{"version": "https://jsonfeed.org/version/1", "title": "re:volt magazine Archiv", "home_page_url": "http://revoltmag.org/articles/?tags=367", "description": "Zeige Artikel mit den Schlagworten antifaschismus", "feed_url": "http://revoltmag.org/feeds/articles.json?tags=367", "language": "en", "icon": "http://revoltmag.org/static/logos/logo_192.png", "favicon": "http://revoltmag.org/static/favicon.png", "items": [{"title": "Hegemoniekampf oder selbstgew\u00e4hlte Isolation?", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Hegemoniekampf oder selbstgew\u00e4hlte&nbsp;Isolation?</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"omar ramadan_free palestine GER demo (28.10.23).jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/omar_ramadan_free_palestine_G.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Omar Ramadad</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Seit dem Angriff der pal\u00e4stinensischen Nationalbewegung vom 7. Oktober 2023 und den sich darum entwickelnden Blutb\u00e4dern mobilisieren die Herrschenden in Deutschland auf allen Ebenen gegen eine sich zun\u00e4chst zaghaft und dann immer dynamischer entwickelnde Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4tsbewegung. Die Repression reicht von offener Gewalt auf den Stra\u00dfen durch BFE-Einheiten, \u00fcber Streichung und Canceln von Projektmitteln, Demoverboten, psychische Gewaltaus\u00fcbung durch Schikanen, Stafverfahren, Entzug von Aufenthaltstiteln, bis hin zu emotionaler Gewaltaus\u00fcbung durch konstante Hetze, Verzerrung und Blo\u00dfstellung von Aktiven. Diese umfassende Repressionskampagne kann als Form des politischen Terrors gegen eine Minderheit verstanden werden. N\u00e4mlich dann, wenn wir darunter verstehen, dass es bei politischem Terror darum geht, durch Gewaltaus\u00fcbung auf allen Ebenen und der Schaffung einer Kultur der Angst Menschen davon abzuhalten, weiter Teil der Bewegung zu sein oder sich mit der Bewegung auch nur niederschwellig einzulassen. Trotzdem wuchs die pal\u00e4stinasolidarische Bewegung und so gingen im Laufe des Jahres 2024 immer gr\u00f6\u00dfere Teile der Linken f\u00fcr ein Ende des Genozids in Gaza auf die Stra\u00dfe, politisierten sich Studierende und Sch\u00fcler:innen, mobilisierten sich migrantische Communities und Refugees.</p><p>Wie verhielt sich die pal\u00e4stinasolidarische Linke dabei zu der wachsenden Bewegung? Welche Probleme charakterisieren die Bewegung aus einer Linken Perspektive? Das folgende ist prim\u00e4r eine Reflexion der Situation in Berlin. Die daraus gezogenen Lehren sind aber auch \u00fcber Berlin hinaus von Bedeutung.</p><h2><b>Die objektiven Faktoren des wachsenden Erfolgs</b></h2><p>Zum Erfolg der Bewegung trugen einige ma\u00dfgebliche politische Entwicklungen bei, die zunehmenden Widerstand hervorbrachten und damit den N\u00e4hrboden bereitstellten, auf dem bereits vor dem 7. Oktober 2023 aktive Gruppen und Zusammenh\u00e4nge aufbauten.</p><p>Zum einen wurde immer offensichtlicher, dass das Narrativ der Selbstverteidigung Israels angesichts der offensichtlichen Kriegsverbrechen der israelischen Armee nicht aufrecht zu erhalten ist. Zu offensichtlich die genozidalen \u00c4u\u00dferungen israelischer Offizieller, zu hoch die zivilen Todeszahlen durch israelische Bombenangriffe, zu offensichtlich die deutsche Komplizenschaft und das Schweigen der Bundesregierung zu der immensen Zerst\u00f6rung und Vertreibung in Gaza. Diese Tatsache mobilisierte bereits fr\u00fch migrantische Communities, aber auch die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen der Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t auf die Stra\u00dfe.</p><p>Zum anderen gilt auch in puncto Staatsr\u00e4son: Da, wo Herrschaft, das hei\u00dft die macht- und gewaltf\u00f6rmige Durchsetzung eines politischen Willens, wirkt, da wirkt auch immer der Widerstand in passiver, unsichtbarer oder aktiver und organisierter Form. Der von der Bundesregierung entfesselte und von zivilgesellschaftlichen Proxies, den Medien, der Polizei und den Geheimdiensten exekutierte Staatsterror gegen alles und jeden, der/die sich gegen ihre Komplizenschaft mit Israel positionierte, schreckte sicher einige Menschen ab, sich in der Bewegung zu organisieren. Das Vorgehen zog aber auch eine ganze Reihe an Menschen an, darunter jene, die diese Form des Umgangs mit Minderheiten bereits angesichts des Ukraine-Kriegs oder der Corona-Pandemie emp\u00f6rend fanden, aber auch solche, die aufgrund ihrer Migrationsgeschichte, also aus emotionalen oder famili\u00e4ren Bez\u00fcgen heraus, mit der \u201eStaatsr\u00e4son\u201c \u00fcber Kreuz liegen m\u00fcssen.</p><p>Zuletzt d\u00fcrfte der offen rassistische Diskurs der Ampel-Koalition und ihrer Sidekicks von CDU und AfD daf\u00fcr gesorgt haben, dass auch die sorgsam gehegte und gepflegte Mauer des Schweigens in der deutschen Mehrheitslinken Risse bekommen hat und hier immer mehr prozionistisch eingehegte Kr\u00e4fte sich zu l\u00f6sen beginnen. Ein gutes Beispiel hierf\u00fcr ist die Debatte in der Linkspartei, die seit vielen Jahren jede neue Weisung zum Staatsterror gegen Minderheiten aus den R\u00e4ngen der Herrschenden mittr\u00e4gt und nun wohl auch gegen ihre eigenen Mitglieder aus\u00fcbt. <b>[1]</b> Andererseits ist die Tatsache, dass hier eine gr\u00f6\u00dfere Diskussion entsteht und sich immer mehr Mitglieder an der Seite der Pal\u00e4stina-Bewegung w\u00e4hnen, an sich bereits ein Erfolg.</p><h2><b>Von der Taktik der</b> <b><i>prinzipiellen Offenheit</i></b></h2><p>Nun erkl\u00e4ren diese objektiven Faktoren zwar, warum eine ganze Reihe an Menschen in den individuellen Widerstand gegangen ist. Jedoch nicht, warum die Bewegung in der Lage war, dauerhafte kollektive Pr\u00e4senz auf den Stra\u00dfen zu entwickeln und in verschiedene gesellschaftliche Institutionen hinein Wirkung zu entfalten beziehungsweise die Politik unter Druck zu setzen. Dass der politische Gegner \u00fcber die vergangenen Monate immer schreckhafter agiert und teilweise ausschweifend \u00fcber einen wachsenden Einfluss der Bewegung herumjammert <b>[2]</b> sollte aufhorchen lassen \u2013 verweist es doch darauf, dass die Strategie des Staatsterrors angesichts der objektiven Entwicklungen und der subjektiven Widerstandskraft der Bewegung zumindest an Offensivkraft verliert, weshalb der Staat versucht, seine Offensive umzugestalten.</p><p>Tats\u00e4chlich passiert anhand der Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t etwas in der Linken, das einen relevanten Kulturbruch in der Bewegungspraxis markiert und damit auch neue Herausforderungen aufwirft, die so bislang nicht vorhanden sein konnten. Zwar wurde in der Linken seit 2015 im Rahmen der Stadtteilarbeits-Debatte <b>[3]</b> oder daran anschlie\u00dfend der Debatte um Neue Klassenpolitik <b>[4]</b> oder auch in der Debatte um Linkspopulismus <b>[5]</b> immer wieder der Anspruch formuliert, eine populare Linke in Abgrenzung zu einer als gesellschaftlich isoliert wahrgenommenen Linken zu entwickeln.</p><p>Aber die Herausbildung einer popularen Linken verlangt nach einer <i>Taktik der prinzipiellen Offenheit</i> <b>[6]</b> in der Bewegung beziehungsweise in dem Kampffeld, in dem man sich bewegen will. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass nicht mit einer fertigen linken Agenda und einer abgefertigten linken Analyse von Allem in den Kampf getreten wird, sondern anhand linker realpolitischer und ankn\u00fcpfungsf\u00e4higer Forderungen im Rahmen von Minimalkonsensen in Kontakt mit der gesamten Pluralit\u00e4t der Bewegung gearbeitet wird mit dem <i>strategischen Ziel der Herausbildung oder Festigung der linken Hegemonie</i> in dieser. Das bedeutet, dass man sich auch vorhandenen rechten Kr\u00e4ften und Einzelpersonen auf Bewegungsebene stellt und diese auf Bewegungsebene bek\u00e4mpft statt von Au\u00dfen mit zum Beispiel Gegendemonstrationen. In der Praxis bedeutet das viel <i>aushalten</i>, viel argumentativ <i>\u00fcberzeugen</i> und anders als in den 2010er Jahren weniger <i>ausschlie\u00dfen</i>.</p><p>Bei welchen Akteuren der Pal\u00e4stinasolidarit\u00e4t dieser Kulturbruch bewusst konzeptionell vollzogen wird und wer sich umgekehrt eher opportunistisch den Notwendigkeiten der Bewegung unterwirft, ist ohne einen inneren Einblick in die jeweiligen Organisationen schwierig zu sagen. Dennoch l\u00e4sst sich der Wandel in der Bewegungspraxis organisations- und spektren\u00fcbergreifend beobachten. Real umgesetzt wurde dieser Kulturbruch bei allen Debatten seit den 2010er-Jahren bisher nicht \u2013 wohl auch bedingt durch die Paukenschl\u00e4ge Corona-Pandemie, \u201eZeitenwende\u201c und Aufstieg der AfD.</p><p>Aber auch weil die Herausforderung bei einer solchen Bewegungspraxis bleibt, dass die herrschende Politik des Staatsterrors nun in der Pal\u00e4stina-Frage, aber zuvor eben auch schon in der Corona-Zeit und danach in puncto Ukraine-Krieg nicht unbedingt nur Linke oder mit der Linken sympathisierende Menschen in den Widerstand gef\u00fchrt hat, sondern von linksliberal bis rechts so ziemlich alles. In diesem Sinne ist eine <i>Taktik der prinzipiellen Offenheit</i> eine sehr unbequeme antifaschistische Angelegenheit und ihr Erfolg zum einen abh\u00e4ngig vom Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis innerhalb der Bewegung, dann aber auch verbunden mit heftigen Hegemoniek\u00e4mpfen mit rechten Kr\u00e4ften mit dem Ziel, diese schlie\u00dflich zu isolieren oder auszuschlie\u00dfen.</p><p>Das Versuchsfeld dieser f\u00fcr gro\u00dfe Teile der deutschen au\u00dferparlamentarischen Linken <i>neuen</i> Form politischer Taktik <b>[7]</b>, die signifikant mit der hegemonialen linken Standpunktpolitik der 2010er-Jahre bricht, ist also nun die Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t. Hier ist die Klammer der Bewegung sehr breit, wobei eine linksliberal-dissidente, postkoloniale Str\u00f6mung dominiert. Neben dieser hegemonialen Str\u00f6mung gibt es noch die Traditionslinken und auch rechte Kr\u00e4fte, die eher nationalistisch-ethnisch und/oder religi\u00f6s motiviert sind. Es ist dar\u00fcber hinaus davon auszugehen, dass die pal\u00e4stinensischen Widerstandsfraktionen und auch t\u00fcrkische beziehungsweise iranische Proxies auf den Protesten pr\u00e4sent sind ohne sich transparent zu machen.</p><p>Wenn man es nun schlecht meint, k\u00f6nnte man sagen, dass die Tatsache, dass man es hier nicht mit deutschen, sondern migrantischen Rechten in einer Bewegung zu tun bekommt, die H\u00fcrde f\u00fcr eine pal\u00e4stinasolidarische deutsche Linke niedriger gesteckt hat, zur <i>Taktik der prinzipiellen Offenheit</i> \u00fcberzugehen. Tats\u00e4chlich d\u00fcrfte aber etwas anderes deutlich ausschlaggebender gewesen sein. Die genannten rechten Kr\u00e4fte, ihre Organisationen und Einzelpersonen haben kein Interesse an der Politik in Deutschland und formulieren ein Ziel, das erst mal ankn\u00fcpfungsf\u00e4hig f\u00fcr die gesamte Breite der Bewegung ist: Nationale Selbstbestimmung, V\u00f6lkerrecht, Ende der Besatzung und des Kriegs, Ende der rassistischen Diskriminierung in Pal\u00e4stina. Und bez\u00fcglich der Situation hierzulande: Ende der Repression und Gewalt. Wer der anderen Akteure der Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t von liberal bis links kann dazu schon <i>Nein</i> sagen? Eben dieses Moment der taktischen Interessengleichheit bei unterschiedlicher weltanschaulicher Grundlage h\u00e4lt die Kr\u00e4fte der Bewegung aufrecht und weiterhin in Dynamik. Dennoch ger\u00e4t die <i>Taktik der prinzipiellen Offenheit</i> seitens der pal\u00e4stinasolidarischen linken Kr\u00e4fte zunehmend in die Krise und droht in Opportunismus gegen\u00fcber den rechten Kr\u00e4ften innerhalb der Bewegung \u00fcberzugehen. Auch deshalb, weil die Rechte selbst diese Taktik und zwar konsequenter betreibt als die Linke.</p><h2><b>Von der Gefahr der radikalisierten Selbstisolation</b></h2><p>Die rechten Kr\u00e4fte in der Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4tsbewegung sind n\u00e4mlich alles andere als unt\u00e4tig, nur weil sie selten offen auftreten. Zwar verfolgen auch sie <i>von rechts</i> die Taktik der prinzipiellen Offenheit \u2013 denn sie wissen genau, dass sich abseits ihres eigenen Klientel nur die liberale oder radikale Linke in Deutschland und Israel f\u00fcr ihr Anliegen interessiert. Aber sie sind klug und erfahren genug, eine Taktik eben als eine Taktik zu betreiben, das hei\u00dft, als eine tempor\u00e4re B\u00fcndelung von Kampfkr\u00e4ften an einer von ihnen gew\u00e4hlten Hauptkampflinie. Sie verfolgen aus ihrem Selbstverst\u00e4ndnis heraus eben keine offene, internationalistische und solidarische Politik, sondern eine ethnozentristisch-nationalistische und/oder religi\u00f6se Politik in Abgrenzung zum israelischen Staat. Und dieses Selbstverst\u00e4ndnis bringen sie mittelfristig strategisch in die Bewegung ein mit dem Ziel, ihre jeweiligen reaktion\u00e4ren Projekte vor allem in den migrantischen Communities zu promoten und ihre Basis damit auszubauen. Das langfristige strategische Ziel ist nicht progressive gesellschaftliche Ver\u00e4nderung hier in Deutschland, sondern reaktion\u00e4re Ver\u00e4nderung woanders in der Welt, eben in Nahost.</p><p>Woran erkennen wir, dass rechte Kr\u00e4fte immer st\u00e4rker versuchen dieses Selbstverst\u00e4ndnis in die Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t einzubringen?</p><p>Erstens: an einer politischen Praxis der identit\u00e4ren Schlie\u00dfung der Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t durch ihr religi\u00f6ses und nationalistisches Framing, zum Beispiel durch pauschal antisemitische Positionen oder aber auch durch sektiererische Adressierung der gesamten deutschen Mehrheitsbev\u00f6lkerung und darunter vor allem dem wei\u00dfen Teil als vermeintliche kollektive Mitt\u00e4ter:innen statt als gewinnbare Verb\u00fcndete. Zur Praxis des Schlie\u00dfens geh\u00f6rt auch das forcierte Einbringen religi\u00f6ser Bekundungen und Ansprachen an nur eine Religionsgemeinschaft durch Anh\u00e4nger und Redner rechter Gruppierungen und Str\u00f6mungen.</p><p>Zweitens: an der Unterordnung ihres politischen Handelns unter ihre reaktion\u00e4re Gesamtvision, die als Teil einer vermeintlichen \u201eAchse des Widerstands\u201c und als alternativlos verstanden wird. Dazu geh\u00f6rt symptomatisch auch die teilweise hochproblematische positive Reaktion von Aktiven in den sozialen Medien oder auf den Stra\u00dfen auf den Angriff des Irans auf Israel am Abend des 1. Oktobers 2024. Dazu geh\u00f6rt aber auch die bis heute leider nur d\u00fcrftig ausfallende Kritik beziehungsweise sogar Legitimierung der problematischen wie erfolglosen Strategie der pal\u00e4stinensischen Nationalbewegung zur nationalen Befreiung, die der Milit\u00e4raktion am 07. Oktober 2023 zugrunde lag und abseits der verurteilenswerten Massaker an zivilen israelischen Opfern auch ihr selbst massiv geschadet hat.</p><p>Drittens: an der monothematischen Hinwendung zum politischen Kampf im Kontext von Pal\u00e4stina und weg vom Denken im politischen Kontext in Deutschland. Das geht nicht nur damit einher, dass eine Verschr\u00e4nkung von K\u00e4mpfen hierzulande nicht versucht und breitere B\u00fcndnisse nicht geschlossen werden, sondern auch damit, dass realpolitische Forderungen nicht mehr gestellt und gewinnbare K\u00e4mpfe nicht mehr gef\u00fchrt werden. An ihre Stelle treten plakative, radikale wie unrealistische Maximalforderungen und ein zunehmend militantes, abschreckendes Auftreten.</p><p>Viertens: an dem pauschalen Silencen von jeder Kritik im Rahmen dieser Problemstellungen innerhalb der Bewegung, die durch rechte und rechtsoffene Kr\u00e4fte aufgemacht werden mit dem Argument der vermeintlichen Spaltung. \u00dcblich ist auch der Vorwurf der <i>Instrumentalisierung</i> durch die Linke \u2013 als ob allein die rechten Teile der Bewegung nichtinstrumentelles Interesse an der Sache h\u00e4tten. Hier wird bewusst die rechts dominierte Volksfront der pal\u00e4stinensischen Nationalbewegung als Beispiel herangezogen, um eine solche Art der Einheit und des Vorgehens auch hier in der Bewegung festzuschreiben.</p><p>Problematisch ist, dass vor allem die linksliberale-dissidente, postkoloniale Mehrheitsstr\u00f6mung in der Pal\u00e4stina-Bewegung diese Momente nicht als das wahrnimmt, was sie sind: Der Aufstieg einer b\u00fcrgerlich-konservativen bis rechten Hegemonie in der Bewegung und die Schw\u00e4chung der klassenk\u00e4mpferischen, linksoffenen Elemente. Stattdessen wird die <i>Taktik der prinzipiellen Offenheit</i> zum <i>Dogma der prinzipiellen Offenheit</i> verkehrt und dadurch vom hegemoniepolitischen Instrument der Linken zum hegemoniepolitischen Instrument der Rechten<i>.</i> Hier wird zum Beispiel der identit\u00e4tspolitischen, postkolonialen Mehrheitsstr\u00f6mung ihr Hang zum kulturrelativistischen Essentialismus <b>[8]</b> genauso zum Verh\u00e4ngnis wie der Traditionslinken ihr Verharren in Konzepten der Volksfront beziehungsweise der nationalen Befreiung <b>[9]</b> aus der sp\u00e4ten Stalin-Zeit. Wenn die Raumnahme rechter Kr\u00e4fte und die Bedrohung, die damit f\u00fcr eine progressive Perspektive im Kampffeld Pal\u00e4stina verbunden ist, nicht gesehen wird, droht aber eine sektiererische Integration in die nationalistische/religi\u00f6se, identit\u00e4re Hegemonie und damit schlie\u00dflich Selbstisolation und Zerfall der Bewegung in Deutschland.</p><h2><b>R\u00fcckfall oder Schritte voran f\u00fcr eine populare Linke?</b></h2><p>Fakt ist, dass die Pal\u00e4stina-Bewegung ein politischer Erfolg f\u00fcr die Linke in Zeiten des Rechtsrucks ist. Die pal\u00e4stinasolidarische Linke konnte hier erstmalig effektiv Widerstand gegen einen Grundpfeiler der Staatsr\u00e4son und damit gegen den deutschen Imperialismus mobilisieren. Durch ihren Widerstand gegen den Staatsterror ist sie eine fundamental demokratische Bewegung gegen den weiteren Abbau unserer Grundrechte. Ein Fakt, den sich mehr Linke, die sich noch unsicher sind, wie sie sich verhalten wollen, vergegenw\u00e4rtigen sollten. Zudem war die pal\u00e4stinasolidarische Linke nicht nur in der Lage, in eine neue Form der Bewegungspolitik einzutreten, sondern auch die Black Lives Matter- und Migrantifabewegung in eine weitere deutsch-migrantische Bewegung zu \u00fcberf\u00fchren. Diese wird von einer eine sehr breiten Klassenbasis getragen, darunter aber eben auch besonders von migrantischen Arbeiter:innenklasse-Elementen, die mehrfach unterdr\u00fcckt werden. Das ist viel in Zeiten, in denen die Repression st\u00e4rker wird, die Kriegsgefahr w\u00e4chst und Faschisten vor Regierungsbeteiligungen stehen.</p><p>Die pal\u00e4stinasolidarische Linke sollte ihre Erfolge aber nun nicht verspielen. Je st\u00e4rker das Moment der Selbstisolation der Bewegung wird, desto mehr ger\u00e4t die Bewegung in die F\u00e4nge jener Kr\u00e4fte, die einem internationalistischen und solidarischen Projekt gegen\u00fcber verschlossen sind. Sie t\u00e4te gut daran, den Fehdehandschuh der rechten Kr\u00e4fte aufzunehmen und sie argumentativ zu enttarnen und zu stellen. Und zwar ganz praktisch und konstruktiv indem alternative Positionen in der Innen- und Au\u00dfenpolitik platziert werden, der Schlie\u00dfung die \u00d6ffnung gegen\u00fcber breiteren Gesellschaftsbereichen in Richtung breiterer Klassenb\u00fcndnisse entgegengesetzt wird, die Hinwendung und Verbindung zu kommenden K\u00e4mpfen in Deutschland gesucht wird und Kritik an bedenklichen Positionen Raum erh\u00e4lt. Das eben w\u00e4re ein Zeichen daf\u00fcr, dass die <i>Taktik der prinzipiellen Offenheit</i> nicht zum Opportunismus verkommt und im Rahmen einer <i>Strategie der linken Hegemonie</i> genutzt wird. Die Einsicht in die Notwendigkeit, dass auch Bewegungspolitik eben Politik ist und damit ganz nach deren Regeln des Machtkampfs um Deutung funktioniert, w\u00e4re \u00fcberhaupt die Basis f\u00fcr den n\u00e4chsten Schritt, denn: <i>Den Willigen f\u00fchrt das Schicksal, den Widerstrebenden schleppt es mit</i>.</p><hr/><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Sehr unr\u00fchmlich ist hier zum Beispiel der parteiinterne Umgang mit dem durchaus streitbaren Genossen Ramsis Kilani (Sozialismus von unten), der vermutlich Startschuss f\u00fcr \u00e4hnlich geartete Prozesse gegen\u00fcber anderen ist. Sein Statement zum Parteiausschluss findet sich <a href=\"https://www.theleftberlin.com/ramsis-kilani-expulsion-die-linke-palestine/\">hier</a>.</p><p><b>[2]</b> Der Tagesspiegel-Autor Sebastian Leber etwa <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/antisemitismus-in-der-linken-wie-schlimm-ist-es-wirklich-12822932.html\">versucht sich</a> in der Ehrenrettung dessen, was er die \u201eLinke\u201c nennt.</p><p><b>[3]</b> Vor allem gef\u00fchrt im <a href=\"https://lowerclassmag.com/?s=Stadtteilarbeit\">Lower Class Magazine</a>.</p><p><b>[4]</b> <a href=\"https://www.sebastian-friedrich.net/neue-klassenpolitik/\">Eine Sammlung</a> zu dieser Debatte findet sich beim Journalisten Sebastian Friedrich.</p><p><b>[5]</b> Konzeptionell aufbereitet <a href=\"https://www.labournet.de/wp-content/uploads/2017/06/linker_populismus.pdf\">beispielsweise</a> von Violetta Bock und Thomas E. Goes.</p><p><b>[6]</b> Diese Konzeptionalisierung stellt den Versuch des Autors dar, die von ihm beobachtete spektren\u00fcbergreifende Herangehensweise begrifflich zu fassen. Der <i>Taktik der prinzipiellen Offenheit</i> gegen\u00fcber steht eine Bewegungs- und Politikpraxis, die mit unver\u00e4nderlichen Positionen von Au\u00dfen versucht auf Bewegungen einzuwirken und mit harten Ein- und Ausschlusslogiken und/oder Repression arbeitet. Viele traditionslinke Parteien und Gruppen, etwa die MLPD mit ihrem missgl\u00fcckten Versuch bei <i>Fridays for Future</i>, arbeiteten so. Aber auch Teile der Autonomen Antifa, sowie an sie angeschlossenen Teilen der radikalen Linken arbeiten so und bek\u00e4mpfen deshalb andere Bewegungen und Linke mit dem Vorwurf der vermeintlichen Querfront.</p><p><b>[7]</b> Dem Autor ist bewusst, dass der beobachtete Ansatz an sich keineswegs <i>neu</i> und international <i>mehr als \u00fcblich</i> ist. <i>Neu</i>bedeutet in diesem Kontext also gemessen an der durchschnittlichen Performance der Linken in Deutschland in den letzten Jahren. Der Vorl\u00e4ufer waren zum Beispiel die Versuche von Linken in den 2010er-Jahren die Occupy- und die Mahnwachen-Bewegung nach links zu ziehen, was in erstem Fall gut gelang und in die Blockupy Proteste m\u00fcndete. In letzterem Fall untersch\u00e4tzte man, dass rechte Kr\u00e4fte hier bereits die gesamte Bewegungsinfrastruktur in der Hand hatten. Die Frage, in welcher Gewichtung die Kr\u00e4fte in der Bewegung stehen und wie sehr man bereit ist, den Kampf zu f\u00fchren, sind wohl ausschlaggebende Faktoren f\u00fcr den Erfolg im Kampf um die Hegemonie in politisch durchmischten K\u00e4mpfen.</p><p><b>[8]</b> In der postkolonialen Theorie gibt es neben vielen bereichernden Erkenntnissen auch die eher problematische Tendenz, die Kultur insbesondere von unterdr\u00fcckten und/oder kolonisierten Nationen usw. als politische Identit\u00e4t homogen, das hei\u00dft unter Ausklammerung beispielsweise von Klassenverh\u00e4ltnissen und Str\u00f6mungsunterschieden zu mobilisieren und zum alleinig positiven Ausgangspunkt ihres Kampfes zu machen.</p><p><b>[9]</b> Die Gefahr einer rechts dominierten Volksfront zeigt Alp Kayserilio\u011flu <a href=\"https://revoltmag.org/articles/lektionen-katastrophalen-zeiten/\">auf den Seiten dieses Magazins</a> auf.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Mai 2023 \u2013 f\u00fcr Parlament und Pr\u00e4sidentschaft \u2013 waren ein relativer Sieg f\u00fcr den amtierenden t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Reccep Tayyip Erdo\u011fan und ein relativer Misserfolg der Opposition, sowohl der linken als auch der rechten. Selbst wenn das Pr\u00e4sidentschaftsrennen noch nicht entschieden ist \u2013 keiner der Kandidaten konnte die f\u00fcr den Sieg in der ersten Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen erforderlichen 50 %+1 der Stimmen f\u00fcr sich verbuchen, so dass am 28. Mai eine zweite Runde anberaumt ist \u2013 k\u00f6nnen wir schon jetzt einige wichtige analytische Schlussfolgerungen ziehen und Perspektiven diskutieren. Nicht zuletzt gibt es auch gen\u00fcgend Gr\u00fcnde, den Kampf um den Sieg \u00fcber Erdo\u011fan am 28. Mai nicht aufzugeben. N\u00e4hern wir uns dem vertrackten gordischen Knoten Schritt f\u00fcr Schritt.</p><h2><b>Die Best\u00e4ndigkeit des institutionalisierten autorit\u00e4ren Populismus an der Macht</b></h2><p>Die Wahlergebnisse der ersten Runde zeigen einen relativen Sieg von Erdo\u011fan. Klar, autorit\u00e4re Repression, stark ungleiche Ausgangsbedingungen im Vorfeld und am Wahltag sowie Wahlbetrug in einer erneut von mysteri\u00f6sen Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten \u00fcberschatteten Wahlnacht sind wie gehabt sehr wichtige Elemente, die diesen relativen Sieg erm\u00f6glicht haben. Es gibt bereits deutliche Anzeichen daf\u00fcr, dass sich der Wahlbetrug vor allem darauf konzentriert hat, Stimmen f\u00fcr die linke, pro-kurdische Gr\u00fcne Linkspartei (<i>Ye\u015fil ve Sol Partisi,</i> YSP) in Stimmen f\u00fcr die rechtsextreme nationalistische Partei, die Partei der Nationalistischen Bewegung (<i>Milliyet\u00e7i Hareket Partisi,</i> MHP), den wichtigsten Verb\u00fcndeten von Erdo\u011fan, umzuwandeln (siehe z. B. den Hashtag #Ye\u015filSolPartininOylar\u0131Nerede \u2013 \u201eWo sind die Stimmen f\u00fcr die YSP?\u201c \u2013 auf Twitter). Zum Zeitpunkt, an dem ich diesen Artikel schreibe, ist das Ausma\u00df des Betrugs noch nicht klar und auch nicht, ob dieser entscheidende Auswirkungen auf das Wahlergebnis haben wird. Die Entwicklungen sind, wie so oft in der T\u00fcrkei, hochdynamisch. Dennoch: Der Betrug kann an sich nicht die enorme Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr Erdo\u011fan als Pr\u00e4sidentschaftskandidaten und sein regierendes B\u00fcndnis, die Volksallianz (<i>Cumhur Ittifak\u0131</i>, CI) erkl\u00e4ren.</p><p>Erdo\u011fan kam nach den offiziellen (staatlichen) Zahlen mit bisher 49,50 % der W\u00e4hler:innenstimmen (gegen\u00fcber 52,60 % und einem Sieg in der ersten Runde im Jahr 2018) knapp an den Sieg in der ersten Runde des Pr\u00e4sidentschaftsrennens heran, w\u00e4hrend sein Konkurrent, der Vorsitzende der Republikanischen Volkspartei (<i>Cumhuriyet\u00e7i Halk Partisi,</i> CHP), Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, der auch das wichtigste b\u00fcrgerliche Oppositionsb\u00fcndnis, die Allianz der Nation (<i>Millet Ittifak\u0131</i>, MI), anf\u00fchrt, etwas weniger als 45 % der W\u00e4hler:innenstimmen auf sich vereinte. Obwohl Erdo\u011fans CI mit einer W\u00e4hler:innenunterst\u00fctzung, die nahe an der von Erdo\u011fan liegt (49,46 % gegen\u00fcber 53,60 % im Jahr 2018 nach den bisherigen Zahlen), etwas weniger als die absolute Mehrheit gewonnen hat, verf\u00fcgt die CI aufgrund der Wahlarithmetik mit 322 von 600 Abgeordneten immer noch \u00fcber die absolute Mehrheit im t\u00fcrkischen Parlament. Obwohl die CI und Erdo\u011fan Stimmenanteile verloren haben und Erdo\u011fan es nicht geschafft hat, in der ersten Runde zu gewinnen, sollte die Tatsache, dass die MI und der zweite, linke Oppositionsblock, das B\u00fcndnis f\u00fcr Arbeit und Freiheit (<i>Emek ve \u00d6zg\u00fcrl\u00fck Ittifak\u0131,</i> E\u00d6I) unter F\u00fchrung der YSP, es nicht geschafft haben, die Macht der CI im Parlament zu brechen, sowie die Tatsache, dass K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu die erste Runde des Pr\u00e4sidentschaftswahlkampfs weder gewonnen noch angef\u00fchrt hat, eindeutig als relativer Sieg f\u00fcr Erdo\u011fan verstanden werden. Warum?</p><p>Im Gegensatz zu liberal-demokratischen Behauptungen \u00fcber das starke Abschneiden der Opposition in der T\u00fcrkei, wenn man sie mit der Opposition in Russland und Ungarn vergleiche (ein ausgezeichneter Artikel entlang dieser Argumentationslinie findet sich <a href=\"https://www.journalofdemocracy.org/seven-lessons-from-turkeys-effort-to-beat-a-dictator/\">hier</a>), sollte man den entscheidenden Unterschied des autorit\u00e4ren Regimes in der T\u00fcrkei im Vergleich zu den genannten betonen, der das Wahlergebnis zu einem relativen Sieg f\u00fcr das Regime macht: Es ist n\u00e4mlich im Verh\u00e4ltnis zu den tiefen und vielf\u00e4ltigen Krisen zu sehen, in die das Regime das Land gest\u00fcrzt hat. Die T\u00fcrkei befindet sich in der schwersten Wirtschaftskrise seit \u00fcber 20 Jahren (zumindest f\u00fcr die breite Masse der Bev\u00f6lkerung), wobei das Schlimmste wahrscheinlich erst noch bevorsteht. Das Land hat bei der Pandemie im Bereich der \u00f6ffentlichen Gesundheit sehr schlecht abgeschnitten und Anfang diesen Jahres die schlimmsten Erdbeben in der modernen Geschichte der T\u00fcrkei durchlebt, f\u00fcr deren fatale Auswirkungen die Regierung eine <a href=\"https://revoltmag.org/articles/das-staatsbeben-in-der-t%C3%BCrkei/\">gro\u00dfe Verantwortung</a> tr\u00e4gt. Trotz alledem beh\u00e4lt das Erdo\u011fan-Regime die Oberhand. Und dies, im \u00dcbrigen, <a href=\"https://www.dwturkce.com/tr/erdo%C4%9Fan-deprem-b%C3%B6lgesinde-ilk-s%C4%B1rada-%C3%A7%C4%B1kt%C4%B1/a-65631057\">auch im Erdbebengebiet</a>, wo der <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/sertug-cicek/14-mayis-secimlerinin-rontgeni-hangi-parti-ve-ittifak-ne-kazandi-ne-kaybetti-hangi-surpriz-sonuclar-var,40007\">R\u00fcckgang der Unterst\u00fctzung</a> f\u00fcr die CI und insbesondere f\u00fcr die AKP zwar nicht zu vernachl\u00e4ssigen ist, sie aber trotzdem weitab vorne liegen, w\u00e4hrend Erdo\u011fan als Pr\u00e4sidentschaftskandidat <a href=\"https://substackcdn.com/image/fetch/f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/13bcf876-0874-4b2f-832c-41200a25096d_795x566.jpeg\">kaum Verluste</a> hinzunehmen hat im Vergleich zu 2018. Keines der etablierten rechtsautorit\u00e4ren Regime weltweit durchlebte bisher auch nur im Entferntesten derartig tiefe Krisen wie dasjenige unter F\u00fchrung von Erdo\u011fan.</p><hr/><h4><b>Dies f\u00fchrt zu einer ersten wichtigen theoretischen Schlussfolgerung, die auch im globalen Ma\u00dfstab relevant ist: Ein institutionalisierter autorit\u00e4rer Populismus an der Macht und seine Mechanismen der polarisierten Identit\u00e4tsbildung k\u00f6nnen selbst angesichts tiefer und massiver Krisen hartn\u00e4ckig Bestand haben.</b></h4><hr/><p>Einem Gro\u00dfteil der schockierten Reaktionen auf die Wahlergebnisse scheint ein liberaler, aufkl\u00e4rungsphilosophischer Ansatz zugrunde zu liegen, der davon ausgeht, dass niemand aus rationalen Gr\u00fcnden ein Regime w\u00e4hlen w\u00fcrde oder sollte, das die Bev\u00f6lkerung \u2013 erneut aus vermeintlich rationalen Gesichtspunkten betrachtet \u2013 immer wieder im Stich l\u00e4sst. Diese Argumentation war und ist erkenntnistheoretisch und ontologisch offensichtlich unangemessen, um zu verstehen, was in der jetzigen Wahl geschehen ist und was seit Jahren geschieht.</p><p>Erdo\u011fan und die AKP konnten zun\u00e4chst auf der Welle eines \u201eeingebetteten Neoliberalismus\u201c reiten, das hei\u00dft, den Neoliberalismus in Mechanismen der minimalen Gesundheitsversorgung und oft recht paternalistische und klientelistische Formen der Umverteilung integrieren. Dies ging einher mit Diskursen und Praktiken, die das Gef\u00fchl einer umfassenden sozialen Teilhabe vermittelten. Diese waren wiederum vermittelt durch Subjektivierungsmechanismen nach konservativem Muster und einer nur restriktiven, das hei\u00dft nicht-strukturellen Erm\u00e4chtigung der subalternen Teile ihrer Unterst\u00fctzer:innenbasis. Diese gesellschaftliche Verankerung von Erdo\u011fan und der AKP ist der Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis, wie es Erdo\u011fan gelungen ist, seinen verschw\u00f6rungstheoretisch-autorit\u00e4ren Diskurs und seine Politiken der Polarisierung so zu verankern, dass er ein veritables Ma\u00df an gesellschaftlicher Zustimmung auf sich vereinen und ein B\u00fcndnis mit extrem nationalistischen Kr\u00e4ften wie der MHP schmieden konnte. Ohne diesen tiefenanalytischen Hintergrund bleibt man schlicht an der Oberfl\u00e4che der Ereignisse kleben, wie so viele <a href=\"https://www.gmfus.org/news/erdogan-just-short-another-victory-election-not-over-until-its-over\">politikwissenschaftliche Analysen</a>, die beispielsweise die Polarisierungstaktiken oder den \u00f6konomischen Populismus von Erdo\u011fan hervorheben, aber nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, warum das bei Erdo\u011fan seit Jahren trotz tiefen Krisen klappt, bei Trump, Bolsonaro und Johnson aber nicht.</p><p>Der Erfolg, sich als F\u00fchrer und die AKP als f\u00fchrende Partei zu pr\u00e4sentieren, die die Anliegen des Volkes vorantreibt entlang der oben genannten Linien und des oben genannten historischen Hintergrunds, verlieh der Anziehungskraft von Erdo\u011fan/CI auch in Krisenzeiten eine gewisse Best\u00e4ndigkeit und verhinderte eine massive Abnahme der Zustimmung unter der Erdo\u011fan/CI-W\u00e4hler:innenschaft. Hinzu kommt die reale und symbolische Selbst-Erhebung, die die Unterst\u00fctzer:innen durch die Annahme des autorit\u00e4ren Angebots, Teil des von Erdo\u011fan/CI vertretenen \u201enationalen Willens\u201c (<i>mill\u00ee irade</i>) zu sein, erlangen. Auch die Auswirkungen der populistischen Wirtschaftspolitik im Vorfeld der Wahlen d\u00fcrfen nicht untersch\u00e4tzt werden: Deckelung der Mieten, Erh\u00f6hung des Mindestlohns, Ausweitung der Rentenanspr\u00fcche und Erh\u00f6hung der Renten, Energieverbrauchssubventionen, Versprechen, das Erdbebengebiet innerhalb eines Jahres wieder aufzubauen, Versprechen, die H\u00e4lfte der Kosten f\u00fcr neue Wohnungen im Erdbebengebiet zu finanzieren und so weiter. Nichts von alledem d\u00fcrfte nachhaltig sein. Aber die Versprechungen f\u00f6rderten das bereits bestehende erfolgreiche F\u00fchrerimage. Eine typische Erdo\u011fan/CI-W\u00e4hler:inmentalit\u00e4t, die in den letzten Wochen h\u00e4ufig zu sehen und zu h\u00f6ren war, besteht in der Klage \u00fcber viele Dinge, etwa die Wirtschaft; gekoppelt aber mit dem Glauben, dass immer noch Erdo\u011fan/CI die beste/einzige Option zur L\u00f6sung der Probleme sei.</p><p>Es ist also auch die Unzufriedenheit innerhalb der Erdo\u011fan/CI-W\u00e4hler:innenschaft gro\u00df, was sich in den Stimmenverlusten f\u00fcr Erdo\u011fan und die CI im Vergleich zu 2018 und in bestimmten qualitativen Feldstudien und \u00f6ffentlichen Umfragen widerspiegelt. Warum ist es der Opposition dann nicht gelungen, diese Unzufriedenheit st\u00e4rker als bisher von Erdo\u011fan/CI weg zu kanalisieren?</p><h2><b>Die Grenzen eines halbherzigen progressiven Neoliberalismus</b></h2><p>Wie bereits mehrfach von kritischen Stimmen hervorgehoben wurde, ist der wichtigste b\u00fcrgerliche Oppositionsblock eher schwach darin, eine \u00fcberzeugende alternative Vision f\u00fcr Staat und Gesellschaft zu pr\u00e4sentieren \u2013 und noch weniger gut darin, eine solche Perspektive in sozialen Praktiken zu verankern, die mit den Menschen in Verbindung stehen. Ihre polit\u00f6konomische Perspektive beinhaltet die Restauration eines klassischen neoliberalen Akkumulationsregimes, m\u00f6glicherweise mit einem developmentalistischen Einschlag. Sie stehen damit f\u00fcr ein Akkumulationsregime, das haupts\u00e4chlich verantwortlich ist f\u00fcr ein Wachstum ohne Besch\u00e4ftigungszuwachs (<i>jobless growth</i>), die zunehmende Ungleichheit von Einkommen und Verm\u00f6gen und die Zerst\u00f6rung der Organisation der Arbeiter:innenklasse \u2013 und damit f\u00fcr ein Akkumulations, das die Grundlage bot und bietet f\u00fcr die B\u00fcndelung der Unzufriedenheit auf reaktion\u00e4re Weise, wie es Erdo\u011fan tat und weiterhin tut.</p><hr/><h4><b>Auch in dieser Hinsicht \u00e4hnelt der Fall der T\u00fcrkei dem globalen Trend einer vorherrschenden innersystemischen Dialektik zwischen progressivem Neoliberalismus und reaktion\u00e4rem Populismus vor dem Hintergrund einer tiefen und vielschichtigen Krise der globalisierten neoliberalen Weltordnung. In der T\u00fcrkei jedoch mit einer noch weniger ausgepr\u00e4gten \u201eProgressivit\u00e4t\u201c auf der neoliberalen Seite der Dialektik als etwa bei Macron in Frankreich, Biden in den USA oder der \u201eFortschrittskoalition\u201c in Deutschland. Wie und warum ist das so?</b></h4><hr/><p>Die Forderung der MI nach Demokratie bleibt recht unbestimmt, da vor allem die innerstaatliche Dimension der Demokratisierung von der Hauptopposition dargelegt wird im Rahmen einer Perspektive hin zu einem gest\u00e4rkten parlamentarischen System. In den einschl\u00e4gigen Dokumenten der MI finden sich viele gute Vorschl\u00e4ge, zum Beispiel in Bezug auf das Justizwesen. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass das derzeitige Pr\u00e4sidialregime in der T\u00fcrkei nicht mit dem Fallschirm vom Himmel auf die Erde gesprungen ist, sondern sich aus eben einem parlamentarischen System heraus entwickelt hat \u2013 genauer gesagt dadurch, dass Erdo\u011fan/CI gesellschaftliche Konflikte instrumentalisiert haben, um vor dem Hintergrund einer Hegemoniekrise den \u00dcbergang zu einem autorit\u00e4ren Pr\u00e4sidialregime zu forcieren. In dieser Hinsicht bleibt die Forderung der Hauptopposition nach Pluralismus in den gesellschaftlichen Beziehungen weit weniger detailliert, da hoch umstrittene Themen wie die kurdische und alevitische \u201eFrage\u201c und das Thema der LGBTQI+-Rechte umgangen werden. Positive Verweise auf historische Institutionen ausgrenzender religionsbasierter Politik wie das Direktorat f\u00fcr religi\u00f6se Angelegenheiten (Diyanet) finden sich bei der CHP, aber auch bei anderen Parteien der MI. Ebenso finden sich positive Verweise auf neuere symbolische und institutionelle Elemente des Rechtsnationalismus und Autoritarismus, etwa auf die Einleitung und die ersten vier Paragraphen der vom Milit\u00e4r auferlegten und immer noch g\u00fcltigen Verfassung von 1982. Diese beinhalten ein ethnisch-ausgrenzendes Verst\u00e4ndnis der t\u00fcrkischen Nation und einen autorit\u00e4ren \u201eAtat\u00fcrkismus\u201c. Elemente wie diese, gepaart mit einem starken Fokus auf aggressiven Nationalismus und patriarchale Werte, waren die Schl\u00fcsselthemen, die von Erdo\u011fan/CI instrumentalisiert wurden, um auf dem Weg zum aktuellen Pr\u00e4sidialsystem auf Zustimmung zu dr\u00e4ngen. Und sie bleiben die Schl\u00fcsselelemente, die von Erdo\u011fan/CI instrumentalisiert werden, um aktuell den autorit\u00e4ren Konsens zu konsolidieren. Nicht zuletzt \u00e4hnelte die Mobilisierung der Hauptopposition jener von Erdo\u011fan/CI: Das hie\u00df, die Menschen kleinzuhalten und zu demotivieren, selbst aktiv zu werden oder auf die Stra\u00dfe zu gehen, indem sie sie vor schlimmen Dingen warnen, die sonst passieren k\u00f6nnten. Sie setzen darauf, dass die Menschen demobilisiert bleiben oder nur auf eine paternalistische und kontrollierte Weise mobilisiert werden.</p><p>Ein ausgrenzender (extremer) Nationalismus, eine ausgrenzenden religionsbasierten Politik sowie die einem autorit\u00e4ren Staatsglauben und der Staatssicherheit einger\u00e4umte Vorrangstellung gegen\u00fcber der selbstt\u00e4tigen Aktivit\u00e4t der Massen und der popularen Demokratie sind zentrale Themen der herrschenden Bl\u00f6cke seit der Gr\u00fcndung der modernen Republik T\u00fcrkei. Nichts davon war und ist unangefochten und unver\u00e4ndert. Ein Intermezzo gro\u00dfer sozialer Auseinandersetzungen 1960-80 stellte diese autorit\u00e4ren Grundlagen der Republik in Frage. Diese wurden jedoch von der Milit\u00e4rjunta des Staatsstreichs vom 12. September 1980 und ihrer autorit\u00e4ren Verfassung in modifizierter Form wiederhergestellt.</p><p>Seitdem ist das zunehmende Erstarken eines rechtsgerichteten Konservatismus zu verzeichnen, der Nationalismus und Islamismus einschlie\u00dft. Er wird von den wichtigsten b\u00fcrgerlichen Parteien und dem Milit\u00e4r propagiert und instrumentalisiert und f\u00fcllt das Vakuum, das die zerst\u00f6rte revolution\u00e4re Linke hinterlassen hat. St\u00e4rkere oder schw\u00e4chere Alternativ- oder Gegentrends gab und gibt es nach wie vor, wie der kurzlebige Aufstieg der Sozialdemokratie in den fr\u00fchen 1990er Jahren, die illusion\u00e4ren Versuche eines \u201eprogressiven Neoliberalismus\u201c unter der fr\u00fchen AKP und in j\u00fcngerer Zeit vor allem der Gezi-Aufstand von 2013 gezeigt haben. Die Republikaner und die republikanische Linke haben es jedoch vermieden und vermeiden es weiterhin, Gegentendenzen zu einer umfassenden nicht-neoliberalen Alternative zu formulieren, w\u00e4hrend die revolution\u00e4re Linke nach 1980 viel zu schwach blieb und bleibt oder in Teilen liberal wurde. Das ist der Hauptgrund, warum es seit geraumer Zeit eine unabh\u00e4ngige dritte, linke und pro-kurdische Koalition in der T\u00fcrkei gibt.</p><p>Dass der wichtigste Oppositionsblock heute ebenfalls versucht, auf der dominierenden Welle des Konservatismus zu reiten, sollte daher nicht \u00fcberraschen. Noch weniger, wenn man bedenkt, dass im Grunde alle Parteien innerhalb der MI neben der CHP Abspaltungen von der AKP (Davuto\u011flus GP, Babacans DEVA) oder der MHP (Ak\u015feners IYI) sind, au\u00dferdem eine Nachfolgepartei der Vorg\u00e4ngerpartei der AKP (Karamollao\u011flus SP) und eine Partei, die in der Haupttradition der rechten Mitte in der T\u00fcrkei steht (Uysals DP). Es handelt sich also um Parteien der rechten Seite des politischen Spektrums, weswegen die manchmal zu vernehmende Rede von einer \u201egro\u00dfen, parteien\u00fcbergreifenden Koalition\u201c in Bezug auf die MI schlicht falsch ist.</p><p>Es gibt keine offene Zusammenarbeit mit der YSP oder dem E\u00d6I, diese wird von fast allen Parteien innerhalb der MI au\u00dfer der CHP rundweg abgelehnt. Dies ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass die YSP und ihre Vorl\u00e4uferin, die Demokratische Partei der V\u00f6lker (<i>Halklar\u0131n Demokratik Partisi</i>, HDP) bei den Kommunalwahlen 2019 ma\u00dfgeblich zum Erfolg der Opposition beigetragen haben und jetzt wieder dazu beitragen, den Stimmenanteil von K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu zu erh\u00f6hen. In der Tat erzielte K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu in den \u00fcberwiegend kurdischen Gebieten der T\u00fcrkei die h\u00f6chsten Werte, oft weit \u00fcber 60 % der Stimmen. Im Gegensatz dazu h\u00f6rt man oft Aufrufe aus dem liberalen Lager an K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu und die CHP, sich zug\u00e4nglich gegen\u00fcber konservativen und nationalistischen W\u00e4hler:innen zu zeigen, um eine erfolgreiche demokratische Koalition zu schmieden und die Macht von Erdo\u011fan/CI \u00fcber diese W\u00e4hler:innenschaft zu brechen. \u00c4hnliche Aufrufe an K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu und die CHP, sich der HDP/YSP oder dem E\u00d6I anzun\u00e4hern, gibt es allerdings kaum. Offensichtlich ist die MI nicht nur aus pragmatischen Gr\u00fcnden der Ansicht, dass ein Einlenken gegen\u00fcber einer scheinbar dominanten konservativen Str\u00f6mung ihr die Oberhand bei den Wahlen verschaffen w\u00fcrde. Der Schluss ist naheliegend, dass die Mehrheit der MI auch aktiv davon \u00fcberzeugt ist, dass der Konservatismus die \u201erichtige\u201c Art und Weise ist, zu regieren und die Gesellschaft zu gestalten. Gerade dieses Appeasement an den rechtskonservativen Trend machte es schon vor den Wahlen fragw\u00fcrdig, wie weit eine Demokratisierung unter F\u00fchrung der MI gehen k\u00f6nnte.</p><p>Allerdings scheint diese Anpassung an den dominanten rechtskonservativen Trend als Alternative gar nicht erst \u00fcberzeugend genug zu sein, um einen Wandel in der Legislative einzuleiten, wie schon vor den Wahlen oft kritisch angemerkt wurde: Die MI blieb bei den Parlamentswahlen im Wesentlichen bei ihren Stimmenanteilen von 2018 (damals 33,94%, jetzt 35%), wobei die IYI etwas weniger (jetzt 9,7% gegen\u00fcber 9,96% 2018) und die CHP etwas mehr als bei den letzten Wahlen (25,33% gegen\u00fcber 22,65%) erzielte. Da die CHP jedoch nur durch die viel gepriesene Taktik, mit allen MI-Mitgliedern au\u00dfer der IYI mit gemeinsamen Listen in den Wahlkampf zu ziehen, mehr Abgeordnete gewinnen konnte, werden sich diese Gewinne in Verluste verwandeln, da die CHP mehr Sitze an MI-Mitglieder abgeben wird, als sie gewonnen hat. Man fragt sich schon, ob die Taktik, eine Mitte-Rechts-Koalition zu schmieden, um das demokratische Potenzial gegen den Autoritarismus zu kanalisieren, doch nicht so gut aufgegangen ist und ob ein alternatives Mitte-Links-B\u00fcndnis, etwa mit der CHP und der HDP im Kern, bei guter Durchf\u00fchrung, nicht erfolgreicher gewesen w\u00e4re.</p><p>Die Lehren aus dem relativen Scheitern der Opposition sind meines Ermessens daher diese hier: Ohne eine umfassende alternative gesellschaftliche Vision, inklusive einer alternativen polit\u00f6konomischen Vision, plus einer Praxis, die sich im Alltag und in der sozialen Praxis der Menschen mit diesen verbindet, um die Alternative tats\u00e4chlich zu verankern und die Menschen umfassend handlungsf\u00e4hig subjektiviert und daher die reaktion\u00e4ren Subjektivierungsmechanismen ersetzt, wird es kaum gehen. Oder es wird gehen zu einem immer st\u00e4rker steigenden Preis, das hei\u00dft auf dem Hintergrund von immer schwereren Krisen, deren Materialit\u00e4t dann irgendwann die Materialit\u00e4t und Superstruktur des Erdo\u011fanismus brechen wird, allerdings dann mit einer Sto\u00dfrichtung, die radikal offen bleibt in alle Richtungen, fortschrittlich wie reaktion\u00e4r.</p><hr/><h4><b>Schlimmer jedoch als die nur mittelm\u00e4\u00dfige Performance der MI ist,</b> <b>dass das Einlenken gegen\u00fcber dem Rechtskonservatismus, um dessen extremste autorit\u00e4re Form, n\u00e4mlich das faschistoide Regime unter Erdo\u011fan, zu st\u00fcrzen, dazu beigetragen hat \u2013 wohl unbeabsichtigt, nehme ich an, aus der Sicht der Mehrheit der Republikaner:innen \u2013, die steigende Flut des rechten (extremistischen) Konservatismus zu st\u00e4rken. Auch das war eine gro\u00dfe Gefahr, vor der kritische Analysen schon seit geraumer Zeit gewarnt haben.</b></h4><hr/><h2><b>Der Aufstieg des extremen Rechtskonservatismus</b></h2><p>Der heimliche Gewinner der Wahlen in der T\u00fcrkei vom 14. Mai 2023 scheint derzeit der (extreme) Rechtskonservatismus zu sein, der als allgemeine Tendenz b\u00fcndnis\u00fcbergreifend erstarkt und verschiedene Unterstr\u00f6mungen wie extremen Nationalismus und extremen Islamismus umfasst. Z\u00e4hlt man die (rechtsextremen) nationalistischen Parteien aus der Regierungskoalition wie die MHP, aber auch aus der Opposition wie die bereits erw\u00e4hnte IYI, aber auch die rasend fl\u00fcchtlingsfeindliche Partei des Sieges (<i>Zafer Partisi</i>, ZP), die ihrerseits eine Abspaltung der IYI ist, zusammen, ergibt sich f\u00fcr diese Str\u00f6mung ein Gesamtstimmenanteil von etwa 24-25 %. Das gro\u00dfe bisher ungel\u00f6ste R\u00e4tsel in dieser Gleichung ist die starke Performance der MHP. Waren ihr im Durchschnitt aller Umfragen vor den Wahlen 6-7% der Stimmen vorhergesagt worden, konnte sie mit knapp \u00fcber 10% der Stimmen ihre Zustimmungswerte von 2018 im Allgemeinen fast ohne Verluste verteidigen. Eine \u00e4hnliche massive Fehlvorhersage fast aller Wahlumfrageinstitute f\u00fcr das Abschneiden der MHP war schon 2018 aufgetreten.</p><p>Auf der anderen Seite, w\u00e4hrend die AKP als Partei, obwohl sie immer noch die st\u00e4rkste Partei bleibt, der gro\u00dfe Verlierer dieser Wahlen ist (35,58% im Vergleich zu 42,56% im Jahr 2018), werden die extremen Islamisten von Erbakans Neuer Wohlfahrtspartei (<i>Yeniden Refah Partisi,</i> YRP) mit 2,82% der Stimmen als Teil der CI f\u00fcnf Mitglieder ins Parlament schicken. Dar\u00fcber hinaus sind vier Abgeordnete der kurdisch-islamistischen Partei der Freien Sache (<i>H\u00fcr Dava Partisi,</i>H\u00dcDA-PAR) \u00fcber die AKP-Listen ins Parlament eingezogen. Die YRP wurde der CI hinzugef\u00fcgt, um deren Anziehungskraft im islamistischen Lager zu verst\u00e4rken, w\u00e4hrend die H\u00dcDA-PAR dem B\u00fcndnis hinzugef\u00fcgt wurde, um die Anziehungskraft unter konservativen Kurd:innen zu erh\u00f6hen. W\u00e4hrend H\u00dcDA-PAR in der Tradition der t\u00fcrkischen Hizbullah steht, die in den 1990er Jahren f\u00fcr barbarische Massaker und F\u00e4lle brutaler Folter verantwortlich war, pflegen sowohl H\u00dcDA-PAR als auch YRP eine aggressive Feindseligkeit gegen\u00fcber queeren Menschen und Frauen*rechten. Wie der erfahrene republikanische Journalist Murat Yetkin zu Recht <a href=\"https://yetkinreport.com/2023/05/16/turkiyenin-en-milliyetci-ve-muhafazakar-meclisi-kuruldu/\">feststellt</a>, ist das derzeitige Parlament auf dem besten Wege, das nationalistischste und islamistischste Parlament in der Geschichte der modernen T\u00fcrkei zu werden. Im Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf hat der rechtsextrem-nationalistische Kandidat Sinan O\u011fan, der sich ebenfalls von der IYI abgespalten hat und sich f\u00fcr das im Rennen um das Parlament an sich unbedeutende ATA-B\u00fcndnis (wortw\u00f6rtlich \u201eB\u00fcndnis der Vorfahren\u201c) aufstellen lie\u00df, mit einem Gesamtstimmenanteil von 5,17 % entscheidend dazu beigetragen, dass das Rennen nun in eine zweite Runde geht.</p><p>Auch wenn wir noch nicht \u00fcber wissenschaftlich fundierte Analysen der W\u00e4hler:innenstr\u00f6me verf\u00fcgen, k\u00f6nnen wir vorl\u00e4ufig davon ausgehen, dass ver\u00e4rgerte AKP-W\u00e4hler:innen f\u00fcr Parteien innerhalb desselben B\u00fcndnisses (wie etwa die YRP) und in geringem Ma\u00dfe f\u00fcr Parteien au\u00dferhalb der Regierungskoalition, die dieser ideologisch nahe stehen, gestimmt haben.</p><p>Es zeichnet sich ab, dass nationalistisch orientierte Neuw\u00e4hler:innen und ver\u00e4rgerte W\u00e4hler:innen anderer Parteien, <a href=\"https://turkiyeraporu.com/arastirma/cumhurbaskani-adaylari-hangi-parti-secmenlerinden-oy-aldi-15309/\">insbesondere</a> diejenigen, die IYI gew\u00e4hlt haben, Sinan O\u011fan ihre Stimme gaben. IYI-Parteichefin Meral Ak\u015fener scheint durch das Wahlergebnis nicht so sehr aus der Fassung gebracht zu sein zu sein wie die Republikaner oder die Linke; sie hat sich in der Wahlnacht und bis zum jetzigen Zeitpunkt (Mittwoch, 17. Mai) \u00fcberhaupt nicht zu den Wahlergebnissen ge\u00e4u\u00dfert. Man kann nur vermuten, dass ein extremer Nationalist aus der gleichen Tradition wie Ak\u015fener als mutma\u00dflicher K\u00f6nigsmacher in der zweiten Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen sie ebenso erfreut wie das allgemein starke Abschneiden des (extremen) Nationalismus bei den Wahlen.</p><hr/><h4><b>Zusammenfassend haben die jahrelange D\u00e4monisierung der relativ zentristischen CHP und insbesondere der HDP/YSP als terroristisch von einem extrem nationalistischen Standpunkt aus ebenso wie das Fehlen einer Alternative zum Rechtskonservatismus und die Beschwichtigung desselben durch den wichtigsten Oppositionsblock zu diesen Ergebnissen gef\u00fchrt.</b></h4><hr/><p>Das hei\u00dft, Politik hat zu dieser Situation beigetragen und nicht irgendeine mysteri\u00f6se allgemeine Soziologie der T\u00fcrkei, derzufolge reaktion\u00e4rer Konservatismus/Nationalismus irgendwie ein fester Bestandteil der t\u00fcrkischen Nation seit ehedem sei. Dennoch: Wie beispielsweise Cihan Tu\u011fal <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/articles/c3gpj1p1e7eo\">hervorgehoben</a> hat, werden diese strukturellen Verschiebungen in der allgemeinen W\u00e4hler:innenstimmung und der Identit\u00e4tsbildung in den wenigen Tagen vor der zweiten Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen h\u00f6chstwahrscheinlich nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden k\u00f6nnen, auch wenn K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu das wollte (was er, \u00fcbrigens, offensichtlich nicht tut; siehe weiter unten). Bevor ich mich der Wahlnacht und den Perspektiven f\u00fcr den zweiten Wahlgang zuwende, m\u00f6chte ich einen kurzen Blick auf den Zustand der Linken werfen.</p><h2><b>Revolution\u00e4re Fehlz\u00fcndungen</b></h2><p>Nach den aktuell vorliegenden offiziellen Ergebnissen bleibt das Abschneiden des linken E\u00d6I mittelm\u00e4\u00dfig. Sie k\u00f6nnte sogar Stimmenanteile verloren haben (10,54 % jetzt gegen\u00fcber 11,70 % f\u00fcr die HDP im Jahr 2018). Dies gilt insbesondere f\u00fcr die YSP (jetzt 8,81 %), unter deren Dach die HDP kandidierte, da letztere mit einem politisierten Schlie\u00dfungsverfahren vor dem Verfassungsgericht konfrontiert ist. Da sich die Diskussionen um Wahlbetrug jedoch speziell auf die Stimmen f\u00fcr die YSP und in geringerem Ma\u00dfe f\u00fcr die Arbeiterpartei der T\u00fcrkei (<i>T\u00fcrkiye I\u015f\u00e7i Partisi,</i>TIP), die Teil des E\u00d6I ist, konzentrieren, werden detaillierte Diskussionen \u00fcber den Wahlerfolg oder das Scheitern des E\u00d6I warten m\u00fcssen, bis sich der Nebel des Krieges gelichtet hat. Dennoch lassen sich bereits jetzt einige allgemeinere Aussagen treffen.</p><p>Der bereits erw\u00e4hnte Betrug und die autorit\u00e4re Repression sowie der allgemeine Anstieg des Rechtskonservatismus der letzten Jahre haben den Aktionsradius des E\u00d6I eingeschr\u00e4nkt. Dennoch bleibt das E\u00d6I eine wichtige Kraft, mit der man rechnen muss, und zwar seit Jahren. Das B\u00fcndnis stellt den einzigen wirklichen Garant f\u00fcr die Demokratisierung in der T\u00fcrkei dar, und aufgrund der sozialistischen und linken Tendenzen innerhalb des E\u00d6I auch f\u00fcr die M\u00f6glichkeit einer sozialen Perspektive f\u00fcr die T\u00fcrkei \u00fcber den Neoliberalismus hinaus. Das ist einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr die D\u00e4monisierung des E\u00d6I und insbesondere der HDP/YSP durch die meisten Parteien des politischen Spektrums: Sie wollen diese Ausrichtung einer Alternative f\u00fcr die T\u00fcrkei auf die Kurd:innen und einige marginalisierte Elemente der Linken beschr\u00e4nken, da der Rechtskonservatismus von den dominierenden politischen Parteien als soziale Vision f\u00fcr die T\u00fcrkei bevorzugt wird.</p><p>Das E\u00d6I wurde erst kurz vor den Wahlen gegr\u00fcndet und bezog noch mehr sozialistische Parteien als zuvor in ein strategisches B\u00fcndnis mit den pro-kurdischen linken Kr\u00e4ften ein. Dies war ein wichtiger Schritt, da es die Reichweite eines strategischen B\u00fcndnisses von Sozialist:innen und pro-kurdischen Linken um diejenigen Parteien und Organisationen erweiterte, die fr\u00fcher in relativer Distanz zur kurdischen Bewegung standen. Allerdings f\u00fchrten Meinungsverschiedenheiten dar\u00fcber, ob man \u00fcber gemeinsame Listen unter dem Dach der HDP/YSP oder \u00fcber verschiedene Listen in den Parlamentswahlkampf eintreten sollte, zu schwerwiegenden Reibereien innerhalb des B\u00fcndnisses. Letztendlich entschied sich nur die TIP aus den Reihen des E\u00d6I, \u00fcber eine unabh\u00e4ngige Liste neben der HDP/YSP anzutreten, w\u00e4hrend alle anderen sozialistischen Parteien \u00fcber HDP-Listen kandidierten. Positiv am Wahlergebnis f\u00fcr das E\u00d6I ist die Tatsache, dass die TIP aus dem Stand heraus vier Abgeordnete mit 1,73% der Stimmen gewinnen konnte, das ist die gleiche Anzahl an Abgeordneten wie bei und nach ihrer ersten Kandidatur 2018 \u00fcber HDP-Listen. Dies ist prinzipiell zu begr\u00fc\u00dfen, da es zeigt, dass eine sozialistische Partei in strategischer Allianz mit der HDP/YSP in der Lage ist, selbst als Newcomer im parlamentarischen Wettbewerb Stimmen und Sitze zu gewinnen. Auch hier liegt bislang keine klare Analyse der W\u00e4hler:innenstr\u00f6me vor, so dass nicht genau festgestellt werden kann, woher die Stimmen f\u00fcr die TIP kamen. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass TIP Stimmen von linksgerichteten CHP-W\u00e4hler:innen, bisherigen Nichtw\u00e4hler:innen und HDP/YSP-W\u00e4hler:innen erhalten hat. Sollte die TIP mehr Stimmen von linksgerichteten CHP-W\u00e4hler:innen und Nichtw\u00e4hler:innen als von HDP/YSP-W\u00e4hler:innen erhalten haben, k\u00f6nnte man davon ausgehend argumentieren, dass die eigenst\u00e4ndigen Listen der TIP im Prinzip zum Wachstum des Gesamtstimmenanteils des E\u00d6I beigetragen hat.</p><p>Wie auch immer die W\u00e4hler:innenstr\u00f6me im Einzelnen aussehen m\u00f6gen: Auf der negativen Seite des Wahlergebnisses f\u00fcr das E\u00d6I steht die Tatsache, dass die Kandidatur \u00fcber getrennte Listen nach einigen Berechnungen f\u00fcr das E\u00d6I aufgrund der Spaltung der linken W\u00e4hler:innenschaft in bestimmten Wahlbezirken zu einem Verlust von <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/sertug-cicek/14-mayis-secimlerinin-rontgeni-ittifak-politikalari-ne-kazandirdi-ne-kaybettirdi-tip-in-ayri-listesi-hangi-illerde-sonucu-etkiledi,40029\">etwa vier Abgeordneten</a> f\u00fchrte (Berechnungen \u00fcber potenzielle Verluste von Parlamentssitzen bleiben noch provisorisch). W\u00e4hrend ein Zusammenschluss mit dem vorrangigen Ziel, mehr Abgeordnete zu erhalten \u2013 und damit der Verzicht auf unabh\u00e4ngige Organisation und Propaganda \u2013 in normalen Zeiten als eine autorit\u00e4re Perspektive des Ausb\u00fcgelns von Differenzen um des st\u00e4rksten Teils der Einheit willen aus rein pragmatischen Gr\u00fcnden (= mehr Abgeordnete) angesehen und kritisiert werden muss, war die T\u00fcrkei am 14. Mai nicht auf normale Wahlen eingestellt: Die absolute Mehrheit der CI im Parlament zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und Erdo\u011fan als Pr\u00e4sidentschaftskandidaten zu schlagen, war und bleibt der Schl\u00fcssel, um den konsolidierten Autoritarismus an diesem kritischen historischen Punkt empfindlich zu treffen. Darum ging es am 14. Mai. Der Zeitpunkt der TIP-Initiative, mit eigenen Listen anzutreten und auch dort separat zu kandidieren, wo dies absehbar zu einem Verlust von Abgeordneten f\u00fcr das E\u00d6I insgesamt f\u00fchren w\u00fcrde, muss daher als grober Fehler gewertet werden, der die gemeinsame Dynamik des B\u00fcndnisses besch\u00e4digte und als solcher scharf kritisiert werden sollte.</p><p>Andererseits hat der Geist der Debatten \u00fcber die Listenfrage und die Perspektive nach den Wahlen zuweilen die Grenzen des legitimen Wettbewerbs und der Kritik innerhalb eines Linksb\u00fcndnisses verlassen und war auch f\u00fcr den Geist des B\u00fcndnisses \u00e4u\u00dferst destruktiv. Wenn wir die bisherigen offiziellen Ergebnisse f\u00fcr bare M\u00fcnze nehmen (und dabei immer den Betrugsvorbehalt im Hinterkopf behalten), hat die HDP/YSP mehr Stimmen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hdp-ve-yesil-sol-parti-den-secim-sonuclarina-iliskin-aciklama,1110004\">verloren</a> als die TIP gewonnen hat, <a href=\"https://twitter.com/alkanfrkan/status/1658036982721675264\">selbst</a> in Gebieten, in denen die TIP nicht parallel zur HDP/YSP antrat, wie in (Teilen von) Izmir, Ankara, Bursa, Ayd\u0131n, Kocaeli und Manisa. Die Besch\u00e4digung des B\u00fcndnisgeistes k\u00f6nnte zu einer Demoralisierung und folglich zu einem Verlust von Stimmenanteilen insgesamt beigetragen haben. Eine n\u00fcchterne Selbstreflexion und -kritik ist notwendig, um die Gr\u00fcnde f\u00fcr den relativen Verlust von Stimmenanteilen zu finden. Innerhalb des B\u00fcndnisses stehen an den beiden extremen Polen der Debatte die Klage des TIP-Abgeordneten Ahmet \u015e\u0131k \u00fcber \u201ekurdische Faschisten\u201c und die Behauptung der HDP-Ko-Vorsitzenden Pervin Buldan, jede Stimme f\u00fcr eine andere Partei innerhalb des E\u00d6I als die HDP/YSP sei eine Stimme f\u00fcr Erdo\u011fan (beide entschuldigten sich sp\u00e4ter). Auch nach der Wahlnacht ging die Suche nach einem S\u00fcndenbock innerhalb des E\u00d6I viral. Dies ist keine akzeptable Form, eine b\u00fcndnisinterne Debatte zu f\u00fchren.</p><hr/><h4><b>Die E\u00d6I-Mitglieder und -Mitgliedsparteien sollten sich rasch wieder auf die Wiederherstellung des B\u00fcndnisgeistes besinnen, ohne sich dabei berechtigte Kritik zu verkneifen. Gerade jetzt sind alle Kr\u00e4fte notwendig, um die seit der Wahlnacht einsetzenden allgemeinen Demoralisierungstendenzen umzukehren, um auf dem steinigen Weg zum 28. Mai wieder die Initiative zu ergreifen.</b></h4><hr/><p>Man kann nicht genug betonen, wie wichtig es ist, sich so schnell wie m\u00f6glich auf die zweite Wahlrunde vorzubereiten. Zudem: Mittel- bis langfristig, unabh\u00e4ngig von den Ergebnissen des 28. Mai, ist eine starke und geeinte E\u00d6I notwendig, um dem Aufstieg des Rechtskonservatismus entgegenzuwirken, mehr Kr\u00e4fte f\u00fcr eine Demokratisierung der T\u00fcrkei mit einer starken sozialen Perspektive zu sammeln und das Kr\u00e4ftegleichgewicht in eine solche Richtung zu bewegen. Dies wird der E\u00d6I nicht gelingen, wenn sie in eine Psychologie der Niederlage zur\u00fcckf\u00e4llt, die die destruktiven Energien nach innen lenkt, anstatt sie in positive Energien nach au\u00dfen zu wenden.</p><h2><b>Ein harter Kampf steht bevor</b></h2><p>Momente und Elemente, die keine zentralen Bestandteile von Strukturen oder von mittel- bis langfristigen Tendenzen darstellen, k\u00f6nnen dennoch kurzfristig von gro\u00dfer Bedeutung sein. Sie werden historisch entscheidend, wenn das Kurzfristige selbst ein kritischer historischer Kreuzungspunkt ist.</p><p>Die Wahlnacht bleibt nach wie vor geheimnisumwittert, da die Ver\u00f6ffentlichung neuer Daten zum Wahlergebnis durch alle relevanten Instanzen, einschlie\u00dflich des von CHP und MI konstruierten alternativen Systems, mitten in der Nacht f\u00fcr einige Stunden gestoppt wurde. Selbst die sonst sehr lautstarken CHP-B\u00fcrgermeister von Istanbul und Ankara, Ekrem Imamo\u011flu und Mansur Yava\u015f, die die offizielle Ausz\u00e4hlung und die AKP-Blockademan\u00f6ver am Abend und in der Nacht angefochten hatten, verstummten ohne jede Erkl\u00e4rung. Dabei hatte Imamo\u011flu bei den Kommunalwahlen am 31. M\u00e4rz 2019 die ganze Nacht hindurch die offizielle Ausz\u00e4hlung in ganz \u00e4hnlicher Weise angefochten, was als entscheidendes Element f\u00fcr den Sieg der CHP gegen den versuchten Wahlbetrug durch die AKP angesehen wird. Was ist dieses Mal passiert? Drei Tage danach gibt es immer noch keine befriedigende Erkl\u00e4rung. Es gibt viele Ger\u00fcchte und Anzeichen \u2013 wie den R\u00fccktritt der Person, die innerhalb der CHP f\u00fcr die Wahlsicherheit und die Wahlberichterstattung zust\u00e4ndig ist \u2013, die darauf hindeuten, dass innerhalb der CHP etwas grundlegend schief gelaufen ist. Aber die breite Bev\u00f6lkerung wird \u00fcber Details im Unklaren gelassen und dadurch demobilisiert. Hinzu kommt, dass Wahlbetrug, dessen Ausma\u00df nach wie vor hoch <a href=\"https://twitter.com/alicanuludag/status/1658580790773440514?t=RD_k8mk4GHrW0UesNWklkw&amp;s=35\">umstritten</a> ist, bereits zwei Tage nach den Wahlen aufgedeckt wurde. Vielleicht ist es reiner Zufall und die hohe analytische Begabung des Innenministers S\u00fcleyman Soylu (AKP), dass er das Wahlergebnis am Wahltag fast <a href=\"https://www.sabah.com.tr/yazarlar/ovur/2023/05/16/secimin-kazanani-kaybedeni-ve-surprizi\">exakt genau</a> vorhersagte (49,50% f\u00fcr Erdo\u011fan, 320-325 Sitze f\u00fcr CI). Oder vielleicht auch nicht.</p><p>Selbst wenn der Betrug die immer noch hohe W\u00e4hler:innenunterst\u00fctzung f\u00fcr Erdo\u011fan und die CI nicht erkl\u00e4rt: Wenn Betrug das Wahlergebnis auch nur um 1-3% zugunsten von Erdo\u011fan und der MHP und gegen K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu und die YSP ver\u00e4ndert hat, wird er entscheidend f\u00fcr den Moralfaktor im Vorfeld der zweiten Runde des Pr\u00e4sidentschaftsrennens sein. Was in der Wahlnacht vor aller Augen geschah \u2013 zahllose Einw\u00e4nde von AKP-Militanten gegen die Ausz\u00e4hlung von Wahlurnen in Istanbul und Ankara \u2013 k\u00f6nnte dann als Ablenkungsman\u00f6ver interpretiert werden, um Aufmerksamkeit, Zeit und Energie von den Wahlurnen abzulenken, wo der eigentliche Betrug stattfand. Die Entlarvung dieses m\u00f6glichen Wahlbetrugs wird K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu h\u00f6chstwahrscheinlich keinen Sieg in der ersten Runde bescheren und vermutlich auch nicht die absolute Mehrheit der CI im Parlament zunichte machen. Aber das unerwartet starke Abschneiden der MHP im Parlament und der Beinahe-Sieg von Erdo\u011fan in der ersten Runde waren die beiden Schl\u00fcsselelemente der weit verbreiteten Demoralisierung in und nach der Wahlnacht. Sicherlich tragen auch die von den politischen Parteien gen\u00e4hrten \u00fcberzogenen Erwartungen ihren Teil der Verantwortung f\u00fcr diese Demoralisierung. Dennoch w\u00fcrde eine Verringerung des Stimmenanteils der MHP und von Erdo\u011fan durch die Aufdeckung dieser Betrugsf\u00e4lle die Moral erheblich st\u00e4rken.</p><hr/><h4><b>Es kann nicht genug betont werden, wie wichtig es ist, den genauen Umfang des Wahlbetrugs so gut wie m\u00f6glich zu ermitteln und die Ergebnisse so schnell wie</b> <b>m\u00f6glich zu kippen, um die</b> <b>allgemeine Stimmung auf dem steinigen Weg zum 28. Mai zu \u00e4ndern. Trotzdem: Auch ohne die Aufdeckung des Betrugs ist der selbst in manchen kritischen Analysen festzustellende Def\u00e4tismus im Hinblick auf die zweite Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen von vornherein ein falscher Ansatz.</b></h4><hr/><p>Sinan O\u011fan und die rund 5 % der Stimmen, die er auf sich vereinigen konnte, sind entscheidend geworden f\u00fcr den 28. Mai. O\u011fan hat erkl\u00e4rt, er werde mit beiden Seiten sprechen und seine Forderungen f\u00fcr eine Unterst\u00fctzung seinerseits am 28. Mai vorlegen. Diese lassen sich im Wesentlichen auf die Forderung reduzieren, dem extremen t\u00fcrkischen Nationalismus und der Anti-Gefl\u00fcchteten-Hetze Respekt zu zollen. O\u011fan scheint im Moment dazu zu tendieren, K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu am 28. Mai zu unterst\u00fctzen, w\u00e4hrend er bereits mit vorgezogenen Neuwahlen in zwei bis drei Jahren rechnet \u2013 unabh\u00e4ngig davon, wer gewinnt, da er, nicht ganz zu Unrecht, eine instabile Situation nach dem 28. Mai voraussieht. Andererseits ist der Charakter von O\u011fans W\u00e4hler:innenschaft noch nicht wirklich klar. Sie sind offensichtlich in Opposition zu Erdo\u011fan und durch nationalistische Gef\u00fchle motiviert, zugleich aber auch auf Distanz zu K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu. K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu kann sich entscheiden, dem t\u00fcrkischen Nationalismus noch mehr Zugest\u00e4ndnisse zu machen, als er ohnehin schon gemacht hat, um die O\u011fan-W\u00e4hler:innen f\u00fcr sich zu gewinnen. Hierdurch l\u00e4uft er jedoch Gefahr, die Unterst\u00fctzung der Linken und der Kurd:innen zu verlieren. Oder er setzt auf die Betonung der anti-Erdo\u011fan und antifaschistischen, pro-demokratischen Perspektive, die von Teilen der O\u011fan-W\u00e4hler:innen geteilt zu werden scheint \u2013 und riskiert, im Gegenzug die Unterst\u00fctzung der Hardcore-Nationalist:innen zu verlieren. Mit Stand heute (Mittwoch, 17. Mai) scheint er <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-vatanimizi-birakmayacagiz-dedi-10-milyon-duzensiz-multeciyi-icimize-soktular,1110466\">ersteres zu bevorzugen</a> und beginnt mit einer aggressiven Anti-Gefl\u00fcchteten-Hetze sowie einem Lob auf das Vaterland und den nationalistischen Militarismus.</p><p>Wie dem auch sei, ein Sieg von K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu w\u00e4re der Schl\u00fcssel zur Schw\u00e4chung von Erdo\u011fan und der CI, da das autorit\u00e4re Pr\u00e4sidialsystem dem Pr\u00e4sidenten die M\u00f6glichkeit gibt, die gesamte Regierung und einen gro\u00dfen Teil der oberen B\u00fcrokratie zu bestimmen, unabh\u00e4ngig davon, wer das Parlament kontrolliert. Eine Situation der Doppelherrschaft, in der ein Block den Pr\u00e4sidenten und der andere das Parlament kontrolliert, w\u00fcrde also nicht automatisch zu einem Verwaltungschaos f\u00fchren, wie manche meinen. Die Exekutive und die B\u00fcrokratie unter K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, einschlie\u00dflich der Sicherheitsapparate, der wirtschaftspolitischen Institutionen und gro\u00dfer Teile der oberen Gerichtsbarkeit, k\u00f6nnten so agieren, dass sie die absolute Mehrheit der CI im Parlament umgehen. Aus hegemonialer Sicht w\u00e4re eine solche Situation jedoch h\u00f6chstwahrscheinlich nicht f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit haltbar, insbesondere angesichts des Versprechens der MI, das Pr\u00e4sidialsystem zu beenden.</p><p>Die Opposition gegen den Faschisierungsprozess in der T\u00fcrkei hat auf dem steinigen Weg zum 28. Mai einen schweren Stand. Zwar hat die partielle Aufdeckung des Betrugs, dessen Ausma\u00df nach wie vor umstritten ist, die Moral bis zu einem gewissen Grad wiederhergestellt, doch haben Erdo\u011fan und die CI nach wie vor die Oberhand, und es sieht aus heutiger Sicht wahrscheinlicher aus, dass sie den 28. Mai gewinnen werden. Das ist jedoch keine ausschlie\u00dfliche Notwendigkeit, und es besteht eine realistische Chance, dass auch K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu gewinnt. Dies sollte nicht leichtfertig abgetan werden, da der Erfolg oder Misserfolg des Kampfes gegen die Demoralisierung und die Wiedererlangung der Initiative mit dar\u00fcber entscheidet, ob Erdo\u011fan am 28. Mai besiegt wird oder nicht. Der Erfolg oder Misserfolg am 28. Mai ist nicht nur eine intellektuelle, erkenntnistheoretische \u00dcbung der rationalen Analyse dessen, was mehr oder minder wahrscheinlich geschehen wird, sondern eben auch eine Frage der Praxis, die den Ausgang der Wahl mit entscheidet. Nichts anderes bedeutet es in praktischer Hinsicht, von M\u00f6glichkeiten statt von Notwendigkeiten zu sprechen. Def\u00e4tismus \u00e0 la \u201eErdo\u011fan hat eh schon gewonnen, ich mach mir \u00fcberhaupt keine Hoffnungen\u201c ist eine Luxusware aus der Sicht all jener oppositionellen und dissidenten Menschen, die im Falle eines Erdo\u011fan/CI-Doppelsieges keine realistische Perspektive haben, aus dem Land zu fliehen. Die Depression, die aus der Wahrnehmung einer ausweglosen Perspektive von weiteren f\u00fcnf Jahren Erdo\u011fan in Koalition mit der Hizbullah entstanden ist, hat schon jetzt die 20-j\u00e4hrige K\u00fcbra Ergin <a href=\"https://sendika.org/2023/05/kadin-savunmasi-genc-kadinin-intihar-ettigi-yenikapi-marmaraya-cicekler-birakti-685070/\">in den Freitod</a> getrieben. Die Verbreitung einer solchen Wahrnehmung der Ausweglosigkeit l\u00e4sst sich stoppen, das sind wir K\u00fcbra Ergin und vielen anderen schuldig. Alle Kr\u00e4fte m\u00fcssen jetzt geb\u00fcndelt werden, um f\u00fcr eine Niederlage von Erdo\u011fan am 28. Mai zu k\u00e4mpfen. Nur so besteht die M\u00f6glichkeit, dass der faschistische Ansturm kurzfristig etwas nachl\u00e4sst, was notwendig ist, um die Grundlagen f\u00fcr den Aufbau einer sozialen Kraft und einer Vision zu schaffen, die den gordischen Knoten durchschlagen k\u00f6nnte. All dies nat\u00fcrlich ohne der Illusion zu verfallen, dass eine Pr\u00e4sidentschaft von K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu der T\u00fcrkei Demokratie und Sozialismus bringen wird, umso weniger, wenn Konzessionen ultranationalistischer Art an O\u011fan damit einhergehen. Die Alternative ist jedoch, dass die Tore der H\u00f6lle sperrangelweit ge\u00f6ffnet werden. Dann kann man sich die revolution\u00e4ren mittel- bis langfristigen Perspektiven vermutlich auch erst mal gr\u00fcndlich abschminken. Dar\u00fcber sollte man sich schon im Klaren sein, bevor man in einen bequemen Pessimismus verf\u00e4llt oder sich umgekehrt in einen <a href=\"https://umutgazetesi42.org/arsivler/98701\">revolution\u00e4ren Ultralinksradikalismus</a> st\u00fcrzt.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Ver\u00f6ffentlicht wird es in Kooperation mit dem</i> <a href=\"https://www.vizak.org\"><i>linksradikalen Cyper-Kollektiv Vizak</i></a><i>.</i></p><p></p><p>Seit einigen Jahren erleben wir das Wiedererstarken neofaschistischer Bewegungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Die Anti-Migrationsbewegung von 2015 und nun die Coronaleugner*innenbewegung zeigen, dass es der radikalen Rechten hierzulande im vergangenen Jahrzehnt gelungen ist, verschiedene Teile der rechts-affinen Bev\u00f6lkerung zu mobilisieren und zu b\u00fcndeln. Die \u201eNeue Rechte\u201c greift alte Themen des Neofaschismus auf und popularisiert sie in weiten Bev\u00f6lkerungskreisen. War die rechtsradikale Bewegung in den 00er Jahren weitestgehend in der Defensive, so trat sie im vergangenen Jahrzehnt gesellschaftlich aus der Schmuddelecke. Die Konsument*innen der rechten Hassbotschaften radikalisieren sich im Zuge der Normalisierung einer rechten Gesinnung zunehmend: In der \u201eb\u00fcrgerlichen Mitte\u201c, im b\u00fcrgerlichen Staat, auf der Stra\u00dfe, in den K\u00f6pfen, im Internet und seit Etablierung der AfD auch in den Parlamenten. Keine Woche vergeht, ohne dass rechtsradikale Chatgruppen oder Verbindungen hochrangiger Politiker*innen mit neofaschistischen Milizen auffliegen. Die Anschl\u00e4ge von Halle und Hanau zeigen uns, welche Relevanz inzwischen der rechten Internet-Propaganda zukommt. Beide T\u00e4ter waren zuvor nicht im Real-Life der klassischen neofaschistischen Milieus organisiert.</p><p>Bei all dem k\u00f6nnte man glauben, dass die antifaschistische Bewegung an Aufwind gewinnen sollte oder die Aktualit\u00e4t der Antifa nicht zur Debatte st\u00fcnde. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Seit dem Beginn des vergangenen Jahrzehnts begannen zahllose Gruppen sich vom Konzept Antifa und manchmal sogar von antifaschistischer Politik generell abzuwenden. Bundesweit bekannte und relevante Akteure benannten sich um und <a href=\"https://www.neues-deutschland.de/artikel/958693.antifa-in-der-krise.html\">l\u00f6sten sich auf</a>. Verschiedene Aspekte des Konzepts haben an Aktualit\u00e4t verloren, was unter anderem mit dem Verst\u00e4ndnis und der Weiterentwicklung des Konzepts der modernen Antifa der 90er Jahre zu tun hat. So steht die Bewegung in den 20ern des neuen Jahrhunderts vor vielen Fragen und (leider) noch wenig Antworten.</p><p></p><h3><b>Das Konzept Antifa: Von den Anf\u00e4ngen der 90er\u2026.</b></h3><p>Der Beginn der Antifa-Bewegung f\u00e4llt mit dem Niedergang der kommunistischen Staaten 1989 und dem nunmehr bundesweiten Aufkommen neofaschistischer Bewegungen zusammen. Die Idee entsprang der autonomen Bewegung Westdeutschlands der 80er. Ausformuliert und erweitert wurde sie durch die autonomen Antifa [M] aus G\u00f6ttingen. Die Gruppe formulierte 1991 ein Konzept, das konzeptionell an die militante, kulturelle und organisatorische Praxis der westdeutschen Autonomen anschloss und den \u201eSchwarzen Block\u201c auf Demonstrationen als Aktionsform etablierte. Sie verband eine pragmatische b\u00fcndnispolitische Orientierung, die wir heute unter dem Schlagwort der \u201eBreiten B\u00fcndnisse gegen rechts\u201c kennen, mit dem Ankn\u00fcpfen an die Symbolik der historischen Antifaschistischen Aktion der KPD 1932 [1]. Dieser umstrittene Ansatz sollte f\u00fcr die Mehrzahl der Gruppen der entstehenden, heterogenen Antifa-Bewegung richtungsweisend werden. Er formulierte eine Anschlussf\u00e4higkeit im Themenfeld Antifaschismus, von der sich versprochen wurde, die gesellschaftliche Wahrnehmbarkeit und Handlungsf\u00e4higkeit revolution\u00e4rer Politik zu erh\u00f6hen. \u00dcber breite antifaschistische B\u00fcndnisse sollte antikapitalistische Politik betrieben werden k\u00f6nnen. Der Ansatz wurde in den folgenden Jahrzehnten unter dem Schlagwort des \u201erevolution\u00e4rer Antifaschismus\u201c hegemonial.</p><p></p><h3><b>\u2026\u00fcber die Kampf- und Streitjahre der 00er\u2026</b></h3><p>Von der im neuen Jahrtausend einsetzenden Durchdringung der gesamten radikalen Linken mit liberalen und staatstragenden Ideologien wurde auch die Antifa-Bewegung nicht verschont. Erste Spaltungen traten in bedeutenderen Antifa-Gruppen bereits in den ausgehenden 90er Jahren auf. Die Debatten zwischen den Str\u00f6mungen der sogenannten \u201eAntideutschen\u201c und der \u201eAnti-Imps\u201c pr\u00e4gten die 00er Jahre und spalteten die Antifa-Bewegung in sich feindlich gegen\u00fcberstehende Lager. Die \u201eAntideutschen\u201c, und in abgeschw\u00e4chter Variante die \u201eAntinationalen\u201c, wollten fatalerweise gleich das gesamte traditionell linke Programm (Klassenkampf und Antiimperialismus) verwerfen. Die \u201eAnti-Imps\u201c verk\u00fcrzten ihrerseits die Weltpolitik allzu oft auf einen schlichten Gut-B\u00f6se-Moralismus. Nicht selten wurde dieses undifferenzierte Weltbild von einer ebenso simplen und falschen \u201eHeuschrecken\u201c-Kapitalismuskritik begleitet [2].</p><p>Trotz dieser spaltenden Kontroversen gelang der Antifa-Bewegung einige beachtliche politische Mobilisierungserfolge. Die Bewegung war f\u00e4hig, gewichtige Rollen in Gro\u00dfb\u00fcndnissen einzunehmen und wahrnehmbarer Gegenspieler zu b\u00fcrgerlichen Parteien zu sein. Gegenproteste konnten trotz starker polizeilicher Aufr\u00fcstung immer wieder auch mit Militanz durchgef\u00fchrt werden. Sinnbildlich f\u00fcr diese Zeit stehen die erfolgreichen bundesweiten Mobilisierungen nach Dresden zwischen 2009 und 2014 und nach \u00e4hnlichen Modellen durchgef\u00fchrte regionale Gro\u00dfb\u00fcndnis-Aktionen. [3]</p><p></p><h3><b>\u2026..bis zur Krise der 10er</b></h3><p>Das vergangene Jahrzehnt ab 2010 schlie\u00dflich brachte viele Koordinatensysteme innerhalb der Antifa-Bewegung durcheinander. Die zuvor von vielen Antifa-Gruppen als ethnisch-nationalistische Bewegung betrachtete kurdische Bewegung gewann in der Debatte durch die Geschehnisse im syrischen B\u00fcrgerkrieg an Bedeutung. Ihr Modell des \u201eDemokratischen Konf\u00f6deralismus\u201c wurde von allen Teilen der Antifa ab 2015 begeistert diskutiert. So fanden sich viele, einstmals unvers\u00f6hnliche Gruppen pl\u00f6tzlich Seite an Seite in der Solidarit\u00e4tsbewegung mit Rojava wieder. Es kam zu einem Revival des Internationalismus [4].</p><p>Parallel dazu etablierte sich mit dem Lower Class Magazine ein bedeutendes Medium f\u00fcr den radikal linken Diskurs, das ab 2015 einen Such-Prozess der radikalen Linken mitinitiierte. Dieser Suchprozess fand unter anderem im <a href=\"https://lowerclassmag.com/2017/03/15/basisorganisierung-als-keimzelle-einer-neuen-bewegung/\">\u201eSelber machen\u201c-Kongress 2017</a> seinen Ausdruck, setzte sich aber auch in der Plattform \u201eKongress der Kommunen\u201c fort. Ab ungef\u00e4hr 2017 nahm dann auch die <a href=\"https://www.sebastian-friedrich.net/neue-klassenpolitik/\">Diskussion um eine \u201eNeue Klassenpolitik\u201c</a> als Antwort auf das Erstarken des Neofaschismus an Wind auf. Im Zuge dieser Debatten l\u00f6sten sich immer mehr Gruppen auf, benannten sich um oder schlossen sich mit anderen Zusammenh\u00e4ngen zusammen. Ab 2016 k\u00f6nnen wir im bundesweiten Durchschnitt von einer sich intensivierenden Schw\u00e4chung der \u201eAntifa\u201c-Bewegung auf der Stra\u00dfe, im Organisations- und Aktionsniveau sprechen.</p><p></p><h3><b>Was war passiert?</b></h3><p>Kurz gesagt sind sich diejenigen Teile der Antifa-Bewegung, die es mit dem revolution\u00e4ren Anspruch ernst meinten, lager\u00fcbergreifend bewusstgeworden, dass sie unter verschiedenen Vorzeichen Irrwegen aufgesessen sind. Diese Irrwege wurden gleich auf mehreren Ebenen immer offensichtlicher: Auf der pers\u00f6nlichen Ebene setzten sich immer mehr vermeintliche Genoss*innen in die \u201eb\u00fcrgerliche Mitte\u201c oder gleich ganz nach rechts ab [5]. Aber die sich mit der Etablierung der PeGiDa-Bewegung durchsetzende Erkenntnis, dass die Bewegungs-Erfolge in Dresden der vorangegangenen Jahre keinerlei Nachhaltigkeit vor Ort hervorbringen konnten, war schlussendlich besonders bitter f\u00fcr die Bewegung. Sie verwies darauf, dass die Antifa als Konzept \u2013 abseits von kurzfristigen, eventartigen und vor allem defensiven Interventionen \u2013 politisch nicht handlungsf\u00e4hig war und ist.</p><p>Als Kardinalfehler wurde die Tatsache erkannt, sich immer weiter von den Wurzeln der Antifaschistischen Aktion und deren Inhalte entfernt zu haben: n\u00e4mlich von einem klassenk\u00e4mpferischen Antifaschismus, der die soziale Frage, die Frage nach Verteilung des Reichtums in unserer kapitalistischen Gesellschaft als integralen Bestandteil antifaschistischer Politik aufgreift.</p><p>Was allen \u201eAntifa\u201c-Gruppen samt und sonders die vergangenen drei Jahrzehnte seit 1990 fehlte, war genau die Verbindung von sozialer Frage und N\u00f6ten der Menschen mit antifaschistischer Politik \u2013 und zwar nicht abstrakt, sondern konkret in der Basisorganisierung mit den Betroffenen [6]. Abseits der defensiven Antifa-Kampagnenpolitik besch\u00e4ftigten sich immer mehr Aktive hauptamtlich mit dem Besuchen von Soli-Partys. Antifa verkam so immer mehr zu einem \u201eLifestyle\u201c. Dass diese Form der Subkulturalisierung einer Bewegung nicht mehr anschlussf\u00e4hig an gesellschaftliche Mehrheiten ist, erscheint der Bewegung heute offensichtlich \u2013 war es jedoch nicht immer.</p><p></p><h3><b>Was tun?</b></h3><p>So setzte Mitte des vergangenen Jahrzehnts ein \u00fcberf\u00e4lliger Reflexionsprozess innerhalb der Bewegung ein. Dieser hat vorerst eine Schw\u00e4chung zur Unzeit hervorgebracht. Er hat jedoch auch das Potential, antifaschistische Politik neu zu definieren. Das hei\u00dft, eine neue Bewegung hervorzubringen, die aus vergangenen Fehlern lernt und wichtige Fragen neu beantwortet, zum Beispiel:</p><p></p><p><b>1) Das Verh\u00e4ltnis von Klassenpolitik und Antifaschismus</b></p><p>Schon die Antifa [M] aus G\u00f6ttingen beantwortete die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis zur Klassenpolitik problematisch. So betrachtete die Gruppe das Themenfeld Antifaschismus als derma\u00dfen wichtig, dass es f\u00fcr sie den zentralen Hebel gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung darstellte. Die Antifa der 00er Jahre versch\u00e4rfte diese Tendenz der Ausklammerung sozialer K\u00e4mpfe und die \u00dcberh\u00f6hung antifaschistischer Praxis noch. Im schlimmsten Fall wendete man sich gegen streikende Arbeiter*innen, statt Solidarit\u00e4t zu zeigen. Als Folge dieser Fehler lautet die Frage heute also: Wie kann Antifa Klassenkampf und Antifaschismus strategisch und praktisch in Verbindung setzen?</p><p></p><p><b>2) Die Organisierung</b></p><p>Allseits beklagt wird seit mehr als einer Dekade das Dasein der Bewegung als \u201eSzene\u201c. Dieses Dasein ist jedoch unmittelbar mit dem Organisierungsmodell <a href=\"https://revoltmag.org/articles/zum-ende-einer-bewegung-und-eines-organisationsansatzes/\">der autonomen Kleingruppe</a> verbunden, das sich immer wieder als nicht f\u00e4hig erwiesen hat, Menschen abseits von Freundeskreisen zu organisieren. Hei\u00dft das, dass Antifa in den Scho\u00df der Antifaschistischen Aktion 1932 zur\u00fcckkehren muss und im Rahmen einer revolution\u00e4ren Organisation arbeiten muss oder muss sich die Antifa organisatorisch eigenst\u00e4ndig neu erfinden und den autonomen Ballast abwerfen? Wie legitimiert Antifa weiterhin ihre Eigenst\u00e4ndigkeit?</p><p></p><p><b>3) Die B\u00fcndnisfrage und das Verh\u00e4ltnis zum b\u00fcrgerlichem Staat</b></p><p>Das Konzept der Antifa [M] aus G\u00f6ttingen strebte prinzipiell breite B\u00fcndnisse an. Das Konzept wurde von der 00er Jahre Antifa \u00fcbernommen, erwies sich jedoch schlussendlich als nur begrenzt wirksam und kaum nachhaltig. Hinzu tritt, dass Teile der Antifa-Bewegung in den vergangenen Jahren \u00fcber zivilgesellschaftliche Projekte kaum noch Distanz zu staatlichen Institutionen halten \u2013 trotz der Erfahrungen von NSU &amp; Co. Was hei\u00dft dieser Zustand f\u00fcr eine heutige B\u00fcndnispolitik der Antifa? Ist eine klassenk\u00e4mpferische Antifa glaubw\u00fcrdig im B\u00fcndnis mit \u201elinken\u201c Regierungsparteien? Was w\u00e4re die Alternative?</p><p></p><p><b>4) Die Mittel und Methoden</b></p><p>Die antifaschistische Aktion war historisch immer ein militantes und somit immer auch ein kontroverses Konzept. Doch wie kann heute Militanz unter der sich versch\u00e4rfenden Strafverfolgung aussehen? Ist der \u201eBlack Block\u201c noch eine aktuelle Aktionsform? Was ist mit der feministischen Kritik an vergangener Antifa-Militanz? Ist Militanz gar ganz pass\u00e9 oder muss sie reorganisiert werden?</p><p>Die Frage, ob das Konzept Antifa im Jahr 2020 noch Aktualit\u00e4t beanspruchen kann, ist also an die Frage gekn\u00fcpft, inwieweit die Bewegung bereit ist, alte Gewissheiten aufzugeben, berechtigte Fragen zu stellen, Selbstkritik zu leisten und neue Wege zu beschreiten. Der Autor, selbst 00er Jahre Antifa-Aktivist aus Frankfurt am Main, w\u00fcnscht ihr dabei gutes Gelingen.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Wichtig ist hier, anzumerken, dass die Anlehnung an die historische Antifaschistische Aktion der KPD eher \u00e4sthetisch und rhetorisch vollzogen wurde. Real hob sich das Konzept \u201eder [M]\u201c von den klassischen, kommunistischen Formen antifaschistischer Politik deutlich ab. Eine Zusammenfassung findet sich bei Langer, Bernd (1997): \u201eKunst als Widerstand\u201c Pahl-Rugenstein-Verlag; Bonn.</p><p><b>[2]</b> W\u00e4hrend der \u201eantideutsche\u201c Irrweg bereits umfassend aufgearbeitet wurde, steht er im antinationalen (Aufarbeitung des Irrwegs der Wertkritik) und antiimperialistischen Lager (Aufarbeitung des Irrwegs eines b\u00fcrgerlichen, anti-klassenk\u00e4mpferischen Antiimperialismus) noch aus. Eine ausf\u00fchrliche Kritik an liberalen Ideologien in der Antifa leisten Sommer, Michael / Witt-Stahl, Susann (2014): \u201eAntifa hei\u00dft Luftangriff\u201c Laika-Verlag; Hamburg.</p><p><b>[3]</b> Das eigentlich Neue in diesen B\u00fcndniskonstellationen war, dass von radikalen und militanten Gruppen bis zur SPD und den Gr\u00fcnen eine Aktionseinheit hergestellt werden konnte. Das hei\u00dft der Aktionskonsens war so gefasst, dass er militante Aktionsformen nicht grunds\u00e4tzlich ausschloss. Ein klassischer Spaltungsmechanismus zwischen militant / nicht militant wurde hiermit umgangen. Das Verdienst des Vorschlags, wie der Umsetzung, kommt hier vor allem der interventionistischen Linken (iL) zu.</p><p><b>[4]</b> Bemerkenswert ist hier, dass die Solidarit\u00e4tsbewegung mit den nordsyrischen Kurd*innen und ihrem Autonomieprojekt auch von langj\u00e4hrigen Kritiker*innen des Internationalismus unterst\u00fctzt wurde. Die Konzeption des PKK-F\u00fchrers findet sich in \u00d6calan, Abdullah (2010): \u201eJenseits von Staat, Macht und Gewalt\u201c Mezopotamien Verlag; K\u00f6ln. Eine Kritik am Konzept aus solidarischer, t\u00fcrkisch marxistisch-leninistischer Perspektive findet sich in der Brosch\u00fcre <a href=\"https://initiativekurdistan.files.wordpress.com/2018/10/broschc3bcre-selbstverwaltung.pdf\">\u201eSelbstverwaltung \u2013 F\u00f6deration \u2013 Rojava\u201c</a> von Young Struggle.</p><p><b>[5]</b> B\u00fcrgerliche Antiimperialist*innen, darunter einige \u201eAnti-Imps\u201c der 00er Jahre, sind \u00fcber die Friedensmahnwachen-Bewegung, die linke Anti-Migrations-Debatte um \u201eAufstehen\u201c und heute die Debatte um das Corona-Virus rechts abgeschmiert oder begeben sich in Querfront-Fahrwasser. Beispiele sind der Freidenker-Verband, das Rubikon-Magazin, die Nachdenkseiten und so weiter. Die einstmaligen \u201eAntideutschen\u201c sind nahezu geschlossen in den b\u00fcrgerlichen Staatsapparat und seine Parteien, Think-Tanks <a href=\"https://revoltmag.org/articles/klare-kante-statt-opportunismus/\">oder ins rechte Lager \u00fcbergelaufen</a>.</p><p><b>[6]</b> Gruppen beteiligten sich zwar an einer Vielzahl an Kampagnen zu sozialen Fragen oder an den Krisenprotesten ab 2008, aber das Ganze blieb abstrakt und unpers\u00f6nlich auf der Kampagnenebene verhaftet. Organizing und Organisationsaufbau in der Gesellschaft und abseits der \u201eSzene\u201c fand kaum statt. Die Mobilisierungen waren nahezu immer nach innen gerichtet.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/das-konzept-antifa-brandaktuell-oder-von-gestern/", "id": "https://revoltmag.org/articles/das-konzept-antifa-brandaktuell-oder-von-gestern/", "author": {"name": "Geronimo Marulanda", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-12-28T16:54:37.753870+00:00", "date_modified": "2020-12-28T17:03:28.863537+00:00", "tags": ["re:claim", "antifaschismus", "antirassismus", "afd", "antifa", "faschismus", "autonome", "organisation"], "summary": "Die Antifa-Bewegung ist trotz des gesellschaftlichen Rechtsrucks in der Dauerkrise. Alte Organisierungskonzepte und Strategien funktionieren angesichts einer sich popularisierenden Rechten nicht mehr. 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November 2020 fand die Premiere des Dokumentarfilms <a href=\"https://leftreport.org/contrahistoria/\">CONTRAHISTORIA - GESCHICHTE VON UNTEN</a> des Medienkollektivs Left Report statt, in dem Aktivist:innen in Madrid \u00fcber die Kontinuit\u00e4ten der K\u00e4mpfe gestern und heute gegen den Faschismus, rechte Gewalt und staatliche Repression berichten.</p><p></p><hr/><p>\u201e<i>Die Formen, mit denen der Faschismus sich durchsetzt, sind vielf\u00e4ltig \u2013 abh\u00e4ngig vom Kontext, der Situation und nicht zuletzt dem Ort. Das Ende ist das Gleiche: Es ist das Schluss-Machen mit der ganzen Welt, die anders als sie [die Faschisten] denkt.\u201c (Aktivist*in, Contrahistoria)</i></p><hr/><p></p><p>Nach der Filmvorf\u00fchrung sprachen wir mit Vecktor, einem Aktivist aus Madrid. Er ist seit vielen Jahren in Berlin in der Gruppe Solidaridad Antirrepresiva aktiv. Jo aus der Redaktion des re:volt magazine sprach mit ihm \u00fcber antifaschistisches Gedenken und kollektive Gegenwehr im Gestern und Heute. Deutlich wird: Sie tragen ein anderes Gewand und m\u00f6gen andere Methoden anwenden, aber diejenigen, die in Spanien unter Franco politische Gegner:innen verfolgten und folterten, sind immer noch da.</p><h2>Hier geht es zum gesamten Gespr\u00e4ch</h2>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-html\">\n        <div style=\"padding:56.25% 0 0 0;position:relative;\"><iframe src=\"https://player.vimeo.com/video/486465405?color=556B2F&title=0&byline=0&portrait=0\" style=\"position:absolute;top:0;left:0;width:100%;height:100%;\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen\" allowfullscreen></iframe></div><script src=\"https://player.vimeo.com/api/player.js\"></script>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h2></h2><hr/><p></p><h2>Zum Inhalt</h2><p>Nach Francos Tod bis zum heutigen Tag, in der Zeit der sogenannten Transici\u00f3n, kam es immer wieder zu gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffen und Morden durch faschistische Gruppen und Nazis. Eine zentrale Stellung nimmt jedoch der Mord an Carlos Palomino am 11. November 2007 ein, der im Mittelpunkt des Film Contrahistoria steht. Carlos Palomino war ein antifaschistischer Jugendlicher aus Vallekas, einem Stadtteil von Madrid. An jenem Tag wurde Carlos auf dem Weg zu einer antifaschistischen Kundgebung in der U-Bahn von einem 24-j\u00e4hrigen rechtsradikalen Berufssoldaten erstochen. \u201eEs h\u00e4tte jeden treffen k\u00f6nnen. Das bleibt im Kopf und in deiner Erinnerung\u201c, sagt eine Aktivistin im Film.</p><p>Mit dem Mord, so berichtet Vecktor im Gespr\u00e4ch, sei eine Grenze \u00fcberschritten worden. Die Mutter von Carlos, Mavi, hatte dabei eine wichtige Rolle: Sie war von Anfang an Sprecherin der M\u00fctter gegen Repression, einem Verein, in dem sich Familienangeh\u00f6rige von Opfern faschistischer Gewalt organisieren. Zu Beginn stellten die Medien das als eine Schl\u00e4gerei zwischen extremistischen Gruppen dar und erkannten den politischen Charakter der Ermordung nicht an. Damit, so Vecktor, werden immer wieder die Opfer und T\u00e4ter von faschistischer Gewalt auf eine gleiche Stufe gestellt. Die Aktivit\u00e4ten der Angeh\u00f6rigen rund um den Prozess gegen den M\u00f6rder von Carlos f\u00fchrten aber zum ersten Mal dazu, dass der Mord als Hassverbrechen anerkannt und mit 26 Jahren Haft verurteilt wurde.</p><p>Es waren und sind aber noch immer die antifaschistischen und linken Aktivist:innen, gegen die sich ein Gro\u00dfteil der staatlichen Repression richtet, die kriminalisiert und verhaftet werden. Zwischenzeitlich wurde das Gesetz, welches urspr\u00fcnglich zum Schutz der Opfer entwickelt wurde, von den spanischen Repressionsbeh\u00f6rden umgekehrt: so wurden im Jahr 2019 Antifa-Aktivist:innen wegen \u201eHass gegen Nazis\u201c angeklagt; ein weiteres Gesetz, das sogenannte Maulkorb- oder Knebelgesetz, wird seit 2015 daf\u00fcr verwandt, Sonderrechte f\u00fcr die Polizei durchzusetzen, um auf der Basis von Indizien Ermittlungen aufzunehmen, Menschen zu verhaften und vor Gericht zu stellen.</p><p>Mit diesen Gesetzen wird die brutalste politische Strafverfolgung gegen der Bev\u00f6lkerung seit Francos Tod praktiziert, die vor allem linke Aktivist:innen, Antifaschist:innen, Anh\u00e4nger:innen des Unabh\u00e4ngigkeitsprozesse und K\u00fcnstler:innen trifft. Sie k\u00f6nnen beliebig und grundlos verfolgt werden. Vecktor berichtet unter anderem von einem Prozess gegen eine Jugendliche, die in einem Tweet das Lied einer Punkband zitierte, in dem es um die Ermordung von Francos Nachfolger Carrero Blanco durch die ETA (fr\u00fchere Baskische Untergrundorganisation, Anm. Red) ging. Sie wurde daf\u00fcr wegen \u201eVerherrlichung von Terrorismus\u201c verurteilt.</p><p>Der Protest auf der Stra\u00dfe wird dadurch zum Akt des Widerstands, dem immer wieder Verhaftungen und Isolationshaft folgen k\u00f6nnen. Seitdem die rechte Partei VOX im Parlament sitzt, wird das Vorgehen der Repressionsbeh\u00f6rden immer offensiver und gewaltt\u00e4tiger. Nazis werden nicht mehr als Nazis bezeichnet, sondern als Konstitutionalisten, also \u201eVerfassungssch\u00fctzer\u201c \u2013 Vecktor macht deutlich, dass dies einer staatliche Rechtfertigung und Verharmlosung der Nazis und ihrer Gewalt gleichkommt. Er berichtet von einem Fall in Lepe, Andalusien: Dort waren im Sommer des Jahres zahlreiche Erntehelfer:innen aus Marokko angegriffen worden, die unter miserablen Bedingungen in H\u00fctten am Rande der Felder leben. Anh\u00e4nger:innen von VOX verbrachten drei Tage damit, die H\u00fctten abzubrennen, ohne dass die Polizei eingriff. Form und Strategie der faschistischen Gewalt, das machen Vortrag und Film deutlich, m\u00f6gen sich vielleicht \u00e4ndern, aber die Akzeptanz der Postfranqisten und der \u00dcbergriffe auf Linke und Migrant:innen ist in den Beh\u00f6rden ungebrochen. Erinnern hei\u00dft deshalb auch in diesem Fall, nicht im Gestern stehen zu bleiben, sondern solidarische und widerst\u00e4ndige Praxen des Gedenkens zu entwickeln, um die K\u00e4mpfe im Heute weiter f\u00fchren zu k\u00f6nnen. No Pasar\u00e1n!</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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F\u00fcr all die, die die Revolution auch h\u00f6ren und nicht nur lesen wollen! Der folgende Beitrag wurde eingesprochen und bearbeitet von CeeJay und Emexota.</i></p><hr/><p></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-html\">\n        <iframe width=\"100%\" height=\"60\" src=\"https://www.mixcloud.com/widget/iframe/?hide_cover=1&mini=1&light=1&feed=%2Frevolt_mag%2Faudio-f%C3%BCr-eine-revolutionierung-der-migrantifa%2F\" frameborder=\"0\" ></iframe>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><p></p><p></p><hr/><p>Bei dem rechten Terroranschlag in Hanau vom 19. Februar 2020 wurde Ferhat Unvar, G\u00f6khan G\u00fcltekin, Hamza Kurtovic\u0301, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat G\u00fcrb\u00fcz, Kalojan Velkov, Vili Viorel Paun, Fatih Sarac\u0327o\u011flu und der Mutter des T\u00e4ters das Leben genommen. Wir wollen ihre Namen nicht vergessen. Jede*r von ihnen hat eine Familie, Angeh\u00f6rige und Freund*innen, die nun tagt\u00e4glich damit zu k\u00e4mpfen haben, dass ihre Lieben aus dem Leben gerissen wurden.</p><p>Tobias R. war kein Einzelt\u00e4ter. Er war ein bewaffneter Faschist, der Netzwerke hatte, sozial eingebunden war, arbeiten ging, Kolleg*innen und Familie hatte. Da drau\u00dfen gab und gibt es viele wie ihn. Die Gefahr f\u00fcr Migrant*innen in Deutschland ist nicht erst seit<i> #Hanau</i> da. Das Problem hei\u00dft Rassismus.</p><h2><b>Kollektive Erinnerung</b></h2><p>Nach dem Anschlag waren wir mit vielen auf der Stra\u00dfe, in K\u00f6ln an der Keupstra\u00dfe an Weiberfasnacht, in Hanau am Samstag nach den Morden. Danach ging es im Netz weiter. Wir haben das Gespr\u00e4ch miteinander gesucht \u2013 als Genoss*innen, Freund*innen, Kolleg*innen und mit unseren Familien. Die Schweigeminute in Hanau vor der Shishabar, in der neun Menschen erschossen wurden, hallt noch immer in uns nach. Sie f\u00fchrt uns einmal mehr vor Augen: Den vermeintlichen Einzelt\u00e4tern brennt nicht mal eben die Sicherung durch. Ihre rassistisch motivierten Morde sind das Ergebnis einer Legitimierungsspirale des neuen Faschismus. Ihre psychische Labilit\u00e4t ist fester Bestandteil des stochastischen (also in ihrem konkreten Ziel zufallsbedingten, Anm. Red.) Terrorismus, der sowohl paranoide und wahnhafte Vorstellungen, als auch ein rechtes Weltbild beinhaltet.</p><p>Es stelle sich wieder dieses Schaudern ein, erz\u00e4hlt eine Genossin von uns. Dieses Schaudern, das sie erstmals 2011 \u2013 damals war sie 16 Jahre alt und der NSU hatte sich selbst enttarnt \u2013 sp\u00fcrte; sp\u00e4ter dann im Sommer 2015, als der rassistische Mob in Heidenau tobte und dann wieder und wieder nach der Ermordung von Walter L\u00fcbcke im vergangenen Sommer, nach dem Anschlag in Halle vor ein paar Monaten. Am Tag nach den Morden in Hanau sagte sie zu einem Genossen, w\u00e4hrend sie das Banner mit der Aufschrift \u201eGegen Naziterror und Rechtsruck\u201c mit anderen durch M\u00fclheim trug: \u201eIch hatte mir, als wir das Transparent malten, nicht erhofft, dass wir es so schnell wieder einsetzen m\u00fcssten.\u201c</p><p>Der Rassismus in der deutschen Gesellschaft ist allgegenw\u00e4rtig. Rassismuserfahrungen, politische Ohnmacht gegen\u00fcber der Herrschaft des Grauens, die h\u00e4sslichsten Fratzen der bundesdeutschen Gesellschaft, die sich in Hanau zeigten: Der Umgang mit all dem ist notwendig ein anderer f\u00fcr die, die davon betroffen sind und betroffen gemacht werden. Wir wollen einige Punkte hervorheben, die unseres Ermessens nach im aktuellen linken und antirassistischen Diskurs zu wenig Erw\u00e4hnung finden \u2013 und auch in der Organisationsdebatte um die Migrantifa, die daraus folgt. Kurz nach dem Anschlag und auch jetzt gibt es Momente des kollektiven Gedenkens. Sie dr\u00fccken sich unter anderem durch sogenannte Share Pics in den Sozialen Medien bis hin zur \u00f6ffentlichen Anteilnahme von Personen des \u00f6ffentlichen Lebens aus, wie etwa im frisch erschienen Soli-Track <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=lJ0Cp9ryEoc\">\u201eBist du wach?\u201c</a>. Jedes geteilte Bild und jeder Klick f\u00fcr den Track sind erste richtige Schritte zur Kollektivierung der Anteilnahme \u2013 gegen die linksliberale Deutungshoheit und die vermeintlichen warmen Worte von Politiker*innen. Die Reaktionen des Staates, die etwa in der Aufstockung des Personals in der Bek\u00e4mpfung von \u201eRechtsextremismus\u201c bestehen, sind Tropfen auf den hei\u00dfen Stein. Wir m\u00fcssen mehr wollen und tun!</p><h2>\u201e<b>You can\u2018t have capitalism without racism!\u201c (Malcolm X)</b></h2><p>Wenn wir \u00fcber Rassismus sprechen, gehen wir \u00fcber das Verst\u00e4ndnis von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Ausl\u00e4nderfeindlichkeit oder Diskriminierung hinaus. Wir meinen die systematische Rassifizierung von Menschen im Kapitalismus. Vereinfacht gesagt: Die Menschen stehen in diesem System in Konkurrenz zueinander; es finden fortlaufend K\u00e4mpfe statt, die mit unterschiedlichen Ressourcen ausgefochten werden m\u00fcssen. Mit dem Kolonialismus und einer europ\u00e4ischen Erz\u00e4hlung der Eroberung und vor allem Nutzbarmachung des Erdballs als Reichtum und \u201eErrungenschaft\u201c des Abendlands, tritt die systematische Rassifizierung von Menschen in wei\u00df und europ\u00e4isch = Herrenrasse und nicht-wei\u00df = minderwertig und Ausbeutungsobjekt, auf die Karte. F\u00fcr Frauen und Queers, Trans und Non-Binaries hat diese \u00dcberkreuzung von Widerspr\u00fcchen weitere spezifische Auswirkungen auf ihre Lebensrealit\u00e4ten. Gemeinsamkeiten treten in den Hintergrund, weil diese Realit\u00e4ten so verschieden erscheinen. F\u00fcr alle von Rassismus Betroffenen ist hingegen die Gewissheit real, dass sie systematisch in nu\u0308tzlich oder unbrauchbar selektiert werden.</p><p>Das oben und unten im Kapitalismus legitimiert den Rassismus. Denn augenscheinlich ist der Zugang zu den Ressourcen ungleich verteilt. Er gestaltet sich f\u00fcr jene, die rassistisch ausgegrenzt werden, deutlich schwieriger. Bei der Zuweisung eines spezifischen Platzes in dieser Gesellschaft greifen Klassenverh\u00e4ltnisse und Rassismus ineinander. Um es konkret zu machen: So lange Migrant*innen ihre Arbeitskraft gewinnbringend f\u00fcr den deutschen Staat verkaufen, sind sie geduldet, niemals aber erw\u00fcnscht. Andersherum: Auch reiche Migrant*innen sind von Rassismus betroffen, auch wenn sie \u00fcber mehr materielle Ressourcen verf\u00fcgen, f\u00fcr die sie oftmals deutlich erbitterter k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Integration hin oder her. Auch als Spieler in der deutschen Nationalmannschaft wirst du nie richtig dazu geh\u00f6ren.</p><h2><b>Bundesdeutscher Rassismus</b></h2><p>Eine von uns schreibt: Ich bin in Deutschland geboren. Ich bin wei\u00df. Ich habe studieren k\u00f6nnen, weil meine Mutter, die Migrantin ist und bis heute keine deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft haben m\u00f6chte, weil sie sich nicht vollst\u00e4ndig als Deutsche sieht, hierher gekommen ist. Sie hat viel gearbeitet und mich, ihre Tochter, unterst\u00fctzt, damit ich eine Deutsche sein konnte, mit deutschem Namen und deutscher Staatsb\u00fcrgerschaft, und nicht die Erfahrungen machen musste, die sie erlebt hat. Sie sei fr\u00fcher h\u00e4ufig in Hanau gewesen, erz\u00e4hlt meine Mutter eine Woche nach dem Anschlag. Dort war die zentrale Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde. Als sie von dem Anschlag in Hanau erfuhr, berichtete sie mir davon, wie es war, vor \u00fcber 40 Jahren nach Deutschland zu kommen. Was sie mit Hanau verbindet? Rassistische G\u00e4ngeleien, ekelhafte \u00c4rzte, die sie in den G\u00e4ngen der Beh\u00f6rden \u201euntersuchten\u201c, die Freude \u2013 nach zehn Jahren \u2013 \u00fcber einen unbefristeten Aufenthalt. Und nie wieder Hanau.</p><p>Das, was sie und die Betroffenen und Opfer von Hanau, migrantische Genoss*innen und Freund*innen teilen, ist die gemeinsame Erfahrung von Rassismus. Die Geschichten und Auspr\u00e4gungen der Erfahrungen sind sehr subjektiv und unterschiedlich: Allt\u00e4glicher Rassismus auf der Stra\u00dfe oder bei der Arbeit bis hin zu den Morden von geliebten Menschen, die einfach so von dreckigen Faschisten get\u00f6tet wurden. Wenn wir diese Erfahrungen kollektivieren wollen, dann mu\u0308ssen wir aber mehr fordern und tun, als Migrantifa aktuell leistet.</p><h2><b>Umsturz statt Kaltland</b></h2><p>Wir brauchen mehr Stimmen, die fragen: Wer ist diese Gesellschaft der Vielen? Mit der Fokussierung auf das viele Verschiedene, das schon jetzt da ist, ger\u00e4t der Blick auf das Gemeinsame aus dem Fokus \u2013 das Gemeinsame der rassistischen Erfahrungen, das Gemeinsame m\u00f6glicher Perspektiven. Viele sind seit Generationen hier, sind seit Jahrzehnten antifaschistisch organisiert. Sie k\u00e4mpfen jeden Tag gegen den rassistischen Normalvollzug. Auf dem Arbeitsmarkt, in der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde, auf dem Schulhof und in den Klassenzimmern. Das macht vor allem eines deutlich: Ein St\u00fcck Kaltland f\u00fcr uns h\u00e4lt den Faschismus nicht auf. Wir sind handelnde politische Subjekte, die einordnen k\u00f6nnen, warum unsere M\u00fctter in der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde geg\u00e4ngelt wurden; unsere Freund*innen und Genoss*innen tagt\u00e4glich dumm angeschaut werden in der Bahn, weil ihre Hautfarbe nicht-wei\u00df ist; warum Tobias R. einen Waffenschein besa\u00df, warum unz\u00e4hlige Nazis im Untergrund bewaffnet auf ihre Stunde warten und warum Hanau wahrscheinlich nicht der letzte rechte Terroranschlag war.</p><p>Dieser Staat hat den m\u00f6rderischen Rassismus zu verantworten. Er ist mit seinen Institutionen und ideologischen Apparaten der Organisator dieser menschenverachtenden Zust\u00e4nde. Deshalb haben wir uns antifaschistisch, feministisch und antirassistisch organisiert. Weil wir mit anderen zusammengekommen sind, um die Ohnmacht zu \u00fcberwinden und f\u00fcr ein gemeinsames Ziel zu streiten \u2013 diesen Staat und seine Klassenherrschaft abzuschaffen. Wir brauchen in der Konsequenz keine Gesellschaft der Vielen, sondern Viele mehr gegen den Faschismus. Migrantifa l\u00e4uft derzeit Gefahr, ein migrantisches Subjekt innerhalb des Bestehenden zu schaffen, welches aber nur handeln und sprechen darf, wenn es eben nicht gleich zum Umsturz dieser Verh\u00e4ltnisse aufruft. Doch genau das wollen wir: Wir wollen st\u00f6ren, revoltieren und mehr werden mit denen, die unser Ziel teilen.</p><p>Wir wollen unser Ziel ins Verh\u00e4ltnis setzen: Wir fordern die l\u00fcckenlose Aufkl\u00e4rung der staatlichen und beh\u00f6rdlichen Beteiligung bei den rassistischen Morden. Wir fordern mehr Beratungsstellen, an die sich Opfer von Rassismus wenden k\u00f6nnen. Und wir wollen die Forderungen zusammenbringen und daf\u00fcr k\u00e4mpfen, dass kein Mensch mehr Angst haben muss, in eine Shishabar zu gehen, vor Ende des Monats kein Geld mehr f\u00fcr Essen zu haben, auf dem Amt zu sitzen und schikaniert zu werden. Wir brauchen deshalb nicht nur mehr Migrantifa und Protest f\u00fcr Menschenrechte, sondern auch eine gemeinsame Organisierung und eine offensive Linke, die sich weder hinter linksliberalen Forderungen und Appellen an den Staat versteckt, noch \u201edie Migrantifa\u201c vorschickt im Kampf gegen den Faschismus. Besonders jetzt gilt es, den Druck zu erho\u0308hen und Institutionen des Rassismus und der Abschottung anzugreifen.</p><p>Wir appellieren auch an die deutsche Antifa-Bewegung, die Entnazifizierung dieses Landes voranzutreiben. Konkrete Handlungsangebote machen beispielsweise die <i>Initiative in Gedenken an Ramazan Avc\u0131</i> mit dem <a href=\"https://www.labournet.de/interventionen/antifa/antifa-ini/8-mai-2020-tag-des-zorns-bundesweiter-protest-streik-gegen-rassismus/\">Aufruf</a> zum Tag des Zorns am 8. Mai, die <i>Initiative Herkesin Meydan\u0131</i> f\u00fcr ein <a href=\"https://mahnmal-keupstrasse.de/\">Mahnmal</a> an der Keupstra\u00dfe und viele andere Initiativen, die vielerorts an der Realisierung der Losung \u201eErinnern hei\u00dft k\u00e4mpfen\u201c arbeiten. Nicht zuletzt haben auch die Verteilungsk\u00e4mpfe, die in der aktuellen Krise ausgehandelt werden und vor allem Menschen mit Migrationshintergrund, sowie Frauen* besonders hart treffen, das Potenzial, in antirassistischen als auch antikapitalistischen kollektiven Widerstand verwandelt zu werden.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/f%C3%BCr-eine-revolutionierung-der-migrantifa/", "id": "https://revoltmag.org/articles/f%C3%BCr-eine-revolutionierung-der-migrantifa/", "author": {"name": "Einige Antifaschist*innen mit Migrationsgeschichte", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-04-19T10:43:16.283400+00:00", "date_modified": "2020-04-19T11:23:15.527203+00:00", "tags": ["re:claim", "re:wire", "kaltland", "hanau", "alltagsrassismus", "migrantifa", "nsu", "antifaschismus", "antirassismus", "faschismus", "rassismus", "revolution"], "summary": "Am 19. Februar 2020 hat ein Rechter in Hanau neun migrantische Menschen ermordet. Mittlerweile droht Hanau zur Randnotiz zu werden \u2013 und damit auch der rechte Terror in Deutschland. Dagegen gilt es Migrantifa revolutiona\u0308r zu organisieren. Ein Debattenbeitrag."}, {"title": "Das \u201eHannibal\u201c-Netzwerk \u2013 eine faschistische Geheimarmee?", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Das \u201eHannibal\u201c-Netzwerk \u2013 eine faschistische&nbsp;Geheimarmee?</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"HannibalNetzwerk.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/HannibalNetzwerk.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">antifa</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Heute ist die Brosch\u00fcre \u201e</i><a href=\"http://antifa-aufbau.org/2019/12/19/broschuere-staat-nazis-hand-in-hand/?fbclid=IwAR1dWxET9Iipo50oHOnSIDO6kfs0Pg4MkPfqSorH5ztJdH-dhjjulsIDhw8\"><i>Staat und Nazis Hand in Hand? Einsch\u00e4tzung zur Aktualit\u00e4t der faschistischen Gefahr in Deutschland</i></a><i>\u201c erschienen, herausgegeben von einem Kollektiv antifaschistischer Gruppen.</i> <i> Beteiligt sind die</i> <a href=\"http://antifa-karlsruhe.org/\"><i>Antifaschistische Aktion Karlsruhe</i></a><i>,</i><a href=\"http://antifa-aufbau.org/\"><i>Antifaschistischer Aufbau M\u00fcnchen</i></a><i>,</i> <a href=\"http://antifa-stuttgart.org/\"><i>Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart</i></a><i>,</i><a href=\"http://antifaaufbautue.blogsport.de/\"><i>Antifaschistische Aktion (Aufbau) T\u00fcbingen</i></a><i>,</i> <a href=\"http://antifaaufbauma.blogsport.de/\"><i>Antifaschistische Aktion (Aufbau) Mannheim</i></a> <i>und</i><a href=\"http://antifavs.noblogs.org/\"><i>Antifaschistische Aktion [o] Villingen-Schwenningen</i></a><i>. Im Folgenden unsere zweite Vorabver\u00f6ffentlichung aus der Brosch\u00fcre; f\u00fcr den Erwerb der Brosch\u00fcre einfach bei den beteiligten Gruppierungen auf der Homepage schauen. Der folgende Artikel ist leicht redaktionell bearbeitet worden.</i></p><p></p><hr/><p></p><p>Im August 2017 und im April 2018 fanden mehrere Durchsuchungen in Mecklenburg-Vorpommern gegen die \u201eNordkreuz\u201c-Struktur statt. <b>[1]</b> \u00d6ffentliche Aufmerksamkeit erlangten diese F\u00e4lle allerdings erst im Juni 2019, als die Bundesanwaltschaft ihre ersten Ergebnisse pr\u00e4sentierte und die Dimension der rechten Terrororganisation sichtbar wurde. \u201eNordkreuz\u201c rekrutiert sich haupts\u00e4chlich aus SoldatInnen und PolizistInnen, vorwiegend aus Spezialeinheiten. Sie verf\u00fcgen mit \u201eS\u00fcd-\u201c und \u201eWestkreuz\u201c \u00fcber bundesweite Strukturen. Offen auftretende FaschistInnen befinden sich nicht unter den Mitgliedern, wohl aber sind sie in der Szene gut vernetzt. Die Struktur legt gro\u00dfen Wert darauf, unter dem Radar zu bleiben. F\u00fcr ihr Vorhaben ist das auch unumg\u00e4nglich. Das \u201eKreuz\u201c-Netzwerk \u2013 auch als \u201eHannibal-Netzwerk\u201c bekannt \u2013 wurde ins Leben gerufen, um bei einem Sturz der aktuellen Ordnung die linke Opposition zu liquidieren. Hierf\u00fcr wurden Feindeslisten angelegt, mehrere zehntausend Schuss Munition gebunkert, Waffen beschafft und Passierscheine zum \u00dcberwinden von Stra\u00dfensperren besorgt. Auf der Einkaufsliste standen zudem 200 Leichens\u00e4cke und \u00c4tzkalk zur Desinfektion von Massengr\u00e4bern.</p><h2><b>Das Erbe der Gladio</b></h2><p>Ihre Ziele und die Art der Organisation weist \u00c4hnlichkeiten zu den <i>stay behind</i>-Strukturen, die w\u00e4hrend des Kalten Krieges aktiv waren, auf. Unter <i>stay behind</i>-Strukturen versteht man paramilit\u00e4rische Verb\u00e4nde, die im Falle einer feindlichen Besetzung nachrichtendienstliche Aufkl\u00e4rung leisten und Sabotageakte gegen die Besatzungsmacht ausf\u00fchren. Die NATO betrieb von 1947 bis 1991 nachweislich in mehreren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern solche Netzwerke. Anf\u00e4nglich um im Falle eines sowjetischen Einmarsches hinter den feindlichen Linien k\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen. Rekrutiert wurden hierf\u00fcr stramme AntikommunistInnen. Zu Beginn haupts\u00e4chlich ehemalige Mitglieder der Waffen-SS und Mussolini-FaschistInnen, sp\u00e4ter Mitglieder aus diversen neofaschistischen Strukturen. F\u00fcr ihren urspr\u00fcnglichen Zweck kamen die Geheimarmeen nie zum Einsatz, was aber nicht hei\u00dft, dass diese unt\u00e4tig geblieben w\u00e4ren. Anfang der 1970er Jahre begannen sie im Zuge der \u201eStrategie der Spannung\u201c terroristische Anschl\u00e4ge zu ver\u00fcben, welche sie der Linken anh\u00e4ngen wollten, um diese zu diskreditieren. Ihre Aktionen reichten von Spr\u00fchereien bis hin zu Bombenanschl\u00e4gen und gezielten Morden an PolizistInnen. Am bekanntesten ist wohl der Bombenanschlag auf den Bahnhof von Bologna im August 1980 mit 85 Toten, wof\u00fcr kurz danach die Roten Brigaden beschuldigt wurden. In den nachfolgenden Ermittlungen konnte aber nicht mehr verheimlicht werden, dass faschistische Todesschwadronen mit dem Namen \u201eGladio\u201c, welche Teil der NATO-Geheimarmeen waren, hinter dem Anschlag steckten. Die italienische Regierung musst daraufhin deren Existenz offiziell einr\u00e4umen.</p><h2><b>Sehnsucht nach Tag X</b></h2><p>In Deutschland wurden ab 1950 mit dem \u201eBund Deutscher Jugend\u201c, dem \u201eTechnischen Dienst\u201c und dem \u201eSchweigenetz\u201c geheime faschistische Verb\u00e4nde aufgebaut. Im Gegensatz zu Italien, Belgien und der Schweiz, in denen es nach dem Ende des Kalten Krieges Untersuchungsaussch\u00fcsse zu den Geheimarmeen gab, wurde in Deutschland der gesamte Komplex unter den Teppich gekehrt. Mit dem Ende des Systemkonflikts wurden solche <i>stay-behind</i>-Strukturen \u00fcberfl\u00fcssig. Bei den heutigen Netzwerken handelt es sich also um ein anderes Ph\u00e4nomen. Auch ohne Kalten Krieg hat der Staat ein Interesse daran, sich ein gut organisiertes, ideologisch gefestigtes, und verl\u00e4ssliches paramilit\u00e4risches Potenzial zu erhalten. \u00dcber das Ma\u00df an Eigenst\u00e4ndigkeit des \u201eHannibal\u201c-Netzwerks und \u00fcber die Beteiligung von Geheimdiensten kann zwar nur spekuliert werden, dass sich solche Netzwerke v\u00f6llig ohne Wissen der Geheimdienste bilden k\u00f6nnen, ist aber zu bezweifeln.</p><p>Aufgeflogen ist das \u201eKreuz-Netzwerk\u201c wohl, weil einigen Mitgliedern der \u201eTag X\u201c noch in zu weiter Ferne lag und sie deshalb versuchten, diesen selbst herbei zu f\u00fchren. Auch der Soldat Franco Albrecht war wohl Teil des Netzwerks. Er versuchte sich als Gefl\u00fcchteter auszugeben, um anschlie\u00dfend Anschl\u00e4ge zu ver\u00fcben und dadurch den \u201eTag X\u201c auszul\u00f6sen. Auf seiner Todesliste standen neben antifaschistischen AktivistInnen und dem Zentralrat der J\u00fcdInnen auch der damalige Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck und der damalige Justizminister Heiko Maas. Auch die Pl\u00e4ne einiger weiterer Mitglieder der Struktur sollen schon sehr konkret gewesen sein. Die Beh\u00f6rden stoppten die putschistischen RechtsterroristInnen kurz vor der Durchf\u00fchrung ihrer Aktionen. Harte Strafen gab es aber in keinem Fall.</p><p>Zerschlagen wurde das \u201eHannibal\u201c-Netzwerk auch nicht. Lediglich die Munitionsvorr\u00e4te und die nicht registrierten Schusswaffen wurden beschlagnahmt. Hierf\u00fcr werden einige Mitglieder des Netzwerks wohl auch angeklagt. Der Gro\u00dfteil der Organisation bleibt aber unangetastet. Auch bei Franco Albrecht und seinen Unterst\u00fctzerInnen, bei denen bereits ausgearbeitete Anschlagspl\u00e4ne, Schusswaffen, Munition und Z\u00fcnder gefunden wurden, lie\u00df das Oberlandesgericht Frankfurt das Verfahren einstellen, noch bevor \u00fcberhaupt Anklage erhoben wurde. Der Fall liegt allerdings noch beim Bundesgerichtshof.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Das Beitragsbild zeigt einen Polizisten, der mit dem Abzeichen von Uniter e.V. posiert. Der Verein dient zur Vernetzung von SoldatInnen und PolizistInnen, meist aus Spezialeinheiten, taucht aber vor allem in Verbindung mit rechten Umtrieben bei Polizei und Bundeswehr auf. So gilt einer der Vereinsgr\u00fcnder, Andr\u00e9 S. alias \u201eHannibal\u201c, als Gr\u00fcnder des \u201eKreuz (Hannibal)\u201c-Netzwerks. Deren Mitglieder wiederum sind zum gr\u00f6\u00dften Teil Vereinsmitglieder von Uniter e.V. Auch der Verfassungsschutz hat seit der Gr\u00fcndung des Vereins seine Finger mit im Spiel.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/das-hannibal-netzwerk-eine-faschistische-geheimarmee/", "id": "https://revoltmag.org/articles/das-hannibal-netzwerk-eine-faschistische-geheimarmee/", "author": {"name": "Antifaschistische Aktion Karlsruhe, Antifaschistischer Aufbau M\u00fcnchen, Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart, Antifaschistische Aktion (Aufbau) T\u00fcbingen, Antifaschistische Aktion (Aufbau) Mannheim und Antifaschistische Aktion [o] Villingen-Schwenningen", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2019-12-20T13:37:34.597603+00:00", "date_modified": "2019-12-20T13:42:34.083052+00:00", "tags": ["re:search", "b\u00fcrgerlicher staat", "antifaschismus", "hannibal", "kreuz-netwerk", "faschismus", "brd", "antifa"], "summary": "Das \u201eKreuz\u201c-Netzwerk \u2013 fanatische FaschistInnen, milit\u00e4risch gedrillt, t\u00f6dlich ausgebildet und mit dem Ziel, am Tag \u201eX\u201c eine linke Opposition zu liquidieren. Die Parallelen zu den Gladiostrukturen aus den Zeiten des Kalten Krieges sind mehr als naheliegend. Eine Vorabver\u00f6ffentlichung."}, {"title": "Der Tanz mit dem Faschismus", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Der Tanz mit dem&nbsp;Faschismus</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"MilitanteRechte.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/MilitanteRechte.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Antifa</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Morgen erscheint die Brosch\u00fcre \u201eStaat und Nazis Hand in Hand? Einsch\u00e4tzung zur Aktualit\u00e4t der faschistischen Gefahr in Deutschland\u201c, herausgegeben von einem Kollektiv antifaschistischer Gruppen. Beteiligt sind die</i> <a href=\"http://antifa-karlsruhe.org/\"><i>Antifaschistische Aktion Karlsruhe</i></a><i>,</i> <a href=\"http://antifa-aufbau.org/\"><i>Antifaschistischer Aufbau M\u00fcnchen</i></a><i>,</i> <a href=\"http://antifa-stuttgart.org/\"><i>Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart</i></a><i>,</i> <a href=\"http://antifaaufbautue.blogsport.de/\"><i>Antifaschistische Aktion (Aufbau) T\u00fcbingen</i></a><i>,</i> <a href=\"http://antifaaufbauma.blogsport.de/\"><i>Antifaschistische Aktion (Aufbau) Mannheim</i></a><i> und</i> <a href=\"http://antifavs.noblogs.org/\"><i>Antifaschistische Aktion [o] Villingen-Schwenningen</i></a><i>. Wir ver\u00f6ffentlichen heute und morgen vorab Artikel aus der Brosch\u00fcre; f\u00fcr den Erwerb der Brosch\u00fcre einfach bei den beteiligten Gruppierungen auf der Homepage schauen. Der folgende Artikel ist leicht gek\u00fcrzt und redaktionell bearbeitet worden.</i></p><p></p><hr/><p></p><p>Seit der letzten gro\u00dfen Wirtschaftskrise vollzieht sich in vielen L\u00e4ndern der Welt ein Rechtsruck. Im Windschatten dieser Entwicklung konnte auch die militante Rechte erstarken. In Deutschland \u00e4u\u00dfert sich diese Entwicklung beispielsweise in den unz\u00e4hligen Angriffen auf Gefl\u00fcchtete und deren Unterk\u00fcnfte. Zwar er\u00fcbrigte sich deren Zweck mit dem Schlie\u00dfen der europ\u00e4ischen Au\u00dfengrenzen und ihre Zahl nahm wieder ab, doch die BrandstifterInnen sind immer noch da.<b> [1]</b></p><p>Weniger offensichtlich bildeten sich mit dem Aufschwung der rechten Bewegung immer mehr bewaffnete faschistische Gruppen. Wie viele es mittlerweile sind, kann wohl au\u00dfer dem Verfassungsschutz niemand sagen. Doch die Anzahl der Gruppierungen, welche in den letzten zwei Jahren aufgedeckt wurden, gibt zumindest einen verschwommenen Einblick. Der Mord an Walter L\u00fcbcke<b> [2]</b> und die Aufdeckung der Organisation \u201eNordkreuz\u201c <b>[3]</b> d\u00fcrften den meisten noch am besten im Ged\u00e4chtnis sein. Aber auch das Waffenlager in Hannover<b> [4]</b>, der geplante Aufstand der Gruppe \u201eRevolution Chemnitz\u201c <b>[5]</b> oder die Gruppe \u201eNordadler\u201c <b>[6]</b> sind ebenfalls Beispiele dieser Entwicklung.</p><p>Um die eigentliche Frage zu beantworten, muss allerdings auch ein Blick auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung geworfen werden. Die letzte gro\u00dfe Wirtschaftskrise im Jahr 2007 brachte die kapitalistische Akkumulation weltweit ins Wanken. Im Vergleich zu den s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern waren die Auswirkungen der Krise in Deutschland verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gering. In den s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern formierte sich ein massiver Widerstand innerhalb der Bev\u00f6lkerung. Und auch wenn in diesem Fall alles wieder in systemkonforme Bahnen gelenkt worden konnte, zeigte die k\u00e4mpferische Bewegung in Griechenland, wie schnell sich in Krisenzeiten Dynamiken entwickeln k\u00f6nnen.</p><p>Die Methoden zur Krisenbew\u00e4ltigung, welche den Laden beim letzten Mal gerade noch zusammen gehalten hatten, sind f\u00fcr die n\u00e4chste Krise keine Option mehr. Die Auswirkungen der Krise wurden vor allem auf der Grundlage einer massiven Ausweitung der \u00f6ffentlichen Verschuldung bek\u00e4mpft. Die Zentralbanken setzten den Leitzins auf Null und kauften Staatsanleihen im Wert von mehreren Billionen Euro. Das Zinsniveau ist immer noch auf einem historischen Tief und die Staatsverschuldungen sind hoch. Damit verengen sich die \u00f6konomischen Spielr\u00e4ume f\u00fcr die L\u00f6sung der n\u00e4chsten zu erwartenden Krise. Dar\u00fcber hinaus ist die Jugendarbeitslosigkeit in S\u00fcdeuropa immer noch exorbitant hoch und viele L\u00e4nder wie zum Beispiel Frankreich befinden sich in tiefen politischen Krisen.</p><p>Der n\u00e4chste Crash wird kommen und er wird auch in Deutschland einschlagen. Durch die starke Exportorientierung ist das deutsche Kapital besonders abh\u00e4ngig von der Lage der Weltwirtschaft. Und so werden bereits jetzt Vorbereitungen f\u00fcr die n\u00e4chste Krise getroffen. Durch die neuen Polizeiaufgabengesetze (PAG) werden die Befugnisse der Sicherheitsbeh\u00f6rden erweitert und der \u00dcberwachungsstaat ausgebaut. Auch die Umgehung demokratischer Mitbestimmung mittels der EU und die Einschr\u00e4nkung des Streikrechts zeigen, dass die herrschende Klasse auf den autorit\u00e4ren Staat setzt, um auch die n\u00e4chste Krise zu \u00fcberstehen.</p><h2><b>Der diskrete Charme des Faschismus</b></h2><p>Doch warum arbeitet die Bourgeoisie nicht gleich auf den Aufbau einer faschistischen Diktatur hin? Die Interessen des Kapitals gegen revoltierende Lohnabh\u00e4ngige lassen sich in der Krise doch wohl kaum besser durchsetzen als durch fanatische FaschistInnen. Doch genau darin liegt auch das Risiko f\u00fcr die Bourgeoisie. Sie muss hierbei einen Teil ihrer Macht an die FaschistInnen abgeben. Und dies ist f\u00fcr sie mit einigen Risiken verbunden.</p><p>Solange es den gemeinsamen Gegner \u2013 die organisierte ArbeiterInnenbewegung \u2013 gibt, k\u00f6nnen Widerspr\u00fcche innerhalb der faschistischen Bewegung oder zwischen Kapital und faschistischer Bewegung \u00fcberdeckt werden. Doch auch historisch war die erste Zeit nach der kompletten Zerschlagung der Arbeiterbewegung (ab Mitte 1933) in Deutschland durch Richtungsk\u00e4mpfe innerhalb der NSDAP-Elite gepr\u00e4gt. Die Politik der FaschistInnen war in weiten Teilen deckungsgleich mit den Interessen des Kapitals, trotzdem kam es immer wieder zu Konflikten. Sollten diese einmal zu gro\u00df werden, l\u00e4sst sich eine parlamentarische Regierung letztlich deutlich leichter absetzen als eine faschistische Diktatur. Und die FaschistInnen sind keineswegs blo\u00dfe Befehlsempf\u00e4ngerInnen der herrschenden Klasse. Vereinfacht gesagt kann ihre Politik auch im Chaos und in der totalen Niederlage enden. Der unglaubliche Aufwand mit welchem die physische Vernichtung der J\u00fcdInnen betrieben wurde, war nicht unbedingt im Sinne der herrschenden Klasse. Im Gegenteil: Die Fokussierung der faschistischen F\u00fchrung auf ihren antisemitischen Wahn mitten im zweiten Weltkrieg trieben Teile der herrschenden Klasse in eine oppositionelle Haltung zum NS-Regime, die bis hin zur Vorbereitung zum Tyrannenmord reichte.</p><p>M\u00f6gen die Gewinnaussichten noch so traumhaft sein, wenn die \u00dcberreste des Sozialstaats und der Gewerkschaften beseitigt sind, ist die herrschende Klasse langfristig doch darauf angewiesen, auf ein stabiles politisches System bauen zu k\u00f6nnen. Aus diesem Grund ist der Faschismus f\u00fcr die Bourgeoisie immer der letzte Notnagel in einer ansonsten ausweglosen Situation. Solange weniger risikoreiche Herrschaftsm\u00f6glichkeiten eine Option sind, wird sie auch auf diese setzen.</p><p>F\u00fcr die heutige Lage schlie\u00dfen wir daraus, dass der b\u00fcrgerliche Parlamentarismus mit seinen Volksparteien zwar angez\u00e4hlt sein mag, aber immer noch funktioniert. Offensichtlich arbeitnehmerInnenfeindliche Politik wie die Hartz-Reformen oder die oben aufgez\u00e4hlten Entwicklungen lassen sich ohne gro\u00dfen Widerstand durchsetzen. Die faschistische Bewegung wird deshalb nur von kleinen Teilen des Kapitals unterst\u00fctzt. Konsequent bek\u00e4mpft wird sie nat\u00fcrlich nicht, weil die grundlegenden Pfeiler des Kapitalismus durch die FaschistInnen niemals angetastet werden.</p><h2><b>Sch\u00f6n bei der Leine halten \u2013 noch</b></h2><p>Auf der Agenda der FaschistInnen steht zurzeit vor allem eins: Rache an den \u201eSchuldigen\u201c der \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c. In ihrem Weltbild kommen Gefl\u00fcchtete nicht nach Europa, weil sie vor Krieg, Hunger und Armut fl\u00fcchten, sondern aufgrund eines angeblichen Plans zum gro\u00dfen \u201eBev\u00f6lkerungstausch\u201c. Demnach w\u00fcrden die Eliten der b\u00fcrgerlichen Politik daran arbeiten, durch gezielte Zuwanderung die europ\u00e4ischen V\u00f6lker unter Druck zu setzen, um willige ArbeitssklavInnen zu erhalten. Der Linken wird vorgeworfen die passende Hegemonie dazu herzustellen. Und so stehen neben Linken eben auch eine ganze Reihe b\u00fcrgerlicher PolitikerInnen auf den Todeslisten der Nazis. Der Mord an Walter L\u00fcbcke und die Mordversuche an Andreas Hollstein <b>[7]</b> und Henriette Reker <b>[8]</b> zeigen diese Tendenz des Rechtsterrorismus. Die Verselbst\u00e4ndigung der faschistischen Ideologie wird hier deutlich. Denn zumindest solange die b\u00fcrgerliche Demokratie noch im Sinne der Herrschenden funktioniert, hat das Kapital kein Interesse an Angriffen auf politische Mandatstr\u00e4gerInnen. Aus diesem Grund werden die putschistischen Kr\u00e4fte innerhalb der militanten Rechten eingebremst.</p><p>Mehr wird im staatlichen Kampf gegen rechten Terror aber auch nicht passieren. Solange FaschistInnen ihre Angriffe auf Linke und vermeintliche Ausl\u00e4nderInnen beschr\u00e4nken, bleibt die Praxis von Polizei und Verfassungsschutz die gleiche wie schon vor der Selbstenttarnung des NSU. Die unz\u00e4hligen ungekl\u00e4rten Angriffe auf Gefl\u00fcchtetenunterk\u00fcnfte und linke Hausprojekte, sowie \u00dcbergriffe auf MigrantInnen sprechen f\u00fcr sich.</p><p>Ein Beispiel hierf\u00fcr ist die Gruppe \u201eRevolution Chemnitz\u201c. Die Mitglieder waren schon jahrelang in verschiedenen rechtsradikalen Strukturen in Sachsen aktiv. Mindestens vier hatten bereits in der Gruppe \u201eSturm 34\u201c Erfahrung in Hetzjagden, Waffenbeschaffung und dem Aufbau terroristischer Organisationen gesammelt. Die Gruppe wurde 2006 unter Beteiligung eines Geheimdienstspitzels gegr\u00fcndet und w\u00fctete zwei Jahre lang in Sachsen. Obwohl mehrere Opfer lebensgef\u00e4hrliche Verletzungen davon trugen, musste niemand mit schweren Strafen rechnen. Christian Keilberg, der sowohl bei \u201eSturm 34\u201c, als auch sp\u00e4ter bei \u201eRevolution Chemnitz\u201c F\u00fchrungsrollen \u00fcbernahm, hatte seit 2006 zudem regelm\u00e4\u00dfig Kontakt zum Verfassungsschutz. Auch als \u201eRevolution Chemnitz\u201c konnte die Gruppe unbehelligt Menschenjagden auf MigrantInnen veranstalten. Sie beteiligten sich unter anderem an den Ausschreitungen in Chemnitz im August 2018 und patrouillierten als \u201eB\u00fcrgerwehr\u201c durch die Stadt. Erst aber, als sie mit konkreten Vorbereitungen f\u00fcr einen Putsch begannen, wurden sie von den Beh\u00f6rden als ernstzunehmende Bedrohung wahrgenommen. Im Oktober 2018 wurde die Gruppe schlie\u00dflich verhaftet. Diesmal waren aber nicht MigrantInnen das Ziel, sondern die Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung in Berlin. Die FaschistInnen hofften durch den Terroranschlag einen B\u00fcrgerkrieg auszul\u00f6sen und infolgedessen die Regierung zu st\u00fcrzen.</p><p>Nat\u00fcrlich bekommen Polizei, Geheimdienst und Staatsanwaltschaften keine Anweisungen des Kapitals, ob und wann sie eine faschistische Terrorgruppe hochnehmen sollen. Dass die Polizeibeh\u00f6rden aber auf dem rechten Auge blind sind, ist kein Zufall. Zum einen legt das die Geschichte dieser Beh\u00f6rden nahe. Das Bundeskriminalamt (BKA) wies bei seiner Gr\u00fcndung genauso wie die Justiz oder der Verfassungsschutz eine gro\u00dfe personelle und strukturelle Kontinuit\u00e4t zur Zeit des Faschismus auf. Aufgebaut wurde es von ehemaligen SS-Angeh\u00f6rigen. Diese Leute wurden in erster Linie f\u00fcr diese Aufgaben ausgew\u00e4hlt, weil sie stramme AntikommunistInnen waren und sind. Und zum anderen ist das aber auch die logische Folge einer ihrer grundlegenden Aufgaben innerhalb der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, dem Schutz der herrschenden Eigentumsverh\u00e4ltnisse.</p><p>Der Umgang des Staates mit faschistischen Strukturen h\u00e4ngt aber noch von mehreren Faktoren ab. Wie gut ist die Organisation mit Spitzeln durchsetzt? Hat sie internationale Kontakte? Welche Aktionen plant sie im Einzelnen und wie konkret sind ihre Pl\u00e4ne? F\u00fcr uns ist wichtig festzuhalten, dass dieser Staat niemals grunds\u00e4tzlich gegen die faschistische Bewegung vorgehen wird. Einzelne Verhaftungen oder Verbote \u00e4ndern daran nichts.</p><p></p><hr/><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Die Angriffe auf Gefl\u00fcchtete und ihre Unterk\u00fcnfte stiegen ab 2015 stark an. F\u00fcr 2016 verzeichnet die gemeinsame Chronik der Amadeu Antonio Stiftung und Pro Asyl einen H\u00f6chstwert von 3.768 Angriffen. Danach sank die Zahl wieder von 2.285 in 2017 auf 1.434 in 2018. F\u00fcr 2019 sind zum Zeitpunkt der Ver\u00f6ffentlichung dieses Textes 37 \u00dcbergriffe dokumentiert. Die Dunkelziffer liegt vermutlich f\u00fcr alle Jahre deutlich \u00fcber den angegebenen Zahlen.</p><p><b>[2]</b> Walter L\u00fcbcke war ein hessischer CDU-Politiker und bis zu seinem Tod Regierungspr\u00e4sident im Regierungsbezirk Kassel. Durch Aussagen gegen Pegida-Anh\u00e4nger erlangte er gr\u00f6\u00dfere Bekanntheit. Am 02. Juni 2019 wurde er mutma\u00dflich durch den Faschisten Stephan Ernst get\u00f6tet.</p><p><b>[3]</b> Nordkreuz war zusammen mit S\u00fcdkreuz und Westkreuz Teil des faschistischen Hannibal-Netzwerks. Im Rahmen der Ermittlungen gegen den faschistischen Oberleutnant der Bundeswehr Franco Albrecht im Sommer 2017 wurde die Struktur aufgedeckt.</p><p><b>[4]</b> Im April 2019 wurden bei einem Faschisten in Hannover 51 Waffen, Munition, rund 100.000\u20ac Bargeld sowie Nazi-Orden gefunden.</p><p><b>[5]</b> Die faschistische Gruppe \u201eRevolution Chemnitz\u201c wurde im Herbst 2018 festgenommen, nachdem bekannt geworden war, dass sie sich um halbautomatische Schusswaffen bem\u00fcht hatten. Sie waren schon in der Vergangenheit an faschistischen Attacken beteiligt und sollen f\u00fcr den 03. Oktober einen Angriff auf die \u201eEinheitsfeierlichkeiten\u201c geplant haben.</p><p><b>[6]</b> Bei der Gruppe \u201eNordadler\u201c fanden im April 2018 Hausdurchsuchungen statt. Sie hatten Listen mit pers\u00f6nlichen Daten von AntifaschistInnen sowie PolitikerInnen angelegt und sich in Chats \u00fcber Waffen und m\u00f6gliche Anschlagsziele ausgetauscht.</p><p><b>[7]</b> Andreas Hollstein ist Mitglied der CDU und B\u00fcrgermeister der westf\u00e4lischen Stadt Altena. Am 27. November 2017 stach ihm ein Mann mit einem Messer in den Hals und verletzte in gef\u00e4hrlich. Sein Motiv war die Politik gegen\u00fcber Gefl\u00fcchteten des CDU-Mannes. Sie war ihm zu \u201eliberal\u201c.</p><p><b>[8]</b> Henriette Reker ist parteilose Oberb\u00fcrgermeisterin von K\u00f6ln. Am Tag vor ihrer Wahl wurde sie bei einem Wahlkampftermin mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt. Auch hier wurde die Politik gegen\u00fcber Gefl\u00fcchteten als Motiv angegeben. Der T\u00e4ter war ein fr\u00fcheres Mitglied der ehemaligen faschistischen Partei FAP.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Oktober verwirklichte die T\u00fcrkei ihren lange gehegten Wunsch einer umfassenden milit\u00e4rischen Invasion in Nordost-Syrien (Rojava), nachdem ein Telefonat zwischen dem t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Recep Tayyip Erdo\u011fan und seinem us-amerikanischen Amtskollegen Donald Trump hierf\u00fcr den Weg ebnete. Trump lie\u00df wenig sp\u00e4ter <a href=\"https://twitter.com/realDonaldTrump/status/1181172465772482563\">per Twitternachricht</a> verlauten, dass \u201eer\u201c sich mit sofortiger Wirkung aus der Region heraushalten werde \u2013 \u201etime to [\u2026] bring our soldiers home\u201c. Ein Freifahrtschein f\u00fcr die T\u00fcrkische Armee (TSK) samt Gefolgsleuten.</p><p>Unterst\u00fctzt von heftigem Artilleriebeschuss und dem Bombardement durch Kampfjets schickte die T\u00fcrkische Armee (TSK) jihadistische Milizen unter dem pomp\u00f6sen Namen <i>Syrische Nationale Armee</i> (SNA) voran. Die Angaben zu ihrer Zahl schwanken, aber es soll sich bei ihnen um etwa<a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/10/turkey-syria-kurds-militias-in-operation-peace-spring.html\"> 15.000 K\u00e4mpfer handeln</a>, die in der jetzigen Invasion mobilisiert wurden. Die verschiedenen Teilgruppen der SNA agieren schon lange in Syrien. <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/10/turkey-syria-kurds-militias-in-operation-peace-spring.html\">21 der insgesamt 37 Gruppen</a>, die in der SNA versammelt sind, wurden in der Vergangenheit von den USA unterst\u00fctzt und viele fanden sich auch schon in der<i> Freien Syrischen Armee</i> (FSA). Sie \u00e4ndern permanent ihre Namen, sind aber im Grunde altbekannte jihadistische Gruppen.</p><h2><b>Eine Invasion vom Rei\u00dfbrett</b></h2><p>Der Krieg begann mit Artilleriebeschuss und Luftbombardements auf Stellungen der Syrischen Demokratischen Kr\u00e4fte (SDF), einem von der kurdischen YPG angef\u00fchrten multiethnischen Milit\u00e4rverbund, und auch auf die Regionen nahe der Grenze zur T\u00fcrkei. Die SNA konzentrierte ihre Angriffe dabei in erster Linie vor allem auf die St\u00e4dte Gire Sp\u00ee/Tal Abyad und Ser\u00ea Kaniy\u00ea/Ras al-Ayn und das Gebiet zwischen diesen beiden. Sie versuchte, die St\u00e4dte zu isolieren und voneinander, sowie von anderen St\u00e4dten abzuschneiden, um dann die St\u00e4dte selbst einzunehmen. W\u00e4hrend Gire Sp\u00ee /Tal Abyad mittlerweile an SNA und TSK gefallen ist, h\u00e4lt der Widerstand der SDF in Ser\u00ea Kaniy\u00ea/Ras al-Ayn an (Stand 16. Oktober 2019). Trotz kleinerer Scharm\u00fctzel sind die St\u00e4dte Qamishlo und Koban\u00ea/Ayn al-Arab nicht wirklich attackiert worden, Manbidsch, das westlich des Euphrat liegt, hat eine gewisse Sonderstellung und kam erst nach einigen Tagen unter Beschuss. Die Taktik der T\u00fcrkei d\u00fcrfte sein, das Gebiet der Selbstverwaltung von der Mitte her zu zerteilen und Verbindungswege zu kappen, beziehungsweise die St\u00e4dte zu isolieren. Der Plan ist dann in einer zweiten Phase des Krieges ein gr\u00f6\u00dferes Gebiet zu besetzen.</p><p>Erdo\u011fan <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-syria-security-turkey-erdogan/erdogan-says-turkish-led-offensive-to-extend-further-along-syrian-border-idUSKBN1WS0DY\">verweist seit Langem darauf</a>, dass es das Ziel der Operation sei, eine 30 Kilometer tiefe und \u00fcber 480 Kilometer lange Zone von \u201eterroristischen Elementen zu bereinigen\u201c und bis zu zwei Millionen syrischer Gefl\u00fcchteter, die sich derzeit in der T\u00fcrkei aufhalten, in dieser Zone anzusiedeln. In dieser \u2013 <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/10/turkey-syria-untied-states-three-phase-of-ankara-plan.html\">laut Milit\u00e4rstrategen</a> als dritte und letzte Phase der Milit\u00e4rinvasion zu realisierenden \u2013 Zone w\u00e4ren fast alle gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dte der Selbstverwaltung an der Grenze zur T\u00fcrkei eingeschlossen. Das Schicksal des Projekts, das mit dem \u201eRojava Aufstand\u201c im Jahr 2011 begann, w\u00e4re damit besiegelt \u2013 wenn denn dieser Plan aufgeht.</p><h2><b>Verschiebungen der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse in Syrien</b></h2><p>Im Moment sieht es so aus, als ob die SDF einen kontrollierten und fokussierten Widerstand leisten. Das <a href=\"https://www.reuters.com/article/syrien-kurden-russland-idDEKBN1WT0HJ\">\u00dcbereinkommen</a> zwischen den SDF und der<i> Syrischen Arabischen Armee</i> (SAA), das am 13. Oktober ausgehandelt wurde und sich seither in der Praxis vollzieht, hat die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse am Boden und die politischen Konstellationen in Syrien und im Mittleren Osten verschoben. Die Erkl\u00e4rung der Selbstverwaltung Nord- und Ost-Syriens spricht von einer Koordination der SAA mit der Selbstverwaltung zur Abwehr der Angriffe der T\u00fcrkei und zur Befreiung der besetzten St\u00e4dte wie Afr\u00een. Gleichzeitig ziehen sich verbleibende US-Truppen vollst\u00e4ndig aus der Region zur\u00fcck.</p><p>Die Zahlen der verlorenen Menschenleben seit Kriegsbeginn sind jetzt schon ersch\u00fctternd. Die SDF leistet einerseits starken Widerstand, andererseits sind Artilleriebeschuss und Luftbombardements der T\u00fcrkei teilweise scheinbar willk\u00fcrlich gegen St\u00e4dte mit Zivilbev\u00f6lkerung und auch zivile Konvois gerichtet. Dementsprechend gibt es auch sehr viele Berichte \u00fcber <a href=\"https://www.dailymail.co.uk/news/article-7568711/At-ten-dead-convoy-journalists-aid-workers-shelled-Turkish-forces.html\">ermordete Zivilist*innen</a>, zerst\u00f6rte <a href=\"https://www.hawarnews.com/en/haber/turkish-occupation-army-targets-mansoura-dam-supplying-water-to-2-m-people-h11914.html\">zivile Infrastruktur</a>, zerst\u00f6rte oder gestohlene <a href=\"https://reliefweb.int/report/syrian-arab-republic/who-gravely-concerned-about-humanitarian-situation-northeast-syria\">Rettungsfahrzeuge</a>, <a href=\"https://hawarnews.com/en/haber/turkish-occupation-targets-field-hospital-in-serkaniy-h12046.htmlTurkish?fbclid=IwAR1VoLpn1sH2nB8fGK3EZXFNteiZBNni-JjosEX2cbKLxvbm6wu-DW6BGWI\">Beschuss</a> und <a href=\"https://www.nytimes.com/2019/10/11/world/middleeast/turkey-syria-kurds.html\">R\u00e4umung</a> von Krankenh\u00e4usern und dergleichen mehr. Schreckliche Bilder und Videos von Gr\u00e4ueltaten der t\u00fcrkischen Armee und insbesondere von den mit ihr verb\u00fcndeten jihadistischen Gruppierungen kursieren in den Sozialen Medien. Mindestens <a href=\"https://www.nytimes.com/2019/10/13/world/middleeast/syria-turkey-invasion-isis.html\">130.000 Zivilist*innen</a> mussten fliehen und eine humanit\u00e4re Katastrophe entfaltet sich vor unseren Augen.</p><p>Dar\u00fcber hinaus gibt es Berichte zur <a href=\"https://www.nytimes.com/2019/10/13/world/middleeast/syria-turkey-invasion-isis.html\">gezielten Bombardierung</a> von Gef\u00e4ngnissen, in denen bislang insgesamt etwa 15.000 der IS-Mitgliedschaft verd\u00e4chtigte Menschen festgehalten wurden. Zumindest <a href=\"https://www.aljazeera.com/news/2019/10/hundreds-isil-prisoners-escape-syrian-camp-kurds-191013141044768.html\">einige hundert IS-Verd\u00e4chtige</a> konnten fliehen. Es ist durchaus m\u00f6glich, dass es zu einer teilweisen Wiederbelebung der fast schon eliminierten IS-Strukturen kommt \u2013 oder dass sich die IS-Jihadisten den t\u00fcrkeinahen S\u00f6ldnertruppen anschlie\u00dfen.</p><h2><b>Erzwungene Teilliberalisierung</b></h2><p>Was aber sind die innenpolitischen und wirtschaftlichen Dynamiken in der T\u00fcrkei, die diese Milit\u00e4rinvasion motivieren? Der erste Grund ist offensichtlich: Die T\u00fcrkei steht den Selbstverwaltungsbestrebungen in Rojava seit ihren Anf\u00e4ngen im Jahr 2011 feindlich gegen\u00fcber. Diese Feindschaft inkludierte zun\u00e4chst eine <a href=\"https://newsocialist.org.uk/trump-rojava/\">(in)direkte Akzeptanz und sogar Unterst\u00fctzung</a> der IS-Strukturen und anderer jihadistischer Gruppen, die gegen die Selbstverwaltung k\u00e4mpften. Nachdem dies nicht funktionierte, intervenierte die T\u00fcrkei direkt milit\u00e4risch, <a href=\"https://www.jacobinmag.com/2016/11/turkey-erdogan-coup-hdp-pkk-syria-gulen-ypg\">zun\u00e4chst</a> 2016 mit dem Einmarsch in vom IS besetztes Gebiet zwischen den Kantonen Afr\u00een und Koban\u00ea (Jarablus und al-Bab) <a href=\"https://revoltmag.org/articles/entscheidungsschlacht-um-afr%C3%AEn/\">und dann</a> nochmal 2018, als direkt die Kr\u00e4fte der Selbstverwaltung <a href=\"https://revoltmag.org/articles/die-besetzung-afr%C3%AEns/\">attackiert</a> wurden (Afr\u00een). Aus Sicht der herrschenden Kr\u00e4fte in der T\u00fcrkei stellt die schiere Existenz von Rojava eine Gefahr dar, da dadurch auch die kurdischen und demokratischen Strukturen in der T\u00fcrkei gest\u00e4rkt werden. Gleichzeitig erscheint Rojava den herrschenden Kr\u00e4ften in der T\u00fcrkei als ein Organisationsmodell von Staat und Gesellschaft, das im Widerspruch zum t\u00fcrkischen Modell des autokratischen Neoliberalismus steht. Rojava konstituiert daher eine Bedrohung des Wesens der Gesellschaftsformation der T\u00fcrkei. Der \u201eKrieg gegen die Kurd*innen\u201c ist au\u00dferdem der wichtigste gemeinsame Nenner, der die AKP nach den Wahlen im Juni 2015 mit ehemals verfeindeten nationalistischen Staatsfraktionen zur \u201eWahrung der Existenz des Staates\u201c in einer neuen \u201eStaatskoalition\u201c zusammenbrachte.</p><p>Diese allgemeinere Ebene ist, zweitens, direkt mit den derzeitigen Umst\u00e4nden in der T\u00fcrkei verbunden, n\u00e4mlich der akuten Hegemoniekrise des Regimes in der Folge der Lokalwahlen im M\u00e4rz und Juni 2019. Wie wir <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkischer-fr%C3%BChling/\">schon zuvor</a> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/erdo%C4%9Fans-ziviler-putschversuch/\">en detail</a> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/politisches-erdbeben-istanbul/\">analysiert haben</a>, dr\u00fcckte sich in den Wahlen die gro\u00dfe und weit verbreitete Unzufriedenheit angesichts der aktuellen \u00f6konomischen und politischen Lage in der T\u00fcrkei aus. Besonders die Wiederholung der Wahl in Istanbul zeigte, dass die AKP und ihre Verb\u00fcndeten ihren Willen nicht l\u00e4nger beliebig mit Gewalt und Betrug durchsetzen konnten.</p><p>Vor dem Hintergrund einer schon lange andauernden und sich versch\u00e4rfenden Hegemoniekrise und brodelnder Unzufriedenheit und Instabilit\u00e4t zogen sich nach den Wahlen Risse durch das ganze System.</p><p>Der <a href=\"http://bianet.org/english/law/210934-constitutional-court-freedom-of-expression-of-academics-for-peace-violated\">Verfassungsgerichtshof (AYM) entschied</a> beispielsweise mit einer sehr knappen Mehrheit von nur einer Stimme, dass die Prozesse gegen die Friedensakademiker*innen einen Bruch des Rechtes auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung darstellten. Nach dieser AYM-Entscheidung wurden Dutzende Friedensakademiker*innen freigesprochen.</p><p>Auch im Fall des fr\u00fcheren HDP-Abgeordneten und bekannten Regisseurs S\u0131rr\u0131 S\u00fcreyya \u00d6nder, der \u00fcber zehn Monate im Gef\u00e4ngnis gewesen war, <a href=\"http://bianet.org/english/politics/213981-court-rules-for-release-of-sirri-sureyya-onder\">entschied der AYM</a> \u2013 diesmal einstimmig \u2013, dass die Aussagen, f\u00fcr die er verurteilt worden war, durch das Recht auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung gedeckt seien und dass \u00d6nder eine sehr wichtige Rolle im Friedensprozess zwischen dem t\u00fcrkischen Staat und der PKK gespielt habe (!). Am darauffolgenden Tag entschied das Gericht seine Entlassung aus dem Gef\u00e4ngnis. Es ist bezeichnend, dass diejenigen Richter*innen am AYM, die im Sinne der Friedensakademiker*innen stimmten, noch von Erdo\u011fans Vorg\u00e4nger und mittlerweile Rivalen Abdullah G\u00fcl bestellt worden waren. Abdullah G\u00fcl, einer der Gr\u00fcnder der AKP, <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-turkey-politics/former-erdogan-ally-to-form-rival-party-before-year-end-paper-idUSKCN1VV0DR\">unterst\u00fctzt mittlerweile die Bestrebungen</a> des ehemaligen AKP-Wirtschaftsministers Ali Babacan, eine neue Partei zu gr\u00fcnden, die als Alternative zur AKP erscheinen soll.</p><p>Babacan und sein Umfeld <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/politik/erdogans-system-broeckelt-die-regierungspartei-akp-steht-vor-der-spaltung/24580168.html\">kritisieren die AKP</a> daf\u00fcr, vom rechten Weg abgekommen zu sein und <a href=\"https://www.karar.com/guncel-haberler/ali-babacan-karara-konustu-yil-bitmeden-partiyi-kuruyoruz-1319296\">konzentrieren</a> ihre eigene Arbeit auf die Wiederbelebung des konservativen Neoliberalismus der Fr\u00fchphase der AKP. Neben Babacan <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/kritik-an-erdogan-tuerkischer-ex-premier-davutoglu-tritt-aus-akp-aus/25013018.html\">brach noch ein weiterer f\u00fchrender AKP-Politiker</a> offen mit Erdo\u011fan, n\u00e4mlich der fr\u00fchere Au\u00dfenminister und Premierminister Ahmet Davuto\u011flu. W\u00e4hrend Babacan eher den konservativ-wirtschaftsliberalen Fl\u00fcgel der Partei und die entsprechenden Teile der Gesellschaft anzusprechen versucht, adressiert Davuto\u011flu den eher islamisch-konservativen Teil, der sich eventuell von der AKP abwenden k\u00f6nnte. Gemeinhin wird erwartet, dass die beiden neuen Parteien am Ende dieses beziehungsweise am Anfang des n\u00e4chsten Jahres gegr\u00fcndet werden. Es gibt keine Garantie daf\u00fcr, dass diese beiden Parteien gro\u00dfen Erfolg haben werden, aber die hart umk\u00e4mpfte AKP ist anf\u00e4llig f\u00fcr eine tiefe Krise, wenn ihr auch nur ein Teil ihrer Basis wegbricht. Es ist kein Zufall, dass Babacan und Davuto\u011flu ihre Parteigr\u00fcndungsprozesse nach den Lokalwahlen beschleunigten.</p><p>Die Entscheidungen im Fall der Friedensakademiker*innen oder im Fall von \u00d6nder sind keine Einzelf\u00e4lle. In vielen Prozessen dieser Art erfolgen mittlerweile Entlassungen oder Freispr\u00fcchen. So zum Beispiel auch im Fall von Max Zirngast, Teil unseres Autorenkollektivs, der am 11. September 2019, genau ein Jahr nach seiner Festnahme (mit anschlie\u00dfender dreimonatiger Untersuchungshaft) relativ \u00fcberraschend \u2013 wie auch alle seine Mitangeklagten \u2013 vom Vorwurf der \u201eMitgliedschaft in einer terroristischen Organisation\u201c <a href=\"https://freemaxzirngast.org/2019/09/max-zirngast-und-mitangeklagte-freigesprochen/\">freigesprochen</a> wurde. Diese Entscheidungen sind aber eben <a href=\"https://freemaxzirngast.org/2019/09/ich-bin-frei-andere-sind-es-noch-nicht-max-zirngast/\">kein Ausdruck einer \u201eR\u00fcckkehr zum Rechtssaat\u201c</a> oder dergleichen, sondern Zeichen einer erzwungenen Teilliberalisierung, die den sich ver\u00e4ndernden Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen geschuldet ist.</p><p>Gleichzeitig gibt es n\u00e4mlich auch gegenteilige Tendenzen, zum Beispiel die <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/politik/in-diyarbakir-mardin-und-van-tuerkei-setzt-drei-pro-kurdische-buergermeister-ab/24921112.html\">Absetzung</a> der HDP Ko-B\u00fcrgermeister*innen in den mehrheitlich kurdischen Gro\u00dfst\u00e4dten Diyarbak\u0131r, Van und Mardin aufgrund von laufenden \u201eTerrorprozessen\u201c oder die Verurteilung der Istanbul-Vorsitzenden der Republikanischen Volkspartei (CHP), <a href=\"https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/welt/2028205-10-Jahre-Haft-fuer-Istanbuler-CHP-Chefin.html\">Canan Kaftancio\u011flu</a>, zu fast zehn Jahren Haft aufgrund von absurden Vorw\u00fcrfen zu Tweets von vor sechs Jahren. Eine Strafe, die sie (bislang) nicht antreten musste und gegen die Widerspruch eingelegt wurde, die aber gleichzeitig wie ein Damoklesschwert \u00fcber ihrem Haupt schwebt und bei ver\u00e4nderten Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen jederzeit Realit\u00e4t werden kann. Dar\u00fcber hinaus bleibt der liberale M\u00e4zen <a href=\"https://www.dw.com/de/t%C3%BCrkei-intellektueller-kavala-weiter-in-haft/a-49637364\">Osman Kavala</a> nach \u00fcber zwei Jahren in Untersuchungshaft weiterhin im Gef\u00e4ngnis. Er wird absurderweise beschuldigt, einer der Drahtzieher und Financiers hinter den Geziprotesten 2013 zu sein.</p><p>Um zusammenzufassen: Nach den Lokalwahlen vollzog sich ein widerspr\u00fcchlicher und nicht-linearer Prozess der teilweisen und eingeschr\u00e4nkten Liberalisierung, die von den Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen erzwungen wurde. Dabei versuchten die Kr\u00e4fte des Regimes (AKP + MHP + andere Alliierte) ihre repressiven Mittel und Apparate angesichts ihres sich vermindernden Handlungsspielraumes auf jene Ziele zu lenken, die sie als die \u201ewichtigsten politischen Feinde\u201c erachteten. Um das zu erreichen, reduzierten sie zeitweise ihren Druck auf jene Gegner*innen, die als \u201eweniger wichtig\u201c und nicht (mehr) als \u201eunmittelbare Bedrohung\u201c angesehen wurden. Dadurch und aufgrund der akuten Hegemoniekrise wurden jedoch andererseits auch oppositionelle und abtr\u00fcnnige Kr\u00e4fte innerhalb des Systems ermutigt, offener und vehementer zu handeln. Ob Handlungen wie das oben erw\u00e4hnte Urteil des AYM im Sinne der Friedensakademiker*innen Teil einer kontrollierten Teilliberalisierung von oben oder eine unabh\u00e4ngige Aktion eben solcher oppositioneller Kr\u00e4fte innerhalb des Staatsapparates darstellen, die sich aus der Hegemoniekrise und erzwungenen Teilliberalisierung des Regimes motiviert, l\u00e4sst sich nicht genau angeben, da sich jene beiden Tendenzen (erzwungene Teilliberalisierung von oben einerseits, mutigeres Auftreten von oppositionellen/dissidenten systeminternen Kr\u00e4ften andererseits) im Konkreten nicht strikt voneinander trennen lassen.</p><p>Diese widerspr\u00fcchlichen Tendenzen und die ihnen zugrundeliegenden Motivationen f\u00fchrten in Kombination zu den wechselhaften Entwicklungen der letzten Monate nach den Lokalwahlen. Das widerspr\u00fcchliche Wesen dieses Prozesses kann auch in den Handlungen und dem Verh\u00e4ltnis der von der Opposition neu gewonnenen St\u00e4dte \u2013 vor allem Istanbul und Ankara \u2013 zum Regime deutlich gesehen werden. Einerseits versuchen diese Stadtverwaltungen, die Korruption und andere Ungereimtheiten vorhergehender AKP-Verwaltungen aufzuzeigen; auch verh\u00e4lt sich die Regimeallianz von AKP, MHP und anderer rechter, nationalistischer Fraktionen gegen\u00fcber den neuen Stadtverwaltungen sehr feindlich. Das wird besonders im Falle des Istanbuler B\u00fcrgermeisters Ekrem Imamo\u011flu (CHP) deutlich, der unter Anderem nicht zu einen <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/fatih-altayli-1001/2526096-gercekte-ne-oldu\">wichtigen Katastrophenmeeting</a> nach einem kleinen Erdbeben in der N\u00e4he von Istanbul eingeladen wurde. Andererseits lud Erdo\u011fan demonstrativ alle B\u00fcrgermeister*innen zu einem <a href=\"https://news.sol.org.tr/erdogan-meets-metropolitan-mayors-his-presidential-palace-chp-mayors-pleased-176181\">vers\u00f6hnlichen Treffen</a> \u201ezum Wohle der T\u00fcrkei\u201c in seinen Palast ein und die Vertreter*innen der Opposition verzichteten dort wie im Allgemeinen auf eine k\u00e4mpferische Haltung.</p><p>Diese Tendenzen in Staat und Gesellschaft korrespondieren mit den sich verschiebenden Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen und den Widerspr\u00fcchen innerhalb des herrschenden Blocks nach den Lokalwahlen. Der Krieg wurde in dieser Situation zu einer, ja sogar zu<i> der</i> M\u00f6glichkeit, die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse wieder im Sinne des Regimes zu verschieben.</p><h2><b>Ein Krieg um der Macht willen</b></h2><p>Die Hegemoniekrise ging so weit, dass sich sogar in <a href=\"https://www.yeniakit.com.tr/yazarlar/abdurrahman-dilipak/bu-kadar-bakan-cok-degil-mi-29728.html\">regimetreuen Medien</a> <a href=\"https://haber.sol.org.tr/turkiye/havuz-medyasinda-baskanlik-tartismasi-napicaz-be-kamil-265972\">kritische Stimmen</a> zum \u201ePr\u00e4sidialsystem\u201c vernehmen lie\u00dfen. Zeitgleich lie\u00df die AKP selbst <a href=\"http://bianet.org/english/print/213844-erdogan-on-presidential-election-with-40-percent-threshold-it-is-parliament-s-job\">ausloten</a>, ob in Zukunft 40 statt wie bisher 50 Prozent der Stimmen in der ersten Runde zur Wahl des Pr\u00e4sidenten/der Pr\u00e4sidentin ausreichen sollten. Dies wurde wiederum vom eigenen Hauptb\u00fcndnispartner, der Partei der nationalistischen Bewegung (Milliyet\u00e7i Hareket Partisi, MHP), <a href=\"http://www.hurriyet.com.tr/gundem/yuzde-40-1-tartismasi-41342754\">kritisiert</a>, weil es ein Ausdruck von Schw\u00e4che sei. Dazu kamen einige Umfragen, die einen <a href=\"https://ahvalnews.com/recep-tayyip-erdogan/erdogans-approval-rating-sees-sharp-drop-last-year-survey\">signifikanten R\u00fcckgang in der Zustimmung</a> zu Erdo\u011fan selbst feststellten. Um diesen Tendenzen entgegenzuwirken, wurde die Kriegsoption noch mehr zum Imperativ f\u00fcr das Regime als zuvor. Die T\u00fcrkei begann, die USA hinsichtlich einer Milit\u00e4roperation zu dr\u00e4ngen und bekam letztendlich gr\u00fcnes Licht, nachdem zuvor eigentlich die Errichtung einer Sicherheitszone an der syrisch-t\u00fcrkischen Grenze mit gemeinsamen t\u00fcrkisch-amerikanischen <a href=\"https://www.aargauerzeitung.ch/ausland/usa-und-tuerkei-starten-gemeinsame-patrouillen-in-nordsyrien-135587011\">Milit\u00e4rpatrouillen</a> ausgemacht worden war. Es ist allerdings offensichtlich, dass verschiedene Fraktionen in den US-Staatsapparaten hinsichtlich der Syrienpolitik in Konflikt zueinander stehen. Insgesamt <a href=\"https://www.srf.ch/news/international/erste-tote-und-viel-kritik-tuerkei-marschiert-in-syrien-ein-das-protokoll-zum-nachlesen\">gibt es kaum internationale Unterst\u00fctzung</a> f\u00fcr den Einmarsch der T\u00fcrkei. Abgesehen von bisher sehr <a href=\"https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/donald-trump-und-recep-tayyip-erdogan-harmlose-massnahmen-gegen-tuerkische-wirtschaft-a-1291637.html\">zaghaften US-Sanktionen</a> nach der ersten Tagen der Milit\u00e4rinvasion und der Ank\u00fcndigung einiger L\u00e4nder (die ohnehin keine gro\u00dfen Waffenlieferanten sind) zuk\u00fcnftige <a href=\"https://www.deutschlandfunk.de/sanktionen-gegen-die-tuerkei-liefert-deutschland-nun-noch.1939.de.html?drn:news_id=1058922\">Waffenexporte in die T\u00fcrkei zu stoppen</a>, blieben die internationalen Reaktionen bisher jedoch auf rhetorischer Ebene. Das Regime in der T\u00fcrkei sieht sich jedenfalls im Angesicht seiner Hegemoniekrise so sehr mit dem R\u00fccken an die Wand gedr\u00e4ngt, dass es sich trotz mangelhafter internationaler Unterst\u00fctzung dazu entschied, gro\u00dfe Risiken und potentielle Konflikte mit seinen internationalen Verb\u00fcndeten in Kauf zu nehmen und mit dem Einmarsch milit\u00e4risch \u201eFakten\u201c zu schaffen. Er dient also auch dem Zweck, sich im Inland erneut zu festigen, bevor eine ver\u00e4nderte internationale Konstellation andere Handlungsweisen erzwingen k\u00f6nnte.</p><p>Das Kalk\u00fcl scheint vorerst aufzugehen: Es gibt eine anscheinend hohe Zustimmung zum Milit\u00e4reinmarsch \u2013 dies wird durch <a href=\"https://www.amnesty.org/en/latest/news/2019/10/syria-turkish-military-offensive-risks-a-humanitarian-catastrophe/\">Ma\u00dfnahmen</a> wie der Festnahme von Menschen, die sich kritisch zum Krieg \u00e4u\u00dfern und einer de facto gleichgeschaltete Medienlandschaft abgesichert. Wie zu erwarten war, desavouierte sich auch die gesamte parlamentarische Opposition abseits der linken, pro-kurdischen Demokratischen Partei der V\u00f6lker (Halklar\u0131n Demokratik Partisi, HDP) selbst und stimmte in den Chor der chauvinistischen Euphorie und Kriegstreiberei mit ein. Die rechts-nationalistische Gute Partei (\u0130Y\u0130 Parti, \u0130P) genauso wie die islamistische Partei der Gl\u00fcckseligkeit (Saadet Partisi, SP) und auch die Hauptoppositionspartei CHP segneten den Krieg im Parlament und rhetorisch ab. In den Einheitsbrei der s\u00e4belrasselnden \u201enationalen Einheit\u201c gesellten sich auch der Istanbuler B\u00fcrgermeisters Ekrem Imamo\u011flu und der vorgeblich \u201elinke\u201c B\u00fcrgermeister von Izmir, Tun\u00e7 Soyer (beide von der CHP). Nur eine Minderheit in der CHP wie der kurdische Abgeordnete Sezgin Tanr\u0131kulu \u2013 der daf\u00fcr auch schon <a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/turkey-main-opposition-deputy-faces-inquiry-147510\">rechtliche Konsequenzen</a> zu tragen hat \u2013 oder die Istanbulvorsitzende der CHP, Canan Kaftanc\u0131o\u011flu, sprachen sich gegen den Krieg aus. Wieder einmal zeigt sich damit im Zuge des Milit\u00e4reinmarsches auf erb\u00e4rmliche Weise, dass alle Parteien der b\u00fcrgerlichen Ordnung in der T\u00fcrkei sich vereinigen, sobald es gegen die \u201eGef\u00e4hrdung der Existenz des Staates\u201c geht. In dieser Hinsicht ist es unm\u00f6glich, kemalistische und islamistische Tendenzen verschiedener Couleur voneinander zu unterscheiden, obwohl es sich \u2013 folgt man dem lange dominanten liberalen Verst\u00e4ndnis \u2013 bei diesen angeblich um die sich widersprechenden und im Kampf miteinander stehenden beiden politischen Hauptfraktionen in der T\u00fcrkei handeln soll.</p><p>Es geht bei diesem Krieg aber nicht um die \u201eExistenz des Staates\u201c. Es ist weder ein Krieg zur \u201eVerteidigung der T\u00fcrkei\u201c gegen eine unmittelbare \u201eterroristische Bedrohung\u201c, noch ein Krieg, um die \u201eQuellen des Friedens\u201c sprudeln zu lassen.<b> [1]</b> Es ist ein Krieg der rechtsradikalen Kr\u00e4fte in der T\u00fcrkei zur R\u00fcckgewinnung ihrer verlorengegangenen Initiative und zu ihrer erneuten Institutionalisierung. Es ist also ein Krieg um des Faschismus\u2019 Willen.</p><p>W\u00e4hrend die Mobilisierung chauvinistischer Reflexe im Zuge der Lokalwahlen nicht mehr ausreichte, um popularen Konsens zum Regime zu errichten, so hilft die \u201eOpposition\u201c jetzt durch ihre Zustimmung und Unterst\u00fctzung der Kriegstreiberei daran mit, dass dies wieder m\u00f6glich wird. Sie erm\u00f6glicht so die Re-Stabilisierung eines kriselnden Regimes, anstatt sich mit dessen Gr\u00e4ueltaten direkt auseinanderzusetzen und die M\u00f6glichkeit chauvinistischer Massenmobilisierung als Form der Politik abzuschaffen.</p><h2><b>Destabilisierung und Restabilisierung</b></h2><p>Der Krieg und die Sch\u00fctzenhilfe seitens des Gro\u00dfteils der parlamentarischen Opposition erm\u00f6glichen es dem Regime derzeit, die aufplatzende Krisenhaftigkeit gekonnt zu \u00fcberspielen und zumindest tempor\u00e4r zu l\u00f6sen. Zum Beispiel die Wirtschaftskrise. Wie wir <a href=\"https://www.jacobinmag.com/2019/03/erdogan-akp-turkey-local-elections\">bereits zuvor analysiert</a> haben, waren regelm\u00e4\u00dfige W\u00e4hrungsschocks als Folge eines schuldengetriebenen neoliberalen Modells eine der Hauptquellen der Destabilisierung der \u00d6konomie. Der private Sektor, dessen Auslandsverschuldung in etwa 40 Prozent des BIP entspricht, sieht sich permanent der Bedrohung des Bankrottes gegen\u00fcber und plagt sich mit Schuldenr\u00fcckzahlungen. Gegenteilig zu den offiziellen Erkl\u00e4rungen der Regierungsverantwortlichen, die von Rebalancing und einer starken Erholung sprechen, <a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/turkish-industrial-output-slips-in-august-147466\">schrumpft die Industrieproduktion</a>, ein wichtiger \u00f6konomischer Indikator, seit Anfang 2019 im Vergleich zur selben Periode des Vorjahres.</p><p>Dazu befinden sich verschiedene Fraktionen des Kapitals hinsichtlicher finanzieller Rettung und Sanierung in Konkurrenz zueinander, w\u00e4hrend sie andererseits das gemeinsame Ziel der Verstaatlichung der Schulden teilen. J\u00fcngst kam es zu <a href=\"https://www.evrensel.net/haber/388372/zam-yagmuru-suruyor-tren-ve-posta-ucretlerine-yuzde-20-zam-geldi\">Preis- und Steuererh\u00f6hungen zwischen 15 und 25</a> Prozent bei Transport, Gas, Milch, Zucker, Mautgeb\u00fchren und Elektrizit\u00e4t. Bei letzterem kam es in den letzten zwei Jahren sogar zu einem Preisanstieg von insgesamt 60 Prozent. Kurz, in beinahe allen wichtigen Bereichen des Alltagslebens gibt es massive Preissteigerungen, ohne dass diese zur Gen\u00fcge durch Lohnsteigerungen abgefedert w\u00fcrden. Dennoch <a href=\"https://ahvalnews.com/inflation/turkeys-consumer-inflation-falls-sharply-single-digits\">erkl\u00e4rte die Regierung</a> vor Kurzem, dass \u2013 wohl mit etwas \u201eMagie\u201c in der Berechnung \u2013 die Inflation in den einstelligen Bereich gesunken sei.</p><p>Diese fortdauernde Wirtschaftskrise, die sich unter anderem in einem langsamen aber stetigen Prozess der Verschlechterung des Lebensstandards der breiten Bev\u00f6lkerung ausdr\u00fcckt und nicht in einem pl\u00f6tzlichen Kollaps, trug mit Sicherheit zur schwindenden Popularit\u00e4t von Erdo\u011fan und seiner Partei bei.</p><p>Der Angriff auf Rojava dient somit auch der Ablenkung von den \u00f6konomischen Problemen. Nichts eignet sich daf\u00fcr so gut wie eine Konsolidierung der Nation gegen den \u201eewigen Feind\u201c: Schon hat die CHP eine f\u00fcr den 12. Oktober geplante <a href=\"https://www.birgun.net/haber/suriye-operasyonu-sonrasi-kazdaglari-ndaki-miting-iptal-edildi-271960\">Gro\u00dfdemonstration</a> im Ida-Gebirge gegen die Abholzung desselben f\u00fcr den Bau einer Goldmine abgesagt, obwohl die Kommune in ihrer Hand ist und es noch nicht einmal zu einem offiziellen Verbot der Demo kam. Ihre Begr\u00fcndung daf\u00fcr war, dass nun die \u201eZeit f\u00fcr eine nationale Einheit\u201c sei. Auch spricht niemand mehr \u00fcber den <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-49984537\">Protestmarsch</a> der Bergarbeiter*innen von Soma nach Ankara: Diese wurden nach dem schweren Grubenungl\u00fcck 2013 mit 301 Toten ohne Gr\u00fcnde entlassen und erhielten nie eine Abfertigungszahlung. Seitdem leisten sie Widerstand und fordern ihre Rechte ein.</p><p>Eine eventuelle Besetzung Rojavas ist aber auch unmittelbar \u00f6konomisch lukrativ f\u00fcr die T\u00fcrkei. Direkt nach Erdo\u011fans <a href=\"https://www.theguardian.com/world/2019/sep/24/erdogan-proposes-plan-for-refugee-safe-zone-in-syria\">offizieller Erkl\u00e4rung</a> seiner Besatzungspl\u00e4ne bei der UN Generalversammlung Ende September ver\u00f6ffentlichte sein B\u00fcro eine Brosch\u00fcre mit detaillierten Projekten f\u00fcr die besetzten Gebiete. Laut dieser sei es notwendig, vor der Ansiedlung von zwei Millionen Fl\u00fcchtlingen etwa <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/10/turkey-syria-who-will-pay-for-syrian-refugees-resettlement.html\">26 Milliarden US-Dollar</a> (151 Milliarden T\u00fcrkische Lira) in Infrastruktur und Geb\u00e4ude zu investieren. Es braucht nicht extra betont zu werden, dass das t\u00fcrkische Kapital auf diese (vermutlich staatlich unterst\u00fctzte) Chance mit gro\u00dfer Vorfreude wartet. Dies ist einer der Gr\u00fcnde, warum <a href=\"https://www.artigercek.com/haberler/patronlar-suriye-ye-askeri-harekata-destek-cikti\">alle Vertreterorganisationen</a> des Kapitals ihre volle Unterst\u00fctzung zum Krieg und f\u00fcr die \u201eheroische Armee\u201c gegeben haben.</p><p>Letztlich ist es klar, dass das Regime nicht nur sich und seine Verb\u00fcndeten st\u00e4rken, sondern auch die Opposition spalten und schw\u00e4chen will. Kurd*innen und Linksliberale werden sich von den kriegsunterst\u00fctzenden Teilen der Opposition nat\u00fcrlicherweise distanzieren, aber eventuell werden auch die Alevit*innen nachziehen, weil sie die Zusammenarbeit mit Jihadisten im Rahmen der Milit\u00e4rinvasion ablehnen. Diese Abwendung w\u00e4re aber gleichzeitig eine Chance f\u00fcr die antimilitaristischen Teile der Opposition, die allerdings von Dauerrepression betroffen sind. Seit Wochen mokieren sich regimetreue Medien und einige anti-kurdische oppositionelle Zirkel \u00fcber eine angebliche Ann\u00e4herung von CHP und HDP. Schon in den ersten Tagen des Krieges wurden <a href=\"https://www.turkishminute.com/2019/10/11/turkey-detains-121-social-media-users-for-criticism-of-syria-incursion/\">\u00fcber hundert Menschen wegen Postings</a> in Sozialen Medien festgenommen, weil sie sich in irgendeiner Form kritisch ge\u00e4u\u00dfert hatten \u2013 etwa, indem sie von einem \u201eKrieg\u201c statt von einer \u201eOperation gegen den Terror\u201c sprachen. Innenminister S\u00fcleyman Soylu <a href=\"https://www.turkishminute.com/2019/10/11/turkey-detains-121-social-media-users-for-criticism-of-syria-incursion/\">drohte sogar</a>: \u201eVon einem Krieg zu sprechen, ist Verrat.\u201c Auch <a href=\"https://cpj.org/2019/10/turkey-bans-critical-reports-on-military-operation.php\">zwei Journalisten von der linken</a> Tageszeitung<i> BirG\u00fcn</i> und der liberalen Onlineplattform<i> Diken</i> wurden in Gewahrsam genommen, dar\u00fcber hinaus einige Journalist*innen, die f\u00fcr pro-kurdische Agenturen arbeiten.</p><p>Der Faschismus ist ein Monster, das sich von Gemetzel und Krieg n\u00e4hrt und jede Opposition, egal ob rechts oder links, ja, sogar seine eigenen Elemente zu verschlingen versucht. Genau deswegen muss ihm mit Widerstand an allen Fronten entgegnet werden und nicht mit Appeasement. Die Systemopposition, vor allem die CHP, nutzte ihre gewonnene Initiative nach den Lokalwahlen nicht. Sie versuchte, das Monster mit einem Kompromiss nach dem anderen zu \u201ez\u00e4hmen\u201c. Dabei ist auch die CHP vom wiedererstarkenden Faschismus akut bedroht: Der Chef der faschistischen MHP und Hauptverb\u00fcndete Erdo\u011fans, Devlet Bah\u00e7eli, <a href=\"https://ipa.news/2019/10/05/erdogan-ally-suggests-lifting-main-opposition-leaders-parliamentary-immunity/\">machte unl\u00e4ngst klar,</a> dass aufgrund der angeblichen Ann\u00e4herung zwischen CHP und HDP \u201eder Weg frei [sei] f\u00fcr die Aufhebung der Immunit\u00e4t K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flus [Chef der CHP, Anm. d. Autoren]\u201c, sprich f\u00fcr seine Inhaftierung. Glaubt die CHP-F\u00fchrung wirklich, dass sie vom Monster des Faschismus verschont wird, wenn sie jetzt nur brav dem Krieg zustimmt?</p><h2><b>Kein Welthegemon mehr \u2013 oder: Wem geh\u00f6rt die Welt?</b></h2><p>Zur\u00fcck zur USA und ihrer Entscheidung, der T\u00fcrkei gr\u00fcnes Licht f\u00fcr die Milit\u00e4rinvasion zu geben. Es steht fest, dass die Entscheidung, so widerspr\u00fcchlich sie auch sein mag, nicht nur auf die Verr\u00fccktheit von Trump zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Tats\u00e4chlich ist der US-Imperialismus selbst in Widerspr\u00fcche verstrickt: Ein Teil des herrschenden Machtblocks, n\u00e4mlich der \u201einternationalistisch-interventionistische\u201c, hegt den Wunsch, eine globale Weltordnung aufrechtzuerhalten, in der die USA die Staaten und Institutionen der westlichen kapitalistischen Hemisph\u00e4re anf\u00fchrt. Ein zweiter Block scheint davon \u00fcberzeugt zu sein, dass Unilateralismus und Autarkie die bestm\u00f6glichen Ans\u00e4tze sind, um Weltmacht und Profite zu gew\u00e4hrleisten. W\u00e4hrend die eine Tendenz innerhalb der US-Eliten versucht, so viele Akteure wie m\u00f6glich davon zu \u00fcberzeugen, mit den USA zusammenzuarbeiten, um sie auf diese Weise an sich zu binden \u2013 darunter auch die Kurden in Syrien als vermeintliches Ass gegen Assad und den Iran und eventuell sogar die T\u00fcrkei \u2013, versucht die andere Tendenz wiederum, das internationale Engagement der USA so weit wie m\u00f6glich zu reduzieren und Verantwortung und sicherheitspolitische Funktionen auf andere Staaten zu \u00fcbertragen \u2013 in diesem Fall den alteingesessenen NATO-Partner T\u00fcrkei. Tats\u00e4chlich ist diese mittlerweile sch\u00e4rfer hervortretende Widerspr\u00fcchlichkeit innerhalb der Staatsapparate der USA selbst ein Produkt der Erosion der weltweiten Hegemonie der USA, die selbst wiederum mit der Krise des imperialistischen Weltsystems im Zusammenhang steht. Seit dem Ende der Sowjetunion emanzipieren sich die ehemaligen Alliierten der USA und stellen eigene Geltungsanspr\u00fcche, wobei die Weltwirtschaftskrise ab 2007 und ihre Folgen die zentrifugalen Kr\u00e4fte gest\u00e4rkt haben.</p><p>Unabh\u00e4ngig davon, was diese Widerspr\u00fcche f\u00fcr den US-Imperialismus bedeuten: Derzeit scheint Russland am meisten von den Entwicklungen in Syrien zu profitieren. Am Sonntag <a href=\"https://foreignpolicy.com/2019/10/13/kurds-assad-syria-russia-putin-turkey-genocide/\">k\u00fcndigte die SDF an</a>, dass sie sich auf eine Zusammenarbeit mit Assad (und Russland) geeinigt habe, um den \u201egenozidalen\u201c Vormarsch der T\u00fcrkei und ihren jihadistischen Verb\u00fcndeten zu verhindern.</p><p>Aus russischer Sicht stellt sich die Lage einerseits so dar, dass die kurdischen Kr\u00e4fte in Syrien vollkommen von den Vereinigten Staaten abgeschnitten zu sein scheinen, da sie die USA des Verrats bezichtigen. Andererseits st\u00e4rkt Trumps Entscheidung, sich aus Syrien zur\u00fcckzuziehen, die Position Russlands als wichtigem imperialistischen Akteur in der Region. Hinzu kommt, dass die Beziehungen zwischen der T\u00fcrkei und den USA vor dem Hintergrund st\u00e4rker werdender politischer Reaktionen seitens der \u201einternationalistisch-interventionistischen\u201c Tendenz innerhalb der US-Eliten auf die Invasion und einiger <a href=\"https://www.nytimes.com/aponline/2019/10/14/us/politics/ap-us-united-states-syria-the-latest.html?searchResultPosition=2\">Sanktionen politischer und \u00f6konomischer Art</a> weiter untergraben werden.</p><p>Es versteht sich von selbst, dass das Zustandekommen und Vergehen der Allianzen zwischen diesen souver\u00e4nen M\u00e4chten mit (sub-)imperialistischen Interessen auf dem Hintergrund einer sich in einer \u00dcbergangsperiode befindenden imperialistischen Weltordnung einem Puzzle gleichen. Daher k\u00f6nnen sich die Gleichgewichte jederzeit \u2013 den Umst\u00e4nden entsprechend \u2013 \u00e4ndern. In einer Zeit aber, in der Unsicherheit herrscht und sich Gleichgewichte und Allianzen in k\u00fcrzester Zeit verschieben, ist keine einzelne Macht in der Lage, den gesamten Prozess zu begreifen und zu kontrollieren. Einige Entscheidungen sind dabei schlichtweg Fehler, w\u00e4hrend die Logiken, die am Werk sind, nicht mehr jene der \u201enormalen\u201c altbekannten Zeiten sind.</p><h2><b>Gegen den Faschismus sein hei</b>\u00df<b>t, gegen den Krieg zu sein</b></h2><p>W\u00e4hrend wir diesen Artikel fertigstellen, schreiten die Streitkr\u00e4fte Syriens in Richtung Norden vor und n\u00e4hern sich der t\u00fcrkischen Grenze. Erste Gefechte zwischen den geeinten t\u00fcrkisch-jihadistischen und den geeinten kurdisch-syrischen Kr\u00e4ften eruptieren an der Front zu Manbidsch. Bisher ist die syrische Armee aber noch kaum zu den zentralen Gefechtspunkten Gire Sp\u00ee/Tal Abyad und Ser\u00ea Kaniy\u00ea/Ras al-Ayn vorger\u00fcckt (Stand: 16.Oktober 2019). Dabei ist es durchaus m\u00f6glich, dass sich die syrische Armee zu erst auf die Sicherung der weniger umk\u00e4mpften Zonen konzentriert und die SDF alleine l\u00e4sst mit der t\u00fcrkischen Offensive zwischen Gire Sp\u00ee/Tal Abyad und Ser\u00ea Kaniy\u00ea/Ras al-Ayn. Dieses Vorgehen l\u00e4sst sich aus einer \u00dcbersetzung der mutma\u00dflichen <a href=\"https://twitter.com/jenanmoussa/status/1184196900934815744?s=12&amp;fbclid=IwAR1yf8QZjhIHUhwqls_BtTif132hOtnM27TrUHqEza0ayInBWIZktKJmhPs\">Vereinbarung</a> zwischen SDF und SAA schlie\u00dfen. Ebenfalls ist unklar, ob und inwieweit sich Assad und die SDF auf politischer Ebene auf eine gemeinsame Verfassung werden verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen \u2013 oder zumindest auf eine solche hinarbeiten werden.</p><p>Es ist nicht nur die Zukunft Nordsyriens, die dabei im Unklaren bleibt. Die Welt k\u00f6nnte durchaus Zeugin eines aus seinen Aschen emporsteigenden IS werden. Und was viele Linke weltweit als \u201eRevolution von Rojava\u201c mit Euphorie begr\u00fc\u00dften, k\u00f6nnte in den Tr\u00fcmmerfeldern des Krieges begraben werden.</p><p>Der Krieg in Nordostsyrien wirkt sich aber auch ma\u00dfgeblich auf die T\u00fcrkei aus, was vielerorts nicht ernst genug genommen zu werden scheint: Falls die milit\u00e4rische Invasion gelingen sollte, werden Erdo\u011fan und seine faschistischen Verb\u00fcndeten ihre Macht enorm steigern k\u00f6nnen. Der gesamte politische Boden, der in den letzten Monaten und Jahren im Kampf gegen das Regime gewonnen wurde, k\u00f6nnte somit verloren gehen. All die kleinen und vereinzelten Siege und die allgemeine Erleichterung, dass der Nimbus der Unbesiegbarkeit des Regimes angekratzt wurde, w\u00fcrden in der Dunkelheit versinken und in Vergessenheit geraten. Es ist deshalb von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung, sich gegen die derzeitige milit\u00e4rische Invasion der T\u00fcrkei in Nordostsyrien zu stellen \u2013 denn nur so kann verhindert werden, dass der Faschismus in der T\u00fcrkei selbst an Boden gewinnt.</p><p></p><hr/><p></p><p><b>Anmerkungen:</b></p><p><b>[1]</b> Die Invasion hei\u00dft in menschenverachtendem Zynismus <i>Operasyon Bar\u0131\u015f P\u0131nar\u0131</i>, Operation Friedensquelle.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Doch dass Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus, dass Banlieu-Kids, die Basis der Gewerkschaften und Abgeh\u00e4ngte, von Sch\u00fcler*innen bis Rentner*innen dort in einer Revolte zusammenflie\u00dfen, scheint weite Teile der deutschen radikalen Linken bislang kalt zu lassen. Dies kritisierte schon der Artikel <a href=\"https://revoltmag.org/articles/die-gelbe-weste-und-wir/\">\u201eDie gelbe Weste und Wir\u201c</a>, der im Februar im re:volt magazine erschien. Darin wird nicht nur ein Umdenken eingefordert, was die Rolle der radikalen Linken in sozialen K\u00e4mpfen anbelangt, sondern einhergehend damit, Antifa-Strategien erneut zu \u00fcberdenken. Als Zeichen der Solidarit\u00e4t mit den franz\u00f6sischen Genoss*innen beziehen die Autor*innen Position f\u00fcr ein aktives Einmischen hierzulande. Es solle darum gehen, Rechte mittels der eigenen Intervention aus Strukturen zu dr\u00e4ngen und dadurch eine linke Deutungshoheit zu gewinnen. Im Gegensatz dazu sehen sie Blockaden hiesiger Gelbwesten-Demonstrationen als eine falsche Haltung an, da diese ein falsches Bild auf die franz\u00f6sischen K\u00e4mpfe werfe. In der Folge entstand eine Debatte, in der sich auch kritische Stimmen zur vorgestellten Position <a href=\"https://revoltmag.org/articles/unkenrufe-von-der-klassenfront/\">zu Wort meldeten</a>.</p><p>Es ist aus unserer Sicht zu begr\u00fc\u00dfen, dass die radikale Linke sich mit den Gilets Jaunes auseinandersetzt und sich auch positiv zu diesen positioniert. Dass auch Rechte in Frankreich immer wieder bei diesen Protesten in Erscheinung treten, ist kein Grund, sich abzuwenden. Die Berichte, nach denen im Zuge der Europawahl bei <a href=\"https://www.huffingtonpost.fr/entry/resultats-europeennes-2019-pour-qui-ont-vote-les-gilets-jaunes_fr_5ceaf34ee4b00e0365707bc5\">einer Befragung</a> der Gilets Jaunes-nahen Bev\u00f6lkerung \u00fcber vierzig Prozent den \u201eRassemblement National\u201c (ehemalig \u201eFront National\u201c) gew\u00e4hlt h\u00e4tten, m\u00fcssen kritisch eingeordnet werden: Zun\u00e4chst einmal ist die Bewegung keine homogene Gruppe, \u00fcber die sich so einfach generalisierende Aussagen machen l\u00e4sst. Weiter bleibt unklar, wer bei einer solchen Befragung \u00fcberhaupt antwortetet und wer nicht. Zudem bezieht diese nur diejenigen mit ein, die \u00fcberhaupt noch Hoffnung auf eine gesellschaftliche Ver\u00e4nderung durch Wahlen haben. Diese Ambivalenzen bedeuten f\u00fcr uns vielmehr, den Genoss*innen vor Ort, die w\u00f6chentlich die antifaschistische Auseinandersetzung suchen, aktiv beizustehen. Gleichzeitig ist die Situation und Verfasstheit der Proteste in Frankreich aber dann doch nicht so einfach zu verstehen. Wir m\u00fcssen uns vielmehr die Frage stellen, wie sich diese Revolte beschreiben l\u00e4sst. Was k\u00f6nnen wir aus ihr lernen? Wie k\u00f6nnen wir unsere Genoss*innen vor Ort unterst\u00fctzen? Und wie gehen wir mit von Rechten dominierten \u201eGelbwesten\u201c-Demonstrationen in Deutschland um?</p><h2>Die Revolte aus dem Nichts</h2><p>Was sich gerade in Frankreich zutr\u00e4gt, widerspricht allen Regeln der etablierten Demonstrationskultur. Die Bewegung der Gilets Jaunes zeichnet sich durch immer wiederkehrende wilde, unangemeldete, normbrechende Demos aus. Urspr\u00fcnglich einem Protest gegen die Erh\u00f6hung der Benzinsteuer entsprungen, verselbstst\u00e4ndigte sich die Bewegung rasant. Sch\u00fcler*innen, Arbeiter*innen, Rentner*innen, Kids aus den Pariser Vororten und viele mehr treffen im Herzen von Paris aufeinander und widersetzen sich der etablierten Demonstrationskultur - etwa einer angemeldeten Demonstrationsroute oder einer gewerkschaftlichen Laufordnung. Eine Menge, die mit verschiedenen Aktionsformen und Parolen unkontrolliert durch die Stra\u00dfen zieht, dabei Banken, Autos und Gesch\u00e4fte zerst\u00f6rt, sich vor der Polizei verteidigt, oder diese aktiv angreift. W\u00e4hrenddessen w\u00e4hlen wieder andere friedliche Aktionsformen. Diese Widerspr\u00fcchlichkeit und Spontanit\u00e4t der Bewegung, ihre Unkontrollierbarkeit und der Umstand, dabei keine gemeinsame Forderung zu haben au\u00dfer ihrer geteilten Wut. Das zeichnet die Gilets Jaunes aus und macht sie gleichzeitig auch so schwer zu fassen.</p><p>Eine Revolte oder ein Riot ist in seinem Kern erst einmal weder gut noch schlecht, sondern lebt durch seine Spontanit\u00e4t. Es handelt sich um eine Gemengelage, in der sich auch revolution\u00e4res Potenzial finden l\u00e4sst. Sie (die Revolte) ist nicht ausschlie\u00dflich unten gegen oben, sondern von zahlreichen Widerspr\u00fcchen gepr\u00e4gt, da diverse Akteur*innen mit verschiedenen sozialen und politischen Hintergr\u00fcnden teilnehmen. Es gibt eben keine Adressat*innen, lediglich die Forderung nach Ver\u00e4nderung, die sich zumeist erst einmal in einer umfassenden Ablehnung gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse ausdr\u00fcckt. Es gibt zwar einen \u201eoffiziellen\u201d Katalog an Forderungen, aber die Bewegung geht in ihren Bezugnahmen weit dar\u00fcber hinaus. Dabei scheint es oft keinen anderen Weg zu geben als die Zerst\u00f6rung. Die Spontanit\u00e4t und Widerspr\u00fcchlichkeit der Revolte zeichnen aber auch die St\u00e4rke der Gilets Jaunes-Bewegung aus. Die Revolte lebt genau durch diese Widerspr\u00fcchlichkeiten und durch die Missverst\u00e4ndnisse, die sich unter den einzelnen Akteur*innen immer wieder zeigen, und die Bearbeitung erfahren. Die Aufgabe der radikalen Linken muss es demnach sein, sich einzumischen und Partei zu ergreifen. Wohin sich die Bewegung entwickeln wird, l\u00e4sst sich schwer vorhersagen. Und auch deshalb stehen unsere franz\u00f6sischen Genoss*innen jede Woche auf der Stra\u00dfe, um den emanzipatorischen Charakter der Bewegung zu st\u00e4rken.</p><p>Welche Schrecken diese Revolte f\u00fcr den franz\u00f6sischen Staat birgt, zeigt die massive Repressionswelle gegen die Gilets Jaunes. Der franz\u00f6sische Polizei- und Justizapparat geht immer hemmungsloser und willk\u00fcrlicher gegen diese vor. Emmanuel Macron und seine Regierung haben die Demonstrationsrechte massiv eingeschr\u00e4nkt, die Polizei setzt alles ein, was ihr an Wasserwerfern, Tr\u00e4nengas und Gummigeschossen zu Verf\u00fcgung steht und nimmt damit wissentlich Tote in Kauf. Nach bisherigen Angaben gibt es bislang sechs Tote, hunderte Schwerverletzte \u2013 mit abgesprengten Armen, dem Verlust von Augen und schweren Kopfverletzungen. Und zwischenzeitlich Tausende, die die franz\u00f6sischen Kn\u00e4ste f\u00fcllen. Als am 16. M\u00e4rz in Paris auf der Champs Elys\u00e9es die Situation eskalierte, Luxusgesch\u00e4fte gepl\u00fcndert wurden und ein enormer Sachschaden entstand, mobilisierte der Staat f\u00fcr die darauf folgende Woche das Milit\u00e4r, um die Stadt zu besetzen. Davon lie\u00dfen sich die Menschen jedoch nicht abbringen auf die Stra\u00dfe zu gehen. Es kam am 23. M\u00e4rz zu einer gr\u00f6\u00dferen Beteiligung, als in der Woche zuvor. Auch die massiven Angriffe seitens der Polizei am 1. Mai oder bei jeder anderen Aktion in Frankreich haben nicht zu einem Einbrechen der Bewegung gef\u00fchrt. Der Staat zittert weiter vor dem Gespenst der Gelben Weste und versucht alles, um den Widerstand zu ersticken. Die Wut und Hoffnungslosigkeit der Menschen scheinen gr\u00f6\u00dfer zu sein, als die Angst vor schweren Verletzungen, Knast oder Schlimmerem. Seit \u00fcber einem halben Jahr, trotz all dieser Repression, findet in Frankreich eine Massenrevolte statt, die die b\u00fcrgerliche Klasse und den Staat weiter in Angst und Schrecken versetzt.</p><p>Welche St\u00e4rke die Bewegung im Moment genau hat und zuk\u00fcnftig haben wird, ist nicht abzusehen. Nach der anhaltenden Repression und den Europawahlen finden die gro\u00dfen Aktionstage nicht in derselben Intensit\u00e4t wie vor einigen Monaten statt. Gleichzeitig kommt es jedoch regelm\u00e4\u00dfig zu kleineren Aktionen, wie Mautstellenbesetzungen und Blockaden von F\u00e4hrterminalen. Hier k\u00f6nnte sich ein Strategiewechsel der Aktivist*innen ank\u00fcndigen.</p><h2>Antifa in Frankreich und in Deutschland</h2><p>In Teilen der Antifa in der Bundesrepublik trifft man dennoch einzig auf das Argument, bei den Gilets Jaunes liefen und randalierten auch Rechte und Faschist*innen mit. Aus diesem Grund k\u00f6nne es sich nicht um eine emanzipatorische Bewegung handeln. Richtig ist: Nicht alle Forderungen der Gilet Jaunes sind emanzipatorisch oder progressiv. Und dabei geht es nicht nur um die Forderungen der Rechten in der Bewegung. In der laufenden Revolte steckt Wut und Ausweglosigkeit, aber auch die Hoffnung auf eine positive Ver\u00e4nderung der sozialen Verh\u00e4ltnisse. Die Bewegung der Gilets Jaunes hat eine Situation hervorgebracht, die eine gesellschaftliche Ver\u00e4nderung gegen die Politik des Kapitals und eine sich zuspitzende autorit\u00e4re Formierung zumindest m\u00f6glich erscheinen l\u00e4sst. Diesen Aspekt gilt es hervorzuheben, zu unterst\u00fctzen und zu st\u00e4rken. Auf der anderen Seite liefern beziehungsweise lieferten sich die Genoss*innen in Frankreich w\u00f6chentlich Auseinandersetzungen mit Faschist*innen auf der Stra\u00dfe und versuchten, diese aus der Bewegung zu dr\u00e4ngen. Hier muss sich die kritische deutsche Antifa-Linke mit ihren Bei\u00dfreflexen die Frage gefallen lassen, ob nicht vielmehr dort, im Kampf um Deutungshoheit in der Bewegung, der wichtigste und effektivste antifaschistische Kampf gef\u00fchrt wird.</p><p>Anders jedoch stellt sich die Situation in anderen L\u00e4ndern dar, in denen die Gelbwesten im Moment keine massenhafte gesellschaftliche Bewegung darstellen. Hier werden die franz\u00f6sischen Proteste unterschiedlich aufgenommen. W\u00e4hrend in \u00c4gypten der Verkauf von gelben Westen eingeschr\u00e4nkt wurde, demonstrierten in Dublin Personen damit gegen hohe Mieten. In England und Deutschland entwickelte sich der Protest hingegen bis jetzt auch verst\u00e4rkt zu Mobilisierungen von rassistischen und nationalistischen Organisationen. Wie also mit diesen Bewegungen als Antifaschist*innen umgehen? In Deutschland wurden die Proteste unter anderem von der \u201eAufstehen-Bewegung\u201c, die mit gelben Westen vor dem Kanzleramt demonstrierte, sowie in Stuttgart in Demonstrationen gegen das Dieselfahrverbot aufgegriffen. Dazu gesellte sich eine Demonstration in Wiesbaden, die explizite Schnittstellen zur rechten und nationalistischen Szene hat. In England, wo die Gelbwestenproteste vornehmlich von der rechtspopulistischen UKIP dominiert werden und im Zeichen des \u201eBrexit\u201c stehen, hat sich die Antifa-Bewegung bereits auf den Sprachgebrauch der \u201eYellow Pest\u201c verst\u00e4ndigt. Das soll auf der einen Seite gegen diese rechten Demonstrationen mobilisieren und auf der anderen Seite auch eine klare Abgrenzung zu dem ziehen, was sich in Frankreich als soziale Revolte vollzieht. Im Sinne von \u201edas hier sieht nur so aus, aber ist etwas ganz anderes\u201c. Doch ganz so einfach kann die Strategie aus unserer Sicht nicht sein. Was in den jeweiligen L\u00e4ndern unter dem Stichwort der \u201eGelbwesten\u201c passiert, pr\u00e4gt auch, wie der Kampf unserer Genoss*innen in Frankreich wahrgenommen wird.</p><p>Wichtig f\u00fcr uns ist dabei zu beachten, dass wir eben \u201eleider\u201c in Deutschland und nicht in Frankreich leben und aktiv sind. Gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse, oder eine bestimmte Demonstrationskultur, lassen sich nicht einfach von einem Land auf das andere \u00fcbertragen. Sie k\u00f6nnen Inspiration sein, einen Stein ins Rollen bringen, Diskurse ansto\u00dfen und so weiter, lassen sich aber nicht wie eine Blaupause auf die hiesige Situation \u00fcbertragen. Es bedarf f\u00fcr unsere Zwecke einer Analyse der Verh\u00e4ltnisse in Deutschland, die eben nun einmal andere sind, als die in Frankreich. Eine Massenbewegung entsteht, wie der Name schon sagt, aus einer Masse heraus und kann nicht einfach durch einen gesamtgesellschaftlich gesehen marginalen Prozentsatz einiger radikaler Linker angesto\u00dfen werden. Ein m\u00f6glicher Akt der Solidarit\u00e4t gegen\u00fcber den franz\u00f6sischen Genoss*innen w\u00e4re es aus unserer Sicht daher, die Rechten hierzulande daran zu hindern, die Gelbwesten-Bewegung f\u00fcr sich politisch zu vereinnahmen.</p><h2>Die Intervention in Wiesbaden</h2><p>Am 9. Februar 2019 versuchten einige Genoss*innen in Wiesbaden, den dortigen Protest der \u201eGelbwesten\u201c zu unterwandern und diesen mit antirassistischen, antifaschistischen und antikapitalistischen Parolen zu \u00fcbernehmen. Dieser Versuch kann nicht als Erfolg gewertet werden. Hier muss viel mehr gesehen werden, dass diese Taktik gescheitert ist. Die meisten antifaschistischen Teilnehmer*innen wurden nach 15 Minuten durch die Polizei aus der Demonstration gedr\u00e4ngt und erhielten Platzverweise. Die Demonstration der rechten \u201eGelbwesten\u201c konnte, nach diesem Vorfall, ihren Weg ungest\u00f6rt fortsetzen. Was sollte mit dieser \u201eUnterwanderungspraxis\u201c schlussendlich erreicht werden? Ging es um die Verhinderung der nachfolgenden Aufm\u00e4rsche rechter \u201eGelbwesten\u201c? War es ein symbolisches Zeichen der Solidarit\u00e4t mit den franz\u00f6sischen Genoss*innen? Oder der Aufbau einer eigenen Gelbwesten-Bewegung? Letzteres muss als illusorisch abgetan werden, denn es gelingt sicher nicht aus einer rechts-dominierten Demonstration heraus, mit gerade einmal einigen hundert Teilnehmer*innen. Erschwerend hinzu kommt die in Deutschland vorherrschende Organisierungsschw\u00e4che.</p><p>Dennoch k\u00f6nnen wir auch hierzulande versuchen, in entstehende Gelbwesten-Proteste zu intervenieren. Es gilt allerdings, dabei kreativer zu werden. Das \u201eUnterwandern\u201c dieser Bewegung k\u00f6nnte eine M\u00f6glichkeit sein, wenn es gelingt, sich zuvor ein klares politisches Ziel zu setzen, was damit in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht erreicht werden soll. Dadurch k\u00f6nnen andere Bilder in der \u00d6ffentlichkeit entstehen, die mediale Aufmerksamkeit kann sich \u00e4ndern und im Optimalfall kommt es zu einem politischen Diskurs in unserem Sinne. Diese Form der Intervention wird allerdings nicht die hiesigen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse \u00e4ndern und noch viel weniger die Gelbwesten in Deutschland zu einer emanzipatorischen Massenbewegung machen k\u00f6nnen. Wir sollten uns als antifaschistische Linke davor h\u00fcten, uns auf eine Aktionsform zu versteifen. Antifaschismus lebt von kreativen, vielf\u00e4ltigen Aktionen auf unterschiedlichsten Aktionsfeldern. Es sollte sich situationsbedingt immer die Frage gestellt werden, wie wir mit rechten Mobilisierungen umgehen und hier auch immer das gesamte Aktionsfeld \u2013 von Blockaden, \u00fcber Unterwanderung, bis hin zu offensiveren Formen \u2013 in Betracht gezogen werden. In jedem Fall sollte es uns in Bezug zu den Gelbwesten-Protesten darum gehen, in Solidarit\u00e4t mit den k\u00e4mpfenden Menschen in Frankreich, Rechte daran zu hindern, sich des Symbols der Gelbwesten zu bem\u00e4chtigen. Wie wir das schaffen, ist derzeit noch offen und muss weiter erprobt werden.</p><h2>Solidarit\u00e4t und Selbstorganisation</h2><p>Es bleibt wichtig festzuhalten, dass es nicht an unserem fehlenden Elan h\u00e4ngt, dass in Deutschland keine massenhafte Bewegung, wie die der Gelbwesten auftritt. Es w\u00e4re fatal, davon auszugehen, dass dieser Fakt lediglich unser Verschulden ist. Unsere Aufgabe als radikale Linke ist es aber, die Voraussetzungen f\u00fcr eine soziale Massenbewegung von links zu schaffen. Das bedeutet, gesellschaftlich andere M\u00f6glichkeiten des Zusammenlebens zu erschaffen und aufzuzeigen, Strukturen aufzubauen und uns mit Fragen von Herrschaft, Hegemonie, sozialen K\u00e4mpfen, Klassenk\u00e4mpfen und so weiter zu besch\u00e4ftigen. Damit bauen wir ein Fundament auf, das Vorstellungen eines alternativen, solidarischen und gemeinschaftlichen Zusammenlebens \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht.</p><p>Schon jetzt scheint ein Umdenken in der radikalen Linken in Deutschland stattzufinden. Es findet wieder eine Diskussion \u00fcber Klassenpolitik und Basisarbeit statt. Es gr\u00fcnden sich Stadtteilzentren, Mieter*innenorganisationen und Stadteilgruppen. Viele Gruppen versuchen, sich von einem identit\u00e4ren Fokus zu l\u00f6sen und sich aus einem Szenesumpf weg hin zu \u201eNormalb\u00fcrger*innen\u201c und ihren bzw. gemeinsamen Problemen zu \u00f6ffnen. Inwieweit genau das ein Projekt des Erfolgs ist, muss an anderer Stelle diskutiert werden. Der Prozess an sich ist allerdings positiv und begr\u00fc\u00dfenswert und bedarf weiterer Intensivierung.</p><p>Oft bewegt sich die radikale Linke selbst in ihrem eigenen Umfeld und mobilisiert ein akademisches, links-liberales Milieu. Dagegen ist im Grunde ja auch nichts einzuwenden. Aus der Warte vieler Beteiligter heraus muss jedoch die eigene Politik auch f\u00fcr einen selbst nachhaltiger gestaltet sein, um weiter aktiv zu bleiben zu k\u00f6nnen. Entscheidend ist hier, uns immer vor Augen zu halten, dass wir in den Prozessen Leute radikalisieren wollen. Es kann also nicht darum gehen, uns am Ende selbst zu befrieden und f\u00fcr die Schaffung von Ansprechbarkeit dann schlie\u00dflich unsere Radikalit\u00e4t aufzugeben.</p><p>Dazu geh\u00f6rt zum Beispiel auch, \u00fcber den Tellerrand hinaus zu blicken. Wir m\u00fcssen uns die Frage stellen, wer geeignete B\u00fcndnispartner*innen sein k\u00f6nnten, um unsere Ausgangssituation soweit zu verbessern, dass Situationen, wie sie gerade in Frankreich stattfinden, auch hier m\u00f6glich werden. Die Br\u00e4nde in den Pariser Vororten von 2005 zeigen, dass eine (Massen-)Revolte, ausgehend von einem Stadtteil, die h\u00f6chste Stufe der Basisorganisierung ist. Das ist Teil der St\u00e4rke der heute stattfindenden Revolte in Frankreich. Menschen in den Vororten von Paris und anderen ausgeschlossenen Stadteilen franz\u00f6sischer St\u00e4dte fingen an, sich zu organisieren. Es entstanden informelle Zusammenschl\u00fcsse und es wurde Kontakt zu Genoss*innen aufgebaut, welche sich dort einbringen. Es handelt es sich um Menschen, die aufgrund von Rassismus und ihrer \u201e\u00dcberfl\u00fcssigkeit\u201c f\u00fcr das Kapital komplett aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Die Klasse des Surplus-Proletariats, also jene Klasse der f\u00fcr das Kapital \u201e\u00dcberfl\u00fcssigen\u201c und Nicht-Verwertbaren, wird auch in Deutschland entscheidender und zu einer immer gr\u00f6\u00dferen sozialen Gruppe. Diesen Menschen wird tagt\u00e4glich vor Augen gef\u00fchrt, dass sie keine M\u00f6glichkeit mehr haben, in dieser Gesellschaft Fu\u00df zu fassen. Sie beginnen schlie\u00dflich ihrer Wut Ausdruck zu verleihen und sich zu organisieren, wie dies hierzulande etwa schon beim G-20-Gipfel in Hamburg geschehen ist. Im Hamburger Schanzenviertel haben, abgesehen von organisierten militanten Autonomen und einem Party-Publikum, auch junge Migrant*innen mitrandaliert. Es handelt sich hier nicht zwangsl\u00e4ufig um eine gesellschaftliche Klasse mit emanzipatorischen Zielen. Radikalen Linken sollte aber klar sein, dass hier Menschen zumindest anfangen, sich zum Beispiel gegen die Polizei zu wehren und F\u00e4higkeiten entwickelt haben, sich abseits des Staates zu organisieren, ohne w\u00f6chentlich zum linken Plenumsritual anzutreten. Hier k\u00f6nnte die M\u00f6glichkeit f\u00fcr eine radikale Linke in Deutschland sein, sich mit diesen Menschen zu organisieren und sich auch selbst diese F\u00e4higkeiten anderer Formen der Organisierung anzueignen.</p><h2>Praktisch werden!</h2><p>Unsere Solidarit\u00e4t mit den franz\u00f6sischen Genoss*innen muss lauten, Rechte daran zu hindern, die Gelbwesten in Deutschland f\u00fcr sich zu vereinnahmen, praktische Solidarit\u00e4t zu \u00fcben, \u00fcber die Bewegung aufzukl\u00e4ren, Soliaktionen zu organisieren und sie in Frankreich auf der Stra\u00dfe zu unterst\u00fctzen. Dabei gilt es, nicht zu vergessen, auch \u00fcber politische Strategien und Ziele der Bewegung, die sich durch ihre (Weiter-)Entwicklung ver\u00e4ndern, in Frankreich kritisch zu diskutieren. Gleichzeitig muss Solidarit\u00e4t auch bedeuten, Strukturen aufzubauen, die in der Zukunft auch hierzulande Situationen m\u00f6glich machen, in der die gesellschaftliche Hegemonie in Frage gestellt werden kann. Wir m\u00fcssen dar\u00fcber hinaus diskutieren, mit wem wir uns weiter organisieren wollen. Ist eine vermeintliche Zivilgesellschaft der richtige Akteur oder m\u00fcssen wir \u00fcber unseren eigenen Tellerrand schauen und neue M\u00f6glichkeiten der Organisierung finden, auch wenn dies bedeutet, unsere Komfortzone zu verlassen und Widerspr\u00fcche auszuhalten?</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Diese Installation war ein Teil des Beitrags des brasilianischen K\u00fcnstlers Nelson Felix zur 33. S\u00e3o Paulo Biennale. Zudem weilte er 24 Stunden in besagtem Geb\u00e4ude und fertigte Zeichnungen an, die anschlie\u00dfend in der Hauptausstellung der Biennale gezeigt wurden. Nun, gut ein halbes Jahr sp\u00e4ter, stehen wir im Erdgeschoss und schauen uns die inzwischen hinter dem zugemauerten Eingang des Geb\u00e4udes angebrachte Installation an. Sie ist Teil einer gr\u00f6\u00dferen Ausstellung von Felix mit dem Titel <i>Esquizofrenia da Forma e do \u00caxtase</i> (Schizophrenie der Form und Extase) in der hier ans\u00e4ssigen Galeria <i>Reocupa</i>. Dass es sich bei dieser um keine kommerzielle und auch keine gew\u00f6hnliche Galerie handelt, deutet der Name bereits an. Vielmehr ist sie Teil des <i>Ocupa\u00e7\u00e3o 9 de Julho</i> (Besetzung des 9. Juli), dem gr\u00f6\u00dften besetzten Geb\u00e4ude des <i>Movimento dos Sem Teto do Centro,</i> MSTC (Bewegung der Obdachlosen im Zentrum)<i>,</i> in S\u00e3o Paulo. Anfangs von etwa 20 Familien bewohnt, sind in dem 2016 besetzten Geb\u00e4ude inzwischen insgesamt 500 Personen ans\u00e4ssig. Die meisten gehen kleineren Arbeiten in der informellen \u00d6konomie S\u00e3o Paulos nach, etwa als Stra\u00dfenverk\u00e4ufer*in von gek\u00fchlten Getr\u00e4nken oder als Uber-Fahrer*in. Einer der j\u00fcngeren Bewohner nutzt unsere Anwesenheit, um seine beiden Plastikb\u00e4lle aus dem ansonsten abgeschlossenen, aber nach oben in das Treppenhaus offenen Raum zu holen. Die B\u00e4lle hatten sich neben die Installation gesellt. Sie wirkten beinahe wie ein Teil von dieser. Laura, eine der Aktivistinnen des Squats, erkl\u00e4rt uns, dass viele K\u00fcnstler*innen Sympathien mit dem MSTC hegten, was die enge Anbindung des besetzten Geb\u00e4udes an die Kunstszene erkl\u00e4rt. Sie selbst arbeitet als Ausstellungsproduzentin. Die Pr\u00e4sentation der Biennale Kunst f\u00fchre aber nicht nur zu einer h\u00f6heren Sichtbarkeit des Anliegens des MSTC und schaffe Raum f\u00fcr kollektiven Austausch und Aufbau, sondern habe auch den praktischen Nebeneffekt, dass das Geb\u00e4ude schwerer von der Polizei zu r\u00e4umen sei. Denn immerhin muss die Polizei nach einer R\u00e4umung Sorge daf\u00fcr tragen, dass die Besitzt\u00fcmer der Besetzer*innen aus dem Geb\u00e4ude abtransportiert und diesen sp\u00e4ter wieder zug\u00e4nglich gemacht werden. Der Transport einer teuren Kunstinstallation werde so zu einer besonderen Herausforderung f\u00fcr die Polizei.</p><p>Besonderen Schutz und Aufmerksamkeit kann der MSTC und das Squat sicherlich gut gebrauchen. Denn bereits im Januar 2019, im Monat seines Amtsantritts, k\u00fcndigte der neue rechte brasilianische Pr\u00e4sident Jair Bolsonaro via Twitter an, mit dem MSTC und verwandte Bewegungen, wie der ber\u00fcchtigten Landlosenbewegung <i>Movimento dos Sem Terra,</i> (MST) aufzur\u00e4umen und ihre Besetzungen k\u00fcnftig in den Rang eines terroristischen Akts zu erheben. Sollte er das wirklich gesetzlich umsetzen, k\u00f6nnten die Aktivist*innen dieser Bewegungen f\u00fcr die Beteiligung an Besetzungen problemlos zu mehrj\u00e4hrigen Haftstrafen verurteilt werden. Besonders der MST ist in Brasilien eine Massenbewegung, die zehntausenden von Familien geholfen hat, landwirtschaftliche Fl\u00e4chen zu besetzen, die Gro\u00dfgrundbesitzer zu Brachland hatten verkommen lassen. Bolsonaro und anderen Vertreter*innen der brasilianischen herrschenden Klasse, die seit je her eng mit dem Besitz von riesigen L\u00e4ndereien verbunden ist, sind diese mobilisierungsstarken Bewegungen mehr als ein Dorn im Auge. Der MSTC ist daher seit dem Amtsantritt Bolsonaros darum bem\u00fcht, seine \u00f6ffentliche Sichtbarkeit zu erh\u00f6hen und die in der Mehrheitsgesellschaft bestehenden Vorurteile gegen\u00fcber Besetzer*innen abzubauen. Statt auf viele kleinere Besetzungen setzen diese daher vor allem darauf, die <i>Ocupa\u00e7\u00e3o 9 de Julho</i> zu ihrem Leuchtturmprojekt auszubauen.</p><p>Eine der gr\u00f6\u00dferen Aktivt\u00e4ten neben den kulturellen Projekten, die auch Konzerte, Lesungen und Diskussionen beinhalten, sind die monatlich veranstalteten \u00f6ffentlichen Mahlzeiten. Die K\u00fcche im drittten Stock gleicht inzwischen einer Industriek\u00fcche. Die professionellen Ger\u00e4te konnten mit dem Erl\u00f6s aus einer Versteigerung von gespendeten Kunstwerken angeschafft werden. Sie waren bitter n\u00f6tig, denn nahmen an den \u00f6ffentlichen K\u00fcchen anfangs etwa 80 Personen teil, so werden inzwischen 800 Essensrationen pro Abend ausgegeben. Laura meint, dies zeige an, wie gro\u00df das Interesse der momentan hoch politisierten und tief gespaltenen brasilianischen Gesellschaft an Projekten sei, die Alternativen zu der herrschenden Politik aufzeigen. Auch das sich in dem Haus treffende Netzwerk von oppositionellen Gruppen wachse mit jedem Treffen an. Selbst Gruppen aus dem b\u00fcrgerlichen Lager schl\u00f6ssen sich in den letzten Monaten verst\u00e4rkt an. Was jetzt noch fehle, sei die Organisation eines massiven und lang anhaltenden Stra\u00dfenprotests gegen die rechte Regierung um Bolsonaro.</p><h3><b>Rio \u2013 Zwischen Kunst und Kirche</b></h3><p>Eine etwas andere Form der widerst\u00e4ndigen Organisation lernen wir in Rocinha, einer Favela am s\u00fcdwestlichen Rand von Rio de Janeiro, kennen. Dort hat eine Gruppe von jungen K\u00fcnstler*innen, die teilweise in dem Viertel aufgewachsen sind, die <i>Igreja do Reino da Arte</i> (Kirche des K\u00f6nigreichs der Kunst) gegr\u00fcndet. Wie sie erkl\u00e4ren, ist diese aus dem Mangel an Organisationen geboren, die ein Zusammenkommen von K\u00fcnstler*innen erm\u00f6glichen, um kritisch \u00fcber eine von reichen Sammler*innen dominierte Kunstwelt nachzudenken und sich gegen deren Zumutungen zu organisieren. Mit einem verwegenen L\u00e4cheln erkl\u00e4ren sie, dass es sich bei ihrer \u201eKirche\u201c wirklich um eine Glaubengemeinschaft und nicht um eine Kunstaktion handele. So wurde der dem Kollektiv angeh\u00f6rende Maler Maxwell Alexandre, der aus einer evangelikalen Familie stammt, vor seiner ersten Einzelausstellung nach den Riten der <i>Igreja do Reino da Arte</i> getauft, damit er mit der vereinten Kraft der Kirche in die Kunstwelt eintrete. Seine gro\u00dfen, von der Wandmalerei inspirierten Bilder, sprechen von Polizeigewalt, Rassismus und Diskriminierung in den abgeh\u00e4ngten Vierteln Rios. Es ginge ihnen mit dem Kollektiv aber nicht um Missionierung, so Alexandre, denn dies werde schon genug von den evangelikalen Kirchen betrieben. Stattdessen wollen sie Menschen, die in der Kunstwelt unsichtbar gemacht werden, supporten. So lernen wir die Transfrau Anna kennen, die gerade eine Residenz in der \u201eIgreja\u201c absolviert. Sie berichtet uns, dass Brasilien eines der L\u00e4nder mit dem h\u00f6chsten Konsum an Trans-Pornos ist und gleichzeitig eine der h\u00f6chsten Mordraten an Trans-Personen weltweit aufweise. Ihr Vorhaben best\u00fcnde nun darin, w\u00e4hrend der Residenz ein Plakat zu entwerfen, das auf die Sichtbarkeit von Trans-Personen in Rocinha zielt und diese zu einer Versammlung in die Kirche einladen will.</p><h3><b>Belo Horizonte \u2013 Zwischen Ausstellung und Afrobrasilianischer Kultur</b></h3><p>Ein Projekt, das sich mit Fragen der Favela und der Religion besch\u00e4ftigt, ist auch das <i>Museu dos Quilombos e Favelas Urbanos,</i> genannt <i>Muquifu</i> in Belo Horizonte. Das Museum entwickelte sich ausgehend von einer Gruppe Frauen*, die sich in den 1970er Jahren w\u00f6chentlich in einer katholischen Basisgemeinde zum Tee trinken trafen. Es will den Bewohner*innen der Favela Bewusstsein \u00fcber ihre eigene Kultur vermitteln und so auch Widerstandsbewusstsein schaffen, das sich aufgrund von versch\u00e4rften Polizeirazzien, Gentrifizierungsprozessen und Vertreibungspl\u00e4nen seitens der Regierung dringend notwendig ist. Antonio berichtet uns davon, dass dies zunehmend schwieriger werde, da viele Bewohner*innen der Favela in den letzten Jahren sich den Evangelikalen zugewendet h\u00e4tten. Zudem werde der Bezug auf die Quilombos, die ehemaligen Siedlungen geflohener Sklav*innen, nicht von allen Bewohner*innen positiv aufgenommen. Die afrobrasilianische Widerstandstradition sei leider nicht selbstverst\u00e4ndlich. Dabei zeigt das Museum eindr\u00fccklich, welch widerst\u00e4ndiges Potential einer Ausstellung inne wohnen kann. So werden etwa Objekte, wie kitschige Vasen und Teller, gezeigt, die Hausangestellte von ihren Chefs als \u201eDank\u201c f\u00fcr ihre Arbeit geschenkt bekommen hatten. Diese Objekte zeugen von der Geringsch\u00e4tzung der Hausangestellten, deren Chefs f\u00fcr sie nicht viel mehr als den Abfall ihrer Zivilisation vorsehen. An einer anderen Stelle h\u00e4ngen Fotos von Einheimischen in ihren H\u00e4usern, bevor diese auf Anweisung der Regierung abgerissen wurden. Weitere Installationen bestehen aus Einrichtungen, die bei afrobrasilianische Riten verwendet werden. So h\u00e4lt das <i>Muquifu</i> die Erinnerung an die afrobrasilianischen Gebr\u00e4uche und Wurzeln der brasilianischen Gesellschaft fest, die das unter dem immer st\u00e4rkeren Einfluss evangelikaler Freikirchen stehende Mehrheits-Brasilien nur allzu oft verdr\u00e4ngt.</p><h3><b>Weitermachen!</b></h3><p>So unterschiedlich diese Projekte auch sein m\u00f6gen, sie legen Zeugnis von einer lebendigen, widerst\u00e4ndigen Kultur ab, die sich der von Bolsonaro und seinen Verb\u00fcndeten entfesselten rechten Gewalt gegen die armen, schwarzen und indigenen Teile der brasilianischen Bev\u00f6lkerung entgegenstellen. Dass sie in schwierigen Zeiten leben und es einen langen Atem braucht, um sich der jetzigen rechten Hegemonie in Brasilien entgegenzustellen, war allen bewusst, die wir trafen. Doch das einzige was hilft, ist, eine widerst\u00e4ndige Kultur am Leben zu halten und den Rechten eine andere, linke Politik von unten entgegen zu setzen. Aus den Mandacar\u00fa-Kakteen in der Installation von Nestor Felix im Keller des <i>Ocupa\u00e7\u00e3o 9 de Julho</i> wuchsen inzwischen kleine, gr\u00fcne Ableger heraus. Sie werden sich einmal in gro\u00dfe Kakteen verwandeln. Dies ist auch den vielen widerst\u00e4ndigen Projekten in Brasilien zu w\u00fcnschen.</p><p></p><hr/><p></p><h3>Kurzer Nachtrag, 16.06.2019:</h3><p><i>Langsam scheint sich auch der Protest auf der Stra\u00dfe gegen Bolsonaro zu entwickeln. Am 15. und 30. Mai waren bereits hunderttausende bei Aktionstagen zur Verteidigung des Bildungssystems auf der Stra\u00dfe. Am Freitag, den 14. Juni wurde zu einem Generalstreik gegen die Rentenreform aufgerufen, an dem vor allem die gewerkschaftlich gut organisierten Sektoren teilgenommen haben. Dabei kam es zu einer Beteiligung von 45 Millionen Menschen im ganzen Land. Weitergehende Infos finden sich auf</i> <a href=\"http://www.labournet.de/internationales/brasilien/gewerkschaften-brasilien/generalstreik-gegen-den-rentenraub-der-brasilianischen-rechtsregierung-am-14-juni-2019-mobilisiert-45-millionen-bis-in-den-letzten-winkel-des-landes/\"><i>labournet</i></a><i>.</i><br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/neue-widerstandskultur-brasilien/", "id": "https://revoltmag.org/articles/neue-widerstandskultur-brasilien/", "author": {"name": "Jule", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2019-06-17T14:43:18.519348+00:00", "date_modified": "2019-07-03T17:10:26.526442+00:00", "tags": ["re:port", "kunst", "kulturpolitik", "internationalismus", "brasilien", "kultur", "antifaschismus", "bolsonaro", "antifa"], "summary": "In Brasilien existiert eine lebhafte Kultur des Widerstands gegen die rechte Bolosnaro- Regierung. re:volt-Autor Jule war im April diesen Jahres teil einer Reisegruppe und liefert nun einen Einblick in die Widerstandsstrategien dreier Basisprojekte in S\u00e3o Paulo, Rio de Janeiro und Belo Horizonte."}, {"title": "Solidarit\u00e4t verteidigen! Zu den Verbotsdrohungen gegen die Rote Hilfe", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Solidarit\u00e4t verteidigen! Zu den Verbotsdrohungen gegen die Rote&nbsp;Hilfe</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"rh_beitrag.png\" height=\"420\" src=\"/media/images/rh_beitrag.2e16d0ba.fill-840x420-c100.png\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Rote Hilfe</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p> Am 30. November 2018 war im rechtskonservativen Magazin \u201eFocus\u201c zu lesen, Innenminister Horst Seehofer plane ein Verbot der Roten Hilfe e.V. (RH). Seitdem schwebt diese Drohung wie ein Damoklesschwert \u00fcber der str\u00f6mungs\u00fcbergreifenden linken Solidarit\u00e4tsorganisation. Der Vorsto\u00df reiht sich ein in die enthemmte Hetze gegen kritische Kr\u00e4fte, die in den vergangenen Jahren von den grundrechtsfreien Wochen rund um den G20-Gipfel, \u00fcber das Verbot der Internetplattform linksunten.indymedia.org, bis hin zum \u201eOnline-Pranger\u201c gegen G20-Gegner*innen regelm\u00e4\u00dfige erschreckende H\u00f6hepunkte erreichte. Allerdings: Eine Welle von Unter-st\u00fctzungsbekundungen und breiter Berichterstattung in den Medien stellt sich diesem neuen Angriff der Repressionsmaschinerie entgegen. <br/><br/>Dass die T\u00e4tigkeit der Roten Hilfe den staatlichen Beh\u00f6rden ein Dorn im Auge ist, ist erstmal wenig verwunderlich. Unter dem Motto \u201eSolidarit\u00e4t ist eine Waffe\u201c organisiert sie juristischen und finanziellen Beistand f\u00fcr linke Aktivist*innen, die wegen ihrer politischen Bet\u00e4tigung von Repression betroffen sind. Sie sch\u00fctzt in erster Linie davor, mit den Folgen allein gelassen zu werden. Ebenfalls zentral ist die \u00d6ffentlichkeitsarbeit, die sich gegen Gesetzesversch\u00e4rfungen und Vereinsverbote richtet, besonders brutale Polizeieins\u00e4tze und absurde Urteile gegen Linke kritisiert, oder die Freilassung von politischen Gefangenen fordert. Die st\u00e4ndig zunehmende Zahl von derzeit weit \u00fcber 9000 Mitgliedern aus unterschiedlichsten Bewegungen und Parteien zeigt, wie wichtig die Rote Hilfe als Institution und ihre Arbeit f\u00fcr ein breites Spektrum fortschrittlicher Kreise ist. </p><h3><b>Anna und Arthur: Alles linksradikale Straft\u00e4ter!</b> </h3><p>Weder die Kritik an den Repressionsorganen, noch die juristische oder finanzielle Unterst\u00fctzung von Personen, die von Repression betroffen sind, sind etwas, was nach irgendeinem Paragrafen strafbar w\u00e4re. Doch in Zeiten der manisch anmutenden Jagd gegen Linke scheint das bedeutungslos zu sein. Die Begr\u00fcndungen der Verbotsdrohungen sind dabei Tatsachen, die sowohl legal als auch legitim sind. Allerdings sind sie f\u00fcr das Innen-ministerium und die Propagandist*innen der \u201eInneren Sicherheit\u201c besonders unliebsam und werden daher mit Vorliebe kriminalisiert. </p><p>Einer der angef\u00fchrten Kernvorw\u00fcrfe ist zum Beispiel die \u2013 in den Presseberichten zum Skandal aufgebl\u00e4hte \u2013 Unterst\u00fctzung f\u00fcr \u201elinksradikale Straft\u00e4ter\u201c. Damit ist nichts anderes als die Umsetzung des Vereinszwecks der Roten Hilfe gemeint, die laut ihrer Satzung Menschen beisteht, die sich \u201ef\u00fcr die Ziele der Arbeiter_innenbewegung, der internationalen Solidarit\u00e4t, des antifaschistischen, antisexistischen, antirassistischen, demokratischen und gewerkschaftlichen Kampfs, sowie des Kampfs gegen Antisemitismus, Militarismus und Krieg\u201c einsetzen und deshalb \u201evor Gericht gestellt und zu Geld- oder Gef\u00e4ngnisstrafen verurteilt werden oder sonstige Nachteile erleiden.\u201c (aus \u00a72 der Satzung der Roten Hilfe e.V.). Dass Aktivist*innen, die mit Prozessen \u00fcberzogen und eventuell verurteilt werden, \u00fcblicherweise Straftaten vorgeworfen werden, ist eigentlich selbstverst\u00e4ndlich \u2013 zumindest nach den Anspr\u00fcchen des so oft betonten Rechtsstaats. Und wie schnell die Einsatzkr\u00e4fte mit Ermittlungsverfahren zur Hand sind, ist allen bekannt, die schon mal an politischen Protesten teilgenommen haben. Wenn die \u201eUnterst\u00fctzung von Straft\u00e4tern\u201c in Form von Prozesskosten\u00fcbernahme und juristischen Beistand strafbar w\u00e4re, m\u00fcssten Rechtsschutzversicherungen mit Verboten und Anw\u00e4lt*innen mit einer Verurteilung rechnen. Skandalisiert wird in diesem Zusammenhang auch die dringende Empfehlung der Roten Hilfe, im Polizeiverh\u00f6r vom Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch zu machen. M\u00f6glicherweise wird demn\u00e4chst die aus jedem Vorabendkrimi bekannte Formulierung bei der Festnahme \u2013 \u201eAlles was Sie ab jetzt sagen, kann gegen Sie verwendet werden\u201c \u2013 zensiert werden? Ebenfalls mit Emp\u00f6rung angef\u00fchrt werden dann noch das schnelle Mitgliederwachstum der Roten Hilfe, sowie die prominenten Politiker*innen verschiedener Parteien, die der Organisation angeh\u00f6ren. </p><p>Dem Trend der Diffamierungs- und Kriminalisierungskampagne gegen Linke folgend werden auch in Bezug auf die Solidarit\u00e4tsorganisation die teilweise militanten Proteste gegen den G20-Gipfel 2017 in Hamburg bem\u00fcht. Die Rote Hilfe, so der Vorwurf, sei dort \u201eaufgetreten\u201c. Das ist sie, und zwar durch \u00d6ffentlichkeitsarbeit zu polizeilichen Gewaltexzessen und Willk\u00fcrakten, durch die Zusammenarbeit mit dem Anwaltlichen Notdienst und bei der Organisierung von Rechtshilfe und Solidarit\u00e4t bei den folgenden Prozessen. <br/>Doch abgesehen von der Auflistung v\u00f6llig legaler und korrekter Tatsachen, verbreiten Bl\u00e4tter wie der Focus auch offene L\u00fcgen, die teilweise von anderen Medien umstandslos kopiert wurden. </p><p>So <a href=\"https://www.focus.de/politik/deutschland/bundestagsabgeordnete-engagieren-sich-linken-politiker-foerdern-ihn-seehofer-will-linksradikalen-verein-rote-hilfe-verbieten_id_9994512.html\">berichtete das Wochenmagazin</a>, die von der Roten Hilfe Unterst\u00fctzten m\u00fcssten \u201esich verpflichten, auch nach verb\u00fc\u00dfter Strafhaft den \u201arevolution\u00e4ren Stra\u00dfenkampf\u2018 fortzusetzen\u201c. Hintergrund der Behauptung ist, dass die Rote Hilfe \u2013 ihrem Selbstverst\u00e4ndnis als linker Organisation entsprechend \u2013 sich klar gegen Reueerkl\u00e4rungen, Distanzierung von der eigenen politischen Aktivit\u00e4t, sowie gegen die Belastung von Genoss*innen bei Polizei und Justiz ausspricht und ihre finanzielle Unterst\u00fctzung davon abh\u00e4ngig macht. Die bizarre Idee einer vertraglichen Vereinbarung \u00fcber die Teilnahme an Barrikadenk\u00e4mpfen sorgte f\u00fcr herzliches Lachen bei allen Kenner*innen der Solidarit\u00e4tsorganisation, die ihrerseits noch nie den \u201erevolution\u00e4ren Stra\u00dfenkampf\u201c propagiert hat, sondern keinerlei Stellung zu Aktionsformen bezieht. </p><h3><b>Diffamierung in Dauerschleife</b> </h3><p></p><p>So weit, so absurd. Doch es geht noch grotesker: Einer der gebetsm\u00fchlenartig wiederholten Vorw\u00fcrfe ist, dass sich die Rote Hilfe nie von den Anschl\u00e4gen der Roten Armee Fraktion (RAF) distanziert hat. Warum sollte sie auch? Schlie\u00dflich war sie an den Aktionen der Stadtguerilla nicht beteiligt. Zu den stets wiedergek\u00e4uten bewussten L\u00fcgen rechter Medien geh\u00f6rte \u00fcber Jahre hinweg die Behauptung, die Solidarit\u00e4tsorganisation unterst\u00fctze die RAF oder stehe ihr nahe. Dabei wurde geflissentlich ignoriert, dass die Gruppe bereits am Ende des vorigen Jahrhunderts, vor inzwischen \u00fcber zwanzig Jahren, ihre Selbstaufl\u00f6sung erkl\u00e4rt hat. Obwohl sich diese Tatsache inzwischen auch in reaktion\u00e4re Kreise herumgesprochen hat, wird das Gespenst der Stadtguerilla immer wieder aus dem Hut gezaubert, wenn es darum geht, ein Bedrohungsszenario zu entwerfen und eine besondere Gef\u00e4hrlichkeit zu betonen. Auch die Behauptung, die Rote Hilfe unterst\u00fctze \u201edie Gefangenen aus der RAF\u201c feiert selbst Jahre nach der Freilassung der letzten Inhaftierten bei jeder neuen Hetzkampagne fr\u00f6hliche Urstand. <br/>  Der aktuelle Angriff ist keineswegs der erste, der von rechten Kreisen angesto\u00dfen wird. Immer wieder wurde f\u00fchrenden Politiker*innen ihre RH-Mitgliedschaft vorgeworfen. Diese gerieten in Folge durch die massiven Angriffe und Verleumdungen in den Medien unter Druck. So sah sich 2007 die Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel zum Austritt gen\u00f6tigt, und 2013 musste sich die Sprecherin der Gr\u00fcnen Jugend, Sina Doughan, gegen Verunglimpfungen durch Hinterb\u00e4nkler*innen von CDU und CSU zur Wehr setzen. </p><p><br/>Doch das eigentliche Problem, das der nach rechts r\u00fcckende Rechtsstaat mit der Roten Hilfe hat, kommt in den Antworten auf eine sogenannte \u201eKleine Anfrage&quot; mehrerer Mitglieder der Bundestagsfraktion der LINKEN vom 24. Juli 2018 zum Vorschein. Au\u00dfer der zunehmenden Mitgliederzahlen und Bedeutung im \u00f6ffentlichen Diskurs f\u00fchrt das Bundesinnenministerium (BMI) den str\u00f6mungs\u00fcbergreifenden Charakter an, der die St\u00e4rke der Organisation ausmacht. Sie bilde \u201ebewusst und gewollt ein Sammelbecken f\u00fcr \u2013 wenn auch nicht ausschlie\u00dflich \u2013 Anh\u00e4nger unterschiedlicher kommunistischer und anarchistischer Theorieans\u00e4tze sowie diese Ans\u00e4tze unterst\u00fctzende Vereinigungen und Personenzusammenschl\u00fcsse. Mit der Verfassung-sordnung des Grundgesetzes sind sozialistisch-kommunistische Gesellschaftsordnungen nicht vereinbar\u201c (<a href=\"https://kleineanfragen.de/bundestag/19/3553-rote-hilfe-e-v\">BT-Drucksache 19/3553</a> S. 5). Offenbar sind Meinungsfreiheit und -pluralismus inzwischen ebenfalls auf der Abschussliste. Auch in Bezug auf das Engagement beim G20-Gipfel konkretisierte das BMI die Anklagepunkte. So habe die Solidarit\u00e4tsorganisation im Vorfeld die Kampagne \u201eUnited we stand\u201c ins Leben gerufen, Printmedien dazu erstellt, sowie ein Spendenkonto eingerichtet. Au\u00dferdem \u201ever\u00f6ffentlichte die RH zahlreiche Pressemitteilungen, um ihre Sichtweise der Geschehnisse darzustellen und das Handeln staatlicher Institutionen (\u2026) vehement zu kritisieren. Damit hat sich die RH nicht nur auf die Unterst\u00fctzung von legitimen Protesten beschr\u00e4nkt, sondern sie hat vielmehr potenziellen Straft\u00e4tern auch aus extremistischen Kreisen finanzielle und moralische Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Fall strafrechtlicher Verfolgung zugesichert\u201c (ebd. S. 7). Dass diese Tatsachen Teil von nicht nur legitimer, sondern auch v\u00f6llig legaler Rechtshilfearbeit sind, ist jedem vern\u00fcnftigen Menschen sofort ersichtlich. Die Substanzloslosigkeit der Verbotsforderungen \u00e4ndert jedoch nichts an der Bedrohlichkeit der Ank\u00fcndigungen. Im Fall der im Sommer 2017 kriminalisierten linken Online-Plattform linksunten.indymedia.org wurde dem Presseorgan auch der Vorwurf gemacht, \u00fcber die missliebigen G20-Proteste berichtet und die Aufrufe zu den Demonstrationen dokumentiert zu haben, also als Presseorgan von der Pressefreiheit Gebrauch gemacht zu haben. </p><p></p><h3><b>Aktive Solidarit\u00e4t \u00fcben!</b></h3><p>Die Rote Hilfe wird sich aktiv gegen die staatlichen Angriffe wehren und hatte in fr\u00fcheren F\u00e4llen auch schon betr\u00e4chtliche Erfolge beim juristische Vorgehen gegen staatliche Verleumdungen. Ausgerechnet der Inlandsgeheimdienst, der unter dem irref\u00fchrenden Namen \u201eVerfassungsschutz\u201c (VS) firmiert und unter anderem durch die systematische Unterst\u00fctzung des Nazi-Netzwerks NSU, sowie durch die Verharmlosung rechter Gewalt Schlagzeilen machte, hatte in Bremen im Jahresbericht 2016 die Rote Hilfe e.V. als \u201egewaltorientiert\u201c bezeichnet. Dagegen hatte diese geklagt und Recht erhalten. Das Verwaltungsgericht Bremen verpflichtete in seinem Urteil vom 23. Oktober 2017 den Innensenator, den VS-Bericht nicht mehr zu verbreiten, da die Einsch\u00e4tzung weder nachvollziehbar, noch auf Tatsachen gest\u00fctzt sei. Auch gegen m\u00f6glicherweise kommende Repressalien gegen die Gesamtorganisation wird die Rote Hilfe juristisch und durch \u00d6ffentlichkeitsarbeit vorgehen. <br/>Weit wichtiger sind jedoch die breite Unterst\u00fctzung durch die sozialen Bewegungen, die zahlreichen Solidarit\u00e4tsbekundungen von unterschiedlichsten linken Organisationen, Politiker*innen verschiedener Parteien und die gro\u00dfteils positive Berichterstattung in den Medien. <br/></p><p>Jetzt ist es Zeit, gemeinsam die staatlichen Angriffe abzuwehren, indem weitere Menschen die Rote Hilfe e.V. durch Beitritt und aktive Mitarbeit st\u00e4rken, den Verleumdungen entgegentreten und klar Position beziehen: F\u00fcr str\u00f6mungs\u00fcbergreifende linke Solidarit\u00e4tsarbeit \u2013 Schafft Rote Hilfe! </p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/solidarit%C3%A4t-verteidigen-zu-den-verbotsdrohungen-gegen-die-rote-hilfe/", "id": "https://revoltmag.org/articles/solidarit%C3%A4t-verteidigen-zu-den-verbotsdrohungen-gegen-die-rote-hilfe/", "author": {"name": "Henning von Stoltzenberg", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2018-12-14T20:09:01.379276+00:00", "date_modified": "2018-12-14T20:09:01.379276+00:00", "tags": ["re:port", "solidarit\u00e4t", "repression", "antifaschismus", "focus", "rote hilfe", "seehofer"], "summary": "Rechte Kr\u00e4fte in Politik und Beh\u00f6rden machen gegen die traditionsreiche und str\u00f6mungs\u00fcbergreifende Rote Hilfe mobil. Ein Verbotsverfahren schwebt im Raum. Welchen Diffamierungen sich die Rote Hilfe dabei entgegenzustellen hat, beschreibt Henning von Stoltzenberg."}, {"title": "Antifaschistischer Kampf ist nur gegen das System m\u00f6glich", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Antifaschistischer Kampf ist nur gegen das System&nbsp;m\u00f6glich</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Pavlos Fyssas\" height=\"420\" src=\"/media/images/pfyssas.f61fb6fb.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Es sind f\u00fcnf Jahre vergangen, seitdem der antifaschistische Musiker Pavlos\nFyssas im Stadtteil Keratsini in Athen \u2013\u00a0 in der Nachbarschaft, die er sein\nZuhause nannte \u2013 ermordet wurde. Sowohl die M\u00f6rder als auch die weiteren\nBeteiligten an dem Angriff waren Mitglieder der Neonazi-Organisation Chrysi\nAvgi (Goldene Morgend\u00e4mmerung). Seit f\u00fcnf Jahren ist der Name Pavlos Fyssas zu\neinem Lied und einem Signal der antifaschistischen K\u00e4mpfe in Griechenland\ngeworden. Seine M\u00f6rder schienen verurteilt und auf den M\u00fcllhaufen der\nGeschichte verbannt.\nAllerdings: obwohl er den Mord gegen\u00fcber dem\nGericht zugegeben hatte, wurde sein M\u00f6rder, George Roupakias, im M\u00e4rz 2016 aus\nder Untersuchungshaft entlassen. Seitdem darf er sein Haus nicht verlassen \u2013\nabgesehen von Auftritten vor Gericht, bei denen ihn bewaffnete Wachen begleiten\nund besch\u00fctzen.</p>\n\n<p>Indes kamen\nneue\naufschlussreiche Beweise\ndaf\u00fcr ans Licht, was genau am dramatischen Abend des 17. September 2013 geschah. Die <a href=\"https://www.forensic-architecture.org/\"><i>Forensic Architecture Research Group</i></a> wurde von der Familie\nFyssas und ihren gesetzlichen Vertreter_innen beauftragt, die Ereignisse der\nNacht anhand des dem Gericht zur Verf\u00fcgung gestellten Audio- und Videomaterials\nzu rekonstruieren. Die daraus resultierende Videountersuchung und der begleitende\nBericht wurden am 10. und 11. September 2018 vor dem Gericht in Athen\npr\u00e4sentiert und brachten CCTV-Aufnahmen, Aufzeichnungen der Kommunikation\nzwischen Polizei und Rettungsdiensten, sowie Zeugenaussagen zusammen. Das\nErgebnis der Forschung erwies sich als ein Boomerang f\u00fcr die griechische Polizei.</p>\n\n<p>Die Untersuchung ergab n\u00e4mlich, dass Angeh\u00f6rige der\nGoldenen Morgenr\u00f6te, einschlie\u00dflich hochrangiger Beamter, in Bezug auf den Mord\nkoordiniert vorgingen. Das Material zeigte, dass Mitglieder der Elite-Spezialeinheit\nder Polizei, bekannt als DIAS, vor, w\u00e4hrend und nach dem\nt\u00f6dlichen Angriff vor Ort waren\n\u2013 und nicht\neingriffen.</p>\n\n<h2><b>Polizei h\u00e4tte Mord verhindern k\u00f6nnen</b></h2>\n\n<p>Im R\u00fcckblick: der\nerste Anruf bei der Spezialeinheit der Polizei (DIAS) ging um 23:54:14 Uhr ein. Um 23:58:11 Uhr kamen acht Polizist_innen\nmit\nMotorr\u00e4dern am Tatort an. Dies belegt, dass die Aussagen der Polizeibeamt_innen vor Gericht falsch waren: dort sagten\nsie aus,\ndass sie vom Hauptquartier um 23:59 Uhr angewiesen wurden, zum Tatort zu gehen.\nMehr noch: die Auswertung\nder Kamera-Daten legt nahe, dass spezielle Polizeikr\u00e4fte am Tatort\nanwesend waren,\nbevor die verst\u00e4rkte Golden Dawn Gang \u00fcberhaupt ankam. Pavlos wurde etwa f\u00fcnf Minuten nach\nMitternacht ermordet. Das\nhei\u00dft acht\nvollbewaffnete Polizist_innen waren sechs Minuten vor dem Angriff\nvor Ort \u2013 und\nhaben nichts unternommen. Im Gegenteil entschlossen sie sich laut den Kameradaten dazu, mit\nihren Motorr\u00e4dern eine Runde um den Block zu machen \u2013 eine Tatsache, die sie ebenfalls in ihren Aussagen\nverheimlichten. Um 00:05:20 Uhr informierte einer von ihnen\nschlie\u00dflich\ndas Polizeipr\u00e4sidium, dass Pavlos Fyssas mit einem Messer verletzt worden sei.\nWenige Minuten sp\u00e4ter war Pavlos tot ...</p>\n\n<p>F\u00fcnf Jahre\nnach diesem grausamen und vors\u00e4tzlichen Mord an dem jungen Musiker erweist sich\nder antifaschistische Kampf in Griechenland als immer notwendiger. Nicht nur,\nweil seine Killer jetzt frei umherlaufen, sowohl der physische T\u00e4ter, George\nRoupakias als auch seine Stichwortgeber der kriminellen Nazitruppe der Goldenen\nMorgenr\u00f6te, samt ihres Anf\u00fchrer Nikos Michaloliakos. Sondern auch deshalb, weil\nwir uns heute in Griechenland, in Europa, in den USA und anderswo einem\ninternationalen Erstarken der nationalistischen, rassistischen und\nfaschistischen Bedrohung stellen m\u00fcssen. Von der parlamentarischen St\u00e4rkung der rechtsradikalen Parteien in der EU\n(neuerdings auch in Schweden) \u00fcber die Chemnitz-Zust\u00e4nde in Deutschland, bis\nhin zu den rassistischen und extrem rechten Pogromen\nauf Lesbos, wird eine vielgestaltige faschistische Str\u00f6mung befeuert\nund best\u00e4rkt.\n</p>\n\n<h2><b>Der antifaschistische Kampf muss seine Intensit\u00e4t\nsteigern</b></h2>\n\n<p>Um dieser Situation zu\nbegegnen, m\u00fcssen sowohl die Arbeiter_innenbewegung als auch die linken\nKr\u00e4fte insgesamt die\nUrsachen ihres Wachstums gr\u00fcndlich untersuchen. Zun\u00e4chst sollten die\nUrsachen dargestellt und untersucht werden, die daher r\u00fchren, dass der Kapitalismus heute\neine facettenreiche reaktion\u00e4re Wende zu vollziehen versucht, um seine tiefe\nstrukturelle Krise zu \u00fcberwinden. Diese Verschiebung \u00e4u\u00dfert sich in einer tiefgreifenden\nVerst\u00e4rkung\nder Ausbeutung, einer v\u00f6lligen Umgestaltung des Arbeitsmarktes, sowie in der\nVersch\u00e4rfung kapitalistischer Gegens\u00e4tze und der Umgestaltung des politischen\nSystems. Die Versch\u00e4rfungen st\u00e4rken den Nationalismus und erh\u00f6hen die Kriegsgefahr. Dar\u00fcber hinaus\nfindet ein enormer Angriff auf ideologischer Ebene statt, der rassistische Deutungsangebote und Feindseligkeiten gegen\u00fcber jeglicher Art von Aufkl\u00e4rung verst\u00e4rkt.</p>\n\n<p>Die extreme Rechte, die Nationalist_innen und die Faschist_innen, werden in dieser neuen\n\u00fcberreaktion\u00e4ren Phase des kapitalistischen Systems vorne\nangestellt,\nund sie werden (immer im Kontext der Konkurrenz mit anderen b\u00fcrgerlichen\nParteien) zugunsten der Errichtung der neue Kannibal_innenpolitik genutzt: Sie\nspielen die\nRolle eines \u201eSchlagrings\u201c gegen die fortschrittliche\nBewegung\nund die k\u00e4mpfenden Teile der Gesellschaft.</p>\n\n<p>Es ist kein Zufall, dass\nwir in Griechenland solche Kr\u00e4fte immer auf der Seite der Kapitalist_innen und damit auf\nder entgegengesetzten\nSeite der Arbeiter_innenbewegung finden. K\u00fcrzlich wurde zum Beispiel die Gr\u00fcndung einer\nArbeitsgewerkschaft im Sinne der Arbeitgeber_innen der Firma Cosco vorangetrieben\n\u2013 das\nUnternehmen geh\u00f6rt zur China\nOcean Shipping (Group) Company, die einen Anteil von 51 Prozent des Hafens von\nPir\u00e4us gekauft hat und jetzt besitzt und kontrolliert. In diesem Fall haben die\nextrem rechten Kr\u00e4fte den vorhergegangenen Streik der Decksleute sabotiert und zugunsten der\nchinesischen Unternehmensgesellschaft gehandelt.</p>\n\n<p>Ein\nwichtiger Punkt in Bezug auf Griechenland ist auch, dass sich der Faschismus an der Verzweiflung n\u00e4hrt und\nentwickelt, welche\ndurch die Barbarei des\nMemorandums\nund die\nSparpolitik hervorgebracht wird. Gef\u00f6rdert von Regierungen und Kapitalist_innen f\u00fchren diese Ma\u00dfnahmen zu einer\nvoranschreitenden\nExplosion von Armut und Arbeitslosigkeit, zu einer Ausweitung der Ungerechtigkeit gegen\u00fcber\nden Armen\nund unteren Klassen im Namen der Krise und zu einem generellen Fehlen positiver Perspektiven.</p>\n\n<p>All dies sollte in Betracht gezogen werden. Es zeigt\ndie Notwendigkeit f\u00fcr die antifaschistische Bewegung, ihren Kampf auf eine n\u00e4chste Ebene zu heben. Der antifaschistische Kampf sollte zu einer permanenten Angelegenheit\nund Forderung der Bewegung insgesamt werden und Verbindungen mit den unteren und \u00e4rmeren Klassen schaffen. Dabei bleibt ein klarer Klassenbezug zentral: Die Verbindung des antifaschistischen\nKampfs mit der\numfassenderen Durchsetzung von Arbeitnehmer_innenrechten, dem Kampf gegen die Austerit\u00e4ts- und die Memoranda-Politiken. In\ndieser Hinsicht k\u00f6nnte er mit dem weiteren antikapitalistischen Kampf verbunden sein, mit dem\nKampf gegen die Kriege der NATO und der EU, die Tausende von Menschen dazu\nzwingen, Fl\u00fcchtende zu werden \u2013 und nicht\nzuletzt mit dem kompromisslosen Kampf gegen Rassismus und\njegliche Art von Diskriminierung in Verbindung gebracht werden.</p>\n\n<p>Um siegreich zu sein, sollte die antifaschistische Bewegung von der\nRegierung, den b\u00fcrgerlichen Parteien und Institutionen unterschieden werden.\nDies ist eine Voraussetzung, um eine zutiefst demokratische und daher\nantisystemische Logik zu entwickeln und nicht in einer Verteidigungslogik der\nsystemischen b\u00fcrgerlichen Demokratie gefangen zu bleiben, die in den Augen\nvieler Arbeiter_innen zum Synonym f\u00fcr Heuchelei und Ungerechtigkeit geworden\nist.</p>\n\n<p>Die j\u00fcngsten Ereignisse in Griechenland, auch die Ermordung von Pavlos Fyssas,\nhaben gezeigt, dass der Faschismus von der b\u00fcrgerlichen Demokratie und den\nZivilgerichten nicht gestoppt werden kann. Sie kann nur durch die massive\nJugend - und Arbeiter_innenbewegung erreicht werden. Es sind die t\u00e4glichen\nK\u00e4mpfe, welche Solidarit\u00e4t, Gerechtigkeit und Gleichheit hervorbringen: K\u00e4mpfe\nf\u00fcr die Abschaffung von Ausbeutung und Diskriminierung, gegen die Interessen\nund Bestrebungen des Kapitals, der EU und der Regierungen.</p>\n\n<p>Auf der Grundlage einer solchen Logik sollte sich die antifaschistische\nBewegung zusammenschlie\u00dfen und die verschiedenen Str\u00f6mungen in sich vereinen.\nDie massiven Demonstrationen gegen den Faschismus, die am 17. September in\nGedenken an Pavlos, in Athen und in anderen griechischen St\u00e4dten stattfanden\nund von einer gro\u00dfen, dynamischen Anzahl von Organisationen und politischen\nKr\u00e4ften der Linken sowie von Gewerkschaften und Solidarit\u00e4tsinitiativen\norganisiert wurden, k\u00f6nnten ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung\nsein.</p><hr/>\n\n<p>Yannis Elafros ist Autor bei der griechischen Zeitung Prin.</p><p>\u00dcbersetzung: Eleni Triantafyllopoulou und Johanna Br\u00f6se.<br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Nicht zuletzt der Umstand, dass seine faschistischen M\u00f6rder frei herumlaufen, macht deutlich, dass unser antifaschistischer Kampf eine neue Intensit\u00e4t erreichen muss. Ein Debattenbeitrag von Yannis Elafros aus Athen."}, {"title": "Prozess gegen die M\u00f6rder von Cl\u00e9ment M\u00e9ric", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Prozess gegen die M\u00f6rder von Cl\u00e9ment&nbsp;M\u00e9ric</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Solidarit\u00e4tsaktion f\u00fcr den ermordeten Antifaschisten Cl\u00e9ment\" height=\"420\" src=\"/media/images/344ibkyakths.4f29551a.fill-840x420-c100.png\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">la horde</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><p>Am 4. September hat der Prozess gegen die M\u00f6rder von Cl\u00e9ment M\u00e9ric vor dem Schwurgericht in Paris begonnen. Er soll insgesamt zehn Tage dauern und am 14. September enden. Es sind schwierige zehn Tage f\u00fcr die Familie und die Freund*innen von Cl\u00e9ment, das ist sicher. Aber gleichzeitig sind es zehn notwendige Tage \u2013 mehr als <a href=\"https://revoltmag.org/articles/mehr-als-eine-minute-des-schweigens/\">f\u00fcnf Jahre nach seinem gewaltsamen Tod</a>. W\u00e4hrend der zehn Tage wird hoffentlich endlich offen ausgesprochen werden, was am 5. Juni 2013 geschehen ist, und aus welchen Gr\u00fcnden Cl\u00e9ment sterben musste; ohne dass von au\u00dfen versucht wird, diesen politischen Mord in eine Pr\u00fcgelei unter Jugendlichen zu verwandeln und damit zu verharmlosen.</p><p></p><p>Die Eltern von Cl\u00e9ment, seine Schwestern, seine Freund*innen und die Personen, die mit ihm politisch aktiv waren, k\u00f6nnen endlich \u00f6ffentlich deutlich machen, wer Cl\u00e9ment war, wof\u00fcr er sich engagiert hat und was ihm wichtig war. F\u00fcr sie ist dieser Prozess aber auch unheimlich schwer - nicht nur weil die Verhandlungen bis in die Details der Obduktionsberichte gehen, sondern auch, weil es ein Aufeinandertreffen mit den Angeklagten ist. Abgesehen von einem der T\u00e4ter, Esteban Morillo, zeigen weder die Mitangeklagten Samuel Dufour noch Alexandre Eyraud noch ihre Angeh\u00f6rigen Spuren von Reue. Anscheinend wollen sie nicht verstehen oder zugeben, inwiefern ihre politischen Ansichten sie (oder ihren Sohn bzw. ihren Freund) zu diesem Mord gef\u00fchrt haben. Der folgende Artikel berichtet nicht prim\u00e4r \u00fcber die Verhandlung, denn das ist schon jeden Tag ausf\u00fchrlich <a href=\"https://twitter.com/ComiteClement\">in den sozialen Netzwerken</a> geschehen. Vielmehr geht es darum, bestimmte Aspekte des Prozesses zu reflektieren. F\u00fcr uns als franz\u00f6sische Antifaschist*innen handelt es sich bei dem Mord an Cl\u00e9ment um einen politischen Mord, der im Rahmen eines besonderen politischen Klimas in Frankreich zu verstehen und zu beschreiben ist.</p><h2>Cl\u00e9ment: ein politischer Mord</h2><p>Schon am ersten Tag des Prozesses wurde uns klar, dass die Angeklagten alles machen werden, um den Prozess zu entpolitisieren. So hat einer der Angeklagten, Esteban Morillo, etwa seine Tattoos verschwinden lassen, um nicht mehr wie ein Neonazi-Skinhead zu wirken. Innerhalb der vergangenen 5 Jahre hatte er schlie\u00dflich genug Zeit, um zu \u00fcberlegen, wie er sein Aussehen ver\u00e4ndern kann. Der zweite Angeklagte, Samuel Dufour, sah es hingegen nicht einmal f\u00fcr notwendig an, am ersten Tag vor Gericht zu erscheinen. Obwohl er mit Morillo der t\u00f6dlichen K\u00f6rperverletzung angeklagt wird und deshalb f\u00fcr bis zu 20 Jahren Haft verurteilt werden kann, ist er ebenso wie die anderen beiden Angeklagten bereits nach einem Jahr beziehungsweise anderthalb Jahren aus der Untersuchungshaft entgelassen worden. Wegen der Abwesenheit von Dufour wurde die Verhandlung ausgesetzt, sodass der erste Vormittag verloren ging. </p><p>Am zweiten Tag des Prozesses ist er schlie\u00dflich vor Gericht erschienen. Als Grund f\u00fcr seine vorherige Abwesenheit gab er an, gegen die \"Ungerechtigkeit\" seiner Inhaftierung revoltieren zu wollen. Er habe Cl\u00e9ment M\u00e9ric nicht ber\u00fchrt. Auch seine Mutter unterstrich ihre \u00dcberzeugung, dass ihr Sohn nichts gemacht h\u00e4tte und trotzdem ins Gef\u00e4ngnis musste. F\u00fcr sie sei es ungerecht, dass nur die drei rechten T\u00e4ter inhaftiert wurden, jedoch nicht die angegriffenen Antifaschisten. Die vorsitzende Richterin musste die Mutter zweimal an den Tod Cl\u00e9ments erinnern, damit diese endlich Ruhe gab: \"Das, was wir wissen, ist, dass Cl\u00e9ment M\u00e9ric tot ist.\"</p><p>Doch Dufour war nicht der einzige, der sich dem Gericht entziehen wollte. Auf Verlangen der Familie von Cl\u00e9ment sollte eine bedeutende Pers\u00f6nlichkeit aus dem neonazistischen Spektrum vom Gericht vorgeladen werden. Allerdings hatte diese bereits im Vorfeld im Rahmen eines Interviews mit der rechten, national-katholischen Zeitung Pr\u00e9sent\u00a0bekannt gegeben, dass sie selbst im Falle einer Vorladung nicht zum Prozess kommen w\u00fcrde. Es handelt sich um den altgedienten <a href=\"http://lahorde.samizdat.net/2018/09/06/serge-batskin-ayoub-ou-lart-de-lesquive/\">Nazi-Kader Serge Ayoub</a>. Der \"batskin\" genannte Ayoub ist eine f\u00fchrende Pers\u00f6nlichkeit der neonazistischen Szene in Paris seit den 1980er Jahren. In seiner Kneipe, Le Local, haben die drei Angeklagten angefangen, politisch aktiv zu werden. Sie geh\u00f6rten anschlie\u00dfend zum Umfeld der laut eigenen Aussagen \"national-revolution\u00e4ren\"\u00a0Gruppierung Troisi\u00e8me Voie (kurz: TV \u2013 dt. \"Dritter Weg\") sowie der Jeunesses Nationalistes R\u00e9volutionnaires (kurz\u00a0: JNR \u2013 dt. \"Nationalistisch-Revolution\u00e4re Jugend\"), die eine eindeutig neonazistische Weltanschauung vertritt. Beide Gruppen zeichnen sich durch ihre Gewaltbereitschaft sowie die tats\u00e4chliche Anwendung von k\u00f6rperlicher Gewalt aus. Schon Serge Ayoub ist im Jahre 1998 einer Verurteilung wegen Mordes nur knapp entkommen. Seitdem ist er in Paris sowie Nordfrankreich f\u00fcr seine Gewalttaten ber\u00fcchtigt. Um der gerichtlichen Vorladung zu entgehen hat sich Ayoub f\u00fcr zehn Tage krankschreiben lassen und ist bis jetzt nicht vor dem Schwurgericht erschienen. In Anbetracht seiner Ank\u00fcndigung in der Presse \u00e4u\u00dferte selbst der Staatsanwalt Zweifel an der vermeintlichen Krankheit. Wie zum Hohn gab Ayoub in den folgenden Tagen weitere Interviews. Dort erz\u00e4hlte er, sich der Forderung des Gerichts nicht zu f\u00fcgen, da er nicht sein Leben riskieren wolle beziehungsweise nicht dazu gezwungen sein will, sich gegen Angriffe zu verteidigen und dabei zu t\u00f6ten, wenn er dort erscheine.</p><p>Auf der anderen Seite zeigt sich die angesprochene Tendenz zur Entpolitisierung des Prozesses auch im Umgang mit einem Sachverst\u00e4ndigen. Damit der politische Zusammenhang in Frankreich rund um das Jahr 2013 verst\u00e4ndlicher wird, sollte ein Experte \u00fcber die extreme Rechte vor dem Gericht erscheinen. Er erl\u00e4uterte, welche Rolle unter anderem die neonazistischen und gewaltbereiten Gruppen in Frankreich gespielt haben, als sich die Nationalkonservativen im Umfeld der \"Manif pour Tous\" (dt. \"Demos f\u00fcr alle\") gegen die sogenannte Homo-Ehe mobilisierten. In diesem Zusammenhang zog er eine Parallele zu der Situation in den 1980er Jahren, als die Nationalkonservativen f\u00fcr Privatschulen demonstrierten, welche die damals neue sozialistische Regierung weniger finanziell unterst\u00fctzen wollte. Als er anfing zu sprechen, begannen die Anw\u00e4lte der Angeklagten lautstark zu protestieren. Sie wollten auf jeden Fall verhindern, dass die Politik bzw. die politischen Ansichten ihrer Mandanten oder von deren Umfeld im Prozess ber\u00fccksichtigt werden. </p><h2>Eine politische Unterst\u00fctzung</h2><p>Trotz der gesellschaftlichen Widerst\u00e4nde sagen wir seit 2013 klar und deutlich, dass es sich bei dem Tod von Cl\u00e9ment um einen politischen Mord handelt. Seit \u00fcber f\u00fcnf Jahren versuchen wir, die Erinnerung an Cl\u00e9ment wach zu halten. Jedes Jahr haben wir zusammen mit tausenden solidarischen Menschen in den Stra\u00dfen von Paris und anderen franz\u00f6sischen St\u00e4dten demonstriert. Im Ausland sind Soli-Initiativen entstanden: in Italien und in Spanien, in den USA, in Kanada, in Griechenland und in Deutschland. Wir haben Veranstaltungen organisiert, damit j\u00fcngere Antifaschist*innen erfahren k\u00f6nnen, welche Ideen Cl\u00e9ment verteidigte und wof\u00fcr er k\u00e4mpfte. Wir haben sein Gesicht an die W\u00e4nde unserer St\u00e4dte gemalt, seinen Namen geschrieben und gerufen. Wir haben gesehen, wie lange die Ermittlung gedauert hat, wir haben nicht verstanden, warum der Prozess so sp\u00e4t er\u00f6ffnet wurde.</p><p>Nun hat der Prozess begonnen und f\u00fcr uns zeigt sich, dass sich nicht viel ge\u00e4ndert hat. Was uns wichtig ist, ist nicht die Strafe, sondern das Urteil. Wir wollen, dass der politsche Charakter von Cl\u00e9ments Mord anerkannt wird. Es darf keine Gleichsetzung zwischen den T\u00e4tern und dem Opfer geben. Deshalb kommen jeden Tag viele Menschen eine Stunde vor dem Beginn der Verhandlung zum Gericht. Es sind Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts, aus Paris und anderen St\u00e4dten, Gewerkschafter*innen und/oder Antifaschist*innen. Wir als Personen, die der Familie und den Freund*innen von Cl\u00e9ment beistehen und jeden Tag kommen, werden dreimal kontrolliert und durchsucht. Dabei schaut uns die Polizei noch schief an. Aber wir sind da, um unsere Solidarit\u00e4t zu zeigen. Vor der Er\u00f6ffnung des Prozesses gab es eine Kundgebung im Pariser Quartier Latin, bei der 200 Menschen die Anerkennung der politischen Dimension des Mordes verlangten. Am ersten Prozesstag haben sich 100 Menschen in der N\u00e4he des Palais de Justice\u00a0 versammelt und am Abend des selben Tages gab es erneut eine Kundgebung in Erinnerung an Cl\u00e9ment - an dem Ort, wo er ermordet wurde. Der Name dieser Stra\u00dfe, Rue de Caumartin, wurde symbolisch ge\u00e4ndert. An diesem Abend wurde sie zur \"Rue Cl\u00e9ment M\u00e9ric\". Vergleichbare Aktionen fanden in vier weiteren St\u00e4dten statt: in Montreuil und in Saint-Denis, zwei Vororten von Paris, sowie in Nantes und in der s\u00fcdfranz\u00f6sischen Stadt Auch. </p><p>Wir wissen zwar nicht, wie der Prozess ausgehen wird. Aber wir sind uns eines sicher, dass wir weiter k\u00e4mpfen werden: in Erinnerung an Cl\u00e9ment und an alle, die von den Nazis ermordet wurden. Hier in Frankreich und anderswo in der Welt.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Juni auf dem H\u00fcgel des Parc de Belleville stehen und \u00fcber Paris blicken, h\u00e4ngen die Wolken tief und die Stadt liegt grau und neblig vor uns. Der Eiffelturm \u00fcberragt als graues und in der diesigen Luft unscharf erscheinendes Stahlunget\u00fcm alle \u00fcbrigen Geb\u00e4ude von Paris und nur die goldene Kuppel des Invalidendoms blitzt als heller Tupfer aus dem verregneten Stadtbild hervor.</p><p>Es ist das dritte Mal, dass wir im Zusammenhang mit dem Gedenken an Cl\u00e9ment nach Paris reisen. Bevor wir an den geplanten Gedenkveranstaltungen teilnehmen, laufen wir im Nieselregen durch die Stadt und besuchen einige bekannte Orte wieder, die wir mit dem Gedenken an ihn verbinden: das von zahlreichen kleinen Gesch\u00e4ften, Bars und Bistros gepr\u00e4gte alternative und proletarischeViertel M\u00e9nilmontant, die bunte H\u00e4userwand, an der Cl\u00e9ments Freund_innen Graffitis im Gedenken an ihn spr\u00fchen und die steinerne Gedenkplakette auf dem Friedhof P\u00e8re Lachaise f\u00fcr die Ermordeten der Pariser Kommune von 1871, die heute noch einen wichtigen historischen Bezugspunkt f\u00fcr viele Pariser Antifaschist_innen darstellt. Anschlie\u00dfend machen wir uns auf den Weg in den Vorort Montreuil, wo in dem linken Nachbarschaftszentrum La Parole Errante die internationale Gedenkkonferenz mit vielen Veranstaltungen stattfindet. In der Halle wird an zahlreichen St\u00e4nden Informationsmaterial verschiedener Initiativen und Gruppen wie die Antifastrukturen La Horde und AFA Paris-Banlieue, dem Collectif ViesVol\u00e9es \u2013 Ein Kollektiv, das sich f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung von Morden durch Polizist_innen einsetzt \u2013und den Cheminots en Gr\u00e8ve (Eisenbahner_innen im Streik) angeboten. Es gibt Essen, Getr\u00e4nke und auf der anderen Seite der Halle ist eine B\u00fchne und eine Zuschauer_innentrib\u00fcne aufgebaut. Auf dem Plan stehen heute eine Infoveranstaltung \u00fcber rechte Strukturen und Gruppen in Frankreich sowie ein Podium mit dem Collectif de M\u00e8res solidaires, den Madri Per Roma Citta\u2019 Aperta, Madres Contra la Represi\u00f3n und Mamme in Piazza per la Libert\u00e0 di Dissenso: Das sind allesamt solidarische Zusammenschl\u00fcsse von M\u00fcttern, die sich f\u00fcr die Freiheit ihrer inhaftierten oder von Repression betroffenen T\u00f6chter und S\u00f6hne und das Gedenken f\u00fcr von Nazis ermordete Antifaschist_innen einsetzen. Sie nutzen die Konferenz, um von ihren K\u00e4mpfen zu berichten und sich untereinander zu vernetzen.</p><p>Wenn M\u00fctter von ihren Kindern erz\u00e4hlen, die staatliche Gewalt erlebt haben, die nur aufgrund ihrer politischen \u00dcberzeugungen im Knast sitzen, oder von Nazis aus dem Leben gerissen wurden, ist das ein ergreifender Moment. Als sie das Wort ergreifen, sind die Zuschauer_innentrib\u00fcne und der Raum darum herum voller Menschen, die ihnen zuh\u00f6ren: \u201eWir sind antikapitalistisch, internationalistisch und revolution\u00e4r und wir m\u00fcssen den Kampf weiterf\u00fchren!\u201c Die Wut und Verzweiflung \u00fcber das Unrecht, das ihren Kindern angetan wurde, aber auch die Kraft und Entschlossenheit, mit der sie f\u00fcr sie k\u00e4mpfen, beeindrucken uns nachhaltig.</p><p>Einen Tag sp\u00e4ter empf\u00e4ngt uns Paris mit strahlendem Sonnenschein. Wir stehen auf der Place Gambetta, wo die gro\u00dfe Gedenkdemonstration f\u00fcr Cl\u00e9ment starten wird. Kurz nach unserem Eintreffen l\u00e4uft eine Antifa-Spontandemonstration auf den Platz zu und trifft unter Jubel, Parolen-Rufen und dem Z\u00fcnden von Pyro-Technik auf die bereits Wartenden. Wenig sp\u00e4ter wird eine Feuerwerksbatterie abgefeuert und markiert den Beginn der Demonstration. Zahlreiche Menschen stellen sich auf der Stra\u00dfe auf, klatschen im Takt und rufen \u201eCl\u00e9ment!\u201c oder \u201eCl\u00e9ment, Cl\u00e9ment, Antifa!\u201c. Die Demo setzte sich auf der Avenue Gambetta am Friedhof P\u00e8re Lachaise vorbei in Bewegung. Ganze vorne laufen die Angeh\u00f6rigen und Freund_innen Cl\u00e9ments und die M\u00fctter, die am Vorabend auf der Konferenz gesprochen hatten. Auf dem Front-Transparent ist das Konterfei Cl\u00e9ments mit den Worten \u201eNe pas baisser les yeux \u2013 5 ans Cl\u00e9ment toujours pr\u00e9sent\u201c (\u201eNicht den Blick senken \u2013 5 Jahre Cl\u00e9ment, noch immer pr\u00e4sent\u201c) zu sehen. Dazu halten die Demonstrierenden ein Gedenkbanner f\u00fcr Carlos Palomino [1] und Transparente unterschiedlicher Antifagruppierungen. Auf der Demo wehen zudem viele Fahnen, auch die des Baskenlands, die PKK-Fahne und die Pal\u00e4stina-Flagge. Auch ein Block der Sans-Papiers-Bewegung l\u00e4uft in der Demo mit.</p><p>Die gesamte Demonstration verl\u00e4uft ohne Zwischenf\u00e4lle: Sie ist laut, kraftvoll und schafft es, das Gedenken an Cl\u00e9ment und all die anderen entschlossen, k\u00e4mpferisch und w\u00fcrdevoll auf die Pariser Stra\u00dfen zu tragen. Die Parolen werden von Rauch und Pyrotechnik in allen erdenklichen Farben begleitet. An der Place de la R\u00e9publique trifft der Demozug auf eine weitere Demonstration gegen Abschiebung und f\u00fcr die Rechte von Migrant_innen und vereinigt sich mit dieser. Insgesamt beteiligen sich zahlreiche Initiativen und Einzelpersonen aus unterschiedlichsten L\u00e4ndern. Nach der Demo f\u00fchrt uns unser Weg erneut ins La Parole Errante in Montreuil, wo sich bereits viele Demonstrant_innen bei gutem Wetter im Garten ausruhen. Heute findet eine Diskussionsveranstaltung in dem Zentrum statt und im Anschluss ein Hip-Hop-Konzert mit franz\u00f6sischen und internationalen K\u00fcnstler_innen, das zahlreiche Zuschauer_innen anzieht.</p><p>Der Sonntag ist der letzte Tag des Gedenkwochenendes f\u00fcr Cl\u00e9ment. Auf dem Plan steht ein Fu\u00dfballspiel des FC M\u00e9nilmontant 1871 im Pariser Vorort Bobigny. Der MFC 1871 gr\u00fcndete sich erst vor wenigen Jahren aus Mitgliedern der Action Antifasciste Paris-Banlieue und Jugendlichen aus Paris und den <a href=\"https://revoltmag.org/articles/der-frust-der-vergessenen/\">Banlieues</a>. Der Name bezieht sich zum einen auf das k\u00e4mpferische Arbeiter_innenviertel M\u00e9nilmontant, aus dem viele (Gr\u00fcndungs-)Mitglieder kommen und zum anderen auf die Pariser Kommune, die 1871 gegr\u00fcndet und kurze Zeit sp\u00e4ter blutig zerschlagen wurde. Das Wetter ist warm und sonnig und die Stimmung auf der kleinen Zuschauer_innentrib\u00fcne gut. Fu\u00dfball- und Gedenkparolen f\u00fcr Cl\u00e9ment werden gerufen, Pyrotechnik gez\u00fcndet, Fahnen geschwenkt. Die Teilnehmer_innenrunde ist kleiner als bei den vergangenen Veranstaltungen des Wochenendes und es ist sp\u00fcrbar, wie der Stress, den die Durchf\u00fchrung einer so gro\u00dfen Konferenz mit sich bringt, von vielen Organisator_innen abf\u00e4llt. Obwohl der MFC an diesem Tag 1:2 verliert, ist die Begeisterung der Spieler und der Fans w\u00e4hrend und nach dem Spiel gro\u00df.</p><h2><b>Der Mord an Cl\u00e9ment M\u00e9ric: Ein R\u00fcckblick</b></h2><p>Am 05.06.2013 suchte Cl\u00e9ment gemeinsam mit Freund_innen ein Klamottengesch\u00e4ft in der Pariser Innenstadt auf. Zuf\u00e4llig besuchten auch einige Neonazis den Laden an diesem Tag. Es war die Zeit, in der die gro\u00dfen homophoben \u201eManif-pour-tous\u201c-M\u00e4rsche (\u201eDemo f\u00fcr alle\u201c) aufkamen und Cl\u00e9ment hatte sich an den jeweiligen Gegenprotesten beteiligt. Die Nazis erkannten ihn wieder und riefen einige Kamerad_innen zur Verst\u00e4rkung herbei. Vor dem Gesch\u00e4ft kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen den Gruppen, in deren Zug einer der Nazis \u2013 Esteban Morillo \u2013 Cl\u00e9ment einen Schlag gegen den Kopf versetzte. Er benutzte dabei mutma\u00dflich einen Schlagring. Die daraus resultierende Kopfverletzung war t\u00f6dlich. Cl\u00e9ment verstarb noch am gleichen Tag im Krankenhaus.</p><p>Esteban Morillo und ein weiterer Hauptt\u00e4ter wurden kurze Zeit sp\u00e4ter festgenommen, aber schon bald wieder auf freien Fu\u00df gesetzt. Die Ermittlungen zu dem Fall dauern bis heute an und der Beginn des Gerichtsverfahrens ist bisher noch nicht in Sicht. Die Staatsanwaltschaft bezweifelt den Einsatz eines Schlagrings, obwohl die Gerichtsmedizin best\u00e4tigt hat, dass der Schlag gegen Cl\u00e9ments Kopf nicht mit blo\u00dfer Faust ausgef\u00fchrt worden sein konnte. Auf einen Schlagring als Tatwaffe wollte sie sich allerdings nicht festlegen. Die Anklage lautet dementsprechend auch nicht auf Mord, sondern auf Totschlag. Wie sich herausstellte, stammten die T\u00e4ter aus der Neonazi-Gruppe \u201eJeunesses Nationalistes R\u00e9volutionnaires\u201c(Revolution\u00e4re Nationale Jugend), die enge Verbindungen zum \u201eTroisi\u00e8me Voie\u201c (Dritter Weg, eine neonazistische, antikommunistische Organisation) und seiner damaligen F\u00fchrungsfigur Serge Ayoub hatte. Serge Ayoub ist ein seit Jahrzehnten aktiver Rechtsradikaler, der jahrelang Neonazistrukturen in Frankreich aufbaute und weitverzweigte Verbindungen in die rechte Szene und auch zur Rassemblement National (ehemals Front National) hat.</p><p>Der \u00f6ffentliche und mediale Aufschrei nach dem Tod von Cl\u00e9ment war gro\u00df. Er f\u00fchrte den Menschen vor Augen, dass es in Frankreich aktive Neonazis gibt, sie ein Problem darstellten und dass diese nicht davor zur\u00fcckschrecken, Menschen umzubringen. F\u00fchrende franz\u00f6sische Politiker_innen bekundeten ihre Anteilnahme und sahen sich dem Druck ausgesetzt, \u00f6ffentlichkeitswirksam gegen Nazi-Strukturen vorzugehen. Die damalige Regierung verbot daraufhin per Dekret die Gruppen \u201eJeunesses Nationalistes R\u00e9volutionnaires\u201c und \u201eTroisi\u00e8me Voie\u201c, womit die neonazistische Bet\u00e4tigung der jeweiligen Mitglieder freilich nicht gestoppt wurde, die \u00d6ffentlichkeit aber erstmal beruhigt war. In den Medien begann schon bald ein Diskurs \u00fcber den genauen Ablauf der Ereignisse vom 05. Juni und die \u201eSchuldfrage\u201c, in dessen Verlauf Serge Ayoub eine willkommene Plattform geboten wurde, seine verqueren Ansichten auf die Todesumst\u00e4nde Cl\u00e9ments und seine politischen \u00dcberzeugungen \u00f6ffentlich kundzutun. Ayoub konnte jedwede Verbindung zu Cl\u00e9ments M\u00f6rder erfolgreich leugnen, obwohl seine Organisation und die Gruppe um den Hauptt\u00e4ter nachweislich eng zusammenarbeiteten; er sogar auf einem Foto mit Esteban Morillo abgelichtet wurde und es Telefongespr\u00e4che zwischen den beiden vor und nach dem Mord gegeben haben soll. Sogar von gro\u00dfen franz\u00f6sischen Fernsehsendern wie BFMTV wurde Ayoub eingeladen und konnte davon sprechen, dass die Gruppe um Cl\u00e9ment zuerst angegriffen h\u00e4tte, Morillo sich lediglich verteidigt habe und dass der Tod von Cl\u00e9ment zwar tragisch, aber nicht von Morillo beabsichtigt gewesen sei.</p><p>Medien und Politik stellten den Mord an Cl\u00e9ment als einen Krieg zwischen extremistischen Banden dar \u2013 eine im Zuge von Nazimorden h\u00e4ufige Vorgehensweise, um sich nicht weiter mit der Problematik und Gef\u00e4hrlichkeit von Nazistrukturen auseinandersetzen zu m\u00fcssen. Schlie\u00dflich verschwand das Thema nach und nach aus der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung. Von antifaschistischer Seite wurden gleich nach dem Mord gro\u00dfe Demonstrationen organisiert. Angeh\u00f6rige, Freund_innen und Genoss_innen gr\u00fcndeten das Comit\u00e9 pour Cl\u00e9ment, das das Gedenken an Cl\u00e9ment bis heute aufrechterh\u00e4lt und regelm\u00e4\u00dfig \u2013 insbesondere um seinen Todestag herum \u2013 Veranstaltungen organisiert.</p><h2><b>Einer von uns: \u00dcber die Bedeutung von Gedenkpolitik</b></h2><p>Cl\u00e9ment M\u00e9ric war einer von uns. Wir k\u00f6nnen das sagen, obwohl wir ihn nicht pers\u00f6nlich kannten, denn Cl\u00e9ment war ein Genosse, ein Antifaschist. Er k\u00e4mpfte f\u00fcr Ziele, f\u00fcr die auch wir k\u00e4mpfen und er k\u00e4mpfte gegen den Feind, gegen den auch wir k\u00e4mpfen. Er wurde nicht ermordet, weil er Cl\u00e9ment war, sondern weil er Antifaschist war. Nazis t\u00f6ten Menschen, die nicht ihrem Weltbild entsprechen oder dieses bek\u00e4mpfen. Die physische Vernichtung des politischen Gegners ist ihrer Ideologie zu eigen und es kann jede_n von uns treffen. Als wir 2017 auf der Gedenkkonferenz in Madrid im Rahmen des 10. Todestages von Carlos Palomino waren, sprachen die Genoss_innen in Bezug auf die von Nazis Ermordeten nicht von \u201eOpfern\u201c, sondern von \u201eGefallenen\u201c \u2013 eine treffende Bezeichnung, denn sie sind Gefallene in unserem gemeinsamen Kampf gegen Faschismus, an die wir uns erinnern wollen.</p><p>Wenn Nazis unsere Genoss_innen, unsere Freund_innen, unsere S\u00f6hne und T\u00f6chter ermorden, dann ist es wichtig, an diese furchtbaren Taten zu erinnern. Es ist wichtig, weil es tragisch ist, dass diesen Menschen gewaltsam das Leben genommen wurde. Es ist wichtig, weil sie wie wir f\u00fcr eine freiere und gerechtere Welt ohne Faschismus und Unterdr\u00fcckung k\u00e4mpften. Es ist auch wichtig, damit niemand vergisst, wie gef\u00e4hrlich Nazis und faschistisches Gedankengut und Handeln sind. Daf\u00fcr zu sorgen, dass unsere gefallenen Genoss_innen nicht vergessen werden, ist eine fortw\u00e4hrende Aufgabe. Gedenkpolitik, beziehungsweise das Andenken an die Ermordeten und die Aufkl\u00e4rung der Morde, lebt von dem Engagement der Antifaschist_innen, die auf verschiedene Weise an sie erinnern.</p><p>Oft nimmt das Interesse an Gedenkveranstaltungen f\u00fcr ermordete Genoss_innen mit der Zeit ab oder wird von anderen Themen \u00fcberlagert. So gingen nach den Morden an Carlos Palomino im Jahr 2007 in Madrid, wie auch nach dem Mord an Cl\u00e9ment in Paris, jeweils \u00fcber 10.000 Menschen auf die Stra\u00dfe, um ihre Trauer und Wut auszudr\u00fccken. In beiden St\u00e4dten berichteten uns die Freund_innen und Genoss_innen allerdings, dass mit den Jahren zunehmend weniger Menschen an den Gedenkveranstaltungen teilnahmen. Die Demos zu Carlos 10. und nun zu Cl\u00e9ments 5. Todestag waren zwar kraftvoll, bewegend und entschlossen, aber mit jeweils ca. 1.500 Teilnehmer_innen vergleichsweise klein. Beim Gedenkwochenende f\u00fcr Cl\u00e9ment zog das Konzert am zweiten Abend ein deutlich gr\u00f6\u00dferes Publikum an als die \u00fcbrigen Veranstaltungen. Auch das B\u00fcndnis Siempre Antifascista Berlin, das jahrelang ein Festival und Aktionen rund um den 11. November als internationalem Gedenktag f\u00fcr die von Nazis Ermordeten organisiert hatte, zog anl\u00e4sslich seiner Aufl\u00f6sung das Res\u00fcmee, dass das Interesse an konsum- und unterhaltungsorientierten Veranstaltungen im Gedenkkontext oftmals gr\u00f6\u00dfer war als an inhaltlichen. Trotzdem sind diese Veranstaltungen ein wichtiger Anlass zusammenzukommen und sich gemeinsam zu erinnern. Gegen das Vergessen zu k\u00e4mpfen und das Gedenken an unsere Genoss_innen aufrecht zu erhalten, liegt ganz bei uns.</p><h2><b>Erinnern hei\u00dft K\u00e4mpfen</b></h2><p>Die gedenkpolitische Arbeit ist oft bedr\u00fcckend, denn schlie\u00dflich ist sie die intensive Auseinandersetzung mit Genoss_innen, die nicht mehr unter uns sein k\u00f6nnen. Ihr wohnt jedoch auch eine eigene Kraft inne. Bemerkenswert ist im Zusammenhang mit dem Gedenken immer wieder die gro\u00dfe internationale Beteiligung. Das Gedenken wird zur Gelegenheit, sich zu treffen, auszutauschen, zu vernetzen, gemeinsam zu erinnern und st\u00e4rkt dadurch die antifaschistische Bewegung insgesamt. Es gibt auch Mut und ist beeindruckend, wenn die Hinterbliebenen trotz ihrer Trauer und Verzweiflung die Kraft finden, weiter f\u00fcr die Ziele ihrer Genoss_innen und Kinder zu k\u00e4mpfen. Indem wir an die Ermordeten erinnern und davon sprechen, wer sie waren und f\u00fcr welche Ziele sie sich eingesetzt haben, stehen auch wir f\u00fcr diese Ziele ein und bekennen uns zu ihnen. Wir haben auf unseren Reisen und Treffen mit Genoss_innen oft gefragt, was f\u00fcr sie wichtig ist am Gedenken. Auf die ein oder andere Weise war die Antwort immer die gleiche: Die beste Art zu gedenken ist es, den Kampf weiterzuf\u00fchren. Damit sie nicht umsonst gestorben sind. Und damit wir das, wof\u00fcr sie standen, irgendwann verwirklichen k\u00f6nnen.</p><p><b>Une vie de lutte \u2013 plus qu&#x27;une minute de silence!</b> [2]</p><hr/><p><b><i>Anmerkungen:</i></b></p><p>[1] Der 16-j\u00e4hrige Carlos Javier Palomino wurde am 11. November 2007 in einer U-Bahn in Madrid von einem 24-j\u00e4hrigen neonazistischen Berufssoldaten erstochen.<br/></p><p>[2] Der Slogan bedeutet in etwa: \u201eEin Leben des Kampfes- mehr als eine Minute des Schweigens!\u201c</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/mehr-als-eine-minute-des-schweigens/", "id": "https://revoltmag.org/articles/mehr-als-eine-minute-des-schweigens/", "author": {"name": "Mona Lorenz", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2018-06-26T09:41:14.227780+00:00", "date_modified": "2021-09-01T20:12:42.638719+00:00", "tags": ["re:port", "gedenken", "frankreich", "paris", "erinnerung", "cl\u00e9ment m\u00e9ric", "neonazismus", "antifaschismus", "antifa", "banlieues", "mord"], "summary": "Am 05. Juni 2013 wurde der franz\u00f6sische Antifaschist Cl\u00e9ment M\u00e9ric in Paris ermordet. 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W\u00e4hrend den alten politischen\nParteien wie dem </i>Partito Democratico<i> (PD, zu diesem geh\u00f6rt\netwa der fr\u00fchere Premier Matteo Renzi) und der </i>Forza Italia<i>\n(der Silvio Berlusconi angeh\u00f6rt) eine Absage erteilt wurde, erlebten\nProteststimmen wie die rassistische </i>Lega (ehemals Lega Nord<i> (LN)) im Norden\nund die Populist*innen des </i>Movimento 5 Stelle<i> (M5S) einen massiven\nAufschwung. Mittlerweile ist klar, dass die M5S und die Lega die neue\nRegierung bilden werden. Doch die bisher abgeschlossenen Vertr\u00e4ge\nzeigen kaum einen Bruch mit dem herk\u00f6mmlichen Kurs des PD, sondern\nlediglich eine Akzentuierung neoliberaler und repressiver Ma\u00dfnahmen. Sie sind\nweitaus nicht so antieurop\u00e4isch wie erwartet. F\u00fcr die\nPrekarisierten und auch die Arbeiter*innen so wichtige Wahlversprechen\nwie die R\u00fcckg\u00e4ngigmachung des Jobs Act oder der Rentenreform werden\nim Vertrag nicht erw\u00e4hnt, ebenso wenig die Einf\u00fchrung des\nGrundeinkommens (ein schillerndes Wahlversprechen der M5S). Nach\nmehrmonatigen Verhandlungen stimmte nun Staatspr\u00e4sident Sergio\nMattarella einem Vorschlag von M5S und Lega zu: Ministerpr\u00e4sident\nwird aller Voraussicht nach der Jurist Giuseppe Conte, ein der M5S\nnahestehender Technokrat. Damit wird die dritte Republik eingel\u00e4utet.\nLinke Ideen fanden bei diesen Wahlen wenig Ausdruck, auch ehemalige\nlinke Parteien stehen vor einem Scherbenhaufen. Doch die aktuelle\npolitische Lage bringt auch neue linke Kr\u00e4fte auf den Plan. Wir\nf\u00fchren unsere lose Reihe zu Italien fort und sp\u00fcren diesen neuen\nGegenbewegungen nach. </i>\n</p><p>\n</p><p>\n</p><p><i>Dazu z\u00e4hlt neue\nkommunistische Bewegung </i><i>\u00abPotere al\nPopolo\u00bb, die inzwischen italienweit aktiv ist. Der Impuls dazu\nentstand bereits im Jahr 2014 in einem sozialen Zentrum in Neapel</i><i>\nals eine Art Netzwerk von lokalen Basisinitiativen. Diese haben sich</i><i>\ninnerhalb des letzten Jahres national und international vernetzt und\nder Zusammenschluss trat bei den Wahlen in Italien im M\u00e4rz 2018 als\npolitische Bewegung an. Unsere Autorin Maja Tschumi hat mit dem\nAktivisten Maurizio aus Neapel \u00fcber die Entwicklung der\nkommunistischen Bewegung, \u00fcber ihre Grunds\u00e4tze, \u00fcber Erfolge und\nHerausforderungen und nicht zuletzt \u00fcber die notwendigen K\u00e4mpfe\ngesprochen, welche die junge Bewegung auch in Bezug auf die\nerstarkenden neofaschistischen Kr\u00e4fte in Italien vor sich hat</i><i>.</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]: </b><i>Euch gibt es nun\nseit knapp vier Jahren, bekannt wurde euer Name aber vor allem im\nletzten halben Jahr.</i><b> </b><i>Welche\nVorgeschichte hat die kommunistische Bewegung \u00abPotere al Popolo\u00bb?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p>\n<b>Maurizio:</b> Dazu m\u00fcssen wir einige Schritte zur\u00fcckgehen. Seit den 2000er Jahren befinden wir uns in Italien in bewegten, aber schwierigen\nZeiten. Die Krise der institutionellen Repr\u00e4sentanz der\nLinken gipfelte in den Ausschluss der letzten Kommunist*innen aus dem\nParlament im Jahr 2008. Die soziale Bewegung war trotz gr\u00f6\u00dferen\nMobilisierungen unf\u00e4hig, Angriffe auf die Arbeiter*innenklasse\nabzuwehren. In diesen Jahren wurden die nationalen Tarifvertr\u00e4ge\nausgeh\u00f6hlt, der K\u00fcndigungsschutz aufgehoben, die L\u00f6hne eingefroren\nund Formen prek\u00e4rer Vertr\u00e4ge, vor allem f\u00fcr junge Arbeiter*innen,\nvervielf\u00e4ltigt. Nach und nach verlor die soziale Bewegung also an\nMobilisierungskraft, Demonstrationen verwandelten sich zu\nritual\u00e4hnlichen Anl\u00e4ssen, an denen wir uns immer im engeren Kreis\nwiederfanden. Dann, 2014, wurde rund um das Kollektiv \u00abClash City\nWorkers\u00bb, das mit ihrem Buch \u00abDove sono i nostri\u00bb [1]\ngrunds\u00e4tzliche Fragen innerhalb der sozialen Bewegung in Italien\nhineintrug, ein erstes italienweites Netzwerk gegr\u00fcndet. Die soziale\nBewegung hatte sich vom politischen Subjekt verabschiedet, welches\nder Motor der sozialen Ver\u00e4nderung sein kann. F\u00fcr den gr\u00f6\u00dften\nTeil der Bewegung w\u00e4hlte die Arbeiter*innenklasse rechts, in einigen\npolitischen Ans\u00e4tzen gab es sozialen Klassen und daher den\nKlassenkampf schon gar nicht mehr. Wir haben die Klassenfrage wieder\nauf die Tagesordnung gebracht und starteten italienweite Treffen. In\nder Folge lancierten wir einen Prozess, welcher ausgehend von der\nAnalyse der Zentralit\u00e4t des Klassenkonflikts zwischen Kapital und\nArbeiter*innen die politische Arbeit neu zu interpretieren versuchte:\nEs ging nicht nur mehr darum, vor den Fabriktoren oder w\u00e4hrend\nDemonstrationen mit einem Flugblatt zu erkl\u00e4ren, was Ausbeutung ist\nund wie wir darauf antworten m\u00fcssen, sondern zu fragen, was die\naktuellen Bed\u00fcrfnisse der sehr heterogenen Arbeiter*innenklasse sind,\nzusammen mit Arbeiter*innen diese Fragen und Probleme zu diskutieren\nund entsprechende Mobilisierungsm\u00f6glichkeiten zu finden. Denn auf\ndem ganzen italienischen Territorium wird gek\u00e4mpft, diese K\u00e4mpfe\nbleiben aber territorial isoliert. Denken wir an die K\u00e4mpfe der\nLogistikarbeiter*innen im Norden Italiens oder an die 25-j\u00e4hrige\nBewegung gegen die Hochgeschwindigkeitsstrecke Turin-Lyon, NoTAV.</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b><i> </i><i>Das\nhei\u00dft ihr habt versucht, die unterschiedlichen K\u00e4mpfe in Italien\nwieder gemeinsam zu denken und zusammenzuf\u00fchren. Wie war denn die\nLage in Neapel zu dieser Zeit?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> F\u00fcr\nuns in Neapel war das Jahr 2015 ein wichtiges Jahr. Im M\u00e4rz haben\nwir, das sind die \u00abClash City Workers\u00bb, zusammen mit dem\nStudierendenkollektiv CAU und dem Sch\u00fcler*innenkollektiv SAC, ein\nehemaliges psychiatrisches Gef\u00e4ngnis besetzt, welches seit\n2007 leer stand: Das \u00abEx OPG\u00bb. So\nkonnten wir einen qualitativen Sprung nach vorne machen. Wir hatten\nnun einen Ort und eine Struktur zur Verf\u00fcgung, auf deren Basis die\nAktivit\u00e4ten in den Quartieren und mit den Arbeiter*innen zusammen\nentwickelt werden konnten. Innerhalb von drei Jahren haben wir\nzahlreiche soziale Aktivit\u00e4ten und Aktivit\u00e4ten der gegenseitigen\nHilfe (Mutualismus) vorangetrieben, welche jede Woche hunderte\nMenschen zusammenbringen: vom medizinischen Ambulatorium zur\nAnlaufstelle f\u00fcr Migrant*innen, von der proletarischen\nArbeiter*innenkammer zu kulturellen und Sportaktivit\u00e4ten und vieles\nmehr. [2].</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b><i> </i><i>Im\nNovember 2017 wurde \u00abPotere al Popolo\u00bb dann als eine gr\u00f6\u00dfere\npolitische Bewegung ins Leben gerufen, welche sich auf das Terrain\nder Wahlen wagte. Was war die Ausgangslage f\u00fcr die Ausweitung zu\neiner nationalen Bewegung?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> Potere\nal Popolo, verstanden als Zusammenschluss linker Organisationen und\nBasisinitiativen, wurde auf der Basis der obengenannten Entwicklungen\ngeboren. Wir stehen vor massiven sozialen Problemen und Konflikten,\ndie organisiert bek\u00e4mpft werden m\u00fcssen. Die Arbeitsmarktreform Jobs\nAct und die Bildungsreform \u00abbuona scuola\u00bb haben eine uferlose\nFlexibilit\u00e4t eingef\u00fchrt, vor allem f\u00fcr junge Arbeiter*innen, die\nnun schon w\u00e4hrend der Schulzeit unentgeltet Praktikas in Betrieben\nakzeptieren m\u00fcssen; Schwarzarbeit ist mittlerweile zu einem\nStrukturmerkmal des Arbeitsmarktes geworden; j\u00e4hrlich <a href=\"http://banchedati.chiesacattolica.it/pls/cci_new_v3/V3_S2EW_CONSULTAZIONE.mostra_pagina?id_pagina=84393\">migrieren\n124.000 Italiener*innen ins Ausland</a>\n(England, Deutschland, Schweiz die ersten Ziell\u00e4nder) [3], 40\nProzent davon sind 24- bis 34-j\u00e4hrige, 50 Prozent aus dem\n\u00abMezzogiorno\u00bb (dem S\u00fcden Italiens). T\u00e4glich sterben drei\nArbeiter*innen am Arbeitsplatz und 1700 Arbeitsunf\u00e4lle werden\ngemeldet. Die Mitte-Links-Koalition (Partito Democratico, PD) sprang\nschon vor L\u00e4ngerem auf den repressiven und fremdenfeindlichen Zug\neiner rechtskonservativen Politik auf, links davon scheiterten alle\nVersuche der Neuzusammensetzung einer alternativen politischen Kraft.\nDaraufhin haben wir uns entschlossen, den Spie\u00df umzudrehen: Wenn wir\n\u2013 damit gemeint sind junge M\u00e4nner, Frauen*, Prek\u00e4re \u2013 von\nniemandem repr\u00e4sentiert werden, warum repr\u00e4sentieren wir uns nicht\neinfach selbst und sto\u00dfen von den zahlreichen Basisinitiativen\nausgehend einen eigenen Organisierungsprozess an? Das war am 14.\nNovember 2017. Nach einem entsprechenden Aufruf in den Sozialen\nMedien versammelten sich nur vier Tage sp\u00e4ter, am 18. November 2017,\nim \u00abTeatro Italia\u00bb in Rom 800 Basisaktivist*innen aus ganz Italien,\num eine gemeinsame Perspektive und unsere Rolle bei den anstehenden\nnationalen Wahlen zu diskutieren. Das war ein gro\u00dfer Erfolg und ein\ndeutliches Zeichen, dass wir mit unserer Einsch\u00e4tzung einen Nerv\ngetroffen haben. \n</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b> <i>Warum\nder Name \u00abPotere al Popolo\u00bb? Welche Rolle spielt darin die Idee\neines linken Populismus und welche Konnotationen hat der Begriff\n\u00abPopolo\u00bb in Italien?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> \u00abPopolo\u00bb\nist sowohl ein soziologischer, als auch ein politischer Begriff.\nSoziologisch entspringt er der aktuellen Analyse: Die nun seit \u00fcber\nzehn Jahren andauernde Krise und die politischen Antworten der\nBourgeoisie haben nicht nur die klassischen \u00abproletarischen\u00bb\nArbeiter*innen empfindlich getroffen und in die Armut getrieben,\nsondern auch Teile der Mittelschicht prekarisiert. Wir m\u00fcssen also\ndie Neuzusammensetzung der Klasse auf der Basis dieser politischen\nund \u00f6konomischen Dynamiken fassen: Deindustrialisierungsprozesse,\nprek\u00e4re Schwarzarbeit in den boomenden Sektoren (Tourismus,\nGastronomie, Hotelbranche, Call Center), Biographien zwischen\nArbeitslosigkeit, Stellensuche und prek\u00e4ren Jobs, ein massiver Abbau\nsozialer Dienste, in erster Linie im Gesundheits- und Bildungssektor.\nPolitisch k\u00f6nnen wir uns nicht darauf beschr\u00e4nken, zum \u00abklassischen\nProletariat\u00bb zu sprechen. \u00abPopolo\u00bb integriert in dieser\nPerspektive all diejenigen sozialen Subjekte, die als Arbeitslose,\nKleinh\u00e4ndler*innen, erwerbslose Hausarbeiterinnen etc. \u00abproletarische\nExistenzen\u00bb leben. \n</p><p>\n</p><p>Zudem\nist der Name Potere al Popolo historisch auf eine bestimmte\npolitische Tradition zur\u00fcckzuf\u00fchren. Wir denken da konkret an die\nErfahrungen der \u00abBlack Panther Party\u00bb, welche die politische\nOrganisierung der schwarzen Bev\u00f6lkerung in den USA und die soziale\nGleichheit zwischen Schwarzen und Wei\u00dfen zum Ziel hatte. Bekannt\nwurden sie durch die Bilder von bewaffneten M\u00e4nnern in schwarzer\nLederjacke und Barett. Weniger bekannt sind ihre Basisaktivit\u00e4ten \u2013\ndie kostenlosen Fr\u00fchst\u00fccke, welche sie den Armen verteilten, die\nmedizinischen Ambulatorien, die sie f\u00fcr die Communities aufbauten\noder auch die Alphabetisierungsprogramme f\u00fcr <i>Schwarze</i>. Sie gingen\nalso von konkreten sozialen Bed\u00fcrfnissen von gesellschaftlich\nMarginalisierten aus, um ihre sozialen Aktivit\u00e4ten aufzubauen und\npolitische Organisierung vorzubringen. Wir befinden uns heute\nnat\u00fcrlich in einer historisch total anderen Situation, doch wir\nstellen fest, dass der freie Markt und der Staat immer mehr Menschen\nvom sozialen Reichtum ausschliesst. Von diesen historischen\nErfahrungen gibt es also jede Menge zu lernen. Potere al Popolo\nstellt sich in diese theoretische und politische Perspektive.</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b> <i>Welche\nAnalyse habt ihr von der Linken Italiens \u2013 wo steht sie und warum\nbraucht es eine Bewegung wie \u00abPotere al Popolo\u00bb?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> Nicht\nnur die italienische Linke, sondern die Linke <i>insgesamt</i>\nhat in den letzten drei Jahrzehnten den Bezug zu den Ausgebeuteten\nund Unterdr\u00fcckten fast komplett verloren oder aufgegeben. Dies ist\nunter anderem darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass linke Parteien\nb\u00fcrokratische Apparate geworden sind und sich viele politische\nAktivist*innen jenseits der konkreten Probleme der Arbeitenden\nverstehen. Wir verstehen uns als einen Teil dieser sozialen Gruppe.\nWir arbeiten prek\u00e4r und haben \u2013 mit oder ohne\nUniversit\u00e4tsabschluss \u2013 kaum Zukunftsperspektiven. Im S\u00fcden\nItaliens betr\u00e4gt die Arbeitslosenquote unter 20-30j\u00e4hrigen im\nSchnitt 36 Prozent, in gewissen Regionen sogar \u00fcber 50 Prozent. F\u00fcr\nuns kann sich eine radikale Linke nur dann neu konstituieren, wenn\nsie im Sozialen verankert ist. Das Prinzip, das wir hier verfolgen,\nist der Mutualismus. Dabei geht es uns um folgendes: Zu erforschen,\nwas die allt\u00e4glichen Probleme und Bed\u00fcrfnisse der arbeitenden\nKlasse sind, Formen der Organisierung zu finden, um diese Probleme\nangehen zu k\u00f6nnen und \u00fcber angemessene Mobilisierungsstrategien\nkollektive K\u00e4mpfe zu starten \u2013 immer mit dem Ziel, unsere\nexistenziellen Bed\u00fcrfnisse zu garantieren und zur\u00fcck zu erk\u00e4mpfen,\nwo sie bedroht sind. Das geht von selbstverwalteten Kinderkrippen\n\u00fcber kulturelle und Sportangebote (Theater, Tanzkurse, Boxgym) bis\nhin zu selbstorganisierten medizinischen Ambulatorien und \u00abCamere\nPopolari del Lavoro\u00bb (proletarische Arbeiter*innenkammern). Diese\nAktivit\u00e4ten und Strukturen stellen eine Art \u00abTrainingsorte\u00bb des\npolitischen Kampfes dar: \u00dcber die Mobilisierungen und K\u00e4mpfe wird\nPartizipation, Organisierung und Selbstverwaltung ge\u00fcbt, evaluiert\nund wenn m\u00f6glich auf eine neue Ebene gehoben. Im Grunde genommen\nmachen wir aber nichts Neues, sondern kn\u00fcpfen an die Tradition der\nersten sozialistischen, kommunistischen und anarchistischen\nErfahrungen an, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts \u00fcber\nmutualistische Aktivit\u00e4ten und in den von den Arbeiter*innen gebauten\n\u00abCase del Popolo\u00bb (Volksh\u00e4user) breite Bewegungen zu organisieren\nvermochten.</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b> <i>In\neurem Programm steht die \u00abVerteidigung der Verfassung\u00bb an erster\nStelle. Ihr sprecht an verschiedenen Stellen immer wieder von\nDemokratie \u2013 ist euer erkl\u00e4rtes Ziel nicht Sozialismus beziehungsweise\nKommunismus und eine revolution\u00e4re Umw\u00e4lzung der bestehenden Gesellschaft?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p>\n<b>Maurizio:</b> Unser Programm ist das Resultat\nvon Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen politischen\nKr\u00e4ften, die sich in Potere al Popolo versammeln. Um den Bezug auf\ndie Verfassung zu verstehen, m\u00fcssen drei Dinge erkl\u00e4rt werden:\nErstens geht die italienische Verfassung aus dem Partisanenkampf\ngegen den Faschismus hervor, sie beinhaltete also historisch wichtige\nElemente f\u00fcr die Befreiung der Arbeiter*innenklasse. Zweitens ist der\nPunkt zur Verteidigung der Verfassung in unserem Programm in einen\nkonkreten historischen Kontext zu setzen: Im Dezember 2016 wurde in\nItalien ein Referendum gegen die Verfassungsreform gewonnen.\nMinisterpr\u00e4sident Matteo Renzi (PD) wollte das wenige Progressive,\nwas die Verfassung heute noch beinhaltet, auch noch verabschieden und\nein Pr\u00e4sidialsystem einf\u00fchren, welches seine Macht noch mehr\nzentralisieren sollte. Das Referendum wurde auch dank wichtigen\nMobilisierungen von unten gewonnen. Drittens k\u00f6nnte es zwar den\nAnschein erheben, dass unsere Forderungen rund um die Verfassung uns\nausschliesslich in einem b\u00fcrgerlich-demokratischen Rahmen situieren,\ndoch wir denken, dass im gegebenen historischen Kontext solche\nAuseinandersetzungen und Mobilisierungen f\u00fcr ein gr\u00f6\u00dferes St\u00fcck\nvom Kuchen als Sprungbrett dienen k\u00f6nnen, um sich die ganze B\u00e4ckerei\nzu nehmen. Klar, wir stehen hier vor objektiven Grenzen des Kapitals,\nin dieser Krisenzeit \u00fcberhaupt was abgeben zu k\u00f6nnen. Doch (leider)\nist eine kommunistische Perspektive heute nicht erreichbar. Darum\nsind intermedi\u00e4re Auseinandersetzungen, Mobilisierungen und K\u00e4mpfe\nnotwendig. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass K\u00e4mpfe f\u00fcr die\nErlangung von Arbeitsvertr\u00e4gen von illegalisierten Arbeiter*innen,\ndie Anerkennung des medizinischen Ambulatoriums von Seiten der\n\u00f6ffentlichen Gesundheitseinrichtungen etc. K\u00e4mpfe darstellen, dank\ndenen wir uns als Kommunist*innen wieder einen sozialen und\npolitischen Raum erarbeiten und Hoffnung und Begeisterung ausl\u00f6sen\nk\u00f6nnen f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Ziele. Ohne diese \u00abZwischenschritte\u00bb ist es\nschwierig, eine kommunistische Perspektive zu denken. Denn wir stehen\nauch vor kulturellen Schwierigkeiten: Wir werden tagt\u00e4glich medial\nmit Nachrichten bombardiert, die die Klasse spalten und im\nmateriellen Leben die Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten in eine noch\nnie dagewesene kapitalistische Konkurrenz beziehungsweise einen \u00abKrieg unter\nden Armen\u00bb st\u00fcrzen. Wir m\u00fcssen also auch einen Weg finden, mit\nunseren Worten die Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten zu erreichen.\nDazu geh\u00f6rt, aktuelle politische Diskurse aufzugreifen und eine\neigenst\u00e4ndige Analyse und Antwort darauf zu geben. Nur so k\u00f6nnen\nMobilisierungen funktionieren und K\u00e4mpfe angestossen werden.  \n</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b> <i>Ihr\nversucht die Basisarbeit und den Stra\u00dfenkampf mit der Teilnahme an\nden Wahlen, das hei\u00dft einem Weg \u00fcber die Institutionen, zu verbinden.\nWelches sind die H\u00fcrden, die sich dabei stellen und wie habt ihr\nvor, sie zu \u00fcberwinden?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> Die\nEntscheidung, als neue politische Kraft an den nationalen Wahlen im\nM\u00e4rz 2018 teilzunehmen, erlaubte uns, den im 2014 angesto\u00dfenen\nProzess der Vernetzung zu intensivieren und in ganz Italien\nBasisversammlungen zu organisieren, an denen hunderte von\nAktivist*innen teilnahmen: Alte Genoss*innen, die aber seit Jahren\nnicht mehr organisiert waren; junge Menschen, die sich zuvor noch nie\nin einem Kollektiv organisiert hatten; Basisaktivist*innen, die sich\nin den letzten zehn Jahren auf ihre sozialen Aktivit\u00e4ten\nfokussierten und nun mit Potere al Popolo eine politische Perspektive\nwiederentdeckten. Von Anfang an pochten wir darauf, nicht einfach\neine neue Partei oder eine Wahlkoalition zu sein, die\nParlamentsmitglieder stellt, sondern diesen medialen Moment zu\nnutzen, um die Aufmerksamkeit auf die vielen sozialen Aktivit\u00e4ten zu\nrichten, die im ganzen Land von Genoss*innen vorangetrieben werden.\nWir kritisieren dieses Modell der politischen Repr\u00e4sentation\ndurchaus und halten trotz Teilnahme an den nationalen Wahlen an\ndieser Kritik fest. Denn ohne Mobilisierungen und Anst\u00f6\u00dfe von unten\nist es unm\u00f6glich, auch auf der Ebene der institutionellen\nRepr\u00e4sentanz Einfluss nehmen zu k\u00f6nnen. Die nationalen Wahlen\nstellten f\u00fcr uns in erster Linie auch eine M\u00f6glichkeit dar, auf\neiner nationalen Ebene sichtbar und h\u00f6rbar zu werden und an Kraft zu\ngewinnen. Von Anfang an war also klar, dass es nicht lediglich um die\nWahl von Potere al Popolo gehen kann und auf institutioneller Ebene\nf\u00fcr die Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen zu\nk\u00e4mpfen. Viel zentraler war f\u00fcr uns der Versuch, das Vertrauen an\ndirekte und kollektive Aktionen zu st\u00e4rken und daf\u00fcr den Kontext\nder nationalen Parlamentswahlen zu nutzen. Uns ist nat\u00fcrlich bewusst, dass dies Gefahren mit sich bringt und lediglich eine sch\u00f6ne\nAbsichtserkl\u00e4rung bleibt, wenn nicht weiterhin Basisarbeit in Form\nvon lokalen Organisierungen und Mobilisierungen geleistet wird. F\u00fcr\nuns sind die sozialen und mutualistischen Aktivit\u00e4ten der einzige\nWeg, um eine starke Bewegung aufzubauen. \n</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b> <i>Wer\nwurde zur Kandidatur aufgestellt?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> Die\nKandidatinnen* und Kandidaten von Potere al Popolo waren territoriale\nAktivist*innen von allen politischen Strukturen. Es waren also nicht\ngro\u00dfe und bekannte Namen, sondern die entlassene Call-Center\nArbeiterin, die in den letzten 18 Monaten einen Arbeitskampf gegen\ndie Entlassung von 1666 Mitarbeitenden angef\u00fchrt hat, Aktivist*innen\nder NoTAV-Bewegung gegen die Hochgeschwindigkeitsstrecke Turin-Lyon,\nAktivist*innen der \u00abBrigate di solidariet\u00e0 attiva\u00bb, welche sich vor\netwa acht Jahren gebildet haben, um w\u00e4hrend den Naturkatastrophen\nwie \u00dcberschwemmungen oder Erdbeben direkte Hilfe zu leisten und so\nweiter. Die Kandidat*innen waren also immer Ausdruck lokaler K\u00e4mpfe,\nMobilisierungen und Basisinitiativen. Damit wollten wir auch zeigen:\nPolitik ist nicht nur institutionelle Repr\u00e4sentanz in Hemd und\nAnzug, sondern auch Widerstand, sich die H\u00e4nde schmutzig machen,\nHoffnung auf tats\u00e4chliche Ver\u00e4nderung, Enthusiasmus von unten.</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b> <i>Ihr\nseid ganz klar eine klassenk\u00e4mpferische \u00abBewegung\u00bb. Wie w\u00fcrdet\nihr die Klasse der Arbeiter*innen heute in Italien fassen?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> Die\nmassive Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, die Rentenreform, welche\ndas Rentenalter erh\u00f6hte, die Schulreformen, welche immer mehr\njunge Menschen in einen hochprekarisierten Arbeitsmarkt dr\u00e4ngen, der\nAb- und Umbau des \u00f6ffentlichen Gesundheitssystems (in zehn Jahren\nsind alleine in der Stadt Napoli zehn Notfallstationen geschlossen\nworden), ein Migrationssystem, welches vor allem im S\u00fcden des Landes\ndie informelle Arbeit aufbl\u00e4st und vieles mehr haben sowohl die\nsoziale Zusammensetzung der Arbeiter*innenklasse, wie auch die\nWiderstands- und Organisierungsformen ver\u00e4ndert. Es ist kein Zufall,\ndass beispielsweise die wichtigsten Mobilisierungen der letzten Jahre\nin Sektoren organisiert wurden, in denen die migrantischen\nArbeiter*innen dominieren, n\u00e4mlich in der Logistikbranche im Norden\nund bei den landwirtschaftlichen Hilfsarbeiter*innen im S\u00fcden. Zudem\nhat sich die Integration der jungen Arbeiter*innen in den Arbeitsmarkt\nin den letzten Jahren ver\u00e4ndert, Schwarzarbeit und Vertragslosigkeit\n\u2013 obwohl schon seit jeher Strukturmerkmal des (s\u00fcd-)italienischen\nArbeitsmarktes \u2013 haben sich weiter verbreitet und sind zur\nNormalit\u00e4t geworden. Schliesslich werden \u00e4ltere Arbeiter*innen, die\nin den 1980er Jahren noch in den Genuss der erk\u00e4mpften\nErrungenschaften der 1970er Jahren kamen (automatische Lohnanpassung,\nK\u00fcndigungsschutz, gute Renten) zunehmend prekarisiert. Das sind nur\neinige Beispiele, welche die Dynamiken der Klassenzusammensetzung\nabbilden. Die andere Seite der Medaille sind die neuen\nOrganisationsformen, die von der Klasse ausgehen. Dabei denken wir an\ndie vor wenigen Wochen gegr\u00fcndete <a href=\"https://www.facebook.com/ridersunionbologna/\">Gewerkschaft\nder <i>Riders</i></a>,\nan die seit Jahren nun immer gr\u00f6ssere Bedeutung der Basis- und an\nden politischen Niedergang der konf\u00f6deralen Gewerkschaften und so\nweiter.</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b> <i>Welche\nStrategien verfolgt \u00abPotere al Popolo\u00bb auf regionaler, nationaler\nund internationaler Ebene? </i>\n</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b>\nKernpunkt unserer politischen Struktur sind die\nterritorialen Versammlungen, von denen in den letzten sechs Monaten\n\u00fcber 150 in ganz Italien entstanden sind. Die territorialen\nVersammlungen sind offen, jede* und jeder kann seine Themen\neinbringen. An den Versammlungen werden politische Analysen generiert\nsowie Aktionen und Kampagnen organisiert. <a href=\"https://poterealpopolo.org/continuare-migliorare-crescere-sulle-prossime-tappe-di-potere-al-popolo/\">Ende\nMai wird eine nationale Versammlung organisiert</a>,\nbei der es um die Frage geht, wie wir uns in naher Zukunft national \u2013\nund international \u2013 organisieren und vernetzen wollen. Wir bestehen\ndarauf, dass \u00fcberall \u00abCase del Popolo\u00bb (Volksh\u00e4user) nach dem\nVorbild der Besetzung Ex-OPG in Napoli entstehen sollen, in denen man\nsich treffen kann, soziale Aktivit\u00e4ten und Aktivit\u00e4ten der\ngegenseitigen Hilfe vorangetrieben, politische K\u00e4mpfe organisiert,\nSolidarit\u00e4t in Unterdr\u00fcckungs- und Ausbeutungserfahrungen erfahren\noder auch einfach eine soziale und politische Gemeinschaftlichkeit\ngelebt werden kann. Wir wollen einen Ort schaffen, der sich auf\ndiskursiver und praktischer Ebene gegen einen individualisierten\nAlltag zur Wehr setzt und antirassistische, antisexistische und\nsolidarische Beziehungen innerhalb der Klasse f\u00f6rdert und bewahrt.\nW\u00e4hrend der Wahlkampagne haben wir viele Kontakte im Ausland kn\u00fcpfen\nk\u00f6nnen. Es waren vorwiegend Auslanditaliener*innen, teils von der\nalten Migration, proletarische Arbeiter*innen, die in den 1960er,\n1970er migriert sind und in den Strukturen der damaligen\nKommunistischen Partei und der Gewerkschaften eine \u00abpolitische\nHeimat\u00bb hatten, teils von der neuen Migration, also Junge, die nach\nAbschluss ihres Studiums ausgewandert sind und heute entweder an\nUniversit\u00e4ten Forschung betreiben, oder eben auch in den\nitalienischen Restaurants in der K\u00fcche oder als KellnerInnen\narbeiten. Die soziale Zusammensetzung der Potere al Popolo-Kollektive\nim Ausland ist also sehr heterogen, was wiederum den Reichtum dieser\nKollektive darstellt. Mittlerweile gibt es Potere al Popolo-Kollektive fast in jeder gr\u00f6\u00dferen europ\u00e4ischen Stadt. Ja, sogar in\nMexiko-City wurde ein Kollektiv gegr\u00fcndet. Diese Strukturen sind\nnat\u00fcrlich fundamental f\u00fcr unsere internationalistische Perspektive.\nDar\u00fcber hinaus sind wir international mit vielen Kollektiven,\nOrganisationen und Parteien einen Austausch getreten: Vom\nArbeiter*innenkollektiv \u00abBerlin Migrant Strikers\u00bb \u00fcber die antifa\nGruppe \u00abantifascisti Bruxelles\u00bb, die Rosa-Luxemburg-Stiftung bis\nhin zu Parteien wie der Kommunistischen Partei Belgiens (PTB), La\nFrance Insoumise (LFI), der katalanischen CUP oder der\nbrasilianischen Landlosenbewegung MST (movimento sem terra). \n</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b> <i>Die\nWahlen selbst sind dann eher katastrophal zu Gunsten der Populist*innen des\nMS5 und des rechts-konservativen und neofaschistischen Lagers\nausgefallen (eine </i><a href=\"https://revoltmag.org/articles/systemblockade-italien/\"><i>Analyse\ndazu</i></a><i> schrieb Raffaele\nTraini f\u00fcr re:volt). In Napoli erreichte der MS5 sogar \u00fcber 50\nProzent der Stimmen. Potere al Popolo erreichte 1,13 Prozent. Warum\nkonnten die W\u00e4hler*innen nicht mit linken Argumenten abgeholt werden? </i>\n</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> Es\nw\u00e4re naiv gewesen zu denken, wir k\u00f6nnten mit einer kaum vier Monate\njungen politischen Bewegung ein besseres Resultat erreichen als wir\njetzt erreicht haben. Zudem haben wir eine starke mediale Marginalisierung\nund Verdrehung erlebt. So wurden w\u00e4hrend der Wahlkampagne in\ndiversen St\u00e4dten Treffen von neofaschistischen Gruppen wie CasaPound\noder Forza Nuova organisiert, wogegen auf Antira- und Antifa-Demonstrationen mobilisiert wurde. Die Zeitungen sprachen aber zum\nBeispiel kaum von der gro\u00dfen Demonstration in Macerata Anfang\nFebruar, nachdem ein durchgeknallter <a href=\"https://revoltmag.org/articles/nicht-die-zeit-zu-schweigen-es-ist-die-zeit-des-widerstands/\">Neofascho\nauf sechs <i>Schwarze</i> Menschen</a>\nschoss, an der \u00fcber 20.000 Menschen teilnahmen und f\u00fcr die wir\ntausende Aktivist*innen von Potere al Popolo aus ganz Italien\nzusammenbringen konnten. Wenn \u00fcber uns gesprochen wurde, dann nur in\neinem Atemzug mit den \u00abExtremen\u00bb von Rechts \u2013 der bekannte\nDiskurs der \u00abopposti estremismi\u00bb. F\u00fcr uns ist entscheidend, dass\nwir in dieser kurzen Zeit eine mediale Pr\u00e4senz \u00fcber Italien hinaus\nerreicht haben. In Italien haben uns fast 400.000 Personen gew\u00e4hlt,\nin den St\u00e4dten und Stadtteilen, in denen wir sozial und politisch\naktiv sind, haben wir bis zu 8 Prozent Stimmanteil geholt. Diese\nStimmen zeigen uns, dass wir weitermachen m\u00fcssen und unsere\nForderungen auf offene Ohren stossen. Selbstkritik ist aber insofern\nangebracht, als auch wir es nicht geschafft haben, bei den\nW\u00e4hler*innen eine breite Sensibilit\u00e4t f\u00fcr linke Themen zu wecken.\nErstens haben wir die Populist*innen des M5S falsch eingesch\u00e4tzt: Wir\ndachten, sie h\u00e4tten ihren Zenith erreicht und die linken W\u00e4hler*innen,\ndie bisher M5S w\u00e4hlten, k\u00e4men nun dank einem linken, alternativen\nAngebot in unsere Reihen. Das war nicht der Fall. Im Gegenteil: Die\nM5S konnte ihren Wahlanteil vor allem im S\u00fcden massiv ausbauen, ohne\njedoch eine soziale Pr\u00e4senz in den Territorien zu haben. Zweitens\nhaben wir es nicht vermocht, mit unseren Argumenten \u00fcber den\ntraditionellen linken W\u00e4hler*innenanteil hinaus zu \u00fcberzeugen und zu\nmobilisieren. Wir m\u00fcssen verstehen, warum das so ist und daran\narbeiten.</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b><i> </i><i>Italien\nnach den Wahlen. Was sind die Herausforderungen und wie geht es mit\nPotere al Popolo weiter?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> Es gibt\ndrei gro\u00dfe mittel- und langfristige Herausforderungen. Erstens muss\nes uns gelingen, die vielen territorialen, sozialen und\nmutualistischen Aktivit\u00e4ten zu intensivieren, zu verallgemeinern und\nzu organisieren. Nur so k\u00f6nnen wir die gesellschaftlichen und\npolitischen Konflikte auf die Spitze treiben und ausgehend von\nlokalen Mobilisierungen eine nationale oder gar europaweite Bewegung\netablieren. Zweitens m\u00fcssen wir die politische Schulung unserer\nAktivist*innen vorantreiben, um unsere Analyse- und\nInterventionsinstrumente zu sch\u00e4rfen und f\u00fcr die\nraschen politischen und gesellschaftlichen Umw\u00e4lzungen \u00abbewaffnet\u00bb\nzu sein. Diesbez\u00fcglich sind wir mit anderen internationalen\nBewegungen im Kontakt, um von ihren Erfahrungen zu lernen, zum Beispiel mit\nder Landlosenbewegung Brasiliens MST. Sie hat mit der Er\u00f6ffnung\nihrer Schule \u00abFlorestan Fernandez\u00bb im\nJahre 2005 zu einer Verbindung von allt\u00e4glichem und politischem\nWissen beigetragen und so viele Aktivist*innen ausbilden k\u00f6nnen, die\nlangfristig im Kampf des MST engagiert sind. Trotz unterschiedlicher\nhistorischer und sozio\u00f6konomischer Kontexte k\u00f6nnen wir davon viel\nlernen. Drittens m\u00fcssen wir uns eine organisatorische Struktur\ngeben, die \u00fcber die einfache Summe vieler Kollektive und\nOrganisationen hinausgeht. Ein medizinisches Ambulatorium in Neapel\nist eine unmittelbare Antwort auf die Krise des Gesundheitssystems\nder Stadt und eine proletarische Arbeiter*innenkammer kann\nArbeitsvertr\u00e4ge f\u00fcr eine Gruppe von illegalisierten Arbeiter*innen\nerk\u00e4mpfen. Denn ohne die Strukturierung \u00fcber ein Netzwerk hinaus\nbleiben wir machtlos gegen\u00fcber den massiven Angriffen des Kapitals,\nwelche wir heute erleben. In diesen Herausforderungen und Prozessen\nbefinden wir uns im Moment.</p><p>\n</p><hr/><p>\n</p><p><b>Fu\u00dfnoten:</b></p><p>\n</p><p>\n</p><p>[1] Hier findet sich eine <a href=\"http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DocumentServlet?id=36460\">deutsche\nBuchbesprechung</a> von Clash\nCity Workers, <i>Dove sono i nostri. Lavoro, classe e movimenti\nnell\u2019Italia della crisi, la casa usher</i>, Lucca 2014. 202\nSeiten.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>[2]\nAls Mutualismus verstehen wir eine Methode, um das Politische und das\nSoziale zu verbinden: Durch die Praxis der gegenseitigen Hilfe werden\nProbleme identifiziert, konkrete Antworten von unten darauf gegeben\nund durch kollektive Mobilisierungen und K\u00e4mpfe politisiert. Diese\nMethode kn\u00fcpft an die Erfahrungen der ersten sozialistischen\nBewegungen Mitte des 19. Jahrhunderts an.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Ist die Bev\u00f6lkerung im Angesicht der j\u00fcngsten\nfremdenfeindlichen und rechten Angriffen konservativ - oder geradezu\nfaschistisch geworden? Aus den Berichten der Mainstream-Medien und\nKorrespondenten l\u00e4sst sich kaum etwas \u00fcber den Zustand des Landes\nableiten, da sie in den meisten F\u00e4llen durch eine Brille der\nParteipolitik, korrupten Eliten, stagnierenden und vermutlich\nbankrotten \u00d6konomie und der Probleme des Migrationsregimes berichten.</p><p>\n</p><p>Aber es w\u00e4re\nschlichtweg falsch, sich an diese Erz\u00e4hlungen zu halten, um den\nWahlkampf und die aktuelle Wiederbelebung der Antifa-Bewegung in\nItalien zu verstehen.</p><p>\n</p><p>Beginnen wir mit\nder Selbstwahrnehmung der repr\u00e4sentativen Politik, die zunehmend zur\nAngelegenheit eines mehr oder weniger wohlhabenden \u00e4lteren,\nschrumpfenden Teils der italienischen Bev\u00f6lkerung wird, wodurch\ngro\u00dfe Teile der italienischen Bev\u00f6lkerung aus der \u201e\u00f6ffentlichen\nMeinung\u201c verschwinden.</p><p>\n</p><p>Insbesondere in\nden letzten f\u00fcnf Jahren sind die Mitgliederzahlen der Parteien (und\nder offiziellen Gewerkschaften) erheblich zur\u00fcckgegangen, die\n\u00f6ffentliche Finanzierung von Parteien wurde verboten, ihre hoch\nverschuldeten territorialen Organisationen teils abgebaut und der Weg\nf\u00fcr die Beeinflussung der Parteien durch private (und sogar\nausl\u00e4ndische) Lobbys und Interessen geebnet. Im Vergleich zu einer\nWahlbeteiligung von 80 Prozent im Jahr 2006 wird erwartet, dass nicht mehr\nals zwei Drittel der potenziellen W\u00e4hler am 4. M\u00e4rz zu den\nWahlurnen gehen werden. Manche sagen, die Wahlbeteiligung k\u00f6nnte\nsogar unter 50 Prozent fallen; bei den Jugendlichen k\u00f6nnte die\nWahlabstinenz bis zu 70 Prozent betragen.</p><p>\n</p><p>Nachdem man sich\ndiesen Kontext verdeutlicht hat, muss das elendige Narrativ\nthematisiert werden, das auf der einen Seite einen scheinbar\nunausweichlichen Faschismus beschreibt, der aus dem Nichts oder Dank\nder Gerissenheit ihrer F\u00fchrer entsteht, und auf der anderen Seite\ndiesen gemeinsam mit dem Antifaschismus als eine veraltete Ideologie\nbegreift, die nur Gang-Gewalt auf den Stra\u00dfen sch\u00fcrt. Drei\ngrundlegende Verschiebungen m\u00fcssen in Betracht gezogen werden, um\nden erneuten Aufstieg von Nationalismus und Faschismus in Italien\nad\u00e4quat zu begreifen.</p><p>\n</p><h2><b>Krise und\nAutoritarismus als neue Ordnung</b></h2><p>\n</p><p>Die Erste ist die\nStaatsschuldenkrise in S\u00fcdeuropa in den Jahren 2010-2011. Die\nunnachgiebige und r\u00e4uberische Haltung der EU-B\u00fcrokratien, die die\nGier und Vetternwirtschaft nationaler Politiker ausnutzte,\nentmachtete einige Teile der nationalen Bourgeoisie, wie man auch\nsp\u00e4ter w\u00e4hrend dem griechischen OXI sehen konnte. Letztere,\ninsbesondere diejenigen, deren Interessen von den Sanktionen gegen\nRussland im Zuge der Krim-Krise 2014 betroffen waren, begannen, sich\nvom Atlantizismus und dem neoliberalen Europ\u00e4ismus abzuwenden. Dies\nwar eine Entwicklung, die parallel verlief zu der Ver\u00e4nderung der\nausl\u00e4nderfeindlichen Partei<i> Lega Nord</i> \u2013 damals ein\nf\u00f6deralistischer und regionalistischer Zusammenschluss \u2013, die\nunter ihrem neuen Sekret\u00e4r Matteo Salvini auf eine lepenistische und\nnationalistische Linie gebracht wurde.</p><p>\n</p><p>Die Zweite steht\nim Zusammenhang mit den Auswirkungen der Migrationsstr\u00f6me im Zuge\ndes Arabischen Fr\u00fchling. Auch wenn diese in Italien weniger\nbedeutend waren als in L\u00e4ndern wie dem Libanon oder der T\u00fcrkei,\nstrapazierten sie den italienischen Staates in vielerlei Hinsicht \u2013\nnamentlich in Bezug auf Wohlfahrts- und Umverteilungssysteme,\nnationale Identit\u00e4t, Beziehung zur EU \u2013 und beeinflussten\ndementsprechend die politische Debatte. Trotz NATO-Operationen in\nLibyen; der Verantwortung daf\u00fcr, mittels der Etablierung \u00f6rtlicher\nCyber- und Milit\u00e4rkomplexe Unterdr\u00fcckung, Krise und Instabilit\u00e4t\nin Teilen Afrikas und des Nahen Ostens gef\u00f6rdert zu haben; der\nKomplizenschaft mit Erdo\u011fans AKP-Regime; und der \u00fcbergreifenden\nKooperation zwischen Parteien und kriminellen Organisationen bei der\nAusbeutung von Zuwanderern und ArbeiterInnen insbesondere im\naufstrebenden Logistiksektor konnten nur wenige den Zusammenhang\nzwischen Krieg, Migration und Austerit\u00e4t erkennen \u2013 und noch\nweniger dagegen ank\u00e4mpfen. \n</p><p>\n</p><p>Die dritte\nVerschiebung ist die vollendete Verwandlung der Mitte-Links<i>\nPartito Democratico</i> (PD) in ein neoliberales und autorit\u00e4res\nGebilde. \n</p><p>\n</p><p>Vor allem seit\ndem Jahr 2014, als der\nSekret\u00e4r von PD Matteo Renzi die ehemalige Letta-Regierung durch\neinen Palast-Putsch st\u00fcrzte, besteht eine verh\u00e4ngnisvolle\nhistorische Verantwortung dieser Partei, die extreme Rechte zur\u00fcck\nin die Mainstream-Politik gelassen zu haben. Nachdem seine Vorg\u00e4nger\nerstmals nach 50 Jahren ein gemeinsames Gedenken an die Faschisten\ndes Zweiten Weltkriegs gestatteten und eine Law-and-Order-Politik und\ndiskriminierende Rahmenbedingungen einf\u00fchrten in einem Versuch,\ndiese mit einer \u201elinken\u201c Identit\u00e4t zu verbinden, stach die von\nRenzi gef\u00fchrte Regierung in zweierlei Hinsicht hervor.</p><p>\n</p><p>Auf der einen\nSeite wurden die st\u00e4rksten sozialen Bewegungen\n(H\u00e4userkampfaktivistInnen, Studis, lokale Komitees,\nLogistikarbeiterInnen) in Italien sowohl mit gezielten Gesetzen als\nauch mit beinahe terroristischen \u201eSicherheitsoperationen\u201c\nangegriffen. Der Einsatz von Bereitschaftspolizei, Wasserwerfern,\nTr\u00e4nengas und anderen Mitteln der Massenkontrolle nahm w\u00e4hrend der\nAmtszeit der PD exponentiell zu, ebenso wie Formen von\npsychologischer, antisozialer Kriegsf\u00fchrung. Zum Beispiel wurde der\nBauhof f\u00fcr den Hochgeschwindigkeitszug TAV im Susa-Tal militarisiert\nund als \u201eOrt von nationalem Interesse\u201c erkl\u00e4rt, um die\nbasisdemokratischen Gegner zu kontrollieren und zu sanktionieren. Bei\nZwangsr\u00e4umungen von besetzten H\u00e4usern (inklusive kranker und\n\u00e4lterer BewohnerInnen und Kindern) in Bologna und Rom hingegen\nwurden teils bis zu 40 Polizeiwagen und Feuerwehrautos gleichzeitig\nin Anspruch genommen, was AktivistInnen dazu brachte zu sagen: \u201eDie\nPD tut, wovon die Lega nur tr\u00e4umt\u201c. \n</p><p>\n</p><p>Nach Renzis\nNiederlage und seinem R\u00fccktritt nach dem Verfassungsreferendum vom\nDezember 2016 (und der Schaffung der Gentiloni-Regierung: einem\nVersuch der Staatseliten, den Neoliberalismus und \u201eSicherheitswahn\u201c\nweiter zu festigen) wurde dieser Ansatz vom neuen Innenminister Marco\nMinniti fortgesetzt und vertieft. Der ehemalige Staatssekret\u00e4r in\nder Regierung D'Alema \u2013 verantwortlich f\u00fcr die Verweigerung des\npolitischen Asyls f\u00fcr den kurdischen F\u00fchrer Abdullah \u00d6calan im\nJahr 1999, was zu seiner anschlie\u00dfenden Verhaftung in Kenia f\u00fchrte\n\u2013 machte Karriere durch eine Reihe von Regierungs- und Parteiposten\nbei der Polizei, Geheimdiensten und NATO-Diensten. Als\nM\u00f6chtegern-Gustav Noske forcierte er eine Reihe abscheulicher\nMa\u00dfnahmen gegen die unteren Klassen und Bewegungen: Da g\u00e4be es zum\neinen den gleichnamigen Minniti-Orlando-Erlass, der die Polizei dazu\nerm\u00e4chtigt, Stadt- oder Stadtteilverbote f\u00fcr willk\u00fcrliche\nKategorien von Menschen und AktivistInnen auszusprechen. Zus\u00e4tzlich\nbef\u00f6rderte er den ehemaligen Genua-G8-Folterer Caldarozzi zu einer\nAnti-Mafia-Beh\u00f6rde. Und er war gleicherma\u00dfen daf\u00fcr verantwortlich,\nden Aufbau von Internierungslagern in Libyen zwecks Kappung des\nmassiven Gefl\u00fcchtetenzustroms vorangetrieben zu haben, ebenso wie\nf\u00fcr die Massenfestnahmen von Migranten auf italienischem Boden,\nwobei eine solche Operation in Mailands Hauptbahnhof vom vergangenen\nJahr an die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte \u201eZeus Xenios\u201c-Operation in\nAthen 2013 erinnerte. Dem Ganzen wurde mit dem (gescheiterten) Verbot\nvon Antifa-Demonstrationen in Macerata als Antwort auf die\nrechtsterroristische Attacke Anfang Februar 2018 die Krone\naufgesetzt. Dies war der Rahmen f\u00fcr die Verteidigung des\n\u201einstitutionellen Antifaschismus\u201c mit einer konfrontationsfreien,\ngedenkfeiernden und naiv-toleranten Herangehensweise \u2013 derweil sich\nStra\u00dfenfaschisten trotz der Gesetzeslage organisieren und\nfinanzieren konnten.</p><p>\n</p><p>Auf der anderen\nSeite fetischisierten Renzi und die ihn umgebenden Medien Salvini\n(und auch andere faschistische Parteien) als ihren bequemen\n\u201eabscheulichen Gegner\u201c und \u201en\u00fctzlichen Idioten\u201c anstatt sich\nauf einen absehbar nicht erfolgreichen Kampf gegen die aufsteigende\npopulistische F\u00fcnf-Sterne-Bewegung einzulassen. Sie konzentrierten\nsich somit auf einen, der niemals ernsthaft beabsichtigte, seinen\nnationalistischen und r\u00fcckschrittlichen Kampf gegen die \u201eanst\u00e4ndige\u201c\nneoliberale, europ\u00e4isch-progressive Elite zu gewinnen. Diese\nFokussierung erm\u00f6glichte es aber der rechtsextremen Partei, dem\nMainstream ihre eigenen Erz\u00e4hlungen, Perspektiven und abstrusen\nVorschl\u00e4ge zu unterbreiten. Parallel zu spektakul\u00e4ren Darstellungen\nvon Faschisten und Verbrechersyndikaten in Fernsehserien und\nFreizeitmagazinen erlaubten die Beh\u00f6rden zunehmend \u201esymbolische\u201c\n\u00f6ffentliche Gedenken an die faschistische Vergangenheit: Selbst der\nNazi-Kriegsverbrecher Erich Priebke erhielt eine \u00f6ffentliche\nBeerdigung und die sterblichen \u00dcberreste des verstorbenen K\u00f6nigs\nVittorio Emanuele III, der Mussolini unterst\u00fctzte, wurden\nzur\u00fcckgef\u00fchrt.</p><p>\n</p><h2><b>Antifa heute\nhei\u00dft Angriff auf die \u201eNationale Pr\u00e4ferenz\u201c</b></h2><p>\n</p><p>Was\nsind nun also die Ergebnisse dieser Prozesse? Nach der Entfremdung\nvon seiner eher linksgerichteten Basis, der K\u00fcrzung von\nSozialleistungen und der Entmachtung seiner StellvertreterInnen in\nGewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Institutionen in einem\nVersuch, nach rechts zu expandieren und zu einer \u201enat\u00fcrlichen\u201c\nRegierungspartei zu werden, die jeden einf\u00e4ngt,\nk\u00f6nnten die anstehenden Wahlen der letzte Akt eines allm\u00e4hlichen\nProzesses der PASOKisierung der PD sein \u2013 und zu ihrem endg\u00fcltigen\nUntergang f\u00fchren, oder sie in eine Koalition mit ihrem ehemaligen\nGegner Berlusconi zwingen. Aber das schlimmste Erbe der letzten f\u00fcnf\nJahre der Technokraten- und PD-Regierung (zusammen mit anderen\nexogenen Faktoren wie dem Versagen von Syriza und Podemos vor der\nh\u00f6heren Gewalt der EU-Politik) ist die durchg\u00e4ngige institutionelle\nHegemonie der Ideologie der \u201eNationalen Pr\u00e4ferenz\u201c. Letztere,\ndie in den 80er Jahren in Frankreich von Ideologen der rechtsextremen<i>\nFront National</i> entwickelt wurde, dreht sich um einen\nbevormundenden Ethnozentrismus und Nationalismus, der darauf aus ist,\n\u201eunsere Probleme zuerst zu l\u00f6sen\u201c und den Einheimischen den\nZugang zu Sozialhilfe und Dienstleistungen als erstes zu geben\nunabh\u00e4ngig vom jeweiligen Bed\u00fcrfniszustand. So wird die Solidarit\u00e4t\nzwischen Einheimischen und Fremden in verschiedenen K\u00e4mpfen und\nBewegungen behindert und ein fiktiver \u201einterner Feind\u201c geschaffen\n\u00e4hnlich wie im Europa der 1930er Jahren. Der Diskurs der \u201eNationalen\nPr\u00e4ferenz\u201c, der jetzt von allen Parteien im aktuellen Parlament\ngef\u00fchrt wird, muss das erste Ziel einer erneuerten langfristigen\nAntifa-Strategie nach den Wahlen sein. Diese wird notwendig eine sein\nm\u00fcssen, die die Verweigerung und den Ausschluss autorit\u00e4rer und\nsicherheitspolitischer Entwicklungen mit einer erneuten Pr\u00e4senz in\nzunehmend gemischten K\u00e4mpfen und Territorien integriert.</p><hr/>Das Kollektiv betreibt die linksradikalen Onlineplattform<a href=\"https://www.infoaut.org/\"> InfoAut.</a>\n\n<hr/>Aus dem Englischen \u00fcbersetzt von Conrad Schwerdt.<br/><p><br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Ein Antifaschist wird dabei niedergestochen. Er muss mit einer schweren Verletzung am R\u00fccken im Krankenhaus behandelt werden, \u00fcberlebt den Angriff jedoch. Die AngreiferInnen k\u00f6nnen dem neuen \u201eCasaPound\u201c zugeordnet werden. Ein breites antifaschistisches B\u00fcndnis hatte schon vorher zu einer Demonstration gegen die Nazi-Zentren, gegen Rassismus und faschistische Tendenzen mobilisiert und erh\u00e4lt nun in Folge des Angriffs internationale Unterst\u00fctzung. Auch unser Medienkollektiv, <a href=\"http://leftreport.blogsport.eu/\">Left Report</a>, entscheidet sich, nach Genua zu fahren und <a href=\"http://leftreport.blogsport.eu/video-corteo-antifascista-antifa-demo-in-genua-am-03-02-2018/\">von der Demonstration</a> zu berichten.</p><h2>Genua: Eine antifaschistische Stadt</h2><p>Genua ist eine Stadt mit einer langen antifaschistischen Tradition. Schon w\u00e4hrend die Stadt im Zweiten Weltkrieg unter deutscher Besatzung stand, sabotierten antifaschistische Aktionsgruppen Einrichtungen der Wehrmacht durch Bombenanschl\u00e4ge. Im Jahr 1945 begann in Genua ein Aufstand gegen die deutschen Truppen, der diese schlie\u00dflich zur direkten Kapitulation gegen\u00fcber den Vertreter*innen des <a href=\"http://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/480/\">Widerstands</a> zwang. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte die Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung und wurde Teil des norditalienischen \u201eIndustrie-Dreiecks\u201c [1]. Genua war gepr\u00e4gt von einer links gerichteten Arbeiter*innenschaft, die sich gegen rechte Umtriebe zu wehren wusste. So konnte im Juni 1960 ein Kongress der faschistischen Partei \u201eMovimento Sociale Italiano\u201c durch militante Proteste verhindert werden \u2013 ein Ereignis, auf das sich genuesische Antifaschist*innen auch heute noch gern beziehen. Nennenswerte Nazi-Aktivit\u00e4ten oder gar organisierte rechte Strukturen gab es in der Stadt demnach bisher nicht und bis Anfang des Jahres hatte es nach Angaben genuesischer Genoss*innen seit Jahrzehnten keinen rechtsmotivierten Angriff auf Antifaschist*innen gegeben. Im November 2017 er\u00f6ffnete in Genua allerdings ein B\u00fcro der neofaschischistischen HausbesetzerInnenbewegung und Partei \u201eCasaPound\u201c.</p><h2>\u201eCasaPound\u201c und der \u201eFaschismus des dritten Jahrtausends\u201c</h2><p>Die Bewegung \u201eCasaPound\u201c, die sich im Jahr 2003 gr\u00fcndete, ist nach dem amerikanischen Schriftsteller und Mussolini-Anh\u00e4nger Ezra Pound benannt. Sie bezieht sich positiv auf den historischen Faschismus \u2013 so bezeichnen \u201eCasaPound\u201c-Mitglieder Benito Mussolini als \u201e<a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=cMhMEVSBqnU\">Vater ihrer Heimat</a>\u201e - und stellt sich selbst als Vorreiter eines \u201eneuen\u201c, an die heutige Zeit angepassten Faschismus dar, den sie als \u201eFaschismus des dritten Jahrtausends\u201c bezeichnet.</p><p>Ihr Ziel ist die Durchsetzung sozialer Ma\u00dfnahmen nur f\u00fcr ItalienerInnen im nationalistischen Sinn. So f\u00fchrte \u201eCasaPound\u201c seit seinen Anf\u00e4ngen \u00f6ffentliche Speisungen f\u00fcr wei\u00dfe ItalienerInnen durch, ist im Zivil- und Umweltschutz aktiv und organisiert kulturelle und sportliche Veranstaltungen. Die Anh\u00e4ngerInnen setzen sich zudem f\u00fcr bezahlbaren Wohnraum ein und lassen in den von ihnen besetzten Zentren Familien einziehen, die ihrem rassistischen und neofaschistischen Weltbild entsprechen. In den vergangenen Jahren konnte \u201eCasaPound\u201c in Italien ein weitverzweigtes Netzwerk aufbauen und tausende Mitglieder gewinnen. Trotz ihres offenen Bekenntnisses zum Faschismus hat die Organisation den Status der Gemeinn\u00fctzigkeit und existiert seit 2012 auch als Partei. Bei den kommenden Parlamentswahlen am 04. M\u00e4rz 2018 tritt sie mit ihrem Mitbegr\u00fcnder und F\u00fchrungskader Simone di Stefano an und wirbt f\u00fcr einen Austritt aus der EU und eine gegen Migrant*innen gerichtete Politik. W\u00e4hrend CasaPound nach au\u00dfen ein \u201eSaubermann\u201c-Image vertritt und sich als normale Partei mit legitimen politischen Zielen pr\u00e4sentiert, sind ihre Mitglieder nicht selten in gewaltt\u00e4tige Aktionen gegen Migrant*innen und Andersdenkende verwickelt.</p><h2>Zum Messerangriff auf einen genuesischen Antifaschisten</h2><p>Nachdem sich Genua mit diesem neuen Problem einer neofaschistischen Pr\u00e4senz in der Stadt konfrontiert sah, bildete sich ein breites antifaschistisches B\u00fcndnis namens Genova Antifascista, das f\u00fcr den 03. Februar 2018 zu einer Demonstration gegen Nazi-Zentren, Rassismus und faschistische Tendenzen in der Regierung und f\u00fcr einen revolution\u00e4ren Antifaschismus mobilisierte.</p><p>Am sp\u00e4ten Abend des 12. Januar plakatierten Antifaschist*innen f\u00fcr eben diese Demonstration, als sie von einer Gruppe aus ca. 30 Neonazis, die mit Flaschen, G\u00fcrteln und Messern bewaffnet war, aus dem CasaPound [2] heraus angegriffen wurden. Ein Antifaschist wurde niedergestochen. Er musste mit einer schweren Verletzung am R\u00fccken im Krankenhaus behandelt werden, \u00fcberlebte den Angriff jedoch. Das Bekanntwerden des Angriffs versetzte der Mobilisierung f\u00fcr die Demonstration einen enormen Schub. Es traten weitere antifaschistische Gruppen und Einzelpersonen in das Organisationsb\u00fcndnis ein und zahlreiche Antifaschist*innen aus ganz Italien k\u00fcndigten ihre Teilnahme an.</p><h2>Corteo antifascista a Genova<br/></h2><p>Als wir von der Messerattacke in Genua und der damit zusammenh\u00e4ngenden Mobilisierung f\u00fcr die Gro\u00dfdemonstration h\u00f6rten, beschlossen auch wir, nach Genua zu reisen und dar\u00fcber zu berichten. Wir kontaktierten einige Genoss*innen vor Ort und kamen am Vorabend des 03. Februar an.</p><p>Unsere Unterkunft befand sich mitten in der Altstadt Genuas. Das \u201eCentro Storico\u201c, f\u00fcr das die ligurische Hafenstadt ber\u00fchmt ist, ist gepr\u00e4gt von seiner seit dem Mittelalter erhalten gebliebenen Struktur mit seinen verwinkelten Gassen, die nach oben hin enger zu werden scheinen und von denen manche nicht l\u00e4nger als der Balkon einer Berliner Neubauwohnung sind. Doch die Altstadt atmet nicht nur die mittelalterliche und neuzeitliche Geschichte der Stadt, sondern auch die antifaschistische. Sie ist das alternative Viertel Genuas \u2013 ein Arbeiter*innenviertel, migrantisch gepr\u00e4gt, in dem sich fernab von der Imposanz des riesigen Hafens mit seinen gro\u00dfen Kreuzfahrt- und Frachtschiffen das Leben der einfachen genuesischen Bev\u00f6lkerung abspielt. Touristisch ist das Viertel bei Weitem nicht so \u00fcberlaufen, wie die historischen Zentren anderer italienischer St\u00e4dte. Die Wege sind ges\u00e4umt von zahlreichen kleinen Gesch\u00e4ften und Lokalen und die W\u00e4nde sind voll von linken Graffitis, Plakaten und Aufklebern.<br/></p><p>In unmittelbarer N\u00e4he zueinander befinden sich zwei ehemalige Hausprojekte. Auch wenn die H\u00e4user heute leer stehen, zeugen die k\u00fcnstlerischen Bilder an den H\u00e4userw\u00e4nden noch von der Besetzung. In den Kneipen h\u00e4ngen Fotos von Partisan*innen und in einem besetzten Universit\u00e4tsgeb\u00e4ude befindet sich eine anarchistische Bibliothek. Die Graffitis in den Stra\u00dfen weisen auf die menschenunw\u00fcrdige Behandlung von Gefl\u00fcchteten hin und erinnern an den gewaltsamen Tod von Carlo Giuliani, der hier w\u00e4hrend der Proteste gegen den G8-Gipfel im Jahr 2001 von Polizisten erschossen wurde. Wir versuchten, uns vorzustellen, wie sich in den engen Gassen der Genueser Innenstadt Tausende Gipfelgegner*innen Stra\u00dfenk\u00e4mpfe mit der Polizei geliefert haben.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Gedenkstein f\u00fcr Carlo Giuliani\" height=\"1080\" src=\"/media/images/revolt-Gedenkstein_fur_Carlo_Giuliani.original.jpg\" width=\"1920\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Left Report</span>\n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Gedenkstein f\u00fcr Carlo Giuliani</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Mit den Genoss*innen sprachen wir \u00fcber den Messerangriff und die bevorstehende Demonstration. Sie zeigten sich ersch\u00fcttert und beunruhigt aufgrund der Gewalttat. Nachdem rechte Gewalt in Genua lange Zeit kein Problem war, verunsichert der Angriff die Menschen, aber macht sie auch w\u00fctend. Entsprechend w\u00fcnschten sich die Antifaschist*innen vor Ort, dass den FaschistInnen bei der Demonstration deutlich gemacht wird, dass sie unerw\u00fcnscht sind. Es herrschte aber auch Spannung, wie die Demo nach dem Mobilisierungsschub durch den Angriff ablaufen wird und eine leichte Nervosit\u00e4t ob der Frage, wie die Polizei auf die hohe Pr\u00e4senz angereister Antifaschist*innen in der Stadt an diesem Wochenende reagieren w\u00fcrde.</p><p>Am 03. Februar sammelten sich schon eine Stunde vor Beginn der Demonstration \u00fcber 1000 Menschen auf der Piazza De Ferrari, einem der gr\u00f6\u00dften Pl\u00e4tze Genuas und Hauptschauplatz der Proteste gegen die faschistische \u201eMovimento Sociale Italiano\u201c im Jahr 1960. Nach einiger Wartezeit setzte sich schlie\u00dflich bei strahlendem Sonnenschein ein Demozug von mehreren tausend Menschen in Bewegung. Die Durchmischung der Demo untermauerte, was die Genoss*innen immer wieder betonten: \u201eGenova is a red city.\u201c</p><p>Alles machte einen gut organisierten Eindruck. Hinter dem gro\u00dfen roten Fronttransparent und dem Lautsprecherwagen liefen in gro\u00dfem Abstand zueinander mehrere mit St\u00f6cken ausgestattete organisierte Reihen, die im Verlauf der Demonstration nach Bedarf ihren Standort wechselten, um die Menschen in eine bestimmte Richtung zu lenken oder Polizei und Presse auf Distanz zu halten. Danach folgten ein weiteres Transparent und die Masse der Demonstrationsteilnehmer*innen. In Redebeitr\u00e4gen wurden das neue \u201eCasaPound\u201c und der Messerangriff auf Antifaschist*innen thematisiert. Vor einem anderen erst k\u00fcrzlich er\u00f6ffneten Nazi-Treffpunkt stoppte die Demonstration. Die ganze Stra\u00dfe wurde in orangen Rauch eingenebelt und Vetreter*innen der Mainstream-Presse nachdr\u00fccklich weggeschickt. Als die Demo sich wieder in Bewegung setzte, wurde der Grund f\u00fcr das Vorgehen deutlich. Antifaschist*innen hatten den Nazi-Treffpunkt versiegelt, indem sie einen Metallfu\u00df an der T\u00fcr verschwei\u00dften und mit Silikon eine mit Graffitis bespr\u00fchte Holzwand vor dem Eingang anbrachten. Neben der Symbolkraft der Aktion wurde den Nazis das Betreten der R\u00e4umlichkeiten dadurch sicher erheblich erschwert. Immer wieder wurde aus der Demonstration Pyrotechnik in Form von Rauch und Bengalischen Fackeln gez\u00fcndet \u2013 so zum Beispiel auf dem gro\u00dfen Vorplatz des Bahnhofs Brignole und besonders an der Piazza Alimonda, wo Carlo Giuliani vor fast 17 Jahren erschossen wurde. Nur wenige Meter hinter der Kirche auf der Piazza Alimonda befindet sich nun das \u201eCasaPound\u201c-B\u00fcro, dessen Zufahrtswege an diesem Tag von der Polizei abgeriegelt waren. Hier l\u00f6sten sich einige hundert Menschen aus der Demonstration heraus und bewegten sich auf die Absperrung zu. Sie warfen pyrotechnische Gegenst\u00e4nde in Richtung der Polizei und skandierten antifaschistische Parolen.</p><p>Die Organisator*innen wollten weitere Aktionen in Richtung des \u201eCasaPound\u201c und der Polizei offenbar vermeiden und die Demonstration zuende f\u00fchren. Der Demozug bog also auf die gro\u00dfe Einkaufsstra\u00dfe Via XX Settembre ein. An einer Stelle f\u00fchrt die Stra\u00dfe unter einer imposanten Br\u00fccke, der Ponte Monumentale, hindurch, wo sich auch ein Denkmal f\u00fcr die genuesischen Partisan*innen befindet, die im Zweiten Weltkrieg gegen den Faschismus k\u00e4mpften. Einer von ihnen stand an diesem Tag unter den Marmorb\u00f6gen und sang das Partisanenlied \u201eBella ciao\u201c, in das der Rest der Demo mit einstimmte. Nach diesem ergreifenden Moment erreichte die Demo bald wieder die Piazza De Ferrari und somit ihren Endpunkt. Zum Abschluss wurden noch einmal zahlreiche Bengalos und Raucht\u00f6pfe gez\u00fcndet und wir versuchten, im dichten Nebel unsere Genoss*innen wiederzufinden.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Banner in der Demonstration in Genua\" height=\"1080\" src=\"/media/images/revolt-banner_in_der_demo_genua_n143kfU.original.jpg\" width=\"1920\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Left Report</span>\n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Banner in der Demonstration in Genua</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Insgesamt demonstrierten an diesem Tag \u00fcber 6000 Antifaschist*innen in Genua. Wir selbst waren beeindruckt von der St\u00e4rke und Au\u00dfenwirkung der Demonstration. Die Genoss*innen sprachen von der gr\u00f6\u00dften Demonstration in Genua seit Jahren und von einem deutlichen Zeichen gegen Faschismus. Vor allem, dass die Teilnehmer*innenzahl so hoch war, obwohl man sich auch ausdr\u00fccklich gegen faschistische Tendenzen in der Regierung richtete und und an diesem Tag f\u00fcr einen revolution\u00e4ren und antikapitalistischen Antifaschismus auf die Stra\u00dfe ging, wurde als Sieg betrachtet. In Gespr\u00e4chen wurden allerdings auch Sorgen \u00fcber die kommende Zeit ausgedr\u00fcckt, in der man sich auch fernab solcher Gro\u00dfereignisse den FaschistInnen organisiert in den Weg stellen und der Widerstand \u00fcber symbolische Aktionen hinaus gehen muss.</p><p>Erst als wir uns auf dem R\u00fcckweg von Genua nach Berlin befanden, h\u00f6rten wir davon, dass es am Tag der Demonstration in Genua einen faschistischen Anschlag in Macerata gegeben hatte.</p><h2>Der rechte Anschlag von Macerata</h2><p>W\u00e4hrend in Genua 6000 Menschen gegen Faschismus demonstrierten, fuhr der Attent\u00e4ter Luca Traini durch die 500 km entfernte Provinzhauptstadt Macerata und schoss \u00fcber Stunden hinweg gezielt auf schwarze Menschen, insbesondere afrikanische Migrant*innen. Er verletzte sechs Menschen schwer, wie durch ein Wunder kam niemand zu Tode. Erst nach \u00fcber zwei Stunden wurde Traini von der Polizei gestoppt und festgenommen. Der T\u00e4ter ist ein bekanntes Mitglied der faschistischen \u201eLega Nord\u201c und kandidierte im letzten Jahr auf Lokalebene f\u00fcr die Partei. Er stilisierte sich zum ideologischen M\u00e4rtyrer, lie\u00df sich in eine italienische Fahne geh\u00fcllt festnehmen und machte w\u00e4hrend seiner Vernehmung keinen Hehl aus seinen rassistischen Motiven. Als Beweggrund gab er einen Mord an einer 18-j\u00e4hrigen Italienerin an. F\u00fcr die Tat wurde kurzzeitig ein geb\u00fcrtiger Nigerianer in Untersuchungshaft genommen, der inzwischen aber nicht mehr als verd\u00e4chtig gilt.<br/></p><p>In der Folge wurde durch die Presse viel \u00fcber die rechte Gesinnung des Attent\u00e4ters bekannt. Er habe sich schnell radikalisiert, ein <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/politik/terror-in-italien-gewalt-schamlos-ausgenutzt/20934210.\">Exemplar</a> von \u201eMein Kampf\u201c besessen und die <a href=\"http://www.taz.de/Kolumne-Gehts-noch/!5481089/\">Wolfsrune</a> auf die Schl\u00e4fe t\u00e4towieren lassen. Bezeichnend aber sind vor allem die Reaktionen der Politik auf die Tat.</p><h2>Wo Schweigen herrscht, ist Platz f\u00fcr rechte Hetze</h2><p>Romano Carancini, B\u00fcrgermeister Maceratas, forderte \u00f6ffentlich, es solle Schweigen \u00fcber die Tat vom 03. Februar herrschen. Fassungslos machte seine damit einhergehende Forderung, nicht nur einen faschistischen Aufmarsch in Macerata, sondern auch eine f\u00fcr den auf die Tat folgenden Samstag geplante antifaschistische Demonstration abzusagen, denn die Stadt habe schon <a href=\"http://www.taz.de/Kolumne-Gehts-noch/!5481089/\">genug Wunden davon getragen</a>. W\u00e4hrend seine Sorgen um den Imageschaden der Stadt offenbar gro\u00df waren, fand er f\u00fcr die tats\u00e4chlichen Wunden der Opfer von Macerata keine Worte.</p><p>Ebenso meint Luigi di Maio, Spitzenkandidat der rechten 5-Sterne-Bewegung, es sei <a href=\"http://www.taz.de/Kommentar-rassistischer-Amoklauf-Italien/!5479591/\">Zeit zu schweigen</a>. Italiens Premierminister Paolo Gentiloni <a href=\"http://www.spiegel.de/politik/ausland/macerata-rechtsextreme-marschieren-in-der-stadt-in-italien-auf-a-1192639.html\">verurteilte die Tat zwar</a> als fremdenfeindlich, m\u00f6chte das Thema aber aus dem italienischen Wahlkampf heraushalten.</p><p>W\u00e4hrend sich also einige f\u00fchrende Politiker*innen \u00fcber den faschistischen Anschlag von Macerata also ausschweigen wollen, wird rechte Hetze laut. So macht der ehemalige italienische Ministerpr\u00e4sident und Spitzenkandidat der \u201eForza Italia\u201c Silvio Berlusconi die hohe Zahl an Zuwander*innen und die \u201elinke\u201c Politik der Regierung f\u00fcr die Gewalttat verantwortlich und nennt gefl\u00fcchtete Menschen \u201e<a href=\"http://www.spiegel.de/politik/ausland/macerata-silvio-berlusconi-nennt-migranten-soziale-bombe-a-1191784.html\">eine soziale Bombe</a>, die jederzeit explodieren kann\u201c. In die Hetze reihen sich auch der Spitzenkandidat der \u201eLega Nord\u201c Matteo Salvini und Giorgia Meloni, die f\u00fcr \u201eFratelli d&#x27;Italia\u201c kandidiert \u2013 beides extrem rechte Parteien, mit den denen Berlusconi f\u00fcr die Wahl eine rechte Allianz geschmiedet hat - <a href=\"http://www.corriere.it/elezioni-2018/notizie/sparatoria-macerata-salvini-l-invasione-migranti-porta-scontro-sociale-1e043e02-08e7-11e8-8b93-b872f63dbb4d.shtml\">mit ein</a>.</p><p>Italiens Rechte ist sich einig darin, dass der Anschlag von Macerata die \u201eTat eines Verr\u00fcckten\u201c war, das dr\u00e4ngendere Thema jedoch Migration und ein damit vermeintlich verbundener Anstieg der Kriminalit\u00e4t sei. Der Spitzenkandidat von \u201eCasaPound\u201c fand es bei <a href=\"http://www.cronachemaceratesi.it/2018/02/07/casapound-di-stefano-a-macerata-sono-qui-per-pamela-pena-di-morte-per-chi-lha-fatta-a-pezzi/1064140/\">einem Besuch in Macerata nach dem Anschlag</a> vor allem beklagenswert, dass es dort Parks gebe, die M\u00fctter mit ihren Kindern nicht mehr besuchen w\u00fcrden, weil dort Migrant*innen mit Drogen dealten. Er sei auch nicht wegen Luca Traini dort, sondern wegen der 18-j\u00e4hrigen Italienerin, die von einem \u201eBiest\u201c get\u00f6tet worden sei.<br/></p><p>Die rechte Hetze scheint bei den italienischen Wahlberechtigten gut anzukommen. Berlusconis Rechtsb\u00fcndnis jedenfalls liegt in Umfragen derzeit vorn.</p><h2></h2><h2>Wo rechte Hetze laut wird, muss antifaschistischer Widerspruch lauter sein</h2><p>Es gibt jedoch auch Menschen in Italien, die nicht glauben, dass man rechter Gewalt und Hetze mit Schweigen begegnen sollte. In Macerata selbst demonstrierten eine Woche nach dem Anschlag 30.000 Menschen gegen Faschismus und Rassismus. Zu der Demonstration hatten antifaschistische Gruppen, Gewerkschaften und linke Parteien aufgerufen und es nahmen Antifaschist*innen aus ganz Italien teil. Eine 93-j\u00e4hrige Partisanin, die extra f\u00fcr die Demonstration angereist war, sagte einem <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=v68PLDo4ta4\">Nachrichtensender</a> \u201eSolange ich eine Stimme habe, werde ich da sein.\u201c</p><p>Auch in anderen italienischen St\u00e4dten wie Mailand und Rom demonstrierten Tausende, in der Stadt Piacenza kam es zu militanten Protesten. Diese Menschen zeigen, dass rechte Gewalt nicht unbeantwortet bleibt und demaskieren die Aufrufe f\u00fchrender Politiker*innen zu schweigen als Nichtpositionierung, um im Wahlkampf keine Stimmen einzub\u00fc\u00dfen, indem man faschistische Gewalt als das benennt und verurteilt, was sie ist.</p><p>Es w\u00e4re fatal, rechten HetzerInnen nach der furchtbaren Tat von Macerata das Feld der Deutungshoheit zu \u00fcberlassen und es ist gut und wichtig, dass in Italien trotzdem Zehntausende gegen Faschismus und Rassismus laut geworden sind. Es ist nicht die Zeit des Schweigens, es ist die Zeit des Widerstands.</p><h2>Internationale Solidarit\u00e4t gegen faschistische Gewalt und Umtriebe</h2><p>Die Art der T\u00e4ter-Opfer-Umkehr, wie sie rechte PolitikerInnen nach dem Anschlag von Macerata betreiben, ist kein rein italienisches Ph\u00e4nomen. Es ist g\u00e4ngige Polit-Praxis vieler VertreterInnen rechter Parteien in Europa, Gewalttaten gegen Migrant*innen mit dieser und \u00e4hnlichen Argumentationslinien nachvollziehbar zu machen, soziale Konflikte durch Zuwanderung heraufzubeschw\u00f6ren und Rassismus als Angst vor Migrant*innen zu verkl\u00e4ren.</p><p>Die geistigen BrandstifterInnen schieben ihre eigene Verantwortung f\u00fcr die Zunahme rechter Gewalt von sich und stattdessen den Opfern zu. Die tats\u00e4chlichen Gewaltt\u00e4terInnen werden hingegen wahlweise als verr\u00fcckte Einzelt\u00e4terInnen oder B\u00fcrgerInnen mit \u201eAngst vor Zuwanderung\u201c bezeichnet. Und diese \u201e\u00c4ngste m\u00fcssen ernst genommen werden\u201c - so der g\u00e4ngige Tenor rechter Parteien und inzwischen auch vieler Parteien, die sich in der sogenannten \u201eMitte\u201c verorten. In diesen Zeiten des Rechtsrucks, der Normalisierung faschistischer Politik und immer neuer Gewalttaten gegen Migrant*innen und Andersdenkende, m\u00fcssen Antifaschist*innen solidarisch zusammenzustehen.</p><p>Es ist wichtig, Betroffene und diejenigen, die sich FaschistInnen in den Weg stellen, zu unterst\u00fctzen \u2013 ob in Genua, Macerata oder anderswo. Bei unserem Aufenthalt in Genua und auch auf anderen Reisen haben wir erlebt, wie viel Kraft es den Menschen in ihren K\u00e4mpfen vor Ort gibt, wenn Antifaschist*innen international ihre Solidarit\u00e4t bekunden und diese praktisch werden lassen \u2013 indem sie selbst in die Region reisen und den Kampf dort unterst\u00fctzen, dar\u00fcber berichten oder in anderen L\u00e4ndern und Orten solidarische Aktionen machen. Internationale Solidarit\u00e4t bedeutet, Kapitalismus und Faschismus dort gemeinsam zu bek\u00e4mpfen, wo sie w\u00fcten und emanzipatorische Gesellschaftsformen dort zu unterst\u00fctzen, wo sie entstehen.</p><hr/><p>Mona Lorenz ist Aktivistin des Berliner Medienkollektivs <a href=\"http://leftreport.blogsport.eu/\">Left Report.</a></p><p></p><hr/><h2>Anmerkungen</h2><p>[1] Stark industrialisierte Region in und um die St\u00e4dte Mailand, Turin und Genua.</p><p>[2] Die Zentren und B\u00fcros der Bewegung \u201eCasaPound\u201c werden ebenso selbst als \u201eCasaPound\u201c bezeichnet.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Dagegen organisiert sich antifaschistischer Widerstand. Mona Lorenz vom Medienkollektiv Left Report war vor Ort und berichtet."}]}