{"version": "https://jsonfeed.org/version/1", "title": "re:volt magazine Archiv", "home_page_url": "http://revoltmag.org/articles/?tags=157", "description": "Zeige Artikel mit den Schlagworten demokratischer konf\u00f6deralismus", "feed_url": "http://revoltmag.org/feeds/articles.json?tags=157", "language": "en", "icon": "http://revoltmag.org/static/logos/logo_192.png", "favicon": "http://revoltmag.org/static/favicon.png", "items": [{"title": "[Audio] \u201eEs ist eine Revolution des Mittleren Ostens\u201c \u2013 Gespr\u00e4ch zu feministischen K\u00e4mpfen", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>[Audio] \u201eEs ist eine Revolution des Mittleren Ostens\u201c \u2013 Gespr\u00e4ch zu feministischen&nbsp;K\u00e4mpfen</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Frauen-rojava-4.JPG\" height=\"420\" src=\"/media/images/fur_Revolt_1.73b75edc.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Herausgeber_innenkollektiv</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>1000 kleine Revolutionen jeden Tag. So k\u00f6nnte die Zustandsbeschreibung unserer Welt sein, in der Frauen* tagt\u00e4glich K\u00e4mpfe auszufechten haben. Einmal j\u00e4hrlich, zum Internationalen Frauen*kampftag am 8. M\u00e4rz, werden wir daran erinnert oder erinnern uns selbst daran. Wir gehen auf die Stra\u00dfe, oder - wie vielleicht im letzten und in diesem Jahr vermehrt - werden mit kreativen Aktionen aktiv und versuchen, unseren Widerstand in die Welt hinauszutragen. Und das ist gut so. Es ist allerdings viel zu selten, dass die K\u00e4mpfe abseits dessen sichtbar werden - oft sind es nur Fragmente, die zu uns durchdringen. Aber letztlich k\u00e4mpfen wir immer wieder gegen dasselbe System, dieselben Strukturen - in der Lohnarbeit, im Privaten, in unserem politischen Umfeld. Den Bezugnahmen auf ausgefochtene K\u00e4mpfe, Errungenschaften, Erinnerungen und Erfahrungen wird oft zu wenig Raum gegeben - und damit auch dem Potenzial, sie weltweit zu verbinden. Nach wie vor gibt es aber ein Verst\u00e4ndnis von Revolution, das mit sehr maskulinen K\u00e4mpfern und martialischen Umst\u00fcrzen assoziiert wird. Dabei zeigen uns die klassenk\u00e4mpferischen, antirassistischen und antikapitalistischen Bewegungen der letzten Jahre ja vor allem eines \u00fcberdeutlich: Frauen* k\u00e4mpfen an vorderster Front mit, weil es sie in besonderem Ma\u00dfe betrifft, oder weil sie realisiert haben, dass der Widerstand notwendig auch ein feministischer sein muss. Weil f\u00fcr sie Feminismus zum Lebensalltag oder als \u00dcberlebensstrategie einfach dazugeh\u00f6rt.</p><p>1000 kleine Revolutionen jeden Tag. Das ist auch der <a href=\"https://revoltmag.org/articles/1000-kleine-revolutionen-jeden-tag/\">Titel eines Beitrags</a>, der genau vor zwei Jahren im <i>re:volt magazine</i> erschien. Es war ein sehr ausf\u00fchrliches Gespr\u00e4ch mit Teilnehmer*innen der feministischen Delegation \u201eGemeinsam k\u00e4mpfen\u201c, die sich zu diesem Zeitpunkt seit mehreren Monaten in Rojava \u2013 dem Gebiet in Nord- und Ostsyrien \u2013aufhielten. Mit im Gep\u00e4ck hatten sie viele Fragen \u2013 und vermutlich noch mehr davon bei ihrer R\u00fcckkehr. Im kollektiven Prozess haben sie seitdem daran gearbeitet, ihre Erfahrungen \u00fcber den Aufbau der Selbstverwaltung, allem voran aber auch die Gespr\u00e4che mit den Frauen vor Ort niederzuschreiben. Entstanden ist dabei ein beeindruckender Sammelband, der k\u00fcrzlich im <i>Verlag edition assemblage</i> erschien. Das Buch tr\u00e4gt den Namen \u201eWir wissen was wir wollen. Frauenrevolution in Nord-und Ostsyrien. Widerstand und gelebte Utopien Band II\u201c. Die Frauenbewegung in Rojava ist eine wichtige Inspirationsquelle f\u00fcr die \u00dcberlegungen, was eine feministische Revolution bedeuten k\u00f6nnte. Jo vom <i>re:volt magazine</i> hat dar\u00fcber mit Anja, Clara und Olga gesprochen, die Teil des Herausgeber_innenkollektivs sind.</p><p>Im Folgenden sind zentrale Punkte des Gespr\u00e4chs zusammengefasst. Den Audiobeitrag mit dem Gespr\u00e4ch in voller L\u00e4nge k\u00f6nnt ihr hier h\u00f6ren:</p><p></p><hr/><p></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-html\">\n        <iframe width=\"100%\" height=\"60\" src=\"https://www.mixcloud.com/widget/iframe/?hide_cover=1&mini=1&light=1&feed=%2Frevolt_mag%2Fes-ist-eine-revolution-des-mittleren-ostens-8-m%C3%A4rz-2021%2F\" frameborder=\"0\" ></iframe>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><hr/><p>Olga erinnert sich: \u201eAls das Buch schon fast fertig war, sind wir nochmal durchgegangen und haben in den Interviews nach einem passenden Zitat f\u00fcr den Titel gesucht. Wir haben dort den Satz \u201eWir wissen was wir wollen und was wir tun\u201c gefunden und fanden das sehr passend.\u201c Es ist ein Zitat von Medya Abdullah, von der Anja dann mehr erz\u00e4hlt: \u201eMedya Abdullah ist die Vertreterin der Selbstverteidigungskr\u00e4fte in Der\u00eek. Eine Frau, die acht Kinder hat, 50, 60 Jahre alt ist und die sagt: Mein Leben ist die Revolution. Ich bin gl\u00fccklich, in dieser Zeit zu leben! In einer Zeit, wo wir vielleicht denken, da ist Krieg, dort sind sehr schwierige Verh\u00e4ltnisse, die Menschen fliehen nach Europa. Und sie sagt: Ich bin gl\u00fccklich, in dieser Zeit zu leben und endlich die Tr\u00e4ume einer befreiten Gesellschaft, die wir ein Leben lang hatten, in die Praxis umzusetzen.\u201c</p><h2><b>Kollektivit\u00e4t im Prozess</b></h2><p>Der Austausch der feministischen Delegation mit den Genossinnen der Frauenbewegung in Rojava h\u00e4lt noch immer an. Das Buch ist daher auch eine Gemeinschaftsarbeit mit vielen Beteiligten aus Europa sowie aus Nord- und Ostsyrien. Texte wurden hin- und hergeschickt, Ideen und Anmerkungen nat\u00fcrlich, und immer wieder aktuelle Berichte aus der Region, die andauernden milit\u00e4rischen Angriffen, vor allem des t\u00fcrkischen Milit\u00e4rs und islamistischer Gruppierungen, ausgesetzt ist.</p><p>Als ich mit den drei \u00fcber die Intention des Bandes spreche, f\u00fchrt Anja aus: \u201eUns war es wichtig, die Akteurinnen der Revolution aufs Cover zu bringen, also die Frauen dort und nicht uns selbst. In vielen Medien wird der milit\u00e4rische Aspekt hervorgehoben, man sieht Guerilla-K\u00e4mpferinnen oder K\u00e4mpferinnen der YPG/YPJ. Uns war es wichtig zu zeigen, dass es vor allem auch die Zivilgesellschaft ist, die die Revolution tr\u00e4gt.\u201c Es gehe dem Herausgeber_innenkollektiv darum, die Geschichte der Frauenrevolution Rojavas aufzuschreiben, in allen gesellschaftlichen Teilbereichen. Clara f\u00fcgt hinzu: \u201eDie Frauen haben uns auch immer wieder gesagt: Verbreitet das! Es ist also unsere Aufgabe, das, was wir dort gelernt haben mit Menschen zu teilen. Es ist also weniger &#x27;Wir geben denen eine Stimme!&#x27;, als dass sie uns die M\u00f6glichkeit gegeben haben, mit ihren Geschichten zu lernen und die Geschichten weiterzutragen.\u201c</p><p>Die Auseinandersetzungen mit den Geschichten der Frauen in Rojava wurden in einem anderen Interview ein \u201ekollektiv erk\u00e4mpfter Erfahrungsschatz\u201c genannt. Ich fand das sehr passend und habe die drei nach ihren \u00dcberlegungen zu Kollektivit\u00e4t gefragt.</p><p>\u201eMorgens zusammen aufstehen, zusammen fr\u00fchst\u00fccken, saubermachen, zusammen die Planung machen, auch Essen wurde immer abwechselnd f\u00fcr alle gekocht\u201c, beschreibt Olga das Zusammenleben auf der Delegationsreise und stellt dabei insbesondere die gemeinsamen Routinen f\u00fcr Kritik und Selbstkritik heraus: \u201eWichtig f\u00fcr das kollektive Zusammenleben war auch ein regelm\u00e4\u00dfiger Rahmen, in dem das Zusammenleben kritisiert werden kann, oder man sich selbst kritisieren kann. Das ist Kritik mit einer gemeinsamen Perspektive: Wir sind gepr\u00e4gt von einem patriarchalen, kapitalistischen System und wollen dahingehend unsere Verhaltensweisen \u00e4ndern. Wie wirkt es sich auf unser Zusammenleben aus, und was hei\u00dft das dann auch in der pers\u00f6nlichen Ver\u00e4nderung.\u201c Das bedeute auch, Kollektivit\u00e4t \u201enicht nur als die Schaffung eines kollektiven Rahmens zu begreifen, mit den Leuten, mit denen ich mich organisiere. Sondern dass wir nur Gesellschaft ver\u00e4ndern, wenn es die Grenzen, die es in der Gesellschaft gibt \u2013 die mich zum Beispiel fernhalten von Leuten, mit denen ich weniger eine Realit\u00e4t teile \u2013 auch aufbricht.\u201c Kollektivit\u00e4t, merkt Clara an, hat auch viel mit der Bereitschaft zu tun, voneinander zu lernen: \u201eVon K\u00e4mpfen, die bereits stattgefunden haben, K\u00e4mpfe, die gerade stattfinden. Und auch dort \u00fcber die eigene Region hinwegzukucken und zu fragen: Welche Fragen stellt man, aus welcher Perspektive kuck ich \u2013 und diese auch aktiv zu ver\u00e4ndern.\u201c</p><p>Insofern k\u00f6nnen wir, das machen alle drei Gespr\u00e4chspartnerinnen* deutlich, von diesen Formen der Kollektivit\u00e4t und Organisation viel dazulernen, weil sie sich damit in fokussierter Form gegen das Herrschafts- und Ausbeutungssystem wehren, dass es weltweit gibt. Auch f\u00fcr uns im Zentrum Europas sind kollektive Strukturen \u00fcberlebenswichtig, nur sind sie in unseren hoch individualisierten Gesellschaften oft nicht so direkt sichtbar. Olga beschreibt ihren Eindruck: \u201eHier, in Berlin, wirkt der politische Kampf oft als etwas, was man nebenbei macht, nicht aber als Notwendigkeit gegen dieses System, das uns einfach kaputt macht. Es ist dasselbe System, das letztendlich auch Rojava versucht kaputt zu machen. Um diesen Kampf gemeinsam zu k\u00e4mpfen, m\u00fcssen wir viel globaler denken und die Angriffe, die es auf Rojava gibt, auch auf uns beziehen.\u201c</p><h2><b>\u201eDie Revolution kommt nicht mit einem Knall und ist dann da\u201c</b></h2><p>Clara macht deutlich, dass es in der Revolution die Bereitschaft braucht, sich andauernd grundlegende Fragen zu stellen: \u201eUnd sich auch immer wieder zu erneuern. Da haben wir viel dazugelernt. Wir sehen: Klar, es gibt diese Herausforderungen, und die gibt es auch in anderen Teilen der Welt, weil wir eine sehr staatlich gepr\u00e4gte Gesellschaftsform haben. Dort herauszukommen, das wurde uns bewusst, das dauert einfach lange. Es ist ein Prozess. Jeden Tag m\u00fcssen wir ein St\u00fcck schauen, und jeden Tag m\u00fcssen wir auch daran arbeiten. Das hei\u00dft, in uns, miteinander und uns gegenseitig aufmerksam machen in den Strukturen. Wir haben gemerkt: Das sind Fragen, die werden immer wieder pr\u00e4sent sein. Wir haben keine anderen Antworten gefunden darauf, w\u00fcrde ich sagen. Aber andere Umg\u00e4nge mit den Fragen: Es sind Fragen, die d\u00fcrfen da sein, und die m\u00fcssen auch da bleiben. Das haben uns auch vor allem die Frauen gezeigt, mit denen wir Interviews gef\u00fchrt haben. Damit man auch in der Revolution, wenn man denkt: Oh, jetzt grade l\u00e4uft es doch ganz gut! \u2013 dass man dann trotzdem sagt, ne, lass uns das anschauen, lass schauen, was nicht so gut l\u00e4uft und eine Bereitschaft dazu haben, miteinander immer weiter zu wachsen, und nicht aufzuh\u00f6ren. Nicht an einem Punkt zu sagen, okay, jetzt ist alles entspannt, jetzt chillen wir. Sondern eher immer weiter dranzubleiben.\u201c</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Jinwar.JPG\" height=\"1763\" src=\"/media/images/Fur_Revolt_2.original.jpg\" width=\"3000\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Herausgeber_innenkollektiv</span>\n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Das Dorf der Freien Frauen, Jinwar, \u00fcber das im Buch auch berichtet wird.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Anja erg\u00e4nzt: \u201eWas wir oft f\u00fcr ein falsches Verst\u00e4ndnis von Revolution haben; im Sinne, dass man irgendwo reingeht, alles umschmei\u00dft und damit etwas Neues erschafft. Doch so funktioniert das nicht. Wir tragen ja die staatlichen Strukturen noch in uns. Die loszuwerden ist ein langer Kampf, ebenso wie der Kampf, Neues aufzubauen. Die Revolution kommt nicht mit einem Knall und ist dann da. Revolution ist etwas, was durch eine langj\u00e4hrige, kontinuierliche Arbeit aufgebaut wird.\u201c In Bezug auf die Region Nord- und Ostsyrien macht Anja zudem eine weitere wichtige Anmerkung, die auch die Verbundenheit der K\u00e4mpfe sichtbar macht: \u201eIm Buch kommen auch viele arabische Frauen zu Wort, nicht nur kurdische Frauen. Vielleicht wird die Revolution hierzulande in erster Linie als eine kurdische Revolution wahrgenommen, das ist aber \u00fcberhaupt nicht der Fall. Inzwischen ist der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung in der Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien nicht kurdisch, sondern arabisch. Und auch fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig sind die meisten D\u00f6rfer und St\u00e4dte, die dort in der Selbstverwaltung sind, \u00fcberwiegend arabisch bewohnt. Es ist also nicht eine kurdische Revolution in erster Linie, sondern eine Revolution des mittleren Ostens.\u201c</p><h2><b>\u201eFeminismus ist kein Teilbereichskampf\u201c</b></h2><p>Mit Bezug auf den Internationalen Frauen*kampftag frage ich, was die Erfahrung in Rojava und die Auseinandersetzung mit den K\u00e4mpfen den drei f\u00fcr die feministischen K\u00e4mpfe weltweit mitgegeben hat. Anjas Antwort ist kurz und knapp: \u201eDiese Entschlossenheit, \u00fcber Jahrzehnte zu k\u00e4mpfen. Oder auch einen sicheren Ort zu verlassen, um dort einen Teil der Revolution zu sein. Da k\u00f6nnen wir uns eine Scheibe von abschneiden.\u201c Olga f\u00fchrt aus, dass es wichtig ist, \u201edass wir Feminismus nicht als ein Teilbereichskampf sehen, sondern als eine gesamtgesellschaftliche Utopie. Also dass es nicht nur ein Kampf ist gegen die sexistischen Zust\u00e4nde und bestimmte Probleme, gegen die wir Abwehrk\u00e4mpfe f\u00fchren. Sondern f\u00fcr eine antipatriarchale, befreite Gesellschaft.&quot; Und das schlie\u00dfe eben ganz viele Lebensbereiche mit ein: \u201eWas hei\u00dft es, aus einer Perspektive der Frauenbefreiung, ein Gesundheitssystem aufzubauen oder eine Wirtschaft oder ein Bildungssystem oder Kultur und Medien und so weiter? Das ist nicht nur eine Frage f\u00fcr Frauen, Lesben, Trans, Inter (FLINT), sondern f\u00fcr alle. Trotzdem m\u00fcssen wir uns als FLINT autonom organisieren und unsere Themen voranbringen \u2013 aber darin eine gesamtgesellschaftliche Perspektive st\u00e4rken und in feministischen K\u00e4mpfen gesellschaftlichere Ans\u00e4tze entwickeln\u201c.</p><h2><b>Anmerkungen</b></h2><p>Das Herausgeber_innenkollektiv reiste als feministische Delegation der Kampagne \u201eGemeinsam K\u00e4mpfen\u201c im Winter 2018/19 von Deutschland aus in die nord- und ostsyrischen Gebiete, um das basisdemokratische Projekt Rojava besser kennenzulernen.</p><p>Der Band \u201eWir wissen was wir wollen. Frauenrevolution in Nord-und Ostsyrien. Widerstand und gelebte Utopien Band II\u201c erschien im Februar 2021. Auf der <a href=\"https://www.edition-assemblage.de/buecher/wir-wissen-was-wir-wollen/\">Webseite des Verlags edition assemblage</a> gibt es weitere Informationen dazu sowie die M\u00f6glichkeit, den 560 Seiten\u2013W\u00e4lzer direkt zu bestellen. Der Band ist die Fortsetzung des Werks \u201eWiderstand und gelebte Utopien\u201c, das 2012 im mittlerweile verbotenen Mezopotamien Verlag erschien. Im ersten Band lag der Fokus auf Nordkurdistan.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"IMG_0044.JPG\" height=\"3024\" src=\"/media/images/IMG_0044.original.jpg\" width=\"4032\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Herausgeber_innenkollektiv</span>\n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Cover des Sammelbands &quot;Wir wissen was wir wollen&quot;</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Januar 2021 verabschiedete der Parteivorstand der Linken einen Beschluss der Parteistr\u00f6mung \u201eEmanzipatorische Linke (Ema.Li)\u201c. Unter dem Titel \u201eSolidarit\u00e4t mit Kuba\u201c wird nicht nur gegen die anhaltende und v\u00f6lkerrechtswidrige, jahrzehntelange Blocke Kubas durch den US-Imperialismus protestiert. Zugleich wird auf antikommunistische Kr\u00e4fte anerkennend Bezug genommen, die die kubanische Gesellschaft von innen heraus \u201edemokratisieren\u201c sollen. Dies stellt in der Geschichte der Linkspartei einen Tabubruch dar.<br/>Angesichts der fortw\u00e4hrenden wirtschaftlichen, sozialen sowie politischen Destabilisierungsversuche Kubas durch US-amerikanische Sanktionen und ihre F\u00f6rderung rechter Terrornetzwerke in Miami und auf Kuba, sind die Bezugnahmen auf die in der Resolution erw\u00e4hnten \u201edemokratischen Akteure\u201c gef\u00e4hrlich. Diese bergen die Gefahr, mit und trotz solidarischer Lippenbekenntnisse zu Kuba den US-Kurs der Isolation der sozialistischen Insel sowie den rechten Bem\u00fchungen um einen \u201eregime change\u201c das Wort zu reden.<br/> Dagegen regt sich innerhalb der internationalistischen Teile der Linkspartei</i> <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/396034.linkspartei-vergiftete-solidarit%C3%A4t.html\"><i>Widerstand</i></a><i>. Im Zuge der Tendenzen der Entsolidarisierung mit dem sozialistischen Kuba ist ein genauerer Blick auf das politische System notwendig, um nicht auf imperialistische und antikommunistische L\u00fcgen hereinzufallen. Die nachfolgende Debatte dient der revolution\u00e4ren Linken auch hierzulande, fortschrittliche Tendenzen f\u00fcr die Suche nach brauchbaren gesellschaftlichen Gegenmodellen zur b\u00fcrgerlichen Herrschaft diskutieren und finden zu k\u00f6nnen.</i></p><p></p><p><br/>Wir Autoren teilen eine gemeinsame Geschichte in der autonomen Antifa-Bewegung. Lange Jahre definierten wir uns als \u201eAntiautorit\u00e4re\u201c und \u201elibert\u00e4re Sozialisten\u201c. Wir taten dies in Abgrenzung zum Realsozialismus, und folgten damit dem Mainstream der deutschen Linken. Aber: Wir verhielten uns auch in diesen Jahren unserer politischen Biografie bereits solidarisch gegen\u00fcber Bewegungen, Organisationen und L\u00e4ndern, die wir aus unserem damaligen Standpunkt heraus als \u201eautorit\u00e4r-sozialistisch\u201c ansahen. So sahen wir in der Revolution Kubas zum Beispiel ein politisch unterst\u00fctzenswertes Projekt. F\u00fcr das antiautorit\u00e4re Spektrum waren wir damit schon recht aufgeschlossen, wird Kuba in diesem Spektrum doch in eine Reihe mit allen m\u00f6glichen anderen realsozialistischen Projekten gestellt und f\u00fcr gescheitert erkl\u00e4rt. Dass nicht alles an der antikommunistischen, antikubanischen Propaganda stimmt, konnten wir nicht zuletzt aufgrund mehrfacher Reisen und verbrachter Zeit vor Ort feststellen.</p><p>Heute feiert das kubanische Projekt auch 30 Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sein Weiterbestehen. Das \u00dcberleben des kubanischen Modells gegen alle Widrigkeiten zeigt, abseits der pers\u00f6nlichen Erfahrung, auch objektiv auf, dass das Modell in einem anderen gesellschaftlichen Kontext entstanden ist und weiterentwickelt wurde, als etwa die ehemalige DDR. Es war damit schlussendlich nicht den gleichen Abw\u00e4rtsdynamiken wie der sozialistische Ostblock erlegen. Auch von den Pr\u00e4fixen \u201elibert\u00e4r\u201c und \u201eautorit\u00e4r\u201c haben wir uns heute gel\u00f6st. Ebenso, wie uns der mit viel B\u00fccherwissen vorgetragene Dogmatismus vieler marxistisch-leninistischer Deutungen nach wie vor nicht \u00fcberzeugen vermag. Das kubanische Projekt soll hier dem rein ideologischen Kriterium von \u201eWissenschaftlichem Sozialismus oder Revisionismus/Utopismus\u201c unterworfen werden. Gerade anhand des kubanischen Projekts l\u00e4sst sich aber gut zu erkennen, wie unzureichend solche Ideologie-reduktionistischen Auffassungen in der Realit\u00e4t eines sozialistischen Aufbaus sind, da sie von den konkreten Umst\u00e4nden abstrahieren. Diese lassen in aller Regel keine theoretischen 1:1 Schablonen zu. Wir sind daher der Meinung, dass aus dem Erfahrungsschatz des kubanischen Modells vieles gelernt und aufgearbeitet werden kann.</p><h3><b>Die Grenzen eines schematischen marxistischen Schubladen-Denkens</b></h3><p>Der Sieg der Kubanischen Revolution \u00fcber die Batista-Diktatur am 01. Januar 1959 bedeutete ein Befreiungsschlag vom halbkolonialen Joch. Die wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit von der landwirtschaftlichen Produktion jedoch blieb. Die UdSSR begann, Kuba den Zucker abzukaufen und versorgte den jungen sozialistischen Staat im Gegenzug mit Maschinen. Die \u00f6konomischen Bedingungen f\u00fcr den Aufbau des Sozialismus waren aufgrund der zu beseitigenden halbfeudalen Strukturen, unter anderem ausgedr\u00fcckt durch landlose B\u00e4uer*innen, Wanderarbeiter*innen und einer mafi\u00f6sen Oligarchie, die Industrie und Boden fest in ihrer Hand hielt, denkbar schlecht. Das Land war stark von Exporten abh\u00e4ngig, produzierende industrielle Sektoren fehlten weitgehend. Eine objektive, \u00f6konomische Basis f\u00fcr eine sozialistische Revolution sieht in einer allzu schematischen und orthodoxen marxistischen Revolutionstheorie also ohnehin anders aus. Entsprechend \u00f6konomistische Str\u00f6mungen argumentieren daher, trotz aller historischer Gegenbeweise, bis heute gegen das kubanische Modell.</p><p>Nach subjektiven Faktoren bemessen war Kuba jedoch reif f\u00fcr diesen Schritt. Mit dem Movimiento 26 de Julio (deutsch: Bewegung des 26. Juli; kurz: M-26-7) um Fidel Castro, seinem Bruder Ra\u00fal, Camilo Cienfuegos sowie Ernesto \u00bbChe\u00ab Guevara, gab es eine in der Bev\u00f6lkerung verankerte, starke revolution\u00e4re Organisation, die zumindest linksnationalistisch antikolonial, aber eben damals schon auch marxistisch gepr\u00e4gt war. Die Bev\u00f6lkerung litt zum Einen unter der Tyrannei der Diktatur, zum Anderen war die Schaffung sozialistischen/revolution\u00e4ren Bewusstseins in der Bev\u00f6lkerung aufgrund der langen antikolonialen K\u00e4mpfe von Jos\u00e9 Mart\u00ed bis hin zu den K\u00e4mpfen kommunistischer Gruppen ab 1923 vorangeschritten.</p><p>Die Frage, ob die Revolution angesichts des Fehlens der objektiven \u00f6konomischen Bedingungen einer entwickelten Industrie f\u00fcr einen sozialistischen Aufbau voluntaristisch gewesen sei, wird in Kuba, wie auch im Mehrheits-Leninismus, an dem Kuba sich nach wie vor orientiert, weitestgehend verneint. Sie ist auch nach allen bisherigen historischen Erfahrungen als zumindest kurzsichtig zu begreifen, auch wenn sie bestimmte real-existente Schwierigkeiten fasst. Wenn die kubanische Erfahrung etwas zeigt, dann dass der Sozialismus eben \u201eals Bruch am schw\u00e4chsten Glied der imperialistischen Kette\u201c (Lenin) in einem begrenzten Territorium unter \u00f6konomisch widrigsten Bedingungen aufgebaut werden kann. Er unterliegt dann aber realen politischen und \u00f6konomischen Beschr\u00e4nkungen, solange er einem starken kapitalistischen Gegner gegen\u00fcbersteht (z.B. im Kalten Krieg). Er muss dann sogar objektive R\u00fcckschritte in Kauf nehmen, wenn er alleine und zunehmend ohne Verb\u00fcndete gegen eine kapitalistische Weltordnung steht.</p><p>In Kuba muss er andere Voraussetzungen haben, als zum Beispiel in einer EU \u2013 dort w\u00e4re der Aufbau schon widrig genug. Die kubanische Erfahrung zeigt, dass ein allzu schematisches marxistisches Schubladendenken als theoretischer Ma\u00dfstab die politische Realit\u00e4t nur unzureichend zu fassen vermag. Nur weil ein \u00f6konomisch schwach entwickeltes, post-koloniales Land also bestimmte Beschr\u00e4nkungen im sozialistischen Aufbau zwangsl\u00e4ufig aufweist, ist das Eintreten der Kubaner*innen f\u00fcr ihre Revolution noch lange nicht \u201eunmarxistisch\u201c. Das zu behaupten ist allzu euro-chauvinistisch.</p><h3><b>Sozialistischer Staat, Poder Popular und die kubanische R\u00e4tedemokratie</b></h3><p>Nun wird Kuba aber immer wieder unterstellt, eine \u201eEinparteien-Diktatur\u201c im Zuschnitt entsprechender realsozialistischer Projekte zu sein. Ist es dann nicht eventuell richtig, wenn im deutschen linken Mainstream vom \u201eautorit\u00e4ren Sozialismus\u201c in Kuba gesprochen wird? Fakt ist, bei Kuba handelt es sich um einen Staat, unter den derzeitigen politischen Verh\u00e4ltnissen der Welt, sogar um einen Nationalstaat. Und Staaten als b\u00fcrgerliches Konzept sind etwas, dass es im Laufe eines historischen Prozesses im Sinne einer sozialistischen Weltrepublik zu \u00fcberwinden gilt. Die ultraradikale Ansicht vieler Anarchist*innen und Antiautorit\u00e4ren jedoch, der Staat sei bereits im revolution\u00e4ren Kampf zu \u00fcberwinden, l\u00e4sst sich zumindest in Bezug auf Kuba allerdings durchaus in Frage stellen. Umringt durch imperialistische Staaten w\u00e4re das kleine Kuba als unzusammenh\u00e4ngende Konf\u00f6deration anarchistischer Kommunen, beispielsweise im Sinne eines Michail Bakunin, l\u00e4ngst zerfleischt worden.</p><p>Schon das staatlich organisierte, milit\u00e4risch wehrhafte Kuba hatte es in diesem Punkt nicht immer leicht, sich gegen eingeschleuste Contra-Partisanen, wirtschaftliche Blockaden und den Terrorismus durch Alpha 66 und andere faschistisch gesinnte, exilkubanische Organisationen zur Wehr zu setzen. Es ist bekannt, dass letztere politisch, milit\u00e4risch und finanziell durch den US-Imperialismus unterst\u00fctzt werden. Zu glauben, die Staatlichkeit k\u00f6nne sofort mit der Revolution \u00fcberwunden werden, bedeutet die Augen vor den gesellschaftlichen Realit\u00e4ten eines aggressiven Weltkapitalismus und seiner staatlichen, bis an die Z\u00e4hne bewaffneten, Exekutor*innen zu verschlie\u00dfen. In einer Welt, deren wirtschaftliche Basis der Kapitalismus ist, verschwindet der nationalstaatliche \u00dcberbau nicht nur aus Wunschdenken heraus. Die Theorie der \u201eDiktatur des Proletariats,\u201c verstanden als Selbstverteidigungsorganisation gegen koloniale, kapitalistische Restauration und externe Aggression, beweist hier ihre Berechtigung gegen utopistische Verkl\u00e4rungen.</p><p>Die Existenz dieser Selbstverteidigungsorgane und ihre h\u00e4ufig unpopul\u00e4re repressive Funktion ist es, die in Kuba nach wie vor gegen antikommunistische Aktivist*innen geltend gemacht wird, und das kubanische Projekt f\u00fcr viele deutsche Internationalist*innen ohne Wissen \u00fcber die kubanische Wirklichkeit als rein repressiv erscheinen l\u00e4sst. Falsch hingegen ist die Behauptung, bei Kuba handele es sich angesichts dieser notwendigen Selbstverteidigungsmechanismen um eine repressive \u201eEinparteien-Diktatur\u201c. Richtig ist es vielmehr, von einer Doppelmacht von demokratisch-zentralistischer Kommunistischer Partei und klassischer R\u00e4tedemokratie zu sprechen. So wird sich seitens der kubanischen Kommunist*innen wenig um gesellschaftlichen Ausschluss aus \u00f6ffentlichen \u00c4mtern bem\u00fcht. So gibt es zum Beispiel nicht die Voraussetzung einer Parteizugeh\u00f6rigkeit zur Partido Comunista de Cuba (deutsch: Kommunistische Partei Kubas; kurz: PCC), um in die Asamblea Nacional del Poder Popular (deutsch: Nationalversammlung der Volksmacht), das kubanische Parlament und h\u00f6chster Rat, gew\u00e4hlt zu werden. Gew\u00e4hlt wird \u2013 anders als in der BRD \u2013 nicht nach der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Partei, sondern lediglich im Direktmandat. Wahlwerbung ist verboten.</p><p>Die kleinsten, lokalen Einheiten der kubanischen R\u00e4te, die Barrios (deutsch: Nachbarschaften), w\u00e4hlen ihre Abgeordneten danach, wie sie sich f\u00fcr die Interessen der Menschen in ihrem Wahlkreis einsetzen. Einmal im halben Jahr m\u00fcssen die Mandatierten Rechenschaft ablegen. Wer einmal Zeuge einer entsprechenden Versammlung geworden ist, wird feststellen, dass die Abgeordneten mitnichten geschont werden. Die M\u00f6glichkeit einer Abwahl, also des Entzugs des Mandates, steht jederzeit zur Verf\u00fcgung. Es handelt sich um ein sogenanntes Imperatives Mandat. \u00c4hnlich wurden auch historisch die Mandate in R\u00e4tedemokratien, und heute noch in anarchosyndikalistischen Organisationen, wie zum Beispiel der Freien ArbeiterInnen-Union (kurz: FAU) in Deutschland, erteilt oder entzogen.</p><p>Auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen werden politische Entscheidungen nicht einfach \u201eautorit\u00e4r\u201c von oben herab, sondern \u201evon unten\u201c durch die gesellschaftliche Basis mit gef\u00e4llt. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist der verfassungsgebende Prozess von 2018 bis 2019, in dessen Rahmen gro\u00dfe Teile der kubanischen Verfassung \u00fcberarbeitet wurden. Im August 2018 war ein erster Entwurf durch eine imperativ mandatierte Kommission erarbeitet und im Parlament verabschiedet worden. Dieser Entwurf wurde anschlie\u00dfend mit den verschiedenen Tageszeitungen verteilt, das hei\u00dft in den Stadtvierteln, Betrieben, Universit\u00e4ten, Altersheimen und so weiter begannen dann Diskussionen \u00fcber den Entwurf. Im Rahmen von 133.681 \u00f6ffentlichen Versammlungen, den sogenannten consultas populares (deutsch: Volksbefragungen), konnten \u00c4nderungsantr\u00e4ge eingebracht werden. In den Versammlungen wurde der Entwurf Kapitel f\u00fcr Kapitel durchgegangen und alle Ideen, Bedenken, Streichungen, Modifizierungen, Erg\u00e4nzungen und so weiter notiert. Insgesamt nahmen mehr als sieben Millionen Kubaner*innen an den Versammlungen teil. Auch Kubaner*innen mit Wohnsitz im Ausland, das hei\u00dft selbst jene exilkubanischen Dissident*innen in den USA, konnten digital an dieser Etappe des Verfassungsreformprozesses partizipieren.</p><p>Der Entwurf wurde durch die Kommission nun zu 40 Prozent \u00fcberarbeitet. Das Ergebnis ging noch ein weiteres mal durch das Parlament und wurde, nachdem er erneut in der Bev\u00f6lkerung verteilt und diskutiert worden war, am 24.02.2019 im Rahmen einer Volksabstimmung angenommen. An dieser nahmen 7.848.343 Personen teil und mehr als 70 Prozent der Wahlberechtigten stimmten f\u00fcr die neue Verfassung. Dass es im Rahmen solcher demokratischer Prozesse in Kuba teilweise auch zu heftigen Diskussionen und sogar zu R\u00fcckschl\u00e4gen f\u00fcr die PCC kommen kann, zeigte nicht zuletzt die Auseinandersetzung um die Aufnahme gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in die Verfassung. Hier stand eine dies bef\u00fcrwortende PCC gegen die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung sowie der Kirche und musste schlie\u00dflich klein bei geben.</p><h3><b>Die Losung lautet: Unidad y Solidaridad \u2013 Einheit und Solidarit\u00e4t!</b></h3><p>Angesichts der aktuellen objektiven Bedingungen, welche f\u00fcr eine einzelne sozialistische Insel direkt im Vorhof eines der m\u00e4chtigsten imperialistischen Staaten der Erde nicht unbedingt die besten sind, ist das partizipative System Kubas schon vergleichsweise radikaldemokratisch. Nur von einer staatenlosen Welt zu tr\u00e4umen und vorbei an der kapitalistischen Realit\u00e4t eine abstrakt \u201eantinationale\u201c, statt einer realistisch \u201einternationalen Solidarit\u00e4t\u201c zu fordern, wird den Kapitalismus genauso wenig \u00fcberwinden, wie sich gegenseitig zur Abgrenzung zu kategorisieren. Die kubanische Erfahrung lehrt, dass dogmatische und schematische politische und theoretische Verst\u00e4ndnisse begrenzt sind und sich an der Praxis eines widrigen Aufbaus beweisen und aktualisieren lassen m\u00fcssen. Seit mehreren Jahren ist es in Deutschland wieder en vogue \u00fcber R\u00e4teorganisation ins Gespr\u00e4ch zu kommen.</p><p>Diesbez\u00fcglich weist Kuba nahezu ein archetypisches Beispiel mit Erfahrungen aus mehreren Jahrzehnten der Praxis auf, die reflektiert und zumindest partiell rezipiert werden k\u00f6nnten. Die Kubaner*innen sind sich \u00fcbrigens auch dar\u00fcber einig, dass ihr Weg nicht einfach kopiert werden kann. Es ist der Weg, der zu den Bedingungen auf Kuba passt. Wichtig ist nicht, wie wir uns genau definieren, oder dass wir uns zu einem Einheitsbrei vermengen. Unsere Wege k\u00f6nnen unterschiedliche sein, solange wir sie doch als Einheit gehen, wenn uns der gleiche Klassenfeind gegen\u00fcber steht. In diesem Sinne das kubanische Unidad (Einheit) als politische Widerstandsbewegung, aber auch als Aufruf zu einem solidarischen und auch kritischen Austausch zwischen verschiedenen revolution\u00e4ren Linken mit verschiedenen Strategien im gemeinsamen Kampf zu verstehen, kann jedenfalls als Inspiration bleiben.</p><p>Ob der neuerliche Aufbau einer kommunistischen Partei in Deutschland, Graswurzelkommunen, anarchosyndikalistische Gewerkschaftsf\u00f6derationen oder Gegenmacht im Sinne eines Demokratischen Konf\u00f6deralismus die erfolgversprechende Strategie sein kann, wird uns \u2013 ganz marxistisch gesprochen \u2013 die Praxis im revolution\u00e4ren Kampf und kein abstraktes B\u00fccherwissen zeigen.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Wir haben uns \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum mit der Kampagne \u00fcber Erfahrungen, Herausforderungen und Perspektiven ausgetauscht, Fragen und \u00dcberlegungen zwischen Europa und Rojava hin- und hergeschickt. Entstanden ist eine sehr umfangreiche Diskussion mit den beteiligten Frauen*, die wir hiermit dokumentieren. Die Reise ist ein Teil der feministischen Kampagne &quot;Gemeinsam K\u00e4mpfen&quot;.</i><br/><br/><b>Als Delegation trefft ihr euch immer wieder mit unterschiedlichen Teilen der Frauenbewegung in Rojava. Welche Strukturen k\u00f6nnen wir uns darunter vorstellen und wie sind sie organisiert?</b><br/><br/><b>Charlotte</b>: Wir konnten auf unserer Delegationsreise unheimlich viel sehen und erfahren. Wir waren neben den Kantonen Heseke, Koban\u00ee und Qamishlo auch in den neu befreiten Gebieten, also Tabqa, Raqqa und Minbic. Dort ist der Aufbauprozess noch ganz frisch und man merkt, mit welcher Begeisterung sich die Frauen dort organisieren. An jedem Ort, an dem wir waren, konnten wir mit Vertreterinnen aus Bildung, Verteidigung, Wirtschaft, Kunst und Kultur und vielem mehr reden. Das hatte eine unglaubliche thematische Vielfalt.<br/><br/><b>Jana</b>: Man kann sich das so vorstellen, dass das komplette Gesellschaftssystem konf\u00f6deral organisiert ist. Es gibt die Kommunen als kleinste Basis. Eine Kommune umfasst in einer Stadt wie Derik etwa 40 \u2013 60 Haushalte. Danach folgen die R\u00e4te, dann die Stadtverwaltungen und die Landkreisebene. In dieser Struktur, sowie in allen gesellschaftlichen Bereichen, gibt es immer eine autonome Frauenorganisierung. Der Dachverband der Frauenorganisierung f\u00fcr Rojava hei\u00dft Kongreya Star. Darunter sind alle Frauen der Region organisiert, aber oft zus\u00e4tzlich in verschiedenen Komitees der gesellschaftlichen Bereiche. Auch wenn eine Frau in gemischten Strukturen arbeitet, ist sie automatisch Teil von Kongreya Star und hat somit immer die Frauenorganisierung im R\u00fccken. In allen Institutionen, Organisationen, R\u00e4ten und Kommunen aber auch gesellschaftlichen Bereichen gibt es immer einen Co-Vorsitz, also jeweils eine Frau und einen Mann.<br/><br/><b>Anna</b>: Es wird versucht, alle Angelegenheiten erstmal in der Kommune zu regeln und da wird ganz viel gesprochen und diskutiert. Als Verantwortliche der Kommune geht man in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden in alle Familien und fragt nach was gerade ansteht, ob es Probleme gibt, was ben\u00f6tigt wird.<br/><br/><b>Isa</b>: Die ganze Art der Politik, die angestrebt wird ist eine andere, als wir sie kennen. Ziel ist immer eine gemeinschaftliche L\u00f6sung zu finden. Werte aus matriarchalen Gesellschaften spielen dabei auch immer eine zentrale Rolle: Also der Ansatz, gemeinschaftliche Werte zu schaffen wie Kommunalit\u00e4t, Diskussion im Konsens, ein f\u00fcrsorgliches und verantwortungsvolles Miteinander und so weiter. Das l\u00e4sst sich dann auch nicht nur durch Personen und Strukturen darstellen. Oft f\u00e4llt es hier auch schwer, durch die unterschiedlichen Strukturen zu blicken. Ich habe hier gemerkt, dass mein Blick da oft auch sehr begrenzt ist. Der Kommunalismus, wie er hier aufgebaut wird, ist auch deswegen ein Gegenpol zu sonstigen Gesellschaftsstrukturen, weil er den Blick mehr in die Zwischenr\u00e4ume der Politik lenkt. Damit meine ich, dass darauf geschaut wird, wie sich soziale Beziehungen ver\u00e4ndern, auf Entscheidungsprozesse und auf das Miteinander. Den Grad der Emanzipation kann man eben gerade nicht immer nur daran festmachen, in wie vielen Positionen Frauen jetzt die Rolle der M\u00e4nner einnehmen, sondern vielmehr daran, in welcher Art und Weise Politik gemacht wird und worin Probleme wahrgenommen werden.<br/><br/><b>Man h\u00f6rt in diesem Kontext auch \u00f6fter den Begriff \u201eJineoloji\u201c. K\u00f6nnt ihr ihn kurz erkl\u00e4ren?</b><br/><br/> <b>Jana</b>: Grob aus dem Kurdischen \u00fcbersetzt meint der Begriff \u201eWissenschaft der Frau\u201c. Sie versucht, aus der Geschichte \u2013 etwa aus der Geschichte der Frauen \u2013 heraus Antworten zu entwickeln, wie eine geschlechterbefreite Gesellschaft aussehen kann. Insgesamt verfolgt die Jineoloji einen ganzheitlichen und gesellschaftlichen Ansatz.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Ich w\u00fcrde gerne nochmal auf den Begriff der Wissenschaft eingehen. Das klingt erstmal so statisch. Aber es ist wichtig zu begreifen, dass es nicht nur Wissenschaft im westlichen Sinne ist, sondern die Wissenschaft des Lebens. Es geht darum, wieder ein Leben aufzubauen das nicht entfremdet ist. Deshalb schauen wir auch in die Geschichte, um zu sehen, dass der Kampf der Frauen immer ein Kampf f\u00fcr ein herrschaftsfreies Leben war. Die Jineoloji bezieht sich dazu viel auf matriarchale Forschung und die zentrale Rolle der Frau. Man kann sagen, dass die Frauenrevolution in Rojava und alles was hier aufgebaut wird, also die Werte und die Form, aus der Jineoloji kommen. Das alles geht Jahrtausende zur\u00fcck. Das Prinzip der Kovorsitzenden zum Beispiel oder auch die Kommunenorganisierung, dazu gab es schon Funde in arch\u00e4ologischen St\u00e4tten. Allgemein geht es nie nur um Wissensansammlung, sondern um die Frage: Was bedeutet das Wissen f\u00fcr unser Leben.<br/><br/><b>Welche konkreten politischen Forderungen oder auch Entwicklungen seht ihr denn vor Ort, von denen ihr sagen w\u00fcrdet: Hier wird das praktisch umgesetzt?</b><br/><br/><b>Isa</b>: Da gibt es viel. Es finden zum Beispiel Oral History-Forschungen statt: Ganz unterschiedliche Frauen der Gesellschaft hier werden zu ihrem Leben befragt, aber auch dazu, was sie sich f\u00fcr die Zukunft w\u00fcnschen, welche Ver\u00e4nderungen passieren sollen und so weiter. Die Jineoloji Zentren sind sowohl ein Ort der Forschung, aber auch ein Anlaufpunkt. So findet beispielsweise in Derik w\u00f6chentlich eine Veranstaltung f\u00fcr Kinder statt, in der Filme oder M\u00e4rchen geguckt werden und im Nachhinein dar\u00fcber diskutiert und ein kritische Perspektive ge\u00fcbt wird. Jineoloji ist mittlerweile auch ein Unterrichtsfach in den Schulen geworden und an der Universit\u00e4t in Qamishlo gibt es eine Jineolojifakult\u00e4t. Das ist schon unglaublich. Frauen k\u00f6nnen dort studieren und \u00fcber die Widerstandsgeschichte der Frauen lernen.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Jinwar, das Frauendorf, d\u00fcrfen wir auch nicht vergessen. Das ist letzlich auch ein Forschungsprojekt der Jineoloji. Es zeigt sehr gut den Punkt, den ich stark machen wollte: das Wissenschaft auch immer mit dem Leben in Verbindung steht und nicht ohne gedacht werden darf. Die Frage, die dabei immer mitschwingt, ist ja: Was macht ein freies Leben aus? Und was zeigt sich in diesem Mikrokosmos in der Gesellschaft, der von Frauen aufgebaut wird? Was kann daraus f\u00fcr die Gesellschaft in ganz Nord- und Ostsyrien gezogen werden?<br/><br/><b>Wo seht ihr denn Schwierigkeiten und Herausforderungen, die es ja auch in emanzipatorischen Projekten wie Rojava gibt?</b><br/><br/> <b>Charlotte</b>: Eine zentrale Herausforderung ist die Kriegssituation. Da geht einfach unheimlich viel an Kraft, materiellen und auch personellen Ressourcen, hinein. Und nat\u00fcrlich ist auch der Aufbauprozess in der Gesellschaft davon gepr\u00e4gt. Eine Frage, die beantwortet werden muss, ist ja, wie man eine langfristige Perspektive bietet. Durch die konstante Bedrohung des Projekts haben die Menschen Angst, dass all die M\u00fchen des Aufbaus umsonst sind oder f\u00fcrchten zum Beispiel, dass die Schulabschl\u00fcsse ihrer Kinder irgendwann nichts wert sind. Manche schicken ihre Kinder deshalb auf Schulen des syrischen Regimes. Die andauernde Bedrohungssituation f\u00fchrt auch zu einer Militarisierung der Gesellschaft insgesamt. Viele Jugendliche tragen Milit\u00e4rkleidung, die Tradition von Milit\u00e4rparaden wird fortgesetzt und so weiter. Das sehe ich kritisch.<br/><br/><b>Isa</b>: Die Frage, wie eine Revolution den Menschen eine langfristige Perspektive bieten kann, die eine Sicherheit gibt, kommt immer wieder auf. Es ist schwer, eine bed\u00fcrfnisbefriedigende Infrastruktur zu gew\u00e4hrleisten trotz Kriegsdrohungen, Wirtschaftsembargo, Nicht-Anerkennung durch verschiedene Staaten und ganz konkret auch Fachkr\u00e4ftemangel. Wir haben einige Menschen mit gesundheitlichen Probleme getroffen, die durch das Embargo hier nicht die ad\u00e4quate Gesundheitsversorgung erhalten k\u00f6nnen, die sie brauchen. Wenn sie es sich leisten k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie dann lange Wege nach Damaskus oder in den Irak in Kauf nehmen, um diese zu behandeln.<br/><br/><b>Sarah</b>: Eine gro\u00dfe Herausforderung ist das Thema \u00d6kologie. Im demokratischen Konf\u00f6deralismus ist \u00d6kologie eine der zentralen S\u00e4ulen und ich habe erst hier den ganz praktischen Aspekt davon verstanden. Wenn man in die Geschichte der Region schaut, ist hier durch die Kolonisierung die nat\u00fcrliche Vegetation v\u00f6llig verschwunden. Unter dem Assad-Regime wurde der Monokulturanbau vorangetrieben \u2013 und nun steht man vor einem Brachfl\u00e4che. In der Umgebung der Stadt Rim\u00ealan zum Beispiel gibt es ein riesiges Erd\u00f6lf\u00f6rderungsgebiet, dass damals vom Regime ausgebaut wurde. Nat\u00fcrlich ist \u00d6l keine \u00f6kologische Ressource, aber man kann auch nicht auf die Einnahmen durch den Verkauf des \u00d6ls verzichten. Es gibt auch Pl\u00e4ne f\u00fcr alternative Energieversorgung, aber momentan kaum Kapazit\u00e4ten daf\u00fcr, sie umzusetzen. Da werden dann die Herausforderungen sichtbar. Zudem braucht es viel Bildung, um ein \u00f6kologisches Bewusstsein unter den Menschen zu schaffen. Zum Beispiel auch bei der M\u00fcllentsorgung. Die ist aber gleichzeitig auch ein Beispiel daf\u00fcr, wie sich die Bev\u00f6lkerung aktiv der Herausforderung stellt: Es gibt in manchen St\u00e4dten einmal im Monat eine gemeinsame M\u00fcllsammelaktion, an der bestenfalls die ganze Bev\u00f6lkerung teil nimmt.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Um einen weiteren Punkt aufzumachen: Ich sehe auch immer die Gefahr einer Verstaatlichung, obgleich es ja eigentlich eine Gegenbewegung dazu sein sollte. In Amude allein, einer Kleinstadt hier, gibt es beispielsweise 35 Institutionen. Um Gas zu bekommen, muss man sich erstmal an vier verschiedene Institutionen wenden. Die Vorsitzende der Stadtverwaltung in Derik erz\u00e4hlt uns, dass die Menschen bei Problemen oft erstmal in die Stadtverwaltung kommen \u2013 und nicht versuchen, es in ihrer Kommune zu l\u00f6sen. Das liegt nat\u00fcrlich auch daran, dass die Menschen Strukturen machen, die sie kennen. Es geht hier auch nicht darum, den Staat von null auf hundert abzuschaffen, aber gleichzeitig auch nicht darum, alles wieder zu b\u00fcrokratisieren.<br/><br/><b>Sarah</b>: Und nat\u00fcrlich ist es ein Problem auf dem Weg zu einer befreiten Gesellschaft, wenn Eigentumsverh\u00e4ltnisse fortbestehen. Der Ansatz hier ist aber eben erstmal Bildungen zu machen und Werte zu vermitteln. Das irgendwann die Einsicht auch da heraus kommt, dass es nicht wichtig ist, dass das Feld oder das Gesch\u00e4ft mir geh\u00f6rt.<br/><br/><b>Jana</b>: Mir ist hier auch bewusstgeworden, wie zentral Bildung ist. Sie ist der Grundstein f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung, die eben nicht durch Zwang passieren kann. Durch Bildungen werden Frauen erm\u00e4chtigt, \u00fcber die eigene Rolle zu reflektieren, in ihnen wird der Bev\u00f6lkerung vermittelt, wie ich mich zu meiner Umwelt in Bezug setze, wie ich mit M\u00fcll umgehe und vieles mehr. Es wird auch viel Wert auf Bildungen f\u00fcr M\u00e4nner gelegt, ihre Position in der Gesellschaft zu hinterfragen.<br/><b><br/>Was seht ihr mit einem feministischen Fokus auf die Anforderungen, die es in Rojava zu stemmen gibt?</b><br/><br/><b>Jana</b>: Ich sehe auf jeden Fall eine Schwierigkeit in der Doppelbelastung der Frauen, die durch die politische Organisierung entsteht. Das ist auf Dauer eine Herausforderung, neben den vielen Treffen noch Haushalt und die Kinder zu managen. Denn das ist leider auch Realit\u00e4t: Rojava ist noch ein junges Projekt und man merkt, wie lange es dauert, bis sich gerade diese Rollenverteilung aufl\u00f6st. Durch die Bildungen wird den Frauen dann erz\u00e4hlt, was f\u00fcr eine zentrale Rolle die Mutter hat und ich sehe die Gefahr, dass das dann falsch gedeutet wird \u2013 also, dass die Mutterschaft verherrlicht und dadurch auf die einzelne Frau abgelegt wird.<br/><br/><b>Anna</b>: Ich verstehe deinen Punkt. Aber das mit der Verherrlichung der Mutter ist zu einfach gesagt. Bei dieser Analyse geht es ja um die Werte, die mit dem Begriff Mutterschaft verbunden sind, und nicht um die Person an sich. Es geht nicht darum, die Super-Mama zu sein oder neben deinem Job noch das Yoga mit Kind zu wuppen. Es geht darum, dass alle in der Gesellschaft die Werte der Mutter annehmen. Also Selbstlosigkeit, Achtsamkeit, Gemeinschaftlichkeit. Eine Mutter liebt alle ihre Kinder gleich und an diesen Werten m\u00fcssen wir uns alle orientieren. Das ist doch die Aussage dahinter.<br/><br/><b>Sarah</b>: Das Problem h\u00e4ngt mit den bestehenden patriarchalen Strukturen zusammen. Es h\u00e4ngt nicht an der Frau, die zu den Treffen muss, sondern an dem Mann, der nicht die gleiche Rolle \u00fcbernimmt. In jeder Familie muss eben eine Revolution passieren und das sind 1000 kleine Revolutionen jeden Tag. Das ist ja auch ein Prozess dahin, die Rolle der Mutter nicht in einem biologischen Sinn zu begreifen.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Das ist ein anderer Ansatz. Er weicht von einem eurozentrischen Blick auf Frauenbefreiung ab. Besonders in der b\u00fcrgerlichen wei\u00dfen Frauenbewegung wollte man ausbrechen aus dem Haus und die Rolle der Mutter ablehnen. Wie Nina Hagen gesagt hat: \u201eIch bin nicht deine Fickmaschine\u201c. Da hat man zum Beispiel auch Teile der schwarzen Frauenbewegung ignoriert, wenn man f\u00fcr \u201ealle Frauen\u201c gesprochen hat. F\u00fcr sie konnte das Haus auch R\u00fcckzug vor der wei\u00dfen Unterdr\u00fcckung bedeuten. In Rojava wird der Ansatz versucht, alle die Werte \u201eder Mutter\u201c in der Gesellschaft wieder auf unser gesamtes Zusammenleben \u00fcbertragen.<br/><br/><b>Anna</b>: All diese Herausforderungen zeigen, dass Revolution ein Prozess ist und Widerspr\u00fcche dazugeh\u00f6ren. Sie sind ja gerade der Ausdruck von Wandel. Wir m\u00fcssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass eine Revolution kommt und dann ist alles super.<br/><br/><b>Sarah</b>: Generell ist die Situation der Frau ein gro\u00dfes Thema in der Gesellschaft. Viele berichten von einer Verbesserung im Vergleich zu Regimezeiten oder nat\u00fcrlich zum Leben unter Daesh. Frauen k\u00f6nnen ohne Probleme das Haus verlassen, sich bilden und in die Schule gehen, sie k\u00f6nnen zentrale Positionen einnehmen und so weiter. Die Fortschritte wurden von den Frauen mit der gr\u00f6\u00dften Anstrengung erk\u00e4mpft, das haben wir immer wieder an ganz unterschiedlichen Orten geh\u00f6rt und miterlebt. Ihre Errungenschaften sind aber in Gefahr, durch die Kriegsdrohungen wieder platt gemacht zu werden. Man merkt das bei den Demonstrationen gegen die Angriffe. Es gibt eine riesige Beteiligung von Frauen, die Stimmung ist zum Teil sehr k\u00e4mpferisch.<br/><br/><b>Welche Auswirkungen die Angriffsdrohungen der T\u00fcrkei auf Rojava bekommt ihr mit?</b><br/><br/><b>Charlotte</b>: Mit den Angriffen auf Afr\u00een gab es einen gro\u00dfen Zusammenhalt der Bev\u00f6lkerung. In ganz Rojava gibt es Kundgebungen, Demonstrationen und Aktionen. Wir haben uns an vielen beteiligt. Es wird derzeit auch versucht, eine fl\u00e4chendeckende Selbstverteidigung der Zivilgesellschaft aufzubauen. Von der Gro\u00dfmutter auf dem Dorf bis zu den Jugendzentren, alle erhalten Trainings in Erste-Hilfe-Ma\u00dfnahmen, Verhalten bei Luftangriffen sowie Ausbildungen an der Waffe, um sich selbst verteidigen zu k\u00f6nnen.<br/><br/> <b>Anna</b>: Krieg, Flucht und Tod sind Themen, die wir bei allen Menschen hier immer wieder h\u00f6ren. Viele haben Angeh\u00f6rige, die im Kampf gegen Daesh oder die T\u00fcrkei gefallen sind. In jeder Stadt gibt es einen Friedhof f\u00fcr die Gefallenen. F\u00fcr viele ist das auch der Grund und die Motivation, warum sie sich organisieren.<br/><br/> <b>Welche Aufgaben k\u00f6nnen internationalistische Frauendelegationen in Rojava \u00fcbernehmen, wie kann man sich denn einen Alltag von euch dort vorstellen?</b><br/><br/><b>Charlotte</b>: Unser Alltag ist schon ein ganz anderer als in Deutschland. Hier machen wir alles zusammen. Wir stehen auf, machen gemeinsam Sport, Essen gemeinsam, verteilen unsere Arbeiten zusammen und schlafen in einem Raum. Damit in diesem engen Zusammenleben keine Konflikte entstehen, setzen wir uns regelm\u00e4\u00dfig zusammen, kritisieren uns selbst und die anderen. Das ist auch eine Methode der kurdischen Bewegung.<br/><br/><b>Jana</b>: Ich war noch nie so lange nur mit Frauen unterwegs. Besonders in einem politischen Kontext. Und bei mir hat das nochmal ein ganz tiefes Vertrauen in meine Genossinnen erwachsen lassen. In unserer Sozialisation lernen wir, nicht die F\u00e4higkeiten und das K\u00f6nnen anderer Frauen zu sehen. Wie sehr dieses Denken trotz jahrelanger feministischer Arbeit in mir drin ist, habe ich erst hier gemerkt. Umso sch\u00f6ner finde ich unser gemeinsames Leben hier. Diese Liebe zu meinen Freundinnen zu entwickeln und zu sehen, wieviel wir voneinander lernen k\u00f6nnen.<br/><br/> <b>Sarah</b>: Abseits von Interviews konnten wir uns auch ganz praktisch die Gesellschaftsarbeit angucken. Wir konnten zum Beispiel an den Familienbesuchen von Kongreya Star teilnehmen oder die Arbeit der Mala Jin mitbekommen, die sich um Probleme der Frauen k\u00fcmmern. Unsere Delegation war nat\u00fcrlich auch von der aktuellen Lage gepr\u00e4gt. Wir nahmen an den Hungerstreiks teil, bei Demos, Konferenzen oder den Aktionen der lebenden Schutzschilder in Serekaniye. Wir haben oft bei Familien geschlafen und haben das Leben dort mitbekommen. Je nachdem, in welcher Stadt und wie die dortige Sicherheitslage war, konnten wir uns auch auf uns selbst gestellt bewegen.<br/><br/><b>Anna</b>: Wir haben gemerkt, dass es ist wichtig ist, dass Frauen hierherkommen. Denn wir kommen hier alle nicht nur als Einzelpersonen hin, wir kommen hierher, um zu lernen und unser Wissen, Informationen und Werte nach Hause zu tragen und sie unseren Freund*innen, Genoss*innen und Familien und generell der \u00d6ffentlichkeit zu erz\u00e4hlen. Unsere Erfahrung war, dass prozentual sehr viel mehr M\u00e4nner herkommen und besonders internationalistische R\u00e4ume dadurch sehr m\u00e4nnerdominiert sind. Allerdings gibt es auch andere R\u00e4ume, wie YPJ International, und dort passiert neben der milit\u00e4rischen Ausbildung sehr viel Pers\u00f6nlichkeitsarbeit. Wichtig sind auch Frauen dort, die in ganz praktischen Dingen ausgebildet sind \u2013 das geht von Ingenieurinnen zu Krankenpflegerinnen zu Elektrikerinnen.</p><p><br/><b>Ihr sprecht \u00d6ffentlichkeitsarbeit an. Wie werden eurer Ansicht nach denn die Entwicklungen in Rojava in der \u201ewestlichen\u201c \u00d6ffentlichkeit wahrgenommen?</b><br/><br/><b>Isa</b>: Das unterscheidet sich zwischen linker bis linksradikaler \u00d6ffentlichkeit und Mainstreammedien. In letzteren kommt das Thema abseits von YPG und neuen Entwicklungen im Kampf gegen Daesh quasi nicht vor. Es gibt kaum eine Berichterstattung dar\u00fcber, dass hier eine Alternative aufgebaut wird und welche Rolle Frauen darin einnehmen. In einer linken \u00d6ffentlichkeit bewegt man sich h\u00e4ufig zwischen Idealisierung und Fetisch \u2013 Paradebeispiel die schwarzhaarige junge Frau mit Kalasch \u2013 oder Abgrenzung. Im Fokus ist auch dort oft nur der milit\u00e4rische Widerstand. In Gespr\u00e4chen oder Anfragen von Journalist*innen haben wir gemerkt, dass gerade im milit\u00e4rischen Bereich das Interesse gro\u00df ist, aber nicht an dem Projekt selbst.<br/><br/><b>Sarah</b>: Ich finde das auch absurd. In linken Medien wird zwar immer wieder \u00fcber die Selbstverwaltung oder das Konzept des demokratischen Konf\u00f6deralismus geredet. Aber das Frauenbefreiung ein zentraler Pfeiler ist, findet wenig Erw\u00e4hnung. Frauen \u00fcbernehmen hier eine Vorreiterinnenschaft, das l\u00e4sst sich nicht anders sagen. Und das sind nat\u00fcrlich die Frauen der YPJ, aber auch die M\u00fctter bei den menschlichen Schutzschildern oder die Frauen bei HPC Jin, den Verteidigungsstrukturen der Kommunen.<br/><br/><b>An welchen Bildern wollt ihr noch etwas ver\u00e4ndern?</b><br/><br/><b>Anna</b>: Das Bild der vermeintlich rein kurdischen Revolution. Die Strukturen hier setzen sich aus allen zusammen, die hier wohnen \u2013 und das sind nicht nur die Kurd*innen. Gerade kursiert in den sozialen Medien etwa das Bild einer kurdischen Frau mit Kalaschnikow und darunter steht \u201esupport the kurds and their allies\u201c. Besonders seit der Befreiung der haupts\u00e4chlich arabisch bewohnten Gebiete sind solche Bilder schlichtweg falsch. Das haben wir auch in unseren Besuchen in Tabqa und Rakka gemerkt. Diese Vorstellung, der Demokratische Konf\u00f6deralismus sei einzig ein \u201eKurdenprojekt\u201c, die stimmt einfach nicht.<br/><br/><b>Jana</b>: Ich m\u00f6chte auch dieser Revolutionsromantik gerne etwas entgegensetzen. Es ist hier nicht perfekt. Aber gleichzeitig w\u00e4re es auch komisch, wenn dem so w\u00e4re. Hier wird mit einer unheimlichen Anstrengung an allen Ecken und Enden etwas aufgebaut. Das hat nat\u00fcrlich Fehler und die geh\u00f6ren dazu.<br/><br/><b>Isa</b>: Da haben wir ja mit Antipropaganda noch gar nicht angefangen. Ich habe schon mehrfach in Artikeln gelesen, dass die Bewegung hier eigentlich total autorit\u00e4r und menschenverachtend sei und die Befreiung der Frau nur als Vorwand n\u00e4hme, um dies zu verschleiern. Das ist wirklich vollkommen haneb\u00fcchen und sexistisch. Es zeichnet wieder ein Bild der Frau, die nicht f\u00fcr sich selbst entscheiden kann.<br/><br/><b>Sarah</b>: Auch die Linke muss auch ihren Blick auf Revolution \u00e4ndern. Viele sagen, das Projekt in Rojava sei keine Revolution, da der erste Schritt hier die Frauenbefreiung und nicht die \u00f6konomische Umverteilung ist. Bei dem Blick auf die Bewertung von Rojava scheint die Unterscheidung in Haupt- und Nebenwiderspruch noch sehr in den Menschen drin zu sein.<br/><br/><b>Was nehmt ihr pers\u00f6nlich aus dem Austausch f\u00fcr eure K\u00e4mpfe in Europa mit?</b><br/><br/><b>Jana</b>: Mir ist die Relevanz einer autonomen Frauenorganisierung nochmal deutlicher geworden. Vor allem, wie das auch im Gro\u00dfen aussehen kann. Im gleichen Zuge merke ich, dass es nicht dabei stehen bleiben kann. Eine feministische Analyse und Erkenntnisse muss sich in einem zweiten Schritt auch auf die Arbeit mit unseren m\u00e4nnlichen Genossen ausweiten. Die Frauen hier behalten immer die gesamtgesellschaftliche Perspektive im Auge. In den Gespr\u00e4chen hier habe ich schon oft die Frage gestellt: \u201eWie schafft ihr das? Ihr musstet so viele K\u00e4mpfe mit euren V\u00e4tern, Br\u00fcdern und Genossen f\u00fchren, wie habt ihr es geschafft, die gemeinsame Perspektive zu behalten und ihnen zu verzeihen?\u201c Und die Antwort war wirklich immer: \u201eEs geht nicht anders. Es w\u00fcrde uns nichts bringen, wenn wir sie einfach zur\u00fccklassen\u201c. Das war in meinen feministischen Zusammenh\u00e4ngen nicht so. Dort war die Antwort oftmals eher: \u201eIch habe schlechte Dinge mit M\u00e4nnern erlebt und jetzt arbeite ich nicht mehr mit ihnen\u201c. Aber was ist dann unsere Perspektive?<br/><br/><b>Anna</b>: Wir waren hier, als der Krieg angek\u00fcndigt wurde und alle dachten, das wird in den n\u00e4chsten Tagen passieren. Was ich da mitnehme ist, dass trotz dessen die Arbeiten weitergehen. Hier war keine Paralyse zu merken. Man hat weitergemacht und sich nicht davon bestimmen lassen. Da kann man auch viel f\u00fcr zuhause lernen. Es kann Kraft geben. Wenn man sich zum Beispiel monatelang in irgendeinem Kaff in Sachsen mit Feuerwehr-Politik gegen Rechts abarbeitet \u2013 und das ist nat\u00fcrlich wichtig und gar nicht anders m\u00f6glich \u2013 w\u00e4hrenddessen nicht Aufbauarbeiten und Perspektiven zu vergessen.<br/><br/><b>Isa</b>: Das hat auch viel mit Hoffnung und Verbindlichkeit zu tun. Damit, auch in schwierigen Zeiten den Mut nicht zu verlieren. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir eine gemeinsame Kraft entwickeln. Hier sterben so viele Menschen und das hinterl\u00e4sst nat\u00fcrlich immer ein Loch \u2013 aber die Angeh\u00f6rigen ziehen daraus auch ihre Kraft, weiter an der Sache zu arbeiten. Denn diese Menschen sind f\u00fcr eine andere, eine befreite Welt gestorben und diesen Kampf wollen sie weitertragen. Das h\u00e4ngt auch mit Verbindlichkeit dem Widerstand gegen\u00fcber zusammen. Je mehr Geschichten und Gespr\u00e4che man h\u00f6rt, desto unwahrscheinlicher wird es zu sagen: \u201eIch habe keinen Bock mehr auf Politik\u201c. Als w\u00e4re das eine Entscheidung. Wir hatten hier ein <a href=\"http://gemeinsamkaempfen.blogsport.eu/2019/03/03/sehid-helin-lives-forever/\">Interview mit einer engen Freundin</a> von Anna Campbell. Das hat mich sehr ber\u00fchrt. Sie hat uns erz\u00e4hlt, dass sie nach ihrem Tod einfach nicht mehr sagen kann, ich ziehe mich jetzt raus oder ich habe keine Lust mehr.<br/><br/><b>Sarah</b>: Dazu geh\u00f6rt auch, eine gemeinsame Perspektive und gemeinsame Werte zu entwickeln. Sich nicht von Konflikten spalten zu lassen, sondern Methoden zur Konfliktl\u00f6sung und zur Zusammenarbeit zu finden. Das h\u00e4ngt zum einen viel mit der Arbeit an sich selbst und andererseits mit der Herangehensweise an Genossenschaftlichkeit (Hevalt\u00ee) zusammen. Damit ist Vorstellung gemeint, gemeinsam in einem revolution\u00e4ren Prozess zu wachsen. Das habe ich auch in meinem Umgang mit M\u00e4nnern gemerkt. Ich k\u00f6nnte nat\u00fcrlich sagen: \u201eSchei\u00df drauf, ich kann den nicht ab\u201c. Aber dann ist da nur ein Mann mehr, der sich nicht \u00e4ndert. Wir m\u00fcssen daran glauben, dass auch Typen sich \u00e4ndern k\u00f6nnen und wollen, dass auch sie wachsen und sich ver\u00e4ndern.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Was ich auch f\u00fcr meine K\u00e4mpfe mitnehme, ist ein ver\u00e4ndertes Konzept von Freiheit. Das mir meine pers\u00f6nliche, individuelle Freiheit nichts bringt, wenn andere nicht frei sind. Zum Beispiel kann ich zwar oberk\u00f6rperfrei im Berghain tanzen gehen, aber dennoch wird zwei H\u00e4user weiter eine Frau von ihrem Mann geschlagen. Wir m\u00fcssen aufh\u00f6ren, nur Schritte f\u00fcr uns zu gehen, und nicht f\u00fcr alle.<br/><br/><b>Wie ist die Kapitalismus- und Patriarchatskritik von Rojava auf europ\u00e4ische L\u00e4nder \u00fcbertragbar, und wo seht ihr Schwierigkeiten?</b><br/><br/><b>Isa</b>: Ein Punkt \u00fcber den ich viel nachdenke, ist die Analyse, dass die Frau die erste Kolonie ist. Ich gehe da zwar mit, aber ich denke, die Auswirkungen auf die politische Praxis in Europa oder westlichen L\u00e4ndern muss eine andere sein. Wir kommen aus L\u00e4ndern, die kolonisiert haben. Das d\u00fcrfen wir nicht vergessen, wenn wir diese Analysen anwenden. Rassismus ist bei uns ein zentraler Unterdr\u00fcckungsmechanismus. Wir k\u00f6nnen also nicht sagen, die Kategorie Frau ist die zentrale Kategorie f\u00fcr eine Organisierung. Damit machen wir nur selbst wieder Haupt- und Nebenwiderspr\u00fcche auf.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Wir haben in Europa auch eine andere Grundlage, wenn wir von kommunalem Leben reden. Hier geht es zum Beispiel darum, kommunales Leben zu verteidigen und zu erhalten. In Europa m\u00fcssen wir das wieder ausgraben und aufbauen. Wir befinden uns im Herzen der Bestie und deshalb brauchen wir auch andere Konzepte.<br/><br/><b>Sarah</b>: Ich finde allerdings, dass es auch wichtig ist, die Gemeinsamkeiten zu betonen. Sonst verlieren wir den Blick f\u00fcr das Ganze und konzentrieren uns wieder nur darauf, was uns trennt. Ich finde die Analyse der kurdischen Bewegung dazu sehr hilfreich, also die Begriffe der demokratischen Moderne und der kapitalistischen Moderne. Also zu sehen, dass es nat\u00fcrliche Gesellschaften \u00fcberall gab und diese bek\u00e4mpft wurden. Werte wie Gemeinschaft, der Bezug zur Natur, ein humanistisches Gewissen \u2013 das ist etwas wof\u00fcr wir alle k\u00e4mpfen und wir k\u00f6nnen uns nicht nur Sexismus oder Rassismus herausgreifen und dann nur gegen einen Mechanismus k\u00e4mpfen. Da gilt es auch, den Metropolenchauvinismus zu bek\u00e4mpfen.<br/><br/><b>Isa</b>: Es besteht immer auch die Gefahr, gewisse politische Realit\u00e4ten zu vergessen und auch die eigenen Hintergr\u00fcnde zu vergessen. Das wir dann zum Beispiel dar\u00fcber diskutieren, aber nicht dar\u00fcber, dass wir hier in einer Gruppe aus wei\u00dfen Frauen sitzen.<br/><br/><b>Anna</b>: In Europa und gerade auch Deutschland wurden systematisch matriarchale Gesellschaftsmodelle und Frauen*bilder zerst\u00f6rt. Wir reden viel zu wenig dar\u00fcber, dass wir an dem Ort leben, an dem so viele Frauen als Hexen verbrannt wurden. Da lohnt sich auch wirklich die Lekt\u00fcre von Silvia Federicis <i>Caliban und die Hexe</i>. Damit wurde sich in der zweiten Frauenbewegung unheimlich viel besch\u00e4ftigt und heute beziehen wir uns viel zu wenig darauf.<br/><br/><b>Heute ist internationaler Frauen*kampftag, und in vielen Orten international und in Deutschland finden feministische Streiks statt. Habt ihr eine Botschaft f\u00fcr eure streikenden Genossinnen*?</b><br/><br/><b>Anna</b>: Wir stehen vor vielen Herausforderungen. Wir leben in einer Welt voller Grenzen und Mauern. Manchmal so, dass wir uns nicht erreichen k\u00f6nnen und uns nicht gegenseitig kennen lernen k\u00f6nnen, um Schulter an Schulter dagegen zu k\u00e4mpfen. Eine internationalistische Perspektive \u00fcberschreitet und durchbricht diese Grenzen. Und das bedeutet, die Notwendigkeit zu erkennen, dass wir unsere K\u00e4mpfe miteinander verbinden. Dass wir an jedem Ort an dem wir sind, f\u00fcr wirkliche Freiheit und Gerechtigkeit k\u00e4mpfen und verstehen, welche Rolle wir in diesem Kampf einnehmen k\u00f6nnen.<br/><br/><b>Jana</b>: Ich m\u00f6chte meinen Schwestern \u00fcberall auf der Welt viel Kraft f\u00fcr ihre K\u00e4mpfe schicken und dass dieser Widerstand ein Widerstand ist, den wir seit Jahrhunderten f\u00fchren. Denn: \u201ewir sind die Enkelinnen der Hexen, die sie nicht verbrennen konnten\u201c!<br/></p><hr/><p><i>Die Kampagne \u201eGemeinsam K\u00e4mpfen\u201c entstand aus feministischen und internationalistischen Zusammenh\u00e4ngen in Deutschland. Sie m\u00f6chte globale feministische Perspektiven f\u00fcr basisdemokratische Gesellschaftsformen entwickeln.</i></p><p><i>Link zu Blogbeitr\u00e4gen der Delegation auf der</i> <a href=\"http://gemeinsamkaempfen.blogsport.eu/category/feministische-delegation-rojava/\">Webseite der Kampagne.</a></p><p>Das Artikelbild zeigt eine Demonstration gegen die Afrin-Invasion in Derik am 20.1.2019.<br/><br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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M\u00e4rz"], "summary": "Zum internationalen Frauen*kampftag wird es internationalistisch: Die feministische Delegation von \u201eGemeinsam K\u00e4mpfen\u201c sprach mit uns ausf\u00fchrlich \u00fcber politische Entwicklungen, Herausforderungen und Perspektiven der Frauenrevolution in Rojava."}, {"title": "T\u00f6tet den Metropolenchauvinismus in eurem Kopf!", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>T\u00f6tet den Metropolenchauvinismus in eurem&nbsp;Kopf!</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"So sehen Sieger*innen aus.\" height=\"420\" src=\"/media/images/bosslike.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Eren Kansoy</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>\n\n\n\t\n\t\n\t\n\t\n\n\n</p>Seit der Rojava-Revolution\ninteressieren sich verschiedenste linke Bewegungen in Deutschland f\u00fcr\ndie kurdische Bewegung. Themen wie internationale Solidarit\u00e4t und\nInternationalismus gewinnen von Neuem an Bedeutung f\u00fcr die hiesige\nLinke. Viele verschiedene Gruppen und Str\u00f6mungen, die sich sonst\ninnerhalb der linken Szene nicht \u00fcber den Weg trauen, sind sich\npl\u00f6tzlich darin einig, dass die Revolution von Rojava ein Thema ist,\nbei dem mensch wieder mal zusammenkommen und gemeinsam agieren kann.\nSofern man nat\u00fcrlich \u00fcber seinen eigenen Schatten springt, die\nGrabenk\u00e4mpfe in der Szene mal hinter sich l\u00e4sst und nicht nur im\nSinne der eigenen Gruppe, sondern auch mal im Sinne der linken\nBewegung als Ganzes agiert. Doch dazu sp\u00e4ter mehr.<p>\n</p><p>Es gab nat\u00fcrlich hier und\nda auch linke Gruppen, die sich mit der kurdischen Bewegung\nauseinandersetzten, als es noch keine Rojava-Revolution gab. Vor\nsechs, sieben Jahren war ich noch Teil des Verbandes der Studierenden\naus Kurdistan (YXK). Wir suchten den Kontakt zu linken Gruppen,\nhielten uns immer mehr in linken Szenel\u00e4den auf, begaben uns\nsozusagen in ein f\u00fcr uns neues Terrain. Oftmals stie\u00dfen wir auf\nAblehnung, viele hatten uns schon in eine \u201ev\u00f6lkische\u201c Schublade\ngesteckt, manche wollten noch nicht einmal mit uns sprechen. Ich\nerinnere mich, dass wir von vermeintlich linken Asten keine\nR\u00e4umlichkeiten erhielten. Doch hier und da tauchten dann Gruppen\nauf, die den Kontakt zu uns suchten, die nicht vorurteilsbeladen\nsondern offen waren und auf uns zukamen, ohne dass wir sie suchen\nmussten. Doch insgesamt schien uns der erste Kontakt zu der linken\nBewegung in Deutschland sehr schwierig.</p><p>\n</p><p>Doch dann kam die\nRojava-Revolution und das Blatt wendete sich pl\u00f6tzlich. Auf einmal\nwar das Interesse an der kurdischen Bewegung derart gro\u00df, dass wir\ngar nicht mehr hinterherkamen. Organisierten wir zuvor selbst\nDiskussionsveranstaltungen, bei denen wir wochenlang R\u00e4ume suchen\nund Werbung machen mussten und am Ende vielleicht 40-50 Leute\nerreichten, trudelten nun so viele Referent*innenanfragen bei uns\nein, dass wir gar nicht hinterherkamen. Jede*r innerhalb der linken\nBewegung redete pl\u00f6tzlich vom kurdischen Freiheitskampf. Ich\nerinnere mich an eine Demo, an der pl\u00f6tzlich Leute von demselben\nAStA auftauchten, die uns zuvor noch rigoros R\u00e4ume f\u00fcr\nVeranstaltungen verweigert hatten, und uns fragten, ob wir nicht mal\nwas mit ihnen organisieren wollten.</p><p>\n</p><p>Letztlich waren wir\nnat\u00fcrlich gl\u00fccklich \u00fcber diese Situation. Doch dieser neue Umstand\nwar f\u00fcr uns auch Anlass zur Selbstkritik: Der Paradigmenwechsel der\nkurdischen Bewegung hatte sich bereits vor der Rojava-Revolution\nvollzogen. Wieso war es uns nicht bereits fr\u00fcher gelungen, die Ideen\nder kurdischen Freiheitsbewegung in der linken Bewegung in\nDeutschland bekannt zu machen? Wieso musste es erst zur\nRojava-Revolution kommen, bevor die Leute uns nicht mehr als\n\u201esuspekt\u201c betrachteten oder uns als \u201enationalistisch\u201c oder\ngar \u201ev\u00f6lkisch\u201c ansahen? Als ich 2010 auf einer Delegationsreise\nin Kurdistan war, erkl\u00e4rte mir ein Genosse, dass es die Aufgabe der\nYXK sei, die Ideen der Bewegung, also den Demokratischen\nKonf\u00f6deralismus, innerhalb der linken Bewegungen in Deutschland und\nEuropa bekannt zu machen. W\u00fcrden wir dies erfolgreich tun, so w\u00fcrde\ndas nicht nur uns weiterhelfen, sondern auch ein neues Feuer\ninnerhalb den Linken in Deutschland entfachen, ihnen neue\nPerspektiven aufzeigen. Ich war damals nicht so \u00fcberzeugt von seinen\nAusf\u00fchrungen, hielt sie f\u00fcr leicht \u00fcberheblich. Im Nachhinein muss\nich sagen, dass er wohl Recht hatte und wir unserer Verantwortung\nnicht gerecht geworden sind. \n</p><p>\n</p><p>Doch zur\u00fcck nach\nDeutschland. Es gab also in Deutschland diejenigen Gruppen innerhalb\nder linken Szene, die mit uns gearbeitet hatten, als andere uns nicht\nmal die Hand reichen wollten. Und dann gab es diejenigen Gruppen, die\npl\u00f6tzlich neu Interesse an uns zu gewinnen begannen. Das Problem,\ndas sich nun f\u00fcr uns auftat, war die Tatsache, dass die\nunterschiedlichen Gruppen oft nichts miteinander zu tun haben\nwollten, sich zum Teil gar feindlich gegen\u00fcberstanden. Keine\neinfache Situation f\u00fcr uns. Wir wussten nat\u00fcrlich unsere \u201ealten\u201c\nFreund*innen und Genoss*innen sehr zu sch\u00e4tzen. Doch ging es uns\nstets darum, die Ideen aus Kurdistan zu verbreiten, sie innerhalb der\ngesamten linken Szene zur Diskussion zu stellen und eine breite\nSolidarit\u00e4t ins Leben zu rufen. Wir versuchten B\u00fcndnisse auf die\nBeine zu stellen, beteiligten uns an bestehenden B\u00fcndnissen und\nversuchten \u00fcber die bestehenden Gr\u00e4ben, deren Ursachen wir\nteilweise nicht richtig verstanden, zu springen. Doch wir stie\u00dfen\nauf Grenzen.</p><p>\n</p><p>Wir machten dann die\nErkenntnis, dass bei manchen Gruppen Verbitterung aufkam. Sie\ndachten, dass sie das Thema \u201eKurdistan\u201c f\u00fcr sich gepachtet\nhatten. Ihnen schien es nicht zu gefallen, dass sich nun auch andere\nGruppen daf\u00fcr interessierten. Ihr Solidarit\u00e4tsverst\u00e4ndnis schien\nzu lauten: \u201eWir machen was zu Kurdistan, erreichen dadurch viele\nLeute und polieren damit unsere Stellung auf.\u201c Eine tiefer gehende\ninhaltliche Auseinandersetzung schien da eher weniger von Interesse.\nAber auch innerhalb der Szene begegneten wir zunehmend diesem\nPh\u00e4nomen, vor allem unter einigen Teilen unserer \u201ealten\nFreund*innen\u201c.</p><p>\n</p><p>Die Absicht von uns\nkurdischen Aktivist*innen ist es, Menschen um die Ideen des\nDemokratischen Konf\u00f6deralismus herum zusammenzubringen, die sich als\npolitisch links verstehen. Wir haben keineswegs den Anspruch, die\nLinke hier zu belehren und ihnen zu erkl\u00e4ren, was \u201esie\u201c falsch\nund was \u201ewir\u201c richtig machen. Doch wir wollen unsere Konzepte und\nIdeen der Szene bekannt machen und sie dazu einladen, dar\u00fcber\nintensiv zu diskutieren, damit mensch am Ende vielleicht f\u00fcr die\neigene Praxis Schl\u00fcsse daraus ziehen kann. Es geht dabei nicht\ndarum, die Praxis in Kurdistan nach Deutschland zu kopieren. Es geht\nviel eher darum, aus den theoretischen Konzepten der Bewegung\npraktische Schl\u00fcsse f\u00fcr die eigene Realit\u00e4t zu gewinnen, damit wir\nhier gemeinsam Alternativen aufbauen k\u00f6nnen.</p><p>\n</p><p>Um dies zu\nerm\u00f6glichen, bedarf es einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit der\nkurdischen Freiheitsbewegung. Alle, die meinen, f\u00fcr ihre eigenen Gruppeninteressen das Thema \u201eKurdistan\u201c ausschlachten zu m\u00fcssen,\nsind hier fehl am Platz. Auch diejenigen, die meinen, Solidarit\u00e4t\nbedeute, \u201eMitleid mit der Situation der Kurd*innen\u201c haben zu\nm\u00fcssen, werden nicht zum Kern der Sache vordringen k\u00f6nnen. Die\nSolidarit\u00e4t, zu der wir aufrufen, soll dazu einladen, gemeinsam zu\ndiskutieren, zu arbeiten und Alternativen aufzubauen. Bei dem\n<a href=\"https://revoltmag.org/articles/t\u00f6tet-die-projektionsfl\u00e4chen-eurem-kopf/\">Artikel</a>\ndes<i> re:volt magazine</i>-Redakteurs Geronimo Marulanda hatte ich hingegen den\nEindruck, dass da jemand ausgehend von seinen pers\u00f6nlichen negativen\nErfahrungen mit einzelnen Personen in der kurdischen Bewegung einen\nArtikel zu Papier gebracht hat, der wenig mit konstruktiver Kritik zu\ntun hat. Ich will nicht in Abrede stellen, dass es Probleme dieser\nArt beziehungsweise Widerspr\u00fcche in der eigenen Basis gibt. Dadurch\naber die eigentliche Perspektive der Bewegung, die auch immer mehr\nvon der eigenen Basis angenommen wird, in Frage zu stellen, ist nicht\nrichtig und erinnert mich letztlich an die \u00dcberheblichkeit innerhalb\nder deutschen Linken, auf die unser Genosse H\u00fcseyin \u00c7elebi in den\n1990ern Bezug nahm.</p><p>\n</p><p>Der meinte einst\nbez\u00fcglich der deutschen Linken: \u201eF\u00fcr die BRD-Linke m\u00f6chte ich\nsagen, dass sie von einer sehr stark eurozentristischen, metropolenchauvinistischen Haltung gepr\u00e4gt ist, die konkret den\nLeuten vielleicht noch gar nicht einmal bewusst ist, wie \u00fcberheblich,\nwas f\u00fcr eine.... ich finde fast schon keine Worte mehr f\u00fcr dieses\nAusma\u00df an Anma\u00dfung, was in dieser Haltung steckt. Sie haben gar\nnicht mehr mitgekriegt, wie sehr ihnen der Imperialismus schon die\nK\u00f6pfe gestohlen und das, was hier als Metropole bezeichnet wird, in\nihre K\u00f6pfe hereingemauert hat.\u201c</p><p>\n</p><p>H\u00fcseyin \u00c7elebi hat sich\nin den 1980er Jahren sehr stark daf\u00fcr bem\u00fcht, eine Zusammenarbeit\nzwischen der kurdischen Bewegung und den linken Kr\u00e4ften in\nDeutschland aufzubauen. Anfang der 1990er Jahre fiel er schlie\u00dflich\nim Freiheitskampf in Kurdistan.</p><p>\n</p><p><a></a>Als\nsich der Kampf in Koban\u00ea auf seinem H\u00f6hepunkt befand, der IS kurz\nvor dem Sieg stand, die Menschen weltweit auf die Stra\u00dfen gingen und\nletztlich die Anti-IS Koalition sich quasi erst in letzter Sekunde\ndazu entschied, den IS in Koban\u00ea zu bombardieren, tauchten pl\u00f6tzlich\nin der linken Szene merkw\u00fcrdige Diskussionen auf, die mich sehr an\ndie Worte von unserem Genossen H\u00fcseyin erinnerten. Pl\u00f6tzlich\nerklangen aus dem sogenannten anti-imperialistischen Spektrum\nStimmen, die dar\u00fcber nachdachten, ob man vor dem Hintergrund der\nneuen Situation nicht die Solidarit\u00e4t mit der kurdischen Bewegung\neinstellen m\u00fcsste. Leute, die ich f\u00fcr Genoss*innen hielt, h\u00e4tten\nalso lieber den IS in Koban\u00ea siegen als ein Einschreiten der\nAnti-IS-Koalition gesehen. Ich fand damals, \u00e4hnlich wie Heval\nH\u00fcseyin, keine Worte f\u00fcr diese \u00dcberheblichkeit\u2026</p><p>\n</p><p>Wenn jetzt manche Leute\naus der Szene schreiben, dass abzuwarten sei, ob in Kurdistan eine\nRevolution oder letztlich eine Integration ins System stattfinden\nwird, dann rufe ich dazu auf, nicht die Ereignisse in Kurdistan\nabzuwarten, sondern \u00fcber unsere gemeinsame revolution\u00e4re\nPerspektive im Hier und Jetzt zu diskutieren und uns entsprechend zu\norganisieren. Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass die Idee des\nDemokratischen Konf\u00f6deralismus hierf\u00fcr ein n\u00fctzlicher Wegweiser\nsein kann und schlage vor, gemeinsam dar\u00fcber zu diskutieren. Doch um\neine produktive Diskussion zu erm\u00f6glichen, m\u00fcssen wir zun\u00e4chst den\nMetopolenchauvinismus in unseren K\u00f6pfen t\u00f6ten.</p>\n\n<hr/>Erdal Firaz ist kurdischer Aktivist.<br/><p><br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Das war nicht immer so. Aber welche Art der Solidarit\u00e4t ist sinnvoll und zu welchem Zweck? Ein Gastbeitrag von Erdal Firaz in unserer Rojava-Reihe."}]}