p><p></p><p><b>[2]</b> Gemeint ist die Tradition der<i> P\u00e4dagogik der Unterdr\u00fcckten</i> nach Paulo Freire in ihren zahlreichen Varianten gesellschaftlicher Organisation in Lateinamerika.</p><p></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/kein-hindernis-wird-die-hoffnung-auf-einen-volksnahen-und-kommunalen-feminismus-zerst%C3%B6ren/", "id": "https://revoltmag.org/articles/kein-hindernis-wird-die-hoffnung-auf-einen-volksnahen-und-kommunalen-feminismus-zerst%C3%B6ren/", "author": {"name": "Aquarella Padilla", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2019-08-28T13:09:29.484314+00:00", "date_modified": "2019-08-28T13:10:51.579297+00:00", "tags": ["re:port", "poderpopular", "putsch", "usa", "chavismus", "feminismus", "armut", "frauenkampf", "antiimperialismus", "venezuela", "volksmacht"], "summary": "\u00dcber das von den USA lancierte Putschgeschehen und die \u00f6konomische Krise in Venezuela wurde ausf\u00fchrlich in deutschen Medien berichtet. Doch welche Auswirkungen hat das auf die sozialen Bewegungen? Aquarella Padilla im Interview mit Aktivistinnen der feministischen Organisation Mujeres por la Vida."}, {"title": "Notwendiger denn je!", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Notwendiger denn&nbsp;je!</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"8march2_marios_lolos-kopie.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/8march2_marios_lolos-kopie.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Marios Lolos</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Zum dritten Mal in Folge wurde der Internationale Frauenstreik in diesem Jahr am 8. M\u00e4rz in verschiedenen L\u00e4ndern der Welt organisiert. Trotz der unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten in den einzelnen L\u00e4ndern und der offensichtlich vielf\u00e4ltigen Forderungen haben Frauen auf der ganzen Welt erkannt, dass dieser Tag nicht nur ein \u201eJubil\u00e4um\u201c ist. Die Frauenbewegung in Griechenland \u00fcberwand in diesem Jahr zum ersten Mal ihre sonstigen Schwierigkeiten und schaffte es, den \u201eFrauentag\u201c in einen \u201eFrauen*Streiktag\u201c mit Klassenbezug zu verwandeln.</p><p>In mehreren zentralen Gewerkschaften wurde im Vorfeld heftig diskutiert, bis der Beschluss gef\u00e4llt wurde, am 8. M\u00e4rz zu streiken. Unter dem Druck der antikapitalistischen linken Kr\u00e4fte entschied sich die \u2013 haupts\u00e4chlich unter ihrem Akronym ADEDY bekannte \u2013 Beamtenvereinigung f\u00fcr eine Arbeitsunterbrechung von 13.00 Uhr bis zum Ende der Arbeitszeit. Der Versuch, am selben Tag einen Streik im Privatsektor zu organisieren, stie\u00df allerdings auf gro\u00dfe Schwierigkeiten. Er wurde letztlich von Gewerkschaftsb\u00fcrokratien blockiert. Daher beschlossen verschiedene feministische Initiativen wie die \u201eBewegung f\u00fcr einen streikenden 8. M\u00e4rz\u201c und die \u201eInitiative zur kollektiven Organisation von Mobilisierungen am 8. M\u00e4rz\u201c, sowohl gemeinsam mit den Hauptgewerkschaften am Mittag zu streiken, aber zus\u00e4tzlich noch eine weitere Nachmittagsdemonstration zu organisieren. \u00c4hnliche Entscheidungen wurden auch von anderen feministischen Organisationen und Initiativen wie \u201eNo Tolerance\u201c und \u201eSabbat\u201c getroffen.</p><h2><b>Die Krise ist schuld!</b></h2><p>Trotz der (und gegen die) Versuche des b\u00fcrgerlichen Staates und des Kapitals, diesen Tag mit Konsum und einer gef\u00e4lschten Aufmerksamkeit f\u00fcr das \u201esch\u00f6ne (und aus ihrer Perspektive schwache) Geschlecht\u201c zu verkn\u00fcpfen, nimmt der 8. M\u00e4rz in Griechenland immer radikalere Z\u00fcge an. Grund daf\u00fcr ist die andauernde Krise. F\u00fcr die Frauen* ist dieser Tag erneut zu einem Symbol des Kampfes f\u00fcr feministische Emanzipation und f\u00fcr die soziale Befreiung geworden. Beide Demonstrationen waren beeindruckend: Tausende Frauen* hatten im Vorfeld dazu mobilisiert und noch mehr nahmen an den verschiedenen Aktionen teil. Neben den gro\u00dfen B\u00fcndnissen wurden die Demonstrationen auch von Verb\u00e4nden und Initiativen gegen Sexismus und Patriarchat sowie von feministischen Organisationen der radikalen Linken und Selbstorganisierungen unterst\u00fctzt. Dar\u00fcber hinaus gab es eine gro\u00dfe Beteiligung von Studierendengruppen und von Refugees, oftmals mit ihren Kindern. Sie berichteten von ihren Erfahrungen und vielfachen Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht, Ethnizit\u00e4t und Klasse.</p><p>Diese massive Reaktion ist von zentraler Bedeutung: In den letzten zehn Jahren der Krise stieg die Rate sexistischer Angriffe, sexualisierter Gewalt und Feminizide in Griechenland explosionsartig an, in allen Bereichen des Lebens ist eine Versch\u00e4rfung der geschlechtsspezifischen Diskriminierung zu beobachten. Die Allgegenw\u00e4rtigkeit von Praktiken der geschlechtsspezifischen Unterdr\u00fcckung und Gewalt, und damit verbunden patriarchaler Beziehungsmuster, f\u00fchrt dazu, dass das weibliche Geschlecht in der Gesellschaft als inferior wahrgenommen wird und auch die Frauen* sich selbst als weniger wert f\u00fchlen.</p><h2><b>Der Anstieg von Femiziden ist nur die Spitze des Eisbergs</b></h2><p>Das vergangene Jahr war vor allem auch ein Jahr gro\u00dfer Verluste. Ein Jahr, in dem der Hass auf sexuelle Vielfalt und ein unmissverst\u00e4ndliches Dominanzdenken zur Ermordung der LGBTIQ-Aktivist*in und Drag Queen Zack Kostopoulos (Zackie Oh) f\u00fchrte. Zack wurde im September in der N\u00e4he des Omonoia-Platzes von zwei Macho-M\u00e4nnern zu Tode gepr\u00fcgelt. Ihnen halfen Polizisten, die Zack in Handschellen legten und schlugen, w\u00e4hrend Zack bereits bewusstlos war. Ein Jahr, in dem die 21-j\u00e4hrige Studentin Eleni Topaloudis auch durch Rape-Culture (Kultur der Toleranz gegen\u00fcber Vergewaltigungen beziehungsweise sexualisierte \u00dcbergriffe, Anm. Red.) ermordet wurde. Ein Jahr, indem die patriarchale und rassistische Ideologie zur Ermordung der 29-j\u00e4hrigen Angelina Petrou am Silvesterabend durch ihren Vater f\u00fchrte, weil dieser die Beziehung seiner Tochter zu einem afghanischen Refugee nicht billigte. Dies ist nur die Spitze des Eisbergs von vielen schrecklichen Morden und \u00dcbergriffen auf weibliche* oder feminine* Opfer der letzten Jahre.</p><p>Und auch die geschlechtsspezifische Diskriminierung am Arbeitsplatz tritt in der Krise offensichtlicher als je zuvor zutage. Das zeigt, dass es zentral um Klassenpolitiken geht: Lohnunterschiede, Verletzung gesetzlicher Rechte wie Mutterschaftszulage, keine Lohnerh\u00f6hungen oder andere Jobangebote. Die Regierungen des Memorandums, einschlie\u00dflich der Regierung SYRIZA, haben eine Reihe von Ma\u00dfnahmen ergriffen, die sich insbesondere auch gegen Frauen* richten und diese in einen Dschungel aus Arbeitsplatzunsicherheit, illegalisierter und prek\u00e4rer Arbeit und Arbeitslosigkeit f\u00fchren.</p><p>Gleichzeitig nehmen die sexistischen Einstellungen am Arbeitsplatz zu: Mutterschaftsurlaub wird bei der Mehrheit der Arbeitgeber nicht mehr anerkannt, und die F\u00e4lle, in denen Frauen aufgrund einer Schwangerschaft entlassen werden, nehmen st\u00e4ndig zu. Solche Entlassungen werden mit Zustimmung der Justiz, des Staates, der Regierungen, der EU und anderer Institutionen vorgenommen. So traf der Gerichtshof der Europ\u00e4ischen Union im Februar 2018 eine beispiellose <a href=\"https://curia.europa.eu/jcms/upload/docs/application/pdf/2018-02/cp180015de.pdf\">Entscheidung</a>, die den Weg f\u00fcr die Entlassung schwangerer Arbeitnehmerinnen im Rahmen von allgemeinen K\u00fcrzungen und Massenentlassungen bereitet. In Griechenland sieht man nun die Fr\u00fcchte dieser Politik. Mit der diskriminierenden Behauptung, dass schwangere Frauen nicht produktiv genug sein k\u00f6nnen, werden sie vom Arbeitgeber entlassen. Ihnen wird damit sowohl das Recht auf Arbeit als auch auf eine gesicherte Mutterschaft praktisch verwehrt. Diese Liste kann auch mit den viele stillen F\u00e4llen erweitert werden, bei denen junge Frauen* aufgrund ihres Geschlechts gar nicht erst eingestellt wurden, da es f\u00fcr die Arbeitgeber \u201eselbstverst\u00e4ndlich\u201c ist, dass sie bald ein Kind haben m\u00f6chten. Dar\u00fcber hinaus entscheiden sich viele Frauen aus Angst vor Entlassung daf\u00fcr, fr\u00fcher zur Arbeit zur\u00fcckzukehren. Infolge des Ausbaus flexibler Arbeitszeiten auch im \u00f6ffentlichen Sektor gilt dies auch f\u00fcr Ersatzlehrkr\u00e4fte, die ihre Neugeborenen verlassen und in die Schule zur\u00fcckkehren m\u00fcssen, ohne Gedanken an die Auswirkungen auf die (psychische) Gesundheit von M\u00fcttern und S\u00e4uglingen.</p><p>Der stetige Kampf gegen Ungleichheiten und Diskriminierung in Lohnarbeit und Bildung, gegen Geschlechterstereotypen und Unterdr\u00fcckung (auch in Bezug auf sexuelle Orientierung, Ethnizit\u00e4t oder Hautfarbe) und das Ringen um grundlegende Rechte wie Mutterschutz und Erziehungsurlaub m\u00fcssen hierbei zusammen gedacht werden. Die Schaupl\u00e4tze sind allesamt zentral: Schlie\u00dflich sind die K\u00e4mpfe, die versuchen, die Stimmen der Frauen*, der LGBTIQ-Personen und aller Unterdr\u00fcckten und Proletarisierten als Ganzes zu st\u00e4rken, ein wesentlicher Bestandteil des Gesamtvorhabens, den Kapitalismus zu st\u00fcrzen und mit ihm jede Form von Ausbeutung und sozialem Kannibalismus.</p><h2><b>Der Kampf geht weiter!</b></h2><p>Der n\u00e4chste Punkt, an dem sich dieser Kampf zuspitzen wird, ist der Versuch der Regierung, das Strafgesetzbuch zu \u00fcberarbeiten. Zu den unterschiedlichen \u00c4nderungen z\u00e4hlt auch die \u00c4nderung des Artikels 336 \u00fcber Vergewaltigung. Der bestehende Artikel der gesetzlichen Definition von Vergewaltigung wurde in der Vergangenheit von der feministischen Bewegung als unzureichend und schwach kritisiert. Er tr\u00e4gt in vielen F\u00e4llen dazu bei, die Taten zu rechtfertigen und Vergewaltiger straflos davonkommen zu lassen, da er sich einzig auf Akte von Gewalt konzentriert und \u201efehlender Zustimmung zu sexuellen Handlungen\u201c keine Bedeutung zugesteht. Anstatt diesen Artikel also zu verbessern, gehen die anstehenden \u00c4nderungen einen Schritt weiter, um die Rechte von Frauen* und Betroffenen von \u00dcbergriffen einzuschr\u00e4nken: Einbezogen werden sollen nicht mehr F\u00e4lle der \u201eBedrohung durch ein unmittelbares Risiko\u201c, sondern nur noch diejenigen, die eine \u201eBedrohung des Lebens oder der k\u00f6rperlichen Unversehrtheit\u201c darstellen. Das Konzept der &quot;Bedrohung&quot; wird dadurch weiter eingegrenzt, indem andere Formen von Gewalt wie psychologische oder arbeitsrechtliche Einsch\u00fcchterungen und vieles weitere ausgeschlossen werden. Unser Umgang damit wird entscheidend f\u00fcr die Fortsetzung des gesamten weiteren Kampfes sein. Notwendiger denn je!</p><p></p><hr/><p></p><p>Eleni Triantafyllopoulou schreibt sonst f\u00fcr die griechische Zeitung <a href=\"http://prin.gr/\">Prin</a>. Zuletzt berichtete sie bei re:volt \u00fcber die grassierende Privatisierung kultureller und \u00f6ffentlicher Allgemeing\u00fcter im Land: <a href=\"https://revoltmag.org/articles/alles-zu-verkaufen/\">Alles zu verkaufen!</a> </p><p>\u00dcbersetzt von Johanna Br\u00f6se.</p><p>Das Titelbild zeigt eine Aktion des diesj\u00e4hrigen 8. M\u00e4rz. Auf dem Banner steht: &quot;Gegen jede Form der Gewalt werdet ihr uns auf der anderen Seite finden&quot;.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/notwendiger-denn-je/", "id": "https://revoltmag.org/articles/notwendiger-denn-je/", "author": {"name": "Eleni Triantafyllopoulou", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2019-03-29T16:58:00.330428+00:00", "date_modified": "2019-03-29T16:58:00.330428+00:00", "tags": ["re:port", "frauen*streik", "8.M\u00e4rz", "frauenkampf", "feminismus", "griechenland", "femizide", "austerit\u00e4tspolitik", "8m"], "summary": "Die Frauen*bewegung in Griechenland wird jedes Jahr radikaler. Eleni Triantafyllopoulou dar\u00fcber, weshalb es dringend notwendig ist, die politischen Streiks der Arbeiterinnen* am 8. M\u00e4rz als antikapitalistische K\u00e4mpfe zu begreifen."}, {"title": "Feministische Revolte statt Gehorsam", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Feministische Revolte statt&nbsp;Gehorsam</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Istanbul Kadinlar\" height=\"420\" src=\"/media/images/IMG_4335.e8233392.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>P\u00fcnktlich zum 8. M\u00e4rz gibt es in der T\u00fcrkei immer bestimmte Diskussionen. Einige von diesen Diskussionen st\u00e4rken die Frauen*bewegung, andere aber riechen stark nach Testosteron und bestehen ganz simpel aus mansplaining. Ich m\u00f6chte kurz auf einige dieser Diskussionen innerhalb wie au\u00dferhalb der Strukturen und auf die Haltung des Staates gegen die nicht kleinzukriegende Frauen*bewegung eingehen.</p><h2><b>Mansplaining Feminism? Nein danke!</b></h2><p>Beginnen wir mit den Narrativen, die eigentlich keine Beachtung mehr verdienen: Einige berufen sich auf den historischen Inhalt des 8. M\u00e4rz, negieren dann aber im Bezug zur Gegenwart die Erweiterung des Inhalts durch die Frauen*. Sie erg\u00f6tzen sich in Aussagen wie: \u201eDer 8. M\u00e4rz ist der Welttag der Arbeiterinnen, nicht der Feministinnen. Revolution\u00e4r*innen haben ihn erk\u00e4mpft, es gilt mit den M\u00e4nnern gemeinsam zu marschieren, der 8. M\u00e4rz ist heute in der Hand der b\u00fcrgerlichen Feminist*innen, das werden wir nicht zulassen.\u201c</p><p>Es gibt freilich auch Frauen*, die sich in derartigen Aussagen ergehen, aber in erster Linie sind es linke, revolution\u00e4re M\u00e4nner, die den eigenen Willen der Frauen negieren. Diese Haltung ist in erster Linie eine Fortsetzung der patriarchalen Kultur innerhalb der Linken in der T\u00fcrkei. Obwohl in der gesellschaftlichen Dynamik der Frauen*bewegung am 8. M\u00e4rz die zwei politischen Haltungen, das hei\u00dft der Fokus auf den Weltarbeiter*innentag wie auch der auf den Weltfrauen*tag, zusammenkommen und die Spaltung der Frauen*bewegung nicht zugelassen wird, er\u00f6ffnen einige M\u00e4nner jedes Jahr erneut dieselben Debatten.</p><p>Das strukturelle Problem dabei ist, dass es wieder die M\u00e4nner sind, die den Frauen* sagen, was sie zu tun und wie sie zu denken haben. Dass sie dies tun angesichts der konstant starken Frauen*bewegung in der T\u00fcrkei in einer Zeit, in der sich die meisten anderen gesellschaftlichen Dynamiken auf dem R\u00fcckzug befinden, ist kein Zufall. Diese M\u00e4nner haben Angst, sich mit ihrer eigenen patriarchalen Rolle auseinandersetzen zu m\u00fcssen. Die ver\u00e4nderte Bedeutung der Frauen*bewegung und des 8. M\u00e4rz wollen sie nicht sehen, es fehlt ihnen jeder Respekt f\u00fcr die Formen und Inhalte der Frauen*proteste. Ihnen k\u00f6nnen wir nur sagen: So wie sich der 8. M\u00e4rz und die Frauen*bewegung ver\u00e4ndert haben, so werdet auch ihr euch \u00e4ndern m\u00fcssen.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Frauen* auf den Stra\u00dfen von Istanbul\" height=\"3023\" src=\"/media/images/IMG_4347-a.original.jpg\" width=\"3022\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Die Frauen* erobern sich die Nacht.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h2><b>Ein bisschen Neoliberalismus gef\u00e4llig?</b></h2><p>Eine andere Debatte kann potentiell zur St\u00e4rkung der Frauen*bewegung beitragen. Aber nur dann, wenn die Debatte von der Frauen*bewegung und ihren Subjekten, den Frauen*, selbst gef\u00fchrt wird. Dabei geht es um die Frage, wie sehr der 8. M\u00e4rz und die Frauen*bewegung mit zunehmender Popularit\u00e4t vom Kapital und einem neoliberalen \u201eFeminismus\u201c vereinnahmt werden.</p><p>Jenseits der theoretischen Debatte geht es dabei beispielsweise um die Reklamestrategien von vielen Marken, die mit speziellen Angeboten, Werbespots, Geschenken und dergleichen versuchen, aus der Popularit\u00e4t des 8. M\u00e4rz Profit zu schlagen. Aber sind die Frauen*bewegung und der Feminismus einfach ein \u201eDing\u201c, das sich jeder nach Belieben aneignen kann?</p><p>Der Inhalt des Feminismus wird bestimmt von Kampf der Frauen*bewegung und ihrer Subjekte. Die Vorstellung, wonach Frauen* nicht als Subjekte gesehen werden und nahelegt wird, dass die Frauen* bei ein, zwei Werbespots gleich die ganze Geschichte ihrer Unterdr\u00fcckung vergessen und ins n\u00e4chste Gesch\u00e4ft laufen, um sich dort mit \u201epro-feministischen\u201c Schminkutensilien oder Schuhen einzudecken und dann sagen \u201ejetzt sind wir stark!\u201c, ist nichts anders als die Fortschreibung der Geschlechterrollen, die Frauen seit jeher zugeschrieben werden.</p><p>Vielleicht denken sich ja einige revolution\u00e4re M\u00e4nner, dass die Frauen* vom neoliberalen Kapitalismus ausgetrickst werden und nun dringend die Hilfe marxistischer M\u00e4nner brauchen, damit sie sich davon befreien k\u00f6nnen.</p><p>Sehen die Genossen denn nicht, welchen Schaden dem Kapitalismus zugef\u00fcgt wird, wenn Millionen von Frauen* in Spanien am 8. M\u00e4rz streiken? Welche populare Kraft entwickelt wird, wenn Frauen* in Argentinien zuerst gegen Femizide protestieren und dann ihre Forderungen auch auf klassenk\u00e4mpferische Inhalte erweitern? Wenn die Proteste der Frauen* gegen Trump mit den Debatten um den Feminismus der 99% einen anti-kapitalistischen Charakter gewinnen? Teilweise wird so getan, als k\u00e4men diese Entwicklungen nicht von k\u00e4mpfenden Frauen* selbst.</p><p>Mit solchen und \u00e4hnlichen Aussagen und Herangehensweisen wird eine t\u00e4glich st\u00e4rker werdende, sich weltweit ausbreitende Bewegung einfach zur Seite geschoben. Es ist wohl auch kaum ein Zufall, dass einige M\u00e4nner glauben, sie w\u00fcrden tiefsch\u00fcrfende Theoriearbeit leisten, weil sie<i> Das Kapital</i> von Karl Marx gelesen haben \u2013 aber von den vielen wichtigen feministischen Debattenbeitr\u00e4ge der letzten Jahre oder auch \u00fcberhaupt von den internationalen feministischen Debatten haben sie keinen Schimmer. Doch wir schulden ihnen nichts, wir haben ihnen nichts zu beweisen. Selbst wenn wir Fehler machen, dann sind das unsere Fehler und wir werden sie selbst korrigieren.</p><p>Wenn Diskussionen \u00fcber Probleme und Perspektiven des Kampfes in der Frauen*bewegung selbst stattfinden, dann hat das viel mehr Bedeutung. Zudem sind diese Diskussionen inhaltlich und formal zielf\u00fchrender. Die Frauen*bewegung befindet sich an einer wichtigen Schwelle und alle Frauen* haben Anteil an ihrer weiteren Entwicklung. Im Zentrum der Debatte steht auch in der T\u00fcrkei das weltweit diskutierte Thema, inwiefern neoliberale Politik versucht, den Feminismus zu vereinnahmen. Was sich in den Diskussionen zum Frauen*streik ausdr\u00fcckt, ist die Debatte um die heutigen kapitalistischen Produktions- und Reproduktionsverh\u00e4ltnisse. Dass dies auch in der T\u00fcrkei immer mehr diskutiert wird, h\u00e4ngt unter anderem mit dem erneuten weltweiten Aufschwung der Frauen*bewegung zusammen. Eine solch lebendige und produktive Debatte gab es zuletzt wohl in den 1980ern. Was uns von damals erhalten blieb, ist eine umfassende Literatur und viele verschiedene Feminismen. Es ist aber ein Merkmal und eine besondere St\u00e4rke der Frauen*bewegung, dass sie trotz all dieser verschiedenen Str\u00f6mungen als praktische Bewegung den Zusammenhalt bewahrt hat. Anders w\u00e4re die aktuelle internationale Entwicklung kaum m\u00f6glich.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Polizei Istanbul 8. M\u00e4rz\" height=\"3024\" src=\"/media/images/IMG_4350.original.jpg\" width=\"4032\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Die Polizei versucht, die Frauen* aufzuhalten, aber keine Chance.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h2><b>Feministische Solidarit\u00e4t gegen Plastikkugeln und Lynchmob</b></h2><p>Auch wenn der Gegenwind und die patriarchalen Vorstellungen, welche die Frauen*bewegung zu vereinnahmen und zu spalten versuchen, traditionsgem\u00e4\u00df im Vorfeld des 8. M\u00e4rz erneut Fahrt aufnahmen, gingen die Frauen* in der T\u00fcrkei gemeinsam und kraftvoll auf die Stra\u00dfe. Auch dieses Jahr gab es wieder in der ganzen T\u00fcrkei Aktionen, Proteste, M\u00e4rsche. In vielen kleineren Provinzen gab es zumindest Veranstaltungen. In Istanbul fand zum 17. Mal der feministische Nachtmarsch statt, zu dem trotz der harschen, repressiven politischen Atmosph\u00e4re zehntausende Frauen* zum, von der Polizei abgeriegelten, Taksim-Platz kamen. Die Polizei war darauf aus, die Frauen* nicht marschieren zu lassen. Aber der Wille und die Standfestigkeit der Frauen* zwangen sie dazu, einen kleinen Teil der Istikl\u00e2l-Stra\u00dfe wieder zu \u00f6ffnen. Doch als die Frauen* darauf dr\u00e4ngten, weiter zu marschieren, wurden sie mit Tr\u00e4nengas und Gummigeschossen angegriffen. Doch sie lie\u00dfen sich nicht auseinandertreiben, blieben standfest und erk\u00e4mpften so einen gro\u00dfen Erfolg.</p><p>Der patriarchale Staat wollte den Frauen*, die immer mehr zur st\u00e4rksten und wichtigsten gesellschaftlichen Opposition gegen das AKP/Erdo\u011fan-Regime geworden sind, eine Lektion erteilen.</p><p>Dabei geht es nicht nur um Opposition gegen die Politik der AKP. Eine immer st\u00e4rker werdende Frauen*bewegung ersch\u00fcttert Staat, Patriarchat und Kapitalismus in der T\u00fcrkei in ihren Grundfesten. Die Panik dar\u00fcber dr\u00fcckt sich in der Art und Weise aus, wie der Frauen*marsch von der Polizei angegriffen wurde. Aber die Frauen* sind ruhig und konsequent geblieben. So war am Ende die Message nicht, \u201ewie die Polizei die Frauen* attackierte\u201c, sondern \u201ewie die Frauen* Widerstand leisteten\u201c.</p><p>Die Frauen* kamen gest\u00e4rkt aus dem 8. M\u00e4rz und die Legitimit\u00e4t des Regimes erlitt einen weiteren Schlag. Das wollte das Regime nicht auf sich beruhen lassen und versuchte, am n\u00e4chsten Tag die Lage in seinem Sinne darzustellen. Ein Video von protestierenden Frauen* wurde von Pr\u00e4sident Erdo\u011fan genutzt, um den Frauen* vorzuwerfen, sie h\u00e4tten den Gebetsruf ausgepfiffen und ausgebuht. Die Folge war, dass tags darauf ein Mob von mehreren hundert Leuten in der N\u00e4he vom Taksim durch die Stra\u00dfen zog und Frauen* sowie alle \u201epotentiellen Oppositionellen\u201c bedrohte.</p><p>Die Frauen* antworteten darauf mit einer deutlichen Erkl\u00e4rung: Jede*r, der*die schon mal auf der Istikl\u00e2l-Stra\u00dfe war, wei\u00df um die Unm\u00f6glichkeit, den Gebetsruf an dieser Stelle inmitten einer Demo und Polizeiattacken zu h\u00f6ren. Das Pfeifen und die Slogans der Frauen* waren gegen die Polizei gerichtet und nicht gegen den Gebetsruf.</p><p>Es sieht ganz danach aus, als wollte das Regime eine Lynchmentalit\u00e4t gegen die Frauen*bewegung mobilisieren. Das Regime d\u00fcrfte allerdings schnell gemerkt haben, dass ein potentieller Lynchmob au\u00dfer Kontrolle geraten k\u00f6nnte. Und in einer so fragilen Situation wie der heutigen in der T\u00fcrkei, noch dazu knapp vor den Wahlen, h\u00e4tte eine solche Lynchmentalit\u00e4t durchwegs ins Chaos f\u00fchren k\u00f6nnen. Das Kr\u00e4ftegleichgewicht im Staat und innerhalb der herrschenden Klasse ist sehr fragil, genauso wie die gesellschaftlichen Widerspr\u00fcche jederzeit explodieren k\u00f6nnen. In dieser Situation wollte das Regime das Risiko offensichtlich nicht eingehen und ruderte letztendlich schnell wieder zur\u00fcck. Gleichzeitig wurde aber angek\u00fcndigt, juristische Untersuchungen gegen Frauen*, die an der 8. M\u00e4rz-Demo teilnahmen, einzuleiten. Schon als <a href=\"https://revoltmag.org/articles/campushexen-kann-man-nicht-festnehmen/\">Hatice G\u00f6z</a> [feministische Aktivistin, die drei Monate im Gef\u00e4ngnis war; Anm. d. Red.] festgenommen wurde, haben wir darauf hingewiesen, dass dieser Angriff eigentlich ein Angriff auf die gesamte Frauen*bewegung war und dass dies nur der Anfang ist. Jetzt sind wir offensichtlich an dem Punkt angelangt, dass jeglicher feministische Aktivismus als \u201eTerrorismus\u201c gewertet wird.</p><p>Es ist sicher nicht zu viel gesagt, wenn wir festhalten, dass das t\u00fcrkische Regime die St\u00e4rke der Frauen*bewegung zu brechen versucht. Denn es ist n\u00e4mlich genau diese St\u00e4rke, die zu Rissen im herrschenden Block f\u00fchrt. Das zeigt, wie sehr eine starke Frauen*bewegung und gesellschaftliche Opposition das Regime ersch\u00fcttern k\u00f6nnen.</p><p>Erneut haben wir also einen 8. M\u00e4rz erlebt, an dem die stetig st\u00e4rker werdende feministische Bewegung auf der Stra\u00dfe eine neue, freie und gleiche Welt einforderte. Auf der ganzen Welt haben Frauen* teils dieselben, teils divergierende Forderungen lautstark zum Ausdruck gebracht und gezeigt, dass sie nicht aufh\u00f6ren werden zu k\u00e4mpfen, bis sie sie ihre Forderungen durchgesetzt haben.</p><p></p><p><i>Aus dem T\u00fcrkischen \u00fcbersetzt von Max Zirngast.</i></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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M\u00e4rz lautstark ihre gemeinsamen und auch unterschiedlichen Forderungen zum Ausdruck gebracht und gezeigt, dass sie nicht aufh\u00f6ren werden zu k\u00e4mpfen, bis sie ihre Forderungen durchgesetzt haben. Meral \u00c7\u0131nar mit einer Einsch\u00e4tzung zum 8. M\u00e4rz in der T\u00fcrkei."}, {"title": "\u201e1000 kleine Revolutionen jeden Tag\u201c", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>\u201e1000 kleine Revolutionen jeden&nbsp;Tag\u201c</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Afrindemo Derik 20.01..jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/Afrindemo_Derik_20.01..2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Feministische Delegation</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Eine feministische Delegation von mehreren Frauen* aus verschiedenen Orten Deutschlands reist drei Monate lang durch Rojava \u2013 mit dem Ziel, die Frauenrevolution in Nord-Ostsyrien sichtbarer zu machen. Wir haben uns \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum mit der Kampagne \u00fcber Erfahrungen, Herausforderungen und Perspektiven ausgetauscht, Fragen und \u00dcberlegungen zwischen Europa und Rojava hin- und hergeschickt. Entstanden ist eine sehr umfangreiche Diskussion mit den beteiligten Frauen*, die wir hiermit dokumentieren. Die Reise ist ein Teil der feministischen Kampagne &quot;Gemeinsam K\u00e4mpfen&quot;.</i><br/><br/><b>Als Delegation trefft ihr euch immer wieder mit unterschiedlichen Teilen der Frauenbewegung in Rojava. Welche Strukturen k\u00f6nnen wir uns darunter vorstellen und wie sind sie organisiert?</b><br/><br/><b>Charlotte</b>: Wir konnten auf unserer Delegationsreise unheimlich viel sehen und erfahren. Wir waren neben den Kantonen Heseke, Koban\u00ee und Qamishlo auch in den neu befreiten Gebieten, also Tabqa, Raqqa und Minbic. Dort ist der Aufbauprozess noch ganz frisch und man merkt, mit welcher Begeisterung sich die Frauen dort organisieren. An jedem Ort, an dem wir waren, konnten wir mit Vertreterinnen aus Bildung, Verteidigung, Wirtschaft, Kunst und Kultur und vielem mehr reden. Das hatte eine unglaubliche thematische Vielfalt.<br/><br/><b>Jana</b>: Man kann sich das so vorstellen, dass das komplette Gesellschaftssystem konf\u00f6deral organisiert ist. Es gibt die Kommunen als kleinste Basis. Eine Kommune umfasst in einer Stadt wie Derik etwa 40 \u2013 60 Haushalte. Danach folgen die R\u00e4te, dann die Stadtverwaltungen und die Landkreisebene. In dieser Struktur, sowie in allen gesellschaftlichen Bereichen, gibt es immer eine autonome Frauenorganisierung. Der Dachverband der Frauenorganisierung f\u00fcr Rojava hei\u00dft Kongreya Star. Darunter sind alle Frauen der Region organisiert, aber oft zus\u00e4tzlich in verschiedenen Komitees der gesellschaftlichen Bereiche. Auch wenn eine Frau in gemischten Strukturen arbeitet, ist sie automatisch Teil von Kongreya Star und hat somit immer die Frauenorganisierung im R\u00fccken. In allen Institutionen, Organisationen, R\u00e4ten und Kommunen aber auch gesellschaftlichen Bereichen gibt es immer einen Co-Vorsitz, also jeweils eine Frau und einen Mann.<br/><br/><b>Anna</b>: Es wird versucht, alle Angelegenheiten erstmal in der Kommune zu regeln und da wird ganz viel gesprochen und diskutiert. Als Verantwortliche der Kommune geht man in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden in alle Familien und fragt nach was gerade ansteht, ob es Probleme gibt, was ben\u00f6tigt wird.<br/><br/><b>Isa</b>: Die ganze Art der Politik, die angestrebt wird ist eine andere, als wir sie kennen. Ziel ist immer eine gemeinschaftliche L\u00f6sung zu finden. Werte aus matriarchalen Gesellschaften spielen dabei auch immer eine zentrale Rolle: Also der Ansatz, gemeinschaftliche Werte zu schaffen wie Kommunalit\u00e4t, Diskussion im Konsens, ein f\u00fcrsorgliches und verantwortungsvolles Miteinander und so weiter. Das l\u00e4sst sich dann auch nicht nur durch Personen und Strukturen darstellen. Oft f\u00e4llt es hier auch schwer, durch die unterschiedlichen Strukturen zu blicken. Ich habe hier gemerkt, dass mein Blick da oft auch sehr begrenzt ist. Der Kommunalismus, wie er hier aufgebaut wird, ist auch deswegen ein Gegenpol zu sonstigen Gesellschaftsstrukturen, weil er den Blick mehr in die Zwischenr\u00e4ume der Politik lenkt. Damit meine ich, dass darauf geschaut wird, wie sich soziale Beziehungen ver\u00e4ndern, auf Entscheidungsprozesse und auf das Miteinander. Den Grad der Emanzipation kann man eben gerade nicht immer nur daran festmachen, in wie vielen Positionen Frauen jetzt die Rolle der M\u00e4nner einnehmen, sondern vielmehr daran, in welcher Art und Weise Politik gemacht wird und worin Probleme wahrgenommen werden.<br/><br/><b>Man h\u00f6rt in diesem Kontext auch \u00f6fter den Begriff \u201eJineoloji\u201c. K\u00f6nnt ihr ihn kurz erkl\u00e4ren?</b><br/><br/> <b>Jana</b>: Grob aus dem Kurdischen \u00fcbersetzt meint der Begriff \u201eWissenschaft der Frau\u201c. Sie versucht, aus der Geschichte \u2013 etwa aus der Geschichte der Frauen \u2013 heraus Antworten zu entwickeln, wie eine geschlechterbefreite Gesellschaft aussehen kann. Insgesamt verfolgt die Jineoloji einen ganzheitlichen und gesellschaftlichen Ansatz.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Ich w\u00fcrde gerne nochmal auf den Begriff der Wissenschaft eingehen. Das klingt erstmal so statisch. Aber es ist wichtig zu begreifen, dass es nicht nur Wissenschaft im westlichen Sinne ist, sondern die Wissenschaft des Lebens. Es geht darum, wieder ein Leben aufzubauen das nicht entfremdet ist. Deshalb schauen wir auch in die Geschichte, um zu sehen, dass der Kampf der Frauen immer ein Kampf f\u00fcr ein herrschaftsfreies Leben war. Die Jineoloji bezieht sich dazu viel auf matriarchale Forschung und die zentrale Rolle der Frau. Man kann sagen, dass die Frauenrevolution in Rojava und alles was hier aufgebaut wird, also die Werte und die Form, aus der Jineoloji kommen. Das alles geht Jahrtausende zur\u00fcck. Das Prinzip der Kovorsitzenden zum Beispiel oder auch die Kommunenorganisierung, dazu gab es schon Funde in arch\u00e4ologischen St\u00e4tten. Allgemein geht es nie nur um Wissensansammlung, sondern um die Frage: Was bedeutet das Wissen f\u00fcr unser Leben.<br/><br/><b>Welche konkreten politischen Forderungen oder auch Entwicklungen seht ihr denn vor Ort, von denen ihr sagen w\u00fcrdet: Hier wird das praktisch umgesetzt?</b><br/><br/><b>Isa</b>: Da gibt es viel. Es finden zum Beispiel Oral History-Forschungen statt: Ganz unterschiedliche Frauen der Gesellschaft hier werden zu ihrem Leben befragt, aber auch dazu, was sie sich f\u00fcr die Zukunft w\u00fcnschen, welche Ver\u00e4nderungen passieren sollen und so weiter. Die Jineoloji Zentren sind sowohl ein Ort der Forschung, aber auch ein Anlaufpunkt. So findet beispielsweise in Derik w\u00f6chentlich eine Veranstaltung f\u00fcr Kinder statt, in der Filme oder M\u00e4rchen geguckt werden und im Nachhinein dar\u00fcber diskutiert und ein kritische Perspektive ge\u00fcbt wird. Jineoloji ist mittlerweile auch ein Unterrichtsfach in den Schulen geworden und an der Universit\u00e4t in Qamishlo gibt es eine Jineolojifakult\u00e4t. Das ist schon unglaublich. Frauen k\u00f6nnen dort studieren und \u00fcber die Widerstandsgeschichte der Frauen lernen.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Jinwar, das Frauendorf, d\u00fcrfen wir auch nicht vergessen. Das ist letzlich auch ein Forschungsprojekt der Jineoloji. Es zeigt sehr gut den Punkt, den ich stark machen wollte: das Wissenschaft auch immer mit dem Leben in Verbindung steht und nicht ohne gedacht werden darf. Die Frage, die dabei immer mitschwingt, ist ja: Was macht ein freies Leben aus? Und was zeigt sich in diesem Mikrokosmos in der Gesellschaft, der von Frauen aufgebaut wird? Was kann daraus f\u00fcr die Gesellschaft in ganz Nord- und Ostsyrien gezogen werden?<br/><br/><b>Wo seht ihr denn Schwierigkeiten und Herausforderungen, die es ja auch in emanzipatorischen Projekten wie Rojava gibt?</b><br/><br/> <b>Charlotte</b>: Eine zentrale Herausforderung ist die Kriegssituation. Da geht einfach unheimlich viel an Kraft, materiellen und auch personellen Ressourcen, hinein. Und nat\u00fcrlich ist auch der Aufbauprozess in der Gesellschaft davon gepr\u00e4gt. Eine Frage, die beantwortet werden muss, ist ja, wie man eine langfristige Perspektive bietet. Durch die konstante Bedrohung des Projekts haben die Menschen Angst, dass all die M\u00fchen des Aufbaus umsonst sind oder f\u00fcrchten zum Beispiel, dass die Schulabschl\u00fcsse ihrer Kinder irgendwann nichts wert sind. Manche schicken ihre Kinder deshalb auf Schulen des syrischen Regimes. Die andauernde Bedrohungssituation f\u00fchrt auch zu einer Militarisierung der Gesellschaft insgesamt. Viele Jugendliche tragen Milit\u00e4rkleidung, die Tradition von Milit\u00e4rparaden wird fortgesetzt und so weiter. Das sehe ich kritisch.<br/><br/><b>Isa</b>: Die Frage, wie eine Revolution den Menschen eine langfristige Perspektive bieten kann, die eine Sicherheit gibt, kommt immer wieder auf. Es ist schwer, eine bed\u00fcrfnisbefriedigende Infrastruktur zu gew\u00e4hrleisten trotz Kriegsdrohungen, Wirtschaftsembargo, Nicht-Anerkennung durch verschiedene Staaten und ganz konkret auch Fachkr\u00e4ftemangel. Wir haben einige Menschen mit gesundheitlichen Probleme getroffen, die durch das Embargo hier nicht die ad\u00e4quate Gesundheitsversorgung erhalten k\u00f6nnen, die sie brauchen. Wenn sie es sich leisten k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie dann lange Wege nach Damaskus oder in den Irak in Kauf nehmen, um diese zu behandeln.<br/><br/><b>Sarah</b>: Eine gro\u00dfe Herausforderung ist das Thema \u00d6kologie. Im demokratischen Konf\u00f6deralismus ist \u00d6kologie eine der zentralen S\u00e4ulen und ich habe erst hier den ganz praktischen Aspekt davon verstanden. Wenn man in die Geschichte der Region schaut, ist hier durch die Kolonisierung die nat\u00fcrliche Vegetation v\u00f6llig verschwunden. Unter dem Assad-Regime wurde der Monokulturanbau vorangetrieben \u2013 und nun steht man vor einem Brachfl\u00e4che. In der Umgebung der Stadt Rim\u00ealan zum Beispiel gibt es ein riesiges Erd\u00f6lf\u00f6rderungsgebiet, dass damals vom Regime ausgebaut wurde. Nat\u00fcrlich ist \u00d6l keine \u00f6kologische Ressource, aber man kann auch nicht auf die Einnahmen durch den Verkauf des \u00d6ls verzichten. Es gibt auch Pl\u00e4ne f\u00fcr alternative Energieversorgung, aber momentan kaum Kapazit\u00e4ten daf\u00fcr, sie umzusetzen. Da werden dann die Herausforderungen sichtbar. Zudem braucht es viel Bildung, um ein \u00f6kologisches Bewusstsein unter den Menschen zu schaffen. Zum Beispiel auch bei der M\u00fcllentsorgung. Die ist aber gleichzeitig auch ein Beispiel daf\u00fcr, wie sich die Bev\u00f6lkerung aktiv der Herausforderung stellt: Es gibt in manchen St\u00e4dten einmal im Monat eine gemeinsame M\u00fcllsammelaktion, an der bestenfalls die ganze Bev\u00f6lkerung teil nimmt.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Um einen weiteren Punkt aufzumachen: Ich sehe auch immer die Gefahr einer Verstaatlichung, obgleich es ja eigentlich eine Gegenbewegung dazu sein sollte. In Amude allein, einer Kleinstadt hier, gibt es beispielsweise 35 Institutionen. Um Gas zu bekommen, muss man sich erstmal an vier verschiedene Institutionen wenden. Die Vorsitzende der Stadtverwaltung in Derik erz\u00e4hlt uns, dass die Menschen bei Problemen oft erstmal in die Stadtverwaltung kommen \u2013 und nicht versuchen, es in ihrer Kommune zu l\u00f6sen. Das liegt nat\u00fcrlich auch daran, dass die Menschen Strukturen machen, die sie kennen. Es geht hier auch nicht darum, den Staat von null auf hundert abzuschaffen, aber gleichzeitig auch nicht darum, alles wieder zu b\u00fcrokratisieren.<br/><br/><b>Sarah</b>: Und nat\u00fcrlich ist es ein Problem auf dem Weg zu einer befreiten Gesellschaft, wenn Eigentumsverh\u00e4ltnisse fortbestehen. Der Ansatz hier ist aber eben erstmal Bildungen zu machen und Werte zu vermitteln. Das irgendwann die Einsicht auch da heraus kommt, dass es nicht wichtig ist, dass das Feld oder das Gesch\u00e4ft mir geh\u00f6rt.<br/><br/><b>Jana</b>: Mir ist hier auch bewusstgeworden, wie zentral Bildung ist. Sie ist der Grundstein f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung, die eben nicht durch Zwang passieren kann. Durch Bildungen werden Frauen erm\u00e4chtigt, \u00fcber die eigene Rolle zu reflektieren, in ihnen wird der Bev\u00f6lkerung vermittelt, wie ich mich zu meiner Umwelt in Bezug setze, wie ich mit M\u00fcll umgehe und vieles mehr. Es wird auch viel Wert auf Bildungen f\u00fcr M\u00e4nner gelegt, ihre Position in der Gesellschaft zu hinterfragen.<br/><b><br/>Was seht ihr mit einem feministischen Fokus auf die Anforderungen, die es in Rojava zu stemmen gibt?</b><br/><br/><b>Jana</b>: Ich sehe auf jeden Fall eine Schwierigkeit in der Doppelbelastung der Frauen, die durch die politische Organisierung entsteht. Das ist auf Dauer eine Herausforderung, neben den vielen Treffen noch Haushalt und die Kinder zu managen. Denn das ist leider auch Realit\u00e4t: Rojava ist noch ein junges Projekt und man merkt, wie lange es dauert, bis sich gerade diese Rollenverteilung aufl\u00f6st. Durch die Bildungen wird den Frauen dann erz\u00e4hlt, was f\u00fcr eine zentrale Rolle die Mutter hat und ich sehe die Gefahr, dass das dann falsch gedeutet wird \u2013 also, dass die Mutterschaft verherrlicht und dadurch auf die einzelne Frau abgelegt wird.<br/><br/><b>Anna</b>: Ich verstehe deinen Punkt. Aber das mit der Verherrlichung der Mutter ist zu einfach gesagt. Bei dieser Analyse geht es ja um die Werte, die mit dem Begriff Mutterschaft verbunden sind, und nicht um die Person an sich. Es geht nicht darum, die Super-Mama zu sein oder neben deinem Job noch das Yoga mit Kind zu wuppen. Es geht darum, dass alle in der Gesellschaft die Werte der Mutter annehmen. Also Selbstlosigkeit, Achtsamkeit, Gemeinschaftlichkeit. Eine Mutter liebt alle ihre Kinder gleich und an diesen Werten m\u00fcssen wir uns alle orientieren. Das ist doch die Aussage dahinter.<br/><br/><b>Sarah</b>: Das Problem h\u00e4ngt mit den bestehenden patriarchalen Strukturen zusammen. Es h\u00e4ngt nicht an der Frau, die zu den Treffen muss, sondern an dem Mann, der nicht die gleiche Rolle \u00fcbernimmt. In jeder Familie muss eben eine Revolution passieren und das sind 1000 kleine Revolutionen jeden Tag. Das ist ja auch ein Prozess dahin, die Rolle der Mutter nicht in einem biologischen Sinn zu begreifen.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Das ist ein anderer Ansatz. Er weicht von einem eurozentrischen Blick auf Frauenbefreiung ab. Besonders in der b\u00fcrgerlichen wei\u00dfen Frauenbewegung wollte man ausbrechen aus dem Haus und die Rolle der Mutter ablehnen. Wie Nina Hagen gesagt hat: \u201eIch bin nicht deine Fickmaschine\u201c. Da hat man zum Beispiel auch Teile der schwarzen Frauenbewegung ignoriert, wenn man f\u00fcr \u201ealle Frauen\u201c gesprochen hat. F\u00fcr sie konnte das Haus auch R\u00fcckzug vor der wei\u00dfen Unterdr\u00fcckung bedeuten. In Rojava wird der Ansatz versucht, alle die Werte \u201eder Mutter\u201c in der Gesellschaft wieder auf unser gesamtes Zusammenleben \u00fcbertragen.<br/><br/><b>Anna</b>: All diese Herausforderungen zeigen, dass Revolution ein Prozess ist und Widerspr\u00fcche dazugeh\u00f6ren. Sie sind ja gerade der Ausdruck von Wandel. Wir m\u00fcssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass eine Revolution kommt und dann ist alles super.<br/><br/><b>Sarah</b>: Generell ist die Situation der Frau ein gro\u00dfes Thema in der Gesellschaft. Viele berichten von einer Verbesserung im Vergleich zu Regimezeiten oder nat\u00fcrlich zum Leben unter Daesh. Frauen k\u00f6nnen ohne Probleme das Haus verlassen, sich bilden und in die Schule gehen, sie k\u00f6nnen zentrale Positionen einnehmen und so weiter. Die Fortschritte wurden von den Frauen mit der gr\u00f6\u00dften Anstrengung erk\u00e4mpft, das haben wir immer wieder an ganz unterschiedlichen Orten geh\u00f6rt und miterlebt. Ihre Errungenschaften sind aber in Gefahr, durch die Kriegsdrohungen wieder platt gemacht zu werden. Man merkt das bei den Demonstrationen gegen die Angriffe. Es gibt eine riesige Beteiligung von Frauen, die Stimmung ist zum Teil sehr k\u00e4mpferisch.<br/><br/><b>Welche Auswirkungen die Angriffsdrohungen der T\u00fcrkei auf Rojava bekommt ihr mit?</b><br/><br/><b>Charlotte</b>: Mit den Angriffen auf Afr\u00een gab es einen gro\u00dfen Zusammenhalt der Bev\u00f6lkerung. In ganz Rojava gibt es Kundgebungen, Demonstrationen und Aktionen. Wir haben uns an vielen beteiligt. Es wird derzeit auch versucht, eine fl\u00e4chendeckende Selbstverteidigung der Zivilgesellschaft aufzubauen. Von der Gro\u00dfmutter auf dem Dorf bis zu den Jugendzentren, alle erhalten Trainings in Erste-Hilfe-Ma\u00dfnahmen, Verhalten bei Luftangriffen sowie Ausbildungen an der Waffe, um sich selbst verteidigen zu k\u00f6nnen.<br/><br/> <b>Anna</b>: Krieg, Flucht und Tod sind Themen, die wir bei allen Menschen hier immer wieder h\u00f6ren. Viele haben Angeh\u00f6rige, die im Kampf gegen Daesh oder die T\u00fcrkei gefallen sind. In jeder Stadt gibt es einen Friedhof f\u00fcr die Gefallenen. F\u00fcr viele ist das auch der Grund und die Motivation, warum sie sich organisieren.<br/><br/> <b>Welche Aufgaben k\u00f6nnen internationalistische Frauendelegationen in Rojava \u00fcbernehmen, wie kann man sich denn einen Alltag von euch dort vorstellen?</b><br/><br/><b>Charlotte</b>: Unser Alltag ist schon ein ganz anderer als in Deutschland. Hier machen wir alles zusammen. Wir stehen auf, machen gemeinsam Sport, Essen gemeinsam, verteilen unsere Arbeiten zusammen und schlafen in einem Raum. Damit in diesem engen Zusammenleben keine Konflikte entstehen, setzen wir uns regelm\u00e4\u00dfig zusammen, kritisieren uns selbst und die anderen. Das ist auch eine Methode der kurdischen Bewegung.<br/><br/><b>Jana</b>: Ich war noch nie so lange nur mit Frauen unterwegs. Besonders in einem politischen Kontext. Und bei mir hat das nochmal ein ganz tiefes Vertrauen in meine Genossinnen erwachsen lassen. In unserer Sozialisation lernen wir, nicht die F\u00e4higkeiten und das K\u00f6nnen anderer Frauen zu sehen. Wie sehr dieses Denken trotz jahrelanger feministischer Arbeit in mir drin ist, habe ich erst hier gemerkt. Umso sch\u00f6ner finde ich unser gemeinsames Leben hier. Diese Liebe zu meinen Freundinnen zu entwickeln und zu sehen, wieviel wir voneinander lernen k\u00f6nnen.<br/><br/> <b>Sarah</b>: Abseits von Interviews konnten wir uns auch ganz praktisch die Gesellschaftsarbeit angucken. Wir konnten zum Beispiel an den Familienbesuchen von Kongreya Star teilnehmen oder die Arbeit der Mala Jin mitbekommen, die sich um Probleme der Frauen k\u00fcmmern. Unsere Delegation war nat\u00fcrlich auch von der aktuellen Lage gepr\u00e4gt. Wir nahmen an den Hungerstreiks teil, bei Demos, Konferenzen oder den Aktionen der lebenden Schutzschilder in Serekaniye. Wir haben oft bei Familien geschlafen und haben das Leben dort mitbekommen. Je nachdem, in welcher Stadt und wie die dortige Sicherheitslage war, konnten wir uns auch auf uns selbst gestellt bewegen.<br/><br/><b>Anna</b>: Wir haben gemerkt, dass es ist wichtig ist, dass Frauen hierherkommen. Denn wir kommen hier alle nicht nur als Einzelpersonen hin, wir kommen hierher, um zu lernen und unser Wissen, Informationen und Werte nach Hause zu tragen und sie unseren Freund*innen, Genoss*innen und Familien und generell der \u00d6ffentlichkeit zu erz\u00e4hlen. Unsere Erfahrung war, dass prozentual sehr viel mehr M\u00e4nner herkommen und besonders internationalistische R\u00e4ume dadurch sehr m\u00e4nnerdominiert sind. Allerdings gibt es auch andere R\u00e4ume, wie YPJ International, und dort passiert neben der milit\u00e4rischen Ausbildung sehr viel Pers\u00f6nlichkeitsarbeit. Wichtig sind auch Frauen dort, die in ganz praktischen Dingen ausgebildet sind \u2013 das geht von Ingenieurinnen zu Krankenpflegerinnen zu Elektrikerinnen.</p><p><br/><b>Ihr sprecht \u00d6ffentlichkeitsarbeit an. Wie werden eurer Ansicht nach denn die Entwicklungen in Rojava in der \u201ewestlichen\u201c \u00d6ffentlichkeit wahrgenommen?</b><br/><br/><b>Isa</b>: Das unterscheidet sich zwischen linker bis linksradikaler \u00d6ffentlichkeit und Mainstreammedien. In letzteren kommt das Thema abseits von YPG und neuen Entwicklungen im Kampf gegen Daesh quasi nicht vor. Es gibt kaum eine Berichterstattung dar\u00fcber, dass hier eine Alternative aufgebaut wird und welche Rolle Frauen darin einnehmen. In einer linken \u00d6ffentlichkeit bewegt man sich h\u00e4ufig zwischen Idealisierung und Fetisch \u2013 Paradebeispiel die schwarzhaarige junge Frau mit Kalasch \u2013 oder Abgrenzung. Im Fokus ist auch dort oft nur der milit\u00e4rische Widerstand. In Gespr\u00e4chen oder Anfragen von Journalist*innen haben wir gemerkt, dass gerade im milit\u00e4rischen Bereich das Interesse gro\u00df ist, aber nicht an dem Projekt selbst.<br/><br/><b>Sarah</b>: Ich finde das auch absurd. In linken Medien wird zwar immer wieder \u00fcber die Selbstverwaltung oder das Konzept des demokratischen Konf\u00f6deralismus geredet. Aber das Frauenbefreiung ein zentraler Pfeiler ist, findet wenig Erw\u00e4hnung. Frauen \u00fcbernehmen hier eine Vorreiterinnenschaft, das l\u00e4sst sich nicht anders sagen. Und das sind nat\u00fcrlich die Frauen der YPJ, aber auch die M\u00fctter bei den menschlichen Schutzschildern oder die Frauen bei HPC Jin, den Verteidigungsstrukturen der Kommunen.<br/><br/><b>An welchen Bildern wollt ihr noch etwas ver\u00e4ndern?</b><br/><br/><b>Anna</b>: Das Bild der vermeintlich rein kurdischen Revolution. Die Strukturen hier setzen sich aus allen zusammen, die hier wohnen \u2013 und das sind nicht nur die Kurd*innen. Gerade kursiert in den sozialen Medien etwa das Bild einer kurdischen Frau mit Kalaschnikow und darunter steht \u201esupport the kurds and their allies\u201c. Besonders seit der Befreiung der haupts\u00e4chlich arabisch bewohnten Gebiete sind solche Bilder schlichtweg falsch. Das haben wir auch in unseren Besuchen in Tabqa und Rakka gemerkt. Diese Vorstellung, der Demokratische Konf\u00f6deralismus sei einzig ein \u201eKurdenprojekt\u201c, die stimmt einfach nicht.<br/><br/><b>Jana</b>: Ich m\u00f6chte auch dieser Revolutionsromantik gerne etwas entgegensetzen. Es ist hier nicht perfekt. Aber gleichzeitig w\u00e4re es auch komisch, wenn dem so w\u00e4re. Hier wird mit einer unheimlichen Anstrengung an allen Ecken und Enden etwas aufgebaut. Das hat nat\u00fcrlich Fehler und die geh\u00f6ren dazu.<br/><br/><b>Isa</b>: Da haben wir ja mit Antipropaganda noch gar nicht angefangen. Ich habe schon mehrfach in Artikeln gelesen, dass die Bewegung hier eigentlich total autorit\u00e4r und menschenverachtend sei und die Befreiung der Frau nur als Vorwand n\u00e4hme, um dies zu verschleiern. Das ist wirklich vollkommen haneb\u00fcchen und sexistisch. Es zeichnet wieder ein Bild der Frau, die nicht f\u00fcr sich selbst entscheiden kann.<br/><br/><b>Sarah</b>: Auch die Linke muss auch ihren Blick auf Revolution \u00e4ndern. Viele sagen, das Projekt in Rojava sei keine Revolution, da der erste Schritt hier die Frauenbefreiung und nicht die \u00f6konomische Umverteilung ist. Bei dem Blick auf die Bewertung von Rojava scheint die Unterscheidung in Haupt- und Nebenwiderspruch noch sehr in den Menschen drin zu sein.<br/><br/><b>Was nehmt ihr pers\u00f6nlich aus dem Austausch f\u00fcr eure K\u00e4mpfe in Europa mit?</b><br/><br/><b>Jana</b>: Mir ist die Relevanz einer autonomen Frauenorganisierung nochmal deutlicher geworden. Vor allem, wie das auch im Gro\u00dfen aussehen kann. Im gleichen Zuge merke ich, dass es nicht dabei stehen bleiben kann. Eine feministische Analyse und Erkenntnisse muss sich in einem zweiten Schritt auch auf die Arbeit mit unseren m\u00e4nnlichen Genossen ausweiten. Die Frauen hier behalten immer die gesamtgesellschaftliche Perspektive im Auge. In den Gespr\u00e4chen hier habe ich schon oft die Frage gestellt: \u201eWie schafft ihr das? Ihr musstet so viele K\u00e4mpfe mit euren V\u00e4tern, Br\u00fcdern und Genossen f\u00fchren, wie habt ihr es geschafft, die gemeinsame Perspektive zu behalten und ihnen zu verzeihen?\u201c Und die Antwort war wirklich immer: \u201eEs geht nicht anders. Es w\u00fcrde uns nichts bringen, wenn wir sie einfach zur\u00fccklassen\u201c. Das war in meinen feministischen Zusammenh\u00e4ngen nicht so. Dort war die Antwort oftmals eher: \u201eIch habe schlechte Dinge mit M\u00e4nnern erlebt und jetzt arbeite ich nicht mehr mit ihnen\u201c. Aber was ist dann unsere Perspektive?<br/><br/><b>Anna</b>: Wir waren hier, als der Krieg angek\u00fcndigt wurde und alle dachten, das wird in den n\u00e4chsten Tagen passieren. Was ich da mitnehme ist, dass trotz dessen die Arbeiten weitergehen. Hier war keine Paralyse zu merken. Man hat weitergemacht und sich nicht davon bestimmen lassen. Da kann man auch viel f\u00fcr zuhause lernen. Es kann Kraft geben. Wenn man sich zum Beispiel monatelang in irgendeinem Kaff in Sachsen mit Feuerwehr-Politik gegen Rechts abarbeitet \u2013 und das ist nat\u00fcrlich wichtig und gar nicht anders m\u00f6glich \u2013 w\u00e4hrenddessen nicht Aufbauarbeiten und Perspektiven zu vergessen.<br/><br/><b>Isa</b>: Das hat auch viel mit Hoffnung und Verbindlichkeit zu tun. Damit, auch in schwierigen Zeiten den Mut nicht zu verlieren. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir eine gemeinsame Kraft entwickeln. Hier sterben so viele Menschen und das hinterl\u00e4sst nat\u00fcrlich immer ein Loch \u2013 aber die Angeh\u00f6rigen ziehen daraus auch ihre Kraft, weiter an der Sache zu arbeiten. Denn diese Menschen sind f\u00fcr eine andere, eine befreite Welt gestorben und diesen Kampf wollen sie weitertragen. Das h\u00e4ngt auch mit Verbindlichkeit dem Widerstand gegen\u00fcber zusammen. Je mehr Geschichten und Gespr\u00e4che man h\u00f6rt, desto unwahrscheinlicher wird es zu sagen: \u201eIch habe keinen Bock mehr auf Politik\u201c. Als w\u00e4re das eine Entscheidung. Wir hatten hier ein <a href=\"http://gemeinsamkaempfen.blogsport.eu/2019/03/03/sehid-helin-lives-forever/\">Interview mit einer engen Freundin</a> von Anna Campbell. Das hat mich sehr ber\u00fchrt. Sie hat uns erz\u00e4hlt, dass sie nach ihrem Tod einfach nicht mehr sagen kann, ich ziehe mich jetzt raus oder ich habe keine Lust mehr.<br/><br/><b>Sarah</b>: Dazu geh\u00f6rt auch, eine gemeinsame Perspektive und gemeinsame Werte zu entwickeln. Sich nicht von Konflikten spalten zu lassen, sondern Methoden zur Konfliktl\u00f6sung und zur Zusammenarbeit zu finden. Das h\u00e4ngt zum einen viel mit der Arbeit an sich selbst und andererseits mit der Herangehensweise an Genossenschaftlichkeit (Hevalt\u00ee) zusammen. Damit ist Vorstellung gemeint, gemeinsam in einem revolution\u00e4ren Prozess zu wachsen. Das habe ich auch in meinem Umgang mit M\u00e4nnern gemerkt. Ich k\u00f6nnte nat\u00fcrlich sagen: \u201eSchei\u00df drauf, ich kann den nicht ab\u201c. Aber dann ist da nur ein Mann mehr, der sich nicht \u00e4ndert. Wir m\u00fcssen daran glauben, dass auch Typen sich \u00e4ndern k\u00f6nnen und wollen, dass auch sie wachsen und sich ver\u00e4ndern.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Was ich auch f\u00fcr meine K\u00e4mpfe mitnehme, ist ein ver\u00e4ndertes Konzept von Freiheit. Das mir meine pers\u00f6nliche, individuelle Freiheit nichts bringt, wenn andere nicht frei sind. Zum Beispiel kann ich zwar oberk\u00f6rperfrei im Berghain tanzen gehen, aber dennoch wird zwei H\u00e4user weiter eine Frau von ihrem Mann geschlagen. Wir m\u00fcssen aufh\u00f6ren, nur Schritte f\u00fcr uns zu gehen, und nicht f\u00fcr alle.<br/><br/><b>Wie ist die Kapitalismus- und Patriarchatskritik von Rojava auf europ\u00e4ische L\u00e4nder \u00fcbertragbar, und wo seht ihr Schwierigkeiten?</b><br/><br/><b>Isa</b>: Ein Punkt \u00fcber den ich viel nachdenke, ist die Analyse, dass die Frau die erste Kolonie ist. Ich gehe da zwar mit, aber ich denke, die Auswirkungen auf die politische Praxis in Europa oder westlichen L\u00e4ndern muss eine andere sein. Wir kommen aus L\u00e4ndern, die kolonisiert haben. Das d\u00fcrfen wir nicht vergessen, wenn wir diese Analysen anwenden. Rassismus ist bei uns ein zentraler Unterdr\u00fcckungsmechanismus. Wir k\u00f6nnen also nicht sagen, die Kategorie Frau ist die zentrale Kategorie f\u00fcr eine Organisierung. Damit machen wir nur selbst wieder Haupt- und Nebenwiderspr\u00fcche auf.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Wir haben in Europa auch eine andere Grundlage, wenn wir von kommunalem Leben reden. Hier geht es zum Beispiel darum, kommunales Leben zu verteidigen und zu erhalten. In Europa m\u00fcssen wir das wieder ausgraben und aufbauen. Wir befinden uns im Herzen der Bestie und deshalb brauchen wir auch andere Konzepte.<br/><br/><b>Sarah</b>: Ich finde allerdings, dass es auch wichtig ist, die Gemeinsamkeiten zu betonen. Sonst verlieren wir den Blick f\u00fcr das Ganze und konzentrieren uns wieder nur darauf, was uns trennt. Ich finde die Analyse der kurdischen Bewegung dazu sehr hilfreich, also die Begriffe der demokratischen Moderne und der kapitalistischen Moderne. Also zu sehen, dass es nat\u00fcrliche Gesellschaften \u00fcberall gab und diese bek\u00e4mpft wurden. Werte wie Gemeinschaft, der Bezug zur Natur, ein humanistisches Gewissen \u2013 das ist etwas wof\u00fcr wir alle k\u00e4mpfen und wir k\u00f6nnen uns nicht nur Sexismus oder Rassismus herausgreifen und dann nur gegen einen Mechanismus k\u00e4mpfen. Da gilt es auch, den Metropolenchauvinismus zu bek\u00e4mpfen.<br/><br/><b>Isa</b>: Es besteht immer auch die Gefahr, gewisse politische Realit\u00e4ten zu vergessen und auch die eigenen Hintergr\u00fcnde zu vergessen. Das wir dann zum Beispiel dar\u00fcber diskutieren, aber nicht dar\u00fcber, dass wir hier in einer Gruppe aus wei\u00dfen Frauen sitzen.<br/><br/><b>Anna</b>: In Europa und gerade auch Deutschland wurden systematisch matriarchale Gesellschaftsmodelle und Frauen*bilder zerst\u00f6rt. Wir reden viel zu wenig dar\u00fcber, dass wir an dem Ort leben, an dem so viele Frauen als Hexen verbrannt wurden. Da lohnt sich auch wirklich die Lekt\u00fcre von Silvia Federicis <i>Caliban und die Hexe</i>. Damit wurde sich in der zweiten Frauenbewegung unheimlich viel besch\u00e4ftigt und heute beziehen wir uns viel zu wenig darauf.<br/><br/><b>Heute ist internationaler Frauen*kampftag, und in vielen Orten international und in Deutschland finden feministische Streiks statt. Habt ihr eine Botschaft f\u00fcr eure streikenden Genossinnen*?</b><br/><br/><b>Anna</b>: Wir stehen vor vielen Herausforderungen. Wir leben in einer Welt voller Grenzen und Mauern. Manchmal so, dass wir uns nicht erreichen k\u00f6nnen und uns nicht gegenseitig kennen lernen k\u00f6nnen, um Schulter an Schulter dagegen zu k\u00e4mpfen. Eine internationalistische Perspektive \u00fcberschreitet und durchbricht diese Grenzen. Und das bedeutet, die Notwendigkeit zu erkennen, dass wir unsere K\u00e4mpfe miteinander verbinden. Dass wir an jedem Ort an dem wir sind, f\u00fcr wirkliche Freiheit und Gerechtigkeit k\u00e4mpfen und verstehen, welche Rolle wir in diesem Kampf einnehmen k\u00f6nnen.<br/><br/><b>Jana</b>: Ich m\u00f6chte meinen Schwestern \u00fcberall auf der Welt viel Kraft f\u00fcr ihre K\u00e4mpfe schicken und dass dieser Widerstand ein Widerstand ist, den wir seit Jahrhunderten f\u00fchren. Denn: \u201ewir sind die Enkelinnen der Hexen, die sie nicht verbrennen konnten\u201c!<br/></p><hr/><p><i>Die Kampagne \u201eGemeinsam K\u00e4mpfen\u201c entstand aus feministischen und internationalistischen Zusammenh\u00e4ngen in Deutschland. Sie m\u00f6chte globale feministische Perspektiven f\u00fcr basisdemokratische Gesellschaftsformen entwickeln.</i></p><p><i>Link zu Blogbeitr\u00e4gen der Delegation auf der</i> <a href=\"http://gemeinsamkaempfen.blogsport.eu/category/feministische-delegation-rojava/\">Webseite der Kampagne.</a></p><p>Das Artikelbild zeigt eine Demonstration gegen die Afrin-Invasion in Derik am 20.1.2019.<br/><br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/1000-kleine-revolutionen-jeden-tag/", "id": "https://revoltmag.org/articles/1000-kleine-revolutionen-jeden-tag/", "author": {"name": "Joan Adalar und Maja Tschumi", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2019-03-08T13:08:31.010115+00:00", "date_modified": "2021-03-15T14:01:56.513355+00:00", "tags": ["re:port", "jineoloji", "frauen*streik", "internationalismus", "feminismus", "frauenkampf", "rojava", "demokratischer konf\u00f6deralismus", "8. M\u00e4rz"], "summary": "Zum internationalen Frauen*kampftag wird es internationalistisch: Die feministische Delegation von \u201eGemeinsam K\u00e4mpfen\u201c sprach mit uns ausf\u00fchrlich \u00fcber politische Entwicklungen, Herausforderungen und Perspektiven der Frauenrevolution in Rojava."}, {"title": "Ein anderer Journalismus ist m\u00f6glich!", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Ein anderer Journalismus ist&nbsp;m\u00f6glich!</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"feministischer streik.png\" height=\"420\" src=\"/media/images/feministischer_streik.2e16d0ba.fill-840x420-c100.png\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">frauenstreik.org</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Gemeinsam schreiben, gemeinsam streiken: Als Redakteurinnen des re:volt unterst\u00fctzen wir den Aufruf \u201eEin anderer Journalismus ist m\u00f6glich\u201c. Den Aufruf haben schon am ersten Tag \u00fcber 80 Redakteurinnen* und (freie) Journalistinnen* unterschiedlicher Zeitungen und Magazine unterzeichnet. Uns eint die spitze Feder, mit der wir gegen Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung anschreiben. Der Aufruf ist aber nicht nur f\u00fcr uns Schreibende, sondern eine Aufforderung an alle Frauen*: Wir geben uns nicht mit dem Bestehenden zufrieden. Unseren Kampf gegen kapitalistische Ausbeutung und damit verbunden gegen patriarchale und frauenverachtende Verh\u00e4ltnisse f\u00fchren wir nicht alleine, sondern weltweit gemeinsam. In diesem Sinne: Wir tr\u00e4umen nicht nur von revolution\u00e4ren Zeiten, sondern setzen alles daran, diese Wirklichkeit werden zu lassen!</i></p><h2>Zum Aufruf</h2><p>Am 8. M\u00e4rz 2019 werden Frauen und Queers [1] weltweit streiken. Die Streikenden setzen sich gegen all die Formen von Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung zur Wehr, die Frauen betreffen: weil sie \u00fcberm\u00e4\u00dfig h\u00e4ufig prek\u00e4r besch\u00e4ftigt sind \u2013 etwa in Teilzeit oder im Niedriglohnbereich; weil sie sexualisierte und k\u00f6rperliche Gewalt und Bel\u00e4stigung erfahren; weil sie von klein auf mit massiv abwertenden Geschlechterbildern konfrontiert sind; weil von Frauen erwartet wird, den Gro\u00dfteil der Hausarbeit, Familienpflege und Kindererziehung unbezahlt zu leisten. Und nicht zuletzt, weil sie sich dagegen wenden, dass einige Wenige sich ihre Arbeit aneignen und zugleich patriarchale Machtverh\u00e4ltnisse am Leben halten. Ihre Arbeit ist f\u00fcr den Staat und die Unternehmen unersetzlich: Wenn Frauen und Queers all ihre bezahlte und unbezahlte Arbeit niederlegen, steht die Welt still!</p><p>Wir wollen den Streik unterst\u00fctzen und daher ebenfalls am 8. M\u00e4rz unsere Arbeit niederlegen. Als Medienschaffende haben wir die M\u00f6glichkeit, viele Menschen zu erreichen. Wir stehen mit diesem Aufruf f\u00fcr die Forderungen aller streikenden Frauen und Queers am 8. M\u00e4rz ein und wollen zudem die bestehenden Ungleichheiten in unserer eigenen Branche sichtbar machen.</p><p>Die schlechte Bezahlung und hohe Belastung in der Medienbranche trifft Frauen in besonderem Ma\u00dfe. Als Frauen leisten wir zus\u00e4tzlich zu unserer bezahlten Arbeit wesentlich mehr unbezahlte Haus- und Erziehungsarbeit als M\u00e4nner. Auch wir Journalistinnen sind auf allen Ebenen benachteiligt: als Festangestellte, als freie Mitarbeiterinnen, als M\u00fctter und unbezahlte Hausarbeiterinnen. Im Medienbereich gibt es wie in allen anderen Bereichen strukturellen Sexismus: Er offenbart sich in sexistischen Spr\u00fcchen, die Einzelnen von uns signalisieren, dass sie nicht ernst zu nehmen seien, in m\u00e4nnerb\u00fcndischen Netzwerken auch in unserer Branche, der Abwertung unserer Themen, der Geringsch\u00e4tzung unserer Arbeit, niedrigeren Honoraren und Geh\u00e4ltern oder auch darin, wer bef\u00f6rdert wird. Auch Bel\u00e4stigung und Gewalt im Arbeitskontext geh\u00f6ren f\u00fcr viele von uns zur \u00bbBerufserfahrung\u00ab. Hinzu kommt die Arbeitsverdichtung, die Redaktionen und Freie zunehmend in Zeitnot bringt.</p><p>Wir bestreiken am 8. M\u00e4rz Arbeits- und Geschlechterverh\u00e4ltnisse im Journalismus und fordern ohne Wenn und Aber:</p><ul><li><b>das Ende der Lohndiskriminierung:</b> Abseits von Symbolpolitiken und zahnlosen Tigern wie dem Entgeltgleichheitsgesetz fordern wir umfassende Transparenz bei Gehalts- und Honorarverhandlungen \u2013 sowohl f\u00fcr Festangestellte in unterschiedlichen Positionen als auch f\u00fcr freiberufliche Journalistinnen.</li><li><b>Gewalt als strukturelles Problem zu behandeln</b>: Laut einer Umfrage von 2015 im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes kennen 60 Prozent der befragten Personalverantwortlichen und Betriebsr\u00e4t_innen keine Ma\u00dfnahmen gegen sexuelle Bel\u00e4stigung am Arbeitsplatz in ihrem Unternehmen beziehungsweise ihrer Verwaltung; in fast der H\u00e4lfte der Betriebe gibt es keine Beschwerdestelle f\u00fcr diese F\u00e4lle. Wir fordern von den Gewerkschaften, den Einsatz gegen Diskriminierung und Gewalt am Arbeitsplatz zum Gegenstand von Tarifverhandlungen machen.</li><li><b>Arbeitszeitverk\u00fcrzung:</b> Als Frauen tragen Journalistinnen weiterhin die Hauptlast in der Haus- und F\u00fcrsorgearbeit. Wir fordern daher Arbeitszeitverk\u00fcrzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich.</li><li><b>Durchsetzung der Tarifbindung</b>: Wir fordern eine generelle Tarifbindung f\u00fcr Journalist_innen und damit verbunden ein Ende des Ausspielens von oft noch prek\u00e4reren Freien, die als Druckmittel genutzt werden, damit Kolleg_innen Vertr\u00e4ge mit schlechteren Konditionen annehmen.</li><li><b>Gute Arbeit auch in Haushalt und F\u00fcrsorge:</b> Wir fordern eine \u00f6ffentliche Infrastruktur mit ausreichenden und hochwertigen Pflegeeinrichtungen, Kindertagesst\u00e4tten, Horten und Ganztagsschulen, damit Kolleginnen, die Kinder haben und/oder Angeh\u00f6rige versorgen, entlastet werden.</li><li><b>Outsourcing zu beenden</b>: Damit wir als Journalistinnen \u00fcberhaupt arbeiten k\u00f6nnen, brauchen Medienh\u00e4user Reinigungspersonal, Kantinenpersonal, Geb\u00e4udesicherheit und Menschen am Empfang. Zusteller_innen bringen die gedruckte Zeitung zu den Leser_innen. Besch\u00e4ftigte in diesen Bereichen werden immer h\u00e4ufiger outgesourct und verdienen besonders wenig. Doch unsere K\u00e4mpfe sind nicht begrenzt durch unsere Position in einem Geb\u00e4ude; wir geh\u00f6ren alle zusammen. Wir fordern die Eingliederung von outgesourctem Personal in die jeweiligen Unternehmen.</li><li><b>feministischen Journalismus</b>: Wir fordern einen Ausbau der Strukturen f\u00fcr guten Journalismus! Das hei\u00dft: Schluss mit Geschlechterstereotypen in den Medien und dem Desinteresse gegen\u00fcber Problemen, die Frauen betreffen, Schluss mit der inhaltlichen Verflachung. Gegen Ignoranz und Einzelk\u00e4mpfertum, gegen elit\u00e4ren Journalismus! <b>F\u00fcr einen anderen, feministischen Journalismus!</b></li></ul><h2>Unsere Arbeitsbedingungen: Lohndiskriminierung, Bel\u00e4stigung und Gewalt</h2><p>Der Journalistinnenbund fordert Journalistinnen auf, Lohndiskriminierung nicht als \u00bbnervig\u00ab abzutun, sondern ihre Rechte einzufordern. Und an dieser Stelle endet die Benachteiligung von Frauen in Medienberufen noch lange nicht.</p><p><b>Die Lage von Redakteurinnen</b></p><p>Ein paar wenige Journalistinnen in Leitungsfunktionen sind oft das Feigenblatt der m\u00e4nnlich gepr\u00e4gten Redaktionen. Befristete Vertr\u00e4ge, konstanter Stress und unbezahlte \u00dcberstunden \u2013 die Arbeitsbedingungen sind ohnehin mies, doch noch mieser f\u00fcr Frauen, die Kinder haben, einen Gro\u00dfteil der Haushaltsarbeit erledigen m\u00fcssen und kranke Angeh\u00f6rige zu versorgen haben. Journalistinnen verdienen durchschnittlich 5,6 Prozent weniger als Journalisten \u2013 selbst wenn sie die gleiche Berufserfahrung haben und immer Vollzeit arbeiten. Auch innerhalb der Redaktionen ist m\u00e4nnliche Dominanz tagt\u00e4glich zu sp\u00fcren \u2013 zum Beispiel, wenn es darum geht, wer die Themen setzt, wessen Beitrag einen prominenten Platz erh\u00e4lt oder wer als kompetenter gilt, ein Thema zu kommentieren. Hinzu kommt, dass feministische Themen und Themen, die Frauen betreffen, mitunter so behandelt werden, als ob sie keine Expertise voraussetzten. Doch Feminismus und Genderthemen sind keine Kleinigkeit, die man sich mal eben nebenbei aneignet. Auch diese Themen setzen jahre- und jahrzehntelange Besch\u00e4ftigung und Erfahrung voraus. Auch hierdurch wird die Arbeit von Frauen und Queers unsichtbar gemacht, ihre Kenntnisse abgewertet.</p><p><b>Die Lage von freien Journalistinnen</b></p><p>Es ist bekannt, dass die soziale Lage freier Journalistinnen schlecht ist, weil auch Medienunternehmen sich bei Honoraren immer weiter gegenseitig unterbieten. Weniger bekannt ist der Gender Pay Gap, also die unterschiedliche Bezahlung nach Geschlecht, unter freiberuflichen Journalistinnen: Rund 35 Prozent der weiblichen Freelancer sind Geringverdienende, bei ihren m\u00e4nnlichen Kollegen sind das nur etwa 23 Prozent. Freiberuflichkeit trifft Frauen also h\u00e4rter. Honorare sind au\u00dferdem h\u00e4ufig intransparent, was Raum f\u00fcr Diskriminierung l\u00e4sst. Au\u00dferdem werden in vielen Redaktionen bei der Auftragsvergabe M\u00e4nner bevorzugt.</p><p><b>\u2026 und dar\u00fcber hinaus als Frau</b></p><p>Eine Journalistin in Deutschland verdient durchschnittlich 2.436 Euro netto, ein Journalist 3.151 Euro. Der Unterschied liegt somit bei 22,7 Prozent. Ein Grund: Frauen \u00bbsetzen aus\u00ab, weil sie Menschen versorgen m\u00fcssen, oder sie arbeiten in Teilzeit. Wenn sie dann wieder voll in den Beruf einsteigen, haben M\u00e4nner, die ohne Unterbrechung gearbeitet haben, einen Vorsprung. Doch dass Frauen am Ende ihrer Berufslaufbahn als Journalistinnen durchschnittlich 600 Euro weniger verdienen, hat auch damit zu tun, dass sie nicht die gleichen Chancen haben \u2013 selbst wenn sie, wie viele es tun, kinderlos bleiben und durchg\u00e4ngig Vollzeit arbeiten.</p><p>Ob in der Redaktion oder als Freie: Wir Frauen tragen die Hauptlast nicht nur f\u00fcr Kindererziehung, sondern auch f\u00fcr Hausarbeit und F\u00fcrsorge f\u00fcr \u00e4ltere und kranke Menschen. In heterosexuellen Paarhaushalten, in denen beide Vollzeit berufst\u00e4tig sind, arbeiten Frauen laut Deutschem Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung pro Tag etwa drei Stunden mehr. Da M\u00e4nner in heterosexuellen Beziehungen immer noch weniger Haus- und F\u00fcrsorgearbeit verrichten als Frauen, und dies immer h\u00e4ufiger zu Konflikten f\u00fchrt, w\u00e4hlen finanziell besser gestellte Paare oft den Weg, Haus-und F\u00fcrsorgearbeit an migrantische Frauen auszulagern. Durch diesen Kompromiss wird das Konfliktpotenzial von Hausarbeit in Partnerschaften abgemildert. Dass die \u00f6ffentliche Infrastruktur aus Kindertagesst\u00e4tten, Horten oder Ganztagsschulen unzureichend ist, verst\u00e4rkt diesen Trend zur Auslagerung an Migrantinnen, die T\u00e4tigkeiten wie Kinderbetreuen, Waschen, Putzen oder Pflegen zu geringen L\u00f6hnen und h\u00e4ufig illegal erledigen. Doch Emanzipation f\u00fcr reichere, die mit der Benachteiligung und geringerem Lohn f\u00fcr migrantische Frauen einhergeht, kann nicht das Ziel von Feminismus sein. Die K\u00e4mpfe von illegal und prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten, etwa Haus- und Pflegearbeiterinnen, h\u00e4ngen mit unseren K\u00e4mpfen als Journalistinnen zusammen; Erstere erm\u00f6glichen unsere journalistische Arbeit oft erst. In diesem Sinne fordern wir: ein bedingungsloses Aufenthaltsrecht f\u00fcr alle Menschen, die in Deutschland leben, sowie bessere Bedingungen auch in diesen Arbeitsbereichen.</p><p><b>Gewerkschaften m\u00fcssen sich st\u00e4rker politisch positionieren</b></p><p>Angemessener Lohn ist die Grundlage f\u00fcr guten Journalismus. In letzter Zeit gehen immer mehr Medienh\u00e4user dazu \u00fcber, die Tarifbindung und vormals vereinbarte Tarifstandards zu umgehen (eine Liste dieser Verlage findet man etwa bei ver.di). Redakteur_innen werden in eigenst\u00e4ndige, nicht tarifgebundene Gesellschaften</p><p>ausgelagert, Leiharbeit wird au\u00dfertariflich geregelt und Personen im Volontariat werden nicht mehr direkt beim Verlag oder Medienhaus angestellt. Ver.di wirft zudem dem Bundesverband Druck und Medien vor, durch die M\u00f6glichkeit der \u00bbOT-Mitgliedschaft\u00ab (ohne Tarifbindung) an der Tarifflucht beteiligt zu sein. Weil Frauen nicht nur von Sexismus betroffen sind, sondern viele von uns auch aufgrund von Rassismus, Behindertenfeindlichkeit, Homofeindlichkeit, Transfeindlichkeit oder Abwertung aufgrund der sozialen Herkunft Diskriminierung erleben, fordern wir, dass alle Benachteiligungen, die Frauen erleben, ernst genommen werden, und dass Gewerkschaften diese zum Gegenstand von Tarifverhandlungen machen. Sexuelle Bel\u00e4stigung und Gewalt am Arbeitsplatz m\u00fcssen als allgemeines und strukturelles Problem behandelt werden.</p><h2>Gegen die geltenden \u00bbStandards\u00ab und die Strukturen der Branche</h2><p><b>Gegen Geschlechterstereotype in den Medien und gegen das Desinteresse an Problemen von Frauen</b></p><p>Wenn \u00fcber Gewalt gegen Frauen, Strafprozesse wegen sexualisierter Gewalt oder familienrechtliche Fragen berichtet wird, sind sexistische Stereotype omnipr\u00e4sent. Frauen werden wahlweise dargestellt als stumme Opfer, als intrigante L\u00fcgnerinnen oder als rachs\u00fcchtige M\u00fctter, die ihren Ex-Ehem\u00e4nnern oder Ex-Partnern die Kinder vorenthalten wollten. Einzelf\u00e4lle sexualisierter Gewalt werden von antifeministischen rassistischen Kr\u00e4ften instrumentalisiert und medial umfassend begleitet. Medial ignoriert werden dagegen h\u00e4ufig die Erfahrungen von Frauen, die als Reinigungskr\u00e4fte in Hotels, in der Gastronomie, als Angestellte in Massagesalons oder als Sexarbeiterinnen t\u00e4tig sind und kaum Schutz vor sexualisierter Gewalt erfahren. In vielen journalistischen Formaten, etwa im Fernsehen, sind Frauen und Queers extrem unterrepr\u00e4sentiert. Laut der Studie \u00bb#frauenz\u00e4hlen\u00ab der Universit\u00e4t Rostock pr\u00e4sentieren etwa 80 Prozent aller non-fiktionalen Unterhaltungsprogramme M\u00e4nner. Ab Mitte 30 werden Journalistinnen hier quasi aussortiert. Auch auf Bildern sind Frauen und Queers systematisch unterrepr\u00e4sentiert. Wenn Frauen gezeigt werden, dann oft auf klischeehafte Weise. Die Unterrepr\u00e4sentanz von Frauen im Zusammenhang mit einer beruflichen Funktion ist ebenso untragbar wie die Ergebnisse des Global Media Monitoring Projects, demzufolge drei von vier Personen, die in den Nachrichten Erw\u00e4hnung finden, M\u00e4nner sind. Wir fordern mediale Inhalte und eine Bebilderung, in denen Frauen und Queers der Realit\u00e4t entsprechend divers und differenziert vorkommen. Dass sich im Journalismus rassistische, sexistische, b\u00fcrgerliche und weitere Ausschl\u00fcsse widerspiegeln, scheint fast schon ein Allgemeinplatz. Gerade aus diesem Grund m\u00fcssen Redaktionen st\u00e4rker sensibilisiert werden und kritischer, feministischer, antirassistischer Journalismus gest\u00e4rkt werden. Wir fordern mehr Ressourcen, um Ausma\u00df und Folgen sexistischer, rassistischer und sozialchauvinistischer Medienberichterstattung zu analysieren und \u00f6ffentlich zu machen. Hierf\u00fcr sind grundlegende Ver\u00e4nderungen in den Redaktionen n\u00f6tig, auch personelle. Es braucht zudem klare Mechanismen, um mit Konkurrenz- und Dominanzverhalten umzugehen, ebenso wie gewerkschaftlich oder anderweitig abgesicherte R\u00e4ume, in denen Frauen ihre Forderungen als Lohnarbeitende artikulieren k\u00f6nnen und Konsequenzen daraus gezogen werden.</p><p><b>Gegen Ignoranz und Einzelk\u00e4mpfertum</b></p><p>Dieser Punkt richtet sich insbesondere an die Ressortleiter_innen und Chefredakteur_innen: Wenn \u00fcber feministische Forderungen berichtet wird, konzentrieren sich Journalist_innen oft auf Forderungen nach Repr\u00e4sentation oder andere Aspekte, die besonders griffig sind \u2013 wie die Einf\u00fchrung des 8. M\u00e4rz als Feiertag in Berlin. Wir weisen darauf hin, dass feministische Kritik schon immer darin bestand, den m\u00e4nnlichen Standard in allen Bereichen der Gesellschaft \u2013 ob \u00d6konomie, Kultur, Politik, Psychologie oder Wissenschaft \u2013 aufzudecken, zu hinterfragen und ihm andere, eigene Werte entgegenzusetzen. F\u00fcr den Journalismus hei\u00dft das: Einzelk\u00e4mpfer_innen, die sich durch Dominanz und m\u00e4nnlich dominierte Netzwerke durchsetzen, sind von gestern. Der Fall Relotius sollte gezeigt haben, dass ein Journalismus, der die Genialit\u00e4t von Einzelnen als preisw\u00fcrdig betrachtet, keine Zukunft hat. Statt also diejenigen zu feiern, die angeblich alleine und unter gro\u00dfem Zeitdruck scheinbar geniale Texte produzieren, sollten eher langfristig angelegte, kollaborative Recherchen, hinter denen tiefgehende Einblicke stehen, Anerkennung erfahren. Das hei\u00dft zum Beispiel, solidarische Netzwerke mit feministischem Anspruch verst\u00e4rkt zu f\u00f6rdern und anderen Journalistinnen gegen\u00fcber zu \u00f6ffnen. Wir kritisieren zudem Auslandsberichterstattung, die zuarbeitenden lokalen Reporter_innen die Anerkennung verweigert; dies geschieht allzu h\u00e4ufig, etwa indem die Namen dieser Mitautor_innen nicht erw\u00e4hnt werden oder deren Arbeit nicht verg\u00fctet wird.</p><p><b>Gegen elit\u00e4ren Journalismus</b></p><p>Die Inhalte, die Menschen in Deutschland \u00fcber Medien rezipieren, werden bestimmt von einer kleinen Elite, die haupts\u00e4chlich aus M\u00e4nnern besteht, und die h\u00e4ufig dieselben politischen Perspektiven und Ziele teilen. Journalismus wird mehr und mehr zum Elitenjob, den sich nur leisten kann, wer finanzielle Unterst\u00fctzung durch Eltern, Gro\u00dfeltern, Lebenspartner, den Ehemann oder die Ehefrau erh\u00e4lt.</p><p><b>Gegen die inhaltliche Verflachung des Journalismus und gegen die Monopolisierung</b></p><p>Eine weitere Folge der schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigen L\u00f6hne ist Qualit\u00e4tsverlust. Der Journalistinnenbund beobachtet etwa eine \u00bbOrientierung am Mainstream und oberfl\u00e4chliche Recherche, Nachrichtenfaktoren, die die Perspektive von Frauen ausblenden, und einseitige Interpretationen von Fakten\u00ab. Gleichzeitig leben wir in einer Zeit gesellschaftlicher Polarisierung, der mit kritischer, seri\u00f6ser und gr\u00fcndlich recherchierter Berichterstattung begegnet werden sollte. Daf\u00fcr braucht es Zeit und Geld. Wir fordern ausreichend Ressourcen, um dieser Aufgabe gerecht werden zu k\u00f6nnen, insbesondere auch f\u00fcr eine feministische Berichterstattung. Derzeit dominieren einige wenige m\u00e4chtige Medienh\u00e4user den medialen Diskurs. Unterdessen geht das Zeitungssterben weiter und die Medienkonzentration w\u00e4chst. Doch Medien sind f\u00fcr Demokratie essenzielle Mittel der Kritik und Kontrolle. Es braucht neue medienpolitische Strategien, um der gef\u00e4hrlichen Monopolisierung etwas entgegenzusetzen: Die Medienf\u00f6rderung darf nicht dem Markt \u00fcberlassen werden. Ein anderer, feministischer Journalismus ist m\u00f6glich!</p><p>Daf\u00fcr streiken wir am 8. M\u00e4rz 2019!</p><p>---</p><p><i>Am 8. M\u00e4rz wird alle Redaktionsarbeit des re:volt magazine durch die Redakteurinnen bestreikt. Alle Redakteur_innen des re:volt magazine unterst\u00fctzen den Aufruf \u201eEin anderer Journalismus ist m\u00f6glich!\u201c. Erstver\u00f6ffentlichung am 5. M\u00e4rz</i> <a href=\"https://frauenstreik.org/streik-divers-aufrufe-von-ortsgruppen-und-initiativen/\"><i>auf der Seite des feministischen Streiks</i></a><i>. Dort ist auch der Link zu den Unterzeichnerinnen* zu finden.</i></p><p></p><h2><b>Anmerkung</b>:</h2><p>1) Queer kommt aus dem Englischen und beschreibt Dinge, Handlungen oder Personen, die von der heterosexuellen, zweigeschlechtlichen Norm vermeintlich oder tats\u00e4chlich abweichen. Ab den 1980er Jahren wurde der Begriff zunehmend zur positiven Selbstbezeichnung, die einige Schwule und Lesben sowie bisexuelle und intergeschlechtliche Menschen und trans-Personen verwenden. Wenn wir von Frauen reden, meinen wir damit selbstverst\u00e4ndlich auch trans Frauen. Dar\u00fcber hinaus sind wir uns bewusst, dass nicht alle Menschen sich selbst als Frau identifizieren, nur weil sie von au\u00dfen so eingeordnet werden.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/ein-anderer-journalismus-ist-m%C3%B6glich/", "id": "https://revoltmag.org/articles/ein-anderer-journalismus-ist-m%C3%B6glich/", "author": {"name": "Redaktion", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2019-03-05T23:25:10.259232+00:00", "date_modified": "2019-03-14T22:44:11.317732+00:00", "tags": ["re:claim", "ausbeutung", "feminismus", "journalismus", "feministischer streik", "achterm\u00e4rz", "aufruf", "lohndiskriminierung", "frauen*streik", "klassenkampf"], "summary": "Wir dokumentieren den Aufruf von bislang \u00fcber 80 Journalistinnen* und Redakteurinnen* zum feministischen Streik am 8. M\u00e4rz 2019."}, {"title": "Die feministische Internationale", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Die feministische&nbsp;Internationale</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"44584892_693362047701823_9053310487487315968_o(1).jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/44584892_693362047701823_9053.57492425.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">frauen*streik</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Unter dem Banner des Frauen*streiks haben sich seit einigen Monaten Frauen* zusammengefunden, die mit unterschiedlichen Erfahrungen und politischen Hintergr\u00fcnden gemeinsam aktiv geworden sind. Redakteurin Johanna Br\u00f6se im Gespr\u00e4ch mit Jenny und Anthea, die in Berlin im Streik-Komitee aktiv sind. Es geht um die St\u00e4rke des Streik-Begriffs in Theorie und Praxis, um historische Vorbilder und internationale Verb\u00fcndete und um die Frage, wie radikal ein feministischer Streik sein kann \u2013 oder muss.</i></p><p></p><p><b>Hallo ihr beiden! Erz\u00e4hlt doch bitte zuerst einmal: Wie entstand der Zusammenschluss des Frauen*streiks?</b></p><p><b>Anthea:</b> Wir haben uns im Mai das erste Mal in Berlin getroffen. Das war ein sehr offenes Treffen, an dem unterschiedliche Gruppen, Netzwerke, B\u00fcndnisse und Einzelpersonen beteiligt waren. Diesen offenen Charakter wollten wir beibehalten. Das hei\u00dft, wir sind kein klassisches B\u00fcndnis, sondern wollen wirklich offen sein und allen Leuten m\u00f6glichst breite Beteiligung erm\u00f6glichen. Daher sprechen wir auch als Einzelpersonen und nicht als Repr\u00e4sentantinnen f\u00fcr das gesamte Streikkomitee.</p><p><b>Jenny:</b> Seit wir hier in Berlin das offene Treffen machen, kommen immer total viele Frauen* und f\u00fchlen sich von der Idee sehr angesprochen. Wir haben schon in verschiedenen St\u00e4dten Veranstaltungen gemacht, und die Anzahl der Beteiligten steigt immer weiter, neue Gruppen gr\u00fcnden sich. Diese Eigendynamiken nehme ich schon als Zeichen wahr, dass die Leute Lust darauf haben.</p><p><b>Was macht den Frauen*streik besonders?</b></p><p><b>Anthea:</b> Ein Streik ist ja sowieso <i>der</i> klassische Kampf im Arbeitsbereich \u2013 aber der Frauen*streik erweitert diesen Bezug noch. Er macht eine feministische Perspektive darin auf: Es wird nicht mehr nur Lohnarbeit einbezogen, sondern eben auch Sorge- und Care-Arbeit. Es geht damit um generelle Arbeitsverh\u00e4ltnisse, nicht nur um Lohnarbeitsverh\u00e4ltnisse. Und dadurch geht es auch nicht nur um den klassischen Tarifstreik, sondern um eine erweiterte Form des Streikbegriffs. Es geht also nicht nur darum, f\u00fcr bessere L\u00f6hne oder bessere Arbeitsverh\u00e4ltnisse in der Lohnarbeit zu k\u00e4mpfen, sondern gleichzeitig f\u00fcr bessere Bedingungen in der Care- und Pflegearbeit, in der Kinderbetreuung, im Haushalt und so weiter. Der Streik richtet das Augenmerk auf die geschlechtliche Arbeitsteilung in ganz vielen Bereichen, auf unsichtbare oder unbezahlte Arbeit, die in der Gesellschaft viel h\u00e4ufiger von Frauen* geleistet wird. Damit geht es konkret um gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse, auch um Sexismus, sexualisierte Gewalt und so weiter. Die St\u00e4rke eines feministischen Frauen*streiks mit diesem Grundsatz ist, dass er das alles miteinbeziehen kann und dabei \u2013 trotzdem und gerade deswegen! \u2013 vor allem ein Arbeitskampf ist. Weil es alles Arbeit ist. Und das wird durch den Streikbegriff deutlich. Das ist wirklich stark. Ich freue mich sehr dar\u00fcber, wie viel da gemeinsam bearbeitet wird, und wie viele feministische Kontexte unter diesem Regenschirm des Frauen*streiks zusammenkommen k\u00f6nnen.</p><p><b>Jenny:</b> Der Frauen*streik ist letztlich ein politischer Streik. Es geht uns um ein anderes Verst\u00e4ndnis von Streik und Arbeit. Wir wollen nicht nur einen altbekannten Arbeitskampf am Arbeitsplatz f\u00fchren. Sondern wir wollen <i>alle</i> Arbeit bestreiken, das hei\u00dft Pflegearbeit, Hausarbeit, Reproduktionsarbeit, emotionale Arbeit, die unsichtbar gemacht wird und so weiter. Wir wollen damit auch in die \u00f6ffentliche Debatte eingreifen und deutlich machen, was f\u00fcr Arbeit wir jeden Tag leisten. Und ich w\u00fcrde noch hinzuf\u00fcgen, dass das Besondere die Praxisform ist. Dass wir deutlich sagen &quot;Wir streiken!&quot;, das finde ich ansprechender und ausdrucksst\u00e4rker als die Demonstrationen, die in den letzten Jahren um den Frauen*kampftag um den 8. M\u00e4rz herum stattgefunden haben. Diese waren wichtig, aber wir haben beschlossen: Wir wollen nicht mehr nur demonstrieren, sondern wir streiken, weil es uns reicht. F\u00fcr mich zeigt der Begriff und die Praxis des Streiks, dass Frauen* von ihrer Stellung in der Gesellschaft her Macht haben, und dass wir diese auch nutzen sollten. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir uns nur zusammenschlie\u00dfen.</p><p><b>Ihr hebt also die politische Komponente des Streiks und die St\u00e4rke des Begriffs hervor. Jetzt ist ja der Frauen*streik an sich kein ganz neues Ph\u00e4nomen. K\u00f6nnt ihr erz\u00e4hlen, woher die Frauenstreikidee kommt und ob ihr euch auf andere feministische K\u00e4mpfe bezieht?</b></p><p><b>Jenny:</b> Auf jeden Fall. Die Erfolge der feministischen Streiks in Argentinien, in Polen, in den USA und in Spanien in den letzten Jahren haben definitiv Mut gemacht. Man sp\u00fcrte o den enormen R\u00fcckhalt f\u00fcr die streikenden Frauen* aus der Gesellschaft heraus, das war sehr inspirierend. Wenn wir auf die eigene Geschichte in Deutschland schauen, finde ich auch den Frauen*streik, den es hier 1994 gab, sehr zentral. Der Blick auf die Erfahrungen von damals, auf diesen fast vergessenen Streik, ist aus vielen Gr\u00fcnden wichtig, vor allem aber aufgrund der rechtlichen Voraussetzungen von Streiks. Streikbedingungen sind n\u00e4mlich \u00fcberall unterschiedlich, und in Deutschland ist der politische Streik als solcher zum Beispiel verboten. Daher ist der Streik in Deutschland 1994 ein wichtiger Ankn\u00fcpfungspunkt, weil er mit der \u00e4hnlichen rechtlichen Struktur ausgefochten wurde. Da anzukn\u00fcpfen, mit den Streik-Aktivist*innen von damals zu sprechen und von ihren Erfahrungen zu lernen und sie mitzunehmen, das ist total wichtig.</p><p><b>Anthea:</b> Ich w\u00fcrde den Streik in Spanien hervorheben. Er ist zwar nicht wirklich eine historische Bezugnahme, aber nur deshalb, weil er immer noch anh\u00e4lt. Er hat starken Einfluss weltweit hinterlassen und f\u00fcr gro\u00dfe Motivation gesorgt. Man muss sich das einmal vorstellen: In diesem Jahr sind in Spanien am Frauen*kampftag f\u00fcnf Millionen Frauen* auf die Stra\u00dfe gegangen und haben einen unglaublich breiten Protest veranstaltet. Dieser hat sozusagen die Kraft deutlich gemacht, die Frauen* haben. Es gab in den letzten Jahren schon \u00f6fter die Versuche, auch in Deutschland einen Frauenstreik wieder aufleben zu lassen. Man kann jetzt ein bisschen spekulieren, warum es bei diesen Versuchen noch nicht so geklappt hat, aber ich glaube, ein wichtiger Grund, warum das jetzt mit so viel Kraft passiert, ist, weil die Frauen* merken, dass \u00fcberall sonst auch viel passiert. Es sind lauter einzelne feministische Bewegungen, die dabei sind, eine feministische Internationale zu bilden.</p><p><b>Zwar haben in den letzten Jahren Streiks im Sorge-Bereich, in Kitas, Krankenh\u00e4usern und so weiter zugenommen, aber eine verbindende, feministische Perspektive hat es in dieser Form noch nicht gegeben. Woran macht ihr fest, dass sich daran nun etwas \u00e4ndert? Wie l\u00e4uft der Frauen*streik an \u2013 und gibt es darin auch Dynamiken, von denen ihr selbst \u00fcberrascht seid?</b></p><p><b>Jenny:</b> Es gibt Signale, auf die wir total gehofft haben: Wenn wir von der Idee des Frauenstreiks erz\u00e4hlen, f\u00fchlen sich sehr viele Menschen sofort angesprochen. Wir haben schon in verschiedenen St\u00e4dten Veranstaltungen gemacht, und die Anzahl der Beteiligten steigt immer weiter. Auch wenn wir hier in Berlin offene Treffen (bei Interesse einfach auf der Seite des Frauen*streiks informieren, Anm. Red.) machen, kommen immer sehr viele Frauen*. Es entwickeln sich dabei auch Eigendynamiken, verschiedene Arbeitsgruppen entstehen und so weiter. Das nehme ich schon als Zeichen, dass die Idee auf fruchtbaren Boden f\u00e4llt.</p><p><b>Anthea</b>: Manchmal \u00fcberrascht es uns aber dennoch, wie rasant sich die Idee verbreitet. In verschiedenen St\u00e4dten und Regionen haben sich nun Gruppen gegr\u00fcndet: in NRW, Leipzig, Hamburg, Dresden, Augsburg, Freiburg, Jena, M\u00fcnchen und so weiter. Es ist sch\u00f6n zu sehen, wie der Ansatz Erfolg hat, dass die Frauen* in all den unterschiedlichen St\u00e4dten dezentrale Strukturen aufbauen, sich vernetzen und eigene Ideen f\u00fcr die Streikpraxis einbringen. Man kann uns als Streik-Komitee auch in St\u00e4dte oder Regionen einladen, wenn es dort Frauen* gibt, die sich organisieren wollen.</p><p><b>Jenny</b>: Und nun steht unser erstes bundesweites Treffen vor der T\u00fcr. Es wird am 10. und 11. November in G\u00f6ttingen stattfinden und der Ort sein, an dem das erste Mal Menschen aus den verschiedenen Streik-Komitees und Netzwerken zusammentreffen. Und in Berlin ist die n\u00e4chste Aktion am 25. November die Demo zum internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen*. Es wird unter anderem vom International Women Space organisiert, und wir werden die Demonstration soweit wir k\u00f6nnen unterst\u00fctzen.</p><p><b>Lassen sich die unterschiedlichen Formen von selbstorganisierten oder wilderen Streiks, von Widerst\u00e4ndigkeit am Arbeitsplatz, in den letzten Jahren auch als Wegbereiter f\u00fcr euren Streik lesen? Beziehungsweise, inwiefern haben die verschiedenen K\u00e4mpfe von Marginalisierten und Prekarisierten in Deutschland einen spezifischen Platz im Frauen*streik?</b></p><p><b>Anthea</b>: Die Zunahme an Streikformen von Prekarisierten abseits der klassischen Lohnarbeit kommt definitiv dem Frauen*streik zugute. Wir lernen aus den Erfahrungen, vieles flie\u00dft auch in unsere Planungen ein. Vor allem auch, weil es in einem solchen Frauen*streik, der ja ein politischer Streik ist, kreative Formen braucht, um zu streiken. Arbeitsniederlegungen in der klassischen Form sind ja teilweise nicht oder nur sehr eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich, vor allem in den stark prekarisierten Berufen. Es ist wichtig Streikformen zu finden, die es erm\u00f6glichen mit zu streiken ohne den Arbeitsplatz zu gef\u00e4hrden! Da kann man auf jeden Fall sehr viel aus den vergangenen K\u00e4mpfen ziehen, sei es von den kraftvollen Streiks migrantisierter Menschen, von Bummelstreiks oder den \u201eDienst nach Vorschrift\u201c -Widerst\u00e4nden im Pflegebereich. Von solchen K\u00e4mpfen profitiert der Frauen*streik total, weil wir diese St\u00e4rke brauchen und auch selbst hervorbringen wollen. Mit unserem Streik setzen wir direkt an den Ausbeutungsverh\u00e4ltnissen an, und das haben uns zum Beispiel die genannten Streiks gelehrt.</p><p><b>In anderen L\u00e4ndern, etwa in der T\u00fcrkei oder in Brasilien, kann beobachtet werden, dass feministische Strukturen die st\u00e4rkste Gegenwehr gegen zunehmende autorit\u00e4re Staatsbestrebungen sind. Auch in Deutschland wird das aktuell zum Thema: Feminismus als Bollwerk gegen rechts muss neu gest\u00e4rkt werden. Wie seht ihr das?</b></p><p><b>Anthea</b>: Man muss zun\u00e4chst einmal sehen, dass der Antifeminismus einer der zentralen Verkn\u00fcpfungspunkte zwischen all den unterschiedlichen Akteuren der rechten und neurechten Bewegungen ist. Das erh\u00f6ht nur noch die Notwendigkeit, aus einer feministischen Offensive heraus stark gegen rechts aufzutreten. Eine St\u00e4rke beim Frauen*streik \u2013 oder generell an den feministischen Bewegungen, die sich derzeit weltweit aufgestellt haben \u2013 ist, dass er erm\u00f6glicht, aus der klassischen Defensiv-Politik herauszukommen. Auch in Deutschland sind die Elemente des Frauen*streiks f\u00fcr mich das erste Mal seit l\u00e4ngerem Ausdruck einer offensiven Politikpraxis. Das macht ihn sehr stark: Er weist nach vorne, k\u00e4mpft st\u00e4rker <i>f\u00fcr</i> etwas, nicht immer nur dagegen. In dieser Offensive liegt auch eine Strategie gegen rechts.</p><p><b>Jenny</b>: Unser Konzept beruht ja unter anderem darauf, dass wir den Streik als Praxisform begreifen. Wir gehen davon aus, dass man, um eine erfolgreiche linke Politik machen zu k\u00f6nnen, feministische K\u00e4mpfe als das sehen muss, was sie derzeit sind: Die erfolgreichsten K\u00e4mpfe. Es ist deutlich, dass wir klare feministische Forderungen in Bezug auf die Geschlechterfrage, auf Patriarchat und Kapitalismus weiter an zentraler Stelle positionieren m\u00fcssen. Damit wenden wir uns unmittelbar gegen rechts.</p><p><b>Eine &quot;Neue Klassenpolitik&quot; gilt derzeit f\u00fcr viele Linke als eine Hoffnungstr\u00e4gerin. Im Kern sind damit gemeinsame solidarische Praxen in ganz unterschiedlichen Feldern gemeint, die daran ansetzen, die entlang vielf\u00e4ltiger geschlechtlicher und ethnischer Linien aufgespaltene Arbeiter*innenklasse zu einen. Ist der Frauen*streik so eine Art praktischer Ausdruck eines Bem\u00fchens um Neue Klassenpolitik?</b></p><p><b>Jenny</b>: Ja, voll. Die ganze Debatte um Identit\u00e4tspolitik versus Klassenpolitik wird im Frauen*streik produktiv bearbeitet und in der politischen Praxis ausgehandelt. Wir machen nicht nur eine abstrakte Herrschaftskritik, sondern fokussieren \u2013 wie Anthea vorhin schon sagte \u2013 auf die grundlegenden Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse, unter denen wir leiden. Der Frauen*streik ist damit nicht das Ultimative, was kommt, sondern ein Mittel zum Zweck f\u00fcr gesellschaftliche Ver\u00e4nderung.</p><p><b>Anthea</b>: Volle Zustimmung.</p><p><b>Gibt es Bereiche, wo ihr auf Widerstand sto\u00dft, oder ihr merkt: Oha, darauf m\u00fcssen wir weiterhin gut aufpassen? Praktisch oder in den Diskussionen?</b></p><p><b>Anthea:</b> Ein Punkt, der auf jeden Fall l\u00e4ngerfristige Arbeit erfordert, ist der betriebliche Streik als Teil des Frauen*streiks. Wir k\u00f6nnen vielleicht jetzt noch nicht davon ausgehen, dass der Streik im kommenden Jahr schon total gro\u00df wird. Es handelt sich ja um einen politischen Streik, der gewerkschaftlich wenig R\u00fcckhalt hat. Rechtlich ist es eine Grauzone: Man kann nicht zu einem politischen Streik aufrufen, an dem sich etwa die Gewerkschaften offen beteiligen k\u00f6nnen. Sie k\u00f6nnen das einfach qua ihrer eigenen begrenzten rechtlichen Handhabe nicht. Das hei\u00dft f\u00fcr uns vor allem, dass wir eine weitere Aufgabe haben: den politischen Streik als solchen wieder zu legitimieren. Derzeit ist also der Streik in Betrieben noch eine sehr gro\u00dfe Baustelle, an der wir noch viel arbeiten m\u00fcssen. Unter anderem bedeutet das, sich die Frage zu stellen, wie man mit Gewerkschaften zusammenarbeiten kann.</p><p><b>Jenny</b>: Im Komitee selbst gibt es Menschen, die in Gewerkschaften sind, und auch generell viele Menschen in den Gewerkschaften, die die Idee total gut finden. Der Frauen*streik schlie\u00dft ja auch an die Streiks an, die von Gewerkschaftsseite in den letzten Jahren unterst\u00fctzt oder initiiert wurden.</p><p><b>Anthea:</b> Es ist auf jeden Fall eine langfristigere Vernetzungs-und Solidarit\u00e4tsarbeit n\u00f6tig. Aber das ist ok, weil wir wollen ja nicht nur 2019 streiken, sondern es geht ja auch um langfristige Perspektiven. Wir wollen den Frauen*streik langfristig aufbauen, und immer gr\u00f6\u00dfer werden.</p><p><b>Jenny:</b> Genau. Wir sammeln weiterhin kreative Ideen, wie man auch in dieser Lage streiken kann, ohne den Job der Einzelpersonen zu gef\u00e4hrden. Das ist ein langfristiger Prozess, bei dem uns noch ein paar Steine im Weg liegen.</p><p><b>Alex Wischnewski und Kerstin Wolter, die ebenfalls Teil des Streik-Komitees sind, haben den Streik in einem</b> <a href=\"https://www.neues-deutschland.de/artikel/1086551.feministischer-streik-zeit-fuer-die-naechste-eskalationsstufe.html\"><b>Artikel</b></a><b> &quot;die n\u00e4chste Eskalationsstufe&quot; genannt. Es liegt nahe, bei euch nachzufragen: Wie radikal ist der Frauen*Streik?</b></p><p><b>Anthea:</b> Ich finde, dass der Aspekt der Radikalit\u00e4t sehr zentral ist. Wir haben viel Potenzial. So divers unser Komitee und unsere Diskussionen auch sind, gibt es wenig Kontroversen in der Einsch\u00e4tzung von kapitalistischer Ausbeutung im Arbeitsbereich und in der sozialen Reproduktion, die vor allem durch Frauen* geleistet wird. Diesen Mechanismus aufzubrechen, der die kapitalistische Maschine am Laufen h\u00e4lt, dagegen zu k\u00e4mpfen und dar\u00fcber hinauszuweisen, dar\u00fcber sind wir uns einig. Gleicherma\u00dfen die Verbindung von Kapitalismus und Patriarchat und die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse, die sie reproduzieren: Dagegen k\u00e4mpfen wir.</p><p><b>Jetzt habt ihr vorhin schon das anstehende Vernetzungstreffen in G\u00f6ttingen genannt. Dass wir unsere Leser*innen dazu auffordern, dort hinzufahren: Eh klar, aber k\u00f6nnt ihr dazu noch etwas mehr sagen? Und wie kann man den Frauen*streik weiterhin unterst\u00fctzen?</b></p><p><b>Anthea</b>: In G\u00f6ttingen geht es vor allem darum, uns gegenseitig kennenzulernen und zu vernetzen. Wir wollen sehen, wie in den verschiedenen St\u00e4dten und Netzwerken gearbeitet wird, welche Aktionen die Streikkomitees planen und was unsere gemeinsame Arbeitsform sein k\u00f6nnte. Wir wollen an einem bundesweiten Aufruf arbeiten, um gemeinsam aufzutreten und zu zeigen: Darum machen wir den Frauen*streik! Und nicht zuletzt wollen wir auch schon aktiv in die Vorbereitung einsteigen, Verabredungen treffen und kreativ werden. Das Treffen ist offen f\u00fcr alle, auch f\u00fcr interessierte Einzelpersonen. In den St\u00e4dten, in denen es bereits Netzwerke gibt, kann man super in die AG-Strukturen einsteigen, aber es ist auch total cool und wichtig, einfach vor Ort \u2013 am Arbeitsplatz, im Wohnumfeld und so weiter \u2013 mit Leuten zu sprechen und in den Austausch zu starten. Ob man gemeinsam am 8. M\u00e4rz einen Betriebsrat einberufen will oder man mit anderen Frauen* gemeinsam andere Aktionsformen findet: Es geht darum, das Thema im Umfeld stark zu machen.</p><p><b>Jenny</b>: Der Kongress in G\u00f6ttingen ist offen f\u00fcr FLTI*-Personen (Frauen*, Lesben, Trans, Inter, Anm. Redaktion). Aber f\u00fcr cis-M\u00e4nner (Begriff f\u00fcr m\u00e4nnlich sozialisierte, heterosexuelle Menschen, Anm. Redaktion), gibt es bereits Vernetzungsstrukturen solidarischer M\u00e4nner*, welche die Kinderbetreuung unterst\u00fctzen wollen. Es k\u00f6nnen gerne noch mehr werden.</p><hr/><p>Auf der Webseite des Frauen*streiks gibt es Informationen zu anstehenden Veranstaltungen, Flyer und Materialien, Links zu weiteren interessanten feministischen Gruppen weltweit und vieles mehr: <a href=\"http://frauenstreik.org\">frauenstreik.org</a></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/die-feministische-internationale/", "id": "https://revoltmag.org/articles/die-feministische-internationale/", "author": {"name": "Johanna Br\u00f6se", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2018-11-08T10:00:00+00:00", "date_modified": "2018-11-08T11:09:19.562818+00:00", "tags": ["re:port", "politischer streik", "patriarchat", "feminismus", "frauenkampf", "international", "berlin", "frauen*streik", "reproduktionsarbeit", "care"], "summary": "Politische Streiks sind in Deutschland nicht erw\u00fcnscht \u2013 und dabei dringend notwendig. Der Frauen*streik m\u00f6chte zeigen, wie kraftvoller Widerstand gegen Kapitalismus und Patriarchat auszusehen hat. Derzeit laufen die Mobilisierungen. Ein Gespr\u00e4ch mit zwei Aktivistinnen."}, {"title": "Campushexen kann man nicht festnehmen", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Campushexen kann man nicht&nbsp;festnehmen</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Hatice G\u00f6z\" height=\"420\" src=\"/media/images/hatice_goz_fur_artikel.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><br/></p><p><i>Hatice\nG\u00f6z wurde am Morgen des 11. September seitens der Antiterrorpolizei in ihrem\nHaus in Ankara festgenommen. Am 20. September wurde sie dem Haftrichter vorgef\u00fchrt.\nEs folgte die Untersuchungshaft. Im folgenden ver\u00f6ffenltichen wir einen Solidarit\u00e4tsaufruf von Meral\n\u00c7\u0131nar, einer Aktivistin der Campushexen im Exil.</i></p>\n\n<p>Hatice\nist eine junge Feministin und hat ihren Abschluss in Psychologie gemacht.\nW\u00e4hrend und nach ihrem Studium hat sie f\u00fcr Frauenrechte gek\u00e4mpft und sich gegen\nFemizide, Bel\u00e4stigungen, Gewalt an Frauen und Kindesmissbrauch engagiert. Seit\n2013 organisieren sich junge Frauen als Campushexen, um Widerstand gegen\nDiskriminierung und Gewalt an Frauen zu leisten. Sie veranstalten Frauencamps,\nPodiumsdiskussionen, Konferenzen und Demonstrationen mit dem Zweck der\nBewusstseinsbildung, und um die Solidarit\u00e4t zwischen Frauen zu st\u00e4rken. Alle\nihre Aktivit\u00e4ten sind \u00f6ffentlich, stehen in keinem Widerspruch zur Verfassung\nund werden im Rahmen von demokratischen Rechten und Freiheiten organisiert. Sie\nunterhalten weder Verbindungen zu illegalen Organisationen, noch stehen sie\nsonst irgendeiner Organisation nahe. Ihre Aktivit\u00e4ten werden autonom\norganisiert und ausgef\u00fchrt. Hatice ist eine unserer Schwestern, die seit Jahren\nals Campushexe f\u00fcr die Befreiung der Frauen k\u00e4mpft. </p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Hatice G\u00f6z mit anderen feministischen Aktivistinnen\" height=\"1199\" src=\"/media/images/hatice_goz_als_teil_der_kampus_cadilari.original.jpg\" width=\"893\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Hatice G\u00f6z gemeinsam mit anderen Aktivstinnen der feministischen kamp\u00fcs cad\u0131lar\u0131</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Das\nB\u00fcndnis von Staat und Patriarchat betreibt eine Politik, die Frauen in\nkonservative Rollen hineinzw\u00e4ngt und unterdr\u00fcckt und permanent die patriarchale\nStruktur der Gesellschaft mobilisiert, um Gewalt gegen Frauen zu legitimieren.\nDieses B\u00fcndnis hat eine T\u00fcrkei erschaffen, in der uns die Gewalt \u00fcberall, auf\nder Stra\u00dfe, im \u00f6ffentlichen Verkehr, auf dem Campus oder zu Hause, auf Schritt\nund Tritt folgt und ein Klima der Angst erzeugt. W\u00e4hrend es eine Straftat\ndarstellt, sich zu organisieren, um nicht in einem Land leben zu m\u00fcssen, in dem\nKindesmissbrauch und Feminizid auf der Tagesordnung stehen, werden t\u00e4glich\nVergewaltiger und Frauenm\u00f6rder mit verminderten Strafma\u00dfen honoriert. Die vor\ndiesem Hintergrund steigende Konjunktur des Frauenkampfes hat das Regime allem\nAnschein nach au\u00dferordentlich gest\u00f6rt. Mit dem Angriff auf Hatice und die\nCampushexen zielen sie auf den Freiheitskampf der Frauen, gegen den Feminismus\nund in letzter Konsequenz auf alle Frauen ab. Sie versuchen unsere Bewegung zu\ndelegitimieren, indem sie die Namen aller ihnen bekannten illegalen\nOrganisationen zur Hand nehmen und uns in Verbindung zu diesen setzen. Das\nmachen sie, weil sie nicht sagen k\u00f6nnen, dass es eine Straftat ist, Mitglied\nbei den Campushexen zu sein, Camps oder Podiumsdiskussionen zu organisieren,\nbei denen es um den Frauenkampf geht, oder gegen Kindesmissbrauch und Femizid\nzu k\u00e4mpfen. Denn dies sind demokratische und legale Rechte. <br/></p><p>Doch ihre\nAnstrengungen sind zum Scheitern verurteilt. Ihre Kraft wird nicht ausreichen,\num die Campushexen oder sonst irgendeinen Teil des Frauenkampfes auf diese\nWeise zu delegitimieren, die Ursachen ihrer Existenz zu verdrehen oder ihrem\nKampf Einhalt zu gebieten. Bis zu dem Tage, an dem keine einzige Frau mehr\nausgeschlossen ist, werden wir an unserem Freiheitskampf festhalten. Wir fordern\ndeshalb, dass unsere als Geisel gehaltene Schwester Hatice umgehend\nfreigelassen wird. Aus diesem Grund laden wir unsere Schwestern \u00fcberall auf der\nWelt dazu ein, Solidarit\u00e4t mit den Campushexen, dem Frauenkampf in der T\u00fcrkei\nund mit Hatice G\u00f6z zu bekunden. <br/>\n\n</p><p>Als\nSchwestern von Hatice werden wir in Europa eine Solidarit\u00e4tskampagne mit Hatice\nund dem Frauenkampf in der T\u00fcrkei organisieren. Diese Kampagne wird unter\nanderem Solidarit\u00e4tsvideos und -bilder, Briefe ins Gef\u00e4ngnis, Soliparties f\u00fcr\ndie Finanzierung der Anw\u00e4lte und des Gef\u00e4ngnisaufenthaltes und anderes\nbeinhalten. Jede*r, der*die mitmachen und sich solidarisieren will, ein Video\noder ein Bild senden m\u00f6chte, kann uns \u00fcber <a href=\"mailto:Freehatice.2018@gmail.com\">Freehatice.2018@gmail.com</a> erreichen.</p><p></p><hr/>\n\n<p>\u00a0Aus dem\nT\u00fcrkischen \u00fcbersetzt von der Redaktion des<i> re:volt magazine</i>.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Campushexen in Aktion\" height=\"800\" src=\"/media/images/kampus_cadilari2.original.jpg\" width=\"1200\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">kamp\u00fcs cad\u0131lar\u0131</span>\n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Campushexen in Aktion</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Sie ist aktiv bei den Campushexen, einer studentischen feministischen Organisation, und setzt sich gegen Femizide und Gewalt an Frauen ein. Ein Solidarit\u00e4tsaufruf ihrer Schwestern."}], "next_url": "http://revoltmag.org/feeds/articles.json?tags=50&page=2"}