{"version": "https://jsonfeed.org/version/1", "title": "re:volt magazine Archiv", "home_page_url": "http://revoltmag.org/articles/?tags=192", "description": "Zeige Artikel mit den Schlagworten italien", "feed_url": "http://revoltmag.org/feeds/articles.json?tags=192", "language": "en", "icon": "http://revoltmag.org/static/logos/logo_192.png", "favicon": "http://revoltmag.org/static/favicon.png", "items": [{"title": "Was wir \u00fcber die anstehenden Kommunalwahlen in Italien wissen sollten", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Was wir \u00fcber die anstehenden Kommunalwahlen in Italien wissen&nbsp;sollten</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Naples-Potere-Al-Popolo-Elections-Italy-2.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/Naples-Potere-Al-Popolo-Elect.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">potere al popolo</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>An diesem Wochenende gehen die Menschen in Italien zum zweiten Mal seit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie an die Urnen. Am 3. und 4. Oktober 2021 werden rund 14 Millionen von ihnen in 1.342 St\u00e4dten und Gemeinden Italiens ihre B\u00fcrgermeister:innen sowie die Stadt- und Gemeinder\u00e4t:innen w\u00e4hlen.</p><p>\u00c4hnlich wie bei den Regionalwahlen im September 2020 handelt es dabei wieder um \u201eunpolitische Wahlen\u201c: Die Wahldebatten im Vorfeld konzentrierten sich vor allem auf pers\u00f6nliche Geschichten der Kandidat:innen, welche Kandidat:innen auf welchen Wahllisten stehen \u2013 und daher welche Klientele hinter welcher politischen Str\u00f6mung stehen \u2013 und auf alle m\u00f6glichen Skandale, in die Einzelpersonen oder Parteien verwickelt sind, anstatt die tats\u00e4chlichen politischen Programme der Parteien und ihrer Kandidat:innen zu thematisieren. In den meisten St\u00e4dten scheint es, als w\u00fcrden die Wahlen \u00fcberhaupt nicht wahrgenommen werden.</p><h2><b>Die Zentralregierung der Experten</b></h2><p>Dabei finden die Wahlen in einer ziemlich komplexen politischen Situation statt: Seit Februar 2021 hat Italien eine Regierung der so genannten \u201enationalen Einheit\u201c unter der F\u00fchrung des Ministerpr\u00e4sidenten und ehemaligen Chefs der Europ\u00e4ischen Zentralbank, Mario Draghi. Die Hauptaufgabe dieser \u201eRegierung der Experten\u201c ist es, einen Weg aus der aktuellen Krise zu finden. Draghi will zum einen das Wirtschaftswachstum und den Schuldenabbau f\u00f6rdern und die B\u00fcrokratie abbauen, die derzeit angeblich die \u201eFreiheit des Unternehmertums\u201c erschwert \u2013 und zum anderen die Eind\u00e4mmung des Coronavirus gew\u00e4hrleisten.</p><p>Obwohl es sich bei dieser sogenannten \u201eRegierung der Besten\u201c um eine technische Regierung handelt, bedeutet dies nicht, dass sie Reformen ohne jede Opposition durchsetzen kann. Ganz im Gegenteil. Politik ist keine technische Frage, sondern eine Frage von Klasseninteressen und Machtverh\u00e4ltnissen. Und Mario Draghi <a href=\"https://revoltmag.org/articles/italien-repression-gegen-arbeitsk%C3%A4mpfe/\">entpuppt sich</a> als verl\u00e4ngerter Arm der <i>Confindustria</i>, des wichtigsten Verbandes der Industrie- und Dienstleistungsunternehmen in Italien, und dessen neoliberaler Politik.</p><p>Ende Juni 2021 schaffte Draghi den zu Beginn der Pandemie eingef\u00fchrten K\u00fcndigungsschutz ab. Die <i>Confindustria</i>, die gro\u00dfen Gewerkschaften und die Regierung versprachen gemeinsam, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um eine Entlassungswelle zu vermeiden \u2013 aber die Privatunternehmen nutzten die Abschaffung des Arbeitnehmerschutzes nat\u00fcrlich dazu, um Arbeiter:innen zu entlassen und ganze Produktionsst\u00e4tten in Drittstaaten zu verlagern.</p><p>Offiziell hat die Zahl der Arbeitslosen in Italien seit Beginn der Pandemie um eine Million Menschen zugenommen; aktuell steigt die Arbeitslosigkeit weiter an. Es finden wichtige Arbeiter:innenproteste (bei <a href=\"https://www.facebook.com/insorgiamoconilavoratorigkn\">GKN</a>, <a href=\"https://poterealpopolo.org/whirlpool-non-abbassiamo-la-guardia-la-lotta-continua/\">Whirlpool</a> und vielen anderen Betrieben) und politische Kampagnen gegen <a href=\"https://poterealpopolo.org/fermiamo-le-delocalizzazioni/\">Standortverlagerungen</a> statt. Die Regierung z\u00f6gert allerdings, sich gegen die Interessen des Kapitals zu stellen und setzt die neoliberale Politik fort. Aufgrund dieses Widerspruches zwischen tats\u00e4chlichen Bed\u00fcrfnissen der Arbeiter:innen und den politischen Antworten der Regierung nehmen die sozialen Spannungen weiter zu.</p><h2><b>COVID-19-Beschr\u00e4nkungsma\u00dfnahmen</b></h2><p>Den <a href=\"https://ourworldindata.org/covid-vaccinations\">offiziellen Statistiken</a> zufolge hat Italien eine der h\u00f6chsten Impfraten in Europa. Diese Tatsache ist auf die rigorose Impfpolitik von Premierminister Draghi zur\u00fcckzuf\u00fchren. Letzte Woche wurde damit begonnen, gef\u00e4hrdeten Personen die dritte Impfdosis zu verabreichen; zudem f\u00fchrte die Regierung einige Ma\u00dfnahmen ein, um noch mehr Menschen zum Impfen zu bewegen: Die COVID-19-Impfbescheinigung ist in Restaurants und im Fernverkehr erforderlich und wird ab dem 15. Oktober f\u00fcr Angestellte des \u00f6ffentlichen Dienstes obligatorisch sein.</p><p>Die restriktiven Ma\u00dfnahmen gegen COVID-19 f\u00fchren zu sozialen und politischen Spaltungen. Regelm\u00e4\u00dfig kommt es zu sozialen Protesten, die von der so genannten Anti-Vax-Bewegung organisiert werden. Auch wenn sie nicht sehr zahlreich sind, ziehen sie die allgemeine gesellschaftliche Unzufriedenheit aufgrund der zunehmenden Erwerbslosigkeit und der Verarmung einer breiten Bev\u00f6lkerungsschicht an. Au\u00dferdem nutzt die extreme Rechte die Stra\u00dfenaktionen gegen die Linie der Regierung dazu, sich in die Proteste einzumischen und ihre reaktion\u00e4ren Positionen zu verbreiten.</p><p>An diesen restriktiven Ma\u00dfnahmen entz\u00fcndet sich die Spaltung der institutionellen Rechten. Matteo Salvinis Partei <i>Lega</i>, die lange Zeit die wichtigste Partei in der politischen Landschaft Italiens war, ist intern in Fraktionen gespalten: die erste versucht, aus der allgemeinen sozialen Unzufriedenheit der Menschen im Zusammenhang mit den restriktiven Ma\u00dfnahmen und der Impffrage Kapital zu schlagen. Sie sind darauf aus, mit der \u201eRegierung der nationalen Einheit\u201c zu brechen und vorgezogene Neuwahlen zu forcieren. Die zweite stellt sich st\u00e4rker auf die Seite der technischen Regierung von Mario Draghi, um auf diese Weise die Rechte der Arbeiter:innen abzubauen und die wirtschaftlichen Interessen des Kapitals zu verteidigen.</p><h2><b>Rekonfiguration von Mitte-Links und Mitte-Rechts</b></h2><p>In diesem allgemeinen Kontext werden die wichtigsten italienischen St\u00e4dte ihre neuen B\u00fcrgermeister:innen und Stadtr\u00e4t:innen w\u00e4hlen. Vor allem in St\u00e4dten wie Mailand, Turin, Bologna, Rom und Neapel werden die Wahlen ein Indikator f\u00fcr das Vertrauen der Bev\u00f6lkerung in die f\u00fchrenden Parteien sein.</p><p>Die <i>5-Sterne-Bewegung (M5S)</i>, die lange als <i>die</i> populistische Option Italiens galt und bei den nationalen Wahlen 2018 die st\u00e4rkste Partei war (sie konnte damals 32,68 Prozent der Stimmen auf sich vereinen), hat in den letzten zwei Jahren an Zustimmung verloren. <a href=\"https://www.openpolis.it/come-sondaggi-ed-elezioni-amministrative-influenzano-lazione-dei-partiti/\">Umfragen</a> sch\u00e4tzen ihr aktuelles Stimmenpotenzial auf etwa 15 bis 16 Prozent ein. Als die Koalition mit der Lega im September 2019 (die erste Regierung von Guiseppe Conte (M5S)) zerbrach, r\u00fcckte eine erhebliche Anzahl von Abgeordneten nach rechts. In Zusammenarbeit mit der <i>Demokratischen Partei</i> (PD) (zweite Conte-Regierung, von September 2019 bis Februar 2021) setzten sie eine Mitte-Links-Koalition durch und wurden zu einem festen Bestandteil davon. Es war die R\u00fcckkehr des <a href=\"https://hessen.rosalux.de/news/id/43253/wohin-steuert-italien-nach-den-ersten-wahlen-der-corona-krise?cHash=e8130a668e6d7830b8a0e4639cd9f1b3\">Bipolarismus</a> in Italien.</p><p>Obgleich M5S und die PD die Mitte-Links-Koalition der Regierung von Mario Draghi unterst\u00fctzen, treten sie in drei von f\u00fcnf Gro\u00dfst\u00e4dten bei den aktuellen Kommunalwahlen getrennt an. In den St\u00e4dten, in denen die 5-Sterne-Bewegung in der letzten Legislaturperiode das B\u00fcrgermeisteramt errungen hat, etwa in Turin (Chiara Appendino) und Rom (Virginia Raggi), wird sie nun aller Voraussicht nach eine vernichtende Niederlage erleiden \u2013 und riskieren, beide St\u00e4dte an die Mitte-Rechts-Kandidaten zu verlieren.</p><p>Die Demokratische Partei beschloss indes, in Mailand allein anzutreten. Der derzeitige B\u00fcrgermeister Beppe Sala wird dort best\u00e4tigt werden, wahrscheinlich sogar in der ersten Runde. In Neapel und Bologna, wo die beiden Parteien jeweils in einer Koalition mit einem B\u00fcrgermeisterkandidaten der PD antreten, wird ihre Mitte-Links-Koalition wahrscheinlich die Wahlen gewinnen. Die Ergebnisse werden ein starkes koalitionsinternes Signal sein und die dominante Rolle der Demokratischen Partei in der Mitte-Links-Koalition st\u00e4rken.</p><p>Nicht zuletzt: In allen gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten treten die Rechten in einer Mitte-Rechts-Koalition aus den drei gro\u00dfen Parteien <i>Forza Italia</i>, Lega und <i>Fratelli d\u2019Italia</i> (Br\u00fcder Italiens, unter der F\u00fchrung von Giorgia Meloni) an. In den j\u00fcngsten nationalen Umfragen erreichten die drei Parteien etwa 45-47 Prozent der Stimmen, wobei die neofaschistischen \u201eBr\u00fcder Italiens\u201c Salvinis Lega \u00fcberholt haben und \u00fcber 20 Prozent erreichen. Diese Verschiebung hat weniger Bedeutung f\u00fcr die aktuellen Kommunalwahlen als f\u00fcr die k\u00fcnftigen nationalen Wahlen, bei denen Giorgia Meloni die F\u00fchrung von Matteo Salvini in der Mitte-Rechts-Koalition herausfordern wird.</p><h2><b>Weiterreichende Auswirkungen der Kommunalwahlen</b></h2><p>Neben der Analyse der allgemeinen Zustimmungen f\u00fcr die Parteien gibt es bei diesen Kommunalwahlen zwei weitere wichtige Herausforderungen. Erstens: Wer auch immer die Kommunalwahlen gewinnt, wird sich als potenziell f\u00fchrende Partei f\u00fcr die f\u00fcr 2023 geplanten nationalen Wahlen best\u00e4tigen. Ein gutes Ergebnis bei diesen Kommunalwahlen wird den Weg in die n\u00e4chste Legislaturperiode ebnen.</p><p>Der zweite Punkt betrifft die Verteilung der Gelder aus dem Europ\u00e4ischen Konjunkturprogramm/Next Generation EU. Die italienische Regierung hat einen Nationalen Konjunktur- und Resilienzplan (Pnrr) ausgearbeitet, der im Wesentlichen ein <a href=\"https://italy.representation.ec.europa.eu/notizie-ed-eventi/notizie/nextgenerationeu-la-commissione-europea-approva-il-piano-la-ripresa-e-la_it\">Investitionsplan</a> f\u00fcr die 191,5 Milliarden Euro ist, die von der Europ\u00e4ischen Union zur \u00dcberwindung der aktuellen Krise, zur Wiederbelebung des Wirtschaftswachstums und zur Anpassung der institutionellen Settings bereitgestellt werden.</p><p>Ein gro\u00dfer Teil des Geldes ist f\u00fcr Infrastrukturprojekte, den \u00f6kologischen Umbau sowie den \u00dcbergang hin zu einer gr\u00fcnen Wirtschafts- und Stadtentwicklung vorgesehen. Der Investitionsplan wird zwar auf nationaler Ebene entworfen; die Verwaltung der Mittel erfolgt aber auf regionaler und lokaler Ebene. Mit anderen Worten: Diese Mittel zu verwalten bedeutet, eine enorme Geldmenge zu kontrollieren. Das wiederum bedeutet, sich mit dem Geld parlamentarische Mehrheiten gew\u00e4hrleisten zu k\u00f6nnen und diejenigen Klientele zu bedienen, die die Stimmen gegeben haben.</p><h2><b>Und die Linke?</b></h2><p>Die italienische Linke w\u00e4hlt bei diesen Wahlen zwei verschiedene Optionen. Eine davon ist <i>Sinistra Italiana</i>, eine politische Partei, die 2017 aus einer Abspaltung von der Demokratischen Partei, einem Zusammenschluss mit Sinistra Ecologia e Libert\u00e0 und unter Beteiligung von ehemaligen Politiker:innen der 5-Sterne-Bewegung entstanden ist. Sinistra Italiana hat sich in die Wahllisten der linken Mitte integriert, um, wie der Parteivorsitzende Nicola Fratoianni es ausdr\u00fcckte, \u201eeine unabh\u00e4ngige linke politische Option in einer Koalition mit der Demokratischen Partei und der 5-Sterne-Bewegung\u201c aufzubauen.</p><p>Mit der Unterst\u00fctzung der Mitte-Links-Koalition wird Sinistra Italiana allerdings zur Kr\u00fccke des links angemalten Neoliberalismus der Demokratischen Partei. Sie ignoriert die Wende, die die PD in den letzten zwanzig Jahren vollzogen hat: W\u00e4hrend ihrer Regierungszeit baute sie Arbeiter:innenrechte ab, unterst\u00fctzte gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige und unn\u00f6tige Infrastrukturprojekte, trug zur Umweltzerst\u00f6rung bei und errichtete Mauern gegen Migrant:innen. In der Mitte-Links-Koalition gibt es keinen Platz f\u00fcr eine alternative linke Politik.</p><p>Die Partei<i> Potere al Popolo</i> hat stattdessen beschlossen, entweder allein (Mailand, Bologna, Rom) oder in Koalition mit progressiven Listen, die unabh\u00e4ngige B\u00fcrgermeisterkandidat:innen unterst\u00fctzen (Turin und Neapel), an den Wahlen teilzunehmen. Unabh\u00e4ngig von der taktischen Erw\u00e4gung, allein oder in einer unabh\u00e4ngigen Koalition anzutreten, besteht der Grundgedanke darin, eine Alternative zum entstandenen Bipolarismus zu schaffen: eine Alternative zur konservativen und neofaschistischen Mitte-Rechts-Politik und eine Alternative zum Neoliberalismus von Mitte-Links. Beides sind unterschiedliche Seiten ein und derselben Medaille.</p><p><i>Potere al Popolo</i> macht deutlich, dass es nicht m\u00f6glich ist, eine solche Alternative einzig mittels Vereinbarungen zwischen zentralen Figuren linker Parteien und Wahlkoalitionen aufzubauen. Eine linke Alternative braucht ein neues politisches Projekt, das im sozialen Gef\u00fcge verwurzelt ist, welches Kommunist:innen organisieren wollen: prek\u00e4r besch\u00e4ftigte Arbeiter:innen, Frauen*, Migrant:innen und andere.</p><p>So gesehen haben Wahlen eine doppelte Aufgabe: Erstens, die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit von Wahlen zu nutzen, um von den Menschen wahrgenommen zu werden. Das bedeutet, die popularen K\u00e4mpfe zu intensiveren und das politische Programm der Partei in Bezug auf die Menschen auszurichten; zweitens, in die Kommunalparlamente gew\u00e4hlt zu werden, um den Alltag des b\u00fcrgerlichen Spektakels zu st\u00f6ren und so die mediale Aufmerksamkeit zu nutzen, um die Stimme des Volkes und der sozialen K\u00e4mpfe in die Institutionen zu bringen. Es ist genau dieses politische Spannungsfeld, in dem sich Potere al Popolo heute bewegt.</p><hr/><h3><b>Anmerkung:</b></h3><p>Der Artikel erschien am 29. September 2021 bei<i> Peoples\u2019 Dispatch</i> <a href=\"https://peoplesdispatch.org/2021/09/29/what-to-know-about-the-upcoming-local-elections-in-italy/\">\u201e<b>What to know about the upcoming local elections in Italy\u201d</b></a>. Er wurde von Johanna Br\u00f6se ins Deutsche \u00fcbersetzt und an einigen Stellen vom Autor erg\u00e4nzt. </p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Mit dem Ausruf des ersten italienweiten Lockdowns und der Schlie\u00dfung zahlreicher wirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten im M\u00e4rz 2020 erlebte die Arbeitswelt erneut eine tiefgreifende Restrukturierung. Die k\u00fcrzlich publizierten Statistiken des italienischen Statistikamtes Istat sprechen eine klare Sprache: Innerhalb eines Jahres (M\u00e4rz 2020 \u2013 Februar 2021) gingen in Italien offiziell 456.000 Arbeitspl\u00e4tze verloren (-2.0 Prozent); nur dank des zu Beginn der Krise eingef\u00fchrten und seither anhaltenden Entlassungsverbotes ist diese Zahl nicht mindestens doppelt so hoch.</p><p>Dieser Stellenverlust hat in den letzten zw\u00f6lf Monaten vor allem Arbeiter*innen mit befristeten Vertr\u00e4gen (-391.000 Personen, das entspricht -12.8 Prozent) und selbst\u00e4ndig Arbeitende (-154.000 Personen entspricht -2.9 Prozent) getroffen. Einen gro\u00dfen Teil der informellen Arbeiter*innen, die ohne Arbeitsvertrag und unter prek\u00e4ren Bedingungen ihr Brot verdienen, werden aber von diesen Statistiken nicht erfasst.</p><p>Die Erosion der Arbeit wurde von einer massiven Zunahme inaktiver Arbeiter*innen begleitet (+403.000, das bedeutet einen Zuwachs von 3.1 Prozent). Als \u201einaktiv\u201c bezeichnet man diejenigen Personen, die weder arbeiten noch auf Arbeitssuche sind, da es schlicht keine Arbeit gibt. Die Inaktiven gelten statistisch nicht als Erwerbslose, darum ist dieser Indikator im letzten Jahr paradoxerweise auch massiv zur\u00fcckgegangen (-10.5 Prozent).</p><h2><b>Arbeitsk\u00e4mpfe in der Pandemie</b></h2><p>Vor diesem Hintergrund brachen zu Beginn der Corona-Krise 2020<a href=\"https://revoltmag.org/articles/arbeiten-zeiten-des-coronavirus/\"> Arbeitsk\u00e4mpfe</a> in verschiedensten Sektoren aus. Arbeiter*innen nicht \u201esystemrelevanter\u201c Sektoren, wie beispielsweise der Luxuskleiderindustrien legten die Arbeit nieder, um die vor\u00fcbergehende Schlie\u00dfung ihrer Betriebe und eine totale Lohnfortzahlung zu fordern. In den Gro\u00dfbetrieben wie bei Fiat in Pomigliano d&#x27;Arco bei Neapel forderten die Arbeiter*innen die Einhaltung von Schutzma\u00dfnahmen gegen die Verbreitung des Virus im Betrieb. Arbeitsk\u00e4mpfe und Protestaktionen brachen auch in prek\u00e4ren Sektoren aus: Migrantische, meist papierlose<a href=\"https://www.rosalux.eu/de/article/1758.der-kampf-der-landarbeiter-innen-in-italien.html\"> Landarbeiter*innen</a> forderten eine sofortige Regularisierung ihrer Arbeits- und Aufenthaltssituation und einen staatlichen Eingriff zur Verbesserung ihrer Unterkunfts- und Wohnsituation.</p><p>Besonders hervorzuheben ist der Kampf von Zehntausenden von<a href=\"https://www.internazionale.it/reportage/annalisa-camilli/2020/11/10/lockdown-rider-sciopero\"> <i>rider</i></a> (Arbeiter*innen in der Essenslieferung). Mit dem enormen Anstieg der Nachfrage nach Hauslieferungen w\u00e4hrend der Pandemie nutzten diese Arbeiter*innen die Gunst der Stunde, um bessere Anstellungs- und Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse zu fordern. Nach Monaten der Arbeitsniederlegung, institutionellen Treffen und einem Prozess der Selbstorganisierung in unabh\u00e4ngigen Gewerkschaften sprach die Staatsanwaltschaft von Milano Mitte Februar 2021 ein Urteil aus, nach dem die delivery Plattformen die <i>rider</i> als unselbst\u00e4ndige Arbeiter*innen direkt anstellen m\u00fcssen und daher alle sozialen und gewerkschaftlichen Rechte zu garantieren sind. Es handelt sich um einen wichtigen Schritt im Kampf gegen das ausufernde Ph\u00e4nomen der Scheinselbst\u00e4ndigkeit im Sektor.</p><p>F\u00fcr die Kapitalist*innen steht viel auf dem Spiel: Ihre Bereitschaft, den Forderungen der Arbeiter*innen entgegenzukommen, st\u00f6\u00dft indes \u00e4u\u00dferst schnell an Grenzen und wird auch staatlich gest\u00fctzt. Zwei j\u00fcngere Beispiele von Arbeitsk\u00e4mpfen zeigen dies deutlich. Es handelt sich dabei in erster Linie nicht um offensive K\u00e4mpfe mit selbst gew\u00e4hlten Zielen (Lohnerh\u00f6hung, Arbeitszeitverk\u00fcrzung oder \u00e4hnliches), sondern um Mobilisierungen gegen hyper-ausbeuterische Arbeitsverh\u00e4ltnisse und f\u00fcr die Einhaltung von gesetzlichen und tarifvertraglichen Mindeststandards. Die k\u00e4mpfenden Arbeiter*innen wendeten dabei radikale Kampfformen an \u2013 und die staatliche Repression zum Schutze des Kapitals lie\u00df nicht lange auf sich warten.</p><h2><b>K\u00e4mpfen gegen kriminelle Organisationen</b></h2><p>In Prato, in der Region Toskana, mobilisieren sich seit \u00fcber einem Monat schon rund 30 pakistanische und bengalische Arbeiter*innen der chinesischen Druckerei Texprint. Sie fordern die Einhaltung der vom nationalen Tarifvertrag vorgesehenen Arbeitszeiten (8-Stunden-Tag, 5-Tage-Woche, Respekt der vorgesehenen Urlaubstage). Die Arbeiter*innen haben eine permanente Blockade des Wareneingangs und -ausgangs aufgebaut, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen: Arbeitstage von \u00fcber 12 Stunden, keine Wochenenden und fehlende Arbeitsvertr\u00e4ge. Am 10. M\u00e4rz 2021 intervenierte jedoch die Polizei, um die friedliche Sitzblockade zu durchbrechen. Dabei wurden mindestens zehn Arbeiter*innen verletzt, zwei davon mussten ins Krankenhaus gebracht werden.</p><p>Die repressive Antwort des Staates auf die Proteste der Arbeiter*innen geschah just in dem Moment, in dem die Pr\u00e4fektur eine Untersuchung gegen Texprint wegen Verbindungen des Unternehmens zu kriminellen Organisationen einleitete: Es konnte eine direkte Verbindung zwischen einem Manager der Druckerei zur <i>&#x27;ndrangheta</i>, der kalabrischen Mafia, nachgewiesen werden. Das Unternehmen weist diese Vorw\u00fcrfe zur\u00fcck. Es behauptet, es handle sich bei der Person um einen einfachen Mitarbeiter, so dass nicht das ganze Unternehmen zu haften h\u00e4tte. Die Pr\u00e4fektur verordnete trotzdem den Ausschluss des Unternehmens aus dem Wettbewerb um \u00f6ffentliche Auftr\u00e4ge. Tats\u00e4chlich hatte Texprint im letzten Herbst einen Auftrag im Wert von 354.000 Euro f\u00fcr die Produktion von Anti-Corona-Masken an Land gezogen. Gleichzeitig wurde aber f\u00fcr die Arbeiter*innen, die bei der Basisgewerkschaft <i>Si Cobas</i> (Sindacato intercategoriale \u2013 Comitati di base, eine alternative, branchen\u00fcbergreifende Basisgewerkschaft) Mitglieder sind, Kurzarbeit mit der Begr\u00fcndung \u201eCovid-19\u201c beantragt.</p><p>Dass das Unternehmen seine Profite durch unrechtm\u00e4\u00dfige Gesch\u00e4fte erzielt, war im letzten Januar auch schon dem regionalen Arbeitsinspektorat aufgefallen. Bei einer Kontrolle im Betrieb hatte es die ausbeuterischen Bedingungen protokolliert und notiert, dass die Arbeiter*innen das Ende des illegitimen Gebrauchs von Lehrvertr\u00e4gen fordern; ein Mechanismus, den die Betriebe nutzen, um weniger Lohn zu zahlen und die prek\u00e4ren Bedingungen beizubehalten.</p><h2><b>Anzeigen gegen Gewerkschaftsaktivist*innen</b></h2><p>Das Beispiel eines zweiten Arbeitskampfes macht deutlich, dass die repressive Faust des Staates auch in dem seit Jahrzehnten expandierenden<a href=\"http://schattenblick.ch/infopool/medien/altern/vorw-957.html\"> Logistiksektor</a> zuschl\u00e4gt. Die wachsende \u00f6konomische Bedeutung des Sektors wird schon seit Jahren von wichtigen K\u00e4mpfen f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen und f\u00fcr die Regularisierung der migrantischen Arbeit begleitet. Besonders in den Lagerh\u00e4usern der gro\u00dfen multinationalen Unternehmen in Nord- und Mittelitalien organisierten und mobilisierten sich vornehmlich migrantische Arbeiter*innen. Auch die Pandemie konnte das Wachstum nicht bremsen, im Gegenteil: Die Zunahme des Konsums \u00fcber den Warenkauf auf den digitalen Plattformen haben die Arbeitsrhythmen in den Lagerh\u00e4usern nur intensiviert \u2013 und somit auch das Konfliktpotential innerhalb der Betriebe.</p><p>Mitte Februar 2021 gewannen die Arbeiter*innen der Lagerh\u00e4user von Tnt in Piacenza einen wichtigen Kampf. Im Fusionsprozess der zwei <i>global players</i> der Logistik \u2013 Tnt und FedEx \u2013 wurden in ganz Europa Arbeiter*innen entlassen. In Piacenza hatten sich die Lagerarbeiter*innen 13 Tage lang mit radikalen Aktionen gewehrt (unter anderem mit der Blockade der Warenzirkulation) und konnten dadurch die Massenentlassung verhindern. Mit aller Entschlossenheit f\u00fchrten sie den Kampf fort und erhielten sogar vertragliche Verbesserungen \u2013 eine Seltenheit angesichts der in diesen Krisenzeiten kaum vorhandenen Bereitschaft der Unternehmen, den Forderungen der Arbeiter*innen gegen\u00fcber Zugest\u00e4ndnisse zu machen.</p><p>Am 10. M\u00e4rz kam aber die Rache in Form einer gewaltt\u00e4tigen staatlichen Repression. Die Staatsanwaltschaft leitete in Anschluss an den 13-t\u00e4gigen Kampf Untersuchungen gegen insgesamt 29 Arbeiter*innen und Aktivist*innen der Basisgewerkschaft <i>Si Cobas</i> ein. Die Anklage lautet: Widerstand gegen Beamte, schwere K\u00f6rperverletzung und Gewalt, unrechtm\u00e4\u00dfige Besetzung von \u00f6ffentlichem Grund. Zudem wurden Bu\u00dfgeldstrafen in der H\u00f6he von mehr als 13.000 Euro pro Person wegen \u201eVersto\u00df gegen Anti-Corona-Regeln\u201c verteilt. Die Polizei f\u00fchrte insgesamt 21 Hausdurchsuchungen durch; Arafat und Carlo, zwei Aktivisten von <i>Si Cobas,</i> wurden gar unter Hausarrest gestellt.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"photo_2021-03-17 09.16.01.jpeg\" height=\"432\" src=\"/media/images/photo_2021-03-17_09.16.01.original.jpg\" width=\"768\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>&quot;Fedex-TNT und Draghi-Regierung, ihr seid die Kriminellen. Mit den k\u00e4mpfenden Arbeiter*innen. Freiheit f\u00fcr Carlo und Arafat, Freiheit f\u00fcr alle!&quot; (Text auf Transparent)</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Das Urteil ist h\u00f6chst politisch motiviert: Der Staat setzte damit das im Jahr 2019 eingef\u00fchrte sogenannte Salvini-Gesetz durch. Das auch unter der Bezeichnung \u201eSicherheitsdekret\u201c bekannt gewordene Gesetz wurde stets in Verbindung mit dem Angriff auf die grundlegenden Rechte von Gefl\u00fcchteten diskutiert; oft blieb unbeachtet, dass dieses Dekret auch das fundamentale Streikrecht und die damit einhergehenden Kampfformen wie Stra\u00dfen- und Betriebsblockaden angreift. Die Staatsanwaltschaft von Piacenza setzte nun in diesem Fall genau dieses Sicherheitsdekret durch, obwohl sie in ihrer \u00f6ffentlichen Stellungnahme erkl\u00e4rt, dass die Anzeigen in keinem Zusammenhang mit der rechtm\u00e4\u00dfigen Aus\u00fcbung der gewerkschaftlichen Rechte stehen, sondern \u201edie Blockade der Lastwagen mit gewaltt\u00e4tigen Methoden, bis zum schlimmen Widerstand gegen Ordnungskr\u00e4fte\u201c (sic!) betreffen.</p><h2><b>Den Konflikt zuspitzen!</b></h2><p>Die beiden Beispiele zeigen, wie sich der krisengepr\u00e4gte Kapitalismus derzeitig entwickelt und wie Unternehmen sowie staatliche Strukturen darauf reagieren: Angriffe auf die Arbeits- und Lohnbedingungen, Unterdr\u00fcckung der autonomen Organisierung der Klasse und Kriminalisierung radikaler Kampfformen. Wie kann man diese Entwicklungen einordnen?</p><p>Die K\u00e4mpfe der Arbeiter*innen brachen in Sektoren aus, in denen die Gewinnmargen fast ausschlie\u00dflich \u00fcber gesetzeswidrige Methoden der Arbeitsorganisation erh\u00f6ht werden. Es geh\u00f6rt mittlerweile jedoch zur Normalit\u00e4t, Arbeiter*innen ohne Vertr\u00e4ge anzustellen oder Vertragsformen zu benutzen, mit denen tiefe L\u00f6hne bezahlt oder gesetzliche Mindeststandards (Arbeitszeiten, Sozialbeitr\u00e4ge usw.) untergraben werden. Dies geschieht im Dienstleistungs- und im Logistiksektor, aber auch in der Landwirtschaft, im Care-Sektor und vermehrt auch in denjenigen industriellen Branchen, in denen bis vor einigen Jahren noch stabile Normalarbeitsverh\u00e4ltnisse vorherrschten. Der krisengepr\u00e4gte Kapitalismus kann sich die alte Normalit\u00e4t nicht mehr leisten.</p><p>Diese seit Jahren schon vorherrschende Arbeitsorganisation antizipiert gewisserma\u00dfen die Ank\u00fcndigungen des ehemaligen Chefs der Europ\u00e4ischen Zentralbank und aktuellen Ministerpr\u00e4sidenten Italiens, Mario Draghi. Bei Amtsantritt Mitte Februar 2021 legte er seine Karten gleich offen. Seine strukturellen Reformen der industriellen Beziehungen verfolgen zwei Ziele: Erstens die St\u00e4rkung der betrieblichen Lohnabsprachen zu Ungunsten der Branchen-Tarifvertr\u00e4ge. Dies hat zur Folge, dass auch innerhalb einer Branche vermehrt konkurrierende Arbeits- und Lohnverh\u00e4ltnisse vorherrschen. Zudem ist die Kontrolle der gesetzlichen Mindeststandards und ihrer tats\u00e4chlichen Durchsetzung auf der betrieblichen Ebene viel schwieriger \u2013 vor allem in Italien, wo Klein- und Kleinstbetriebe die Mehrheit der \u00d6konomie tragen. Zweitens verfolgt Draghi eine Politik der Lohnm\u00e4\u00dfigung mit dem Argument, den \u201eStandort Italien\u201c und somit die Exportorientierung der italienischen Wirtschaft zu st\u00e4rken.</p><p>Der Angriff auf die gewerkschaftlichen Rechte reiht sich in diese Bestrebungen der italienischen Bourgeoisie ein, die Position der italienischen \u00d6konomie im internationalen Wettbewerb neu zu regeln. In diesem Prozess der Restrukturierung ist es unausweichlich, dass K\u00e4mpfe ausbrechen m\u00fcssen \u2013 gerade im Kontext der globalen Pandemie, die die sozialen und \u00f6konomischen Widerspr\u00fcche der kapitalistischen Gesellschaft noch einmal stark versch\u00e4rft hat.</p><p>Dass diese K\u00e4mpfe in erster Linie von migrantischen Arbeiter*innen und ohne Mitwirkung der gro\u00dfen Gewerkschaftsverb\u00e4nde ausgehen, ist zwar nicht neu, weist aber nochmals darauf hin, dass die Gewerkschaften das Feld des Klassenkampfes aufgegeben haben und sich nur noch um institutionelle Repr\u00e4sentanz k\u00fcmmern. Ihre <a href=\"https://www.linkiesta.it/2021/02/maurizio-landini-mario-draghi/\">kritiklose Unterst\u00fctzung</a> f\u00fcr die neue Regierung der \u201enationalen Einheit\u201c kam in den Worten des Cgil-Chefs Maurizio Landini (Cgil: Confederazione Generale Italiana del Lavoro, der italienische Gewerkschaftsbund) zum Ausdruck: \u201eDraghi kann Italien aus der Arbeitsprekarit\u00e4t rausbringen.\u201c</p><p>Dies er\u00f6ffnet neue M\u00f6glichkeiten f\u00fcr konfliktorientierte Basisgewerkschaften und klassenorientierte politische Organisationen, die es zu nutzen gilt. Konkret hei\u00dft das, sich als linke politische Organisation oder Basisgewerkschaft stets auf die Seite der k\u00e4mpfenden Arbeiter*innen zu stellen, ihnen jegliche Form der Unterst\u00fctzung zuzusichern (logistisch, medial und so weiter) und ihre Forderungen hinaus aus den engen Mauern des Betriebes, hinein in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Denn der Pandemie-Kapitalismus hat gezeigt, dass jeder \u00f6konomische Kampf zutiefst politisch ist und auch als solcher ausgetragen werden muss.</p><p></p><hr/><p></p><h2><b>22. M\u00e4rz 2021: Italienweiter Streik bei Amazon</b></h2><p><i>Am Montag, dem 22. M\u00e4rz 2021, soll bei Amazon alles still stehen. Der Streik beim gr\u00f6ssten Logistikunternehmen weltweit soll alle Arbeitskategorien betreffen, von den Lagerarbeiter*innen bis zu den Paketzusteller*innen.</i></p><p><i>In Italien arbeiten rund 40.000 Arbeiter*innen f\u00fcr Amazon. 9.000 davon sind direkt bei Amazon Italia Logistica in den Lagerh\u00e4usern angestellt. Dazu kommen weitere 9.000 Zeitarbeiter*innen, diese kommen mittlerweile aber nicht mehr nur w\u00e4hrend den Festtagen wie Weihnachten zum Einsatz, sondern geh\u00f6ren zur Stammbelegschaft, obwohl sie unter schlechteren Bedingugnen angestellt sind. Rund 19.000 Personen arbeiten als Paketzusteller*innen f\u00fcr Amazon, ohne direkt bei Amazon angestellt zu sein, da sich das multinationale Unternehmen auf eine Pluralit\u00e4t von Betrieben st\u00fctzt, um die Zustellung zu organisieren.</i></p><p><i>Mit dem italienweiten Streik wird zweierlei gefordert: Erstens ein monitoring der Arbeitsrhythmen und Arbeitsbelastungen, denn mit dem Ausbruch der Pandemie hat sich das Arbeitsvolumen verdoppelt, die Zahl der Arbeiter*innen jedoch nicht; zweitens einen Rahmentarifvertrag, der die Arbeits- und Lohnbedingungen aller f\u00fcr Amazon t\u00e4tigen Arbeiter*innen harmonisiert.</i></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Ich bin verr\u00fcckt.&quot;\" height=\"420\" src=\"/media/images/diego_che_je_so_pazzo.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Alessandro Pelizzari</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Wir schreiben das Jahr 1984, genauer den 16. September. Es ist der Tag, an dem Diego Armando Maradona das Gef\u00fchl kennenlernt, das in gro\u00dfen Teilen der italienischen Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber Neapel vorherrscht: den Anti-Meridionalismus. Es ist der erste Spieltag der italienischen Meisterschaft 1984/85 und Maradonas Debut in der Serie A. Neapel reist f\u00fcr das Spiel nach Verona, die Stadt Romeos und Julias, die Stadt des italienischen Wirtschaftswunders und nicht zuletzt die Stadt des \u201esmall is beautiful\u201c, wo kleine und sehr kleine Betriebe Handwerk und Bruttoinlandprodukt produzieren und so die sozio\u00f6konomische Entwicklung vorantreiben.</p><p>Diego verstand sogleich, dass es in Neapel um weitaus mehr als nur um Fu\u00dfball geht: \u201eSie haben uns mit einem Transparent empfangen, das mir mit einem Schlag zu verstehen gab, dass das Spiel von Neapel \u00fcber Fu\u00dfball hinausgeht: &#x27;Willkommen in Italien&#x27; stand darauf. Es ging um einen Kampf des Nordens gegen den S\u00fcden, der Rassisten gegen die Armen.\u201c</p><p>Die Lega Nord, die Partei, die heute von Matteo Salvini angef\u00fchrt wird, und die sich durch ihren anti-meridionalistischen Rassismus auszeichnet, entsteht zwar erst 1989, nicht aber der Rassismus gegen die S\u00fcditaliener*innen. In den Stadien Norditaliens ist es Tradition, Neapel, die wichtigste Mannschaft S\u00fcditaliens, und ihre Fans mit Transparenten zu empfangen, die den Vesuv besingen \u2013 den Vulkan, dessen Ausbruch Pompei zerst\u00f6rte \u2013 und mit Ch\u00f6ren, die die Neapolitaner*innen als \u201eCholera-Erreger*innen\u201c betiteln und sie auffordern, sich zu waschen.</p><h3><b>Neapel in den 1980er Jahren</b></h3><p>F\u00fcr viele Italiener*innen war Neapel die Stadt der Cholera und der Erdbeben. Tats\u00e4chlich hat die Stadt das Stigma der Cholera-Epidemie von 1973 und des Erdbebens von 1980 nie \u00fcberwunden. Die Cholera hatte zwar nur einige dutzend Tote gefordert, doch das Image der Cholera- und Erdbebenstadt wurde Neapel nicht mehr los.</p><p>Noch mehr als das Erdbeben war die Cholera der zur Realit\u00e4t gewordene Alptraum: Im Herzen des florierenden Westens, in einer seiner am dichtesten besiedelten Metropolen, breitete sich eine Krankheit aus, die man hier nur noch als Nachrichten aus den \u00e4rmsten und \u201eunterentwickeltsten\u201c Ecken der Welt kennt. So kamen Widerspr\u00fcche ans Licht, die von einer alles anderen als homogenen wirtschaftlichen Entwicklung Italiens zeugten. Sie zeigten sich in den Gassen Neapels, in den sogenannten \u201ebassi\u201c<i>,</i> den winzigen Wohnungen im Erdgeschoss, in denen einkommensschwache Familien bis heute dicht an dicht leben, die dann in den 2000er Jahren zur folkloristischen Sehensw\u00fcrdigkeit f\u00fcr Tourist*innen wurden. Sie zeigten sich aber auch in den miserablen Hygienebedingungen, in denen die popularen Klassen der Stadt zu leben gezwungen waren und teilweise auch heute noch sind. Szenarien, die vielmehr an die \u201evillas miserias\u201c Argentiniens erinnern als an eine reiche Metropole des Westens. Sie erinnern an Orte wie die Villa Fiorita, wo am 30. Oktober 1960 Diego geboren wurde.</p><p>Das Neapel, in das Maradona kam, stand am Beginn einer industriellen Krise der gesamten Region, die noch Jahrzehnte andauernden werden w\u00fcrde. Das Stahlwerk Italsider in Bagnoli, einem Quartier in der westlichen Peripherie, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Betrieb gesetzt und 1991 schon wieder geschlo\u00dfen, nur wenige Jahre nach dem Abgang der Nummer 10 aus Neapel. Es war das Neapel einer gra\u00dfierenden Arbeitslosigkeit, des Schmuggels von Zigaretten und eines sich ausbreitenden Heroinkonsums. Es war das Neapel der Camorra-Morde an <a href=\"https://it.wikipedia.org/wiki/Giancarlo_Siani\">mutigen Journalist*innen</a>, die die kriminellen Abkommen zwischen Politik, Wirtschaft und Mafia anprangerten; das Neapel der Fehden zwischen den Camorra-Clans und des Blutes auf der Stra\u00dfe. Das Neapel der 1980er Jahre wurde von vielen wie eine hoffnungslose H\u00f6lle beschrieben. Zu jener Zeit verlie\u00dfen zehntausende Emigrant*innen jedes Jahr die Stadt, um in den Fabriken des Nordens, in Frankreich oder in Deutschland zu arbeiten.</p><h3><b>Diego als Erl\u00f6ser</b></h3><p>Und ausgerechnet in Deutschland wird Neapel den ersten internationalen Erfolg seiner Geschichte feiern. Am 17. Mai 1989 wird in Stuttgart das R\u00fcckspiel des Uefa-Cup-Finals gespielt. Das Hinspiel im Stadion San Paolo in Neapel endete 2:1 f\u00fcr die \u201eazzurri\u201c (die himmelblauen Trikots) mit Toren von Maradona und dem Brasilianer Careca. F\u00fcr Stuttgart hatte der Deutsche <a href=\"https://www.spazionapoli.it/2014/10/06/lindimenticabile-gaudino-esempio-demigrante-napoletano-tedesco/\">Maurizio Gaudino</a> getroffen, Sohn von kampanischen Emigrant*innen (der Vater aus Caserta, die Mutter aus Neapel), die im Nachkriegsboom nach West-Deutschland (Br\u00fchl) emigrierten. Im Neckarstadion dr\u00e4ngten sich 67.000 Zuschauer*innen, 30.000 davon Italiener*innen \u2013 ein Gro\u00dfteil aus S\u00fcditalien, genau wie die Eltern von Gaudino: Arbeiter*innen bei Porsche, Daimler, Bosch oder IBM; Blaukragen, die von der Misere und den fehlenden Zukunftsaussichten aus S\u00fcditalien geflohen waren und auf der Suche nach einer w\u00fcrdigeren Existenz eine regelrechte \u201e<a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=mfeyKxaUzWE\">Reise der Hoffnung</a>\u201c angetreten hatten. An jenem Abend unterst\u00fctzten wohl nur zwei dieser Emigrant*innen den VfB Stuttgart, alle anderen feierten nach dem Schlu\u00dfpfiff das Endresultat von 3:3 und somit den Pokalsieg Neapels. F\u00fcr sie alle war das mehr als nur ein Sieg und eine Fu\u00dfball-Troph\u00e4e. Es war eine Selbstbehauptung angesichts erlittener Ausbeutung und Dem\u00fctigung; es war der Stolz und das Wissen, am n\u00e4chsten Tag mit erhobenem Haupt in die Fabrik eintreten zu k\u00f6nnen.</p><p>Und dieser Stolz wurde von einem Gef\u00fchl der Befreiung begleitet: Unter jenen, die heute um Diego trauern, ist \u201eriscatto\u201c (Befreiung, Erl\u00f6sung) das meistbenutzte Wort zur Beschreibung dieses Sieges und der Bedeutung Maradonas f\u00fcr sie selbst. \u201eRiscatto\u201c bedeutet im Italienischen soviel wie \u201eer hat uns die Ohrfeigen vom Gesicht genommen\u201c \u2013 \u201eci ha levato gli schiaffi da faccia\u201c. Dieser neapolitanische Ausdruck beschreibt in einem Sprachbild eine praktisch unm\u00f6gliche Handlung der Vergeltung eines erlittenen Angriffs oder einer erlittenen Beleidigung. \u201eSich die Ohrfeigen vom Gesicht nehmen\u201c: Befreiung und Revanche.</p><p>Es gibt keine gr\u00f6\u00dfere Herausforderung als ein Spiel gegen Juventus Turin. Umso st\u00e4rker das Gef\u00fchl, sich \u201edie Ohrfeigen vom Gesicht zu nehmen\u201c bei einem Sieg gegen Juventus. Denn Juventus ist der Gewinner-Club par excellence und besitzt das reichste Palmares. Der Fu\u00dfball-Club geh\u00f6rt der Familie Agnelli, einer der wichtigsten Familie des norditalienischen Kapitals, Besitzerin der FIAT (heute FCA, Fiat Chrysler Automobiles) von Turin, in deren <a href=\"https://duepublico2.uni-due.de/servlets/MCRFileNodeServlet/duepublico_derivate_00026914/07_Coppola_Italien.pdf\">Betrieb in Mirafiori</a> ab den 1950er Jahren tausende und abertausende aus dem S\u00fcden (Calabres*innen, Sizilianer*innen, Neapolitaner*innen) gearbeitet haben.</p><p>Am 3. November 1985 kommt Juventus ins Stadion San Paolo nach Neapel. Dann der indirekte Freisto\u00df im Strafraum, die Mauer von Juventus nur f\u00fcnf Meter vom Ball entfernt. Vergebens erinnern die Neapel-Spieler den Schiedsrichter an die gem\u00e4\u00df Reglement vorgesehene Distanz von neun Metern. Dann <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=SXll6oE0qEo\">fl\u00fcstert Maradona</a> einem anderen Spieler selbstbewu\u00dft zu: \u201eIch schie\u00dfe trotzdem, treffen werde ich ohnehin\u201c. Und so war es. In den folgenden Jahren mit Diego im Team gewann Neapel mehrmals gegen Juventus. Im bekannten Doku-Film von <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=ZZS_ZoJ4B0Y\">Emir Kusturica</a> erkl\u00e4rte er selbst, was damals die Siege gegen Juve f\u00fcr ihn, f\u00fcr die Fans und f\u00fcr den ganzen S\u00fcden bedeutet haben: \u201eEs herrschte die allgemeine Annahme, dass der S\u00fcden nie gegen den Norden gewinnen kann. Wir spielten gegen Juventus in Turin und schossen sechs Tore. Du kannst dir vorstellen, was es bedeutet, wenn eine Mannschaft des S\u00fcdens sechs Tore gegen die Familie Agnelli schie\u00dft?\u201c</p><p>F\u00fcr viele Neapolitaner*innen und f\u00fcr viele S\u00fcditaliener*innen bedeutete ein Sieg gegen Juve den lang ersehnten Sieg gegen den Norden und gegen die Reichen. Das Gleiche wiederholte sich im Sommer 1990, als Neapel zum zweiten Mal den italienischen Meistertitel holte und den AC Mailand von Silvio Berlusconi, dem aufsteigenden Stern des italienischen Kapitalismus, auf Platz zwei verwies. Und in Neapel h\u00e4ngten Leute das emblematische Transpartent auf: \u201eBerlusconi, auch die Reichen weinen.\u201c</p><p>Wer aber allein die Zahl der geschossenen Tore und der erlangten Titel heranzieht, um das Verh\u00e4ltnis der Neapolitaner*innen und Diego zu verstehen, erweist sich zwar als guter Buchhalter, hat aber wenig vom sozialen Charakter dieser Beziehung verstanden. Corrado Ferlaino, Pr\u00e4sident des SSC Neapel in der Maradona-\u00c4ra, war ein ebensolcher Buchalter und interessierte sich ausschlie\u00dflich f\u00fcr den \u201ereturn of investment\u201c. Als ihn eines Tages Diego um ein Benefiz-Spiel f\u00fcr ein krankes Kind bat, blockte er ab. Die Eltern des Kindes hatten kein Geld, um die lebensnotwendige Operation zu bezahlten. Diego widersetzte sich, bezahlte die 12 Millionen f\u00fcr die Unfallversicherung aus der eigenen Tasche und \u00fcberzeugte seine Mitspieler, das Spiel auch so zu spielen. Maradona hatte bereits bei seiner Ankunft im Juli 1984 erkl\u00e4rt: \u201eIch will ein Idol der armen Jungs von Neapel werden, weil ich in Buenos Aires lebte wie sie.\u201c Das Spiel wurde auf einem schlammbedeckten Feld <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=1CavW8ODe54\">in der Peripherie von Neapel</a> ausgetragen. Die Spieler w\u00e4rmten sich auf einem Parkplatz zwischen Autos und \u201emotorini\u201c ein. Am Ende kamen 20 Millionen Lire zusammen und das Kind wurde erfolgreich operiert.</p><p>Es handelte sich um eine kleine Episode im Leben des Fu\u00dfballers Maradona, aber um eine gro\u00dfe im Leben des Menschen Diego. So ist f\u00fcr Neapel die \u201ecebollita\u201c, die Zwiebel von Villa Fiorita, wie Diego zu Hause genannt wird, nicht nur ein Fu\u00dfballgott, sondern auch ein fragiler, stets l\u00e4chelnder, temperamentvoller, altruistischer Mann, der Kokain konsumierte und seine <a href=\"https://www.marcha.org.ar/por-que-queremos-tanto-al-diego-si-somos-feministas/?fbclid=IwAR0COF5iHu-hPfUcvhxaXUum6K2MrD-Mwtw4Owfzcz_XvBep4Le94hjq_Aw\">machoide Seite gegen\u00fcber Frauen</a> zu oft nicht im Griff hatte.</p><h3><b>\u201eDiego es pueblo\u201c \u2013 Diego ist das Volk</b></h3><p>Die neapolitanische Bev\u00f6lkerung hat sich mit Diego Armando Maradona als Fu\u00dfballer und Mensch, als fleischgewordene Dialektik zwischen Mensch und Mythos identifiziert wie mit niemandem zuvor. Es gibt keine Pers\u00f6nlichkeit aus dem Showbusiness oder der Politik, die f\u00e4hig war, eine solche Verbindung zu \u201eihrem Volk\u201c aufzubauen, wie Diego es konnte. Denn es war eine Verbindung, die nicht an seine Spielzeit in Neapel gebunden blieb. Auch f\u00fcr die nach 1991 \u2013 dem Jahr der Antidoping-Kontrollen, des Koks im Urin und seiner Flucht aus Neapel \u2013 Geborenen, die Maradona also nie live haben spielen sehen, ist er eine Identifikationsfigur. Sie haben seine Meisterst\u00fccke erst auf VHS Kassetten und dann im Internet nachgeschaut. Aber sogar wer gar nie ein Fu\u00dfballspiel von Maradona gesehen, keine seiner Aktionen auf dem Feld, die \u201e<a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=iOAFWLm7tPg\">mano de Dios</a>\u201c oder \u201e<a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=-NrJuU0Kw2w\">das sch\u00f6nste Tor des Jahrhunderts</a>\u201c erlebt hat, ja sogar wer nichts von Fu\u00dfball h\u00e4lt: auch f\u00fcr sie ist Diego ein Symbol, er ist einer von ihnen. Sie weinen heute zusammen mit den Fu\u00dfball Freaks, mit den Ultras, mit den leidenschaftlichen Fans.</p><p>Wer den \u201ePopulismus\u201c begreifen will, sollte weniger Laclau lesen als vielmehr versuchen, das gesellschaftliche und politische Ph\u00e4nomen Maradona zu verstehen. Diego verstand sich nie als VERTRETER \u201eseines Volkes\u201c, das wollte er auch gar nicht. Diego WAR das Volk, nicht nur in Neapel. Als lebendiger Mensch mit all seinen Fehlern, seiner rauen und unkonventionellen Art verk\u00f6rperte er genau das: das widerspr\u00fcchliche Leben des Volkes.</p><p>Dabei legt Diego seinen nationalen und argentinischen Charakter ab und wird als Maradona zu einem universellen Charakter. Das hatten wir bereits bei der Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft 1990 erlebt. Das Halbfinale zwischen Italien und Argentinien wurde \u2013 welche Ironie des Schicksals! \u2013 im Stadion San Paolo in Neapel gespielt, just in \u201eseinem\u201c Zuhause, vor \u201eseinen\u201c Leuten. Tausende Neapolitaner*innen erlebten dieses Spielt extrem gespalten: F\u00fcr welche \u201eHeimat\u201c sollten sie nun fanen? F\u00fcr ihre offizielle Heimat oder f\u00fcr die \u201eHeimat Maradona\u201c? Die Mehrheit w\u00e4hlte schlie\u00dflich die Heimat ihres Passes. Andere \u2013 teils leise, teils laut \u2013 hatten Diego gew\u00e4hlt. Dabei sind sie seinem Rat gefolgt: \u201eIch finde es geschmackslos, von den Neapolitaner*innen zu verlangen, f\u00fcr einen Abend Italiener*innen zu sein, w\u00e4hrend sie die restlichen 364 Tage im Jahr als &#x27;terroni&#x27; beschimpft werden.\u201c \u201eTerroni\u201c \u2013 Erdfresser, wie die S\u00fcditaliener*innen im Norden abwertend genannt werden. So setzte sich die Liebe zum Argentinier durch, der den Neapolitaner*innen im Schatten des Vesuvs W\u00fcrde, Stolz und Erfolg zur\u00fcckgebracht hatte.</p><p>Das Volk der \u201cPatria Grande\u201d, von Lateinamerika also, das er fu\u00dfballspielend stets verteidigt und gew\u00fcrdigt hat, weint heute um ihn. Aber auch die restliche Welt. 48 Stunden nach seinem Tod erschien sogar in den Ruinen von <a href=\"https://twitter.com/MoAlkhalid/status/1331914500379979778/photo/1\">Idlib</a>, im kriegszerr\u00fctteten Nordsyrien, ein Wandgem\u00e4lde, das ihn darstellt. \u00dcberall erz\u00e4hlen Menschen, dass Maradona ein Symbol war, \u00fcber das sie sich und ihr Leben verst\u00e4ndlich machen konnten. Diego als Befreier. Diego als Volk. Und Maradonas Fu\u00dfball als eine offene Sprache, die in ihrem Geist der Rebellion, in ihrer Ehrlichkeit Journalist*innen und den M\u00e4chtigen gegen\u00fcber, wie es sich alle Unterdr\u00fcckten w\u00fcnschen, \u00fcberall und f\u00fcr alle verst\u00e4ndlich ist.</p><p>Die vielen Tr\u00e4nen der letzten Tage bergen aber auch eine Gefahr. Es gibt Tendenzen, Diego \u201ereinzuwaschen\u201c. Maradona wird heute von (fast) allen mit Lorbeeren \u00fcberh\u00e4uft, sogar von seinen ehemaligen Feinden. Hinter dem sogenannten \u201eRespekt\u201c f\u00fcr den Tod eines Menschen versteckt sich damit aber auch der Versuch, seine Figur zu normalisieren und sie von all den Aspekten zu befreien, die im Sinne einer b\u00fcrgerlichen Moral als verdorben gelten und nun stigmatisiert und marginalisiert werden. Damit wird gerade der volksnahe Diego und die Dialektik, die er verk\u00f6rpert, aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis gel\u00f6scht. Wenn das gelingt, k\u00f6nnte er zu einem konsumierbaren und kommerzialisierbaren Heiligen ohne Ecken und Kanten werden. Doch genau dieses Image hat er seit Beginn seiner Karriere bek\u00e4mpft, wie er es im wundersch\u00f6nen <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=wPR84ZywynM&amp;feature=youtu.be\">Interview</a> mit dem Journalisten, Genossen und Freund <a href=\"https://it.wikipedia.org/wiki/Gianni_Min%C3%A0\">Gianni Min\u00e0</a> auf den Punkt brachte. Es w\u00fcrde die Seele seiner Person zerst\u00f6ren, die zutiefst popular ist, wie es im Grunde auch die G\u00f6tter des antiken Griechenlands waren: M\u00e4chtig, aber fehlbar, gro\u00dfz\u00fcgig, aber skurril. Wie die Religion als Sublimierung des Volkes, um es mit dem Soziologen \u00c9mil Durkheim zu sagte.</p><p>Wenn Diego einfach zu einer weiteren Statue gemacht wird, wird er ein ausgestopfter K\u00f6rper und ein einbalsamiertes Konzept. Wenn wir jedoch die Dialektik, die er verk\u00f6rperte, in Erinnerung behalten, werden wir seine Menschlichkeit und seine rebellische Lebendigkeit bewahren.</p><p></p><p>\u00dcbersetzung aus dem Italienischen: Maurizio Coppola und Maja Tschumi</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Oktober ausgebrochenen Proteste in Italien haben die politische und mediale Aufmerksamkeit im In- und Ausland geweckt. In Napoli hatte eine Gruppe von Protestierenden w\u00e4hrend der n\u00e4chtlichen Demonstration die Auseinandersetzung mit der Polizei gesucht, die Medien sprachen sogleich von der Camorra [die Mafia in der Region Kampanien; Anm. d. Red.], die die Gewalt orchestriert haben soll. Offensichtlich ging es in Napoli jedoch um <a href=\"https://revoltmag.org/articles/napoli-gegen-den-lockdown/\">soziale Belange</a>. Daraufhin kam es auch in anderen St\u00e4dten, vom Norden bis in den S\u00fcden des Landes, zu sozialen Protesten gegen die Politik der Regierung angesichts der zweiten Welle der Corona-Krise.</p><p>In den Tagen darauf nahmen die Proteste nicht ab, im Gegenteil. Sie nahmen unterschiedlichste Formen an und auch in anderen St\u00e4dten kam es zu gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und Polizei. Nun mischte sich auch die italienische Regierung ein und verurteilte die Proteste. Wie Innenminister Luciana Lamorgese gegen\u00fcber der Tageszeitung <a href=\"https://www.repubblica.it/cronaca/2020/10/28/news/piazze_in_rivolta_lamorgese_studenti_disagiati_ed_extracomunitari-272172842/\">La Repubblica</a> erkl\u00e4rte, w\u00fcrde die Unzufriedenheit nur als Vorwand benutzt werden, um Gewalt auszu\u00fcben. \u201eStudierende, Unbequeme und illegale Einwanderer\u201c w\u00fcrden in den Demonstrationen mitmischen und die Gewalt provozieren. Auch wenn zwar die organisierte Kriminalit\u00e4t (Camorra) als zentrales Erkl\u00e4rungsmuster der Proteste verschwunden ist, vermieden es die Politiker*innen den tats\u00e4chlichen sozialen und politischen Problemen in die Augen zu schauen, die zu den spontanen Ausschreitungen f\u00fchrten.</p><p>Eine einheitliche Analyse der Proteste zu geben ist allerdings sehr schwierig, da sie in jeder Stadt von unterschiedlichen sozialen und politischen Gruppen ausgingen und die Polizei mit unterschiedlich starker Repression darauf reagierte. Der unterschiedliche Charakter der Proteste ist Ausdruck der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen und Kr\u00e4fte, die jeweils vor Ort vorherrschen. Wenn also rechtsextreme Gruppierungen an den Protesten in Rom, Bologna, Torino, Verona oder Firenze anwesend waren oder der Aufruf dazu sogar von ihnen ausging, dann weil sie die herrschende soziale und \u00f6konomische Krise und das politische Vakuum nutzen, um ihre Positionen und Forderungen auf die Strasse zu bringen.</p><h2><b>Der Auftakt in Napoli</b></h2><p>Die Proteste in Napoli waren eine Art Ausl\u00f6ser und Vorbild daf\u00fcr, den sozialen Unmut auf die Stra\u00dfe zu tragen. Auch in Napoli h\u00f6rten die Proteste nicht auf. Am Folgetag (24. Oktober) protestierten rund 500 Menschen vor dem regionalen Sitz des Unternehmensverbandes Confindustria gegen die fehlenden gesundheits- und sozialpolitischen Ma\u00dfnahmen, um der Corona-Krise und den sozialen Folgen eines potentiellen Lockdowns entgegenzuwirken. Der Versuch der Demonstrierenden zum regionalen Regierungsgeb\u00e4ude vorzudringen wurde von der Polizei gewaltvoll unterdr\u00fcckt.</p><p>Die polizeiliche Repression kam auch am Montag, dem 26. Oktober, zum Zug: Auf die mittels sozialen Medien beworbene Kundgebung gegen die mangelnden sozialpolitischen Ma\u00dfnahmen reagierte die Regierung mit einem massiven Polizeiaufgebot samt Wasserwerfern und M\u00e4nnern in Robocopmontur. Rund 4.000 Menschen kamen an diesem Abend zu einer Demonstration zusammen. Die soziale und politische Zusammensetzung war vielf\u00e4ltig: von prek\u00e4r und oft irregul\u00e4r arbeitenden Barkeeper*innen \u00fcber Event-Animateur*innen und Kulturschaffenden bis hin zu Betreiber*innen von Kleinbetrieben (vor allem Bars, Restaurants und Nachtclubs) waren alle m\u00f6glichen Schichten vertreten, haupts\u00e4chlich des Dienstleistungssektors. Die Kundgebung war daher auch von unterschiedlichen Forderungen gepr\u00e4gt. Als die Demonstrierenden dann begannen sich zu bewegen, positionierte sich die Polizei erneut, um den Demonstrationszug zu blockieren. Diesmal gelang es den Demonstrierenden, vor das regionale Regierungsgeb\u00e4ude zu gelangen, ohne dass es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kam.</p><p>Die Diversit\u00e4t der Teilnehmenden dr\u00fcckte sich auch in den Wortmeldungen aus: Die Betreiber*innen von Kleinbetrieben forderten keine sozialstaatliche Intervention f\u00fcr die Sicherstellung der Lohnfortzahlung im Falle einer neuen Schlie\u00dfung, sondern unterstrichen ihre Entschlossenheit, um jeden Preis und trotz Lockdown ihre L\u00e4den offen halten und weiterarbeiten zu wollen. Die Wortmeldungen, die ein staatlich garantiertes Grundeinkommen f\u00fcr die Arbeiter*innen verlangten, wurden von ihnen hingegen ausgepfiffen.</p><p>Zudem waren nicht wenige Arbeiter*innen mit Plakaten zu sehen, die einen Steuerzahlungsstopp f\u00fcr krisenbetroffene Bars und Restaurants und die Aufhebung der obligatorischen Schlie\u00dfungen der L\u00e4den ab 18 Uhr forderten. Diese Positionierung von Arbeiter*innen auf Seiten ihrer Arbeitgebenden ist Ausdruck des herrschenden Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisses und der Jobunsicherheit, die bereits vor der Corona-Krise Normalit\u00e4t war. So existiert eine korporatistische \u00dcberzeugung \u00e0 la \u201edu gibst mir zu essen, ich verteidige dich\u201c bei vielen Arbeitenden. Soziale Forderungen \u2013 von einem garantierten Einkommen f\u00fcr die Arbeiter*innen bis zu Investitionen im Gesundheitssystem, um der gesundheitlichen Corona-Krise entgegenzuwirken \u2013 wurden in erster Linie von linken politischen Gruppen und Organisationen in die Proteste hineingetragen.</p><p>In den Protesten in Napoli dr\u00fcckte sich also eine widerspr\u00fcchliche Dynamik aus: Auf der einen Seite das gemeinsame Auftreten von Arbeiter*innen und Betreiber*innen der lokalen \u00d6konomie, die vor allem dank des Tourismusbooms der letzten zehn Jahre einen Aufschwung erlebte und sich nun mit der Krise im rasanten Sturzflug befindet. Dieser Korporatismus steht im Widerspruch zu den divergierenden objektiven Interessen dieser zwei sozialen Kategorien: Arbeiter*innen und Betreiber*innen. Denn viele der Betreiber*innen von Kleinbetrieben haben gerade w\u00e4hrend dieses Tourismusbooms ihren Reichtum durch Steuerhinterziehung und Ausbeutung irregul\u00e4rer Arbeiter*innen erwirtschaftet. Die Freiheit, weiter wirtschaften zu k\u00f6nnen, w\u00fcrde konkret hei\u00dfen, die Freiheit zu haben, weiterhin Steuern zu hinterziehen und Arbeiter*innen auszubeuten. Hierin unterscheiden sich diese kleinb\u00fcrgerlichen Forderungen nicht von denjenigen des Unternehmensverbandes Confindustria und somit des Gro\u00dfkapitals.</p><h2><b>Neofaschistische Instrumentalisierungsversuche</b></h2><p>Andere Orte wiesen andere Charakteristika auf. Am 27. Oktober in Rom und am 30. Oktober in Bologna waren die Proteste von neofaschistischen Gruppen organisiert. Hier dominierten reaktion\u00e4re und rechtskonservative Positionen den Raum. Ihre Kritik richtete sich an die \u201epolitische Kaste\u201c, die sich w\u00e4hrend der Pandemie weiter bereichert habe, w\u00e4hrend \u201edas Volk\u201c Hunger erleiden musste. Gefordert wurde explizit nicht ein garantiertes Grundeinkommen f\u00fcr alle, die aufgrund eines potentiellen Lockdowns ihren Lohn verlieren w\u00fcrden, sondern \u2013 wie auch in Napoli von einigen gefordert \u2013 die Freiheit, weiterarbeiten zu k\u00f6nnen. Gerade bei den Protesten, in denen diese Positionen dominierten, mischten sich verschw\u00f6rungstheoretische und \u201eCorona-skeptische\u201c Stimmen unter die Proteste. In Bologna konnte so eine Ann\u00e4herung zwischen neofaschistischen Gruppen und \u201eWutb\u00fcrger*innen\u201c beobachtet werden. Diese werkt\u00e4tige Mittelklassen mit zuvor gutem Einkommen m\u00fcssen tats\u00e4chlich materielle Verluste hinnehmen und erleben \u00e4hnliche Probleme wie proletarisierte Gruppen; gleichzeitig tendieren sie aber auch zu einem \u201eautorit\u00e4ren Charakter\u201c und identifizieren sich oft mit konservativen und reaktion\u00e4ren Wertvorstellungen. Dank dieser Konvergenz nutzten rechtsextreme Gruppen den Krisenmoment, um ihrer ultrakonservativen und reaktion\u00e4ren Weltansicht eine \u00f6ffentliche Stimme zu verleihen. Die Beteiligung an diesen Demonstrationen blieb aber gering, die Polizei begleitete den mit milit\u00e4rischer Disziplin organisierten Demonstrationszug f\u00fcr \u00fcber zwei Stunden durch die Stadt, ohne die Demonstration aufzul\u00f6sen.</p><p>Am 30. Oktober fand auch in Firenze eine Demonstration statt. Auch hier waren rechte Gruppen mit von der Partie, jedoch in der Minderheit. Ihr separater Demonstrationszug wurde von der Polizei begleitet. Der gemischte Block hingegen, in dem sich prek\u00e4re Gastronomie-Arbeiter*innen, Menschen in schwieriger finanzieller Lage und linke Aktivist*innen wiederfanden, wurde gewaltvoll von der Polizei angegangen. Die Bilder der Demonstration zeigen eine au\u00dfer Kontrolle geratene Polizei, deren einziges Ziel es war, die friedliche Demonstration aufzul\u00f6sen. Gewisse militante Gruppen haben dann auf diese gewaltt\u00e4tige Provokation der Polizei reagiert, darunter befanden sich Gruppen von Ultras, aber auch sehr viele migrantische Jugendliche der zweiten Generation. Erstere beteiligten sich an den Protesten, weil sie in ihrem Privatleben als prek\u00e4re Arbeiter*innen einen materiellen Grund daf\u00fcr hatten und weil sie als Gruppe die Schlie\u00dfung ihrer Treffpunkte, namentlich die Fu\u00dfballstadien, kritisierten. Die migrantischen Jugendlichen hingegen, die auch in den Protesten in Mailand am 27. Oktober zahlreich vertreten waren, geh\u00f6ren zu den marginalisiertesten Gruppen in der rassistischen und klassistischen Gesellschaft Italiens. Ihre Anstrengungen, in h\u00f6here soziale Position aufzusteigen, werden in der krisengepr\u00e4gten b\u00fcrgerlichen Gesellschaft oft blockiert.</p><h2><b>Gold f\u00fcr die einen, Almosen f\u00fcr die anderen</b></h2><p>Zeitgleich mit dem Aufflammen zahlreicher Proteste \u00fcberall in Italien verabschiedete die italienische Regierung tats\u00e4chlich ein neues Dekret, das Soforthilfen f\u00fcr die sich in Schwierigkeiten befindenden Betreiber*innen von Kleingesch\u00e4ften vorsieht. Das sogenannte<i> decreto ristori</i> \u2013 w\u00f6rtlich \u201eErfrischungsdekret\u201c \u2013 wird 6,2 Milliarden Euro in die Kassen der Betriebe pumpen, davon 2,5 Milliarden ausschlie\u00dflich ins Gastronomie-Gewerbe. Laut Wirtschafts- und Finanzminister Roberto Gualtieri werden 350.000 Betriebe davon Nutzen ziehen k\u00f6nnen. Zum Vergleich: Es handelt sich um die gleiche Summe, die j\u00e4hrlich f\u00fcr das sogenannte Grundeinkommen, der Sozialhilfe f\u00fcr armutsbetroffene Menschen ausgegeben wird. Der Unterschied liegt aber darin, dass das Grundeinkommen auf rund drei Millionen Menschen verteilt wird, das jetzige Dekret aber eben auf ein paar hunderttausend Betriebe.</p><p>Auch wurde der b\u00fcrokratische Aufwand, um in den Genuss dieser Finanzhilfen zu kommen, \u00e4u\u00dferst einfach gehalten. Wer schon im M\u00e4rz eine staatliche Unterst\u00fctzung erhalten hatte, muss keinen neuen Antrag stellen, sondern ihm/ihr wird bis zum 15. November die Finanzhilfe direkt ausbezahlt. Wer im M\u00e4rz hingegen keine Unterst\u00fctzung erhalten hatte, kann einen Antrag stellen. Die H\u00f6he der jeweiligen Finanzhilfe wird auf der Basis der deklarierten Ums\u00e4tze aus dem Jahr 2019 kalkuliert und die Betriebe haben Anspruch auf bis zu 20 Prozent Entsch\u00e4digung. 20 Prozent klingt zwar nach wenig, ist es aber nicht, da bis heute Bars und Restaurants weiterhin bis 18 Uhr offen haben und bis um 23 Uhr Lieferungsdienste anbieten k\u00f6nnen. Zudem sind viele Arbeiter*innen dieser Betriebe in Kurzarbeit und daher \u00fcbernimmt der Sozialstaat einen Teil der Lohnkosten.</p><p>F\u00fcr prek\u00e4re und selbst\u00e4ndige Arbeiter*innen ist hingegen von weitaus weniger Geld die Rede. Arbeiter*innen der Kulturindustrie und des Tourismus erhalten eine Einmalzahlung von 1000 Euro, diejenigen des Sportsektors 800 Euro. F\u00fcr irregul\u00e4r Arbeitende sieht das Dekret gar nichts vor. Irregul\u00e4re und prek\u00e4re Arbeiter*innen sind auch von der Verl\u00e4ngerung der au\u00dferordentlichen Kurzarbeit und des Entlassungsverbotes bis Ende M\u00e4rz 2021 ausgeschlossen.</p><h2><b>K\u00e4mpfe zusammenf\u00fchren!</b></h2><p>Wie von den Tageszeitungen angek\u00fcndigt wurde, wird die italienische Regierung aufgrund der weiterhin wachsenden Covid-Neuinfektionen lokale Lockdowns aussprechen. Wie sich die Protesten in den sich schnell ver\u00e4ndernden Umst\u00e4nden weiter entwickeln werden, ist noch unklar. Folgende vier Punkte sollen jedoch als Orientierung dienen.</p><p>Erstens handelt es sich beim neuen Dekret um eine Antwort auf die sozialen Proteste, insbesondere auf die Forderungen der kleinb\u00fcrgerlichen Komponenten innerhalb der Proteste. Die Regierung war gezwungen, dieser sozialen Kategorie materielle Zugest\u00e4ndnisse zu machen, um den Konsens rund um die Regierung nicht in Gefahr zu bringen. Die Bereitstellung dieser hohen Summe kann also als pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahme gegen die zunehmenden Proteste gelesen werden. Es bleibt zu sehen, ob das reichen wird, insbesondere angesichts der Einf\u00fchrung von lokalen Lockdowns. Der Unmut der prek\u00e4rsten Fraktionen der Arbeiter*innenklasse wird jedoch weiter wachsen, da sie von jeglichen Regierungsma\u00dfnahmen ausgeschlossen bleiben. Ob und auf welche Weise dieser Unmut die Protesten verst\u00e4rken wird, ist noch offen.</p><p>Zweitens gehen die Proteste weiter. Am 30. Oktober fand ein italienweit koordinierter Protest der Kulturschaffenden statt; am Samstagabend, dem 31. Oktober, f\u00fcllten vor allem linke Kr\u00e4fte und Organisationen die Stra\u00dfen von Rom und Neapel. Diese Proteste wurden von einem massiven Polizeiaufgebot begleitet, jedoch berichteten die gro\u00dfen Medien nicht dar\u00fcber. Solche Proteste mit klaren sozialen Forderungen existieren f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Presse nur dann, wenn \u201eGewalt\u201c zur Anwendung kommt und Gucci-Schaufenster eingeschlagen werden. Das einzige Interesse der b\u00fcrgerlichen Medien an solchen Protesten ist es, ein m\u00f6glich schlechtes Licht auf die sozialen Proteste werfen zu k\u00f6nnen, um den popularen Klassen Angst einzufl\u00f6\u00dfen und sie davon abzuhalten, an den Protesten teilzunehmen und ihren Forderungen Geh\u00f6r zu verschaffen. Tats\u00e4chlich waren diese Demonstrationen auch weitaus weniger stark besucht als die Proteste zuvor.</p><p>Drittens hat dies auch damit zu tun, dass eine \u201esoziale Depression\u201c zu sp\u00fcren ist, die nicht zu untersch\u00e4tzen ist. Gerade f\u00fcr j\u00fcngere Generationen war es schon vor dem Ausbruch der Corona-Krise schwierig, sich eine Zukunft vorzustellen. Zurzeit ist eine berufliche Perspektive kaum vorhanden oder ausschlie\u00dflich mit prek\u00e4ren und vor\u00fcbergehenden Jobs verbunden. Die Fern-Didaktik an den Universit\u00e4ten hat zudem die Momente sozialer Interaktionen auf ein Minimum reduziert; die Einf\u00fchrung eines neuen Lockdowns und der R\u00fcckzug in die eigenen vier W\u00e4nde l\u00f6sen neue (Zukunfts-)\u00c4ngste aus. Dies wirkt sich auch auf Familien- und Freundschaftsbeziehungen aus, die fragil und prek\u00e4r werden. In diesem gesellschaftlichen Kontext ist die politische Organisierung der popularen Klassen \u00e4u\u00dferst schwierig.</p><p>Viertens sind die sozialen Proteste Italiens nicht ausschlie\u00dflich der mangelnden politischen Antwort auf die Corona-Krise zuzuordnen. In den letzten Tagen haben zahlreiche andere Arbeiter*innenkollektive f\u00fcr den Erhalt ihres Arbeitsplatzes und f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen gestreikt oder protestiert. So k\u00e4mpfen nun schon seit Monaten 420 Arbeiter*innen der Waschmaschinenfabrik Whirlpool in Napoli gegen die Fabrikschlie\u00dfung, dabei haben sie mehrmals die Autobahn blockiert. Am Freitag fand zudem ein italienweiter Streik der Arbeiter*innen der Essensauslieferungsdienste statt, weil ihnen ein Tarifvertrag vorgehalten wurde, der ohne eine legitime Vertretung der Arbeiter*innen ausgehandelt wurde und ihre Prekarit\u00e4t gesetzlich verankern soll. Auch der Unmut der Gesundheitsarbeiter*innen nimmt Tag f\u00fcr Tag zu, da sie in dieser Krisensituation \u00dcberstunden leisten m\u00fcssen, ohne dass daf\u00fcr die notwendigen gesundheitlichen und sozialen Ma\u00dfnahmen getroffen werden. Die Verbindung der Proteste der krisenbetroffenen, prek\u00e4ren Arbeiter*innen mit den Streikbewegungen der Arbeiter*innen birgt ein enormes Potential eines positiven Ausweges aus der Krise in sich. Dieses Potenzial aufzugreifen und es auszubauen, darauf m\u00fcssen wir Linke uns konzentrieren!</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Oktober 2020, kam es in Napoli wegen der Androhung eines neuen Lockdowns und den Folgen der tiefen sozialen Krise, die die Arbeiter*innenklasse in Italien gerade erleidet, zu Protesten. Ein zweiter Lockdown wurde am selben Nachmittag vom regionalen Gouverneur Vincenzo De Luca in einer Liveschaltung auf Facebook in Erw\u00e4gung gezogen. An den spontanen Demonstrationen versammelten sich tausende von Menschen, die daf\u00fcr die Ausgangssperre (23:00 Uhr) missachteten und nicht davor zur\u00fcckschreckten, mit den Ordnungskr\u00e4ften in Konflikt zu geraten. Die Demonstration schaffte es nicht nur in Italien auf die Titelseiten der Zeitungen, sondern auch im <a href=\"https://www.nzz.ch/international/italien-teil-lockdown-gegen-covid-epidemie-ld.1583529\">Ausland</a>. Im Zentrum der Berichterstattung standen vor allem die Gewaltszenen und das nicht sogleich identifizierbare soziale Subjekt, das sich am Freitag Nacht die Stra\u00dfe nahm. Bei den Protesten von Freitag handelte es sich nicht um die erste Demonstrationen seit der Aufhebung des ersten Lockdowns am 4. Mai 2020. Warum haben aber gerade sie f\u00fcr so viel Aufruhr gesorgt? Was steckt hinter diesen \u201egewaltt\u00e4tigen\u201c Massenaufst\u00e4nden inmitten der zweiten Welle der Corona-Krise? Und was k\u00f6nnen wir daraus lernen?</p><h2><b>Von der gesundheitlichen zur sozialen Pandemie</b></h2><p>Schon Anfang Juli 2020 hatte Innenministerin <a href=\"https://www.repubblica.it/politica/2020/07/09/news/luciana_lamorgese_election_day_autunno_caldo_decreti_sicurezza-261412143/\">Luciana Lamorgese</a> im nationalen TV ihre Sorgen bez\u00fcglich den Auswirkungen der \u00f6konomischen und sozialen Krise Italiens nach der ersten Welle der Corona-Krise zum Ausdruck gebracht: \u201eDie Gefahr eines hei\u00dfen Herbstes ist real, denn im September werden wir die Auswirkungen dieser schweren Wirtschaftskrise sehen, die die Unternehmen getroffen hat. Die Gesch\u00e4fte werden schlie\u00dfen, die B\u00fcrger werden keine M\u00f6glichkeiten mehr haben f\u00fcr ihre t\u00e4glichen Bed\u00fcrfnisse zu sorgen. Die Regierung hat versucht, diesen Bed\u00fcrfnissen und Forderungen nachzukommen, aber die Gefahr eines hei\u00dfen Herbstes ist real.\u201c Tats\u00e4chlich best\u00e4tigen die in Napoli ausgebrochenen Proteste zumindest teilweise die \u00c4ngste von Ministerin Lamorgese, denn sie finden in einem spezifischen sozialen Kontext statt.</p><p>Die erste Welle der Corona-Krise hat die tiefgreifenden \u00f6konomischen, sozialen und politischen Widerspr\u00fcche Italiens und die Unf\u00e4higkeit der Regierung ans Tageslicht gebracht, auf die elementarsten gesundheitlichen und sozialen Bed\u00fcrfnisse einzugehen. Die Besonderheit der Produktionsstruktur Italiens \u2013 hoher Bestandteil von selbst\u00e4ndig Arbeitenden, weit verbreitete irregul\u00e4re Arbeit vor allem im S\u00fcden des Landes, niedriger Besch\u00e4ftigungsgrad von Frauen und Jugendlichen \u2013 hat dazu beigetragen, dass ein Grossteil der Arbeiter*innenklasse von den sozialen Ma\u00dfnahmen der Regierung ausgeschlossen blieb oder diese f\u00fcr sie unzureichend waren. Somit hat der w\u00e4hrend den ersten drei Monaten der Krise eingef\u00fchrte Lockdown eine Verarmung breiter Bev\u00f6lkerungsschichten verursacht. Laut <a href=\"http://www.coldiretti.it/economia/un-milione-di-poveri-in-piu-nel-2020-per-leffetto-covid\">Sch\u00e4tzungen</a> wird die Corona-Krise im Jahr 2020 eine Million neue Arme hervorbringen. Das gr\u00f6\u00dfte Wachstum dieser neuen Armut hat S\u00fcditalien zu verzeichnen (plus 20 Prozent in Kampanien, plus 14 Prozent in Kalabrien, plus 11 Prozent in Sizilien). Laut europ\u00e4ischem Statistikamt <a href=\"https://ec.europa.eu/eurostat/en/web/products-statistical-books/-/KS-HA-20-001\">Eurostat</a> geh\u00f6rt der <i>mezzogiorno</i> [S\u00fcditalien, Anm. d. Red.] heute zu den \u00e4rmsten Regionen Europas.</p><p>Dass die Region Kampanien ein soziales Pulverfass ist, war auch schon vor dem Ausbruch der Corona-Krise bekannt. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei rund 50 Prozent und 700.000 Menschen beziehen das sogenannte Grundeinkommen (eine Art Sozialhilfe f\u00fcr armutsbetroffene Menschen). Kampanien steht zudem auf Platz 1 der Rangliste der irregul\u00e4ren Arbeit. Diese macht hier rund 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus, und 7 von 10 vom Arbeitsinspektorat kontrollierten Unternehmen weisen Verst\u00f6\u00dfe gegen Arbeiter*innenrechte auf. Durch die Corona-Krise versch\u00e4rfen sich diese Probleme, infolgedessen wandelt sich das soziale Gef\u00fcge. Ohne garantierte Einkommen und sozialen Ma\u00dfnahmen f\u00fcr alle, k\u00f6nnen pauperisierte Teile der Arbeiter*innenklasse oft nur auf die solidarischen Netzwerke gegenseitiger Hilfe (Stichwort \u201e<a href=\"https://www.rosalux.eu/en/article/1375.manuale-del-mutualismo.html?print=1\">Mutualismus</a>\u201c) z\u00e4hlen.</p><h2><b>Die zweite Welle</b></h2><p>Es war allen klar, dass sich die Pandemie nach der ersten Welle weiter verbreiten w\u00fcrde und Expert*innen hatten schon fr\u00fch empfohlen, sich auf eine Zunahme der Corona-Ansteckungen Ende Sommer, also auf die sogenannte zweite Welle vorzubereiten. Die Regierung h\u00e4tte die Finanzierung des \u00f6ffentlichen Gesundheitssystems priorisieren, die Gesundheitseinrichtungen mit dem n\u00f6tigen Personal ausstatten und die Intensivstationen ausbauen m\u00fcssen. Dies ist aber nicht geschehen. Die massive Zunahme der t\u00e4glichen Neuansteckungen im f\u00fcnfstelligen Bereich (21.273 allein am Sonntag, dem 25. Oktober) stellt die Stabilit\u00e4t des gesamten nationalen Gesundheitssystems in Frage. Die meisten Probleme treten vor allem in denjenigen Regionen auf, wo in den letzten Jahren massiv gespart und privatisiert wurde, was zur Schlie\u00dfung ganzer Krankenh\u00e4user und Notfallstationen f\u00fchrte. Gesundheitspolitisch sind vor allem die Zunahme der t\u00e4glich hospitalisierten F\u00e4lle (plus 719 am 25. Oktober), der F\u00e4lle in Intensivtherapie (plus 80 am 25. Oktober; insgesamt 1.208) und die Ersch\u00f6pfung der zur Verf\u00fcgung stehenden Pl\u00e4tze besorgniserregend.</p><p>Kampanien geh\u00f6rt zu der vom Virus am st\u00e4rksten betroffenen Region der zweiten Welle. Die t\u00e4glichen Neuerkrankungen belaufen sich hier auf rund 2.000 F\u00e4lle. Es handelt sich um Zahlen, die w\u00e4hrend der ersten Phase nie erreicht wurden. Darum hat der regionale Gouverneur Vincenzo De Luca w\u00e4hrend seinen \u00fcblichen Facebook-Auftritten drastische Ma\u00dfnahmen angek\u00fcndigt: Ausgangssperre ab 23 Uhr in der ganzen Region, Beschr\u00e4nkung der interprovinziellen Bewegungsfreiheit, Appell an die Zentralregierung f\u00fcr die sofortige Einf\u00fchrung eines einmonatigen Lockdowns. Was aber ausblieb: Ideen und Vorschl\u00e4ge zur Absicherung der \u00f6konomischen Bed\u00fcrfnisse von tausenden von Arbeiter*innen, Kleinh\u00e4ndler*innen, Selbst\u00e4ndigen und Prekarisierten, die mit einem Lockdown innerhalb von wenigen Monaten zum zweiten Mal ihr Einkommen oder ihre Existenzgrundlage verlieren werden. Die katholische karitative Organisation <a href=\"http://s2ew.caritasitaliana.it/materiali/Rapporto_Caritas_2020/Report_CaritasITA_2020.pdf\">Caritas</a> hatte noch vor einigen Tagen eine Studie zur Zunahme der Armut ver\u00f6ffentlich. Darin wird erkl\u00e4rt, dass das gemeinsame Merkmal der \u201eneuen Armut\u201c die Tatsache ist, auf keine Ersparnisse zur\u00fcckgreifen zu k\u00f6nnen, wenn die Betroffenen gezwungen sind, l\u00e4nger als drei Monate ohne Einkommen auszukommen. Die Ank\u00fcndigung von De Luca war also nur der Tropfen, der in Napoli das Fass zum \u00dcberlaufen brachte: Die Wut von tausenden von B\u00fcrger*innen explodierte in der Nacht vom 23. Oktober.</p><h2><b>Wer steckt hinter den sozialen Protesten?</b></h2><p>Die Wut, die sich in den Protesten ausdr\u00fcckt, hat dazu gef\u00fchrt, dass sogar ausl\u00e4ndische Medien dar\u00fcber berichtet haben. Vom B\u00fcrgermeister von Napoli, Luigi De Magistris, \u00fcber Regionspr\u00e4sident Vincenzo De Luca bis hin zu Exponent*innen der Zentralregierung \u2013 alle haben die Ereignisse unisono als \u201egeplante, kriminelle Aktionen von Ultras, Camorra und Faschisten\u201c degradiert. Die Politiker*innen und nationalen Medien verhielten sich also nicht besser als irgendwelche Verschw\u00f6rungstheoretiker*innen, die die sozialen Gr\u00fcnde der Proteste mittels alter und herabw\u00fcrdigender Stereotypen der Menschen des S\u00fcdens (Stichwort \u201eantineapolitanischer Meridionalismus\u201c <b>[1]</b>) verschleiern und delegitimieren.</p><p>Die Zusammensetzung der Proteste war tats\u00e4chlich vielf\u00e4ltig und komplex. Auf die Stra\u00dfe gingen Kleinh\u00e4ndler*innen, Selbstst\u00e4ndige und informelle Arbeiter*innen. Sie haben sich mobilisiert, weil sie zu den sozialen Gruppen geh\u00f6ren, die in den letzten Jahren wegen der \u00f6konomischen Krise bereits Schulden gemacht haben, f\u00fcr die soziale Dienste schlecht funktionieren und die den \u00f6ffentlichen Institutionen daher kaum mehr trauen. Gerade in Napoli besteht zudem eine besondere N\u00e4he zwischen Subproletarier*innen (also denjenigen, die am Rande der Gesellschaft leben oder in kleinkriminellen Kreisen verkehren) und Kleinb\u00fcrgertum (denjenigen, die eigene Produktionsmittel besitzen: Handwerker*innen, Ladenbesitzer*innen usw.). Die Grenzen zwischen diesen sozialen Kategorien sind flie\u00dfend, doch das soziale Milieu bleibt konstant und die Bereitschaft zum Konflikt gro\u00df. Mit der aktuellen Krise haben diese sozialen Gruppen einen \u00f6konomischen und sozialen Statusverlust erlebt, was angesichts des Tourismusbooms in den letzten zehn Jahren besonders hart ist.</p><p>Das Kleinb\u00fcrgertum ist eine komplexe soziale Kategorie, die von der \u201eehrlichen\u201c Kleinh\u00e4ndlerin reicht, die nur einen bescheidenen Lohn verdient und Schwierigkeiten hat, die Familie zu ern\u00e4hren, bis zum Unternehmer, der jeden Abend 15.000 Euro einkassiert und seine Angestellten ohne Vertrag arbeiten l\u00e4sst. Diese Personen waren am Freitag auf der Stra\u00dfe. Aber es protestierten auch ihre informellen Arbeiter*innen, Menschen, die einen Familienbetrieb f\u00fchren und ihre arbeitslosen Freund*innen in der Nachbarschaft, die t\u00e4glich mit tausenden Schwierigkeiten konfrontiert werden.</p><p>Der Gro\u00dfteil dieser Menschen hatte gute Gr\u00fcnde, auf die Stra\u00dfe zu gehen. Obwohl sich alle im Klaren waren, dass die zweite Welle stark einschlagen w\u00fcrde, haben De Luca und die Zentralregierung nichts unternommen, um eine Vertiefung der gesundheitlichen und sozialen Krise zu vermeiden. Die Proteste sind also vor allem darum ausgebrochen, weil in diesen Monaten die Ersparnisse aufgebraucht wurden und der Hunger und die psychologische Verzweiflung stark zugenommen haben. Heute haben die Menschen nicht mehr die gleiche Bereitschaft wie noch am 9. M\u00e4rz 2020, einen Lockdown zu akzeptieren. Breite Teile der Gesellschaft sind nicht mehr bereit, neue Einschr\u00e4nkungen zu tolerieren. Zumal sie auf die Ineffizienz und Unf\u00e4higkeit einer politischen Klasse zur\u00fcckgehen, die unf\u00e4hig ist, das gesundheitliche und soziale Desaster zu vermeiden oder ad\u00e4quat anzugehen. Im M\u00e4rz hatte die nationale Regierung noch Gelder f\u00fcr soziale Ma\u00dfnahmen gesprochen. Nun hat sie erkl\u00e4rt, dass kein Geld mehr zur Verf\u00fcgung steht. Und w\u00e4hrend der regionale Gouverneur De Luca noch kurz vor den Regionalwahlen Ende September Gelder nach dem Gie\u00dfkannenprinzip verteilt hatte, hat er diesmal nichts mehr anzubieten. Folglich k\u00f6nnen die Forderungen der Proteste so zusammengefasst werden: \u201eWenn du uns einschlie\u00dft, musst du uns bezahlen\u201c.</p><h2><b>Weder Pest, noch Cholera</b></h2><p>Die an den Tag gelegte Gewalt w\u00e4hrend der Proteste ist ein Ausdruck sowohl der tiefen Krise als auch der widerspr\u00fcchlichen sozialen Zusammensetzung der Menschen, die sich an den Protesten beteiligt haben. In den letzten Krisenmonaten hat sich eine soziale Spannung aufgebaut, die sich angesichts der Drohung eines neuen Lockdowns entladen hat. W\u00e4hrend nicht nur konservative, sondern auch einige linke Kommentator*innen die Gewalttaten verurteilen, w\u00e4re es angebrachter, die Stimmen des Protests zu h\u00f6ren und sich f\u00fcr eine tiefgreifende Restrukturierung des \u00f6ffentlichen Gesundheitssystems einzusetzen, die sich auf seri\u00f6se Pr\u00e4ventionsprogramme und auf die territoriale Verankerung st\u00fctzt. Zudem br\u00e4uchte es Ma\u00dfnahmen zur \u00f6konomischen Absicherung von Arbeiter*innen und denjenigen gesellschaftlichen Gruppen, die am st\u00e4rksten von restriktiven Corona-Regeln betroffen sind.</p><p>Die Drohung eines neuen Lockdowns zeigt, dass die Einf\u00fchrung pr\u00e4ventiver Ma\u00dfnahmen der Regierenden zu sp\u00e4t kommen. Die zahlreichen Warnungen des Gesundheitspersonals best\u00e4tigen zudem, dass wir kurz vor der einer gesundheitlichen Katastrophe stehen. Wenn es so weiter geht, sterben wir in aufgrund von COVID-19 \u00fcberf\u00fcllten Krankenh\u00e4usern mit \u00fcberarbeiteten Gesundheitsarbeiter*innen oder aufgrund des politisch produzierten sozialen und \u00f6konomischen Elends. Es liegt an uns, uns dieser zynischen Wahl zwischen Pest und Cholera entgegenzustellen.</p><hr/><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> \u201eAntineapolitanischer Meridionalismus\u201c bezeichnet die Vorurteile gegen die Leute des als \u201everwahrlost\u201c diffamierten S\u00fcdens Italiens als kriminell, chaotisch, ungehobelt, unkultiviert und so weiter.</p><p></p><p><i>Die Autor*innen sind Mitglieder der linken Organisation</i> <a href=\"https://poterealpopolo.org/\"><i>Potere al Popolo</i></a><i> und wohnen und k\u00e4mpfen in Neapel.</i></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Die Regierung droht mit einem neuen Lockdown, doch unterst\u00fctzende Ma\u00dfnahmen f\u00fcr Arbeiter*innen sind nicht mehr vorgesehen. In Napoli kam es deshalb am 23. Oktober zu Protesten. Was sagt das \u00fcber die Situation in Italien aus?"}, {"title": "Was bedeutet die \u201ePhase 2\u201c in Italien f\u00fcr die Arbeitswelt?", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Was bedeutet die \u201ePhase 2\u201c in Italien f\u00fcr die&nbsp;Arbeitswelt?</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"fiat-arbeiter.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/fiat-arbeiter.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Knapp zwei Monate nach der Einf\u00fchrung des Lockdowns (der sogenannten \u201ePhase 1\u201c, wie die italienische Regierung sie bezeichnete) am 9. M\u00e4rz 2020 befinden wir uns in Italien nun im \u00dcbergang zur sogenannten \u201ePhase 2\u201c, also der (schrittweisen) Wiederer\u00f6ffnung der industriellen Produktion und des gesellschaftlichen Lebens. Seit dem 27. April nehmen rund drei Millionen Arbeiter*innen ihre Arbeit wieder auf. Sie erg\u00e4nzen nun all jene Arbeiter*innen, die w\u00e4hrend des Lockdowns trotz gesundheitlichen Risiken nie aufgeh\u00f6rt hatten zu arbeiten. Anfang Mai wurden die meisten industriellen Aktivit\u00e4ten wieder gestartet. F\u00fcr einen Teil der Dienstleistungen und des Handels ist der Zeitplan, den Premierminister Giuseppe Conte am 26. April angek\u00fcndigt hatte, etwas gestreckter: Bis zum 1. Juni soll Italien zur \u201eNormalit\u00e4t\u201c zur\u00fcckkehren \u2013 falls die Zahl der Erkrankungen und der Todesopfer von Covid-19 nicht wieder zu steigen beginnt.</p><p>W\u00e4hrend f\u00fcr die Lohnabh\u00e4ngigen vielerorts die \u201ePhase 2\u201c eine zunehmende <a href=\"https://twitter.com/Mau_Ri_83/status/1257720339976671233?s=20\">Gefahr f\u00fcr Leib und Leben</a> bedeutet, gibt es an anderen Orten dennoch Bewegung: In den letzten zwei Monate der Pandemie haben die Arbeiter*innenk\u00e4mpfe bereits zwei verschiedene Phasen erlebt und in K\u00fcrze werden wir in die dritte Phase eintreten.</p><h2><b>Phase 1: Die Arbeiter*innen mobilisieren sich f\u00fcr das Recht auf Leben</b></h2><p>In den ersten beiden M\u00e4rzwochen erlebten wir eine kurze, aber intensive Phase der Arbeiter*innenmobilisierung: wilde Streiks, Streiks, die von den konfliktorientierten Basisgewerkschaften USB, S.I. Cobas und CUB und teilweise von der FIOM (die gr\u00f6\u00dfte Metallarbeiter*innengewerkschaft, die zum linken Gewerkschaftsbund CGIL geh\u00f6rt) organisiert wurden, oder auch Arbeitsniederlegungen durch Inanspruchnahme von Krankheitstagen, Urlaub und Spezialabsenzen. F\u00fcr einen Teil der Klasse handelte es sich zudem um einen Kampf f\u00fcr die Einf\u00fchrung von<i> smart working</i>, also von der computergest\u00fctzten Heimarbeit. Dabei ging es aber nicht darum, diese Form der Arbeit grunds\u00e4tzlich als besseres Arbeitsverh\u00e4ltnis zu sehen, sondern darum, unmittelbar das Ansteckungsrisiko zu minimieren.</p><p>Die gro\u00dfen Gewerkschaften CGIL, CISL und UIL hinkten diesen Streiks oft hinterher, was auf ihre abnehmende Verankerung in den Betrieben zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Sie begannen die Belegschaften erst dann zu verteidigen, als die Streiks schon in vollem Gange waren. Ein Beispiel f\u00fcr dieses Vers\u00e4umnis sind die Arbeiter*innenproteste bei FIAT-FCA in Pomigliano d\u2019Arco bei Neapel. Hier hatten die Arbeiter*innen die Arbeit aufgrund der fehlenden gesundheitlichen Schutzma\u00dfnahmen niedergelegt. Erst infolge dieser Streiks unterzeichneten die Unternehmensleitung und die Gewerkschaften ein betriebliches Abkommen zur Sicherstellung der gesundheitlichen Schutzma\u00dfnahmen, was wiederum zur vor\u00fcbergehenden Schlie\u00dfung der Fiat-Werke italienweit \u2013 und sp\u00e4ter gar europaweit \u2013 f\u00fchrte.</p><p>Durch die gewichtige <a href=\"https://duepublico2.uni-due.de/servlets/MCRFileNodeServlet/duepublico_derivate_00026914/07_Coppola_Italien.pdf\">Rolle von FIAT-FCA im italienischen Kapitalismus</a> hatte dieser Protest einen starken Beispielcharakter auch f\u00fcr andere Sektoren. So mussten auch einige andere Unternehmen aufgrund der als Protestform gew\u00e4hlten hohen krankheitsbedingten Abwesenheitsquote \u201eschlie\u00dfen\u201c. Daraufhin reagierte der Staat: Das nationale Sozialversicherungsamt INPS \u00fcbte Druck auf die Haus\u00e4rzt*innen aus und erteilte ihnen die Weisung, die Arbeiter*innen nicht mehr so leichtfertig krankzuschreiben, um die Arbeitsabsenzen zu beschr\u00e4nken.</p><p>In diesen ersten Wochen des Lockdowns erlebte Italien also \u00fcber das gesamte Territorium verteilt einen weitreichenden und diffusen Ungehorsam. Es handelte sich nicht um offensive K\u00e4mpfe, sondern vielmehr um einem Widerstand der Arbeiter*innen gegen den neuen Druck einer <a href=\"https://revoltmag.org/articles/arbeiten-zeiten-des-coronavirus/\">Arbeit in Zeiten des Coronavirus</a>. In den K\u00e4mpfen stand der Schutz des Lebens der Arbeiter*innen vor jedem anderen (\u00f6konomischen) Bed\u00fcrfnis. Innerhalb weniger Stunden wurde den Arbeiter*innen bewusst: Die Unternehmen behandelten die Arbeiter*innen schlicht als stets zur Verf\u00fcgung stehende \u201eWaren\u201c; f\u00fcr sie waren die Wirtschaftszahlen wichtiger als die Leben \u201eihrer\u201c Arbeiter*innen; und sie waren weiterhin bereit, eine Wirtschaftsentwicklung zu verteidigen, die f\u00fcr die Unternehmen volle Taschen, f\u00fcr die Menschen jedoch \u2013 letztlich \u2013 den Tod bedeutete.</p><p>Eine m\u00f6gliche Wiederaufnahme dieses Widerstands der Arbeiter*innen in Form von \u00f6ffentlich ausgetragenen K\u00e4mpfen oder mittels versteckter Formen des Widerstands als \u201eweapons of the weak\u201c, wie es die amerikanische Soziologin Beverly Silver in ihrem Werk <a href=\"https://libcom.org/files/Beverly_J._Silver-Forces_of_Labor__Workers&#x27;_Movements_and_Globalization_Since_1870_(Cambridge_Studies_in_Comparative_Politics)__-Cambridge_University_Press(2003).pdf\"><i>Forces of Labor</i></a> (2003) beschrieben hat, pr\u00e4gte die politische Debatte dar\u00fcber, welche Sektoren als essentiell und lebensnotwendig zu bezeichnen sind und welche nicht.</p><p>Obwohl die Regierung zun\u00e4chst nicht auf die Forderungen nach einer unmittelbaren Wiederer\u00f6ffnung der industriellen Produktion des Unternehmensverbandes Confindustria einging, lenkte sie jetzt in vielen Punkten dennoch ein. So bedeutet die von der Regierung angek\u00fcndigte Phase 2 eine Wiederaufnahme der industriellen T\u00e4tigkeiten und gleichzeitig eine Fortsetzung des Lockdowns \u2013 auch wenn in gelockerter Form \u2013 f\u00fcr die Menschen im Alltag.</p><h2><b>Phase 2: Weiterf\u00fchrung der Produktion und R\u00fcckgriff auf soziale Sicherungsnetze</b></h2><p>Nach den ersten zwei Wochen im Lockdown \u00e4nderte sich die Situation. Die Streiks nahmen rasant ab. Grund daf\u00fcr war in erster Linie ein infames <a href=\"http://www.governo.it/it/articolo/il-presidente-conte-videoconferenza-con-le-parti-sociali/14304\">\u201eProtokoll \u00fcber die Sicherheit an den Arbeitspl\u00e4tzen\u201c</a>, das Regierung, Unternehmensverband und Gewerkschaften am 14. M\u00e4rz unterzeichneten. Mit diesem \u201esozialpartnerschaftlich\u201c unterzeichneten Protokoll gab die Regierung in dem Moment, in dem Millionen von Arbeiter*innen f\u00fcr die vor\u00fcbergehende Schlie\u00dfung der Produktion k\u00e4mpften, den Unternehmen die M\u00f6glichkeit, sie auf Kosten der Gesundheit der Arbeiter*innen weiter laufen zu lassen. Den Arbeiter*innen blieb also nichts anderes \u00fcbrig, als weiterhin den individuellen Weg der Arbeitsabwesenheit (Krankheit, Urlaub, Spezialabsenzen) zu w\u00e4hlen. Darauf wurde vor allem dort zur\u00fcckgegriffen, wo die kollektiven und \u00f6ffentlich ausgetragenen K\u00e4mpfe verloren wurden und die Produktion weiter lief, wo nicht auf<i> smart working</i> zur\u00fcckgegriffen werden konnte und wo die n\u00f6tigen Schutzdispositive (Schutzmasken, Handschuhe, Desinfizierung der Arbeitspl\u00e4tze und so weiter) nicht eingef\u00fchrt wurden. Auch wenn der Handlungsspielraum der Arbeiter*innen dadurch wesentlich eingeschr\u00e4nkt war, stellte diese Kampfform der Arbeitsabwesenheit weiterhin ein starkes Signal dar: Sie legte die kapitalistische Logik offen, in der die Garantie von Profit in Antithese zur Verteidigung des Lebens steht.</p><p>Viele Unternehmen wurden durch die Bedrohung der Arbeitsk\u00e4mpfe und den gesellschaftlichen Druck dazu gezwungen, gesundheitliche Schutzdispositive einzuf\u00fchren; andere Unternehmen argumentierten jedoch mit der M\u00f6glichkeit des Arbeitsplatzverlusts f\u00fcr die Lohnabh\u00e4ngigen. Sie nutzten damit die Angst vor Arbeitslosigkeit aus, um die Produktion weiterzuf\u00fchren; ganz so, als ob nichts w\u00e4re. Viele Arbeiter*innen berichteten \u00fcber das <a href=\"https://poterealpopolo.org/faq-emergenza-covid-19-per-lavoratori-e-lavoratrici/\">\u201erote Telefon\u201c</a> von <i>Potere al Popolo</i>, dass sie gezwungen waren, gegen\u00fcber der Polizei Falschaussagen zu machen, um zum Arbeitsplatz zu gelangen. Dies war beispielsweise oft bei irregul\u00e4r Arbeitenden der Fall, die \u00fcber keinen Arbeitsvertrag verf\u00fcgen und daher rechtlich betrachtet gar nicht zur Arbeit fahren durften.</p><p>Ein weiteres seit Beginn der Pandemie m\u00f6gliches Instrument zur Weiterf\u00fchrung der Produktion seitens der Unternehmen war die Beantragung einer Spezialbewilligung bei den Pr\u00e4fekturen \u2013 also den Vertretungen des Innenministeriums in den Provinzen. Diese Ausnahmeregelungen wurden so offen formuliert und die Kontrollen in den Betrieben so unzureichend durchgef\u00fchrt, dass es de facto f\u00fcr die Unternehmen einfach war, straffrei weiter zu produzieren.</p><p>Von dieser M\u00f6glichkeit der Ausnahmeregelung machten bis Ende April \u00fcber 196.000 Unternehmen Gebrauch, wobei nur in sechs Prozent der F\u00e4lle die Anfrage abgelehnt wurde. Den Unternehmen wurde gestattet, in der Zeit zwischen der Einreichung und der Pr\u00fcfung des Antrages wieder zu \u00f6ffnen. Es handelte sich dabei um eine lange Zeitdauer wenn man bedenkt, dass die Pr\u00e4fekturen bisher weniger als 50 Prozent der Gesuche bearbeitet haben.</p><p>In dieser zweiten Phase versuchten diejenigen Arbeiter*innen, die tats\u00e4chlich nicht zur Arbeit fahren konnten, sozialstaatliche Unterst\u00fctzungsleistungen zu erhalten. Es gab einen regelrechten Ansturm auf das Kurzarbeitsgeld und auf den Bonus von 600 Euro f\u00fcr Selbst\u00e4ndige. Im Wesentlichen formulierten die Arbeiter*innen zwei Forderungen: Erstens die Integration derjenigen Klassensegmente in die sozialstaatlichen Hilfsleistungen, die von den bestehenden Versicherungen ausgeschlossen sind. Zweitens die Entwicklung neuer sozialstaatlicher Instrumente f\u00fcr die Ausgeschlossenen; dazu geh\u00f6ren vor allem die Forderungen nach einem Notlage-Grundeinkommen (<i>reddito d&#x27;emergenza</i>), die kollektive Regularisierung von papierlosen Arbeitsmigrant*innen, die zeitliche Ausdehnung der Arbeitslosenentsch\u00e4digung und Spezialzahlungen f\u00fcr Care-Arbeiter*innen.</p><p>Die Ma\u00dfnahmen der italienischen Zentralregierung wurden erg\u00e4nzt durch Ma\u00dfnahmen der einzelnen Regionen, doch noch heute warten aufgrund der Tr\u00e4gheit der institutionellen Prozesse Millionen von Arbeiter*innen auf den Zugang zu ihren Rechten. Dabei geht es nicht um ein blindes Hoffen auf die Gutm\u00fctigkeit der Regierung. Es geht darum, dass die Ma\u00dfnahmen zur Unterst\u00fctzung der Arbeiter*innen tats\u00e4chlich beschlossen wurden und also alle Arbeiter*innen ein Recht darauf haben, auch wenn die Ma\u00dfnahmen letztlich ungen\u00fcgend bleiben werden.</p><p>Obwohl die Regierung stets verspricht, \u201eschnell zu handeln\u201c, spielt sie auf Zeit. Das angek\u00fcndigte April-Dekret, das die L\u00fccken der vorherigen Dekrete schlie\u00dfen sollte und sowohl Liquidit\u00e4tshilfen f\u00fcr Unternehmen als auch die Aufstockung der sozialstaatlichen Hilfeleistungen vorsah, wird nun doch erst Anfang Mai verabschiedet. Die wachsende Wartezeit schr\u00e4nkt aber die M\u00f6glichkeit gr\u00f6\u00dferer Mobilisierungen ein, die Arbeiter*innen beschr\u00e4nken ihre Forderungen fast ausschlie\u00dflich auf ihre jeweiligen Berufskategorien.</p><h2><b>Phase 3: Die Unternehmen nehmen die Produktion wieder auf \u2013 und die Arbeiter*innen ihren Kampf?</b></h2><p>Mit der letzten April-Woche fand auch die \u201eGeneralprobe\u201c auf die Wiederer\u00f6ffnung der Produktion statt. Der Wiederaufnahme zahlreicher bis dahin noch geschlossener T\u00e4tigkeiten gingen nationale und/oder lokale Abkommen zwischen Unternehmen und Gewerkschaften \u00fcber die Notwendigkeit der Umsetzung wichtiger Sicherheitsma\u00dfnahmen voraus.</p><p>Viele dieser Abkommen wurden von den Medien hoch gelobt. So konnte der Widerspruch zwischen Profit der Unternehmen und der Gesundheit der Arbeiter*innen, welcher in den ersten Wochen des Pandemieausbruchs mit beispielloser Klarheit zutage getreten war, wieder verschleiert werden. FIAT-FCA, Electrolux, Whirlpool und viele andere Gro\u00dfunternehmen wurden als Vorbilder pr\u00e4sentiert: Die Unternehmen k\u00fcmmerten sich um die Gesundheit der Arbeiter*innen! Oder gar noch zynischer: sei sei sogar eine absolute Priorit\u00e4t des \u201eitalienischen Gesch\u00e4ftsmodells\u201c!</p><p>Viel wahrscheinlicher, als diese Heilsbotschaft suggeriert, ist jedoch eine Intensivierung des Klassenwiderspruchs in dieser dritten Phase. Sie ist ein neuer Kampfzyklus zur Verteidigung der Gesundheit, der die Logik des Lebens vor die Logik des Profits stellen wird. Es wird sich aber nicht um ein \u201ezur\u00fcck zur Phase 1\u201c handeln: Zum einen, weil die pr\u00e4ventive Repression es schwierig gemacht hat, die k\u00e4mpfenden Arbeiter*innen materiell zu unterst\u00fctzen (ein Streik kann zwar ausgerufen und praktiziert werden, doch ihn mit einem Streikposten oder gar mit einer Demonstration zu unterst\u00fctzen ist nach wie vor sehr schwierig). Andererseits auch deshalb nicht, weil die \u00f6konomische Krise immer sp\u00fcrbarer wird und seit rund einem Monat die Angst um die Zukunft f\u00fcr viele Menschen real und immer erdr\u00fcckender geworden ist.</p><p>Die im Protokoll vom 14. M\u00e4rz vorgesehenen Organe, die sogenannten \u201eKontrollaussch\u00fcsse\u201c f\u00fcr die Durchsetzung von Ma\u00dfnahmen, haben ihre Arbeit in den einzelnen Unternehmen de facto nicht fl\u00e4chendeckend aufgenommen; in nur 40 Prozent aller Unternehmen wurden sie tats\u00e4chlich gegr\u00fcndet. Dort, wo sie existieren, bleiben sie aber nach wie vor unt\u00e4tig. Dar\u00fcber hinaus besteht die Gefahr, dass die gewerkschaftlichen und sicherheitstechnischen Vertretungen der Arbeiter*innen in den Betrieben \u2013 <i>rappresentanze sindacali unitarie</i> (RSU),<i> rappresentanza sindacale aziendale</i> (RSA), <i>rappresentante dei lavoratori per la sicurezza</i> (RLS) sind drei betriebliche Arbeiter*innenorgane, die mit den deutschen Betriebsr\u00e4ten verglichen werden k\u00f6nnen \u2013 zur Zielscheibe nicht nur der Unternehmensleitungen werden k\u00f6nnten, sondern auch der Arbeiter*innen selbst. Und zwar deshalb, weil viele Arbeiter*innen aufgrund der Angst vor einer schweren \u00f6konomischen Krise und einem allf\u00e4lligen Jobverlust trotz der gesundheitlichen Risiken dem Motto des Unternehmensverbandes Confindustria \u2013 \u201eArbeit um jeden Preis\u201c \u2013 Folge leisten k\u00f6nnten. Dies wird insbesondere in denjenigen Betrieben passieren, in denen die Arbeiter*innenvertretungen die Stimme der Unternehmensleitung repr\u00e4sentieren und dort, wo die Gewerkschaften ganz abwesend sind.</p><p>Das Risiko besteht darin, dass in den Unternehmen Bedingungen stillschweigend akzeptiert werden, die sch\u00e4dlich sind f\u00fcr die Gesundheit der Arbeiter*innen. Die Repressions- und Erpressungsm\u00f6glichkeiten der Unternehmen haben sich vervielfacht: die Drohung der Betriebsschlie\u00dfung oder der Verringerung des Arbeitsvolumens, der Verlust von Marktanteilen, die Verwendung einer selektiven Kurzarbeit, die sogenannten \u201eSt\u00f6renfrieden\u201c oder den als nicht funktional definierten Arbeiter*innen auferlegt werden; die Verweigerung von<i> smart working</i> aus nicht objektiven Gr\u00fcnden, sondern als \u201eStrafe\u201c; und nicht zuletzt die Androhung von Entlassungen, sobald den Unternehmen das Recht dazu wieder einger\u00e4umt wird (im Dekret \u201eCura Italia\u201c wurde ein K\u00fcndigungsverbot bis Mitte Mai verabschiedet, das im April-Dekret bis zum Ende der Pandemie verl\u00e4ngert werden soll). Es ist also von wesentlicher Bedeutung, dass im April-Dekret das K\u00fcndigungsverbot erneuert und die staatliche Unterst\u00fctzung von Unternehmen an Bedingungen gekn\u00fcpft wird. Ansonsten werden sie \u2013 wie schon so oft \u2013 neue finanzielle Unterst\u00fctzungsleistungen dazu nutzen, um zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt K\u00fcndigungen auszusprechen oder \u201eRestrukturierungen\u201c vorzunehmen.</p><h2><b>Was tun in der offiziellen \u201ePhase 2\u201c?</b></h2><p>Aufgrund des gezeichneten Szenarios m\u00fcssen wir davon ausgehen, dass die Konflikte, die an den Arbeitspl\u00e4tzen ausbrechen werden, entscheidend sein werden f\u00fcr die Zukunft unserer Klasse. Dabei spielt es keine Rolle, ob es diese Arbeitsk\u00e4mpfe an die \u00d6ffentlichkeit schaffen oder ob sie mehrheitlich eher \u201eunterirdisch\u201c verlaufen \u2013 sie werden auf jeden Fall sp\u00fcrbar sein. Was sind nun unsere Aufgaben als linke Organisationen angesichts dieser neuen Phase? Was ist \u201eunsere\u201c Phase 3, die wir ihr vorausschicken?</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"potere al popolo-phase2.jpg\" height=\"628\" src=\"/media/images/potere_al_popolo-phase2.original.jpg\" width=\"1140\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>&quot;Pandemie, Arbeit und Phase 2 - Drei konkrete Vorschl\u00e4ge&quot;</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h4><i>1) Die Produktion und ihre K\u00e4mpfe sichtbar machen!</i></h4><p>Zun\u00e4chst einmal geht es darum, der \u201eAu\u00dfenwelt\u201c mitzuteilen, was in den Betrieben geschieht. Daf\u00fcr sind alle Kan\u00e4le, Strukturen und Netzwerke unentbehrlich, die uns heute zur Verf\u00fcgung stehen: Einzelne Aktivist*innen, Arbeiter*innen, denen wir im Laufe der letzten Jahre begegnet sind, gewerkschaftliche Strukturen jeglicher Art. Es ist notwendig, eine gemeinsame Anstrengung auf uns zu nehmen, um das sichtbar zu machen, was in den \u201everborgenen St\u00e4tten der Produktion\u201c (Marx) vor sich geht. Denn dabei handelt es sich nicht um eine private Angelegenheit von Unternehmen, es ist das Interesse der Allgemeinheit, zu wissen, was an den Arbeitspl\u00e4tzen passiert.</p><h4><i>2) Populare Komitees bilden!</i></h4><p>Wir k\u00f6nnen die Verteidigung der Gesundheit in den Betrieben dabei nicht allein den direkt betroffenen Arbeiter*innen \u00fcberlassen. Aus den oben dargelegten Gr\u00fcnden besteht die Gefahr, dass die (\u00f6konomische) Erpressung, der wir alle ausgesetzt sind, eine angemessene Verteidigung erschwert.</p><p>Es ist notwendig, die Schaffung von popularen Komitees zur Verteidigung der Arbeiter*innen in die Wege zu leiten, die auf territorialer Basis von Aktivist*innen, aber auch von Gewerkschaften, Kollektiven, sozialen und politischen Organisationen gebildet werden. Ihre Aufgabe w\u00e4re es, als Werkzeug in den H\u00e4nden jene*r Arbeiter*innen zu fungieren, die an den einzelnen Arbeitspl\u00e4tzen nicht \u00fcber das angemessene Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis verf\u00fcgen.</p><p>Gleichzeitig m\u00fcssen wir fordern, dass die f\u00fcr die Kontrolle zust\u00e4ndigen Institutionen, wenn nicht ausschlie\u00dflich, so doch zumindest vorrangig auf die Kontrolle der Unternehmen hinarbeiten: Das nationale Arbeitsinspektorat, die Finanzpolizei, die lokale Polizei und die lokalen Gesundheitsinstitutionen m\u00fcssen aufh\u00f6ren, alle 100 Meter Posten zu errichten, um die Menschen zu kontrollieren, ob sie individuell die Sicherheitsvorschriften einhalten; vielmehr m\u00fcssen sie sich auf die Kontrolle der Arbeits- und Gesundheitsbedingungen in den Betrieben konzentrieren und sich so f\u00fcr das Recht auf das Leben von Millionen von Menschen in den Produktionsst\u00e4tten einsetzen. Auch in diesem Fall schlagen wir die Einrichtung von popularen Komitees vor, die die Koordinierung dieser T\u00e4tigkeiten organisieren. Dies muss mit der Beteiligung der Gewerkschaften, aber unter Ausschluss der Unternehmensvertretungen geschehen, denn in einem popularen Kontrollorgan darf niemand vertreten sein, der \u201ekontrolliert\u201c werden muss.</p><h4><i>3) Auf die \u00f6kologische Transformation hinarbeiten!</i></h4><p>Auf einer allgemeineren politischen Ebene besteht die Notwendigkeit, \u00fcber die Einrichtung einer \u201eAgentur f\u00fcr die \u00f6kologische Transition\u201c nachzudenken. In naher Zukunft werden zahlreiche Betriebe schlie\u00dfen und viele Unternehmen werden enorme staatliche finanzielle Unterst\u00fctzung anfordern. Im Kontext der aktuellen Ausweitung der \u201estaatlichen Hilfen\u201c, des <i>common sense</i> \u00fcber die N\u00fctzlichkeit staatlicher Interventionen und der ersten Verstaatlichungsprozesse bestimmter Unternehmen, muss der Staat die Rolle eines intervenierenden Akteurs der Industrie- und Wirtschaftspolitik werden und auf die Entwicklung eines Plans f\u00fcr die Zukunft hinarbeiten. Einige Unternehmen m\u00fcssen vom Staat \u00fcbernommen und mit R\u00fccksicht auf eine gesundheitliche und \u00f6kologische Produktion weiterentwickelt werden. W\u00e4hrend dieses \u00dcbergangs muss den Arbeiter*innen der n\u00f6tige sozialstaatliche Schutz und die berufliche Weiterbildung garantiert werden.</p><p>Das sind in keinster Weise unrealistische Forderungen. Es fehlt oft einzig der politische Wille und die politische Kraft dazu, einen solchen \u00dcbergang zu organisieren. Die Regierung hat in diesen Tagen enschieden, die Einf\u00fchrung der <i>plastic tax</i> und der <i>sugar tax</i> hinauszuz\u00f6gern. Dieses Hinausz\u00f6gern steht unseren Interessen nicht aufgrund der fehlenden Staatseinnahmen entgegen \u2013 die tats\u00e4chlichen Einnahmen w\u00e4ren laut den Pl\u00e4nen der Regierung sowieso sehr niedrig \u2013, sondern aufgrund des politischen Signals, das mit dieser Entscheidung ausgesendet wird: die \u00f6kologische Frage \u2013 und somit diejenige des Lebens der Arbeiter*innen \u2013 ist f\u00fcr die Regierung zweitrangig im Vergleich zu den Profitbed\u00fcrfnissen der Unternehmen.</p><p>Die Welt von morgen wird nicht aus einem sowieso unm\u00f6glichen Zur\u00fcck in die Vergangenheit hervorgehen. Eine Vergangenheit, die f\u00fcr viele von uns bereits die \u201eKrankheit\u201c war. Es liegt an uns, daf\u00fcr zu sorgen, dass wir in die f\u00fcr uns richtige Richtung gehen.</p><hr/><p><i>Giuliano Granato ist ein Arbeiter, der aufgrund seines gewerkschaftlichen Aktivismus entlassen wurde. Er ist zudem Mitglied der nationalen Koordination der linken Organisation</i> <a href=\"http://www.poterealpopolo.org/\"><i>Potere al Popolo</i></a><i>.</i></p><p></p><p><i>\u00dcbersetzung von Maurizio Coppola.</i></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/was-bedeutet-die-phase-2-in-italien-f%C3%BCr-die-arbeitswelt/", "id": "https://revoltmag.org/articles/was-bedeutet-die-phase-2-in-italien-f%C3%BCr-die-arbeitswelt/", "author": {"name": "Giuliano Granato", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-05-07T16:21:01.393813+00:00", "date_modified": "2020-05-07T16:24:59.762092+00:00", "tags": ["re:search", "italien", "potere al popolo", "arbeitsmarkt", "covid-19", "corona", "gesundheitssystem", "pandemie", "kapitalismus", "coronadebatte", "italiendebatte"], "summary": "W\u00e4hrend des Lockdowns in Italien k\u00e4mpften die Arbeiter*innen um ihre Gesundheit und die Unternehmen darum, m\u00f6glichst schnell die Produktion wieder hochzufahren. Jetzt wird die Produktion wieder aufgenommen. \u00dcber die anstehenden Aufgaben der Linken in dieser Situation."}, {"title": "Wir wollen unsere Rechte \u2013 kollektive Regularisierung jetzt!", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Wir wollen unsere Rechte \u2013 kollektive Regularisierung&nbsp;jetzt!</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"3pc75e7cyvg3.jpeg\" height=\"420\" src=\"/media/images/3pc75e7cyvg3.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>W\u00e4hrend sich die Gesundheitskrise aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus immer mehr in eine tiefe soziale Krise verwandelt, wird uns klar, dass \u2013 sobald diese Notlage vorbei ist \u2013 viele Dinge nicht mehr so funktionieren k\u00f6nnen wie bisher.<br/> Der Abbau des Gesundheitssystems \u2013 vorangetrieben durch die in den letzten zwei Jahrzehnte durchgeboxten Spar- und Privatisierungma\u00dfnahmen \u2013 hat dazu gef\u00fchrt, dass die \u00f6ffentlichen Gesundheitseinrichtungen heute ohne Spenden von Privatpersonen und ohne den freiwilligen Einsatz von Tausenden von Gesundheitsarbeiter*innen nicht funktionieren und die Notlage, in der wir uns befinden, nicht bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen.</p><p>Aufgrund des Angriffs auf die Rechte und die Gesundheit der Arbeiter*innen und aufgrund des Primats der Unternehmen, unter allen Umst\u00e4nden produzieren zu m\u00fcssen, sind es die Arbeiter*innen, die den Preis dieser Krise bezahlen \u2013 und das ist nicht selten ihr Leben. In dieser Notsituation hat der Mangel an individuellen Schutzdispositiven (<i>dispositivi di protezione individuale</i>) und Sicherheitsma\u00dfnahmen die Ausbreitung des Virus an den Arbeitspl\u00e4tzen beschleunigt und zu Toten gef\u00fchrt (Brieftr\u00e4ger*innen, \u00c4rzt*innen, Mitarbeiter*innen des \u00f6ffentlichen Verkehrs, Supermarktkassierer*innen, Logistikarbeiter*innen, Arbeiter*innen in Call Center) \u2013 Tote, die zu den mehr als 1.200 Arbeitstoten hinzukommen, die Italien jedes Jahr auch in Zeiten der \u201eNormalit\u00e4t\u201c z\u00e4hlt.</p><p>Dass nichts so sein kann, wie es bisher war, zeigen auch die Hunderttausenden von Migrant*innen und Gefl\u00fcchteten, deren Rechte in den letzten Jahrzehnten zu Kr\u00fcmeln reduziert wurden; die Migrationspolitik hat B\u00fcrger*innen zweiter und gar dritter Klasse hervorgebracht. Die <a href=\"https://www.ispionline.it/it/pubblicazione/migrazioni-italia-tutti-i-numeri-24893\">offiziellen Daten</a> sprechen eine klare Sprache: In Italien leben heute sch\u00e4tzungsweise 611.000 Menschen ohne Aufenthaltsbewilligung; eine Zahl, die seit der Einf\u00fchrung der Sicherheitsverordnungen des ehemaligen Innenministers und Lega-Chefs Matteo Salvini stark gestiegen ist. Heute treten diese Probleme mehr denn je an die Oberfl\u00e4che, es ist Zeit zu handeln.</p><h2><b>Die Lebensmittelversorgung: Ohne migrantische Arbeiter*innen wird nicht gegessen</b></h2><p><a href=\"https://www.ilsole24ore.com/art/acquisti-gdo-rialzo-27percento-terza-settimana-quaratena-ma-si-teme-il-periodo-pasquale-ADXICxH\">Nach Angaben</a> der Zeitung des Unternehmensverbandes <i>Confindustria, Il Sole 24 Ore</i>, erleben die Superm\u00e4rkte derzeit einen Anstieg der Inlandsnachfrage von 20 Prozent, wobei auch die Nachfrage aus dem Ausland im selben Ausma\u00df zunimmt. Doch w\u00e4hrend die gro\u00dfen Einzelhandelsunternehmen inmitten der gesundheitlichen Notlage und der \u00f6konomischen Krise ihre Gewinne steigern, zahlen die rund 350.000 Landarbeiter*innen den Preis daf\u00fcr; <a href=\"https://mediciperidirittiumani.org/medu/wp-content/uploads/2019/10/rap_ottobre_medu_2019_web.pdf\">nach Angaben</a> von <i>\u00c4rzt*innen f\u00fcr Menschenrechte</i> arbeitet weniger als die H\u00e4lfte der Landarbeiter*innen mit einem regul\u00e4ren Arbeitsvertrag.</p><p>Die migrantischen Landarbeiter*innen \u2013 die sogenannten <i>braccianti</i> \u2013 lebten und arbeiteten schon vor der aktuellen Corona-Krise unter prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen. Ihre Lage ist determiniert von einer Gesetzgebung, die den arbeitenden Migrant*innen keinen automatischen Zugang zur Aufenthaltsbewilligung und somit zu den nationalen Sozial- und Gesundheitsdiensten gew\u00e4hrt. Ihre papierlose Existenz hat sich nun jedoch aus mindestens zwei Gr\u00fcnden weiter prekarisiert:</p><ol><li>Die Einschr\u00e4nkung der Bewegungsfreiheit verunm\u00f6glicht es ihnen, in die Regionen Italiens zu reisen, in denen die fr\u00fchj\u00e4hrliche Obst- und Gem\u00fcseernte beginnt (in Apulien f\u00fcr Tomaten, im Piemont f\u00fcr \u00c4pfel usw.);<br/></li><li>In den verschiedenen Zeltlagern entlang der Felder (Arbeitsorte) herrschen Unterbringungsbedingungen, die es ihnen nicht erlaubt, sich vor einer Covid-Ansteckung zu sch\u00fctzen: kein flie\u00dfendes Wasser, infrastrukturelle Unm\u00f6glichkeit, sichere Abst\u00e4nde einzuhalten, und so weiter.</li></ol><h2><b>Care-Arbeiter*innen: Von einem Tag auf den anderen arbeits- und obdachlos</b></h2><p>\u00c4hnliche Probleme haben die Care-Arbeiter*innen, die sich t\u00e4glich um die Hausarbeiten und um die \u00e4lteren Menschen unserer Gesellschaft k\u00fcmmern. Die Alterung der Gesellschaft und die Entscheidung des Staates, die Last der Pflege, die die \u00e4lteren Menschen ben\u00f6tigen, nach dem Diktat der liberalen Ideologie auf die Familien und nicht auf den \u00f6ffentlichen Wohlfahrtsstaat zu verlagern, haben zur Bildung einer Armee von Care-Arbeiter*innen gef\u00fchrt: Nach den <a href=\"https://associazionedomina.it/wp-content/uploads/2020/02/Inps_lavoro-domestico_giugno2019.pdf\">j\u00fcngsten Daten</a> gibt es etwa rund zwei Millionen Care-Arbeiter*innen, von denen weniger als die H\u00e4lfte (etwa 865.000) einen regul\u00e4ren Arbeitsvertrag besitzen und die gro\u00dfe Mehrheit Frauen aus Osteuropa sind.</p><p>Die Blockade des wirtschaftlichen und sozialen Lebens und die Angst vor der Verbreitung des Virus unter den \u00e4lteren Menschen hat zur sofortigen Entlassung der Care-Arbeiter*innen gef\u00fchrt. W\u00e4hrend die letzte Verordnung der Regierung einen sozialen Mindestschutz f\u00fcr einige regul\u00e4re Care-Arbeiter*innen vorsieht, wurden irregul\u00e4re Arbeiter*innen nicht nur von der Ma\u00dfnahme ausgeschlossen, sie verloren auch von einem Tag auf den anderen Job und Unterkunftsm\u00f6glichkeiten.</p><h2><b>Eine globalisierte Wirtschaft: die Bedeutung der finanziellen Unterst\u00fctzung ins Heimatland</b></h2><p>Die Auswirkungen dieser sozialen Krise beschr\u00e4nken sich nicht nur auf das t\u00e4gliche Leben der Arbeiter*innen in Italien, sondern betreffen auch die Herkunftsl\u00e4nder der Migrant*innen. <a href=\"https://www.bancaditalia.it/statistiche/tematiche/rapporti-estero/rimesse-immigrati/\">Nach Angaben</a> der italienischen Nationalbank <i>Banca d&#x27;Italia</i> belaufen sich die Geld\u00fcberweisungen der in Italien lebenden Migrant*innen an ihre Familien im Herkunftsland auf \u00fcber sechs Milliarden Euro j\u00e4hrlich; in einigen F\u00e4llen k\u00f6nnen diese Betr\u00e4ge bis zu 35 Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts der L\u00e4nder ausmachen.<br/> Es ist kein Zufall, dass die ersten Ziell\u00e4nder dieser \u00dcberweisungen die Herkunftsl\u00e4nder derjenigen Migrant*innen sind, die Obst und Gem\u00fcse auf den Feldern sammeln und sich um die Hausarbeit und um die \u00e4lteren Menschen k\u00fcmmern: China, Bangladesch, Rum\u00e4nien, Philippinen, Pakistan, Senegal, Marokko, Sri Lanka.</p><p>Die Schwierigkeiten, die die Wirtschaften und Familien in den L\u00e4ndern des S\u00fcdens bereits heute haben, werden sich somit versch\u00e4rfen. Die Verlangsamung und sogar die v\u00f6llige Schlie\u00dfung ganzer Wirtschaftszweige, in denen Migrant*innen einen wichtigen Teil der Arbeitskr\u00e4fte ausmachen, wird direkte Auswirkungen auf die andere Seite der Welt haben. Dies beweist uns einerseits die unvermeidliche Vernetzung der globalisierten Wirtschaft, f\u00fchrt jedoch andererseits auch zu mehr Hunger und Armut im globalen S\u00fcden.</p><h2><b>Leben in den Asylcamps und R\u00fcckf\u00fchrungen</b></h2><p>Ebenso problematisch ist die gesundheitliche und soziale <a href=\"https://www.ispionline.it/it/pubblicazione/migrazioni-italia-tutti-i-numeri-24893\">Situation der offiziellen Asylsuchenden</a>. Heute befinden sich etwa 95.000 Gefl\u00fcchtete in den Asylcamps und 50.000 warten auf den Asylentscheid. Die kollektiven Unterbringungsbedingungen in den Asylcamps entsprechen in den meisten F\u00e4llen nicht den Vorgaben der Regierung, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen: Kollektive Schlafr\u00e4ume von bis zu zehn Personen, infrastrukturelle Unm\u00f6glichkeit, positiv getestete Personen zu isolieren, unzureichende Wasser- und Sanit\u00e4ranlagen.</p><p>Und obwohl die Europ\u00e4ische Union den freien Personenverkehr mit der Schlie\u00dfung der jeweiligen Landesgrenzen vor\u00fcbergehend ausgesetzt hat, bleibt das System der R\u00fcckf\u00fchrungen in die L\u00e4nder des S\u00fcdens vorerst unber\u00fchrt. Unter der aktuellen Regierung von Premierminister Giuseppe Conte werden monatlich 600 R\u00fcckf\u00fchrungen durchf\u00fchrt. Die Menschenrechtskommissarin des Europarates, Dunja Mijatovic, warnte die Mitgliedstaaten, <a href=\"https://www.agensir.it/quotidiano/2020/3/26/coronavirus-covid-19-consiglio-deuropa-migranti-e-rimpatri-richiesti-interventi-demergenza/\">R\u00fcckf\u00fchrungen zu stoppen</a> und f\u00fcr die betroffenen Migrant*innen wegen des fehlenden Gesundheitsschutzes in den Abschiebungscamps eine L\u00f6sung zu finden. Bisher hat sich die italienische Regierung jedoch nicht um diese Problematik gek\u00fcmmert.</p><h2><b>Kollektive Regularisierung jetzt!</b></h2><p>Die gesundheitliche und soziale Notlage, in der wir heute leben, erfordert wichtige politische Ma\u00dfnahmen f\u00fcr Migrant*innen und Gefl\u00fcchtete. Bisher wurden sie ihrem eigenen Schicksal \u00fcberlassen. Hierbei geht es nicht ausschlie\u00dflich um die Sicherung der Grundrechte jedes einzelnen Menschen, sondern auch um den Schutz der kollektiven Gesundheit. Deshalb fordern wir von der Politik:</p><p>1. Die kollektive Regularisierung aller Migrant*innen und Gefl\u00fcchteten, die heute ohne Aufenthaltsbewilligung auf italienischem Territorium leben und arbeiten; diese soll durch ein vereinfachtes und au\u00dferordentliches Verfahren zur Erteilung der Aufenthaltspapiere auf kommunaler Ebene erfolgen;</p><p>2. Au\u00dferordentliche sozialstaatliche Geldleistungen f\u00fcr alle migrantischen Arbeiter*innen (unabh\u00e4ngig vom rechtlichen Status), die aufgrund des Covid-19-Notstands ihre Arbeit verloren haben;</p><p>3. Die Gew\u00e4hrleistung des Rechts auf Gesundheit (freier Zugang zu \u00e4rztlichen Untersuchungen, Covid-Tests und medizinischen Behandlung) und Schutzma\u00dfnahmen f\u00fcr migrantische Arbeiter*innen und Gefl\u00fcchtete, die bei der Arbeit und in den Asylcamps am st\u00e4rksten der Ansteckungsgefahr ausgesetzt sind;</p><p>4. Die Gew\u00e4hrleistung des Rechts auf Wohnung durch die Bereitstellung von Unterk\u00fcnften, die aufgrund des R\u00fcckgangs des Tourismus leer stehen, von staatseigenem Eigentum und von leeren H\u00e4usern f\u00fcr Obdachlose und Migrant*innen, die bisher dazu verdammt sind, in \u00fcberf\u00fcllten Zeltlagern und Asylcamps zu leben.</p><p>Die Regularisierung aller Migrant*innen und Gefl\u00fcchteten ist die einzige M\u00f6glichkeit, heute die kollektive Gesundheit und morgen die Grundrechte aller Menschen zu garantieren.</p><p></p><hr/><h3>Anmerkungen</h3><p><i>Dieser Text ist auf italienisch</i> <a href=\"https://poterealpopolo.org/e-tempo-di-diritti-regolarizzazione-ora/\"><i>hier</i></a><i> erschienen. \u00dcbersetzung von der re:volt Redaktion.</i></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/wir-wollen-unsere-rechte-kollektive-regularisierung-jetzt/", "id": "https://revoltmag.org/articles/wir-wollen-unsere-rechte-kollektive-regularisierung-jetzt/", "author": {"name": "Potere al Popolo", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-04-06T08:32:34.377706+00:00", "date_modified": "2020-04-06T09:32:01.810622+00:00", "tags": ["re:claim", "italien", "migration", "gesundheitspolitik", "asyl", "arbeitskampf", "migrantische k\u00e4mpfe", "corona", "gefl\u00fcchtete", "Europ\u00e4ische Union"], "summary": "Ob als Land- oder Care-Arbeiter*in \u2013 Migrant*innen und Gefl\u00fcchtete ohne Papiere und Arbeitsschutz sind in Italien mitunter am h\u00e4rtesten von der Corona-Krise betroffen. \u00dcber das Ausma\u00df der Betroffenheit migrantischer Arbeiter*innen und Forderungen nach kollektiver Regularisierung."}, {"title": "Ausz\u00fcge einer Chronik aus Mailand in Zeiten von Corona", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Ausz\u00fcge einer Chronik aus Mailand in Zeiten von&nbsp;Corona</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"7uvskp7zmnfs.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/7uvskp7zmnfs.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Wiki Commons</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>[Editorial:] W\u00e4hrend sich auch in Deutschland die politischen Ma\u00dfnahmen nahezu t\u00e4glich \u00fcberschlagen und die Fallzahlen der an Covid-19 Erkrankten multiplizieren, ist Italien dem deutschen Szenario bereits neun Tage voraus. Die Genoss*innen vom malaboca Kollektiv legen hier die \u00dcbersetzung einer eindr\u00fccklichen Schilderung Mail\u00e4nder Genoss*innen vor, die den Verlauf der Pandemie in Norditalien aus linker, aktivistischer Sicht zusammenfasst. In den kommenden Wochen und Monaten werden es Zehntausende in Italien und Hunderttausende weltweit mehr sein, welche die gesundheitlichen Folgen des Virus unmittelbar zu sp\u00fcren bekommen -  und Millionen, welche die Auswirkungen \u00f6konomisch und sozial zu tragen haben.  </i></p><p> </p><hr/><p></p><h3><b>11. Januar:</b></h3><p>Erster Todesfall in China.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>23. Januar:</b> </h3><p>Zwei chinesische Touristen werden in Rom positiv auf das Virus getestet und werden unter Quarant\u00e4ne gestellt. Die Stadt Wuhan wird unter Quarant\u00e4ne gestellt. Am n\u00e4chsten Tag die angrenzende Stadt.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>30. Januar:</b></h3><p>Die Weltgesundheitsorganisation WHO deklariert den globalen Notstand (bei 7000 Infizierten und 170 Toten).</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>01. Februar:</b></h3><p>Chinesische Tourist*innen werden in Florenz rassistisch beleidigt. Ungef\u00e4hr zu diesem Zeitpunkt werden die ersten Auswirkungen der Pandemie sp\u00fcrbar - bevor diese sich verwirklicht hat, hat sie sich bereits in Angst verwandelt. Die Suche nach den Schuldigen l\u00e4sst nicht lange auf sich warten. Dieses Mal sind es weder die Juden und J\u00fcdinnen, noch die Ketzer*innen, sondern die Chines*innen. Es kommt vermehrt zu \u00dcbergriffen, Menschen werden bespuckt, geschlagen und mit Flaschen beworfen \u2013 einfach, weil sie in den Augen der Angreifer \u201easiatisch aussehen\u201c. Wo die Menschen letztlich herkommen spielt dabei eigentlich keine Rolle. Allm\u00e4hlich melden sich verschiedene rechte Politiker*innen zu Wort, die versuchen, \u201edie Chines*innen\u201c und \u201edie Ausl\u00e4nder\u201c f\u00fcr die Ausbreitung der Epidemie verantwortlich zu machen - nat\u00fcrlich ohne jegliche faktische Grundlage.</p><p>Diese Momente der direkten und latenten rassistischen Aggression waren begrenzt, jedoch ausreichend vorhanden, um uns einen Vorgeschmack auf die rassistische Dimension, die eine solche Situation mit sich bringen kann, zu geben. In einer anderen Ausgangssituation, das hei\u00dft in einer Situation, in der Gefl\u00fcchtete oder \u201eArmuts-Migrant*innen\u201c direkt beschuldigt worden w\u00e4ren, den Virus nach Italien gebracht zu haben, h\u00e4tte es eine noch st\u00e4rkere Welle der rassistischen Gewalt gegeben. Auf ein solches Szenario w\u00e4ren wir nicht vorbereitet gewesen.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>21. Februar:</b> </h3><p>Der erste Infektionsfall in Codogno wird gemeldet. Angesichts der Trag\u00f6die eine schon fast komische Wendung: Von der Millionenstadt Wuhan zu einer kleinen, unbekannten Stadt im Nichts der Lombardei zwischen den St\u00e4dten Piacenza und Crema.</p><p>Wir gehen aus, trinken und treffen Leute. Wuhan erscheint unglaublich weit weg, aber auch Codogno liegt gef\u00fchlt noch in der Ferne. Die Meldungen laufen in den Nachrichten. Es ist nicht vorstellbar, was noch kommen wird. Die Stadt Wuhan steht seit dem 23. Januar unter Quarant\u00e4ne. Obwohl diese Welt eine globalisierte und vernetzte ist, scheint es uns an der F\u00e4higkeit zu mangeln, Informationen zu empfangen, zu verstehen und in konsequentes Handeln zu \u00fcberf\u00fchren. Das Coronavirus in China erschien blo\u00df wie ein mediales Spektakel, gedreht auf einem anderen Planeten.</p><p>W\u00e4hrend wir eher fasziniert, als erschrocken die ersten aufgeregten Live-\u00dcbertragungen aus den D\u00f6rfern der unteren Po-Ebene verfolgten, von denen wir hier in der Gro\u00dfstadt noch nie etwas geh\u00f6rt hatten, f\u00fchlten wir uns noch immer gut vor dem gesch\u00fctzt, was wir auf den Fernseherbildschirmen sahen und in den Schlagzeilen lasen. In unseren Kreisen machte sich eine gewisse Skepsis breit. Dazu trat der bitters\u00fc\u00dfe Geschmack, der mit der Vorstellung einherging, eine Apokalypse live mitverfolgen zu k\u00f6nnen und die Widerspr\u00fcche und die Hysterie des Systems gleichsam bewundern und kommentieren zu k\u00f6nnen, w\u00e4hrend unser Alltag davon jedoch schlussendlich unber\u00fchrt bleiben w\u00fcrde.</p><p></p><hr/><h3></h3><h3><b>23. Februar:</b> </h3><p>Die Suche nach Quarant\u00e4ne-Einrichtungen in den betroffenen Gebieten in Italien beginnt. Es wird an Hoteliers appelliert, ihre R\u00e4umlichkeiten zur Verf\u00fcgung zu stellen. In Mailand werden die Schulen vorerst f\u00fcr eine Woche lang geschlossen.</p><p>Das erste Dekret des Ministerrats mit pr\u00e4ventiven Ma\u00dfnahmen wird erlassen. Verbot des Ein- und Ausreisens in und aus den von dem Virus betroffenen Orten in den Regionen Veneto und Lombardei; Aussetzung von Demonstrationen oder anderweitigen Versammlungen jeglicher Natur und Form an \u00f6ffentlichen Orten, einschlie\u00dflich kultureller, sportlicher und religi\u00f6ser St\u00e4tten; vor\u00fcbergehende Schlie\u00dfung von Bildungseinrichtungen f\u00fcr Kinder und junge Erwachsene auf allen Ebenen; Aufhebung aller Bildungsreisen innerhalb und au\u00dferhalb Italiens; vor\u00fcbergehende Schlie\u00dfung von Museen und aller weiteren kulturellen Institutionen des \u00f6ffentlichen Lebens; Reduzierung der Dienste staatlicher und st\u00e4dtischer \u00c4mter bis auf das N\u00f6tigste; Schlie\u00dfung aller kommerziellen Einrichtungen, mit Ausnahme derer, die es zur Grundversorgung der Bev\u00f6lkerung und Aufrechterhaltung der \u00f6ffentlichen Ordnung ben\u00f6tigt; Verpflichtung zur Einhaltung bestimmter Vorsichtsma\u00dfnahmen und dem Tragen bestimmter Schutzausr\u00fcstung; Aussetzung von Bef\u00f6rderungsdienstleistungen f\u00fcr G\u00fcter und Personen \u00fcber Land, Schienen und Binnengew\u00e4sser; Aufhebung der Produktionst\u00e4tigkeit von Unternehmen, sowie Arbeiter*innen in den betroffenen Gebieten.</p><p>Nervosit\u00e4t greift um sich. Die Menschen str\u00f6men in die Superm\u00e4rkte und leeren die Regale. Dieser Moment schwebte zwischen dem Unglauben, dass das Virus und die fatalen Auswirkungen, die es mit sich bringt, immer n\u00e4herkommt und der schleichend durchsickernden Angst, die zu unbewussten Gesten f\u00fchrt. Auch in der wirkungsschwachen Debatte innerhalb der \u201eantagonistischen\u201c Mikrowelt der linken Bewegung spiegelt sich diese Zerrissenheit wider. Es gibt auf der einen Seite diejenigen, die sich bem\u00fchen, die Virulenz der Epidemie zu verneinen und sich an den verabschiedeten staatlichen Sonderma\u00dfnahmen abzuarbeiten. Andererseits gibt es die, die dazu aufrufen, den Ernst der Lage zu begreifen. Am darauffolgenden Tag werden die Ma\u00dfnahmen in Mailand versch\u00e4rft: Restaurants und Bars m\u00fcssen nach 18.00 Uhr schlie\u00dfen.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>28. Februar:</b></h3><p>Nachdem die Schulen geschlossen worden sind und die Medien registrieren, dass die Ansteckungen stetig steigen, beginnt die Wirtschaft Mailands zu leiden. Die Menschen konsumieren nicht mehr genug. Es wird nicht genug zu Abend gegessen in den Restaurants, nicht genug Aperitivos getrunken, zu wenig \u201eshoppen\u201c gegangen. Die Wirtschaft ger\u00e4t zunehmend ins Stocken. Mailand f\u00e4ngt an zu zittern.</p><p>Die Lokale d\u00fcrfen wieder \u00f6ffnen. Dabei gilt die Empfehlung, nur am Tisch zu bedienen \u2013 was in den meisten F\u00e4llen nicht eingehalten wurde. Der Mail\u00e4nder B\u00fcrgermeister Guiseppe Sala dreht eine Art Videospot mit dem Hashtag #Milanononsiferma (#Milanoschlie\u00dftnicht). In diesem Video fordert er dazu auf, den Konsum ohne Angst wieder aufzunehmen. Der Sekret\u00e4r des PD (Partido Democratico) Nicola Zingaretti l\u00e4sst sich bei einem Bier an den Kan\u00e4len in Mailand ablichten. Einige Tage sp\u00e4ter wird er positiv auf das Covid-19-Virus getestet. Der Mail\u00e4nder Confcommercio (Handels- und Unternehmervereinigung) l\u00e4dt die Bev\u00f6lkerung dazu ein, den normalen Lebens- und Einkaufszyklus wiederaufzunehmen, auszugehen und einzukaufen. Es wird noch einige Tage dauern, bis auch der Ruf in der Lombardei immer lauter wird, nicht mehr auszugehen, um die Ansteckungen zu stoppen.</p><p>Die Regierung scheint zwischen dem Bewusstsein \u00fcber den Ernst der Lage und dem wirtschaftlichen Druck gefangen zu sein \u2013 und ist bem\u00fcht, so bald wie m\u00f6glich wieder zum Normalzustand \u00fcberzugehen. In der Tat gilt diese Zerrissenheit f\u00fcr alle B\u00fcrger*innen, auch f\u00fcr uns. Wir sind unvorbereitet, naiv und ungl\u00e4ubig. Die Anweisungen sind widerspr\u00fcchlich. Die politischen Institutionen fordern eine Verlangsamung des gesellschaftlichen Lebens, die wirtschaftlichen fordern ein Weiter-So.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>06. M\u00e4rz:</b></h3><p>Der Pr\u00e4sident der Republik Sergio Mattarella spricht zur Nation: \u201eWir m\u00fcssen Vertrauen haben\u201c.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>07. M\u00e4rz:</b></h3><p>Die Zahlen sprechen f\u00fcr sich. Die Epidemie breitet sich explosionsartig aus - vor allem im Norden Italiens. Es ist kaum zu glauben, doch der Entwurf eines Dekrets erreicht vorzeitig die Zeitungen, w\u00e4hrend er noch im Ministerrat diskutiert wird. Das Dekret besagt, dass die Lombardei und 14 andere Provinzen in Norditalien abgeriegelt werden sollen. Die Zeitungen bringen die Meldung \u00fcber Nacht auf die Titelseite. Das Chaos gewinnt an Fahrt.</p><p>Im Einzelnen umfassen die Ma\u00dfnahmen: Verbot des Betretens, wie Verlassens besagter Gebiete. Ausgenommen sind nachgewiesen Arbeitswege oder Bewegungen in Notfallsituationen. Es ist erlaubt, an den Heimatort, sowie an den Wohnsitz oder in die eigene Wohnung zur\u00fcckzukehren. Es gilt ein absolutes Mobilit\u00e4tsverbot f\u00fcr diejenigen, die Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen unterliegen. \u00d6ffentliche Veranstaltungen und Sportwettbewerbe werden ausgesetzt. Einrichtungen in den Skigebieten werden geschlossen. Alle bereits organisierten Demonstrationen sind suspendiert. Die Bildungsdienste f\u00fcr Kinder sind ausgesetzt. Die Er\u00f6ffnung von Gottesh\u00e4usern ist an strenge Bedingungen gekn\u00fcpft. Museen und andere kulturelle Einrichtungen und Orte werden geschlossen. Restaurant- und Baraktivit\u00e4ten sind nur noch von 6.00 bis 18.00 Uhr erlaubt. Der Urlaub des Gesundheits- und technischen Personals wird ausgesetzt. Fitnessstudios, Sportzentren, Schwimmb\u00e4der, Schwimmzentren, Wellnesszentren und Kurb\u00e4der werden geschlossen.</p><p>Panik macht sich breit. Die Entschuldigung der Regierung f\u00fcr die Fehlkommunikation und die Betonung der restriktiven Ma\u00dfnahmen werden alsbald folgen. Bis kurz davor wird \u00fcber die Situation gelacht oder diese zumindest bel\u00e4chelt. Niemand sah das kommen, was kam. Bis vor Kurzen sollte noch die Wirtschaft funktionieren. Und es ist noch immer von \u201enicht mehr\u201c als einer einfachen Grippe die Rede. Es scheint immer noch alles \u201eunverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig\u201c. Man nimmt einen Freund, der sagt, er bleibe zu Hause, immer noch nicht ernst, versteht den Ernst der Lage nicht. Nach dem wir nun mehr als eine Woche zu Hause eingesperrt sind, nach dem es immer mehr Todesf\u00e4lle gibt und \u00c4rzte, die krank werden, die Reanimationsst\u00e4tten \u00fcberlastet sind, f\u00fchlen wir uns r\u00fcckblickend wie unverantwortliche Arschl\u00f6cher.</p><p>Man f\u00fchlt sich wie infantilisiert. Wir sind auf externe Informationen und Anweisungen angewiesen. Und wir \u00e4rgern uns, wenn sie uns nicht sagen, was wir tun sollen. Eine Autonomie (Autonomia) zu organisieren, sich eine andere Welt vorzustellen, eine Revolution im Lichte dieser Ereignisse zu machen, erfordert viel mehr Ernsthaftigkeit, Bescheidenheit und Arbeit von unserer Seite. Ein positives Element scheint aus dieser Krise hervorzugehen: die Trennung des Individuums vom Nicht-Individuum/nicht individuellen - diese ethische, politische Kategorie scheint endlich eine direkt wahrnehmbare Inkarnation zu erfahren.</p><p>Die K\u00fcrzungen der \u00f6ffentlichen Gesundheitsversorgung sind beschissen. In den Bergen Skifahren zu gehen, w\u00e4hrend man in Quarant\u00e4ne sein sollte, ist ein beschissenes Verhalten. 100 Rollen Toilettenpapier (oder irgendein anderes Produkt) f\u00fcr sich selbst zu kaufen, und anderen dadurch zu berauben, ist schei\u00dfe.</p><p>Einige mobilisieren in die entgegengesetzte Richtung; f\u00fcr alle, f\u00fcr das Kollektiv. In Mailand zum Beispiel gr\u00fcnden einige Genoss*innen die \u201eBrigate per l&#x27;Emergenza\u201c (Notfallbrigaden), die viele Freiwillige (ausgebildet und gesch\u00fctzt) zusammenbringen und koordinieren. Sie organisieren Menschen, die in der Lage sind, anderen Menschen, die in Schwierigkeiten sind, zu helfen. Denjenigen, die Informationen ben\u00f6tigen, denjenigen, die jemanden brauchen der f\u00fcr sie einkauft oder Medikamente besorgt. W\u00e4hrend eine Flut von \u00c4rzten und Krankenpfleger*innen in den Krankenh\u00e4usern unserer Region grausame Schichten \u00fcbernehmen und sich selbst dabei anstecken, ist es unsere Aufgabe, sich um die Bed\u00fcrftigen zu k\u00fcmmern.</p><p>Jetzt gilt f\u00fcr uns: Ein Angriff auf das Kapital bedeutet, dass man sich um die Gemeinschaft k\u00fcmmert, in diesem Moment n\u00fctzliche Dienste f\u00fcr ihr \u00dcberleben zu leisten, und dabei effektiv und glaubw\u00fcrdig zu sein.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>08. M\u00e4rz:</b></h3><p>Menschen str\u00f6men zu den Bahnh\u00f6fen Mailands und versuchen zu ihrem Heimatort zu gelangen. Es ist eine leichtsinnige Reaktion, die nicht das Risiko einer Weiterverbreitung des Virus in andere Teile Italiens bedenkt. Sie ist Ergebnis der konfusen Kommunikation der Regierung. Und sie ist Folge von einem Mangel an Empathie und eines Individualismus, welcher in vielen weiteren Reaktionen in diesen Tagen zur Geltung kommt.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>09. M\u00e4rz:</b></h3><p>Es gibt Aufst\u00e4nde in 26 italienischen Kn\u00e4sten mit zw\u00f6lf Toten in weniger als zwei Tagen. Es ist das erste Mal in unserer j\u00fcngeren Geschichte, dass sich Gef\u00e4ngnisaufst\u00e4nde wie ein Waldbrand in ganz Italien ausbreiten. Und es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass Gefangene* die Kontrolle \u00fcber einzelne Bereiche, oder sogar ganze Kn\u00e4ste \u00fcbernehmen. Den st\u00e4rksten Aufruhr gab es in Modena, wo Gefangene* das gesamte Gef\u00e4ngnis f\u00fcr ein paar Stunden unter ihre Kontrolle gebracht haben. Aber es handelt sich hier auch zugleich um einen der blutigsten K\u00e4mpfe. Mehr als zehn Gefangene* sind bei dem Aufstand gestorben. Bisher hat sich der Staat nicht einmal bem\u00fc\u00dfigt gef\u00fchlt, eine offizielle Version der Todesumst\u00e4nde vorzulegen.</p><p>Bei den vielen Bildern dieses Tages, sind jene vielleicht die Eindr\u00fccklichsten: Verschiedene Gruppen von Frauen* und Unterst\u00fctzer*innen (M\u00fctter, Ehefrauen und Kinder der Gefangenen) vor den Toren der Kn\u00e4ste in Mailand, Neapel, Rom, Ferrara, Bologna, Rieti und Pescara, besorgt um die Gesundheit ihrer Liebsten und lautstark fordernd \u201eLasst sie frei, begnadigt sie, Amnestie\u201c. Ein anderes eindr\u00fcckliches Bild ist jenes von Gefangenen* w\u00e4hrend des Aufstands, die auf das Gef\u00e4ngnisdach in San Vittore (Mailand) klettern und ein Banner mit der Aufschrift \u201eFreiheit\u201c halten, w\u00e4hrend im Hintergrund schwarzer Rauch aus einem angrenzenden Gef\u00e4ngnisbereich in den Himmel steigt. Ein letztes Bild ist jenes der Flucht von \u00fcber 40 Gefangenen aus dem Knast in Foggia - aufgenommen von \u00dcberwachungskameras.</p><p>Italienische Kn\u00e4ste waren schon vor der aktuellen Situation am Rande des Kollapses. Sie gelten als v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllt. Die hygienischen und sanit\u00e4ren Bedingungen sind an den Grenzen des Ertragbaren. Als die Coronavirus-Epidemie in Italien immer schlimmer wurde, dachte die Regierung nicht im Geringsten daran, die Gef\u00e4ngnisse zu leeren - wie es sogar von einigen Richtern gefordert wurde. Sie erlie\u00df stattdessen absurde Ma\u00dfnahmen, wie beispielsweise ein Gespr\u00e4chsverbot (ausgenommen per Video und Telefon), ein Verbot Post entgegenzunehmen oder weitere Beschr\u00e4nkungen des Zutritts und Verlassens des Gef\u00e4ngnisses.</p><p>Es folgt das Dekret #iorestoincasa (#ichbleibezuHause). Die \u201eRote Zone\u201c wird auf ganz Italien erweitert. Einzelhandelsgesch\u00e4fte m\u00fcssen schlie\u00dfen, Ausnahmen gelten nur f\u00fcr den Verkauf von Nahrungsmitteln und f\u00fcr G\u00fcter zur Befriedigung von Grundbed\u00fcrfnissen. Gastst\u00e4tten und Restaurants m\u00fcssen schlie\u00dfen (dazu z\u00e4hlen auch Bars, Kneipen, Eisdielen und B\u00e4ckereien). Dienstleistungen mit direktem Kontakt werden ebenso verboten (dazu geh\u00f6ren u.a. Friseure und Kosmetiksalons). Banken, Finanzdienstleistungen und Versicherungen bleiben ge\u00f6ffnet. Ebenso wie die Landwirtschaft und Tierhaltung zur Nahrungsmittelherstellung. Bei den wirtschaftlichen T\u00e4tigkeiten wird den Unternehmen empfohlen, so viel Home-Office wie m\u00f6glich zu nutzen. Lohnabh\u00e4ngige sollen Anreize erhalten, bezahlten Urlaub zu nehmen. Sicherheitsvorschriften zur Kontaktvermeidung werden eingef\u00fchrt und sanit\u00e4re Ma\u00dfnahmen werden gef\u00f6rdert.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>10. M\u00e4rz:</b></h3><p>In Frankreich verkleiden sich Menschen als Schl\u00fcmpfe und ziehen unter dem Motto \u201edas Virus wegschlumpfen\u201c durch die Stra\u00dfen. \u201eVersteht ihr nicht, was hier los ist?\u201c - das sind unsere Ansagen an unsere Freund*innen, die weit weg sind - in den USA, in Frankreich oder Deutschland. Es erscheint uns schon verr\u00fcckt, wie sehr wir uns nach so kurzer Zeit bereits verantwortlich f\u00fchlen. Wir haben keinen Krieg, keinen wirklichen Hunger und keine Pest erlebt, doch nun sehen wir uns dennoch mit einer historischen Situation konfrontiert. Im Angesicht der realen Katastrophe, die kein blo\u00dfes Gedankenspiel ist, bringen uns die klassischen Diskurse um Biopolitik und die staatliche Kontrolle der Bev\u00f6lkerung nicht weiter auf dem Weg zu einer kollektiven Antwort.</p><p>Sich die H\u00e4nde zu waschen, sich nicht in Gruppen zu versammeln, zu Hause zu bleiben, jede Form des allt\u00e4glichen Lebens zu unterbrechen, sind verantwortungsbewusste Handlungen. Es sind Formen einer grundlegenden Empathie, um die Verbreitung des Virus einzud\u00e4mmen. Wir m\u00fcssen verstehen, dass diese Handlungsweisen tats\u00e4chlich in der Lage sind uns, unsere Liebsten und all die \u00e4lteren Menschen, die wir nicht pers\u00f6nlich kennen, zu retten. Es geht darum den Druck von den \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4usern zu nehmen, bei denen die Effekte der vergangenen Einsparungen in der \u00f6ffentlichen Gesundheit jetzt zu erleben sind.</p><p>Die zwingende Notwendigkeit des Augenblicks liegt darin, sich nicht von den Geschehnissen zu entfremden. Es gibt einen realen Ausnahmezustand, der nach wie vor die Ausgeschlossenen, Vergessenen und \u00dcberfl\u00fcssigen am St\u00e4rksten trifft. In den Verlautbarungen der \u201egeeinten Nation\u201c zur Pandemie tauchen etwa Gef\u00e4ngnisse und Fabriken nicht auf.</p><p>Es ist nicht die Zeit, um die eine Variante von \u201eantagonistischem\u201c Denken gegen die andere auszuspielen. Das gliche einem l\u00e4cherlichen Wettrennen von denjenigen, die nach der einzig wahren Interpretation zur derzeitigen Situation suchen. Ereignisse \u00fcberkommen uns, wir mussten das immer wieder lernen. Durch diese Ereignisse lernen wir, wie unsere Gedanken (um)geformt werden, wie sie sich in der Realit\u00e4t behaupten m\u00fcssen. Selbstverst\u00e4ndlich be\u00e4ngstigen uns die neuen Sicherheitsma\u00dfnahmen und die Frage, was und wie lange sie bleiben werden, wenn die Notsituation vorbei ist. Wie sie verwendet werden, wie es weitergeht \u2013 wenn nicht einmal im Moment des Kollapses die Fabriken und die Gef\u00e4ngnisse geschlossen werden.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>10. M\u00e4rz:</b></h3><p>Die B\u00f6rsenkurse brechen ein.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>11. M\u00e4rz:</b></h3><p>Der Pr\u00e4sident der \u00c4rztevereinigung der Provinz Varese stirbt.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>13. M\u00e4rz:</b> </h3><p>Boris Johnson erkl\u00e4rt: \u201eGew\u00f6hnt euch dran, eure Liebsten zu verlieren\u201c. Der Plan der britischen Regierung scheint es zu sein, 60 Prozent der britischen Bev\u00f6lkerung zu infizieren, um eine Herdenimmunit\u00e4t zu entwickeln.</p><p>Eine Welle von spontanen Streiks findet in ganz Italien statt \u2013 initiiert durch die Gewerkschaft Si.Cobas. In den Fabriken wird trotz der Notlage weitergearbeitet. Dies ist ein Auszug aus einem Zeitungsartikel, der von dem Treffen zwischen Regierung und Arbeitgeberverband berichtet und die Situation gut zusammenfasst:</p><p>\u201e(\u2026) Die Unternehmen beharren auf eigenverantwortlicher Selbst-Regulierung, die weniger restriktiv und ohne Sanktionen ist. Eine Art freiwilliger Kodex von guten Verhaltensregeln, die Unternehmen befolgen k\u00f6nnen oder nicht, in vollst\u00e4ndiger Unabh\u00e4ngigkeit, ohne dies mit Betriebsr\u00e4ten oder den Arbeiter*innen direkt abstimmen zu m\u00fcssen. Und ohne zur Schlie\u00dfung gezwungen zu werden, wenigstens f\u00fcr ein paar Tage, um die sanit\u00e4ren Einrichtungen in Ordnung zu bringen (\u2026)\u201c.</p><p>Der Bericht eines Arbeiters:</p><p>\u201eEin Freund ist bis gestern zur Arbeit gegangen. Er hatte seinem Vorgesetzen eine E-Mail geschrieben, dass die Arbeitsumst\u00e4nde nicht angemessen seien. Zu viele Menschen im B\u00fcro, keine Masken, die Kantine noch in Betrieb. Seine Warnung wurde erst ignoriert und als die Vorgesetzten genervt waren, wurde ihm individuell angeboten von zu Hause zu arbeiten, ohne die Schutzma\u00dfnahmen f\u00fcr die anderen auszuweiten. Am 15. M\u00e4rz musste ein Arbeitskollege von ihm wegen der Infizierung mit dem Corona-Virus an ein Beatmungsger\u00e4t angeschlossen werden und zwei weitere Kollegen wurden ebenfalls positiv getestet. Daraufhin ist eine andere Kollegin mit Mundschutz auf die Arbeit gekommen und wurde von den Securities und dem Vorgesetzten aufgefordert, sie abzunehmen, um die Verbreitung von Panik zu vermeiden. Ihre Bitte, diese Anweisung schriftlich zu bekommen, f\u00fchrte dazu, dass auch sie von zu Hause arbeiten konnte. Am n\u00e4chsten Tag folgten viele dem Beispiel und kamen mit Mundschutz, um nicht mehr im Betrieb arbeiten zu m\u00fcssen.\u201c</p><p>Das Kapital und die Bosse werden immer das Geld und den Profit \u00fcber das Leben und die Gesundheit der Menschen stellen \u2013 das ist keine neue Einsicht, aber in der jetzigen Situation umso offensichtlicher.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>14. M\u00e4rz:</b></h3><p>Chinesische Hilfe f\u00fcr Italien: Material, Experten und die Arbeitsergebnisse von tausenden \u00c4rzt*innen.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>15. M\u00e4rz:</b></h3><p>In Italien gibt es nach offiziellen Angaben mindestens 20.603 Infizierte, 1.809 Tote, 2.333 Geheilte und 1.672 Personen in Intensiv-Behandlung. Die Weltgesundheitsorganisation WHO erkl\u00e4rt die Corona-Virus-Epidemie zur Pandemie. Sie merkt eine \u201eAlarmierende Unt\u00e4tigkeit der Regierungen\u201c an.</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>16. M\u00e4rz:</b></h3><p>27.980 Infizierte in Italien. In 24 Stunden gibt es 2.470 F\u00e4lle mehr, die Gesamtzahl der Gestorbenen liegt bei 2.158. Die Anzahl der Toten steigt um 349 an nur einem Tag. 7.000 Tote gibt es bereits weltweit. Die EU isoliert sich selbst und schl\u00e4gt die Schlie\u00dfung der Au\u00dfengrenzen vor. In Italien ist Sizilien isoliert. Das Betreten, wie Verlassen der Insel ist verboten.</p><p>Es folgt ein B\u00f6rsencrash. Die Regierung k\u00fcndigt ein weiteres Ma\u00dfnahmenpaket an: D1 \u201eCura Italia\u201c. 25 Milliarden Euro f\u00fcr Unternehmen und Familien. Die Gef\u00e4ngnisse in der Lombardei \u201ekollabieren\u201c. Der Haftrichter bittet Minister Bonafede alle Haftstrafen unter vier Jahren und verringerte Haftstrafen in Hausarrest umzuwandeln, weil die Gef\u00e4ngnisse zu platzen drohen. Das Risiko von Ansteckungen sei sehr hoch und es k\u00f6nnten neue Aufst\u00e4nde ausbrechen.</p><p>Die USA testen den ersten Impfstoff gegen Covid-19 mit einem Meerschweinchen. Die Stadt New York schlie\u00dft Schulen, Bars und Restaurants. In Las Vegas gehen die Lichter in den Casinos aus.</p><p></p><hr/><p></p><p><i>Es handelt sich um die \u00dcbersetzung eines Textes von unterschiedlichen Genoss*innen aus Mailand durch das malaboca-Kollektiv. Viele sind nun auch in den \u201eBrigate Volontarie per l\u2019emergenza\u201c aktiv.</i></p><p></p><hr/><p></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Genoss*innen aus Mailand haben einen Moment innegehalten, um die Anf\u00e4nge zu rekonstruieren und sich selbst und die politische Auseinandersetzung auf den Pr\u00fcfstand zu stellen."}, {"title": "Ein Brief aus Italien", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Ein Brief aus&nbsp;Italien</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"potere al popolo.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/potere_al_popolo.f12e72bd.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">potere al popolo</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Die Verbreitung des Coronavirus konfrontiert uns mit einem bisher noch nie dagewesenen Szenario. Obwohl einige Regierungen, insbesondere die USA, die Ernsthaftigkeit der Bedrohung immer noch untersch\u00e4tzen, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Covid-19 vor einigen Tagen offiziell zur Pandemie erkl\u00e4rt; immer mehr Regierungen beginnen, das Ausma\u00df der Bedrohung zu erkennen.</p><p>Italien ist, was Ansteckung und Tote angeht, das am zweitschlimmsten betroffene Land nach China, mit knapp 27.980 best\u00e4tigten F\u00e4llen und \u00fcber 2.158 Todesf\u00e4llen (Stand 17.3.2020) \u2013 Tendenz steigend. Italien kann somit als Testfall daf\u00fcr angesehen werden, wie das Virus andere L\u00e4nder im Norden der Welt treffen k\u00f6nnte. Die Situation entwickelt sich sehr schnell und sorgt f\u00fcr viel Verwirrung. Wir denken deshalb, es macht Sinn, ein paar kurze \u00dcberlegungen zu einigen Aspekten dieser Krise zu teilen: die staatliche Antwort auf die Verbreitung des Virus; die Ma\u00dfnahmen der Regierung; die sich daraus ergebenden sozialen K\u00e4mpfe; unsere Organisierung unter den sich ver\u00e4nderten und stets ver\u00e4ndernden Umst\u00e4nden.</p><p>Covid-19 ist ein neuer Virus \u2013 die Expert*innen haben sich daher Zeit genommen, \u00fcber die Art und Weise zu entscheiden, an ihn heranzutreten. Die dadurch verursachte Verwirrung, gepaart mit der Geschwindigkeit und Leichtigkeit, mit der ungepr\u00fcfte Informationen in der heutigen Welt verbreitet werden, f\u00fchrt dazu, dass eine F\u00fclle unterschiedlicher und oft widerspr\u00fcchlicher Ratschl\u00e4ge und Analysen angeboten werden. Bis vor einer Woche definierten einige prominente Pers\u00f6nlichkeiten, darunter auch Politiker*innen, die Erkrankung schlicht als eine schwere Grippe, die nur alte Menschen mit bereits bestehenden Krankheiten betrifft. Inzwischen ist jedoch die Ernsthaftigkeit von Covid-19 f\u00fcr jede*n in Italien klar geworden. Covid-19 hat das italienische Gesundheitssystem in die Knie gezwungen.</p><p>Daf\u00fcr gibt es drei Hauptgr\u00fcnde: Erstens, das Virus breitet sich tats\u00e4chlich effektiv und schnell aus; Zweitens, wenn Menschen ernsthaft erkranken, m\u00fcssen sie wochenlang in Intensivstationen gepflegt werden; Drittens, die K\u00fcrzungen und Sparma\u00dfnahmen der letzten Jahrzehnte haben die Kapazit\u00e4t des \u00f6ffentlichen Gesundheitssystems ausgeh\u00f6hlt, das sonst weitaus besser h\u00e4tte auf die Krise antworten k\u00f6nnen. Obwohl das Gesundheitssystem in einigen Regionen des Nordens in vielerlei Hinsicht f\u00fcr europ\u00e4ische Verh\u00e4ltnisse gut ist, hat die Tatsache, dass das System auf regionaler Ebene verwaltet wird, gro\u00dfe landesinterne Unterschiede produziert. Bisher wurde erkannt, dass das einzige wirksame Mittel zur Eind\u00e4mmung der Ansteckung darin besteht, den Kontakt zwischen den Menschen zu begrenzen. Aus diesem Grund haben die betroffenen L\u00e4nder beschlossen, bestimmte Gebiete oder, im Falle Italiens, das ganze Land vor\u00fcbergehend zur Sperrzone zu deklarieren.</p><p>Die unterschiedlichen Reaktionen der Regierungen auf das Virus spiegeln das Gleichgewicht der gesellschaftlichen Kr\u00e4fte innerhalb der jeweiligen L\u00e4nder wider. Im Falle Italiens hat die Regierung einige drastische Ma\u00dfnahmen ergriffen; obwohl schon fr\u00fcher viel mehr h\u00e4tte getan werden k\u00f6nnen und sollen. Insbesondere hat die italienische Regierung versucht, eine Balance zu finden zwischen der wachsenden Bedrohung f\u00fcr die \u00f6ffentliche Gesundheit auf der einen Seite und den Interessen des Kapitals auf der anderen Seite. Dies hat allzu oft zu Regierungsentscheidungen gef\u00fchrt, die zweiterem Vorrang einr\u00e4umen und somit Menschen in Gefahr bringen.</p><h2><b>Italiens Umgang mit der Krise</b></h2><p>Am 4. M\u00e4rz erkl\u00e4rte Italien die Schlie\u00dfung der am st\u00e4rksten betroffenen Gebiete im Norden und verbot unn\u00f6tige Reisen. Die Einzelheiten der Verordnung wurden den Medien zugespielt, bevor die Regierung die M\u00f6glichkeit hatte, sie offizielle anzuk\u00fcndigen. Die f\u00fchrte dazu, dass Hunderte von Menschen in die Bahnh\u00f6fe der St\u00e4dte des Nordens str\u00f6mten, in der Hoffnung, einen Zug zu erwischen, der sie aus den roten Zonen brachte. Viele Menschen reisten in dieser Nacht durch das Land und schm\u00e4lerten somit die Wirkung der Sicherheitsma\u00dfnahmen, da das Virus dadurch m\u00f6glicherweise in neue Regionen gebracht wurde.</p><p>Am 9. M\u00e4rz wurde die Verordnung dann auf das ganze Land ausgedehnt. Alle \u00f6ffentlichen Versammlungen und unn\u00f6tige Reisen sind verboten, Bars m\u00fcssen um 18 Uhr schlie\u00dfen und jede*r, die*der sein Haus verl\u00e4sst, musste ein Formular mit detaillierten Angaben \u00fcber Wohnort, Arbeitsort und weiteren Erkl\u00e4rungen mit sich tragen. Die Schlie\u00dfung von Schulen und Universit\u00e4ten wurde bis zum 3. April verl\u00e4ngert.</p><p>In der Nacht vom 11. M\u00e4rz k\u00fcndigte die Regierung die Schlie\u00dfung aller nicht wesentlichen Gesch\u00e4fte an. Lebensmittelgesch\u00e4fte, Apotheken, Post\u00e4mter, Zeitungsh\u00e4ndler*innen und Tankstellen bleiben jedoch offen. Auf Druck der Confindustria, dem italienischen Unternehmensverband, wurden zudem viele produktive T\u00e4tigkeiten nicht in diese neue Verordnung integriert. Das bedeutet, dass Arbeiter*innen der Industrie, von Call Center, Logistikarbeiter*innen und viele Arbeiter*innen weiterer Sektoren weiterhin t\u00e4glich zur Arbeit fahren m\u00fcssen.</p><p>Diese letzte Verordnung hat zu einer Situation gef\u00fchrt, in der es den Menschen verboten ist, sich auf \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen zu versammeln und auf den Stra\u00dfen zu spazieren (au\u00dfer in Notf\u00e4llen). Die Menschen werden gezwungen, zu Hause zu bleiben \u2013 gleichzeitig ist aber weiterhin ein betr\u00e4chtlicher Teil der Arbeiter*innen noch in Fabriken zusammengepfercht; Menschen, die keine lebensnotwendigen G\u00fcter herstellen oder keine lebensnotwendigen Dienstleistungen anbieten.</p><p>Seit der Einf\u00fchrung dieser Verordnung gab es in vielen Lagerh\u00e4usern und Fabriken zahlreiche Meldungen von Verst\u00f6\u00dfen gegen den gesundheitlichen Schutz der Arbeiter*innen. Am 9. M\u00e4rz traten die Besch\u00e4ftigten der FIAT-Fabrik im s\u00fcditalienischen Pomigliano d&#x27;Arco bei Neapel in einen wilden Streik, um gegen die fehlenden Sicherheitsma\u00dfnahmen zu protestieren. Die Logistikarbeiter*innen eines Lagers des Unternehmens Bartolini in Caorso bei Piacenza im Norden und diejenigen eines TNT-Lagerhaus in Caserta (S\u00fcden) taten dasselbe. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Briefes gehen st\u00fcndlich Berichte \u00fcber Streiks ein, die gro\u00dfe Produktionsst\u00e4tten im ganzen Land betreffen (weitere Einzelheiten sind <a href=\"https://poterealpopolo.org/coronavirus-sciopero-ovunque/\">hier</a> auf italienisch und <a href=\"https://revoltmag.org/articles/arbeiten-zeiten-des-coronavirus/\">hier</a> auf deutsch zu finden). Die gr\u00f6\u00dfte Basisgewerkschaft USB hat zu einem 32-st\u00fcndigen Streik in allen nicht wesentlichen Sektoren aufgerufen, die gro\u00dfen Gewerkschaftsb\u00fcnde hingegen haben mit der Regierung und der Vertreter*innen der Unternehmen ein gemeinsames Protokoll unterzeichnet, welches jedoch in keiner Weise den Forderungen nach gesundheitlichem und sozialem Schutz der k\u00e4mpfenden Belegschaften entspricht.</p><p>In diesen letzten Wochen wurden auch die italienischen Gef\u00e4ngnisse zum Brennpunkt sozialer Proteste. Das italienische Gef\u00e4ngnissystem befindet sich seit langem in eine Krise: Veraltete Einrichtungen und eine massive \u00dcberbelegung bedeuten, dass Italiens Gef\u00e4ngnisse st\u00e4ndig gegen die geltenden Gesetze, Vorschriften und oft auch fundamentalen Menschenrechten versto\u00dfen. Unter diesen Bedingungen l\u00f6sten die staatlichen Restriktionen (unter anderem Besuchsverbot, Begrenzung der Anrufe an Familien und der Arbeitserlaubnis bis zum 31. Mai) landesweit Aufst\u00e4nde in den Gef\u00e4ngnissen aus. Vierzehn Menschen sind w\u00e4hrend dieser Revolten unter noch unklaren Umst\u00e4nden gestorben. Es wurde berichtet, dass ein W\u00e4rter in Vicenza positiv auf Covid-19 getestet wurde, und Familien berichteten von der Angst der H\u00e4ftlinge, die nur begrenzten Zugang zu Informationen und Beratung haben. Wenn \u201eder Grad der Zivilisation in einer Gesellschaft durch das Betreten ihrer Gef\u00e4ngnisse beurteilt werden kann\u201c (Dostojewski), dann geht es Italien nicht gut.</p><p>Die Regierung hat nun ein weiteres Paket von wirtschaftlichen Ma\u00dfnahmen ank\u00fcndigt. Es hei\u00dft, dies sieht die Unterbrechung der Zahlung von Hypotheken und die Ausweitung der Zahlung von Erwerbslosengelder vor. Es bleibt aber noch unklar, ob Ma\u00dfnahmen f\u00fcr Selbst\u00e4ndige, Arbeiter*innen mit Null-Stunden-Vertr\u00e4gen oder f\u00fcr diejenigen im informellen Sektor darin Platz finden. Die Regierung hat als Reaktion auf das Covid-19 25 Milliarden Euro f\u00fcr au\u00dferordentliche \u00f6konomische Ma\u00dfnahmen gesprochen, doch angesichts der Tatsache, dass Italiens Wirtschaft am Rande des Zusammenbruchs steht, ist es schwer vorstellbar, dass eine solche Summe eine signifikante Wirkung zeigen wird. Die EU hatte in ihrem Vorgehen Flexibilit\u00e4t gezeigt, doch schon am 12. M\u00e4rz zog sich die Europ\u00e4ische Zentralbank von einer weiteren Unterst\u00fctzung zur\u00fcck und lie\u00df die italienischen Anleiherenditen in die H\u00f6he schnellen. Die Weltwirtschaft steuert auf eine schwere Rezession zu, Italien wird es wohl st\u00e4rker als die meisten anderen L\u00e4nder treffen.</p><h2><b>Coronavirus und Mutualismus: Wie k\u00f6nnen wir uns gegenseitig unterst\u00fctzen?</b></h2><p>Wenn eine Krise eine von Ungleichheit gepr\u00e4gten Gesellschaft trifft, sind es immer die Schwachen, die am meisten darunter leiden: \u00e4ltere Menschen, Arbeiter*innen, Migrant*innen, Frauen, Menschen mit bereits bestehenden Krankheiten. Als <i>Potere al Popolo</i> versuchen wir, die Isolation jeder und jedes einzelnen zu durchbrechen und Beziehungen der gegenseitigen Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t zwischen den Menschen und <i>Communities</i> aufzubauen. In vielen St\u00e4dten haben wir ein System gegenseitiger Hilfe f\u00fcr Menschen eingerichtet, die Unterst\u00fctzung bei der t\u00e4glichen Arbeit ben\u00f6tigen, etwa beim Einkaufen von Produkten des t\u00e4glichen Bedarfs (unter sicheren Bedingungen).</p><p>Wir haben auch ein <i>rotes Telefon</i> eingerichtet, eine nationale Hotline also, um den von der Krise betroffenen Arbeiter*innen Beratungen unterschiedlichster Art zu bieten. Das rote Telefon wurde vor einigen Tagen aufgeschaltet, aber bereits am ersten Tag haben wir rund 70 Anrufe von Arbeiter*innen erhalten; von Arbeiter*innen, die gezwungen sind, unter unsicheren Bedingungen zu arbeiten, entlassen wurden oder im informellen Sektor arbeiten und daher riskieren, von den angek\u00fcndigten Krisenma\u00dfnahmen der Regierung ausgeschlossen zu werden. Mit den aus diesen Anrufen gesammelten Informationen k\u00f6nnen wir planen, welche Ma\u00dfnahmen wir als Organisation ergreifen m\u00fcssen und Forderungen an die Unternehmen und die Regierung formulieren. Alle Anrufe an das rote Telefon werden zun\u00e4chst von einer kleinen Gruppe aktivistischer Jurist*innen entgegengenommen; anschlie\u00dfend werden die Arbeiter*innen mit den Aktivist*innen vor Ort zur weiteren Unterst\u00fctzung in Kontakt gesetzt.</p><p>Bislang haben wir drei Schl\u00fcsselbereiche f\u00fcr die Intervention der gegenseitigen Hilfe identifiziert. Der erste Bereich ist der Logistiksektor: Wir sind mit Lagerarbeiter*innen von Amazon in Kontakt gekommen, die uns erkl\u00e4rt haben, dass sie aufgrund der gestiegenen Nachfrage mehr (dies ist der Tatsache geschuldet, dass die Menschen gezwungen sind, zu Hause zu bleiben und daher mehr Zeit f\u00fcr den Konsum haben) und unter Bedingungen arbeiten m\u00fcssen, die nicht den vorgeschriebenen Sicherheitsma\u00dfnahmen entsprechen. Der zweite Bereich sind die Call Center: diese Unternehmen haben sich geweigert, den Arbeiter*innen Heimarbeit zu gestatten, da die Kosten f\u00fcr die Anschaffung der notwendigen Technologie zu hoch seien; und so bleiben die Arbeiter*innen weiterhin in engen B\u00fcros zusammengepfercht. In beiden F\u00e4llen haben Anw\u00e4lt*innen eine formelle Meldung an die betreffenden Unternehmen geschickt und gefordert, dass die Sicherheitsma\u00dfnahmen umgesetzt werden und alle Arbeiter*innen vom Zwang zu \u00dcberstunden befreit werden.</p><p>Der dritte Bereich betrifft die Saisonarbeiter*innen. In Italien gibt es eine gro\u00dfe Zahl von Saisonarbeiter*innen, insbesondere in der Landwirtschaft und im Tourismus, aber auch in den Fabriken. Saisonarbeit ist eine Form der unsicheren und prek\u00e4ren Arbeit, weil die Unternehmen nicht verpflichtet sind, am Ende einer Saison und bei Vertragsende wieder die gleichen Arbeiter*innen anzustellen. Ihnen ist jedoch der Zugang zu Arbeitslosengeld garantiert (nicht alle Arbeiter*innen haben das Recht auf Arbeitslosengeld in Italien). Wir haben die Regierung und das Ministerium f\u00fcr soziale Sicherheit mit der Forderung angeschrieben, dass Saisonarbeiter*innen, die aufgrund der Krise in diesem Jahr nicht wieder eingestellt werden, f\u00fcr die gesamte Dauer dieser verl\u00e4ngerten Arbeitslosigkeit Leistungen gew\u00e4hrt werden.</p><p>Abgesehen von diesen drei konkreten F\u00e4llen, die Beispiele f\u00fcr die m\u00f6gliche Umsetzung unmittelbarer Ma\u00dfnahmen sind, fordern wir die Regierung auf, die Geh\u00e4lter aller betroffenen Arbeiter*innen zu garantieren, einschlie\u00dflich der selbst\u00e4ndig Arbeitenden, derjenigen, die ohne g\u00fcltigen Vertrag arbeiten und Arbeiter*innen der Gig-Economy. Wir fordern, dass jede*r, die*der seine Arbeit verloren hat, Arbeitslosenunterst\u00fctzung erh\u00e4lt und dass jede*r, die*der nicht in der Lage ist, die Miete, die Hypothek oder Rechnungen zu bezahlen, ein Zahlungserlass gew\u00e4hrt wird.</p><p>Wir fordern zudem, dass die Produktion von nicht lebensnotwendigen G\u00fctern eingestellt werden und den Arbeiter*innen die Lohnfortzahlung garantiert wird.</p><p>Schlie\u00dflich fordern wir, dass der Staat massiv in das Gesundheitssystem investiert, mehr Gesundheitsarbeiter*innen mit unbefristeten Vertr\u00e4gen einstellt und die Produktion von Medikamenten und Gesundheitsger\u00e4ten unter \u00f6ffentliche Kontrolle bringt. Wir fordern, dass die Regierung den Sparkurs umkehrt und den Europ\u00e4ischen Fiskalpakt aufhebt. Italien steht nun vor einer schweren Wirtschaftskrise; nur ein vollst\u00e4ndiger Paradigmenwechsel mit enormen staatlichen Investitionen in die Wirtschaft und in \u00f6ffentliche Dienste und die Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen wird uns vor den schlimmsten Konsequenzen dieser Katastrophe bewahren.</p><hr/><p><i>Der Brief der Genoss*innen erschien zuerst auf der</i> <a href=\"https://poterealpopolo.org/brief-aus-italien-in-zeiten-des-coronavirus/\"><i>Webseite</i></a><i> von von Potere Al Popolo. Er wurde auch in weitere Sprachen \u00fcbersetzt. Wir haben den Text endredaktionell bearbeitet und aktualisiert.</i></p><p>\u00dcbersetzung: Mauricio Coppola und Evrim Mu\u015ftu.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/ein-brief-aus-italien/", "id": "https://revoltmag.org/articles/ein-brief-aus-italien/", "author": {"name": "Potere al Popolo", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-03-17T17:07:26.354357+00:00", "date_modified": "2020-03-17T17:12:55.117304+00:00", "tags": ["re:port", "italien", "potere al popolo", "wirtschaftskrise", "corona", "krise", "pandemie"], "summary": "In Zeiten des Coronavirus setzen wir wieder auf Brieffreundschaften \u2013 und zwar am besten international: Die Genoss*innen von Potere al Popolo \u00fcber praktische Solidarit\u00e4t und gegenseitige Hilfe in Krisenzeiten."}, {"title": "Arbeiten in Zeiten des Coronavirus", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Arbeiten in Zeiten des&nbsp;Coronavirus</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Die Basisgewerkschaft USB\" height=\"420\" src=\"/media/images/italien-gewerkschaft_C6S8uwS.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Seit dem Ausbruch der Covid-19 Pandemie hat die italienische Regierung in den letzten 20 Tagen fast <a href=\"https://www.ilsole24ore.com/art/coronavirus-provvedimenti-pioggia-media-al-giorno-ADjpVHC\">t\u00e4glich eine Verordnung</a> erlassen. Diese Dekrete f\u00fchren \u201edringliche Ma\u00dfnahmen zum Schutz gegen die Ansteckung auf das ganze nationale Gebiet\u201c ein. In der Verordnung vom 5. M\u00e4rz wurde zuerst einmal die Region Lombardei und weitere 14 Provinzen Norditaliens zur \u201eroten Zone\u201c deklariert, in denen die \u00fcber 16 Millionen wohnhaften Menschen nur noch f\u00fcr die Arbeit und f\u00fcr den Einkauf ihr Haus verlassen durften. Am 9. M\u00e4rz wurde der Ausnahmezustand in ganz Italien ausgerufen und die Sperrzone auf alle 21 Regionen ausgeweitet. Tats\u00e4chlich sind seither alle Schulen Italiens geschlossen, in vielen St\u00e4dten schlie\u00dfen zahlreiche L\u00e4den schon um 18 Uhr. Doch zahlreich sind die gemeldeten Verst\u00f6\u00dfe gegen die Ma\u00dfnahmen: Die n\u00f6tige Sicherheitsdistanz von einem Meter zwischen den Personen wurde nicht respektiert, einige Bars blieben bis nach 18 Uhr ge\u00f6ffnet und viele Jugendlichen versammelten sich in hoher Zahl auf den Stra\u00dfen.</p><p>Angesichts dieser Tatsache trat am 11. M\u00e4rz Premierminister Giuseppe Conte erneut vor die Medien und k\u00fcndigte eine weitere Versch\u00e4rfung der Ma\u00dfnahmen an. In der Ansprache sagte er kurz und pr\u00e4gnant: \u201eAlle \u00f6konomischen Aktivit\u00e4ten und Gesch\u00e4fte bleiben vor\u00fcbergehend und mindestens bis zum 25. M\u00e4rz geschlossen, mit Ausnahme von Lebensmittell\u00e4den und Apotheken. Somit garantieren wir weiterhin den Zugang zu den lebensnotwendigen Produkten.\u201c <a href=\"https://jacobinitalia.it/tutti-a-casa-tranne-gli-operai/\"><i>Tutti a casa</i></a><i> \u2013</i> alle zu Hause bleiben, hei\u00dft es also. Ist das der Weg, um der Verbreitung des Virus endlich einen Riegel vorzuschieben? Und k\u00f6nnen auch wirklich alle zu Hause bleiben?</p><h2><b>Alle zu Hause, au\u00dfer die Arbeiter*innen</b></h2><p>Eine genauere Analyse des letzten <a href=\"http://www.governo.it/it/articolo/coronavirus-conte-firma-il-dpcm-11-marzo-2020/14299\">Verordnungstextes</a> zeigt indes, dass nicht nur Lebensmittell\u00e4den und Apotheken offen bleiben, sondern praktisch der komplette Produktionsapparat des Landes weiter funktionieren soll. Ausgeschlossen bleiben nur der Detailverkauf, die Gastronomie (etwa Bars, Pubs, Restaurants, Eisst\u00e4nde, Konditoreien) und die personenbezogenen Dienstleistungen (darunter fallen Friseur*innen, Barbier, Kosmetiker*innen). Weitergearbeitet werden soll \u201emit Respekt der Hygienevorschriften\u201c (selbstverst\u00e4ndlich!) in der Essenslieferung, in den Banken und Finanzinstituten, bei den Versicherungen und der Post sowie auch in der Landwirtschaft, der Viehzucht und der ganzen Produktionskette von Lebensmitteln (von der Verarbeitung von Agrarprodukten, bis zu den Waren- und Dienstleistungszulieferern des Sektors).</p><p>Was die produktiven Aktivit\u00e4ten betrifft, empfiehlt die italienische Regierung die Anwendung von Hausarbeit, die Vorverlegung von Urlaub (was einem Zwang zum Urlaub und daher zur Arbeit in Urlaubszeit gleichkommt!), den R\u00fcckgriff auf die in den Tarifvertr\u00e4gen vorgesehenen sozialen Ma\u00dfnahmen (schwammig genug!) und die Einf\u00fchrung von Ma\u00dfnahmen zum Gesundheitsschutz (fixer Arbeitsplatz, Verteilung von Atemschutzmasken und Handschuhen, regelm\u00e4\u00dfige Reinigung und Desinfektion des Arbeitsortes und so weiter). Es bleibt aber bei Empfehlungen, es sind keine Anordnungen.</p><h2><b>Die produktive Kontinuit\u00e4t sichern</b></h2><p>Mit dieser dringlichen Verordnung versucht die italienische Regierung einen unm\u00f6glichen Balanceakt: Auf der einen Seite geht es darum, die Bewegungsfreiheit der Menschen massiv zu beschr\u00e4nken, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen; auf der anderen Seite hingegen darum, den Bed\u00fcrfnissen der sich schon vor dem Ausbruch des Virus in eine Krise zusteuernden Unternehmen nachzukommen. Diese hatten sich in den letzten Tagen sehr oft zum Einfluss des Coronavirus auf den <a href=\"https://www.oecd-ilibrary.org/docserver/7969896b-en.pdf?expires=1584052604&amp;id=id&amp;accname=guest&amp;checksum=EF8A0B9A28FEA179B0ECEBD2438A652B\">Gang der Wirtschaft</a> ge\u00e4u\u00dfert und stets die Weiterf\u00fchrung der Produktion gefordert, trotz <a href=\"http://www.protezionecivile.gov.it/media-comunicazione/comunicati-stampa/dettaglio/-/asset_publisher/default/content/coronavirus-sono-12-839-i-positivi\">exponentiellem Anstieg</a> der vom Virus betroffenen F\u00e4lle. \u201eSelbstregulierung und produktive Kontinuit\u00e4t ist die vom Unternehmensverband Confindustria empfohlene Weg\u201c ist in ihrer Zeitung <i>Il Sole 24 Ore</i> zu lesen. Im Namen der Wettbewerbsf\u00e4higkeit sei es \u201eunerl\u00e4sslich, die Betriebe offen zu halten und der produktiven Aktivit\u00e4t und dem freien Warenverkehr Kontinuit\u00e4t zu geben. Die Produktionsketten heute zu unterbrechen w\u00fcrde bedeuten, Marktanteile zu verlieren und exportorientierte Betriebe zu schlie\u00dfen.\u201c Dies wiederum sei, so die Kommentatorin der Zeitung, Nicoletta Picchio, \u201eein Signal fehlender produktiver F\u00e4higkeit f\u00fcr das Ausland, die kurzfristig kaum aufzuholen ist. Der Produktionsunterbruch w\u00e4re ein schlimmer Fehler, das w\u00fcrde unser Tod bedeuten.\u201c Sie sieht die Geier schon \u00fcber ihnen kreisen: \u201eUnsere Konkurrenten greifen uns an, sie sind bereit, diese Momente der Schw\u00e4che auszunutzen.\u201c <b>[1]</b></p><h2><b>Arbeit statt Gesundheit?</b></h2><p>In Italien wird also weiter produziert. Wie sieht es nun aber derzeit in den \u201everborgenen St\u00e4tten der Produktion\u201c aus? Eine besondere Aufmerksamkeit gilt zun\u00e4chst einmal den Gesundheitsarbeiter*innen. Seit dem Ausbruch des Virus werden in TV und Presse ihre \u201eHeld*innengeschichten\u201c tagt\u00e4glich erz\u00e4hlt: Arbeitstage von bis zu 18 Stunden, keine Ruhetage, konstant den Gefahren der Ansteckung ausgesetzt. Doch die Gesundheitsarbeiter*innen selbst lehnen diese Held*innengeschichten ab. Sie sagen, es gehe nicht darum, die individuelle Anstrengung der einzelnen Arbeiter*innen hervorzuheben, sondern auf die systemischen M\u00e4ngel des italienischen Gesundheitssystems \u2013 <a href=\"https://www.gimbe.org/pagine/1229/it/report-72019-il-definanziamento-20102019-del-ssn\">Unterfinanzierung und Umstrukturierung</a> \u2013 hinzuweisen, die dazu f\u00fchrten, dass in Zeiten des Ausnahmezustandes die Gesundheitsarbeiter*innen fast \u00fcbermenschliche Anstrengungen an den Tag legen m\u00fcssen. Sie berichten auch davon, dass es konstant an individuellen Schutzvorkehrungen [sogenannte \u201edpi\u201c, <i>dispositivi di protezione individuale</i>] mangelt, dass die Intensivstationen total \u00fcberbelegt sind und somit andere Krankenhausbereiche auf Kosten anderer Patient*innen zu Intensivstationen umgewandelt werden m\u00fcssen, dass st\u00e4ndig \u00c4rzt*innen und Pfleger*innen fehlen, so dass in einigen F\u00e4llen <a href=\"https://espresso.repubblica.it/attualita/2020/03/11/news/coronavirus-reclutati-gli-studenti-infermieri-siamo-senza-protezioni-tutele-assicurazione-1.345488?ref=HEF_RULLO\">Medizinstudierende rekrutiert</a> werden, um diese L\u00fccken zu f\u00fcllen und so weiter.</p><p>Die Prekarisierung des Arbeitsalltages betrifft jedoch nicht nur Gesundheitsarbeiter*innen in den Krankenh\u00e4usern. Confindustria behauptet zwar, dass \u201eFabriken zurzeit die sichersten Orte sind, weil Pr\u00e4ventivma\u00dfnahmen getroffen wurden\u201c, doch die Arbeiter*innen sehen das anders <b>[2]</b>: \u201e<a href=\"https://www.la7.it/laria-che-tira/video/coronavirus-lo-sfogo-degli-operai-per-conte-il-virus-si-ferma-davanti-ai-cancelli-delle-fabbriche-si-12-03-2020-312852?fbclid=IwAR2h9ObV6diKkDvONAhF1_3b41XSLdK0S4_8zkE_cCqIV3_Z_R6MLzjbBM8\">Der Coronavirus macht nicht vor den Fabriktoren halt</a>\u201c, bringt es eine Arbeiterin auf den Punkt. In vielen Sektoren der Produktion ist die Arbeit trotz Lahmlegung des restlichen Landes intensiviert worden. In gewissen Betrieben der Logistikbranche stiegen die Auftragszahlen massiv, wie beispielsweise bei Amazon. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass die Menschen gezwungen sind, zu Hause zu bleiben und daher mehr Zeit f\u00fcr den Konsum haben. Amazon h\u00e4lt sich jedoch weder an die Betriebshygiene, noch hat der Konzern den Arbeiter*innen individuelle Schutzvorkehrungen garantiert. Erst nachdem <a href=\"http://www.ansa.it/piemonte/notizie/2020/03/11/coronavirus-positivo-dipendente-amazon-in-piemonte_55d8c86c-ed14-4e8f-a009-95c021eff37a.html\">ein Fall von Coronavirus im Lager von Torrazza Piemonte</a> aufgedeckt wurde, wurde der Betrieb gereinigt und desinfiziert und einige Arbeiter*innen in Quarant\u00e4ne gestellt.</p><p>Auch in vielen Call Center wird mehr gearbeitet als zuvor, vor allem in Betrieben, die Auftr\u00e4ge von \u00f6ffentlichen Institutionen \u00fcbernommen haben und w\u00e4hrend diesen Zeiten zus\u00e4tzliche Hotline-Dienste anbieten. In einem Call Center in Napoli wurden einige Ma\u00dfnahmen getroffen (die Zuweisung eines fixen Computers, Sicherheitsdistanz von einem Meter), andere hingegen nicht (fehlende Seife und Desinfektionsmittel in den WCs). Manche Ma\u00dfnahmen grenzen ans Absurde, wie beispielsweise die Aufforderung, Kaffeeautomaten auszuschalten, um \u201eunn\u00f6tige Menschenansammlungen zu vermeiden.\u201c Die Betriebsleitung des Call Center lehnt weiterhin den Vorschlag der Hausarbeit ab; die Arbeiter*innen sind aufgrund der zus\u00e4tzlichen Dienste hingegen gezwungen, \u00dcberstunden zu leisten.</p><p>Kaum eine Stimme haben diejenigen, die ohne Vertrag, irregul\u00e4r und daher ohne Sozialversicherungsschutz arbeiten: Care-Arbeiter*innen m\u00fcssen aus Angst vor einer Ansteckung zu Hause bleiben, vor allem diejenigen, die mit alten Menschen arbeiten; (Schein-)Selbst\u00e4ndige sind nicht erwerbslosenversichert und riskieren nun einen l\u00e4ngeren Lohnausfall, falls <i>smart working</i> nicht umsetzbar ist; junge Arbeiter*innen ohne Vertrag, die in Bars, Restaurants oder anderen \u201eZuliefererbetrieben\u201c des Tourismus (vor allem in den St\u00e4dten) t\u00e4tig sind, wurden aufgrund der Verordnung von einem Tag auf den anderen entlassen und sind nun ohne Job. F\u00fcr diese Sektoren sehen die Verordnungen der Regierung bis heute keine L\u00f6sungen vor.</p><h2><b>Widerstand formiert sich</b></h2><p>Immer mehr Arbeiter*innen akzeptieren diese mangelnden gesundheitlichen und sozialen Sicherheitsvorkehrungen jedoch nicht und beginnen zu streiken. Zahlreich sind die Beispiele der landesweiten Arbeitsniederlegungen, vor allem in der <a href=\"https://contropiano.org/news/politica-news/2020/03/11/bartolini-fca-ikea-scioperi-spontanei-la-sicurezza-prima-del-profitto-0125077\">Logistikbranche</a> und in den <a href=\"https://torino.repubblica.it/cronaca/2020/03/12/news/scioperi_spontanei_in_piemonte_contro_le_fabbriche_aperte_regole_di_sicurezza_non_rispettate_-251052173/\">Regionen</a>, in denen der Virus schon weit verbreitet ist. In einigen F\u00e4llen geht es aber auch um weit mehr als um Gesundheitsschutz. Die <a href=\"https://twitter.com/Mau_Ri_83/status/1238085207338729472?s=20\">Arbeiter*innen der Luxuskleiderfabrik Corneliani in Mantova</a> fordern nicht nur die Einhaltung jeglicher Schutzma\u00dfnahmen in der Produktion, sondern auch die vor\u00fcbergehende Schlie\u00dfung der Produktion von nicht lebensnotwendigen G\u00fctern. Dem Interesse der Confindustria, die Produktion um jeden Preis \u2013 vor allem um den der Gesundheit der Arbeiter*innen \u2013 weiterzuf\u00fchren, setzen die spontanen Proteste der Arbeiter*innen eine Grenze.</p><p>Von den gro\u00dfen Gewerkschaftsverb\u00e4nden CGIL, CISL und UIL ist in diesen Tagen indes weit weniger zu h\u00f6ren als vom Unternehmensverband. Die drei Maschinen- und Metallindustriegewerkschaften Fiom, Fim und Uilm rennen den Protesten der Arbeiter*innen regelrecht hinterher und verlangen die <a href=\"https://www.fiom-cgil.it/net/index.php/comunicazione/stampa-e-relazioni-esterne/7328-le-fabbriche-si-fermino-fino-a-domenica-22-marzo-per-applicare-le-misure-sanitarie-di-contrasto-al-covid-19\">Schlie\u00dfung der Fabriken</a> bis zum 22. M\u00e4rz, \u201eum alle Arbeitspl\u00e4tze zu sanieren, zu sichern und neu zu organisieren.\u201c Die Basisgewerkschaften fordern hingegen mehr: Die USB ruft zu einem <a href=\"https://www.usb.it/leggi-notizia/coronavirus-usb-proclama-32-ore-di-sciopero-nei-settori-industriali-non-essenziali-fermare-le-fabbriche-garantire-la-salute-e-il-salario-1232.html\">32-st\u00fcndigen Streik</a> auf und fordert die \u201evor\u00fcbergehende Unterbrechung aller industriellen Aktivit\u00e4ten, mit Ausnahme derjenigen, die eng mit dem Kampf gegen die Pandemie verbunden sind.\u201c Der SI Cobas schlie\u00dflich ruft zu <a href=\"http://sicobas.org/2020/03/11/italia-stato-di-agitazione-nazionale-su-tutte-le-categorie-coronavirus-situazione-insostenibile-in-migliaia-di-aziende/\">sofortigen italienweiten Mobilisierungen und Arbeitsniederlegungen</a> in allen Kategorien aus und fordert die Einberufung eines Verhandlungstisches mit der Regierung und dem Arbeitsministeriums.</p><p>Die Krise des Coronavirus hat also den Interessenskonflikt zwischen Profitmaximierung seitens der Unternehmen und dem Gesundheitsschutz und der Jobgarantie seitens der Arbeiter*innen entbl\u00f6\u00dft und versch\u00e4rft. Der Gang der Arbeitsproteste bleibt offen, sicher ist nur eines: Die Arbeiter*innen haben es satt, die Krise sowohl mit ihrer Gesundheit als auch mit der Arbeitsplatzsicherheit und dem sozialen Schutz bezahlen zu m\u00fcssen. Es ist anzunehmen, dass die Arbeitskonflikte den Coronavirus bei weitem \u00fcberleben werden.</p><hr/><h2><b>Anmerkungen:</b></h2><p><b>[1]</b> Nicoletta Picchio, Imprese decisiva la continuit\u00e0 aziendale, ilsole24ore 12.03.2020, S.2.</p><p><b>[2]</b> Die aufgef\u00fchrten Beispiele von Prekarisierung und Arbeitsniederlegung sind einerseits den <a href=\"https://www.ilsole24ore.com/art/da-fincantieri-ad-amazon-stabilimenti-parte-protesta-la-sicurezza-ADl3DrC\">Berichterstattungen von Tageszeitungen</a> und Gewerkschaften entnommen, andererseits handelt es sich um Dokumentationen des <a href=\"https://poterealpopolo.org/il-coronavirus-non-contagi-i-diritti-dei-lavoratori-parte-la-nostra-assistenza-telefonica/\"><i>Roten Telefons</i> von <i>Potere al Popolo</i></a>, einem mit dem Ausbruch des Coronavirus aufgeschalteten Service. Das Rote Telefon ist eine Hotline, auf die Arbeiter*innen anrufen k\u00f6nnen, um Verst\u00f6\u00dfe und fehlende Schutzma\u00dfnahmen am Arbeitsplatz zu melden. Arbeitsrechtler*innen und Aktivist*innen von Potere al Popolo informieren dar\u00fcber, was ein Unternehmen gesetzlich tun muss und wie die Arbeiter*innen sich organisieren und handeln k\u00f6nnen. Bisher wurden hunderte von F\u00e4llen dokumentiert.</p><p><b>Titelbild</b>: Die Basisgewerkschaft USB protestiert vor dem Ministerium f\u00fcr \u00f6konomische Entwicklung.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"rotes telefon.jpeg\" height=\"1200\" src=\"/media/images/rotes_telefon.original.jpg\" width=\"1200\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Das rote Telefon von Potere al Popolo</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Die beginnen sich nun zu wehren."}, {"title": "Das Alte im neuen Gewand", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Das Alte im neuen&nbsp;Gewand</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Italien: Demonstration Prima La Persone\" height=\"420\" src=\"/media/images/Italien.b171ed27.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Am ersten M\u00e4rzwochenende gab es zwei Ereignisse in Italien, die manche Zeitungskommentator*innen, auch auf dem internationalen Parkett, dazu veranlassten, auf die Wiedergeburt einer \u201elinken Alternative\u201c in Italien zu hoffen: Am Samstag, den 2. M\u00e4rz, gingen in Mailand rund 250.000 Menschen unter dem Slogan \u201ePeople \u2013 Prima Le Persone\u201c (\u00fcbersetzt: die Menschen zuerst) auf die Stra\u00dfe. Die Demonstration war zusammengesetzt aus unterschiedlichen Akteur*innen der Zivilgesellschaft: Nichtregierungs- und Menschenrechtsorganisationen wie Emergency und Amnesty International, antirassistische Kollektive und Gewerkschaften, kirchliche Hilfsorganisationen und politische Parteien. Aufgerufen zur Demonstration hatte eine breite Koalition, unter anderem auch Giuseppe Sala, der B\u00fcrgermeister von Mailand. Er ist einer der \u201erebellischen B\u00fcrgermeister\u201c, die zivilen Ungehorsam gegen die Politik und das neue Sicherheitsgesetz von Innenminister Matteo Salvini angek\u00fcndigt hatten.</p><h2><b>Gegenwind von rechts oben</b></h2><p>Die F\u00fchrungsriege der Regierungsparteien z\u00f6gerte keinen Augenblick, \u00f6ffentlich Stellung zu nehmen. Der Begr\u00fcnder der 5-Sterne-Bewegung Beppe Grillo <a href=\"https://www.repubblica.it/politica/2019/03/03/news/grillo_contro_manifestazione_anti_razzismo-220584524/?ref=RHPPBT-BH-I0-C6-P13-S1.6-T1&amp;fbclid=IwAR2IkmQpTDO-t1X0XeF_CM4R0fBZ-sdeMJd_lkcvOk8W5JztQZDWlDvYVJ0\">war sich nicht zu schade</a>, den Rassismus als \u201eein falsches Problem\u201c darzustellen; es handele es sich \u201eum ein medial aufgebl\u00e4htes Ph\u00e4nomen\u201c. Seine Aussagen sind als Versuch zu sehen, die politische Bedeutung der Mobilisierung zu schm\u00e4lern, ungeachtet der Tatsache, dass sich laut offiziellen Statistiken die rassistischen \u00dcbergriffe innerhalb eines Jahres <a href=\"https://rep.repubblica.it/pwa/generale/2019/02/21/news/violenze_triplicate_in_un_anno_ora_in_italia_e_allarme_razzismo-219766468/?ref=RHPPLF-BH-I0-C8-P5-S1.8-T1\">verdreifacht</a> haben. Auch Innenminister und Lega-Chef Salvini versuchte, die Demonstration <a href=\"https://milano.repubblica.it/cronaca/2019/03/02/news/milano_people_manifestazione_antirazzista-220499865/?ref=RHPPBT-BH-I0-C12-P15-S1.8-T1&amp;fbclid=IwAR1GPhRUCV0b4ecLQX-nASejs16RZ5K26yD7ePbWuJ1G48edCOr842OtHYw\">zu delegitimieren</a>: \u201eEine wahre Botschaft an die Regierung geben die Italiener mit ihrer Stimme, indem sie mir, der Lega und der Regierung von Monat zu Monat und von Wahl zu Wahl das Vertrauen erneuern.\u201c Er spielte darauf an, dass seit einem Jahr die Lega auch bei den Regional- und Kommunalwahlen massiv zulegt und \u00fcberall die Regierung stellt, wie dies j\u00fcngst in den Regionen Abruzzen und Sardinien geschehen ist.</p><p>In diesem Kontext ist aber auch breite Teilnahme von Vertreter*innen der Mitte-Links-Parteien wie des <i>Partio Democratico</i> (PD) an der Demonstration zu sehen. Sie kam nicht von ungef\u00e4hr: Tags darauf, am Sonntag, den 3. M\u00e4rz, fanden die Vorwahlen beim PD statt. Diese Wahlen haben den neuen Leader gekr\u00f6nt, welcher die Partei durch die Europa-Wahlen f\u00fchren wird. Die drei Kandidaten Nicola Zingaretti, Maurizio Martina und Roberto Giachetti lie\u00dfen sich w\u00e4hrend der Demonstration dann auch gleich hinter dem Fronttransparent ablichten. Zingaretti (aktueller Pr\u00e4sident der Region Lazio) gewann mit 70 Prozent der 1,8 Millionen Stimmen haushoch \u2013 insgesamt war eine \u00fcberraschend hohe Teilnahme im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen, wo sich nur rund eine Million Menschen beteiligten. Zingaretti <a href=\"https://www.repubblica.it/politica/2019/03/03/news/grillo_contro_manifestazione_anti_razzismo-220584524/?ref=RHPPBT-BH-I0-C6-P13-S1.6-T1&amp;fbclid=IwAR2IkmQpTDO-t1X0XeF_CM4R0fBZ-sdeMJd_lkcvOk8W5JztQZDWlDvYVJ0\">bezog sich</a> auf die Demonstration am Vortag:</p><p><i>\u201eWir brauchen die Menschen und wir m\u00fcssen zu den Menschen zur\u00fcckkehren. Von hier aus m\u00fcssen wir die Linke neu aufbauen: inmitten der Menschen und nicht mit den Schemen der Politiker. Die aktuelle Regierung kann weder Arbeit noch Entwicklung und Wohlstand gew\u00e4hrleisten, sie generiert nur Hass, Verbitterung und Spaltung. Wir wollen ein anderes Italien.\u201c</i></p><p>Wieso werden diese zwei Ereignisse \u2013 Demonstration und Vorwahl \u2013 als Momente der Wiedergeburt einer \u201elinken Alternative\u201c gesehen? Wie h\u00e4ngen sie zusammen? Seit L\u00e4ngerem gab es keine so gro\u00dfe Mobilisierung mehr in Italien. Es handelt sich um eine starke Antwort auf das seit einem Jahr andauernde rechtskonservative Krisenmanagement der Regierung Salvini-Di Maio, auf den allt\u00e4glichen Rassismus und auf den dadurch hervorgebrachten Krieg der Armen gegen die Armen. Am Samstag wurde auf den Stra\u00dfen ein Zeichen der Menschlichkeit gesetzt und gegen die ausufernde Barbarei Stellung bezogen.</p><p>Doch trotz Farbenvielfalt und hoher Beteiligung haben sich nicht alle sozialen Bewegungen und Basisinitiativen an der Mobilisierung beteiligt. Denn jene, die zur Demonstration aufgerufen hatten, haben bei weitem keine reine Weste. Angefangen beim B\u00fcrgermeister Mailands, Giuseppe Sala, welcher dem Partito Democratico nahe steht und alleiniger Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Expo 2015 in Mailand war. Er stand unter \u00f6ffentlicher Kritik wegen der Umsetzung dieses kostspieligen Mega-Events. Einerseits durften Student*innen im Namen der Arbeitsmarktintegration Gratisarbeit leisten und andererseits holten sich multinationale Unternehmen klientelistisch und ohne \u00f6ffentliche Ausschreibungen Auftr\u00e4ge und somit hohe Profite ein. In dieser Sache wurde auch eine richterliche Untersuchung eingeleitet.</p><h2><b>Linke Alternativen \u2013 dringend gesucht!</b></h2><p>Der PD hat den Zeitpunkt seiner Vorwahlen strategisch bestens wahrgenommen und die Demonstration politisch vereinnahmen k\u00f6nnen. Gibt es einen besseren Moment als wenige Monate vor den Europa-Wahlen, um sich als Opposition gegen die aktuelle Regierung und ihre unmenschliche Politik aufzuspielen? Der neugew\u00e4hlte Kopf des PD, Nicola Zingaretti, wurde als Pr\u00e4sident der Region Lazio jedoch vor allem wegen seinen politischen Vorst\u00f6\u00dfen bekannt, die den Weg f\u00fcr die Privatisierung des \u00f6ffentlichen Gesundheitssystems ebneten. Zudem sprach er sich offen f\u00fcr das seit nun drei\u00dfig Jahren umk\u00e4mpfte un\u00f6kologische und \u00fcberteuerte Mega-Projekt der Hochgeschwindigkeitsstrecke Turin-Lyon (TAV) aus. Auch will Zingaretti weder den K\u00fcndigungsschutz <i>articolo 18</i> noch das Widerspruchsrecht f\u00fcr abgewiesene Gefl\u00fcchtete wieder einf\u00fchren. Sind es also tats\u00e4chlich diese politischen Pers\u00f6nlichkeiten, von denen eine \u201eneue linke Alternative\u201c in Italien ausgehen wird?</p><p>Gewiss, ein gro\u00dfer Teil der Teilnehmer*innen der Mobilisierung vom letzten Samstag in Mailand stellen einen Moment der Hoffnung und des Enthusiasmus gegen die herrschende Unmenschlichkeit und Barbarei dar. Es geht hier nicht darum, alle in einen Topf zu werfen und Ungleiches gleichzusetzen. Diejenigen Kr\u00e4fte, die heute jedoch beanspruchen, den politischen Ausdruck dieser sozialen Proteste zu sein, stellen in keiner Weise etwas Neues dar, aus dem eine \u201elinke Alternative\u201c erwachsen k\u00f6nnte. Denn noch vor zwei Jahren waren sie selbst in der Regierung und haben ultraliberale, fremden- und arbeitsfeindliche Reformen durchgewunken.</p><p>Der springende Punkt f\u00fcr uns bleibt: Solange es keine selbstorganisierte Massenbewegungen mit einer starken politischen Organisation gibt, welche die zahlreichen sozialen K\u00e4mpfe und Basisinitiativen \u2013 vom Frauen*streik vom 8. M\u00e4rz \u00fcber die italienweite Mobilisierung gegen die un\u00f6kologischen Infrastrukturprojekte am 23. M\u00e4rz in Rom bis hin zu den vielen Arbeitsk\u00e4mpfen im ganzen Land \u2013 zusammenbringt, werden die drei Optionen \u2013 die ultrakonservative Lega, die rechtspopulistische 5-Sterne-Bewegung und der ultraliberale Partito Democratico \u2013 stets als einzige Alternative erscheinen. Wir ben\u00f6tigen heute mehr denn je eine soziale Opposition, die mit der bestehenden Herrschaft bricht.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Mit unerbittlicher H\u00e4rte geht der neue Innenminister Matteo Salvini gegen Migrant*innen vor. Er schlie\u00dft H\u00e4fen, schafft den humanit\u00e4ren Fl\u00fcchtlingsstatus ab und schr\u00e4nkt die Aufenthaltsrechte ein. Europa soll bewiesen werden, dass Italien nicht mehr bereit ist, seine Rolle als Erstaufnahmeland im unausgewogenen Dublin-Abkommen zu \u00fcbernehmen. Und die Migrant*innen zahlen den Preis dieser rassistischen Politik.</i></p><p><i>F\u00fcr viele Arbeiter*innen war das Wahlversprechen eines Grundeinkommens des heute amtierenden Arbeitsministers Luigi Di Maio (Movimento Cinque Stelle, MS5) eine gro\u00dfe Hoffnung. Er sicherte sich mit diesem Versprechen vor allem die Stimmen im armen S\u00fcden Italiens. Vor dem Hintergrund der hohen Staatsverschuldung und einem Budgetstreit mit der EU wird schnell klar, dass Di Maio sein Versprechen nicht halten kann und sich schon der n\u00e4chste Angriff auf die Arbeitsbedingungen abzeichnet.</i></p><p><i>In dieser Gemengelage ist eine linke Opposition und die Verteidigung basaler Rechte der Migrant*innen und Arbeiter*innen unabdingbar. Doch auf parteipolitischer Ebene ist die Linke tot. Der Partito Democratico (PD) hat unter Matteo Renzis neoliberaler Agenda seine Glaubw\u00fcrdigkeit bei der arbeitenden und jungen Bev\u00f6lkerung seit langem verloren. Und weiter Links ist alles zersplittert. Deshalb war es in den letzten Wahlen der M5S, auf den die unteren Klassen setzten. Nach einem Jahr Koalitionsregierung von MS5 und LEGA ist aber auch diese Hoffnung entt\u00e4uscht. In dieser W\u00fcste setzen einige auf die B\u00fcrgermeister aus Neapel, Palermo, Florenz und anderen St\u00e4dten, die ihre oppositionelle Haltung gegen die Politik der Zentralregierung kundtun. Doch ihnen sind in vielen wichtigen Entscheidungen politisch und juristisch die H\u00e4nde gebunden und ihre Opposition bleibt daher ein Lippenbekenntnis. Es sind vor allem die Basisbewegungen in den St\u00e4dten, die f\u00fcr Ver\u00e4nderung k\u00e4mpfen. Italien braucht eine neue Linke, das ist klar.</i></p><p><i>Bei den Wahlen am 4. M\u00e4rz 2018 tauchte die neue kommunistische Bewegung Potere al Popolo (PaP) auf. Trotz magerem Wahlresultat ist sie unterdessen zu einer nationalen Bewegung angewachsen. Vor einem Jahr hat unsere Autorin Maja Tschumi mit dem Aktivisten Maurizio aus Neapel</i> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/eine-radikale-linke-muss-im-sozialen-verankert-sein/\"><i>\u00fcber PaP gesprochen</i></a><i>.</i></p><h3></h3><p><b>Maja [re:volt]: Was ist unterdessen passiert? Wie sind die aktuellen politischen Verh\u00e4ltnisse in Italien aus linker und marxistischer Perspektive einzusch\u00e4tzen und wie positioniert sich darin \u2013 strategisch und politisch \u2013 Potere al Popolo?</b></p><p><b>Maurizio [PaP]:</b> Das neue Sicherheitsdekret hat in Italien das Asylrecht stark angegriffen. Bisher gab es drei Wege f\u00fcr eine Person, in Italien Asyl zu beantragen: 1. der internationale Schutz, 2. der subsidi\u00e4re Schutz welcher dann vergeben wird, wenn zwar die pers\u00f6nlichen Verfolgungskriterien nach der Genfer Konvention nicht bestehen, jedoch dem*der Asylsuchenden im Herkunftsland ein schwerer Schaden drohen w\u00fcrde, und 3. der humanit\u00e4re Schutz. Der humanit\u00e4re Schutz wurde jenen gew\u00e4hrt, die zwar nicht beweisen konnten, dass sie pers\u00f6nlich verfolgt wurden, eine R\u00fcckf\u00fchrung in ihr Herkunftsland aber wegen Unzumutbarkeit der dortigen Lage oder eines fehlenden R\u00fcckf\u00fchrungsvertrages zwischen Italien und dem Herkunftsland unm\u00f6glich ist. Diesen humanit\u00e4ren Fl\u00fcchtlingsstatus hat das neue Sicherheitsgesetz abgeschafft. Folglich werden rund 40&#x27;000 Gefl\u00fcchtete diesen Status verlieren, und damit auch das Recht, in Notunterk\u00fcnften zu wohnen und ihren Aufenthalt zu verl\u00e4ngern. Kurzum: sie werden obdachlos und illegalisiert.</p><p>Dem neuen Sicherheitsgesetz zufolge kann sich eine gefl\u00fcchtete Person nur noch dann beim Einwohnermeldeamt einschreiben und also Residenz beantragen, wenn sie in einer Auffangstruktur lebt, den sogenannten SPRAR (Servizi Protezione Richiedenti Asilo e Rifugiati, deutsch: Dienste Schutz von Asylsuchenden und Gefl\u00fcchtete) oder CAS (Centri di Accoglienza Straordinaria, deutsch: Zentren der au\u00dferordentlichen Zuflucht). Das schr\u00e4nkt den Bewegungsradius und den Handlungsspielraum dieser Menschen massiv ein.</p><p>Das Sicherheitsgesetz von Salvini betrifft aber nicht nur Migrant*innen, sondern auch die Rechte der italienischen Bev\u00f6lkerung. So werden zum Beispiel Stra\u00dfenblockaden im Rahmen politischer Demonstrationen k\u00fcnftig mit bis zu zwei Jahren Gef\u00e4ngnis bestraft. Besetzungen von H\u00e4usern zu Wohnzwecken werden kriminalisiert.</p><p>Im Kontext der Schlie\u00dfung der H\u00e4fen f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsschiffe haben sich verschiedene B\u00fcrgermeister Italiens dem Sicherheitsgesetz politisch entgegengestellt und versuchen \u00fcber gerichtliche Urteile das Gesetz auszuhebeln. Es sei verfassungswidrig und versto\u00dfe gegen die Menschenrechte. So zum Beispiel der B\u00fcrgermeister von Palermo, Leoluca Orlando vom PD und der B\u00fcrgermeister De Magistris von Neapel.</p><p>Das sind die Gr\u00fcnde, warum in linken Kreisen im Ausland das Bild der \u201erebellischen B\u00fcrgermeistern\u201c aufkommt, und dass die neue Opposition gegen die Zentralregierung also vor allem aus den Kommunen komme.</p><p>Nat\u00fcrlich sind die B\u00fcrgermeister auf diskursiver Ebene ein wichtiger Gegenpol zur rassistischen Rhetorik Salvinis. Doch Basisaktivist*innen in den jeweiligen St\u00e4dten k\u00e4mpfen schon seit Jahren gegen den politischen Unwillen der kommunalen Verwaltungen, die Lebens- und Arbeitssituation von Migrant*innen und Gefl\u00fcchteten zu verbessern. De Magistris aus Neapel hat schon zwei Mal mit der Ank\u00fcndigung reagiert, den Hafen von Neapel f\u00fcr die Aquarius und die Sea Watch zu \u00f6ffnen, doch konkret passierte nie etwas. Warum? Einerseits unterstehen die H\u00e4fen dem nationalen Infrastrukturministerium. Andererseits ist die Infrastruktur der Stadt heute nicht in der Lage, Gefl\u00fcchtete aufzunehmen und ihnen eine Perspektive zu geben. De Magistris k\u00f6nnte allerdings mit einer einfachen kommunalen Weisung die Schwierigkeiten im Einwohnermeldeamt l\u00f6sen, wo Migrant*innen immer noch diskriminierend behandelt werden und oft keine Residenz erhalten. Doch seine Politik hinkt auch hier weit hinterher. Die Glorifizierung des munizipalistischen Ansatzes der \u201erebellischen B\u00fcrgermeister\u201c macht deshalb meiner Meinung nach politisch wenig Sinn. Wichtiger ist es, die zivilgesellschaftliche Aktivierung, die eine solche Rhetorik tats\u00e4chlich erm\u00f6glicht, zu organisieren und gleichzeitig mit einer Kontrolle von unten die Missst\u00e4nde der kommunalen Politik und ihre Umsetzung in den \u00f6ffentlichen \u00c4mtern anzuprangern. Denn nach wie vor sind es in erster Linie die Basisbewegungen in den St\u00e4dten, die f\u00fcr die Verbesserung der Lebensbedingungen von Gefl\u00fcchteten und Obdachlosen k\u00e4mpfen.</p><p></p><p><b>Maja [re:volt]: Kann man die Politik des B\u00fcrgermeisters Mimmo Lucano in Riace, der f\u00fcr seine Fl\u00fcchtlingspolitik von der italienischen Regierung unter Hausarrest gestellt wurde, nicht als positives Beispiel verstehen?</b></p><p><b>Maurizio [PaP]:</b> In der Tat ist Riace ein Beispiel, dass die M\u00f6glichkeit einer anderen Migrations- und Zufluchtspolitik aufzeigt. Riace verfolgt allerdings ein Projekt in puncto Migrationspolitik, das bereits in den 90er Jahren entstanden ist. Mimmo Lucano ist ein Genosse, der seit Jahrzehnten die Fl\u00fcchtlingspolitik anders pr\u00e4gte. Es begann mit der Aufnahme kurdischer Fl\u00fcchtlinge. Aber auch die Politik Lucanos muss man in einem gr\u00f6\u00dferen Kontext verstehen. In vielen D\u00f6rfern S\u00fcditaliens gibt es praktisch keine Arbeit mehr und die Jungen wandern in den Norden des Landes aus. Viele D\u00f6rfer sind regelrecht vom Aussterben bedroht \u2013 so auch Riace. Diese andere Zuwanderungspolitik war und ist auch ein Weg, das Dorf wiederzubeleben. Das betrifft nicht nur eine andere Migrations- und Zufluchtspolitik, sondern auch die Frage der solidarischen \u00d6konomie. So hat Mimmo Lucano beispielsweise die lokale M\u00fcllabfuhr an eine lokale Kooperative vergeben \u2013 weit weg von krimineller Infiltration und multinationalen Interessen. Daf\u00fcr wurde er dann auch gerichtlich verurteilt und kann zurzeit nicht in Riace leben. Es ist nat\u00fcrlich klar, dass es sich hier um einen Angriff auf das Modell Riace handelt.</p><p>In einem Interview hat Mimmo Lucano auch die Grenzen seiner Rebellion unterstrichen und ist in einer politischen Perspektive viel weitsichtiger als die meisten \u201erebellischen B\u00fcrgermeister\u201c und ihre Anh\u00e4nger*innen. <a href=\"https://www.linkiesta.it/it/article/2019/01/07/mimmo-lucano-salvini-migranti-sea-watch-sea-eye-riace-sindaci-ribelli/40639/?fbclid=IwAR2dwcgE5gfFINv4icAjKfWAN3Tzfl1Xs2QrZAe5VKXLgo5Cc5T_R6Csel4\">So \u00e4u\u00dferte Mimmo</a> unter anderem: \u201eDie Unmenschlichkeit gewinnt immer mehr die Oberhand und Salvini ist nur die Spitze des Eisbergs einer abdriftenden Gesellschaft. Die rebellischen B\u00fcrgermeister repr\u00e4sentieren einen Moment des Stolzes derjenigen, die sich weigern, Komplizen zu sein. Es reicht jedoch nicht, sich auf die Konfrontation zu beschr\u00e4nken: Wir m\u00fcssen eine politische und soziale Opposition schaffen und uns nicht nur darauf beschr\u00e4nken, zu sagen, dass wir nicht einverstanden sind.\u201c</p><h3></h3><p><b>Maja [re:volt]: Potere al Popolo (PaP) ist ja gerade eine Organisation verschiedener Basisbewegungen, die in Neapel und anderen St\u00e4dten Italiens aktiv sind. Am 4. M\u00e4rz 2018 beteiligte sich PaP an den nationalen Wahlen. Wie hat sich die Bewegung seit dem M\u00e4rz 2018 entwickelt? Was ist eure Antwort auf das Vakuum der Linken und die autorit\u00e4re Politik in Italien?</b></p><p><b>Maurizio [PaP]:</b> Nach dem 4. M\u00e4rz dauerte es rund zwei Monate, bis die Regierung gebildet werden konnte. Sie war ein Kompromiss zwischen Di Maio (MS5, st\u00e4rkste Partei) und Salvini (Lega, zweitst\u00e4rkste Kraft). Meiner Meinung nach handelte es sich von Anfang an um einen wackligen Kompromiss: Die M5S war die Partei mit dem besten Wahlergebnis, doch Salvini und die Lega waren die tats\u00e4chlichen Gewinner, da sie von Beginn an den Takt vorgeben. Die anf\u00e4ngliche Dominanz des MS5 wurde durch eine zunehmende Dominanz der Lega und ihrem Aush\u00e4ngeschild, dem jetzigen Innenminister Salvini, abgel\u00f6st, der vor allem in Sachen Sicherheits- und Migrationspolitik die Stimmung anheizt. Die M5S wirkt dagegen wie ein F\u00e4hnchen im Wind und passt sich letztendlich sehr oft den Bed\u00fcrfnissen der Lega an.</p><p>Das hat auch Konflikte innerhalb der M5S verst\u00e4rkt, unter deren Banner auch \u201eLinke\u201c organisiert sind und gew\u00e4hlt wurden. Tats\u00e4chlich hatten sich einige Parlamentarier*innen der M5S gegen das neue Sicherheitsgesetz aufgelehnt. Doch sie haben die parteiinterne Auseinandersetzung verloren und konnten nichts bewirken. Als dann aber nach langem Ringen im italienischen Parlament und auch zwischen der italienischen Regierung und der Europ\u00e4ischen Union Ende 2018 das Haushaltsbudget verabschiedet wurde, stellten sich erneut einige Parlamentarier*innen der M5S quer und stimmten dagegen. F\u00fcnf Senator*innen wurden aus dem MS5 ausgeschlossen und die Regierung hat im Senat nur noch eine knappe Mehrheit.</p><p>Die italienische Regierung ist also weit weniger stabil als sie nach au\u00dfen den Eindruck vermitteln will. Es ist unklar, ob sie weitere vier Jahre durchh\u00e4lt.</p><p>Auch wenn PaP bei den nationalen Wahlen 2018 nur 1,1 Prozent geholt hat, ist dies in Anbetracht der jungen Existenz und des neuen Charakters von PaP ein zufriedenstellendes Resultat. PaP zeichnet sich durch einen doppelten Charakter aus. Das Projekt basiert auf den zahlreichen mutualistischen Solidarstrukturen in den italienischen St\u00e4dten, in den Quartieren und Provinzen. Gleichzeitig versucht PaP ihr politischer Ausdruck und ihre politische Organisation auf nationaler Ebene zu sein. Eine Bewegung mit diesem Doppelcharakter aufzubauen ist eine gro\u00dfe Herausforderung, aber in unseren Augen zurzeit die einzige M\u00f6glichkeit, in Italien eine legitime linke Alternative mit Klassencharakter aufzubauen. Das braucht Zeit, das braucht eine gute Verankerung in den Regionen, Gemeinden und Kommunen Italiens. Kurzum: es braucht eine stetige und langfristige Basisarbeit, eine \u201elangsame Ungeduld\u201c wie das der verstorbene franz\u00f6sische Philosoph und Kommunist Daniel Bensa\u00efd bezeichnete.</p><p>Nachdem wir es am 4. M\u00e4rz 2018 nicht ins Parlament geschafft haben \u2013 die Einstiegsh\u00fcrde liegt bei 3 Prozent \u2013 konzentrierten wir uns auf die St\u00e4rkung der territorialen Strukturen und auf den Aufbau einer handlungsf\u00e4higen politischen Organisation. Es gab es innerhalb von PaP zwei verschiedene Haltungen unserer \u201ehistorischen Aufgabe\u201c.</p><p>Auf der einen Seite gab es jene Kr\u00e4fte, die PaP als Plattform oder Netzwerk ohne eigene Autonomie, sondern als Summe der bestehenden Organisationen (Ex Opg/Clash City Workers, Rete dei Comunisti/Eurostop, Rifondazione Comunista und Sinistra anticapitalista) verstanden. Dieser Position (Rifondazione Comunista, Sinistra Anticapitalista) zufolge sollten politische Entscheide weiterhin in den Organisationen diskutiert und unter dem Schirm von PaP zu einem Kompromiss gebracht werden. PaP dient ihnen zufolge als neues Sozialforum in der Tradition der globalisierungskritischen Bewegung.</p><p>Auf der anderen Seite gab es jene Kr\u00e4fte (Ex Opg/Clash City Workers, Rete dei Communisti/Eurostop), die sich darauf beriefen, dass PaP vor allem durch den Aufruf von Basisaktivist*innen entstanden ist, die bis dahin kein \u201epolitisches zu Hause\u201c hatten, weil sie sich nicht in der alten linken Politik und den alten linken Parteien Italiens wiedererkennen konnten. Diese Position versteht PaP als breites Netzwerk von Basisaktivist*innen und Basisbewegungen, die in einer Organisation zusammenkommen. Es geht ihnen darum, ein eigenes neues politisches Projekt aufzubauen mit eigenen politischen Strukturen und eigenen Entscheidungsgremien.</p><p>Infolge dieses Konflikts kam es zum Austritt von Rifondazione Comunista und Sinistra Anticapitalista. Dieser Austritt ist politisch nicht einfach zu verarbeiten, hat PaP meiner Meinung nach aber in Sachen politischer Klarheit auch gest\u00e4rkt.</p><p>Seit gut drei Monaten haben wir nun eine nationale Koordination von 80 Personen, 60 davon sind Repr\u00e4sentant*innen der territorialen Versammlungen und 20 sind Aktivist*innen, die PaP von Anfang an mitgepr\u00e4gt haben. Die nationale Koordination trifft sich einmal pro Monat und diskutiert grunds\u00e4tzliche politische Themen, Kampagnen und Mobilisierungen. Die Diskussionen werden dann in die territorialen Versammlungen zur\u00fcckgetragen. \u00dcber zentrale Entscheidungen wird schlie\u00dflich auf einer digitalen Plattform abgestimmt, zu der alle Mitglieder von PaP Zugang haben. Trotz einer gewissen Zentralisierung der Organisation behalten die territorialen Versammlungen viel politische Entscheidungsmacht.</p><p></p><p><b>Maja [re:volt]: Worin liegt die gewonnene politische Klarheit?</b></p><p><b>Maurizio [PaP]:</b> In den letzten 30 Jahren wechselten sich Mitte-Rechts und Mitte-Links-Regierungen ab und lieferten sich einen \u201eWettstreit\u201c, wer die schwerwiegenderen, neoliberalen Angriffe auf die Rechte der Arbeiter*innen umsetzen konnte. Heute ist das Wort \u201esinistra\u201c (links) in Italien derart ausgeh\u00f6hlt, dass man sich nicht mehr darauf berufen kann, ohne in die gleiche Ecke gedr\u00e4ngt zu werden wie der Partito Democratico (PD), der historisch aus der Kommunistischen Partei Italiens gewachsen ist. Wir wollen gerade nicht die Scherben einer ehemaligen Linken zusammenkehren. Wir wollen eine politische Kraft sein, die sich entschieden gegen die herrschende Politik stellt und wieder eine kommunistische Gesellschaftsperspektive er\u00f6ffnet. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir auch das historische Versagen der Linken betonen und auf diese Bezeichnung verzichten.</p><h3></h3><p><b>Maja [re:volt]: Ihr macht also wieder unter dem Begriff \u201e Kommunismus\u201c Politik.</b></p><p><b>Maurizio [PaP]:</b> Nat\u00fcrlich ist im Jahre 2019 auch dieser Begriff nicht unproblematisch, wenn er nicht kontextualisiert und genau definiert wird. Wir sind gezwungen, einen ideologischen Kampf zu f\u00fchren und dem Begriff einen klaren Inhalt zu geben: Kampf gegen soziale Ungleichheit, f\u00fcr eine menschliche Migrationspolitik, f\u00fcr die St\u00e4rkung der Rechte der Arbeiter*innen etc. Wenn es also darum geht sich zu positionieren, bezeichnen wir uns auf jeden Fall viel eher als Kommunist*innen, denn als Linke. Offen gesagt arbeiten wir aber auch mit diesem Begriff wenig nach au\u00dfen hin. Wir versuchen uns eher auf unsere Basisaktivit\u00e4ten zu konzentrieren und das ins Zentrum zu r\u00fccken, was wir t\u00e4glich in unserer sozialen und politischen Arbeit tun.</p><h3></h3><p><b>Maja [re:volt]: Was sind heute die zentralen politischen Themen von PaP?</b></p><p><b>Maurizio [PaP]:</b> Ausgehend von unserer allt\u00e4glichen Arbeit in den Regionen w\u00fcrde ich zusammenfassend drei Themen in den Vordergrund stellen.</p><p>Erstens die Umverteilung des Reichtums. Italien zeichnet sich durch eine unglaublich gro\u00dfe Ungleichheit aus. Das gilt sowohl in Bezug auf soziale Klassen, als auch geografisch zwischen dem Norden und dem S\u00fcden. Umverteilungspolitik bedeutet in diesem Kontext z.B. eine progressivere Besteuerung von Kapitaleinkommen einzuf\u00fchren, aber gleichzeitig auch Investitionen f\u00fcr den Ausbau sozialer Dienste, Infrastrukturen und \u00f6kologischen Industrien im S\u00fcden.</p><p>Zweitens die St\u00e4rkung der Arbeit und der Arbeiter*innenrechte. Seit Mitte der 80er Jahre hat die Arbeiter*innenklasse und ihre Organisationen fast tatenlos der Deregulierung der Arbeit zugesehen, z.B. bei der Einf\u00fchrung des Jobs Act, d.h. der Flexibilisierung der Anstellungsbedingungen. Neben den Forderungen, die in den von uns unterst\u00fctzten einzelnen Arbeitsk\u00e4mpfen formuliert werden \u2013 z.B. Kampf gegen die Externalisierung von \u00f6ffentlichen Jobs, die Einschr\u00e4nkung der befristeten Arbeit, etc. \u2013 ist in unseren Augen folgende Forderung zentral: Weniger Arbeit f\u00fcr jeden Einzelnen, daf\u00fcr sichere Arbeit f\u00fcr alle. Das scheint uns die einzig realistische Ma\u00dfnahme zu sein gegen die Arbeitslosigkeit der Jugend, gegen die weit verbreitete Prekarit\u00e4t und Irregularit\u00e4t der Arbeit und gegen die stetige Erh\u00f6hung des Rentenalters.</p><p>Drittens setzen wir uns f\u00fcr eine solidarische und menschliche Migrations- und Zufluchtspolitik ein. Das bedeutet neben F\u00fcrsorge, die migrantischen Arbeiter*innen als Teil der Klasse zu verstehen und sich mit ihnen zu organisieren. Immigration und Emigration muss in Italien zusammen gedacht werden. Denn gerade der S\u00fcden Italiens erlebt eine massive Auswanderung von jungen Arbeiter*innen. In den letzten 15 Jahren haben zwei Millionen Menschen den S\u00fcden des Landes verlassen. Das sind durchschnittliche Zahlen, welche sogar diejenigen der gro\u00dfen Auswanderungswellen der Nachkriegszeit \u00fcbertreffen.</p><p></p><p><b>Maja [re:volt]: Du sprichst von Umverteilungspolitik. Inwiefern folgt ihr dabei einer kommunistischen \u2013 und nicht vielmehr reformistischen \u2013 Agenda? Denn eine Umverteilungspolitik zielt ja nicht in erster Linie auf die Abschaffung kapitalistischer Produktionsverh\u00e4ltnisse ab.</b></p><p><b>Maurizio [PaP]:</b> Die kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnisse abzuschaffen ist ganz klar unser Ziel. Doch auf den Tag X zu warten scheint uns politisch wenig interessant und noch weniger realistisch. Wenn wir zum Beispiel einen Streik mit der Forderung begleiten, dass wir die Produktionsverh\u00e4ltnisse abschaffen wollen, dann klingt das zwar ganz nett, geht aber kaum auf die unmittelbaren Bed\u00fcrfnisse der Streikenden ein. Es braucht Zwischenschritte, also eine Art Minimalprogramm, welches rund um die gro\u00dfen sozialen und politischen Themen entwickelt wird. Sowohl f\u00fcr die Arbeiter*innenbewegung wie auch f\u00fcr eine politische Organisation wie PaP ist es fundamental, \u201ekleinere\u201c K\u00e4mpfe zu k\u00e4mpfen, um \u00fcberhaupt wieder die Perspektive zu erreichen, die Produktionsverh\u00e4ltnisse umsto\u00dfen zu k\u00f6nnen.</p><p>Ganz in der Tradition von Rosa Luxemburg w\u00fcrde ich behaupten, dass beide K\u00e4mpfe notwendig sind. Mit dem Kampf um demokratische Rechte und mit ihrer Aus\u00fcbung k\u00f6nnen die Arbeiter*innen zum Bewusstsein ihrer Klasseninteressen kommen. Wir kommen nicht schrittweise, Reform f\u00fcr Reform, zur Revolution. Vielmehr sind diese K\u00e4mpfe und Kampagnen f\u00fcr uns die M\u00f6glichkeit von materiellen Verbesserungen f\u00fcr die Arbeiter*innen im Hier und Jetzt. Dar\u00fcber hinaus sind sie ein \u00dcbungsfeld hinsichtlich Solidarit\u00e4t mit den K\u00e4mpfenden, Untersuchung zur Lage des sozialen und politischen Subjekts, Organisierung der Arbeiter*innen und Massen. Erst wenn wir K\u00e4mpfe k\u00e4mpfen und gewinnen, wird eine revolution\u00e4re Perspektive allgemein wieder erkennbar.</p><p></p><p><b>Maja [re:volt]: Wie sch\u00e4tzt ihr die aktuellen Arbeitspolitik von Di Maio ein und was ist eure Antwort darauf?</b></p><p><b>Maurizio [PaP]</b>: Der Arbeitsminister Di Maio stammt selbst aus der Region um Neapel, und zwar aus Pomigliano d\u2019Arco, einer ehemaligen Fiat-Hochburg. In den 80er und 90er Jahren erlebte S\u00fcditalien, das der Industrialisierung im Norden bereits hinterherhinkte, eine massive Deindustrialisierung. Wichtige Fabriken wurden abgebaut \u2013 Fiat auf Sizilien, Italsider im neapolitanischen Bagnoli, zahlreiche kleinere Produktionsst\u00e4tten etc. Bis heute stagniert im S\u00fcden die \u00f6konomische Entwicklung, obwohl in vielen Gebieten die Industrie durch Dienstleistungsbetriebe ersetzt worden ist. Doch in Call Centern beispielsweise ist die Arbeitsproduktivit\u00e4t niedriger und somit die Ausbeutung der Arbeitskraft gr\u00f6\u00dfer. Tats\u00e4chlich herrschen dort haarstr\u00e4ubende Arbeitsbedingungen: unbefristete Vertr\u00e4ge \u00e0 gogo, extrem tiefe L\u00f6hne, teilweise 600 Euro f\u00fcr eine Vollzeitstelle, lange Arbeitszeiten.</p><p>Di Maio und mit ihm die MS5 haben die politische Hegemonie vor allem in S\u00fcditalien aufgebaut, unter anderem mit dem Versprechen eines Grundeinkommens (reddito di cittadinanza). W\u00e4hrend des Wahlkampfs hie\u00df das noch: jede*r B\u00fcrger*in erh\u00e4lt 780 Euro im Monat, unabh\u00e4ngig, ob er*sie arbeitet oder nicht. In Italien leben rund 1,8 Millionen arme Familien, das sind \u00fcber 5 Millionen Menschen. Nach den Wahlen wurde schnell klar, dass dieses Versprechen mit dem gegebenen Haushaltsbudget nicht umsetzbar ist. Der Streit um das Haushaltsbudget und das Austerit\u00e4ts-Diktat der Europ\u00e4ischen Union kam versch\u00e4rfend hinzu. Das daf\u00fcr versprochene Budget ist viel zu klein. Au\u00dferdem fehlt die Infrastruktur, d.h. die Arbeits\u00e4mter sind technologisch unterversorgt und personell unterbesetzt. Das f\u00fchrte zu zahlreichen Anpassungen, die die Idee eines Grundeinkommens pervertierten. Das <b>\u201e</b>Grundeinkommen\u201c, wie es schlussendlich gesetzlich verankert wurde, ist nun eine Finanzierung von privaten Unternehmen, da diese bei Anstellung einer arbeitslosen Person bis zu 18 Monaten in den Genuss von Steuererleichterung kommen. Es ist eine Art workfare Armenhilfe, weil es in das System der Sozialhilfe (reddito d&#x27;inclusione) integriert wird und die Armutsbetroffenen zwingt, jegliche Arbeit anzunehmen. Schlie\u00dflich ist es diskriminierend gegen\u00fcber Migrant*innen, da sie erst nach 10 Jahren regul\u00e4rem Aufenthalt eine Anfrage f\u00fcr das \u201eGrundeinkommen\u201c einreichen k\u00f6nnen. Das ist eine Politik f\u00fcrs Kapital, nicht f\u00fcr die Arbeiter*innen.</p><p></p><p><b>Maja [re:volt]: Ein gro\u00dfes Problem im S\u00fcden ist auch die Schwarzarbeit. Gerade in der Landwirtschaft h\u00f6ren wir ja immer wieder von den sklavenartigen Arbeitsbedingungen f\u00fcr Migrant*innen...</b></p><p><b>Maurizio[PaP]:</b> Man muss differenzieren. In den urbanen Zentren und St\u00e4dten sind es vor allem junge, gut ausgebildete italienische Arbeiter*innen in der Gastronomie und im Tourismus, die von Schwarzarbeit betroffen sind. Migrantischen Arbeiter*innen findet man eher im Bereich der privaten Hausarbeit (Arbeiter*innen aus Osteuropa, Bangladesch, Sri Lanka) und der Landwirtschaft (Arbeiter*innen aus Schwarzafrika). Schwarzarbeit ist in Italien also nicht ein spezifisch migrantisches Problem, sie betrifft alle Proletarisierten. Doch auf dem ausdifferenzierten und segregierten Arbeitsmarkt gibt es kaum Begegnungsmomente zwischen italienischen und migrantischen Arbeiter*innen im Produktionsprozess selbst \u2013 besonders im S\u00fcden. F\u00fcr die Erarbeitung einer neuen solidarischen und antirassistischen Klassenpolitik und die Verbindung verschiedener K\u00e4mpfe ist das eine hohe H\u00fcrde. Wir sind \u00fcberzeugt, dass es neue gewerkschaftliche Strukturen braucht, die nicht nur betrieblich, sondern territorial organisiert sind. Als politischen Organisation m\u00fcssen wir K\u00e4mpfe verbinden und Orte schaffen, an denen sich Schwarzarbeiter aus verschiedenen Sektoren treffen und organisieren k\u00f6nnen.</p><p></p><p><b>Maja [re:volt]: Ist das nicht eben klassischerweise die Aufgabe von Gewerkschaften?</b></p><p><b>Maurizio [PaP]:</b> In Italien haben die gro\u00dfen Gewerkschaften CGIL, CISL und UIL, wie fast \u00fcberall in Europa, an Legitimit\u00e4t verloren. Die verbleibenden Mitglieder sind mehrheitlich Rentner*innen. Das entspricht zwar dem Bild einer alternden Gesellschaft in Italien, es zeigt aber auch die Unf\u00e4higkeit der traditionellen Gewerkschaften, auf die aktuellen Probleme der Arbeiter*innen eine Antwort zu geben. In den letzten zehn Jahren sind daher die Basisgewerkschaften, wie beispielsweise die S.I. Cobas im Logistiksektor Norditaliens und die Unione sindacale di base USB auf den Feldern S\u00fcditaliens st\u00e4rker geworden. Sie sind heute der eigentliche Ort der Organisierung der migrantischen Arbeiter*innen.</p><p>Junge Arbeiter*innen, die schwarz arbeiten, organisieren sich \u00fcber die Strukturen von Basisbewegungen wie PaP. Die Anlaufstelle f\u00fcr Arbeiter*innen Camera Popolare del Lavoro z.B. verfolgt einen \u00e4hnlichen Ansatz, wie die Basisgewerkschaften. Im letzten Jahr wurde eine Kampagne gegen Schwarzarbeit (v.a. in Tourismus und Gastronomie) gefahren. Diese erstreckte sich von Demonstrationen bis Arbeitsklagen. Die Forderungen drehten sich dabei meist um eine bessere Entlohnung, die Nachzahlung von Sozialversicherungsbeitr\u00e4gen, die Ausstellung eines Arbeitsvertrages und die systematische Bestrafung von Unternehmen, die Arbeiter*innen schwarz anstellen. Es handelt sich um wichtige Momente der Organisierung dieser neuen Formen der Arbeit.</p><p></p><p><b>Maja [re:volt]: Du hast vorhin die Klassenspaltung durch Rassismus angesprochen. Eine andere gro\u00dfe Spaltung unter rechtskonservativen Regierungen ist der Angriff auf die Rechte, die Freiheit und die k\u00f6rperliche Unversehrtheit von Frauen* in der Gesellschaft und am Arbeitsplatz. Das Erstarken feministischer Bewegungen in den letzten Jahren zeigt, dass den feministischen K\u00e4mpfen im Kampf gegen rechtskonservative und autorit\u00e4re Tendenzen eine zentrale Rolle zukommt. Gibt es ein feministisches Programm bei PaP?</b></p><p><b>Maurizio [PaP]:</b> PaP konzentriert sich im politischen Kampf stark auf die Rolle der Frauen*. PaP beteiligt sich an der Bewegung <i>Non una die meno</i> (dt. \u201eNicht eine weniger\u201c), die neben Argentinien und Spanien auch in Italien sehr stark ist. <i>Non una di meno</i> ist keine homogene Bewegung. Unterschiedliche Sensibilit\u00e4ten und theoretische Perspektiven sind darin enthalten. Wir versuchen die Perspektive zu st\u00e4rken, die den feministischen Kampf mit dem Klassenkampf verbindet.</p><p>Politisch geht es darum, grundlegende Rechte der Frauen zu verteidigen, so beispielsweise das Abtreibungsrecht. Obwohl von Gesetzes wegen die \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4user eine Abtreibung vornehmen m\u00fcssen, gibt es heute noch zahlreiche \u00c4rzte, die sich aus moralischen Gr\u00fcnden weigern. Das erh\u00f6ht die Wahrscheinlichkeit, dass solche medizinischen Eingriffe illegal und unkontrolliert gemacht werden \u2013 mit erh\u00f6htem Risiko f\u00fcr die betroffenen Frauen. Ein weiterer zentraler Punkt ist die Forderung nach gleichem Lohn f\u00fcr gleiche Arbeit, da Italien im internationalen Vergleich bez\u00fcglich Lohnunterschieden zwischen Frauen* und M\u00e4nnern laut Gender Gab Report 2017 auf Platz 82 von 144 liegt. Im Jahr 2015 stand Italien noch auf Platz 50.</p><p>Die aktuelle Regierung betreibt eine Politik, die ideologisch das Bild der Frau* als Produzentin von Kindern und als dem Mann unterstellt st\u00e4rkt. Es wurde mit dieser Regierung ein Ministerium f\u00fcr Familienpolitik gegr\u00fcndet und ein Gesetz verabschiedet, welches verheirateten Frauen* beim dritten Kind ein St\u00fcck Land zuweist. Diese sexistische und patriarchale Politik ist kaum zu \u00fcbertreffen. Auch innerhalb der Organisation von PaP sollen Frauen* im politischen Prozess st\u00e4rker werden. Frauen* sind nicht nur verschiedentlich ausgebeutet, sondern auch zunehmend Protagonist*innen von K\u00e4mpfen. Das ist wichtig zu betonen und sichtbar zu machen. Darum ist es f\u00fcr uns auch wichtig, dass Viola Carofalo als prek\u00e4r arbeitende junge Frau aus dem S\u00fcden offizielle Sprecherin von PaP ist. Junge Frauen* sollen sich in unserer Organisation wiedererkennen k\u00f6nnen.</p><p></p><p><b>Maja [re:volt]: Habt ihr auch K\u00e4mpfe im Bereich Care-Arbeit?</b></p><p><b>Maurizio [PaP]:</b> Care-Arbeit ist nicht nur weiblich, sondern vorwiegend auch migrantisch. Die K\u00e4mpfe in diesem Bereich konzentrieren sich vorwiegend auf den Erhalt eines regul\u00e4ren Arbeitsvertrages, der Zugang zu einer geregelten Aufenthaltsbewilligung erm\u00f6glicht. Es handelt sich hier allerdings meist um individuelle K\u00e4mpfe, die keinen kollektiven Charakter haben. Eine Ausweitung der staatliche Alterspflege ist f\u00fcr uns Grundvoraussetzung, um die Rechte der Frauen* innerhalb der Familie und der Arbeit zu st\u00e4rken. Denn in einem Land, in dem der \u201esocial welfare\u201c vorwiegend Familiensache ist, ist die Forderung nach geregelter Arbeit in diesem Bereich nicht nur eine soziale, sondern auch eine feministische Forderung.</p><p></p><p><b>Maja [re:volt]: Zu einem anderen Thema. PaP will sich an den kommenden Europawahlen am 26. Mai 2019 beteiligen. Warum? Wird dadurch nicht das Gewicht von der Basisarbeit erneut auf die politische Organisation verlagert?</b></p><p><b>Maurizio [PaP]:</b> Wir befinden uns zurzeit noch im Entscheidungsprozess \u00fcber die Form, wie wir an den Europawahlen teilnehmen wollen. Zur Debatte steht, ob wir das als eigenst\u00e4ndige politische Kraft, oder auf der Basis eines klaren politischen Programms in Koalition mit anderen politischen Gruppierungen und Personen machen. Dass wir kandidieren steht fest, auch wenn die H\u00fcrde hoch ist. In Italien m\u00fcssen \u00fcber 150&#x27;000 Unterschriften gesammelt werden, um zu den EU-Wahlen antreten zu k\u00f6nnen. Eine Wahlkampagne stellt f\u00fcr uns aber in erster Linie eine M\u00f6glichkeit dar, PaP in weiteren Kreisen bekannt zu machen und unsere Themen zu platzieren. Wir stellen fest, dass die Debatte um das Haushaltsbudget und die soziale Frage auch innerhalb der Arbeiter*innenschaft in Zusammenhang mit den Richtlinien der EU und ihrer Austerit\u00e4tspolitik gef\u00fchrt wird.</p><p>Der aktuell herrschende Ultraliberalismus ruft nach autorit\u00e4ren Staaten, um seine Profitinteressen zu verteidigen. Der Europ\u00e4ismus, wie er von Merkel und Macron propagiert wird und der Souver\u00e4nismus von Orban und Salvini sind zwei Seiten derselben Medaille, die sich in dieser historischen Phase gegenseitig bedingen und befruchten. Die Dynamiken innerhalb der Konstituierung der Vereinigten Staaten Europas sind nicht linear, wir m\u00fcssen ihre Komplexit\u00e4t fassen und daraus resultierend unsere Position formulieren. Drei Themen k\u00f6nnten daf\u00fcr zentral sein:</p><p><i>Die Frage der Verschuldung und der R\u00fcckzahlung der Schulden.</i> Aus linker Perspektive gibt es auch in Italien die populistische Forderung des Italexit und der Schaffung einer Union der mediterranen L\u00e4nder gegen das Diktat der starken \u00d6konomie Deutschland innerhalb der EU. Meiner Meinung nach wird aber das propagandistische Potential der Forderung nach einem EU-Austritt \u00fcberbewertet. Die EU ist ein institutioneller Kontext, den Italien nicht einfach mit einem Nein umgehen kann. Wenn es nicht die EU-Institutionen sind, die Austerit\u00e4tsprogramme durchboxen wollen, um die Schulden gegen\u00fcber den Banken zu zahlen, dann werden es andere internationale Institutionen wie der Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) sein. Ich finde es viel wichtiger den Slogan \u201eWir zahlen eure Schulden nicht\u201c stark zu machen und notfalls die EU zu zwingen, Italien aus der Union zu werfen. Das alles ist aber abh\u00e4ngig von der Kraft von progressiven sozialen und politischen Kr\u00e4ften innerhalb Italiens und Europas.</p><p><i>Die Fragen der Arbeit und der sozialen Rechte.</i> Der Arbeitsmarkt ist nicht mehr national, sondern zunehmend europ\u00e4isch organisiert. Der Schengen-Raum ist jedoch kein homogener, sondern ein stark differenzierter Arbeitsmarkt, in dem unterschiedliche Grade der Ausbeutung vorherrschen. Das ist im Interesse aller Kapitalfraktionen innerhalb der EU. Wir m\u00fcssen daher auch K\u00e4mpfe unterst\u00fctzen und organisieren, die f\u00fcr die gleichen Rechte f\u00fcr alle Arbeiter*innen innerhalb der EU einstehen. Damit verbunden sind Fragen der Auslagerung von Arbeitspl\u00e4tzen in die sogenannten Niedriglohnl\u00e4nder ebenso wie Solidarit\u00e4t mit Arbeitsk\u00e4mpfen in anderen EU-L\u00e4ndern. Wenn es beispielsweise Arbeitsk\u00e4mpfe bei Fiat gibt, m\u00fcssen wir politische Kontakte zu Arbeiter*innen und Organisationen in die L\u00e4nder kn\u00fcpfen, wo Fiat unterdessen auch noch produziert, um sie \u00fcber die K\u00e4mpfe hier zu informieren. Auch die Frage der Garantie von sozialen Rechten ist grenz\u00fcberschreitend, also die Frage nach einem \u201eeurop\u00e4ischen Sozialstaat\u201c, f\u00fcr den und in dem wir K\u00e4mpfe organisieren k\u00f6nnen.</p><p><i>Das Thema Migration.</i> Die Diskussion um die Zufluchtspolitik und gegen die Schlie\u00dfung der H\u00e4fen m\u00fcssen wir meiner Meinung nach um das Argument erg\u00e4nzen, dass Europa \u2013 vor allem in afrikanischen L\u00e4ndern \u2013 das neokoloniales Interesse verfolgt, Ressourcen anzuzapfen und Investitionen zu erh\u00f6hen, um f\u00fcr das europ\u00e4ische Kapital neue Profitm\u00f6glichkeiten zu schaffen. Unter anderem vor diesem Hintergrund muss man auch die Idee der Schaffung einer europ\u00e4ischen Armee betrachten. Vor einigen Wochen hat Deutschland erkl\u00e4rt, man werde die Armee ausbauen, um k\u00fcnftig eine zentrale Rolle auch in einer potentiellen europ\u00e4ischen Armee zu spielen. Das ist ganz klar als imperialer Moment in Konkurrenz mit anderen Gro\u00dfm\u00e4chten der Welt (China, Russland, USA) zu verstehen. Wir d\u00fcrfen uns also in puncto Migration nicht auf den Kampf um die Rechte der Migrant*innen beschr\u00e4nken. Antimilitaristische und antiimperialistische Positionen sind genauso wichtig, um der Gegen\u00fcberstellung von liberaler Willkommenskultur vs. autorit\u00e4rem \u201eHafen-Schliessen\u201c zu entkommen und die Diskussion wieder zu politisieren.</p><p></p><p><b>Maja [re:volt]: Was ist die Aufgabe im kommenden Jahr 2019?</b></p><p><b>Maurizio [PaP]:</b> Neben den EU-Wahlen bleibt es f\u00fcr uns sehr wichtig, die Balance aufrecht zu erhalten zwischen Basisarbeit und dem Aufbau von regionalen, mutualistischen Solidarstrukturen auf der einen Seite und der St\u00e4rkung einer von der Basisarbeit ausgehenden und handlungsf\u00e4higen politischen Organisation auf der anderen Seite. PaP darf sich nicht ausschlie\u00dflich auf den Aufbau der politischen Organisation konzentrieren. Das birgt die Gefahr, sich von den Alltagskonflikten der Arbeiter*innen zu distanzieren. PaP soll vielmehr ein Instrument sein, um genau jenes soziale Terrain zur\u00fcck zu erobern, welches die Linke in den letzten Jahrzehnten verloren hat. Es ist also \u00e4u\u00dferst wichtig, dass PaP in den Bewegungen und der Lebens- und Arbeitsrealit\u00e4t der Proletarisierten verankert bleibt.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Das Kr\u00e4ftemessen der europ\u00e4ischen Regierungen, angezettelt durch Innenminister Matteo Salvini, wird einmal mehr auf dem R\u00fccken wehrloser Menschen ausgetragen; ob dabei Menschen mit ihrem Leben bezahlen werden, ist f\u00fcr die M\u00e4chtigen unbedeutend. Dies hat <a href=\"https://www.repubblica.it/politica/2019/01/04/news/migranti_di_maio_a_malta_fateli_sbarcare_noi_li_accoglieremo_-215830679/?ref=RHPPBT-BH-I0-C12-P1-S1.12-T1\">gestern Abend</a> auch Vizepremierminister Luigi Di Maio nochmals bewiesen, der Europa eine Lektion der \u201eMenschlichkeit\u201c erteilen will und angek\u00fcndigt hat, ausschlie\u00dflich die sich an Bord der Sea Watch 3 befindenden Frauen und Kinder aufzunehmen.</p><p>Gleichzeitig k\u00fcndigen die B\u00fcrgermeister zahlreicher italienischer St\u00e4dte an, gegen\u00fcber der rassistischen Politik des Innenministers ungehorsam zu sein. Die sogenannten <a href=\"https://www.neues-deutschland.de/artikel/1109285.luigi-de-magistris-rebellischer-buergermeister.html\">\u201erebellischen B\u00fcrgermeister\u201c</a> Leoluca Orlando (Demokratische Partei, PD) von Palermo und Luigi De Magistris (Democrazia e Autonomia, DemA) aus Neapel haben schon mehrmals angek\u00fcndigt, die H\u00e4fen f\u00fcr die zivilen Seenotrettungsschiffe zu \u00f6ffnen. Bis jetzt blieben diese Ank\u00fcndigungen leere Versprechungen, einerseits, weil die Verwaltung der H\u00e4fen nicht in der Macht der kommunalen Regierungen steht, sondern beim nationalen Infrastrukturministerium, andererseits, weil die B\u00fcrgermeister genau wissen, dass die lokalen Empfangsstrukturen nicht in der Lage sind, eine geeignete Antwort auf die Bed\u00fcrfnisse der Gefl\u00fcchteten zu geben.</p><h2>Opposition ohne Z\u00e4hne?</h2><p>Die genannten B\u00fcrgermeister haben in diesen Tagen auch noch einmal ihre Opposition gegen das Anfang Dezember 2018 vom italienischen Parlament angenommenen Ma\u00dfnahmepaket zur Versch\u00e4rfung der Sicherheitsgesetze unterstrichen. Mit den neuen Sicherheitsrichtlinien hat Salvini den humanit\u00e4ren Status f\u00fcr Gefl\u00fcchtete abgeschafft, so dass in den n\u00e4chsten Wochen rund 40.000 Gefl\u00fcchtete obdachlos und papierlos werden. Zudem sollen Asylsuchende mit Aufenthaltsgenehmigung sich nicht mehr beim Einwohneramt anmelden d\u00fcrfen. Gemeinden d\u00fcrfen <a href=\"https://poterealpopolo.org/loro-si-organizzano-e-noi-un-primo-esame-del-decreto-sicurezza-e-delle-politiche-securitarie/\">demnach</a> Asylsuchenden mit Aufenthaltsgenehmigung keinen Identit\u00e4tsausweis mehr erstellen, der den Zugang zum Gesundheitssystem sowie zu Arbeitsvermittlungszentren erm\u00f6glicht. Die zwei B\u00fcrgermeister reihen sich in einen <a href=\"https://www.tpi.it/2019/01/03/sindaci-contro-decreto-sicurezza/\">ungehorsamen Protest</a> ein, der sich seit den ersten Wochen nach der Annahme des neuen Ma\u00dfnahmenpakets in ganz Italien ausgeweitet hat, von Turin \u00fcber Florenz bis nach Reggio Calabria.</p><p>So wichtig diese angek\u00fcndigten Absichtserkl\u00e4rungen in der aktuellen W\u00fcste der Menschlichkeit auch sind, sie bleiben zurzeit tatenlos. Der B\u00fcrgermeister Palermos hat in den letzten Jahren stillschweigend die Politik der Demokratischen Partei unterst\u00fctzt und s\u00e4mtliche Ma\u00dfnahmen des \u201eParteigenossen\u201c und ehemaligen Innenministers Marco Minniti umgesetzt, auch wenn sie verfassungswidrig und menschenunw\u00fcrdig waren. So hat Marco Minniti die ambulanten Strassenverk\u00e4ufer \u2013 meist Migrant*innen \u2013 im Namen der \u201e\u00f6ffentlichen Ordnung\u201c kriminalisiert und das Rekursrecht von abgewiesenen Gefl\u00fcchteten massiv <a href=\"http://www.bleiberecht.ch/2017/05/29/bericht-solidaritaet-gegen-das-toedliche-asylregime-in-italien/\">eingeschr\u00e4nkt</a>. In den letzten Wochen hat er sich dadurch ausgezeichnet, dass er Wohnbesetzung von armutsbetroffenen Menschen italienischer und migrantischer Herkunft hat r\u00e4umen lassen. Er hat somit einem Beschluss von 2014 Folge geleistet, der unter der damaligen PD-Regierung von Matteo Renzi eingef\u00fchrt wurde und Besetzenden verhindert, sich offiziell beim Einwohneramt anzumelden. Dass nun Leoluca Orlando im Namen der Menschlichkeit Opposition inszeniert, ist haarscharf kalkuliert: Die Demokratische Partei versucht dadurch politisches Terrain zu gewinnen, welches ihr in den letzten Jahren verloren ging.</p><p>\u00c4hnliches gilt f\u00fcr den B\u00fcrgermeister De Magistris in Neapel. Schon vor Inkrafttreten der neuen Sicherheitsma\u00dfnahmen kritisierten st\u00e4dtische Basisaktivist*innen, dass das st\u00e4dtische Einwohneramt die Anmeldung von residenzlosen Menschen \u2013 auch hier wieder: italienischer sowie migrantischer Herkunft \u2013 nicht annimmt und somit keine Identit\u00e4tspapiere vergeben werden. Somit bleibt ihnen der Zugang zu grundlegenden Menschenrechten verwehrt. Es w\u00fcrde allerdings eine einfache kommunale Weisung gegen\u00fcber dem Einwohneramt der Stadt ausreichen, um dieser diskriminierenden Praxis einen Riegel zu schieben. Diese ist bislang nicht erfolgt.</p><p>Nicht nur in Italien, sondern auch in Deutschland, werden die italienischen \u201erebellischen B\u00fcrgermeister\u201c als einzige legitime Opposition gegen die Zentralregierung Italiens gesehen. In den letzten Tagen haben sie mit ihren Aussagen diese ihnen zugeschriebene Rolle noch einmal verst\u00e4rkt. Keine Frage, es ist begr\u00fc\u00dfenswert, dass sich lokale Politiker*innen einer zunehmen xenophoben Rhetorik und Politik entgegenstellen. Allerdings nehmen solche Lippenbekenntnisse die Dramatik der Lage nicht ernst genug. Sie bedienen damit die mediale Aufmerksamkeit ums Thema Migration und Flucht, mit dem Ziel, selbst auf die Titelseiten zu gelangen. Das hat aber wenig mit Rebellion und ebenso wenig mit solidarischer Klassenpolitik zu tun.</p><p></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Questa Lega.jpg\" height=\"720\" src=\"/media/images/Questa_Lega.original.jpg\" width=\"960\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Bild aus Neapel: Auf dem Transparent steht \u201eDiese Lega ist eine Schande\u201c. Es ist ein Zitat aus einem Lied von Pino Daniele, einem der gr\u00f6ssten neapoletanischen Liedermacher.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Doch wie wirksam ist ihre Rebellion gegen Italiens Zentralregierung?"}, {"title": "&quot;Eine radikale Linke muss im Sozialen verankert sein&quot;", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>\"Eine radikale Linke muss im Sozialen verankert&nbsp;sein\"</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Potere al Popolo\" height=\"420\" src=\"/media/images/potere_popolo.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Potere al Popolo</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Die italienischen\nRegierungswahlen in diesem Jahr haben den erwarteten starken\nRechtsrutsch in Italien best\u00e4tigt. W\u00e4hrend den alten politischen\nParteien wie dem </i>Partito Democratico<i> (PD, zu diesem geh\u00f6rt\netwa der fr\u00fchere Premier Matteo Renzi) und der </i>Forza Italia<i>\n(der Silvio Berlusconi angeh\u00f6rt) eine Absage erteilt wurde, erlebten\nProteststimmen wie die rassistische </i>Lega (ehemals Lega Nord<i> (LN)) im Norden\nund die Populist*innen des </i>Movimento 5 Stelle<i> (M5S) einen massiven\nAufschwung. Mittlerweile ist klar, dass die M5S und die Lega die neue\nRegierung bilden werden. Doch die bisher abgeschlossenen Vertr\u00e4ge\nzeigen kaum einen Bruch mit dem herk\u00f6mmlichen Kurs des PD, sondern\nlediglich eine Akzentuierung neoliberaler und repressiver Ma\u00dfnahmen. Sie sind\nweitaus nicht so antieurop\u00e4isch wie erwartet. F\u00fcr die\nPrekarisierten und auch die Arbeiter*innen so wichtige Wahlversprechen\nwie die R\u00fcckg\u00e4ngigmachung des Jobs Act oder der Rentenreform werden\nim Vertrag nicht erw\u00e4hnt, ebenso wenig die Einf\u00fchrung des\nGrundeinkommens (ein schillerndes Wahlversprechen der M5S). Nach\nmehrmonatigen Verhandlungen stimmte nun Staatspr\u00e4sident Sergio\nMattarella einem Vorschlag von M5S und Lega zu: Ministerpr\u00e4sident\nwird aller Voraussicht nach der Jurist Giuseppe Conte, ein der M5S\nnahestehender Technokrat. Damit wird die dritte Republik eingel\u00e4utet.\nLinke Ideen fanden bei diesen Wahlen wenig Ausdruck, auch ehemalige\nlinke Parteien stehen vor einem Scherbenhaufen. Doch die aktuelle\npolitische Lage bringt auch neue linke Kr\u00e4fte auf den Plan. Wir\nf\u00fchren unsere lose Reihe zu Italien fort und sp\u00fcren diesen neuen\nGegenbewegungen nach. </i>\n</p><p>\n</p><p>\n</p><p><i>Dazu z\u00e4hlt neue\nkommunistische Bewegung </i><i>\u00abPotere al\nPopolo\u00bb, die inzwischen italienweit aktiv ist. Der Impuls dazu\nentstand bereits im Jahr 2014 in einem sozialen Zentrum in Neapel</i><i>\nals eine Art Netzwerk von lokalen Basisinitiativen. Diese haben sich</i><i>\ninnerhalb des letzten Jahres national und international vernetzt und\nder Zusammenschluss trat bei den Wahlen in Italien im M\u00e4rz 2018 als\npolitische Bewegung an. Unsere Autorin Maja Tschumi hat mit dem\nAktivisten Maurizio aus Neapel \u00fcber die Entwicklung der\nkommunistischen Bewegung, \u00fcber ihre Grunds\u00e4tze, \u00fcber Erfolge und\nHerausforderungen und nicht zuletzt \u00fcber die notwendigen K\u00e4mpfe\ngesprochen, welche die junge Bewegung auch in Bezug auf die\nerstarkenden neofaschistischen Kr\u00e4fte in Italien vor sich hat</i><i>.</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]: </b><i>Euch gibt es nun\nseit knapp vier Jahren, bekannt wurde euer Name aber vor allem im\nletzten halben Jahr.</i><b> </b><i>Welche\nVorgeschichte hat die kommunistische Bewegung \u00abPotere al Popolo\u00bb?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p>\n<b>Maurizio:</b> Dazu m\u00fcssen wir einige Schritte zur\u00fcckgehen. Seit den 2000er Jahren befinden wir uns in Italien in bewegten, aber schwierigen\nZeiten. Die Krise der institutionellen Repr\u00e4sentanz der\nLinken gipfelte in den Ausschluss der letzten Kommunist*innen aus dem\nParlament im Jahr 2008. Die soziale Bewegung war trotz gr\u00f6\u00dferen\nMobilisierungen unf\u00e4hig, Angriffe auf die Arbeiter*innenklasse\nabzuwehren. In diesen Jahren wurden die nationalen Tarifvertr\u00e4ge\nausgeh\u00f6hlt, der K\u00fcndigungsschutz aufgehoben, die L\u00f6hne eingefroren\nund Formen prek\u00e4rer Vertr\u00e4ge, vor allem f\u00fcr junge Arbeiter*innen,\nvervielf\u00e4ltigt. Nach und nach verlor die soziale Bewegung also an\nMobilisierungskraft, Demonstrationen verwandelten sich zu\nritual\u00e4hnlichen Anl\u00e4ssen, an denen wir uns immer im engeren Kreis\nwiederfanden. Dann, 2014, wurde rund um das Kollektiv \u00abClash City\nWorkers\u00bb, das mit ihrem Buch \u00abDove sono i nostri\u00bb [1]\ngrunds\u00e4tzliche Fragen innerhalb der sozialen Bewegung in Italien\nhineintrug, ein erstes italienweites Netzwerk gegr\u00fcndet. Die soziale\nBewegung hatte sich vom politischen Subjekt verabschiedet, welches\nder Motor der sozialen Ver\u00e4nderung sein kann. F\u00fcr den gr\u00f6\u00dften\nTeil der Bewegung w\u00e4hlte die Arbeiter*innenklasse rechts, in einigen\npolitischen Ans\u00e4tzen gab es sozialen Klassen und daher den\nKlassenkampf schon gar nicht mehr. Wir haben die Klassenfrage wieder\nauf die Tagesordnung gebracht und starteten italienweite Treffen. In\nder Folge lancierten wir einen Prozess, welcher ausgehend von der\nAnalyse der Zentralit\u00e4t des Klassenkonflikts zwischen Kapital und\nArbeiter*innen die politische Arbeit neu zu interpretieren versuchte:\nEs ging nicht nur mehr darum, vor den Fabriktoren oder w\u00e4hrend\nDemonstrationen mit einem Flugblatt zu erkl\u00e4ren, was Ausbeutung ist\nund wie wir darauf antworten m\u00fcssen, sondern zu fragen, was die\naktuellen Bed\u00fcrfnisse der sehr heterogenen Arbeiter*innenklasse sind,\nzusammen mit Arbeiter*innen diese Fragen und Probleme zu diskutieren\nund entsprechende Mobilisierungsm\u00f6glichkeiten zu finden. Denn auf\ndem ganzen italienischen Territorium wird gek\u00e4mpft, diese K\u00e4mpfe\nbleiben aber territorial isoliert. Denken wir an die K\u00e4mpfe der\nLogistikarbeiter*innen im Norden Italiens oder an die 25-j\u00e4hrige\nBewegung gegen die Hochgeschwindigkeitsstrecke Turin-Lyon, NoTAV.</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b><i> </i><i>Das\nhei\u00dft ihr habt versucht, die unterschiedlichen K\u00e4mpfe in Italien\nwieder gemeinsam zu denken und zusammenzuf\u00fchren. Wie war denn die\nLage in Neapel zu dieser Zeit?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> F\u00fcr\nuns in Neapel war das Jahr 2015 ein wichtiges Jahr. Im M\u00e4rz haben\nwir, das sind die \u00abClash City Workers\u00bb, zusammen mit dem\nStudierendenkollektiv CAU und dem Sch\u00fcler*innenkollektiv SAC, ein\nehemaliges psychiatrisches Gef\u00e4ngnis besetzt, welches seit\n2007 leer stand: Das \u00abEx OPG\u00bb. So\nkonnten wir einen qualitativen Sprung nach vorne machen. Wir hatten\nnun einen Ort und eine Struktur zur Verf\u00fcgung, auf deren Basis die\nAktivit\u00e4ten in den Quartieren und mit den Arbeiter*innen zusammen\nentwickelt werden konnten. Innerhalb von drei Jahren haben wir\nzahlreiche soziale Aktivit\u00e4ten und Aktivit\u00e4ten der gegenseitigen\nHilfe (Mutualismus) vorangetrieben, welche jede Woche hunderte\nMenschen zusammenbringen: vom medizinischen Ambulatorium zur\nAnlaufstelle f\u00fcr Migrant*innen, von der proletarischen\nArbeiter*innenkammer zu kulturellen und Sportaktivit\u00e4ten und vieles\nmehr. [2].</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b><i> </i><i>Im\nNovember 2017 wurde \u00abPotere al Popolo\u00bb dann als eine gr\u00f6\u00dfere\npolitische Bewegung ins Leben gerufen, welche sich auf das Terrain\nder Wahlen wagte. Was war die Ausgangslage f\u00fcr die Ausweitung zu\neiner nationalen Bewegung?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> Potere\nal Popolo, verstanden als Zusammenschluss linker Organisationen und\nBasisinitiativen, wurde auf der Basis der obengenannten Entwicklungen\ngeboren. Wir stehen vor massiven sozialen Problemen und Konflikten,\ndie organisiert bek\u00e4mpft werden m\u00fcssen. Die Arbeitsmarktreform Jobs\nAct und die Bildungsreform \u00abbuona scuola\u00bb haben eine uferlose\nFlexibilit\u00e4t eingef\u00fchrt, vor allem f\u00fcr junge Arbeiter*innen, die\nnun schon w\u00e4hrend der Schulzeit unentgeltet Praktikas in Betrieben\nakzeptieren m\u00fcssen; Schwarzarbeit ist mittlerweile zu einem\nStrukturmerkmal des Arbeitsmarktes geworden; j\u00e4hrlich <a href=\"http://banchedati.chiesacattolica.it/pls/cci_new_v3/V3_S2EW_CONSULTAZIONE.mostra_pagina?id_pagina=84393\">migrieren\n124.000 Italiener*innen ins Ausland</a>\n(England, Deutschland, Schweiz die ersten Ziell\u00e4nder) [3], 40\nProzent davon sind 24- bis 34-j\u00e4hrige, 50 Prozent aus dem\n\u00abMezzogiorno\u00bb (dem S\u00fcden Italiens). T\u00e4glich sterben drei\nArbeiter*innen am Arbeitsplatz und 1700 Arbeitsunf\u00e4lle werden\ngemeldet. Die Mitte-Links-Koalition (Partito Democratico, PD) sprang\nschon vor L\u00e4ngerem auf den repressiven und fremdenfeindlichen Zug\neiner rechtskonservativen Politik auf, links davon scheiterten alle\nVersuche der Neuzusammensetzung einer alternativen politischen Kraft.\nDaraufhin haben wir uns entschlossen, den Spie\u00df umzudrehen: Wenn wir\n\u2013 damit gemeint sind junge M\u00e4nner, Frauen*, Prek\u00e4re \u2013 von\nniemandem repr\u00e4sentiert werden, warum repr\u00e4sentieren wir uns nicht\neinfach selbst und sto\u00dfen von den zahlreichen Basisinitiativen\nausgehend einen eigenen Organisierungsprozess an? Das war am 14.\nNovember 2017. Nach einem entsprechenden Aufruf in den Sozialen\nMedien versammelten sich nur vier Tage sp\u00e4ter, am 18. November 2017,\nim \u00abTeatro Italia\u00bb in Rom 800 Basisaktivist*innen aus ganz Italien,\num eine gemeinsame Perspektive und unsere Rolle bei den anstehenden\nnationalen Wahlen zu diskutieren. Das war ein gro\u00dfer Erfolg und ein\ndeutliches Zeichen, dass wir mit unserer Einsch\u00e4tzung einen Nerv\ngetroffen haben. \n</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b> <i>Warum\nder Name \u00abPotere al Popolo\u00bb? Welche Rolle spielt darin die Idee\neines linken Populismus und welche Konnotationen hat der Begriff\n\u00abPopolo\u00bb in Italien?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> \u00abPopolo\u00bb\nist sowohl ein soziologischer, als auch ein politischer Begriff.\nSoziologisch entspringt er der aktuellen Analyse: Die nun seit \u00fcber\nzehn Jahren andauernde Krise und die politischen Antworten der\nBourgeoisie haben nicht nur die klassischen \u00abproletarischen\u00bb\nArbeiter*innen empfindlich getroffen und in die Armut getrieben,\nsondern auch Teile der Mittelschicht prekarisiert. Wir m\u00fcssen also\ndie Neuzusammensetzung der Klasse auf der Basis dieser politischen\nund \u00f6konomischen Dynamiken fassen: Deindustrialisierungsprozesse,\nprek\u00e4re Schwarzarbeit in den boomenden Sektoren (Tourismus,\nGastronomie, Hotelbranche, Call Center), Biographien zwischen\nArbeitslosigkeit, Stellensuche und prek\u00e4ren Jobs, ein massiver Abbau\nsozialer Dienste, in erster Linie im Gesundheits- und Bildungssektor.\nPolitisch k\u00f6nnen wir uns nicht darauf beschr\u00e4nken, zum \u00abklassischen\nProletariat\u00bb zu sprechen. \u00abPopolo\u00bb integriert in dieser\nPerspektive all diejenigen sozialen Subjekte, die als Arbeitslose,\nKleinh\u00e4ndler*innen, erwerbslose Hausarbeiterinnen etc. \u00abproletarische\nExistenzen\u00bb leben. \n</p><p>\n</p><p>Zudem\nist der Name Potere al Popolo historisch auf eine bestimmte\npolitische Tradition zur\u00fcckzuf\u00fchren. Wir denken da konkret an die\nErfahrungen der \u00abBlack Panther Party\u00bb, welche die politische\nOrganisierung der schwarzen Bev\u00f6lkerung in den USA und die soziale\nGleichheit zwischen Schwarzen und Wei\u00dfen zum Ziel hatte. Bekannt\nwurden sie durch die Bilder von bewaffneten M\u00e4nnern in schwarzer\nLederjacke und Barett. Weniger bekannt sind ihre Basisaktivit\u00e4ten \u2013\ndie kostenlosen Fr\u00fchst\u00fccke, welche sie den Armen verteilten, die\nmedizinischen Ambulatorien, die sie f\u00fcr die Communities aufbauten\noder auch die Alphabetisierungsprogramme f\u00fcr <i>Schwarze</i>. Sie gingen\nalso von konkreten sozialen Bed\u00fcrfnissen von gesellschaftlich\nMarginalisierten aus, um ihre sozialen Aktivit\u00e4ten aufzubauen und\npolitische Organisierung vorzubringen. Wir befinden uns heute\nnat\u00fcrlich in einer historisch total anderen Situation, doch wir\nstellen fest, dass der freie Markt und der Staat immer mehr Menschen\nvom sozialen Reichtum ausschliesst. Von diesen historischen\nErfahrungen gibt es also jede Menge zu lernen. Potere al Popolo\nstellt sich in diese theoretische und politische Perspektive.</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b> <i>Welche\nAnalyse habt ihr von der Linken Italiens \u2013 wo steht sie und warum\nbraucht es eine Bewegung wie \u00abPotere al Popolo\u00bb?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> Nicht\nnur die italienische Linke, sondern die Linke <i>insgesamt</i>\nhat in den letzten drei Jahrzehnten den Bezug zu den Ausgebeuteten\nund Unterdr\u00fcckten fast komplett verloren oder aufgegeben. Dies ist\nunter anderem darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass linke Parteien\nb\u00fcrokratische Apparate geworden sind und sich viele politische\nAktivist*innen jenseits der konkreten Probleme der Arbeitenden\nverstehen. Wir verstehen uns als einen Teil dieser sozialen Gruppe.\nWir arbeiten prek\u00e4r und haben \u2013 mit oder ohne\nUniversit\u00e4tsabschluss \u2013 kaum Zukunftsperspektiven. Im S\u00fcden\nItaliens betr\u00e4gt die Arbeitslosenquote unter 20-30j\u00e4hrigen im\nSchnitt 36 Prozent, in gewissen Regionen sogar \u00fcber 50 Prozent. F\u00fcr\nuns kann sich eine radikale Linke nur dann neu konstituieren, wenn\nsie im Sozialen verankert ist. Das Prinzip, das wir hier verfolgen,\nist der Mutualismus. Dabei geht es uns um folgendes: Zu erforschen,\nwas die allt\u00e4glichen Probleme und Bed\u00fcrfnisse der arbeitenden\nKlasse sind, Formen der Organisierung zu finden, um diese Probleme\nangehen zu k\u00f6nnen und \u00fcber angemessene Mobilisierungsstrategien\nkollektive K\u00e4mpfe zu starten \u2013 immer mit dem Ziel, unsere\nexistenziellen Bed\u00fcrfnisse zu garantieren und zur\u00fcck zu erk\u00e4mpfen,\nwo sie bedroht sind. Das geht von selbstverwalteten Kinderkrippen\n\u00fcber kulturelle und Sportangebote (Theater, Tanzkurse, Boxgym) bis\nhin zu selbstorganisierten medizinischen Ambulatorien und \u00abCamere\nPopolari del Lavoro\u00bb (proletarische Arbeiter*innenkammern). Diese\nAktivit\u00e4ten und Strukturen stellen eine Art \u00abTrainingsorte\u00bb des\npolitischen Kampfes dar: \u00dcber die Mobilisierungen und K\u00e4mpfe wird\nPartizipation, Organisierung und Selbstverwaltung ge\u00fcbt, evaluiert\nund wenn m\u00f6glich auf eine neue Ebene gehoben. Im Grunde genommen\nmachen wir aber nichts Neues, sondern kn\u00fcpfen an die Tradition der\nersten sozialistischen, kommunistischen und anarchistischen\nErfahrungen an, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts \u00fcber\nmutualistische Aktivit\u00e4ten und in den von den Arbeiter*innen gebauten\n\u00abCase del Popolo\u00bb (Volksh\u00e4user) breite Bewegungen zu organisieren\nvermochten.</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b> <i>In\neurem Programm steht die \u00abVerteidigung der Verfassung\u00bb an erster\nStelle. Ihr sprecht an verschiedenen Stellen immer wieder von\nDemokratie \u2013 ist euer erkl\u00e4rtes Ziel nicht Sozialismus beziehungsweise\nKommunismus und eine revolution\u00e4re Umw\u00e4lzung der bestehenden Gesellschaft?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p>\n<b>Maurizio:</b> Unser Programm ist das Resultat\nvon Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen politischen\nKr\u00e4ften, die sich in Potere al Popolo versammeln. Um den Bezug auf\ndie Verfassung zu verstehen, m\u00fcssen drei Dinge erkl\u00e4rt werden:\nErstens geht die italienische Verfassung aus dem Partisanenkampf\ngegen den Faschismus hervor, sie beinhaltete also historisch wichtige\nElemente f\u00fcr die Befreiung der Arbeiter*innenklasse. Zweitens ist der\nPunkt zur Verteidigung der Verfassung in unserem Programm in einen\nkonkreten historischen Kontext zu setzen: Im Dezember 2016 wurde in\nItalien ein Referendum gegen die Verfassungsreform gewonnen.\nMinisterpr\u00e4sident Matteo Renzi (PD) wollte das wenige Progressive,\nwas die Verfassung heute noch beinhaltet, auch noch verabschieden und\nein Pr\u00e4sidialsystem einf\u00fchren, welches seine Macht noch mehr\nzentralisieren sollte. Das Referendum wurde auch dank wichtigen\nMobilisierungen von unten gewonnen. Drittens k\u00f6nnte es zwar den\nAnschein erheben, dass unsere Forderungen rund um die Verfassung uns\nausschliesslich in einem b\u00fcrgerlich-demokratischen Rahmen situieren,\ndoch wir denken, dass im gegebenen historischen Kontext solche\nAuseinandersetzungen und Mobilisierungen f\u00fcr ein gr\u00f6\u00dferes St\u00fcck\nvom Kuchen als Sprungbrett dienen k\u00f6nnen, um sich die ganze B\u00e4ckerei\nzu nehmen. Klar, wir stehen hier vor objektiven Grenzen des Kapitals,\nin dieser Krisenzeit \u00fcberhaupt was abgeben zu k\u00f6nnen. Doch (leider)\nist eine kommunistische Perspektive heute nicht erreichbar. Darum\nsind intermedi\u00e4re Auseinandersetzungen, Mobilisierungen und K\u00e4mpfe\nnotwendig. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass K\u00e4mpfe f\u00fcr die\nErlangung von Arbeitsvertr\u00e4gen von illegalisierten Arbeiter*innen,\ndie Anerkennung des medizinischen Ambulatoriums von Seiten der\n\u00f6ffentlichen Gesundheitseinrichtungen etc. K\u00e4mpfe darstellen, dank\ndenen wir uns als Kommunist*innen wieder einen sozialen und\npolitischen Raum erarbeiten und Hoffnung und Begeisterung ausl\u00f6sen\nk\u00f6nnen f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Ziele. Ohne diese \u00abZwischenschritte\u00bb ist es\nschwierig, eine kommunistische Perspektive zu denken. Denn wir stehen\nauch vor kulturellen Schwierigkeiten: Wir werden tagt\u00e4glich medial\nmit Nachrichten bombardiert, die die Klasse spalten und im\nmateriellen Leben die Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten in eine noch\nnie dagewesene kapitalistische Konkurrenz beziehungsweise einen \u00abKrieg unter\nden Armen\u00bb st\u00fcrzen. Wir m\u00fcssen also auch einen Weg finden, mit\nunseren Worten die Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten zu erreichen.\nDazu geh\u00f6rt, aktuelle politische Diskurse aufzugreifen und eine\neigenst\u00e4ndige Analyse und Antwort darauf zu geben. Nur so k\u00f6nnen\nMobilisierungen funktionieren und K\u00e4mpfe angestossen werden.  \n</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b> <i>Ihr\nversucht die Basisarbeit und den Stra\u00dfenkampf mit der Teilnahme an\nden Wahlen, das hei\u00dft einem Weg \u00fcber die Institutionen, zu verbinden.\nWelches sind die H\u00fcrden, die sich dabei stellen und wie habt ihr\nvor, sie zu \u00fcberwinden?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> Die\nEntscheidung, als neue politische Kraft an den nationalen Wahlen im\nM\u00e4rz 2018 teilzunehmen, erlaubte uns, den im 2014 angesto\u00dfenen\nProzess der Vernetzung zu intensivieren und in ganz Italien\nBasisversammlungen zu organisieren, an denen hunderte von\nAktivist*innen teilnahmen: Alte Genoss*innen, die aber seit Jahren\nnicht mehr organisiert waren; junge Menschen, die sich zuvor noch nie\nin einem Kollektiv organisiert hatten; Basisaktivist*innen, die sich\nin den letzten zehn Jahren auf ihre sozialen Aktivit\u00e4ten\nfokussierten und nun mit Potere al Popolo eine politische Perspektive\nwiederentdeckten. Von Anfang an pochten wir darauf, nicht einfach\neine neue Partei oder eine Wahlkoalition zu sein, die\nParlamentsmitglieder stellt, sondern diesen medialen Moment zu\nnutzen, um die Aufmerksamkeit auf die vielen sozialen Aktivit\u00e4ten zu\nrichten, die im ganzen Land von Genoss*innen vorangetrieben werden.\nWir kritisieren dieses Modell der politischen Repr\u00e4sentation\ndurchaus und halten trotz Teilnahme an den nationalen Wahlen an\ndieser Kritik fest. Denn ohne Mobilisierungen und Anst\u00f6\u00dfe von unten\nist es unm\u00f6glich, auch auf der Ebene der institutionellen\nRepr\u00e4sentanz Einfluss nehmen zu k\u00f6nnen. Die nationalen Wahlen\nstellten f\u00fcr uns in erster Linie auch eine M\u00f6glichkeit dar, auf\neiner nationalen Ebene sichtbar und h\u00f6rbar zu werden und an Kraft zu\ngewinnen. Von Anfang an war also klar, dass es nicht lediglich um die\nWahl von Potere al Popolo gehen kann und auf institutioneller Ebene\nf\u00fcr die Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen zu\nk\u00e4mpfen. Viel zentraler war f\u00fcr uns der Versuch, das Vertrauen an\ndirekte und kollektive Aktionen zu st\u00e4rken und daf\u00fcr den Kontext\nder nationalen Parlamentswahlen zu nutzen. Uns ist nat\u00fcrlich bewusst, dass dies Gefahren mit sich bringt und lediglich eine sch\u00f6ne\nAbsichtserkl\u00e4rung bleibt, wenn nicht weiterhin Basisarbeit in Form\nvon lokalen Organisierungen und Mobilisierungen geleistet wird. F\u00fcr\nuns sind die sozialen und mutualistischen Aktivit\u00e4ten der einzige\nWeg, um eine starke Bewegung aufzubauen. \n</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b> <i>Wer\nwurde zur Kandidatur aufgestellt?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> Die\nKandidatinnen* und Kandidaten von Potere al Popolo waren territoriale\nAktivist*innen von allen politischen Strukturen. Es waren also nicht\ngro\u00dfe und bekannte Namen, sondern die entlassene Call-Center\nArbeiterin, die in den letzten 18 Monaten einen Arbeitskampf gegen\ndie Entlassung von 1666 Mitarbeitenden angef\u00fchrt hat, Aktivist*innen\nder NoTAV-Bewegung gegen die Hochgeschwindigkeitsstrecke Turin-Lyon,\nAktivist*innen der \u00abBrigate di solidariet\u00e0 attiva\u00bb, welche sich vor\netwa acht Jahren gebildet haben, um w\u00e4hrend den Naturkatastrophen\nwie \u00dcberschwemmungen oder Erdbeben direkte Hilfe zu leisten und so\nweiter. Die Kandidat*innen waren also immer Ausdruck lokaler K\u00e4mpfe,\nMobilisierungen und Basisinitiativen. Damit wollten wir auch zeigen:\nPolitik ist nicht nur institutionelle Repr\u00e4sentanz in Hemd und\nAnzug, sondern auch Widerstand, sich die H\u00e4nde schmutzig machen,\nHoffnung auf tats\u00e4chliche Ver\u00e4nderung, Enthusiasmus von unten.</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b> <i>Ihr\nseid ganz klar eine klassenk\u00e4mpferische \u00abBewegung\u00bb. Wie w\u00fcrdet\nihr die Klasse der Arbeiter*innen heute in Italien fassen?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> Die\nmassive Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, die Rentenreform, welche\ndas Rentenalter erh\u00f6hte, die Schulreformen, welche immer mehr\njunge Menschen in einen hochprekarisierten Arbeitsmarkt dr\u00e4ngen, der\nAb- und Umbau des \u00f6ffentlichen Gesundheitssystems (in zehn Jahren\nsind alleine in der Stadt Napoli zehn Notfallstationen geschlossen\nworden), ein Migrationssystem, welches vor allem im S\u00fcden des Landes\ndie informelle Arbeit aufbl\u00e4st und vieles mehr haben sowohl die\nsoziale Zusammensetzung der Arbeiter*innenklasse, wie auch die\nWiderstands- und Organisierungsformen ver\u00e4ndert. Es ist kein Zufall,\ndass beispielsweise die wichtigsten Mobilisierungen der letzten Jahre\nin Sektoren organisiert wurden, in denen die migrantischen\nArbeiter*innen dominieren, n\u00e4mlich in der Logistikbranche im Norden\nund bei den landwirtschaftlichen Hilfsarbeiter*innen im S\u00fcden. Zudem\nhat sich die Integration der jungen Arbeiter*innen in den Arbeitsmarkt\nin den letzten Jahren ver\u00e4ndert, Schwarzarbeit und Vertragslosigkeit\n\u2013 obwohl schon seit jeher Strukturmerkmal des (s\u00fcd-)italienischen\nArbeitsmarktes \u2013 haben sich weiter verbreitet und sind zur\nNormalit\u00e4t geworden. Schliesslich werden \u00e4ltere Arbeiter*innen, die\nin den 1980er Jahren noch in den Genuss der erk\u00e4mpften\nErrungenschaften der 1970er Jahren kamen (automatische Lohnanpassung,\nK\u00fcndigungsschutz, gute Renten) zunehmend prekarisiert. Das sind nur\neinige Beispiele, welche die Dynamiken der Klassenzusammensetzung\nabbilden. Die andere Seite der Medaille sind die neuen\nOrganisationsformen, die von der Klasse ausgehen. Dabei denken wir an\ndie vor wenigen Wochen gegr\u00fcndete <a href=\"https://www.facebook.com/ridersunionbologna/\">Gewerkschaft\nder <i>Riders</i></a>,\nan die seit Jahren nun immer gr\u00f6ssere Bedeutung der Basis- und an\nden politischen Niedergang der konf\u00f6deralen Gewerkschaften und so\nweiter.</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b> <i>Welche\nStrategien verfolgt \u00abPotere al Popolo\u00bb auf regionaler, nationaler\nund internationaler Ebene? </i>\n</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b>\nKernpunkt unserer politischen Struktur sind die\nterritorialen Versammlungen, von denen in den letzten sechs Monaten\n\u00fcber 150 in ganz Italien entstanden sind. Die territorialen\nVersammlungen sind offen, jede* und jeder kann seine Themen\neinbringen. An den Versammlungen werden politische Analysen generiert\nsowie Aktionen und Kampagnen organisiert. <a href=\"https://poterealpopolo.org/continuare-migliorare-crescere-sulle-prossime-tappe-di-potere-al-popolo/\">Ende\nMai wird eine nationale Versammlung organisiert</a>,\nbei der es um die Frage geht, wie wir uns in naher Zukunft national \u2013\nund international \u2013 organisieren und vernetzen wollen. Wir bestehen\ndarauf, dass \u00fcberall \u00abCase del Popolo\u00bb (Volksh\u00e4user) nach dem\nVorbild der Besetzung Ex-OPG in Napoli entstehen sollen, in denen man\nsich treffen kann, soziale Aktivit\u00e4ten und Aktivit\u00e4ten der\ngegenseitigen Hilfe vorangetrieben, politische K\u00e4mpfe organisiert,\nSolidarit\u00e4t in Unterdr\u00fcckungs- und Ausbeutungserfahrungen erfahren\noder auch einfach eine soziale und politische Gemeinschaftlichkeit\ngelebt werden kann. Wir wollen einen Ort schaffen, der sich auf\ndiskursiver und praktischer Ebene gegen einen individualisierten\nAlltag zur Wehr setzt und antirassistische, antisexistische und\nsolidarische Beziehungen innerhalb der Klasse f\u00f6rdert und bewahrt.\nW\u00e4hrend der Wahlkampagne haben wir viele Kontakte im Ausland kn\u00fcpfen\nk\u00f6nnen. Es waren vorwiegend Auslanditaliener*innen, teils von der\nalten Migration, proletarische Arbeiter*innen, die in den 1960er,\n1970er migriert sind und in den Strukturen der damaligen\nKommunistischen Partei und der Gewerkschaften eine \u00abpolitische\nHeimat\u00bb hatten, teils von der neuen Migration, also Junge, die nach\nAbschluss ihres Studiums ausgewandert sind und heute entweder an\nUniversit\u00e4ten Forschung betreiben, oder eben auch in den\nitalienischen Restaurants in der K\u00fcche oder als KellnerInnen\narbeiten. Die soziale Zusammensetzung der Potere al Popolo-Kollektive\nim Ausland ist also sehr heterogen, was wiederum den Reichtum dieser\nKollektive darstellt. Mittlerweile gibt es Potere al Popolo-Kollektive fast in jeder gr\u00f6\u00dferen europ\u00e4ischen Stadt. Ja, sogar in\nMexiko-City wurde ein Kollektiv gegr\u00fcndet. Diese Strukturen sind\nnat\u00fcrlich fundamental f\u00fcr unsere internationalistische Perspektive.\nDar\u00fcber hinaus sind wir international mit vielen Kollektiven,\nOrganisationen und Parteien einen Austausch getreten: Vom\nArbeiter*innenkollektiv \u00abBerlin Migrant Strikers\u00bb \u00fcber die antifa\nGruppe \u00abantifascisti Bruxelles\u00bb, die Rosa-Luxemburg-Stiftung bis\nhin zu Parteien wie der Kommunistischen Partei Belgiens (PTB), La\nFrance Insoumise (LFI), der katalanischen CUP oder der\nbrasilianischen Landlosenbewegung MST (movimento sem terra). \n</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b> <i>Die\nWahlen selbst sind dann eher katastrophal zu Gunsten der Populist*innen des\nMS5 und des rechts-konservativen und neofaschistischen Lagers\nausgefallen (eine </i><a href=\"https://revoltmag.org/articles/systemblockade-italien/\"><i>Analyse\ndazu</i></a><i> schrieb Raffaele\nTraini f\u00fcr re:volt). In Napoli erreichte der MS5 sogar \u00fcber 50\nProzent der Stimmen. Potere al Popolo erreichte 1,13 Prozent. Warum\nkonnten die W\u00e4hler*innen nicht mit linken Argumenten abgeholt werden? </i>\n</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> Es\nw\u00e4re naiv gewesen zu denken, wir k\u00f6nnten mit einer kaum vier Monate\njungen politischen Bewegung ein besseres Resultat erreichen als wir\njetzt erreicht haben. Zudem haben wir eine starke mediale Marginalisierung\nund Verdrehung erlebt. So wurden w\u00e4hrend der Wahlkampagne in\ndiversen St\u00e4dten Treffen von neofaschistischen Gruppen wie CasaPound\noder Forza Nuova organisiert, wogegen auf Antira- und Antifa-Demonstrationen mobilisiert wurde. Die Zeitungen sprachen aber zum\nBeispiel kaum von der gro\u00dfen Demonstration in Macerata Anfang\nFebruar, nachdem ein durchgeknallter <a href=\"https://revoltmag.org/articles/nicht-die-zeit-zu-schweigen-es-ist-die-zeit-des-widerstands/\">Neofascho\nauf sechs <i>Schwarze</i> Menschen</a>\nschoss, an der \u00fcber 20.000 Menschen teilnahmen und f\u00fcr die wir\ntausende Aktivist*innen von Potere al Popolo aus ganz Italien\nzusammenbringen konnten. Wenn \u00fcber uns gesprochen wurde, dann nur in\neinem Atemzug mit den \u00abExtremen\u00bb von Rechts \u2013 der bekannte\nDiskurs der \u00abopposti estremismi\u00bb. F\u00fcr uns ist entscheidend, dass\nwir in dieser kurzen Zeit eine mediale Pr\u00e4senz \u00fcber Italien hinaus\nerreicht haben. In Italien haben uns fast 400.000 Personen gew\u00e4hlt,\nin den St\u00e4dten und Stadtteilen, in denen wir sozial und politisch\naktiv sind, haben wir bis zu 8 Prozent Stimmanteil geholt. Diese\nStimmen zeigen uns, dass wir weitermachen m\u00fcssen und unsere\nForderungen auf offene Ohren stossen. Selbstkritik ist aber insofern\nangebracht, als auch wir es nicht geschafft haben, bei den\nW\u00e4hler*innen eine breite Sensibilit\u00e4t f\u00fcr linke Themen zu wecken.\nErstens haben wir die Populist*innen des M5S falsch eingesch\u00e4tzt: Wir\ndachten, sie h\u00e4tten ihren Zenith erreicht und die linken W\u00e4hler*innen,\ndie bisher M5S w\u00e4hlten, k\u00e4men nun dank einem linken, alternativen\nAngebot in unsere Reihen. Das war nicht der Fall. Im Gegenteil: Die\nM5S konnte ihren Wahlanteil vor allem im S\u00fcden massiv ausbauen, ohne\njedoch eine soziale Pr\u00e4senz in den Territorien zu haben. Zweitens\nhaben wir es nicht vermocht, mit unseren Argumenten \u00fcber den\ntraditionellen linken W\u00e4hler*innenanteil hinaus zu \u00fcberzeugen und zu\nmobilisieren. Wir m\u00fcssen verstehen, warum das so ist und daran\narbeiten.</p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maja\nTschumi [re:volt]:</b><i> </i><i>Italien\nnach den Wahlen. Was sind die Herausforderungen und wie geht es mit\nPotere al Popolo weiter?</i></p><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Maurizio:</b> Es gibt\ndrei gro\u00dfe mittel- und langfristige Herausforderungen. Erstens muss\nes uns gelingen, die vielen territorialen, sozialen und\nmutualistischen Aktivit\u00e4ten zu intensivieren, zu verallgemeinern und\nzu organisieren. Nur so k\u00f6nnen wir die gesellschaftlichen und\npolitischen Konflikte auf die Spitze treiben und ausgehend von\nlokalen Mobilisierungen eine nationale oder gar europaweite Bewegung\netablieren. Zweitens m\u00fcssen wir die politische Schulung unserer\nAktivist*innen vorantreiben, um unsere Analyse- und\nInterventionsinstrumente zu sch\u00e4rfen und f\u00fcr die\nraschen politischen und gesellschaftlichen Umw\u00e4lzungen \u00abbewaffnet\u00bb\nzu sein. Diesbez\u00fcglich sind wir mit anderen internationalen\nBewegungen im Kontakt, um von ihren Erfahrungen zu lernen, zum Beispiel mit\nder Landlosenbewegung Brasiliens MST. Sie hat mit der Er\u00f6ffnung\nihrer Schule \u00abFlorestan Fernandez\u00bb im\nJahre 2005 zu einer Verbindung von allt\u00e4glichem und politischem\nWissen beigetragen und so viele Aktivist*innen ausbilden k\u00f6nnen, die\nlangfristig im Kampf des MST engagiert sind. Trotz unterschiedlicher\nhistorischer und sozio\u00f6konomischer Kontexte k\u00f6nnen wir davon viel\nlernen. Drittens m\u00fcssen wir uns eine organisatorische Struktur\ngeben, die \u00fcber die einfache Summe vieler Kollektive und\nOrganisationen hinausgeht. Ein medizinisches Ambulatorium in Neapel\nist eine unmittelbare Antwort auf die Krise des Gesundheitssystems\nder Stadt und eine proletarische Arbeiter*innenkammer kann\nArbeitsvertr\u00e4ge f\u00fcr eine Gruppe von illegalisierten Arbeiter*innen\nerk\u00e4mpfen. Denn ohne die Strukturierung \u00fcber ein Netzwerk hinaus\nbleiben wir machtlos gegen\u00fcber den massiven Angriffen des Kapitals,\nwelche wir heute erleben. In diesen Herausforderungen und Prozessen\nbefinden wir uns im Moment.</p><p>\n</p><hr/><p>\n</p><p><b>Fu\u00dfnoten:</b></p><p>\n</p><p>\n</p><p>[1] Hier findet sich eine <a href=\"http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DocumentServlet?id=36460\">deutsche\nBuchbesprechung</a> von Clash\nCity Workers, <i>Dove sono i nostri. Lavoro, classe e movimenti\nnell\u2019Italia della crisi, la casa usher</i>, Lucca 2014. 202\nSeiten.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>[2]\nAls Mutualismus verstehen wir eine Methode, um das Politische und das\nSoziale zu verbinden: Durch die Praxis der gegenseitigen Hilfe werden\nProbleme identifiziert, konkrete Antworten von unten darauf gegeben\nund durch kollektive Mobilisierungen und K\u00e4mpfe politisiert. Diese\nMethode kn\u00fcpft an die Erfahrungen der ersten sozialistischen\nBewegungen Mitte des 19. Jahrhunderts an.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/eine-radikale-linke-muss-im-sozialen-verankert-sein/", "id": "https://revoltmag.org/articles/eine-radikale-linke-muss-im-sozialen-verankert-sein/", "author": {"name": "Maja Tschumi und Maurizio", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2018-05-25T16:15:21.206577+00:00", "date_modified": "2018-06-04T09:49:08.773361+00:00", "tags": ["re:port", "italien", "potere al popolo", "strategiedebatte", "stadtteilarbeit", "neapel", "kommunismus", "antifaschismus", "mutualismus", "soziales zentrum"], "summary": "\"Politik ist nicht nur institutionelle Repr\u00e4sentanz in Hemd und Anzug, sondern auch Widerstand, sich die H\u00e4nde schmutzig machen, Hoffnung auf tats\u00e4chliche Ver\u00e4nderung.\" \u00dcber Ziele und Herausforderungen einer neuen kommunistischen Bewegung: Ein Gespr\u00e4ch mit Maurizio von Potere al Popolo Neapel."}, {"title": "Systemblockade in Italien", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Systemblockade in&nbsp;Italien</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Movimento5Stelle\" height=\"420\" src=\"/media/images/22261753646_cea47044e8_k.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">RevolWeb https://www.flickr.com/photos/revolweb</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Die\nParlamentswahlen in Italien vom 4. M\u00e4rz sind die Fortsetzung eines\n\u201eanti-Establishment\u201c- Trends, der sich schon bei der Brexit-Wahl,\nden Pr\u00e4sidentschaftswahlen in den USA 2016 und dem\nVerfassungsreferendum in Italien 2016 manifestiert hat.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Auch diesmal\nsind die Ergebnisse ganz anders ausgefallen, als sie sein sollten.\nSie h\u00e4tten eine Fortsetzung der Austerit\u00e4tspolitiken der letzten\nsieben Jahre, die auch die derzeitige \u00dcbergangsregierung hochh\u00e4lt,\nmit anderen Mitteln garantieren sollen. Eine diesbez\u00fcgliche\nkontroverse \u00c4nderung des Wahlgesetzes\nseitens der lange Zeit dominanten<i> Partito Democratico</i> (PD,\nDemokratische Partei) [1] zielte darauf ab, eine Mehrheit f\u00fcr die\npro-europ\u00e4ischen Parteien des Establishments (also PD und\nBerlusconi) zu garantieren. Bei zunehmender Wahlenthaltung \u2013 die\nWahlbeteiligung sank weiter von 75% im Jahre 2013 auf 73% \u2013 stimmte\ndie Wahlbev\u00f6lkerung bewusst gegen diese Option.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Das\nWahlergebnis katapultierte die populistische und klassen\u00fcbergreifende<i>\n5-Sterne-Bewegung (M5S)</i> auf den ersten Platz in den meisten\nitalienischen Regionen, wo sie oft auch die gesamte\nMitte-Rechts-Koalition \u00fcberholte. Gleicherma\u00dfen profitieren konnte\ndie Lega, die Berlusconi \u00fcberholen und somit die dominante Partei\nder Mitte-Rechts-Koalition werden konnte. Es handelt sich hier\num eine Umbennung der ehemaligen<i> Lega Nord</i>, um die\nnationalistischen statt blo\u00df regionalistischen Ambitionen klar zu\nmachen.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Das\nErgebnis symbolisierte auf eine Art und Weise eine systemische\nVer\u00e4nderung. Beide Gewinner der Wahlen adressierten die sich\nverschlechternden Lebensbedingungen nach zehn Jahren Krise und der\nneoliberalen Beschr\u00e4nkungen der EU. Die <i>M5S</i> zog in den Wahlkampf mit\nder Forderung nach der Einf\u00fchrung einer bedarfsabh\u00e4ngigen\nGrundsicherung, da Italien neben Griechenland das einzige EU-Land\nist, das ein solches soziales Auffangnetz nicht kennt. Und die <i>Lega</i>\nforderte die Einf\u00fchrung einer Pauschalsteuer, die angeblich\nsteuerliche Gleichheit schaffen soll. Das w\u00fcrde zwar den Reichen am\nmeisten n\u00fctzen, wirkt aber attraktiv im Angesicht einer sehr\nkomplizierten Steuerb\u00fcrokratie. Die <i>Lega</i> beutete nat\u00fcrlich auch den\ndominanten Trend der Anti-Gefl\u00fcchteten Paranoia und der Ablehnung\nder EU-Regelungen, f\u00fcr ihre Sache aus. Dabei hatte sie jene\nRegelungen in ihrer letzten Amtsperiode noch gemeinsam mit Berlusconi\nunterzeichnet. Diese Taktiken hatten zur Folge, dass die klassischen\nEstablishment-Parteien vernichtend geschlagen wurden: Die Stimmen\ndieser Parteien fielen von insgesamt 70 Prozent auf 30 Prozent im\nLaufe der letzten, von der Finanzkrise dominierten 12 Jahre.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Gewisserma\u00dfen\nlie\u00df sich auch eine Spaltung in Metropole und Provinz erkennen \u2013\nso \u00e4hnlich wie bei den letzten Parlamentswahlen in \u00d6sterreich und\nFrankreich oder beim Verfassungsreferendum 2017 in der T\u00fcrkei. In\nNorditalien wurde in den meisten Metropolen (oder zumindest in den\nreicheren Gegenden) die neoliberale pro-Globalisierungs-Partei <i>PD</i>,\ndie sich sonst \u00fcberall auf dem absteigenden Ast befindet, belohnt.</p><p>\n</p><p>\n</p><h2><b>Eine neue\nRepublik</b></h2><p>\n</p><p>\n</p><p>In Italien\nwird g\u00e4ngigerweise zwischen \u201eErster Republik\u201c und \u201eZweiter\nRepublik\u201c unterschieden bei der Betrachtung des post-faschistischen\nItaliens. Nach dieser Erz\u00e4hlung f\u00e4ngt die sogenannte ,,Erste\nRepublik\u201c nach Ende des Zweiten Weltkriegs an und dauert bis 1994.\nSie ist dominiert gewesen von der Christdemokratie, deren\n\u201enat\u00fcrliche\u201c Opposition die Kommunistische Partei gebildet hat.\nUnterbrochen worden ist diese Geschichte nur von der unheiligen\nAllianz gegen den linksradikalen bewaffneten Kampf der 1970er. Die\nsogenannte \u201eZweite Republik\u201c hingegen zeichne sich durch eine\nBipolarit\u00e4t von Mitte-Links gegen Mitte-Rechts ab, wobei das erste\nLager von der sich zunehmend neoliberalisierenden Sozialdemokratie\nder <i>PD</i>; das Mitte-Rechts-Lager vom Charisma Berlusconis gef\u00fchrt\nwird.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Die Wahlen\n2013 bezeichneten den Anfang des Endes der klassischen Mitte-Links\nRegierungen und damit das Ende der ,,Zweiten Republik\". Die neoliberale Ideologie, sowie unternehmerfreundliche\nGesetzgebung, ersetzten nun vollst\u00e4ndig traditionelle linke Werte.\nDie Verbindung mit Gewerkschaften, Verb\u00e4nden und zivilen Plattformen\nwurde aufgel\u00f6st sowie eine law-and-order-Haltung auch gegen\u00fcber\nsozialen Bewegungen eingenommen. Die Wahlen 2018 brachten diesen\nProzess zu seinem logischen Abschluss: Unter F\u00fchrung von Matteo\nRenzi h\u00f6rte die <i>PD</i> auf eine Massenpartei zu sein und wandelte sich\num in eine Elitenpartei, die auf absehbare Zeit keine entscheidende\nRolle mehr im politischen System einnehmen wird. Gleichzeitig wurde\nBerlusconis Partei, die von zahlreichen Korruptionsskandalen und dem\npolitischen Bet\u00e4tigungsverbot ihres ,,F\u00fchrers\u201c ersch\u00fcttert\nwurde, durch die <i>Lega</i> im Norden und <i>M5S</i> im S\u00fcden Italiens ersetzt.\nSo entstand also eine \u201eDritte\nRepublik\u201c als eine \u201eB\u00fcrgerrepublik\u201c \u2013 so die Worte des\n<i>M5S</i>-F\u00fchrers Luigi di Maio \u2013 im Zuge der Zerst\u00f6rung der beiden\ngro\u00dfen pro-Globalisierungs-Parteien.</p><p>Wodurch zeichnet sich die Entstehung dieser \u201eDritten\nRepublik\u201c aus?<br/></p><p>\n\n</p><p>Einerseits\ngab es eine massive Herausforderung des globalen Status Quo im Jahre\n2011 durch eine Vielzahl von Basisbewegungen f\u00fcr radikale\nDemokratie, die populare Macht und Souver\u00e4nit\u00e4t gegen diejenige der\nEliten forderten. Obwohl unterschiedliche autonome Bewegungen die\nbestehenden Institutionen des italienischen Staates durch K\u00e4mpfe in\nder Bildungssph\u00e4re, den Wohnverh\u00e4ltnissen und den Arbeitspl\u00e4tzen\nherausforderten, konnte letztlich die<i> M5S</i>, die sich bis heute als\nBewegung statt als Partei begreift, vom Unmut der Menschen\nprofitieren. Sie nutze diesen in opportunistischer Manier aus und\ninstitutionalisierte ihn dadurch, dass sie mal links, mal rechts\nblinkte je nach aktueller Stimmungslage.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Andererseits\ntraf eine explosive Mischung an neoliberalem Eigentumsindividualismus\ngemeinsam mit einem sich nach 9/11 herstellenden und mittels\n<i>IS</i>-Anschl\u00e4gen verst\u00e4rkenden xenophoben Sicherheitswahn auf die\nUnf\u00e4higkeit der EU, im Angesicht der gro\u00dfen Migrationswelle im Zuge\ndes Arabischen Fr\u00fchlings eine einheitliche Strategie zu entwickeln.\nDas f\u00fchrte zu einer impliziten Front zwischen den Bossen und einem\nGro\u00dfteil der \u201eeinheimischen\u201c, wei\u00dfen Mittel- und Unterklassen.\nSo wurde dann auch die \u201eNationale Pr\u00e4ferenz\u201c-Ideologie\n[2] der<i> Lega</i>, deren Motto \u201ePrima agli Italiani\u201c (\u201eZuerst den\nItalienern!\u201c) an den Lepenismus [3]\nund Trumps \u201eAmerica First\u201c erinnert, in unterschiedlichen Graden\nin den Diskurs der anderen im Parlament vertretenen Parteien\nintegriert. Nicht zuletzt sorgte diese Verschiebung daf\u00fcr, dass\nmittlerweile auch Kindern von Migrant*innen, die in Italien geboren\nwerden, die italienische Staatsb\u00fcrger*innenschaft verweigert wird.</p><p>\n</p><p>\n</p><h2><b>Die\nBlockade der Institutionen</b></h2><p>\n</p><p>\n</p><p>Kann sich in\ndieser sch\u00f6nen neuen Welt der Aufstieg der neuen Parteien in eine\nRegierungsbildung niederschlagen?</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Auch in\nItalien w\u00e4hlen die B\u00fcrger*innen die Abgeordneten, die wiederum die\nPr\u00e4sident*innen der Kammern und die Regierung w\u00e4hlen. Das geltende\nWahlgesetz hat hingegen mit 33 Prozent f\u00fcr die <i>M5S</i> und 37 Prozent\nf\u00fcr die gesamte Mitte-Rechts-Koalition f\u00fcr eine institutionelle\nBlockade gesorgt. Es gibt auch eine Reihe von anderen, sich\n\u00fcberschneidenden Spaltungen:</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Da gibt es\nzu erst einmal<i> ideologische Probleme</i>. Wie schon ausgef\u00fchrt,\ngeh\u00f6ren <i>PD</i> wie Berlusconi mehr zum nationalen und europ\u00e4ischen\nEstablishment mit zugeh\u00f6riger Rhetorik, w\u00e4hrend <i>M5S</i> und <i>Lega</i>\neuroskeptisch sind und versuchen, sich aus den Beschr\u00e4nkungen der EU\nzu entwinden. Zum anderen herrscht\nein Zustand der<i>\nTripolarit\u00e4t</i> vor.\nKeine der Parteien oder Koalitionen kann eine Regierung bilden ohne\nUnterst\u00fctzung von zumindest einem der beiden anderen Parteien oder\nKoalitionen.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Dann gibt es\nnoch den<i> Widerspruch</i> zwischen dem<i> popularen Wunsch</i> nach\neiner effektiven, euroskeptischen Regierung und dem<i> Unwillen</i>\nvon Teilen der <i>M5S</i> und <i>Lega</i>-W\u00e4hlerschaft, miteinander in eine\nKoalition zu gehen: W\u00e4hrend die<i> M5S </i>die Lega zu den \u201ealten\nParteien\u201c z\u00e4hlt aufgrund ihrer ehemaligen Regierungsbeteiligungen\nin Berlusconi-gef\u00fchrten Regierungen, h\u00e4lt die <i>Lega</i> die <i>M5S</i> f\u00fcr\nnicht hart genug in punkto Migrationsfragen und kritisiert einige\nandere ihrer \u201elinken\u201c Vorschl\u00e4ge.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Zus\u00e4tzlich\nk\u00f6nnen wir sicher sein, dass der Pr\u00e4sident, sowie andere\nStaatsinstitutionen die Parteien geradezu dazu n\u00f6tigen werden, so\nschnell wie m\u00f6glich eine verantwortliche Regierung zu bilden, um\nkeine Probleme mit den M\u00e4rkten und der EU zu bekommen.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Und\nnat\u00fcrlich f\u00fcrchten sich die unterlegenen Parteien vor Neuwahlen, da\ndie <i>PD</i>-Basis zur <i>M5S</i> und Berlusconis Basis zur <i>Lega</i> zu tendieren\nscheint. Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnte sich auch einfach die\ninstitutionelle Blockade erneuern.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Es stellt\nsich derzeit also eine klassische Situation des \u201eMexican standoff\u201c\n[4] her: Jeder kann verlieren durch eine Allianz mit einem Rivalen\nund gleichzeitig aber auch durch Neuwahlen.</p><p>\n</p><p>\n</p><h2><b>Alte\nFeinde, neue Herausforderungen</b></h2><p>\n</p><p>\n</p><p>Trotz\nmassenmedialer Pr\u00e4senz, dem Einbruch des Geschichtsbewusstseins\nbez\u00fcglich der<i> Resistenza</i> im Zweiten Weltkrieg und der derzeit\nausufernden Xenophobie und des Nationalismus konnten die\nfaschistische<i> Casa Pound</i> und<i> Italia agli Italiania</i> \u2013\neine Front der Forza Nuova und der Fiamma Tricolore \u2013 kaum Stimmen\ngewinnen und zogen nicht ins Parlament ein.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Zus\u00e4tzlich\nzu gro\u00dfen Antifa-Mobilisierungen gegen beide Rechtsparteien im\nFebruar 2018 liegt der Grund ihrer Schw\u00e4che in der St\u00e4rke der <i>Lega</i>.\nDie <i>Lega</i> war in der Lage, alte und neue Formen nationalistischer,\npatriarchaler und xenophober Diskurse und Praktiken auf der Stra\u00dfe,\nin sozialen Netzwerken, in Think-Tanks und auf parteipolitischer\nEbene zusammenzuf\u00fchren und zu erneuern. Ganz \u00e4hnlich wie die\nMitte-Rechte<i> Nea Demokratia</i> in Griechenland in den Jahren 2011\nbis 2015 aus der Basis der<i> Chrysi Avgi</i> (Goldene Morgenr\u00f6te)\nsch\u00f6pfen konnte, indem sie ihre Haltungen zur Migration und zum\nSicherheitsdiskurs \u00fcbernahm. Damit erschuf sich die <i>Lega</i> einerseits\neinen harten Kern an Militanten und bespielte andererseits\ntats\u00e4chliche Bed\u00fcrfnisse mit Vorschl\u00e4gen zur Reform der Renten,\ndes Bankensystems und der Steuern.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Sollte eine\nsolche trumpistische Perspektive aus der institutionellen Blockade\nsiegreich hervorgehen, k\u00f6nnte dies \u00e4hnlich wie im Vorlauf zu den\nWahlen zu einer gesunden links-rechts Polarisierung und zu einer\nRevitalisierung von antagonistischen Basisbewegungen f\u00fchren, die\njedoch weiterhin an einer systemischen Alternative arbeiten m\u00fcssten.\nSollte hingegen die <i>M5S</i>, die ja f\u00fcr sich geworben hatte mit Pl\u00e4nen\nzur Einf\u00fchrung einer bedarfsabh\u00e4ngigen Grundsicherung sowie\nalternativen Entwicklungsmodellen, siegreich aus dem Patt\nhervorgehen, k\u00f6nnten neue soziale Bewegungen entstehen, die Druck\naufbauen, damit genau jene Vorschl\u00e4ge umgesetzt und ausgebaut\nwerden. Nat\u00fcrlich ist auch m\u00f6glich, dass sich tats\u00e4chlich eine\n<i>M5S-Lega</i>-Regierung herausbildet, was einen gro\u00dfen Raum f\u00fcr\npolitische Interventionen der Linken er\u00f6ffnen w\u00fcrde; oder aber,\ndass sich eine Regierung der Waffenruhe bildet, die sich auf das\nj\u00e4hrliche Budget sowie m\u00f6glicherweise ein neues Wahlgesetz einigt,\nwas den derzeitigen Zustand hinausz\u00f6gern w\u00fcrde.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>In jeder\nHinsicht wird sich ein Novum in Westeuropa herstellen: Bisher wurden\nsoziale Bewegungen nicht konfrontiert mit souver\u00e4nistischen\nNationalisten in den Satteln der Regierung. W\u00e4hrend sich diese als\nneue Elite installieren werden, muss jede vern\u00fcnftige soziale\nAlternative diese Eliten daran messen, wie sehr sie mit radikaler\nDemokratie oder nicht doch eher mit dem Autoritarismus verbunden ist.\nGleichzeitig muss sie sie daran bemessen, ob sie in der Lage sind,\ndie Lebensbedingungen der Menschen im Angesicht von supra-nationalen\nund nationalen Beschr\u00e4nkungen zu verbessern. Gleichzeitig muss die\nselektive und unsinnige Solidarit\u00e4t der \u201eNationalen Pr\u00e4ferenz\u201c\nbek\u00e4mpft werden.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Als Basis\neiner solchen sozialen Alternative m\u00fcsste angesetzt werden bei\ndenen, die schon vom System der repr\u00e4sentativen Politik\nausgeschlossen sind: Jugendliche, Migrant*innen sowie Teile der armen\nStadt- und Peripheriebewohner*innen. Sprich bei denselben\nKlassensektionen, die die gr\u00f6\u00dften K\u00e4mpfe gegen die Zerst\u00f6rungen\ndes finanziellen Totalitarismus\nder letzten Jahre in Italien gef\u00fchrt haben.</p><hr/><p>\n</p><p>\n</p><p><b>Anmerkungen:</b></p><p>\n</p><p>\n</p><p>[1] Das neue Wahlgesetz von 2017, das nach der Ablehnung des ersten Entwurfs auch <i>Rosatellum bis</i> genannt wird, beinhaltet ein gemischtes Wahlsystem, das Elemente sowohl des Verh\u00e4ltniswahlrechts als auch des Mehrheitswahlrechts enth\u00e4lt. Die Einf\u00fchrung von vielen Wahlbezirken, die nach Mehrheitswahlrecht funktionieren, sollte Koalitionen statt einzelne Parteien wie<i> M5S</i> st\u00e4rken. Zus\u00e4tzlich sollten innerhalb von Koalitionen die starken Parteien gest\u00e4rkt werden, also zum Beispiel Berlusconis Partei gegen\u00fcber der Lega.<br/></p><p>\n</p><p>\n</p><p>[2] Das Konzept der\n\t\u201eNationalen Pr\u00e4ferenz\u201c wie es in den 1980ern vom rechtsradikalen <i>Club du l'Horloge</i>-Kreis in Frankreich entwickelt wurde, ist zu einem Kernelement rechter Parteienprogrammatik wie zum Beispiel der des Front National geworden. Es beinhaltet die Vorstellung, dass der Bezug wohlfahrtsstaatlicher Leistungen und anderer Formen \u00f6ffentlicher Hilfsleistungen und Rechte an eine bestimmte ethnisch-nationalstaatliche Identit\u00e4t statt an Bed\u00fcrftigkeit gekoppelt wird.<br/></p><p>\n</p><p>\n</p><p>[3]<i>\nLepenismus</i> bezeichnet eine staatszentrierte, post-globale,\nsouver\u00e4nistisch-rechte politische Perspektive, die sich aus dem\nNamen der Vorsitzenden des rechtsradikalen<i> Front National</i>,\nMarine Le Pen, ableitet.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>[4] Der<i>\nMexican standoff</i>\u00a0 bezeichnet umgangssprachlich eine Situation, in\nder keine der beteiligten Partien eindeutig gewinnen noch durch\noffensives oder defensives Verhalten die Situation l\u00f6sen kann. Der\n<i>Mexican standoff</i> ist ein Markenzeichen des Italowesterns: Drei\nRivalen stehen sich mit gez\u00fcckten Waffen gegen\u00fcber, keiner schie\u00dft,\num nicht Zielscheibe des jeweils Dritten zu werden, keiner steckt die\nWaffe weg, um nicht das erste Opfer zu sein.</p><p>\n</p><hr/><p>\n</p><p>Raffaele\nTraini ist unabh\u00e4ngiger und militanter Forscher in Italien.</p><p>\n</p><hr/><p>Aus dem\nEnglischen \u00fcbersetzt von Alp Kayserilio\u011flu.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Entgegen dem Wunsch der dominanten Eliten verloren die pro-europ\u00e4ischen Parteien des Establishments, der euroskeptische Populismus ist im Vormarsch. Raffaele Traini mit einer Analyse und Perspektive f\u00fcr die Linke."}, {"title": "Der aufhaltsame Aufstieg des Neofaschismus in Italien", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Der aufhaltsame Aufstieg des Neofaschismus in&nbsp;Italien</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Banner in der Demonstration in Genua\" height=\"420\" src=\"/media/images/revolt-banner_in_der_demo_gen.d8ead956.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Left Report</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Was l\u00e4uft da\ngerade in Italien? Ist die Bev\u00f6lkerung im Angesicht der j\u00fcngsten\nfremdenfeindlichen und rechten Angriffen konservativ - oder geradezu\nfaschistisch geworden? Aus den Berichten der Mainstream-Medien und\nKorrespondenten l\u00e4sst sich kaum etwas \u00fcber den Zustand des Landes\nableiten, da sie in den meisten F\u00e4llen durch eine Brille der\nParteipolitik, korrupten Eliten, stagnierenden und vermutlich\nbankrotten \u00d6konomie und der Probleme des Migrationsregimes berichten.</p><p>\n</p><p>Aber es w\u00e4re\nschlichtweg falsch, sich an diese Erz\u00e4hlungen zu halten, um den\nWahlkampf und die aktuelle Wiederbelebung der Antifa-Bewegung in\nItalien zu verstehen.</p><p>\n</p><p>Beginnen wir mit\nder Selbstwahrnehmung der repr\u00e4sentativen Politik, die zunehmend zur\nAngelegenheit eines mehr oder weniger wohlhabenden \u00e4lteren,\nschrumpfenden Teils der italienischen Bev\u00f6lkerung wird, wodurch\ngro\u00dfe Teile der italienischen Bev\u00f6lkerung aus der \u201e\u00f6ffentlichen\nMeinung\u201c verschwinden.</p><p>\n</p><p>Insbesondere in\nden letzten f\u00fcnf Jahren sind die Mitgliederzahlen der Parteien (und\nder offiziellen Gewerkschaften) erheblich zur\u00fcckgegangen, die\n\u00f6ffentliche Finanzierung von Parteien wurde verboten, ihre hoch\nverschuldeten territorialen Organisationen teils abgebaut und der Weg\nf\u00fcr die Beeinflussung der Parteien durch private (und sogar\nausl\u00e4ndische) Lobbys und Interessen geebnet. Im Vergleich zu einer\nWahlbeteiligung von 80 Prozent im Jahr 2006 wird erwartet, dass nicht mehr\nals zwei Drittel der potenziellen W\u00e4hler am 4. M\u00e4rz zu den\nWahlurnen gehen werden. Manche sagen, die Wahlbeteiligung k\u00f6nnte\nsogar unter 50 Prozent fallen; bei den Jugendlichen k\u00f6nnte die\nWahlabstinenz bis zu 70 Prozent betragen.</p><p>\n</p><p>Nachdem man sich\ndiesen Kontext verdeutlicht hat, muss das elendige Narrativ\nthematisiert werden, das auf der einen Seite einen scheinbar\nunausweichlichen Faschismus beschreibt, der aus dem Nichts oder Dank\nder Gerissenheit ihrer F\u00fchrer entsteht, und auf der anderen Seite\ndiesen gemeinsam mit dem Antifaschismus als eine veraltete Ideologie\nbegreift, die nur Gang-Gewalt auf den Stra\u00dfen sch\u00fcrt. Drei\ngrundlegende Verschiebungen m\u00fcssen in Betracht gezogen werden, um\nden erneuten Aufstieg von Nationalismus und Faschismus in Italien\nad\u00e4quat zu begreifen.</p><p>\n</p><h2><b>Krise und\nAutoritarismus als neue Ordnung</b></h2><p>\n</p><p>Die Erste ist die\nStaatsschuldenkrise in S\u00fcdeuropa in den Jahren 2010-2011. Die\nunnachgiebige und r\u00e4uberische Haltung der EU-B\u00fcrokratien, die die\nGier und Vetternwirtschaft nationaler Politiker ausnutzte,\nentmachtete einige Teile der nationalen Bourgeoisie, wie man auch\nsp\u00e4ter w\u00e4hrend dem griechischen OXI sehen konnte. Letztere,\ninsbesondere diejenigen, deren Interessen von den Sanktionen gegen\nRussland im Zuge der Krim-Krise 2014 betroffen waren, begannen, sich\nvom Atlantizismus und dem neoliberalen Europ\u00e4ismus abzuwenden. Dies\nwar eine Entwicklung, die parallel verlief zu der Ver\u00e4nderung der\nausl\u00e4nderfeindlichen Partei<i> Lega Nord</i> \u2013 damals ein\nf\u00f6deralistischer und regionalistischer Zusammenschluss \u2013, die\nunter ihrem neuen Sekret\u00e4r Matteo Salvini auf eine lepenistische und\nnationalistische Linie gebracht wurde.</p><p>\n</p><p>Die Zweite steht\nim Zusammenhang mit den Auswirkungen der Migrationsstr\u00f6me im Zuge\ndes Arabischen Fr\u00fchling. Auch wenn diese in Italien weniger\nbedeutend waren als in L\u00e4ndern wie dem Libanon oder der T\u00fcrkei,\nstrapazierten sie den italienischen Staates in vielerlei Hinsicht \u2013\nnamentlich in Bezug auf Wohlfahrts- und Umverteilungssysteme,\nnationale Identit\u00e4t, Beziehung zur EU \u2013 und beeinflussten\ndementsprechend die politische Debatte. Trotz NATO-Operationen in\nLibyen; der Verantwortung daf\u00fcr, mittels der Etablierung \u00f6rtlicher\nCyber- und Milit\u00e4rkomplexe Unterdr\u00fcckung, Krise und Instabilit\u00e4t\nin Teilen Afrikas und des Nahen Ostens gef\u00f6rdert zu haben; der\nKomplizenschaft mit Erdo\u011fans AKP-Regime; und der \u00fcbergreifenden\nKooperation zwischen Parteien und kriminellen Organisationen bei der\nAusbeutung von Zuwanderern und ArbeiterInnen insbesondere im\naufstrebenden Logistiksektor konnten nur wenige den Zusammenhang\nzwischen Krieg, Migration und Austerit\u00e4t erkennen \u2013 und noch\nweniger dagegen ank\u00e4mpfen. \n</p><p>\n</p><p>Die dritte\nVerschiebung ist die vollendete Verwandlung der Mitte-Links<i>\nPartito Democratico</i> (PD) in ein neoliberales und autorit\u00e4res\nGebilde. \n</p><p>\n</p><p>Vor allem seit\ndem Jahr 2014, als der\nSekret\u00e4r von PD Matteo Renzi die ehemalige Letta-Regierung durch\neinen Palast-Putsch st\u00fcrzte, besteht eine verh\u00e4ngnisvolle\nhistorische Verantwortung dieser Partei, die extreme Rechte zur\u00fcck\nin die Mainstream-Politik gelassen zu haben. Nachdem seine Vorg\u00e4nger\nerstmals nach 50 Jahren ein gemeinsames Gedenken an die Faschisten\ndes Zweiten Weltkriegs gestatteten und eine Law-and-Order-Politik und\ndiskriminierende Rahmenbedingungen einf\u00fchrten in einem Versuch,\ndiese mit einer \u201elinken\u201c Identit\u00e4t zu verbinden, stach die von\nRenzi gef\u00fchrte Regierung in zweierlei Hinsicht hervor.</p><p>\n</p><p>Auf der einen\nSeite wurden die st\u00e4rksten sozialen Bewegungen\n(H\u00e4userkampfaktivistInnen, Studis, lokale Komitees,\nLogistikarbeiterInnen) in Italien sowohl mit gezielten Gesetzen als\nauch mit beinahe terroristischen \u201eSicherheitsoperationen\u201c\nangegriffen. Der Einsatz von Bereitschaftspolizei, Wasserwerfern,\nTr\u00e4nengas und anderen Mitteln der Massenkontrolle nahm w\u00e4hrend der\nAmtszeit der PD exponentiell zu, ebenso wie Formen von\npsychologischer, antisozialer Kriegsf\u00fchrung. Zum Beispiel wurde der\nBauhof f\u00fcr den Hochgeschwindigkeitszug TAV im Susa-Tal militarisiert\nund als \u201eOrt von nationalem Interesse\u201c erkl\u00e4rt, um die\nbasisdemokratischen Gegner zu kontrollieren und zu sanktionieren. Bei\nZwangsr\u00e4umungen von besetzten H\u00e4usern (inklusive kranker und\n\u00e4lterer BewohnerInnen und Kindern) in Bologna und Rom hingegen\nwurden teils bis zu 40 Polizeiwagen und Feuerwehrautos gleichzeitig\nin Anspruch genommen, was AktivistInnen dazu brachte zu sagen: \u201eDie\nPD tut, wovon die Lega nur tr\u00e4umt\u201c. \n</p><p>\n</p><p>Nach Renzis\nNiederlage und seinem R\u00fccktritt nach dem Verfassungsreferendum vom\nDezember 2016 (und der Schaffung der Gentiloni-Regierung: einem\nVersuch der Staatseliten, den Neoliberalismus und \u201eSicherheitswahn\u201c\nweiter zu festigen) wurde dieser Ansatz vom neuen Innenminister Marco\nMinniti fortgesetzt und vertieft. Der ehemalige Staatssekret\u00e4r in\nder Regierung D'Alema \u2013 verantwortlich f\u00fcr die Verweigerung des\npolitischen Asyls f\u00fcr den kurdischen F\u00fchrer Abdullah \u00d6calan im\nJahr 1999, was zu seiner anschlie\u00dfenden Verhaftung in Kenia f\u00fchrte\n\u2013 machte Karriere durch eine Reihe von Regierungs- und Parteiposten\nbei der Polizei, Geheimdiensten und NATO-Diensten. Als\nM\u00f6chtegern-Gustav Noske forcierte er eine Reihe abscheulicher\nMa\u00dfnahmen gegen die unteren Klassen und Bewegungen: Da g\u00e4be es zum\neinen den gleichnamigen Minniti-Orlando-Erlass, der die Polizei dazu\nerm\u00e4chtigt, Stadt- oder Stadtteilverbote f\u00fcr willk\u00fcrliche\nKategorien von Menschen und AktivistInnen auszusprechen. Zus\u00e4tzlich\nbef\u00f6rderte er den ehemaligen Genua-G8-Folterer Caldarozzi zu einer\nAnti-Mafia-Beh\u00f6rde. Und er war gleicherma\u00dfen daf\u00fcr verantwortlich,\nden Aufbau von Internierungslagern in Libyen zwecks Kappung des\nmassiven Gefl\u00fcchtetenzustroms vorangetrieben zu haben, ebenso wie\nf\u00fcr die Massenfestnahmen von Migranten auf italienischem Boden,\nwobei eine solche Operation in Mailands Hauptbahnhof vom vergangenen\nJahr an die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte \u201eZeus Xenios\u201c-Operation in\nAthen 2013 erinnerte. Dem Ganzen wurde mit dem (gescheiterten) Verbot\nvon Antifa-Demonstrationen in Macerata als Antwort auf die\nrechtsterroristische Attacke Anfang Februar 2018 die Krone\naufgesetzt. Dies war der Rahmen f\u00fcr die Verteidigung des\n\u201einstitutionellen Antifaschismus\u201c mit einer konfrontationsfreien,\ngedenkfeiernden und naiv-toleranten Herangehensweise \u2013 derweil sich\nStra\u00dfenfaschisten trotz der Gesetzeslage organisieren und\nfinanzieren konnten.</p><p>\n</p><p>Auf der anderen\nSeite fetischisierten Renzi und die ihn umgebenden Medien Salvini\n(und auch andere faschistische Parteien) als ihren bequemen\n\u201eabscheulichen Gegner\u201c und \u201en\u00fctzlichen Idioten\u201c anstatt sich\nauf einen absehbar nicht erfolgreichen Kampf gegen die aufsteigende\npopulistische F\u00fcnf-Sterne-Bewegung einzulassen. Sie konzentrierten\nsich somit auf einen, der niemals ernsthaft beabsichtigte, seinen\nnationalistischen und r\u00fcckschrittlichen Kampf gegen die \u201eanst\u00e4ndige\u201c\nneoliberale, europ\u00e4isch-progressive Elite zu gewinnen. Diese\nFokussierung erm\u00f6glichte es aber der rechtsextremen Partei, dem\nMainstream ihre eigenen Erz\u00e4hlungen, Perspektiven und abstrusen\nVorschl\u00e4ge zu unterbreiten. Parallel zu spektakul\u00e4ren Darstellungen\nvon Faschisten und Verbrechersyndikaten in Fernsehserien und\nFreizeitmagazinen erlaubten die Beh\u00f6rden zunehmend \u201esymbolische\u201c\n\u00f6ffentliche Gedenken an die faschistische Vergangenheit: Selbst der\nNazi-Kriegsverbrecher Erich Priebke erhielt eine \u00f6ffentliche\nBeerdigung und die sterblichen \u00dcberreste des verstorbenen K\u00f6nigs\nVittorio Emanuele III, der Mussolini unterst\u00fctzte, wurden\nzur\u00fcckgef\u00fchrt.</p><p>\n</p><h2><b>Antifa heute\nhei\u00dft Angriff auf die \u201eNationale Pr\u00e4ferenz\u201c</b></h2><p>\n</p><p>Was\nsind nun also die Ergebnisse dieser Prozesse? Nach der Entfremdung\nvon seiner eher linksgerichteten Basis, der K\u00fcrzung von\nSozialleistungen und der Entmachtung seiner StellvertreterInnen in\nGewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Institutionen in einem\nVersuch, nach rechts zu expandieren und zu einer \u201enat\u00fcrlichen\u201c\nRegierungspartei zu werden, die jeden einf\u00e4ngt,\nk\u00f6nnten die anstehenden Wahlen der letzte Akt eines allm\u00e4hlichen\nProzesses der PASOKisierung der PD sein \u2013 und zu ihrem endg\u00fcltigen\nUntergang f\u00fchren, oder sie in eine Koalition mit ihrem ehemaligen\nGegner Berlusconi zwingen. Aber das schlimmste Erbe der letzten f\u00fcnf\nJahre der Technokraten- und PD-Regierung (zusammen mit anderen\nexogenen Faktoren wie dem Versagen von Syriza und Podemos vor der\nh\u00f6heren Gewalt der EU-Politik) ist die durchg\u00e4ngige institutionelle\nHegemonie der Ideologie der \u201eNationalen Pr\u00e4ferenz\u201c. Letztere,\ndie in den 80er Jahren in Frankreich von Ideologen der rechtsextremen<i>\nFront National</i> entwickelt wurde, dreht sich um einen\nbevormundenden Ethnozentrismus und Nationalismus, der darauf aus ist,\n\u201eunsere Probleme zuerst zu l\u00f6sen\u201c und den Einheimischen den\nZugang zu Sozialhilfe und Dienstleistungen als erstes zu geben\nunabh\u00e4ngig vom jeweiligen Bed\u00fcrfniszustand. So wird die Solidarit\u00e4t\nzwischen Einheimischen und Fremden in verschiedenen K\u00e4mpfen und\nBewegungen behindert und ein fiktiver \u201einterner Feind\u201c geschaffen\n\u00e4hnlich wie im Europa der 1930er Jahren. Der Diskurs der \u201eNationalen\nPr\u00e4ferenz\u201c, der jetzt von allen Parteien im aktuellen Parlament\ngef\u00fchrt wird, muss das erste Ziel einer erneuerten langfristigen\nAntifa-Strategie nach den Wahlen sein. Diese wird notwendig eine sein\nm\u00fcssen, die die Verweigerung und den Ausschluss autorit\u00e4rer und\nsicherheitspolitischer Entwicklungen mit einer erneuten Pr\u00e4senz in\nzunehmend gemischten K\u00e4mpfen und Territorien integriert.</p><hr/>Das Kollektiv betreibt die linksradikalen Onlineplattform<a href=\"https://www.infoaut.org/\"> InfoAut.</a>\n\n<hr/>Aus dem Englischen \u00fcbersetzt von Conrad Schwerdt.<br/><p><br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Dem liegt eine Vorgeschichte von Krise und systematisch angekurbeltem Autoritarismus zugrunde. Das Kollektiv InfoAut mit einer Analyse und Vorschl\u00e4gen f\u00fcr eine antifaschistische Strategie."}, {"title": "Nicht die \u201eZeit zu schweigen\u201c, es ist die Zeit des Widerstands", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Nicht die \u201eZeit zu schweigen\u201c, es ist die Zeit des&nbsp;Widerstands</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Zeit des Widerstands - Ketten Demoschutz in Genua\" height=\"420\" src=\"/media/images/ketten_demoschutz_genua_leftr.23c8d48c.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Left Report</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Im Januar 2018 greifen Nazis in Genua eine Gruppe Antifaschist*innen an. Ein Antifaschist wird dabei niedergestochen. Er muss mit einer schweren Verletzung am R\u00fccken im Krankenhaus behandelt werden, \u00fcberlebt den Angriff jedoch. Die AngreiferInnen k\u00f6nnen dem neuen \u201eCasaPound\u201c zugeordnet werden. Ein breites antifaschistisches B\u00fcndnis hatte schon vorher zu einer Demonstration gegen die Nazi-Zentren, gegen Rassismus und faschistische Tendenzen mobilisiert und erh\u00e4lt nun in Folge des Angriffs internationale Unterst\u00fctzung. Auch unser Medienkollektiv, <a href=\"http://leftreport.blogsport.eu/\">Left Report</a>, entscheidet sich, nach Genua zu fahren und <a href=\"http://leftreport.blogsport.eu/video-corteo-antifascista-antifa-demo-in-genua-am-03-02-2018/\">von der Demonstration</a> zu berichten.</p><h2>Genua: Eine antifaschistische Stadt</h2><p>Genua ist eine Stadt mit einer langen antifaschistischen Tradition. Schon w\u00e4hrend die Stadt im Zweiten Weltkrieg unter deutscher Besatzung stand, sabotierten antifaschistische Aktionsgruppen Einrichtungen der Wehrmacht durch Bombenanschl\u00e4ge. Im Jahr 1945 begann in Genua ein Aufstand gegen die deutschen Truppen, der diese schlie\u00dflich zur direkten Kapitulation gegen\u00fcber den Vertreter*innen des <a href=\"http://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/480/\">Widerstands</a> zwang. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte die Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung und wurde Teil des norditalienischen \u201eIndustrie-Dreiecks\u201c [1]. Genua war gepr\u00e4gt von einer links gerichteten Arbeiter*innenschaft, die sich gegen rechte Umtriebe zu wehren wusste. So konnte im Juni 1960 ein Kongress der faschistischen Partei \u201eMovimento Sociale Italiano\u201c durch militante Proteste verhindert werden \u2013 ein Ereignis, auf das sich genuesische Antifaschist*innen auch heute noch gern beziehen. Nennenswerte Nazi-Aktivit\u00e4ten oder gar organisierte rechte Strukturen gab es in der Stadt demnach bisher nicht und bis Anfang des Jahres hatte es nach Angaben genuesischer Genoss*innen seit Jahrzehnten keinen rechtsmotivierten Angriff auf Antifaschist*innen gegeben. Im November 2017 er\u00f6ffnete in Genua allerdings ein B\u00fcro der neofaschischistischen HausbesetzerInnenbewegung und Partei \u201eCasaPound\u201c.</p><h2>\u201eCasaPound\u201c und der \u201eFaschismus des dritten Jahrtausends\u201c</h2><p>Die Bewegung \u201eCasaPound\u201c, die sich im Jahr 2003 gr\u00fcndete, ist nach dem amerikanischen Schriftsteller und Mussolini-Anh\u00e4nger Ezra Pound benannt. Sie bezieht sich positiv auf den historischen Faschismus \u2013 so bezeichnen \u201eCasaPound\u201c-Mitglieder Benito Mussolini als \u201e<a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=cMhMEVSBqnU\">Vater ihrer Heimat</a>\u201e - und stellt sich selbst als Vorreiter eines \u201eneuen\u201c, an die heutige Zeit angepassten Faschismus dar, den sie als \u201eFaschismus des dritten Jahrtausends\u201c bezeichnet.</p><p>Ihr Ziel ist die Durchsetzung sozialer Ma\u00dfnahmen nur f\u00fcr ItalienerInnen im nationalistischen Sinn. So f\u00fchrte \u201eCasaPound\u201c seit seinen Anf\u00e4ngen \u00f6ffentliche Speisungen f\u00fcr wei\u00dfe ItalienerInnen durch, ist im Zivil- und Umweltschutz aktiv und organisiert kulturelle und sportliche Veranstaltungen. Die Anh\u00e4ngerInnen setzen sich zudem f\u00fcr bezahlbaren Wohnraum ein und lassen in den von ihnen besetzten Zentren Familien einziehen, die ihrem rassistischen und neofaschistischen Weltbild entsprechen. In den vergangenen Jahren konnte \u201eCasaPound\u201c in Italien ein weitverzweigtes Netzwerk aufbauen und tausende Mitglieder gewinnen. Trotz ihres offenen Bekenntnisses zum Faschismus hat die Organisation den Status der Gemeinn\u00fctzigkeit und existiert seit 2012 auch als Partei. Bei den kommenden Parlamentswahlen am 04. M\u00e4rz 2018 tritt sie mit ihrem Mitbegr\u00fcnder und F\u00fchrungskader Simone di Stefano an und wirbt f\u00fcr einen Austritt aus der EU und eine gegen Migrant*innen gerichtete Politik. W\u00e4hrend CasaPound nach au\u00dfen ein \u201eSaubermann\u201c-Image vertritt und sich als normale Partei mit legitimen politischen Zielen pr\u00e4sentiert, sind ihre Mitglieder nicht selten in gewaltt\u00e4tige Aktionen gegen Migrant*innen und Andersdenkende verwickelt.</p><h2>Zum Messerangriff auf einen genuesischen Antifaschisten</h2><p>Nachdem sich Genua mit diesem neuen Problem einer neofaschistischen Pr\u00e4senz in der Stadt konfrontiert sah, bildete sich ein breites antifaschistisches B\u00fcndnis namens Genova Antifascista, das f\u00fcr den 03. Februar 2018 zu einer Demonstration gegen Nazi-Zentren, Rassismus und faschistische Tendenzen in der Regierung und f\u00fcr einen revolution\u00e4ren Antifaschismus mobilisierte.</p><p>Am sp\u00e4ten Abend des 12. Januar plakatierten Antifaschist*innen f\u00fcr eben diese Demonstration, als sie von einer Gruppe aus ca. 30 Neonazis, die mit Flaschen, G\u00fcrteln und Messern bewaffnet war, aus dem CasaPound [2] heraus angegriffen wurden. Ein Antifaschist wurde niedergestochen. Er musste mit einer schweren Verletzung am R\u00fccken im Krankenhaus behandelt werden, \u00fcberlebte den Angriff jedoch. Das Bekanntwerden des Angriffs versetzte der Mobilisierung f\u00fcr die Demonstration einen enormen Schub. Es traten weitere antifaschistische Gruppen und Einzelpersonen in das Organisationsb\u00fcndnis ein und zahlreiche Antifaschist*innen aus ganz Italien k\u00fcndigten ihre Teilnahme an.</p><h2>Corteo antifascista a Genova<br/></h2><p>Als wir von der Messerattacke in Genua und der damit zusammenh\u00e4ngenden Mobilisierung f\u00fcr die Gro\u00dfdemonstration h\u00f6rten, beschlossen auch wir, nach Genua zu reisen und dar\u00fcber zu berichten. Wir kontaktierten einige Genoss*innen vor Ort und kamen am Vorabend des 03. Februar an.</p><p>Unsere Unterkunft befand sich mitten in der Altstadt Genuas. Das \u201eCentro Storico\u201c, f\u00fcr das die ligurische Hafenstadt ber\u00fchmt ist, ist gepr\u00e4gt von seiner seit dem Mittelalter erhalten gebliebenen Struktur mit seinen verwinkelten Gassen, die nach oben hin enger zu werden scheinen und von denen manche nicht l\u00e4nger als der Balkon einer Berliner Neubauwohnung sind. Doch die Altstadt atmet nicht nur die mittelalterliche und neuzeitliche Geschichte der Stadt, sondern auch die antifaschistische. Sie ist das alternative Viertel Genuas \u2013 ein Arbeiter*innenviertel, migrantisch gepr\u00e4gt, in dem sich fernab von der Imposanz des riesigen Hafens mit seinen gro\u00dfen Kreuzfahrt- und Frachtschiffen das Leben der einfachen genuesischen Bev\u00f6lkerung abspielt. Touristisch ist das Viertel bei Weitem nicht so \u00fcberlaufen, wie die historischen Zentren anderer italienischer St\u00e4dte. Die Wege sind ges\u00e4umt von zahlreichen kleinen Gesch\u00e4ften und Lokalen und die W\u00e4nde sind voll von linken Graffitis, Plakaten und Aufklebern.<br/></p><p>In unmittelbarer N\u00e4he zueinander befinden sich zwei ehemalige Hausprojekte. Auch wenn die H\u00e4user heute leer stehen, zeugen die k\u00fcnstlerischen Bilder an den H\u00e4userw\u00e4nden noch von der Besetzung. In den Kneipen h\u00e4ngen Fotos von Partisan*innen und in einem besetzten Universit\u00e4tsgeb\u00e4ude befindet sich eine anarchistische Bibliothek. Die Graffitis in den Stra\u00dfen weisen auf die menschenunw\u00fcrdige Behandlung von Gefl\u00fcchteten hin und erinnern an den gewaltsamen Tod von Carlo Giuliani, der hier w\u00e4hrend der Proteste gegen den G8-Gipfel im Jahr 2001 von Polizisten erschossen wurde. Wir versuchten, uns vorzustellen, wie sich in den engen Gassen der Genueser Innenstadt Tausende Gipfelgegner*innen Stra\u00dfenk\u00e4mpfe mit der Polizei geliefert haben.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Gedenkstein f\u00fcr Carlo Giuliani\" height=\"1080\" src=\"/media/images/revolt-Gedenkstein_fur_Carlo_Giuliani.original.jpg\" width=\"1920\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Left Report</span>\n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Gedenkstein f\u00fcr Carlo Giuliani</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Mit den Genoss*innen sprachen wir \u00fcber den Messerangriff und die bevorstehende Demonstration. Sie zeigten sich ersch\u00fcttert und beunruhigt aufgrund der Gewalttat. Nachdem rechte Gewalt in Genua lange Zeit kein Problem war, verunsichert der Angriff die Menschen, aber macht sie auch w\u00fctend. Entsprechend w\u00fcnschten sich die Antifaschist*innen vor Ort, dass den FaschistInnen bei der Demonstration deutlich gemacht wird, dass sie unerw\u00fcnscht sind. Es herrschte aber auch Spannung, wie die Demo nach dem Mobilisierungsschub durch den Angriff ablaufen wird und eine leichte Nervosit\u00e4t ob der Frage, wie die Polizei auf die hohe Pr\u00e4senz angereister Antifaschist*innen in der Stadt an diesem Wochenende reagieren w\u00fcrde.</p><p>Am 03. Februar sammelten sich schon eine Stunde vor Beginn der Demonstration \u00fcber 1000 Menschen auf der Piazza De Ferrari, einem der gr\u00f6\u00dften Pl\u00e4tze Genuas und Hauptschauplatz der Proteste gegen die faschistische \u201eMovimento Sociale Italiano\u201c im Jahr 1960. Nach einiger Wartezeit setzte sich schlie\u00dflich bei strahlendem Sonnenschein ein Demozug von mehreren tausend Menschen in Bewegung. Die Durchmischung der Demo untermauerte, was die Genoss*innen immer wieder betonten: \u201eGenova is a red city.\u201c</p><p>Alles machte einen gut organisierten Eindruck. Hinter dem gro\u00dfen roten Fronttransparent und dem Lautsprecherwagen liefen in gro\u00dfem Abstand zueinander mehrere mit St\u00f6cken ausgestattete organisierte Reihen, die im Verlauf der Demonstration nach Bedarf ihren Standort wechselten, um die Menschen in eine bestimmte Richtung zu lenken oder Polizei und Presse auf Distanz zu halten. Danach folgten ein weiteres Transparent und die Masse der Demonstrationsteilnehmer*innen. In Redebeitr\u00e4gen wurden das neue \u201eCasaPound\u201c und der Messerangriff auf Antifaschist*innen thematisiert. Vor einem anderen erst k\u00fcrzlich er\u00f6ffneten Nazi-Treffpunkt stoppte die Demonstration. Die ganze Stra\u00dfe wurde in orangen Rauch eingenebelt und Vetreter*innen der Mainstream-Presse nachdr\u00fccklich weggeschickt. Als die Demo sich wieder in Bewegung setzte, wurde der Grund f\u00fcr das Vorgehen deutlich. Antifaschist*innen hatten den Nazi-Treffpunkt versiegelt, indem sie einen Metallfu\u00df an der T\u00fcr verschwei\u00dften und mit Silikon eine mit Graffitis bespr\u00fchte Holzwand vor dem Eingang anbrachten. Neben der Symbolkraft der Aktion wurde den Nazis das Betreten der R\u00e4umlichkeiten dadurch sicher erheblich erschwert. Immer wieder wurde aus der Demonstration Pyrotechnik in Form von Rauch und Bengalischen Fackeln gez\u00fcndet \u2013 so zum Beispiel auf dem gro\u00dfen Vorplatz des Bahnhofs Brignole und besonders an der Piazza Alimonda, wo Carlo Giuliani vor fast 17 Jahren erschossen wurde. Nur wenige Meter hinter der Kirche auf der Piazza Alimonda befindet sich nun das \u201eCasaPound\u201c-B\u00fcro, dessen Zufahrtswege an diesem Tag von der Polizei abgeriegelt waren. Hier l\u00f6sten sich einige hundert Menschen aus der Demonstration heraus und bewegten sich auf die Absperrung zu. Sie warfen pyrotechnische Gegenst\u00e4nde in Richtung der Polizei und skandierten antifaschistische Parolen.</p><p>Die Organisator*innen wollten weitere Aktionen in Richtung des \u201eCasaPound\u201c und der Polizei offenbar vermeiden und die Demonstration zuende f\u00fchren. Der Demozug bog also auf die gro\u00dfe Einkaufsstra\u00dfe Via XX Settembre ein. An einer Stelle f\u00fchrt die Stra\u00dfe unter einer imposanten Br\u00fccke, der Ponte Monumentale, hindurch, wo sich auch ein Denkmal f\u00fcr die genuesischen Partisan*innen befindet, die im Zweiten Weltkrieg gegen den Faschismus k\u00e4mpften. Einer von ihnen stand an diesem Tag unter den Marmorb\u00f6gen und sang das Partisanenlied \u201eBella ciao\u201c, in das der Rest der Demo mit einstimmte. Nach diesem ergreifenden Moment erreichte die Demo bald wieder die Piazza De Ferrari und somit ihren Endpunkt. Zum Abschluss wurden noch einmal zahlreiche Bengalos und Raucht\u00f6pfe gez\u00fcndet und wir versuchten, im dichten Nebel unsere Genoss*innen wiederzufinden.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Banner in der Demonstration in Genua\" height=\"1080\" src=\"/media/images/revolt-banner_in_der_demo_genua_n143kfU.original.jpg\" width=\"1920\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Left Report</span>\n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Banner in der Demonstration in Genua</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Insgesamt demonstrierten an diesem Tag \u00fcber 6000 Antifaschist*innen in Genua. Wir selbst waren beeindruckt von der St\u00e4rke und Au\u00dfenwirkung der Demonstration. Die Genoss*innen sprachen von der gr\u00f6\u00dften Demonstration in Genua seit Jahren und von einem deutlichen Zeichen gegen Faschismus. Vor allem, dass die Teilnehmer*innenzahl so hoch war, obwohl man sich auch ausdr\u00fccklich gegen faschistische Tendenzen in der Regierung richtete und und an diesem Tag f\u00fcr einen revolution\u00e4ren und antikapitalistischen Antifaschismus auf die Stra\u00dfe ging, wurde als Sieg betrachtet. In Gespr\u00e4chen wurden allerdings auch Sorgen \u00fcber die kommende Zeit ausgedr\u00fcckt, in der man sich auch fernab solcher Gro\u00dfereignisse den FaschistInnen organisiert in den Weg stellen und der Widerstand \u00fcber symbolische Aktionen hinaus gehen muss.</p><p>Erst als wir uns auf dem R\u00fcckweg von Genua nach Berlin befanden, h\u00f6rten wir davon, dass es am Tag der Demonstration in Genua einen faschistischen Anschlag in Macerata gegeben hatte.</p><h2>Der rechte Anschlag von Macerata</h2><p>W\u00e4hrend in Genua 6000 Menschen gegen Faschismus demonstrierten, fuhr der Attent\u00e4ter Luca Traini durch die 500 km entfernte Provinzhauptstadt Macerata und schoss \u00fcber Stunden hinweg gezielt auf schwarze Menschen, insbesondere afrikanische Migrant*innen. Er verletzte sechs Menschen schwer, wie durch ein Wunder kam niemand zu Tode. Erst nach \u00fcber zwei Stunden wurde Traini von der Polizei gestoppt und festgenommen. Der T\u00e4ter ist ein bekanntes Mitglied der faschistischen \u201eLega Nord\u201c und kandidierte im letzten Jahr auf Lokalebene f\u00fcr die Partei. Er stilisierte sich zum ideologischen M\u00e4rtyrer, lie\u00df sich in eine italienische Fahne geh\u00fcllt festnehmen und machte w\u00e4hrend seiner Vernehmung keinen Hehl aus seinen rassistischen Motiven. Als Beweggrund gab er einen Mord an einer 18-j\u00e4hrigen Italienerin an. F\u00fcr die Tat wurde kurzzeitig ein geb\u00fcrtiger Nigerianer in Untersuchungshaft genommen, der inzwischen aber nicht mehr als verd\u00e4chtig gilt.<br/></p><p>In der Folge wurde durch die Presse viel \u00fcber die rechte Gesinnung des Attent\u00e4ters bekannt. Er habe sich schnell radikalisiert, ein <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/politik/terror-in-italien-gewalt-schamlos-ausgenutzt/20934210.\">Exemplar</a> von \u201eMein Kampf\u201c besessen und die <a href=\"http://www.taz.de/Kolumne-Gehts-noch/!5481089/\">Wolfsrune</a> auf die Schl\u00e4fe t\u00e4towieren lassen. Bezeichnend aber sind vor allem die Reaktionen der Politik auf die Tat.</p><h2>Wo Schweigen herrscht, ist Platz f\u00fcr rechte Hetze</h2><p>Romano Carancini, B\u00fcrgermeister Maceratas, forderte \u00f6ffentlich, es solle Schweigen \u00fcber die Tat vom 03. Februar herrschen. Fassungslos machte seine damit einhergehende Forderung, nicht nur einen faschistischen Aufmarsch in Macerata, sondern auch eine f\u00fcr den auf die Tat folgenden Samstag geplante antifaschistische Demonstration abzusagen, denn die Stadt habe schon <a href=\"http://www.taz.de/Kolumne-Gehts-noch/!5481089/\">genug Wunden davon getragen</a>. W\u00e4hrend seine Sorgen um den Imageschaden der Stadt offenbar gro\u00df waren, fand er f\u00fcr die tats\u00e4chlichen Wunden der Opfer von Macerata keine Worte.</p><p>Ebenso meint Luigi di Maio, Spitzenkandidat der rechten 5-Sterne-Bewegung, es sei <a href=\"http://www.taz.de/Kommentar-rassistischer-Amoklauf-Italien/!5479591/\">Zeit zu schweigen</a>. Italiens Premierminister Paolo Gentiloni <a href=\"http://www.spiegel.de/politik/ausland/macerata-rechtsextreme-marschieren-in-der-stadt-in-italien-auf-a-1192639.html\">verurteilte die Tat zwar</a> als fremdenfeindlich, m\u00f6chte das Thema aber aus dem italienischen Wahlkampf heraushalten.</p><p>W\u00e4hrend sich also einige f\u00fchrende Politiker*innen \u00fcber den faschistischen Anschlag von Macerata also ausschweigen wollen, wird rechte Hetze laut. So macht der ehemalige italienische Ministerpr\u00e4sident und Spitzenkandidat der \u201eForza Italia\u201c Silvio Berlusconi die hohe Zahl an Zuwander*innen und die \u201elinke\u201c Politik der Regierung f\u00fcr die Gewalttat verantwortlich und nennt gefl\u00fcchtete Menschen \u201e<a href=\"http://www.spiegel.de/politik/ausland/macerata-silvio-berlusconi-nennt-migranten-soziale-bombe-a-1191784.html\">eine soziale Bombe</a>, die jederzeit explodieren kann\u201c. In die Hetze reihen sich auch der Spitzenkandidat der \u201eLega Nord\u201c Matteo Salvini und Giorgia Meloni, die f\u00fcr \u201eFratelli d&#x27;Italia\u201c kandidiert \u2013 beides extrem rechte Parteien, mit den denen Berlusconi f\u00fcr die Wahl eine rechte Allianz geschmiedet hat - <a href=\"http://www.corriere.it/elezioni-2018/notizie/sparatoria-macerata-salvini-l-invasione-migranti-porta-scontro-sociale-1e043e02-08e7-11e8-8b93-b872f63dbb4d.shtml\">mit ein</a>.</p><p>Italiens Rechte ist sich einig darin, dass der Anschlag von Macerata die \u201eTat eines Verr\u00fcckten\u201c war, das dr\u00e4ngendere Thema jedoch Migration und ein damit vermeintlich verbundener Anstieg der Kriminalit\u00e4t sei. Der Spitzenkandidat von \u201eCasaPound\u201c fand es bei <a href=\"http://www.cronachemaceratesi.it/2018/02/07/casapound-di-stefano-a-macerata-sono-qui-per-pamela-pena-di-morte-per-chi-lha-fatta-a-pezzi/1064140/\">einem Besuch in Macerata nach dem Anschlag</a> vor allem beklagenswert, dass es dort Parks gebe, die M\u00fctter mit ihren Kindern nicht mehr besuchen w\u00fcrden, weil dort Migrant*innen mit Drogen dealten. Er sei auch nicht wegen Luca Traini dort, sondern wegen der 18-j\u00e4hrigen Italienerin, die von einem \u201eBiest\u201c get\u00f6tet worden sei.<br/></p><p>Die rechte Hetze scheint bei den italienischen Wahlberechtigten gut anzukommen. Berlusconis Rechtsb\u00fcndnis jedenfalls liegt in Umfragen derzeit vorn.</p><h2></h2><h2>Wo rechte Hetze laut wird, muss antifaschistischer Widerspruch lauter sein</h2><p>Es gibt jedoch auch Menschen in Italien, die nicht glauben, dass man rechter Gewalt und Hetze mit Schweigen begegnen sollte. In Macerata selbst demonstrierten eine Woche nach dem Anschlag 30.000 Menschen gegen Faschismus und Rassismus. Zu der Demonstration hatten antifaschistische Gruppen, Gewerkschaften und linke Parteien aufgerufen und es nahmen Antifaschist*innen aus ganz Italien teil. Eine 93-j\u00e4hrige Partisanin, die extra f\u00fcr die Demonstration angereist war, sagte einem <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=v68PLDo4ta4\">Nachrichtensender</a> \u201eSolange ich eine Stimme habe, werde ich da sein.\u201c</p><p>Auch in anderen italienischen St\u00e4dten wie Mailand und Rom demonstrierten Tausende, in der Stadt Piacenza kam es zu militanten Protesten. Diese Menschen zeigen, dass rechte Gewalt nicht unbeantwortet bleibt und demaskieren die Aufrufe f\u00fchrender Politiker*innen zu schweigen als Nichtpositionierung, um im Wahlkampf keine Stimmen einzub\u00fc\u00dfen, indem man faschistische Gewalt als das benennt und verurteilt, was sie ist.</p><p>Es w\u00e4re fatal, rechten HetzerInnen nach der furchtbaren Tat von Macerata das Feld der Deutungshoheit zu \u00fcberlassen und es ist gut und wichtig, dass in Italien trotzdem Zehntausende gegen Faschismus und Rassismus laut geworden sind. Es ist nicht die Zeit des Schweigens, es ist die Zeit des Widerstands.</p><h2>Internationale Solidarit\u00e4t gegen faschistische Gewalt und Umtriebe</h2><p>Die Art der T\u00e4ter-Opfer-Umkehr, wie sie rechte PolitikerInnen nach dem Anschlag von Macerata betreiben, ist kein rein italienisches Ph\u00e4nomen. Es ist g\u00e4ngige Polit-Praxis vieler VertreterInnen rechter Parteien in Europa, Gewalttaten gegen Migrant*innen mit dieser und \u00e4hnlichen Argumentationslinien nachvollziehbar zu machen, soziale Konflikte durch Zuwanderung heraufzubeschw\u00f6ren und Rassismus als Angst vor Migrant*innen zu verkl\u00e4ren.</p><p>Die geistigen BrandstifterInnen schieben ihre eigene Verantwortung f\u00fcr die Zunahme rechter Gewalt von sich und stattdessen den Opfern zu. Die tats\u00e4chlichen Gewaltt\u00e4terInnen werden hingegen wahlweise als verr\u00fcckte Einzelt\u00e4terInnen oder B\u00fcrgerInnen mit \u201eAngst vor Zuwanderung\u201c bezeichnet. Und diese \u201e\u00c4ngste m\u00fcssen ernst genommen werden\u201c - so der g\u00e4ngige Tenor rechter Parteien und inzwischen auch vieler Parteien, die sich in der sogenannten \u201eMitte\u201c verorten. In diesen Zeiten des Rechtsrucks, der Normalisierung faschistischer Politik und immer neuer Gewalttaten gegen Migrant*innen und Andersdenkende, m\u00fcssen Antifaschist*innen solidarisch zusammenzustehen.</p><p>Es ist wichtig, Betroffene und diejenigen, die sich FaschistInnen in den Weg stellen, zu unterst\u00fctzen \u2013 ob in Genua, Macerata oder anderswo. Bei unserem Aufenthalt in Genua und auch auf anderen Reisen haben wir erlebt, wie viel Kraft es den Menschen in ihren K\u00e4mpfen vor Ort gibt, wenn Antifaschist*innen international ihre Solidarit\u00e4t bekunden und diese praktisch werden lassen \u2013 indem sie selbst in die Region reisen und den Kampf dort unterst\u00fctzen, dar\u00fcber berichten oder in anderen L\u00e4ndern und Orten solidarische Aktionen machen. Internationale Solidarit\u00e4t bedeutet, Kapitalismus und Faschismus dort gemeinsam zu bek\u00e4mpfen, wo sie w\u00fcten und emanzipatorische Gesellschaftsformen dort zu unterst\u00fctzen, wo sie entstehen.</p><hr/><p>Mona Lorenz ist Aktivistin des Berliner Medienkollektivs <a href=\"http://leftreport.blogsport.eu/\">Left Report.</a></p><p></p><hr/><h2>Anmerkungen</h2><p>[1] Stark industrialisierte Region in und um die St\u00e4dte Mailand, Turin und Genua.</p><p>[2] Die Zentren und B\u00fcros der Bewegung \u201eCasaPound\u201c werden ebenso selbst als \u201eCasaPound\u201c bezeichnet.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Mona Lorenz vom Medienkollektiv Left Report war vor Ort und berichtet."}, {"title": "Der Wilde Westen Mailands", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Der Wilde Westen&nbsp;Mailands</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Solidarit\u00e4t im Stadtteil\" height=\"420\" src=\"/media/images/solidare-comitato_bitanti_gia.205721b5.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">solidare comitato bitanti giambellino lorenteggio</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Das peruanische Trinkspiel <i>la ronda</i> ist simpel. Ein einziges Bierglas wandert schnell von Hand\nzu Hand \u2013 wenn es leer ist, wird sofort nachgeschenkt. Wer zu sehr tr\u00f6delt,\nwird mit dem Hinweis angetrieben, dass es sich bei dem Inhalt nicht um Suppe\nhandelt. Da die Runde nicht gerade klein ist, k\u00f6nnte man glauben, es w\u00fcrde eine\nEwigkeit dauern, bis ein Effekt sp\u00fcrbar wird. Doch schnell wird klar, dass das\neine Fehleinsch\u00e4tzung ist. Die Stimmung im Hof des sozialen Zentrums Burrida,\nvon dessen Dach aus man beinahe ganz Genua \u00fcberblicken kann, wird schnell\nausgelassen. Lateinamerikanische Popschnulzen bringen die Anwesenden in\nBewegung und wenn man es nicht besser w\u00fcsste, k\u00f6nnte das hier auch eine \u00bbganz\ngew\u00f6hnliche\u00ab Gartenparty sein. Doch fast alle hier leben eigentlich im knapp\nzwei Stunden entfernten Mailand. Die meisten kommen aus Peru oder Ecuador und\nsind vor einigen Jahren auf der Suche nach Arbeit in die norditalienische\nMetropole ausgewandert. Und sie sind so arm, dass die vergangenen zwei Tage an\nder ligurischen K\u00fcste f\u00fcr manche der erste Urlaub ihres Lebens gewesen ist.</p><p>\n\n</p><p>Alle Feiernden an diesem Abend leben in <i>Quateri populari</i>, wie die Arbeiter*innenviertel auf Italienisch\ngenannt werden und von denen es in Mailand zahlreiche gibt. Zu Beginn der 1950er\nJahre entwickelten sich die ersten Migrationsbewegungen vom S\u00fcden Italiens in\ndie industriellen Zentren des Nordens. Sp\u00e4ter bekamen die <i>Quateri populari</i> auch mehr und mehr Zulauf durch globale\nMigrationsbewegungen. Sie alle eint eine schlechte Anbindung ans \u00f6ffentliche\nVerkehrssystem, viele kleine Gesch\u00e4fte und gro\u00dfe Wohnblocks, von denen die\nmeisten in der Zeit des italienischen Faschismus gebaut und seitdem, wenn\n\u00fcberhaupt, nur \u00e4u\u00dferlich renoviert wurden. Die Mietpreise steigen hier\nschneller, als man das Wort Gentrification buchstabieren k\u00f6nnte. Im Zentrum\nMailands kostet eine 1-Zimmer-Wohnung im Durchschnitt derzeit mehr als 1000\nEuro Miete monatlich. In den Randgebieten immer noch 700 Euro \u2013 Tendenz steigend.\nBei einem Durchschnittslohn in der Stadt von rund 1500 Euro, der in den <i>Quateri populari</i> nicht gesondert\nermittelt wird, aber weit darunter liegen d\u00fcrfte, kann sich das hier kaum noch\njemand leisten.</p><p>\n\n</p><p>In den siebziger Jahren war der \u00f6ffentliche Wohnungsbau\ngro\u00df, mehr als 75.000 Sozialwohnungen existieren deshalb noch immer in der\nStadt. Verwaltet werden sie von der \u00f6ffentlichen Wohnungsbaugesellschaft <i>Azienda Lombarda Edilizia Residenziale\nMilano</i> \u2013 kurz ALER. 2013 wurde \u00f6ffentlich, dass einige Angestellte ALERs im\ngro\u00dfen Stil Gelder veruntreut und Bilanzen gef\u00e4lscht hatten \u2013 einige\nVerantwortliche wurden daraufhin zu hohen Gef\u00e4ngnisstrafen verurteilt und\ninsgesamt offenbarte sich ein Finanzloch von mehr als einer Milliarde Euro.\nDamit ist ALER faktisch insolvent und f\u00fcr viele Politiker*innen bot das die\noptimale Gelegenheit, auf eine vollkommene Privatisierung des sozialen\nWohnungsbaus zu insistieren. Seit ebenfalls vier Jahren nimmt ALER, mit Verweis\nauf die fehlenden Finanzmittel, deshalb keine Reparatur- und\nRenovierungsarbeiten der existierenden Wohnungen mehr vor und benutzt den\ndesolaten Zustand vieler Wohnungen als Argument daf\u00fcr, diese nicht mehr neu zu\nvergeben, sobald die vorherigen Mieter*innen ausziehen. Pepe, selber aktiv in\nK\u00e4mpfen um Wohnraum in Mailand, sch\u00fcttelt den Kopf: \u00bbDurch diese Entwicklungen\nentsteht ein absurdes Bild auf dem Wohnungsmarkt Mailands. Mehr als 20.000\nMenschen stehen auf der Warteliste f\u00fcr eine Sozialwohnung \u2013 manche von ihnen\nseit mehr als zehn Jahren \u2013 w\u00e4hrend etwa 8.000 dieser Wohnungen leer stehen.\nDas kann auf die Dauer nicht gut gehen\u00ab.</p><p>\n\n</p><p>Weil diese neoliberale Misswirtschaft eine existentielle\nNotlage produziert, besetzen viele Familien eine Sozialwohnung, sch\u00e4tzungsweise\n4000 solcher Besetzungen gibt es aktuell. Im \u00f6ffentlichen Diskurs der\nStadtobersten wird diese Wohnungskrise gerne als eine \u00bbBesetzungskrise\u00ab\nbezeichnet, was zwar den Bock zum G\u00e4rtner macht, aber zu allerlei\npopulistischen Abenteuern einl\u00e4dt. Eines davon beginnt im November 2014, als\nB\u00fcrgermeister Giuliano Pisapia mit gro\u00dfer Geste und maximaler\nMedieninszenierung verk\u00fcndet, man w\u00fcrde sich dem \u00bbBesetzungsproblem\u00ab jetzt so\nrichtig annehmen und als allererstes binnen weniger Wochen 200 besetzte\nWohnungen r\u00e4umen lassen. Eine der ersten Wohnungen, die ger\u00e4umt werden sollte,\nlag in Giambellino, einem der <i>Quateri\nPopulari</i> im S\u00fcdwesten der Stadt.</p><p>\n\n</p><p>Im Nachhinein bezeichnen die Mitglieder des\nNachbarschaftskomitees von Giambellino es als das gr\u00f6\u00dfte Geschenk, das die\nStadt ihnen h\u00e4tte machen k\u00f6nnen. Ihre Erz\u00e4hlungen dieser Tage beginnen alle\nnahezu identisch, um der Szenerie die n\u00f6tige Dramatik zu verleihen: \u00bbEs war\ngrau und nieselig. Niemand war auf der Stra\u00dfe und als wir an der Wohnung\nankamen, war die Polizei schon im Geb\u00e4ude\u00ab. Doch dann lief alles anders als gedacht.\nInnerhalb weniger Minuten waren hunderte Nachbar*innen auf der Stra\u00dfe, zogen\naufgebracht zur Wohnung und als Flaschen und Steine auf die Beamten der\nKommunalpolizei flogen, machten diese sich unverrichteter Dinge aus dem Staub.\nAm n\u00e4chsten Tag titelte die regionale Presse \u00fcber Bildern k\u00e4mpfender\nAnwohner*innen \u00bbDer wilde Westen Mailands\u00ab.</p><p>\n\n</p><p>Die gleichen Szenen, nicht selten von noch heftigeren\nAuseinandersetzungen begleitet, spielten sich in den folgenden zwei Wochen bei\nfast jeder R\u00e4umung ab, die im Auftrag ALERs durchgesetzt werden sollte. Um zu\nverdeutlichen, wie aufgeheizt die Stimmung dieser Tage war, wird oft die\nGeschichte des anarchistischen Zentrums <i>SAO\nRosa Nera</i> im Stadtteil Corvetto erz\u00e4hlt: Das besetzte Zentrum war\ntraditionell subkulturell isoliert, es gab weder von Seiten der Anwohner*innen\nnoch von Seiten der Besetzer*innen ein gesteigertes Interesse an einem\nnachbarschaftlichen Verh\u00e4ltnis, was \u00fcber den t\u00e4glichen Kioskbesuch hinausging.\nDoch als die kommunale Polizei gemeinsam mit den Carabinieri am 17. November\n2014 anr\u00fcckte, um das Geb\u00e4ude zu r\u00e4umen, l\u00f6ste das pl\u00f6tzlich einen\nstundenlangen Aufstand des ganzen Viertels aus \u2013 jedoch nicht, weil die\nNachbar*innen spontan ihre Meinung \u00fcber das <i>Rosa\nNera</i> ge\u00e4ndert hatten, sondern weil sie angenommen hatten die Polizeiarmada\nsei gekommen, um eine der besetzten Sozialwohnungen zu r\u00e4umen. </p><p>\n\n</p><p>Im ersten Moment war die \u00dcberra\u00adschung \u00fcber die vielerorts\naufflam\u00admende Wut und Kampfbereitschaft gro\u00df. Doch schnell wurde den Betei\u00adligten\nklar, welch beschleunigenden Effekt diese Dynamik auf schon zuvor existierende\npolitische Experimen\u00adte der Nachbarschaftsorganisierung hatte, die bis dahin\neher ein trauriges Dasein fristeten. In Giambellino hatten diese gut ein Jahr\nzuvor mit der Beset\u00adzung der ersten <i>Base</i>\nbegonnen: Ein Geb\u00e4ude im Wohngebiet, in dem sich eine Handvoll Besetzer*innen\naus dem Nachbarviertel traf und vergeblich versuchte in engeren Kontakt mit der\nlokalen Bev\u00f6lkerung zu kommen. </p><p>\n\n</p><p>\u00bbAls wir in Giambellino angekommen sind, um mit den Leuten\nim Viertel zu reden, wirkten wir f\u00fcr diese in einer gewis\u00adsen Weise wie Aliens.\nWir sind hier angekommen und haben angefangen \u00fcber Revolution und Kommunismus\nzu reden \u2013 dabei haben diese Dinge f\u00fcr die Leute vor Ort einfach \u00fcberhaupt\nkeine Bedeutung\u00ab, erinnert sich Luigi. Als die Polizei nach einigen Monaten das\nGeb\u00e4ude r\u00e4umte, war das Interes\u00adse daran so gro\u00df, wie an dem Projekt zuvor: Gen\nnull. Daraufhin wurde ein zweites Geb\u00e4ude besetzt \u2013 diesmal ge\u00adgen\u00fcber des\nlokalen Wochenmarktes gelegen und dadurch wesentlich sicht\u00adbarer und somit Teil\ndes \u00f6ffentlichen Lebens. Ein paar Leute aus dem Viertel kamen auch, zwar mehr\nals vorher, aber den gro\u00dfen Durchbruch brachte erst der November 2014. </p><p>\n\n</p><p>Auch die zweite <i>Base</i>\nwird schlie\u00dflich von der Polizei im Vorfeld der 1.Mai-Proteste 2015 gegen die\nin Mai\u00adland stattfindende Weltausstellung Expo ger\u00e4umt. Doch diesmal regt sich\nWiderstand bei den Leuten, die mittlerweile eine Beziehung zu dem Ort und\nseinen ur\u00adspr\u00fcnglichen Benutzer*innen aufgebaut haben. Auch wenn die Reaktion\nmedial im Schlachtenl\u00e4rm des 1. Mai untergeht, dauert es nicht lange bis die\nMitglieder des mittlerweile gegr\u00fcndeten \u00bbNachbarschaftskomitees Giambellino\u00ab\neine dritte Base besetzen, die sie auch heute noch nutzen. Gegenw\u00e4rtig sind\nmehr als 60 Fa\u00admilien, die in besetzen Wohnungen leben, im Komitee organisiert\n\u2013 zun\u00e4chst aus der akuten Angst vor einer R\u00e4umung. Aber mit der Zeit wurde mehr\ndaraus, als nur eine Nothilfe-Struktur gegen ALER und die Polizei. Die Base ist\nein wichtiger Ort des sozialen Zusammenlebens geworden, ein Ort der kollektiven\nSelbstorganisierung in Giambellino. Jede Woche gibt es eine medizinische\nSprechstunde, zweimal Hausaufgabenhilfe, einmal Fu\u00dfballtraining des eigenen\nVereins <i>Ardita Giambellino</i>, ein\ngemeinsames Essen und nat\u00fcrlich die w\u00f6chentliche Versammlung des Komitees. Die\nArt, mit der man hier gemeinsam und selbstorganisiert L\u00f6sungen f\u00fcr die Mi\u00adsere\ndes allt\u00e4glichen Lebens findet, hat einen enormen Effekt auf die politische\nSozialisation derer, die daran teilhaben. Doch mitnichten ist dieser\nLernprozess allein auf die \u00bbunpolitischen\u00ab Anwohner*innen begrenzt \u2013 im\nGegenteil \u00bbIch denke, vor allem wir haben uns ver\u00e4n\u00addert. Denn als wir in\nGiambellino ankamen, gab es be\u00adreits diese anderen Formen des kollektiven\nLebens jen\u00adseits von unseren Ideen. Nur wir mussten sie eben erst selbst noch\nkennenlernen\u00ab, erz\u00e4hlt Marco.<br/></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h2>Leben und K\u00e4mpfen in einem Territorium bedeutet, dass du\nbereits jetzt in einer neuen Welt lebst.</h2>\n\n<p>AUS \u00bbTERRITORIES TO INHABIT, WORLDS TO CREATE\u00ab</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Hilfe bei der Kinderbetreuung, St\u00e4rke gegen Vermie\u00adter*innen\nund Polizei oder ein gratis Gesundheitscheck sind ganz konkrete Nutzen, die\neine Mitgliedschaft im Komitee bedeuten und f\u00fcr viele hier \u00fcberlebenswichtig\nsind. Und durch den politischen Diskurs, der anfangs von den Initiator*innen\nmitgebracht, aber l\u00e4ngst ein kollektiv weiterentwickeltes Produkt geworden ist,\nhaben diese ein enorm widerst\u00e4ndiges Potential bekommen, deren zentrale\nBotschaft ist: Staat und Kapital haben kein Interesse daran, unsere Bed\u00fcrfnis\u00adse\nzu befriedigen \u2013 dann machen wir es eben selbst! Marco beschreibt diesen\nProzess wie folgt: \u00bbDie Leute bemerken nach und nach, was passiert. Am Anfang\nwerden sie vielleicht aktiv, weil sie ein pers\u00f6nliches Ziel verfolgen, n\u00e4mlich\neine Wohnung haben zu wollen. Aber dort h\u00f6rt unsere Arbeit nicht auf \u2013 sonst\nw\u00fcrden wir uns auf der selben Ebene der Wohlt\u00e4tigkeitsarbeit bewegen, wie die\nKirche oder andere Organi\u00adsation sie machen. Aber das reicht h\u00f6chstens aus, um\nsein Gewissen rein zu waschen\u00ab. </p><p>\n\n</p><p>Es wird deutlich, dass das Komitee weitaus mehr als eine\nblo\u00dfe Anbieterin selbstorganisierter So\u00adzialleistungen mit revolution\u00e4rem Touch\nist. Es geht hier nicht blo\u00df um die Befriedigung \u00f6kono\u00admischer\nGrundbed\u00fcrfnisse. Es geht darum eine andere Art des Zusammenlebens zu\nkultivieren, die nicht nur die materiellen Sch\u00e4den kapitalis\u00adtischer Verwertung\nzu mildern versucht, son\u00addern gerade auch ihren sozialen Zurichtungen etwas\nentgegen zu setzen.</p><p>\n\n</p><p>Hier im Garten in Genua wird genau das sp\u00fcr\u00adbar, was vorher\nviele eher abstrakt ausgedr\u00fcckt haben. Ein solches Wochenende hat keinen \u00bbdi\u00adrekten\npolitischen Effekt\u00ab, noch stellt es eine widerst\u00e4ndige Geste des Protests dar.\nEs ist die praktische \u00dcberwindung der Einsamkeit vieler hier, der Vereinzelung\nund Isolation, in die sie die moderne Metropole zw\u00e4ngt. Hier entsteht ein\nKollektiv, eines das sich kennt, das teilt, das sich vertraut. Pl\u00f6tzlich\ntauchen drei junge Ge\u00adfl\u00fcchtete aus dem Senegal auf, die von einem anderen\nSquat in der Stadt hier her geschickt wurden. Nach einigen Minuten des\nFremdelns bekommen sie volle Teller in die Hand gedr\u00fcckt, nach h\u00f6chstens einer\nhalben Stunde sind sie be\u00adreits Teil von <i>la\nronda </i>\u2013 und am Ende des Abends tanzen alle immer noch ausgelassen zu Salsa\nund Reggeaton.</p><p>\n\n</p><p>Kristina, die vom ersten Tag an Mitglied des Komitees ist,\nsitzt der\u00adweil am Rand und blickt nachdenklich durch die Tanzenden hindurch.\n\u00bbWas ihr durch den Kopf gehe, wenn sie den Abend hier betrachte?\u00ab Sie schweigt.\nSo lange, dass wir schon denken, sie h\u00e4tte unsere Frage gar nicht geh\u00f6rt. Doch\nschlie\u00dflich sagt sie zufrieden feststellend: \u00bbWir leben einen allt\u00e4g\u00adlichen\nKommunismus w\u00e4hrend wir versuchen ihn aufzubauen, weil es gar nicht anders\nfunktioniert, als ihn in der Praxis zu erlernen\u00ab</p><hr/>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Uniti Possiamo Tutti\" height=\"438\" src=\"/media/images/mala3.original.jpg\" width=\"968\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h2>Zur Brosch\u00fcre \u00bbUniti Possiamo Tutti. Selbstorganisierung und soziale K\u00e4mpfe\nin Mailand\u00ab</h2>\n\n<p>Das malaboca\nkollektiv hat in den letzten Jahren immer wieder Genoss*innen und\nAktivist*innen vor Ort besucht und die Gespr\u00e4che mit ihnen dokumentiert.\u00a0Ohne zu sehr der daraus entstandenen Brosch\u00fcre\nvorgreifen zu wollen: Sie haben sich intensiv mit der politischen Praxis der\nAktivist*innen vor Ort besch\u00e4ftigt und dabei f\u00fcr die Arbeit in den eigenen\nKontexten wichtige Lehren gezogen. In ihrer Einleitung z\u00e4hlen sie vier Punkte\nauf:</p><p>\n\n</p><p>\u00bb<b>Konkrete Probleme</b>\nsind der Ausgangspunkt der politischen Arbeit, anstatt die Kritik an abstrakten\nStrukturen und Mechanismen, die f\u00fcr die meisten Menschen schwer zu greifen und\nzu vermitteln sind. Kritik an fehlenden Gr\u00fcnfl\u00e4chen, hohen Mietpreisen,\nschlechter Gesundheitsversorgung, fehlenden Aufenthaltstiteln, \u00fcbergriffigem\nVerhalten in einer Kneipe, ausstehendem Lohn oder Pr\u00fcfungsstress in der Schule\nund Uni sprechen Menschen in ihren Erfahrungen direkter an als eine abstrakte\n\u00dcbersetzung dieser Symptome in das, was sie de facto sind: Rassismus, Sexismus\nund kapitalistische Verwertung.</p><p>\n\n</p><p><b>Vertrauen schaffen\nund eine real erfahrbare Kollektivit\u00e4t aufbauen,</b> anstatt den Fokus auf eine\nanonyme Medien\u00f6ffentlichkeit zu legen, die mit Hochglanzkampagnen adressiert\nwerden soll. Kritik ist nur dann vermittelbar, wenn einem auch jemand zuh\u00f6rt.\nUnd, dass uns jemand zuh\u00f6rt und im besten Fall auch noch glaubt, passiert nur,\nwenn es ein Vertrauensverh\u00e4ltnis zwischen uns und den potentiellen Zuh\u00f6rer*innen\ngibt. Das l\u00e4sst sich nur durch gemeinsame Erfahrungen aufbauen und funktioniert\nam besten in einem territorial begrenzten Gebiet, wie einer Nachbarschaft,\neinem Betrieb, einer Uni, einem H\u00e4userblock.</p><p>\n\n</p><p><b>Selbstorganisierte,\nkonkrete L\u00f6sungswege finden</b> und Erfolge verbuchen, anstatt alles auf den\nSankt-Nimmerleins-Tag zu verschieben. Vertrauen in Solidarit\u00e4t und\nSelbstorganisation entsteht vor allem dann, wenn sie funktioniert.\nErfolgserlebnisse, das hei\u00dft die tats\u00e4chliche L\u00f6sung realer Probleme, sind der\nSchl\u00fcssel dazu, dass Menschen durch diese Erfahrungen gest\u00e4rkt werden,\nweitermachen und m\u00f6glicherweise selber zu Multiplikator*innen dieser Idee\nwerden.</p><p>\n\n</p><p>Auf<b> politisches\nLernen durch Erfahrung,</b> anstatt ausschlie\u00dflich auf theoretische Bildung\nvertrauen. In den eigenen konkreten Alltagserfahrungen ernst genommen zu\nwerden, auf Menschen zu treffen, deren Ziel nicht in erster Linie die\nInstrumentalisierung f\u00fcr die eigenen Interessen ist, sondern tats\u00e4chliche\nSolidarit\u00e4t \u2013 und bestenfalls auch noch die erfolgreiche L\u00f6sung konkreter\nMissst\u00e4nde \u2013 ist oft enorm politisierender als ein Buch, Vortrag oder Film.\u00ab\u00a0\n\n</p><p>\n\n</p><p>Download der Brosch\u00fcre: <i>Uniti\nPossiamo Tutti. Selbstorganisierung und soziale K\u00e4mpfe in Mailand</i> auf <a href=\"https://malaboca.noblogs.org/files/2017/12/Uniti-Possiamo-Tutti-English.pdf\">Englisch</a>\n| <a href=\"https://malaboca.noblogs.org/files/2017/12/Uniti-Possiamo-Tutti-Deutsch.pdf\">Deutsch</a></p><p>\n\n</p><p>malaboca kollektiv | <a href=\"http://malaboca.noblogs.org\">malaboca.noblogs.org</a></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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