{"version": "https://jsonfeed.org/version/1", "title": "re:volt magazine Archiv", "home_page_url": "http://revoltmag.org/articles/?tags=307", "description": "Zeige Artikel mit den Schlagworten faschismus", "feed_url": "http://revoltmag.org/feeds/articles.json?tags=307", "language": "en", "icon": "http://revoltmag.org/static/logos/logo_192.png", "favicon": "http://revoltmag.org/static/favicon.png", "items": [{"title": "Verdichtete Eskalation", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Verdichtete Eskalation</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"muhtesem satrayni_semazen (2025).jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/muhtesem_satrayni_semazen_202.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">muhte\u015fem satrayni</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Am 18. M\u00e4rz erreichte die politische Eskalation in der T\u00fcrkei eine neue Stufe: Das Dekanat der Istanbul Universit\u00e4t entzog dem B\u00fcrgermeister der Stadt, Ekrem Imamo\u011flu, kurzerhand das Hochschuldiplom, das dieser dort vor \u00fcber 30 Jahre erworben hatte. Imamo\u011flu, Politiker der st\u00e4rksten Oppositionspartei Republikanische Volkspartei (<i>Cumhuriyet Halk Partisi</i>, CHP), wird schon seit geraumer Zeit als aussichtsreichster Gegenkandidat zu Erdo\u011fan bei den n\u00e4chsten Wahlen gehandelt; ein Universit\u00e4tsdiplom ist allerdings notwendig in der T\u00fcrkei, um zur Pr\u00e4sidentschaftswahl zugelassen zu werden. Aber das war noch nicht genug, schienen sich Erdo\u011fan und Konsorten gedacht zu haben: <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ekrem-imamoglu-a-gozalti,1226929\">Am 19. M\u00e4rz 2025</a> wurde Imamo\u011flu auf Grundlage von zwei unterschiedlichen Anklagepunkten \u2013 Korruption und Terrorunterst\u00fctzung \u2013 gemeinsam mit rund 100 seiner Mitarbeiter*innen und Kolleg*innen in Untersuchungshaft genommen. Vier Tage sp\u00e4ter wurde er dann per Gerichtsbeschluss in Gef\u00e4ngnishaft \u00fcberf\u00fchrt.</p><p>Das vielleicht \u00fcberraschendste an dieser Eskalation ist jedoch die Reaktion auf der Stra\u00dfe: <a href=\"https://t24.com.tr/haber/isntabul-da-imamoglu-protestolari-ogrenciler-sokaklara-tasti-vatandaslar-7-gun-polis-mudahalelerine-direndi,1228619\">Seit</a> dem Entzug von Imamo\u011flus Diplom hat sich eine <a href=\"https://www.ozgurlukharitasi.com/\">landesweite Massenbewegung</a> formiert, die schon am ersten Wochenende vom 22. bis zum 23. M\u00e4rz allein in Istanbul <a href=\"https://www.turkeyrecap.com/p/street-clashes-to-continue-in-turkeys\">600.000 Menschen t\u00e4glich</a> mobilisieren konnte. Eine Gro\u00dfkundgebung am letzten Samstag, den 29. M\u00e4rz, schaffte es sogar <a href=\"https://www.turkeyrecap.com/p/cornered-but-energized-turkeys-opposition\">bis zu</a> einer Million Menschen auf der anatolischen Seite Istanbuls zusammen zu bringen. Was steckt hinter dieser Entwicklung? Welche Strategie verfolgt Erdo\u011fan, und wie reagiert die Opposition?</p><h2><b>Erdo\u011fans ewiger Staatsstreich</b></h2><p>Selbst f\u00fcr langj\u00e4hrige Beobachter*innen der t\u00fcrkischen Politik wie mich bleibt jede neue Eskalationsstufe erstaunlich \u2013 obwohl ich selbst <a href=\"https://revoltmag.org/articles/frieden-oder-friedhofsruhe/\">noch vor weniger als einem Monat</a> im <i>re:volt magazine</i> schrieb: \u201eDas derzeitige sehr hohe Ma\u00df an Repression, auch gegen die wichtigste Oppositionspartei, die CHP, [wird] sicherlich beibehalten werden.\u201c Jede neue Repressionsfurie verbl\u00fcfft eben doch immer wieder. Tats\u00e4chlich war Erdo\u011fans aktueller Move aber auch im Konkreten keineswegs unerwartet \u2013 er hatte sich mit Pauken und Trompeten angek\u00fcndigt.</p><p>Seit Jahren steht der Istanbuler B\u00fcrgermeister Imamo\u011flu im Fadenkreuz der Regierung. Bereits vor den Entwicklungen der letzten Woche wurde aus <a href=\"https://www.hrw.org/news/2025/03/19/turkiye-istanbul-mayor-detained\">mindestens</a> f\u00fcnf Richtungen juristisch gegen ihn vorgegangen; seit Jahren h\u00e4ngt \u00fcber Imamo\u011flu das Damoklesschwert des politischen Bet\u00e4tigungsverbots aufgrund eines politischen Verfahrens. Sein \u201eVerbrechen\u201c: Imamo\u011flu hat sich in wenigen Jahren als ernstzunehmender Gegenkandidat zu Erdo\u011fan herauskristallisiert. Aber auch das ist nur Teil von Erdo\u011fans ewigem Staatsstreich: Die systematische und gewaltvolle Ausschaltung aller autonomen oder oppositionellen Akteur*innen von Rang in Staat und Gesellschaft. Das Muster ist bekannt: Seit Jahren sitzen f\u00fchrende kurdische und linke Politiker*innen wie Selahattin Demirta\u015f und Figen Y\u00fcksekda\u011f, viele kurdische B\u00fcrgermeister*innen oder auch der gr\u00f6\u00dfte Kulturm\u00e4zen des Landes (Osman Kavala) im Gef\u00e4ngnis. Es ist daher unbegreiflich, dass sich jetzt noch Artikel ver\u00f6ffentlichen lassen mit Titeln wie \u201e<a href=\"https://jacobin.com/2025/03/turkey-erdogan-imamoglu-imprisonment-authoritarianism\">Turkey\u2019s Authoritarian Turn</a>\u201c. Guten Morgen! Neu ist hingegen, dass sich die autorit\u00e4re Eskalation jetzt auch versch\u00e4rft gegen die republikanische, t\u00fcrkische Opposition und gegen einen ihrer f\u00fchrenden Politiker richtet, der zum ersten Mal seit \u00fcber 20 Jahren AKP-Herrschaft eine reale Aussicht auf Erfolg hat.</p><p>Keine Sekunde lang sollte man ernsthaft in Erw\u00e4gung ziehen, dass gegen Imamo\u011flu und die anderen Angeklagten irgendetwas wirklich Justiziables vorliegt. Die Anklagen sind, das zeigen die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-nun-121-sayfalik-ifadesi-,1227616\">Vernehmungsprotokolle</a> bei der Polizei und beim Haftrichter, so sehr <a href=\"https://www.hrw.org/news/2025/03/24/turkiye-court-jails-istanbul-mayor\">an den Haaren herbeigezogen</a> und so offensichtlich politisch motiviert, wie es nur geht. Der Entzug des Diploms etwa verst\u00f6\u00dft nicht nur gegen den Geist, sondern sogar <a href=\"https://t24.com.tr/haber/istanbul-universitesi-nin-imamoglu-na-degerli-mezunumuz-diye-hitap-ettigi-paylasimlar-gundem-oldu,1226916\">gegen den Buchstaben des Gesetzes</a>: Es wurde ein Gesetz angewendet, das es 1990, als Imamo\u011flu an die Istanbuler Universit\u00e4t wechselte, noch gar nicht gab. Selbst nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben w\u00e4re der Fall eine <a href=\"https://t24.com.tr/haber/idare-hukuku-hocalarindan-imamoglu-nun-diplomasi-konusunda-uzman-gorusu-diploma-iptali-acikca-hukuka-aykiri,1227082\">rein verwaltungsrechtliche</a> Angelegenheit \u2013 in einem (b\u00fcrgerlichen) Rechtsstaat w\u00e4re es <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aym-2023-te-emsal-niteliginde-diploma-kararina-imza-atmis-diplomayi-bir-yil-sonra-iptal-etmek-idarenin-tutarliligiyla-bagdasmaz,1226552\">undenkbar</a>, jemandem nach \u00fcber 30 Jahren wegen so etwas das Diplom zu entziehen. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-nun-savciliktaki-yolsuzluk-ifadesi-namusuma-haysiyetime-leke-getirecek-uygulamalari-yapanlarla-mucadelemi-hukuki-zeminde-sonuna-kadar-arayacagima-yemin-ettim-,1227803\">Die Korruptionsvorw\u00fcrfe</a> basieren auf den Aussagen von Geheimzeugen, deren Identit\u00e4t und Inhalte nicht \u00fcberpr\u00fcft werden k\u00f6nnen \u2013 ein altbew\u00e4hrtes Muster bei politischen Verfahren in der T\u00fcrkei. Immer wieder stellt sich im Nachhinein heraus, dass jene Geheimzeugen schlicht erfunden sind. Politische Fiktion, nichts weiter. Auch der Terrorvorwurf ist ein alter Hut: politische Zusammenarbeit mit Kurd*innen. <a href=\"https://www.lrb.co.uk/blog/2025/march/Imamoglu-s-arrest\">I</a><a href=\"https://www.lrb.co.uk/blog/2025/march/Imamoglu-s-arrest\">m konkreten Fall</a>: Die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ekrem-imamoglu-nun-teror-sorusturmasindan-ifadesi-ortaya-cikti-,1227792\">Zusammenarbeit</a> der CHP mit der pro-kurdischen, linken Partei f\u00fcr Emanzipation und Demokratie der V\u00f6lker (<i>Halklar\u0131n E\u015fitlik ve Demokrasi Partisi</i>, DEM) im Rahmen der Lokalwahlen 2024, insbesondere in Istanbul. Und: weil Kurd*innen Terrorist*innen sind, gilt das als Unterst\u00fctzung von Terrorismus. Klar, logisch.</p><p>Warum erfolgt der Schlag gegen Imamo\u011flu also genau jetzt? Erdo\u011fan ist ein politischer Meisterstratege von unvergleichlichem Geschick. Er wartete einfach auf den bestm\u00f6glichen Moment, um zuzuschlagen. Die n\u00e4chsten Wahlen stehen fr\u00fchestens in zwei Jahren, wahrscheinlich jedoch eher in drei Jahren (2028), an. Schafft er es jetzt, seinen elektoralen Hauptgegner auszuschalten, wird die Opposition es kaum schaffen, kurzfristig eine neue Figur mit vergleichbarer Strahlkraft aufzubauen. Gleichzeitig wird Erdo\u011fan noch genug Zeit haben, auch gegen einen weiteren Konkurrenten vorzugehen: Gegen den zweiten aussichtsreichen Oppositionskandidaten, den B\u00fcrgermeister von Ankara Mansur Yava\u015f (auch CHP), l\u00e4uft \u2013 suprise, suprise! \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ankara-buyuksehir-belediyesi-nin-33-konserine-kamu-zarari-iddiasiyla-sorusturma-izni-verildi,1228130\">auch schon</a> ein mehrteiliges Verfahren wegen Korruption. Besonders ironisch daran: Unter dem langj\u00e4hrigen AKP-B\u00fcrgermeister Melih G\u00f6k\u00e7ek (von 1994-2017) war Ankara <i>das </i>Sinnbild der Korruption der AKP-\u00c4ra, bis die CHP das B\u00fcrgermeisteramt 2019 \u00fcbernahm. Die \u00f6konomischen Folgen der Verhaftung sind f\u00fcr Erdo\u011fan jedenfalls <a href=\"https://umitak.substack.com/p/whats-next-for-turkiye\">durchaus noch verkraftbar</a>. Jeder m\u00f6gliche Schaden (Verlust von Devisenreserven der Zentralbank, Entwertung der Lira, wieder zunehmende Inflation) l\u00e4sst sich bis 2027-28 wieder derart einfangen, dass Erdo\u011fan sogar in altbekannter Manier kurz vor den n\u00e4chsten Wahlen erneut \u00f6konomischen Populismus betreiben k\u00f6nnte.</p><p>Umgekehrt wird es schwieriger werden, die aktuelle Mobilisierung und das Tempo der Opposition bis zu den n\u00e4chsten Wahlen aufrecht zu erhalten. Gut in Regierungskreise vernetzte Journalist*innen berichten, dass die AKP plant, die Istanbuler Stadtverwaltung mit Verfahren, Repression und Schikanen <a href=\"https://www.nefes.com.tr/yazarlar/nuray-babacan/topal-ordek-stratejisi-24064\">zu zerm\u00fcrben</a>, ob mit oder ohne Imamo\u011flu an der Spitze. Hinzu kommen die Friktionen und Spaltungstendenzen innerhalb der Opposition, auf die ich gleich genauer eingehen werde. Nicht zuletzt kommen Erdo\u011fan die internationalen Entwicklungen zugute: Er <a href=\"https://www.ft.com/content/ee3d8d91-1573-4236-9f41-749ced732732\">wei\u00df</a> nat\u00fcrlich, dass er mit Trump in den USA und einer EU, die dringend einsatzbereite Truppen f\u00fcr den Ukrainekrieg und Waffenschmieden f\u00fcr die \u201eZeitenwende\u201c ben\u00f6tigt, keinen g\u00fcnstigeren Zeitpunkt f\u00fcr seine aktuelle Offensive finden konnte <a href=\"https://www.ft.com/content/84683c95-e970-4c18-bff5-27f14e57679c\">als jetzt</a>. Die neueste Eskalationsspirale ist also nicht abgek\u00fchlt \u2013 sie hat gerade erst angefangen.</p><h2><b>Die Stra\u00dfendynamik und ihre Errungenschaften</b></h2><p>So weit, so Erdo\u011fan. Nun ist aber auch er nicht unfehlbar und seine Kalk\u00fcle gehen nicht immer auf. Wirklich \u00fcberraschend bei den Entwicklungen der letzten Woche waren daher die riesigen landesweiten Massenmobilisierungen, die sich innerhalb weniger Tage entwickelten. Hatte die CHP urspr\u00fcnglich zu Kundgebungen am Istanbuler Rathaus und dem angrenzenden Sara\u00e7hane Park mobilisiert, sprengten die Proteste schnell diesen eng gesteckten Rahmen: Schon direkt am 19. M\u00e4rz <a href=\"https://x.com/ozgurlukcugnclk/status/1902637494404837619?s=52&amp;t=fprcCCrfm3TWL_wrtyfYWA\">mobilisierten zehntausende Studierende</a> fast aller \u00f6ffentlichen Elite-Universit\u00e4ten des Landes \u2013 ODT\u00dc und Bilkent in Ankara, Bo\u011fazi\u00e7i, Marmara, Istanbul Universit\u00e4t und Technische Uni in Istanbul \u2013 unter F\u00fchrung linksrevolution\u00e4rer Jugendorganisationen auf unabh\u00e4ngige Studierendendemonstrationen, und zwar t\u00e4glich. Anpolitisierte Jugendliche mit diffus nationalistischen Grund\u00fcberzeugungen mobilisierten sich selbst oder unter F\u00fchrung rechtsextremer nationalistischer Organisationen, ebenfalls zu Zehntausenden, ebenfalls t\u00e4glich. In fast allen Enden und Ecken des Landes, inklusive in erzkonservativen Hochburgen in Zentralanatolien (wie Konya oder \u00c7orum) und am Schwarzmeer (Rize, Trabzon), kam es zu teils spontanen, teils von den lokalen CHP-Abteilungen angef\u00fchrten Demonstrationsz\u00fcgen. In Istanbul weiteten sich die Proteste auf einzelne Stadtviertel aus \u2013 mit teils Zehntausenden Beteiligten wie in Kad\u0131k\u00f6y. Und das parallel und unabh\u00e4ngig von der jeweils t\u00e4glich stattfindenden Hauptkundgebung am Istanbuler Rathaus.</p><p>Einmal mehr wurde also die Jugend zur Speerspitze des popularen Aufstandes und trieb diesen \u00fcber sich selbst hinaus. Die Demonstrationen tragen, wie damals bei Gezi, karnevaleske Z\u00fcge: Banner mit Slogans wie \u201eLiebe Polizei, bitte kein Tr\u00e4nengas, das macht mein Mascara kaputt\u201c; Banner von IT-Studis, die die Unm\u00f6glichkeit Erdo\u011fans per Funktionsgleichungen \u201ebeweisen\u201c; mehrere Demonstrant*innen, die verkleidet als <a href=\"https://www.birgun.net/haber/cnne-konusan-pokemon-uzmani-pikachu-maksatli-bir-eylem-yapti-611104\">Pikachu</a> in der ersten Reihe mitlaufen; ein Demonstrant, der unter Beschuss durch Wasserwerfer auf dem Boden einen Fisch nachahmt; die harten Jungs, die direkt vor der hochger\u00fcsteten Polizeireihe miteinander darum konkurrieren, wer die meisten Liegest\u00fctzen hinkriegt; die s\u00fc\u00dfen P\u00e4rchen, die sich direkt vor der Polizeikette Heiratsantr\u00e4ge machen; hier ein Derwisch mit Gasmaske, der unter Tr\u00e4nengasbeschuss den sufistischen <i>semazen</i> tanzt; dort kollektive Volkst\u00e4nze, Ch\u00f6re, T\u00f6pfeklopfen, Autohupen \u2013 und so weiter, und so fort.</p><p>Die CHP hat diese Dynamik nicht selbst entfesselt und konnte sie auch nicht so einfach kontrollieren. Doch diesmal kam es zu einer fundamentalen Errungenschaft der Massenproteste, zu etwas, was meine Generation an Jugendrebell*innen um die Gezi-Aufst\u00e4nde im Sommer 2013 nicht geschafft hatte: Nach anf\u00e4nglichem Z\u00f6gern und Zaudern akzeptierte die CHP-F\u00fchrung die Stra\u00dfendynamik. Der Chef der CHP, \u00d6zg\u00fcr \u00d6zel, rief dazu auf, Polizeibarrikaden <a href=\"https://www.gazetepencere.com/gundem/ozgur-ozelden-yeniden-sokaga-cikin-cagrisi-barikatlari-asin-meydanlara-akin-655153h\">zu missachten</a> und <a href=\"https://gazeteoksijen.com/turkiye/sarachanede-son-bulusma-ozgur-ozel-darbeyi-puskurttunuz-burada-kayyim-yoksa-sizin-sayenizde-238203\">drohte</a> <a href=\"https://gazeteoksijen.com/turkiye/sarachanede-son-bulusma-ozgur-ozel-darbeyi-puskurttunuz-burada-kayyim-yoksa-sizin-sayenizde-238203\">mit</a> einem Demonstrationszug auf den symboltr\u00e4chtigen Taksim-Platz in Istanbul, falls die Polizeigewalt nicht abnehme. Es sei dahingestellt, wie ernst ihm damit ist. Die CHP oszilliert seit dem Wochenende vom 22.-23. M\u00e4rz zwischen zwei Polen: Sie versucht zum einen, die Bewegung zu d\u00e4mpfen und kontrollierbar zu halten, aber auch schw\u00e4cher zu machen: Schon hat \u00d6zel das Ende der Kundgebungen am Istanbuler Rathaus verk\u00fcndet, <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/articles/cvg52947nvlo\">weil</a> Erdo\u011fans Putsch <a href=\"https://t24.com.tr/haber/chp-nin-maltepe-mitingi-nde-konusan-ozel-turkiye-ye-ihanet-eden-bir-avuc-insanin-darbe-girisimine-hep-birlikte-tanik-olduk-,1229150\">zur\u00fcckgeschlagen</a> worden sei. Erdo\u011fan zur\u00fcckgeschlagen nach ein, zwei Wochen Protesten? Wohl kaum. Andererseits verteidigt die CHP gleichzeitig weiterhin den Kampf gegen Polizeibarrikaden auf den Stra\u00dfen und k\u00fcndigt an, dass die Demonstrationen <a href=\"https://halktv.com.tr/gundem/imamogluna-ozgurluk-mitingi-istanbul-akin-akin-maltepeye-gidiyor-925304h\">st\u00e4rker weitergef\u00fchrt werden</a>. Am 29. M\u00e4rz kam es zu einer Gro\u00dfkundgebung im Bezirk Maltepe, auf der asiatischen Seite Istanbuls, mit bis zu einer Million Beteiligten. In den ganzen Jahren der AKP-\u00c4ra hat es so etwas vonseiten der CHP nicht gegeben; allein schon diskursiv stellt dies einen wichtigen Dammbruch dar. In regierungsnahen Kreisen \u2013 insbesondere bei der F\u00fchrung der Exekutive (Polizeipr\u00e4sidium und Gouverneur) in Istanbul \u2013 w\u00e4chst die Angst, dass sich die Proteste zum 1. Mai mit Unterst\u00fctzung der CHP tats\u00e4chlich auf den Taksim-Platz und den angrenzenden Gezi-Park ausweiten k\u00f6nnten. Und diese Angst ist berechtigt.</p><p>Die zweite wichtige Errungenschaft der Mobilisierungen h\u00e4ngt unmittelbar damit zusammen. Erdo\u011fan hat sich, zumindest kurzfristig, schlicht verkalkuliert. Interne <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/tolga-sardan-buyutec/ibb-sorusturmasi-ankara-ve-istanbul-da-isiklar-daha-ne-kadar-yanacak,49167\">Berichte</a> deuten darauf hin, dass Regierungskreise eine solche Massenreaktion nicht erwarteten haben. Sie gingen vielmehr davon aus, dass der Widerstand auf die CHP und ein paar Kundgebungen vor dem Istanbuler Rathaus beschr\u00e4nkt bleiben w\u00fcrde \u2013 was eigentlich gar nicht so verkehrt gedacht war, wenn man sich vor Augen h\u00e4lt, wie die CHP bisher Widerstand leistete. Diesmal ging die Rechnung nicht auf. Die Wut, der Oppositionellen und insbesondere der perspektivlosen Jugend, ist sehr hoch \u2013 sie gab der Massendynamik eine organisierte Realit\u00e4t, in der sich der Unmut weiter manifestieren konnte. Welcher Tropfen das Fass zum \u00dcberlaufen bringt, das ist eben im Vornherein selten vorherzusehen; die ontologische Unvorhersehbarkeit bleibt eine Grundeigenschaft von spontanen Massen-\u201eEreignissen\u201c wie die derzeit stattfindende in der T\u00fcrkei \u2013 auch, wenn im Nachhinein die allgemeinen Ursachen und Dynamiken nachvollziehbarer und klar werden. War nicht auch der Gezi-Aufstand von 2013 so ein \u201eEreignis\u201c?</p><p><a href=\"https://www.ayrim.org/guncel/her-seyi-degistiren-olay/\">Ohne die Massendynamik</a> w\u00e4ren die Wut und der Unmut eine individuelle Angelegenheit geblieben \u2013 ausgedr\u00fcckt als Frust, Depolitisierung, Apathie, wie es bisher oft der Fall war. Die CHP h\u00e4tte ein bisschen symbolisch protestiert und w\u00e4re zum Verfassungsgericht gerannt, das w\u00e4r\u2019s gewesen. Jetzt hat aber hat die Bewegung (kleine) Berge versetzt: Erdo\u011fan musste schon in der kurzen Zeit <a href=\"https://www.nefes.com.tr/yazarlar/deniz-zeyrek/iki-kayyum-planindan-geri-donulmus-24530\">R\u00fcckzieher machen</a>. Offensichtlich hatte die politische Justiz vor, die gesamte CHP-F\u00fchrung abzusetzen und einen von der Zentralregierung eingesetzten Zwangsverwalter f\u00fcr die gesamte CHP einzusetzen (klingt unglaublich, aber in der T\u00fcrkei heute ist alles m\u00f6glich). Zudem wollte sie offensichtlich einen Zwangsverwalter f\u00fcr das B\u00fcrgermeisteramt Istanbuls einsetzen. Beide Pl\u00e4ne musste Erdo\u011fan jetzt zur\u00fcckziehen.</p><p>Es gibt aber auch noch eine dritte unmittelbare Errungenschaft der Massendynamik. Man darf nicht untersch\u00e4tzen, welch Bedeutung die Wahlurne in der T\u00fcrkei unter Umst\u00e4nden haben kann. Wenn man das faschismustheoretisch \u00fcbersieht, dann kann man nicht mehr erkl\u00e4ren, was gerade passiert. Die Ergebnisse von Wahlg\u00e4ngen sind in der T\u00fcrkei sakrosankt. Das ist demokratietheoretisch nat\u00fcrlich problematisch: Denn zu einer b\u00fcrgerlichen Demokratie geh\u00f6ren ja nicht nur Wahlen dazu, sondern auch sowas wie Gewaltenteilung, Grundrechte und dergleichen. Die gibt es ja in der T\u00fcrkei nicht mehr oder nur mehr in verk\u00fcmmerten \u00dcberresten; die Wahlen sind nicht fair, und teils auch nicht mehr frei. Ganz zu schweigen von der Problematik der \u00dcberbetonung von Wahlen aus der Sicht popular-demokratischer Vorstellungen. Aber die Wahlurne und ihre Ergebnisse bleiben eben in der heutigen T\u00fcrkei ein zentraler Ma\u00dfstab in der breiten Wahrnehmung von Legitimit\u00e4t, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Erdo\u011fan macht zwar, was er will \u2013 aber nur, wenn er sich irgendwie elektoral absichert. Nat\u00fcrlich arbeiten Erdo\u011fan und seine Schergen dabei aktiv mit illegitimen und unfairen Mitteln daran mit, dass die Wahlen am Ende so aussehen, wie sie Erdo\u011fan passen. Das klappt aber eben trotz der Repression und Unfairness nicht immer so, wie erw\u00fcnscht. Das muss man einfach in der Analyse mitbedenken.</p><p>Hinzuf\u00fcgen muss man, dass die Missachtung von Wahlergebnissen nicht \u00fcberall im gleichen Ma\u00dfe skandalisiert wird. In den kurdischen Gebieten etwa werden Wahlergebnisse seit langem mit F\u00fc\u00dfen getreten, was von der restlichen T\u00fcrkei bestenfalls mit m\u00e4\u00dfigem Interesse zur Kenntnis genommen wird. F\u00fcr die Kurd*innen selbst ist es hingegen eine fundamentale Frage. Hier verl\u00e4uft die \u201eracial line\u201c der T\u00fcrkei. Doch es gibt Momente, in denen Wahlbetrug oder die Missachtung von Wahlergebnissen auch \u00fcber diese Linie hinaus Emp\u00f6rung ausl\u00f6sen. Und zwar vor allem in Istanbul.</p><p>Schon einmal, n\u00e4mlich bei den <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkischer-fr%C3%BChling/\">Lokalwahlen am 31. M\u00e4rz 2019</a>, ging daher der Versuch, den Sieg von Imamo\u011flu mit Mitteln der politischen Justiz <a href=\"https://revoltmag.org/articles/erdo%C4%9Fans-ziviler-putschversuch/\">zu unterdr\u00fccken</a>, nach hinten los: Bei der <a href=\"https://revoltmag.org/articles/politisches-erdbeben-istanbul/\">Wahlwiederholung in Istanbul am 23. Juni 2019</a> errang Imamo\u011flu einen \u00fcberw\u00e4ltigenden Sieg gegen\u00fcber seinem AKP-Kontrahenten, mit einem Unterschied von 800.000 Stimmen (etwa 9%). Die Istanbuler Bev\u00f6lkerung nahm die Missachtung der Wahlurne also als grobe Ungerechtigkeit wahr und quittierte der AKP ihr Vorgehen. Die AKP musste schlie\u00dflich das Ergebnis zumindest formal betrachtet akzeptieren. Bei den <a href=\"https://revoltmag.org/articles/republic-strikes-back/\">Lokalwahlen 2024</a> wuchs Imamo\u011flus Vorsprung auf eine Million Stimmen (etwa 12%) an. Dies vor dem Hintergrund, dass die Lokalwahlen 2024 \u00fcberhaupt zu einem historischen Ereignis wurden, weil zum ersten Mal die CHP st\u00e4rkste Partei im Land wurde und sogar in konservativen Hochburgen das B\u00fcrgermeisteramt gewann. Das Wahlvolk hatte sich, vielleicht noch vorsichtig und explorativ, daf\u00fcr entschieden, der CHP auf lokaler Ebene eine Chance zu geben, weil der Unmut insbesondere \u00fcber die \u00f6konomischen Zust\u00e4nde stark gewachsen war.</p><p>Unter diesen Umst\u00e4nden einen derart deutlichen Wahlsieg per Gewalt zu unterdr\u00fccken, war von Anfang an riskant. Die Stra\u00dfendynamik hat den Unmut aber auch \u00fcber die Protestierenden hinaus getragen und handfest als Massen-Bewusstsein \u00fcber Unrecht und legitimen Widerstand manifestiert: Laut der <a href=\"https://bianet.org/haber/konda-arastirdi-kamuoyu-imamoglu-protestolarinda-nerede-duruyor-305914\">erst k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Umfrage</a> des integren Umfrageinstituts KONDA sind ganze 73% der Befragten der Meinung, dass die Proteste legitim seien (sofern sie gewaltfrei bleiben, sagen an die 50%); laut einer <a href=\"https://medyascope.tv/2025/03/24/hatem-ete-yorumladi-chpnin-surecteki-pozisyonu-video/\">anderen Umfrage</a> finden etwa 60-70% die Verhaftungen falsch. Das zeigt die Tiefe der Legitimationskrise, in der die AKP mit Stand heute steckt.</p><h2><b>Von Man\u00f6vern, Spaltungslinien und Einheitstendenzen</b></h2><p>Die Winkel- und Schachz\u00fcge der unterschiedlichen Akteur*innen verdienen indes besondere Aufmerksamkeit. Zuerst zur CHP. Sie hat sich schlie\u00dflich auf die Stra\u00dfendynamik und allt\u00e4glichen Demonstrationen eingelassen, diese motiviert und Kundgebungen gehalten. Gleichzeitig lancierte sie eine <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/24/ozgur-ozel-boykot-listesi-acikladi-sarachaneyi-gormeyeni-gormeyecegiz/\">Boykottkampagne</a> gegen regierungsnahe Medienunternehmen, die nicht zu den Protesten berichten, sowie \u00fcberhaupt gegen regierungsnahe Unternehmen wie die \u201enational-islamische\u201c Caf\u00e9-Kette <i>Espressolab</i>. Auch in Serbien erweist sich derzeit der intermittierende Boykott von allen Superm\u00e4rkten landesweit, dort haupts\u00e4chlich als Protest gegen die Lebensmittelpreise, als ein sehr wirkungsvolles Protestmittel. Die Ernennung von Ekrem Imamo\u011flu als Pr\u00e4sidentschaftskandidat wurde zu einem landesweiten Massenereignis transformiert. Sie war auf den 23. M\u00e4rz anberaumt worden; auch, um dieser K\u00fcr zuvorzukommen, schlug Erdo\u011fans Repressionsapparat in der Woche vom 18. M\u00e4rz zu. Die urspr\u00fcnglich parteiinterne Angelegenheit wurde daraufhin von der CHP ge\u00f6ffnet: Im ganzen Land wurden mehrere Tausend \u201eSolidarit\u00e4ts\u201c-Urnen f\u00fcr nicht-CHP-Mitglieder aufgestellt, die dort ihre Stimme f\u00fcr Imamo\u011flu als Kandidaten abgeben konnten. Trotz kurzfristiger und rein zivilgesellschaftlicher Organisation kamen <a href=\"https://ankahaber.net/haber/detay/ozgur_ozel_sarachanede_ekrem_imamoglunun_aldigi_oy_14_milyon_850_binin_uzerindedir_228823\">an die 15 Millionen Stimmen</a> f\u00fcr Imamo\u011flu zusammen.</p><p>Die Ernennung auf den 23. M\u00e4rz anzuberaumen und Erdo\u011fans Schergen dazu zu zwingen, davor zu handeln, schw\u00e4chte \u2013 vermutlich unbeabsichtigt \u2013 einen wichtigen Vorteil Erdo\u011fans, den Vorteil des g\u00fcnstigen Zeitpunkts. Denn auf das Wochenende vom 22.-23. M\u00e4rz fielen auch die zentralen Newroz-Feiern der pro-kurdischen, linken DEM-Partei. Ich hatte schon im Artikel zu <a href=\"https://revoltmag.org/articles/frieden-oder-friedhofsruhe/\">\u00d6calans Aufruf</a> vor ein paar Wochen darauf hingewiesen, dass es der AKP nun darum gehen werde, kurdische und republikanische Opposition gegeneinander auszuspielen: Den Kurd*innen wird, mit hoher Wahrscheinlichkeit nur zum Schein, der Friedenszweig angeboten. Zugleich wird damit ihre Opposition zur AKP ged\u00e4mpft, weil sie sich auf Verhandlungen einlassen. Der CHP gegen\u00fcber wird hingegen der harte Kurs beibehalten beziehungsweise noch versch\u00e4rft. Das Kalk\u00fcl: Die  nationalistische Seite der CHP aufzustacheln, indem die Vorurteile und die Ablehnung der Kurd*innen aufgrund einer angeblichen Sonderbehandlung durch die AKP angefeuert werden. So solle sich die Opposition durch Misstrauen, Uneinigkeit und Zwietracht weiter spalten.</p><p>Die Inszenierung dieser Strategie war allzu deutlich: W\u00e4hrend die <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/turkiye-kalp-krizi-geciriyor-p156204\">Polizeigewalt</a> gegen die Demonstrierenden und insbesondere die Jugendlichen in diesem Zeitraum immer h\u00e4rtere Z\u00fcge annahm und die Gouverneure vieler St\u00e4dte, am prominentesten nat\u00fcrlich der Istanbuls, mehrt\u00e4tige Versammlungs- und Demonstrationsverbote verh\u00e4ngten, lobte Erdo\u011fan nicht nur die Kurd*innen und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-nevruz-mesaji-21-mart-i-baharin-ve-kardesligin-bayrami-olarak-ilan-etmek-icin-teklif-sunmaya-varim,1227589\">bot an</a>, Newroz zu einem nationalen Feiertag zu erheben \u2013 der Gouverneur Istanbuls nahm die zentralen Newroz-Feierlichkeiten in Istanbul <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/20/19-mart-imamoglu-vakasi-sustukca-mi-susturdukca-mi-sira-gelecek/\">explizit aus</a> vom Versammlungs- und Demonstrationsverbot. Die willk\u00fcrliche Ungleichbehandlung von unterschiedlichen Personengruppen aufgrund der politischen Kalk\u00fcle der AKP wurde also sehr offensichtlich vorgef\u00fchrt. Die DEM-Partei nahm auch <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tuncer-bakirhan-kurtlerle-bir-surec-yuruturken-turkiye-nin-demokrasi-guclerini-doverim-yaklasimini-kabul-etmiyoruz,1228992\">prompt</a> gegen die Repression seit dem 18./19. M\u00e4rz <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-nun-tutuklanmasina-dem-parti-den-ilk-tepki-adalet-ve-demokrasiye-donuk-darbe,1227860\">Stellung</a>, kritisierte sie als einen \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/dem-parti-myk-imaooglu-operasyonu-ardindan-olaganustu-toplandi-sivil-bir-darbe-hayata-gecirildi,1227095\">Putsch</a>\u201c und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/istanbul-da-nevruz-kutlamalari-yenikapi-meydani-na-girisler-basladi,1227862\">stellte in Frage</a>, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ocalan-in-pkk-ya-silah-birakma-cagrisi-diyarbakir-nevruzuna-yansidi-baris-mesaji-verildi-cozum-sureci-ertelenemez-entube-edilemez,1227603\">wie Frieden</a> bei einer solchen Entdemokratisierung m\u00f6glich sein solle. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/dem-parti-den-maltepe-mitingi-karari,1228994\">Auch</a> rief sie zur gro\u00dfen CHP-Kundgebung am 29. M\u00e4rz auf.</p><p>Zeitgleich zerf\u00e4llt der neueste \u201eFriedensprozess\u201c zwischen dem t\u00fcrkischen Staat und der PKK zusehends: Der Staat <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-devletimiz-cagri-yapilmasini-saglayarak-uzerine-duseni-yapmistir-dedi-pkk-ya-seslendi-sinirsiz-vakte-ve-tahammule-sahip-degiliz,1229255\">artikuliert</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/devlet-bahceli-den-yeni-cozum-sureci-aciklamasi-geciktirmemek-ve-sahip-cikmak-oncelikli-mesele-,1229432\">immer klarer</a>, dass er nichts f\u00fcr den Frieden zu tun gedenke, au\u00dfer immer forscher die bedingungslose Kapitulation der PKK verlangen. Die PKK hingegen macht <a href=\"https://firatnews.com/kurdIstan/2025-newroz-u-Onder-apo-nun-ozgurlugu-icin-yeni-bir-baslangic-olabilir-210495\">immer</a> unmissverst\u00e4ndlicher <a href=\"https://firatnews.com/guncel/-210411\">deutlich</a>, dass sie ohne Gegenschritte des Staates <a href=\"https://firatnews.com/guncel/bayik-Onder-apo-nun-yukunu-herkes-omuzlamali-210308\">weder</a> einen Kongress anberaumen, <a href=\"https://www.rudaw.net/turkish/kurdistan/1903202511\">noch</a> die Waffen niederlegen werden.</p><p>Dennoch ging das Kalk\u00fcl Erdo\u011fans partiell auf. Wichtige Personen der CHP, wie der aus dem nationalistischen Milieu stammende B\u00fcrgermeister von Ankara, Mansur Yava\u015f, gaben rassistische und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-sarachane-de-dun-doguda-bana-gore-pacavra-olan-bayraklar-sallanirken-polisler-onlara-pamuk-sekeri-veriyordu,1227796\">antikurdische Statements</a> von sich, was dazu f\u00fchrte, dass die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ocalan-in-pkk-ya-silah-birakma-cagrisi-diyarbakir-nevruzuna-yansidi-baris-mesaji-verildi-cozum-sureci-ertelenemez-entube-edilemez,1227603\">eigentlich solide</a> CHP-Botschaft bei den Newroz-Feierlichkeiten ausgebuht wurde. F\u00fchrende Regimepers\u00f6nlichkeiten nutzen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-den-chp-nin-eylemci-kitlesi-degiliz-diyen-bakirhan-a-takdir,1228964\">jede kleinste Gelegenheit aus</a>, um die Spaltung und den Zwist zwischen dem t\u00fcrkisch-s\u00e4kularen und dem kurdischen Lager innerhalb der Opposition zu <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mhp-bayram-programini-acikladi-dem-parti-listeye-girdi-chp-ile-bayramlasma-yok,1227306\">vertiefen</a>. Generell ist heute unter t\u00fcrkischen wie kurdischen Jugendlichen der jeweilige Nationalismus st\u00e4rker geworden, wenn auch auf diffuse Art und Weise. Die bew\u00e4hrte Tradition der 1990er, der zufolge t\u00fcrkische Republikaner*innen und linke, liberale, s\u00e4kulare Kurd*innen auf die eine oder andere Art, ob in derselben Partei oder in separaten Strukturen, mehr oder minder widerspr\u00fcchlich miteinander zusammenarbeiteten, ist f\u00fcr die Jugendlichen heute nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich. Das auf kurdischer Seite aufgrund des strukturellen Rassismus durchaus nachvollziehbare, auf t\u00fcrkischer Seite mehr identit\u00e4r artikulierte hochemotionale Nationalgef\u00fchl, f\u00fchrt heute viel schneller zu wechselseitiger Abgrenzung und Ablehnung.</p><p>Ein kluges politisches Vorgehen darf diese ungleichen Nationalismen derzeit nicht frontal angehen, das kann nichts bringen. Man muss stattdessen diese Themen umschiffen und Einigendes in den Vordergrund r\u00fccken: Schlie\u00dflich profitieren alle in der T\u00fcrkei lebenden Nationen von Demokratisierung durch Anerkennung und sozialen Frieden. Das gilt generell vor allem f\u00fcr die Problemstellung des t\u00fcrkischen Nationalismus. Die Studierenden sind zwar unter F\u00fchrung linksrevolution\u00e4rer Organisationen organisiert und auf den Demos in der ersten Reihe dabei. Aber der Jugendcharakter der derzeitigen Proteste in der T\u00fcrkei weist weit \u00fcber die Studierenden hinaus: Bei den restlichen Jugendlichen <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/ilk-gun-gelen-150-bin-kisi-korku-bariyerini-yikti-p155861\">dominiert</a> ein diffuser <a href=\"https://t24.com.tr/haber/siyah-giyen-cogunlugu-milliyetci-gencler-neden-sokakta-olduklarini-anlatti-kimse-yalniz-kalmasin-diye,1228782\">t\u00fcrkischer Nationalismus</a>. Das ist ein wichtiger Unterschied zu Gezi 2013, wo der Nationalismus nicht derart dominiert hatte. Nach jahrelanger Unterdr\u00fcckung jedweder linken Haltung und der Betonung des t\u00fcrkischen Nationalismus von Regierungs- als auch den meisten Oppositionsparteien, wurde dieser zum prominentesten, gar ausschlie\u00dflichen Vehikel der Selbstidentifikation f\u00fcr viele Menschen, vor allem f\u00fcr jugendliche T\u00fcrken. Die radikalisierten Teile dieser Jugendlichen sind offen f\u00fcr die Agitation und den militanten Charakter rechtsextrem-nationalistischer Teile der Opposition wie der Partei des Sieges (<i>Zafer Partisi</i>, ZP). Diese besticht durch rigorosen antikurdischen Rassismus und einer rabiaten Hetze gegen Gefl\u00fcchtete.</p><p>Die Unterwanderung der Demonstrationen durch die Rassisten zu verhindern, ohne den gro\u00dfen Anteil t\u00fcrkeinationalistischer Jugendlicher zu verlieren \u2013 das ist eines der dr\u00e4ngenden Probleme, die sich die Jugendbewegung <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1190155.proteste-tuerkei-gemeinsam-gegen-die-akp.html?sstr=T%FCrkei\">heute anzugehen vornimmt</a>. Denn, nur weil sich t\u00fcrkische Jugendliche heute stark nationalistisch identifizieren, hei\u00dft das nicht, dass sie zwangsl\u00e4ufig faschistisch sind oder rechtsextrem werden m\u00fcssen. <a href=\"https://gazeteoksijen.com/yazarlar/bekir-agirdir/on-gundur-yasananlar-geleceksizlige-tepki-238307\">L</a><a href=\"https://gazeteoksijen.com/yazarlar/bekir-agirdir/on-gundur-yasananlar-geleceksizlige-tepki-238307\">aut einer Umfrage</a> haben auch \u00fcber 70% von ihnen Angst, dass die Freiheiten zu stark eingeschr\u00e4nkt werden, zudem sind viele sehr ungl\u00fccklich mit dem Leben im Land. Auf die Gezi-Proteste beziehen sie sich <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/candan-yildiz/yenikapi-dan-sarachane-ye-farkli-genclik-halleri-ve-olasi-riskler,49159\">positiv</a> und sie beklagen ihre <a href=\"https://umutgazetesi45.org/arsivler/131566\">\u00f6konomische Perspektivlosigkeit</a>. Nationalistisch, aber ungl\u00fccklich und freiheitlich orientiert: Das genau ist das Widerspr\u00fcchliche und Diffuse des Nationalismus der heutigen t\u00fcrkischen Jugend. Man muss und kann dieser Jugend andere Angebote machen als jene, die von den Rechtsextremen kommen.</p><p>Die Opposition ist also weiterhin durchzogen von Spaltungstendenzen, die auf strukturellen Machtverh\u00e4ltnissen und konjunktureller Ungleichbehandlung durch das Regime beruhen, und aber auch Einheitstendenzen, die gest\u00e4rkt werden m\u00fcssen. Und auch Erdo\u011fan bleibt weiter handlungsf\u00e4hig: Er und seine Schergen wurden zwar auf dem falschen Fu\u00df erwischt, geschlagen sind sie aber noch lange nicht. Er <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/25/kriz-surerken-mehmet-simseke-tek-soru-hakkiniz-olsa-ne-sorardiniz/\">verl\u00e4ngerte</a> das eigentlich dreit\u00e4gige Zuckerfest im Anschluss an den Ramadan auf ganze neun Tage (29. M\u00e4rz bis 6. April). Zum Zuckerfest reisen viele zu ihren Familien oder nehmen Urlaub. Die Idee ist daher nat\u00fcrlich, dass die Dynamik \u00fcber diese Zeit stark abnimmt und die Mobilisierung abflaut. Aber auch, damit die Basis der Regierungsparteien von den Protestierenden isoliert bleibt, damit sich kein Verst\u00e4ndnis und keine gemeinsame Anerkennung zwischen diesen Gruppen herstellen.</p><h2><b>Der steinige Weg der demokratisierenden Gegeneskalation</b></h2><p>Die wirklich schwierige und anspruchsvolle Aufgabe wird es ab jetzt sein, das Mobilisierungsniveau zu erhalten und weiter auszubauen. Ohne kontinuierliche Stra\u00dfendemonstrationen droht die Aura der Unbesiegbarkeit und \u00dcbermacht des Repressionsregimes und seiner Apparate intakt zu bleiben \u2013 und umgekehrt, der Mut und das Ungerechtigkeitsgef\u00fchl der Menschen zu versanden. Gleichzeitig m\u00fcssen neue, kreative Protest- und Aktionsformen gefunden werden, die auch handfeste Ergebnisse liefern. Insofern ist der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ozgur-ozel-imamoglu-ve-erken-secim-icin-imza-kampanyasini-bayramin-ilk-gunu-baslatti,1229257\">Plan der CHP</a>, eine landesweite Unterschriftenkampagne f\u00fcr vorgezogene Neuwahlen zu starten, mit dem Ziel, mehr Unterschriften zu sammeln, als Erdo\u011fan bei der letzten Pr\u00e4sidentschaftswahl gewonnen hat (also etwa 27 Millionen), eine von vielen guten Ideen. Den ersten Schritt hierzu ist die Bewegung mit den 15 Millionen Solidarit\u00e4tsstimmen f\u00fcr Imamo\u011flu schon gegangen; 27 Millionen setzt die Messlatte h\u00f6her, es ist riskant, aber potenziell wirkungsvoll. Bei Erfolg k\u00f6nnte der Druck auf Erdo\u011fan immens gesteigert werden. Mit 15 Millionen f\u00fcr Imamo\u011flu und 27 Millionen f\u00fcr Neuwahlen wird es \u2013 zumindest Stand heute \u2013 auch f\u00fcr Erdo\u011fan und seine Entourage schwierig, die Forderungen und die Stra\u00dfenmobilisierungen zu unterdr\u00fccken.</p><p>Vor diesem Hintergrund muss dann allersp\u00e4testens <a href=\"https://umutsen.org/index.php/2025/03/halk-isyanindan-daha-kuvvetli-olan-sadece-orgutlu-halk-isyanidir/\">zum 1. Mai</a> ein Demonstrationszug nach Taksim stattfinden, w\u00e4hrend parallel zu Demonstrationen im ganzen Land aufgerufen wird. In der Zwischenzeit k\u00f6nnten periodisch stattfindende Gro\u00dfkundgebungen und/oder auf Stadtviertel verteilte Mobilisierungen stattfinden. Die CHP verfolgt <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/29/maltepe-imamoglu-icin-doldu-tasti-ozel-oyun-bozuldu-sokaga-devam/\">aktuell</a> dieses Konzept, erwarteterweise jedoch auf niedrigem Niveau: Jeden Mittwoch eine Kundgebung in nur einem Viertel Istanbuls, jedes Wochenende eine gro\u00dfe Kundgebung in wechselnden St\u00e4dten der T\u00fcrkei. Das alleine wird kaum reichen.</p><p>Die Mobilisierungen k\u00f6nnten mit versch\u00e4rften Boykotten erg\u00e4nzt werden: Warum nicht <a href=\"https://www.serbianmonitor.com/en/results-of-supermarket-boycott/\">wie in Serbien</a> ein, zwei Tage in der Woche festlegen, an denen alle Superm\u00e4rkte boykottiert werden? Auch und vor allem in der T\u00fcrkei sind schlie\u00dflich die Lebensmittelpreise durch die Decke gegangen und die Regierung hat schlicht dabei zugeschaut, wie die Breite der Bev\u00f6lkerung in Armut versinkt. Erste Initiativen gibt es bereits: Angesto\u00dfen von der Studierendenbewegung wird derzeit \u00fcber einen <a href=\"https://techolay.net/sosyal/konu/2-nisan-tuketim-boykotu.101414/\">ersten umfassenden Konsumboykott am 2. April</a> diskutiert. Herausforderungen an das Regime, die Debatte und auch das Verfahren gegen Imamo\u011flu \u00f6ffentlich zu f\u00fchren, k\u00f6nnten ebenfalls forciert werden.</p><p>Mit diesen Mitteln \u2013 erg\u00e4nzt um weitere, neu zu erprobende Protestformen \u2013 kann die Initiative der Opposition gest\u00e4rkt und das Mobilisierungsniveau hochgehalten werden. Gleichzeitig d\u00fcrfen die Oppositionsparteien nicht mit dem Ziel der Kontrollierbarkeit der Bewegung durch die Parteien die Spontaneit\u00e4t von Demonstrationen unterdr\u00fccken, sondern m\u00fcssen diese aktiv ermutigen. Alle Kan\u00e4le des Kampfes m\u00fcssen eben entfesselt werden, ob organisiert oder unorganisiert, geplant oder spontan. Es ist dann wirklich nicht abwegig, dass Erdo\u011fan zu Neuwahlen gezwungen und besiegt werden kann \u2013 aber eben nur, wenn die politischen Forderungen durch die Breite der Bev\u00f6lkerung und ihrer Massenaktivit\u00e4t getragen werden. Auch wenn die Bewegung weniger erfolgreich wird, k\u00f6nnten dennoch wichtige Errungenschaften erk\u00e4mpft werden. Partiell k\u00f6nnten Ergebnisse der Repressionsfurie revidiert werden, etwa der Diplomentzug oder vielleicht sogar die Inhaftierung Imamo\u011flus. Das alles k\u00f6nnen realistische Entwicklungen sein.</p><h2><b>Katalysator oder Verhandlungsmasse?</b></h2><p>F\u00fcr Linke gilt allgemein das, was der Co-Vorsitzende der DEM, Tuncer Bak\u0131rhan, \u00fcber sich und die Basis seiner Partei <a href=\"https://www.rudaw.net/turkish/middleeast/turkey/2703202517\">gesagt hat</a>: Wir sind keine Aktivist*innen- oder Verhandlungsmasse der CHP; wir k\u00e4mpfen f\u00fcr den langfristigen gesellschaftlichen Frieden. Denn es geht hier nicht nur um Unrecht gegen einen Kandidaten der CHP, sondern um eine umfassende Welle der Autoritarisierung: Sie trifft Linke, Minderheiten und Gefl\u00fcchtete, sch\u00fcrt nationalistisch-chauvinistische Hetze und f\u00fchrt zu einem massiven Einbruch des Lebensstandards der werkt\u00e4tigen Mehrheit. Gleichzeitig kann nur eine autonome und selbst\u00e4ndige Linke der Garant daf\u00fcr sein, dass die Dynamik nicht wieder von der CHP erstickt wird und auch minimale Errungenschaften nicht wieder verloren gehen. Die CHP w\u00fcrde nat\u00fcrlich am liebsten ganz ohne potenziell unkontrollierbare gesellschaftliche Dynamik die n\u00e4chsten Wahlen in drei Jahren abwarten (sogar <a href=\"https://www.nefes.com.tr/yazarlar/aytunc-erkin/lider-ben-olacaktim-simdi-toplum-bana-liderlik-yapiyor-24873\">Imamo\u011flu selbst</a> klingt aus dem Gef\u00e4ngnis manchmal danach). Die revolution\u00e4re Linke mobilisiert daher eigenst\u00e4ndig unter <a href=\"https://www.toplumsalozgurluk.org/2025/03/28/ferman-padisahin-sokaklar-bizimdir/\">Slogans wie</a> \u201eDekrete geh\u00f6ren dem Sultan, die Stra\u00dfe geh\u00f6rt uns\u201c oder der dreifachen Forderung nach \u201eGeneralstreik \u2013 umfassender Widerstand \u2013 Boykott\u201c. Tats\u00e4chlich diskutieren mehrere Gewerkschaften derzeit die <a href=\"https://jacobin.com/2025/03/turkey-erdogan-imamoglu-chp-protests\">M\u00f6glichkeiten des Generalstreiks</a>. Obwohl die gewerkschaftliche Organisierung schwach ist und eine fl\u00e4chendeckende Perspektive unwahrscheinlich erscheint, zeigt die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/boykot-sorusturmasinda-egitim-sen-yoneticilerine-iki-hafta-ev-hapsi,1228543\">juristische Repression gegen</a> die Bildungsgewerkschaft E\u011fitim-Sen, dass die Regierung davor Angst hat. E\u011fitim-Sen hatte zu einem akademischen Streik aufgerufen. Angefangen mit einem solchen k\u00f6nnten <a href=\"https://umutgazetesi45.org/arsivler/131566\">Option</a><a href=\"https://umutgazetesi45.org/arsivler/131566\">en ausgelotet werden</a>, in welche Sektoren Streik- und Protestbewegungen ausgeweitet werden k\u00f6nnen \u2013 so zum Beispiel in die Metall- und Automobilsektoren, die vergleichsweise stark gewerkschaftlich organisiert und links orientiert sind.</p><p>\u00dcber die Macht in der Produktionssph\u00e4re aber auch in Demonstrationsmobilisierungen kann und muss die Linke ihre eigenst\u00e4ndigen Akzente setzen, ohne sich auf eine allgemeine <a href=\"https://www.karsimahalle.org/2025/03/25/darbe-ve-sonrasi\">Verteidigung demokratischer Mindeststandards</a> mit der breiten Opposition gegen Erdo\u011fan zu beschr\u00e4nken: Sie muss einen erweiterten Demokratiebegriff akzentuieren, der gesellschaftliche Aktivit\u00e4t von unten abseits einer blo\u00dfen Bek\u00e4mpfung des Autoritarismus stark macht; die Klasseninteressen der werkt\u00e4tigen Mehrheit gegen die post-neoliberale Wirtschaftspolitik der Regierung und die eher orthodox-neoliberale Perspektive der Opposition hervorheben; und schlie\u00dflich eine Vision f\u00fcr eine alternative T\u00fcrkei jenseits von Nationalismus, Rassismus, Chauvinismus und Autoritarismus aufzeigen. Dabei gilt es, zwei Sackgassen zu vermeiden: Einerseits eine linksradikale Abgehobenheit, die sich auf das Deklamieren besonders revolution\u00e4r klingender Parolen beschr\u00e4nkt und politisch absolut unwirksam ist; andererseits eine reformistische Anpassung an die gem\u00e4\u00dfigte, neoliberale und eventuell nur sehr beschr\u00e4nkt demokratische Agenda der b\u00fcrgerlichen Opposition unter F\u00fchrung der CHP. Gelingt es der Linken, in einer gemeinsam geteilten Minimalperspektive der Verteidigung von freien Wahlen gegen autorit\u00e4re \u00dcbergriffe ihre eigenen Formen und Punkte hervorzuheben, kann auch sie trotz der relativen F\u00fchrung der Oppositionsdynamik durch die CHP erstarken und zu einer Alternative innerhalb der Opposition werden.</p><p>Einfach wird es nicht: Beim kleinsten Anlass oder beim Abebben der Dynamik wird die Repressionskeule wieder f\u00fcrchterlich auf die Opposition niedergehen. Alle bisherigen Errungenschaften k\u00f6nnen genauso gut wieder verloren gehen und Erdo\u011fan seine Repression weiter ausbauen. Zudem wei\u00df Erdo\u011fan, dass er R\u00fcckendeckung von der EU und von den USA hat, weil diesen der Kampf gegen Autoritarismus nur dann wichtig ist, wenn es gegen geopolitische Gegner wie Putin geht. Sind es allerdings n\u00fctzliche Autokrat*innen, wie derzeit die T\u00fcrkei in r\u00fcstungsindustrieller (Stichwort: <a href=\"https://www.politico.eu/article/turkey-crisis-recep-tayyip-erdogan-ekrem-imamoglu-arrest-eu-accession-funds/\">europ\u00e4ische Aufr\u00fcstung</a>), aber auch in <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2025-03-24/turkey-erdogan-bets-nato-allies-will-turn-a-blind-eye-to-turmoil\">milit\u00e4rischer Hinsicht</a> bei eventuellen \u201eFriedenstruppen\u201c in der Ukraine, dann akzeptiert man diese auch sehr gerne. Selbst Imamo\u011flu richtet sich mittlerweile in der <i>New York Times</i> an die USA und an Europa und <a href=\"https://www.nytimes.com/2025/03/28/opinion/mayor-imamoglu-arrested-erdogan.html\">erinnert diese h\u00f6flich daran</a>, bei aller Geopolitik den Kampf um Demokratisierung nicht zu vergessen. Welch Zeiten, in denen die Peripherie das Zentrum daran erinnert, dass es mal hegemonial agierte in der (westlichen) Welt!</p><p>Die k\u00e4mpfenden Menschen in der T\u00fcrkei k\u00f6nnen sich derzeit nur auf sich selbst verlassen \u2013 und auf die Solidarit\u00e4t eines non-staatlichen subalternen Internationalismus. Die Verlogenheit von USA und EU kann man dann daher durchaus auch als Chance begreifen: N\u00e4mlich zur Festigung der Einsicht, dass nur subalterne Selbstaktivit\u00e4t, Selbstorganisation und schlie\u00dflich internationale Solidarit\u00e4t einen progressiven und sozialen Weg aus der Hegemoniekrise des Kapitalismus in der T\u00fcrkei wie weltweit erm\u00f6glichen.</p><hr/><h3><b>Anmerkung</b>:</h3><p>Gro\u00dfen Dank an Johanna Br\u00f6se, Lily Lynch und Svenja Huck f\u00fcr Kommentare, Kritik und Korrekturen.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Februar 2025 eine gro\u00dfe \u00dcberraschung dar. Dabei war der Aufruf Teil eines l\u00e4ngeren Verhandlungsprozesses zwischen staatlichen Akteuren und kurdischen Politiker*innen. Der Prozess wurde \u2013 zumindest \u00f6ffentlich wahrnehmbar \u2013 Ende 2024 auf Initiative von Devlet Bah\u00e7eli, Erdo\u011fans Verb\u00fcndetem von der rechtsextremen nationalistischen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP), angesto\u00dfen. Verbl\u00fcffend war die Entwicklung daher schon im Herbst 2024: Immerhin lief Bah\u00e7eli einst immer <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/articles/c2kdk9581z0o\">mit einem Strick herum</a>, mit dem er \u00d6calan aufh\u00e4ngen wollte. Ob schon l\u00e4ngere Zeit zuvor Gespr\u00e4che im Hintergrund liefen, <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/03/nevruz-resmi-bayram-ya-da-tatil-ilan-edilsin-buradan-baslayalim/\">ist stark</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ozgur-ozel-den-iktidara-ocalan-ve-surec-tepkisi-milletin-akliyla-alay-etmeyin,1222234\">umstritten</a>, jedoch nicht unwahrscheinlich. In seinem Aufruf vom 27. Februar forderte \u00d6calan nun nicht nur eine Entwaffnung \u201ealler Gruppen\u201c, einschlie\u00dflich der PKK, und eine Aufl\u00f6sung der PKK. Er r\u00fcckte auch explizit von fr\u00fcheren Forderungen, etwa einer f\u00f6deralen L\u00f6sung der \u201eKurdischen Frage\u201c in der T\u00fcrkei, ab und scheint nun eine viel engere Perspektive zu vertreten: die einer Demokratisierung innerhalb der gegebenen staatlichen Strukturen der Republik T\u00fcrkei. Auch an anderer Stelle weist der aktuelle Aufruf \u00d6calans weit \u00fcber fr\u00fchere hinaus: Auf Grundlage durchaus problematischer Interpretationen der Gegenwart konstatiert \u00d6calan zum ersten Mal explizit, dass die Zeit der PKK vorbei sei \u2013 das Ende der Sowjetunion und die Entwicklungen hinsichtlich der Freiheiten habe sie obsolet gemacht. Vor allem der letzte Punkt sorgt zurecht f\u00fcr starke Irritationen. Fr\u00fchere <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/gokcer-tahincioglu-yuzlesme/ocalan-dan-beklenen-cagri-geldi-simdi-ne-olacak,48804\">Spekulationen</a>, dass \u00d6calan den Aufruf auch an Rojava richtete \u2013 er spricht ja von \u201eallen Gruppen\u201c \u2013, scheinen durch die Tatsache best\u00e4tigt zu werden, dass Salih M\u00fcsl\u00fcm von der PYD und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mazlum-abdi-bu-cagriya-yaklasimimiz-olumludur-mesele-baris-meselesidir-cagri-pkk-yadir-bolgemiz-uzerinde-de-etkili-olacak,1222077\">Mazlum Abdi</a> von der SDF positiv auf den Aufruf reagierten. M\u00fcsl\u00fcm <a href=\"https://t24.com.tr/haber/salih-muslim-den-ocalan-cagrisina-ilk-aciklama-siyasi-bir-grup-olarak-faaliyet-gostermemize-izin-verilirse-silah-birakacagiz,1222067\">bot sogar an</a>, sich selbst (also die YPG und YPJ) zu entwaffnen, wenn sie als PYD weiterhin als politische Organisation existieren d\u00fcrften. Das Regierungslager jedenfalls <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/pkk-kongresini-nisan-ayinda-topluyor-42716868\">erwartet</a> Entwaffnung und Demobilisierung <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-cagri-bastan-sana-degerli-ve-onemli-orgutun-butun-bilesenlerine-yapildi-turk-milleti-namina-mutesekkiriz,1222598\">explizit auch in Rojava</a>.</p><p>W\u00e4hrend Intellektuelle, Liberale und die regierungsnahe Presse \u00d6calans Ank\u00fcndigung lobten, herrschte unter Linken Uneinigkeit: Was ist geschehen? Hat \u00d6calan die Kurden verraten? Was, wenn nicht eine totale Kapitulation, k\u00f6nnte eine Selbstaufl\u00f6sung der PKK unter den derzeitigen Bedingungen in der T\u00fcrkei bedeuten? Ich nahm diesen Artikel haupts\u00e4chlich deshalb in Angriff, weil viele meiner Freund*innen und Genoss*innen wegen \u00d6calans Erkl\u00e4rung \u00fcberrascht und irritiert mit Fragen dieser Art an mich herantraten.</p><h2><b>Die Vektoren eines inkoh\u00e4renten Prozesses</b></h2><p>Es macht Sinn, die Machtverh\u00e4ltnisse und das m\u00f6gliche strategische Kalk\u00fcl der Hauptakteure vor einem historischen Hintergrund zu betrachten, bevor man zu einem endg\u00fcltigen Urteil kommt. Obwohl sich das Erdo\u011fan-Regime seit Jahren in einer tiefen hegemonialen Krise befindet, wird gleichzeitig ein Prozess der autorit\u00e4ren Konsolidierung vorangetrieben. Im Rahmen dieses Prozesses wurde der Staat umstrukturiert und in stark autorit\u00e4rer Weise um das von Erdo\u011fan gef\u00fchrte Pr\u00e4sidialamt zentriert. Mit Ausnahme der Kommunalwahlen im Jahr 2024 wird dieser Prozess von den W\u00e4hler*innen unterst\u00fctzt, wenn auch nur sehr knapp und unter sehr unfairen und teils auch unfreien Bedingungen des elektoralen Wettbewerbs. Gleichzeitig befindet sich die PKK in der T\u00fcrkei seit Jahren auf dem R\u00fcckzug. In Syrien haben j\u00fcngst von der T\u00fcrkei unterst\u00fctzte Islamisten Assad gest\u00fcrzt und die Macht \u00fcbernommen. Man kann also derzeit festhalten, dass der t\u00fcrkische Staat und die Regierung aus einer Position der relativen St\u00e4rke heraus agieren, w\u00e4hrend die kurdischen Kr\u00e4fte relativ geschw\u00e4cht sind. Ich sage relativ geschw\u00e4cht, denn dass die Kurd*innen in ihrer Existenz \u00fcberhaupt anerkannt werden und auf eine Art und Weise, wenn auch auf schwacher Basis, mit ihren politischen und milit\u00e4rischen F\u00fchrer*innen \u201everhandelt\u201c wird, das ist nat\u00fcrlich auch Ergebnis eines jahrzehntelang gef\u00fchrten Kampfes.</p><p>Aufgrund dieser Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse wird der aktuelle Prozess seitens der Regierung auch \u2013 ungleich fr\u00fcherer \u00e4hnlicher Versuche \u2013 nicht \u201eFriedensprozess\u201c oder \u201eL\u00f6sungsprozess\u201c genannt. Stattdessen hei\u00dft er \u201eterrorfreie T\u00fcrkei\u201c (<i>ter\u00f6rs\u00fcz T\u00fcrkiye</i>/<i>Ter\u00f6rden And\u0131r\u0131lm\u0131\u015f T\u00fcrkiye</i>). Nicht einmal das Wort \u201eProzess\u201c wird gebraucht \u2013 der w\u00fcrde ja eine Beteiligung mehrerer Partien mehr oder minder auf Augenh\u00f6he und mit offener Perspektive nahelegen. Und dementsprechend l\u00e4uft es derzeit auch ab: Die Forderungen der Regierung sind stark, die Angebote sind schwach. Es ist prinzipiell unklar, was der Staat als Gegenleistung f\u00fcr die Niederlegung der Waffen und die Aufl\u00f6sung der PKK anzubieten hat. Zumindest ist kaum etwas \u00f6ffentlich kommuniziert worden, au\u00dfer, dass \u00d6calan <a href=\"https://www.nefes.com.tr/yazarlar/nuray-babacan/ocalana-kisitli-ozgurluk-19044\">m\u00f6glicherweise</a> unter Hausarrest gestellt werden k\u00f6nnte. Derzeit wird jedenfalls tagt\u00e4glich posaunt, dass gar keine Deals und <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/tarihi-cagri-42711208\">gar keine Gegenangebote</a> staatlicherseits gemacht werden. <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/gokcer-tahincioglu-yuzlesme/ocalan-dan-beklenen-cagri-geldi-simdi-ne-olacak,48804\">Ger\u00fcchte</a> von hinter den Kulissen deuten auf die M\u00f6glichkeit eines Ende der weit verbreiteten Praxis hin, gew\u00e4hlte kurdische B\u00fcrgermeister*innen durch von der Zentralregierung bestellte Beamte, die sogenannten Zwangsverwalter (<i>kayyum</i>), zu ersetzen; zudem auf ein Ende der Aggressionen gegen das kurdisch dominierte Nordsyrien, besser bekannt als Rojava, und vielleicht auf die Freilassung bestimmter Gefangener. Doch im Gegensatz zu fr\u00fcheren Verhandlungsprozessen ist nichts davon bisher deutlich artikuliert oder schriftlich festgehalten worden. Au\u00dferdem ist klar: Dass gew\u00e4hlte B\u00fcrgermeister*innen nicht durch Zwangsverwalter ersetzt werden, sollte keine Verhandlungsmasse, sondern nach Wahlen die \u00fcbliche Praxis sein. Es w\u00e4re die Einhaltung von Minimalbedingungen b\u00fcrgerlicher Demokratie und das auch nur in bestimmten Hinsichten. Eine solche Leistung im Gegenzug f\u00fcr Entwaffnung und Demobilisierung anzubieten, entleert den Begriff der \u201eDemokratisierung\u201c.</p><p>Auch direkte \u00c4u\u00dferungen von AKP-F\u00fchrungspersonen seit \u00d6calans Erkl\u00e4rung laufen darauf hinaus, dass man darauf wartet, dass sich die PKK selbst aufl\u00f6st (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/akp-den-ocalan-in-cagrisi-sonrasi-ilk-aciklama,1222040\">Efkan Ala</a>); verst\u00e4rkend werden Drohgeb\u00e4rden in Richtung Rojavas und der PKK gemacht, sollte sich die PKK nicht oder nur zum Schein aufl\u00f6sen (<a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/03/nevruz-resmi-bayram-ya-da-tatil-ilan-edilsin-buradan-baslayalim/\">Erdo\u011fan</a>). Diese und weitere Umst\u00e4nde, etwa das Fehlen vermittelnder Drittstaaten, das Fehlen von Verhandlungen mit konkreten Verhandlungspunkten oder die nicht vorhandene parlamentarische Beteiligung sind die materiellen Indizien, die darauf hindeuten, dass der Staat aus relativer St\u00e4rke heraus viel fordert und wenig bis nichts bietet. Zusammen mit der Fokussierung auf eine \u201eterrorfreie T\u00fcrkei\u201c sowie die Tatsache, dass wichtige Sprecher des Regimes wie der Pr\u00e4sidentenberater Mehmet U\u00e7um betonen, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-basdanismani-mehmet-ucum-turkiye-nin-kurt-sorunu-mesele-olmaktan-cikti-konuya-donustu,1213326\">die Kurd*innen seien Teil der t\u00fcrkischen Nation</a>, lassen es mehr als fraglich erscheinen, dass der Staat eine wirkliche soziale Vers\u00f6hnung der V\u00f6lker oder einen sozialen Frieden anstrebt. Ganz zu schweigen von der politischen Bilanz der AKP und ihrer Verb\u00fcndeten, die in den letzten Jahren die Reste der Demokratie in Grund und Boden gestampft haben. Warum aber haben sich \u00d6calan und die (PKK-nahen) kurdischen Kr\u00e4fte in diesem Machtgef\u00fcge dann \u00fcberhaupt auf diesen Prozess eingelassen?</p><h2><b>Man\u00f6vrieren in einer Zeit der Monster</b></h2><p>Einerseits ist es gerade das kurz skizzierte Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis, das den kurdischen Kr\u00e4ften diesen Prozess prinzipiell aufgedr\u00e4ngt hat. Darauf nicht einzugehen, riskiert beispielsweise eine milit\u00e4rische Eskalation in Rojava mit sehr sicher fatalen Folgen. Jede Partie verfolgt die internationale Politik, das ist keine Blau\u00e4ugigkeit. Auch Erdo\u011fan macht das deutlich, wenn er in Richtung Rojavas <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/03/nevruz-resmi-bayram-ya-da-tatil-ilan-edilsin-buradan-baslayalim/\">ganz unverbl\u00fcmt droht</a>: Bald steht niemand mehr hinter euch, und dann sind wir, ihr in Rojava und wir, die T\u00fcrkei, ganz allein miteinander in der Region. Er muss dabei nicht einmal explizit auf Trumps Umgang mit der Ukraine als Beispiel verweisen. Rojava wei\u00df, dass es allein keinen Krieg mit der T\u00fcrkei gewinnen kann. Andererseits muss die kurdische Seite auch aus hegemonialer Sicht auf das \u201eAngebot\u201c des Staates reagieren. Die Forderung nach Frieden genie\u00dft in der kurdischen Bev\u00f6lkerung ein hohes Ansehen. Ein Angebot des Staates in diese Richtung nicht anzunehmen, wie fraglich und zweideutig das Angebot auch sein mag, riskiert, Millionen kurdischer W\u00e4hler*innen an die AKP zu verlieren. Es sollte nicht vergessen werden, dass die AKP bei nationalen wie lokalen Wahlen in den kurdischen Gebieten der T\u00fcrkei in den fr\u00fchen 2000er-Jahren mit Versprechungen von Demokratisierung und Frieden zur st\u00e4rksten Partei wurde.</p><p>Die kurdischen Kr\u00e4fte m\u00fcssen daher auf das Angebot von Staat und Regierung auf die eine oder andere Weise eingehen. Die entscheidende Frage ist aber, wie genau. Die PKK-F\u00fchrung in den Kandil-Bergen hat die Initiative und insbesondere \u00d6calans \u00c4u\u00dferungen und Forderungen zun\u00e4chst weniger und dann mehr unterst\u00fctzt. Gleichzeitig blieb sie skeptisch gegen\u00fcber dem Verlauf des Prozesses. Die PKK wies auf die offensichtlichen Schw\u00e4chen hin: die fehlenden Garantien, die ausstehenden Gegenleistungen des Staates und die fortgesetzte Freiheitsberaubung \u00d6calans. <a href=\"https://firatnews.com/kurdIstan/pkk-bugunden-gecerli-olmak-uzere-ateskes-ilan-ediyoruz-209788\">Jetzt</a> steht sie voll und ganz hinter \u00d6calans Erkl\u00e4rung. Was daraus im Konkreten folgt, das wird aber von der PKK ebenfalls nicht sehr klar ausbuchstabiert. Auch \u00d6calan betonte in einem, seinem Aufruf beigef\u00fcgten, aber separat vorgelesenen Vermerk, die Aufl\u00f6sung der PKK und ihre Niederlegung der Waffen k\u00f6nne in praktischer Hinsicht nat\u00fcrlich nur in einem demokratischen Rahmen und bei entsprechender Rechtslage erfolgen. Auch die PKK fordert einen solchen Rahmen, inklusive einer Freilassung von \u00d6calan, die sie als unabdingbar f\u00fcr die Einberufung eines Kongresses sieht, auf dem eine Entwaffnung und Selbstaufl\u00f6sung beschlossen werden soll.</p><p>Aber wird der Staat diese Forderungen erf\u00fcllen? Und umgekehrt: Wird die PKK auf einem Kongress tats\u00e4chlich ihre Aufl\u00f6sung verk\u00fcnden \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/gokcer-tahincioglu-yuzlesme/ocalan-dan-beklenen-cagri-geldi-simdi-ne-olacak,48804\">oder eher</a> ank\u00fcndigen, dass sie es zu tun gedenken, aber nur, wenn der Staat die Bedingungen daf\u00fcr schafft, etwa durch rechtliche Garantien f\u00fcr Guerillas und andere Zusagen? Und wie wird der Staat dann damit umgehen? Oder, in eine andere Richtung gedacht: Wird sich die PKK offiziell aufl\u00f6sen \u2013 aber inoffiziell Schattenstrukturen im Irak und Iran unterhalten oder zumindest Wege zur Re-Organisation schaffen, falls die Gespr\u00e4che wieder scheitern? Was in Kolumbien nach dem Abkommen mit der FARC geschah, ist sicher vielen Beteiligten in Erinnerung: Die Paramilit\u00e4rs setzten ihre Gewalt fort und die Garantien wurden nur teilweise eingehalten. Teile der FARC formierten sich daraufhin neu \u2013 wohlgemerkt unter weit schlechteren Bedingungen als zuvor. Ein wichtiger Unterschied in diesem Vergleich liegt nat\u00fcrlich darin, dass es in Kolumbien zumindest schriftliche Garantien gab. In der T\u00fcrkei gibt es bisher noch nicht einmal welche.</p><h2><b>Die Kr\u00e4ftematrix der Kalk\u00fcle</b></h2><p>Bei all dem ist Erdo\u011fans Kalk\u00fcl klar: Er will die Opposition spalten und weitere Unterst\u00fctzung f\u00fcr eine Verfassungs\u00e4nderung gewinnen. Diese w\u00fcrde es ihm erlauben, erneut f\u00fcr das Pr\u00e4sidentenamt zu kandidieren, ohne vorgezogene Neuwahlen auszurufen \u2013 zu Bedingungen, die es ihm legal wie elektoral leichter machen w\u00fcrden, die erste Runde des Pr\u00e4sidentschaftsrennens zu gewinnen. Daher macht auch der Zeitpunkt des derzeitigen \u201eProzesses\u201c total Sinn: Ein bis zwei Jahre d\u00fcrfte es dauern, bis optimalerweise Ergebnisse des \u201eProzesses\u201c vorliegen; 2027 wird fr\u00fchestens mit Neuwahlen gerechnet. Er hofft, f\u00fcr die Verfassungs\u00e4nderungen wie auch elektoral die Kurd*innen zu gewinnen, denen er dann m\u00f6glicherweise eine geringere Repression in den kommenden Monaten und Jahren oder andere kleinere Zugest\u00e4ndnisse in Aussicht stellen k\u00f6nnte. Umgekehrt hofft er darauf, die Zustimmung in seiner Basis st\u00e4rken und halten zu k\u00f6nnen. Immerhin k\u00f6nnte er sich dann als den Friedenspr\u00e4sidenten pr\u00e4sentieren, der den \u201eTerror\u201c in der T\u00fcrkei beendet hat.</p><p>Gleichzeitig wird das derzeitige sehr hohe Ma\u00df an Repression, auch gegen die wichtigste Oppositionspartei, die Republikanische Volkspartei (CHP), sicherlich beibehalten werden. Ziel ist es nicht nur, ihre organisatorische und hegemoniale St\u00e4rke zu brechen, sondern auch Zwietracht unter den oppositionellen Kr\u00e4ften zu s\u00e4en. Wenn sich Kurd*innen und Staat ohne die CHP einigen und der Staat die Kurd*innen besser oder zumindest nicht mehr ganz so schlecht behandelt wie zuvor, beziehungsweise wie die CHP, dann k\u00f6nnten sich in der CHP und vor allem in der CHP-W\u00e4hler*innenschaft alte \u00dcberzeugungen wieder verfestigen: n\u00e4mlich, dass die Kurd*innen jederzeit bereit seien, sich mit Erdo\u011fan f\u00fcr ihre partikularen Vorteile zu einigen und eine demokratische Zukunft des Landes zu verraten. Ganz zu schweigen vom Unmut der rechtsextrem-nationalistischen Teilen der Opposition au\u00dferhalb der MHP, die auch noch den f\u00fcr die T\u00fcrkei vorteilhaftesten Deal mit der PKK aus Prinzip ablehnen, und <a href=\"https://www.t24.com.tr/haber/iyi-parti-imrali-surecine-tepkiler-cogaliyor-partimize-ilgi-artiyor,1222901\">jetzt schon</a> ihre Opposition zum neuen \u201eProzess\u201c lautstark verk\u00fcnden.</p><p>Die offizielle kurdische Politik hingegen k\u00f6nnte in ihrer Opposition zu Erdo\u011fan vorsichtiger werden, um keine Verhandlungsoptionen zu verlieren. So war es letztlich bei Gezi 2013, als zwar die Kurd*innen auch en masse auf die Stra\u00dfe gingen, die \u201eoffizielle\u201c Politik der HDP anf\u00e4nglich aber eine sehr vorsichtige und distanzierte war. Letztlich h\u00e4tte es ein Einheitskandidat der Opposition im Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf \u2013 und das wird nach derzeitiger Lage fast sicher der derzeitige B\u00fcrgermeister von Istanbul, Ekrem Imamo\u011flu von der CHP werden \u2013 dann viel schwerer, als Sieger aus den Wahlen gegen Erdo\u011fan hervorzugehen: Denn ein Einverst\u00e4ndnis zwischen CHP und Kurd*innen wird erschwert werden, die rechtsextremen Nationalist*innen werden gespalten sein. Optimalerweise kommt es \u00fcberhaupt nicht zu einem Einverst\u00e4ndnis \u00fcber einen Einheitskandidaten in der Opposition und Erdo\u011fan gewinnt in der ersten Runde der Wahlen. So weit das Kalk\u00fcl des Erdo\u011fan-Lagers.</p><p>Die kurdischen Kr\u00e4fte und darin vor allem die derzeit f\u00fchrende legale pro-kurdische Partei f\u00fcr Emanzipation und Demokratie der V\u00f6lker (DEM) hingegen rechnen damit, dass sie durch Verhandlungen ihren politischen Spielraum erweitern und auch in der kurdischen Bev\u00f6lkerung noch mehr hegemonialen R\u00fcckhalt gewinnen k\u00f6nnen. Die kurdische Bev\u00f6lkerung ist und bleibt die wichtigste gesellschaftliche Basis der PKK wie auch der DEM. Es sind nicht Linke oder S\u00e4kulare, die die gesellschaftliche Hauptbasis von PKK und DEM bilden. Das darf man nicht vergessen. In zuk\u00fcnftigen Verhandlungen mit dem Staat oder der CHP k\u00f6nnte eine in ihrer Hauptbasis gest\u00e4rkte DEM sich dann besser durchsetzen. Sie w\u00e4re dann, wenn sie zumindest Teile ihrer Forderungen nach Amnestie durchsetzen kann, um entwaffnete aber politisch militante, willensstarke und extrem f\u00e4hige Kader der (dann wohl ehemaligen) PKK gest\u00e4rkt. PKK-F\u00fchrer geben zumindest deutlich die Ansage durch, dass sie <a href=\"https://firatnews.com/guncel/karasu-Onder-apo-nun-kongre-surecinde-devreye-girmesi-gerekli-209922\">weiter den politischen Kampf um Demokratie und Sozialismus in einer anderen Form f\u00fchren werden</a>, auch wenn sie sich entwaffnen und aufl\u00f6sen.</p><p>Aber die DEM ist nat\u00fcrlich auch nur menschlich, allzu menschlich. Vielleicht haben sich ihre F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten ja auch wirklich in die Illusion hineinbegeben, dass hier eine ernstgemeinte Friedensabsicht vonseiten des Staates vorliegt \u2013 ganz ohne Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und Machtkalk\u00fcle. \u00d6calan ist eine herausragende Pers\u00f6nlichkeit der Geschichte der modernen T\u00fcrkei und \u00fcberhaupt der modernen Menschheitsgeschichte, wie es nur sehr wenige gibt. Es ist unm\u00f6glich, dass er die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und Machtkalk\u00fcle nicht kennt und nicht mitbedenkt. Er versucht daher sicherlich, auf ihrem Hintergrund strategisch zu agieren. Aber auch er ist zugleich menschlich, allzu menschlich. Warum sollte er nicht darauf hoffen, dass er noch zu Lebzeiten zum Nelson Mandela der T\u00fcrkei beziehungsweise der Kurd*innen (in der T\u00fcrkei) emporsteigt? Vielleicht ist er ja auch ernsthaft bereit, den Preis zu zahlen, den auch Nelson Mandela zu zahlen bereit war: Aufgabe jedweden Anspruchs auf einen Zustand nach dem Kapitalismus sowie eine von Anfang an sehr riskante und potenziell nur sehr beschr\u00e4nkte Aufhebung rassistischer Gesellschaftsstrukturen. Auch das ist m\u00f6glich.</p><h2><b>Schuld und S\u00fchne</b></h2><p>Die politischen Entscheidungen und K\u00e4mpfe der kommenden Zeit werden zeigen, welches strategische Kalk\u00fcl in welchem Ausma\u00df aufgeht. In jedem Fall sollte klar sein, dass Aussichten auf einen nachhaltigen Frieden und eine umfassende Demokratisierung auf der Grundlage der oben skizzierten Machtverh\u00e4ltnisse und Berechnungen nicht priorit\u00e4r auf der Tagesordnung stehen. Daran sollte es keinen ernsthaften Zweifel geben: Eine durchgreifende Demokratisierung und ein dauerhafter Frieden werden mit Erdo\u011fan und Bah\u00e7eli prinzipiell nicht m\u00f6glich sein. Sie h\u00e4tten Zeit genug gehabt, ihren Wunsch nach Demokratie praktisch zu beweisen.</p><p>Zugleich sollte man ihre Man\u00f6vrierf\u00e4higkeit nicht untersch\u00e4tzen: Sie k\u00f6nnen partiell nachgeben und kleinere Zugest\u00e4ndnisse machen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Erdo\u011fan und Bah\u00e7eli auf ein Szenario \u00e4hnlich wie in Kolumbien zielen: Auf eine strukturelle Schw\u00e4chung von bewaffneter Fundamentalopposition, zudem politische St\u00e4rkung der Rechten und des autorit\u00e4ren Regimes. Bestenfalls wollen sie allerdings gar keine Zugest\u00e4ndnisse machen. Daher sollte auch die <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/03/nevruz-resmi-bayram-ya-da-tatil-ilan-edilsin-buradan-baslayalim/\">Kakophonie</a> der Stimmen aus dem Regierungs(nahen)lager \u2013 einige wollen abwarten, andere drohen exzessiv, Bah\u00e7eli <a href=\"https://halktv.com.tr/makale/bahceli-pervin-buldani-da-aradi-918716\">dankt</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imrali-heyeti-uyesi-sirri-sureyya-onder-aciklama-yapiyor,1223089\">ganz lieb</a> kurdischen Politiker*innen \u2013 und die weiterhin hohe Repression auch gegen Kurd*innen nicht als das Werk von konspirativen Saboteur*innen gegen den Prozess interpretiert werden, wie es einige DEM-Politiker*innen zumindest in ihrer \u00f6ffentlichen Kommunikation machen. Es gibt keine Machtgruppen mehr im Staat, die bei so wichtigen Angelegenheiten wie dem derzeitigen Prozess ohne oder gar gegen Erdo\u011fans und Bah\u00e7elis Zustimmung agieren k\u00f6nnten. Zuckerbrot und Peitsche, das ist das, was gerade staatlicherseits gemacht wird. Divide et impera, das ist das, was staatlicherseits anvisiert ist.</p><p>Dass es derzeit keine Perspektive auf einen nachhaltigen Frieden oder eine umfassende Demokratisierung in der T\u00fcrkei gibt, ist aber nicht die Schuld der Kurd*innen. Kemalistische Thesen in dieser Richtung sind rigoros abzulehnen. Die Kurd*innen versuchen, aus den gegebenen Machtverh\u00e4ltnissen das Beste aus ihrer Sicht zu machen. Weder Republikaner*innen noch revolution\u00e4re Linke waren seit Jahrzehnten stark genug, mehr zu erk\u00e4mpfen oder besser mit den Kurd*innen zusammenzuarbeiten. Da kann man sich ruhig zu erst selbst an der Nase fassen, bevor man mit dem Finger auf den Kurden zeigt. Nur eine lager\u00fcbergreifende und kompromisslose Demokratisierungsagenda, die keine Zugest\u00e4ndnisse an nationalistische und reaktion\u00e4re Kr\u00e4fte macht, gepaart mit der Einbettung in soziale und politische K\u00e4mpfe, k\u00f6nnte mehr aus den Umst\u00e4nden der heutigen T\u00fcrkei machen. Doch seit Jahren haben die wichtigsten Oppositionsparteien es vers\u00e4umt, eine solche Agenda ernsthaft in Angriff zu nehmen. Man kann das noch nachholen. Sonst riskiert man eben, mit einem reformierten Erdo\u011fanismus weiterzuleben.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Wie ist es, in einer solchen Stadt Israel zu kritisieren, noch dazu als J\u00fcd*innen?</b></p><p><b>Ruth Moshkovitz:</b> Es ist einsam, wenn man eine anti-hegemoniale Position einnimmt. Als antizionistische Juden und J\u00fcdinnen sind wir sowohl im \u00f6sterreichischen und Wiener Spektrum als auch in j\u00fcdischen und in vielen linken R\u00e4umen eine Anomalit\u00e4t, vor allem in wei\u00dfen linken R\u00e4umen.</p><p><b>Welche Erfahrungen habt ihr in den letzten Jahren innerhalb der j\u00fcdischen Gemeinde in Wien gemacht?</b></p><p><b>Ruth Moshkovitz</b>: Die j\u00fcdische Gemeinde in Wien ist durchaus divers. Was die Hintergr\u00fcnde angeht, kommt die Gemeinde aus ganz vielen verschiedenen L\u00e4ndern und spricht viele verschiedene Sprachen. Doch die politische Diversit\u00e4t h\u00f6rt oft beim Zionismus auf. Es gibt dann vielleicht linke, liberale und rechte Zionist*innen und die strammen Fascho-Zionist*innen, aber den Zionismus als Teil der j\u00fcdischen Identit\u00e4t infrage zu stellen, das passiert sehr selten und das zieht sich leider oft durch j\u00fcdische Institutionen und R\u00e4ume. Deswegen war f\u00fcr uns die Notwendigkeit da, unsere eigenen nicht-zionistischen R\u00e4ume zu schaffen.</p><p><b>Was ist euer Verst\u00e4ndnis von Zionismus und wie sieht eure Kritik an diesem aus?</b></p><p><b>Beryl</b>: Zionismus ist j\u00fcdischer Nationalismus und in seiner dominantesten Auspr\u00e4gung ein europ\u00e4isches und siedlerkoloniales Projekt. Es geht darum, einen j\u00fcdischen Nationalstaat, also einen Staat, in dem Juden und J\u00fcdinnen zwingend die Mehrheitsbev\u00f6lkerung sein m\u00fcssen, auf dem Gebiet des historischen Pal\u00e4stinas zu etablieren und mit allen Mitteln aufrechtzuerhalten.</p><p><b>Ruth Moshkovitz</b>: Pal\u00e4stina war zudem kein leeres Land. Der Staat Israel wurde errichtet durch die Nakba, also die Vertreibung, Ermordung und Enteignung von Pal\u00e4stinenser*innen. Bis heute sind das Mittel, mit denen dieser Staat aufrechterhalten wird. Und das ist f\u00fcr mich, f\u00fcr uns nicht akzeptierbar, unsere Sicherheit als J\u00fcd*innen durch Unterdr\u00fcckung anderer zu gew\u00e4hrleisten.</p><p><b>Auch nach dem Holocaust und dem politischen Ende des Faschismus gab es Pogrome an J\u00fcd*innen. Weil zudem die Gefahr eines globalen Antisemitismus besteht, gibt es die Position, dass ein Staat Israel als Schutzraum f\u00fcr J\u00fcd*innen notwendig sei.</b></p><p><b>Ruth Moshkovitz</b>: Ich w\u00fcrde gerne unterscheiden zwischen dem legitimen und nachvollziehbaren Bed\u00fcrfnis nach j\u00fcdischer Selbstbestimmung und Schutz, sowohl direkt nach 1945 als auch jetzt \u2013 und dem Zionismus. In meiner Familie gibt es eine Verfolgungsgeschichte. Emotional kann ich das sehr gut nachvollziehen, dass Juden und J\u00fcdinnen nicht mehr der Umgebung einer nicht-j\u00fcdischen Mehrheitsgesellschaft ausgeliefert sein wollen. Aber es ist ein Fehler zu glauben, dass der Staat Israel ein Garant f\u00fcr j\u00fcdische Sicherheit sei.</p><p><b>Beryl:</b> Es ist nicht nur ein Fehler, sondern es ist antisemitisch und rassistisch. Diese Position beinhaltet einerseits oft die Annahmen einer grunds\u00e4tzlichen j\u00fcdischen Fremdartigkeit. Und gleichzeitig wird davon ausgegangen, dass Mehrheitsgesellschaften den eigenen (potenziell genozidalen) Rassismus nicht \u00fcberwinden k\u00f6nnen oder wollen.</p><p><b>Ruth Moshkovitz:</b> Es ist besonders verst\u00f6rend, wenn Nachkommen von NS-T\u00e4ter*innen uns in \u00d6sterreich sagen, wir sind als J\u00fcd*innen nur sicher, wenn wir woanders hingehen. Politiker*innen von Parteien wie der \u00d6VP, SP\u00d6 und den Gr\u00fcnen sagen nicht-zionistischen und anti-zionistischen J\u00fcd*innen, dass sie sich sch\u00e4men sollen. Das ist emp\u00f6rend und heuchlerisch. Denn es sind genau ihre Parteien, die seit Jahren Rechte und Faschist*innen hofieren und rassistisches Gedankengut verbreiten. Statt Israel politisch und milit\u00e4risch zu unterst\u00fctzen, sollten all jene, die um die Sicherheit von uns J\u00fcd*innen besorgt sind, sich zuallererst um die braunen Flecken in unserer Gesellschaft k\u00fcmmern und Rechtsextremismus bek\u00e4mpfen.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"jewsagainstgenocide_JBW.jpg\" height=\"954\" src=\"/media/images/jewsagainstgenocide_JBW.original.jpg\" width=\"716\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Judeobolschewiener*innen</span>\n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Judeobolschewiener*innen auf einer Demonstration in Wien.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><b>Beryl</b>: An dieser Stelle m\u00f6chte ich eine intersektionale Perspektive betonen, also beispielsweise die Schnittpunkte des Kampfes gegen Antisemitismus und des Kampfes der Arbeiterbewegung zu erkennen und dass das eine nicht selbstverst\u00e4ndlich mit dem anderen einhergeht. Ich habe einmal eine alte Zeitung einer anarcho-syndikalistischen Taxifahrer-Gewerkschaft aus \u00d6sterreich aus der Zeit der Ersten Republik gefunden und da waren reichlich antisemitische Artikel drin. Das zeigt mir, dass wir unsere Wirklichkeit von Situation zu Situation neu bewerten und dazulernen m\u00fcssen.</p><p><b>Ihr sprecht in Israel von Unterdr\u00fcckung. K\u00f6nnt ihr die unterschiedlichen Rechte ausf\u00fchren, die Pal\u00e4stinenser*innen und die J\u00fcd*innen dort haben?</b></p><p><b>Beryl:</b> Es gibt Organisationen wie zum Beispiel \u201eAdalah\u201c, bei denen man sehr detailliert nachlesen kann, inwiefern pal\u00e4stinensische Staatsb\u00fcrger*innen in Israel strukturell benachteiligt sind. Man muss nur pal\u00e4stinensischen Israelis zuh\u00f6ren, wenn sie dar\u00fcber sprechen, wie sie B\u00fcrger*innen zweiter Klasse sind. Nicht zu sprechen von den Millionen Pal\u00e4stinenser*innen in der Westbank, die unter israelischer Milit\u00e4rbesatzung leben und denen, die jetzt in Gaza bombardiert und ermordet werden.</p><p><b>Ruth Moshkovitz:</b> In der Westbank gibt es zwei verschiedene Rechtssysteme f\u00fcr zwei verschiedene Bev\u00f6lkerungsgruppen. F\u00fcr Pal\u00e4stinenser*innen gilt das israelische Milit\u00e4rrecht. F\u00fcr j\u00fcdische Siedler*innen in der Westbank gilt das israelische Zivilrecht. Es gibt Stra\u00dfen nur f\u00fcr j\u00fcdische Siedler*innen.</p><p><b>Beryl:</b> Pal\u00e4stina ist kein Staat, kein eigenes Land. Die israelischen Soldat*innen dringen \u00fcberall in der Westbank ein, es gibt illegale Siedlungen \u00fcberall. Sie versuchen gerade, das armenische Viertel in Jerusalem niederzuschmettern. Wenn man die f\u00fcnf Millionen Pal\u00e4stinenser*innen miteinbezieht, die in Israel keine gleichen Rechte haben und die in Gaza jetzt einen Genozid erleben, wie kann man da Israel als eine Demokratie beschreiben?! Es ist ganz klar ein Apartheidstaat, NGOs wie Amnesty International und B\u2019Tselem bezeugen das.</p><p><b>Wie kann j\u00fcdische Sicherheit jenseits von Unterdr\u00fcckung und Nationalstaatlichkeit gedacht werden?</b></p><p><b>Ruth Moshkovitz:</b> Statt \u00fcber einen j\u00fcdischen Staat zu sprechen, finde ich es wichtiger, dar\u00fcber zu sprechen, wie wir uns als Minderheiten in den jeweiligen L\u00e4ndern, in denen wir heute leben, organisieren k\u00f6nnen. Ich rede nicht von der Zeit direkt nach 1945, sondern ich m\u00f6chte mich auf das Heute konzentrieren. F\u00fcr unsere Gruppe ist das Prinzip der Doikayt sehr wichtig: dass wir uns in der Gegenwart \u00fcberlegen, wie sieht j\u00fcdische Selbstbestimmung aus an Orten, in denen wir nicht die Mehrheit sind und auch nicht sein werden. Doikayt ist ein Gegenentwurf zum Zionismus. Wir wollen Selbstbestimmung, die nicht auf Assimilation oder Nationalismus beruht.</p><p><b>Beryl</b>: Dieses Konzept ist f\u00fcr uns deshalb so wichtig, weil es bezeugt, dass antizionistische J\u00fcd*innen, oder auch zumindest nicht-zionistische J\u00fcd*innen, dass wir keine Ausnahme waren und auch heute keine Ausnahme sind. Doikayt ist zudem ein linker Begriff. Er kommt aus dem J\u00fcdischen Bund, das war eine sozialistische Gruppe, Teil der j\u00fcdischen Arbeiter*innenbewegung. Es geht um die Frage, wie wir politisch aktiv sein wollen und es geht auch ganz klar um materielle Verteilungsk\u00e4mpfe. Das ist auch noch mal so ein Grund, warum wir uns da gerne auf diese Tradition beziehen und versuchen, immer wieder zu schauen, wie k\u00f6nnen wir heute unsere Doikayt leben und umsetzen? Das ist nichts, was fix feststeht, sondern das m\u00fcssen wir uns immer wieder von Situation zu Situation anschauen. Es ist etwas, das nicht nur f\u00fcr uns J\u00fcd*innen wichtig ist. Denn viele Leute denken, dass sie, um ihr Leben zu verbessern, irgendwo hingehen m\u00fcssten, zum Beispiel auch andere Minderheiten, die sich in einem Land bedroht f\u00fchlen und woanders hinwollen. Ich finde, du musst dort, wo du bist, f\u00fcr eine bessere Welt k\u00e4mpfen \u2013 f\u00fcr den Kommunismus, den Anarchismus. Gleichzeitig: Ja klar, manchmal geht es auch nicht anders und man muss gehen, man muss fl\u00fcchten. Und anderswo weiterk\u00e4mpfen.</p><p><b>Wie k\u00f6nnte eine solche bessere Welt in Israel-Pal\u00e4stina aussehen?</b></p><p><b>Ruth Moshkovitz:</b> Alle Personen, die dort leben, m\u00fcssen die gleichen Rechte und die gleichen Mittel haben. Wir wollen Pal\u00e4stinenser*innen nicht vorschreiben, wie sie sich zu organisieren haben. Ich finde, alle Personen, die dort leben, m\u00fcssen ihr Zusammenleben letztlich selbst miteinander aushandeln. Aber gegenw\u00e4rtig k\u00f6nnen sie das nicht, weil einfach ein extremes Machtgef\u00e4lle herrscht: Politisch, milit\u00e4risch, rechtlich und auch sozio\u00f6konomisch.</p><p><b>Beryl:</b> Wenn wir von Entsch\u00e4digung sprechen, dann geht es auch um Gerechtigkeit. Das hei\u00dft f\u00fcr uns, dass es f\u00fcr die vertriebenen Pal\u00e4stinenser*innen genauso ein R\u00fcckkehrrecht geben muss. Ich denke diese Menschen haben ein gr\u00f6\u00dferes R\u00fcckkehrrecht als ich. Ja, ich bin Jude, aber wenn ich meine Wurzeln zur\u00fcckverfolge, dann lande ich irgendwo in der Ukraine, weiter reicht mein Familienstammbaum nicht. Vielleicht habe ich ja gar keine Wurzeln im historischen Pal\u00e4stina. Bevor man wirklich miteinander Friedensverhandlungen f\u00fchren kann, die zu einem langfristigen Frieden f\u00fchren k\u00f6nnen, m\u00fcssen unbedingt der Genozid, die Besatzung und die Apartheid beendet werden.</p><hr/><p>Das Gespr\u00e4ch wurde von Alieren Renkli\u00f6z gef\u00fchrt und bearbeitet.</p><hr/><p>Website/Blog: <a href=\"https://judeobolschewienerinnen.wordpress.com/\">https://judeobolschewienerinnen.wordpress.com/</a></p><p>Twitter/Instagram/Facebook: <a href=\"https://www.instagram.com/jbwienerinnen/\">@jbwienerinnen</a></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/doikayt-j%C3%BCdische-selbstbestimmung-ohne-nationalismus/", "id": "https://revoltmag.org/articles/doikayt-j%C3%BCdische-selbstbestimmung-ohne-nationalismus/", "author": {"name": "Alieren Renkli\u00f6z", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2024-03-27T16:27:32.330760+00:00", "date_modified": "2024-03-27T16:31:03.066554+00:00", "tags": ["re:claim", "pal\u00e4stina", "judeobolschewienerinnen", "doikayt", "\u00f6sterreichische linke", "israel", "holocaust", "zionismus", "apartheid", "faschismus", "j\u00fcdischer bund", "antisemitismus"], "summary": "Warum kritisieren linke J\u00fcd*innen den Zionismus? 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Ver\u00f6ffentlicht wird es in Kooperation mit dem</i> <a href=\"https://www.vizak.org\"><i>linksradikalen Cyper-Kollektiv Vizak</i></a><i>.</i></p><p></p><p>Seit einigen Jahren erleben wir das Wiedererstarken neofaschistischer Bewegungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Die Anti-Migrationsbewegung von 2015 und nun die Coronaleugner*innenbewegung zeigen, dass es der radikalen Rechten hierzulande im vergangenen Jahrzehnt gelungen ist, verschiedene Teile der rechts-affinen Bev\u00f6lkerung zu mobilisieren und zu b\u00fcndeln. Die \u201eNeue Rechte\u201c greift alte Themen des Neofaschismus auf und popularisiert sie in weiten Bev\u00f6lkerungskreisen. War die rechtsradikale Bewegung in den 00er Jahren weitestgehend in der Defensive, so trat sie im vergangenen Jahrzehnt gesellschaftlich aus der Schmuddelecke. Die Konsument*innen der rechten Hassbotschaften radikalisieren sich im Zuge der Normalisierung einer rechten Gesinnung zunehmend: In der \u201eb\u00fcrgerlichen Mitte\u201c, im b\u00fcrgerlichen Staat, auf der Stra\u00dfe, in den K\u00f6pfen, im Internet und seit Etablierung der AfD auch in den Parlamenten. Keine Woche vergeht, ohne dass rechtsradikale Chatgruppen oder Verbindungen hochrangiger Politiker*innen mit neofaschistischen Milizen auffliegen. Die Anschl\u00e4ge von Halle und Hanau zeigen uns, welche Relevanz inzwischen der rechten Internet-Propaganda zukommt. Beide T\u00e4ter waren zuvor nicht im Real-Life der klassischen neofaschistischen Milieus organisiert.</p><p>Bei all dem k\u00f6nnte man glauben, dass die antifaschistische Bewegung an Aufwind gewinnen sollte oder die Aktualit\u00e4t der Antifa nicht zur Debatte st\u00fcnde. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Seit dem Beginn des vergangenen Jahrzehnts begannen zahllose Gruppen sich vom Konzept Antifa und manchmal sogar von antifaschistischer Politik generell abzuwenden. Bundesweit bekannte und relevante Akteure benannten sich um und <a href=\"https://www.neues-deutschland.de/artikel/958693.antifa-in-der-krise.html\">l\u00f6sten sich auf</a>. Verschiedene Aspekte des Konzepts haben an Aktualit\u00e4t verloren, was unter anderem mit dem Verst\u00e4ndnis und der Weiterentwicklung des Konzepts der modernen Antifa der 90er Jahre zu tun hat. So steht die Bewegung in den 20ern des neuen Jahrhunderts vor vielen Fragen und (leider) noch wenig Antworten.</p><p></p><h3><b>Das Konzept Antifa: Von den Anf\u00e4ngen der 90er\u2026.</b></h3><p>Der Beginn der Antifa-Bewegung f\u00e4llt mit dem Niedergang der kommunistischen Staaten 1989 und dem nunmehr bundesweiten Aufkommen neofaschistischer Bewegungen zusammen. Die Idee entsprang der autonomen Bewegung Westdeutschlands der 80er. Ausformuliert und erweitert wurde sie durch die autonomen Antifa [M] aus G\u00f6ttingen. Die Gruppe formulierte 1991 ein Konzept, das konzeptionell an die militante, kulturelle und organisatorische Praxis der westdeutschen Autonomen anschloss und den \u201eSchwarzen Block\u201c auf Demonstrationen als Aktionsform etablierte. Sie verband eine pragmatische b\u00fcndnispolitische Orientierung, die wir heute unter dem Schlagwort der \u201eBreiten B\u00fcndnisse gegen rechts\u201c kennen, mit dem Ankn\u00fcpfen an die Symbolik der historischen Antifaschistischen Aktion der KPD 1932 [1]. Dieser umstrittene Ansatz sollte f\u00fcr die Mehrzahl der Gruppen der entstehenden, heterogenen Antifa-Bewegung richtungsweisend werden. Er formulierte eine Anschlussf\u00e4higkeit im Themenfeld Antifaschismus, von der sich versprochen wurde, die gesellschaftliche Wahrnehmbarkeit und Handlungsf\u00e4higkeit revolution\u00e4rer Politik zu erh\u00f6hen. \u00dcber breite antifaschistische B\u00fcndnisse sollte antikapitalistische Politik betrieben werden k\u00f6nnen. Der Ansatz wurde in den folgenden Jahrzehnten unter dem Schlagwort des \u201erevolution\u00e4rer Antifaschismus\u201c hegemonial.</p><p></p><h3><b>\u2026\u00fcber die Kampf- und Streitjahre der 00er\u2026</b></h3><p>Von der im neuen Jahrtausend einsetzenden Durchdringung der gesamten radikalen Linken mit liberalen und staatstragenden Ideologien wurde auch die Antifa-Bewegung nicht verschont. Erste Spaltungen traten in bedeutenderen Antifa-Gruppen bereits in den ausgehenden 90er Jahren auf. Die Debatten zwischen den Str\u00f6mungen der sogenannten \u201eAntideutschen\u201c und der \u201eAnti-Imps\u201c pr\u00e4gten die 00er Jahre und spalteten die Antifa-Bewegung in sich feindlich gegen\u00fcberstehende Lager. Die \u201eAntideutschen\u201c, und in abgeschw\u00e4chter Variante die \u201eAntinationalen\u201c, wollten fatalerweise gleich das gesamte traditionell linke Programm (Klassenkampf und Antiimperialismus) verwerfen. Die \u201eAnti-Imps\u201c verk\u00fcrzten ihrerseits die Weltpolitik allzu oft auf einen schlichten Gut-B\u00f6se-Moralismus. Nicht selten wurde dieses undifferenzierte Weltbild von einer ebenso simplen und falschen \u201eHeuschrecken\u201c-Kapitalismuskritik begleitet [2].</p><p>Trotz dieser spaltenden Kontroversen gelang der Antifa-Bewegung einige beachtliche politische Mobilisierungserfolge. Die Bewegung war f\u00e4hig, gewichtige Rollen in Gro\u00dfb\u00fcndnissen einzunehmen und wahrnehmbarer Gegenspieler zu b\u00fcrgerlichen Parteien zu sein. Gegenproteste konnten trotz starker polizeilicher Aufr\u00fcstung immer wieder auch mit Militanz durchgef\u00fchrt werden. Sinnbildlich f\u00fcr diese Zeit stehen die erfolgreichen bundesweiten Mobilisierungen nach Dresden zwischen 2009 und 2014 und nach \u00e4hnlichen Modellen durchgef\u00fchrte regionale Gro\u00dfb\u00fcndnis-Aktionen. [3]</p><p></p><h3><b>\u2026..bis zur Krise der 10er</b></h3><p>Das vergangene Jahrzehnt ab 2010 schlie\u00dflich brachte viele Koordinatensysteme innerhalb der Antifa-Bewegung durcheinander. Die zuvor von vielen Antifa-Gruppen als ethnisch-nationalistische Bewegung betrachtete kurdische Bewegung gewann in der Debatte durch die Geschehnisse im syrischen B\u00fcrgerkrieg an Bedeutung. Ihr Modell des \u201eDemokratischen Konf\u00f6deralismus\u201c wurde von allen Teilen der Antifa ab 2015 begeistert diskutiert. So fanden sich viele, einstmals unvers\u00f6hnliche Gruppen pl\u00f6tzlich Seite an Seite in der Solidarit\u00e4tsbewegung mit Rojava wieder. Es kam zu einem Revival des Internationalismus [4].</p><p>Parallel dazu etablierte sich mit dem Lower Class Magazine ein bedeutendes Medium f\u00fcr den radikal linken Diskurs, das ab 2015 einen Such-Prozess der radikalen Linken mitinitiierte. Dieser Suchprozess fand unter anderem im <a href=\"https://lowerclassmag.com/2017/03/15/basisorganisierung-als-keimzelle-einer-neuen-bewegung/\">\u201eSelber machen\u201c-Kongress 2017</a> seinen Ausdruck, setzte sich aber auch in der Plattform \u201eKongress der Kommunen\u201c fort. Ab ungef\u00e4hr 2017 nahm dann auch die <a href=\"https://www.sebastian-friedrich.net/neue-klassenpolitik/\">Diskussion um eine \u201eNeue Klassenpolitik\u201c</a> als Antwort auf das Erstarken des Neofaschismus an Wind auf. Im Zuge dieser Debatten l\u00f6sten sich immer mehr Gruppen auf, benannten sich um oder schlossen sich mit anderen Zusammenh\u00e4ngen zusammen. Ab 2016 k\u00f6nnen wir im bundesweiten Durchschnitt von einer sich intensivierenden Schw\u00e4chung der \u201eAntifa\u201c-Bewegung auf der Stra\u00dfe, im Organisations- und Aktionsniveau sprechen.</p><p></p><h3><b>Was war passiert?</b></h3><p>Kurz gesagt sind sich diejenigen Teile der Antifa-Bewegung, die es mit dem revolution\u00e4ren Anspruch ernst meinten, lager\u00fcbergreifend bewusstgeworden, dass sie unter verschiedenen Vorzeichen Irrwegen aufgesessen sind. Diese Irrwege wurden gleich auf mehreren Ebenen immer offensichtlicher: Auf der pers\u00f6nlichen Ebene setzten sich immer mehr vermeintliche Genoss*innen in die \u201eb\u00fcrgerliche Mitte\u201c oder gleich ganz nach rechts ab [5]. Aber die sich mit der Etablierung der PeGiDa-Bewegung durchsetzende Erkenntnis, dass die Bewegungs-Erfolge in Dresden der vorangegangenen Jahre keinerlei Nachhaltigkeit vor Ort hervorbringen konnten, war schlussendlich besonders bitter f\u00fcr die Bewegung. Sie verwies darauf, dass die Antifa als Konzept \u2013 abseits von kurzfristigen, eventartigen und vor allem defensiven Interventionen \u2013 politisch nicht handlungsf\u00e4hig war und ist.</p><p>Als Kardinalfehler wurde die Tatsache erkannt, sich immer weiter von den Wurzeln der Antifaschistischen Aktion und deren Inhalte entfernt zu haben: n\u00e4mlich von einem klassenk\u00e4mpferischen Antifaschismus, der die soziale Frage, die Frage nach Verteilung des Reichtums in unserer kapitalistischen Gesellschaft als integralen Bestandteil antifaschistischer Politik aufgreift.</p><p>Was allen \u201eAntifa\u201c-Gruppen samt und sonders die vergangenen drei Jahrzehnte seit 1990 fehlte, war genau die Verbindung von sozialer Frage und N\u00f6ten der Menschen mit antifaschistischer Politik \u2013 und zwar nicht abstrakt, sondern konkret in der Basisorganisierung mit den Betroffenen [6]. Abseits der defensiven Antifa-Kampagnenpolitik besch\u00e4ftigten sich immer mehr Aktive hauptamtlich mit dem Besuchen von Soli-Partys. Antifa verkam so immer mehr zu einem \u201eLifestyle\u201c. Dass diese Form der Subkulturalisierung einer Bewegung nicht mehr anschlussf\u00e4hig an gesellschaftliche Mehrheiten ist, erscheint der Bewegung heute offensichtlich \u2013 war es jedoch nicht immer.</p><p></p><h3><b>Was tun?</b></h3><p>So setzte Mitte des vergangenen Jahrzehnts ein \u00fcberf\u00e4lliger Reflexionsprozess innerhalb der Bewegung ein. Dieser hat vorerst eine Schw\u00e4chung zur Unzeit hervorgebracht. Er hat jedoch auch das Potential, antifaschistische Politik neu zu definieren. Das hei\u00dft, eine neue Bewegung hervorzubringen, die aus vergangenen Fehlern lernt und wichtige Fragen neu beantwortet, zum Beispiel:</p><p></p><p><b>1) Das Verh\u00e4ltnis von Klassenpolitik und Antifaschismus</b></p><p>Schon die Antifa [M] aus G\u00f6ttingen beantwortete die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis zur Klassenpolitik problematisch. So betrachtete die Gruppe das Themenfeld Antifaschismus als derma\u00dfen wichtig, dass es f\u00fcr sie den zentralen Hebel gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung darstellte. Die Antifa der 00er Jahre versch\u00e4rfte diese Tendenz der Ausklammerung sozialer K\u00e4mpfe und die \u00dcberh\u00f6hung antifaschistischer Praxis noch. Im schlimmsten Fall wendete man sich gegen streikende Arbeiter*innen, statt Solidarit\u00e4t zu zeigen. Als Folge dieser Fehler lautet die Frage heute also: Wie kann Antifa Klassenkampf und Antifaschismus strategisch und praktisch in Verbindung setzen?</p><p></p><p><b>2) Die Organisierung</b></p><p>Allseits beklagt wird seit mehr als einer Dekade das Dasein der Bewegung als \u201eSzene\u201c. Dieses Dasein ist jedoch unmittelbar mit dem Organisierungsmodell <a href=\"https://revoltmag.org/articles/zum-ende-einer-bewegung-und-eines-organisationsansatzes/\">der autonomen Kleingruppe</a> verbunden, das sich immer wieder als nicht f\u00e4hig erwiesen hat, Menschen abseits von Freundeskreisen zu organisieren. Hei\u00dft das, dass Antifa in den Scho\u00df der Antifaschistischen Aktion 1932 zur\u00fcckkehren muss und im Rahmen einer revolution\u00e4ren Organisation arbeiten muss oder muss sich die Antifa organisatorisch eigenst\u00e4ndig neu erfinden und den autonomen Ballast abwerfen? Wie legitimiert Antifa weiterhin ihre Eigenst\u00e4ndigkeit?</p><p></p><p><b>3) Die B\u00fcndnisfrage und das Verh\u00e4ltnis zum b\u00fcrgerlichem Staat</b></p><p>Das Konzept der Antifa [M] aus G\u00f6ttingen strebte prinzipiell breite B\u00fcndnisse an. Das Konzept wurde von der 00er Jahre Antifa \u00fcbernommen, erwies sich jedoch schlussendlich als nur begrenzt wirksam und kaum nachhaltig. Hinzu tritt, dass Teile der Antifa-Bewegung in den vergangenen Jahren \u00fcber zivilgesellschaftliche Projekte kaum noch Distanz zu staatlichen Institutionen halten \u2013 trotz der Erfahrungen von NSU &amp; Co. Was hei\u00dft dieser Zustand f\u00fcr eine heutige B\u00fcndnispolitik der Antifa? Ist eine klassenk\u00e4mpferische Antifa glaubw\u00fcrdig im B\u00fcndnis mit \u201elinken\u201c Regierungsparteien? Was w\u00e4re die Alternative?</p><p></p><p><b>4) Die Mittel und Methoden</b></p><p>Die antifaschistische Aktion war historisch immer ein militantes und somit immer auch ein kontroverses Konzept. Doch wie kann heute Militanz unter der sich versch\u00e4rfenden Strafverfolgung aussehen? Ist der \u201eBlack Block\u201c noch eine aktuelle Aktionsform? Was ist mit der feministischen Kritik an vergangener Antifa-Militanz? Ist Militanz gar ganz pass\u00e9 oder muss sie reorganisiert werden?</p><p>Die Frage, ob das Konzept Antifa im Jahr 2020 noch Aktualit\u00e4t beanspruchen kann, ist also an die Frage gekn\u00fcpft, inwieweit die Bewegung bereit ist, alte Gewissheiten aufzugeben, berechtigte Fragen zu stellen, Selbstkritik zu leisten und neue Wege zu beschreiten. Der Autor, selbst 00er Jahre Antifa-Aktivist aus Frankfurt am Main, w\u00fcnscht ihr dabei gutes Gelingen.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Wichtig ist hier, anzumerken, dass die Anlehnung an die historische Antifaschistische Aktion der KPD eher \u00e4sthetisch und rhetorisch vollzogen wurde. Real hob sich das Konzept \u201eder [M]\u201c von den klassischen, kommunistischen Formen antifaschistischer Politik deutlich ab. Eine Zusammenfassung findet sich bei Langer, Bernd (1997): \u201eKunst als Widerstand\u201c Pahl-Rugenstein-Verlag; Bonn.</p><p><b>[2]</b> W\u00e4hrend der \u201eantideutsche\u201c Irrweg bereits umfassend aufgearbeitet wurde, steht er im antinationalen (Aufarbeitung des Irrwegs der Wertkritik) und antiimperialistischen Lager (Aufarbeitung des Irrwegs eines b\u00fcrgerlichen, anti-klassenk\u00e4mpferischen Antiimperialismus) noch aus. Eine ausf\u00fchrliche Kritik an liberalen Ideologien in der Antifa leisten Sommer, Michael / Witt-Stahl, Susann (2014): \u201eAntifa hei\u00dft Luftangriff\u201c Laika-Verlag; Hamburg.</p><p><b>[3]</b> Das eigentlich Neue in diesen B\u00fcndniskonstellationen war, dass von radikalen und militanten Gruppen bis zur SPD und den Gr\u00fcnen eine Aktionseinheit hergestellt werden konnte. Das hei\u00dft der Aktionskonsens war so gefasst, dass er militante Aktionsformen nicht grunds\u00e4tzlich ausschloss. Ein klassischer Spaltungsmechanismus zwischen militant / nicht militant wurde hiermit umgangen. Das Verdienst des Vorschlags, wie der Umsetzung, kommt hier vor allem der interventionistischen Linken (iL) zu.</p><p><b>[4]</b> Bemerkenswert ist hier, dass die Solidarit\u00e4tsbewegung mit den nordsyrischen Kurd*innen und ihrem Autonomieprojekt auch von langj\u00e4hrigen Kritiker*innen des Internationalismus unterst\u00fctzt wurde. Die Konzeption des PKK-F\u00fchrers findet sich in \u00d6calan, Abdullah (2010): \u201eJenseits von Staat, Macht und Gewalt\u201c Mezopotamien Verlag; K\u00f6ln. Eine Kritik am Konzept aus solidarischer, t\u00fcrkisch marxistisch-leninistischer Perspektive findet sich in der Brosch\u00fcre <a href=\"https://initiativekurdistan.files.wordpress.com/2018/10/broschc3bcre-selbstverwaltung.pdf\">\u201eSelbstverwaltung \u2013 F\u00f6deration \u2013 Rojava\u201c</a> von Young Struggle.</p><p><b>[5]</b> B\u00fcrgerliche Antiimperialist*innen, darunter einige \u201eAnti-Imps\u201c der 00er Jahre, sind \u00fcber die Friedensmahnwachen-Bewegung, die linke Anti-Migrations-Debatte um \u201eAufstehen\u201c und heute die Debatte um das Corona-Virus rechts abgeschmiert oder begeben sich in Querfront-Fahrwasser. Beispiele sind der Freidenker-Verband, das Rubikon-Magazin, die Nachdenkseiten und so weiter. Die einstmaligen \u201eAntideutschen\u201c sind nahezu geschlossen in den b\u00fcrgerlichen Staatsapparat und seine Parteien, Think-Tanks <a href=\"https://revoltmag.org/articles/klare-kante-statt-opportunismus/\">oder ins rechte Lager \u00fcbergelaufen</a>.</p><p><b>[6]</b> Gruppen beteiligten sich zwar an einer Vielzahl an Kampagnen zu sozialen Fragen oder an den Krisenprotesten ab 2008, aber das Ganze blieb abstrakt und unpers\u00f6nlich auf der Kampagnenebene verhaftet. Organizing und Organisationsaufbau in der Gesellschaft und abseits der \u201eSzene\u201c fand kaum statt. Die Mobilisierungen waren nahezu immer nach innen gerichtet.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/das-konzept-antifa-brandaktuell-oder-von-gestern/", "id": "https://revoltmag.org/articles/das-konzept-antifa-brandaktuell-oder-von-gestern/", "author": {"name": "Geronimo Marulanda", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-12-28T16:54:37.753870+00:00", "date_modified": "2020-12-28T17:03:28.863537+00:00", "tags": ["re:claim", "antifaschismus", "antirassismus", "afd", "antifa", "faschismus", "autonome", "organisation"], "summary": "Die Antifa-Bewegung ist trotz des gesellschaftlichen Rechtsrucks in der Dauerkrise. Alte Organisierungskonzepte und Strategien funktionieren angesichts einer sich popularisierenden Rechten nicht mehr. Die Bewegung steht im neuen Jahrzehnt vor der Aufgabe der Reformulierung ihrer Perspektiven."}, {"title": "F\u00fcr eine Revolutionierung der Migrantifa", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>F\u00fcr eine Revolutionierung der&nbsp;Migrantifa</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"betroffene/hanau.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/bild.0f7c2bd6.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Johanna Br\u00f6se</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h3><b><i>Das neue Feature: re:wire</i></b></h3><p><i>Premiere: Ab heute stellen wir auch Audiodateien einiger bei uns ver\u00f6ffentlichter Texte zum Anh\u00f6ren zur Verf\u00fcgung. F\u00fcr all die, die die Revolution auch h\u00f6ren und nicht nur lesen wollen! Der folgende Beitrag wurde eingesprochen und bearbeitet von CeeJay und Emexota.</i></p><hr/><p></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-html\">\n        <iframe width=\"100%\" height=\"60\" src=\"https://www.mixcloud.com/widget/iframe/?hide_cover=1&mini=1&light=1&feed=%2Frevolt_mag%2Faudio-f%C3%BCr-eine-revolutionierung-der-migrantifa%2F\" frameborder=\"0\" ></iframe>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><p></p><p></p><hr/><p>Bei dem rechten Terroranschlag in Hanau vom 19. Februar 2020 wurde Ferhat Unvar, G\u00f6khan G\u00fcltekin, Hamza Kurtovic\u0301, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat G\u00fcrb\u00fcz, Kalojan Velkov, Vili Viorel Paun, Fatih Sarac\u0327o\u011flu und der Mutter des T\u00e4ters das Leben genommen. Wir wollen ihre Namen nicht vergessen. Jede*r von ihnen hat eine Familie, Angeh\u00f6rige und Freund*innen, die nun tagt\u00e4glich damit zu k\u00e4mpfen haben, dass ihre Lieben aus dem Leben gerissen wurden.</p><p>Tobias R. war kein Einzelt\u00e4ter. Er war ein bewaffneter Faschist, der Netzwerke hatte, sozial eingebunden war, arbeiten ging, Kolleg*innen und Familie hatte. Da drau\u00dfen gab und gibt es viele wie ihn. Die Gefahr f\u00fcr Migrant*innen in Deutschland ist nicht erst seit<i> #Hanau</i> da. Das Problem hei\u00dft Rassismus.</p><h2><b>Kollektive Erinnerung</b></h2><p>Nach dem Anschlag waren wir mit vielen auf der Stra\u00dfe, in K\u00f6ln an der Keupstra\u00dfe an Weiberfasnacht, in Hanau am Samstag nach den Morden. Danach ging es im Netz weiter. Wir haben das Gespr\u00e4ch miteinander gesucht \u2013 als Genoss*innen, Freund*innen, Kolleg*innen und mit unseren Familien. Die Schweigeminute in Hanau vor der Shishabar, in der neun Menschen erschossen wurden, hallt noch immer in uns nach. Sie f\u00fchrt uns einmal mehr vor Augen: Den vermeintlichen Einzelt\u00e4tern brennt nicht mal eben die Sicherung durch. Ihre rassistisch motivierten Morde sind das Ergebnis einer Legitimierungsspirale des neuen Faschismus. Ihre psychische Labilit\u00e4t ist fester Bestandteil des stochastischen (also in ihrem konkreten Ziel zufallsbedingten, Anm. Red.) Terrorismus, der sowohl paranoide und wahnhafte Vorstellungen, als auch ein rechtes Weltbild beinhaltet.</p><p>Es stelle sich wieder dieses Schaudern ein, erz\u00e4hlt eine Genossin von uns. Dieses Schaudern, das sie erstmals 2011 \u2013 damals war sie 16 Jahre alt und der NSU hatte sich selbst enttarnt \u2013 sp\u00fcrte; sp\u00e4ter dann im Sommer 2015, als der rassistische Mob in Heidenau tobte und dann wieder und wieder nach der Ermordung von Walter L\u00fcbcke im vergangenen Sommer, nach dem Anschlag in Halle vor ein paar Monaten. Am Tag nach den Morden in Hanau sagte sie zu einem Genossen, w\u00e4hrend sie das Banner mit der Aufschrift \u201eGegen Naziterror und Rechtsruck\u201c mit anderen durch M\u00fclheim trug: \u201eIch hatte mir, als wir das Transparent malten, nicht erhofft, dass wir es so schnell wieder einsetzen m\u00fcssten.\u201c</p><p>Der Rassismus in der deutschen Gesellschaft ist allgegenw\u00e4rtig. Rassismuserfahrungen, politische Ohnmacht gegen\u00fcber der Herrschaft des Grauens, die h\u00e4sslichsten Fratzen der bundesdeutschen Gesellschaft, die sich in Hanau zeigten: Der Umgang mit all dem ist notwendig ein anderer f\u00fcr die, die davon betroffen sind und betroffen gemacht werden. Wir wollen einige Punkte hervorheben, die unseres Ermessens nach im aktuellen linken und antirassistischen Diskurs zu wenig Erw\u00e4hnung finden \u2013 und auch in der Organisationsdebatte um die Migrantifa, die daraus folgt. Kurz nach dem Anschlag und auch jetzt gibt es Momente des kollektiven Gedenkens. Sie dr\u00fccken sich unter anderem durch sogenannte Share Pics in den Sozialen Medien bis hin zur \u00f6ffentlichen Anteilnahme von Personen des \u00f6ffentlichen Lebens aus, wie etwa im frisch erschienen Soli-Track <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=lJ0Cp9ryEoc\">\u201eBist du wach?\u201c</a>. Jedes geteilte Bild und jeder Klick f\u00fcr den Track sind erste richtige Schritte zur Kollektivierung der Anteilnahme \u2013 gegen die linksliberale Deutungshoheit und die vermeintlichen warmen Worte von Politiker*innen. Die Reaktionen des Staates, die etwa in der Aufstockung des Personals in der Bek\u00e4mpfung von \u201eRechtsextremismus\u201c bestehen, sind Tropfen auf den hei\u00dfen Stein. Wir m\u00fcssen mehr wollen und tun!</p><h2>\u201e<b>You can\u2018t have capitalism without racism!\u201c (Malcolm X)</b></h2><p>Wenn wir \u00fcber Rassismus sprechen, gehen wir \u00fcber das Verst\u00e4ndnis von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Ausl\u00e4nderfeindlichkeit oder Diskriminierung hinaus. Wir meinen die systematische Rassifizierung von Menschen im Kapitalismus. Vereinfacht gesagt: Die Menschen stehen in diesem System in Konkurrenz zueinander; es finden fortlaufend K\u00e4mpfe statt, die mit unterschiedlichen Ressourcen ausgefochten werden m\u00fcssen. Mit dem Kolonialismus und einer europ\u00e4ischen Erz\u00e4hlung der Eroberung und vor allem Nutzbarmachung des Erdballs als Reichtum und \u201eErrungenschaft\u201c des Abendlands, tritt die systematische Rassifizierung von Menschen in wei\u00df und europ\u00e4isch = Herrenrasse und nicht-wei\u00df = minderwertig und Ausbeutungsobjekt, auf die Karte. F\u00fcr Frauen und Queers, Trans und Non-Binaries hat diese \u00dcberkreuzung von Widerspr\u00fcchen weitere spezifische Auswirkungen auf ihre Lebensrealit\u00e4ten. Gemeinsamkeiten treten in den Hintergrund, weil diese Realit\u00e4ten so verschieden erscheinen. F\u00fcr alle von Rassismus Betroffenen ist hingegen die Gewissheit real, dass sie systematisch in nu\u0308tzlich oder unbrauchbar selektiert werden.</p><p>Das oben und unten im Kapitalismus legitimiert den Rassismus. Denn augenscheinlich ist der Zugang zu den Ressourcen ungleich verteilt. Er gestaltet sich f\u00fcr jene, die rassistisch ausgegrenzt werden, deutlich schwieriger. Bei der Zuweisung eines spezifischen Platzes in dieser Gesellschaft greifen Klassenverh\u00e4ltnisse und Rassismus ineinander. Um es konkret zu machen: So lange Migrant*innen ihre Arbeitskraft gewinnbringend f\u00fcr den deutschen Staat verkaufen, sind sie geduldet, niemals aber erw\u00fcnscht. Andersherum: Auch reiche Migrant*innen sind von Rassismus betroffen, auch wenn sie \u00fcber mehr materielle Ressourcen verf\u00fcgen, f\u00fcr die sie oftmals deutlich erbitterter k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Integration hin oder her. Auch als Spieler in der deutschen Nationalmannschaft wirst du nie richtig dazu geh\u00f6ren.</p><h2><b>Bundesdeutscher Rassismus</b></h2><p>Eine von uns schreibt: Ich bin in Deutschland geboren. Ich bin wei\u00df. Ich habe studieren k\u00f6nnen, weil meine Mutter, die Migrantin ist und bis heute keine deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft haben m\u00f6chte, weil sie sich nicht vollst\u00e4ndig als Deutsche sieht, hierher gekommen ist. Sie hat viel gearbeitet und mich, ihre Tochter, unterst\u00fctzt, damit ich eine Deutsche sein konnte, mit deutschem Namen und deutscher Staatsb\u00fcrgerschaft, und nicht die Erfahrungen machen musste, die sie erlebt hat. Sie sei fr\u00fcher h\u00e4ufig in Hanau gewesen, erz\u00e4hlt meine Mutter eine Woche nach dem Anschlag. Dort war die zentrale Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde. Als sie von dem Anschlag in Hanau erfuhr, berichtete sie mir davon, wie es war, vor \u00fcber 40 Jahren nach Deutschland zu kommen. Was sie mit Hanau verbindet? Rassistische G\u00e4ngeleien, ekelhafte \u00c4rzte, die sie in den G\u00e4ngen der Beh\u00f6rden \u201euntersuchten\u201c, die Freude \u2013 nach zehn Jahren \u2013 \u00fcber einen unbefristeten Aufenthalt. Und nie wieder Hanau.</p><p>Das, was sie und die Betroffenen und Opfer von Hanau, migrantische Genoss*innen und Freund*innen teilen, ist die gemeinsame Erfahrung von Rassismus. Die Geschichten und Auspr\u00e4gungen der Erfahrungen sind sehr subjektiv und unterschiedlich: Allt\u00e4glicher Rassismus auf der Stra\u00dfe oder bei der Arbeit bis hin zu den Morden von geliebten Menschen, die einfach so von dreckigen Faschisten get\u00f6tet wurden. Wenn wir diese Erfahrungen kollektivieren wollen, dann mu\u0308ssen wir aber mehr fordern und tun, als Migrantifa aktuell leistet.</p><h2><b>Umsturz statt Kaltland</b></h2><p>Wir brauchen mehr Stimmen, die fragen: Wer ist diese Gesellschaft der Vielen? Mit der Fokussierung auf das viele Verschiedene, das schon jetzt da ist, ger\u00e4t der Blick auf das Gemeinsame aus dem Fokus \u2013 das Gemeinsame der rassistischen Erfahrungen, das Gemeinsame m\u00f6glicher Perspektiven. Viele sind seit Generationen hier, sind seit Jahrzehnten antifaschistisch organisiert. Sie k\u00e4mpfen jeden Tag gegen den rassistischen Normalvollzug. Auf dem Arbeitsmarkt, in der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde, auf dem Schulhof und in den Klassenzimmern. Das macht vor allem eines deutlich: Ein St\u00fcck Kaltland f\u00fcr uns h\u00e4lt den Faschismus nicht auf. Wir sind handelnde politische Subjekte, die einordnen k\u00f6nnen, warum unsere M\u00fctter in der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde geg\u00e4ngelt wurden; unsere Freund*innen und Genoss*innen tagt\u00e4glich dumm angeschaut werden in der Bahn, weil ihre Hautfarbe nicht-wei\u00df ist; warum Tobias R. einen Waffenschein besa\u00df, warum unz\u00e4hlige Nazis im Untergrund bewaffnet auf ihre Stunde warten und warum Hanau wahrscheinlich nicht der letzte rechte Terroranschlag war.</p><p>Dieser Staat hat den m\u00f6rderischen Rassismus zu verantworten. Er ist mit seinen Institutionen und ideologischen Apparaten der Organisator dieser menschenverachtenden Zust\u00e4nde. Deshalb haben wir uns antifaschistisch, feministisch und antirassistisch organisiert. Weil wir mit anderen zusammengekommen sind, um die Ohnmacht zu \u00fcberwinden und f\u00fcr ein gemeinsames Ziel zu streiten \u2013 diesen Staat und seine Klassenherrschaft abzuschaffen. Wir brauchen in der Konsequenz keine Gesellschaft der Vielen, sondern Viele mehr gegen den Faschismus. Migrantifa l\u00e4uft derzeit Gefahr, ein migrantisches Subjekt innerhalb des Bestehenden zu schaffen, welches aber nur handeln und sprechen darf, wenn es eben nicht gleich zum Umsturz dieser Verh\u00e4ltnisse aufruft. Doch genau das wollen wir: Wir wollen st\u00f6ren, revoltieren und mehr werden mit denen, die unser Ziel teilen.</p><p>Wir wollen unser Ziel ins Verh\u00e4ltnis setzen: Wir fordern die l\u00fcckenlose Aufkl\u00e4rung der staatlichen und beh\u00f6rdlichen Beteiligung bei den rassistischen Morden. Wir fordern mehr Beratungsstellen, an die sich Opfer von Rassismus wenden k\u00f6nnen. Und wir wollen die Forderungen zusammenbringen und daf\u00fcr k\u00e4mpfen, dass kein Mensch mehr Angst haben muss, in eine Shishabar zu gehen, vor Ende des Monats kein Geld mehr f\u00fcr Essen zu haben, auf dem Amt zu sitzen und schikaniert zu werden. Wir brauchen deshalb nicht nur mehr Migrantifa und Protest f\u00fcr Menschenrechte, sondern auch eine gemeinsame Organisierung und eine offensive Linke, die sich weder hinter linksliberalen Forderungen und Appellen an den Staat versteckt, noch \u201edie Migrantifa\u201c vorschickt im Kampf gegen den Faschismus. Besonders jetzt gilt es, den Druck zu erho\u0308hen und Institutionen des Rassismus und der Abschottung anzugreifen.</p><p>Wir appellieren auch an die deutsche Antifa-Bewegung, die Entnazifizierung dieses Landes voranzutreiben. Konkrete Handlungsangebote machen beispielsweise die <i>Initiative in Gedenken an Ramazan Avc\u0131</i> mit dem <a href=\"https://www.labournet.de/interventionen/antifa/antifa-ini/8-mai-2020-tag-des-zorns-bundesweiter-protest-streik-gegen-rassismus/\">Aufruf</a> zum Tag des Zorns am 8. Mai, die <i>Initiative Herkesin Meydan\u0131</i> f\u00fcr ein <a href=\"https://mahnmal-keupstrasse.de/\">Mahnmal</a> an der Keupstra\u00dfe und viele andere Initiativen, die vielerorts an der Realisierung der Losung \u201eErinnern hei\u00dft k\u00e4mpfen\u201c arbeiten. Nicht zuletzt haben auch die Verteilungsk\u00e4mpfe, die in der aktuellen Krise ausgehandelt werden und vor allem Menschen mit Migrationshintergrund, sowie Frauen* besonders hart treffen, das Potenzial, in antirassistischen als auch antikapitalistischen kollektiven Widerstand verwandelt zu werden.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/f%C3%BCr-eine-revolutionierung-der-migrantifa/", "id": "https://revoltmag.org/articles/f%C3%BCr-eine-revolutionierung-der-migrantifa/", "author": {"name": "Einige Antifaschist*innen mit Migrationsgeschichte", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-04-19T10:43:16.283400+00:00", "date_modified": "2020-04-19T11:23:15.527203+00:00", "tags": ["re:claim", "re:wire", "kaltland", "hanau", "alltagsrassismus", "migrantifa", "nsu", "antifaschismus", "antirassismus", "faschismus", "rassismus", "revolution"], "summary": "Am 19. Februar 2020 hat ein Rechter in Hanau neun migrantische Menschen ermordet. Mittlerweile droht Hanau zur Randnotiz zu werden \u2013 und damit auch der rechte Terror in Deutschland. Dagegen gilt es Migrantifa revolutiona\u0308r zu organisieren. Ein Debattenbeitrag."}, {"title": "Das \u201eHannibal\u201c-Netzwerk \u2013 eine faschistische Geheimarmee?", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Das \u201eHannibal\u201c-Netzwerk \u2013 eine faschistische&nbsp;Geheimarmee?</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"HannibalNetzwerk.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/HannibalNetzwerk.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">antifa</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Heute ist die Brosch\u00fcre \u201e</i><a href=\"http://antifa-aufbau.org/2019/12/19/broschuere-staat-nazis-hand-in-hand/?fbclid=IwAR1dWxET9Iipo50oHOnSIDO6kfs0Pg4MkPfqSorH5ztJdH-dhjjulsIDhw8\"><i>Staat und Nazis Hand in Hand? Einsch\u00e4tzung zur Aktualit\u00e4t der faschistischen Gefahr in Deutschland</i></a><i>\u201c erschienen, herausgegeben von einem Kollektiv antifaschistischer Gruppen.</i> <i> Beteiligt sind die</i> <a href=\"http://antifa-karlsruhe.org/\"><i>Antifaschistische Aktion Karlsruhe</i></a><i>,</i><a href=\"http://antifa-aufbau.org/\"><i>Antifaschistischer Aufbau M\u00fcnchen</i></a><i>,</i> <a href=\"http://antifa-stuttgart.org/\"><i>Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart</i></a><i>,</i><a href=\"http://antifaaufbautue.blogsport.de/\"><i>Antifaschistische Aktion (Aufbau) T\u00fcbingen</i></a><i>,</i> <a href=\"http://antifaaufbauma.blogsport.de/\"><i>Antifaschistische Aktion (Aufbau) Mannheim</i></a> <i>und</i><a href=\"http://antifavs.noblogs.org/\"><i>Antifaschistische Aktion [o] Villingen-Schwenningen</i></a><i>. Im Folgenden unsere zweite Vorabver\u00f6ffentlichung aus der Brosch\u00fcre; f\u00fcr den Erwerb der Brosch\u00fcre einfach bei den beteiligten Gruppierungen auf der Homepage schauen. Der folgende Artikel ist leicht redaktionell bearbeitet worden.</i></p><p></p><hr/><p></p><p>Im August 2017 und im April 2018 fanden mehrere Durchsuchungen in Mecklenburg-Vorpommern gegen die \u201eNordkreuz\u201c-Struktur statt. <b>[1]</b> \u00d6ffentliche Aufmerksamkeit erlangten diese F\u00e4lle allerdings erst im Juni 2019, als die Bundesanwaltschaft ihre ersten Ergebnisse pr\u00e4sentierte und die Dimension der rechten Terrororganisation sichtbar wurde. \u201eNordkreuz\u201c rekrutiert sich haupts\u00e4chlich aus SoldatInnen und PolizistInnen, vorwiegend aus Spezialeinheiten. Sie verf\u00fcgen mit \u201eS\u00fcd-\u201c und \u201eWestkreuz\u201c \u00fcber bundesweite Strukturen. Offen auftretende FaschistInnen befinden sich nicht unter den Mitgliedern, wohl aber sind sie in der Szene gut vernetzt. Die Struktur legt gro\u00dfen Wert darauf, unter dem Radar zu bleiben. F\u00fcr ihr Vorhaben ist das auch unumg\u00e4nglich. Das \u201eKreuz\u201c-Netzwerk \u2013 auch als \u201eHannibal-Netzwerk\u201c bekannt \u2013 wurde ins Leben gerufen, um bei einem Sturz der aktuellen Ordnung die linke Opposition zu liquidieren. Hierf\u00fcr wurden Feindeslisten angelegt, mehrere zehntausend Schuss Munition gebunkert, Waffen beschafft und Passierscheine zum \u00dcberwinden von Stra\u00dfensperren besorgt. Auf der Einkaufsliste standen zudem 200 Leichens\u00e4cke und \u00c4tzkalk zur Desinfektion von Massengr\u00e4bern.</p><h2><b>Das Erbe der Gladio</b></h2><p>Ihre Ziele und die Art der Organisation weist \u00c4hnlichkeiten zu den <i>stay behind</i>-Strukturen, die w\u00e4hrend des Kalten Krieges aktiv waren, auf. Unter <i>stay behind</i>-Strukturen versteht man paramilit\u00e4rische Verb\u00e4nde, die im Falle einer feindlichen Besetzung nachrichtendienstliche Aufkl\u00e4rung leisten und Sabotageakte gegen die Besatzungsmacht ausf\u00fchren. Die NATO betrieb von 1947 bis 1991 nachweislich in mehreren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern solche Netzwerke. Anf\u00e4nglich um im Falle eines sowjetischen Einmarsches hinter den feindlichen Linien k\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen. Rekrutiert wurden hierf\u00fcr stramme AntikommunistInnen. Zu Beginn haupts\u00e4chlich ehemalige Mitglieder der Waffen-SS und Mussolini-FaschistInnen, sp\u00e4ter Mitglieder aus diversen neofaschistischen Strukturen. F\u00fcr ihren urspr\u00fcnglichen Zweck kamen die Geheimarmeen nie zum Einsatz, was aber nicht hei\u00dft, dass diese unt\u00e4tig geblieben w\u00e4ren. Anfang der 1970er Jahre begannen sie im Zuge der \u201eStrategie der Spannung\u201c terroristische Anschl\u00e4ge zu ver\u00fcben, welche sie der Linken anh\u00e4ngen wollten, um diese zu diskreditieren. Ihre Aktionen reichten von Spr\u00fchereien bis hin zu Bombenanschl\u00e4gen und gezielten Morden an PolizistInnen. Am bekanntesten ist wohl der Bombenanschlag auf den Bahnhof von Bologna im August 1980 mit 85 Toten, wof\u00fcr kurz danach die Roten Brigaden beschuldigt wurden. In den nachfolgenden Ermittlungen konnte aber nicht mehr verheimlicht werden, dass faschistische Todesschwadronen mit dem Namen \u201eGladio\u201c, welche Teil der NATO-Geheimarmeen waren, hinter dem Anschlag steckten. Die italienische Regierung musst daraufhin deren Existenz offiziell einr\u00e4umen.</p><h2><b>Sehnsucht nach Tag X</b></h2><p>In Deutschland wurden ab 1950 mit dem \u201eBund Deutscher Jugend\u201c, dem \u201eTechnischen Dienst\u201c und dem \u201eSchweigenetz\u201c geheime faschistische Verb\u00e4nde aufgebaut. Im Gegensatz zu Italien, Belgien und der Schweiz, in denen es nach dem Ende des Kalten Krieges Untersuchungsaussch\u00fcsse zu den Geheimarmeen gab, wurde in Deutschland der gesamte Komplex unter den Teppich gekehrt. Mit dem Ende des Systemkonflikts wurden solche <i>stay-behind</i>-Strukturen \u00fcberfl\u00fcssig. Bei den heutigen Netzwerken handelt es sich also um ein anderes Ph\u00e4nomen. Auch ohne Kalten Krieg hat der Staat ein Interesse daran, sich ein gut organisiertes, ideologisch gefestigtes, und verl\u00e4ssliches paramilit\u00e4risches Potenzial zu erhalten. \u00dcber das Ma\u00df an Eigenst\u00e4ndigkeit des \u201eHannibal\u201c-Netzwerks und \u00fcber die Beteiligung von Geheimdiensten kann zwar nur spekuliert werden, dass sich solche Netzwerke v\u00f6llig ohne Wissen der Geheimdienste bilden k\u00f6nnen, ist aber zu bezweifeln.</p><p>Aufgeflogen ist das \u201eKreuz-Netzwerk\u201c wohl, weil einigen Mitgliedern der \u201eTag X\u201c noch in zu weiter Ferne lag und sie deshalb versuchten, diesen selbst herbei zu f\u00fchren. Auch der Soldat Franco Albrecht war wohl Teil des Netzwerks. Er versuchte sich als Gefl\u00fcchteter auszugeben, um anschlie\u00dfend Anschl\u00e4ge zu ver\u00fcben und dadurch den \u201eTag X\u201c auszul\u00f6sen. Auf seiner Todesliste standen neben antifaschistischen AktivistInnen und dem Zentralrat der J\u00fcdInnen auch der damalige Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck und der damalige Justizminister Heiko Maas. Auch die Pl\u00e4ne einiger weiterer Mitglieder der Struktur sollen schon sehr konkret gewesen sein. Die Beh\u00f6rden stoppten die putschistischen RechtsterroristInnen kurz vor der Durchf\u00fchrung ihrer Aktionen. Harte Strafen gab es aber in keinem Fall.</p><p>Zerschlagen wurde das \u201eHannibal\u201c-Netzwerk auch nicht. Lediglich die Munitionsvorr\u00e4te und die nicht registrierten Schusswaffen wurden beschlagnahmt. Hierf\u00fcr werden einige Mitglieder des Netzwerks wohl auch angeklagt. Der Gro\u00dfteil der Organisation bleibt aber unangetastet. Auch bei Franco Albrecht und seinen Unterst\u00fctzerInnen, bei denen bereits ausgearbeitete Anschlagspl\u00e4ne, Schusswaffen, Munition und Z\u00fcnder gefunden wurden, lie\u00df das Oberlandesgericht Frankfurt das Verfahren einstellen, noch bevor \u00fcberhaupt Anklage erhoben wurde. Der Fall liegt allerdings noch beim Bundesgerichtshof.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Das Beitragsbild zeigt einen Polizisten, der mit dem Abzeichen von Uniter e.V. posiert. Der Verein dient zur Vernetzung von SoldatInnen und PolizistInnen, meist aus Spezialeinheiten, taucht aber vor allem in Verbindung mit rechten Umtrieben bei Polizei und Bundeswehr auf. So gilt einer der Vereinsgr\u00fcnder, Andr\u00e9 S. alias \u201eHannibal\u201c, als Gr\u00fcnder des \u201eKreuz (Hannibal)\u201c-Netzwerks. Deren Mitglieder wiederum sind zum gr\u00f6\u00dften Teil Vereinsmitglieder von Uniter e.V. Auch der Verfassungsschutz hat seit der Gr\u00fcndung des Vereins seine Finger mit im Spiel.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Einsch\u00e4tzung zur Aktualit\u00e4t der faschistischen Gefahr in Deutschland\u201c, herausgegeben von einem Kollektiv antifaschistischer Gruppen. Beteiligt sind die</i> <a href=\"http://antifa-karlsruhe.org/\"><i>Antifaschistische Aktion Karlsruhe</i></a><i>,</i> <a href=\"http://antifa-aufbau.org/\"><i>Antifaschistischer Aufbau M\u00fcnchen</i></a><i>,</i> <a href=\"http://antifa-stuttgart.org/\"><i>Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart</i></a><i>,</i> <a href=\"http://antifaaufbautue.blogsport.de/\"><i>Antifaschistische Aktion (Aufbau) T\u00fcbingen</i></a><i>,</i> <a href=\"http://antifaaufbauma.blogsport.de/\"><i>Antifaschistische Aktion (Aufbau) Mannheim</i></a><i> und</i> <a href=\"http://antifavs.noblogs.org/\"><i>Antifaschistische Aktion [o] Villingen-Schwenningen</i></a><i>. Wir ver\u00f6ffentlichen heute und morgen vorab Artikel aus der Brosch\u00fcre; f\u00fcr den Erwerb der Brosch\u00fcre einfach bei den beteiligten Gruppierungen auf der Homepage schauen. Der folgende Artikel ist leicht gek\u00fcrzt und redaktionell bearbeitet worden.</i></p><p></p><hr/><p></p><p>Seit der letzten gro\u00dfen Wirtschaftskrise vollzieht sich in vielen L\u00e4ndern der Welt ein Rechtsruck. Im Windschatten dieser Entwicklung konnte auch die militante Rechte erstarken. In Deutschland \u00e4u\u00dfert sich diese Entwicklung beispielsweise in den unz\u00e4hligen Angriffen auf Gefl\u00fcchtete und deren Unterk\u00fcnfte. Zwar er\u00fcbrigte sich deren Zweck mit dem Schlie\u00dfen der europ\u00e4ischen Au\u00dfengrenzen und ihre Zahl nahm wieder ab, doch die BrandstifterInnen sind immer noch da.<b> [1]</b></p><p>Weniger offensichtlich bildeten sich mit dem Aufschwung der rechten Bewegung immer mehr bewaffnete faschistische Gruppen. Wie viele es mittlerweile sind, kann wohl au\u00dfer dem Verfassungsschutz niemand sagen. Doch die Anzahl der Gruppierungen, welche in den letzten zwei Jahren aufgedeckt wurden, gibt zumindest einen verschwommenen Einblick. Der Mord an Walter L\u00fcbcke<b> [2]</b> und die Aufdeckung der Organisation \u201eNordkreuz\u201c <b>[3]</b> d\u00fcrften den meisten noch am besten im Ged\u00e4chtnis sein. Aber auch das Waffenlager in Hannover<b> [4]</b>, der geplante Aufstand der Gruppe \u201eRevolution Chemnitz\u201c <b>[5]</b> oder die Gruppe \u201eNordadler\u201c <b>[6]</b> sind ebenfalls Beispiele dieser Entwicklung.</p><p>Um die eigentliche Frage zu beantworten, muss allerdings auch ein Blick auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung geworfen werden. Die letzte gro\u00dfe Wirtschaftskrise im Jahr 2007 brachte die kapitalistische Akkumulation weltweit ins Wanken. Im Vergleich zu den s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern waren die Auswirkungen der Krise in Deutschland verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gering. In den s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern formierte sich ein massiver Widerstand innerhalb der Bev\u00f6lkerung. Und auch wenn in diesem Fall alles wieder in systemkonforme Bahnen gelenkt worden konnte, zeigte die k\u00e4mpferische Bewegung in Griechenland, wie schnell sich in Krisenzeiten Dynamiken entwickeln k\u00f6nnen.</p><p>Die Methoden zur Krisenbew\u00e4ltigung, welche den Laden beim letzten Mal gerade noch zusammen gehalten hatten, sind f\u00fcr die n\u00e4chste Krise keine Option mehr. Die Auswirkungen der Krise wurden vor allem auf der Grundlage einer massiven Ausweitung der \u00f6ffentlichen Verschuldung bek\u00e4mpft. Die Zentralbanken setzten den Leitzins auf Null und kauften Staatsanleihen im Wert von mehreren Billionen Euro. Das Zinsniveau ist immer noch auf einem historischen Tief und die Staatsverschuldungen sind hoch. Damit verengen sich die \u00f6konomischen Spielr\u00e4ume f\u00fcr die L\u00f6sung der n\u00e4chsten zu erwartenden Krise. Dar\u00fcber hinaus ist die Jugendarbeitslosigkeit in S\u00fcdeuropa immer noch exorbitant hoch und viele L\u00e4nder wie zum Beispiel Frankreich befinden sich in tiefen politischen Krisen.</p><p>Der n\u00e4chste Crash wird kommen und er wird auch in Deutschland einschlagen. Durch die starke Exportorientierung ist das deutsche Kapital besonders abh\u00e4ngig von der Lage der Weltwirtschaft. Und so werden bereits jetzt Vorbereitungen f\u00fcr die n\u00e4chste Krise getroffen. Durch die neuen Polizeiaufgabengesetze (PAG) werden die Befugnisse der Sicherheitsbeh\u00f6rden erweitert und der \u00dcberwachungsstaat ausgebaut. Auch die Umgehung demokratischer Mitbestimmung mittels der EU und die Einschr\u00e4nkung des Streikrechts zeigen, dass die herrschende Klasse auf den autorit\u00e4ren Staat setzt, um auch die n\u00e4chste Krise zu \u00fcberstehen.</p><h2><b>Der diskrete Charme des Faschismus</b></h2><p>Doch warum arbeitet die Bourgeoisie nicht gleich auf den Aufbau einer faschistischen Diktatur hin? Die Interessen des Kapitals gegen revoltierende Lohnabh\u00e4ngige lassen sich in der Krise doch wohl kaum besser durchsetzen als durch fanatische FaschistInnen. Doch genau darin liegt auch das Risiko f\u00fcr die Bourgeoisie. Sie muss hierbei einen Teil ihrer Macht an die FaschistInnen abgeben. Und dies ist f\u00fcr sie mit einigen Risiken verbunden.</p><p>Solange es den gemeinsamen Gegner \u2013 die organisierte ArbeiterInnenbewegung \u2013 gibt, k\u00f6nnen Widerspr\u00fcche innerhalb der faschistischen Bewegung oder zwischen Kapital und faschistischer Bewegung \u00fcberdeckt werden. Doch auch historisch war die erste Zeit nach der kompletten Zerschlagung der Arbeiterbewegung (ab Mitte 1933) in Deutschland durch Richtungsk\u00e4mpfe innerhalb der NSDAP-Elite gepr\u00e4gt. Die Politik der FaschistInnen war in weiten Teilen deckungsgleich mit den Interessen des Kapitals, trotzdem kam es immer wieder zu Konflikten. Sollten diese einmal zu gro\u00df werden, l\u00e4sst sich eine parlamentarische Regierung letztlich deutlich leichter absetzen als eine faschistische Diktatur. Und die FaschistInnen sind keineswegs blo\u00dfe Befehlsempf\u00e4ngerInnen der herrschenden Klasse. Vereinfacht gesagt kann ihre Politik auch im Chaos und in der totalen Niederlage enden. Der unglaubliche Aufwand mit welchem die physische Vernichtung der J\u00fcdInnen betrieben wurde, war nicht unbedingt im Sinne der herrschenden Klasse. Im Gegenteil: Die Fokussierung der faschistischen F\u00fchrung auf ihren antisemitischen Wahn mitten im zweiten Weltkrieg trieben Teile der herrschenden Klasse in eine oppositionelle Haltung zum NS-Regime, die bis hin zur Vorbereitung zum Tyrannenmord reichte.</p><p>M\u00f6gen die Gewinnaussichten noch so traumhaft sein, wenn die \u00dcberreste des Sozialstaats und der Gewerkschaften beseitigt sind, ist die herrschende Klasse langfristig doch darauf angewiesen, auf ein stabiles politisches System bauen zu k\u00f6nnen. Aus diesem Grund ist der Faschismus f\u00fcr die Bourgeoisie immer der letzte Notnagel in einer ansonsten ausweglosen Situation. Solange weniger risikoreiche Herrschaftsm\u00f6glichkeiten eine Option sind, wird sie auch auf diese setzen.</p><p>F\u00fcr die heutige Lage schlie\u00dfen wir daraus, dass der b\u00fcrgerliche Parlamentarismus mit seinen Volksparteien zwar angez\u00e4hlt sein mag, aber immer noch funktioniert. Offensichtlich arbeitnehmerInnenfeindliche Politik wie die Hartz-Reformen oder die oben aufgez\u00e4hlten Entwicklungen lassen sich ohne gro\u00dfen Widerstand durchsetzen. Die faschistische Bewegung wird deshalb nur von kleinen Teilen des Kapitals unterst\u00fctzt. Konsequent bek\u00e4mpft wird sie nat\u00fcrlich nicht, weil die grundlegenden Pfeiler des Kapitalismus durch die FaschistInnen niemals angetastet werden.</p><h2><b>Sch\u00f6n bei der Leine halten \u2013 noch</b></h2><p>Auf der Agenda der FaschistInnen steht zurzeit vor allem eins: Rache an den \u201eSchuldigen\u201c der \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c. In ihrem Weltbild kommen Gefl\u00fcchtete nicht nach Europa, weil sie vor Krieg, Hunger und Armut fl\u00fcchten, sondern aufgrund eines angeblichen Plans zum gro\u00dfen \u201eBev\u00f6lkerungstausch\u201c. Demnach w\u00fcrden die Eliten der b\u00fcrgerlichen Politik daran arbeiten, durch gezielte Zuwanderung die europ\u00e4ischen V\u00f6lker unter Druck zu setzen, um willige ArbeitssklavInnen zu erhalten. Der Linken wird vorgeworfen die passende Hegemonie dazu herzustellen. Und so stehen neben Linken eben auch eine ganze Reihe b\u00fcrgerlicher PolitikerInnen auf den Todeslisten der Nazis. Der Mord an Walter L\u00fcbcke und die Mordversuche an Andreas Hollstein <b>[7]</b> und Henriette Reker <b>[8]</b> zeigen diese Tendenz des Rechtsterrorismus. Die Verselbst\u00e4ndigung der faschistischen Ideologie wird hier deutlich. Denn zumindest solange die b\u00fcrgerliche Demokratie noch im Sinne der Herrschenden funktioniert, hat das Kapital kein Interesse an Angriffen auf politische Mandatstr\u00e4gerInnen. Aus diesem Grund werden die putschistischen Kr\u00e4fte innerhalb der militanten Rechten eingebremst.</p><p>Mehr wird im staatlichen Kampf gegen rechten Terror aber auch nicht passieren. Solange FaschistInnen ihre Angriffe auf Linke und vermeintliche Ausl\u00e4nderInnen beschr\u00e4nken, bleibt die Praxis von Polizei und Verfassungsschutz die gleiche wie schon vor der Selbstenttarnung des NSU. Die unz\u00e4hligen ungekl\u00e4rten Angriffe auf Gefl\u00fcchtetenunterk\u00fcnfte und linke Hausprojekte, sowie \u00dcbergriffe auf MigrantInnen sprechen f\u00fcr sich.</p><p>Ein Beispiel hierf\u00fcr ist die Gruppe \u201eRevolution Chemnitz\u201c. Die Mitglieder waren schon jahrelang in verschiedenen rechtsradikalen Strukturen in Sachsen aktiv. Mindestens vier hatten bereits in der Gruppe \u201eSturm 34\u201c Erfahrung in Hetzjagden, Waffenbeschaffung und dem Aufbau terroristischer Organisationen gesammelt. Die Gruppe wurde 2006 unter Beteiligung eines Geheimdienstspitzels gegr\u00fcndet und w\u00fctete zwei Jahre lang in Sachsen. Obwohl mehrere Opfer lebensgef\u00e4hrliche Verletzungen davon trugen, musste niemand mit schweren Strafen rechnen. Christian Keilberg, der sowohl bei \u201eSturm 34\u201c, als auch sp\u00e4ter bei \u201eRevolution Chemnitz\u201c F\u00fchrungsrollen \u00fcbernahm, hatte seit 2006 zudem regelm\u00e4\u00dfig Kontakt zum Verfassungsschutz. Auch als \u201eRevolution Chemnitz\u201c konnte die Gruppe unbehelligt Menschenjagden auf MigrantInnen veranstalten. Sie beteiligten sich unter anderem an den Ausschreitungen in Chemnitz im August 2018 und patrouillierten als \u201eB\u00fcrgerwehr\u201c durch die Stadt. Erst aber, als sie mit konkreten Vorbereitungen f\u00fcr einen Putsch begannen, wurden sie von den Beh\u00f6rden als ernstzunehmende Bedrohung wahrgenommen. Im Oktober 2018 wurde die Gruppe schlie\u00dflich verhaftet. Diesmal waren aber nicht MigrantInnen das Ziel, sondern die Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung in Berlin. Die FaschistInnen hofften durch den Terroranschlag einen B\u00fcrgerkrieg auszul\u00f6sen und infolgedessen die Regierung zu st\u00fcrzen.</p><p>Nat\u00fcrlich bekommen Polizei, Geheimdienst und Staatsanwaltschaften keine Anweisungen des Kapitals, ob und wann sie eine faschistische Terrorgruppe hochnehmen sollen. Dass die Polizeibeh\u00f6rden aber auf dem rechten Auge blind sind, ist kein Zufall. Zum einen legt das die Geschichte dieser Beh\u00f6rden nahe. Das Bundeskriminalamt (BKA) wies bei seiner Gr\u00fcndung genauso wie die Justiz oder der Verfassungsschutz eine gro\u00dfe personelle und strukturelle Kontinuit\u00e4t zur Zeit des Faschismus auf. Aufgebaut wurde es von ehemaligen SS-Angeh\u00f6rigen. Diese Leute wurden in erster Linie f\u00fcr diese Aufgaben ausgew\u00e4hlt, weil sie stramme AntikommunistInnen waren und sind. Und zum anderen ist das aber auch die logische Folge einer ihrer grundlegenden Aufgaben innerhalb der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, dem Schutz der herrschenden Eigentumsverh\u00e4ltnisse.</p><p>Der Umgang des Staates mit faschistischen Strukturen h\u00e4ngt aber noch von mehreren Faktoren ab. Wie gut ist die Organisation mit Spitzeln durchsetzt? Hat sie internationale Kontakte? Welche Aktionen plant sie im Einzelnen und wie konkret sind ihre Pl\u00e4ne? F\u00fcr uns ist wichtig festzuhalten, dass dieser Staat niemals grunds\u00e4tzlich gegen die faschistische Bewegung vorgehen wird. Einzelne Verhaftungen oder Verbote \u00e4ndern daran nichts.</p><p></p><hr/><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Die Angriffe auf Gefl\u00fcchtete und ihre Unterk\u00fcnfte stiegen ab 2015 stark an. F\u00fcr 2016 verzeichnet die gemeinsame Chronik der Amadeu Antonio Stiftung und Pro Asyl einen H\u00f6chstwert von 3.768 Angriffen. Danach sank die Zahl wieder von 2.285 in 2017 auf 1.434 in 2018. F\u00fcr 2019 sind zum Zeitpunkt der Ver\u00f6ffentlichung dieses Textes 37 \u00dcbergriffe dokumentiert. Die Dunkelziffer liegt vermutlich f\u00fcr alle Jahre deutlich \u00fcber den angegebenen Zahlen.</p><p><b>[2]</b> Walter L\u00fcbcke war ein hessischer CDU-Politiker und bis zu seinem Tod Regierungspr\u00e4sident im Regierungsbezirk Kassel. Durch Aussagen gegen Pegida-Anh\u00e4nger erlangte er gr\u00f6\u00dfere Bekanntheit. Am 02. Juni 2019 wurde er mutma\u00dflich durch den Faschisten Stephan Ernst get\u00f6tet.</p><p><b>[3]</b> Nordkreuz war zusammen mit S\u00fcdkreuz und Westkreuz Teil des faschistischen Hannibal-Netzwerks. Im Rahmen der Ermittlungen gegen den faschistischen Oberleutnant der Bundeswehr Franco Albrecht im Sommer 2017 wurde die Struktur aufgedeckt.</p><p><b>[4]</b> Im April 2019 wurden bei einem Faschisten in Hannover 51 Waffen, Munition, rund 100.000\u20ac Bargeld sowie Nazi-Orden gefunden.</p><p><b>[5]</b> Die faschistische Gruppe \u201eRevolution Chemnitz\u201c wurde im Herbst 2018 festgenommen, nachdem bekannt geworden war, dass sie sich um halbautomatische Schusswaffen bem\u00fcht hatten. Sie waren schon in der Vergangenheit an faschistischen Attacken beteiligt und sollen f\u00fcr den 03. Oktober einen Angriff auf die \u201eEinheitsfeierlichkeiten\u201c geplant haben.</p><p><b>[6]</b> Bei der Gruppe \u201eNordadler\u201c fanden im April 2018 Hausdurchsuchungen statt. Sie hatten Listen mit pers\u00f6nlichen Daten von AntifaschistInnen sowie PolitikerInnen angelegt und sich in Chats \u00fcber Waffen und m\u00f6gliche Anschlagsziele ausgetauscht.</p><p><b>[7]</b> Andreas Hollstein ist Mitglied der CDU und B\u00fcrgermeister der westf\u00e4lischen Stadt Altena. Am 27. November 2017 stach ihm ein Mann mit einem Messer in den Hals und verletzte in gef\u00e4hrlich. Sein Motiv war die Politik gegen\u00fcber Gefl\u00fcchteten des CDU-Mannes. Sie war ihm zu \u201eliberal\u201c.</p><p><b>[8]</b> Henriette Reker ist parteilose Oberb\u00fcrgermeisterin von K\u00f6ln. Am Tag vor ihrer Wahl wurde sie bei einem Wahlkampftermin mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt. Auch hier wurde die Politik gegen\u00fcber Gefl\u00fcchteten als Motiv angegeben. Der T\u00e4ter war ein fr\u00fcheres Mitglied der ehemaligen faschistischen Partei FAP.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/der-tanz-mit-dem-faschismus/", "id": "https://revoltmag.org/articles/der-tanz-mit-dem-faschismus/", "author": {"name": "Antifaschistische Aktion Karlsruhe, Antifaschistischer Aufbau M\u00fcnchen, Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart, Antifaschistische Aktion (Aufbau) T\u00fcbingen, Antifaschistische Aktion (Aufbau) Mannheim und Antifaschistische Aktion [o] Villingen-Schwenningen", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2019-12-19T21:14:34.477824+00:00", "date_modified": "2020-03-29T11:53:03.177858+00:00", "tags": ["re:think", "weltwirtschaftskrise", "l\u00fcbcke", "CDU", "nordkreuz", "widerstand", "antifaschismus", "b\u00fcrgerlicher staat", "faschistischer terror", "faschismus", "antifa", "BRD"], "summary": "Nordkreuz, Nordadler, Waffenlager, Revolution Chemnitz, der Mord an L\u00fcbcke \u2013 der offene Faschismus und sein Terror nehmen offensichtlich zu in der BRD. Doch er ist noch nicht an der Macht. Warum wird der Faschismus derzeit weder zerschlagen \u2013 noch an die Macht gehievt? Eine Vorabver\u00f6ffentlichung."}, {"title": "Video: Interview mit Max Zirngast zur aktuellen Lage in der T\u00fcrkei", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Video: Interview mit Max Zirngast zur aktuellen Lage in der&nbsp;T\u00fcrkei</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"artikelbild_video_max_zirngast.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/artikelbild_video_max_zirngas.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">CC0 1.0 Universal</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Etwa seit 2013 steckt die t\u00fcrkische Gesellschaft in einer sich versch\u00e4rfenden Hegemoniekrise. Aber auch in der Region selbst werden im Poker um Macht und Herrschaft die Karten neu verteilt. Innerstaatlich trifft der Versuch, ein konservatives bis faschistisches Gesellschaftsmodell zu installieren, auf zunehmenden Widerstand. Noch ist unklar, was am Ende des Entwicklungsprozesses stehen wird, auch deshalb, weil die internationalen Machtverschiebungen einen erheblichen Einfluss auf die internen Entwicklungen haben. Der schleichende R\u00fcckzug der USA aus dem Nahen Osten, die Zunahme des regionalen Einflusses Russlands und der wirtschaftliche Aufstieg Chinas sind dabei Teilaspekte einer komplexen politischen Neuausrichtung, die von sozialen K\u00e4mpfen begleitet wird.</p><p>Das Interview ist Teil der ausf\u00fchrlichen T\u00fcrkei-Berichterstattung des <i>re:volt magazine</i>.<br/> Zum Weiterlesen: <a href=\"https://revoltmag.org/articles/ein-krieg-zur-st\u00e4rkung-des-faschismus/\">Ein Krieg zur St\u00e4rkung des Faschismus</a><br/></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-html\">\n        <div style=\"padding:56.25% 0 0 0;position:relative;\"><iframe src=\"https://player.vimeo.com/video/407662226?title=0&byline=0&portrait=0\" style=\"position:absolute;top:0;left:0;width:100%;height:100%;\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen\" allowfullscreen></iframe></div><script src=\"https://player.vimeo.com/api/player.js\"></script>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><hr/><p></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Video in Kooperation mit Left Report <a href=\"https://leftreport.org/\">leftreport.org</a></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Aber auch in der Region selbst werden im Poker um Macht und Herrschaft die Karten neu verteilt. Max Zirngast im Interview."}, {"title": "\u201ewenig verbreitet oder bekannt, pro-kurdisch\u201c", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>\u201ewenig verbreitet oder bekannt,&nbsp;pro-kurdisch\u201c</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"A BVT lost in labyrinths\" height=\"420\" src=\"/media/images/sherlock_sucht_tirgendwas_mar.2e16d0ba.fill-840x420-c100.png\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">re:volt magazine</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Was ist eine Kommunistische Partei, gibt es mehrere von ihnen und wenn ja wie viele, sind alles nur Abspaltungen aus der einen Urpartei oder unabh\u00e4ngige Gew\u00e4chse, welche genau ist eine \u201eillegale bewaffnete Terrororganisation\u201c, wie wird man Mitglied einer solchen, wie leitender Verantwortlicher, kann man \u201eTerrorist\u201c sein ohne \u201eTerrorist\u201c zu sein (Achtung, die Dialektik!) und so weiter und so fort. Leser*innen unseres Magazins wissen, dass wir uns mit diesen und \u00e4hnlichen tiefsch\u00fcrfenden philosophischen Fragen besch\u00e4ftigen mussten, als letztes Jahr unser Kollege und Genosse Max Zirngast in der T\u00fcrkei festgenommen wurde. Ihm wurde vorgeworfen, Mitglied, ja sogar Ankara-Verantwortlicher einer omin\u00f6sen illegalen und bewaffneten \u201eTerrororganisation\u201c namens \u201eTKP/K\u201c (Kommunistische Partei der T\u00fcrkei/Funke) zu sein. Wir und vor allem die Kolleg*innen von der internationalen <a href=\"https://freemaxzirngast.org/\"><i>Solidarit\u00e4tskampagne #FreeMaxZirngast</i></a> w\u00e4lzten Order um Ordner, lasen Hunderte von Seiten, um herauszufinden, was an diesen Vorw\u00fcrfen dran ist. Zu unserer v\u00f6lligen \u00dcberraschung mussten wir feststellen: An den Vorw\u00fcrfen war ja gar nichts dran! Das Ganze war ein reines politisches Willk\u00fcrverfahren, um Oppositionelle mundtot zu machen!</p><p>Der t\u00fcrkische Staatsanwalt brauchte etwas l\u00e4nger: Aus dem Dornr\u00f6schenschlaf von Sultans\u2019 Gnaden erwacht, entdeckte er am 11. September 2019, exakt ein Jahr nach der Inhaftierung von Max Zirngast und Genoss*innen, urpl\u00f6tzlich das Hauptprinzip von Rechtsstaatlichkeit,<i> in dubio pro reo</i> (in Zweifel f\u00fcr den Angeklagten) und verlangte prompt den Freispruch f\u00fcr alle Angeklagten wegen Mangels an Beweisen. Der Richter war so baff angesichts der Argumentationsk\u00fcnste des Staatsanwaltes, dass er das Verfahren nach zehn Minuten fast wortlos beendete und dem Antrag des Staatsanwaltes stattgab, die Genoss*innen kamen frei \u2013 wie von Zauberhand, denn die Informationslage im Verfahren war die ganze Zeit \u00fcber dieselbe geblieben. Die T\u00fcrkei ist ein Land der Wunder, die Br\u00fccke zwischen Ost und West, das Land von politischer Massenhaft und sporadischem Freispruch. So oder so \u00e4hnlich k\u00f6nnten wir es wohl in einem orientalistischen Reisef\u00fchrer nachschlagen.</p><h2><b>Sultanat im Alpenland?</b></h2><p>Aber, jetzt kommt der Witz, es stellte sich heraus, dass der Sultan vom Bosphorus gar nicht nur in der ber\u00fchmten Meeresenge zwischen Asien und Europa haust \u2013 sondern auch mitten in Europa, zum Beispiel in der Alpenrepublik. Seine getreuen Janitscharen, die Grazer Staatsanwaltschaft und der \u00f6sterreichische Inlandsgeheimdienst BVT, lancierten n\u00e4mlich ebenfalls zur gleichen Zeit wie Ihro Majest\u00e4t ergebenster Staatsanwalt in Ankara ein \u201eTerrorverfahren\u201c gegen Max Zirngast in \u00d6sterreich. Das deckten die <a href=\"https://www.falter.at/zeitung/20191211/unter-terrorismusverdacht/_d7a70a9ea5\">Wochenzeitung<i> Falter</i></a> aus \u00d6sterreich und die <a href=\"https://freemaxzirngast.org/2019/12/ein-handfester-skandal-die-oesterreichischen-behoerden-und-der-fall-max-zirngast/\"><i>Solidarit\u00e4tskampagne #FreeMaxZirngast</i></a> nun auf. Und zwar mit denselben fadenscheinigen Gr\u00fcnden wie die politische Willk\u00fcrjustiz in der T\u00fcrkei. Da aber allein ein Nachplappern der t\u00fcrkischen Despotie v\u00f6llig langweilig w\u00e4re, legten sich die \u00f6sterreichischen Beh\u00f6rden ordentlich ins Zeug und erfanden in ihrer unzweifelhaften und unvergleichlichen Habsburger Weisheit einfach neue Dinge dazu. In \u201eVersicherung ihrer vorz\u00fcglichen Hochachtung\u201c vor den Kolleg*innen in der T\u00fcrkei, versteht sich. Auf einmal hie\u00df es, dass die \u201eTKP/K\u201c, deren Mitglied ja Max h\u00e4tte sein sollen, eigentlich eine Abspaltung der \u201eTKP/ML\u201c sei, die mit der \u201eTIKKO\u201c eine bewaffnete Guerillaarmee zwecks gewaltsamen Umsturzes der staatlichen Ordnung unterhalte. Viele Abk\u00fcrzungen mit T zu Beginn, wir verstehen die Verwirrung. Mehr Sekt und Popcorn bitte,<i> the show must go on</i>!</p><h2><b><i>re:volt</i></b><b> macht Geschichte</b></h2><p>Ob das nun der gr\u00f6\u00dfte Skandal der Zweiten Republik wird oder \u201eso an Kaffeehaus-Gschichtl\u201c am Rande einer wahnhaften Wiener Episode von Djuna Barnes\u2019 Erz\u00e4hlungen bleibt, das wird bekanntlich die Geschichte entscheiden. Aber auch wir haben hier mitzureden, denn es geht ums Ganze. Wie analysierte schon der alte Marx ganz richtig: \u201eDas<i> re:volt magazine</i> macht seine eigene Geschichte, aber es macht es nicht aus freien St\u00fccken, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und \u00fcberlieferten Umst\u00e4nden.\u201c Welche Umst\u00e4nde fanden wir nun vor? Ein kleines Nikolausgeschenk an uns, versteckt in den Akten des \u00f6sterreichischen Verfahrens gegen Max! Darin wurde uns der Ruhm und die Ehre zuteil, von einem angesichts seiner Leistungen offensichtlich extrem \u00fcberbezahlten \u00f6sterreichischen Inlandsgeheimdienst mit folgenden Worten gew\u00fcrdigt zu werden:</p><p>\u201e<i>... dass das Magazin Re:volt linksorientiert ist. Ihre Slogans lauten unter anderem Rebellion! Widerstand! Freiheit! Ihre Ideologie ist Internationalismus, Sozialismus und Marxismus. Prokurdisch. Die Artikel bzw. das Medium ist wenig verbreitet oder bekannt.</i>\u201c</p><p>In einer Sondersitzung, die wir als Redaktion nach Kenntnisnahme dieser Zuschreibungen einberiefen, versuchten wir herauszufinden, woher zur H\u00f6lle das BVT eigentlich auf die Idee kam, dass wir einen Slogan h\u00e4tten und dass der dann auch noch wie eine Kampfparole einer Mitgliedspartei der 4. Internationale klingt (hey Genosskis, nehmt\u2019s nicht pers\u00f6nlich!). Letztlich einigten wir uns auf eine postmoderne L\u00f6sung und sagten uns: Wo nichts ist, da kann ja noch was werden! Und hiermit erkl\u00e4ren wir \u00f6ffentlich und in Versicherung unserer vorz\u00fcglichen Hochachtung: Ab jetzt soll unser Kampfslogan \u201e<b>Rebellion! Widerstand! Freiheit!</b>\u201c hei\u00dfen, er soll unsere wehenden gelb-rot-gr\u00fcnen Fahnen des Internationalismus, Sozialismus und Marxismus schm\u00fccken und einst auch auf unseren Gr\u00e4bern geschrieben stehen.</p><p>Ansonsten verweisen wir auch noch gerne auf die Leistungen von Menschen, die viel schlechter bezahlt werden als das BVT, dabei aber viel profunderes Wissen zur t\u00fcrkischen Linken besitzen: Ein Blick in das von Nick Brauns und Murat \u00c7ak\u0131r herausgegebene Buch <a href=\"https://diebuchmacherei.de/produkt/partisanen-einer-neuen-welt-eine-geschichte-der-linken-und-arbeiterbewegung-in-der-tuerkei/\"><i>Partisanen einer neuen Welt. Eine Geschichte der Linken und Arbeiterbewegung in der T\u00fcrkei</i></a> vom letzten Jahr lohnt sich. Darin wird in allen Details die Geschichte der mehreren (!) TKPs, der TKP/ML, der TIKKO, und der vieler, vieler anderer linker Str\u00f6mungen und Organisationen in der Geschichte der modernen T\u00fcrkei erz\u00e4hlt (hey BVT, einfach das n\u00e4chste Mal die paar Euro investieren und mal was wirklich lernen!). Wir haben Ausz\u00fcge aus dem Buch zu \u201eDoktor\u201c Hikmet K\u0131v\u0131lc\u0131ml\u0131, seinen Nachfolgern und den wenigen Informationen, die die Herausgeber zur TKP/K finden konnten, zusammengetragen und mit freundlicher Erlaubnis der Herausgeber ebenfalls letztes Jahr als Artikel unter dem Titel \u201e<a href=\"https://revoltmag.org/articles/diagnosen-eines-doktors-zur-geschichte-einer-kommunistischen-tradition-der-t%C3%BCrkei/\">Diagnosen eines Doktors \u2013 Zur Geschichte einer kommunistischen Tradition in der T\u00fcrkei</a>\u201c ver\u00f6ffentlicht. Es w\u00e4re so einfach gewesen\u2026</p><p>Und zum Schluss mal ganz ohne Zynismus: Wir als Redaktion des<i> re:volt magazine</i>s versprechen, genau so weiter zu machen wie bisher und uns nicht kleinkriegen oder ablenken zu lassen von irgendwelchen regionalen Despoten oder ihren willf\u00e4hrigen Speichelleckern im Zentrum des imperialistischen Weltsystems. Wie wir schon in unserem <a href=\"https://revoltmag.org/about/\">Selbstverst\u00e4ndnis</a> festhalten:</p><p>\u201e<i>Die Zeichen stehen auf Sturm: Seit dem Untergang der sozialistischen Staaten des Ostblocks w\u00fctet der Kapitalismus ungehindert in allen Teilen des Erdballs. Nicht nur pl\u00fcndern die reichsten L\u00e4nder der Welt nach wie vor ungehemmt den globalen S\u00fcden aus und halten damit einen Gro\u00dfteil der Weltbev\u00f6lkerung in bitterer Armut gefangen. Auch die Kriegsf\u00fchrung der imperialistischen Staaten hat sich seit 1990 versch\u00e4rft. [\u2026] Parallel zu dieser imperialistischen Weltmachtpolitik, in der auch Deutschland wieder kr\u00e4ftig mitmischt, wird seit nunmehr \u00fcber 40 Jahren ein ungeheurer Angriff auf die Errungenschaften der Arbeiter_innenbewegung in den imperialistischen Zentren seitens des Kapitals unter dem Deckmantel des \u201eNeoliberalismus\u201c vollzogen. Im Zuge dieser Entwicklung schreitet die Reaktion \u00fcberall voran und auch die grundlegendsten demokratischen Rechte werden zunehmend eingeschr\u00e4nkt. [...] Andererseits nehmen die Menschen ihr Schicksal nicht einfach hin, sondern k\u00e4mpfen um ihre Zukunft. Von Rojava \u00fcber die Bolivarische Revolution und den transformierten Kampf der FARC-EP, \u00fcber #BlackLivesMatter, Gezi, Occupy Wall Street und #15M, dem Kampf gegen Hartz I-IV, gegen Wohnungsnot und Mietenwahnsinn, gegen Gewalt an Frauen und an LGBTQ* oder den massenhaften Platzbesetzungen wie am Syntagma oder Tahrir-Platz: In diesen und vielen weiteren K\u00e4mpfen und Orten f\u00fchrten und f\u00fchren die Unterdr\u00fcckten und Ausgebeuteten den unerm\u00fcdlichen Kampf um ihre Befreiung.</i>\u201c</p><p>Insofern rufen wir auf zu:<b> Rebellion! Widerstand! Freiheit!</b></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Doch fehlt nicht nur die solidarisch-kritische historische Aufarbeitung. Zu einem Verst\u00e4ndnis der Virulenz des Rechtsradikalismus im Osten Deutschlands mangelt es auch an Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Rolle des westdeutschen Staates, seiner strategischen Zielstellung als gesamtdeutscher Staat und seinem Verh\u00e4ltnis zum parallel laufenden neofaschistischen Aufbau. In einem zweiten Teil soll nun die Frage des Verh\u00e4ltnisses zwischen Abwicklung des Sozialismus, Entwicklung eines gesamtdeutschen Nationalismus, Wiedereinstieg in die Weltpolitik als imperialistische Macht und faschistischem Aufbau Thema sein.</i> Auch dieser Artikel erscheint, wie sein Vorg\u00e4nger i<i>n der zum 30. Jahr des \u201eMauerfalls\u201c erscheinenden Brosch\u00fcre</i> <a href=\"https://antifa-nordost.org/8948/broschuere-veranstaltungsreihe-deutschland-ist-brandstifter/\">\u201eDeutschland ist Brandstifter! Gegen den BRD-Imperialismus und den Mythos Friedliche Revolution\u201c</a>.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>Abwicklung der DDR und Nationale Wiedergeburt</b></h3><p>Mit der Annexion der DDR 1989 begann die umfassende Demontage des sozialistischen Staates. Zun\u00e4chst wurden s\u00e4mtliche staatlichen Institutionen von Personen ges\u00e4ubert, die als \u00fcberzeugte Kommunist*innen eingestuft wurden und <a href=\"https://www.rote-hilfe.de/rote-hilfe-zeitung?download=149:rote-hilfe-zeitung-4-2016\">de facto Berufsverbote eingef\u00fchrt</a>. Die frei gewordenen Stellen besetzten zumeist <i>vorbildliche</i> westdeutsche <i>Demokrat*innen</i>. [1] Danach setzte die Abwicklung der DDR-Wirtschaft \u00fcber die Treuhand ein. Waren bereits zuvor Viele aufgrund ihrer politischen \u00dcberzeugungen aus ihren Berufs- und Lebensbiografien gerissen worden, folgte nun die zweite Welle der Repression. Aus den <i>bl\u00fchenden Landschaften</i> entwickelten sich Binnen-Migrations-Gebiete mit kollabierender sozialer, kultureller und \u00f6konomischer Infrastruktur. Gleichzeitig setzte eine Institutionalisierung des antikommunistischen Diskurses ein - mit dem Ziel der nachhaltigen Delegitimierung des sozialistischen Staats als <i>zweite deutsche Diktatur</i> <a href=\"https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/errichtungsgesetz-1081.html\">in direkter Kontinuit\u00e4t zum</a> <a href=\"https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/errichtungsgesetz-1081.html\">NS</a><a href=\"https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/errichtungsgesetz-1081.html\">-Faschismus</a>. Damit waren auf drei Ebenen - personell-strukturell, \u00f6konomisch und ideologisch - die Weichen auf eine umfassende Delegitimierung gestellt. Einzig im politischen Raum hielt sich mit der SED-Nachfolgerpartei PDS ein gewisser Widerstand und Trotz als politischer Ausdruck gegen die, als aufoktroyiert empfundene, westdeutsche Erz\u00e4hlung.</p><p>Diese Delegitimierung war Voraussetzung f\u00fcr zwei Prozesse, die in den darauffolgenden Jahren forciert werden sollten:</p><p><b>1)</b> Ein gesamtdeutsches, von Westdeutschland gepr\u00e4gtes, nationales Narrativ musste sich ausbilden, um die Legitimit\u00e4t der Annexion zu zementieren. Zentral f\u00fcr diese Homogenisierung des Nationsverst\u00e4ndnisses war die Einsortierung der DDR in die <i>Verfehlungsgeschichte</i> Deutschlands und eine gegen diese gestellte, vermeintlich demokratische, bundesdeutsche Erz\u00e4hlung des <i>besseren Deutschlands</i>. Das Narrativ setzte sich zusammen als vermeintliche historische Line einigender Momente, angefangen mit der Varusschlacht, \u00fcber die <i>friedliche Revolution</i> bis zum Fu\u00dfball-Sommerm\u00e4rchen <a href=\"https://web.archive.org/web/20071218071638/http://www.presseportal.de/story.htx?nr=736253&amp;firmaid=59579\">in der Kampagne \u201eDu bist Deutschland\u201c</a>. Dazu mussten unliebsame Stimmen unsichtbar gemacht werden. In der gesamtdeutschen Geschichtsschreibung zur so genannten <i>friedlichen Revolution</i>, die alles war, nur keine Revolution, taucht zum Beispiel die oppositionelle DDR-Linke nicht auf. Zu ungem\u00fctlich und unvereinbar waren deren Positionen gegen eine <i>Wiedervereinigung</i>, f\u00fcr <a href=\"https://revoltmag.org/articles/antifa-vereinigte-linke-und-die-innerlinke-opposition-der-ddr/\">eine demokratischere</a> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/antifa-vereinigte-linke-und-die-innerlinke-opposition-der-ddr/\">DDR</a> auf sozialistischem Fundament.</p><p><b>2)</b> Diese nun homogene, gesamtdeutsche nationale Erz\u00e4hlung schuf die Voraussetzung zur Wiederankn\u00fcpfung an gro\u00dfdeutsche Ideen, den erneuten Anspruch auf die Zentralmacht in Europa. Die DDR verhinderte aufgrund ihrer blo\u00dfen Existenz als zweiter legitimer deutscher Staat das Wiederauferstehen eines gro\u00dfdeutschen Imperialismus und Nationalismus. Mit ihrer Annexion griffen die deutschen Eliten die jahrelang trotz <i>Hallstein-Doktrin</i> [2] verwehrte und sich nun bietende Gelegenheit auf. Sp\u00e4testens seit der Regierung Schr\u00f6der/Fischer 1998 befindet sich Deutschland erneut auf Weltmachtkurs - nicht trotz, sondern wegen der Verantwortung von Auschwitz (Joseph Fischer). Die vermeintlich gel\u00e4uterte und mit neuem nationalen Narrativ versehene Gro\u00dfmacht dominiert nun nach \u00fcber einem Jahrzehnt Merkel-Regierung den Staatenbund EU \u00f6konomisch, wie politisch. [3]</p><p>Zur Verankerung dieser neuen, westdeutschen ideologischen Erz\u00e4hlung, die auf die Zerst\u00f6rung der DDR-Geschichtsschreibung als alternative Erz\u00e4hlung zielt [4], bedurfte es der Mobilisierung eines gesamtdeutschen Nationalismus. Die Kohl-Regierung und mit ihr der gesamte b\u00fcrgerliche westdeutsche Parteienblock nahmen sp\u00e4testens im Rahmen der Asylrechtsdebatte, ganz nach der Devise des ehemaligen CSU-Vorsitzenden Franz-Josef-Strauss, die Herausbildung einer starken neo-faschistischen Szene in Kauf. Strauss bestimmte das Verh\u00e4ltnis seiner Partei zu den Neo-Faschist*innen der NPD <a href=\"https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45197600.html\">in einem Spiegel-Bericht 1970</a> folgenderma\u00dfen: \u201eMan mu\u00df sich der nationalen Kr\u00e4fte bedienen, auch wenn sie noch so reaktion\u00e4r sind. Hinterher ist es immer m\u00f6glich, sie elegant abzuservieren. Denn mit Hilfstruppen darf man nicht zimperlich sein\u201c.</p><p></p><h3><b>Der westdeutsche Neo-Faschismus und die</b> <b><i>Wende</i></b></h3><p>Der deutsche Faschismus stellt weder historisch noch aktuell eine Bewegung dar, die vollkommen abseits des b\u00fcrgerlichen Staates existiert(e). Allein ideologisch richtet sich die rechtsradikale Agenda nicht gegen den deutschen Staat an sich, sondern nur gegen seine derzeitige (parlamentarisch-demokratische) Form. Was die Neo-Faschist*innen st\u00f6rt und worin sich ihre Kritik ersch\u00f6pft, ist, dass die BRD nicht g\u00e4nzlich so funktioniert, wie ihre Armee. Ergo ist es f\u00fcr den*die durchschnittliche*n Neofaschist*in durchaus opportun, zur selben Zeit im Dienste des Staats zu stehen, und diesen gleichzeitig ideologisch anzugreifen. Der b\u00fcrgerliche Staat und b\u00fcrgerliche Parteien wiederum hatten vor und auch nach der faschistischen Herrschaft ein pragmatisches und immer auch widerspr\u00fcchliches Verh\u00e4ltnis zu den <i>nationalen Kr\u00e4ften</i> - insbesondere im Kontext des Kalten Kriegs.</p><p>Nach 1945 lie\u00df beispielsweise der US-amerikanische Geheimdienst CIA mit Kenntnis Konrad Adenauers den hochrangigen Ex-Nazi-General Reinhard Gehlen den Vorl\u00e4ufer des Bundesnachrichtendiensts (BND) aufbauen. Dieser organisierte bevorzugt mit alten Nazi-Kontakten im Petto in den darauffolgenden Jahrzehnten <a href=\"https://www.antifainfoblatt.de/artikel/nato-geheimarmeen-%E2%80%93%C2%A0terror-im-namen-der-demokratie\">eine</a><a href=\"https://www.antifainfoblatt.de/artikel/nato-geheimarmeen-%E2%80%93%C2%A0terror-im-namen-der-demokratie\"><i> stay behind</i></a><a href=\"https://www.antifainfoblatt.de/artikel/nato-geheimarmeen-%E2%80%93%C2%A0terror-im-namen-der-demokratie\">-Armee</a> mit dem Namen Gladio, die sich \u00fcberwiegend aus deutschen Neo-Faschisten rekrutierte. Solange die Rechtsradikalen in taktischer \u00dcbereinstimmung mit reaktion\u00e4ren politischen Interessen im Staatsapparat und den Eliten standen, lie\u00df man sie gew\u00e4hren, verdunkelte und vertuschte ihre Taten. Wenn sie \u00fcber die Str\u00e4nge schlugen, \u00fcberzog man sie mit Organisationsverboten und zerschlug einige Strukturen, lie\u00df andere daf\u00fcr unversehrt oder tolerierte blo\u00dfe Umbenennungen. An diesem Verh\u00e4ltnis der grunds\u00e4tzlichen Staatsn\u00e4he und der taktischen Kollaboration bei Interessens\u00fcberschneidung hat sich bis heute wenig ge\u00e4ndert, wie wir seit dem Scheitern des NPD-Verbots 2001-2003 [5], sowie der Selbstenttarnung des NSU [6] wissen - und derzeit anhand des Mordfalls L\u00fcbcke (CDU) erneut erleben [7]. Die Mehrheit der neo-faschistischen Strukturen ist von V-Leuten durchsetzt; gleichzeitig finden sich viele radikale Rechte in b\u00fcrgerlichem Gewand in den Apparaten wieder [8].</p><p>Wenig bekannt ist dahingegen, dass bereits in den 1980er Jahren viele aufkommende neo-faschistische Gruppen und Parteien Arbeitspl\u00e4ne f\u00fcr Ostdeutschland entwickelten. Ende der 1970er mobilisierte und organisierte sich eine neue Generation von Neo-Faschist*innen abseits der traditionellen Rechten (bis dahin vorrangig repr\u00e4sentiert von der NPD) in der Bundesrepublik. Zentrale Kader der neofaschistischen Bewegung in den 1980ern und 1990ern organisierten sich zuvor in der vom US-Neo-Nazi Gary Lauck 1972 gegr\u00fcndeten Nazi-Internationale NSDAP-AO<i>.</i> Dieser Organisation entsprangen so bedeutende Kader der 1980er/1990er-Rechten, wie der \u00d6sterreicher Gottfried K\u00fcssel, neben Michael K\u00fchnen, Christian Worch, Arnulf Priem, Christian Malcoci und Michael Swierczek. Die politische Agenda des westdeutschen Neo-Faschismus l\u00e4sst sich auf einen aggressiven Antikommunismus, revanchistische Tr\u00e4ume von der Wiederauferstehung des gro\u00dfdeutschen Reichs, Militarismus und eliminatorische Fremdenfeindlichkeit beziehungsweise Antisemitismus zusammenfassen. Die entsprechenden Publikationen der 1980er Jahre quellen dementsprechend \u00fcber vor solchen Inhalten. Als besondere Schmach wird hier immer wieder die <i>Besatzung</i> durch die <i>imperialistischen</i> <i>M\u00e4chte</i> USA und Sowjetunion herausgehoben. Der Antisemitismus \u00e4u\u00dfert sich via Holocaustleugnung, offener Entmenschlichung in Karikaturen oder aber in einer vermeintlichen Kritik an israelischer Politik, die unverhohlen gegen J\u00fcdinnen und Juden gerichtet ist. [9]</p><p></p><h3><b>Die Nationalistische Front (NF): \u201eNur der organisierte Wille bedeutet Macht!</b>\u201c</h3><p>Die strasseristische [10] Nationalistische Front (NF) war eine teils aus der NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN), teils von FAP-Kadern gegr\u00fcndete NS-Kaderorganisation. Dieser Anspruch wurde gegen die rechten <i>Wahlparteien</i> (NPD/DVU) in Stellung gebracht, in Abgrenzung zu einem bewegungsnahen Konzept. In der von der NF herausgegebenen Zeitung <i>Nachrichten aus der Szene (2/88)</i> skizziert diese im Strategieartikel \u201eLangsam aber gewaltig\u201c folgende, f\u00fcr die radikale Rechte neuen, Komponenten ihrer Organisierung: \u201eAber eine Wahlpartei ohne Kader erreicht das Ziel ebenso wenig, wie ein Heer ohne Kommandostruktur scheitern mu\u00df. Der Kader braucht die gro\u00dfe Zahl von Multiplikatoren, die das politische Wollen in breiten Bev\u00f6lkerungskreisen bekanntmachen (...) Dazu ben\u00f6tigen wir (...) effektive Verteilerstrukturen, straff organisierte und disziplinierte Basisgruppen, nationalistische Zentren, Kader (...) Nur der organisierte Wille bedeutet Macht!\u201c [11] Die NF entfaltete als eine der ersten westdeutschen neo-faschistischen Gruppen ein <i>Gegenmacht</i>-Konzept mit hegemonietheoretischen Versatzst\u00fccken - damals noch ohne Rekurse auf den kommunistischen Theoretiker Antonio Gramsci. [12] Hinzu kommen dokumentierte Kontakte der Organisation und besonders ihres F\u00fchrers Andreas Pohl zu ostdeutschen Hooligans und Skinheads zwischen 1983 und 1985 in Ostberlin. [13] 1987 schrieb Pohl selbst in einer Kolumne der NF-nahen <i>Klartext</i> (5/2 Nr.17) von seinen vergangenen Besuchen: \u201eSchon seit Jahren besteht zwischen SKINS und Fu\u00dfballfans von Hertha BSC und Union Ost<i> Berlin</i> ein festes B\u00fcndnis der Freundschaft, das sich leider, bedingt durch die Mordmauer, nur in Besuchen unsererseits ausdr\u00fcckt\u201c [14]. Die Kontakte liefen also ma\u00dfgeblich \u00fcber Westberlin. Bespielt wurden dabei sowohl der BFC Dynamo, als auch Union Ost-Berlin. Die Kontakte bestanden weiterhin, trotz DDR-Einreiseverbot f\u00fcr Pohl ab 1985. Bedenkt man, dass die Entstehung einer rechtslastigen Skinhead- und Hooligankultur auf das Jahr 1982/83 datiert wird, f\u00e4llt also die Organisierung dieser Subkultur in so genannte Fascho-Gruppen [15] zusammen mit der Pr\u00e4senz westdeutscher Nazi-Kader des NF<i>.</i></p><p></p><h3><b>Die Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front (GdNF): Eine neue NSDAP</b></h3><p>Die bedeutsamere Organisierung war jedoch die westdeutsche Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front (GdNF) und die ihr angeschlossenen Organisationen, unter anderem die Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten (ANS/NA, verboten 1983<i>),</i> sp\u00e4ter die Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP, verboten 1995<i>).</i> Die Kadergruppe um den <i>F\u00fchrer</i> Michael K\u00fchnen bestand unter anderem aus dem bis heute aktiven Neofaschisten Christian Worch (heute: die Rechte), dem \u00f6sterreichischen Neo-Faschisten Gottfried K\u00fcssel und dem ostdeutschen neuheidnischen Rocker Arnulf Priem. Diese F\u00fchrungsgruppe, die sich explizit auf Adolf Hitler und die NSDAP bezog, gab im Zuge der Wende einen \u201eAufbauplan Ost\u201c heraus, der \u00fcber mehrere Etappen realisiert wurde. Die Organisation und ihre Vorfeldstrukturen war nachweislich ab 1989, bereits zur Zeit der Montagsdemonstrationen, im Gebiet der ehemaligen DDR (Mitteldeutschland im Nazi-Sprech) aktiv [16]. Mit der Deutschen Alternative (DA) verf\u00fcgte man als weitere Vorfeldstruktur \u00fcber einen Arm im Osten, der als eine Art <i>Umbrella</i>-Organisation auch Mitglieder und Sympathisant*innen von NPD (im Osten 1990: Mitteldeutsche Nationaldemokraten - MND) und der rechtsradikalen Republikaner (REP) sammelte. Mit der Wiking-Jugend (WJ) gab es schlie\u00dflich sogar einen Kinder- und Jugendverband, der lange Zeit unter Einfluss der GdnF stand.</p><p>Grunds\u00e4tzlich wusste die GdnF geschickt das im Zuge der Wende entstehende und Anfang der 1990er Jahre offensichtlich werdende staatliche Vakuum zu nutzen. Was in der DDR beispielsweise durch die FDJ geboten wurde, erf\u00fcllten nun zunehmend an die GdnF angelehnte Jugendgangs. Die Gruppierung erkannte auch als eine der ersten neo-faschistischen Organisationen <a href=\"https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14024296.html\"><i>das Potential</i></a> der rechtsradikalen ostdeutschen Skinhead- und Fu\u00dfballszene und ihres radikalen Kerns, der so genannten Fascho-Gruppen. Dieser erfolgreiche Jugendaufbau der GdnF verlief in drei Etappen: (1) 1989 - 1991 organisierte die GdnF die rechtsradikalen F\u00fchrer der ostdeutschen Hooligan- und Skinheadszene in den st\u00e4dtischen Zentren. Hier ist zum Beispiel die aus der neofaschistischen Hooligantruppe Lichtenberger Front entstandene Nationale Alternative (NA) als B\u00fcndnispartner zu nennen. Diese verf\u00fcgte bereits \u00fcber ein besetztes Haus <a href=\"https://www.antifa-nazis-ddr.de/berliner-hausbesetzerinnen-geschichte-das-neo-nazi-haus-weitlingstrasse-122-in-berlin-lichtenberg/\"><i>in der Berliner Weitlingstra\u00dfe 122</i></a>, das in den folgenden Jahren zum Ausgangspunkt von Organisierung und militanter Aktion werden sollte. (2) Die Ausbildung von <i>braunen Ringen</i> um die Gro\u00dfst\u00e4dte, den Aufbau von Strukturen gezielt in ostdeutschen Kleinst\u00e4dten, zum Beispiel \u00fcber rechtsradikale Subkultur-L\u00e4den. Schwerpunktregionen waren das Umland von Berlin (K\u00f6nigs-Wusterhausen, Potsdam, Oranienburg), Cottbus (Guben, Hoyerswerda), Chemnitz, Erfurt (Weimar, Arnstadt) und Halle/Leipzig (3) Ab 1991 das versch\u00e4rfte \u00f6ffentliche Agieren, darunter massenweise gewaltt\u00e4tige \u00dcbergriffe und Aufm\u00e4rsche bis hin zu den Pogromen in Hoyerswerda (1991) und Rostock-Lichtenhagen (1992).</p><p></p><img alt=\"IMG_20190907_124050.jpg\" class=\"richtext-image full-width\" height=\"1045\" src=\"/media/images/IMG_20190907_124050.width-800.jpg\" width=\"800\"><p></p><h3><b>An einem Strang im Aufbau in</b> <b><i>Mitteldeutschland</i></b></h3><p>Beide Gruppierungen organisierten bereits vor 1989 die sich aus der Skinhead-Subkultur im Osten ausbildende neo-faschistische Subkultur. Nun muss an dieser Stelle die Unterscheidung getroffen werden, dass der N\u00e4hrboden f\u00fcr die NF-Agitation und Organisierung aus der DDR-Gesellschaft selbst entsprang und diese zusammenl\u00e4uft mit einer Hegemoniekrise der SED \u00fcber die Jugend und Jugendkultur. Genauso, wie sich Anfang der 1980er eben eine rechtslastige Skinhead- und Hooligankultur ausbildete, entwickelte sich auch eine eher linke Punk- und Hippiebewegung. Beide Alternativbewegungen bek\u00e4mpften sich vor der Wende und durch die Wendejahre <a href=\"https://www.antifa-nazis-ddr.de/der-naziueberfall-auf-die-zionskirche/\"><i>hindurch bis aufs Messer</i></a>, fanden sich paradoxerweise aber zur selben Zeit auf den Montagsdemonstrationen wieder (freilich nicht ohne Gewalt). Der \u00dcbergang aber von einer sehr diffusen, unorganisierten rechtslastigen Skinhead- und Hooligan-Subkultur zu einer konspirativen, strategisch arbeitenden Struktur, eben den Fascho-Gruppen, war offensichtlich angeleitet und/oder beeinflusst durch westdeutsche neo-faschistische Kader des NF. Diese Strukturen bildeten sich 1986 aus und begannen eine Infiltrationspolitik in NVA, FDJ und VoPo-Einheiten. Diese wurde beg\u00fcnstigt durch die Tatsache, dass nicht wenige der jungen Neo-Faschist*innen aus Familien von DDR-Funktion\u00e4r*innen kamen, weshalb sie sch\u00e4rferer Repression zumeist entgingen. Das Problem wurde offiziell lange Zeit entpolitisiert und geleugnet. Hier liegt eines der gro\u00dfen Vers\u00e4umnisse und tats\u00e4chliches Versagen des DDR-Staats-Antifaschismus offen zu Tage. [17] So war das Entstehen des Bodens, auf dem die <i>braune Saat</i> Mitte der 1980er Jahre gedeihen sollte, verschiedenen Faktoren geschuldet:</p><p><b>a)</b> Der harschen Repression der DDR-F\u00fchrung gegen die entstehenden Jugendsubkulturen und Kultur im Allgemeinen, was nicht wenige Jugendliche gegen den Staat aufbrachte, antikommunistisch ausrichtete und empf\u00e4nglich f\u00fcr neofaschistisches Gedankengut machte.</p><p><b>b)</b> Die in verschiedenen Teilen der DDR-Gesellschaft, genau wie in der BRD, weiterlebenden Kontinuit\u00e4ten des NS-Faschismus, zum Beispiel in der NDPD, in der SED selbst, in Familienbiografien, wie auch (im Vergleich zur BRD aber deutlich geringeren) Kontinuit\u00e4ten in den bewaffneten Organen.</p><p><b>c)</b> Das Unterbleiben breiter Aufkl\u00e4rungskampagnen und \u00f6ffentlicher Thematisierung dieses ab 1981 immer deutlicher werdenden Problems durch die politischen Institutionen. Darauf aufbauend das Fehlen institutionalisierter Initiativen der Bev\u00f6lkerung gegen derartige Entwicklungen, als beispielhaft ganz praktisch sichtbares Defizit sozialistischer Demokratie in der DDR.</p><p><b>d)</b> Schlie\u00dflich zeigte hier ein rein auf die Verbindung von Faschismus und Herrschaftsinteressen reduzierter, \u00f6konomistischer Faschismusbegriff, so notwendig und wichtig er f\u00fcr eine revolution\u00e4re Linke auch heute noch sein muss, seine Grenzen auf, indem er blind wurde gegen\u00fcber ideologischen, wie auch sozialpsychologischen (zum Beispiel biografischen) Voraussetzungen faschistischer Bewegungen. Diese verschwinden schlie\u00dflich nicht einfach mit dem Aufbau des Sozialismus, sondern setzen sich vielmehr als Widerspr\u00fcche fort.</p><p>Die westdeutschen Faschist*innen erkannten diese Fehler, ebenso wie 1989/90 die westdeutschen Eliten, und nutzten die Schw\u00e4che des sozialistischen Systems auf verschiedene Weise. W\u00e4hrend es den westdeutschen Eliten schlussendlich um eine Wiedervereinigung unter westlich-kapitalistischem F\u00fchrungsanspruch ging, forderten die Neo-Nazis um K\u00fchnen und Co. gleich das alte Reichsgebiet und erweiterten mit der Wende folglich ihr Aktionsgebiet auf <i>Mitteldeutschland</i>. Im Kern traf sich jedoch der westdeutsche Revanchismus beider politischer Tendenzen objektiv, bei subjektiv unterschiedlicher Programmatik im Antikommunismus, bei dem Wunsch nach R\u00fcckkehr zur Weltmacht, nach dem Untergang des 40 Jahre anhaltenden <i>sozialistischen Blockierers</i>. So wurden s\u00e4mtliche radikal rechten Parteien noch zur Zeit der Montagsdemonstrationen aktiv und fordern einm\u00fctig mit den Pl\u00e4nen der westdeutschen Eliten die <i>Einheit</i>.</p><p></p><h3><b>Die objektiven Interessens\u00fcberschneidungen</b></h3><p>Unabh\u00e4ngig von der (subjektiven) Rolle verschiedener Teile des Staatsapparats bestand der (objektive) Nutzen der rechtsradikalen Aktivit\u00e4t f\u00fcr die westdeutschen Eliten in den Jahren zwischen 1986 und 1994 ganz klar in der folgenden Reihenfolge:</p><p><b>1)</b> der revanchistischen Forcierung des Untergangs der DDR, sowie der Etablierung antikommunistischer, nationalistischer Diskurse, dann</p><p><b>2)</b> im Aufbau eines gesamtdeutschen nationalen Narratives, plus chauvinistischem Nationalismus gegen das Zwei-Staaten-Narrativ der DDR als Voraussetzung f\u00fcr <i>neue Verantwortung in der Welt</i> und</p><p><b>3)</b> der Durchsetzung des Asylkompromisses und damit des ersten massiven Angriffs auf Grundrechte nach der so genannten <i>Wende</i>.</p><p>Deutlich wird diese seit Beginn taktische, sich vor allem an bestimmten ordnungs- und migrationspolitischen, strategischen Zielen der westdeutschen Eliten festmachende Beziehung vor allem in den 1990er Jahren. W\u00e4hrend das nunmehr gesamtdeutsche Kapital \u00fcber seine b\u00fcrgerlichen Parteien den Asyldiskurs in geistiger Brandstiftung m\u00fcnden l\u00e4sst, wird die radikale Rechte in Pogromen und omnipr\u00e4senter Gewalt aktiv. Nat\u00fcrlich verlaufen die Wechselbeziehungen von radikaler Rechter und wiedererstarktem deutschen Nationalismus und Imperialismus widerspr\u00fcchlich. Zuweilen agieren die liberaleren Teile des Staatsapparats repressiv gegen\u00fcber schlecht zu verkaufenden rechten Aktivit\u00e4ten. Zuweilen wird aber auch aktiv weggeschaut, <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=5P21AfG6SPE\">wenn Pogrome geschehen</a>, Gewalttaten werden verharmlost, Ermittlungen behindert. So kommt es schon in den 1990er Jahren dazu, dass rechtsradikale Umtriebe von Teilen des Apparats schlicht ignoriert oder totgeschwiegen werden, andererseits besonders radikale Strukturen mit Verboten und Repression \u00fcberzogen werden. [18] Die durchaus anders gearteten Ziele der faschistischen Bewegung verschr\u00e4nkten und verschr\u00e4nken sich eben genau dort in den vergangenen 20 Jahren, wo \u00fcber die Verst\u00e4rkung eines gesamtdeutschen Nationalismus unter Inkaufnahme von Ausl\u00e4nder*innenfeindlichkeit, Gewalt und Pogrom Schl\u00e4ge gegen die weiterwirkende ideologische und politische Kontinuit\u00e4t von 40 Jahren Sozialismus gesetzt werden k\u00f6nnen. Dass in diesem Prozess Widerspr\u00fcche in den Bl\u00f6cken auftraten und bis heute auftreten, die zuweilen repressiv (staatlicherseits) oder terroristisch (durch rechtsradikale Gruppen und Personen) ausscheren, ist evident. Schlie\u00dflich handelt es sich bei faschistischen Bewegungen und dem b\u00fcrgerlichen Staat trotz ihrer gemeinsamen Verschr\u00e4nkungen um keine monolithischen, nach einheitlichem Willen gelenkten Strukturen. Die Rolle des Staatsapparats und die Agenden des herrschenden politischen Blocks verlaufen keinesfalls eindimensional im Sinne eines politischen Gesamt-Plans, der von allerlei Institutionen exekutiert wird. Vielmehr ist nach der Selbstenttarnung des NSU-Komplexes ein Netzwerk von Staat und politischen Interessensgruppen klar zu verorten, welches in verschiedenen staatlichen und proto-staatlichen Organen eine rechtsoffene Agenda aktiviert und f\u00f6rdert, die jeweils unterschiedlich stark in den jeweiligen Institutionen umgesetzt wird. [19]</p><p></p><img alt=\"karteosten (2) Kopie.jpg\" class=\"richtext-image full-width\" height=\"1066\" src=\"/media/images/karteosten_2_Kopie.width-800.jpg\" width=\"800\"><p></p><h3><b>Aufbau: Braun mit dem Verfassungsschutz (VS)</b></h3><p>Durch die NSU-Prozesse ist inzwischen noch unvollst\u00e4ndiges Material zug\u00e4nglich, das fr\u00fcher verschw\u00f6rungstheoretisch anmutende Annahmen inzwischen als aktenkundige Realit\u00e4t ausweist. So kann nach der Auswertung der Einsatzgebiete der wenigen im NSU-Prozess bekannt gewordenen Kader und bereits zuvor bekannt gewordener V-M\u00e4nner folgendes festgehalten werden:</p><p>Interessanterweise war insbesondere die NF mit V-Agenten durchsetzt. Bekannt ist der NF-Kader Norbert Schnelle, der auf der Gehaltsliste des VS Nordrhein-Westfalen stand und nachgewiesenerma\u00dfen mit seinem Spitzellohn die NF mitfinanzierte. Ein weiterer aufgeflogener V-Mann im NF ist Bernd Schmitt, seinerzeit am Aufbau rechtsterroristischer Verb\u00e4nde beteiligt, die den Mordanschlag von Solingen ver\u00fcbten. Der nieders\u00e4chsische VS wiederum setzte den rechtsradikalen Skinhead Michael Wobbe (Deckname: Artland, sp\u00e4ter: Rehkopf) im NF ein, der dort die Rolle des <i>Sicherheitschefs</i> \u00fcbernahm. Dieser fungierte als Reisekader ab 1992 dokumentiert schwerpunktm\u00e4\u00dfig in Ostdeutschland. Wobbe verriet sich selbst, indem er sich gegen\u00fcber dem BKA <a href=\"https://www.der-rechte-rand.de/wp-content/uploads/drr_150.pdf\">als V-Mann zu erkennen gab</a>. Und nicht nur der VS war in der explizit <i>klandestinen</i> NF aktiv. Auch der Bundeswehr-Nachrichtendienst <a href=\"https://www.heise.de/tp/features/Ehemaliger-V-Mann-des-MAD-in-der-Neonazi-Szene-veroeffentlicht-Dokumente-des-Geheimdienstes-im-3450615.html\">MAD</a><a href=\"https://www.heise.de/tp/features/Ehemaliger-V-Mann-des-MAD-in-der-Neonazi-Szene-veroeffentlicht-Dokumente-des-Geheimdienstes-im-3450615.html\"> platzierte 1989</a> den Fallschirmj\u00e4ger und selbsterkl\u00e4rten <i>Patrioten</i> Michael P. Der Soldat lieferte milit\u00e4risches Know How und Material, wurde aber bereits 1990 abgezogen und erhielt 2002 in den USA Asyl. Schlussendlich ist der durch den NSU-Prozess bekannt gewordene Thomas Richter (alias Corelli) zu nennen, der ebenfalls in der NF aktiv war, bevor er nach Verbot der Organisation bei Blood &amp; Honour eingesetzt wurde.</p><p>Wir fassen zusammen<i>:</i> Eine vom VS bis in die F\u00fchrung infiltrierte, vermeintlich <i>klandestine</i> Kaderorganisation unterh\u00e4lt seit 1983 dokumentiert Kontakt zu Skinheadgruppen in der DDR. Zur gleichen Zeit bilden sich aus dieser Subkultur heraus erste klandestine, faschistische Gruppen, vermutlich mit angeleitet durch das NF. Diese neu aufgebauten Gruppen begleiten unter anderem inhaltlich und gewaltt\u00e4tig die Montagsdemonstrationen 1989/90 und werden nach der Annexion der DDR Ausgangspunkt von insbesondere von der GdnF und der NF selbst bespielten militanten rechtsradikalen <i>braunen Ringen</i> um ostdeutsche Gro\u00dfst\u00e4dte. Diese wiederum begleiten Pogrome und begehen in den 1990ern nahezu t\u00e4glich \u00dcbergriffe mit Todesfolge.</p><p>Der NSU-Prozess deckt nun weiteres auf. So wurden im Zuge des Prozesses die Namen weiterer V-M\u00e4nner \u00f6ffentlich, die schwerpunktm\u00e4\u00dfig mit der militanten Basis des NSU, dem Th\u00fcringer Heimatschutz (THS) und folglich mit Blood &amp; Honour/Combat 18<i> (</i>nachfolgend: B&amp;H/C18<i>)</i> verbunden waren und die in den 1990er bis in die fr\u00fchen 2000er Jahren eingesetzt wurden. B&amp;H/C18 wiederum war stets der subkulturelle Arm der NSDAP/AO und somit verbunden mit der GdnF<i>.</i> Unumstrittene F\u00fchrungsfigur von Blood &amp; Honour/Combat 18 ist heute Thorsten Heise, ein ehemaliger Kader der FAP (ergo GdnF)<i>.</i> In den GdnF/NSU/C18-Komplex fallen demnach folgende <i>VS</i>-Aktivit\u00e4ten und Agenten, die anhand vierer exemplarischer Figuren f\u00fcr vier Schwerpunktregionen des braunen Aufbaus, plus einer Person mit \u00fcberregionaler Bedeutung vorgestellt werden:</p><p>- <a href=\"https://www.nsu-watch.info/tag/thomas-richter-corelli/\"><b>Thomas Richter</b></a> (alias Corelli / Einsatzgebiet Halle): Noch einmal Corelli. Nachdem dieser V-Mann schon sein Intermezzo in der NF hatte, wurde er nach Verbot der NF in das B&amp;H Netzwerk versetzt. Hier gab er mit VS-Finanzierung die Zeitung <i>Nationaler Beobachter</i> heraus und betrieb verschiedene Webseiten. Weiterhin baute er den Nationalen Widerstand Halle (NWH) auf. Insgesamt soll er mehrere hunderttausend Euro daf\u00fcr erhalten haben.</p><p>- <a href=\"https://www.nsu-watch.info/2013/04/mindestens-24-spitzel-im-nsu-umfeld/\"><b>Thomas Dienel</b></a> (alias K\u00fcche / Einsatzgebiet Erfurt): Inzwischen untergetauchter Gr\u00fcnder und F\u00fchrer der Deutsch-Nationalen Partei (DNP) in Th\u00fcringen, die mit der GdnF verbunden war. Auch Dienel war medial aktiv und gab die neonazistische Zeitung <i>Mitteldeutsche Stimme</i> heraus. Diese sei laut Dienel komplett vom VS finanziert worden.</p><p>- <a href=\"https://www.nsu-watch.info/tag/piatto-carsten-szczepanski/\"><b>Carsten Szczepanski</b></a> (alias Piatto / Einsatzgebiet Berlin/Potsdam): Der aus Berlin stammende Szczepanski zog nach der Wende nach K\u00f6nigs-Wusterhausen in Brandenburg. Seit 1991 war er V-Mann und baute in den Folgejahren eine B&amp;H/C18-nahe Szene auf. Er erhielt laut VS bis zu 50.000 Mark Pr\u00e4mien, mit denen Szczepanski einen an B&amp;H/C18 angeschlossenen Versandhandel und eine C18-Zeitung mit dem Namen <i>United Skins</i> herausgab, sowie Konzerte, zum Beispiel in Chemnitz, finanzierte. Die Angabe der H\u00f6he der VS-Zuwendungen ist laut Anw\u00e4ltinnen der NSU-Opfer zu niedrig angegeben und unglaubw\u00fcrdig.</p><p>- <a href=\"https://brandenburg.nsu-watch.info/dossier-toni-stadler/\"><b>Toni Stadler</b></a> (alias Bartok /Einsatzgebiet Guben/Cottbus): Stadler betreibt in Guben den rechtsradikalen Szene-Laden Top One und ist vernetzt mit dem Fanzine <i>Volkswille</i>. Weiterhin ist er als ehemaliger Soldat der Bundeswehr in Reservistenkreisen vernetzt. Laut VS arbeitete Stadler lediglich zwischen 2000 und 2002 f\u00fcr den Dienst. Wahrscheinlicher ist, dass Stadler schon lange vorher Kontakte hatte. So gibt er selbst \u00fcber die Kooperation mit dem VS an, er h\u00e4tte den Rechtsrock-Handel \u201eniemals in so gro\u00dfem Stil aufgezogen, wenn die Potsdamer mir nicht Straffreiheit zugesagt h\u00e4tten\u201c.</p><p>- <a href=\"https://www.nsu-watch.info/tag/stefan-lange-pinocchio/\"><b>Stefan Lange</b></a> (alias Pinocchio/ Einsatzgebiet Berlin/bundesweit): Stefan Lange war einer der ranghohen F\u00fchrer des seit 2000 verbotenen B&amp;H/C18-Netzwerks. Laut VS, der zun\u00e4chst versucht hatte, die V-Mann T\u00e4tigkeit von Lange unter den Tisch fallen zu lassen, soll dieser erst seit 2002 f\u00fcr den Dienst gearbeitet haben. Journalist*innen bezweifeln dies und nehmen an, dass Lange ebenfalls in den 1990ern angeworben wurde.</p><p>Wir fassen zusammen: Der VS rekrutiert in den 1990er Jahren im gesamten ostdeutschen Gebiet und insbesondere in den von Neo-Faschist*innen als Schwerpunktzonen deklarierten Gebieten V-M\u00e4nner. Diese sind in aller Regel keine kleinen Fische, sondern federf\u00fchrend an Strukturentwicklung oder sogar am Aufbau ganzer regionaler Szenen beteiligt und bevorzugt in medialen beziehungsweise institutionellen Schl\u00fcsselpositionen t\u00e4tig (Versandhandel, Medien, lokale Treffpunkte). Die T\u00e4tigkeit dieser Personen baut auf dem Strukturaufbau der GdnF und NF Ende der 1980er und Anfang der 1990er auf.</p><p></p><h3><b>Fazit: Als Antifa die richtigen Fragen stellen und Antworten geben</b></h3><p>Das Problem des Neo-Faschismus in Ostdeutschland ist nicht von den Annektions- und den daran anschlie\u00dfenden neuen deutschen Gro\u00dfmachtpl\u00e4nen seit 1990 zu trennen, sondern geht mit diesen strategischen Zielsetzungen einher. Hier laufen verschiedene Enden zusammen. Es bricht f\u00fcr eine ganze Bev\u00f6lkerung die biografische Lebenswelt und gewohnte Sozialstruktur zusammen. Hinzu kommen Verarmung und der Kollaps ganzer Infrastrukturen in Ostdeutschland. Der westdeutsche Neo-Faschismus ergreift im Geleit des VS zu den Montagsdemonstrationen seine Chance und greift dabei auf ein bereits bestelltes Feld organisierter ostdeutscher neo-faschistischer Gruppen zur\u00fcck. Die radikale Rechte gewinnt in den Montagsdemonstrationen durch massive Gewalt die Hegemonie, die Annexion der DDR wird durchgef\u00fchrt. Anschlie\u00dfend wirbt der VS-Apparat, der ohnehin bereits in NF und GdnF aktiv ist, zentrale Personen in Schwerpunktregionen an und finanziert deren Publikationen und Szenetreffpunkte. Von diesen Schwerpunktregionen gehen der NSU sowie andere Mord- und Totschlags-Kameradschaftsgruppen aus. Weitere Punkte, der hinzukommen, sind die Kolonisierung des Ostens durch Reichsb\u00fcrger*innen, Prepper und NPD-nahe Strukturen und die desastr\u00f6se akzeptierende Jugendarbeit, die f\u00fcr eine de facto \u00dcbernahme von Jugendzentren durch neo-faschistische Kader sorgte.</p><p>Alles Zuf\u00e4lle? Mitnichten. Hier verdichtet sich das Interesse der reaktion\u00e4rsten Teile des westdeutschen Staatsapparats mit der neofaschistischen Bewegung. Das Mindeste, was angesichts dieser offen zu Tage liegenden Beteiligungen vermutet werden kann, ist, dass bis weit in das Innenministerium ein Netzwerk reicht, das in den 1990er und 2000er Jahren einen neofaschistischen Aufbau deckte, in dem offensichtlich ein politischer Nutzen gesehen wurde. Dieser bestand relativ deutlich darin, dass eine <i>patriotische Jugend,</i> beziehungsweise eine rechte Hegemonie, in Ostdeutschland die sozialistische Hegemonie abl\u00f6ste und m\u00f6glichst nachhaltig unsch\u00e4dlich machen sollte. Die Wahlerfolge der neofaschistischen AfD sind nun tats\u00e4chlich eine \u201eVollendung der Wende\u201c und zwar in der Hinsicht, dass nicht nur ganze Landstriche inzwischen braun kolonisiert sind und terrorisiert werden, sondern sich diese rechte Hegemonie inzwischen auch parlamentarisch niederschl\u00e4gt und die <i>SED/PDS/LINKE</i> nun auch dort abl\u00f6st.</p><p>Angesichts dieser Entwicklung erscheint es unklar, warum die antifaschistische Bewegung immer noch nichts aus dem NSU lernen m\u00f6chte und von ostdeutschen Sozialcharakteren oder konservierten Volksgemeinschaften schwadroniert (siehe Teil I des Artikels). Statt den Rechtsruck als Resultat eines erfolgreichen, staatlich begleiteten Aufbaus zu begreifen und sich die Frage zu stellen, mit welchen Interessen dieser verbunden sein k\u00f6nnte - oder was von links vers\u00e4umt wurde - wird auf die ostdeutsche Bev\u00f6lkerung geschimpft. Hier liegen, wie diese Artikel versucht haben, aufzuzeigen, mehrere Denkfehler vor. Ein Antifaschismus in Ostdeutschland darf nicht gegen die Bev\u00f6lkerung, deren Biografien und Leistungen argumentieren. Gleichzeitig darf nicht au\u00dfer Acht gelassen werden, dass ein bestimmter Prozentsatz bereits an die gewachsenen neofaschistischen Strukturen und deren Ideologie verloren ist. Diese Gradwanderung zu schaffen, ist schwer. Ein Anfang w\u00e4re, damit aufzuh\u00f6ren, in puncto Debatte um den Rechtsruck in das selbe Horn zu blasen, wie die herrschenden Parteien. Hier kann Staatskritik und eine kritisch-solidarische Haltung zur DDR-Geschichte gegen das staatliche Narrativ zur so genannten Wende neue Handlungsm\u00f6glichkeiten und Diskurse st\u00e4rken, die der Etablierung einer antifaschistischen, nicht-staatlichen Linken nutzen.</p><p></p><hr/><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Zum Beispiel Helmut Roewer, unter dessen \u00c4gide der Th\u00fcringer VS eine ganze Horde V-M\u00e4nner um den NSU ein ganzes Jahrzehnt finanzierte. Der V-Mann und Sexualstraft\u00e4ter Tino Brandt gab gar an, dass der VS Th\u00fcringen einen Gro\u00dfteil des von ihm entwickelten rassistischen Spiels Pogromly (von: Monopoly) erstanden hat. Roewer hatte au\u00dferdem Gelder f\u00fcr bis heute unbekannte Quellen veruntreut.</p><p><b>[2]</b> Zwischen 1955 bis 1969 au\u00dfenpolitische Doktrin der BRD. Sie besagte, dass die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur DDR durch Drittstaaten als \u201eunfreundlicher Akt\u201c gegen\u00fcber der Bundesrepublik betrachtet werden m\u00fcsse und reklamierte damit einen Alleinvertretungsanspruch.</p><p><b>[3]</b> Zur Vorgeschichte des Projekts EU im Rahmen deutscher imperialistischer Europapolitik zum Beispiel bei Wehr, Andreas, 19.11.2016: Geschichte und Wirklichkeit der EU. Zugriff am 24.09.2019 unter https://www.andreas-wehr.eu/geschichte-und-wirklichkeit-der-eu.html</p><p><b>[4]</b> Die DDR-Geschichtsschreibung war der marxistischen Klassentheorie verpflichtet. Laut dem Historischen Materialismus ist Geschichte ein dialektisch verlaufender Prozess von Klassenk\u00e4mpfen. Es gilt demnach zwischen herrschaftsf\u00f6rmiger, b\u00fcrgerlicher Geschichtsschreibung und materialistischer Geschichtsschreibung zu unterscheiden. Der Versuch des <i>Aufbaus eines neuen, demokratischen und friedliebenden Deutschlands</i> musste sich logischerweise gegen die imperialistische Tradition Deutschlands wenden und neue Bez\u00fcge herstellen.</p><p><b>[5]</b> Das Scheitern des ersten Anlaufs wurde mit einer \u201efehlenden Staatsferne<i>\u201c</i> begr\u00fcndet, das hei\u00dft es war unklar, inwieweit die NPD durch das Wirken des VS \u00fcberhaupt so arbeitet und auftritt, wie sie es tut. Die Judikative der BRD hat damit im Prinzip zugegeben, dass NPD und VS \u00fcber V-Mann-Eins\u00e4tze in gro\u00dfen Teilen ununterscheidbar geworden sind.</p><p><b>[6]</b> Neben den in diesem Artikel pr\u00e4sentierten Fakten log der VS im NSU-Prozess nachweislich, verdunkelte Informationen und verweigerte wiederholt die Auskunft. Ganze Akten wurden in der so genannten Aktion <i>Konfetti</i> vernichtet. Ausf\u00fchrliche Dokumentation liefert Wolf Wetzel und NSU-Watch: https://www.nsu-watch.info / https://wolfwetzel.wordpress.com/</p><p><b>[7]</b> C18 und Thorsten Heise sind seit Jahren straffrei unterwegs. Ihr Umfeld ist durchsetzt mit V-M\u00e4nnern und ununterscheidbar von den Diensten. Eine ausf\u00fchrliche Recherche zu B&amp;H/C18 und dem T\u00e4terumfeld bieten EXIF-Recherchegruppen: \u201eDie Kernfrage muss deshalb lauten: Wieso hat der Verfassungsschutz ein Interesse daran, dass diese Organisation weiter existiert? Die Antwort darauf kann nur lauten: Weil er \u2013 und andere Geheimdienste und evtl. auch Polizeibeh\u00f6rden \u2013 es (sic!) mit Spitzeln durchsetzt haben\u201c. Exif-Recherche [Hrsg.], 16.07.2018: \u00abCombat 18\u00bb Reunion. Zugriff am 24.09.2019 unter https://exif-recherche.org/?p=4399.</p><p><b>[8]</b> Siehe Hans-Georg Maa\u00dfen, <i>CDU</i>-Politiker, der zwischen 2012 und 2018 die Verdunklung und Strafvereitelung in puncto NSU organisierte. Er ist in seiner politischen Agenda vom v\u00f6lkischen Fl\u00fcgel der AfD ununterscheidbar.</p><p><b>[9]</b> Aus den 1980er Jahren legen verschiedene Publikationen Zeugnis dar\u00fcber ab. Unter anderem: <i>Klartext</i> (JN/NF)<i>, Nachrichten aus der Szene</i> (NF)<i>, Deutscher Beobachter</i> (Nationale Offensive), <i>Revolte</i> (NF) und viele mehr.</p><p><b>[10]</b> Der Strasserismus ist eine Str\u00f6mung im deutschen Neo-Faschismus, die sich auf so genannte nationalrevolution\u00e4re Theorien der NSDAP-Mitglieder Otto und Georg Strasser beziehen.</p><p><b>[11]</b> Siehe Nationalistische Front (NF) [Hrsg.]: Langsam aber gewaltig! - zur Taktik und Strategie der Nationalistischen Front (NF), in: <i>Nachrichten aus der Szene (2/88).</i></p><p><b>[12]</b> Die rechtsradikale Rezeption des italienischen Kommunisten wurde erstmals durch den neofaschistischen franz\u00f6sischen Intellektuellen Alain de Benoist vorgenommen. Sie ist in der heutigen <i>Neuen Rechten</i> hegemonial.</p><p><b>[13]</b> Siehe <i>Klartext</i> (5/2 Nr.17)<i>.</i></p><p><b>[14]</b> Antifaschistisches Autorenkollektiv Berlin [Hrsg.]: Drahtzieher im braunen Netz: Der Wiederaufbau der NSDAP. Edition ID-Archiv 1992</p><p><b>[15]</b> ebd.</p><p><b>[16]</b> ebd.</p><p><b>[17]</b> Faschistische Gewalt wurde in den allermeisten F\u00e4llen entpolitisiert und juristisch unter dem Begriff <i>Rowdytum</i> verfolgt.</p><p><b>[18]</b> S\u00e4mtliche im Artikel genannten Organisationen waren fr\u00fcher oder sp\u00e4ter von Repression betroffen. Die meisten konnten sich jedoch durch Umbenennungen und Umstrukturierungen immer wieder weiter bet\u00e4tigen. Insbesondere die Kader der GdnF sind bis heute aktiv. Das Blood &amp; Honour-Netzwerk besteht beispielsweise als Combat 18 bis heute legal weiter.</p><p><b>[19]</b> Hier wirkte das Netzwerk insbesondere in der Polizei, dem Verfassungsschutz und der Sozialen Arbeit. Der Schaden, den die so genannte <i>akzeptierende Sozialarbeit</i> als staatlich gepushte Theorie und Praxis in diesem Kontext anrichtete, ist dokumentiert in: Rother, Richard: Rechtsextremistische Tendenzen unter ostdeutschen Jugendlichen. 1994: \u201eDie Jugendklubs in Ostdeutschland wurden f\u00fcr rechte Jugendliche und Skinheads ge\u00f6ffnet (\u2026). Zun\u00e4chst hatte dies den Effekt, da\u00df junge Leute mit linken oder pazifistischen Politikvorstellungen (...) durch zum Teil brutale Gewalt verdr\u00e4ngt wurden. Sp\u00e4ter wurden sogar normale und unpolitische Jugendliche aus einzelnen Klubs (in Schwedt oder Weimar etwa) ausgeschlossen, in denen dann rechtsextremistische Kameradschaften im engsten Kreise durchf\u00fchren konnten\u201c (Rother, Richard 1994, S.21 ff.).</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Oktober verwirklichte die T\u00fcrkei ihren lange gehegten Wunsch einer umfassenden milit\u00e4rischen Invasion in Nordost-Syrien (Rojava), nachdem ein Telefonat zwischen dem t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Recep Tayyip Erdo\u011fan und seinem us-amerikanischen Amtskollegen Donald Trump hierf\u00fcr den Weg ebnete. Trump lie\u00df wenig sp\u00e4ter <a href=\"https://twitter.com/realDonaldTrump/status/1181172465772482563\">per Twitternachricht</a> verlauten, dass \u201eer\u201c sich mit sofortiger Wirkung aus der Region heraushalten werde \u2013 \u201etime to [\u2026] bring our soldiers home\u201c. Ein Freifahrtschein f\u00fcr die T\u00fcrkische Armee (TSK) samt Gefolgsleuten.</p><p>Unterst\u00fctzt von heftigem Artilleriebeschuss und dem Bombardement durch Kampfjets schickte die T\u00fcrkische Armee (TSK) jihadistische Milizen unter dem pomp\u00f6sen Namen <i>Syrische Nationale Armee</i> (SNA) voran. Die Angaben zu ihrer Zahl schwanken, aber es soll sich bei ihnen um etwa<a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/10/turkey-syria-kurds-militias-in-operation-peace-spring.html\"> 15.000 K\u00e4mpfer handeln</a>, die in der jetzigen Invasion mobilisiert wurden. Die verschiedenen Teilgruppen der SNA agieren schon lange in Syrien. <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/10/turkey-syria-kurds-militias-in-operation-peace-spring.html\">21 der insgesamt 37 Gruppen</a>, die in der SNA versammelt sind, wurden in der Vergangenheit von den USA unterst\u00fctzt und viele fanden sich auch schon in der<i> Freien Syrischen Armee</i> (FSA). Sie \u00e4ndern permanent ihre Namen, sind aber im Grunde altbekannte jihadistische Gruppen.</p><h2><b>Eine Invasion vom Rei\u00dfbrett</b></h2><p>Der Krieg begann mit Artilleriebeschuss und Luftbombardements auf Stellungen der Syrischen Demokratischen Kr\u00e4fte (SDF), einem von der kurdischen YPG angef\u00fchrten multiethnischen Milit\u00e4rverbund, und auch auf die Regionen nahe der Grenze zur T\u00fcrkei. Die SNA konzentrierte ihre Angriffe dabei in erster Linie vor allem auf die St\u00e4dte Gire Sp\u00ee/Tal Abyad und Ser\u00ea Kaniy\u00ea/Ras al-Ayn und das Gebiet zwischen diesen beiden. Sie versuchte, die St\u00e4dte zu isolieren und voneinander, sowie von anderen St\u00e4dten abzuschneiden, um dann die St\u00e4dte selbst einzunehmen. W\u00e4hrend Gire Sp\u00ee /Tal Abyad mittlerweile an SNA und TSK gefallen ist, h\u00e4lt der Widerstand der SDF in Ser\u00ea Kaniy\u00ea/Ras al-Ayn an (Stand 16. Oktober 2019). Trotz kleinerer Scharm\u00fctzel sind die St\u00e4dte Qamishlo und Koban\u00ea/Ayn al-Arab nicht wirklich attackiert worden, Manbidsch, das westlich des Euphrat liegt, hat eine gewisse Sonderstellung und kam erst nach einigen Tagen unter Beschuss. Die Taktik der T\u00fcrkei d\u00fcrfte sein, das Gebiet der Selbstverwaltung von der Mitte her zu zerteilen und Verbindungswege zu kappen, beziehungsweise die St\u00e4dte zu isolieren. Der Plan ist dann in einer zweiten Phase des Krieges ein gr\u00f6\u00dferes Gebiet zu besetzen.</p><p>Erdo\u011fan <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-syria-security-turkey-erdogan/erdogan-says-turkish-led-offensive-to-extend-further-along-syrian-border-idUSKBN1WS0DY\">verweist seit Langem darauf</a>, dass es das Ziel der Operation sei, eine 30 Kilometer tiefe und \u00fcber 480 Kilometer lange Zone von \u201eterroristischen Elementen zu bereinigen\u201c und bis zu zwei Millionen syrischer Gefl\u00fcchteter, die sich derzeit in der T\u00fcrkei aufhalten, in dieser Zone anzusiedeln. In dieser \u2013 <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/10/turkey-syria-untied-states-three-phase-of-ankara-plan.html\">laut Milit\u00e4rstrategen</a> als dritte und letzte Phase der Milit\u00e4rinvasion zu realisierenden \u2013 Zone w\u00e4ren fast alle gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dte der Selbstverwaltung an der Grenze zur T\u00fcrkei eingeschlossen. Das Schicksal des Projekts, das mit dem \u201eRojava Aufstand\u201c im Jahr 2011 begann, w\u00e4re damit besiegelt \u2013 wenn denn dieser Plan aufgeht.</p><h2><b>Verschiebungen der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse in Syrien</b></h2><p>Im Moment sieht es so aus, als ob die SDF einen kontrollierten und fokussierten Widerstand leisten. Das <a href=\"https://www.reuters.com/article/syrien-kurden-russland-idDEKBN1WT0HJ\">\u00dcbereinkommen</a> zwischen den SDF und der<i> Syrischen Arabischen Armee</i> (SAA), das am 13. Oktober ausgehandelt wurde und sich seither in der Praxis vollzieht, hat die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse am Boden und die politischen Konstellationen in Syrien und im Mittleren Osten verschoben. Die Erkl\u00e4rung der Selbstverwaltung Nord- und Ost-Syriens spricht von einer Koordination der SAA mit der Selbstverwaltung zur Abwehr der Angriffe der T\u00fcrkei und zur Befreiung der besetzten St\u00e4dte wie Afr\u00een. Gleichzeitig ziehen sich verbleibende US-Truppen vollst\u00e4ndig aus der Region zur\u00fcck.</p><p>Die Zahlen der verlorenen Menschenleben seit Kriegsbeginn sind jetzt schon ersch\u00fctternd. Die SDF leistet einerseits starken Widerstand, andererseits sind Artilleriebeschuss und Luftbombardements der T\u00fcrkei teilweise scheinbar willk\u00fcrlich gegen St\u00e4dte mit Zivilbev\u00f6lkerung und auch zivile Konvois gerichtet. Dementsprechend gibt es auch sehr viele Berichte \u00fcber <a href=\"https://www.dailymail.co.uk/news/article-7568711/At-ten-dead-convoy-journalists-aid-workers-shelled-Turkish-forces.html\">ermordete Zivilist*innen</a>, zerst\u00f6rte <a href=\"https://www.hawarnews.com/en/haber/turkish-occupation-army-targets-mansoura-dam-supplying-water-to-2-m-people-h11914.html\">zivile Infrastruktur</a>, zerst\u00f6rte oder gestohlene <a href=\"https://reliefweb.int/report/syrian-arab-republic/who-gravely-concerned-about-humanitarian-situation-northeast-syria\">Rettungsfahrzeuge</a>, <a href=\"https://hawarnews.com/en/haber/turkish-occupation-targets-field-hospital-in-serkaniy-h12046.htmlTurkish?fbclid=IwAR1VoLpn1sH2nB8fGK3EZXFNteiZBNni-JjosEX2cbKLxvbm6wu-DW6BGWI\">Beschuss</a> und <a href=\"https://www.nytimes.com/2019/10/11/world/middleeast/turkey-syria-kurds.html\">R\u00e4umung</a> von Krankenh\u00e4usern und dergleichen mehr. Schreckliche Bilder und Videos von Gr\u00e4ueltaten der t\u00fcrkischen Armee und insbesondere von den mit ihr verb\u00fcndeten jihadistischen Gruppierungen kursieren in den Sozialen Medien. Mindestens <a href=\"https://www.nytimes.com/2019/10/13/world/middleeast/syria-turkey-invasion-isis.html\">130.000 Zivilist*innen</a> mussten fliehen und eine humanit\u00e4re Katastrophe entfaltet sich vor unseren Augen.</p><p>Dar\u00fcber hinaus gibt es Berichte zur <a href=\"https://www.nytimes.com/2019/10/13/world/middleeast/syria-turkey-invasion-isis.html\">gezielten Bombardierung</a> von Gef\u00e4ngnissen, in denen bislang insgesamt etwa 15.000 der IS-Mitgliedschaft verd\u00e4chtigte Menschen festgehalten wurden. Zumindest <a href=\"https://www.aljazeera.com/news/2019/10/hundreds-isil-prisoners-escape-syrian-camp-kurds-191013141044768.html\">einige hundert IS-Verd\u00e4chtige</a> konnten fliehen. Es ist durchaus m\u00f6glich, dass es zu einer teilweisen Wiederbelebung der fast schon eliminierten IS-Strukturen kommt \u2013 oder dass sich die IS-Jihadisten den t\u00fcrkeinahen S\u00f6ldnertruppen anschlie\u00dfen.</p><h2><b>Erzwungene Teilliberalisierung</b></h2><p>Was aber sind die innenpolitischen und wirtschaftlichen Dynamiken in der T\u00fcrkei, die diese Milit\u00e4rinvasion motivieren? Der erste Grund ist offensichtlich: Die T\u00fcrkei steht den Selbstverwaltungsbestrebungen in Rojava seit ihren Anf\u00e4ngen im Jahr 2011 feindlich gegen\u00fcber. Diese Feindschaft inkludierte zun\u00e4chst eine <a href=\"https://newsocialist.org.uk/trump-rojava/\">(in)direkte Akzeptanz und sogar Unterst\u00fctzung</a> der IS-Strukturen und anderer jihadistischer Gruppen, die gegen die Selbstverwaltung k\u00e4mpften. Nachdem dies nicht funktionierte, intervenierte die T\u00fcrkei direkt milit\u00e4risch, <a href=\"https://www.jacobinmag.com/2016/11/turkey-erdogan-coup-hdp-pkk-syria-gulen-ypg\">zun\u00e4chst</a> 2016 mit dem Einmarsch in vom IS besetztes Gebiet zwischen den Kantonen Afr\u00een und Koban\u00ea (Jarablus und al-Bab) <a href=\"https://revoltmag.org/articles/entscheidungsschlacht-um-afr%C3%AEn/\">und dann</a> nochmal 2018, als direkt die Kr\u00e4fte der Selbstverwaltung <a href=\"https://revoltmag.org/articles/die-besetzung-afr%C3%AEns/\">attackiert</a> wurden (Afr\u00een). Aus Sicht der herrschenden Kr\u00e4fte in der T\u00fcrkei stellt die schiere Existenz von Rojava eine Gefahr dar, da dadurch auch die kurdischen und demokratischen Strukturen in der T\u00fcrkei gest\u00e4rkt werden. Gleichzeitig erscheint Rojava den herrschenden Kr\u00e4ften in der T\u00fcrkei als ein Organisationsmodell von Staat und Gesellschaft, das im Widerspruch zum t\u00fcrkischen Modell des autokratischen Neoliberalismus steht. Rojava konstituiert daher eine Bedrohung des Wesens der Gesellschaftsformation der T\u00fcrkei. Der \u201eKrieg gegen die Kurd*innen\u201c ist au\u00dferdem der wichtigste gemeinsame Nenner, der die AKP nach den Wahlen im Juni 2015 mit ehemals verfeindeten nationalistischen Staatsfraktionen zur \u201eWahrung der Existenz des Staates\u201c in einer neuen \u201eStaatskoalition\u201c zusammenbrachte.</p><p>Diese allgemeinere Ebene ist, zweitens, direkt mit den derzeitigen Umst\u00e4nden in der T\u00fcrkei verbunden, n\u00e4mlich der akuten Hegemoniekrise des Regimes in der Folge der Lokalwahlen im M\u00e4rz und Juni 2019. Wie wir <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkischer-fr%C3%BChling/\">schon zuvor</a> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/erdo%C4%9Fans-ziviler-putschversuch/\">en detail</a> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/politisches-erdbeben-istanbul/\">analysiert haben</a>, dr\u00fcckte sich in den Wahlen die gro\u00dfe und weit verbreitete Unzufriedenheit angesichts der aktuellen \u00f6konomischen und politischen Lage in der T\u00fcrkei aus. Besonders die Wiederholung der Wahl in Istanbul zeigte, dass die AKP und ihre Verb\u00fcndeten ihren Willen nicht l\u00e4nger beliebig mit Gewalt und Betrug durchsetzen konnten.</p><p>Vor dem Hintergrund einer schon lange andauernden und sich versch\u00e4rfenden Hegemoniekrise und brodelnder Unzufriedenheit und Instabilit\u00e4t zogen sich nach den Wahlen Risse durch das ganze System.</p><p>Der <a href=\"http://bianet.org/english/law/210934-constitutional-court-freedom-of-expression-of-academics-for-peace-violated\">Verfassungsgerichtshof (AYM) entschied</a> beispielsweise mit einer sehr knappen Mehrheit von nur einer Stimme, dass die Prozesse gegen die Friedensakademiker*innen einen Bruch des Rechtes auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung darstellten. Nach dieser AYM-Entscheidung wurden Dutzende Friedensakademiker*innen freigesprochen.</p><p>Auch im Fall des fr\u00fcheren HDP-Abgeordneten und bekannten Regisseurs S\u0131rr\u0131 S\u00fcreyya \u00d6nder, der \u00fcber zehn Monate im Gef\u00e4ngnis gewesen war, <a href=\"http://bianet.org/english/politics/213981-court-rules-for-release-of-sirri-sureyya-onder\">entschied der AYM</a> \u2013 diesmal einstimmig \u2013, dass die Aussagen, f\u00fcr die er verurteilt worden war, durch das Recht auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung gedeckt seien und dass \u00d6nder eine sehr wichtige Rolle im Friedensprozess zwischen dem t\u00fcrkischen Staat und der PKK gespielt habe (!). Am darauffolgenden Tag entschied das Gericht seine Entlassung aus dem Gef\u00e4ngnis. Es ist bezeichnend, dass diejenigen Richter*innen am AYM, die im Sinne der Friedensakademiker*innen stimmten, noch von Erdo\u011fans Vorg\u00e4nger und mittlerweile Rivalen Abdullah G\u00fcl bestellt worden waren. Abdullah G\u00fcl, einer der Gr\u00fcnder der AKP, <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-turkey-politics/former-erdogan-ally-to-form-rival-party-before-year-end-paper-idUSKCN1VV0DR\">unterst\u00fctzt mittlerweile die Bestrebungen</a> des ehemaligen AKP-Wirtschaftsministers Ali Babacan, eine neue Partei zu gr\u00fcnden, die als Alternative zur AKP erscheinen soll.</p><p>Babacan und sein Umfeld <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/politik/erdogans-system-broeckelt-die-regierungspartei-akp-steht-vor-der-spaltung/24580168.html\">kritisieren die AKP</a> daf\u00fcr, vom rechten Weg abgekommen zu sein und <a href=\"https://www.karar.com/guncel-haberler/ali-babacan-karara-konustu-yil-bitmeden-partiyi-kuruyoruz-1319296\">konzentrieren</a> ihre eigene Arbeit auf die Wiederbelebung des konservativen Neoliberalismus der Fr\u00fchphase der AKP. Neben Babacan <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/kritik-an-erdogan-tuerkischer-ex-premier-davutoglu-tritt-aus-akp-aus/25013018.html\">brach noch ein weiterer f\u00fchrender AKP-Politiker</a> offen mit Erdo\u011fan, n\u00e4mlich der fr\u00fchere Au\u00dfenminister und Premierminister Ahmet Davuto\u011flu. W\u00e4hrend Babacan eher den konservativ-wirtschaftsliberalen Fl\u00fcgel der Partei und die entsprechenden Teile der Gesellschaft anzusprechen versucht, adressiert Davuto\u011flu den eher islamisch-konservativen Teil, der sich eventuell von der AKP abwenden k\u00f6nnte. Gemeinhin wird erwartet, dass die beiden neuen Parteien am Ende dieses beziehungsweise am Anfang des n\u00e4chsten Jahres gegr\u00fcndet werden. Es gibt keine Garantie daf\u00fcr, dass diese beiden Parteien gro\u00dfen Erfolg haben werden, aber die hart umk\u00e4mpfte AKP ist anf\u00e4llig f\u00fcr eine tiefe Krise, wenn ihr auch nur ein Teil ihrer Basis wegbricht. Es ist kein Zufall, dass Babacan und Davuto\u011flu ihre Parteigr\u00fcndungsprozesse nach den Lokalwahlen beschleunigten.</p><p>Die Entscheidungen im Fall der Friedensakademiker*innen oder im Fall von \u00d6nder sind keine Einzelf\u00e4lle. In vielen Prozessen dieser Art erfolgen mittlerweile Entlassungen oder Freispr\u00fcchen. So zum Beispiel auch im Fall von Max Zirngast, Teil unseres Autorenkollektivs, der am 11. September 2019, genau ein Jahr nach seiner Festnahme (mit anschlie\u00dfender dreimonatiger Untersuchungshaft) relativ \u00fcberraschend \u2013 wie auch alle seine Mitangeklagten \u2013 vom Vorwurf der \u201eMitgliedschaft in einer terroristischen Organisation\u201c <a href=\"https://freemaxzirngast.org/2019/09/max-zirngast-und-mitangeklagte-freigesprochen/\">freigesprochen</a> wurde. Diese Entscheidungen sind aber eben <a href=\"https://freemaxzirngast.org/2019/09/ich-bin-frei-andere-sind-es-noch-nicht-max-zirngast/\">kein Ausdruck einer \u201eR\u00fcckkehr zum Rechtssaat\u201c</a> oder dergleichen, sondern Zeichen einer erzwungenen Teilliberalisierung, die den sich ver\u00e4ndernden Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen geschuldet ist.</p><p>Gleichzeitig gibt es n\u00e4mlich auch gegenteilige Tendenzen, zum Beispiel die <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/politik/in-diyarbakir-mardin-und-van-tuerkei-setzt-drei-pro-kurdische-buergermeister-ab/24921112.html\">Absetzung</a> der HDP Ko-B\u00fcrgermeister*innen in den mehrheitlich kurdischen Gro\u00dfst\u00e4dten Diyarbak\u0131r, Van und Mardin aufgrund von laufenden \u201eTerrorprozessen\u201c oder die Verurteilung der Istanbul-Vorsitzenden der Republikanischen Volkspartei (CHP), <a href=\"https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/welt/2028205-10-Jahre-Haft-fuer-Istanbuler-CHP-Chefin.html\">Canan Kaftancio\u011flu</a>, zu fast zehn Jahren Haft aufgrund von absurden Vorw\u00fcrfen zu Tweets von vor sechs Jahren. Eine Strafe, die sie (bislang) nicht antreten musste und gegen die Widerspruch eingelegt wurde, die aber gleichzeitig wie ein Damoklesschwert \u00fcber ihrem Haupt schwebt und bei ver\u00e4nderten Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen jederzeit Realit\u00e4t werden kann. Dar\u00fcber hinaus bleibt der liberale M\u00e4zen <a href=\"https://www.dw.com/de/t%C3%BCrkei-intellektueller-kavala-weiter-in-haft/a-49637364\">Osman Kavala</a> nach \u00fcber zwei Jahren in Untersuchungshaft weiterhin im Gef\u00e4ngnis. Er wird absurderweise beschuldigt, einer der Drahtzieher und Financiers hinter den Geziprotesten 2013 zu sein.</p><p>Um zusammenzufassen: Nach den Lokalwahlen vollzog sich ein widerspr\u00fcchlicher und nicht-linearer Prozess der teilweisen und eingeschr\u00e4nkten Liberalisierung, die von den Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen erzwungen wurde. Dabei versuchten die Kr\u00e4fte des Regimes (AKP + MHP + andere Alliierte) ihre repressiven Mittel und Apparate angesichts ihres sich vermindernden Handlungsspielraumes auf jene Ziele zu lenken, die sie als die \u201ewichtigsten politischen Feinde\u201c erachteten. Um das zu erreichen, reduzierten sie zeitweise ihren Druck auf jene Gegner*innen, die als \u201eweniger wichtig\u201c und nicht (mehr) als \u201eunmittelbare Bedrohung\u201c angesehen wurden. Dadurch und aufgrund der akuten Hegemoniekrise wurden jedoch andererseits auch oppositionelle und abtr\u00fcnnige Kr\u00e4fte innerhalb des Systems ermutigt, offener und vehementer zu handeln. Ob Handlungen wie das oben erw\u00e4hnte Urteil des AYM im Sinne der Friedensakademiker*innen Teil einer kontrollierten Teilliberalisierung von oben oder eine unabh\u00e4ngige Aktion eben solcher oppositioneller Kr\u00e4fte innerhalb des Staatsapparates darstellen, die sich aus der Hegemoniekrise und erzwungenen Teilliberalisierung des Regimes motiviert, l\u00e4sst sich nicht genau angeben, da sich jene beiden Tendenzen (erzwungene Teilliberalisierung von oben einerseits, mutigeres Auftreten von oppositionellen/dissidenten systeminternen Kr\u00e4ften andererseits) im Konkreten nicht strikt voneinander trennen lassen.</p><p>Diese widerspr\u00fcchlichen Tendenzen und die ihnen zugrundeliegenden Motivationen f\u00fchrten in Kombination zu den wechselhaften Entwicklungen der letzten Monate nach den Lokalwahlen. Das widerspr\u00fcchliche Wesen dieses Prozesses kann auch in den Handlungen und dem Verh\u00e4ltnis der von der Opposition neu gewonnenen St\u00e4dte \u2013 vor allem Istanbul und Ankara \u2013 zum Regime deutlich gesehen werden. Einerseits versuchen diese Stadtverwaltungen, die Korruption und andere Ungereimtheiten vorhergehender AKP-Verwaltungen aufzuzeigen; auch verh\u00e4lt sich die Regimeallianz von AKP, MHP und anderer rechter, nationalistischer Fraktionen gegen\u00fcber den neuen Stadtverwaltungen sehr feindlich. Das wird besonders im Falle des Istanbuler B\u00fcrgermeisters Ekrem Imamo\u011flu (CHP) deutlich, der unter Anderem nicht zu einen <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/fatih-altayli-1001/2526096-gercekte-ne-oldu\">wichtigen Katastrophenmeeting</a> nach einem kleinen Erdbeben in der N\u00e4he von Istanbul eingeladen wurde. Andererseits lud Erdo\u011fan demonstrativ alle B\u00fcrgermeister*innen zu einem <a href=\"https://news.sol.org.tr/erdogan-meets-metropolitan-mayors-his-presidential-palace-chp-mayors-pleased-176181\">vers\u00f6hnlichen Treffen</a> \u201ezum Wohle der T\u00fcrkei\u201c in seinen Palast ein und die Vertreter*innen der Opposition verzichteten dort wie im Allgemeinen auf eine k\u00e4mpferische Haltung.</p><p>Diese Tendenzen in Staat und Gesellschaft korrespondieren mit den sich verschiebenden Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen und den Widerspr\u00fcchen innerhalb des herrschenden Blocks nach den Lokalwahlen. Der Krieg wurde in dieser Situation zu einer, ja sogar zu<i> der</i> M\u00f6glichkeit, die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse wieder im Sinne des Regimes zu verschieben.</p><h2><b>Ein Krieg um der Macht willen</b></h2><p>Die Hegemoniekrise ging so weit, dass sich sogar in <a href=\"https://www.yeniakit.com.tr/yazarlar/abdurrahman-dilipak/bu-kadar-bakan-cok-degil-mi-29728.html\">regimetreuen Medien</a> <a href=\"https://haber.sol.org.tr/turkiye/havuz-medyasinda-baskanlik-tartismasi-napicaz-be-kamil-265972\">kritische Stimmen</a> zum \u201ePr\u00e4sidialsystem\u201c vernehmen lie\u00dfen. Zeitgleich lie\u00df die AKP selbst <a href=\"http://bianet.org/english/print/213844-erdogan-on-presidential-election-with-40-percent-threshold-it-is-parliament-s-job\">ausloten</a>, ob in Zukunft 40 statt wie bisher 50 Prozent der Stimmen in der ersten Runde zur Wahl des Pr\u00e4sidenten/der Pr\u00e4sidentin ausreichen sollten. Dies wurde wiederum vom eigenen Hauptb\u00fcndnispartner, der Partei der nationalistischen Bewegung (Milliyet\u00e7i Hareket Partisi, MHP), <a href=\"http://www.hurriyet.com.tr/gundem/yuzde-40-1-tartismasi-41342754\">kritisiert</a>, weil es ein Ausdruck von Schw\u00e4che sei. Dazu kamen einige Umfragen, die einen <a href=\"https://ahvalnews.com/recep-tayyip-erdogan/erdogans-approval-rating-sees-sharp-drop-last-year-survey\">signifikanten R\u00fcckgang in der Zustimmung</a> zu Erdo\u011fan selbst feststellten. Um diesen Tendenzen entgegenzuwirken, wurde die Kriegsoption noch mehr zum Imperativ f\u00fcr das Regime als zuvor. Die T\u00fcrkei begann, die USA hinsichtlich einer Milit\u00e4roperation zu dr\u00e4ngen und bekam letztendlich gr\u00fcnes Licht, nachdem zuvor eigentlich die Errichtung einer Sicherheitszone an der syrisch-t\u00fcrkischen Grenze mit gemeinsamen t\u00fcrkisch-amerikanischen <a href=\"https://www.aargauerzeitung.ch/ausland/usa-und-tuerkei-starten-gemeinsame-patrouillen-in-nordsyrien-135587011\">Milit\u00e4rpatrouillen</a> ausgemacht worden war. Es ist allerdings offensichtlich, dass verschiedene Fraktionen in den US-Staatsapparaten hinsichtlich der Syrienpolitik in Konflikt zueinander stehen. Insgesamt <a href=\"https://www.srf.ch/news/international/erste-tote-und-viel-kritik-tuerkei-marschiert-in-syrien-ein-das-protokoll-zum-nachlesen\">gibt es kaum internationale Unterst\u00fctzung</a> f\u00fcr den Einmarsch der T\u00fcrkei. Abgesehen von bisher sehr <a href=\"https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/donald-trump-und-recep-tayyip-erdogan-harmlose-massnahmen-gegen-tuerkische-wirtschaft-a-1291637.html\">zaghaften US-Sanktionen</a> nach der ersten Tagen der Milit\u00e4rinvasion und der Ank\u00fcndigung einiger L\u00e4nder (die ohnehin keine gro\u00dfen Waffenlieferanten sind) zuk\u00fcnftige <a href=\"https://www.deutschlandfunk.de/sanktionen-gegen-die-tuerkei-liefert-deutschland-nun-noch.1939.de.html?drn:news_id=1058922\">Waffenexporte in die T\u00fcrkei zu stoppen</a>, blieben die internationalen Reaktionen bisher jedoch auf rhetorischer Ebene. Das Regime in der T\u00fcrkei sieht sich jedenfalls im Angesicht seiner Hegemoniekrise so sehr mit dem R\u00fccken an die Wand gedr\u00e4ngt, dass es sich trotz mangelhafter internationaler Unterst\u00fctzung dazu entschied, gro\u00dfe Risiken und potentielle Konflikte mit seinen internationalen Verb\u00fcndeten in Kauf zu nehmen und mit dem Einmarsch milit\u00e4risch \u201eFakten\u201c zu schaffen. Er dient also auch dem Zweck, sich im Inland erneut zu festigen, bevor eine ver\u00e4nderte internationale Konstellation andere Handlungsweisen erzwingen k\u00f6nnte.</p><p>Das Kalk\u00fcl scheint vorerst aufzugehen: Es gibt eine anscheinend hohe Zustimmung zum Milit\u00e4reinmarsch \u2013 dies wird durch <a href=\"https://www.amnesty.org/en/latest/news/2019/10/syria-turkish-military-offensive-risks-a-humanitarian-catastrophe/\">Ma\u00dfnahmen</a> wie der Festnahme von Menschen, die sich kritisch zum Krieg \u00e4u\u00dfern und einer de facto gleichgeschaltete Medienlandschaft abgesichert. Wie zu erwarten war, desavouierte sich auch die gesamte parlamentarische Opposition abseits der linken, pro-kurdischen Demokratischen Partei der V\u00f6lker (Halklar\u0131n Demokratik Partisi, HDP) selbst und stimmte in den Chor der chauvinistischen Euphorie und Kriegstreiberei mit ein. Die rechts-nationalistische Gute Partei (\u0130Y\u0130 Parti, \u0130P) genauso wie die islamistische Partei der Gl\u00fcckseligkeit (Saadet Partisi, SP) und auch die Hauptoppositionspartei CHP segneten den Krieg im Parlament und rhetorisch ab. In den Einheitsbrei der s\u00e4belrasselnden \u201enationalen Einheit\u201c gesellten sich auch der Istanbuler B\u00fcrgermeisters Ekrem Imamo\u011flu und der vorgeblich \u201elinke\u201c B\u00fcrgermeister von Izmir, Tun\u00e7 Soyer (beide von der CHP). Nur eine Minderheit in der CHP wie der kurdische Abgeordnete Sezgin Tanr\u0131kulu \u2013 der daf\u00fcr auch schon <a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/turkey-main-opposition-deputy-faces-inquiry-147510\">rechtliche Konsequenzen</a> zu tragen hat \u2013 oder die Istanbulvorsitzende der CHP, Canan Kaftanc\u0131o\u011flu, sprachen sich gegen den Krieg aus. Wieder einmal zeigt sich damit im Zuge des Milit\u00e4reinmarsches auf erb\u00e4rmliche Weise, dass alle Parteien der b\u00fcrgerlichen Ordnung in der T\u00fcrkei sich vereinigen, sobald es gegen die \u201eGef\u00e4hrdung der Existenz des Staates\u201c geht. In dieser Hinsicht ist es unm\u00f6glich, kemalistische und islamistische Tendenzen verschiedener Couleur voneinander zu unterscheiden, obwohl es sich \u2013 folgt man dem lange dominanten liberalen Verst\u00e4ndnis \u2013 bei diesen angeblich um die sich widersprechenden und im Kampf miteinander stehenden beiden politischen Hauptfraktionen in der T\u00fcrkei handeln soll.</p><p>Es geht bei diesem Krieg aber nicht um die \u201eExistenz des Staates\u201c. Es ist weder ein Krieg zur \u201eVerteidigung der T\u00fcrkei\u201c gegen eine unmittelbare \u201eterroristische Bedrohung\u201c, noch ein Krieg, um die \u201eQuellen des Friedens\u201c sprudeln zu lassen.<b> [1]</b> Es ist ein Krieg der rechtsradikalen Kr\u00e4fte in der T\u00fcrkei zur R\u00fcckgewinnung ihrer verlorengegangenen Initiative und zu ihrer erneuten Institutionalisierung. Es ist also ein Krieg um des Faschismus\u2019 Willen.</p><p>W\u00e4hrend die Mobilisierung chauvinistischer Reflexe im Zuge der Lokalwahlen nicht mehr ausreichte, um popularen Konsens zum Regime zu errichten, so hilft die \u201eOpposition\u201c jetzt durch ihre Zustimmung und Unterst\u00fctzung der Kriegstreiberei daran mit, dass dies wieder m\u00f6glich wird. Sie erm\u00f6glicht so die Re-Stabilisierung eines kriselnden Regimes, anstatt sich mit dessen Gr\u00e4ueltaten direkt auseinanderzusetzen und die M\u00f6glichkeit chauvinistischer Massenmobilisierung als Form der Politik abzuschaffen.</p><h2><b>Destabilisierung und Restabilisierung</b></h2><p>Der Krieg und die Sch\u00fctzenhilfe seitens des Gro\u00dfteils der parlamentarischen Opposition erm\u00f6glichen es dem Regime derzeit, die aufplatzende Krisenhaftigkeit gekonnt zu \u00fcberspielen und zumindest tempor\u00e4r zu l\u00f6sen. Zum Beispiel die Wirtschaftskrise. Wie wir <a href=\"https://www.jacobinmag.com/2019/03/erdogan-akp-turkey-local-elections\">bereits zuvor analysiert</a> haben, waren regelm\u00e4\u00dfige W\u00e4hrungsschocks als Folge eines schuldengetriebenen neoliberalen Modells eine der Hauptquellen der Destabilisierung der \u00d6konomie. Der private Sektor, dessen Auslandsverschuldung in etwa 40 Prozent des BIP entspricht, sieht sich permanent der Bedrohung des Bankrottes gegen\u00fcber und plagt sich mit Schuldenr\u00fcckzahlungen. Gegenteilig zu den offiziellen Erkl\u00e4rungen der Regierungsverantwortlichen, die von Rebalancing und einer starken Erholung sprechen, <a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/turkish-industrial-output-slips-in-august-147466\">schrumpft die Industrieproduktion</a>, ein wichtiger \u00f6konomischer Indikator, seit Anfang 2019 im Vergleich zur selben Periode des Vorjahres.</p><p>Dazu befinden sich verschiedene Fraktionen des Kapitals hinsichtlicher finanzieller Rettung und Sanierung in Konkurrenz zueinander, w\u00e4hrend sie andererseits das gemeinsame Ziel der Verstaatlichung der Schulden teilen. J\u00fcngst kam es zu <a href=\"https://www.evrensel.net/haber/388372/zam-yagmuru-suruyor-tren-ve-posta-ucretlerine-yuzde-20-zam-geldi\">Preis- und Steuererh\u00f6hungen zwischen 15 und 25</a> Prozent bei Transport, Gas, Milch, Zucker, Mautgeb\u00fchren und Elektrizit\u00e4t. Bei letzterem kam es in den letzten zwei Jahren sogar zu einem Preisanstieg von insgesamt 60 Prozent. Kurz, in beinahe allen wichtigen Bereichen des Alltagslebens gibt es massive Preissteigerungen, ohne dass diese zur Gen\u00fcge durch Lohnsteigerungen abgefedert w\u00fcrden. Dennoch <a href=\"https://ahvalnews.com/inflation/turkeys-consumer-inflation-falls-sharply-single-digits\">erkl\u00e4rte die Regierung</a> vor Kurzem, dass \u2013 wohl mit etwas \u201eMagie\u201c in der Berechnung \u2013 die Inflation in den einstelligen Bereich gesunken sei.</p><p>Diese fortdauernde Wirtschaftskrise, die sich unter anderem in einem langsamen aber stetigen Prozess der Verschlechterung des Lebensstandards der breiten Bev\u00f6lkerung ausdr\u00fcckt und nicht in einem pl\u00f6tzlichen Kollaps, trug mit Sicherheit zur schwindenden Popularit\u00e4t von Erdo\u011fan und seiner Partei bei.</p><p>Der Angriff auf Rojava dient somit auch der Ablenkung von den \u00f6konomischen Problemen. Nichts eignet sich daf\u00fcr so gut wie eine Konsolidierung der Nation gegen den \u201eewigen Feind\u201c: Schon hat die CHP eine f\u00fcr den 12. Oktober geplante <a href=\"https://www.birgun.net/haber/suriye-operasyonu-sonrasi-kazdaglari-ndaki-miting-iptal-edildi-271960\">Gro\u00dfdemonstration</a> im Ida-Gebirge gegen die Abholzung desselben f\u00fcr den Bau einer Goldmine abgesagt, obwohl die Kommune in ihrer Hand ist und es noch nicht einmal zu einem offiziellen Verbot der Demo kam. Ihre Begr\u00fcndung daf\u00fcr war, dass nun die \u201eZeit f\u00fcr eine nationale Einheit\u201c sei. Auch spricht niemand mehr \u00fcber den <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-49984537\">Protestmarsch</a> der Bergarbeiter*innen von Soma nach Ankara: Diese wurden nach dem schweren Grubenungl\u00fcck 2013 mit 301 Toten ohne Gr\u00fcnde entlassen und erhielten nie eine Abfertigungszahlung. Seitdem leisten sie Widerstand und fordern ihre Rechte ein.</p><p>Eine eventuelle Besetzung Rojavas ist aber auch unmittelbar \u00f6konomisch lukrativ f\u00fcr die T\u00fcrkei. Direkt nach Erdo\u011fans <a href=\"https://www.theguardian.com/world/2019/sep/24/erdogan-proposes-plan-for-refugee-safe-zone-in-syria\">offizieller Erkl\u00e4rung</a> seiner Besatzungspl\u00e4ne bei der UN Generalversammlung Ende September ver\u00f6ffentlichte sein B\u00fcro eine Brosch\u00fcre mit detaillierten Projekten f\u00fcr die besetzten Gebiete. Laut dieser sei es notwendig, vor der Ansiedlung von zwei Millionen Fl\u00fcchtlingen etwa <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/10/turkey-syria-who-will-pay-for-syrian-refugees-resettlement.html\">26 Milliarden US-Dollar</a> (151 Milliarden T\u00fcrkische Lira) in Infrastruktur und Geb\u00e4ude zu investieren. Es braucht nicht extra betont zu werden, dass das t\u00fcrkische Kapital auf diese (vermutlich staatlich unterst\u00fctzte) Chance mit gro\u00dfer Vorfreude wartet. Dies ist einer der Gr\u00fcnde, warum <a href=\"https://www.artigercek.com/haberler/patronlar-suriye-ye-askeri-harekata-destek-cikti\">alle Vertreterorganisationen</a> des Kapitals ihre volle Unterst\u00fctzung zum Krieg und f\u00fcr die \u201eheroische Armee\u201c gegeben haben.</p><p>Letztlich ist es klar, dass das Regime nicht nur sich und seine Verb\u00fcndeten st\u00e4rken, sondern auch die Opposition spalten und schw\u00e4chen will. Kurd*innen und Linksliberale werden sich von den kriegsunterst\u00fctzenden Teilen der Opposition nat\u00fcrlicherweise distanzieren, aber eventuell werden auch die Alevit*innen nachziehen, weil sie die Zusammenarbeit mit Jihadisten im Rahmen der Milit\u00e4rinvasion ablehnen. Diese Abwendung w\u00e4re aber gleichzeitig eine Chance f\u00fcr die antimilitaristischen Teile der Opposition, die allerdings von Dauerrepression betroffen sind. Seit Wochen mokieren sich regimetreue Medien und einige anti-kurdische oppositionelle Zirkel \u00fcber eine angebliche Ann\u00e4herung von CHP und HDP. Schon in den ersten Tagen des Krieges wurden <a href=\"https://www.turkishminute.com/2019/10/11/turkey-detains-121-social-media-users-for-criticism-of-syria-incursion/\">\u00fcber hundert Menschen wegen Postings</a> in Sozialen Medien festgenommen, weil sie sich in irgendeiner Form kritisch ge\u00e4u\u00dfert hatten \u2013 etwa, indem sie von einem \u201eKrieg\u201c statt von einer \u201eOperation gegen den Terror\u201c sprachen. Innenminister S\u00fcleyman Soylu <a href=\"https://www.turkishminute.com/2019/10/11/turkey-detains-121-social-media-users-for-criticism-of-syria-incursion/\">drohte sogar</a>: \u201eVon einem Krieg zu sprechen, ist Verrat.\u201c Auch <a href=\"https://cpj.org/2019/10/turkey-bans-critical-reports-on-military-operation.php\">zwei Journalisten von der linken</a> Tageszeitung<i> BirG\u00fcn</i> und der liberalen Onlineplattform<i> Diken</i> wurden in Gewahrsam genommen, dar\u00fcber hinaus einige Journalist*innen, die f\u00fcr pro-kurdische Agenturen arbeiten.</p><p>Der Faschismus ist ein Monster, das sich von Gemetzel und Krieg n\u00e4hrt und jede Opposition, egal ob rechts oder links, ja, sogar seine eigenen Elemente zu verschlingen versucht. Genau deswegen muss ihm mit Widerstand an allen Fronten entgegnet werden und nicht mit Appeasement. Die Systemopposition, vor allem die CHP, nutzte ihre gewonnene Initiative nach den Lokalwahlen nicht. Sie versuchte, das Monster mit einem Kompromiss nach dem anderen zu \u201ez\u00e4hmen\u201c. Dabei ist auch die CHP vom wiedererstarkenden Faschismus akut bedroht: Der Chef der faschistischen MHP und Hauptverb\u00fcndete Erdo\u011fans, Devlet Bah\u00e7eli, <a href=\"https://ipa.news/2019/10/05/erdogan-ally-suggests-lifting-main-opposition-leaders-parliamentary-immunity/\">machte unl\u00e4ngst klar,</a> dass aufgrund der angeblichen Ann\u00e4herung zwischen CHP und HDP \u201eder Weg frei [sei] f\u00fcr die Aufhebung der Immunit\u00e4t K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flus [Chef der CHP, Anm. d. Autoren]\u201c, sprich f\u00fcr seine Inhaftierung. Glaubt die CHP-F\u00fchrung wirklich, dass sie vom Monster des Faschismus verschont wird, wenn sie jetzt nur brav dem Krieg zustimmt?</p><h2><b>Kein Welthegemon mehr \u2013 oder: Wem geh\u00f6rt die Welt?</b></h2><p>Zur\u00fcck zur USA und ihrer Entscheidung, der T\u00fcrkei gr\u00fcnes Licht f\u00fcr die Milit\u00e4rinvasion zu geben. Es steht fest, dass die Entscheidung, so widerspr\u00fcchlich sie auch sein mag, nicht nur auf die Verr\u00fccktheit von Trump zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Tats\u00e4chlich ist der US-Imperialismus selbst in Widerspr\u00fcche verstrickt: Ein Teil des herrschenden Machtblocks, n\u00e4mlich der \u201einternationalistisch-interventionistische\u201c, hegt den Wunsch, eine globale Weltordnung aufrechtzuerhalten, in der die USA die Staaten und Institutionen der westlichen kapitalistischen Hemisph\u00e4re anf\u00fchrt. Ein zweiter Block scheint davon \u00fcberzeugt zu sein, dass Unilateralismus und Autarkie die bestm\u00f6glichen Ans\u00e4tze sind, um Weltmacht und Profite zu gew\u00e4hrleisten. W\u00e4hrend die eine Tendenz innerhalb der US-Eliten versucht, so viele Akteure wie m\u00f6glich davon zu \u00fcberzeugen, mit den USA zusammenzuarbeiten, um sie auf diese Weise an sich zu binden \u2013 darunter auch die Kurden in Syrien als vermeintliches Ass gegen Assad und den Iran und eventuell sogar die T\u00fcrkei \u2013, versucht die andere Tendenz wiederum, das internationale Engagement der USA so weit wie m\u00f6glich zu reduzieren und Verantwortung und sicherheitspolitische Funktionen auf andere Staaten zu \u00fcbertragen \u2013 in diesem Fall den alteingesessenen NATO-Partner T\u00fcrkei. Tats\u00e4chlich ist diese mittlerweile sch\u00e4rfer hervortretende Widerspr\u00fcchlichkeit innerhalb der Staatsapparate der USA selbst ein Produkt der Erosion der weltweiten Hegemonie der USA, die selbst wiederum mit der Krise des imperialistischen Weltsystems im Zusammenhang steht. Seit dem Ende der Sowjetunion emanzipieren sich die ehemaligen Alliierten der USA und stellen eigene Geltungsanspr\u00fcche, wobei die Weltwirtschaftskrise ab 2007 und ihre Folgen die zentrifugalen Kr\u00e4fte gest\u00e4rkt haben.</p><p>Unabh\u00e4ngig davon, was diese Widerspr\u00fcche f\u00fcr den US-Imperialismus bedeuten: Derzeit scheint Russland am meisten von den Entwicklungen in Syrien zu profitieren. Am Sonntag <a href=\"https://foreignpolicy.com/2019/10/13/kurds-assad-syria-russia-putin-turkey-genocide/\">k\u00fcndigte die SDF an</a>, dass sie sich auf eine Zusammenarbeit mit Assad (und Russland) geeinigt habe, um den \u201egenozidalen\u201c Vormarsch der T\u00fcrkei und ihren jihadistischen Verb\u00fcndeten zu verhindern.</p><p>Aus russischer Sicht stellt sich die Lage einerseits so dar, dass die kurdischen Kr\u00e4fte in Syrien vollkommen von den Vereinigten Staaten abgeschnitten zu sein scheinen, da sie die USA des Verrats bezichtigen. Andererseits st\u00e4rkt Trumps Entscheidung, sich aus Syrien zur\u00fcckzuziehen, die Position Russlands als wichtigem imperialistischen Akteur in der Region. Hinzu kommt, dass die Beziehungen zwischen der T\u00fcrkei und den USA vor dem Hintergrund st\u00e4rker werdender politischer Reaktionen seitens der \u201einternationalistisch-interventionistischen\u201c Tendenz innerhalb der US-Eliten auf die Invasion und einiger <a href=\"https://www.nytimes.com/aponline/2019/10/14/us/politics/ap-us-united-states-syria-the-latest.html?searchResultPosition=2\">Sanktionen politischer und \u00f6konomischer Art</a> weiter untergraben werden.</p><p>Es versteht sich von selbst, dass das Zustandekommen und Vergehen der Allianzen zwischen diesen souver\u00e4nen M\u00e4chten mit (sub-)imperialistischen Interessen auf dem Hintergrund einer sich in einer \u00dcbergangsperiode befindenden imperialistischen Weltordnung einem Puzzle gleichen. Daher k\u00f6nnen sich die Gleichgewichte jederzeit \u2013 den Umst\u00e4nden entsprechend \u2013 \u00e4ndern. In einer Zeit aber, in der Unsicherheit herrscht und sich Gleichgewichte und Allianzen in k\u00fcrzester Zeit verschieben, ist keine einzelne Macht in der Lage, den gesamten Prozess zu begreifen und zu kontrollieren. Einige Entscheidungen sind dabei schlichtweg Fehler, w\u00e4hrend die Logiken, die am Werk sind, nicht mehr jene der \u201enormalen\u201c altbekannten Zeiten sind.</p><h2><b>Gegen den Faschismus sein hei</b>\u00df<b>t, gegen den Krieg zu sein</b></h2><p>W\u00e4hrend wir diesen Artikel fertigstellen, schreiten die Streitkr\u00e4fte Syriens in Richtung Norden vor und n\u00e4hern sich der t\u00fcrkischen Grenze. Erste Gefechte zwischen den geeinten t\u00fcrkisch-jihadistischen und den geeinten kurdisch-syrischen Kr\u00e4ften eruptieren an der Front zu Manbidsch. Bisher ist die syrische Armee aber noch kaum zu den zentralen Gefechtspunkten Gire Sp\u00ee/Tal Abyad und Ser\u00ea Kaniy\u00ea/Ras al-Ayn vorger\u00fcckt (Stand: 16.Oktober 2019). Dabei ist es durchaus m\u00f6glich, dass sich die syrische Armee zu erst auf die Sicherung der weniger umk\u00e4mpften Zonen konzentriert und die SDF alleine l\u00e4sst mit der t\u00fcrkischen Offensive zwischen Gire Sp\u00ee/Tal Abyad und Ser\u00ea Kaniy\u00ea/Ras al-Ayn. Dieses Vorgehen l\u00e4sst sich aus einer \u00dcbersetzung der mutma\u00dflichen <a href=\"https://twitter.com/jenanmoussa/status/1184196900934815744?s=12&amp;fbclid=IwAR1yf8QZjhIHUhwqls_BtTif132hOtnM27TrUHqEza0ayInBWIZktKJmhPs\">Vereinbarung</a> zwischen SDF und SAA schlie\u00dfen. Ebenfalls ist unklar, ob und inwieweit sich Assad und die SDF auf politischer Ebene auf eine gemeinsame Verfassung werden verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen \u2013 oder zumindest auf eine solche hinarbeiten werden.</p><p>Es ist nicht nur die Zukunft Nordsyriens, die dabei im Unklaren bleibt. Die Welt k\u00f6nnte durchaus Zeugin eines aus seinen Aschen emporsteigenden IS werden. Und was viele Linke weltweit als \u201eRevolution von Rojava\u201c mit Euphorie begr\u00fc\u00dften, k\u00f6nnte in den Tr\u00fcmmerfeldern des Krieges begraben werden.</p><p>Der Krieg in Nordostsyrien wirkt sich aber auch ma\u00dfgeblich auf die T\u00fcrkei aus, was vielerorts nicht ernst genug genommen zu werden scheint: Falls die milit\u00e4rische Invasion gelingen sollte, werden Erdo\u011fan und seine faschistischen Verb\u00fcndeten ihre Macht enorm steigern k\u00f6nnen. Der gesamte politische Boden, der in den letzten Monaten und Jahren im Kampf gegen das Regime gewonnen wurde, k\u00f6nnte somit verloren gehen. All die kleinen und vereinzelten Siege und die allgemeine Erleichterung, dass der Nimbus der Unbesiegbarkeit des Regimes angekratzt wurde, w\u00fcrden in der Dunkelheit versinken und in Vergessenheit geraten. Es ist deshalb von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung, sich gegen die derzeitige milit\u00e4rische Invasion der T\u00fcrkei in Nordostsyrien zu stellen \u2013 denn nur so kann verhindert werden, dass der Faschismus in der T\u00fcrkei selbst an Boden gewinnt.</p><p></p><hr/><p></p><p><b>Anmerkungen:</b></p><p><b>[1]</b> Die Invasion hei\u00dft in menschenverachtendem Zynismus <i>Operasyon Bar\u0131\u015f P\u0131nar\u0131</i>, Operation Friedensquelle.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr: Die Kr\u00e4fte des Faschismus sind innenpolitisch bedr\u00e4ngt und in einer tiefen Krise. 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Juni 2019 endete mit einem Erdrutschsieg f\u00fcr den Kandidaten der Opposition, Ekrem Imamo\u011flu von der Republikanischen Volkspartei (CHP). Laut <a href=\"http://www.hurriyet.com.tr/secim/23-haziran-2019-yerel-secimleri/istanbul-secim-sonuclari/\">vorl\u00e4ufigen Ergebnissen</a> wuchs der urspr\u00fcngliche Abstand zwischen Imamo\u011flu und dem Regimekandidaten Binali Y\u0131ld\u0131r\u0131m von 13.000 Stimmenunterschied bei der ersten Wahl vom 31. M\u00e4rz auf erstaunliche 806.426 Stimmen an. W\u00e4hrend am 31. M\u00e4rz die Ausz\u00e4hlung der Stimmen f\u00fcr Imamo\u011flu 48,8 Prozent gegen\u00fcber 48,55 Prozent f\u00fcr Y\u0131ld\u0131r\u0131m ergab, ist der Unterschied nun auf 54,21 Prozent der Stimmen gegen\u00fcber 44,99 Prozent der Stimmen angewachsen. Das Ergebnis stellt somit eine vernichtende Niederlage f\u00fcr das Regimelager dar. Das letzte Mal, als ein solch extremes Umschlagen des Wahlverhaltens und \u00fcberhaupt der Stimmung im Lande stattfand, war bei den Parlamentswahlen vom 7. Juni 2015, bei denen die AKP erstmalig seit ihrem Bestehen eine empfindliche Niederlage einstecken musste. Dabei wurden die Neuwahlen f\u00fcr Istanbul gerade deshalb einger\u00e4umt, um, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-secim-yenilenirse-istanbul-u-aliriz,819245\">so Erdo\u011fan</a>, eine Wiederholung eines Ereignisses \u00e4hnlich des damaligen Wahldesasters auszuschlie\u00dfen. Was ist diesmal schiefgelaufen aus Perspektive des Regimes?</p><h2><b>Das politische Kalk\u00fcl der Neuwahlen</b></h2><p>Wie wir stets <a href=\"https://www.jacobinmag.com/2018/01/turkey-erdogan-akp-chp-kurds\">hervorheben</a>, befindet sich die T\u00fcrkei in einer Hegemoniekrise, in der der herrschende Block einen Faschisierungsprozess in Gang setzt, um die kriselnde soziale und politische Ordnung wieder zu stabilisieren. Dabei schaffen sie es aber nicht, gesellschaftlichen Unmut und Opposition auszutrocknen, im Gegenteil: mit jedem neuen Faschisierungsschub versch\u00e4rfen sich diese. Bei solch fragilen Bedingungen k\u00f6nnen Wahlen zu einem gro\u00dfen Risiko f\u00fcr den Machtblock werden \u2013 und zwar nicht nur in Hisicht auf ver\u00e4ndertes Wahlverhalten, sondern im Sinne eines Umschwungs der allgemeinen Stimmung. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-erken-secim-istedi-tarih-onerdi,607245\">Tats\u00e4chlich</a> wurde vom Regime ja auch die M\u00f6glichkeit \u201eunerw\u00fcnschter\u201c Ergebnisse bei den Lokalwahlen im M\u00e4rz 2019 als einer der Grund daf\u00fcr angegeben, die eigentlich im November 2019 stattfindenden Pr\u00e4sidentschafts- und Parlamentswahlen auf den Juni 2018 vorzuziehen.</p><p>Dennoch waren die Lokalwahlen vom 31. M\u00e4rz von <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkischer-fr%C3%BChling/\">gro\u00dfer Bedeutung</a>, da sie zugleich als eine Wahl \u00fcber den politischen Kurs der Faschisierung oder, um es einmal im Regime-Jargon auszudrucken, als eine Wahl \u00fcber die \u201eFortexistenz des Staates\u201c begriffen wurden. Trotz weitfl\u00e4chiger Repression und Drohgeb\u00e4rden signalisierten die <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkischer-fr%C3%BChling/\">Ergebnisse</a> der Wahlen vom 31. M\u00e4rz einen Stimmungsumschwung: Die herrschende Allianz aus der Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) und Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) unter dem Namen<i> Cumhur Ittifak\u0131</i> (Volksallianz) verlor alle Gro\u00dfst\u00e4dte an den Hauptoppositionsblock<i> Millet Ittifak\u0131</i> (Allianz der Nation), bestehend aus CHP und der MHP-Abspaltung Gute Partei (IYI) \u2013 inklusive der umk\u00e4mpften Hauptstadt Ankara und dem Zentrum Istanbul. Wie <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/bekir-agirdir/iktidar-bloku-secmeni-rahatsiz-ve-partilerini-sorgulamaya-basladi,22193\">W\u00e4hler*innenanalysen</a> <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/bekir-agirdir/moral-ustunluk-ilk-kez-muhalif-bloka-gecti,22185\">aufzeigen konnten</a>, waren es dabei vor allem AKP-W\u00e4hler*innen, die zu Hause blieben, sowie <a href=\"https://t24.com.tr/video/secimin-merak-edilen-kurt-oylari-kutlama-icin-beyoglu-ndaydi-dusersem-bu-kavgada-dosta-anlatin-beni,20044\">kurdische W\u00e4hler*innen</a> der explizit von der Allianz der Nation ausgeschlossenen linken, pro-kurdischen Demokratischen Partei der V\u00f6lker (HDP), die f\u00fcr Imamo\u011flu w\u00e4hlten, die das Wahlergebnis entschieden.</p><p>Noch in der Wahlnacht lie\u00df Erdo\u011fan in <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-aciklama-yapiyor,814850\">mehreren</a> <a href=\"https://www.cnnturk.com/video/turkiye/son-dakika-cumhurbaskani-erdogan-balkon\">Reden</a> durchklingen, dass er das Ergebnis eventuell anerkennen w\u00fcrde. Er verwies darauf, dass die gew\u00e4hlten B\u00fcrgermeister*innen der Opposition sowieso nicht einfach so regieren k\u00f6nnten, da die Volksallianz die Mehrheit in den jeweiligen Munizipalr\u00e4ten hielte. Jene B\u00fcrgermeister*innen seien deshalb \u201e<a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2019/gundem/erdogandan-istanbul-yorumu-bunlar-topal-ordek-4286421/\">lahme Enten</a>\u201c. <a href=\"http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/1328893/Pelikancilar_neden_saldiriyor.html\">Andere Fraktionen</a> <a href=\"https://www.fr.de/politik/tuerkei-mysterioesen-pelikanisten-spur-12191107.html\">innerhalb</a> des Regimes lehnten jedoch die Wahlergebnisse in Istanbul vehement ab und sprachen von weitfl\u00e4chigem Betrug und dergleichen. Sie erkannten die Gefahren, die auch schon allein mit \u201elahmen Enten\u201c einhergehen w\u00fcrden: Die Opposition h\u00e4tte dann die M\u00f6glichkeit, <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2019/yazarlar/cigdem-toker/tam-israf-ve-yolsuzlugu-anlatacakti-ki-4884551/\">teils jahrzehntelange</a> Netzwerke der Korruption, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/moody-s-ve-fitch-raporlarinda-istanbul-buyuksehir-belediyesi-nin-agir-borc-yuku,22182\">Misswirtschaft</a> und <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/05/turkey-saadet-party-elections.html\">Vetternwirtschaft</a> und die <a href=\"http://www.cumhuriyet.com.tr/haber/turkiye/1452586/25_yilda_yasanamaz_hale_getirdiler__istanbul_butun_kriterlerde_son_siralarda.html\">stadtplanerischen Desaster</a> Erdo\u011fans beziehungsweise der AKP aufzudecken; sowie die M\u00f6glichkeit, den riesigen Apparat der Gro\u00dfstadtverwaltung zu nutzen, um b\u00fcrgernahe Politik zu machen und sich damit mittelfristig als eine Alternative zu pr\u00e4sentieren. Diesen Stimmen war bewusst, dass all dies vor allem sehr schnell zu einem allgemeinen Stimmungsumschwung von deprimierter Angst hin zu k\u00e4mpferischem Optimismus f\u00fchren k\u00f6nnte.</p><p>Die AKP reichte zuerst Antr\u00e4ge zu einer Neuausz\u00e4hlung von nur einem Teil der Wahlurnen und sp\u00e4ter aller Wahlurnen in Istanbul ein. Als all dies das Ergebnis nicht wesentlich \u00e4nderte, reichte sie einen au\u00dferordentlichen Antrag zu Annullierung und damit der Anberaumung von Neuwahlen f\u00fcr Istanbul ein. Dennoch brauchte es mehr als einen ganzen Monat, bis die Entscheidung dar\u00fcber mit <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ysk-gerekceli-kararini-acikladi-sayim-dokum-cetvelleri-muzakerede-konu-edilmedi-gerekceye-konuldu,822592\">Beschluss</a> der H\u00f6chsten Wahlbeh\u00f6rde (YSK) vom <a href=\"https://revoltmag.org/articles/erdo%C4%9Fans-ziviler-putschversuch/\">6. Mai</a> Realit\u00e4t wurde. In der Zwischenzeit war Imamo\u011flu schon f\u00fcr 18 Tage als amtierender B\u00fcrgermeister t\u00e4tig gewesen. Dass das Regime nicht einmal mehr \u201elahme Enten\u201c tolerieren kann, zugleich aber mehr als einen ganzen Monat braucht, um eine Wahl zu annullieren, zeigt auf, wie inflexibel einerseits, wie unsicher andererseits ihre Macht geworden ist.</p><h2><b>Das Interregnum</b></h2><p>Als Erdo\u011fan noch wenige Tage vor der Entscheidung der YSK, die Wahlen tats\u00e4chlich im Sinne von Erdo\u011fan zu annullieren, f\u00fcr eine Neuwahl argumentierte, klang er noch recht <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-secim-yenilenirse-istanbul-u-aliriz,819245\">optimistisch</a>: Er verwies ganz explizit auf den 7. Juni 2015 und sagte, dass sie ja auch damals den Gang der Ereignisse umdrehen konnten. Weil die Periode nach jenem 7. Juni eine Serie an IS-Bombenattentaten, massiven Repressionen, einen r\u00fccksichtslosen Krieg in mehrheitlich kurdischen St\u00e4dten und letztlich tausenden Toten mit sich brachte, gingen Kommentator*innen wie wir davon aus, dass auch diesmal die Gewaltspirale eskalieren w\u00fcrde. Allerdings blieb es relativ ruhig \u2013 bis auf den Versuch eines organisierten Mobs am 22. April, den CHP-Vorsitzenden Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu zu <a href=\"https://bianet.org/english/politics/207710-attack-against-chp-chair-kemal-kilicdaroglu-at-the-funeral-of-a-soldier\">lynchen</a>. Bis auf eine vergleichsweise begrenzte und noch fortdauernde Milit\u00e4roperation in die Kandilberge im Irak kam auch die Kriegsoption nicht auf den Tisch: Obwohl das Regime seit geraumer Zeit sehr klar artikuliert, dass es auch in die restlichen Teile Nordsyriens/Rojavas einmarschieren will, die sich in der Kontrolle der PYD und der SDF befinden, kam kein gr\u00fcnes Licht f\u00fcr eine solche Invasion seitens Russlands und vor allem seitens der USA. Zu einem Alleingang traute sich die T\u00fcrkei bisher nicht.</p><p>Es ist plausibel anzunehmen, dass eine Gewalt- und Repressionsspirale \u00e4hnlich der nach dem 7. Juni 2015 schlicht deshalb nicht einsetzte, weil das Regime nicht mehr die Macht dazu hatte und die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse heute andere sind. Die multiplen Krisen haben sich seitdem versch\u00e4rft: Die Beziehungen mit den USA sind stark angeschlagen, die \u00f6konomische Krise in ihren allt\u00e4glichen Auswirkungen ist viel gravierender geworden und der Unmut auch innerhalb der AKP- und MHP-Basis ist zwischenzeitlich so weit verbreitet, dass die Entscheidung zur Wahlannullierung weitestgehend als illegitim aufgefasst wurde und \u00f6ffentliche Umfragen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mak-danismanlik-istanbullulara-sordu-secim-iptal-edilir-mi,817760\">ergaben</a>, dass viele Volksallianz-W\u00e4hler*innen am 23. Juni anders w\u00e4hlen w\u00fcrden. Dazu kamen <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/04/turkey-opposition-wins-municipal-elections.html\">Ger\u00fcchte</a>, wonach die unterschiedlichen Fraktionen innerhalb der AKP wegen des <a href=\"http://www.cumhuriyet.com.tr/haber/siyaset/1337780/AKP_de_ic_tartisma__Her_tekrar_1_Kasim_olmaz.html\">Umgangs mit den Wahlresultaten</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2019/04/07/istanbul-secimine-dair-son-duyumlar-ve-turkiyenin-onundeki-8-sicak-gun/\">einander</a> <a href=\"http://www.cumhuriyet.com.tr/haber/siyaset/1354117/istanbul_da_secimlerin_yenilenmesi_icin_YSK_ye_basvuran_AKP_de_gorus_birligi_olusmuyor.html\">an die Haare</a> gingen \u2013 wobei dieser Konflikt manchmal sogar <a href=\"https://t24.com.tr/haber/abdulkadir-selvi-31-mart-ta-cumhur-ittifaki-nin-yuzde-52-si-de-sandik-darbesi-mi,815863\">\u00f6ffentlich wahrnehmbar</a> \u00fcber die Medien ausgetragen wurde. Unter solchen Bedingungen schaffte es das Regime nicht, die Initiative zu \u00fcbernehmen und nach vorne zu preschen wie in \u00e4hnlichen Situationen der letzten Jahre. Erdo\u011fan hielt sich \u00fcberraschenderweise <a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/opinion/serkan-demirtas/akp-changes-strategy-for-istanbul-rerun-polls-144109\">gleich ganz zur\u00fcck</a> aus dem Wahlkampf, angeblich, weil ihm seine Berater*innen zu verstehen gaben, sein aggressives und polarisierendes Auftreten habe negative Auswirkungen gehabt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wollte er sich und seine Partei dadurch auch von Y\u0131ld\u0131r\u0131ms Anw\u00e4rterschaft auf das B\u00fcrgermeisteramt distanzieren, um so der Wahlwiederholung einerseits einen Anstrich der \u201eNormalit\u00e4t\u201c zu geben und andererseits sich und seine Partei vor Schaden zu sch\u00fctzen f\u00fcr den Fall, dass Y\u0131ld\u0131r\u0131m nicht gewinnen w\u00fcrde.</p><p>Die AKP schaffte es somit nicht, die Wahlkampagne so zu f\u00fchren, wie sie es aus den Jahren zuvor gewohnt war. Sie konnte die Initiative nicht ergreifen und machte einen schwachen und verwirrten Eindruck. Die Opposition nutzte die Situation aus und konnte das Narrativ glaubw\u00fcrdig vertreten, dass ihr das B\u00fcrgermeisteramt illegitimerweise genommen wurde. Die letzten Versuche der AKP, den Trend umzukehren \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mak-ve-optimar-istanbul-la-ilgili-son-durumu-paylasti,821108\">alle Wahlforschungsinstitute</a> kamen zum Ergebnis, dass Y\u0131ld\u0131r\u0131m verlieren w\u00fcrde \u2013 waren verzweifelt und halbgar: Zum einen wurde seitens der AKP zum ersten Mal nach 17 Jahren an der Macht ein TV-Duell zwischen dem eigenen Kandidaten und dem Oppositionskandidaten zugelassen. W\u00e4hrend das Duell dazu dienen sollte, den \u201eNormalit\u00e4ts\u201c-Anstrich zu st\u00e4rken und in Teilen die AKP als \u201eOpfer\u201c b\u00f6ser Machenschaften darzustellen, ging diese Rechnung nicht auf. Wenige Tage vor den Wahlen kehrte Erdo\u011fan zudem <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sonar-genel-muduru-nden-anket-aciklamasi-akp-nin-calistigi-4-5-anket-sirketinden-aldigim-bilgilere-gore,826955\">doch wieder zur\u00fcck</a> auf die B\u00fchne, in gewohnter extrem aggressiver Manier gegen\u00fcber der Opposition. In letzter Minute wurde dann noch der verzweifelte Versuch gemacht, die \u201e<a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/opinion/serkan-demirtas/will-a-last-minute-kurdish-move-help-erdogan-in-istanbul-polls-144381\">kurdische Karte</a>\u201c auszuspielen: Eine leicht mehrdeutige Botschaft des inhaftierten kurdischen F\u00fchrers Abdullah \u00d6calan an die HDP, in der er dieser empfahl, sich auf den Aufbau eines eigenst\u00e4ndigen demokratischen Poles zu konzentrieren und \u201e<a href=\"http://sendika63.org/2019/06/ocalandan-aciklama-hdp-kendi-yolunu-korumali-551967/\">unparteiisch</a>\u201c zu bleiben, wurde von der regimetreuen Presse als Aufruf \u00d6calans an die Kurd*innen lanciert, Imamo\u011flu nicht zu w\u00e4hlen. Erdo\u011fan und Bah\u00e7eli meinten sogar, <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/live/haberler-dunya-48706421\">einen</a> \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-ocalan-ve-demirtas-arasinda-iktidar-savasi-var,826988\">Machtkampf</a>\u201c zwischen \u00d6calan und dem Rest der kurdischen Bewegung ausmachen zu k\u00f6nnen. Als klar wurde, dass sich \u00d6calans Botschaft haupts\u00e4chlich auf strategische Perspektiven konzentrierte und er explizit deutlich machte, dass die HDP selber entscheiden m\u00fcsse, welche Haltung sie zu den Wahlen einnimmt, gerieten die Regimekr\u00e4fte in Panik. Alle diese letzten Aktionen nutzten im Endeffekt nichts.</p><h2><b>Der Wind dreht sich</b></h2><p>Der frische Wind des Wandels, der sich in den Ergebnissen vom 31. M\u00e4rz ausdr\u00fcckte, braute sich am 23. Juni zu einem gewaltigen Sturm zusammen, der das Regime kr\u00e4ftig durchsch\u00fcttelte. Es bedarf noch detaillierterer und ausf\u00fchrlicherer Untersuchungen zum W\u00e4hler*innenverhalten und zur W\u00e4hler*innenstromanalyse, aber einige Aspekte k\u00f6nnen jetzt schon hervorgehoben werden: Imamo\u011flu erh\u00f6hte seinen Stimmenanteil in de facto <a href=\"https://t24.com.tr/haber/secim-sonuclari-imamoglu-ibb-baskani-secildi-erdogan-in-kaybi-turkiye-siyasetinin-yol-haritasini-nasil-etkileyecek,827420\">allen Bezirken</a> um zwischen drei und zehn Prozent. Das zeigt, dass die Abwendung von der AKP mehr oder weniger alle W\u00e4hler*innenschichten umfasst, da auch die Wahlbeteiligung nur geringf\u00fcgig gestiegen war. Imamo\u011flu gewann letztlich 28 der 39 Bezirke in Istanbul, Y\u0131ld\u0131r\u0131m nur 11. Am 31. M\u00e4rz war Y\u0131ld\u0131r\u0131m noch in 23 Bezirken vorne gelegen und Imamo\u011flu nur in 16! Der Anstieg der Stimmen in CHP-Hochburgen wie Be\u015fikta\u015f, Kad\u0131k\u00f6y oder \u015ei\u015fli liegt sicherlich an der h\u00f6heren Wahlbeteiligung in diesen Bezirken, was darauf schlie\u00dfen l\u00e4sst, dass desillusionierte W\u00e4hler*innen mobilisiert werden konnten; der Anstieg in konservativ-religi\u00f6sen Bezirken wie Fatih, \u00dcsk\u00fcdar oder Ey\u00fcpsultan deutet jedoch auf eine massive Abwendung der Basis von der AKP hin. Eine <a href=\"https://twitter.com/ismailsaymaz/status/1143106024406208512\">Mikroanalyse</a> einer Hand voll Wahllokale in einigen Vierteln von Fatih, in denen islamische Gemeinschaften dominieren, die der AKP treu verbunden sind, zeigt, dass Imamo\u011flu selbst dort Stimmen zulegen konnte. Andererseits zeigt der Stimmenzuwachs in Bezirken mit einem <a href=\"https://twitter.com/HayriDemir_/status/1142882271956996097\">gro\u00dfen kurdischen Bev\u00f6lkerungsanteil</a>, dass die Kurd*innen bei dieser Wahl vielleicht sogar noch resoluter f\u00fcr Imamo\u011flu gestimmt haben.</p><h2><b>Das \u201eEpos der Demokratie\u201c</b></h2><p>Anders als die meisten Wahlen in den letzten Jahren war die Wahlwiederholung in Istanbul rasch zu Ende \u2013 und zwar ohne wesentliche Zwischenf\u00e4lle. W\u00e4hrend an vielen Orten noch Stimmen gez\u00e4hlt wurden, trat Binali Y\u0131ld\u0131r\u0131m mit der Aufhebung des Verbots, \u00fcber die Wahlergebnisse zu berichten, vor die Mikrofone und erkl\u00e4rte knapp und k\u00fchl, Imamo\u011flu habe die Wahl gewonnen und er gratuliere diesem daf\u00fcr. Bah\u00e7eli und Erdo\u011fan taten es ihm bald darauf mit kurzen Twitter- Statements gleich. Diese ersten kurzen Statements m\u00f6gen noch nicht den wirklichen Zugang Erdo\u011fans zu dieser Niederlage reflektieren und es ist durchaus m\u00f6glich, dass er bald noch andere T\u00f6ne anschlagen wird. Er <a href=\"http://www.hurriyet.com.tr/gundem/cumhurbaskani-erdogan-ordu-valisine-hakareti-konusunda-yarginin-verecegi-karar-imamoglunun-onunu-kesebilir-41249321\">insinuierte unl\u00e4ngst</a>, dass Imamo\u011flu die B\u00fcrgermeisterschaft wieder aberkannt werden k\u00f6nnte, da dieser angeblich den Gouverneur der Schwarzmeerprovinz Ordu beleidigt habe. Vermutlich aber wird er wieder auf die Linie nach dem 31. M\u00e4rz einschwenken und die Oppositionsb\u00fcrgermeister als \u201elahme Enten\u201c abkanzeln: Schon in den letzten Tagen vor der Wahl sprach er wieder davon, dass die Wahl blo\u00df \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-anketlerde-manipulasyon-var-siparis-uzerine-yapiliyor,826921\">symbolisch</a>\u201c sei und Imamo\u011flu als B\u00fcrgermeister blo\u00dfer \u201e<a href=\"http://sendika63.org/2019/06/erdogan-bir-tarafta-teror-orgutleri-zihniyetinin-destek-verdigi-cumhur-ittifaki-551891/\">Vitrinenschmuck</a>\u201c w\u00e4re. <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2019/04/02/imamoglu-ve-yavas-erdoganin-ablukasina-nasil-direnecek/\">H\u00f6chstwahrscheinlich</a> wird Erdo\u011fan versuchen, die Spielr\u00e4ume der oppositionellen B\u00fcrgermeister durch die vom Regime dominierten Stadtr\u00e4te einzuschr\u00e4nken und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/belediyelerde-belli-tutarin-uzerindeki-ihalelere-erdogan-onayi-getiren-degisiklik-hazirlaniyor,815188\">eventuell</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/akp-kulisi-belediyelerin-bazi-yetkileri-bakanliklara-verilebilir-borclanmalara-sinir-getirilebilir,819236\">Gesetze</a> zu entwerfen, die sowohl diese R\u00e4te wie auch seine Pr\u00e4sidentschaft in Hinblick auf die Verwaltung von St\u00e4dten st\u00e4rken werden. Allerdings ist die Ausgangslage eine ganz andere als noch nach dem 31. M\u00e4rz. Nach dem Wahldebakel ist Erdo\u011fans Stellung geschw\u00e4cht, er hat signifikant an Charisma eingeb\u00fc\u00dft und seine Gegner*innen und vermeintlichen Verb\u00fcndeten sind in Lauerstellung, um sich noch mehr Macht zu holen. Das Auseinanderbr\u00f6ckeln der AKP d\u00fcrfte sich jetzt ebenfalls <a href=\"https://t24.com.tr/haber/davutoglu-cumhurbaskanligi-toplumun-yarisi-ile-kopus-yasiyor,817845\">rasch beschleunigen</a> \u2013 die Gr\u00fcndung einer oder sogar mehrer Parteien von AKP-Abtr\u00fcnnigen scheint bereits eine beschlossene Sache und nur mehr eine Frage der Zeit zu sein.</p><p>Dagegen gilt Imamo\u011flu als der gro\u00dfe Hoffnungstr\u00e4ger im Kampf gegen Erdo\u011fan. Seine vers\u00f6hnlerische, inklusive politische Rhetorik stellte sich bei den Lokalwahlen als Erfolgsfaktor heraus. In seiner Siegesrede wandte er sich auch betont an Erdo\u011fan und erkl\u00e4rte seine Bereitschaft, enge Verbindungen und Zusammenarbeit zwischen lokalen und zentralen Verwaltungsinstitutionen zu schaffen, um L\u00f6sungen f\u00fcr die dr\u00e4ngenden Probleme Istanbuls und des Landes zu finden. Er <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ekrem-imamoglu-konusuyor,827330\">drohte aber auch</a>, dass er sich an die Bev\u00f6lkerung wenden w\u00fcrde, wenn er mit \u201epolitischen Initiativen zur Beschr\u00e4nkung\u201c seiner B\u00fcrgermeisterschaft konfrontiert w\u00e4re. Alle Parteien au\u00dfer der HDP, dar\u00fcber hinaus auch die meisten Mainstream-Journalist*innen fabulierten noch am Wahlabend vom \u201eEpos der Demokratie\u201c und der \u201elangen Tradition der t\u00fcrkischen Demokratie\u201c, die wieder der ganzen Welt gezeigt habe, dass die T\u00fcrkei demokratisch sei.</p><p>Es steckt eine tiefere politische Bedeutung hinter diesem offensichtlichen Versuch, die momentane politische Situation von Hegemoniekrise, Faschisierungsprozess und massenhafter Unzufriedenheit zu \u201enormalisieren\u201c. Wir haben schon mehrfach betont, dass die Hauptoppositionskr\u00e4fte, das hei\u00dft in erster Linie \u2013 aber nicht ausschlie\u00dflich \u2013 die Kr\u00e4fte, die in der Allianz der Nation verb\u00fcndet sind, die <a href=\"http://www.criticatac.ro/lefteast/communal-elections-tr2019/\"><i>Kr\u00e4fte der Restauration</i></a> sind. Angesichts der tiefen Krise repr\u00e4sentieren und organisieren sie diejenigen Kr\u00e4fte, die staatliche Institutionen und die neoliberale Hegemonie wieder stabilisieren und die Unzufriedenheit der breiten Bev\u00f6lkerung in \u201eakzeptable\u201c, das System nicht gef\u00e4hrdende Bahnen lenken wollen. Die Fundamente von Staat und Kapital sollen nicht gef\u00e4hrdet, eine Radikalisierung der Unzufriedenheit und des Widerstandes verhindert werden. In dem Ma\u00dfe jedoch, in dem das Regime angesichts der sich vertiefenden Krise immer unflexibler wird und die Kr\u00e4fte der Restauration ihre respektive Position angesichts der steigenden Unzufriedenheit verbessern k\u00f6nnen, im dem Ma\u00dfe werden sie geradezu dazu <i>gezwungen</i>, eine deutlichere und resolutere Haltung einzunehmen wie derzeit im Rahmen der Kommunalwahlen. W\u00e4hrend die Kr\u00e4fte der Restauration einerseits das oppositionelle Potential in der Gesellschaft zu mobilisieren versuchen, appellieren sie zugleich an das Regime, sie in den Machtblock zu integrieren. Das Gerede vom \u201eEpos der Demokratie\u201c, der \u201eInklusion aller\u201c und dem \u201eEnde der Polarisierung\u201c zielen darauf ab, den Konflikt der Bl\u00f6cke zu entsch\u00e4rfen und gleichzeitig die oppositionellen und widerst\u00e4ndigen Regungen in der Bev\u00f6lkerung zu integrieren und zu befrieden.</p><h2><b>Eine Bresche in der Belagerung?</b></h2><p>Das \u201eEpos der Demokratie\u201c besteht in erster Linie aus einem weiteren Zerfall des Regimes und dem Aufstieg der Kr\u00e4fte der Restauration. Dieses \u201eEpos\u201c l\u00e4sst jedoch in letzter Instanz die politische Einheit und Koh\u00e4renz vermissen, die notwendig w\u00e4re, um die folgenden drei strukturellen Probleme zu l\u00f6sen:</p><p>Erstens wird sich die <a href=\"https://www.academia.edu/39666120/The_Making_of_Turkeys_2018-2019_Economic_Crisis\">\u00f6konomische Krise</a> <a href=\"https://jacobinmag.com/2019/03/erdogan-akp-turkey-local-elections\">weiter vertiefen</a> und dabei weiterhin ernste soziale Probleme mit sich ziehen. Der Kampf um die Verteilung der Kosten der Krise zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Klassen wird ein Hauptterrain des politischen Kampfes darstellen. Kein Teil des \u201eEpos der Demokratie\u201c hat \u2013 jenseits der \u00fcblichen neoliberalen Plattit\u00fcden \u2013 einen klaren Plan, um sich diesem Problem zu stellen. Ein radikaleres, transformatives Programm steht sowieso au\u00dfer Diskussion. Die \u00f6konomische Krise wird der mangelhaften Rechtsstaatlichkeit und Transparenz, der Erosion der demokratischen Institutionen und dergleichen mehr zugeschrieben, womit der Fokus von den zugrundeliegenden Klassenverh\u00e4ltnissen auf Oberfl\u00e4chenph\u00e4nomene gelenkt wird. Auch innerhalb der HDP gibt es verschiedene Stimmen und einige davon haben sich in diese Reihen des Status quo eingereiht und sich vom radikaleren Programm aus 2015 verabschiedet.</p><p>Zweitens bildet das \u201ePr\u00e4sidialsystem\u201c den bisherigen Gipfelpunkt einer bestimmten Entwicklung: Alle Formen der Kontrolle von Machtaus\u00fcbung sind zunichte gemacht worden und grundlegende Freiheiten und Rechte werden massiv beschnitten. Eine politische Kultur des Autoritarismus schreitet voran und alle gesellschaftlichen Schichten sind von der offenen Repression in Beschlag genommen. Wenn es im Zuge dieser Wahlen einen \u201eEpos der Demokratie\u201c zu erz\u00e4hlen g\u00e4be, dann best\u00fcnde dieser aus dem Widerstand der demokratischen Kr\u00e4fte gegen das Regime und den Prozess der Faschisierung. Ein politischer Diskurs, der diese Realit\u00e4t verschleiert und das \u201ePr\u00e4sidialsystem\u201c und wof\u00fcr es steht kaum mehr erw\u00e4hnt \u2013 und das ist genau das, was dieses Gerede eigentlich beabsichtigt \u2013, entlarvt sein Desinteresse an einer genuinen Demokratisierung.</p><p>Drittens stellt die \u201ekurdische Frage\u201c die Achillesferse des \u201eEpos der Demokratie\u201c dar. Die taktische Allianz, die CHP, IYI und die HDP angesichts des relativ friedlichen Kontexts der Lokalwahlen zusammenbrachte, wird h\u00f6chstwahrscheinlich im Kontext einer milit\u00e4rischen Operation im In- oder Ausland erneut auseinanderfliegen. Im Zentrum der Politik in der T\u00fcrkei steht ein Paradox: In der momentanen Lage der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und Allianzen sind sowohl das Regime, wie auch die restaurative Opposition auf die politische Unterst\u00fctzung der Kurd*innen angewiesen, um zu gewinnen. Aber keines der beiden Lager hat Interesse an einem substantiellen Friedensprozess, der n\u00e4mlich ein Programm zur radikalen Transformation und Demokratisierung der Grundfesten der Republik T\u00fcrkei beinhalten m\u00fcsste.</p><p>Angesichts dieser Konstellation d\u00fcrfen Sozialist*innen und Revolution\u00e4r*innen nicht nur Gehilfen der restaurativen Opposition werden, ihre Funktion w\u00e4re dann einzig auf das Einsammeln linker Stimmen reduziert. W\u00e4hrend einige linksradikale Organisationen in <a href=\"https://www.sosyalistmeclisler.net/alternatif-toplum-mucadelesinde-israr-et-burjuva-fasist-partilere-yedeklenme/\">Abstraktion</a> zu wichtigen konkreten K\u00e4mpfen verbleiben und ihre bekannte Unf\u00e4higkeit, konkrete politische Konjunkturen zu verstehen, <a href=\"https://www.kozgazetesi.org/31-marttan-23-hazirana-eylem-ve-muharebe-naralariyla-gizlenen-siyasetsizlik/\">zum Ausdruck bringen</a>, gibt es andererseits innerhalb der Linken in der Tat eine Tendenz zum Parlamentarismus und zur Selbstaufl\u00f6sung in einer diffusen \u201edemokratischen Front\u201c. Eine Integration in eine solche \u201edemokratische Front\u201c \u2013 dominiert von den Kr\u00e4ften der Restauration und wofern ohne einen klaren eigenen Standpunkt hinsichtlich der Notwendigkeit unabh\u00e4ngiger Organisierung der popularen und revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte \u2013 ist dazu verdammt, in einer Niederlage der genuin popular-demokratischen Kr\u00e4fte zu enden.</p><p>Die Aufgabe der Linken ist es, die M\u00f6glichkeiten, die auf Grundlage der derzeitigen Situation entstehen, zu nutzen und sich auf den Aufbau unabh\u00e4ngiger popularer Organisationen und ihrer eigenen Alternativen zum Status Quo zu konzentrieren. Dabei sollte die Linke M\u00f6glichkeiten des Ausschlachtens von Widerspr\u00fcchen zwischen den Herrschenden nicht ignorieren und auch Wege f\u00fcr potentielle Allianzen mit den jeweiligen Basen der herrschenden Parteien und der Parteien der Restauration nicht in den Wind schlagen.</p><p>In seiner Geschichte hat Istanbul viele stolze Namen gef\u00fchrt. Der vielleicht sch\u00f6nste ist<i> der-i sa\u2019adet</i>, das Tor zur Gl\u00fcckseligkeit. Dieses Tor in eine Bresche in der faschistischen Belagerung des Landes zu verwandeln und gleichzeitig eine popular-revolution\u00e4re Alternative zum kapitalistischen Restaurationsprojekt zu schaffen, ist die historische Aufgabe der Revolution\u00e4r*innen. Die Bedingungen f\u00fcr einen Sprung nach vorne sind wieder einmal reif.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Wer die Videoaufnahmen des Vorfalls im Mai diesen Jahres gesehen hat, kann allerdings best\u00e4tigen, dass die unmittelbare Gewalt nicht von den Beschuldigten ausgegangen ist.</p><p>Abgesehen von der absoluten Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit der Eins\u00e4tze zum vorgeworfenen Tatbestand, lohnt es sich einen Blick darauf zu werfen, welches Bild der linken Szene nicht erst seit diesem Vorfall konstruiert wird und wie gleichzeitig eine schleichende Militarisierung der Polizei vonstatten geht und legitimiert werden soll.</p><p>Sehen wir uns also an, mit welchen Gr\u00fcnden Polizei und Politiker*innen die repressiven Ma\u00dfnahmen rechtfertigen. Wo in der Presse eine Einordnung der T\u00e4ter als \u201eLinksautonome\u201c (RBB, BZ), \u201eLinksextremisten\u201c (Berliner Zeitung) oder \u201eChaoten\u201c aus der \u201eber\u00fcchtigten Extremisten- Hochburg in der Rigaerstra\u00dfe 94\u201c (Berliner Kurier) geschieht, sprechen Polizei und Innensenator Geisel mittlerweile von \u201eKriminellen\u201c. Der Senator f\u00fcr Inneres und Sport in Berlin, Andreas Geisel (SPD), der die Rigaerstra\u00dfe schon fr\u00fcher als \u201eR\u00fcckzugsraum f\u00fcr Gewaltt\u00e4ter\u201c bezeichnete, l\u00e4sst verlauten: \u201eWir sind mit einem gewissen Polizeiaufgebot da, um von Anfang an klarzumachen, wer hier als Sieger vom Platz geht.\u201c Es gehe darum, \u201eRegeln durchzusetzen, die f\u00fcr alle gelten\u201c. Nach seinen Worten sei der Einsatz aber \u201enicht politisch motiviert\u201c gewesen.</p><p>Polizeisprecher Wenzel rechtfertigte den Einsatz des schwerbewaffneten SEK dagegen mit der besonderen Gefahrenlage vor allem in der Rigaer Stra\u00dfe. Die eingesetzten Polizisten h\u00e4tten gesch\u00fctzt werden m\u00fcssen. \u201eWir wissen, dass das martialisch erscheint\u201c, so Wenzel. Allerdings geh\u00f6rten zum Beispiel Sturmgewehre sp\u00e4testens nach dem Terrorangriff am Breitscheidtplatz zur Grundausr\u00fcstung der Spezialkr\u00e4fte. \u201eWenn das SEK da ist, dann mit der ganzen Ausr\u00fcstung.\u201c Der Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft GdP, Norbert Cioma, lobte die Polizei f\u00fcr einen \u201eprofessionellen Einsatz\u201c. \u201eEs sind nicht die Autonomen, die im Kiez das Handeln der Menschen bestimmen, sondern individuelles Denken und selbstst\u00e4ndige Entscheidungen bei Beachtung unserer demokratischen Grunds\u00e4tze.\u201c</p><h3>\u201e<b>Linksextrem\u201c, \u201ekriminell\u201c \u2013 was noch?</b></h3><p>Wie kommt es nun zu dieser sprachlichen Verschiebung von einem \u201elinksextremistischen\u201c zu einem \u201ekriminellen Milieu\u201c? Soll damit eine Entpolitisierung der Rigaerstra\u00dfe und eine Entsolidarisierung mit der linken Szene provoziert werden?</p><p>Die Frage ist dann auch, wie solch ein unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfiger Gro\u00dfeinsatz sonst bewertet werden soll, wenn nicht politisch \u2013 besonders in Anbetracht der Tatsache, dass es in Berlin t\u00e4glich zu \u00e4hnlichen Vorf\u00e4llen in Sp\u00e4tverk\u00e4ufen kommt, welche nicht solch eine Verfolgung und Diffamierung nach sich ziehen.</p><p>Es zeigt sich insgesamt, dass ein Unsicherheitsgef\u00fchl in Deutschland entstehen soll, um eine Aufr\u00fcstung und Ausweitung der Befugnisse der Polizei zu legitimieren. Dies geschieht laut der Zeitschrift <a href=\"https://www.cilip.de/2018/08/14/narrative-der-militarisierung-zum-verhaeltnis-von-wirtschaft-und-polizei-auf-dem-europaeischen-polizeikongress/\"><i>Cilip B\u00fcrgerrechte und Polizei</i></a> auf Grundlage dreier Ereignisse: \u201eerstens [...] der islamistische Terroranschlag auf einen j\u00fcdischen Supermarkt und die Diskothek Bataclan in Paris 2015, zweitens der LKW-Anschlag von Anis Amri auf den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz 2016 sowie drittens der G20-Gipfel in Hamburg 2017.\u201c Mithilfe der Konstruierung einer Gefahr durch Terrorismus und der Gleichstellung von linksradikaler Politik mit der von extremen Rechten, sollen Grenzen verwischt werden. Pl\u00f6tzlich stehen Terrorverd\u00e4chtige, Faschisten, Linksradikale, Demonstrant*innen und auch kurdische Demokrat*innen auf einer Stufe und die Bek\u00e4mpfung Aller rechtfertigt die gleichen Mittel.</p><p>So existiert beispielsweise seit Sommer 2015 die sogenannte \u201eBeweissicherungs- und Festnahmeeinheit plus\u201c kurz BFE+, die neben Sturmgewehren auch mit dem Panzerfahrzeug \u201eSurvivor\u201c des R\u00fcstungskonzerns Rheinmetall ausgestattet ist, welches bei sogenannten Gefahrenlagen wie Terrorismus, Fu\u00dfball und Demonstrationen (siehe G20) eingesetzt wird. Und wieder geschieht eine abstruse Gleichstellung dreier unvergleichlicher Szenarien. Die BFE+ sollen eigentlich Einheiten spezialisierter Polizeikr\u00e4fte der deutschen Bundespolizei f\u00fcr die Terrorismusbek\u00e4mpfung sein, allerdings kritisiert der Polizeiwissenschaftler und Soziologe an der Akademie der Polizei Hamburg, Rafael Behr: \u201eDurch die neue Einheit bekommt die Polizei insgesamt ein milit\u00e4rischeres Gesicht\u201c, und: \u201eIch vermute, sie werden verst\u00e4rkt auch bei der Bek\u00e4mpfung der organisierten Kriminalit\u00e4t eingesetzt, zum Beispiel bei Razzien. Das ist ein sogenannter Spill-over-Effekt: Wenn man die neue Einheit schon mal hat, nutzt man sie.\u201c<br/>In dem Zusammenhang ist es nat\u00fcrlich spannend, festzustellen, dass Geisel den Einsatz des SEK mit Sturmgewehren in der Rigaer94 damit legitimiert, dass es sich um kriminelle Gewaltt\u00e4ter handle.</p><h3><b>Entpolitisierung und Entsolidarisierung als Taktiken der Faschisierung</b></h3><p>Der Einsatz einer militarisierten Polizei soll durch die Kreierung von Feindbildern gerechtfertigt und zur Normalit\u00e4t werden, wodurch wir uns auf eine Faschisierung des Staates hinzubewegen. In Anbetracht der Einf\u00fchrung der neuen Polizeigesetze (PAG, PolG etc.) in anderen Bundesl\u00e4ndern, macht es f\u00fcr die Staatsgewalt Sinn, diesem schleichenden Prozess auch in Berlin den Weg zu ebnen.</p><p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich feststellen, dass es bei den Wohnungsdurchsuchungen nat\u00fcrlich nicht um die Sicherung von Beweismaterial ohne politischen Hintergrund geht. Das Ganze reiht sich ein in eine fortw\u00e4hrende Bek\u00e4mpfung und Kriminalisierung linker Bewegungen. Die Entpolitisierung ist dabei nur eine weitere Strategie, um ein gewisses Bild zu schaffen \u2013 in der Hoffnung, dass sich die Gesellschaft entsolidarisiert. Die Rigaer94 fungiert nun einmal mehr als Symbol f\u00fcr eine ganze Bewegung, an der ein Exempel statuiert wird. Auch scheint hinsichtlich des gegen Ende dieses Jahres auslaufenden Vertrags der Liebig 34 ein klares Zeichen gesetzt zu werden. Dieser Einsatz kann auch als pr\u00e4ventive Einsch\u00fcchterung gegen jegliche Art von Widerstand gegen die R\u00e4umung verstanden werden.</p><p>Bei aller Kritik, die in letzter Zeit an Polizeieins\u00e4tzen und Repressionen laut wurde und der Sympathie und Beteiligung breiter Bev\u00f6lkerungsteile an widerst\u00e4ndiger Praxis (siehe G20, Hambacher Forst, Kurdistan Solidarit\u00e4t,...usw.) scheint es notwendig, die linke Szene mit milit\u00e4rischen Mitteln zu schw\u00e4chen, um die eigene Machtlosigkeit zu \u00fcberspielen.<br/> Daher ist es wichtig, einer Entsolidarisierung von Teilen der Linken entgegenzuwirken und einen genaueren Blick auf die Argumentationsmuster von Polizei und Politik hinsichtlich der Versch\u00e4rfung von Befugnissen und Repression zu werfen und diese zu dekonstruieren.</p><p></p><hr/><p><b>Anmerkung:</b></p><p>Copyrights f\u00fcr das Bild liegen bei PM Cheung. Wir danken f\u00fcr die Nutzung!</p><hr/><p><b>Quellenverweise:</b></p><p>Cilip B\u00fcrgerrechte und Polizei, <a href=\"https://www.cilip.de/2018/08/14/narrative-der-militarisierung-zum-verhaeltnis-von-wirtschaft-und-polizei-auf-dem-europaeischen-polizeikongress/\">Narrative der Militarisierung</a>: Zum Verh\u00e4ltnis von Wirtschaft und Polizei auf dem europ\u00e4ischen Polizeikongress, 14. August 2018.</p><p>&quot;<a href=\"https://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-12/bundespolizei-anti-terror-einheit-thomas-de-maiziere-spezialeinheit\">BFE+: Die Polizei spielt Krieg</a>&quot;, ZEIT vom 16. Dezember 2015.</p><p>&quot;<a href=\"https://www.bz-berlin.de/berlin/friedrichshain-kreuzberg/polizei-und-sek-stuermen-haeuser-in-der-rigaer-strasse\">Polizei und SEK st\u00fcrmen Haus in der Rigaer Stra\u00dfe</a>&quot;, B. Z. vom 15. November 2018.</p><p></p><p></p><p></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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F\u00fcr ihn war ein wichtiger Bestandteil seiner Reise, das Verh\u00e4ltnis widerst\u00e4ndiger Gedenkarbeit zur aktuellen politischen Situation im spanischen Staat beziehungsweise dem Rechtsruck in Europa und weltweit zu analysieren und einzuordnen. Der baskische-deutsche Kulturverein \u201eBaskale\u201c in Bilbo (baskischer Name f\u00fcr Bilbao) setzt sich mit feministischen und antifaschistischen Fragen auseinander und st\u00e4rkt die Arbeit zur \u201eMemoria Historica\u201c (historische Erinnerung), also die Aufarbeitung des spanischen Faschismus (Franquismus). Im Nachgang der Reise f\u00fchrte unser Autor deshalb ein ausf\u00fchrliches Interview mit Klaus, der sich beim Verein Baskale engagiert.</i><br/></p><p><b>Emil Strau\u00df: Wie lange gibt es euch schon und was motiviert euch zu eurer Arbeit im baskisch-deutschen Kulturverein \u201eBaskale\u201c?</b></p><p><b>Klaus:</b> Den Verein haben wir vor acht Jahren aus ganz formalen Gr\u00fcnden ins Leben gerufen. Als Instrument, um das besser organisieren zu k\u00f6nnen, was wir auch vorher schon gemacht haben. Der Vereinsstatus bietet M\u00f6glichkeiten, die wir als informelle Gruppe nicht hatten. Unsere Arbeit hat verschiedene Schwerpunkte und findet nicht nur im Vereins-Rahmen statt. Wir verstehen uns als Teil der sozialen Bewegungen, die uns in Bilbao und Bizkaia (Provinz rund um Bilbao, Anm. Red.) umgeben. Deren Entwicklung ist uns wichtiger als unser Verein. Die beiden Hauptbereiche unserer Arbeit sind Feminismus und Antifaschismus. Feminismus muss nach unserer Auffassung bei allen Aktivit\u00e4ten ein entscheidendes Kriterium sein und wir versuchen das voranzutreiben. Daneben betreiben wir Geschichtsforschung unter Frauenaspekten.</p><p>Unser zweites Thema ist die historische Aufarbeitung des Franquismus \u2013 dieses Thema wird hier \u201eMemoria Historica\u201c genannt, historische Erinnerung. Das h\u00f6rt sich nicht so politisch an, ist es aber. Wir arbeiten mit historischen Organisationen wie der anarchosyndikalistischen CNT (<i>Confederaci\u00f3n Nacional del Trabajo, Gewerkschaft, Anm. Red.)</i> zusammen, die im Spanienkrieg eine wesentliche Rolle gespielt hat. Und mit verschiedenen baskischen Akteuren verschiedener politischer Couleur.</p><p>F\u00fcr eine baskisch-deutsche Gruppe wie Baskale hat diese Arbeit im Wesentlichen zwei Aspekte: Erstens die Aufarbeitung der Geschichte aus baskischer Sicht. Zweitens die Aufarbeitung aus deutscher Sicht. Bekannterma\u00dfen war die nazideutsche \u201eLegion Condor\u201c nach dem Milit\u00e4rputsch vor 82 Jahren kriegsentscheidend. Zur der Kl\u00e4rung dieser Geschichte beizutragen ist unser bescheidener Beitrag zur baskischen Memoria-Bewegung.</p><p>Weitere Arbeitsschwerpunkte des Kulturvereins Baskale sind Gentrifizierung und alternativer Tourismus. In Bilbao ist diese Arbeit wichtiger denn je, denn wir erleben momentan einen brachialen Massentourismus, der gravierende Konsequenzen hat. Dem arbeiten wir entgegen, mit Kritik auf der einen Seite und mit alternativen Angeboten auf der anderen. Dabei gibt es gute Verbindungen zu unseren anderen Arbeitsthemen. Denn alternative Rundgangs-Angebote lassen sich perfekt verkn\u00fcpfen mit der antifaschistischen Aufarbeitung, mit der Geschichte von Krieg, Diktatur und der folgenden sogenannten Demokratie.</p><p>Um unsere Information einem deutschsprachigen Publikum zug\u00e4nglich zu machen haben wir eine umfangreiche Webseite konzipiert. Sie liefert Gegeninformation zu den g\u00e4ngigen Klischees und Plattit\u00fcden, die in der b\u00fcrgerlichen Presse \u00fcber das Baskenland verbreitet werden. <a href=\"http://baskultur.info/\">Baskultur.info</a> reicht von Geschichte \u00fcber Architektur, Sport, Wissenschaft und Musik. Wir haben dort insgesamt 30 Kategorien, unter denen gr\u00fcndlich informiert wird.</p><p><b>K\u00f6nnt ihr \u201ebaskisch sein\u201d und \u201ebaskische Kultur\u201d aus der Praxis beschreiben?</b></p><p><b>Klaus:</b> Die baskische Linke hat eine sch\u00f6ne Definition von \u201ebaskisch sein\u201c: wer hier lebt, arbeitet und baskisch spricht \u2013egal wo geboren \u2013 gilt als Baskin oder Baske. Das kommt auch im Begriff zum Ausdruck, der hier f\u00fcr \u201eBask*in\u201c benutzt wird: Euskaldun. Euskara ist die baskische Sprache, euskaldun ist, wer diese Sprache spricht. Alle sind gleichzeitig Bask*innen, nicht per Geburt, sondern aufgrund ihrer sozialen Situation im Baskenland. Dennoch werden auch jene nicht ausgeschlossen, die nie Baskisch lernen konnten, weil es zum Beispiel im Franquismus verboten war.</p><p>Baskisch ist offizielle Sprache, sie ist der Mittelpunkt der baskischen Kultur. Dennoch werden Baskisch Sprechende mitunter marginalisiert. In Beh\u00f6rden zum Beispiel k\u00f6nnen nicht alle Angestellten auf Baskisch antworten, die Zweisprachigkeit ist nicht gew\u00e4hrleistet. Gleichzeitig ist die Sprache nach wie vor stark politisiert. Das hei\u00dft, wenn du mit Baskisch ankommst, bist du schon verd\u00e4chtig. Es kann passieren, dass du mit der ETA (<i>Euskadi Ta Askatasuna</i>, baskisch f\u00fcr Baskenland und Freiheit, fr\u00fchere marxistisch-leninistische Untergrundorganisation, Anm. Red.) in Verbindung gebracht wirst. Oder, dass du nicht bedient wirst, wenn du auf Baskisch einen Milchkaffee bestellst. Unglaublich aber wahr.</p><p>Die Haltung zu ETA war bislang in allen sozialen Bewegungen im Baskenland ein Trennungs-Kriterium. F\u00fcr die Rechte sowieso, aber auch f\u00fcr linke Gruppen. Egal ob \u00d6kolog*innen oder Antimilitarist*innen: es gab in vielen Bereichen nicht-abertzale und abertzale Organisationen, also welche, die ETA kritisiert haben oder eben nicht. Wer f\u00fcr die Rechte von politischen Gefangenen eingetreten ist war ETA-nah. Das ist heute vorbei. Die Trennungslinie ist f\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit nicht mehr vorhanden. Nur noch in den K\u00f6pfen der spanischen Ultrarechten. Das f\u00fchrt dazu, dass es neue Koalitionen gibt im Bereich der sozialen Bewegungen, viele Tabus sind verschwunden. Sogar die Sozialdemokrat*innen fordern die Heim-Verlegung der politischen Gefangenen. Nur bei einigen Kellnern ist die Botschaft offenbar noch nicht angekommen.</p><p>Theoretisch ist Baskisch ein Instrument zur Verst\u00e4ndigung wie Englisch, R\u00e4toromanisch, Deutsch oder jede andere Sprache. Tats\u00e4chlich ist es ein politischer Akt, auf der Stra\u00dfe Baskisch zu sprechen. Das ist traurig und ein Ergebnis der spanischen Antihaltung, die bis heute andauert. Im franz\u00f6sischen Baskenland ist die Sprache nicht einmal offiziell. \u201eBaskische Praxis\u201c dr\u00fcckt sich deshalb in ganz banalen Dingen aus. Wir versuchen, in der \u00d6ffentlichkeit, unter Freundinnen und Freunden, so viel es geht Baskisch zu sprechen. Das hat seine Grenze dann, wenn jemand die Sprache nicht versteht. Wir versuchen, Veranstaltungen m\u00f6glichst auf Baskisch zu machen, wenn das nicht geht, eine \u00dcbersetzung zu organisieren, wom\u00f6glich synchron. Alles was wir publizieren sollte zweisprachig sein \u2013 das ist immer die doppelte Arbeit. St\u00e4ndig gibt es Kampagnen zur F\u00f6rderung der baskischen Sprache. Daran teilzunehmen ist ebenfalls \u201ebaskische Praxis\u201c.</p><p><b>Die baskische Linke gilt in Deutschland oftmals als \u201enationalistisch\u201c. Wie w\u00fcrdest du die Spezifika eines baskischen Nationalismus erkl\u00e4ren \u2013und welche internationalistische Perspektive gibt es darin?</b></p><p><b>Klaus:</b> Nationalismus ist ein h\u00e4ssliches Wort. Auch hier wird das ungern benutzt. Manchmal fallen uns aber keine anderen Begriffe zur Beschreibung ein. Eine Minderheit kennt zumindest noch den Eigenbegriff \u201eabertzal\u201c, der am ehesten mit \u201epatriotisch\u201c zu \u00fcbersetzen ist. Dazu sind zwei Dinge zu sagen. Erstens gibt es unterschiedliche Formen von Nationalismus: einer, der sich \u00fcber andere erhebt und sie erniedrigt, das w\u00e4re der spanische, t\u00fcrkische oder deutsche Nationalismus; und eine andere Form, die sich von Unterdr\u00fcckung und Verbot zu befreien versucht. Das ist die baskische Variante. Vielen deutschen Linken f\u00e4llt es schwer, das zu verstehen oder zu akzeptieren. Im Baskenland ist es die normalste Sache der Welt, dass \u201eAbertzalismus\u201c immer eine internationalistische Komponente hat. Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Manche nennen diesen \u201eAbertzalismus\u201c auch den Kampf um die eigene Sprache, Kultur und Identit\u00e4t \u2013 alles Versuche, die baskische Besonderheit zu erkl\u00e4ren.</p><p>Die Verbindung von der Aufarbeitung der Geschichte \u2013 also von \u201eMemoria Historica\u201c \u2013 und Internationalismus liegt auf der Hand. Die damalige baskische Regierung hat sich im Krieg vor 80 Jahren auf die Seite der Republik gestellt, gegen den Faschismus, und hat daf\u00fcr teuer bezahlt. Das hat auch die baskische Rechte nicht vergessen. Interessanterweise gibt es hier eine anarchistische Tendenz, die ebenfalls Sympathie f\u00fcr die baskische Identit\u00e4t aufbringt. Die baskische Linke hat den Kampf gegen den Franquismus-Faschismus verbunden mit einer antikolonialen Perspektive, mit einem internationalistischen Charakter. Wir als Mitstreiter*innen des Kulturvereins f\u00fchlen uns wohl in dieser Rolle, als Internationalist*innen und Verteidiger*innen der baskischen Sprache und Kultur. Selbstverst\u00e4ndlich hat die baskische Gesellschaft das Recht zur Entscheidung \u00fcber ihre Zukunft.</p><p><b>In eurem Reader \u201eAntifaschistische Erinnerung Bilbao - Baskenland\u201d,</b> <b>der zum 80. Jahrestag der Gernika Bombardierung erschien, verweist ihr darauf, dass die bis 2018 amtierende Rechts-Regierung im spanischen Staat sich zu keiner Zeit gescheut hat \u201edie Massenm\u00f6rder in Krypten, Kirchen und anderen Gedenkst\u00e4tten zu ehren und hochleben zu lassen.\u201d Wie wichtig ist diese Praxis f\u00fcr die zentrale staatliche Hegemonie?</b></p><p><b>Klaus:</b> Das ist nach wie vor der Fall. \u00dcberlegt doch mal, warum es in Spanien keine NPD oder AFD gibt \u2013 bei so viel rechtem Gedankengut. Die Antwort ist einfach: die \u201eVolkspartei\u201c Partido Popular (PP) von Aznar und Rajoy ist ausreichend faschistoid, um gro\u00dfe Teile der Ultra-Rechten an sich zu binden. Dazu kommt nun auch noch die neue Partei \u201eCiudadanos\u201c, die in der internationalen Presse als liberal definiert wird \u2013 nichts w\u00e4re weiter von der Realit\u00e4t entfernt. Viele dort stehen bis heute offen zum Franquismus. Sie sind gegen die Exhumierung des Massenm\u00f6rders aus dem Mausoleum. Sie wollen keine Aufarbeitung der Verbrechen des Spanienkrieges. Sie wollen nicht die 140.000 Leichen aus den \u00fcber den ganzen Staat verstreuten Massengr\u00e4bern heben. Sie wollen nicht die Besonderheit der historischen Nationen Galicien, Katalonien, Baskenland anerkennen.</p><p>Die Transici\u00f3n (spanisch: \u00dcbergang, Anm. Red.) von der Diktatur zur Demokratie in den 1970er Jahren war eine einzige Farce. Der Diktator ist im Bett gestorben, der \u00dcbergang war gut vorbereitet. Der neue K\u00f6nig hatte seinen Eid auf die franquistischen Werte geschworen und wurde nie demokratisch legitimiert. Milit\u00e4r, Polizei, Justiz und politische Klasse blieben auf ihren Posten \u2013 bis heute. Die Sozialdemokrat*innen von der PSOE schworen dem Marxismus ab \u2013 sicher auf Anraten der Friedrich-Ebert-Stiftung. Und die Kommunisten von der PCE sagten \u201eja\u201c zu allem, nur um wieder legalisiert zu werden. Gleichzeitig mit der Amnestie f\u00fcr die politischen Gefangenen des Regimes wurde 1977 eine Amnestie f\u00fcr alle franquistischen Verbrechen beschlossen. Das verst\u00f6\u00dft gegen die Internationale Menschenrechts-Konvention, denn Verbrechen gegen die Menschlichkeit k\u00f6nnen weder verj\u00e4hren noch amnestiert werden. Die UNO kritisiert das. In den lateinamerikanischen L\u00e4ndern konnten solche Amnestie-Gesetze nicht gehalten werden, zum Beispiel in Chile, Uruguay oder Argentinien. Im spanischen Staat aber schon. So kann es nicht verwundern, dass eine Mehrheit in Katalonien eine unabh\u00e4ngige Republik haben will und viele im Baskenland auch.</p><p>Ein weiteres Beispiel: Als die Nazis Gernika zerbombten, sagten die Franquisten, die Basken und \u201edie Roten\u201c selbst h\u00e4tten die Stadt angez\u00fcndet. W\u00e4hrend der gesamten Diktatur war dies die offizielle Version. Und danach? In 40 Jahren hat keine einzige der sogenannten \u201edemokratischen\u201c Regierungen je diese L\u00fcge berichtigt, geschweige denn, sich f\u00fcr die Kriegsverbrechen entschuldigt. Die \u201eGernika-L\u00fcge\u201c ist somit nach wie vor ein aktuelles Thema. Das ist nur ein wichtiges Detail f\u00fcr die Menschen im Baskenland. Solche Details gibt es viele. Manche behaupten ernsthaft, in Gernika seien damals gerade mal 15 Menschen ums Leben gekommen. Auf diese Art wird Gernika immer noch bombardiert.</p><p>Der Franquismus hat im Staat nach wie vor die Hegemonie \u2013 um auf die Ausgangsfrage zur\u00fcckzukommen. Zentralismus, Unteilbarkeit des Staates, \u201eGuardia Civil\u201c und Katholizismus sind weiterhin die Fundamente. Dazu kommt die Korruption als politisches Selbstverst\u00e4ndnis. Viele Linke w\u00fcrden liebend gerne das deutsche F\u00f6deralismus-Modell \u00fcbernehmen \u2013 aber das hat keine Chance. Kann sich in Deutschland jemand eine \u201eAdolf-Hitler-Stiftung\u201c vorstellen, die j\u00e4hrlich mit Millionen aus der Staatskasse finanziert wird, die staatliche Dokumente aus der Nazizeit in ihren Archiven hat, die f\u00fcr niemand zug\u00e4nglich sind? Genau das ist eine spanische Realit\u00e4t: die Franco-Stiftung. Da soll bitte niemand von \u201eDemokratie\u201c reden. Daran \u00e4ndert auch der Schwenk der Sanchez-Regierung nichts, falls Franco tats\u00e4chlich aus dem Mausoleum geholt wird.</p><p><b>Wie sieht die \u00f6ffentliche Auseinandersetzung mit der Geschichte sowohl von staatlicher aber auch zivilgesellschaftlicher Seite im Stadtbild von Bilbo (Bilbao) aus?</b></p><p><b>Klaus:</b> Der gro\u00dfe Unterschied zwischen dem Baskenland beziehungsweise Spanien und Deutschland ist, dass die antifaschistische Aufarbeitungs-Bewegung hier von unten kommt. Im spanischen Staat waren es Basisbewegungen, die mit der Aufarbeitung der Diktatur und ihren Konsequenzen begannen, mit der Forschung in Archiven, mit Publikationen und Gedenkveranstaltungen f\u00fcr Opfer des Franquismus, oder mit der Exhumierung von Massengr\u00e4bern. In Deutschland kam das von oben, \u00fcber die \u201eN\u00fcrnberger Prozesse\u201c, die Kontrolle der Alliierten, mit all ihren Defiziten. Hier hat es 30 Jahre gedauert, bis staatliche Stellen begannen, die Forderungen dieser Volksbewegung auch nur halbwegs ernst zu nehmen. Das Memoria-Gesetz der Regierung Zapatero ist aus dem Jahr 2007, 32 Jahre nach Francos Tod. F\u00fcr alle Linken und Republikaner*innen ist es v\u00f6llig unzureichend! Und f\u00fcr die spanische Rechte v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig. Erst 43 Jahre nach dem Tod des Massenm\u00f6rders kam ein Regierungschef auf die Idee, dass Franco aus dem Mausoleum und faschistischen Pilgerort geholt werden sollte.</p><p>Im Baskenland, insbesondere in Bilbao war es \u00e4hnlich. Die faschistischen Stra\u00dfennamen wurden bereits in den 1980er Jahren abgeschafft. Aber nicht viel mehr. Die baskischen Christdemokraten hatten zwar einen antifranquistischen Diskurs, aber keine Praxis. Franquistische Symbole, obwohl vom Gesetz mittlerweile verboten, wurden nicht entfernt. Als Memoria-Bewegung haben wir die Stadtregierung von Bilbao verklagt und sie so zur Entfernung der Symbole gezwungen. Die baskische Regierung \u2013 ebenfalls baskische Christdemokrat*innen \u2013 hat sich mittlerweile eine andere Praxis angeeignet. Sie versuchen, sich an die Spitze der Memoria-Bewegung zu stellen, machen Gedenkveranstaltungen, eine Landkarte mit Massengr\u00e4bern und kontinuierlich Exhumierungen. Damit sind sie der spanischen Praxis meilenweit voraus.</p><p>Im gesamten Staat gibt es noch mehr als 300 Stra\u00dfen, die den Namen Franco tragen. Im Baskenland keine. Das ist ein qualitativer Unterschied. In Bilbao sind die franquistischen Spuren weitgehend beseitigt. Was fehlt, sind Erkl\u00e4rungen. Es gibt so gut wie keine \u00f6ffentliche Erinnerung an den Franquismus an den Orten der Gr\u00e4uel. Gegen\u00fcber vom Guggenheim-Museum steht ein pr\u00e4chtiger Bau: die private Jesuiten-Universit\u00e4t. Die wenigsten in Bilbao wissen, dass das ein franquistisches Konzentrationslager war. Dort wurden Leute liquidiert. Vor Jahren brachte eine Memoria-Gruppe eine Gedenktafel an. Sie wurde sofort wieder abgerissen. Erinnerung ist nicht erw\u00fcnscht. Die neuen Generationen wachsen ohne diese Erinnerung auf. Nur das Guggenheim z\u00e4hlt. Wir als Kulturverein haben vor vier Jahren einen Antrag gestellt, an einem Geb\u00e4ude der Altstadt eine Tafel anzubringen zur Erinnerung an eine folgenschwere Bombardierung durch die Legion Condor. Die Hausbewohner*innen waren einverstanden, der Nachbarschaftsverein unterst\u00fctzte uns, ein Bauzeichner malte eine professionelle Skizze \u2013 vergebens. In einem pers\u00f6nlichen Empfang beim stellvertretenden B\u00fcrgermeister wurde uns gesagt, man wolle kein Einzelgedenken an verschiedenen Stellen, sondern nur generell. Wir haben nie eine Absage erhalten. Das ist deren Politik. Doch letztendlich sind wir nicht von denen abh\u00e4ngig. Bei unseren historischen Rundg\u00e4ngen durch Bilbao berichten wir von diesen Geschichten. Auf Baskisch, Spanisch, Englisch und Deutsch. Und die Leute sind dankbar.</p><p><b>Welche M\u00f6glichkeiten der kollektiven Thematisierung und Aufarbeitung der Verbrechen seht ihr f\u00fcr die gesellschaftliche Ebene in Deutschland aus baskischer/spanischer Perspektive?</b></p><p><b>Klaus:</b> Wie vorher angedeutet: die Situation ist schwer vergleichbar. Antifaschismus von oben oder von unten. Wir wollen auch keine schlauen Ratschl\u00e4ge geben. Antifaschismus in Deutschland muss die Sache der deutschen Linken sein. In Wunstorf zum Beispiel, im Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt, aus dem seinerzeit die \u201eLegion Condor\u201c kam. Dort wurde im vergangenen Jahr von der Bundeswehr ein Gernika-Gedenkstein aufgestellt. Das ist Geschichtsklitterung. Wir haben das scharf kritisiert, in Deutschland aber sehr wenig Unterst\u00fctzung erhalten.</p><p>Vielleicht noch eine Bemerkung zum Verh\u00e4ltnis der Baskinnen und Basken zu den Deutschen. Neulich wurde ich gefragt, ob es da nicht bis heute Vorbehalte g\u00e4be. Immerhin war es die \u201eLegion Condor\u201c, die in Gernika und vielen anderen St\u00e4dten einen Massenmord ver\u00fcbt hat. Keine Vorbehalte, musste ich zur Antwort geben. Nie habe ich ein negatives Wort \u00fcber \u201edie Deutschen\u201c geh\u00f6rt. \u00dcber die Nazis sehr wohl, aber nicht \u00fcber \u201edie Deutschen\u201c. Die Leute im Baskenland haben eines klar: die Nazis waren die Helfer*innen, mit viel Eigeninteresse, zum Test ihrer Waffen f\u00fcr den n\u00e4chsten Krieg. Aber die Verantwortlichen f\u00fcr den Milit\u00e4raufstand waren die spanischen Franquist*innen.</p><p><b>In dem bereits erw\u00e4hnten Reader schreibt ihr von der Erinnerung an 80 Jahre alte Gr\u00e4uel und Verbrechen, die nie aufgearbeitet wurden und kommt zu dem Schluss \u201eDoch l\u00e4sst der Weg zu einer wirklich demokratischen Gesellschaft f\u00fcr republikanische und antifaschistische Kr\u00e4fte keine andere Wahl. Bis zum Erreichen dieses Ziels stehen die Prinzipien der historischen Wahrheit, der Wiedergutmachung und der Garantie der Nichtwiederholung im Vordergrund\u201d. Kannst du das etwas ausf\u00fchren?</b></p><p><b>Klaus:</b> Das ist unsere Aufgabe und daran arbeiten wir: Wahrheit, Wiedergutmachung, Nichtwiederholung. Dazu kommt die Forderung, dass die Amnestie f\u00fcr die Diktaturverbrechen zur\u00fcckgenommen werden muss. Diese Forderung teilen wir immerhin mit Amnesty International und der UNO. Die \u00fcbrig gebliebenen Faschist*innen m\u00fcssen vor Gericht gestellt werden, und sei es \u00fcber die argentinische Justiz. Hintergrund dieser argentinischen Klage ist die Universalit\u00e4t der Menschenrechte: sie k\u00f6nnen \u00fcberall eingeklagt werden. Ein Franquismus-Opfer mit doppelter Staatsangeh\u00f6rigkeit brachte sie in Gang. Er klagte in Argentinien gegen franquistische Verbrechen. Eine Richterin in Buenos Aires nahm sich der Klage an und verfolgt sie. Mittlerweile haben sich hunderte von Einzelpersonen und Beh\u00f6rden im Baskenland dieser Klage angeschlossen, die Richterin hat zuerst die Vernehmung der noch lebenden T\u00e4ter und dann deren Auslieferung beantragt \u2013 die spanische Regierung hat ein Problem.</p><p>Den Kl\u00e4ger*innen geht es weniger Dabei geht es nicht um konkrete Strafen, es geht vielmehr um juristische Anerkennung der Verbrechen. Solange der spanische Staat zu diesen Anstrengungen nicht in der Lage ist, werden wir ihn weiter post-franquistisch und faschistoid nennen, oder \u201edas Regime von 1978\u201c, dem Jahr der Pseudo-Verfassung.</p><p>Daneben geht es um die staatliche Anerkennung der jahrzehntelangen Folterpraxis. Im Baskenland wurden seit den 1960er Jahren ca. 10.000 Menschen gefoltert. Es gab Todesschwadrone, \u201eschmutzigen Krieg\u201c, gef\u00e4lschte Verfahren, Kinderraub. All das muss aufgekl\u00e4rt werden; staatliche Stellen m\u00fcssen sich dazu \u00e4u\u00dfern. Bevor das nicht geschieht, sprechen wir nicht von Demokratie.</p><p>Es war enorm schwierig, vor zwanzig, drei\u00dfig Jahren die Memoria-Bewegung in Gang zu bringen. Viele Menschen hatten Angst, dass die Schl\u00e4chter zur\u00fcckkommen, aus ihren Kasernen oder Richterb\u00fcros. Viele hielten ihren Mund, die Angst sa\u00df unvorstellbar tief, teilweise bis heute. Das konnte keine noch so tolle Verfassung \u00e4ndern. Die Politiker waren dieselben, die \u201eGuardia Civil\u201c waren dieselben, die Richter waren dieselben. Und 1982 gab es auch noch einen neofranquistischen Putschversuch in Madrid. Solange 140.000 Leichen in spanischer Erde liegen, ist dies ein Grund mehr, diesen Staat zum Erliegen zu bringen. \u201eBy any means necessary\u201c, um mit Malcolm X zu sprechen.</p><p><b>Welche Rolle spielt diese Erkenntnis in der aktuellen Praxis der revolution\u00e4ren Linken nach dem Ende des bewaffneten Kampfs im Baskenland?</b></p><p><b>Klaus:</b> Diese Erkenntnis verbreitet sich immer mehr. Vor allem in der Linken, in abgestufter Form, wird die Notwendigkeit der Aufarbeitung von verschiedenen Organisationen geteilt. In der Sozialdemokratie gibt es sicherlich auch ein paar Ehrliche, die den Franquismus aufarbeiten wollen. In den Resten der Kommunistischen Partei Spaniens (PCE) ebenfalls. Auch bei Podemos. Doch am Recht auf Selbstbestimmung \u2013 so urdemokratisch das sein mag \u2013 scheiden sich die Geister. Die meisten Einsichtigen sind sicher in Katalonien und im Baskenland zu finden - interessanterweise sowohl im linken wie im rechten Lager.</p><p>Von einer \u201erevolution\u00e4ren Linken\u201c zu sprechen w\u00e4re aber \u00fcbertrieben. Wir sehen Ans\u00e4tze, aber keine Bewegung, die die Bezeichnung derzeit verdient. Wenn Revolution Umw\u00e4lzung bedeutet, trifft dies derzeit am ehesten f\u00fcr Katalonien zu. Wenn auch nur bedingt unter linken Vorzeichen. Die Linke im Baskenland befindet sich in einer anderen Etappe. Der mehrheitliche Teil setzt auf Realpolitik in den Parlamenten und ist dabei, die Bodenhaftung zu verlieren, nach dem Beispiel der deutschen Gr\u00fcnen vor 30 Jahren. Gegen diese Tendenz formiert sich eine au\u00dferparlamentarische Opposition, die Konturen sind aber noch nicht besonders klar. Die Etappe des bewaffneten Kampfes ist noch zu nah, um die Debatte um linke Neuorientierung n\u00fcchtern und vern\u00fcnftig zu f\u00fchren. Was uns bleibt ist, in den Basisbewegungen zu arbeiten und dort Gegenmacht aufzubauen, mit oder ohne institutionelle Unterst\u00fctzung. Was z\u00e4hlt ist die Stra\u00dfe, die feministische Bewegung, die Nachbarschaftsarbeit, die Fl\u00fcchtlingsarbeit, die direkte Solidarit\u00e4t, die Mobilisierung der Menschen f\u00fcr all das.</p><p>Im Baskenland haben wir nicht die schlechtesten Voraussetzungen f\u00fcr eine Neudefinition von linker Politik. Immerhin stehen wir nicht mit dem R\u00fccken zur Wand wie in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, wo die Ultra-Rechte ganze Regierungen \u00fcbernimmt. Linke Ideen stehen hier nach wie vor hoch im Kurs. Konzepte f\u00fcr den gro\u00dfen Wurf hat derzeit niemand, wir machen uns da nichts vor. Es ist ein sehr schlechtes Zeichen, wenn in Europa oder Amerika ganze Arbeiter*innenviertel in die Lager der Ultra-Rechten wechseln. Das ist nicht nur einer faschistoiden Propaganda geschuldet, sondern auch unseren eigenen M\u00e4ngeln. Wo hat die Linke noch eine ideologische Hegemonie? Vielleicht im Baskenland. Wir m\u00fcssen \u00dcberzeugungsarbeit leisten, nicht nur mit Worten, sondern mit konkreter Arbeit. Basisarbeit. In der Nachbarschaft, bei Hausbesetzungen, mit Selbstorganisation, Gefl\u00fcchtetenarbeit und internationaler Solidarit\u00e4t. Revolution\u00e4re Diskurse sollten wir uns f\u00fcr andere Momente sparen.</p><p></p><hr/><h2>Anmerkung</h2><p>Auf dem Transparent des Titelbildes steht:<br/> NEIN ZUR STRAFFREIHEIT DES FRANQUISMUS</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/der-franquismus-hat-im-staat-nach-wie-vor-die-hegemonie/", "id": "https://revoltmag.org/articles/der-franquismus-hat-im-staat-nach-wie-vor-die-hegemonie/", "author": {"name": "Emil Strau\u00df", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2018-11-12T17:11:23.589912+00:00", "date_modified": "2018-11-12T17:11:23.589912+00:00", "tags": ["re:port", "baskenland", "baskale", "interview", "gernika", "spanien", "bilbo", "aufarbeitung", "franquismus", "internationalismus", "faschismus", "geschichte", "solidarit\u00e4t"], "summary": "Die aktuelle politische Situation in Spanien beeinflusst auch die Auseinandersetzung mit antifaschistischer Gedenkarbeit und Internationalismus im Baskenland. 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September 2018\" height=\"420\" src=\"/media/images/basin_aciklamasi_4.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Toplumsal \u00d6zg\u00fcrl\u00fck</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Heute wurde um 13 Uhr t\u00fcrkischer Uhrzeit im Istanbuler B\u00fcro des t\u00fcrkischen Menschenrechtsvereins (IHD) eine Pressekonferenz zu den Verhaftungen in Ankara von letzter Woche - darunter unser Freund, Genosse und re:volt-Autor Max Zirngast - abgehalten. Es sprachen unter Anderem der HDP-Parlamentsabgeordnete und TIP-Gr\u00fcndungsmitglied Erkan Ba\u015f, der Anwalt von Max Zirngast Tamer Do\u011fan, J\u00fcliana G\u00f6zen f\u00fcr die sozialistische T\u00d6P, Levent T\u00fczel f\u00fcr die sozialistische EMEP sowie der Generalsekret\u00e4r der linken Halkevleri, Nuri G\u00fcnay. Im Folgenden dokumentieren wir, leicht gek\u00fcrzt, die Erkl\u00e4rung der T\u00d6P (Toplumsal \u00d6zg\u00fcrl\u00fck Partisi, dt.: Partei der sozialen Freiheit) in deutscher \u00dcbersetzung.</i></p><p><i><b>Die Redaktion</b></i><br/></p><hr/><p>Wie\ndie demokratische \u00d6ffentlichkeit wei\u00df, planen wir unseren seit\nmehreren Jahren verfolgten Prozess der Parteigr\u00fcndung in diesem Jahr\nabzuschlie\u00dfen. \n</p>\n\n<p>Einer\nder Gr\u00fcnder unserer Partei, Mithatcan T\u00fcretken \u2013 der einer von\nden derzeit Inhaftierten ist \u2013 ging deshalb im Juni zur\nbetreffenden Abteilung des Innenministeriums. Er informierte sich\n\u00fcber die rechtlichen Prozeduren und k\u00fcndigte an, dass wir einen\nAntrag auf Gr\u00fcndung als Partei stellen werden.<br/></p><p>Da\nes rechtlich zwingend erforderlich ist, die Parteizentrale in Ankara\nzu er\u00f6ffnen, mieteten wir uns ein B\u00fcro in einem Arbeiterviertel von\nAnkara an. Nachdem das Gr\u00fcndungskomitee die n\u00f6tigen Dokumente\nzusammentrug, wurde der Gr\u00fcndungsantrag vervollst\u00e4ndigt und den\nAnw\u00e4lten \u00fcbergeben. Wir planten, \u00f6ffentlich angek\u00fcndigt, ein\nTreffen des Gr\u00fcndungskomitees im Oktober zu veranstalten und danach\noffiziell den Antrag beim Ministerium zu stellen.\n</p>\n<p>W\u00e4hrend\nder Prozess St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck in \u00f6ffentlichen Treffen beschlossen\nwurde, wurden wir von einigen Staatsbeamt*innen verfolgt und\nbeschattet. Wir wissen nicht, wer sie zu welchen Zwecken beauftragte.\nDie Beschattung erfolgte dabei nicht geheim, sondern offen und\ndrangsalierend. Dies geschah trotz unserer Herangehensweise, alle\nunsere Beschl\u00fcsse und alle unsere T\u00e4tigkeiten \u00f6ffentlich zu\nteilen. Die Beschattung wurde beharrlich fortgesetzt, ohne dass es\ndaf\u00fcr rechtliche Verf\u00fcgungen gab.</p>\n<p> \n</p>\n<p>Die\naktuellen Festnahmen kurz vor unserem offiziellen Antrag im Oktober\ndienen offensichtlich dazu, unsere Parteigr\u00fcndung zu torpedieren.</p>\n\n<p>* *\n*</p><p>Auch\nschon vor der aktuellen Festnahmewelle fanden viele Festnahmen und\nVersuche der Verhinderung unserer T\u00e4tigkeiten statt. Insbesondere\nseit der \u00dcbernahme des Polizeiapparats durch die sich selbst\n\u201eCemaat\u201c [\u201eReligionsgemeinschaft\u201c, gemeint ist die\nGemeinschaft des Predigers Fetullah G\u00fclen; Anm. d. Red.] nennende\nGeheimorganisation, nahmen die Versuche der Behinderung unserer\nArbeit als T\u00d6P andere Formen als zuvor an. Viele unserer\nFreund*innen wurden auf Grundlage von an den Haaren herbeigezogenen\nSchreibtischszenarien in Gewahrsam genommen; ihnen wurde vorgeworfen,\nMitglieder von unterschiedlichsten Organisationen zu sein, die es\nbevorzugten, ihre Politik geheim zu machen. Manche wurde l\u00e4nger\ninhaftiert \u2013 aber alle wurden letztlich von Gerichten vollst\u00e4ndig\nfreigesprochen. Diese konstruierten Verfahren nahmen solche Ausma\u00dfe\nan, dass unseren Freund*innen mittlerweile Mitgliedschaften bei fast\njeder Organisation in der T\u00fcrkei, die geheim operiert, vorgeworfen\nwurde.</p>\n\n<p>Es\nist offensichtlich, dass hier nicht auf Grund von \u201eFehlern\u201c oder\naufgrund von \u201eVerdacht\u201c Untersuchungen eingeleitet werden,\nsondern dass es bewusst darum geht, offen gef\u00fchrte sozialistische\nPolitik zu verhindern. Es ist ein de facto Verbot von sozialistischem\npolitischen Kampf, wenn einer offenen sozialistischen Organisation\ndas Verfahren gemacht wird wegen Mitgliedschaft bei\nunterschiedlichsten geheimen Organisationen. Das erk\u00e4mpfte Recht der\nWerkt\u00e4tigen, eine sozialistische Partei zu gr\u00fcnden und\nsozialistische Politik zu machen, wird somit auf illegalen Wegen de\nfacto verunm\u00f6glicht.</p>\n\n<p>* *\n*</p>\n\n<p>Drei\nPunkte wollen wir nochmal ganz besonders betonen:</p>\n\n<p>1.\nToplumsal \u00d6zg\u00fcrl\u00fck Partisi besteht aus sich selbst und hat keine\nBeziehungen mit anderen politischen Organisationen, ob geheimer oder\noffener Natur.</p>\n\n<p>2.\nT\u00d6P hat sich im Zuge ihrer Parteiformation und in Folge von\nDiskussionsprozessen dazu entschlossen, ihre Gr\u00fcndung offen und auf\nlegitimer Grundlage zu vollziehen und ihre T\u00e4tigkeiten \u00f6ffentlich\nund auf legitimer Basis bekanntzugeben und durchzuf\u00fchren. Dies ist\neine politische Haltung.</p>\n\n<p>3.\nWenn T\u00d6P mit einer anderen politischen Organisation in Beziehung\ntreten sollte, wird sie dies nicht verstecken, sondern \u00f6ffentlich\nvollziehen. Die Partei kann auf Grundlage ihrer Struktur mit\nOrganisationen und Personen, die auf \u00e4hnlicher Grundlage agieren und\noffene sowie legitime Politik betreiben, in Beziehungen treten,\nB\u00fcndnisse oder Aktionseinheiten gr\u00fcnden. Solche Entwicklungen hat\nes fr\u00fcher schon gegeben und wird es auch weiterhin geben; sie werden\n\u00f6ffentlich bekanntgegeben und vollzogen. Diese Haltung entspringt\nund entspricht den Regeln politischer T\u00e4tigkeit auf offener und\nlegitimer Basis.</p>\n\n<p>Die\nInhalte dieser Erkl\u00e4rung sind den betreffenden Personen der linken\n\u00d6ffentlichkeit genauso wie den Staatsbeamt*innen, die unsere\nT\u00e4tigkeiten beschatten, vollst\u00e4ndig bekannt. Die Erkl\u00e4rung zielt\ndarauf, die breite \u00d6ffentlichkeit zu informieren.</p>\n\n<p>* *\n*</p><p>Wir\nverurteilen auf das Sch\u00e4rfste die Inhaftierungen in Ankara, die auf\nErmittlungsdossiers von Mitgliedern der kriminellen Organisation\n\u201eCemaat\u201c beruhen. Unseren in Polizeigewahrsam befindlichen\nFreund*innen wird keine einzige Frage gestellt, aber die Haftfrist\ntrotzdem permanent verl\u00e4ngert. Es ist offensichtlich, dass\nirgendwelche Schreibtischszenarien entworfen und dementsprechende\nBeweise herbeikonstruiert werden.</p>\n\n<p> *\n* *</p><p>Die\nT\u00d6P befindet sich in einem Prozess der Gr\u00fcndung als einer Partei.\nUnser Ziel ist es, ein sozialistisches Land aufzubauen. Es geht uns\ndarum, den Kapitalismus, der unser Land in einen Brandherd\nverwandelt, abzuschaffen. Tagesaktuell betrachtet sind wir Teil der\nFreiheitssuche der popularen Kr\u00e4fte, die von einer despotischen\npolitischen Ordnung permanent unterdr\u00fcckt werden. Unser Parteiname\nwurde als politisches Symbol dieser Suche gew\u00e4hlt. \n</p>\n<p>Eine\ndemokratische Verfassung und die Gr\u00fcndung einer demokratischen\nRepublik entsprechen den Minimalbed\u00fcrfnissen der popularen Kr\u00e4fte.\nSelbstverst\u00e4ndlich positionieren wir uns deshalb gegen das\nderzeitige politische Regime, das sich um die Person von Erdo\u011fan\nzentriert und dem Ziel einer demokratischen Verfassung sowie einer\ndemokratischen Republik diametral entgegengesetzt ist.<br/></p><p>Wir\nversuchen weiterhin, Teil der legitimen Selbstverteidigung und\nSprachrohr der Bed\u00fcrfnisse und der Freiheitssuche all derjenigen\npopularen Kr\u00e4fte zu sein, die die despotische politische Ordnung zu\nersticken versucht, mit der Arbeiter*innenklasse als Quelle des\nReichtums der kapitalistischen Ausbeutungsordnung an zentraler\nPosition.<br/></p><p>Die\ndemokratische Verfassung wird hierbei die Garantie zur Erf\u00fcllung der\nMinimalbed\u00fcrfnisse der popularen Kr\u00e4fte bilden. Die demokratische\nRepublik wird eine sein, in der die popularen Kr\u00e4fte auf Grundlage\nihrer eigenen Bed\u00fcrfnisse und in Frieden und Wohlstand, in\nSelbstorganisation und -verwaltung leben werden.\n</p><p>Wir\nverstecken weder uns, noch unsere T\u00e4tigkeiten, noch unsere Ziele und\nZwecke. Es sieht wohl so aus, als ob unsere T\u00e4tigkeiten und unsere\nParteigr\u00fcndung die Kr\u00e4fte des Kapitals und des Despotismus\nbeunruhigen.</p>\n<p>Falls\nwir verurteilt werden sollen, dann verurteilt uns auf Grundlage\nunserer eigenen T\u00e4tigkeiten. Wenn ihr sozialistische Parteien und\nihre Gr\u00fcndungen verbieten wollt, dann tut dies nicht mit absurden\nSzenarien, sondern versucht die Gesetze zu \u00e4ndern im Parlament, in\ndem ihr die Mehrheit innehabt.</p>\n<p>Wir\nwerden weiterhin versuchen, uns im Oktober als Partei zu gr\u00fcnden \u2013\ntrotz aller Repression. Unsere Gr\u00fcndungserkl\u00e4rung wird nach dem\nTreffen des Gr\u00fcndungskomitees am 11. bis zum 14. Oktober 2018\n\u00f6ffentlich kundgegeben.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/sozialismus-statt-schreibtischszenarien/", "id": "https://revoltmag.org/articles/sozialismus-statt-schreibtischszenarien/", "author": {"name": "T\u00d6P", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2018-09-20T12:34:10.532757+00:00", "date_modified": "2018-09-20T12:40:30.456976+00:00", "tags": ["re:claim", "akp", "erdogan", "t\u00fcrkei", "#FreeMaxZirngast", "sozialismus", "Max Zirngast", "widerstand", "t\u00f6pg", "t\u00f6p", "faschismus", "ihd", "schreibtischszenarien"], "summary": "Max Zirngast und drei Genoss*innen der sozialistischen T\u00d6P sitzen seit \u00fcber einer Woche in Haft. Die Vorw\u00fcrfe gegen sie sind haltlos und abstrus, die Akte immer noch unter Verschluss. Hiermit dokumentieren wir die heutige Presseeerkl\u00e4rung der T\u00d6P zur Sabotage ihrer Parteigr\u00fcndung."}, {"title": "T\u00d6P: Versuch der Sabotage unserer Parteiinitiative", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>T\u00d6P: Versuch der Sabotage unserer&nbsp;Parteiinitiative</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Toplumsal \u00d6zg\u00fcrl\u00fck Parti Giri\u015fimi\" height=\"420\" src=\"/media/images/topg.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">T\u00d6PG</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>\nGestern\nwurden nach Razzien in Ankara und Hatay die T\u00d6P-Mitglieder Mithatcan\nT\u00fcretken und Hatice G\u00f6z als auch unser Zeitungsautor Max Zirngast\nohne Angabe von Gr\u00fcnden festgenommen und werden\nseither willk\u00fcrlich festgehalten. Gestern noch wurde bekanntgegeben,\ndass die entsprechenden Akten geheim seien und deshalb unter\nVerschluss st\u00fcnden. Heute m\u00fcssen wir feststellen, dass in Bezug auf\ndie Festnahme unserer FreundInnen provokative und frei erfundene\nAnschuldigungen in den regierungsnahen Medien zu kursieren beginnen.\nDabei werden unsere Parteimitglieder und Max Zirngast, der als Autor\nf\u00fcr <i>re:volt magazine</i> und <i>Jacobine Magazine</i> wie auch f\u00fcr unsere\nmonatliche Zeitung <i>Toplumsal \u00d6zg\u00fcrl\u00fck</i> (dt.: Soziale Freiheit)\nschreibt, mittels haltloser Behauptungen kriminalisiert. An dieser\nStelle wollen wir festhalten, dass unsere Bewegung schon seit einiger\nZeit in den Vorbereitungen zur Gr\u00fcndung als Partei steckt. Das\nGr\u00fcndungskomitee hat die entsprechenden Unterlagen bereits besorgt\nund ist dabei, den offiziellen Antrag in die Wege zu leiten.\nW\u00e4hrenddessen wurde vergangenen Monat unser Parteib\u00fcro, das wir in\nAnkara gemietet hatten, grundlos geschlossen. Es ist klar, dass die\nParteiwerdung unserer Bewegung mit dieser Operation sabotiert werden\nsoll. Aber unser Gr\u00fcndungskomitee wird trotzdem die entsprechenden\nUnterlagen in den kommenden Tagen einreichen. Wir werden entschlossen\nweitermachen und uns von derlei Aktionen nicht einsch\u00fcchtern lassen.\nWir fordern die sofortige Freilassung unserer FreundInnen.</p><hr/>Aus dem <a href=\"http://www.toplumsalozgurluk.org/top-partilesme-surecimiz-engellenmeye-calisiliyor/\">T\u00fcrkischen</a> \u00fcbersetzt von der Redaktion des re:volt magazine. <br/><p><br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Er schrieb auch f\u00fcr die monatliche sozialistische Zeitschrift Toplumsal \u00d6zg\u00fcrl\u00fck. Eine Stellungnahme der sozialistischen Organisation T\u00d6P zu den Razzien vom Vortag."}, {"title": "Diktatur und Widerstand. Die T\u00fcrkei nach den Wahlen", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Diktatur und Widerstand. Die T\u00fcrkei nach den&nbsp;Wahlen</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Menschen feiern Newroz 2018\" height=\"420\" src=\"/media/images/hoppaaaa.7804c500.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Murat Bay</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Die\nErgebnisse der vorgezogenen Parlaments- und Pr\u00e4sidentschaftswahlen\nin der T\u00fcrkei vom 24. Juni stellen auf dem ersten Blick einen klaren Sieg des\nPr\u00e4sidenten Recep Tayyip Erdo\u011fan dar. W\u00e4hrend es bisweilen so\naussah, als h\u00e4tte die Opposition diesmal eine wirkliche Chance gehabt, waren die Ergebnisse letztlich ern\u00fcchternd. Erdo\u011fan\nhat die Pr\u00e4sidentschaftswahlen in der ersten Runde gewonnen, w\u00e4hrend\ndie <i>Volksallianz</i>\n(Cumhur \u0130ttifak\u0131), das Wahlb\u00fcndnis\nbestehend aus Erdo\u011fans Partei der Gerechtigkeit und Entwicklung\n(AKP) und der faschistischen Partei der Nationalistischen Bewegung\n(MHP), eine Mehrheit der Parlamentssitze gewinnen konnte. Den\n<a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/turkey-elections-2018/\">vorl\u00e4ufigen\nErgebnissen des Hohen Wahlausschusses</a>\nzufolge gewann Erdo\u011fan den Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf mit 52,6\nProzent, w\u00e4hrend sein Hauptrivale Muharrem Ince, der\nPr\u00e4sidentschaftskandidat der Republikanischen Volkspartei (CHP),\neinen Stimmenanteil von 30,6 Prozent erreichte. In der Parlamentswahl\nerhielt die Volksallianz 53,7 Prozent der Stimmen, w\u00e4hrend die\n<i>Allianz der Nation</i>\n(Millet \u0130ttifak\u0131) \u2013 die sich aus der\nCHP, der nationalistischen Guten Partei (\u0130Y\u0130 Parti) und der\nreligi\u00f6s-konservativen Partei der Gl\u00fcckseligkeit (SP) zusammensetzt\n\u2013 ein Ergebnis von 33,9 Prozent erzielen konnte. Demzufolge erh\u00e4lt\ndie Volksallianz 344 der insgesamt 600 Parlamentssitze, womit sie\neine absolute Mehrheit sicherstellen kann. Die Allianz der Nation\nhingegen erlangte lediglich 189 Sitze. Dar\u00fcber hinaus erreichte die\nunabh\u00e4ngige, linke und pro-kurdische Oppositionspartei der HDP 67\nSitze mit einem Wahlergebnis von 11,6 Prozent der Stimmen.</p>\n\n<p>So\nviel zu den nackten Zahlen. Aber was bedeuten sie? Anbei sechs\nAnmerkungen zu den Wahlen:</p>\n\n<h2><b>1.\nDie Wahlen waren illegitim</b>.<br/></h2><p>S\u00e4mtliche Parteien und Pr\u00e4sidentschaftskandidatInnen akzeptierten\nprompt die Wahlresultate. W\u00e4hren der Pr\u00e4sidentschaftskandidat der\nCHP Ince und der Parteisprecher der CHP Tezcan im Zuge der ersten\nMeldungen zu den Ausz\u00e4hlungen darauf pochten, dass die vorl\u00e4ufigen\nResultate v\u00f6llig abwegig seien, ruderten sie binnen Stunden komplett\nzur\u00fcck. Derweil gab die Kandidatin der Guten Partei Ak\u015fener\n\u00fcberhaupt nichts von sich. Wir k\u00f6nnen nur dar\u00fcber spekulieren, ob\nes hinter den Kulissen zu Absprachen gekommen ist oder sich alle mit\nden Ergebnissen mehr oder weniger zufriedengegeben haben.\nNichtsdestotrotz gab es am Sonntag zahlreiche Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten im Wahlablauf.\nBeispielsweise in der s\u00fcd\u00f6stlichen kurdischen Provinz Urfa, wo\nBeobachter*innen der Oppositionsparteien gewaltsam aus den\nWahllokalen entfernt oder Leute dabei erwischt wurden, wie sie\ntausende Stimmzettel einzuschmuggeln versuchten und dergleichen\nmehr. In derselben Provinz wurden zehn Tage zuvor vier Personen\nermordet, als es w\u00e4hrend des Wahlkampfes eines AKP-Kandidaten zu\neiner bewaffneten Auseinandersetzung zwischen dessen Bodyguards und\nder Familie eines Kleinh\u00e4ndlers kam, der sich als Unterst\u00fctzer der\nHDP zu erkennen gab. Tats\u00e4chlich konzentrierten sich die\nUnregelm\u00e4\u00dfigkeiten auf die kurdischen Provinzen Urfa und \u015e\u0131rnak,\nwo es im Grunde keine internationalen Wahlbeobachter*innen gab und\nlokale Beobachter*innen einfach rausgekickt wurden. Der <a href=\"https://www.osce.org/odihr/elections/turkey/385671?download=true\">vorl\u00e4ufige\nBericht der OSZE</a>-Wahlbeobachtungsdelegation berichtet von heftigen Einschr\u00e4nkungen und\nIrregularit\u00e4ten (im Bericht ab S. 14): In 12 Prozent aller besuchten Wahllokale wurde\nstarke Pr\u00e4senz von Sicherheitskr\u00e4ften festgestellt, die sich oft\n(33 Prozent) in den Wahlprozess einmischten; 14 Prozent aller\nbeobachteten  Ausz\u00e4hlungen wurden als \u201emangelhaft durchgef\u00fchrt\u201c\neingestuft (<i>counting\nwas assessed negatively</i>);\nbei 20 Prozent (!) aller beobachteten Ausz\u00e4hlungsprozesse waren\nschwer identifizierbare \u201enicht authorisierte\u201c Personen anwesend,\ndie teils in den Prozess eingriffen; 25 Prozent (!) aller\nbeobachteten Wahlurnenkommissionen hatten Probleme beim Ausf\u00fcllen\nder Ergebnisprotokolle; bei 20 Prozent aller beobachteten\nAusz\u00e4hlprozesse wurden seitens der Wahlurnenkommissionen leere\nErgebnisprotokolle im vornherein unterschrieben oder Eintragungen\nbewusst (!) gef\u00e4lscht (<i>deliberately\nfalsified</i>);\nebenfalls bei 20 Prozent aller beobachteten F\u00e4lle wurden die\nErgebnisse nicht \u00f6ffentlich ausgehangen; zus\u00e4tzlich wurden bei \u00fcber\n10 Prozent der Bezirkswahlkommissionen, bei denen die\nZusammenf\u00fchrungen von Ergebnisprotokollen stattfanden, M\u00e4ngel\nfestgestellt, bei 25 Prozent der beobachteten F\u00e4lle \u201ekorrigierten\u201c\n(?!) die jeweiligen Wahlurnenkomissionen ihre Protokolle w\u00e4hrend der\nZusammenf\u00fchrungen ohne formalen Beschluss. Diese durchaus in\nn\u00fcchternem, technischen Tonfall gehaltene aber an sich<i>\nvernichtende</i>\nBeurteilung des Wahlablaufs seitens der\nOSZE-Wahlbeobachtungsdelegation, die noch nicht einmal in die\nproblematischsten Bezirke reisen konnte, zeigt, dass millionenfacher\nWahlbetrug durchaus im Bereich des M\u00f6glichen liegt.</p>\n<p>Derlei\nZwischenf\u00e4lle deuten lediglich auf die Tatsache hin, dass es den\nWahlen an Legitimit\u00e4t mangelt, nicht zuletzt aufgrund des\nAusnahmezustandes, der seit dem gescheiterten Milit\u00e4rputsch vom Juli\n2016 herrscht. Unter dem Vorwand des Kampfes gegen die Drahtzieher\ndes Milit\u00e4rputsches schreckten Erdo\u011fan und seine AKP \u2013 zusammen\nmit ihrer faschistischen B\u00fcndnispartnerin der MHP \u2013 vor nichts\nzur\u00fcck, um einen regelrechten Krieg gegen oppositionelle Stimmen zu\nf\u00fchren und zehntausende Politiker*innen und Aktivist*innen\neinzukerkern, um die Justiz schrittweise zu \u00fcbernehmen und eine\nnahezu absolute Kontrolle \u00fcber die im Grunde vollends\nzentralisierten Medien zu erlangen. Sogar die rechten Parteien und\nPr\u00e4sidentschaftskanditat*innen konnten sich keiner\nMedienberichterstattung erfreuen, ganz zu schweigen von der HDP und\nihrem ehemaligen Co-Vorsitzenden und inhaftierten\nPr\u00e4sidentschaftskandidaten Selahattin Demirta\u015f. Was\nalso klar und sehr viel bedeutsamer ist als die unmittelbaren\nUnregelm\u00e4\u00dfigkeiten am Wahltag selber, ist die allumfassende\nIllegitimit\u00e4t der Wahlen an sich.</p>\n<h2><b>2.\nDie MHP ist zu einem zentralen Akteur geworden.</b> <br/></h2><p>Wenn es einen klaren Wahlsieger gibt, dann ist es der\nsunnitisch-t\u00fcrkische Block, bestehend aus der AKP, der MHP und der\nGuten Partei (\u0130Y\u0130 Parti). Obwohl letztere sich als oppositionelle\nKraft positioniert, unterscheidet sie sich vor allem in Bezug auf ihr\npolitisches Projekt und ihre Vision kaum von den beiden anderen\nParteien. Der Stimmenanteil dieses Blocks bel\u00e4uft sich auf circa 64\nProzent. Dies muss vor dem Hintergrund einer permanenten\nchauvinistischen Mobilisierung und dem Narrativ des\nAnti-Terror-Krieges im Allgemeinen und der Kriegsf\u00fchrung gegen die\nKurden im Besonderen gedeutet werden. \n</p>\n<p>In\nBezug auf die siegreiche Volksallianz lohnt es sich, die\nWahlresultate der AKP und der MHP genauer unter die Lupe zu nehmen.\nW\u00e4hrend Erdo\u011fan als Sieger dieser Wahlen erscheint und freilich <a href=\"https://www.msnbc.com/hallie-jackson/watch/erdogan-s-supporters-celebrate-after-election-win-in-turkey-1263443523705\">als\nsolcher dargestellt</a>\nwird, ist das bei n\u00e4herer Betrachtung gar nicht so\nselbstverst\u00e4ndlich. Er selbst wei\u00df genau, dass es vor allen Dingen\nseine Partei gewesen ist, die schwere R\u00fcckschl\u00e4ge einstecken\nmusste. Die nur bedingte Freude \u00fcber die Wahlresultate zeugt davon.</p>\n<p>Die\nAKP hat \u00fcber zwei Millionen Stimmen verloren, was einem Verlust von\nsieben Prozent der W\u00e4hlerstimmen gleichkommt. Damit misslang es ihr,\n301 Sitze im Parlament zu ergattern und sich damit eine\nParlamentsmehrheit zu garantieren. Erdo\u011fan kann den politischen\nProzess k\u00fcnftig nur zusammen mit der MHP nach seinem Gutd\u00fcnken\neinrichten.</p>\n<p>Das\nwiederum bedeutet, dass die MHP gest\u00e4rkt aus den Wahlen hervorgeht.\nDer absolut unerwartet hohe Anteil an Stimmen, welche der MHP zufielen, ist eine der Besonderheiten dieser Wahlen, die einer Erkl\u00e4rung\nbedarf. Obwohl die Partei sich gespalten und die daraus neu\nentstandene \u0130Y\u0130 Parti \u00fcber 10 Prozent der Stimmen erlangt hat, ist\ndie MHP in der Lage gewesen, ihren Stimmenanteil von ungef\u00e4hr 11\nProzent bei den letzten Wahlen vom 1. November 2015 zu erhalten.\nDabei hat die MHP seit dem abrupten Auftakt zum Wahlkampf im Grunde\nkeine \u00f6ffentliche Kampagne gef\u00fchrt \u2013 ihr\nF\u00fchrer Devlet Bah\u00e7eli beispielsweise hielt insgesamt nur zwei oder drei Kundgebungen ab,\nverglichen mit den 107 Kundgebungen, die Muharrem \u0130nce zustande\ngebracht hat. Trotz ihrer v\u00f6lligen Unt\u00e4tigkeit schaffte es die MHP, eine wesentliche Steigerung ihres W\u00e4hleranteils in\nden vorwiegend kurdischen Regionen zu erzielen, w\u00e4hrend sie in\nvielen ihrer traditionellen Hochburgen wie Osmaniye, Adana oder\nMersin regelrecht eingebrochen ist. <a href=\"http://cilekagaci.com/2018/06/30/haziran-2018-secim-analizi-ve-oy-gecisleri/\">Laut\nersten Analysen</a>\nvon W\u00e4hler*innenwanderung \u2013 die nat\u00fcrlich mit offiziellen Zahlen\nund \u201eehrlichen\u201c W\u00e4hler*innenangaben operieren und deshalb mit\nVorsicht zu genie\u00dfen sind \u2013 hat die MHP 66 Prozent (!) ihrer\nW\u00e4hlerschaft vom 1. November 2015 an die \u0130Y\u0130 Parti verloren, daf\u00fcr\naber fast eben so viele Stimme aus der AKP-W\u00e4hlerschaft hinzugewonnen (15 Prozent der gesamten AKP-W\u00e4hlerschaft vom 1.\nNovember 2015). Es ist klar: Falls es einen Betrug gr\u00f6\u00dferen\nAusma\u00dfes gegeben haben sollte, dann wurde dieser zum Vorteil der MHP\nvollzogen.</p>\n<p>Da\nnun der AKP eine absolute Mehrheit im Parlament fehlt, konnte der\nMHP-F\u00fchrer Bah\u00e7eli nach den Wahlen <a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/mhp-leader-bahceli-hails-historic-success-in-turkeys-elections-133776\">verlauten\nlassen</a>, dass\nseine Partei ab sofort eine \u201eSchl\u00fcsselposition im Parlament\u201c\nhalte. Die MHP wird k\u00fcnftig in der Lage sein, sich selbstsicherer\nund entschiedener durchzusetzen, vor allem was die \u201eKurdische\nFrage\u201c anbelangt. Es ist sehr wahrscheinlich davon auszugehen, dass\ndie AKP-MHP-Allianz in den kommenden Monaten einen noch unverhohlener\nfaschistoiden Kurs fahren wird.</p>\n\n<h2><b>3.\nDie CHP wird zerr\u00fcttet.</b> <br/></h2><p>Die CHP und ihr Pr\u00e4sidentschaftskandidat Muharrem Ince sind im\nHinblick auf eine zweite Wahlkampfrunde ziemlich optimistisch und von\nsich \u00fcberzeugt gewesen. Insbesondere Ince betrieb einen\nerfolgreichen Wahlkampf, der eine Restauration in Aussicht stellte\nund Millionen von anfangs demoralisierten W\u00e4hlern mobilisierte.\nAllerdings markieren die Wahlresultate eine neu entstehende Krise\ninnerhalb der Partei. Die CHP verlor im Vergleich zu den Ergebnissen\nder Wahlen vom 1. November 2015 sogar noch drei Prozent und verharrte\nbei 22,6 Prozent \u2013 eine sehr ern\u00fcchternde Bilanz f\u00fcr ihre\nAnh\u00e4nger*innen. Ince selbst lie\u00df in seiner Stellungnahme am Montag nach der Wahl\n<a href=\"https://www.cnnturk.com/video/turkiye/chpnin-adayi-muharrem-inceden-secim-sonrasinda-ilk-aciklama\">durchblicken</a>,\ndass er als derjenige Pr\u00e4sidentschaftskandidat, der acht\nProzentpunkte mehr als seine Partei bekommen habe und damit der erste\nCHP-Kandidat sei, der seit 1977 mehr als 30 Prozent der Stimmen\nerlangte, entweder auf die \u00dcbernahme der Partei dr\u00e4ngen oder\nandernfalls eine neue Partei gr\u00fcnden w\u00fcrde, und dass er\nunverz\u00fcglich mit den Vorbereitungen f\u00fcr die anstehenden Wahlen\nbeginnen wird. Der amtierende Parteivorsitzende Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu\n<a href=\"http://haber.sol.org.tr/turkiye/kilicdaroglundan-istifa-ve-ince-aciklamasi-241165\">entgegnete</a>\ndem am Dienstag mit der Verweigerung einer Gratulation Erdo\u011fans \u2013\nwas Ince wiederum getan hatte \u2013 und brachte seinen Unmut \u00fcber\nKarrierismus innerhalb der Partei geh\u00e4ssig zum Ausdruck. Die\nTatsache, dass K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, der die Partei nun schon durch neun\nWahlen geleitet hat, die alle sehr entt\u00e4uschend f\u00fcr die Partei\nausgingen, trotz allem noch immer nicht zur\u00fccktritt, karikiert das\nGepolter \u00fcber Karrierismus und Leute, die sich an ihre Posten\nkrallen. Demgegen\u00fcber <a href=\"https://www.ntv.com.tr/turkiye/muharrem-inceden-81-ile-tesekkur-ziyareti,80xAlprAh0SHkRX1LZ9Yog\">erwiderte</a>\nInce, dass er durchs ganze Land reisen und in allen 81 Provinzen\nTreffen halten w\u00fcrde, um den Menschen f\u00fcr ihre Unterst\u00fctzung zu\ndanken. Es ist offensichtlich, dass eine solche Tour etwas ist, was\nein Parteif\u00fchrer \u201eso macht\u201c. Demnach k\u00fcndigt sich eine Krise\nan, die durchaus zu einer Spaltung der Partei f\u00fchren k\u00f6nnte.</p>\n\n<h2><b>4.\nDie HDP trotzte den Umst\u00e4nden.</b> <br/></h2><p>Eine andere Gewinnerin der Wahlen ist die HDP gewesen. Trotz der\numfassenden Repression, der Vertreibung und Einkerkerung unz\u00e4hliger\npolitischer Kader (einschlie\u00dflich ihres Pr\u00e4sidentschaftskandidaten\nSelahattin Demirta\u015f), trotz der Gewalt und der Drohungen am Tag der\nWahlen, insbesondere in den kurdischen Provinzen, schaffte es die HDP\neinmal mehr, sich zu konsolidieren; sie \u00fcberwand die h\u00f6chst undemokratische\nWahlh\u00fcrde von 10 Prozent und schaffte den Einzug ins Parlament. Dabei ist die HDP diejenige Partei, die, wie <a href=\"http://cilekagaci.com/2018/06/30/haziran-2018-secim-analizi-ve-oy-gecisleri/\">erste\nAnalysen</a> von\nW\u00e4hler*innenwanderung aufzeigen, am meisten Stammw\u00e4hlerschaft\ndeshalb verlor, weil diese nicht zu den Wahlurnen gegangen ist\noder, was nahe liegt, aufgrund\nvon Repression und Wahlurnenverlegung nicht gehen<i>\nkonnte</i>: So hat die HDP f\u00fcnf Prozent\nihrer W\u00e4hlerschaft des 1. Novembers 2015 (was in etwa ein halbes\nProzent all derjenigen, die gew\u00e4hlt haben, ausmacht) durch\nWahlabstinenz verloren. Dies zeigt erneut, dass trotz aller\nRepression eine starke pro-kurdische Partei zur unbestreitbaren\nRealit\u00e4t der t\u00fcrkischen Politik geworden ist. \n</p>\n<p>Dar\u00fcber\nhinaus bem\u00fchte sich die HDP \u2013 ungeachtet einiger Tendenzen der\nLiberalisierung \u2013 darum, die Dynamiken sozialistischer\nOrganisationen und Repr\u00e4sentant*innen weiterer popul\u00e4rer Str\u00f6mungen\nzu integrieren. Diesmal werden offen revolution\u00e4re Sozialist*innen\nwie Erkan Ba\u015f von der Arbeiterpartei der T\u00fcrkei (T\u0130P), Oya Ersoy\nvon den Halkevleri (Volksh\u00e4user), Misa Piro\u011flu von der\nRevolution\u00e4ren Partei (DP), Murat \u00c7epni von der Sozialistischen\nPartei der Unterdr\u00fcckten (ESP) und einige andere im Parlament sitzen\nund unentwegt gegen Diktatur und Kapital ank\u00e4mpfen. Die HDP ist die\neinzige Partei im Parlament und somit die einzige gr\u00f6\u00dfere Partei\nder t\u00fcrkischen Politik, die standhaft gegen die\nt\u00fcrkisch-sunnitisch-patriarchale Allianz ank\u00e4mpft. Es bleibt\nabzuwarten, was mit der CHP passieren wird; die HDP jedoch muss nun\ndie Initiative ergreifen und die popularen Dynamiken anfachen.</p>\n\n<h2><b>5.\nVon der Perspektive der K\u00e4mpfe her betrachtet ist die Lage gar nicht\nso schlecht.</b> <br/></h2><p>Der\nCharakter der t\u00fcrkischen Bourgeoisie und als solcher jener ihres\nStaates ist dergestalt, dass sie die Tradition des despotischen\nStaates reproduziert, die bis auf das Osmanische Reich als Garanten der\nKlassenherrschaft zur\u00fcckgeht. W\u00e4hrend diese\nStaatstradition historisch grundlegende Transformationen durchmachte\nund sich im Zuge dieser Wahlen vor\u00fcbergehend um die AKP/MHP herum\nstabilisiert, konnten sich vor allem seit den Gezi-Aufst\u00e4nden 2013\nbestimmte populare Dynamiken als konstante Faktoren der t\u00fcrkischen\nPolitik etablieren, die sich dem Staat widersetzen und diesem\ngegen\u00fcber wenig bis gar keine Erwartungen mehr hegen. Dies ist auch\nder Grund daf\u00fcr, weshalb jene Kr\u00e4fte, die durch Gezi und Rojava\nentfesselt wurden, dem AKP/Erdo\u011fan-Regime nach wie vor mehr Angst\neinfl\u00f6\u00dfen als innerstaatliche Rivalit\u00e4ten oder Putschversuche und\ndergleichen. Frauen, Alevit*innen, Kurd*innen, Arbeiter*innen und\nviele mehr haben diesem Regime gegen\u00fcber keinerlei Erwartungen mehr.\nDie Bem\u00fchungen der CHP und der \u0130Y\u0130 Parti richten sind deshalb an\ndiese Teile der Gesellschaft, da sie kurz davor sind, g\u00e4nzlich mit\ndem Staat zu brechen \u2013 nat\u00fcrlich mit dem Zweck, sie wieder\neinzugliedern.</p>\n<p>Im\nHinblick auf diese Massendynamiken wirkten die Wahlergebnisse zwar\nentmutigend, jedoch sollten sie kein Grund f\u00fcr eine allgemeine\nFrustration sein. Obwohl sich die meisten einen Abgang Erdo\u011fans\nerhofft und erw\u00fcnscht hatten, bleiben die gesellschaftlichen\nMachtbeziehung weitestgehend intakt. Zugegebenerma\u00dfen konnten\nErdo\u011fan und der AKP/MHP-Block zwar einen gewissen Machtzuwachs\nverzeichnen, jedoch sollte man den auf Solidarit\u00e4t zwischen den\npopularen Lagern beruhenden Wahlkampf als Erfolg deuten, der hoffen\nl\u00e4sst.</p>\n\n<h2><b>6.\nWas wird nun passieren?</b> <br/></h2><p>Die Wahlergebnisse zeigen, dass das soziale und politische System der\nT\u00fcrkei weiterhin blockiert ist. Auch wenn sich die Machtbeziehungen\nin Folge der Wahlen und der Institutionalisierung des faktisch\nbereits vorherrschenden diktatorialen Pr\u00e4sidialsystems geringf\u00fcgig\nzum Vorteil des Erdo\u011fan-AKP/MHP-Blockes verschoben haben, stellen\nsie keinen entscheidenden Sieg dieses Blocks dar. Obwohl es\nandererseits klar ist, dass der Gegen- oder alternative hegemoniale\nBlock ebenso wenig einen entscheidenden Sieg davongetragen hat, ist\nes ebenfalls der Fall, dass er keine entscheidende<i>\nNiederlage</i>\nerfuhr. Etwa die H\u00e4lfte des Landes leistet weiterhin Widerstand\ngegen den dominanten Block wie es durchgehend seit 2013 der Fall ist.\nEs ist nicht davon auszugehen, dass die Institutionalisierung der\nbereits existierenden Pr\u00e4sidialdiktatur in dieser Hinsicht viel\nver\u00e4ndern wird. Demgegen\u00fcber macht der Aufstieg Inces und der \u0130Y\u0130\nParti Ak\u015feners deutlich, dass sich die divergierenden Meinungen\ninnerhalb des Staates und der Eliten zu Fraktionen mit eigener\npolitischer Repr\u00e4sentation ausformieren. <a href=\"http://t24.com.tr/haber/ve-meral-aksener-konustu-ysknin-onune-gitmedim-cunku,660823\">Neulich</a>\ngab Ak\u015fener beispielsweise bekannt, dass ihre Partei \u201ekeine Kinderspiele\u201c\nspiele und die HDP als \u201eRepr\u00e4sentantin der kurdischen politischen\nBewegung\u201c akzeptiere. Von einem Erdo\u011fan, der alles und jeden\nkontrolliert und vor dem sich jeder zu verbeugen hat, kann trotz der\nDominanz des Blocks sicherlich keine Rede sein. Dar\u00fcber hinaus wird\nes zu einem Machtkampf innerhalb des Erdo\u011fan-AKP/MHP-Blocks kommen,\nda es der MHP weitaus besser ergangen ist, als zu erwarten\nwar (gesetzt dem Fall, dass es keine \u00dcbereinkommen \u00fcber\nsystematischen Wahlbetrug zum Vorteil der MHP gegeben hat). Nach wie\nvor gilt, dass der Machtkampf innerhalb des dominanten Blocks dessen\nKraft in Zeiten der Krise bedrohen wird; und in der Tat ist es so,\ndass eine \u00f6konomische Krise ansteht. Die Heftigkeit und das\nManagement dieser Krise, die Haltung der Opposition und, was\nentscheidend sein wird, die Aktivit\u00e4t der Massen werden dar\u00fcber\nentscheiden, ob sich die Institutionalisierung der Diktatur\nstabilisiert \u2013 oder nicht.</p><hr/>\n<p><b>Anmerkung:</b></p>\n\n<p>Der\nArtikel erschien zu erst am 29. Juni 2018 im Onlinemagazin <a href=\"https://www.jacobinmag.com/2018/06/turkey-elections-erdogan-akp-mhp-chp\">Jacobin</a>.\nAus dem Englischen ins Deutsche \u00fcbersetzt von Evrim Mu\u015ftu; leicht\nver\u00e4ndert und aktualisiert von Alp Kayserilio\u011flu.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Bis zu\nzweitausend ehemalige SS-Angeh\u00f6rige versammeln sich im Stadtzentrum.\nAnlass ist der Jahrestag der Gr\u00fcndung zweier lettischer SS-Legionen.\nGleichzeitig protestieren Antifaschist*innen gegen die m\u00f6glicherweise\nweltweit gr\u00f6\u00dfte Versammlung von Helfer*innen der antisemitischen\nund faschistischen Vernichtungsmaschinerie. Anders als die\nSS-Versammlung wird der antifaschistische Protest jedoch von massiven\nEinschr\u00e4nkungen und politischer Repression begleitet.  \n</p>\n\n<p>Basis\nf\u00fcr eine solche Politik ist die umfassende Leugnung der\nweitreichenden Kollaboration von Teilen der lettischen Bev\u00f6lkerung\nmit dem deutschen Regime. Das entsprechende nationale Geschichtsbild\ndient vorrangig drei Zielen: erstens dem Aufbau eigener\nEntlastungsmythen, mit denen die geschichtlich belegbare Beteiligung\nsowie die politische Verantwortung an der Shoa negiert werden sollen.\nZweitens geht die Leugnung der Kolloborationen Hand in Hand mit\nantikommunistischen Geschichtsbildern und dem Ausbau eines\nantikommunistischen Diskurses, der die Kollaboration als Teil einer\n\u201enationalen Befreiung von der sowjetischen Besatzung\"\nverkl\u00e4rt. Drittens ist eine solche Praxis Teil einer umfassenden\nideologischen sowie geopolitischen Abgrenzung gegen\u00fcber Russland.<br/>\n\n</p><h3>\nDer\npolitische Kern des faschistische Gedenkens</h3><p>\nSeit 1991 wird\nin Riga j\u00e4hrlich am sogenannten \u201eTag der Legion\u00e4re\", dem Tag\nder Gr\u00fcndung der ersten und zweiten lettischen Waffen-SS-Legion,\nderen Mitgliedern gedacht. An den Veranstaltungen nehmen neben den\nnoch lebenden SS-Angeh\u00f6rigen und ihren Familien ebenfalls Mitglieder\ngegenw\u00e4rtiger faschistischer Organisationen und auch kirchliche\nVertreter teil. Dementsprechend ist der gemeinsame Gottesdienst\nobligatorischer Bestandteil der Veranstaltung. Aber wie kann es zu\neiner solchen breiten Unterst\u00fctzung f\u00fcr Kriegsverbrecher kommen?\nWie in zahlreichen anderen post-sowjetischen Staaten, werden die\nehemaligen Kollaborateur*innen der deutschen SS-Einheiten in Lettland\nals vermeintlich \"regul\u00e4re Soldaten\" verkl\u00e4rt. Auf diese\nWeise erfolgt eine Legitimation von faschistischer Kollaboration, die\nentsprechend \"gereinigt\" Eingang in die nationale \nGeschichtsschreibung findet. Dabei ist die Aufrechterhaltung eines\ngeschichtsrevisionistischen Selbstbildes sowie die Rehabilitierung\nder SS oder diverser \u201eFreiwilligenbataillone\" nicht von den\n\u00f6konomischen und geopolitischen Interessen der herrschenden\npolitischen Klasse zu trennen. \n</p>\n\n<p>Die\nKundgebung und Ehrung am \"Tag der Legion\u00e4re\" wird von der\nnationalistischen, neoliberalen und anti-russischen Partei \"Nacion\u0101l\u0101\napvien\u012bba\"\n(\u201e<i>Nationale\nVereinigung - Alles f\u00fcr Lettland\u201c</i>\n) organisiert. Sie ist\nmit 16 von 100 Sitzen in der Saeima (dem lettischen Parlament)\nvertreten und stellt drei Minister*innenposten in der aktuellen\nRegierung. Die Partei ist damit ein wichtiger Teil der neoliberalen\npolitischen Elite Lettlands, was sich ebenfalls daran zeigt, dass in\ndiesem Jahr auch Vertreter*innen der Regierungspartei \"Vienot\u012bba\"\nan der Versammlung teilnahmen. Nicht\nzuletzt durch diese enge Verbindung zwischen Gedenken und\nRepr\u00e4sentant*innen der offiziellen lettischen Politik ergeben sich\ndeutliche Parallelen zur Gedenkpolitik anderer post-sowjetischer\nStaaten (bspw. Ungarn, Ukraine). Auch dort beteiligen sich rechte und\nneoliberale Kr\u00e4fte aus der herrschenden politischen Klasse aktiv an\nder Rehabilitierung faschistischer Verbrecher*innen. \n</p>\n\n<p>Gleichzeitig\nverstehen viele Teilnehmende die Kundgebungen in Riga als deutliches\nAbgrenzungssignal gegen\u00fcber Russland, welches das Gedenken wiederum\nseinerseits als Provokation auffasst. Der anti-russischen Tendenz\nfolgend begreift sich eine Mehrheit der ehemaligen SS-Angeh\u00f6rigen\nnicht als Teil des faschistischen Machtapparates, sondern vielmehr\nals \"Veteranen\" des Kampfes gegen die Rote Armee. [1]\nFolgerichtig werden Wehrmacht und SS innerhalb des Marsches als\n\u201eBefreier\" stilisiert, die das notwendige milit\u00e4rische\nKorrektiv darstellten, um Lettland seine Souver\u00e4nit\u00e4t nach der\nOkkupation durch die Sowjetunion 1940 wiederzugeben. [ebd.] Vor\ndiesem Hintergrund werden die \u201eLegion\u00e4re\" mit ihren\nVerbrechen zu Bewahrern einer nationalen Unabh\u00e4ngigkeit umgedeutet.\nDabei f\u00fcgen sich die geschichtsrevisionistischen Ansichten der\nTeilnehmenden gr\u00f6\u00dftenteils nahtlos in den herrschenden lettischen\nGeschichtsdiskurs ein. So entsteht der Eindruck, dass die Kundgebung\nim Zusammenspiel mit einer sich politisch zuspitzenden\nanti-russischen Stimmung nicht zuletzt einer schleichenden\nMobilmachung reaktion\u00e4rer Positionen gegen\u00fcber dem \"gef\u00fcrchteten\"\nNachbarstaat dienen. Widerspruch wird dabei nicht geduldet, sodass\nantifaschistische Gegenproteste bereitwillig von den lettischen\nRepressionsorganen unterdr\u00fcckt werden. B\u00fcndnisse wie \u201eLettland\nohne Nazismus\" werden immer wieder am Protest gehindert und\ndeutsche Antifaschist*innen sogar widerrechtlich bei der Einreise\nabgewiesen bzw. abgeschoben.[2]<br/>\n\n</p>\n\n<h3><a></a>Kollaboration\nals indivduelles Moment?<br/></h3><p>\nTrotz der dominanten Tendenzen,\ndie nationale Geschichte im Sinne politischer \u00dcberlegungen von den\nSpuren faschistischer Kollaboration zu befreien, lassen sich die\nbekannten Fakten nur schwer leugnen. W\u00e4hrend der Besatzung standen\nunterschiedlichen Angaben zufolge 160.000 \u2013 200.000 Lett*innen im\nmilit\u00e4rischen Dienst der Besatzungsmacht. Diese arbeiteten h\u00e4ufig\nder Vernichtung j\u00fcdischer Bewohner*innen Lettlands zu und stellten\neine wichtige Ressource f\u00fcr die Verfolgung. Deportationen und\nMassenmorde wurden dabei von Sondereinheiten der deutschen\nSicherheitspolizei, vor allem der \u201eEinsatzgruppe A\",\ndurchgef\u00fchrt. Dar\u00fcber hinaus initiierten deutsche Einheiten\n\u201espontane\" Progrome, indem sie antisemitische Lett*innen in\nparamilit\u00e4rischen Einheiten organisierten und bewaffneten. [3]\nMehrere hundert J\u00fcd*innen sind bei diesen \u201eAufst\u00e4nden\" im\nLand get\u00f6tet worden. Insgesamt sind sch\u00e4tzungsweise 80.000\nlettische J\u00fcd*innen in der Shoa ermordet worden. Allein 13.000 von\nihnen fielen unmittelbar der Einheit um den Letten Viktors\nAr\u0101js zum Opfer. Dar\u00fcber hinaus waren die bis zu 1.200 von ihm\ngef\u00fchrten Kollaborateure an Massenerschie\u00dfungen in den W\u00e4ldern des\nRigaer Umlandes beteiligt, die 12.000\nMenschen das Leben kosteten. [4] Neben der direkten und\nadministrativen Beteiligung an der Verfolgung von J\u00fcd*innen, waren\ndie Aussichten auf \u00f6konomische Vorteile ausschlaggebend. Gerade die\nAussicht auf materielle Bereicherung nach der Vertreibung bzw. der\nR\u00e4umung des Rigaer Ghettos Ende 1943 ermutigte Nicht-J\u00fcd*innen zu\npolitischem Opportunismus.\u00a0</p><p>\nViele dieser Verbrechen finden in\nder offiziellen oder dominanten lettischen Geschichtsschreibung kaum\neinen Platz. So ist bspw. das freifinanzierte lettische\n\u201eOkkupationsmuseum\" in Riga bem\u00fcht, die Verantwortung f\u00fcr\nVerbrechen im \u201eReichskommissariat Ostland\" auf Individuen und\neinzelne Biographien herunterzubrechen. Nicht zu leugnende\nVerbrechen, wie die der Gruppe um Ar\u0101js,\nwerden so zu Einzeltaten in einem vermeintlich nicht-faschistischen\nStaat. Gleichzeitig werden andere Kollaborateur*innen noch als\n\u201enationale Partisanen\u201c verherrlicht, wie das Rigaer Museum\n\u201eEckhaus\u201c als ehemaliger Ort des Riager Hauptquartiers des\nKomitees f\u00fcr Staatssicherheit (KGB) bem\u00fcht. \n\n</p>\n\n\n<h3>Umk\u00e4mpfte\nErinnerungen und ihre Funktionen</h3>\n\n<p>Der\nMythos von der \u201eBefreiung\" von der Sowjetunion, die Lettland\nnach dem Hitler-Stalin-Pakt okkupierte, ist weiterhin bestimmend. Die\nLeugung weitgehender Kollaborationen im Rahmen der Shoa sowie die\nRehabilitierung der daran beteiligten faschistischer Einheiten\nerf\u00fcllen im Rahmen des Status Quo wichtige Aufgaben. In Lettland\nsowie vielen ehemaligen sowjetischen Teilrepubliken ist der Kampf um\ndie geopolitische und -strategische Ausrichtung seit 1989 neu\nentfacht. Der antikommunistische Diskurs gegen die Sowjetunion dient\nheute dazu, um ideologisch gegen Russland mobil zu machen. Die\nbaltischen L\u00e4nder sind wie viele osteurop\u00e4ische Staaten inzwischen\nNATO-Frontstaaten und Orte zunehmender Konzentration von\nentsprechendem milit\u00e4rischem Ger\u00e4t und Personal. Die gro\u00dfe\nVeteranen-Veranstaltung ist als Teil einer umfassenden Strategie zu\nverstehen, die politische Grenzziehung zwischen der EU/ NATO und\nRussland weiter festzuschreiben. W\u00e4hrend\naktuell Kriegsschiffe der NATO-B\u00fcndnispartner in der Stadt ankern,\ngeht der ideologische Kampf nur wenige hundert Meter vor dem\nzentralen \u201eFreiheitsdenkmal\" im Rahmen der\nGedenkveranstaltungen weiter. Auch in den benachbarten Staaten\nLitauen und Estland sind vergleichbare rechte Diskursk\u00e4mpfe zu\nbeobachten. Neben der zunehmenden Militarisierung durch\nNATO-Pr\u00e4senzen nehmen reaktion\u00e4re Gewschichtsdeutungen als Teil\numfassender Abgrenzungsbewegungen weiter zu. \n</p><p>\nSo\nstellt die ideologische Grenzziehung mit Blick auf die ethnische\nZusammensetzung Lettlands eine gro\u00dfe gesellschaftliche\nHerausforderung dar. Fast 27 Prozent der Lett*innen bezeichnen sich\nselbst als Russ*innen. Sie sehen sich von lettischen\nNationalist*innen immer wieder mit Anschuldigungen konfrontiert,\n\u201eAgent*innen des Nachbarlandes zu sein\". Politische\nAuseinandersetzungen und Bewertungen um die Geschichte des Landes\nwerden vor diesem Hintergrund h\u00e4ufig ethnisiert. Das provokante,\nfaschistische Gedenken im politischen Zentrum des Landes bildet somit\nnicht nur eine politische, sondern auch eine gesellschaftliche\nDemarkationslinie. 2018 wird das lettische Parlament neu gew\u00e4hlt.\nEin weiterer Ausbau des Stimmenanteils von Parteien, die den\nFachismus relativieren oder verherrlichen sowie anti-russischer\nPositionen vertreten, ist angesichts der Spannungen wahrscheinlich.\nDie neoliberale und reaktion\u00e4re lettische Elite wird mit allen\nMitteln weiter an der \u201eWestanbindung\" halten, die\nrevisionistische Veranstaltung ist ein nicht zu vernachl\u00e4ssigendes\nGlied davon. Es w\u00e4re die Aufgabe einer solidarischen\nantifaschistische Bewegung, sich auch Gedanken zur m\u00f6glichen\nUnterst\u00fctzung der lettischen Genoss*innen zu machen, um dem\npro-faschistischen Backlash international zu begegnen.\u00a0</p><p></p><hr/>\n<h3>Anmerkungen:<br/></h3><p>\n<b>[1]\n</b>Julian Feldmann: Lettland: Jubel f\u00fcr SS und Bundeswehr,\nhttps://daserste.ndr.de/panorama/aktuell/Lettland-Jubel-fuer-SS-und-Bundeswehr,riga162.html<br/>\n<br/>\n<b>[2]\n</b>Thomas Willms: Keine Ehrung der lettischen Waffen-SS!,\nhttps://vvn-bda.de/keine-ehrung-der-lettischen-waffen-ss-2/<br/>\n<br/>\n<b>[3]</b>\nJ\u00f6rg Baberowksi: Pogrome und Exekutionen tagein tagaus,\nhttp://www.deutschlandfunkkultur.de/pogrome-und-exekutionen-tagein-tagaus.1270.de.html?dram:article_id=247199<br/>\n<br/>\n<b>[4]\n</b>Katrin Reichelt: Between initiative an oppertunism: the role of\nLatvians in the persecution of the jews under Nazi occupation, Riga\n2015.<br/>\n<br/>\n\n</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/umk%C3%A4mpfte-erinnerungen/", "id": "https://revoltmag.org/articles/umk%C3%A4mpfte-erinnerungen/", "author": {"name": "Felix Broz", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2018-05-07T14:12:35.325732+00:00", "date_modified": "2018-05-07T14:12:35.325732+00:00", "tags": ["re:port", "geschichtsrevisionismus", "juden", "russland", "faschismus", "lettland", "ns", "baltikum", "riga", "gedenken", "antikommunismus", "nato"], "summary": "Im lettischen Riga findet jeden jedes Jahr im M\u00e4rz Gedenkveranstaltung zu Ehren von faschistischen Kollaborateur*innen statt. Der Artikel von Felix Broz unternimmt den Versuch, die Stimmung in der lettischen Gesellschaft einzufangen und deren geopolitische Tragweite darzustellen."}, {"title": "Faschismus im Trikont: Ist der IS faschistisch?", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Faschismus im Trikont: Ist der IS&nbsp;faschistisch?</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"IS\" height=\"420\" src=\"/media/images/ISIS_enters_Rakka.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">OpenSource</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>In\neinem Punkt scheinen sich weite Teile der radikalen Linken in puncto\nSyrien einig zu sein: Der Islamische Staat (IS), die\nDjihadistenmiliz, deren Wurzeln im Al-Qaida Netzwerk des Irak liegen\nund die bis vor ein, zwei Jahren weite Teile des Irak und Syriens\nkontrollierte, muss weg. Die Motivation dahinter ist sicherlich\nunterschiedlich. Ein Motiv taucht jedoch schon seit l\u00e4ngerer Zeit\nimmer wieder auf, ohne dass es in der Regel hinreichend begr\u00fcndet\nwird: Der Islamische Staat m\u00fcsse bek\u00e4mpft werden, denn er sei eine\nfaschistische Bewegung. Die kurdische Befreiungsbewegung spricht vom\nFaschismus, weite Teile der t\u00fcrkischen Linken sprechen vom\nFaschismus und auch in Deutschland ist das Argument von einem\n<i>islamischen Faschismus</i> in\nBezug zur T\u00fcrkei Erdo\u011fans oder eben den zahlreichen\nDjihadistenmilizen weltweit zunehmend popul\u00e4r \u2013 nicht nur in der\nLinken, sondern gerade auch in der <i>Neuen Rechten</i>.\nWarum ist die Frage also relevant? Weil an der Frage, ob etwas\nfaschistisch ist oder nicht, die Frage dranh\u00e4ngt, wie ein Gegner zu\nbek\u00e4mpfen ist, auf welche historische Strategien zur\u00fcckgegriffen\nwerden kann oder eben nicht: ,,Know your Enemy\u201c ist eben auch f\u00fcr\neine Linke zentral, die den Kampf aufnehmen will.</p>\n\n<h3>\n<b>Was ist Faschismus?</b></h3>\n<p>\nDoch rekapitulieren wir nochmal: Was ist klassischerweise Faschismus?\nDer Faschismus ist erstmal eine politische Bewegung und eine\nautorit\u00e4re und staatsterroristische Variante b\u00fcrgerlicher\nHerrschaft, das hei\u00dft ein modernes Ph\u00e4nomen, das sich auf den\nKapitalismus als \u00f6konomische Basis und den b\u00fcrgerlichen Staat als\npolitischer Form bezieht. Er beinhaltet ein jeweils verschiedenes\nIdeologiekonglomerat, das im Groben aus Versatzst\u00fccken eines\nv\u00f6lkischen Nationalismus, verschiedenen Spielarten des Rassismus,\nMilitarismus, Autoritarismus, Antifeminismus und Antikommunismus\nbesteht. Einer seiner Hauptfunktionen \u2013 unabh\u00e4ngig von, aber\nmeistens deckungsgleich mit seinem eigenen Selbstverst\u00e4ndnis \u2013 war\nund ist die Eliminierung jeder fortschrittlichen Bewegung und\nOrganisation. Zur Macht gekommen war sein Regime stets in einem\nHerrschaftsb\u00fcndnis der r\u00fcckst\u00e4ndigsten und autorit\u00e4rsten Teile\nder Gesellschaft: Kirche, Krone, Milit\u00e4r, Geheimdienste, v\u00f6lkische\nKonservative und Anhang, zusammen mit dem gro\u00dfen Kapital und dem\nGro\u00dfgrundbesitz. In seinem Klassenhintergrund und Standpunkt als\nBewegung ist er im Prinzip gro\u00dfb\u00fcrgerlich mit kleinb\u00fcrgerlicher\nMassenbasis, versucht aber durch seine vermeintlich\nantikapitalistische, faktisch v\u00f6lkische Rhetorik auch die unteren\nKlassen unter sich zu vereinen. Ein zentrales Moment seiner\nHerrschaftsmethode ist die Massenmobilisierung. Wenn wir diesen\nZusammenhang betrachten, m\u00fcssen wir zun\u00e4chst eines festhalten: Die\nMehrheit der Bewegungen und Regime, die klassischerweise als\nfaschistisch bezeichnet werden, waren europ\u00e4isch. Das Konzept\nFaschismus selbst kommt aus Italien.</p>\n\n<h3>\n<b>Die \u00c4hnlichkeiten</b></h3>\n<p>Kann\nalso auf diesem Hintergrund davon gesprochen werden, dass der IS\nfaschistisch ist? Zweifellos hat der IS ein reaktion\u00e4res Programm\nmit entsprechender autorit\u00e4rer Ideologie. Wie der historische\nFaschismus, ist auch der IS die Nemesis jeder progressiven Bewegung.\nMit einer vermeintlich antiimperialistischen Rhetorik und sozialer\nDemagogie versucht der IS eine klassen\u00fcbergreifende\nUnterst\u00fctzungsbasis herzustellen. Der IS tastet\nEigentumsverh\u00e4ltnisse nicht an, sondern verb\u00fcndet sich mit dem\njeweils lokal ans\u00e4ssigen Kapital und dem internationalen Kapital\nseiner Unterst\u00fctzer in der T\u00fcrkei, Saudi-Arabien und so weiter.\nDar\u00fcber hinaus verfolgt er ein strikt genozidales Programm der\nLiquidierung von Minderheiten beziehungsweise deren Gleichschaltung\nin ein totales theokratisches System. \u00c4hnlichkeiten liegen also auf\nder Hand.</p>\n\n<h3>\n<b>Die Unterschiede</b></h3>\n<p>Kommen\nwir zu den Unterschieden. Der IS baut seine Herrschaft in\nnicht-europ\u00e4ischen Gesellschaften auf, die von Mischformen\nb\u00fcrgerlicher, feudaler und semi-feudaler Produktionsweisen und\nGesellschaftsformen oder zumindest transformierten \u00dcberresten\nhiervon gepr\u00e4gt sind. Zumeist auch in solchen L\u00e4ndern, in denen das\nb\u00fcrgerliche Staatsverst\u00e4ndnis durch den westlichen Kolonialismus\nerst importiert wurde und mehr auf Aushandlungen und Machtteilung mit\nlokalen Eliten basierte als auf einer zentralstaatlichen Autorit\u00e4t.\nDas sind ganz grundlegend andere Voraussetzungen, die andere Folgen\nzeitigt: Der IS bezieht sich weder auf das moderne Konzept <i>Nation,\n</i>noch auf das Konzept<i>\nVolk, </i>noch auf das Konzept\n<i>b\u00fcrgerlicher Staat. </i>Stattdessen\nbegr\u00fcndet er seine Herrschaft religi\u00f6s und verfolgt ein\nStaatskonzept, in dem es keine Grenzen, nur Fronten gibt. Das Kalifat\nist im Prinzip ein weltumfassendes Konzept \u2013 etwas, das dem\nFaschismus, der ja gerade eine Identit\u00e4t von (National-)Staat und\nVolk herstellen m\u00f6chte, schon im Prinzip widerspricht.</p>\n<p>\nDer gr\u00f6\u00dfte Unterschied zum IS\nzeigt sich jedoch in seiner \u00f6konomischen Basis und damit seiner\npolitischen Perspektive: Der IS stellt keine durch Terror\nstabilisierte Herrschaft des expansiven Gro\u00dfkapitals in einem\nimperialistischen Land dar, sondern ist eine instabile\nkapitalistische Kriegs\u00f6konomie, in der unterschiedliche\ngro\u00dfkapitalistische Gruppen und politische Interessen der Welt (z.B.\nRussland, USA, Saudi-Arabien, T\u00fcrkei usw.) mitmischen. Dem IS fehlt\nes somit an eigenst\u00e4ndiger Perspektive, weil an eigenst\u00e4ndiger\nentwickelter \u00f6konomischer Basis. Insofern ist und wird der IS\nniemals derart von Bedeutung und Umfang sein, wie klassische\nfaschistische Herrschaften und Regime in Europa es waren, die durch\nfaschistische Stabilit\u00e4t und ihre \u00f6konomische Potenz in die Lage\nversetzt wurden, Weltkriege im Interesse ihrer Gro\u00dfkapitalisten zu\nf\u00fchren. Der IS ist demgegen\u00fcber rein \u00f6konomisch ein\n\u00dcbergangsregime, das bei aller zur Schau gestellter Brutalit\u00e4t ein\nim Vergleich und strukturell betrachtet harmloses Ventil darstellt\nf\u00fcr M\u00f6chtegernkalifen aber auch Unzufriedene, sowie der Neuordnung\nder Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse im Nahost-Raum dient  \u2013 unabh\u00e4ngig davon,\ndass er selbst aktiv \u201edas Kalifat\u201c anstrebt. Und deshalb ist er\nzwar auch in der Lage, eines der brutalsten Schreckensregime der\nletzten Jahre zu installieren \u2013 aber innerhalb von wenigen Jahren\nauch wieder erst mal von der Bildfl\u00e4che zu verschwinden.\n\n</p><h3>\n<b>Offene Fragen</b></h3>\n<p>\nAlso alles Unsinn mit dem Faschismusbegriff? Nach der engeren\nDefinition sicher ja. Denn wir reden offensichtlich von einem System,\ndas sich in wesentlichen Punkten grundlegend vom historischen,\neurop\u00e4ischen Faschismus unterscheidet. Wenn Begriffe nicht das\nbezeichnen, was sie meinen, dann verlieren sie aber jeden Sinn. Der\nwichtigste Punkt ist aber die Frage, ob die Konzepte\nFaschismus/Antifaschismus f\u00fcr die linken Kr\u00e4fte vor Ort eine Hilfe\ndarstellen: Ob sie helfen, den Gegner zu verstehen, ob die\nhistorischen Strategien gegen den Faschismus helfen, ihn zu besiegen.\nDas mag bezweifelt werden. Wie der Faschismus im Westen stets im\nZusammenhang mit Kapitalinteressen und Staatsinteressen begriffen\nwerden musste, da die f\u00fchrenden Eliten aller L\u00e4nder stets in sein\nRegime integriert und an vorderster Front an seiner Exekution\nbeteiligt waren, so muss die Herrschaft des IS in seinem historischen\nund gesellschaftlichen Kontext gelesen und interpretiert werden. \n</p>\n<p>\nWas\nbedeutet es etwa f\u00fcr die Region und f\u00fcr eine progressive\nPerspektive, dass Stammesverb\u00e4nde zun\u00e4chst dem IS und nun wieder\nder<i> Syrisch Arabischen Armee</i>\n(SAA) von Pr\u00e4sident Assad die Treue schw\u00f6ren? Was sagen uns die\nlokalen Herrschaftsb\u00fcndnisse des IS \u00fcber den syrischen und\nirakischen Staat? Was sagen uns die Netzwerke mit M\u00e4zenen in\nSaudi-Arabien und Katar \u00fcber die  regionale Interessenlage? Wie\nl\u00e4sst sich die Wirkm\u00e4chtigkeit von Religion im derzeitigen Konflikt\nabseits kulturrassistischer Erkl\u00e4rungsmuster aufkl\u00e4ren? Und:\nStellen wir dabei eine Hilfe f\u00fcr fortschrittliche Kr\u00e4fte vor Ort\nwie hierzulande dar, wenn wir den Faschismusbegriff in diesem Kontext\nund in unserem Diskursraum nutzen? Man sollte zumindest zur Zeit\nhierzulande zur Kenntnis nehmen, dass sich insbesondere solche\nStr\u00f6mungen auf den Begriff<i> islamischer Faschismus</i>\nst\u00fctzen, die damit vor allem eine antimuslimisch-rassistische,\nkulturkriegerische und offen neo-koloniale Politik bef\u00f6rdern wollen\nund sich um Fragen von Kapitalismus und Imperialismus nicht oder nur\nwenig k\u00fcmmern.\n</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Unsere Redakteure Alp Kayserilio\u011flu und Geronimo Marulanda haben Bedenken \u00fcber Sinn und Unsinn dieses Vergleichs. Ein Debattenbeitrag."}, {"title": "Die Besetzung Afr\u00eens", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Die Besetzung&nbsp;Afr\u00eens</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Fuck AKP-ISIS\" height=\"420\" src=\"/media/images/28137509939_0f73b76d49_k.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Jan Maximilian Gerlach</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Am 20. Januar begann die t\u00fcrkische Milit\u00e4rinvasion des\nsyrisch-kurdischen Kantons Afr\u00een im Nordwesten Syriens. Nach\nintensiven K\u00e4mpfen, in denen die schwer bewaffnete t\u00fcrkische Armee\npermanent von der Luftwaffe und jihadistischen Kr\u00e4ften unterst\u00fctzt\nwurde, konnten die Invasionsstreitkr\u00e4fte schlie\u00dflich am 18. M\u00e4rz\ndie Kontrolle \u00fcber Afr\u00een-Stadt \u00fcbernehmen.\n\n</p><p>\nLange Zeit schon war es Richtlinie der Politik des t\u00fcrkischen\nStaates, Afr\u00een einzukreisen und von den anderen zwei Kantonen\nRojavas \u2013 Koban\u00ea and Jazira \u2013, in denen die Kurd*innen eine\nweitestgehende politische Autonomie aufgebaut hatten, zu trennen. Die\nt\u00fcrkische Operation ,,Schild des Euphrat\u2018\u2018, die im August 2016\nbegann, zielte auf die R\u00e4umung des Gebiets zwischen Koban\u00ea und\nAfr\u00een, um eine Vereinigung und logistische Nachschublinien zu\nblockieren, was auch zum Gro\u00dfteil gelang. Dass die T\u00fcrkei\nschlie\u00dflich die zynischerweise ,,Operation Olivenzweig\u2018\u2018\ngenannte Milit\u00e4rinvasion von Afrin initiierte, war also keine gro\u00dfe\n\u00dcberraschung.</p><h2>\n\n</h2><h2><b>Den Krieg\nnach Afr\u00een tragen</b></h2>\n\n<p>\nDer Hauptgrund daf\u00fcr, dass Afr\u00een im Fadenkreuz steht, ist, dass\nRojava anschaulich bewiesen hat, dass die Ziele der kurdischen\nBefreiungsbewegung gangbar und realistisch sind \u2013 dass es m\u00f6glich\nist, eine demokratische F\u00f6deration aufzubauen, die die nationale\nFrage basierend auf Elementen von R\u00e4tedemokratie und kooperativer\n\u00d6konomie l\u00f6st. Rojava setzte sowohl politisch-moralische, als auch\nmilit\u00e4rische Impulse f\u00fcr die kurdische Bewegung in der T\u00fcrkei. Die\npro-kurdische, linke Partei HDP entstand, und nachdem der t\u00fcrkische\nStaat zu einer offeneren Form der Unterdr\u00fcckung \u00fcberging, erkl\u00e4rten\nkurdische Kr\u00e4fte die Autonomie in \u00fcber einem Dutzend St\u00e4dte in der\nT\u00fcrkei. Der t\u00fcrkische Staat antwortete mit einem lang geplanten\nmilit\u00e4rischen Feldzug gegen die autonomen Strukturen in den Jahren\n2015 bis 2016, um die milit\u00e4rische Seite des Aufstands\nniederzuschlagen. Ganze St\u00e4dte wurden zu Tr\u00fcmmerfeldern gebombt,\nhunderte Zivilist*innen starben. Der Fokus verschob sich dann\nschlie\u00dflich auf Rojava selbst.</p>\n\n<p>\nIn den vergangenen Jahren ging die T\u00fcrkei durch einen Prozess des\nzunehmendem Autoritarismus und schlie\u00dflich eines Prozesses der\n<a href=\"https://revoltmag.org/articles/zwischen-faschisierung-elitenzwist-und-widerstand-die-t\u00fcrkei/\">Faschisierung</a>,\nder nicht nur auf die Unterdr\u00fcckung jedweder Opposition, sondern\nauch auf die Neubegr\u00fcndung eines nationalen Narrativs zielte, das in\nder Lage sein sollte, die desillusionierten Teile der Gesellschaft\nund das organisierte rechte Lager unter F\u00fchrung von Erdo\u011fans\nPartei, der AKP, zu vereinigen. In diesem Zusammenhang war die\nZerschlagung der kurdischen Befreiungsbewegung in Rojava gleich in\nzweierlei Hinsicht notwendig: Zum einen handelt es sich bei der\nKolonisierung und der erzwungenen Assimilierung der kurdischen\nRegionen und V\u00f6lker um ein Prinzip der t\u00fcrkischen Republik seit\nihrer Gr\u00fcndung und wurde, in diesem Sinne, zu einem zentralen\nEckstein des t\u00fcrkischen Nationalismus. Derjenige, der den Kampf\ngegen die kurdische Befreiungsbewegung in der unvers\u00f6hnlichsten und\neffektivsten Art und Weise f\u00fchrt, wird als f\u00e4hig angesehen, das\nrechtsnationalistische Lager zu f\u00fchren. Das erkl\u00e4rt, warum die MHP,\neine nationalistisch-faschistische Partei und traditionell Erzfeindin\nder AKP, eine der engsten Verb\u00fcndeten von Erdo\u011fans Partei wurde.\nZum anderen muss alles aus dem Weg ger\u00e4umt werden, sobald pure\nMachtpolitik und gewaltsame Diktatur zur dominanten Politikform\nwerden \u2013 so wie es derzeit in Erdo\u011fans T\u00fcrkei geschehen ist. Ein\nFaschist, der Staat und Gesellschaft nicht kontrollieren kann, w\u00e4re\neben nur ein M\u00f6chtegern-Faschist und w\u00fcrde selbst schnell von\nanderen Faschisten herausgefordert werden, die sich selbst als\nf\u00e4higer ansehen, die Geschicke des Landes zu lenken.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>\nDas ist die Situation, in der sich Erdo\u011fan und die AKP wiederfinden:\nSie m\u00fcssen den Krieg gegen Rojava und die PKK erfolgreich\nvorantreiben, damit die Krisentendenzen in ihrer fragilen Koalition\nnicht aufbrechen und die bestehende Ordnung gef\u00e4hrden.</p><p>\n\n</p><p>\nDann w\u00e4re da noch die Rolle der T\u00fcrkei im Syrienkrieg. W\u00e4hrend der\nt\u00fcrkische Staat nach wie vor einer der Hauptakteur im Konflikt ist,\ngeht der Krieg langsam seinem Ende entgegen. Und die T\u00fcrkei hat\nabseits der Gebiete der \u201eSchild des Euphrat-Operation\u201c und eines\nschwachen Einflusses in der Idlib-Region wenig erreichen k\u00f6nnen. Die\nEroberung von Afr\u00een inklusive der Hauptstadt hat nun die\nEinflusssph\u00e4re ausgeweitet. Erdo\u011fan <a href=\"https://ahvalnews.com/turkey/today-afrin-tomorrow-manbij-erdogan-says\">erkl\u00e4rte</a>\n<a href=\"https://www.telegraph.co.uk/news/2018/01/26/turkeys-erdogan-threatens-expand-kurdish-offensive-far-iraq/\">bereits</a>\n<a href=\"https://www.washingtonpost.com/world/middle_east/syria-monitors-turkish-allied-militiamen-looting-in-afrin/2018/03/19/fedc65c8-2b45-11e8-8dc9-3b51e028b845_story.html?utm_term=.84677f93f79f\">mehrmals</a>,\ndass die Operation auf den gesamten Norden Syriens ausgedehnt w\u00fcrde,\ndas hei\u00dft auf die anderen Kantone Rojavas \u2013 mit der Perspektive,\nsogar in den Irak einzumarschieren.</p><p>\n</p><p>\n</p><h2><b>Geostrategische\nErz\u00e4hlungen, unberechenbare Realit\u00e4ten</b></h2><p>\n</p><p>\n</p><p>\nIn den ersten Tagen des Angriffs auf Afr\u00een gingen viele\nAnalyst*innen von folgendem aus: Russland und die USA w\u00fcrden der\nT\u00fcrkei den Vormarsch in Afr\u00een bis zu einem gewissen Grad erlauben \u2013\ndie USA um einen wichtigen NATO-B\u00fcndnispartner zu beschwichtigen,\nRussland um den Kurden mit dem Stock zu drohen: entweder ihr geht in\neine Front mit Assad, oder die T\u00fcrkei wird euch zerschlagen.\nHinsichtlich der Kurden wurde prognostiziert, dass sie alles in ihrer\nMacht stehende f\u00fcr die Autonomie mobilisieren w\u00fcrden. Irgendwann\nw\u00fcrde es dann eine Vereinbarung geben, und die Syrisch Arabische\nArmee (SAA) w\u00fcrde einmarschieren.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Es kam\nanders. Nach einer massiven Offensive r\u00fcckten die t\u00fcrkische Armee\nund ihre Verb\u00fcndeten schnell von mehreren Seiten und unterst\u00fctzt\nvon Luftschl\u00e4gen zum Stadtzentrum Afr\u00eens vor. Die <a href=\"http://www.bbc.com/news/world-middle-east-43228472\">zivilen\nOpfer</a> <a href=\"https://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/syria-civil-war-afrin-civilian-death-assad-regimes-rebels-kurdish-turkey-fighting-ypg-a8225506.html\">nahmen</a>\nStunde f\u00fcr Stunde <a href=\"https://www.amnesty.org/en/latest/news/2018/02/syria-hundreds-of-civilian-lives-at-risk-as-afrin-offensive-escalates/\">zu</a>.\nVerbunden mit t\u00fcrkischen Pl\u00e4nen zur Neu-Ansiedlung\nnicht-kurdischer, derzeit in der T\u00fcrkei befindlicher syrischer\nFl\u00fcchtlinge bei gleichzeitiger Vertreibung kurdischer\nZivilist*innen, drohte ethnische S\u00e4uberung.\nMenschenrechtsorganisationen warnten vor einer Katastrophe und riefen\ndie internationale Gemeinschaft zum Handeln auf.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>All das\nhielt die T\u00fcrkei und ihre jihadistischen Verb\u00fcndeten nicht auf. Am\n18. M\u00e4rz erlangten die Invasionsstreitkr\u00e4fte die Kontrolle \u00fcber\ndas Stadtzentrum. Eine der ersten symbolischen Aktionen bestand im\nHissen der t\u00fcrkischen Fahne (Seite an Seite mit der Fahne der \u201eFSA\u201c)\nam Gouverneurssitz als klarer Ausdruck der Besatzungsmentalit\u00e4t.\nW\u00e4hrenddessen rissen Jihadisten die Statue von Kawa (Kaveh) dem\nSchmied um, einer persischen und kurdischen mythologischen Figur, die\nden Aufstand gegen den r\u00fccksichtslosen Tyrannen Zahhak anf\u00fchrte.\nDiese Taten, obwohl lediglich symbolischer Art, zeigen die\nunterschwelligen Ziele der t\u00fcrkischen Invasion auf: eine\nsub-imperialistische Expansionspolitik mit dem Ziel, einen gr\u00f6\u00dferen\nSt\u00fcck vom Kuchen in Syrien abzubekommen und die kurdische\nSelbstbestimmung zu zerschlagen.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>\nNachdem die YPG/J 60 Tage gegen den t\u00f6dlichen Druck standhielten,\nentschieden sie sich dazu, sich aus der Stadt zur\u00fcckzuziehen, um\ngr\u00f6\u00dfere zivile Opfer zu vermeiden. Sie <a href=\"https://theregion.org/article/13056-ypg-says-war-in-afrin-has-reached-new-stage-vows-to-expel-turkey-through-guerrilla-warfare\">erkl\u00e4rten</a>\ndabei jedoch, dass der Krieg lediglich in eine neue Phase\n\u00fcbergegangen sei, in der die kurdischen Kr\u00e4fte auf\nHit-and-Run-Taktiken statt direktem Stellungskrieg setzen w\u00fcrden.\nDie ersten Anzeichen dieser neuen Taktiken zeigten sich bereits am\nMontag: Als Jihadisten zivile Geb\u00e4ude und Gesch\u00e4fte in Afr\u00een-Stadt\n<a href=\"http://theregion.org/article/13057-fsa-in-afrin-caught-looting-clash-with-one-another-over-distribution-of-the-spoils-of-plunder\">pl\u00fcnderten</a>,\nexplodierte eine Bombe, die viele von ihnen t\u00f6tete. <a href=\"http://www.bbc.com/news/world-middle-east-43212481\">Entsprechend</a>\ntwitterte der ehemalige Co-Vorsitzende der Partei der demokratischen\nUnion (PYD) Salih M\u00fcslim, dass der R\u00fcckzug aus einer Schlacht nicht\ndie Niederlage im Krieg bedeutet.</p><p>\n</p><p>\n</p><h2><b>Imperialistisch\ngedecktes Vorgehen</b></h2><p>\n</p><p>\n</p><p>\nDie T\u00fcrkei h\u00e4tte in Afr\u00een nicht einmarschieren k\u00f6nnen ohne\ndirekte oder indirekte Unterst\u00fctzung der gro\u00dfen imperialistischen\nM\u00e4chte. Die Rolle von Russland und der USA stechen hierbei hervor.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>\nRussland hat \u00f6ffentlich die t\u00fcrkische Kampagne verteidigt, indem\nsie die USA f\u00fcr die Kooperation mit der YPG/J anprangerten, was die\nT\u00fcrkei provoziert habe. Dar\u00fcber hinaus wird der nordsyrische\nLuftraum von Russland kontrolliert, das hei\u00dft ohne Erlaubnis\nRusslands h\u00e4tten t\u00fcrkische Flugzeuge nicht \u00fcber Afrin fliegen\nk\u00f6nnen, die Kampagne w\u00e4re nicht durchf\u00fchrbar gewesen. Russland\nm\u00f6chte den Riss zwischen der T\u00fcrkei und den USA vertiefen und dabei\ndie NATO schw\u00e4chen.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>\nAndererseits hat die USA bislang nicht viel unternommen, um ihre\n\u201eVerb\u00fcndeten\u201c in Syrien zu verteidigen und betont, dass die\nKooperation mit YPG/J auf den Kampf gegen den IS beschr\u00e4nkt bleibt.\nDiese Indifferenz hat nat\u00fcrlich was damit zu tun, dass es sich bei\nder T\u00fcrkei um ein wichtiges NATO-Mitglied handelt. Es ist daher\nwenig \u00fcberraschend, dass die USA der T\u00fcrkei den Einmarsch in Afr\u00een\ngestatteten, um die angeschlagenen Beziehungen wiederherzustellen.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Die\nIntentionen der USA und Russlands sind vielschichtig, aber eines ist\nklar: Keiner von beiden hat ein Interesse an einer Vertiefung der\ndemokratischen und sozialen Dynamiken der Rojava-Revolution, da\nselbst\u00e4ndig von den Massen erk\u00e4mpfte Demokratie und Sozialismus\npures Gift f\u00fcr Kapitalismus und Imperialismus darstellen. Schon bei\nder Schlacht um Koban\u00ea war die Sachlage klar: 2014 erkl\u00e4rte eine\nVertreterin des US State Department offen, dass Koban\u00ea \u2013 damals\nunter Belagerung des IS \u2013 <a href=\"https://edition.cnn.com/2014/10/07/world/meast/isis-airstrikes/index.html\">keine\nPriorit\u00e4t</a> f\u00fcr die USA habe.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Wenn\n\u00fcberhaupt, dann streben Russland und die USA Demokratie und soziale\nEntwicklung im Sinne ihrer eigenen Interessen und in einer\nabh\u00e4ngigen, einfach zu kontrollierenden Art und Weise an \u2013 sie\nhaben keinerlei strategisches oder ideologisches Interesse an der\nRojava Revolution.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Ihr direktes\noder indirektes Einverst\u00e4ndnis mit der brutalen milit\u00e4rischen\nKampagne in Afr\u00een kann daher nicht Verrat genannt werden, sondern\nist lediglich imperialistische Politik. Beide wollen von ihnen\nabh\u00e4ngige Kurden \u2013 autonome demokratische Bestrebungen sind ihnen\negal.</p><p>\n</p><p>\n</p><h2><b>Die\nKosten des Kolonialismus</b></h2><p>\n</p><p>\n</p><p>\nBegleitet wurde die T\u00fcrkei von Einheiten der \u201eFSA\u201c, die <a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/president-erdogan-slams-chp-over-syria-operation-comments-126531\">laut\nErdo\u011fans Aussagen</a> aufgestellt wurde \u201eum ihr Heimatland zu\nverteidigen\u201c, vor allem gegen \u201edie wahren Besatzer\u201c \u2013 also\ndie SAA und die YPG/J. Diese \u201eFSA\u201c, die auf Grund ihrer\nKomposition und ihrer Funktion auch als TFSA (T\u00fcrkische Freie\nSyrische Armee) bezeichnet wird, stellt ein <a href=\"http://www.english.iswnews.com/1204/everyone-knows-that-the-turks-do-not-leave-easily-from-where-they-entered/\">Milit\u00e4rb\u00fcndnis</a>\ndar, das aus <a href=\"http://sendika62.org/2018/01/akpnin-tskye-silah-arkadasi-yaptigi-cihatcilar-el-kaideye-makyaj-yapip-yanlarina-aldilar-470631/\">ex-al-Qa\u0131da-Kr\u00e4ften</a>,\n<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2018/01/29/erdoganin-kefil-oldugu-milli-ordu/\">salafistischen\nJihadisten</a>, moderateren Islamisten und anderen besteht \u2013 kaum\nzu vergleichen mit den progressiven Elementen, die es zu Beginn der\nsyrischen Revolution auch gab.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>\nDie TFSA-Einheiten werden vom t\u00fcrkischen Staat haupts\u00e4chlich als\nKanonenfutter genutzt und \u00e4hnlich wie die syrischen Gefl\u00fcchteten\ninstrumentalisiert. Erdo\u011fan nutzte beide als Vorwand, um die\nOperation als eine von Syrern f\u00fcr Syrer unternommene Operation zu\npr\u00e4sentieren; <a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/turkeys-military-operations-to-continue-until-3-5-million-syrians-return-government-126195\">namentlich</a>\n\u201edamit 3,5 Millionen in der T\u00fcrkei untergekommene Syrer in ihr\nHeimat zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen\u201c <a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/turkey-has-no-aim-to-invade-syria-during-afrin-operation-erdogan-126780\">und\nnicht</a> weil die T\u00fcrkei \u201eauf syrisches Territorium schielt\u201c.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Diese\nEuphemismen konnten aber kaum die Brutalit\u00e4t des Angriffs und die\nwahren Absichten Erdo\u011fans verschleiern. Zu viele Bilder und Videos\nzirkulieren, die die extreme Brutalit\u00e4t des Angriffs dokumentierten\n(oftmals von den TFSA-Militanten selbst aufgenommen). Unverhohlene\nAggression gegen Zivilist*innen geh\u00f6ren zur Normalit\u00e4t.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Die T\u00fcrkei\nist bereits mehr oder weniger Kolonialmacht in den Gebieten der\n,,Schild des Euphrat-Operation\u201c geworden: Ankara hat Provinz- und\nRegionalgouverneurInnen ernannt, die mit Hilfe von von ihr\nkontrollierten Gendarmerien und Polizei die Z\u00fcgel der Staatsgewalt\nin den H\u00e4nden haben, <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2018/02/syria-al-bab-euphrates-shield-industrial-area-turkey.html\">und</a>\ndie T\u00fcrkei baut bereits Universit\u00e4ten und Wirtschaftszonen unter\nihrer \u00c4gide auf. Die Herrschaft der T\u00fcrkei wird in Afr\u00een kaum\nweniger kolonial sein. Tats\u00e4chlich nahm k\u00fcrzlich der F\u00fchrer der\nMHP, Devlet Bah\u00e7eli die Vereinbarung zwischen YPG/J und Assad zum\nAnlass zu <a href=\"http://sendika62.org/2018/03/bahceliden-isgale-kilif-sam-terorizmle-isbirligi-yaparsa-topraklarin-bir-kismini-elimizde-tutariz-478697/\">verk\u00fcnden</a>,\ndass ,,wir das Recht haben, die L\u00e4nder, die wir vor 100 Jahren\nabgegeben haben, zu behalten \u2013 zumindest solange bis Stabilit\u00e4t,\nFrieden und Ruhe einkehrt.\u201c Der Pr\u00e4sidentensprecher Ibrahim Kal\u0131n\nfolgte mit <a href=\"http://sendika62.org/2018/03/suriyenin-toprak-butunlugune-saygi-yalanmis-afrini-rejime-vermeyecegiz-480538/\">\u00e4hnlich\nklaren Worten</a>: \u201eWir haben nicht die Absicht es [Afrin] an das\nAssad Regime zur\u00fcckzugeben.\u201c</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Erdo\u011fans\nRegierung zeigt derweil keine strategische Orientierung auf, wie\ndiese Form des Kolonialismus ihre Position mittel- und langfristig\nst\u00e4rken wird. Wie wird ein offenes Kolonialregime die Herzen und\nK\u00f6pfe gewinnen abseits von beschr\u00e4nkten Cliquen, die von der\nKolonisierung profitieren? Wie glaubt der t\u00fcrkische Staat die\nUnterst\u00fctzung von Arabern und Kurden gewinnen zu k\u00f6nnen, nachdem er\nderen L\u00e4ndereien erneut offen brutal kolonisierte?</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Es gibt hier\nein enormes Potential von \u201eblowback\u201c. [1] Die Kurden k\u00f6nnten den\nKrieg ausweiten, indem sie neue Fronten in und au\u00dferhalb der T\u00fcrkei\ner\u00f6ffnen. Duran Kalkan, ein Mitglied des PKK-Exekutivkomitees <a href=\"https://anfturkce.net/kurdistan/kalkan-bakur-devrimi-geliyor-105220\">gab\nan</a>, dass der beginnende Guerillakrieg in Afr\u00een von neuen\nAngriffen der PKK begleitet werden w\u00fcrde. Auf der anderen Seite\nwerden die bewaffneten jihadistische Gruppen die Sachlage\nverkomplizieren, sollte die SAA nach Norden mobilisieren, um die\nlandesweite Souver\u00e4nit\u00e4t wiederherzustellen. Mit dem R\u00fcckzug der\nYPG/J sind die Voraussetzungen f\u00fcr einen Zusammensto\u00df zwischen\nsyrischer Armee, der T\u00fcrkei und jihadistischen Kr\u00e4ften gelegt. Und\nwohin werden die Jihadisten dann gehen, wenn nicht in die T\u00fcrkei?</p><p>\n</p><p>\n</p><h2><b>Keine\nStabilit\u00e4t in Sicht</b></h2><p>\n</p><p>\n</p><p>\nEs gibt einen dritten Grund f\u00fcr die t\u00fcrkische Invasion von Afr\u00een:\nAngesichts alarmierender \u00f6konomischer und sozialer Schieflagen muss\nErdo\u011fan f\u00fcr eine breite Unterst\u00fctzung im Vorfeld der\nPr\u00e4sidentschaftswahlen, die f\u00fcr das kommende Jahr anberaumt wurden,\nsorgen.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Dieses Mal\ntrifft die Regierung Vorkehrungen, um \u00dcberraschungsergebnisse zu\nvermeiden. Stimmzettel ohne den offiziellen Stempel des Hohen\nWahlkomitees (YSK) galten bisher als ung\u00fcltig (eine gesetzliche\nBestimmung, die vergangenes Jahr klar verletzt wurde, als zwei bis\nzweieinhalb Millionen nichtgestempelte Stimmzettel f\u00fcr g\u00fcltig\nbefunden wurden und f\u00fcr einen Skandal sorgten). Mit dem <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-turkey-election-regulation/brawl-erupts-after-vote-law-passed-in-turkish-parliament-idUSKCN1GP0KR\">neu\nverabschiedeten Wahlgesetz</a> werden diese Stimmzettel von Anfang an\ng\u00fcltig sein. Dem YSK wurde nun auch die Autorit\u00e4t \u00fcbertragen,\nWahlbezirke zusammenzulegen und Stimmzettelkisten zu verschieben.\nSchlie\u00dflich f\u00fchrte die engere Beziehung zwischen Erdo\u011fans AKP und\nder MHP zur Aufstellung einer <a href=\"https://www.ft.com/content/5482ed58-171e-11e8-9e9c-25c814761640\">gemeinsamen\nWahlliste</a> mit dem Namen Volksb\u00fcndnis (<i>Cumhur \u0130ttifak\u0131</i>).\nDie Aufstellung eines solchen Wahlb\u00fcndnisses war zuvor illegal. Das\nAbkommen wird die MHP davor bewahren, unter die 10% H\u00fcrde zu fallen\n\u2013 sonst eine Unvermeidbarkeit, da viele die Partei verlie\u00dfen, um\ndie MHP-Abspaltung \u0130Y\u0130-Partei zu gr\u00fcnden. Das Ziel dieses\n\u201eVolksb\u00fcndnisses\u201c ist es schlussendlich das gesamte rechte Lager\nunter F\u00fchrung der AKP zu vereinen.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Just zum\nStart der Milit\u00e4rinvasion setzte eine beispiellose\nManipulationskampagne und ideologische Mobilisierung ein. Es ist\nfaktisch illegal, die Invasion zu hinterfragen (geschweige denn\ndagegen Widerstand zu leisten). <a href=\"https://tr.sputniknews.com/turkiye/201802191032305957-sosyal-medya-afrin-gozalti/\">Hunderte</a>\n<a href=\"http://www.dw.com/en/turkey-terror-propaganda-crackdown-sees-dozens-arrested-for-social-media-comments/a-42266585\">Menschen</a>\nwurden auf Basis von kritischen Posts in den sozialen Netzwerken\nverhaftet, w\u00e4hrend Regierungsmitglieder \u2013 inklusive Erdo\u011fan \u2013\nOppositionelle wiederholt als Terrorist*innen (oder\nTerrorunterst\u00fctzer*innen) bezeichneten. Die Mainstream-Medien\nkonzentrierten sich auf Nachrichten bez\u00fcglich \u201edes S\u00e4uberns der\nRegion vom Terrorismus\u201c und auf Agitation f\u00fcr den Erfolg der\nOperation. Kulturschaffende und Prominente, die nicht explizit die\nInvasion unterst\u00fctzt haben, wurden blo\u00dfgestellt und in Fernsehshows\nangegriffen. Fu\u00dfballteams und Schulklassen nehmen Fotos in\nMilit\u00e4runiformen auf, um ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Invasion zu\nvermitteln. Und Teilnehmer*innen von AKP-Veranstaltungen skandierten\nSlogans \u00e0 la \u201eNehmt uns mit nach Afr\u00een\u201c.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Allerdings\nist die Herrschaft der AKP immer noch instabil. W\u00e4hrend die Invasion\nvon Afr\u00een die Unterst\u00fctzung aller gr\u00f6\u00dferen Parteien genie\u00dft\nau\u00dfer der HDP, haben sich dennoch nicht alle rechten Parteien dem\n\u201eVolksb\u00fcndnis\u201c angeschlossen. Die Saadet-Partei \u2013 eine rechte\nPartei, von der sich die AKP urspr\u00fcnglich abgespalten hatte \u2013 und\nAk\u015feners \u0130Y\u0130 Parti verzichteten darauf. Und w\u00e4hrend Umfragen von\n70 bis 80 Prozent Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Invasion in Afr\u00een\nsprechen, zeigen sie gleichzeitig \u00f6ffentliche Unzufriedenheit in\nanderen wichtigen Angelegenheiten an. Einer dieser Umfragen <a href=\"http://www.cumhuriyet.com.tr/foto/foto_haber/931658/1/Son_secim_anketinde_HDP_ve_iYi_Parti_surprizi.html\">zufolge</a>\nunterst\u00fctzen lediglich 39 Prozent das t\u00fcrkische Engagement in\nSyrien im Allgemeinen, 66 Prozent denken, dass der von Erdo\u011fan\nausgerufene Ausnahmezustand der Wirtschaft schadet, nur 20 Prozent\nvertrauen der Gerichtsbarkeit, und nur 17 Prozent vertrauen den\nMedien.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Der\nGeneraldirektor der eher links-orientierten Umfragefirma KONDA <a href=\"http://t24.com.tr/haber/konda-genel-muduru-bekir-agirdir-ulkenin-sorunlarini-bu-siyasi-aktorler-cozemeyecek-diyen-bir-yuzde-40-var,573328\">meint</a>,\ndass zwar 60 Prozent der t\u00fcrkischen W\u00e4hlerschaft weiterhin anhand\nvon Partei-Gefolgschaft polarisiert sind (namentlich entlang der pro-\nund anti-AKP-Achse), 40 Prozent jedoch indifferent gegen\u00fcber der\nUnterst\u00fctzung einer bestimmten Partei sind und eher darauf schauen,\nob und wie sie tagt\u00e4glich \u00fcber die Runden kommen. Dieser Anteil der\nW\u00e4hlerschaft glaubt zusehends, dass keine der bestehenden Parteien\ndie Probleme des Landes l\u00f6sen kann. Eine weitere Umfragefirma, MAK,\n<a href=\"http://t24.com.tr/haber/mak-danismanlik-akp-tabaninda-koalisyona-hos-bakilmiyor-tek-adamlik-kaygisi-var,563070\">berichtet</a>,\ndass pro-AKP Jungunternehmer und Kulturschaffende \u201eAnzeichen von\nUnmut\u201c zeigen, \u201eaber schweigen\u201c. Sie sind anscheinend besonders\nirritiert davon, dass es eine Koalition geben wird, obwohl das\nPr\u00e4sidialsystem ja genau eingef\u00fchrt wurde, um diese B\u00fcndnisse\n\u00fcberfl\u00fcssig zu machen, und sie bleiben weiterhin skeptisch\ngegen\u00fcber dem \u201eEin-Mann-Regime\u201c.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Trotz\nErdo\u011fans Bem\u00fchungen, sich als allm\u00e4chtige Figur zu etablieren,\nherrscht in mindestens der H\u00e4lfte der Gesellschaft weiter Unmut vor.\nDie Invasion von Afr\u00een hat das Potential, seine Zukunftsaussichten\nbis zu einem bestimmten Punkt zu steigern \u2013 oder eben, was derzeit\nwahrscheinlicher ist, die Instabilit\u00e4t zu verst\u00e4rken.</p><p>\n</p><p>\n</p><h2><b>Wie\nweiter?</b></h2><p>\n</p><p>\n</p><p>Einige Tage\nvor der Invasion traf der HDP-Parlamentarier Ayhan Bilgen eine\n<a href=\"http://sendika62.org/2018/01/hdpli-bilgen-afrine-operasyon-turkiyeyi-ic-savasa-surukler-467781/\">Vorhersage</a>:\n,,Wenn es einen Angriff auf Afr\u00een geben sollte [\u2026], dann wird er\neinen B\u00fcrgerkrieg initiieren, wenn er erfolgreich ist und einen\nPutsch, wenn er fehlschl\u00e4gt.\u201c</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Die\nVorhersage ist offensichtlich (noch?) nicht eingetreten. Es scheint,\ndie T\u00fcrkei hat die erste Runde gewonnen und dabei die Moral, sowie\ndie politisch-milit\u00e4rische Position der Kurden geschw\u00e4cht. Aber wir\nsind noch weit entfernt vom Ende der Geschichte. Die Invasion Afr\u00eens\nhat das Potential, ernstzunehmende politische Folgen zu zeitigen. Die\nKurden werden sicherlich vorbereiteter und zielbewusster in ihrem\nKampf zur Verteidigung der \u00fcbrigen Kantone Koban\u00ea und Jazira sein.\nAndererseits kann sich das, was auf den ersten Blick als gl\u00e4nzender\nSieg Erdo\u011fans erscheint, zu einem Motor der Destabilisierung\nentwickeln, sollte er die Front in den Osten Syriens und den Irak\nausweiten. Regionale und internationale Reaktionen k\u00f6nnten anders\nausfallen. Und dann gibt es da noch die mittel- und langfristigen\nKosten der Kolonisierung, die die T\u00fcrkei zahlen m\u00fcssen wird.</p><hr/><p><b>Fu\u00dfnote:</b></p><p>\n</p><p>\n</p><p>[1] Der\nTerminus \u201eblowback\u201c entstammt dem CIA-Jargon und bezeichnet eine\npolitische Strategie, die sich im Laufe ihrer Anwendung gegen die\nErfinder der Strategie richtet.</p><p>\n\n</p><hr/><p><b>Anmerkung:</b></p><p>\n</p><p>\n</p><p>Der\nText erschien <a href=\"https://jacobinmag.com/2018/03/afrin-invasion-turkey-kurds-erdogan\">urspr\u00fcnglich</a>\nam 22. M\u00e4rz auf Englisch in einer leicht ver\u00e4nderten Form im\n<i>Jacobin Magazine</i>.\nAus dem Englischen \u00fcbersetzt von<i>\nre:volt</i>-Redakteur Jan\nSchwab.</p>\n\n<p><br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Mittlerweile geb\u00e4rdet sich die T\u00fcrkei als Kolonialmacht in Afr\u00een. Alp Kayserilio\u011flu und G\u00fcney I\u015f\u0131kara mit einer Analyse."}], "next_url": "http://revoltmag.org/feeds/articles.json?tags=307&page=2"}