{"version": "https://jsonfeed.org/version/1", "title": "re:volt magazine Archiv", "home_page_url": "http://revoltmag.org/articles/?tags=149", "description": "Zeige Artikel mit den Schlagworten kapitalismus", "feed_url": "http://revoltmag.org/feeds/articles.json?tags=149", "language": "en", "icon": "http://revoltmag.org/static/logos/logo_192.png", "favicon": "http://revoltmag.org/static/favicon.png", "items": [{"title": "\u201eH\u00f6rt uns noch jemand?\u201c", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>\u201eH\u00f6rt uns noch&nbsp;jemand?\u201c</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Hatay\u2019da 6 \u015eubat anmas\u0131, 2025\" height=\"420\" src=\"/media/images/kazimkizil_hatay_06.02.25.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Kaz\u0131m K\u0131z\u0131l</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Zwei Jahre ist es nun her, dass in einer Nacht von Sonntag auf Montag um 4:17 Uhr ein Erdbeben der St\u00e4rke 7,7 mit dem Epizentrum in Kahramanmara\u015f elf Provinzen im S\u00fcdosten der T\u00fcrkei und auch Teile Nordsyriens stark ersch\u00fctterte. In Kombination mit mehreren schweren Nachbeben wurden dabei nach offiziellen <a href=\"https://artigercek.com/guncel/erdoganin-deprem-konutu-vaadinden-sadece-201-bini-teslim-edildi-332767h\">Angaben</a> 53.725 Menschen get\u00f6tet und 107.213 Personen verletzt. W\u00e4hrend zum ersten Jahrestag die mediale Aufmerksamkeit noch vorhanden war, scheint es nun so, als sei das t\u00f6dlichste Erdbeben in der Geschichte der Republik T\u00fcrkei bereits mehr oder minder ad acta gelegt. Vielleicht weil die betroffenen Regionen weit entfernt von den Metropolen Istanbul, Izmir oder Ankara liegen. Doch f\u00fcr die Menschen vor Ort geht der allt\u00e4gliche Kampf um ein menschenw\u00fcrdiges Leben weiter, ebenso wie ihr Kampf darum, nicht in Vergessenheit zu geraten. <b>[1]</b></p><h2><b>Wiederaufbau</b></h2><p>Bereits im Fr\u00fchjahr 2023 versprach Pr\u00e4sident Erdo\u011fan \u2013 mitten im damaligen Wahlkampf -, seine Regierung w\u00fcrde in nur einem Jahr 319.000 neue Wohnungen bauen lassen. Die aktuelle Bilanz zeigt, dass dieses gro\u00dfe Versprechen bis heute nicht eingehalten wurde. Aktuell wurden laut Murat Kurum, Minister f\u00fcr Umwelt und Stadtplanung, etwas mehr als 200.000 Wohneinheiten fertig gestellt. Diese H\u00e4user der staatlichen Baubeh\u00f6rde TOK\u0130 (<i>Toplu Konut \u0130daresi Ba\u015fkanl\u0131\u011f\u0131</i>) werden im Losverfahren vergeben. Die Schl\u00fcssel\u00fcbergaben werden immer wieder medial gro\u00df inszeniert, was jedoch die Tatsache verdecken soll, dass bei weitem nicht f\u00fcr alle Gesch\u00e4digten eine neue Wohnung zeitnah in Aussicht steht. Und selbst wer das Gl\u00fcck hat, eine Wohnung zugelost zu bekommen, der bekommt diese nicht geschenkt, sondern muss sich zum Kauf der Immobilie verschulden, was sich nicht jeder leisten kann. Wegen des \u00fcbertriebenen Versprechens, das von Beginn an auf einer unrealistischen Einsch\u00e4tzung beruhte, verlief die Plan- und Bauphase v\u00f6llig unkoordiniert. Bauen ohne Garantierung erdbebenresistenter Konstruktionsweise und ohne \u00dcberpr\u00fcfung der Untergrundbeschaffenheit, aber daf\u00fcr schnelle Gewinne f\u00fcr die Baufirmen: Es waren genau diese Fehler beim Bau der H\u00e4user, die schon einmal begangen wurden und schlie\u00dflich zum Einsturz zahlreicher Geb\u00e4ude am 6. Februar 2023 f\u00fchrten.</p><p>Die chaotischen Verh\u00e4ltnisse beim derzeitigen Wiederaufbau spiegeln sich auch in der gesamten Infrastruktur der Stadt wieder. H\u00e4ufig kommt es zu Unf\u00e4llen von Baufahrzeugen auf maroden, schlecht beleuchteten Stra\u00dfen. F\u00fcr die lokale Bev\u00f6lkerung stellt dies massive Probleme dar. Viele Schulkinder fahren t\u00e4glich per Anhalter zur Schule, weil es kaum ausreichende \u00f6ffentliche Verkehrsmittel gibt. F\u00fcr Frust sorgt ebenfalls die Beobachtung, dass repr\u00e4sentative Stra\u00dfen beispielsweise im Stadtzentrum von Antakya pl\u00f6tzlich asphaltiert werden, nur weil sich zum Jahrestag des Erdbebens hochrangige Politiker f\u00fcr einen kurzen Besuch angek\u00fcndigt haben. Forderungen der Stadtbewohner*innen werden hingegen seit Monaten \u00fcberh\u00f6rt.</p><h2><b>Containerst\u00e4dte \u2013 (k)eine \u00dcbergangsl\u00f6sung</b></h2><p>Die als \u00dcbergangsl\u00f6sung gedachten Container, in denen die Menschen untergebracht wurden, sind mittlerweile zu einer vermeintlichen Dauerl\u00f6sung geworden. \u00dcber 200.000 Menschen leben allein in Hatay noch in solchen Containern. Auf 20m\u00b2 Wohnfl\u00e4che kommen oft ganze Familien, die den beengten Wohnraum noch mit provisorischen Zelten versuchen zu erweitern. Bei starken Regenf\u00e4llen kommt es dort zu \u00dcberschwemmungen und Stromausf\u00e4llen; einige Stra\u00dfen sind aufgrund fehlender Kanalisation dann nicht mehr befahrbar. Die linke Organisation <i>Halkevleri</i> bezeichnet diese Containerst\u00e4dte als \u201ehalboffene Gef\u00e4ngnisanlagen\u201c. Fehlende Isolierung und ungepr\u00fcfte Stromleitungen haben in den vergangenen Monaten immer wieder zu gef\u00e4hrlichen Br\u00e4nden in den Containerst\u00e4dten gef\u00fchrt.</p><p>Die beengten Wohnverh\u00e4ltnisse haben sich schnell auf die Gesundheit der Menschen ausgewirkt. Infektions- und Hautkrankheiten h\u00e4ufen sich, meist bedingt durch unhygienische Zust\u00e4nde in den Containern, in denen die Menschen auf engstem Raum zusammenleben m\u00fcssen. Eines der gr\u00f6\u00dften Probleme ist der extrem hohe Anteil von Giftstoffen wie Asbest, die durch die Massen an Tr\u00fcmmern und Schutt der eingest\u00fcrzten Geb\u00e4ude in die Luft geraten sind. Dadurch ist das <a href=\"https://artigercek.com/guncel/depremin-ikinci-yilinda-hatay-asbest-genis-alanlara-yayildi-kanser-hastaliklari-artacak-332558h\">Krebsrisiko</a> f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung noch f\u00fcr Jahrzehnte sehr stark gestiegen. Die Luftverschmutzung in Hatay betr\u00e4gt das Vierfache des von der WHO vorgegeben Grenzwertes f\u00fcr gesundheitssch\u00e4dliche Luftqualit\u00e4t. Auch das Leitungswasser ist mittlerweile nicht mehr trinkbar, da die sch\u00e4dlichen Stoffe aus dem Schutt ins Grundwasser gelangt sind.</p><p>Auch in anderen Hinsichten sind die Lebensumst\u00e4nde f\u00fcr vieler prek\u00e4r. Bei einer gemeinsamen Untersuchung der \u00c4rztekammer Hatay (<i>Hatay Tabip Odas\u0131</i>, HTO) und der Gewerkschaft f\u00fcr Gesundheitspersonal Hatay (<i>Sa\u011fl\u0131k ve Sosyal Hizmet Emek\u00e7ileri Sendikas\u0131 Hatay \u015eubesi</i>, SES) in den Bezirken Samanda\u011f, Antakya-Merkez und Defne unter rund 600 Familien wurde ermittelt, dass Dreiviertel der Befragten keiner gesicherten beziehungsweise regelm\u00e4\u00dfigen Arbeit nachgehen. Au\u00dferdem beobachteten sie Unterern\u00e4hrung von Kindern. Auch die Kindersterblichkeitsrate sei in Hatay doppelt so hoch wie im Durchschnitt der T\u00fcrkei. Da ein Gro\u00dfteil der Krankenh\u00e4user w\u00e4hrend der Erdbeben eingest\u00fcrzt ist, aber bisher nur wenige neue Gesundheitszentren gebaut wurden, fehlt es an ausreichender Infrastruktur. Das Personal vor Ort verdient im Durchschnitt 30% weniger Lohn als in anderen Provinzen der T\u00fcrkei, weshalb es starken Personalmangel gibt. Laut dem T\u00fcrkischen Statistikamt T\u00dcIK besitzt die Provinz Hatay die schlechteste Gesundheitsversorgung des Landes. Auf keinen Fall au\u00dfer Acht zu lassen ist die psychische Belastung. Gerade junge Menschen scheinen hier besonders betroffen zu sein, was auch die zunehmende Zahl an Schulabbr\u00fcchen verdeutlicht. Der Zusammenbruch des gewohnten Umfeldes, sowie die Perspektivlosigkeit vor Ort f\u00fchren zu Alkohol- und Drogenabh\u00e4ngigkeit; auch die Suizidrate ist angestiegen.</p><h2><b>Der Kampf um Gerechtigkeit</b></h2><p>Zahlreiche lokale Initiativen haben diverse rechtliche und politische K\u00e4mpfe f\u00fcr ihre verstorbenen Angeh\u00f6rigen, f\u00fcr die Umwelt in der Region Hatay und f\u00fcr ihren Grundbesitz aufgenommen. Wie stark die Windm\u00fchlen sind, gegen die die Gesch\u00e4digten auch vor Gericht k\u00e4mpfen, zeigt eine \u00dcbersicht der Nachrichtenagentur <i>Anka Haber Ajans\u0131</i>. In den letzten zwei Jahren wurden zwar eine handvoll Bauherren zu Haftstrafen zwischen acht und 21 Jahren verurteilt, doch es gab auch Freispr\u00fcche wegen vermeintlich mangelnder Beweislage und Verantwortliche, die einfach abgetaucht sind. Das gr\u00f6\u00dfere Probleme ist jedoch, dass es auf politischer Ebene bis heute keine Konsequenzen gegeben hat.</p><p>Der <i>Halkevleri</i>-Bericht kommt daher zu dem Schluss, dass die Unt\u00e4tigkeit der Strafgerichte in Hatay die Schuldigen sch\u00fctzt und die Kl\u00e4ger*innen Hoffnung und Vertrauen in die Justizbeh\u00f6rden verlieren. So lassen die Kl\u00e4ger*innen die Klagen schlussendlich auch aus finanziellen Gr\u00fcnden fallen. Eine andere <a href=\"https://www.diken.com.tr/hatayda-rezerv-alan-karmasasi-yikim-kararlari-yanlislikla-asilmis/\">Initiative</a> wiederum k\u00e4mpft gegen die staatliche Enteignung von Grundbesitz, der nicht selten als Agrarfl\u00e4che genutzt wurde. Dort sollen neue Geb\u00e4ude entstehen, w\u00e4hrend den lokalen Eigent\u00fcmer*innen die rechtliche Lage bez\u00fcglich etwaiger Entsch\u00e4digungen nicht klar ist. Immer wieder kommt es zu spontanen Protesten der Dorfbewohner*innen, die auch eine Zerst\u00f6rung ihrer lokalen Strukturen und gemeinschaftlichen Organisierung bef\u00fcrchten. Gerade den arabischen Alawit*innen und auch den christlichen Minderheiten wie der kleinen verbliebenen <a href=\"https://bianet.org/haber/turkiyenin-son-ermeni-koyu-vakifli-kamulastirma-tehdidiyle-karsi-karsiya-304132\">armenischen</a> Gemeinde machen die staatlichen Enteignungspl\u00e4ne Angst, da sie auf eine lange Geschichte der Unterdr\u00fcckung und Assimilierung von Seiten des t\u00fcrkischen Staates zur\u00fcckblicken.</p><h2><b>Das n\u00e4chste Ungl\u00fcck steht vor der T\u00fcr</b></h2><p>Politische Konsequenzen nach den schweren Erdbeben von 2023 k\u00f6nnen die verstorbenen Menschen nicht wieder zur\u00fcckbringen und auch juristische Gerechtigkeit lindert den Schmerz \u00fcber den Verlust nur wenig. Doch die enge Verstrickung zwischen korrupten Politikern und dem Bausektor, die seit jeher unter der Pr\u00e4misse \u201eProfite statt Menschenleben\u201c de facto S\u00e4rge statt Wohnungen f\u00fcr die Menschen in der T\u00fcrkei bauen, ist vor zwei Jahren un\u00fcbersehbar geworden. Umso gef\u00e4hrlicher ist das Wissen, dass auch in Istanbul, der gr\u00f6\u00dften Metropole des Landes, ein Erdbeben derselben St\u00e4rke jeden Moment passieren kann. Erst k\u00fcrzlich gab der Minister f\u00fcr Stadtplanung, Murat Kurum, zu, dass Istanbul darauf nicht ausreichend vorbereitet sei. Wohlgemerkt, das ist ein Minister der Partei, die seit den 1990er-Jahren bis 2019 das B\u00fcrgermeisteramt in Istanbul innehatte, sowie seit \u00fcber 20 Jahren das Land alleine regiert. \u201eBedauerlicherweise\u201c, sagte er, \u201ek\u00f6nnten jederzeit 600.000 marode Geb\u00e4ude in Istanbul einst\u00fcrzen.\u201c Nach einer groben Sch\u00e4tzung w\u00fcrden bei dem zu erwartenden schweren Erdbeben in Istanbul drei Millionen Menschen sterben, was die gr\u00f6\u00dfte zivile Katastrophe der T\u00fcrkei bedeuten w\u00fcrde. Wie gef\u00e4hrlich nicht eingehaltene Sicherheitsstandards sind, sah man auch zuletzt bei dem Brand in einem Skihotel in Kartalkaya, bei dem 78 Menschen ums Leben kamen, weil den Betreibern die Kosten f\u00fcr den Brandschutz einfach zu teuer waren. Auch hier gab es keine Konsequenzen auf politischer Ebene, obwohl dem Hotel alle notwendigen Genehmigungen ausgestellt wurden.</p><p>Der Forderungskatalog der lokalen Initiativen in Hatay zeigt leider deutlich auf, dass es in den letzten zwei Jahren kaum merkliche Fortschritte beim Wiederaufbau und der Wiederherstellung lebensw\u00fcrdiger Umst\u00e4nde gab. Die Menschen in diesen Regionen f\u00fchlen sich im Stich gelassen von der Zentralregierung in Ankara und fordern umfassendere Unterst\u00fctzung.</p><p>Die <a href=\"https://www.birgun.net/haber/hatay-depremzede-derneginden-2-yil-raporu-disarida-kimse-var-mi-596529\">Forderungen</a> des \u201eVereins der Erdbebenopfer Hatay\u201c sind folgende:</p><ol><li>Anstelle der abgerissenen Familiengesundheitszentren m\u00fcssen schnell neue gebaut werden. Qualifizierte und zug\u00e4ngliche Gesundheitsdienste m\u00fcssen in Hatay zur Verf\u00fcgung gestellt werden.</li><li>Regelm\u00e4\u00dfige und nachhaltige psychosoziale Unterst\u00fctzung muss uns, insbesondere benachteiligten Gruppen, zur Verf\u00fcgung gestellt werden.</li><li>Die Nutzung von Schulgeb\u00e4uden zu anderen Zwecken als der Bildung muss verhindert werden. Unser Recht auf Bildung darf nicht angetastet werden.</li><li>Die Meinung der Bev\u00f6lkerung von Hatay muss bei den Umgestaltungsprozessen in Reserve- und Risikogebieten ber\u00fccksichtigt werden. Wir wollen als die wahren Eigent\u00fcmer*innen von Hatay beim Wiederaufbau unserer Stadt ein Mitspracherecht haben.</li><li>Ein Sonderbudget aus der Staatskasse sollte f\u00fcr Hatay bereitgestellt werden.</li><li>W\u00e4hrend sich die allgemeine Wirtschaftskrise versch\u00e4rft, muss die Benachteiligung von uns Erdbebenopfern aufh\u00f6ren.</li><li>Die Infrastrukturprobleme der Stadt m\u00fcssen schnell gel\u00f6st werden.</li><li>Unsere Natur, Luft und B\u00f6den m\u00fcssen nach dem Erdbeben gesch\u00fctzt werden; die Umweltzerst\u00f6rung muss aufh\u00f6ren.</li><li>Das Schicksal unserer B\u00fcrger*innen, die seit dem Erdbeben als verschwunden gelten, muss aufgekl\u00e4rt werden.</li><li>Unsere Rechte auf Unterkunft, Gesundheit, Umwelt und Information m\u00fcssen gesch\u00fctzt werden; von der Verfassung garantierte Rechte d\u00fcrfen nicht ausgesetzt werden.</li><li>Die Verantwortlichen f\u00fcr die Vers\u00e4umnisse nach dem Erdbeben m\u00fcssen ermittelt und strafrechtlich verfolgt werden.</li><li>Wo und wie die Erdbebensteuern verwendet werden, muss \u00f6ffentlich gemacht werden.</li><li>Die Menschen d\u00fcrfen nicht dazu verdammt werden, in provisorischen Containerst\u00e4dten zu leben, sondern es muss freier Zugang zu dauerhaften und sicheren Unterk\u00fcnften gew\u00e4hrt werden.</li><li>Unser Lebensstandard muss verbessert werden und unsere Grundrechte m\u00fcssen garantiert werden.</li></ol><p>Trotz all dieser Umst\u00e4nde beweisen die Menschen in Hatay seit zwei Jahren ihren unvergleichlichen Kampfgeist f\u00fcr Gerechtigkeit und ein menschenw\u00fcrdiges Leben. Ein Slogan, den sie von Anfang an rufen und der auch heute wieder in den Stra\u00dfen von Hatay erklingen wird, lautet \u201eMa r\u0131hna nehna hon!\u201d \u2013 \u201eWir gehen nicht fort, wir bleiben hier!\u201c.</p><hr/><h4><b>Anmerkungen:</b></h4><p><b>[1]</b> Die meisten der in diesem Text verwendeten Daten entstammen dem <a href=\"https://sendika.org/2025/02/halkevlerinden-hatay-deprem-raporu-iki-yildir-bitmeyen-felaket-ve-yasam-mucadelesi-719127\">Bericht</a> \u201eHatay\u2019\u0131 G\u00f6r!\u201c der linken Organisation <i>Halkevleri</i>, zu dem Vertreter*innen der T\u00fcrkischen \u00c4rzt*innenkammer, Anw\u00e4lt*innen, Architekt*innen, Umweltaktivist*innen, Gewerkschafter*innen und Journalist*innen beigetragen haben. Die Autor*innen bezeichnen darin die Erdbeben vom 6. Februar als eines der \u201egr\u00f6\u00dften sozialen Massaker in der Geschichte der T\u00fcrkei\u201c und warnen davor, die aktuelle Situation zu normalisieren.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Politische Versprechen wurden gebrochen, Korruption bl\u00fcht, und die Opfer werden vergessen. Doch lokale Initiativen fordern Gerechtigkeit \u2013 bevor die n\u00e4chste Katastrophe kommt."}, {"title": "Wohnungsfrage reloaded - 150 Jahre Wohnen als Ware", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Wohnungsfrage reloaded - 150 Jahre Wohnen als&nbsp;Ware</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Bild_Mieten.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/Bild_Mieten.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Rasande Tyskar</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><p><i>Im Jahr 1872/73 schrieb Friedrich Engels einen</i> <a href=\"http://www.mlwerke.de/me/me18/me18_209.htm\"><i>Aufsatz</i></a><i> \u00fcber die Wohnungsnot in den Industriest\u00e4dten des 19. Jahrhunderts, ihre Ursachen und die j\u00e4mmerlichen Versuche der Sozial-Bourgeoisie einer sogenannten L\u00f6sung der Wohnungsfrage. Fast 150 Jahre sp\u00e4ter, im Jahr 2021, gr\u00fcndet sich in Berlin-Friedrichshain eine kleine Anwohner*inneninitiative, die den Luxus-Bauprojekten von Gro\u00dfinvestor*innen im Kiez den Kampf ansagt.</i><br/> <i>Der folgende Artikel begibt sich \u00fcber Engels\u2018 Aufsatz zu den Urspr\u00fcngen der Wohnungsfrage, die heute erneut zu einem der dr\u00e4ngendsten sozialen Anliegen und dem bestimmenden Wahlkampfthema der Bundestagswahl 2021 geworden ist und zeigt ihre historische Kontinuit\u00e4t auf. Die Aufbereitung von Engels\u2018 Text und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen f\u00fcr gegenw\u00e4rtige Mietenk\u00e4mpfe rahmen dabei ein Interview mit der Mieter*inneninitiative \u201eWem geh\u00f6rt der Laskerkiez?\u201c, die die Wohnungsfrage ganz aktuell und praktisch stellt.</i></p><p></p><h2><b>Die Wohnungsfrage im 19. Jahrhundert</b></h2><p></p><p>\u201eWas man heute unter Wohnungsnot versteht, ist die eigent\u00fcmliche Versch\u00e4rfung, die die schlechten Wohnungsverh\u00e4ltnisse der Arbeiter durch den pl\u00f6tzlichen Andrang der Bev\u00f6lkerung nach den gro\u00dfen St\u00e4dten erlitten haben; eine kolossale Steigerung der Mietpreise; eine noch verst\u00e4rkte Zusammendr\u00e4ngung der Bewohner in den einzelnen H\u00e4usern, f\u00fcr einige die Unm\u00f6glichkeit, \u00fcberhaupt eine Wohnung zu finden.\u201c[1] Dieses Ph\u00e4nomen kommt uns heute mehr als bekannt vor. Die Wohnungsnot ist in aller Munde und selbst marktradikale und konservative Politiker*innen k\u00f6nnen die Augen nicht mehr davor verschlie\u00dfen, dass erschwinglicher Wohnraum zunehmend Mangelware wird. Sie f\u00fcllen daher ihre Wahlkampfprogramme f\u00fcr die kommende Bundestagswahl mit mehr oder (vor allem) weniger sinnvollen Vorschl\u00e4gen, wie das Problem anzugehen sei. Diese drehen sich vornehmlich um Investitionsanreize f\u00fcr privaten Wohnungsbau und die F\u00f6rderung von Wohneigentum und befeuern damit die Mechanismen weiter, die \u00fcberhaupt erst zur massiven Versch\u00e4rfung der Wohnungsfrage gef\u00fchrt haben, wie im Folgenden deutlich wird. Die Besch\u00e4ftigung mit Friedrich Engels\u2018 Text ist dabei lohnenswert, weil er so frappierende Parallelen zur Gegenwart aufzeigt und seine Analyse kaum an Aktualit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft hat.<br/> Engels verortet die Wohnungsfrage innerhalb der sozialen Frage, die durch die sich zuspitzenden sozialen Widerspr\u00fcche im Kapitalismus aufgeworfen wird. Und auch gegenw\u00e4rtig strahlt in der Debatte um die zunehmende soziale Ungleichheit innerhalb westlicher Gesellschaften ein Spotlight auf die Frage nach erschwinglichem Wohnraum und macht damals wie heute \u201enur soviel von sich reden, weil sie sich nicht auf die Arbeiterklasse beschr\u00e4nkt, sondern auch das Kleinb\u00fcrgertum mit betroffen hat.\u201c Trifft nun der Umstand, dass Kapitalist*innen kein Interesse an sozial vertr\u00e4glichem Wohnungsbau haben, da sich mit Luxusbauten oder Gesch\u00e4ftsgeb\u00e4uden mehr Profit machen l\u00e4sst, auf einen weitestgehend unregulierten Wohnungsmarkt, so ist das Ergebnis stets das Gleiche: Rasch steigende Mietpreise, die zur Verdr\u00e4ngung der ans\u00e4ssigen Bev\u00f6lkerung an den Stadtrand und/oder zur Zusammendr\u00e4ngung der Wenigverdiener*innen in zu kleine Wohnungen f\u00fchrt. Im 19. Jahrhundert zog das zahlreiche \u00fcble Konsequenzen nach sich, wie zum Beispiel die rasante Ausbreitung von Seuchen innerhalb dieser Viertel. Ein \u00dcbergreifen auf gut situierte Stadtteile blieb oft nicht aus und erst dann entdeckte auch die Bourgeoisie ihre Menschenliebe und setzte an, den schlimmsten Missst\u00e4nden Abhilfe zu verschaffen. Ihre Entsprechung finden diese Vorg\u00e4nge in der Gegenwart in den v\u00f6llig \u00fcberbelegten Wohncontainern f\u00fcr Gastarbeiter*innen, die in den b\u00fcrgerlichen Nachrichten und der Politik erst problematisiert wurden, als sie durch Massenansteckungen mit dem Corona-Virus zur Gefahr f\u00fcr alle wurden.<br/> Im Zusammenhang mit den miserablen Wohnverh\u00e4ltnissen der Arbeiterklasse waren schon Engels die b\u00fcrgerlichen Bestrebungen, die Innenst\u00e4dte sch\u00f6ner und wohnlicher zu machen, f\u00fcr die sich die Bourgeois selbst feierten, bekannt, welche allerdings lediglich zu einer Verlagerung sozialer Brennpunkte an einen anderen Ort f\u00fchrten. Engels nannte es \u201ePraxis des Breschelegens\u201c, wir kennen das heute als Gentrifizierung.<br/> Nichtsdestotrotz, so konstatiert Engels, werden die Missst\u00e4nde, die mit der Wohnungsfrage einhergehen, im Kapitalismus mit \u00f6konomischer Notwendigkeit immer wieder neu erzeugt. Mietwucher und die Spekulation mit Wohnraum entspringt nicht bzw. nicht notwendigerweise der mangelnden Moralit\u00e4t der Grundeigent\u00fcmer*innen, wie Formulierungen wie \u201eMiethaie\u201c leicht suggerieren. Vielmehr sind sie Resultat der Konkurrenzsituation auf dem kapitalistischen Wohnungsmarkt, die Eigent\u00fcmer*innen dazu dr\u00e4ngt, aus ihren Wohnungen m\u00f6glichst hohen Profit zu schlagen, um auf dem Markt gut mithalten zu k\u00f6nnen. Insofern gilt: Wo Wohnen Ware ist, herrscht Wohnungsnot.</p><h2><b>Wohneigentum kann nicht die Antwort sein</b></h2><p>Engels zieht das Fazit, dass sich die Wohnungsfrage innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise nicht l\u00f6sen l\u00e4sst \u2013 vor allem nicht durch die von Politiker*innen verschiedener Spektren gern vorgebrachte Idee, man m\u00fcsse Arbeiter*innen nur in die Lage versetzen, Wohneigentum erwerben zu k\u00f6nnen. Diese Schlussfolgerung ist auf Basis einer materialistischen Gesellschaftsanschauung, also der Betrachtung und Analyse von Gesellschaften anhand der in ihnen herrschenden Produktions- und Klassenverh\u00e4ltnisse, absolut treffsicher: Im Kapitalismus richtet sich die H\u00f6he des Arbeitslohns im Durchschnitt nach den Kosten f\u00fcr die Reproduktion der menschlichen Arbeitskraft. Entfallen durch Wohneigentum die Kosten f\u00fcr Unterkunft der Arbeiter*innen, werden mittel- bis langfristig die L\u00f6hne sinken, weil dadurch die Reproduktionskosten der Arbeitskraft geschm\u00e4lert werden. Eine Verbesserung in den Lebens- und Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnissen ist bei einer fl\u00e4chendeckenden Etablierung von Wohneigentum daher nicht zu erwarten. Und weiter: Wohneigentum kettet die Arbeiter*innen an die heimische Scholle und zementiert damit ihre Abh\u00e4ngigkeit von Arbeitgeber*innen bzw. Kapitalist*innen. Das ist durchaus Teil des bourgeoisen Kalk\u00fcls. Je gr\u00f6\u00dfer die Abh\u00e4ngigkeit der Arbeitenden von den Kapitalist*innen, desto mehr Gehorsam ist von ihnen zu erwarten. Letztlich zielt diese Strategie also darauf ab, Klassenk\u00e4mpfe zu unterminieren. Die F\u00f6rderung von Wohneigentum findet sich \u00fcbrigens in unterschiedlicher Ausformung in den Wahlprogrammen <i>aller</i> gro\u00dfen Parteien, au\u00dfer bei die Linke.</p><p></p><p>Die Relevanz von Engels\u2018 Aufsatz trotz seines beachtlichen Alters von 150 Jahren ist also augenscheinlich. Die Hervorbringung der Wohnungsnot vollzieht sich \u2013 wenn auch neoliberal modifiziert \u2013 immer noch nach den gleichen kapitalistischen Mechanismen. Ebenso aktuell ist somit der Widerstand gegen die Profitmacherei mit Wohnraum und Baufl\u00e4chen und gegen soziale Verdr\u00e4ngung. In Berlin-Friedrichshain gr\u00fcndete sich in diesem Jahr eine Anwohner*innen-Initiative, die ihren Kiezkampf im folgenden Interview vorstellt.</p><p></p><hr/><p></p><hr/><p></p><h2><b>\u201e\u2026und zwei Wochen sp\u00e4ter lag das Wahlprogramm der FDP im Briefkasten.\u201c</b></h2><h3><b>Interview mit Amanda und Timo von &quot;Wem geh\u00f6rt der Lasker Kiez&quot;</b></h3><p></p><p><b>re:volt: Eure Mieten-Ini \u201eWem geh\u00f6rt der Lasker Kiez\u201c hat sich Anfang diesen Jahres gegr\u00fcndet. Was war der Anlass und warum braucht es eine weitere Anwohner:innen-Initiative in Berlin?</b></p><p><b>Timo:</b> Unsere Initiative ist im Lasker-Kiez im S\u00fcden Friedrichshains aktiv. Ich lebe jetzt seit f\u00fcnf Jahren hier und bisher war es immer so, dass dieser S\u00fcdzipfel von Friedrichshain noch nicht so krass von der Gentrifizierung betroffen war wie zum Beispiel die Gegend weiter n\u00f6rdlich um den Boxhagener Platz herum. Ende letzten Jahres fing es an, dass hier einige der alten Autoh\u00e4user abgerissen wurden und irgendwelche steinreichen Unternehmen ank\u00fcndigten, hier Luxusb\u00fcros aus dem Boden zu stampfen. Es ging los mit der Pandion AG, dem viertgr\u00f6\u00dften sogenannten Immobilienentwickler in Deutschland, der hier den \u201eOstkreuz Campus\u201c errichten will. Wir mussten feststellen, dass im Kiez mehrere solcher Luxusb\u00fcrogeb\u00e4ude in Planung waren, zum Beispiel auch neben der alternativen Bar \u201eZukunft am Ostkreuz\u201c. Als wir gemerkt haben, dass das Viertel hier von irgendwelchem Luxusb\u00fcroschei\u00df umringt werden soll, kam der Stein ins Rollen. Gleichzeitig gibt es hier eine ziemlich coole Nachbarschaft \u2013 wir haben das Hausprojekt B\u00f6di um die Ecke, dann eine Bar, in der Veranstaltungen zu linken und sozialen Themen stattfinden, den selbstverwalteten B\u00fcrger:innengarten Laskerwiese, einen Jugendclub, diverse coole Sp\u00e4tis \u2013 und das soll auch so bleiben! Es fehlte eigentlich nur an der Organisierung. Wir waren halt nicht connected und konnten so die Informationen nicht streuen. Unser Ziel war also, die Leute aus der Nachbarschaft an einen Tisch zu bringen, um gemeinsam gegen diese Bauprojekte vorzugehen. Denn gefragt haben diese Unternehmen nat\u00fcrlich nicht und auch von der Politik hat man erstmal nichts dazu geh\u00f6rt.</p><p></p><p><b>re:volt: Von welchen Bauvorhaben sprecht ihr da konkret?</b></p><p><b>Timo:</b> Da ist einmal der \u201eOstkreuz Campus\u201c von Pandion, den ich bereits erw\u00e4hnte. Das ist ein Terrain, etwa so gro\u00df wie zwei Fu\u00dfballfelder, auf dem ein B\u00fcrokomplex entstehen soll. Die besondere Widerlichkeit bei Pandion ist, dass sie dreist behaupten, dass ihr Bau gut f\u00fcr das Viertel w\u00e4re. Aber wenn wir ein paar Kilometer weiter in den Nachbarbezirk Kreuzberg blicken, wo Pandion schon Geb\u00e4ude mit so wohlklingenden Namen wie \u201eThe Grid\u201c und \u201eThe Shelf\u201c gebaut hat, k\u00f6nnen wir feststellen, dass schon w\u00e4hrend des Baus dieser High-End-Immobilien die Mieten in den umliegenden Wohnungen massiv angezogen wurden.<br/> Au\u00dferdem will das Unternehmen Trockland zwei B\u00fcrokl\u00f6tze links und rechts neben der Bar \u201eZukunft am Ostkreuz\u201c errichten. Und Adam Europe Real Estate will am Markgrafendamm 400 Mikroapartments und ein als \u201eBoarding House\u201c bezeichnetes hotel\u00e4hnliches Apartmentgeb\u00e4ude bauen. \u201eRFR Development GmbH\u201c baut am Urban-Spree-Komplex weiter, da war noch eine Fl\u00e4che frei. Daneben stehen auch schon Geb\u00e4ude mit Eigentumswohnungen, die jede so etwa eine Million Euro kosten. Es gibt noch ein paar weitere Projekte, aber das sind die gr\u00f6\u00dften Player.</p><p></p><p><b>re:volt: Was ist im Speziellen eure Kritik an den Bauprojekten und welche Folgen bef\u00fcrchtet ihr durch ihre Realisierung f\u00fcr den Kiez?</b></p><p><b>Amanda:</b> Zum einen kritisieren wir, dass die Anwohner:innen, insbesondere von der Politik, nicht einbezogen werden. Gerade die Menschen, die hier wohnen, sollten einfach ein Recht zur Mitsprache und Mitbestimmung haben, ihre W\u00fcnsche \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen. In einer Demokratie sollte das doch selbstverst\u00e4ndlich sein. Die Lebensumst\u00e4nde der hier ans\u00e4ssigen Menschen werden durch Pandions angeblich geplante offene Cafeteria nicht verbessert. Niemand hier braucht \u00fcberteuerten Latte Macchiato. Auf Nachfrage musste Pandion auch zugeben, dass der beworbene begr\u00fcnte Innenhof verschlie\u00dfbar sein wird, um das Hausrecht aus\u00fcben zu k\u00f6nnen \u2013 sprich: unliebsame Personen jederzeit vertreiben zu k\u00f6nnen. Zum anderen ist klar geworden, dass die Investor:innen auch die \u00f6rtliche Infrastruktur verdr\u00e4ngen. Es haben bereits zwei Superm\u00e4rkte dichtgemacht. Hinzu kommt nat\u00fcrlich die Verdr\u00e4ngung lokaler Initiativen wie des Gartens Laskerwiese und des \u201eZukunft am Ostkreuz\u201c. Die R\u00e4umlichkeiten letzterer wurden k\u00fcrzlich gek\u00fcndigt und da reibt sich der Investor Trockland schon die H\u00e4nde und will sich dieses Grundst\u00fcck zwischen seinen zwei geplanten B\u00fcrot\u00fcrmen wahrscheinlich auch noch sichern. Dagegen m\u00fcssen wir uns wehren und ganz klar signalisieren, dass wir das nicht wollen.</p><p><b>re:volt: Der Bezirk ist ja eigentlich seit Jahren gr\u00fcn regiert und die Gr\u00fcnen schm\u00fccken sich auch gern mit einer sozialen Politik, aber wie haben denn nun die politisch Verantwortlichen auf die Bauprojekte und auf eure Initiative reagiert?</b></p><p><b>Amanda:</b> Unterschiedlich. Es ist ja Wahljahr und da lie\u00dfen sich auch ein paar Politiker:innen bei unseren Kundgebungen blicken und haben gro\u00dfe Reden geschwungen. Dabei blieb es aber auch. Die Gr\u00fcnen haben sich zwar ge\u00e4u\u00dfert, aber verweisen eigentlich immer nur auf\u2019s Bundesrecht. Sie meinen also, der Bezirk sei nicht zust\u00e4ndig und dass die Frage der Bebauung auf Bundesebene gel\u00f6st werden m\u00fcsse. Sie entziehen sich damit ihrer Verantwortung.</p><p><b>Timo:</b> Das Absurde ist, dass im Grunde keine Partei mehr etwas an den Unternehmenspl\u00e4nen \u00e4ndern kann. Das h\u00e4tte viel fr\u00fcher geschehen m\u00fcssen. Aber die Unternehmen haben diese Fl\u00e4chen vor Jahren erworben und haben das Baurecht. Lediglich eine Einzelperson bei den Gr\u00fcnen hat sich f\u00fcr einen qualifizierten Bebauungsplan eingesetzt, durch den eine teilweise kulturelle Nutzung der Fl\u00e4chen sichergestellt werden soll. Aber letztlich werden diese Luxusbauprojekte halt kommen und keine Partei steht daf\u00fcr ein, sie zu verhindern. Das ist nat\u00fcrlich bitter. F\u00fcr die Nachbarschaft ist es ein Schlag ins Gesicht \u2013 ebenso wie Pandions Behauptung, diesem selbsternannten \u201ePartner f\u00fcr Lebensr\u00e4ume\u201c, etwas Gutes f\u00fcr den Kiez zu tun.</p><p><b>re:volt: Was h\u00e4lt denn eure Initiative von diesem qualifizierten Bebauungsplan?</b></p><p><b>Timo:</b> Der Bebauungsplan ist vermutlich nicht schlecht, kommt aber eigentlich zu sp\u00e4t. Unsere Ini steht f\u00fcr einen absoluten Baustopp. Es geht um schei\u00df Unternehmen, die hier niemand haben will. Das ist bei vielen Gespr\u00e4chen unsererseits mit Nachbar:innen und bei Haust\u00fcrgespr\u00e4chen sehr deutlich geworden. Und es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass die Menschen, die hier leben, nicht mitentscheiden d\u00fcrfen, auf die wir \u00f6ffentlich aufmerksam machen wollen. Nicht eine Person, mit der wir gesprochen haben, hat sich f\u00fcr diese Luxus-Offices ausgesprochen und deshalb stehen wir konsequent daf\u00fcr, diese und \u00e4hnliche Bauvorhaben zu verhindern. Aber von der Politik wird diese M\u00f6glichkeit nicht in Betracht gezogen. Letztendlich gibt es f\u00fcr die Verantwortlichen ja auch rechtlich diese M\u00f6glichkeit nicht mehr. Unsere Taktik ist deshalb, am Image dieser Unternehmen wie Pandion anzusetzen und sie zu demaskieren \u2013 also zu zeigen: das sind hier nicht die netten Freunde der Nachbarschaft, sondern es sind die, die daf\u00fcr sorgen, dass wir in ein paar Jahren wegziehen m\u00fcssen.</p><p><b>re:volt: Wie lie\u00dfen sich denn diese Fl\u00e4chen besser nutzen und was w\u00fcnscht ihr euch f\u00fcr die kommende Zeit?</b></p><p><b>Amanda:</b> Was Ballungsr\u00e4ume wie Berlin wirklich brauchen, sind Gr\u00fcnfl\u00e4chen. Hier im Kiez gibt es nur einen begr\u00fcnten Platz, den Rudolfplatz, und das reicht nicht. Es gibt zwar noch den B\u00fcrger:innengarten Laskerwiese, der aber f\u00fcr Lidl-Parkpl\u00e4tze vor einiger Zeit verkleinert wurde. Dabei sind es Gr\u00fcn- und Erholungsfl\u00e4chen, die die Lebensqualit\u00e4t der Menschen, die hier leben, erhalten und steigern.<br/> Was ich mir deshalb w\u00fcnsche ist, dass der Druck auf die Politik auch nach der Wahl gro\u00df bleibt. Sie sollen Politik f\u00fcr die Menschen machen und nicht f\u00fcr sich selbst oder die Immobilienlobby. So sieht es im Moment aber leider nicht aus. Hier im Viertel soll es demn\u00e4chst eine massive Nachverdichtung geben, bei der zwischen den H\u00e4usern noch weitere Wohnh\u00e4user gebaut werden. Da sind zwar auch Sozialwohnungen dabei, aber bei Weitem nicht so viele, wie es br\u00e4uchte.<br/> F\u00fcr unsere Ini w\u00fcnsche ich mir, dass wir uns weiter vernetzen \u2013 wir sind hier im Kiez auch schon dabei.</p><p><b>Timo:</b> Die Sozialwohnungen, die Amanda angesprochen hat, sind vielen Anwohner:innen hier ein wichtiges Anliegen. Es ist kein Geheimnis, dass Berlin einen erheblichen Mangel an bezahlbarem Wohnraum hat. Die Schaffung von kommunalem, bezahlbarem Wohnraum ist also eine wichtige politische Forderung f\u00fcr uns. Nat\u00fcrlich w\u00fcnschen wir uns auch einen Mietendeckel auf Bundesebene. Unsere WG hat durch den Berliner Mietendeckel 200 \u20ac im Monat gespart. Dann wurde er gekippt, es gab diese krasse Nachzahlung und zwei Wochen sp\u00e4ter lag das Wahlprogramm der FDP im Briefkasten. So ging es hier Vielen. Wir unterst\u00fctzen auch die Enteignungsbestrebungen von \u201eDeutsche Wohnen und Co. enteignen\u201c.<br/> Auf gesellschaftlicher Ebene w\u00fcnschen wir uns, den Menschen nahebringen zu k\u00f6nnen, dass Gentrifizierung ein komplexes Problem ist. Das hei\u00dft, dass es bei den Bauprojekten im Kiez zwar aktuell nicht um die Wohnungen der Menschen geht, dass diese Gentrifizierungsprozesse sie aber trotzdem betreffen. Pandion, Trockland und Adam Europe bauen zwar gerade auf diesen Freifl\u00e4chen, aber in der Folge wird das Viertel aufgewertet und der Mietspiegel steigt. Und in ein paar Jahren werden dann vielleicht nicht genau diese, aber x-beliebige andere Investor:innen die Wohnh\u00e4user der Menschen kaufen und sie durch Wuchermieten verdr\u00e4ngen. Unser Ziel ist es, das aufzuzeigen, die Menschen auf der Stra\u00dfe, in den Sp\u00e4tis usw. anzusprechen. Wir w\u00fcnschen uns, als Ini gr\u00f6\u00dfer zu werden und letztendlich diese schei\u00df Unternehmen aus dem Kiez zu vertreiben.</p><p></p><hr/><p></p><p><i>Die Initiative \u201cWem geh\u00f6rt der Lasker-Kiez\u201c wird bei der Mietenstopp-Demo am 11.09. mit einem Redebeitrag vertreten sein.</i></p><p><i>Au\u00dferdem findet ihr sie auf</i> <a href=\"https://twitter.com/laskerkiez\"><i>Twitter</i></a><i>,</i> <a href=\"https://m.facebook.com/Wem-geh%C3%B6rt-der-Laskerkiez-106754814926842/\"><i>Facebook</i></a><i> und</i> <a href=\"https://www.instagram.com/laskerkiez/\"><i>Instagram</i></a><i>.</i></p><p></p><hr/><p></p><hr/><p></p><h2><b>Die Wohnungsfrage heute</b></h2><p>Der historische Vergleich zwischen Engels\u2018 Beobachtungen und der heutigen Wohnungsfrage zeigt zweierlei. Zum einen wird schnell klar, dass das konkrete Erscheinungsbild der Wohnungsnot sich gewandelt hat. W\u00e4hrend Arbeiter*innen im 19. Jahrhundert, so wie es Engels auch ausf\u00fchrlich in seinem Werk \u201eDie Lage der arbeitenden Klasse in England\u201c am Beispiel Manchester beschreibt, noch in v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllten, verschmutzten und krank machenden Behausungen leben mussten, haben sich die Wohnbedingungen zumindest der Menschen, die eine Wohnung haben, demgegen\u00fcber verbessert. Als wenig ruhmreiches Gegenbeispiel sei an dieser Stelle allerdings noch einmal auf die Container-Wohnungen f\u00fcr Gastarbeiter*innen verwiesen, die nicht nur als Wiederkehr des industriekapitalistischen Cottage-Systems[2] gelten k\u00f6nnen, sondern insbesondere in Zeiten der Corona-Pandemie eine reale Gesundheitsgef\u00e4hrdung der Arbeiter*innen durch beengte Wohnverh\u00e4ltnisse darstellen.<br/> Was im Vergleich aber auch deutlich wird ist, dass die Mechanismen, die zu explodierenden Mieten, Wohnungsnot und erheblichem existenziellen Druck insbesondere auf die unteren Klassen f\u00fchrt, nach wie vor dieselben sind, wie zu Engels\u2018 Lebzeiten. Das liegt daran, dass ihnen die gleichen grundlegenden sozialen Verh\u00e4ltnisse zugrunde liegen, n\u00e4mlich die der kapitalistischen Klassengesellschaft.<br/><br/></p><h2><b>Schulterschluss in der sozialen Frage</b></h2><p>Damals wie heute wird der Wohnungsmarkt gr\u00f6\u00dftenteils der Spekulation und Profitmacherei Weniger \u00fcberlassen, was zu einem immer knapper werdenden Angebot preiswerter Wohnungen insbesondere in den Gro\u00dfst\u00e4dten f\u00fchrt. Betroffen sind davon nat\u00fcrlich vor allem Prekarisierte, wie Geringverdiener*innen, Erwerbslose, Rentner*innen und (oft in mehrfacher Hinsicht strukturell benachteiligte) Migrant*innen, in immer weiter zunehmendem Ma\u00dfe aber auch b\u00fcrgerliche Gesellschaftsschichten mit durchschnittlichem Verdienst. Genau darin liegt das transformatorische Potenzial der Mieter*innenbewegung. Wenn selbst ein \u201enormales\u201c Gehalt nicht mehr ausreicht, um eine erschwingliche Wohnung zu finden, steigt das Problembewusstsein f\u00fcr die kapitalistische Wohnungsspekulation in der Gesellschaft und folglich auch der Druck, Ver\u00e4nderungen herbeizuf\u00fchren. Erst im April diesen Jahres zeigte eine spontane Gro\u00dfdemonstration in Berlin anl\u00e4sslich des gekippten Mietendeckels mit zehntausenden Teilnehmer*innen die enorme Mobilisierungskraft, die die Problematik inzwischen hat.<br/> Damit sind gro\u00dfe und breit aufgestellte Mietendemos und die vielen Mieter*inneninitiativen zwar noch nicht der Beginn einer Revolution, aber doch ein deutliches Zeichen f\u00fcr einen gesellschaftlichen Schulterschluss in der sozialen Frage, in deren Zentrum die Wohnungsfrage erneut ger\u00fcckt ist. Die politischen Folgen sind noch nicht ausgemacht. Denkbar ist zum einen die Anwendung einer sozialen Befriedungsstrategie durch die Herrschenden, bei der Konzessionen in beide Richtungen \u2013 der Mieter*innen und der Wohnungseigent\u00fcmer*innen \u2013 gemacht werden und bei der die unteren Klassen wiederum leer ausgehen, w\u00e4hrend das Kleinb\u00fcrgertum beruhigt ist. Ebenso k\u00f6nnen die seit Jahren laufenden Solidarisierungsprozesse in der Mieter*innenbewegung zusammen mit dem zunehmenden gesellschaftlichen Druck jedoch auch den Weg zu einer bedarfsgerechten, sozial vertr\u00e4glichen Wohnungspolitik von unten ebnen, die die \u00c4rmsten mit einschlie\u00dft.<br/> Der Vorschlag, den individuellen Erwerb von Wohnungseigentum zu forcieren, anstatt sich der Mietenproblematik anzunehmen, ist jedenfalls \u00e4hnlich unsinnig wie zu Engels\u2018 Lebzeiten: nicht nur ist diese Forderung f\u00fcr die meisten Menschen, also die mit kleinen bis mittleren Einkommen, wegen der ebenfalls enormen Kaufpreise f\u00fcr Immobilien reiner Hohn, wobei die Preise bei gr\u00f6\u00dferer K\u00e4ufer*innennachfrage sogar in noch schwindelerregendere H\u00f6hen steigen d\u00fcrften. Auch wirkt diese Form der \u201eProbleml\u00f6sung\u201c anachronistisch angesichts sich flexibilisierender Lebensmodelle, innerhalb derer sich immer weniger Menschen dauerhaft an einen Ort binden (wollen).</p><h2><b>Mietenproteste als Absage an die herrschenden Verh\u00e4ltnisse</b></h2><p>Deutlich klar wird durch die historische Kontinuit\u00e4t und die \u00dcberschneidungen zwischen den Zust\u00e4nden in den fr\u00fchen 1870er Jahren und heute aber, dass eine sozial gerechte L\u00f6sung der Wohnungsfrage, bei der das Recht auf Wohnen nicht der Spekulation preisgegeben wird, innerhalb kapitalistischer Gesellschaften nicht zu erwarten ist. Sei es nun die gezielte Aufwertung von Vierteln durch Luxusbebauung, wie es der Friedrichshainer S\u00fcden gerade erlebt, oder die direktere Form der Verdr\u00e4ngung, n\u00e4mlich der Ankauf von Wohnimmobilien durch finanzstarke Investor*innen und die folgende Entmietung, (Luxus-)Sanierung und teure Neuvermietung \u2013 die Mechanismen, die zur Wohnungsnot f\u00fchren, vollziehen sich innerhalb dieses spezifischen Gesellschaftsverh\u00e4ltnisses stetig neu. Einhergehen kann das mit einer versch\u00e4rften \u00f6konomischen Ausbeutung von Lohnabh\u00e4ngigen in den betroffenen Gebieten, z.B. indem wegen steigender Ladenmieten die Arbeit intensiviert wird, um das Gesch\u00e4ft profitabel zu halten. Im Lasker-Kiez wurden mit Beginn der Luxus-Bauprojekte zwei Lebensmittell\u00e4den geschlossen und abgerissen. In der Folge muss ein kleiner Supermarkt tausende Haushalte versorgen, was zur v\u00f6lligen \u00dcberlastung der dort Besch\u00e4ftigten f\u00fchrt.<br/> Die Proteste durch Mieter*innen-Inis wie der aus dem Lasker-Kiez sind daher letztlich immer auch eine Absage an die herrschenden Verh\u00e4ltnisse. Ihr Potenzial und ihre Relevanz f\u00fcr die Menschen unserer Gesellschaft treten durch die historische Einordnung deutlich hervor: Es geht um\u2019s Ganze.<br/> Oder mit Engels\u2018 Worten: \u201eSolange die kapitalistische Produktionsweise besteht, solange ist es Torheit, die Wohnungsfrage oder irgendeine andre das Geschick der Arbeiter betreffende gesellschaftliche Frage einzeln l\u00f6sen zu wollen.\u201c Um schnelle Abhilfe zu schaffen und weil man irgendwo ja anfangen muss, liefert uns Engels auch einen Vorschlag f\u00fcr den ersten Schritt: Die Enteignung von Wohnraum und anschlie\u00dfende Nutzung entsprechend der Bed\u00fcrfnisse der Menschen, die ihn brauchen.</p><p></p><p><i>[1] Alle Zitate sind Engels\u2018 Text \u201eZur Wohnungsfrage\u201c von 1872/73 entnommen.<br/>[2] Im Cottage-System mussten Arbeiter*innen in den daf\u00fcr bereitgestellten Wohnungen ihrer Fabrikherren wohnen. Dieses Vorgehen erzeugte Gehorsam: streikten die Arbeiter*innen mussten sie nicht nur um ihren Arbeitsplatz, sondern auch um ihr Dach \u00fcber dem Kopf f\u00fcrchten.</i></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/wohnungsfrage-reloaded-150-jahre-wohnen-als-ware/", "id": "https://revoltmag.org/articles/wohnungsfrage-reloaded-150-jahre-wohnen-als-ware/", "author": {"name": "Laura M\u00fcller", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2021-09-08T17:01:23.420806+00:00", "date_modified": "2021-09-09T09:53:18.901209+00:00", "tags": ["re:claim", "wohnungsbau", "kapitalismus", "kapitalismuskritik", "wohnungslosigkeit", "gentrifizierung", "mietenwahnsinn", "mietpolitik"], "summary": "Vor 150 Jahren schrieb Friedrich Engels einen Aufsatz zur Wohnungsfrage, dessen Analyse kapitalistischer Profitmacherei erneut an Aktualit\u00e4t gewinnt. Redakteurin Laura M\u00fcller diskutiert diese Frage anhand der Mieten-Initiative \u201eWem geh\u00f6rt der Lasker-Kiez\u201c."}, {"title": "Dasselbe in Gr\u00fcn, bitte!", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Dasselbe in Gr\u00fcn,&nbsp;bitte!</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"FridaysForFuture_protest_Berlin_2020-01-24_anti-capitalist_protest_at_Hbf_03.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/FridaysForFuture_protest_Berl.510aff7a.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Leonhard Lenz CC0</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Weltweit sympathisieren Linke mit <i>Fridays for Futur</i>e \u2013 einer jungen, gr\u00fcnen Graswurzelbewegung, der, so die Hoffnung vieler, das Potenzial innewohnt, die global fortschreitende Umweltzerst\u00f6rung aufzuhalten. Der aktuelle Erfolg von <i>B\u00fcndnis 90/ Die Gr\u00fcnen</i> in Deutschland k\u00f6nnte als \u00dcbersetzung der kollektiven Artikulation gr\u00fcner Forderungen auf der Stra\u00dfe in den politischen Betrieb gedeutet werden. Doch ebenso wie <i>Fridays for Future</i> sind die Gr\u00fcnen keineswegs als homogen progressive und schon gar nicht als genuin linke Kraft zu verstehen. Um zu beurteilen, ob die Hoffnung auf einen Wandel hin zu umweltvertr\u00e4glichem Wirtschaften gerechtfertigt ist, m\u00fcssen wir eine Antwort finden auf die Frage: Gibt es einen gr\u00fcnen Kapitalismus?</p><h2><b>Das automatische Subjekt</b></h2><p>Schon die Marx\u2019sche Theorie lehrt uns, dass die dem kapitalistischen System innewohnenden Triebkr\u00e4fte, seinen allgemeinen Gesetzen folgend, stets hin zu maximaler Ausbeutung von Mensch und Natur tendieren. Das Kapital strebt fortw\u00e4hrend nach neuen, effektiveren Verwertungsm\u00f6glichkeiten zum Ziel der Profitmaximierung. \u201eDie Zirkulation des Geldes als Kapital ist dagegen Selbstzweck, denn die Verwertung des Werts existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist daher ma\u00dflos.\u201c (MEW: 1962, Bd. 23: 167). Als \u201eautomatischem Subjekt\u201c (ebd.), also als Wert, der sich so kontinuierlich wie bewusstlos selbst verwertet, sind ihm dabei die reproduktiven Grenzen der Natur gleichg\u00fcltig. Die brasilianische Philosophin Isabel Loureiro konstatierte <a href=\"https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/sonst_publikationen/Beilage_Rosa150_web.pdf\">j\u00fcngst</a>, die Grenzen seiner Akkumulation erreiche das Kapital nicht durch die Begrenztheit der M\u00e4rkte, sondern durch die Begrenztheit der nat\u00fcrlichen Ressourcen, durch den Punkt, an dem unser Planet die Belastung durch Umweltverschmutzung und -zerst\u00f6rung nicht mehr abfedern oder bew\u00e4ltigen kann. Sie reiht sich ein in eine lange Liste derer, die dem \u201eKapitaloz\u00e4n\u201c, also dem Zeitalter des immer weiter voranschreitenden Kapitalismus, eine sehr d\u00fcstere Zukunft voraussagen.</p><h2><b>Das Narrativ des gr\u00fcnen Kapitalismus</b></h2><p>Insbesondere gr\u00fcne Liberale argumentieren diesbez\u00fcglich hingegen gern, dass der \u201efreie Markt\u201c durch Konkurrenzdruck und staatlich nicht durch Verm\u00f6gensbesteuerung begrenzte Gewinnaussichten permanent zu technologischen Neuerungen f\u00fchrt und dabei quasi nebenbei ressourcenschonende Technologien entwickelt werden. Obwohl es richtig ist, dass das Kapital nach Effizienz strebt und sich dabei folgerichtig ressourcensparende Technologien durchsetzen, da sich dadurch das vorzuschie\u00dfende Kapital verringert, ist das Narrativ des gr\u00fcnen Wirtschaftens allein durch technischen Fortschritt eine so wirkm\u00e4chtige wie falsche kapitalistische M\u00e4r. Der Wirtschaftsanthropologe Jason Hickel <a href=\"https://www.jasonhickel.org/blog/2018/9/14/why-growth-cant-be-green\">verdeutlicht</a> das beispielsweise unter Berufung auf Ergebnisse verschiedener Studien, eine davon im Rahmen des UN-Umweltprogramms. Das Einsparen von Ressourcen durch effizientere Technologien f\u00fchre, so Hickel, zu Rebound-Effekten. Das hei\u00dft, dass gespartes Geld bei Konsument*innen zu Mehrkonsumtion beziehungsweise eingesparte Produktionsmittel bei Unternehmen zu Mehrproduktion f\u00fchren und der Ressourcenverbrauch dadurch letztlich sogar steigen kann.</p><h2><b>Climate Justice statt Green New Deal</b></h2><p>Ein alternatives, auf die Vereinbarkeit menschlichen Wirtschaftens und Zusammenlebens mit der Natur ausgerichtetes Konzept ist das der Klimagerechtigkeit. Das Aufhalten des Klimawandels wird darin mit der \u00dcberwindung globaler sozialer Ungleichheiten in Verbindung gebracht. Das Konzept ber\u00fccksichtigt, dass die negativen Folgen des Klimawandels vor allem die L\u00e4nder des globalen S\u00fcdens und dabei in besonderem Ma\u00dfe marginalisierte gesellschaftliche Gruppen treffen, w\u00e4hrend sie gr\u00f6\u00dftenteils von den L\u00e4ndern des globalen Nordens und dabei wiederum haupts\u00e4chlich von den reichsten Teilen der Gesellschaft verursacht werden. F\u00fchrt man den Gedanken konsequent weiter, kann Klimagerechtigkeit als Ansatz verstanden werden, der auf die \u00dcberwindung des Kapitalismus und eine soziale Reorganisation der Gesellschaft(en) ausgerichtet ist. Und das ist bitter n\u00f6tig,denn soziale Gerechtigkeit und damit auch Klimagerechtigkeit sind im Kapitalismus nicht zu erreichen. Maximal k\u00f6nnen Ungleichheiten bei entsprechendem politischen Gestaltungswillen verringert werden, wie etwa die keynsianisch gepr\u00e4gte Sozialstaatspolitik vieler westlicher Demokratien nach dem 2. Weltkrieg zeigte. Allerdings erreichte diese nie ein globales Level. Durch den Siegeszug des Neoliberalismus ist selbst ein nur teilweiser Abbau sozialer Ungleichheit in weite Ferne ger\u00fcckt. Eine \u00dcberwindung manifester Ungleichheiten, die den Weg zur Klimagerechtigkeit frei macht, ist nur in demokratisch-sozialistisch organisierten Formen des Wirtschaftens und der gesellschaftlichen Ordnung denkbar.</p><h2><b>Auf dem Weg zur Macht</b></h2><p>Die Triebkr\u00e4fte des Kapitals, seine nie enden wollende Verwertung, bei der es die nat\u00fcrlichen Ressourcen des Planeten unter permanenter Missachtung der Belastungsgrenze von \u00d6kosystemen aufsaugt, sind von einzelnen Menschen oder von politischen Protagonist*innen unabh\u00e4ngig \u2013 und somit nat\u00fcrlich auch von Annalena Baerbock. Ein \u201egr\u00fcner Kapitalismus\u201c trieb schon in der Vergangenheit absurde Bl\u00fcten \u2013 man denke etwa an die CO2-Zertifikate, mit denen sich Konzerne von einer umweltbewussten Produktion freikaufen k\u00f6nnen, was der Erhaltung unserer nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen selbstverst\u00e4ndlich wenig n\u00fctzt. Dass Baerbock bei ihrer ersten Rede als Kanzlerkandidatin ausgerechnet pathetische Bilder der Pariser Klimakonferenz von 2015 v\u00f6llig unkritisch beschw\u00f6rt, macht auch im Heute wenig Hoffnung auf nachhaltige Verbesserungen: Das wichtigste Ziel der Konferenz, die Begrenzung der globalen Erw\u00e4rmung auf 1,5\u00b0C, wird durch die bisher getroffenen Ma\u00dfnahmen bei Weitem <a href=\"https://www.tagesschau.de/ausland/klimaabkommen-paris-fuenf-jahre-101.html\">verfehlt</a>. Stattdessen wurde f\u00fcr die Zeit bis 2100 der \u00f6kologisch fatale Wert von 3\u00b0C berechnet. Ihre Ziele hinsichtlich der Begrenzung von CO2-Emissionen erreichen viele Staaten lediglich beil\u00e4ufig wegen der wirtschaftlichen Einschnitte in der Corona-Pandemie statt durch politische Beschl\u00fcsse.</p><p>An dieser grundlegenden Tendenz des Kapitals, sich der politischen Regulierung zu entziehen, ja ihr seine Sachzw\u00e4nge \u00fcberzuordnen, kann auch eine gr\u00fcne Kanzlerin in Spe nichts \u00e4ndern. Hinzu kommt, dass die Gr\u00fcnen sich l\u00e4ngst davon verabschiedet haben, progressive Gesellschaftsbilder zu entwerfen und f\u00fcr ihre Umsetzung zu streiten und es selbst mit dem Umweltschutz nicht mehr so genau nehmen. Erinnert sei hier an die NRW-Gr\u00fcnen, die sich im Zuge der Aushandlung eines Deals mit der SPD mit einer Rodung des Hambacher Forsts einverstanden<a href=\"https://www.nw.de/nachrichten/zwischen_weser_und_rhein/22244454_Hambacher-Forst-Die-Gruenen-ringen-um-ihre-Glaubwuerdigkeit.html\"> erkl\u00e4rten</a>. Inzwischen kuscheln die Gr\u00fcnen auf dem Weg zur Macht ja lieber mit Konservativen. Auf eine schwarz-gr\u00fcne Koalition k\u00f6nnen wir uns also getrost einstellen. Auf eine \u00f6kologische Wende leider nicht.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Zeitgleich entwickelt ihre Partei sich mit aktuell 28 Prozent zur umfragest\u00e4rksten Kraft. Das mag bei manchen Hoffnung auf eine \u00f6kologische Wende wecken. Berechtigt ist diese allerdings nicht."}, {"title": "Warum eine ostdeutsche Linke?", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Warum eine ostdeutsche&nbsp;Linke?</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Stahl- und Walzwerk Hennigsdorf bei Berlin\" height=\"420\" src=\"/media/images/Beitragsbild3.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Morgennebel | creative commons</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Die beiden Autoren trennt beinahe eine ganze Ost-Generation. Doch die aktuelle politische Entwicklung der sozialen Frage in Ostdeutschland und die damit verbundenen Projekte, wie zum Beispiel</i> <a href=\"https://twitter.com/aufbruchost?lang=de\"><i>Aufbruch Ost</i></a><i>, entfalten Kr\u00e4fte, die viele Ost-Linke unterschiedlichster Pr\u00e4gung zusammenbringen. Im Kontext der Auseinandersetzung \u00fcber linke Strategien aus der Perspektive von Lohnabh\u00e4ngigen in Ostdeutschland entstand dieser Text als Auftakt einer Artikelserie. In dieser wollen wir den gesellschaftlichen Erfahrungen realsozialistischer Praxis aus Bescha\u0308ftigungs-, Bildungs-, und Gesundheitspolitik etc. nachgehen, um daraus mo\u0308gliche Perspektiven eines sozialistischen Aufbruch Ost abzuleiten. Ein Aufbruch, der sich nicht auf importierte und damit unrealistische Politikkonzepte stu\u0308tzt, sondern Antworten aus der konkreten Situation der Lohnabh\u00e4ngigen in Ostdeutschland entwickelt.</i></p><h3><b>Von gro\u00dfen Hoffnungen\u2026</b></h3><p>Jede Gesellschaft hat einen spezifischen Charakter, der von der politischen \u00d6konomie, einer darauf basierenden Kultur und historischen Grundlagen abh\u00e4ngig ist. Das gilt f\u00fcr kapitalistische, wie f\u00fcr sozialistische Gesellschaften: die eine beruht auf Konkurrenz, die andere auf Kooperation. Vor nunmehr 30 Jahren wurde der nach dem 2. Weltkrieg entstandene realsozialistische Teil Deutschlands, die DDR, dem gr\u00f6\u00dferen, kapitalistischen Teil, der BRD, angeschlossen. In der DDR hatte eine knappe Mehrheit in den Ma\u0308rz-Wahlen 1990 der Allianz fu\u0308r Deutschland den Auftrag fu\u0308r einen schnellen Vollzug gegeben. Die meisten ahnten nicht, zu welchen wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Verwerfungen dies im Laufe der Jahre f\u00fchren wu\u0308rde. Obwohl man als informierte*r DDR-Bu\u0308rger*in nicht nur aus dem Staatsbu\u0308rgerkunde-Unterricht, sondern auch dem West-Fernsehen wusste, wie die bundesdeutsche Gesellschaft funktionierte, vertraute man den Versprechungen einer Vereinigung auf Augenh\u00f6he. Man versprach sich davon die Teilhabe an den sozialen Segnungen der westdeutschen Nachkriegsmarktwirtschaft, die erg\u00e4nzt werden w\u00fcrden durch ostdeutsche Errungenschaften.</p><p>Doch es kam anders. Dem sozialen Abstieg infolge der Deindustrialisierung, Ru\u0308ckgang der <a href=\"https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/38373\">Bruttowertscho\u0308pfung</a> 1991 auf ein Drittel (31 Prozent) im Vergleich zu 1989, und der daraus resultierenden Arbeitsplatzvernichtung auf fast die H\u00e4lfte (56,5 Prozent) folgten mehrere Wellen von Arbeitsmigrationen nach Westdeutschland. Fast ein Viertel der Bev\u00f6lkerung von knapp 17 Millionen Menschen <a href=\"https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-05/ost-west-wanderung-abwanderung-ostdeutschland-umzug?utm_referrer=https://www.google.com/\">verlie\u00df bis heute</a> das Gebiet der ehemaligen DDR. Sie hinterlie\u00dfen eine \u00fcberalterte und abgeha\u0308ngte Gesellschaft. An der <a href=\"https://www.iwh-halle.de/publikationen/detail/vereintes-land-drei-jahrzehnte-nach-dem-mauerfall/\">wirtschaftlichen Lage</a> hat sich bis heute nichts grundlegendes ge\u00e4ndert.</p><p>In Bezug auf die Kultur hatten es sich die bundesdeutschen Eliten zum Ziel gesetzt, alles in 40 Jahren in der DDR entstandene, das nicht ihren Vorstellungen entsprach, den freien Marktkra\u0308ften zu \u00fcberlassen. Gro\u00dfe Teile der Infrastruktur verschwanden. Als prominentes Beispiel seien hier die u\u0308ber 2000 <a href=\"https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kulturh%C3%A4user_in_der_DDR\">regionalen Kulturha\u0308user</a> genannt. Institutionen, die in die kleinbu\u0308rgerliche Welt von \u201aHoch-Kultur\u2018 passten, wurden in diesem Sinne vereinnahmt: ausgew\u00e4hlte Museen, Theater und Gedenksta\u0308tten. Immaterielles, wie Literatur, Kunst, Filme, Musik, etc. wurde im Kontext eines \u201awiedervereinten\u2018 Deutschlands totgeschwiegen oder diskreditiert.</p><h3>...<b>zur Kolonie der Bundesrepublik</b></h3><p>Zur Sicherstellung des machtpolitischen U\u0308bergangs nutzte man westdeutsche Funktionseliten aus der zweiten Reihe. Diesen standen in den neuen Gebieten Karrieremo\u0308glichkeiten in Politik, Medien, Wissenschaft und Justiz offen, die in ihren Heimatregionen nie mo\u0308glich gewesen wa\u0308ren. Dort waren alle entsprechenden Positionen schon besetzt. Legitimiert wurde dieser Schritt offiziell damit, dass das Gros ehemaliger DDR-Bu\u0308rger*innen auch jenseits fru\u0308herer Posten im Realsozialismus nicht in der Lage wa\u0308re, ausreichend schnell das neue westdeutsche System umzusetzen. Und Eile war das Gebot der Stunde. Um erwartbarer Kritik und Widerstand zuvor zu kommen, gab man als Alibi einem verschwindend geringeren Teil von Ostler*innen die Chance auf berufliche Stabilit\u00e4t oder Aufstieg im eigenen Territorium. Um diese Stellen zu behalten war allerdings klar, wessen Positionen sie zu vertreten hatten. Die Hoffnung, dass sich eine derartige Besetzungspolitik von Fu\u0308hrungspositionen zugunsten der nachfolgenden ostdeutschen Generation \u00e4ndern und damit demokratiefo\u0308rdernd auswirken werde, ist nicht eingetreten. Die Lage hat sich teilweise <a href=\"http://docplayer.org/27104334-Wer-beherrscht-den-osten.html\">sogar verscha\u0308rft</a>. Heute kann man alles in allem von kolonisierten Verha\u0308ltnissen sprechen.</p><h3><b>Entta\u0308uschungen und rechtes Spektakel</b></h3><p>Die in ihrer Region verbliebenen Ostler*innen waren nach der Wende paralysiert von der unerwarteten Wucht der Vera\u0308nderungen. Viele passten sich aus Mangel an Alternativen mit der Zeit an, ohne jedoch ihren, nicht erst in der Zeit der Wende erworbenen, Hang zum Widerspruch ganz zu verlieren. Nach einem anf\u00e4nglichen Vetrauensverlust, der auf die ungel\u00f6sten Widerspr\u00fcche in der DDR-Gesellschaft zur\u00fcckzuf\u00fchren war, wurde die Nachfolgerin der fr\u00fcher f\u00fchrenden Staats- und Regierungspartei, SED/PDS, von circa 20 Prozent der an den Wahlen teilnehmenden Ostdeutschen bevorzugt.<br/> Diskussionen u\u0308ber die Geschichte und Kultur der DDR fanden vor allem im privaten und halbo\u0308ffentlichen Raum statt. In den offiziellen Medien wurden sie entweder weiterhin im Stil des \u201aKalten Krieges\u2018, oder als apolitische \u201aOstalgie\u2018 ausschlie\u00dflich denunziatorisch gef\u00fchrt. Als nach etwa zwei Jahrzehnten fu\u0308r die Wa\u0308hler*innen im Osten nicht mehr zu \u00fcbersehen war, dass die politische Folgestruktur der SED/PDS, die PDS/LINKE, auch nur die Verha\u0308ltnisse verwaltete und keine Ideen fu\u0308r die wirtschaftliche und damit soziale Verbesserung der Lage hatte, wandte man sich nach und nach einem neuen parlamentarischen Oppositionsprojekt zu: der AfD. Eine in ihren Strukturen und f\u00fchrenden K\u00f6pfen zutiefst westdeutsche Partei, begegnet den ostdeutschen Erfahrungen sozialer Deklassierung mit nationalistischen und rassistischen Angeboten und kann dabei auf eine seit dem Anschluss der DDR an die BRD entstandene rechtsradikale Basis bauen.<br/><br/> Angefangen mit der nationalistischen PEGIDA-Bewegung und den daran anschlie\u00dfenden Wahlerfolgen der AfD setzte bei jungen Linken mit ostdeutschem Hintergrund allm\u00e4hlich ein Prozess der konkreteren Bescha\u0308ftigung mit ihrer Region ein, in dem Bewusstsein, dass diese sich vom Rest des Landes unterscheidet. Dabei geht es um Diskussionen zu \u00f6konomischen, politischen und kulturellen Themen sowie ihre historische Einordnung, die sie aus dem Privaten kannten. In der O\u0308ffentlichkeit wurden diese aber anders oder gar nicht verhandelt \u2013 auch nicht in ihrer linken Lebenswelt. Aus einer versch\u00e4mten, nie selbst thematisierten ostdeutschen Herkunft, wurde ein selbstbewusstes Auftreten, das auch in Westdeutschland <a href=\"https://www.freitag.de/autoren/elsa-koester/das-ist-unser-haus\">nicht mehr u\u0308bersehen werden</a> konnte.</p><h3><b>Im Unterschied vereint?</b></h3><p>Das Experiment der politischen und wirtschaftlichen Vereinigung zweier unterschiedlich gewachsener Gesellschaften, kann durch die vollst\u00e4ndige Assimilierung der einen als gescheitert gelten. Dies gilt auch f\u00fcr die Linke. Das Ergebnis nach 30 Jahren ist: Deindustrialisierung, Entvo\u0308lkerung und eine rechtsnationalistische politische Entwicklung im angeschlossenen Teil. Dabei gab es eine linke Chance, als die sozialen Anschlussverwerfungen zu Tage traten. Der anfa\u0308ngliche Vertrauensvorschuss wurde von der PDS zugunsten einer gesamtdeutschen Perspektive verspielt. Au\u00dfer ein paar Streicheleinheiten f\u00fcr die ostdeutschen Seele, hatte man wenig zu bieten. Auf die zu Recht formulierten spezifischen Probleme der Lohnabha\u0308ngigen in Ostdeutschland gibt es bis heute keine Antworten. Fast drei Jahrzehnte nach der Deindustrialisierung und trotz des Wissens, dass nur die massive Schaffung von Arbeitspla\u0308tzen der Schlu\u0308ssel zu einer langfristigen Lo\u0308sung der sozio-\u00f6konomischen Probleme ist, wird in gesamt- oder ostdeutschen Milieus bis heute nicht u\u0308ber eine digitale, nachhaltig-o\u0308kologische Re-Industrialisierung diskutiert.<br/></p><p>Empirisch stellt man bei der Bescha\u0308ftigung mit der sozialen Frage die Unterschiede zu einem historisch gewachsenen, westdeutschen Kapitalismus fest. Die Privatisierungspolitik der Treuhand fu\u0308hrte neben der Deindustrialisierung auch dazu, dass es keine Klasse von Kapitaleigner*innen mit DDR-Biographien gibt. Bei dem Wenigen, was u\u0308brig blieb, waren Ostdeutsche die gro\u00dfe Ausnahme. Das allermeiste fiel an westdeutsche und einige internationale Kapitalist*innen, die eine andere Standortpolitik betreiben, als Familienunternehmen aus der Region. Auf der Seite der Lohnabha\u0308ngigen kann man, wie weiter oben schon beschrieben wurde, von einer sich seit 30 Jahren verfestigenden preka\u0308ren Lage sprechen. Die angebotenen gesamtdeutschen politischen Lo\u0308sungen, die ausschlie\u00dflich einer bundesrepublikanischen Tradition folgen, imaginieren bis heute eine vermeintliche Homogenita\u0308t von Ost und West, die es aber nie gegeben hat. Gleichzeitig sind die Angebote auch fu\u0308r die alten Bundesl\u00e4nder zum gro\u00dfen Teil ungeeignet, eine Entwicklung hin zu mehr sozialer Gleichheit zu erm\u00f6glichen. Doch das m\u00fcssen die im Westen Sozialisierten fu\u0308r sich selbst entscheiden.</p><h3><b>Fu\u0308r einen (sozialistischen) Aufbruch Ost!</b></h3><p>Eine fortgesetzte Anwendung elita\u0308rer Politikkonzepte, bei der eine aus der linksliberalen, kleinb\u00fcrgerlichen Mittelschicht rekrutierte Funktionselite sich gegenu\u0308ber der Mehrheit an Lohnabha\u0308ngigen als intellektuelle Fu\u0308hrung aufspielt und die zu verhandelnden Themen vorgibt, wird zu noch mehr Abwehrtendenzen f\u00fchren. Das gilt nicht nur fu\u0308r Ostdeutschland. Aber dort ist das Versagen der gesamtdeutschen Linken am offensichtlichsten. Diese ist in ihrer Mehrheit scheinbar nicht Willens oder in der Lage, eine auf humanistischen L\u00f6sungen basierende Politik fu\u0308r <i>alle</i> Lohnabha\u0308ngigen zu machen. Stattdessen wird das Bedu\u0308rfnis nach sozialen Sicherheiten, wer mo\u0308ge es den Ostdeutschen verdenken, von diesem weitestgehend materiell abgesicherten Milieu ignoriert oder als antiquiert verachtet und so de facto den Rechtspopulist*innen mit ihren nationalistischen und rassistischen Lo\u0308sungen \u00fcberlassen. Diese nehmen das Geschenk dankend an.<br/> Angesichts dieser Entwicklungen m\u00fcsste sich eine gesamtgesellschaftliche Linke, die traditionell die Interessen der Lohnabha\u0308ngigen vertrat, fragen, was sie denn falsch macht. Der Bezug zur Klasse ist offensichtlich zum gro\u00dfen Teil, und insbesondere in Ostdeutschland, verloren gegangen. Stattdessen werden in weiten Teilen der Linken moralische Verwarnungen ausgesprochen. Angesichts der Wahlerfolge der AfD f\u00fchlt man sich in der Einscha\u0308tzung der sogenannten Masse und ihres \u201erassistischen Grundkonsens\u201c besta\u0308tigt, wendet sich umso mehr dem eigenen kleinb\u00fcrgerlichen Milieu und seinem ganz eigenen Blick auf die Welt zu und verliert dabei immer mehr an gesellschaftlichem Einfluss. Parallelen zu anderen europa\u0308ischen La\u0308ndern sind nicht zufa\u0308llig.</p><h3><b>Eine ostdeutsche Linke</b></h3><p>Eine ostdeutsche Linke muss sich der postmodernen, identita\u0308tspolitischen Gefahren bewusst sein, die lauern. Gleichzeitig d\u00fcrfen aber auch keine historisierenden sozialistischen Antworten gegeben werden. Das ostdeutsche Unwohlsein beruht nicht in erster Linie auf einer besonderen kulturellen Identita\u0308t, die sich in einen mit der Zeit un\u00fcberschaubar werdenden Kanon anderer Identit\u00e4ten einreiht und mit Antdiskriminierungsappellen heilen lie\u00dfe. Dieses Gef\u00fchl beruht vielmehr auf der, unter Marxist*innen allseits bekannten, materiellen Ungleichheit im Kapitalismus. Das ist nicht jeder Person, die dieses Gefu\u0308hl beschleicht, gleich bewusst. Aber wofu\u0308r ist denn eine Linke da, wenn nicht daf\u00fcr, diese Erkenntnis zu vermitteln?<br/> Die Lohnabha\u0308ngigen haben aufgrund ihrer Alltagserfahrungen ein reichhaltiges Wissen u\u0308ber die sozialen Verwerfungen. Man muss ihnen Lo\u0308sungen anbieten, die nicht aus den goldenen Zeiten der Arbeiter*innenbewegung stammen, aber auf deren Grundlagen beruhen und dabei die realsozialistischer Gesellschaften kritisch reflektieren. Und man muss sie einladen und ihnen zu ermo\u0308glichen, bei der politischen Arbeit mitzuwirken, um ihren Interessen gesellschaftliche Hegemonie zu verschaffen. Es geht dabei nicht nur um die Unterstu\u0308tzung gewerkschaftlicher Ka\u0308mpfe, sondern um die aktive Schaffung einer Basis, die auch im Alltag jenseits der Produktionspha\u0308re ansetzt.<br/></p><p>Bis in die dritte Generation hinein kennen Ostdeutsche noch aus eigenem Erleben oder Erz\u00e4hlen die Vorzu\u0308ge der DDR-Gesellschaft. Ansonsten w\u00fcrden sie mit der heutigen Situation nicht so unzufrieden sein. Es ist nicht das nationalistische Gefu\u0308hl, \u201eDeutscher 2.-Klasse\u201c zu sein. Aus diesem Erkla\u0308rungsansatz spricht nur die grenzenlose U\u0308berheblichkeit westdeutscher Eliten, die dieses Deutschland fu\u0308r das Ma\u00df aller Dinge halten. F\u00fcr die Lohnabha\u0308ngigen einer verl\u00e4ngerten Werkbank im Osten, in ihrem tagta\u0308glichen Kampf, u\u0308ber die Runden zu kommen, ist es das nicht. 30 Jahre Ungleichheitserfahrungen mit dem Wissen, dass es auch anders gehen k\u00f6nnte, sind vielleicht der Grund dafu\u0308r, dass fast zwei Drittel der Ostdeutschen <a href=\"https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/269349/ostdeutsche-identitaet-zwischen-medialen-narrativen-und-eigenem-erleben#fr-footnode2\">sich noch immer mit der DDR verbunden fu\u0308hlen</a>.<br/><br/> Die ostdeutsche Gesellschaft braucht eine origina\u0308re ostdeutsche Linke, die den Lohnabha\u0308ngigen Politikangebote entsprechend der vorhandenen gesellschaftlichen Spezifik unterbreitet. Nach 40 Jahren DDR und 30 Jahren angeschlossenes Ostdeutschland, also insgesamt 70 Jahren unterschiedlicher Entwicklung, steht den Ostler*innen nicht nur aus demokratietheoretischer Sicht das Recht zu, sich eigensta\u0308ndige politische Verkehrs- und Aushandlungsformen zu schaffen.<br/> Dies sollte man nicht als Aufruf zu einer irgendwie gearteten Spaltung, der mu\u0308hsam vereinigten, aber immer handlungsunfa\u0308higer werdenden gesamtdeutschen \u201aMosaiklinken\u2018 verstehen. Vielmehr als Beitrag, die notwendigen, eigensta\u0308ndigen Debatten im Osten zu fu\u0308hren. Die westdeutsche Linke sollte es als Chance zur Reflexion des eigenen Zustandes begreifen und als Inspiration fu\u0308r Vera\u0308nderungen. Wir sind an einer F\u00fclle von Meinungen und einer sich daraus entwickelnden Debatte zum Thema \u201eostdeutsche Linke&quot; \u00e4u\u00dferst interessiert.<br/><br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Teil&nbsp;Drei.</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Coronamythen.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/Coronamythen.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Flickr</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Die Corona-Pandemie bringt f\u00fcr uns konstant Ver\u00e4nderungen mit sich: Im Tages- oder im Wochentakt werden neue Bedingungen und Regeln aufgestellt. Die meisten von uns verfolgen die Entwicklungen mehr oder weniger regelm\u00e4\u00dfig und versuchen, die Ereignisse und damit auch m\u00f6gliche Szenarien der Krisenbearbeitung durch die Herrschenden einzuordnen und zu analysieren. Dabei gibt es auch Annahmen und Mystifizierungen, die es (zum aktuellen Zeitpunkt) zu hinterfragen und zu diskutieren gibt. Dieser Beitrag ist der Auftakt einer Reihe zum Thema. Obwohl sich einige der Aussagen sicher verallgemeinern lassen, beziehen sich die folgenden \u00dcberlegungen in erster Linie auf die Bundesrepublik Deutschland.</p><p></p><hr/><p><i>Mythos 3: Um die Krise zu \u00fcberwinden, m\u00fcssen wir alle den G\u00fcrtel enger schnallen. Wenn wir jetzt verzichten k\u00f6nnen, wird es uns bald wieder besser gehen.</i></p><hr/><p>Gerade in Krisenzeiten wird gern die Floskel \u201eWenn es der Wirtschaft gut geht, geht es uns allen gut\u201c in verschiedenen Ausformungen wiederholt. In der Corona-Pandemie wird das durch die Phrase erg\u00e4nzt, wir alle w\u00fcnschten uns eine baldige R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t. Diese beiden Wunschgedanken bed\u00fcrfen einer grundlegenden Kritik.</p><h3><b>Ein gutes Leben f\u00fcr alle?</b></h3><p>Was bedeutet es eigentlich, dieses \u201ees geht uns allen gut\u201c? Hei\u00dft es, dass wir alle einen Job haben, ein ausreichendes Einkommen und einigerma\u00dfen sichere Zukunftsaussichten? Dann lie\u00dfe sich konstatieren, dass diese Lebensumst\u00e4nde im Kapitalismus selbst in wirtschaftlichen Konjunkturphasen bei Weitem nicht auf alle und sp\u00e4testens seit dem Finanzcrash von 2008 und im Zuge des neoliberalen Umbaus wohl auch insgesamt f\u00fcr immer weniger Menschen zutreffen. Au\u00dferdem ignoriert diese Auffassung eines \u201eguten Lebens\u201c die massive Beschneidung unserer Freiheit im und durch das Arbeitsleben: Wir m\u00fcssen unsere Zeiteinteilung und gesamte Lebensplanung kapitalistischen Sachzw\u00e4ngen unterwerfen.</p><p>Eine freie Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung im Sinne eines guten Lebens sind kaum m\u00f6glich: Viele von uns m\u00fcssen Arbeiten verrichten, die sie nicht tun wollen, die sie k\u00f6rperlich und psychisch zerm\u00fcrben und krank machen. Wir lernen, uns und unsere Arbeitskraft im Berufsleben trotzdem zu selbst wie eine Ware zu verkaufen \u2013 vom Bewerbungsgespr\u00e4ch bis zur Profilierung vor Kolleg*innen und Chef*innen - um im Konkurrenzkampf nicht unterzugehen. W\u00e4hrend der Arbeitszeit, also einem meist erheblichen Teil unserer Lebenszeit, sind wir fremdbestimmt. Unser*e Arbeitgeber*in entscheidet, welche T\u00e4tigkeiten wir wann und wie auszuf\u00fchren haben. Demokratische Prinzipien gibt es in der Arbeitswelt kaum und auch, wenn sich manche Unternehmen gern den Anstrich flacher Hierarchien geben, bleiben Vorgesetzte doch immer Vorgesetzte, die die Grenzen unserer Selbstbestimmung von oben festlegen und sich den t\u00e4glich durch unsere Arbeit geschaffenen (Mehr.)Wert aneignen.</p><p>Der im Kapitalismus strukturell unter diesem Wert liegende Lohn, der am Ende des Monats auf unserem Konto landet, dient im Wesentlichen der Reproduktion unserer Arbeitskraft, die wir dem Unternehmen schlie\u00dflich auch noch im n\u00e4chsten Monat gewinnbringend verkaufen k\u00f6nnen sollen. All das sind nur einige der t\u00e4glichen Zumutungen des kapitalistischen Systems f\u00fcr unsere Leben. Mit anderen Worten: Im Kapitalismus geht es uns nie \u201egut\u201c. Die reale Verschlechterung unserer Lebensverh\u00e4ltnisse, etwa durch steigende Zahlen derjenigen, die \u201earbeitslos\u201c, also ohne entlohnte Arbeit sind, Kurzarbeit, steigende Lebenshaltungskosten bei gleichbleibenden Hartz4-S\u00e4tzen und sinkenden L\u00f6hnen, kommt durch die Corona-Krise nun zum bestehenden Stress noch dazu. Und wenn nun in der Pandemie darauf verwiesen wird, dass es uns allen gut geht, wenn es der Wirtschaft gut geht, d\u00fcrfen wir nicht der Illusion verfallen, das Kapital w\u00fcrde irgendwelche sozialen Interessen verfolgen.</p><p>Das liegt gar nicht in seiner Logik. Im Gegenteil: Der Kapitalismus und darin das Kapital profitiert zum Beispiel von einer gewissen Zahl an Erwerbslosen, die in relativer Verelendung leben und die schon Marx als \u201eindustrielle Reservearmee\u201c bezeichnete. Sie dienen \u2013 wie auch Hierarchisierungen von Arbeiter*innen auf dem globalen Markt (bei der Ausbeutung von migrantischen Arbeiter*innen zum Beispiel) \u2013 zugleich als abschreckendes Beispiel (\u201eSeht, wie schlecht es euch erginge, wenn ihr nicht f\u00fcgsam der f\u00fcr euch vorgesehenen Arbeit nachgeht!\u201c), der Lohndr\u00fcckerei und als tats\u00e4chliche R\u00fccklage von Arbeitskraft, auf die in Zeiten des Aufschwungs zur\u00fcckgegriffen werden kann. Sozialstaatliche Zuwendungen erf\u00fcllen dabei die Funktion, die potenziellen Arbeitskr\u00e4fte in einem einigerma\u00dfen tauglichen Zustand zu halten, damit sie bei Bedarf verwertbar sind. Eine hohe Besch\u00e4ftigungsquote und ein steigender Lebensstandard sind allenfalls Nebenprodukte der Kapitalverwertung, auf die keinerlei Verlass ist.</p><h3><b>Die Normalit\u00e4t hei\u00dft Verwertung</b></h3><p>Krisen stellen unsere sicher geglaubten Erwartungen f\u00fcr die Zukunft infrage. In so einer Situation ist nachvollziehbar, dass der Wunsch nach mehr Vorherseh- und Planbarkeit des Lebens aufkommt. Der Kapitalismus bietet uns, ganz einfach indem er seiner ihm innewohnenden Verwertungslogik folgt und uns durch immer neue Unwetter oder einfach durch den t\u00e4glichen Nieselregen peitscht, diese Sicherheit aber so oder so nicht. \u201eDas Einzige, das in diesen \u00f6konomischen St\u00fcrmen gewiss ist, ist die Ungewissheit\u201c (Heinrich 2018: 175). Zu welcher Art Normalit\u00e4t sollten wir also zur\u00fcckwollen? Wenn Politiker*innen davon sprechen, dass wir alle uns eine \u201eR\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t\u201c w\u00fcnschen, meinen sie vor allem, dass die infolge der Krise verschlechterten Kapitalverwertungsm\u00f6glichkeiten wieder verbessert werden sollen. F\u00fcr den Staat ist das wichtig, weil er vom Kapital abh\u00e4ngig ist. Staatliche Strukturen, Investitionen und Institutionen werden durch Steuergelder finanziert, welche die Unternehmen vom Reichtum, den die Lohnabh\u00e4ngigen f\u00fcr sie erarbeiten, abf\u00fchren. Staat und Kapital stehen in einer Wechselbeziehung. Insbesondere in der aktuellen Gesundheitskrise muss der Staat Leben und Gesundheit der Arbeiter*innen, die Wertbasis der kapitalistischen Demokratie, sch\u00fctzen. Aber nur insofern es dem kapitalistischen Gesamtinteresse dient.</p><p>Die Ausrichtung der Politik an kapitalistischen Interessen statt an hehren Prinzipien zeigt sich nur allzu deutlich daran, dass die Arbeitsbedingungen in gro\u00dfen Betrieben, zum Beispiel in der Fleischindustrie, als Infektionstreiber von der Politik ausgeklammert werden und aus der medialen \u00d6ffentlichkeit weitgehend verschwunden sind. Die Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens hat Vorrang \u2013 koste es, was es wolle. Corona-Einschr\u00e4nkungen werden \u2013 in der zweiten Welle noch massiver \u2013 fast ausnahmslos in den privaten, sozialen und kulturellen Bereich verlegt. Die Jugend, die als Masse durchweg egoistischer Party-Monster inszeniert wird, ist der willkommene S\u00fcndenbock, um diese Politik zu rechtfertigen. Dabei wird auf valide Belege f\u00fcr diese homogene Darstellung ebenso gern verzichtet wie auf den Hinweis, dass durchaus auch \u00e4ltere Menschen trotz Pandemie <a href=\"https://www.rnd.de/panorama/sozialpsychologe-uber-corona-partys-eine-grosse-rolle-spielen-egoistische-motive-KWNG2KXTZJDBTJLQ3FP27READA.html\">Feiern veranstalten</a> und so weiter.</p><p>Abseits des Privaten hingegen sollen wir uns in volle Bahnen quetschen, uns acht Stunden lang neben unsere Kolleg*innen an den Schreibtisch setzen, mit Dutzenden von ihnen am Flie\u00dfband stehen oder unsere Tage in schlecht gel\u00fcfteten Klassenzimmern verbringen (der Kapitalismus braucht gebildete kommende Generationen). Trotz exponentiell steigender Fallzahlen durften wir unser Geld abends noch \u00fcber viele Wochen hinweg im Restaurant lassen \u2013 auch die Gastronomie ist eine wichtige Branche, was die aktuellen Debatten und Proteste um die weitgehenden Schlie\u00dfungen nochmal deutlich machen \u2013 uns aber bitte nicht im Park treffen. Neben der erschwerten Kontrollierbarkeit von Abstandsregeln sind derlei Freizeitaktivit\u00e4ten auch einfach wirtschaftlich schlecht verwertbar und erscheinen daher aus der Perspektive der Politik am ehesten verzichtbar. Nachweislich hilft eine Reduktion der Kontakte, Infektionsketten zu unterbrechen und die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Eben dieser Argumentation folgend ist es nicht nachvollziehbar, dass das f\u00fcr die Kontakte im Arbeitsalltag nicht gelten soll. Es ist mehr als offensichtlich, dass es nicht um uns, unsere Bed\u00fcrfnisse und unsere Leben geht, sondern unsere Gesundheit n\u00fcchtern gegen Kapitalinteressen abgewogen wird.</p><h3><b>Es rettet uns kein h\u00f6h\u2019res Wesen\u2026</b></h3><p>Ziel der aktuellen Politik ist nicht, das Leid, das der Kapitalismus f\u00fcr die meisten Menschen bedeutet, zu mindern, sondern es so rasch wie m\u00f6glich auf den Pr\u00e4-Corona-Stand zu bringen. Die allt\u00e4gliche Missachtung unserer k\u00f6rperlichen und psychischen Gesundheit ist f\u00fcr uns au\u00dferhalb der Versch\u00e4rfungen in der Corona-Krise weniger f\u00fchlbar und damit auch \u201enormal\u201c geworden. Nur deshalb ist es leicht, uns vorzugaukeln, zu diesem Zustand zur\u00fcckzukehren sei w\u00fcnschenswert. Im Moment lassen sich damit sogar W\u00e4hler*innenstimmen gewinnen. Genaugenommen wird versucht, auf dieser Grundlage die Lohnabh\u00e4ngigen die Krise austragen zu lassen. Real- und Nominall\u00f6hne <a href=\"https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/09/PD20_366_623.html;jsessionid=3113DC22B27374FF3398F59C52227FD5.internet8732\">sinken</a>, w\u00e4hrend die Verm\u00f6gen der Superreichen \u2013 wie in fast jeder Krise \u2013 <a href=\"https://www.dw.com/de/reiche-werden-dank-corona-reicher/a-55184720\">weiter wachsen</a>; gro\u00dfe Konzerne werden aufw\u00e4ndig gerettet, w\u00e4hrend kleine Betriebe, Kleinselbstst\u00e4ndige und Kollektive in die R\u00f6hre schauen.</p><p>Die Profiteure einer Krise sind selten die Arbeiter*innen. Der Kapitalismus ist in seinem Wesen krisenhaft: Betrachtet man die materiellen Verh\u00e4ltnisse, die er schafft und stetig reproduziert, ist seine \u201eRettung\u201c f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Teil der Menschen keineswegs erstrebenswert. Warum sollten wir diese neuerliche Krise der kapitalistischen Warenwirtschaft ausbaden, beeintr\u00e4chtigt sie doch unsere Leben jeden Tag?! Parolen wie \u201eCapitalism is the crisis\u201c oder \u201eThe virus is capitalism\u201d haben deshalb aktuell zu Recht Hochkonjunktur, weil sie auf diesen Umstand verweisen. Bei entsprechendem politischen Willen g\u00e4be es weitaus bessere M\u00f6glichkeiten, die Krise finanziell abzufedern: zum Beispiel Verm\u00f6gens- und Erbschaftssteuern, stark progressive Einkommenssteuer oder Enteignungen. Stattdessen werden zum Beispiel durch die Senkung der Mehrwertsteuer in erster Linie weiter diejenigen bevorteilt, die ohnehin schon \u00fcber komfortablere finanzielle M\u00f6glichkeiten verf\u00fcgen. Was bringt es uns, beim Kauf eines Neuwagens soundso viel sparen zu k\u00f6nnen, wenn wir ihn uns eh nicht leisten k\u00f6nnen? Abgesehen davon, dass es den Unternehmen \u00fcberlassen ist, ob sie die Steuersenkung \u00fcberhaupt weitergeben oder sich selbst noch mehr bereichern. \u201eWir sitzen alle im selben Boot\u201c trifft also nur insofern zu, als das \u201ewir\u201c nicht die Herrschenden und die Beherrschten, die Kapitalist*innen und die Lohnabh\u00e4ngigen zusammen meint, sondern nur uns, die wir weitestgehend vom Reichtum der kapitalistische Warenwirtschaft ausgeschlossen sind.</p><p>Die Krise gemeinsam zu schultern, kann nicht hei\u00dfen, dass wir uns noch mehr vom Mund abzusparen m\u00fcssen. Vielmehr hei\u00dft es, gemeinsame soziale Proteste gegen die Belastungen, die auf uns abgew\u00e4lzt werden, zu organisieren, uns in Arbeitsk\u00e4mpfen nicht gegeneinander ausspielen zu lassen und die Reichen und Kapitalist*innen zur Kasse zu bitten. Wenn jemand den G\u00fcrtel enger schnallen muss, dann sie! Diese Form der Politik wird uns nicht von oben geschenkt, wir m\u00fcssen sie von unten erk\u00e4mpfen. Auch in Zeiten von Corona.</p><p></p><hr/><h3><b>Weiterf\u00fchrende Literatur:</b></h3><p>Heinrich, Michael (2018): Kritik der politischen \u00d6konomie: eine Einf\u00fchrung in \u201eDas Kapital\u201c von Karl Marx. Reihe Theorie.org. Stuttgart: Schmetterling Verlag.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/drei-mythen-%C3%BCber-die-corona-krise-teil-drei/", "id": "https://revoltmag.org/articles/drei-mythen-%C3%BCber-die-corona-krise-teil-drei/", "author": {"name": "Laura M\u00fcller", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-11-01T11:58:15.483656+00:00", "date_modified": "2021-09-01T19:40:36.263332+00:00", "tags": ["re:think", "coronakrise", "\u00f6konomie", "arbeiterklasse", "neoliberalismus", "corona", "arbeitskampf", "kapitalismus"], "summary": "Damit wir bereitwillig \u201eden G\u00fcrtel enger schnallen\u201c, suggeriert die Politik in Zeiten der Krise gern, dass wir alle von einer boomenden Wirtschaft profitieren. Dabei beeintr\u00e4chtigt der Kapitalismus unsere Leben permanent. Soziale Einschnitte d\u00fcrfen wir uns deshalb nicht bieten lassen."}, {"title": "Drei Mythen \u00fcber die Corona-Krise. Teil Zwei.", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Drei Mythen \u00fcber die Corona-Krise. Teil&nbsp;Zwei.</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Cronakrise\" height=\"420\" src=\"/media/images/lvp5xvp1c1r7.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Flickr |  Lost in Transliteration</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Die Corona-Pandemie bringt f\u00fcr uns konstant Ver\u00e4nderungen mit sich: Im Tages- oder im Wochentakt werden neue Bedingungen und Regeln aufgestellt. Die meisten von uns verfolgen die Entwicklungen mehr oder weniger regelm\u00e4\u00dfig und versuchen, die Ereignisse und damit auch m\u00f6gliche Szenarien der Krisenbearbeitung durch die Herrschenden einzuordnen und zu analysieren. Dabei gibt es auch Annahmen und Mystifizierungen, die es (zum aktuellen Zeitpunkt) zu hinterfragen und zu diskutieren gibt. Dieser Beitrag ist der Auftakt einer Reihe zum Thema. Obwohl sich einige der Aussagen sicher verallgemeinern lassen, beziehen sich die folgenden \u00dcberlegungen in erster Linie auf die Bundesrepublik Deutschland.</p><p></p><hr/><p><i>Mythos 2: Wir befinden uns in einer pandemiebedingten Krise.</i></p><p></p><hr/><p></p><p>Nat\u00fcrlich befinden wir uns in einer krisenhaften Zeit. Zum einen ist da die Gesundheitskrise: Gesundheit und Leben der weltweiten Bev\u00f6lkerung sind durch das Virus und seine Ausbreitung tats\u00e4chlich bedroht. Ist von einer pandemiebedingten Krise die Rede, so ist aber zumeist eine wirtschaftliche Krise gemeint, die durch die Pandemie verursacht wird. Diese Schlussfolgerung l\u00e4sst sich von zwei Seiten aus kritisieren.</p><h3><b>Kapitalistische Krisen</b></h3><p>Es wird zum einen ausgeblendet, dass der Kapitalismus <i>an sich</i> krisenhaft ist. Seine funktionellen Mechanismen haben zerst\u00f6rerische Wirkung, was sich auf grunds\u00e4tzlich widerspr\u00fcchliche Verh\u00e4ltnisse dieser Wirtschaftsordnung zur\u00fcckf\u00fchren l\u00e4sst. Der Kapitalismus ist auf die Naturkr\u00e4fte und die Naturprodukte beziehungsweise nat\u00fcrlichen Ressourcen angewiesen. Sie bilden die Grundlage der Warenproduktion. Ungeachtet dessen strebt das Kapital nach immer besseren und umfassenderen Verwertungsm\u00f6glichkeiten, sprich mehr Profit \u2013 und das ohne R\u00fccksicht auf die reproduktiven Grenzen der Natur. Es entzieht sich St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck die eigene Funktionsgrundlage.</p><p>Der Kapitalismus tritt damit in Widerspruch zu sich selbst. Zudem befindet sich der Mensch in einem dialektischen Verh\u00e4ltnis zur Natur, \u201e<i>insofern sie 1. ein unmittelbares Lebensmittel, als inwiefern sie [2.] die Materie, der Gegenstand und das Werkzeug seiner Lebenst\u00e4tigkeit ist. [\u2026] Da\u00df das physische und geistige Leben des Menschen mit der Natur zusammenh\u00e4ngt, hat keinen andren Sinn, als da\u00df die Natur mit sich selbst zusammenh\u00e4ngt, denn der Mensch ist ein Teil der Natur\u201c</i> (MEW 40: 516). Der Mensch ist also selbst Natur und steht ihr zugleich gegen\u00fcber, indem er sie durch seine produktive T\u00e4tigkeit ver\u00e4ndert. Durch die kapitalistische Entfremdung von der Natur, die zu einer immer st\u00e4rkeren Ausbeutung ihrer Kr\u00e4fte und Ressourcen durch die menschliche Arbeit f\u00fchrt, tritt der Mensch also letztlich in Widerspruch zu sich selbst, indem er Lebensmittel und Gegenstand seiner Arbeit zerst\u00f6rt. Worum es im Kapitalismus geht, ist Kapitalverwertung und die Produktion von Mehrwert.</p><p>Es geht nicht darum, das Leben der Menschen durch Fortschritt zu verbessern, es geht nicht um Wohlstand f\u00fcr die breite Bev\u00f6lkerung, es geht nicht um Nachhaltigkeit durch verbesserte Technologien, sondern um eines: m\u00f6glichst effiziente Kapitalverwertung und den sich daraus ergebenden Unternehmensprofit. Das Argument des Fortschritts durch Innovationsdruck in der unternehmerischen Konkurrenz ist letztlich eine ideologische \u00dcberblendung dieser n\u00fcchternen Profitlogik. Der Kapitalismus mag gewaltige Produktivkr\u00e4fte hervorbringen, aber eben darum wirkt er zerst\u00f6rerisch auf den Menschen und die Natur. Die Form eines \u201eGreen New Deal\u201c, wie ihn etwa EU-Kommissions-Pr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen <a href=\"https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-12/green-new-deal-umweltschutz-ursula-von-der-leyen\">propagiert</a>, ist auch deshalb eine Farce: Effizientere Technologien, die sich in einer nicht-kapitalistischen Ordnung wahrscheinlich tats\u00e4chlich im Sinne einer nachhaltigeren Produktion nutzen lie\u00dfen, f\u00fchren durch die Triebkr\u00e4fte des Kapitals stattdessen zu Rebound-Effekten, das hei\u00dft, zu Mehrproduktion oder Mehrkonsumtion durch frei werdende Ressourcen, anstatt sie einzusparen. Einen gr\u00fcnen Kapitalismus gibt es nicht, da die ihm innewohnenden Mechanismen zwangsl\u00e4ufig die \u00dcbernutzung von Ressourcen nach sich ziehen.</p><h3><b>Krisen ins Innere verlagern</b></h3><p>Zur Zerst\u00f6rung der Natur kommt die Zerst\u00f6rung der einzelnen Menschen durch physische und psychische Belastung. Im Zuge der Neoliberalisierung haben sich dabei der Druck und Zwang auf die Arbeiter*innen zum gro\u00dfen Teil von au\u00dfen nach innen verlagert. Selbstoptimierung und -Management werden zu Leitbegriffen immer gr\u00f6\u00dferer Teile der Bev\u00f6lkerung. Sie sind die Prinzipien der neuen Arbeits- und Ausbeutungsmodelle. Die schlimmsten Ausw\u00fcchse der Exploitation, wie sie noch im 19. Jahrhundert vorherrschten, sind nur scheinbar \u00fcberwunden. Nach wie vor sind Kapitalismus und Ausbeutung eins: \u201eSt\u00f6\u00dft die Verl\u00e4ngerung der Arbeitszeit aufgrund gesetzlicher oder tariflicher Beschr\u00e4nkungen an Grenzen, dann versucht der Kapitalist in der Regel eine Intensivierung der Arbeit durchzusetzen, etwa durch ein h\u00f6heres Tempo der Maschinen\u201c (Heinrich 2018: 114). In diese Kerbe schl\u00e4gt beispielsweise der k\u00fcrzliche <a href=\"https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2020-10/konjunkturkrise-mehrarbeit-ohne-lohnausgleich-gesamtmetall-chef-stefan-wolf\">Vorsto\u00df</a> des Gesamtmetall-Chefs und Multimillion\u00e4rs Stefan Wolf, Pausenregelungen aufzuweichen, sowie Mehrarbeit ohne Lohnzuschlag ableisten zu lassen.</p><p>Ungehindert w\u00fcrde sich das Kapital seiner einzigen wirklichen wertschaffenden Grundlage berauben: der menschlichen Arbeitskraft. Allein politische Reglements und der Staat, die die \u00dcberbelastung der Arbeiter*innen begrenzen und die Reproduzierbarkeit der Arbeitskraft garantierten, verhindern diese Entwicklung \u2013 allerdings nicht prim\u00e4r zugunsten der Arbeiter*innen, sondern zugunsten der Sicherung des Kapitalismus selbst. In kapitalistischen Demokratien ist die grundlegende Aufgabe der Politik, die Gesundheit und Arbeitskraft der Bev\u00f6lkerung so weit zu erhalten, dass sie f\u00fcr das Kapital produktiv bleibt. Die realen Lebensumst\u00e4nde einiger Menschen m\u00f6gen dadurch an verschiedenen Punkten tats\u00e4chlich verbessert werden, was aber nichts an der zerst\u00f6rerischen Tendenz des Kapitalismus \u00e4ndert und schon gar nicht etwas \u00fcber die Qualit\u00e4t dieses staatlichen Modells aussagt. In einem solchen System bleiben dennoch all jene auf der Strecke, die sich nicht standardisiert verwerten lassen oder aufgrund struktureller Benachteiligung und Ausschl\u00fcsse von vornherein schlechtere Chancen haben.</p><h3><b>Krise der Wirtschaft?</b></h3><p>Des Weiteren m\u00fcssen wir nun genauer betrachten, was eine <i>Wirtschaftskrise</i> im kapitalistischen Kontext \u00fcberhaupt bedeutet. In eine Krise ger\u00e4t die kapitalistische Wirtschaft, wenn ein gro\u00dfer Teil der produzierten Waren wegen zur\u00fcckgehender Zahlungsf\u00e4higkeit nicht mehr absetzbar ist. Historisch betrachtet verlief die Entwicklung des Kapitalismus seit seinen Anf\u00e4ngen in immer wiederkehrenden Krisen. Die unternehmerische Konkurrenz und der Zwang, Profit zu machen, bedingen den Wachstumszwang im Kapitalismus. Er dr\u00e4ngt das Kapital zu einer immer weiter getriebenen Verwertung, was in einer Situation begrenzter Ressourcen und Konsumtionsf\u00e4higkeit zwangsl\u00e4ufig an materielle Grenzen sto\u00dfen muss. Das f\u00fchrt zu zyklischen Krisen, in denen die produzierte Warenmenge abnimmt. Wachstumshemmend sind diese nur geringf\u00fcgig.</p><p>Nach einem jahrelangen kontinuierlichen Anstieg nahm in Deutschland selbst in der letzten gro\u00dfen Wirtschaftskrise nur im Jahr 2009 die Wirtschaftsleistung <a href=\"https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1251/umfrage/entwicklung-des-bruttoinlandsprodukts-seit-dem-jahr-1991/\">um einige Prozent ab</a> und stieg ab 2010 weiter an. Auch inmitten der Pandemie schreitet die wirtschaftliche Erholung weltweit (und insbesondere in Deutschland, dank umfangreicher finanzieller Konjunkturst\u00fctzungsma\u00dfnahmen der Bundesregierung) immer weiter <a href=\"https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/Wirtschaftliche-Lage/2020/20201014-die-wirtschaftliche-lage-in-deutschland-im-oktober-2020.html\">voran</a>. Entsprechend nimmt der Ressourcenverbrauch auch trotz Krisen konstant zu und hat dementsprechend das Potential zu immer versch\u00e4rfteren Krisen. Damit ist nicht gesagt, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise zusammenbrechen muss. Krisen haben f\u00fcr den Kapitalismus sogar nutzenbringende Wirkungen. So sind Unternehmen durch die nachlassende Kaufkraft gezwungen, ihre Produktion wieder enger an die Nachfrage bzw. Zahlungsf\u00e4higkeit der Warenkonsument*innen zu koppeln und sie durch technische Neuerungen den ver\u00e4nderten Bedingungen anzupassen.</p><p>In der Krise k\u00f6nnen neue Industriezweige oder Branchen entstehen und wenig profitable Unternehmen werden durch Bankrott ausgesiebt. Damit werden die Bedingungen f\u00fcr den n\u00e4chsten Aufschwung geschaffen. Krisen sind dem Kapitalismus also nicht nur aufgrund der sachlich bedingten Kapitalbewegung inh\u00e4rent, sondern er kann sie funktionell integrieren. Obwohl sie f\u00fcr einzelne Unternehmer*innen nachteilig sind, k\u00f6nnen sie insgesamt die Wirtschaftsordnung am Laufen halten.</p><h3><b>Krise der Krisenerz\u00e4hlung</b></h3><p>Auch die aktuelle (wirtschaftliche) Krise ist keineswegs rein pandemiebedingt. Vielmehr ist der Kapitalismus in seinem Wesen widerspr\u00fcchlich und somit krisenhaft und f\u00fchrt zyklisch zu wirtschaftlichen Einbr\u00fcchen. Darin ist die Pandemie ein besonderer Anlass der Krise, wobei sie einen kapitalistischen Charakter hat und im Wesentlichen kapitalistisch bedingt ist. Krisen bedeuten im Kapitalismus nachlassendes Wachstum. Um die Herrschenden diese momentane Krise der kapitalistischen Warenproduktion nicht auf unserem R\u00fccken austragen lassen, m\u00fcssen wir den kapitalistischen Wachstumszwang selbst als die Krise und den Grund f\u00fcr Ausbeutung und Gef\u00e4hrdung unserer Leben, unseres Planeten und die ungerechte Ordnung unserer Gesellschaft erkennen.</p><p>Letztlich zielt die bedrohliche Rhetorik der Politik in Bezug auf die Wirtschaftskrise darauf ab, die Akzeptanz daf\u00fcr zu st\u00e4rken, dass eine schlecht laufende Wirtschaft vor allem unsere pers\u00f6nlichen Leben beeintr\u00e4chtigt und das angestrebte Wirtschaftswachstum (das uns gern widerspr\u00fcchlich als \u201ewirtschaftliche Stabilit\u00e4t\u201c verkauft wird) unser ganz individuelles wie vordringlichstes gesellschaftliches Interesse sei. Doch wer profitiert am Ende am meisten von den staatlichen Konjunktur-Ma\u00dfnahmen? Schlechte Kapitalverwertungsm\u00f6glichkeiten f\u00fchren durch die nachlassende Nachfrage nach Arbeitskraft zu Arbeitslosigkeit und damit zu einer realen Verschlechterung der Lebensbedingungen der Lohnabh\u00e4ngigen durch Mangel an Einkommen zur Existenzsicherung.</p><p>Das hat mit den Lebensbedingungen der Arbeiter*innen im Kapitalismus generell zu tun. Indem man jede*n Einzelnen in die Pflicht nimmt, sich dem \u201ekapitalistischen Gemeinwohl\u201c verpflichtet zu f\u00fchlen, suggeriert man, dass sich Kapitalinteressen mit sozialen Interessen decken w\u00fcrden. Das ist der Mythos, der in Teil drei dieser Reihe untersucht wird.</p><p></p><hr/><h3><b>Weiterf\u00fchrende Literatur:</b></h3><p>Heinrich, Michael (2018): Kritik der politischen \u00d6konomie: eine Einf\u00fchrung in \u201eDas Kapital\u201c von Karl Marx. Reihe Theorie.org. Stuttgart: Schmetterling Verlag.</p><p>Marx, Karl (1968): \u00d6konomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844. In: Karl Marx Friedrich Engels Erg\u00e4nzungsband, MEW 40. Berlin: Dietz Verlag, S. 465\u2013588.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/drei-mythen-%C3%BCber-die-corona-krise-teil-zwei/", "id": "https://revoltmag.org/articles/drei-mythen-%C3%BCber-die-corona-krise-teil-zwei/", "author": {"name": "Laura M\u00fcller", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-10-31T12:31:07.446411+00:00", "date_modified": "2021-09-01T20:15:26.475261+00:00", "tags": ["re:think", "coronakrise", "\u00f6konomie", "corona", "autoritarismus", "krise", "kapitalismus", "pandemie"], "summary": "Die Schlussfolgerung, wir bef\u00e4nden uns in einer pandemiebedingten Krise, greift zu kurz. Sie ignoriert die zerst\u00f6rerischen Kr\u00e4fte, die der Kapitalismus zwangsl\u00e4ufig entfaltet. Es handelt sich vielmehr um eine Dauerkrise, die sich nicht innerhalb des Systems \u00fcberwinden l\u00e4sst."}, {"title": "Drei Mythen \u00fcber die Corona-Krise. 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Dabei gibt es auch Annahmen und Mystifizierungen, die es (zum aktuellen Zeitpunkt) zu hinterfragen und zu diskutieren gibt. Dieser Beitrag ist der Auftakt einer Reihe zum Thema. Obwohl sich einige der Aussagen sicher verallgemeinern lassen, beziehen sich die folgenden \u00dcberlegungen in erster Linie auf die Bundesrepublik Deutschland.</p><hr/><p><i>Mythos 1: Unsere Freiheit wird zunehmend eingeschr\u00e4nkt. Die Politik schl\u00e4gt einen autorit\u00e4ren oder gar totalit\u00e4ren Kurs ein.</i></p><hr/><p>Ob sich die Machtapparate beziehungsweise die Herrschaftsstrukturen im Zuge der Pandemie in eine autorit\u00e4re oder totalit\u00e4re Richtung bewegen, h\u00e4ngt mit der Art der staatlichen Machtaus\u00fcbung zusammen, mit der wir es zu tun haben. Der franz\u00f6sische Machtanalytiker Michel Foucault hat \u00fcber mehrere Werke hinweg verschiedene Machtmodelle entwickelt und untersucht, die dazu hilfreich sein k\u00f6nnen. Interessanterweise legte er diese anhand des Umgangs mit verschiedenen Infektionskrankheiten dar. Sie lassen sich also gut auf das politische Handeln in der aktuellen Corona-Pandemie \u00fcbertragen.Insgesamt finden sich in Foucaults Schriften drei Machtmodelle mit epidemiologischem Bezug, von denen vor allem das disziplinierende Pest-Modell und das liberale Pocken-Modell f\u00fcr die Analyse der heutigen Situation interessant und relevant sind.<br/></p><h2><b>Disziplinierung und Kontrolle</b></h2><p>Das Pest-Modell der Machtaus\u00fcbung setzt auf umfassende Disziplinierung und Kontrolle der Bev\u00f6lkerung. Die Pestst\u00e4dte des 17. und 18. Jahrhunderts wurden gerastert und parzelliert, verh\u00e4ngten eine strenge Quarant\u00e4ne und lie\u00dfen alle Parzellen-\u00dcberg\u00e4nge kontrollieren. Die Beh\u00f6rden pr\u00fcften und erfassten permanent den Gesundheitszustand der Bev\u00f6lkerungsmitglieder: \u201eDer Raum erstarrt zu einem Netz von undurchl\u00e4ssigen Zellen. Jeder ist an seinen Platz gebunden. Wer sich r\u00fchrt, riskiert sein Leben: Ansteckung oder Bestrafung. Die \u00dcberwachung ist l\u00fcckenlos\u201c (Foucault 1994: 251 f.). Das Pest-Modell beschreibt eine totalit\u00e4re Machtaus\u00fcbung.</p><p>F\u00fcr die Annahme, dass sich die Corona-Politik in Deutschland in Richtung dieses Modells entwickelt, finden sich nur wenige Anhaltspunkte. Streng genommen kann die Quarant\u00e4ne, die f\u00fcr Infizierte, enge Kontaktpersonen oder Reisende angeordnet wird, diesem Modell zugeordnet werden. Allerdings wird diese Ma\u00dfnahme anlassbezogen sowie zeitlich begrenzt angewandt und betrifft entsprechend nur einen kleinen Teil der Bev\u00f6lkerung. Verst\u00f6\u00dfe gegen die Quarant\u00e4ne-Anordnungen werden zwar geahndet, aber weitaus weniger drastisch sanktioniert als w\u00e4hrend der Pest-Epidemien. Einzelne F\u00e4lle, wie die infektionsbedingte <a href=\"https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/Goettingen-700-Bewohner-in-Massen-Quarantaene,corona3508.html\">Abriegelung</a> eines Hochhauskomplexes in G\u00f6ttingen, sowie die fl\u00e4chendeckende Schlie\u00dfung von Gesch\u00e4ften und \u00f6ffentlichen Einrichtungen, entsprechen am ehesten diesem disziplinierenden Modell. Dar\u00fcber hinaus gibt es auch Versuche, Ma\u00dfnahmen durchzusetzen, die auf eine umfassende Disziplinierung und Kontrolle abzielen. Dazu geh\u00f6ren die Bestrebungen der ersten Pandemie-Wochen, eine verpflichtende Corona-App inklusive Preisgabe zahlreicher sensibler Daten einzuf\u00fchren und ebenso die j\u00fcngsten \u00c4u\u00dferungen des RKI-Chefs Lothar Wieler, der von <a href=\"https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-10/lothar-wieler-rki-corona-risikogebiete-abriegelung\">der milit\u00e4rischen Abriegelung</a> von Bezirken oder ganzen St\u00e4dten fabuliert.</p><p>In der Regel haben kapitalistische Demokratien jedoch wenig Interesse an einem autorit\u00e4ren Wandel. Das hei\u00dft nicht, dass er ausgeschlossen w\u00e4re, wie die genannten Beispiele verdeutlichen. Derlei Ma\u00dfnahmen sollten denn auch stets Gegenstand unserer Kritik und gegebenenfalls unseres Widerstands sein. Bevor wir aber voreilige Schl\u00fcsse \u00fcber die Corona-Politik ziehen, sollten wir zur Kenntnis nehmen, dass diese Form der Machtaus\u00fcbung f\u00fcr den Kapitalismus, insbesondere in seiner neoliberalen Ausformung, allgemein wenig nutzbringend erscheint. Im Gegenteil, er profitiert sogar von liberal-demokratischen Ordnungen.</p><h2><b>Statistische Kontrolle und Eigenverantwortung</b></h2><p>Diesen Umstand greift Foucaults liberales Pocken-Modell auf. Die liberale Infektionsbek\u00e4mpfungsstrategie, deren Modell sich vom administrativen Umgang mit den Pocken gegen Ende des 18. Jahrhunderts herleitet, besteht haupts\u00e4chlich in der statistischen Kontrolle ihrer Ausbreitung. Es werden vorbeugende Ma\u00dfnahmen wie Impfungen und Aufkl\u00e4rungskampagnen angewandt und auf die Eigenverantwortung der Individuen gesetzt, denen entsprechende Freiheitsr\u00e4ume gelassen werden. Ziel dieser Strategie ist die Senkung der Infektionsrate, um die mit der Epidemie einhergehenden Risiken, insbesondere f\u00fcr die Wirtschaft, zu minimieren. Paradebeispiele f\u00fcr dieses Vorgehen in der aktuellen Pandemie sind das im Fr\u00fchjahr von Regierung und Medien verbreitete \u201eflatten the curve\u201c-<a href=\"https://www.flattenthecurve.com/\">Modell</a>, demzufolge die Neuinfektionen in kleineren Raten \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum gestreckt werden m\u00fcssten, um das Gesundheitssystem nicht zu \u00fcberlasten. Dar\u00fcber hinaus gibt es die Festlegung von Grenzwerten f\u00fcr Regionen, unterhalb derer es nur wenige Einschr\u00e4nkungsma\u00dfnahmen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung gibt. Selbst die Ausgangbeschr\u00e4nkungen zur Peak-Phase der ersten Welle in der Bundesrepublik entsprechen dem liberalen Modell, da es sich keineswegs um Ausgangssperren handelte und die individuelle Bewegungsfreiheit unter bestimmten Bedingungen erhalten blieb.</p><p>Gibt es also \u00fcberhaupt einen Grund zur Beunruhigung angesichts dieses liberalen Vorgehens? Durchaus. In seinen Vorlesungsunterlagen vom Coll\u00e8ge de France schrieb Foucault 1978/79: \u201eMan kann sagen, dass es die Devise des Liberalismus ist, gef\u00e4hrlich zu leben.\u201c (Foucault 2004: 101). Das hei\u00dft, dass das Risiko nicht ausgeschaltet, sondern strategisch integriert wird. Die Frage ist dann aber: Auf wessen Kosten wird gef\u00e4hrlich gelebt? Freiheit bedeutet im Liberalismus vor allem wirtschaftliche Freiheit. Individuelle Freiheit untersteht dabei der Freiheit, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen und die kapitalistisch produzierten Waren zu konsumieren.</p><h2><b>Neoliberale Pandemiebek\u00e4mpfung</b></h2><p>Die Aufgabe der Politik ist in liberalen Demokratien, die Rahmenbedingungen f\u00fcr einen funktionierenden freien Markt zu schaffen und zu erhalten. Herrschaft wird rationalisiert und folglich \u2013 garniert mit den b\u00fcrgerlichen Werten der Aufkl\u00e4rung \u2013 die Reichweite der staatlichen Macht begrenzt. Individuen, denen bestimmte, wohlkalkulierte Freiheitsr\u00e4ume zugestanden werden, lassen sich effizienter verwalten. Dabei ist Effizienz der Leitstern des Neoliberalismus. Zwang wird weniger vertikal von oben, sondern ma\u00dfgeblich durch die alles durchdringenden Sachzw\u00e4nge des Kapitalismus ausge\u00fcbt. Auch die Bek\u00e4mpfung der Corona-Pandemie basiert auf einem Risiko-Management, das von einer bestimmten Infektions- und Sterberate ausgeht, sie als vertretbar hinnimmt und erst einschreitet, wenn wirtschaftliche Sch\u00e4den abzusehen sind. Das hei\u00dft also auch, wenn zu vielen der im kapitalistischen Verwertungsprozess ben\u00f6tigten Arbeitskr\u00e4fte gesundheitliche Risiken drohen.</p><p>Das liberale Macht-Modell impliziert eine zynische Abw\u00e4gung der Gesundheit und des Lebens von Menschen gegen wirtschaftliche Risiken. Um die Rettung und den Schutz jeder Einzelnen, wie zum Beispiel Angela Merkel noch in ihrer Fernsehansprache im M\u00e4rz behauptete, geht es dabei nicht. Das Leid der Einzelnen, die Kranken und Toten verschwinden hinter den nackten Zahlen. Allein die Infektionsrate entscheidet, ob ihr Leid politisch zu verschmerzen ist oder politischen Handlungsbedarf ausl\u00f6st. Alles zum Schutz der Wirtschaft! Die Verlagerung der Corona-Beschr\u00e4nkungen \u2013 vor allem auch in der zweiten Welle und selbst im \u201eLockdown-Light\u201c \u2013 ins Private und die Hervorhebung der Eigenverantwortung im Alltag sind paradigmatisch daf\u00fcr. Politiker*innen \u00e4u\u00dfern inzwischen ganz unverhohlen, dass \u201ewir\u201c uns einen zweiten Lockdown wie im Fr\u00fchjahr nicht leisten k\u00f6nnen.</p><p>\u201eWir\u201c meint dabei nat\u00fcrlich die kapitalistische Unternehmerklasse, zu der sich freilich sowohl die Lohnabh\u00e4ngigen als auch die Politik in einem Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis befinden. Es soll Akzeptanz f\u00fcr die Priorisierung der Wirtschaft in der Bek\u00e4mpfung der Pandemie-Folgen geschaffen werden. Dahinter steht zum einen die Behauptung, die Krise sei rein pandemie-bedingt: die Verantwortung f\u00fcr sie wird nach au\u00dfen verlagert, auf eine h\u00f6here Gewalt, die da \u00fcber uns kommt (f\u00fcr ein Virus kann ja keine*r was). Und zum anderen wird so das Narrativ gest\u00e4rkt, dass eine gut funktionierende kapitalistische Wirtschaft gut f\u00fcr uns alle w\u00e4re. Privat sollen wir uns isolieren und zum Wohle der Wirtschaft auf vieles verzichten: Freund*innen, Soziale Kontakte, Kultur, Entspannungsm\u00f6glichkeiten \u2013 vieles, was dem Leben Freude und Sinn gibt (und zus\u00e4tzlich oft Funktionen der Reproduktion der Arbeitskraft erf\u00fcllt). Und das mag aus gesundheitlicher Sicht notwendig sein; aber im krassen Gegensatz dazu sollen wir uns zugleich an unseren Arbeitspl\u00e4tzen, auf dem Weg dorthin und zur\u00fcck, t\u00e4glich einem Ansteckungsrisiko aussetzen, die Gefahr von Krankheit und Tod hinnehmen, um f\u00fcrs Kapital weiterhin produktiv zu sein.</p><p>W\u00e4hrend derzeit wenig auf einen autorit\u00e4ren Umschwung unter dem Deckmantel der Notstandsbek\u00e4mpfung hindeutet, sollten uns eben dieser Zynismus und die kalte Sachlichkeit des Kapitalismus Sorgen machen, die unser Leben vor, w\u00e4hrend und nach der Pandemie bedrohen. Die Pandemie ist lediglich ein Vergr\u00f6\u00dferungsglas des Umgangs mit Leben im Kapitalismus. Diese Einsicht muss insbesondere in Zeiten der Krise, aber auch dar\u00fcber hinaus, Triebfeder unserer linken und antikapitalistischen K\u00e4mpfe sein.</p><p></p><hr/><h2>Weiterf\u00fchrende Literatur:</h2><p>Foucault, Michel (1994): \u00dcberwachen und Strafen. Die Geburt des Gef\u00e4ngnisses. Frankfurt am Main: Suhrkamp.</p><p>Foucault, Michel (2004): Die Geburt der Biopolitik. Vorlesung am Coll\u00e8ge de France 1978 - 1979. Geschichte der Gouvernementalit\u00e4t 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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August 2020. Ein junger Mann mit blonden Locken und offenem buntem Hemd steht inmitten einer demonstrierenden Menschenmenge. Sein Blick ist ernst, zur Seite gewandt, fast ikonografisch. Er reckt mit der rechten Hand einen kleinen Blumenstrau\u00df in die Luft. Dahinter ist ein schwarz-rot-wei\u00dfes Meer an Fahnen zu sehen. Neben dem Blumenstrau\u00df-Mann geht ein weiterer Demonstrant vorbei: Er tr\u00e4gt auf seinem Shirt die schwarz-rot-goldene Deutschlandflagge samt Bundesadler. Direkt hinter ihm: Zwei Personen, auf deren Fahne in schwarz-wei\u00df-rot noch \u201eTrump 2020\u201c und \u201eWWG1WGA\u201c (\u201eWhere we go one, we go all\u201c, ein zentraler Slogan der QAnon-Anh\u00e4nger*innenschaft) gekritzelt wurde \u2013 dasselbe Akronym findet sich auch auf ihren T-Shirts. Im Hintergrund ist das Brandenburger Tor zu sehen, viele weitere Menschen mit Fahnen und Schildern, die meisten von ihnen sind M\u00e4nner. Sie sind mittleren Alters, aber auch j\u00fcnger. Eine sitzende Person mit \u201ePuma\u201c-Shirt hat sich bei einem ebenfalls j\u00fcngeren Menschen eingehakt, der wiederum bei einer \u00e4lteren Person mit Warnweste und Wutb\u00fcrger-Hut. Direkt daneben: lange rot gef\u00e4rbte Haare, Sonnenbrille. Sie alle schauen entschlossen. Keiner tr\u00e4gt eine Maske. Mit diesem Bild titelt <i>DIE ZEIT</i> Anfang September fragend: \u201eSind das jetzt alles Nazis?\u201c</p><p>An diesem Tag wurden pr\u00e4gnante Bilder geschaffen. Tausende Menschen sind nach Berlin gereist, um ihren Protest gegen die Einschr\u00e4nkungen durch die staatlichen Pandemie-Ma\u00dfnahmen auf die Stra\u00dfe zu bringen und erreichten damit sogar die Stufen des Reichstags. Rechte Parolen und verschw\u00f6rungstheoretische Symboliken dominieren in einer b\u00fcrgerlichen Masse \u2013 und f\u00fcgen sich dort wunderbar ein, weil sie f\u00fcr die Beteiligten insgesamt kein Problem darstellen. Und eine konsternierte Linke steht z\u00e4hneknirschend und verstreut am Rande des Geschehens und hat dem Ganzen kaum etwas entgegenzusetzen. Es war wirklich ein erfolgreicher Tag f\u00fcr die Rechte in Deutschland.</p><h2><b>Wo Impfgegner drauf steht\u2026</b></h2><p>Trotz gro\u00dfer Diskussion im Nachhinein: Noch immer h\u00f6rt man die Frage, wie das passieren konnte. Als sei das, was sich da als Gemengelage von Zigtausenden zusammentat, pl\u00f6tzlich vom Himmel gefallen: Wie kann das sein, die Heilpraktikerin aus der Eifel neben dem Stiernacken mit Reichskriegsflagge? Schwei\u00dft der Zorn gegen die staatlich verordneten Corona-Ma\u00dfnahmen pl\u00f6tzlich zusammen, was nie zusammen war? Treffen auf den \u201eQuerdenken\u201c-, \u201eHygiene\u201c- undsoweiter-Demos eingefleischte Verschw\u00f6rungsschwurbler*innen auf neuerdings besorgte B\u00fcrger*innen ohne sonstige politische Vorgeschichte? Oder ist der Schulterschluss eigentlich gar nicht so unverst\u00e4ndlich, sondern vielmehr konsequent?</p><p>Sicher, es gehen auch Menschen auf die Stra\u00dfe, denen wirklich etwas an der Wahrung der Grundrechte, der Demokratie und der Freiheit liegt, die um diese besorgt sind und die korrupte Politik kritisieren und dagegen protestieren. Linke machen das seit jeher, die Notwendigkeit dazu steht au\u00dfer Frage. Und nat\u00fcrlich sind nicht alle \u201eQuerdenker\u201c fanatische Verschw\u00f6rungstheorist*innen, manche bewegen vor allem berechtigte Sorgen. Warum stehen aber die T\u00fcren gerade sperrangelweit offen f\u00fcr konspirationistische Ideen, die statt Realpolitik und real regierendem Kapitalismus eine Art Marionettenspiel der M\u00e4chtigen als Feindbild ausmachen?</p><p>Es wird in der \u00f6ffentlichen Debatte oft davor gewarnt, alle \u00fcber einen Kamm zu scheren: die Chemtrail-Hardliner mit den Verschw\u00f6rungstheorie-light-Menschen, die strammen Nazis mit den impfskeptischen Yoga-Hippies. Das ist sicherlich richtig, vor allem, wenn wir diskursiv noch was rausholen wollen. Aber ebenso wichtig ist es, nicht naiv an die Sache heranzugehen. Dass Letztere wissentlich mit Rechten demonstrieren, macht sie noch nicht unwiderruflich selbst zu Rechten, sondern auf den ersten Blick \u201enur\u201c zu Ignorant*innen. Allerdings: \u00dcberschneidungen zu erkennen (und die gibt es viele zwischen den hier scheinbar nebeneinander auftretenden Gruppierungen), ist viel wichtiger als nach Trennlinien zu suchen. Nur so l\u00e4sst sich das Ph\u00e4nomen verstehen. Das ist die eine wichtige Aufgabe, denn so wird die absurde Mitte-Rechts-Trennung vermieden, die nicht nur naiv, sondern vor allem gef\u00e4hrlich ist.</p><p>Die zweite Aufgabe ist es, anzuerkennen, welche Funktion Verschw\u00f6rungsnarrative f\u00fcr die Beteiligung der Menschen an den Demos haben. Verschw\u00f6rungsglauben eint sie als gemeinsame Klammer, und die konspirationistischen Erz\u00e4hlungen m\u00fcssen dabei noch nicht einmal dieselben sein. Sie k\u00f6nnen sich sogar widersprechen, und doch funktionieren sie wie ein Klebstoff: \u201eDu glaubst auch an irgendeine gro\u00dfe antisemitische Verschw\u00f6rung? Ja, prima, dann sind wir auf einer Seite\u201c. Die Struktur ist weit wichtiger als der Inhalt. Und damit entwickelt die zun\u00e4chst h\u00f6chst heterogene Truppe derjenigen, die zum Beispiel bei den Querdenken-Demos gemeinsam laufen, erst ihre gef\u00e4hrliche Schlagkraft. Wenn man sich dagegen die bundesweiten Linken (nicht nur die Partei) anschaut, die sich erst m\u00fchsam, nach vielen Diskussionen um Inhalt und Strategie, f\u00fcr gemeinsame B\u00fcndnisarbeit aufstellen k\u00f6nnen, gewinnt der Umstand der scheinbar m\u00fchelosen Verschmelzung von b\u00fcrgerlichen Verschw\u00f6rungsschwurbler*innen und organisierten Nazis nochmal an Brisanz.</p><p>Leicht wird es auch deshalb nicht, Strategien gegen die weltverschw\u00f6rerischen Erkl\u00e4rungen zu entwickeln, weil sie eben nicht nur ein bisschen Aufregung verursachen, sondern oft genug brandgef\u00e4hrlich sind. Doch was hat es mit Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen, realen Verschw\u00f6rungen und den politischen Implikationen von beidem auf sich, und weshalb ist eine Differenzierung dringend notwendig? Und, nat\u00fcrlich: Wie verhalten wir uns, als Linke, dazu?</p><h2><b>\u2026ist oft nur Geschwurbel drin</b></h2><p>Zugegeben, es ist auf den ersten Blick nicht ganz leicht, reale Verschw\u00f6rungen von Verschw\u00f6rungsgeschwurbel zu unterscheiden. Reale Verschw\u00f6rungen sind vor allem ein zentraler Bestandteil von Politik im globalen kapitalistischen Machtgef\u00fcge und damit wichtige Triebkr\u00e4fte, vor denen wir die Augen nicht verschlie\u00dfen d\u00fcrfen. Alle Verschw\u00f6rungstheorien gleich als \u201eIdiotie\u201c oder \u201eWahn\u201c (was sowieso f\u00fcrchterlich schwierige und pathologisierende Begriffe sind) abzutun, wom\u00f6glich auch aus Angst, in die gleiche Ecke gedr\u00e4ngt zu werden, ist deshalb nicht zielf\u00fchrend. Michael Butter lieferte 2018 in \u201e\u201aNichts ist, wie es scheint\u2018\u201c eine einfache und dennoch plausible L\u00f6sung. Verschw\u00f6rungstheorien lassen sich in zwei Kategorien unterteilen: in richtige und falsche. Zumeist setzen Verschw\u00f6rungstheorien entweder die Bedeutung Einzelner oder kleiner Gruppen f\u00fcr den Lauf von Ereignissen viel zu hoch an; oder sie setzen eine viel zu gro\u00dfe Menge an Mitwissenden und Beteiligten voraus, als dass dies tats\u00e4chlich in dem Ausma\u00df an Geheimhaltung m\u00f6glich w\u00e4re, die ja ebenfalls konstituierend f\u00fcr eine Verschw\u00f6rung ist.</p><p>Vom antiken Plot gegen den r\u00f6mischen Imperator C\u00e4sar, \u00fcber die t\u00f6dlichen Stay-Behind-Strukturen wie Gladio bis zu den Mitteln, mit denen gro\u00dfe Tabakkonzerne jahrzehntelang das Suchtpotenzial ihrer Produkte gesteigert und dies wissentlich verharmlost haben. Verschw\u00f6rungen sind ein wichtiges Instrument zur Sicherung der politischen und gesellschaftlichen Macht in der Klassengesellschaft, aber auch bei Machtk\u00e4mpfen unterschiedlicher Interessensgruppen untereinander oder im Kampf gegen Systemalternativen. Viele jener Verschw\u00f6rungen, die es wirklich gegeben hat, wurden fr\u00fcher oder sp\u00e4ter aufgedeckt \u2013 durch kritische Journalist*innen, Forscher*innen, Aktivist*innen. Wiederum andere Verschw\u00f6rungstheorien \u2013 wie die, die Mondlandung sei ein Fake gewesen \u2013 konnten nie bewiesen werden. Warum? Weil sie schlicht und ergreifend falsch sind.</p><h2><b>Beim Barte des Methusalem</b></h2><p>Auch neu sind Verschw\u00f6rungstheorien bei weitem nicht. Schon im Mittelalter wurden Frauen wegen angeblicher Hexenkr\u00e4fte stigmatisiert und verfolgt, Juden und J\u00fcd*innen wurde die Verbreitung der Pestepidemie angelastet und sie wurden schon ebenso lange als \u201eStrippenzieher\u201c und gierige Verschw\u00f6rer diskriminiert. Sp\u00e4testens die gef\u00e4lschten \u201eProtokolle der Weisen von Zion\u201c, die 1901 erschienen, machten eine vermeintlich j\u00fcdisch-bolschewistische Weltverschw\u00f6rungserz\u00e4hlung virulent, was diskursiv die Shoa mit vorbereitete. Womit wir es bei vielen systemischen Verschw\u00f6rungstheorien im Kern zu tun haben, ist der Glaube daran, dass versteckt agierende M\u00e4chte einen geheimen Plan ausf\u00fchren, um das Volk zu entm\u00fcndigen, die Menschen in ihrer Freiheit einzuschr\u00e4nken, sie willenlos und gef\u00fcgig zu machen.</p><p>Diese Verschw\u00f6rungsideen gibt es zuhauf mit verschiedensten Narrativen und in unterschiedlichem Absurdit\u00e4tsgrad. Zum Beispiel die so genannten Deep-State-Theorien, die fast messianischen Charakter haben und sehr einflussreich sind. Ein bekanntes Netzwerk dieser Glaubensvariante sind die Anh\u00e4nger*innen von QAnon, dessen Verschw\u00f6rungsnarrative auf zahlreichen Plattformen verbreitet werden. In den USA hat das Netzwerk eine enorme Reichweite und zahlreiche politische Unterst\u00fctzer*innen, vor allem im Umfeld von Donald Trump, der als Heilsbringer gilt. Einer aktuellen Umfrage des us-amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Civiqs nach glaubt ein Drittel der befragten republikanischen W\u00e4hler*innenschaft, dass die QAnon-Theorien zumeist wahr sind, weitere 23 Prozent glauben an Teile davon. Besonderen Einfluss hat dabei das Narrativ rund um einen Ring aus Eliten (darunter viele Politiker*innen der Demokratischen Partei), Celebrities und sonstigen bekannten Pers\u00f6nlichkeiten, der nach Vorstellung der QAnon-Anh\u00e4nger*innenschaft Kinder entf\u00fchrt, sexuell ausbeutet und ihnen das Verj\u00fcngungsmittel Adrenochrom auspresst. Lange verlacht und ignoriert, wird nun von Expert*innen \u00f6ffentlich vor dem Gewaltpotenzial dieser Verschw\u00f6rungsideologie gewarnt; das FBI setzte das Netzwerk k\u00fcrzlich auf die Liste der \u201eDomestic Terror Threats\u201c, ihrer (insgesamt fragw\u00fcrdigen, weil politisch motivierten) Zusammenstellung nationaler terroristischer Bedrohungen. Zu ihrer wachsenden deutschsprachigen Anh\u00e4nger*innenschaft geh\u00f6rt unter anderem Xavier Naidoo, der seine ersch\u00fctternden Erkenntnisse tr\u00e4nenreich, aber mit beachtlicher Reichweite \u00fcber s\u00e4mtliche Kan\u00e4le streut.</p><p>Was die Verbreitung der Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen heute angeht, gehen manche Forscher*innen davon aus, dass es sich zwar durch das Internet schneller bewerkstelligen l\u00e4sst, gro\u00dfe Mengen an Menschen zu erreichen; allerdings seien die Narrative weniger ausgearbeitet. Waren fr\u00fchere Verschw\u00f6rungstheorien noch sehr auf (verdrehte) Logik bedacht und in ihrer Argumentation oft in sich schl\u00fcssig, sind sie heute weit fragmentarischer. Twitter und Messengerdienste haben, so machen Forscher*innen deutlich,</p><p><i>\u201ezu einer Verschiebung von Verschw\u00f6rungstheorien zu Verschw\u00f6rungsger\u00fcchten gef\u00fchrt, da Verschw\u00f6rungsspekulationen zunehmend ohne die Art von Beweisen und verworrenen Formulierungen in den Umlauf gebracht werden, die \u00fcber Jahrhunderte \u2013 und in anderen Medien noch immer \u2013 so charakteristisch f\u00fcr sie sind\u201c</i> (COMPACT Education Group 2020).</p><p>Oft stehen Narrative einer Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlung auch in direktem Widerspruch mit einer anderen. Bei den sogenannten Klimaleugnern beispielsweise stehen die \u00dcberzeugungen nebeneinander, dass man Klimaerw\u00e4rmung mit den Instrumenten, mit denen dies weltweit anerkannt und wissenschaftlich durchgef\u00fchrt wird, gar nicht messen <i>k\u00f6nne</i>; und gleichzeitig, dass sich das Klima \u00fcberhaupt nicht erh\u00f6ht habe. F\u00fcr letztere Behauptung br\u00e4uchte man allerdings rein logisch valide Messungen, aber\u2026nun ja.</p><p>Die \u201econspiracy without theory\u201c, also die Verschw\u00f6rungsbehauptung ohne Theorie, wie es Nancy L. Rosenblum und Russell Muirhead in ihrem Buch \u201eA Lot of People Are Saying\u201c ausdr\u00fccken, macht eine politische Instrumentalisierung noch leichter. Es gibt keine Nachfrage nach Beweisen, keine Punkte, die ein Muster bilden, keine genaue Untersuchung von denjenigen, die des Verschw\u00f6rens bezichtigt werden. Vielmehr wird auf die Last einer Erkl\u00e4rung verzichtet, die Verschw\u00f6rungsanh\u00e4nger*innen erzwingen ihre eigene Realit\u00e4t durch Wiederholung (etwa Trumps \u201eviele Leute sagen\u2026!\u201c) und blo\u00dfe Behauptung.</p><h2><b>Die M\u00e4r vom rechten Randph\u00e4nomen</b></h2><p>Zur\u00fcck zum Schulterschluss. Was so wahrgenommen wird, als w\u00fcrden die Rechten sich unters \u201enormale Volk\u201c mischen, funktioniert in Wirklichkeit anders herum. Was wir in den letzten Jahren erlebt haben, ist ein massiver und vor allem medial wirksamer Aufschwung rechter Bewegungen und des Rechtspopulismus. Damit einher ging und geht eine drastische Verschiebung des Sagbaren. Die Normalisierung rechter Haltungen, die \u201eKritik\u201c an den Eliten, an der Regierung, der L\u00fcgenpresse, all das wird seit mindestens einem Jahrzehnt verst\u00e4rkt von rechts vorbereitet. In der \u00f6ffentlichen Debatte wird dabei immer noch \u2013 und immer wieder \u2013 der Fehler gemacht, entweder rechten Populismus am Rande der Gesellschaft zu verorten oder ernsthaft den inhaltlichen Dialog zu suchen. So wird rechten Ideen eine B\u00fchne geboten, die das \u201eNazipositive Milieu\u201c (Hengameh Yaghoobifarah) konsumieren, sich aber gleichzeitig sch\u00f6n von einer Zugeh\u00f6rigkeit zu rechten Formierungen abgrenzen kann. Verschw\u00f6rungsgeschwurbel ist dem rechten Projekt inh\u00e4rent: Die Regierung wird von Kommunisten gelenkt, die Presse ist gleichgeschaltet, Fl\u00fcchtlinge werden gezielt ins Land gelassen, um die deutsche Nation zu zersetzen, et cetera. Und ganz nah dran, auch schon l\u00e4nger: Esoterik, Spiritualismus, Okkultismus, v\u00f6lkische Siedlerbewegungen, Reichsb\u00fcrger und noch so vieles mehr. Wer also glauben m\u00f6chte, auf der \u201eQuerdenken\u201c-Demo in Berlin hingen Rechte mit B\u00fcrger*innen ab, der sollte sich vielleicht die Ringelreihen und Birkenstock-Reisegruppen nochmal genauer anschauen. Da hingen rechte B\u00fcrger*innen ab. Normalos trafen auf normalisierte Rechte und der ideologische Hintergrund zeigt sich als gar nicht so verschieden.</p><p>So weit, so gut in Sachen Gegnerbestimmung. Was machen wir jetzt damit? Ein linker Umgang mit solchen Entwicklungen ist, dass sich intensiv mit Inhalten und Abwehr auseinandergesetzt wird. Das ist gleichzeitig leider auch ein Problem: Wir schauen uns die Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen immer wieder an, kneifen die Augen zusammen (oder lachen einmal herzlich) und nehmen sie argumentativ auseinander. Und das ist nat\u00fcrlich gut so. Aber es reicht nicht aus, weil daran keine richtige Strategie anschlie\u00dfen kann. Ein weiteres Problem ist, dass wir manchmal gar nicht wissen, wie wir uns zwischen tats\u00e4chlicher autorit\u00e4rer Formierung des Staates und dem Grundrechtegeheul der Schwurbler verhalten sollen, ohne zu argumentativen Gehilfen des einen oder der anderen zu werden. Der erste Schritt zur L\u00f6sung muss sein, sich das Ganze aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen und zu verstehen, was da passiert.</p><h2><b>Die Verschw\u00f6rung ist die Verschw\u00f6rung ist die Verschw\u00f6rung</b></h2><p>Was treibt Menschen dazu, ihren Glauben solcherlei Ideen zu schenken? Es hat, auch was die Tiefe der \u00dcberzeugung angeht, fast einen religi\u00f6sen Charakter. Das Weltliche kann mit dem Erfahrungshorizont und dem aufgekl\u00e4rten Wissen nicht erkl\u00e4rt werden, also muss die L\u00f6sung in etwas Mystischem, Geheimem liegen. Dass diese Erkl\u00e4rung so greifen kann, h\u00e4ngt mit dem messianischen Charakter zusammen, der den Gl\u00e4ubigen gleichzeitig von der Masse der Ungl\u00e4ubigen abhebt: Du hast es erfasst! Und \u2013 und das ist das perfide daran \u2013 es l\u00e4sst das zutiefst neoliberale Mantra \u201eDu alleine bist f\u00fcr deinen Erfolg verantwortlich\u201c unter anderen Vorzeichen einfach weiterreichen: Es sind weder du selbst noch die (kapitalistischen) gesellschaftlichen Umst\u00e4nde, die dein Leben so miserabel, chaotisch, unplanbar scheinen lassen, sondern es gibt Verantwortliche f\u00fcr alles. Gleichzeitig ahmt der Verschw\u00f6rungsglaube auch eine Art aufkl\u00e4rerischen Prozess nach, in dem der Einzelne eine Neubest\u00e4tigung der eigenen Individualit\u00e4t erf\u00e4hrt: Das Gemeinschaftsgef\u00fchl resultiert daraus, dass sich jede*r als Aufkl\u00e4rer*in wahrnimmt \u2013 diesen individuellen Erfolg aber sofort von anderen best\u00e4tigt sehen m\u00f6chte. Nicht zuletzt f\u00fchrt dies zu einer Spirale, die immer noch gr\u00f6\u00dfere Superverschw\u00f6rung hinter der Verschw\u00f6rung aufzudecken.</p><p>Verschw\u00f6rungstheorien sind ein wichtiges Instrument daf\u00fcr, was in den Sozialwissenschaften \u201eOthering\u201c, das \u201ezum Anderen machen\u201c, genannt wird. Damit k\u00f6nnen ihre Anh\u00e4nger*innen Schuldige suchen und in einem zweiten Schritt deutlich zwischen einem \u201euns\u201c \u2013 den Leidtragenden der Verschw\u00f6rung \u2013 und einem \u201eihr\u201c \u2013 die Verschw\u00f6rer selbst \u2013 eine Grenze ziehen. Dies f\u00fchrt, \u00e4hnlich wie andere rechte und rassistische Mechanismen, zu einer Erh\u00f6hung der eigenen Position \u2013 \u201eaber ich hab\u2018 es durchschaut, mich kriegen sie nicht!\u201c \u2013 und einem starken Gemeinschaftsgef\u00fchl mit den anderen Verschw\u00f6rungs\u00fcberzeugten.</p><p>Was wir derzeit \u2013 vor allem mit der Pandemie \u2013 erleben, ist eine neue Zuspitzung der permanenten Krise des Kapitalismus, deren letzten Ausbruch mit der Wirtschaftskrise 2007ff. wir noch gar nicht verdaut haben. Krisen und Verschw\u00f6rungstheorien laufen Hand in Hand: \u201eKriege, politische, wirtschaftliche oder ideologische Umw\u00e4lzungen, Naturkatastrophen und solche, die von Menschen selbst verursacht wurden, sind der Boden, auf dem sie gedeihen\u201c (Hepfer 2015, S. 17).</p><p>Hinzu kommt in gro\u00dfen Teilen der industriell hochentwickelten L\u00e4nder der sukzessive Abbau des Sozialstaats und die Zerst\u00f6rung sozialer Gewissheiten in den letzten Jahrzehnten. Der individualisierende Neoliberalismus mit der alle Lebensbereiche durchziehenden Selbstverantwortlichkeitsmoral und in Mode gekommene chauvinistische Diskurse verst\u00e4rken den Klassenwiderspruch. Auch der Evergreen Rassismus tr\u00e4gt zu einem Bedrohungsszenario bei und befeuert die soziale K\u00e4lte. Viele Menschen befinden sich in einer Wirklichkeit, die sie als bedrohlich empfinden und die es vor allem auch ist. Das Vertrauen in Staat, Regierung, Wohlstandsversprechen br\u00f6ckelt massiv, neue Gewissheiten m\u00fcssen geschaffen werden.</p><p>Der Kapitalismus als Klassengesellschaft ist darauf angewiesen, den Antagonismus zwischen Kapitalisten und Lohnabh\u00e4ngigen aufrecht zu erhalten, und die Arbeiter*innenklasse auch durch Strategien der Verschleierung der Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse von einer weitreichenden Organisierung abzuhalten. Die kapitalistische Erz\u00e4hlung eines guten Lebens f\u00fcr alle, wenn man sich nur kr\u00e4ftig genug bem\u00fcht, ist damit eine der wenigen \u2013 vielleicht die einzige? \u2013 Superverschw\u00f6rungstheorien, die tats\u00e4chlich existiert.</p><p>Statt diese Wirklichkeit begreifen zu wollen \u2013 oder zu k\u00f6nnen \u2013 werden Erkl\u00e4rungen gesucht, die das eigene Schicksal verst\u00e4ndlich machen und vor allem die Verantwortung externalisieren, was im neoliberalen Zeitalter nachvollziehbar ist. Verschw\u00f6rungstheorien bieten eine Entlastungsfunktion: Da sie von au\u00dfen von den dunklen M\u00e4chten gelenkt wurden, konnten die Anh\u00e4nger*innen selbst keinerlei Einfluss auf bisherige Ereignisse und Entwicklungen haben.</p><p>Anstatt sich gegen die Zw\u00e4nge des Kapitalismus zu wehren, wird dieser Wirklichkeit eine Wahrheit entgegengesetzt, die es ertr\u00e4glich macht, in ihr zu leben. Eine Wahrheit voll falscher Fakten und kruder Ideen, die das Unverst\u00e4ndnis spiegelt, mit dem die Menschen ihren eigenen Bedingungen und denen anderer begegnen. Eine Wahrheit, die schwer zu widerlegen ist, weil sie sich in Logik und Form einer \u00dcberpr\u00fcfung entzieht. Eine Wahrheit, die den Menschen, die an sie glauben, die eigene \u00dcberlegenheit vorgaukelt.</p><p>Gef\u00e4hrlich wird es sp\u00e4testens dann, wenn diese Wahrheit reale politische Macht erh\u00e4lt. Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen dies: In vielen Staaten, von den USA, Brasilien, der T\u00fcrkei bis Ungarn, ist der rechte Staatsumbau weit fortgeschritten, viele andere Staaten, darunter auch Deutschland, forcieren einen autorit\u00e4ren Umbau. Die globale Rechte sichert sich immer gr\u00f6\u00dfere Machtr\u00e4ume. Das rechte Hegemonieprojekt n\u00e4hrt sich auch aus den Verschw\u00f6rungsnarrativen. Mit Trump gibt es etwa aktuell (noch) einen Pr\u00e4sidenten, der als einer der einflussreichsten Verschw\u00f6rungstweeter gelten kann. Trump und Konsorten haben die konspirationistische Form des politischen \u201eWissens\u201c wieder salonf\u00e4hig gemacht und nutzen hierbei Verschw\u00f6rungsideologien strategisch zur Mobilisierung ihrer Anh\u00e4nger*innenschaft.</p><h2><b>Der m\u00e4nnliche Schwurbler</b></h2><p>Trotz historisch unterschiedlicher Reichweite waren rechte Diskurse seit je her voller Fake Facts und Verschw\u00f6rungsschwurbeleien. Hier reihen sich aktuelle Verschw\u00f6rungsapologeten \u00e0 la Attila Hildmann, Ken Jebsen und Konsorten wunderbar ein. Die Kritiker, die Aufkl\u00e4rer, die Ungem\u00fctlichen, die Verk\u00fcnder: Sie haben es gerafft und sie werden das Volk befreien. Die Freiheit des einfachen Mannes, das ist ihre Parole. Und so wird unter dem fast schon zum Kampfbegriff avancierten Deckmantel der Demokratie das Erfolgskonzept rechter Normalisierung. Ein Konzept, das sehr erfolgreich darin ist, ein verunsichertes Naziaffines Milieu abzuholen.</p><p>Augenf\u00e4llig ist, wer sich da vornehmlich als Befreier, als Messias aufspielt: Der wei\u00dfe Mann. Damit wird auch deutlich, wer oder was gerettet werden soll, n\u00e4mlich die m\u00e4nnlichen Privilegien. Im \u201eLeitfaden Verschw\u00f6rungstheorien\u201c einer internationalen Forschungsgruppe wird zwar von einem generellen Forschungskonsens berichtet, dass sich keine besonderen Merkmale hinsichtlich Klasse, Geschlecht, Herkunft et cetera bei Verschw\u00f6rungsaffinen ausmachen lie\u00dfe. Allerdings:</p><p><i>\u201em\u00e4nnliche Verschw\u00f6rungstheoretiker (sind) oftmals in der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4senter und treten unverhohlener auf. Der Grund hierf\u00fcr ist m\u00f6glicherweise, dass Verschw\u00f6rungstheorien eine Strategie sind, mit der weit verbreiteten Krise der M\u00e4nnlichkeit in der westlichen Welt umzugehen\u201c (COMPACT Education Group 2020).</i></p><p>Was da in der Krise steckt, ist jene toxische M\u00e4nnlichkeit, die den patriarchalen ausbeuterischen Zugriff auf Frauen* legitimieren soll. Der Mann, der Chef im Haus und in der Gesellschaft, diese Gewissheit br\u00f6ckelt massiv. Schuld daran ist: Die Frau, die sich der Macht des Mannes entzieht, sich nicht (mehr) unterordnet, nicht mit ihm Sex haben m\u00f6chte. Die Wut darauf entl\u00e4dt sich auch gewaltvoll: Der Attent\u00e4ter von Halle 2019 machte beispielsweise in den Videoaufnahmen w\u00e4hrend seiner Angriffe \u201eden Feminismus\u201c daf\u00fcr verantwortlich, dass die Geburtenrate sinke und so das Volk der Zersetzung preisgegeben werde.</p><p>Antifeminismus und Verschw\u00f6rungsschwurbeleien h\u00e4ngen auch an vielen anderen Stellen sehr eng miteinander zusammen. Es zeigt sich eine fragile M\u00e4nnlichkeit, die versucht, ihre Bedeutsamkeit durch das messianische Rumgeprotze wiederherzustellen. Die Attit\u00fcde des m\u00e4nnlichen Aufkl\u00e4rers, der opferbereit und mutig ist, dient der Selbstinszenierung als Held, so der Sozialpsychologe Rolf Pohl im Interview mit <i>Zeit Online</i>. In diesem Gebaren, gepaart mit einem Erstarken des Antifeminismus, steckt viel Gewaltpotential, was bei der Auseinandersetzung mit Verschw\u00f6rungstheorien nicht au\u00dfer Acht gelassen werden darf.</p><h2><b>Und nun?</b></h2><p>Stellt euch einmal die Entt\u00e4uschung eines ausgemachten QAnon-Truthers vor, wenn die Welt gerade tats\u00e4chlich einfach von einem (aus biologischer Sicht) recht normalen, aber dennoch in seinen Auswirkungen noch lange nicht erforschten Virus getroffen wurde, statt von einer ausgemacht diabolischen Bev\u00f6lkerungsdezimierungsstrategie von miesen Milliard\u00e4ren \u2013 wo bliebe denn da die ganze Aufregung, das ganze Entertainment?</p><p>Verschw\u00f6rungstheorien sind f\u00fcr eine seri\u00f6se Auseinandersetzung irgendwie eine eigenartige Sache; sie ernst zu nehmen, f\u00e4llt nicht leicht. Die bizarren Kapriolen, die Verschw\u00f6rungstheorien mit der Realit\u00e4t drehen, ja, wie sie diese verdrehen, machen gerade ihren Reiz, ihre Lust, ihre Anziehungskraft f\u00fcr viele aus. Der Erfolg der \u201eIlluminati\u201c-Reihe von Dan Brown, \u201eDas Foucaultsche Pendel\u201c oder \u201eDer Friedhof in Prag\u201c von Umberto Eco f\u00fcr die etwas kritischeren Leser*innen; Verschw\u00f6rungen in Detektiv- und Heldengeschichten von Sherlock Holmes bis Matrix \u2013 im Kontext der popkulturellen Verarbeitung boomt das Genre. Es macht deutlich, wie viel Lust es Leuten machen kann, \u00fcber Verschw\u00f6rungstheorien nachzudenken. Der kritische Punkt besteht darin, harmlose und gef\u00e4hrliche Angebote zu unterscheiden und ganz generell: Fiktion nicht mit der Sehnsucht nach Relevanz f\u00fcr das eigene Leben aufzuladen.</p><p>Und mal ehrlich: Wer von uns zum Beispiel hat kein Problem damit, was mit unseren Daten auf internationalen Servern eigentlich passiert? Statt eine politische Analyse der Warenf\u00f6rmigkeit unserer Lebensinformationen und Daten und eine Kritik an diesen Verwertungsprozessen zu formulieren, sind es nur wenige Schritte dahin, \u201ehinter dem Internet\u201c eine Instanz der Kontrolle und der absichtsvollen \u201eF\u00fchrung\u201c zu vermuten. Diese dann antisemitisch zu framen oder ihnen eine bolschewistische Agenda zu unterstellen, schlie\u00dft daran an. Hier sind wir wieder bei der dringenden Notwenigkeit, die wirklichen Verschw\u00f6rungen von den falschen Verschw\u00f6rungsschwurbeleien zu unterscheiden. Doch was ben\u00f6tigen wir dar\u00fcber hinaus, damit wir nicht nur in Abwehrk\u00e4mpfen gegen Rechte Formierungen und ihre Verschw\u00f6rungstheorien agieren, sondern der ideologischen Nutzung von Verschw\u00f6rungstheorien als politischer Agenda etwas entgegensetzen?</p><p>Wir brauchen auch als Linke einen klaren Standpunkt, der deutlich macht, dass die rechte Verschw\u00f6rungsbewegung insgesamt keine Perspektiven f\u00fcr ein besseres Leben, eine andere Gesellschaft bietet und diese auch nicht bieten kann. Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen gaukeln vor, dass Ereignisse immer das Ergebnis von absichtsvollem Handeln Einzelner \u2013 und nicht das Produkt von politischen Herrschaftsverh\u00e4ltnissen und strukturellen Effekten des Kapitalismus sind. Sie sind notwendig r\u00fcckschrittlich, h\u00f6chstens in Gewalt gegen Einzelne oder eben rassistisch gegen \u201eAndere\u201c gerichtet. Sie sind Katalysatoren f\u00fcr Gewalt und Polarisierung. Personen, die tief in diese Erz\u00e4hlungen verstrickt sind, wollen den Status Quo der Gesellschaft als solches nicht \u00e4ndern, h\u00f6chstens ihren eigenen Einfluss darin.</p><p>Und auf der anderen Seite: Was ist mit den Leuten, die nah dran sind, die Schwurbelaffinen, bei denen aber noch nicht alle Hoffnung verloren ist? Kann man den Menschen die Erfahrungen von Kontrollverlust anders verst\u00e4ndlich machen? Politische \u00dcberlegungen dazu m\u00fcssen \u00fcber eine psychologische oder pathologisierende Untersuchung des Verschw\u00f6rungsdenkens hinausweisen. Auch die Analyse der Funktion von Verschw\u00f6rungstheorien f\u00fcr den*die Einzelne*n reicht nicht aus. Damit w\u00fcrden solidarische und gemeinsame K\u00e4mpfe ausgehebelt werden. Verschw\u00f6rungstheorien sind und waren politische Instrumente gegen emanzipatorische Perspektiven, auch wenn sie nach Ver\u00e4nderung schreien. Hier m\u00fcssen wir ansetzen f\u00fcr eine fundamentale Kritik an den Verh\u00e4ltnissen. Die wirkliche Ver\u00e4nderung voranzutreiben und nicht falschen G\u00f6ttern hinterherzulaufen, das ist unsere, das ist die linke Aufgabe.</p><hr/><p>Dieser Essay ist ein Cross-Post. Er ist ebenfalls in der aktuellen Ausgabe von kritisch-lesen.de <a href=\"https://kritisch-lesen.de/ausgabe/richtig-schwurbeln-verschworungserzahlungen-und-rechte-kontinuitaten\">\u201eRichtig schwurbeln! Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen und rechte Kontinuit\u00e4ten\u201c</a> vom 13. Oktober 2020 zu finden.</p><hr/><h2><b>Weiterf\u00fchrende Literatur:</b></h2><p>COMPACT Education Group 2020: Leitfaden Verschw\u00f6rungstheorien, Compact Forschungsgruppe (Comparative Analysis of Conspiracy Theories), online <a href=\"https://conspiracytheories.eu/_wpx/wp-content/uploads/2020/04/COMPACT_Guide_Deutsch-2.pdf\">hier</a>.<br/> Karl Hepfer 2015: Verschw\u00f6rungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft. Bielefeld, Transcript.<br/> Nancy L. Rosenblum und Russell Muirhead 2019: A Lot of People Are Saying: The New Conspiracism and the Assault on Democracy. Princeton University Press.<br/> Zeit Online 2020: Vom Loser zum Messias. Video online <a href=\"https://www.zeit.de/video/2020-10/6196464941001/verschwoerungstheorien-vom-loser-zum-messias?utm_referrer=https%3A%2F%2Fforum.kritisch-lesen.de%2Findex.php%3Fp%3D%2Fdiscussion%2F1885%2Fessay\">hier</a>.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/um-welche-freiheit-geht-es-eigentlich/", "id": "https://revoltmag.org/articles/um-welche-freiheit-geht-es-eigentlich/", "author": {"name": "Johanna Br\u00f6se und Andrea Str\u00fcbe", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-10-13T12:00:33.933487+00:00", "date_modified": "2020-10-13T12:00:33.933487+00:00", "tags": ["re:think", "nazis", "nationalismus", "esoterik", "corona", "kapitalismus", "rechte formierungen", "verschw\u00f6rungstheorien", "coronadebatte", "kritischlesen", "qanon", "verschw\u00f6rung", "querdenker"], "summary": "Warum der Schulterschluss der Rechten mit \u201eder Mitte\u201c nur konsequent und der Glaube an einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz letztlich die gr\u00f6\u00dfte Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlung ist."}, {"title": "Mit links gegen die Krise", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Mit links gegen die&nbsp;Krise</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Bild.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/Bild.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Alp Kayserilio\u011flu</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Die Corona-Pandemie bedeutet eine globale Krise des Kapitalismus mitsamt seiner alles durchdringenden, an Profit und Renditen ausgerichteten Gesundheits- und Wirtschaftspolitik. W\u00e4hrend sich die staatlichen Restriktionsma\u00dfnahmen auf allen gesellschaftlichen Ebenen \u00fcberschlugen, wirkten gro\u00dfe Teile der revolution\u00e4ren Linken hierzulande gel\u00e4hmt und handlungsunf\u00e4hig. Die Dynamik und Rigorosit\u00e4t staatlicher Ma\u00dfnahmen sorgten in linken Gruppen angesichts der \u00fcberwiegend autonomen Organisationsformen f\u00fcr Ratlosigkeit. Kommunikationskan\u00e4le und ritualisierte Plena wurden \u00fcber Nacht weitestgehend lahmgelegt. Klassische Aktionsformen waren pl\u00f6tzlich nicht mehr m\u00f6glich und revolution\u00e4r-linke Inhalte waren dadurch noch weniger wahrnehmbar. Es fehlten handlungs- und entscheidungsf\u00e4hige Strukturen, die trotz der Ausnahmesituation in der Lage waren, die Corona-Krise politisch daf\u00fcr zu nutzen, Alternativen und Perspektiven aufzuzeigen. Die radikale Linke hat damit ihre Handlungsunf\u00e4higkeit in Krisensituationen gezeigt. Angesichts des neonazistischen Terrors von NSU 2.0, rechter Prepper-Gruppen und der gr\u00f6\u00dferen Anzahl aufgedeckter rechter Terrorzellen sowie des Versuchs der AfD, parlamentarische Macht zu gewinnen, eine schaurige Erkenntnis. Vor allem wenn wir uns vor Augen f\u00fchren, dass der Staat mit seinen Institutionen nicht selten eine st\u00fctzende Rolle im Aufbau dieser Terrorzellen spielt.</p><p></p><h3><b>Die Rolle revolution\u00e4rer Kr\u00e4fte</b></h3><p>Dabei sind Krisen eigentlich das ureigene Feld revolution\u00e4rer Kr\u00e4fte. Ihre Aufgabe ist es, Klassenk\u00e4mpfe \u00fcber den Umweg praktischer Solidarit\u00e4t und theoretischer Analyse zu st\u00e4rken. In Zeiten gro\u00dfer gesellschaftlicher Umbr\u00fcche und Ver\u00e4nderungen politisieren sich viele Menschen und suchen nach handlungsf\u00e4higen Organisierungen, um soziale Forderungen auch wirkm\u00e4chtig artikulieren zu k\u00f6nnen. Beispiele daf\u00fcr sind die \u201eHartzIV-Proteste&quot; (2004), die \u201eBankenkrise\u201c (2008/2009) oder der \u201eSommer der Migration&quot; (2015) und die antirassistischen Proteste gegen die zahlreichen rassistischen Mobilisierungen (beispielsweise gegen die von der NPD initiierten \u201eNein-zum-Heim-Demonstrationen\u201c). Es ist die Aufgabe revolution\u00e4rer Kr\u00e4fte, die von der Krise betroffenen Lohnabh\u00e4ngigen anzusprechen und sie nachhaltig und langfristig f\u00fcr eine klassenk\u00e4mpferische Praxis zu gewinnen.<br/></p><h3><b>Solidarit\u00e4t aufbauen</b></h3><p>Zu Beginn des Lockdowns riefen linksliberale Akteur*innen oder Tr\u00e4ger*innen der sozialen Daseinsf\u00fcrsorge bundesweit dazu auf, sich in den von ihnen initiierten Solidarit\u00e4tsnetzwerken ehrenamtlich zu engagieren. Auch linke Gruppen initiierten Netzwerke, z.B. in Hamburg, Stuttgart oder Berlin. Im Berliner Stadtteil Wedding wurden das Label und die Arbeitsgruppe \u201eWedding solidarisch&quot; von uns als \u201eH\u00e4nde weg vom Wedding&quot; gegr\u00fcndet. Dies fungierte als Klammer f\u00fcr eine linke, klassenk\u00e4mpferische Perspektive auf die Krise (\u201eKlassenkampf statt Klatschen!\u201c). F\u00fcr uns bedeutete der Aufbau einer themenbezogenen Arbeitsgruppe sowohl das ideologische Besetzen der Krisenthemen, als auch die Schaffung einer Struktur, die kontinuierlich in der Lage ist, Interessierte in die politische Diskussion und Praxis einzubinden. Wie auch andere Initiativen gr\u00fcndeten wir zuerst moderierte Telegram- und Facebook-Gruppen, die schnell auf tausende Follower*innen anwuchsen. Neben der Vernetzungsm\u00f6glichkeit praktischer Unterst\u00fctzungsangebote stellten sie auch wichtige Kan\u00e4le f\u00fcr die Bereitstellung linker, <a href=\"https://www.unverwertbar.org/corona/\">antikapitalistischer Analysen</a> und Angebote dar. Diese bilden einen wichtigen Gegenpol zu den rechten Kr\u00e4ften, welche die Krise f\u00fcr das Propagieren von Rassismus, Antisemitismus und Verschw\u00f6rungsmythen nutzten und weiterhin nutzen.<br/><br/> W\u00e4hrend die Bundesregierung Milliarden von Hilfsgeldern zur Absicherung der Profite gro\u00dfer deutscher Unternehmen verschleuderte, konnten wir in unseren eigenen Kan\u00e4len die Corona-Krise als das benennen, was sie ist: eine kapitalistische Krise. Die Schaffung von virtuellen wie praktischen Solidarit\u00e4tsnetzwerken sind eine weiterzuentwickelnde Perspektive von Klassenpolitik. Besondere Abgrenzung braucht es in Bezug auf Netzwerke, mit denen staatliches Versagen durch sozialliberale Hilfsangebote kaschiert werden soll. In Berlin zeigte sich, dass der Senat und die Bezirke schnell in der Lage sind, Solidarit\u00e4t und praktische Unterst\u00fctzung mittels gef\u00f6rderten Freiwilligenagenturen zu vereinnahmen. Innerhalb kurzer Zeit wurden zus\u00e4tzliche Gelder bewilligt, um staatliche und staatsnahe Netzwerke zu gr\u00fcnden.<br/><br/> Die ideologische Distanz zum Staat, der politische Entscheidungen vor allem zugunsten der herrschenden Kapitalfraktionen trifft, muss daher aus radikal-linker Perspektive immer wieder herausgearbeitet werden. Andernfalls droht eine Vermischung der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung von linken Kriseninterventionen und staatlichem Krisenmanagement. Revolution\u00e4re Krisenanalysen und -erz\u00e4hlungen bleiben dann auf der Strecke.</p><p></p><h3><b>Das Virus hei\u00dft Kapitalismus</b></h3><p>Mit der gegr\u00fcndeten Arbeitsgruppe \u201eWedding solidarisch&quot; wurde auf den Klassencharakter der (t\u00f6dlichen) Auswirkungen der Pandemie hingewiesen. Denn das Virus ist kein von den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen und Verwerfungen entkoppeltes Gesundheitsproblem. Obwohl es zwar alle betreffen kann, betrifft es nicht alle gleich. Die sozialen Fragen um Arbeitsbedingungen, Wohnraum, patriarchale Gewalt und Rassismus haben sich schon vor der Pandemie gestellt und wurden durch die Krise noch versch\u00e4rft und sichtbarer gemacht. Das Problem liegt im System und es ist unsere Aufgabe, gesellschaftliche Gegenentw\u00fcrfe zu formulieren und auf die Stra\u00dfe zu tragen. Die im Rahmen der Pandemie dr\u00e4ngendere Gesundheitsfrage versetzte uns in die Lage, \u00fcber dieses Thema unsere Kampffelder Antifaschismus/Antirassismus, Mietenk\u00e4mpfe, Arbeitsk\u00e4mpfe und Feminismus zu verkn\u00fcpfen.</p><p>Angesichts der verst\u00e4rkten Repressionen durch omnipr\u00e4sente Polizeikr\u00e4fte, versch\u00e4rfte Bu\u00dfgeldkataloge, die Aushebelung von Freiheitsrechten wie der Versammlungsfreiheit und vieles mehr, musste die Linke (wieder) lernen, unter repressiveren politischen Umst\u00e4nden zu arbeiten. Tausende <a href=\"https://www.unverwertbar.org/aktuell/2020/4805/\">Forderungskataloge</a> (\u201eF\u00fcr eine soziale und demokratische L\u00f6sung der Krise&quot;), Plakate und Aufkleber wurden ausgegeben, im \u00f6ffentlichen Raum verteilt und verklebt - auch mithilfe \u00f6ffentlich beworbener Materialausgabestellen im Stadtteil. Das Ziel, mit radikal-linken Inhalten \u00f6ffentliche R\u00e4ume zu dominieren und die Krise zu deuten, konnte stellenweise erreicht werden. Das geschah plakativ wie praktisch durch konkrete Aktionen und Gespr\u00e4che am Rande der Kundgebungen und im Kiez. Im Wedding organisierten wir von April bis Juli sechs Kundgebungen an zentralen Orten und zwei symbolische Aktionen vor den drei Weddinger Krankenh\u00e4usern. Dabei reihten wir uns in bestehende Aktionsnetzwerke ein, um unsere Themen gesamtgesellschaftlich einbetten zu k\u00f6nnen.<br/></p><p>Neben einem feministischen und antirassistischem Aktionstag galt und gilt dies auch f\u00fcr die bundesweite Plattform <a href=\"https://nichtaufunseremruecken.noblogs.org/\">#NichtaufunseremR\u00fccken</a>. Regionale und \u00fcberregionale Vernetzungen sind jetzt umso wichtiger, um nicht im beschr\u00e4nkten Lokalismus zu verharren. Das gegenseitige \u00fcberregionale Aufeinanderbeziehen unterst\u00fctzt eine organisatorische Kraft im Lokalen, die in der Lage ist, sich krisenfest aufzustellen. Im Rahmen unseres <a href=\"https://www.unverwertbar.org/ueber-uns/struktur/\">r\u00e4tekommunistischen Umstrukturierungsprozesses</a> konnten wir erneut feststellen, dass themenbezogene Diskussionen in Kommissionen, klare Verantwortlichkeiten und transparente Entscheidungswege dabei helfen, auch unter widrigen Bedingungen zu arbeiten.</p><p></p><h3><b>Linke Krisenfestigkeit!</b></h3><p></p><p>Mit der Arbeitsgruppe \u201eWedding solidarisch&quot; wurde Handlungsf\u00e4higkeit in einer politischen Ausnahmesituation hergestellt. Die Agitation mit spezifischen Materialien auf der Stra\u00dfe hat linken, antikapitalistischen Krisenerz\u00e4hlungen und Analysen viel Raum und eine breite Wahrnehmung verschafft, auf die wir weiterhin aufbauen.<br/> Dabei sind diese Inhalte im alten Arbeiter*innenstadtteil Wedding auch vermittelbarer, da hier viele Menschen aufgrund von Armut, Arbeitslosigkeit und beengten Wohnverh\u00e4ltnissen von den kapitalistischen Ausbeutungsmechanismen betroffen sind. Au\u00dferdem sind - abgesehen von t\u00fcrkischen-faschistischen Strukturen - nur sehr wenige rechte Kr\u00e4fte im Alltag pr\u00e4sent.<br/> Selbstkritisch m\u00fcssen wir anmerken, dass die Struktur der Arbeitsgruppe Wedding Solidarisch (z.B. Online-Plena) klassischen linken Praktiken folgte und damit das Potential in der Organisierung von interessierten, nicht-organisierten Menschen auf diesem Wege relativ gering war. Das Beteiligungsmoment in der Praxis von Wedding Solidarisch war dadurch begrenzt. Direkte Gespr\u00e4che am Rande der Kundgebungen waren die haupts\u00e4chliche M\u00f6glichkeit, mit Leuten au\u00dferhalb der gewohnten Kontexte in Kontakt zu treten, insbesondere nach Lockerung der Beschr\u00e4nkungen des \u00f6ffentlichen Lebens. Positive Momente ergaben sich oft bei Gespr\u00e4chen \u00fcber die konkrete Praxis von \u201eH\u00e4nde weg vom Wedding\u201c. Dabei stellt das Stadtteilmagazin <a href=\"https://plumpe.noblogs.org/\">\u201ePlumpe\u201c</a> eine gute Basis dar, um radikal-linke Stadtteilarbeit zu diskutieren und linke Schwerpunkte weiter zu popularisieren.<br/></p><p>Eine Herausforderung bleibt: die in der Corona-Pandemie geschaffenen Solidarit\u00e4tsnetzwerke und Arbeitsgruppen mit der \u00dcberf\u00fchrung in unsere Struktur zu verstetigen. Es zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen der geleisteten Agitation und der Anzahl von Interessierten, die in den folgenden Wochen als neue Gesichter zu unserer Gruppe stie\u00dfen. Dabei kommt der Organisation eine besondere Verantwortung zu, wenn sie Interessierte organisatorisch wie auch ideologisch nachhaltig binden m\u00f6chte. Dabei ist klar, dass die gesellschaftliche Mobilisierung f\u00fcr die antikapitalistische Krisenerz\u00e4hlung unbedingt klare Organisationsformen und ideologische Leitplanken braucht, um auch in Zeiten sich vermeintlich normalisierender Verh\u00e4ltnisse und nachlassender Wut politisch wahrnehmbar zu bleiben.<br/> Thematisch arbeitende Kommissionen mit vorgelagerten Vorfeldstrukturen schaffen dabei niedrigschwellige Angebote, um Menschen den Einstieg in unsere Gruppe zu erleichtern. Wir haben \u201eWedding Solidarisch\u201c in unsere bestehenden Angebote \u00fcberf\u00fchrt, um mit weiteren Aktiven entlang der Kampffelder praktisch weiterzuarbeiten. Ob wir als revolution\u00e4re Linke aus der Coronakrise politisch wie personell gest\u00e4rkt herausgehen k\u00f6nnen, werden wir im Zuge der kommenden Debatten im nationalen wie globalen Kontext sehen.</p><p></p><h3><b>Klassenkampf und Solidarit\u00e4t</b><br/></h3><p>Die Notwendigkeit der klassenbewussten, k\u00e4mpferischen Solidarit\u00e4t ist dr\u00e4ngender denn je. Die \u00f6konomischen Auswirkungen der jetzigen, sich ausweitenden Krise sind kaum zu untersch\u00e4tzen. Diese Krise bietet der herrschenden Klasse einen guten Vorwand, Angriffe auf Arbeitsverh\u00e4ltnisse mit drohender Pleite zu legitimieren: genannt seien hier z.B. eine staatliche Sparpolitik, Versch\u00e4rfung der Arbeitsbedingungen durch Entlassungen, Verhinderung gewerkschaftlicher Arbeit (Union Busting), Outsourcing oder der (gewerkschaftliche) Verzicht auf Gehaltserh\u00f6hungen und Arbeitsk\u00e4mpfe.<br/> Au\u00dferdem steht eine Explosion privater Schulden durch Arbeitslosigkeit f\u00fcr viele Menschen bevor, die sich wiederum in einem dramatischen Anstieg der Zahl von Zwangsr\u00e4umungen und drohender Wohnungslosigkeit zeigen wird. Gerade jetzt braucht es politische Kr\u00e4fte, die diese komplexen, zusammenh\u00e4ngenden Widerspr\u00fcche im Kapitalismus aufzeigen und erkl\u00e4ren.</p><p>Dies verdeutlicht die Dringlichkeit, linke und revolution\u00e4re Organisationen entlang von krisenfesten, planvollen und kontinuierlichen Formen auszurichten. Unsere <a href=\"https://revoltmag.org/articles/bau-auf-bau-auf-revolution%C3%A4re-stadtteilarbeit-neu-organisieren/\">Organisationsformen</a> m\u00fcssen sich an dieser Notwendigkeit orientieren und in der Lage sein, die Fallstricke autonomer und individualistischer Praxis zu \u00fcberwinden. Es muss uns gelingen, den breiten Massen der Lohnabh\u00e4ngigen zu vermitteln, wie sozialistische (Waren-)Produktion, die gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums und politische Partizipation im Sinne einer solidarischen Gesellschaft gerecht zu organisieren sind. Dies sind erste grobe Schlaglichter revolution\u00e4rer Ver\u00e4nderungen. So kann die revolution\u00e4re Linke politisch wie personell aus den Krisen gest\u00e4rkt hervorgehen.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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In der losbrechenden \u00f6konomischen Krise braucht es eine radikale Linke, die auch in Ausnahmezust\u00e4nden handlungsf\u00e4hig bleibt."}, {"title": "Wirtschaftskrise? #NichtaufunseremR\u00fccken", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Wirtschaftskrise? #NichtaufunseremR\u00fccken</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Aktionstag-Freiheitsrechte-25.-April-2020-09.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/Aktionstag-Freiheitsrechte-25.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Perspektive Kommunismus</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><br/>Wir befinden uns am Anfang einer Weltwirtschaftskrise, die uns ArbeiterInnen hart treffen wird \u2013 und die schon vor Corona begonnen hat. Doch wie ist sie entstanden? Was f\u00fcr Folgen kommen auf uns zu und wie k\u00f6nnen wir unseren Widerstand organisieren? Ein Positionspapier zur Wirtschaftskrise vom B\u00fcndnis #NichtaufunseremR\u00fccken.</p><p>Wir stehen am Beginn einer der sch\u00e4rfsten Wirtschaftskrisen aller Zeiten. In Deutschland ist die Zahl der KurzarbeiterInnen in wenigen Wochen auf 10 Millionen geklettert \u2013 und damit fast zehnmal so hoch wie in der Krise ab 2007. Hinzu kommen unz\u00e4hlige LeiharbeiterInnen, befristet Besch\u00e4ftigte und MinijobberInnen, die ihre Jobs bereits verloren haben. In den USA sind im April offiziell 20,5 Millionen Arbeitspl\u00e4tze weggefallen. In zahlreichen L\u00e4ndern Europas sieht es nicht anders aus. Der Internationale W\u00e4hrungsfonds erwartet die schlimmste Wirtschaftskrise seit der Gro\u00dfen Depression 1929, die Bank von England prophezeit f\u00fcr das eigene Land die schwerste Rezession seit 325 Jahren. Quer \u00fcber den Globus schn\u00fcren die Regierungen Wirtschaftspakete wie sonst nur zu Kriegszeiten. Die Rechnung hierf\u00fcr werden sie am Ende den ArbeiterInnen pr\u00e4sentieren. Es stehen Angriffe auf unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen bevor, die wir teilweise noch gar nicht absehen k\u00f6nnen. Umso notwendiger ist es, dass wir uns jetzt auf entschiedene Gegenwehr vorbereiten!</p><h3><b>Woher kommt die Wirtschaftskrise?</b></h3><p>Auch wenn es auf den ersten Blick so erscheinen mag \u2013 die Ursache der Krise ist nicht die Covid-19-Pandemie! Die Pandemie versch\u00e4rft vielmehr die Wirtschaftskrise, die sich bereits seit dem Winter 2018/19 entwickelt hat. Dabei handelt es sich um eine \u00dcberproduktionskrise, wie sie der Kapitalismus gesetzm\u00e4\u00dfig und regelm\u00e4\u00dfig hervorbringt. \u00dcberproduktionskrisen entstehen, weil die Unternehmen ihre Produktion immer weiter ausdehnen, mit dem Ziel sich in der Konkurrenz durchzusetzen und ihre Profite zu steigern; w\u00e4hrend sie zugleich jedoch die Einkommen ihrer ArbeiterInnen, die einen Teil der Produktion kaufen m\u00fcssen, m\u00f6glichst gering halten.</p><p>Die aktuelle \u00dcberproduktionskrise ist besonders, weil sich jetzt jahrzehntelang aufgestaute Widerspr\u00fcche und Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft zu entladen drohen:</p><ul><li>Die f\u00fchrenden kapitalistischen Konzerne haben eine solche Gr\u00f6\u00dfe und Macht erreicht, dass sie die Krisenfolgen der letzten Jahrzehnte auf alle anderen Teile der Gesellschaft, allen voran die ArbeiterInnen, abw\u00e4lzen konnten. Stagnierende L\u00f6hne, gek\u00fcrzte Sozialleistungen und steigende Steuern haben das Problem der \u00dcberproduktion weiter versch\u00e4rft.</li><li>Die Konzerne und die Staaten haben die Krisen der letzten Jahrzehnte gleichzeitig mit immer mehr Krediten und Notenbankgeld behelfsm\u00e4\u00dfig abgemildert und ihre schlimmsten Auswirkungen damit hinausgez\u00f6gert. Im Ergebnis ist die Verschuldung von Unternehmen, Privatpersonen und Staaten heute etwa dreimal so hoch wie die j\u00e4hrliche weltweite Wirtschaftsleistung. Viele Unternehmen sind bisher nur durch enorm niedrige Zinsen vor der Insolvenz bewahrt worden, sie gelten als Zombieunternehmen. In einer Studie aus dem Jahr 2017 kommt die Bank of America (BoA) zu dem Ergebnis, dass rund neun Prozent der 600 gr\u00f6\u00dften b\u00f6rsennotierten Unternehmen in Europa in diese Kategorie fallen. Dies wird nicht ewig so weitergehen k\u00f6nnen. In dieser Krise drohen daher massenweise Unternehemenspleiten. Wirtschaftsexperten sprechen schon seit Jahren von \u201etickenden Zeitbomben\u201c in den Bilanzen der Banken.</li><li>Nach einer jahrzehntelangen Phase einer zunehmenden weltweiten Verflechtung von Produktion und Handel haben Kapital und Staaten in den letzten Jahren auf teilweise Entkoppelung und wirtschaftliche Konfrontation umgestellt. Ein erbitterter Konkurrenzkampf um Wirtschaftsr\u00e4ume entwickelt sich \u2013 allen voran zwischen den USA und China. Eine gemeinsame Krisenbew\u00e4ltigungspolitik wie 2007 ist damit unwahrscheinlicher geworden, der Wirtschaftskrieg droht zum neuen Normalzustand zu werden. Dies \u00e4u\u00dfert sich beispielsweise im Kampf um den \u00d6lpreis zwischen den OPEC-Staaten, den USA und Russland, aber auch in den in den vergangenen zehn Jahren massiv gestiegenen Z\u00f6llen.</li></ul><p>Die Covid-19-Pandemie hat durch die weltweiten Shutdowns des \u00f6ffentlichen Lebens und damit einhergehenden einbrechenden Einkommen die \u00dcberproduktionskrise massiv versch\u00e4rft. Zeitweise waren die weltweiten Lieferketten der Industrie unterbrochen. Die Pandemie beschleunigt und verst\u00e4rkt damit die beschriebenen Entwicklungen. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass diese Krise uns einen noch viel aggressiveren Kapitalismus bescheren wird.</p><p></p><h3><b>Folgen der Wirtschaftskrise</b></h3><p>In der aktuellen Krise zeigt der Kapitalismus sein h\u00e4ssliches Gesicht besonders deutlich: Millionen ArbeiterInnen in Deutschland sind bereits jetzt von Jobverlusten und Kurzarbeit betroffen. Daneben stehen hunderttausende ArbeiterInnen, die ihre Gesundheit in der Pandemie aufs Spiel setzen m\u00fcssen, um zu schlechten L\u00f6hnen und miesen Bedingungen in Krankenh\u00e4usern, Altersheimen und Superm\u00e4rkten die \u00f6ffentliche Versorgung am Laufen zu halten. Weitere hunderttausende ArbeiterInnen, viele davon aus Osteuropa, schuften teils unter sklavereim\u00e4\u00dfigen Verh\u00e4ltnissen in Schlachth\u00f6fen, in der Landwirtschaft, in Logistikzentren oder im Transportgewerbe. Dort wird ihre Infektion mit Covid-19 von den Unternehmen und dem Staat billigend in Kauf genommen.<br/><br/>Die genannten ArbeiterInnen in schlecht bezahlten und unsicheren Jobs sind heute von Corona und der Krise am meisten betroffen. Doch sie werden nicht die einzigen bleiben. Die Krise wird eine Welle schwerer Angriffe auf alle Teile der ArbeiterInnen, auf Arbeitslose, Studierende, Selbstst\u00e4ndige und RentnerInnen nach sich ziehen. Wir m\u00fcssen davon ausgehen, dass diese Angriffe zeitversetzt und in Sch\u00fcben geschehen werden:<br/></p><ul><li>Die Bundesregierung hat historische 1,2 Billionen Euro f\u00fcr die Stabilisierung der Wirtschaft bereitgestellt. 156 Milliarden Euro Neuverschuldung sind bereits aufgenommen. Am Ende wird jemand f\u00fcr diese Summen zur Kasse gebeten werden \u2013 n\u00e4mlich diejenigen, die durch ihre Lohnsteuern den Staatshaushalt tragen: Das sind die Arbeiterinnen und Arbeiter. In bisherigen Krisen war daf\u00fcr ein g\u00e4ngiges Instrument der Staaten, vor allem Massensteuern, wie die Mehrwertsteuer, zu erh\u00f6hen.</li><li>Absehbar ist auch, dass der Staat seine Ausgaben zusammenstreichen wird, und damit K\u00fcrzungen im Gesundheits- und Sozialwesen, bei der Bildung, im \u00d6ffentlichen Dienst und anderen Bereichen auf uns zukommen.</li><li>Zur Kasse gebeten werden au\u00dferdem all diejenigen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind. So fordert die CDU bereits jetzt, die vereinbarte Grundrente gar nicht erst zu beschlie\u00dfen. Der n\u00e4chste Schritt ist dann die K\u00fcrzung bestehender Leistungen.</li><li>Parallel zu den staatlichen Ma\u00dfnahmen steigen auch die Notenbanken direkt in die Krisenrettung ein und kaufen Unternehmensanleihen auf. Zu erwarten ist, dass die Kosten hierf\u00fcr ebenfalls an die ArbeiterInnen weiter gereicht werden, n\u00e4mlich in Form der Geldentwertung (Inflation). Das bedeutet vor allem: Preissteigerungen im Alltag.</li><li>Schlie\u00dflich ist das \u00dcberleben vieler Firmen nur noch eine Frage der Zeit, auch wenn der Shutdown in Deutschland auf Druck von Unternehmerkreisen wieder etwas gelockert wird. Die Auto-Zulieferindustrie etwa stand schon vor der Pandemie mit dem R\u00fccken zur Wand. Es spricht B\u00e4nde, dass die Bundesregierung jetzt die Pflicht f\u00fcr Firmen ausgesetzt hat, im Falle ihrer Zahlungsunf\u00e4higkeit Insolvenz anzumelden. Hierdurch k\u00f6nnen sich bankrotte Firmen mit Staatshilfen durch die Krise hangeln und die Insolvenz auf Kosten der ArbeiterInnen noch einige Monate hinausschieben. Das bedeutet, dass auch die zu erwartenden Entlassungen zeitversetzt geschehen werden. Am Ende werden auch viele ArbeiterInnen betroffen sein, die heute noch bei vollem Lohn im Homeoffice arbeiten.</li><li>Traditionell betrachten Faschisten Krisen als Gelegenheiten, die Gesellschaft noch st\u00e4rker als sonst mit Rassismus und anderen reaktion\u00e4ren Gedanken zu vergiften. Auch in dieser Krise m\u00fcssen wir damit rechnen, dass die ohnehin schon allt\u00e4gliche rassistische Gewalt noch zunehmen wird.</li></ul><p>Dies ist nur eine Auswahl naheliegender Angriffe, die uns in den n\u00e4chsten Monaten und Jahren bevorstehen. Wir gehen davon aus, dass Kapital und Staaten in der Krise einen v\u00f6llig neuen Standard in der Ausbeutung von Lohnarbeit durchsetzen wollen, und dass wir deshalb mit vielen weiteren Ma\u00dfnahmen rechnen m\u00fcssen, die heute teilweise noch \u00fcber unsere Vorstellungskraft hinaus gehen.</p><h3><b>Was tun?</b></h3><p></p><p>Welche Angriffe auf unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen tats\u00e4chlich durchgezogen werden, wird vor allem davon abh\u00e4ngen, welchen Widerstand wir dem entgegensetzen. Hier kommt es entscheidend auf uns selbst an. Wir d\u00fcrfen nicht passiv auf die n\u00e4chsten Angriffe warten, sondern m\u00fcssen schon jetzt beginnen, die Gegenwehr zu organisieren und sie auf die Stra\u00dfe und in die Betriebe zu tragen.</p><p>Aber auch hierbei d\u00fcrfen wir nicht stehen bleiben, sondern m\u00fcssen das kapitalistische System als Ursache dieser Krise ins Visier nehmen. Es ist die anarchische Natur des Kapitalismus, die die Krisen hervorbringt. Nur eine geplante und demokratisch geleitete Wirtschaft kann ihnen ein Ende machen. Das setzt die Vergesellschaftung aller Produktionsmittel voraus. Unser Ziel muss eine Gesellschaft sein, die sich mit dem Ziel organisiert, die Bed\u00fcrfnisse der Menschen bestm\u00f6glich zu befriedigen, statt gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Profite f\u00fcr eine kleine Minderheit zu erwirtschaften. Eine Gesellschaft, in der Solidarit\u00e4t die Grundlage darstellt anstatt leerer Floskeln.</p><p>Die Krise kann also viel mehr bedeuten als eine Reihe scharfer Angriffe auf unseren Lebensstandard, sie kann auch der Ausgangspunkt f\u00fcr eine klassenk\u00e4mpferische Bewegung sein, die den bisherigen Rahmen des kapitalistischen Wahnsinns in Frage stellt. Der Staat hat Vorkehrungen getroffen, unseren Widerstand kleinzuhalten und im Zuge des Corona-Shutdowns massive Eingriffe in unsere Freiheitsrechte vorgenommen. Es kommt jetzt darauf an, dass wir uns nicht weiter in die Enge treiben lassen, dass wir uns unsere Rechte nicht nehmen lassen und uns den Raum f\u00fcr Widerstand zur\u00fcckholen. Die Demonstrationen am 1. Mai waren ein sehr wichtiger Schritt in diese Richtung, und wir m\u00fcssen entschlossen und ohne Z\u00f6gern auf diesem Weg weitergehen. Verschiedene Aktionen haben bereits gezeigt, dass es kein Gegensatz ist, das Virus und den Infektionsschutz ernst zu nehmen und Widerstand auf die Stra\u00dfe zu tragen.</p><p>Wir erwarten, dass die Angriffe in dieser historischen Krise von Versuchen begleitet sein werden, die betroffenen ArbeiterInnen zu spalten und gegeneinander aufzuhetzen \u2013 etwa in Junge gegen Alte, LeiharbeiterInnen gegen Festangestellte, Deutsche gegen MigrantInnen u.v.m. Diesen Spaltungsversuchen m\u00fcssen wir entschieden entgegentreten und eine solidarische Bewegung von ArbeiterInnen aus allen Berufen, Schichten und Herkunftsl\u00e4ndern, ob jung oder alt, aufbauen. Da alle bedeutenden Konzerne nicht nur in einem Land agieren, gilt es den Widerstand auch auf internationaler Ebene aufzubauen.</p><p>Wenn wir nicht wollen, dass diese Krise auf unserem R\u00fccken ausgetragen wird, m\u00fcssen wir uns organisieren und wehren. Es ist an der Zeit, Kontakt zu den eigenen KollegInnen und NachbarInnen aufzunehmen, um festzustellen, dass wir alle unter dieser Krise zu leiden haben. Es ist auch an der Zeit, Angriffe, die auf Betriebsebene oft schon jetzt beginnen (wie h\u00f6here Arbeitsintensit\u00e4t, ausgesetzte Lohnerh\u00f6hungen oder Entlassungen) und von der Bundesregierung gerade vorbereitet werden, nicht einfach hinzunehmen. Wie sehr diese Krise auf unserem R\u00fccken ausgetragen wird, liegt an uns!</p><p></p><hr/><h3><br/>Anmerkungen</h3><p>Das hier erstver\u00f6ffentlichte Positionspapier des B\u00fcndnisses <a href=\"https://nichtaufunseremruecken.noblogs.org/\">#NichtaufunseremR\u00fccken</a> zur kommenden Wirtschaftskrise, ist von zahlreichen lokalen politischen Gruppen und Initiativen unterzeichnet worden. Das B\u00fcndnis vereint verschiedene Aktionen unter dem gemeinsamen Hashtag und macht solidarische sowie antikapitalistische Antworten auf die Coronakrise und ihre Folgen sichtbar. In den sozialen Netzwerken sowie im \u00f6ffentlichen Raum schafft der Hashtag \u00fcberregionale Bezugnahmen linker Perspektiven und gibt den Aktionen einen gemeinsamen Rahmen.<br/><br/><br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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M\u00e4rz 2020 befinden wir uns in Italien nun im \u00dcbergang zur sogenannten \u201ePhase 2\u201c, also der (schrittweisen) Wiederer\u00f6ffnung der industriellen Produktion und des gesellschaftlichen Lebens. Seit dem 27. April nehmen rund drei Millionen Arbeiter*innen ihre Arbeit wieder auf. Sie erg\u00e4nzen nun all jene Arbeiter*innen, die w\u00e4hrend des Lockdowns trotz gesundheitlichen Risiken nie aufgeh\u00f6rt hatten zu arbeiten. Anfang Mai wurden die meisten industriellen Aktivit\u00e4ten wieder gestartet. F\u00fcr einen Teil der Dienstleistungen und des Handels ist der Zeitplan, den Premierminister Giuseppe Conte am 26. April angek\u00fcndigt hatte, etwas gestreckter: Bis zum 1. Juni soll Italien zur \u201eNormalit\u00e4t\u201c zur\u00fcckkehren \u2013 falls die Zahl der Erkrankungen und der Todesopfer von Covid-19 nicht wieder zu steigen beginnt.</p><p>W\u00e4hrend f\u00fcr die Lohnabh\u00e4ngigen vielerorts die \u201ePhase 2\u201c eine zunehmende <a href=\"https://twitter.com/Mau_Ri_83/status/1257720339976671233?s=20\">Gefahr f\u00fcr Leib und Leben</a> bedeutet, gibt es an anderen Orten dennoch Bewegung: In den letzten zwei Monate der Pandemie haben die Arbeiter*innenk\u00e4mpfe bereits zwei verschiedene Phasen erlebt und in K\u00fcrze werden wir in die dritte Phase eintreten.</p><h2><b>Phase 1: Die Arbeiter*innen mobilisieren sich f\u00fcr das Recht auf Leben</b></h2><p>In den ersten beiden M\u00e4rzwochen erlebten wir eine kurze, aber intensive Phase der Arbeiter*innenmobilisierung: wilde Streiks, Streiks, die von den konfliktorientierten Basisgewerkschaften USB, S.I. Cobas und CUB und teilweise von der FIOM (die gr\u00f6\u00dfte Metallarbeiter*innengewerkschaft, die zum linken Gewerkschaftsbund CGIL geh\u00f6rt) organisiert wurden, oder auch Arbeitsniederlegungen durch Inanspruchnahme von Krankheitstagen, Urlaub und Spezialabsenzen. F\u00fcr einen Teil der Klasse handelte es sich zudem um einen Kampf f\u00fcr die Einf\u00fchrung von<i> smart working</i>, also von der computergest\u00fctzten Heimarbeit. Dabei ging es aber nicht darum, diese Form der Arbeit grunds\u00e4tzlich als besseres Arbeitsverh\u00e4ltnis zu sehen, sondern darum, unmittelbar das Ansteckungsrisiko zu minimieren.</p><p>Die gro\u00dfen Gewerkschaften CGIL, CISL und UIL hinkten diesen Streiks oft hinterher, was auf ihre abnehmende Verankerung in den Betrieben zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Sie begannen die Belegschaften erst dann zu verteidigen, als die Streiks schon in vollem Gange waren. Ein Beispiel f\u00fcr dieses Vers\u00e4umnis sind die Arbeiter*innenproteste bei FIAT-FCA in Pomigliano d\u2019Arco bei Neapel. Hier hatten die Arbeiter*innen die Arbeit aufgrund der fehlenden gesundheitlichen Schutzma\u00dfnahmen niedergelegt. Erst infolge dieser Streiks unterzeichneten die Unternehmensleitung und die Gewerkschaften ein betriebliches Abkommen zur Sicherstellung der gesundheitlichen Schutzma\u00dfnahmen, was wiederum zur vor\u00fcbergehenden Schlie\u00dfung der Fiat-Werke italienweit \u2013 und sp\u00e4ter gar europaweit \u2013 f\u00fchrte.</p><p>Durch die gewichtige <a href=\"https://duepublico2.uni-due.de/servlets/MCRFileNodeServlet/duepublico_derivate_00026914/07_Coppola_Italien.pdf\">Rolle von FIAT-FCA im italienischen Kapitalismus</a> hatte dieser Protest einen starken Beispielcharakter auch f\u00fcr andere Sektoren. So mussten auch einige andere Unternehmen aufgrund der als Protestform gew\u00e4hlten hohen krankheitsbedingten Abwesenheitsquote \u201eschlie\u00dfen\u201c. Daraufhin reagierte der Staat: Das nationale Sozialversicherungsamt INPS \u00fcbte Druck auf die Haus\u00e4rzt*innen aus und erteilte ihnen die Weisung, die Arbeiter*innen nicht mehr so leichtfertig krankzuschreiben, um die Arbeitsabsenzen zu beschr\u00e4nken.</p><p>In diesen ersten Wochen des Lockdowns erlebte Italien also \u00fcber das gesamte Territorium verteilt einen weitreichenden und diffusen Ungehorsam. Es handelte sich nicht um offensive K\u00e4mpfe, sondern vielmehr um einem Widerstand der Arbeiter*innen gegen den neuen Druck einer <a href=\"https://revoltmag.org/articles/arbeiten-zeiten-des-coronavirus/\">Arbeit in Zeiten des Coronavirus</a>. In den K\u00e4mpfen stand der Schutz des Lebens der Arbeiter*innen vor jedem anderen (\u00f6konomischen) Bed\u00fcrfnis. Innerhalb weniger Stunden wurde den Arbeiter*innen bewusst: Die Unternehmen behandelten die Arbeiter*innen schlicht als stets zur Verf\u00fcgung stehende \u201eWaren\u201c; f\u00fcr sie waren die Wirtschaftszahlen wichtiger als die Leben \u201eihrer\u201c Arbeiter*innen; und sie waren weiterhin bereit, eine Wirtschaftsentwicklung zu verteidigen, die f\u00fcr die Unternehmen volle Taschen, f\u00fcr die Menschen jedoch \u2013 letztlich \u2013 den Tod bedeutete.</p><p>Eine m\u00f6gliche Wiederaufnahme dieses Widerstands der Arbeiter*innen in Form von \u00f6ffentlich ausgetragenen K\u00e4mpfen oder mittels versteckter Formen des Widerstands als \u201eweapons of the weak\u201c, wie es die amerikanische Soziologin Beverly Silver in ihrem Werk <a href=\"https://libcom.org/files/Beverly_J._Silver-Forces_of_Labor__Workers&#x27;_Movements_and_Globalization_Since_1870_(Cambridge_Studies_in_Comparative_Politics)__-Cambridge_University_Press(2003).pdf\"><i>Forces of Labor</i></a> (2003) beschrieben hat, pr\u00e4gte die politische Debatte dar\u00fcber, welche Sektoren als essentiell und lebensnotwendig zu bezeichnen sind und welche nicht.</p><p>Obwohl die Regierung zun\u00e4chst nicht auf die Forderungen nach einer unmittelbaren Wiederer\u00f6ffnung der industriellen Produktion des Unternehmensverbandes Confindustria einging, lenkte sie jetzt in vielen Punkten dennoch ein. So bedeutet die von der Regierung angek\u00fcndigte Phase 2 eine Wiederaufnahme der industriellen T\u00e4tigkeiten und gleichzeitig eine Fortsetzung des Lockdowns \u2013 auch wenn in gelockerter Form \u2013 f\u00fcr die Menschen im Alltag.</p><h2><b>Phase 2: Weiterf\u00fchrung der Produktion und R\u00fcckgriff auf soziale Sicherungsnetze</b></h2><p>Nach den ersten zwei Wochen im Lockdown \u00e4nderte sich die Situation. Die Streiks nahmen rasant ab. Grund daf\u00fcr war in erster Linie ein infames <a href=\"http://www.governo.it/it/articolo/il-presidente-conte-videoconferenza-con-le-parti-sociali/14304\">\u201eProtokoll \u00fcber die Sicherheit an den Arbeitspl\u00e4tzen\u201c</a>, das Regierung, Unternehmensverband und Gewerkschaften am 14. M\u00e4rz unterzeichneten. Mit diesem \u201esozialpartnerschaftlich\u201c unterzeichneten Protokoll gab die Regierung in dem Moment, in dem Millionen von Arbeiter*innen f\u00fcr die vor\u00fcbergehende Schlie\u00dfung der Produktion k\u00e4mpften, den Unternehmen die M\u00f6glichkeit, sie auf Kosten der Gesundheit der Arbeiter*innen weiter laufen zu lassen. Den Arbeiter*innen blieb also nichts anderes \u00fcbrig, als weiterhin den individuellen Weg der Arbeitsabwesenheit (Krankheit, Urlaub, Spezialabsenzen) zu w\u00e4hlen. Darauf wurde vor allem dort zur\u00fcckgegriffen, wo die kollektiven und \u00f6ffentlich ausgetragenen K\u00e4mpfe verloren wurden und die Produktion weiter lief, wo nicht auf<i> smart working</i> zur\u00fcckgegriffen werden konnte und wo die n\u00f6tigen Schutzdispositive (Schutzmasken, Handschuhe, Desinfizierung der Arbeitspl\u00e4tze und so weiter) nicht eingef\u00fchrt wurden. Auch wenn der Handlungsspielraum der Arbeiter*innen dadurch wesentlich eingeschr\u00e4nkt war, stellte diese Kampfform der Arbeitsabwesenheit weiterhin ein starkes Signal dar: Sie legte die kapitalistische Logik offen, in der die Garantie von Profit in Antithese zur Verteidigung des Lebens steht.</p><p>Viele Unternehmen wurden durch die Bedrohung der Arbeitsk\u00e4mpfe und den gesellschaftlichen Druck dazu gezwungen, gesundheitliche Schutzdispositive einzuf\u00fchren; andere Unternehmen argumentierten jedoch mit der M\u00f6glichkeit des Arbeitsplatzverlusts f\u00fcr die Lohnabh\u00e4ngigen. Sie nutzten damit die Angst vor Arbeitslosigkeit aus, um die Produktion weiterzuf\u00fchren; ganz so, als ob nichts w\u00e4re. Viele Arbeiter*innen berichteten \u00fcber das <a href=\"https://poterealpopolo.org/faq-emergenza-covid-19-per-lavoratori-e-lavoratrici/\">\u201erote Telefon\u201c</a> von <i>Potere al Popolo</i>, dass sie gezwungen waren, gegen\u00fcber der Polizei Falschaussagen zu machen, um zum Arbeitsplatz zu gelangen. Dies war beispielsweise oft bei irregul\u00e4r Arbeitenden der Fall, die \u00fcber keinen Arbeitsvertrag verf\u00fcgen und daher rechtlich betrachtet gar nicht zur Arbeit fahren durften.</p><p>Ein weiteres seit Beginn der Pandemie m\u00f6gliches Instrument zur Weiterf\u00fchrung der Produktion seitens der Unternehmen war die Beantragung einer Spezialbewilligung bei den Pr\u00e4fekturen \u2013 also den Vertretungen des Innenministeriums in den Provinzen. Diese Ausnahmeregelungen wurden so offen formuliert und die Kontrollen in den Betrieben so unzureichend durchgef\u00fchrt, dass es de facto f\u00fcr die Unternehmen einfach war, straffrei weiter zu produzieren.</p><p>Von dieser M\u00f6glichkeit der Ausnahmeregelung machten bis Ende April \u00fcber 196.000 Unternehmen Gebrauch, wobei nur in sechs Prozent der F\u00e4lle die Anfrage abgelehnt wurde. Den Unternehmen wurde gestattet, in der Zeit zwischen der Einreichung und der Pr\u00fcfung des Antrages wieder zu \u00f6ffnen. Es handelte sich dabei um eine lange Zeitdauer wenn man bedenkt, dass die Pr\u00e4fekturen bisher weniger als 50 Prozent der Gesuche bearbeitet haben.</p><p>In dieser zweiten Phase versuchten diejenigen Arbeiter*innen, die tats\u00e4chlich nicht zur Arbeit fahren konnten, sozialstaatliche Unterst\u00fctzungsleistungen zu erhalten. Es gab einen regelrechten Ansturm auf das Kurzarbeitsgeld und auf den Bonus von 600 Euro f\u00fcr Selbst\u00e4ndige. Im Wesentlichen formulierten die Arbeiter*innen zwei Forderungen: Erstens die Integration derjenigen Klassensegmente in die sozialstaatlichen Hilfsleistungen, die von den bestehenden Versicherungen ausgeschlossen sind. Zweitens die Entwicklung neuer sozialstaatlicher Instrumente f\u00fcr die Ausgeschlossenen; dazu geh\u00f6ren vor allem die Forderungen nach einem Notlage-Grundeinkommen (<i>reddito d&#x27;emergenza</i>), die kollektive Regularisierung von papierlosen Arbeitsmigrant*innen, die zeitliche Ausdehnung der Arbeitslosenentsch\u00e4digung und Spezialzahlungen f\u00fcr Care-Arbeiter*innen.</p><p>Die Ma\u00dfnahmen der italienischen Zentralregierung wurden erg\u00e4nzt durch Ma\u00dfnahmen der einzelnen Regionen, doch noch heute warten aufgrund der Tr\u00e4gheit der institutionellen Prozesse Millionen von Arbeiter*innen auf den Zugang zu ihren Rechten. Dabei geht es nicht um ein blindes Hoffen auf die Gutm\u00fctigkeit der Regierung. Es geht darum, dass die Ma\u00dfnahmen zur Unterst\u00fctzung der Arbeiter*innen tats\u00e4chlich beschlossen wurden und also alle Arbeiter*innen ein Recht darauf haben, auch wenn die Ma\u00dfnahmen letztlich ungen\u00fcgend bleiben werden.</p><p>Obwohl die Regierung stets verspricht, \u201eschnell zu handeln\u201c, spielt sie auf Zeit. Das angek\u00fcndigte April-Dekret, das die L\u00fccken der vorherigen Dekrete schlie\u00dfen sollte und sowohl Liquidit\u00e4tshilfen f\u00fcr Unternehmen als auch die Aufstockung der sozialstaatlichen Hilfeleistungen vorsah, wird nun doch erst Anfang Mai verabschiedet. Die wachsende Wartezeit schr\u00e4nkt aber die M\u00f6glichkeit gr\u00f6\u00dferer Mobilisierungen ein, die Arbeiter*innen beschr\u00e4nken ihre Forderungen fast ausschlie\u00dflich auf ihre jeweiligen Berufskategorien.</p><h2><b>Phase 3: Die Unternehmen nehmen die Produktion wieder auf \u2013 und die Arbeiter*innen ihren Kampf?</b></h2><p>Mit der letzten April-Woche fand auch die \u201eGeneralprobe\u201c auf die Wiederer\u00f6ffnung der Produktion statt. Der Wiederaufnahme zahlreicher bis dahin noch geschlossener T\u00e4tigkeiten gingen nationale und/oder lokale Abkommen zwischen Unternehmen und Gewerkschaften \u00fcber die Notwendigkeit der Umsetzung wichtiger Sicherheitsma\u00dfnahmen voraus.</p><p>Viele dieser Abkommen wurden von den Medien hoch gelobt. So konnte der Widerspruch zwischen Profit der Unternehmen und der Gesundheit der Arbeiter*innen, welcher in den ersten Wochen des Pandemieausbruchs mit beispielloser Klarheit zutage getreten war, wieder verschleiert werden. FIAT-FCA, Electrolux, Whirlpool und viele andere Gro\u00dfunternehmen wurden als Vorbilder pr\u00e4sentiert: Die Unternehmen k\u00fcmmerten sich um die Gesundheit der Arbeiter*innen! Oder gar noch zynischer: sei sei sogar eine absolute Priorit\u00e4t des \u201eitalienischen Gesch\u00e4ftsmodells\u201c!</p><p>Viel wahrscheinlicher, als diese Heilsbotschaft suggeriert, ist jedoch eine Intensivierung des Klassenwiderspruchs in dieser dritten Phase. Sie ist ein neuer Kampfzyklus zur Verteidigung der Gesundheit, der die Logik des Lebens vor die Logik des Profits stellen wird. Es wird sich aber nicht um ein \u201ezur\u00fcck zur Phase 1\u201c handeln: Zum einen, weil die pr\u00e4ventive Repression es schwierig gemacht hat, die k\u00e4mpfenden Arbeiter*innen materiell zu unterst\u00fctzen (ein Streik kann zwar ausgerufen und praktiziert werden, doch ihn mit einem Streikposten oder gar mit einer Demonstration zu unterst\u00fctzen ist nach wie vor sehr schwierig). Andererseits auch deshalb nicht, weil die \u00f6konomische Krise immer sp\u00fcrbarer wird und seit rund einem Monat die Angst um die Zukunft f\u00fcr viele Menschen real und immer erdr\u00fcckender geworden ist.</p><p>Die im Protokoll vom 14. M\u00e4rz vorgesehenen Organe, die sogenannten \u201eKontrollaussch\u00fcsse\u201c f\u00fcr die Durchsetzung von Ma\u00dfnahmen, haben ihre Arbeit in den einzelnen Unternehmen de facto nicht fl\u00e4chendeckend aufgenommen; in nur 40 Prozent aller Unternehmen wurden sie tats\u00e4chlich gegr\u00fcndet. Dort, wo sie existieren, bleiben sie aber nach wie vor unt\u00e4tig. Dar\u00fcber hinaus besteht die Gefahr, dass die gewerkschaftlichen und sicherheitstechnischen Vertretungen der Arbeiter*innen in den Betrieben \u2013 <i>rappresentanze sindacali unitarie</i> (RSU),<i> rappresentanza sindacale aziendale</i> (RSA), <i>rappresentante dei lavoratori per la sicurezza</i> (RLS) sind drei betriebliche Arbeiter*innenorgane, die mit den deutschen Betriebsr\u00e4ten verglichen werden k\u00f6nnen \u2013 zur Zielscheibe nicht nur der Unternehmensleitungen werden k\u00f6nnten, sondern auch der Arbeiter*innen selbst. Und zwar deshalb, weil viele Arbeiter*innen aufgrund der Angst vor einer schweren \u00f6konomischen Krise und einem allf\u00e4lligen Jobverlust trotz der gesundheitlichen Risiken dem Motto des Unternehmensverbandes Confindustria \u2013 \u201eArbeit um jeden Preis\u201c \u2013 Folge leisten k\u00f6nnten. Dies wird insbesondere in denjenigen Betrieben passieren, in denen die Arbeiter*innenvertretungen die Stimme der Unternehmensleitung repr\u00e4sentieren und dort, wo die Gewerkschaften ganz abwesend sind.</p><p>Das Risiko besteht darin, dass in den Unternehmen Bedingungen stillschweigend akzeptiert werden, die sch\u00e4dlich sind f\u00fcr die Gesundheit der Arbeiter*innen. Die Repressions- und Erpressungsm\u00f6glichkeiten der Unternehmen haben sich vervielfacht: die Drohung der Betriebsschlie\u00dfung oder der Verringerung des Arbeitsvolumens, der Verlust von Marktanteilen, die Verwendung einer selektiven Kurzarbeit, die sogenannten \u201eSt\u00f6renfrieden\u201c oder den als nicht funktional definierten Arbeiter*innen auferlegt werden; die Verweigerung von<i> smart working</i> aus nicht objektiven Gr\u00fcnden, sondern als \u201eStrafe\u201c; und nicht zuletzt die Androhung von Entlassungen, sobald den Unternehmen das Recht dazu wieder einger\u00e4umt wird (im Dekret \u201eCura Italia\u201c wurde ein K\u00fcndigungsverbot bis Mitte Mai verabschiedet, das im April-Dekret bis zum Ende der Pandemie verl\u00e4ngert werden soll). Es ist also von wesentlicher Bedeutung, dass im April-Dekret das K\u00fcndigungsverbot erneuert und die staatliche Unterst\u00fctzung von Unternehmen an Bedingungen gekn\u00fcpft wird. Ansonsten werden sie \u2013 wie schon so oft \u2013 neue finanzielle Unterst\u00fctzungsleistungen dazu nutzen, um zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt K\u00fcndigungen auszusprechen oder \u201eRestrukturierungen\u201c vorzunehmen.</p><h2><b>Was tun in der offiziellen \u201ePhase 2\u201c?</b></h2><p>Aufgrund des gezeichneten Szenarios m\u00fcssen wir davon ausgehen, dass die Konflikte, die an den Arbeitspl\u00e4tzen ausbrechen werden, entscheidend sein werden f\u00fcr die Zukunft unserer Klasse. Dabei spielt es keine Rolle, ob es diese Arbeitsk\u00e4mpfe an die \u00d6ffentlichkeit schaffen oder ob sie mehrheitlich eher \u201eunterirdisch\u201c verlaufen \u2013 sie werden auf jeden Fall sp\u00fcrbar sein. Was sind nun unsere Aufgaben als linke Organisationen angesichts dieser neuen Phase? Was ist \u201eunsere\u201c Phase 3, die wir ihr vorausschicken?</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"potere al popolo-phase2.jpg\" height=\"628\" src=\"/media/images/potere_al_popolo-phase2.original.jpg\" width=\"1140\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>&quot;Pandemie, Arbeit und Phase 2 - Drei konkrete Vorschl\u00e4ge&quot;</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h4><i>1) Die Produktion und ihre K\u00e4mpfe sichtbar machen!</i></h4><p>Zun\u00e4chst einmal geht es darum, der \u201eAu\u00dfenwelt\u201c mitzuteilen, was in den Betrieben geschieht. Daf\u00fcr sind alle Kan\u00e4le, Strukturen und Netzwerke unentbehrlich, die uns heute zur Verf\u00fcgung stehen: Einzelne Aktivist*innen, Arbeiter*innen, denen wir im Laufe der letzten Jahre begegnet sind, gewerkschaftliche Strukturen jeglicher Art. Es ist notwendig, eine gemeinsame Anstrengung auf uns zu nehmen, um das sichtbar zu machen, was in den \u201everborgenen St\u00e4tten der Produktion\u201c (Marx) vor sich geht. Denn dabei handelt es sich nicht um eine private Angelegenheit von Unternehmen, es ist das Interesse der Allgemeinheit, zu wissen, was an den Arbeitspl\u00e4tzen passiert.</p><h4><i>2) Populare Komitees bilden!</i></h4><p>Wir k\u00f6nnen die Verteidigung der Gesundheit in den Betrieben dabei nicht allein den direkt betroffenen Arbeiter*innen \u00fcberlassen. Aus den oben dargelegten Gr\u00fcnden besteht die Gefahr, dass die (\u00f6konomische) Erpressung, der wir alle ausgesetzt sind, eine angemessene Verteidigung erschwert.</p><p>Es ist notwendig, die Schaffung von popularen Komitees zur Verteidigung der Arbeiter*innen in die Wege zu leiten, die auf territorialer Basis von Aktivist*innen, aber auch von Gewerkschaften, Kollektiven, sozialen und politischen Organisationen gebildet werden. Ihre Aufgabe w\u00e4re es, als Werkzeug in den H\u00e4nden jene*r Arbeiter*innen zu fungieren, die an den einzelnen Arbeitspl\u00e4tzen nicht \u00fcber das angemessene Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis verf\u00fcgen.</p><p>Gleichzeitig m\u00fcssen wir fordern, dass die f\u00fcr die Kontrolle zust\u00e4ndigen Institutionen, wenn nicht ausschlie\u00dflich, so doch zumindest vorrangig auf die Kontrolle der Unternehmen hinarbeiten: Das nationale Arbeitsinspektorat, die Finanzpolizei, die lokale Polizei und die lokalen Gesundheitsinstitutionen m\u00fcssen aufh\u00f6ren, alle 100 Meter Posten zu errichten, um die Menschen zu kontrollieren, ob sie individuell die Sicherheitsvorschriften einhalten; vielmehr m\u00fcssen sie sich auf die Kontrolle der Arbeits- und Gesundheitsbedingungen in den Betrieben konzentrieren und sich so f\u00fcr das Recht auf das Leben von Millionen von Menschen in den Produktionsst\u00e4tten einsetzen. Auch in diesem Fall schlagen wir die Einrichtung von popularen Komitees vor, die die Koordinierung dieser T\u00e4tigkeiten organisieren. Dies muss mit der Beteiligung der Gewerkschaften, aber unter Ausschluss der Unternehmensvertretungen geschehen, denn in einem popularen Kontrollorgan darf niemand vertreten sein, der \u201ekontrolliert\u201c werden muss.</p><h4><i>3) Auf die \u00f6kologische Transformation hinarbeiten!</i></h4><p>Auf einer allgemeineren politischen Ebene besteht die Notwendigkeit, \u00fcber die Einrichtung einer \u201eAgentur f\u00fcr die \u00f6kologische Transition\u201c nachzudenken. In naher Zukunft werden zahlreiche Betriebe schlie\u00dfen und viele Unternehmen werden enorme staatliche finanzielle Unterst\u00fctzung anfordern. Im Kontext der aktuellen Ausweitung der \u201estaatlichen Hilfen\u201c, des <i>common sense</i> \u00fcber die N\u00fctzlichkeit staatlicher Interventionen und der ersten Verstaatlichungsprozesse bestimmter Unternehmen, muss der Staat die Rolle eines intervenierenden Akteurs der Industrie- und Wirtschaftspolitik werden und auf die Entwicklung eines Plans f\u00fcr die Zukunft hinarbeiten. Einige Unternehmen m\u00fcssen vom Staat \u00fcbernommen und mit R\u00fccksicht auf eine gesundheitliche und \u00f6kologische Produktion weiterentwickelt werden. W\u00e4hrend dieses \u00dcbergangs muss den Arbeiter*innen der n\u00f6tige sozialstaatliche Schutz und die berufliche Weiterbildung garantiert werden.</p><p>Das sind in keinster Weise unrealistische Forderungen. Es fehlt oft einzig der politische Wille und die politische Kraft dazu, einen solchen \u00dcbergang zu organisieren. Die Regierung hat in diesen Tagen enschieden, die Einf\u00fchrung der <i>plastic tax</i> und der <i>sugar tax</i> hinauszuz\u00f6gern. Dieses Hinausz\u00f6gern steht unseren Interessen nicht aufgrund der fehlenden Staatseinnahmen entgegen \u2013 die tats\u00e4chlichen Einnahmen w\u00e4ren laut den Pl\u00e4nen der Regierung sowieso sehr niedrig \u2013, sondern aufgrund des politischen Signals, das mit dieser Entscheidung ausgesendet wird: die \u00f6kologische Frage \u2013 und somit diejenige des Lebens der Arbeiter*innen \u2013 ist f\u00fcr die Regierung zweitrangig im Vergleich zu den Profitbed\u00fcrfnissen der Unternehmen.</p><p>Die Welt von morgen wird nicht aus einem sowieso unm\u00f6glichen Zur\u00fcck in die Vergangenheit hervorgehen. Eine Vergangenheit, die f\u00fcr viele von uns bereits die \u201eKrankheit\u201c war. Es liegt an uns, daf\u00fcr zu sorgen, dass wir in die f\u00fcr uns richtige Richtung gehen.</p><hr/><p><i>Giuliano Granato ist ein Arbeiter, der aufgrund seines gewerkschaftlichen Aktivismus entlassen wurde. Er ist zudem Mitglied der nationalen Koordination der linken Organisation</i> <a href=\"http://www.poterealpopolo.org/\"><i>Potere al Popolo</i></a><i>.</i></p><p></p><p><i>\u00dcbersetzung von Maurizio Coppola.</i></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Unl\u00e4ngst ist von einer globalen Rezession die Rede, deren Ausma\u00df jener der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre gleicht und global bis zu 200 Millionen Arbeitspl\u00e4tze zu vernichten droht.</p><p>In der Schweiz geht das <a href=\"https://www.seco.admin.ch/seco/de/home/seco/nsb-news.msg-id-78887.html\">Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft</a> von einem R\u00fcckgang des Bruttoinlandsproduktes von etwa sieben Prozent aus. Einen derartigen Einbruch gab es das letzte Mal Mitte der 1970er Jahre w\u00e4hrend des \u201eErd\u00f6lschocks\u201c, in dessen Folge 340.000 hiesige Arbeitspl\u00e4tze vernichtet wurden. Zum Gro\u00dfteil davon betroffen waren migrantische Arbeiter*innen, die sogenannten Saisoniers oder Gastarbeiter*innen und schweizerische Frauen*. 250.000 Gastarbeiter*innen mussten als sogenannte \u201eKonjunkturpuffer\u201c die Schweiz verlassen, da ihnen die befristete Aufenthaltserlaubnis nicht verl\u00e4ngert wurde. Und die schweizerischen Frauen* wurden in die unbezahlte Hausarbeit zur\u00fcck gedr\u00e4ngt.</p><p>Heute nimmt der Bundesrat \u2013 also die Bundesregierung der Schweiz \u2013 65 Milliarden Franken in die Hand und versucht damit alle Spalten zu stopfen, die \u201eder Virus\u201c ins Gef\u00fcge der Gesellschaft rei\u00dft, um die \u00f6konomischen und sozialen Folgen der derzeitigen Krise zu bek\u00e4mpfen.</p><h2><b>Ihr Krisenmanagement \u2013 unsere Forderungen!</b></h2><p>Schweizweit sind bereits 40 Prozent der Arbeiter*innen in Kurzarbeit, w\u00e4hrend weiterhin 2.000 Arbeiter*innen t\u00e4glich ihren Job verlieren. Die offizielle Arbeitslosenquote von 2,5 Prozent vor der Pandemie k\u00f6nnte auf bis zu sieben Prozent ansteigen. Um einen allf\u00e4lligen Einkommensverlust auszugleichen, kann teilweise Anspruch auf Arbeitslosengeld geltend gemacht werden, doch das gilt lange nicht f\u00fcr alle. Die Explosion der Antr\u00e4ge f\u00fcr Sozialhilfe verdeutlichen das: Die Zahl der Neuanmeldungen hat sich in der Deutschschweiz insgesamt <a href=\"https://digitalcollection.zhaw.ch/bitstream/11475/19947/3/2020_Laetsch-Eberitzsch-Brink_Coronastudie-ZHAW.pdf\">vervierfacht</a>. Besonders betroffen sind Arbeiter*innen in prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen wie Stundenl\u00f6hner*innen und Teilzeitangestellte, Alleinerziehende,<i> Working Poor</i>, aber auch Selbstst\u00e4ndigerwerbende. Derweil halten sich migrantische Menschen ohne Arbeitslosenversicherung (ALV) mit der Anmeldung bei den Sozialwerken zur\u00fcck, weil der Bezug von Sozialhilfe durch eine Reihe von Gesetzesrevisionen eine negative Auswirkung auf den Aufenthaltsstatus hat. Die Folge ist, dass Migrant*innen oft in noch prek\u00e4rere Arbeits- und Lebensverh\u00e4ltnisse abdriften und effektiv zu Tagel\u00f6hnern werden, die von der Hand in den Mund leben.</p><ol><li><i>Deshalb ist es jetzt in der Krise von gr\u00f6\u00dfter Dringlichkeit, diese negative Kopplung zwischen Sozialhilfebezug und Aufenthaltsrecht aufzuheben und eine weitere Verelendung der untersten Schichten der Arbeiter*innenklasse zu verhindern!</i></li></ol><p>Teil des Ma\u00dfnahmenpaketes des Bundesrates ist es, der ALV gen\u00fcgend Geld zur Verf\u00fcgung zu stellen, um Kurzarbeitsentsch\u00e4digung (KAE) auszahlen zu k\u00f6nnen. Das ist sehr wichtig. Nur ist dieses Geld eigentlich f\u00fcr die 80-prozentige Lohnfortzahlung der Arbeiter*innen gedacht, die aufgrund der Ma\u00dfnahmen nicht oder nur reduziert arbeiten k\u00f6nnen und nicht daf\u00fcr, dass Firmen, die diese Gelder beantragen, weiterhin Dividenden auszahlen k\u00f6nnen \u2013 was sie aber faktisch tun!</p><ol><li><i>Deshalb braucht es ein Verbot von Dividendenzahlungen f\u00fcr diejenigen Firmen, die Ersatzgelder f\u00fcr Arbeiter*innen von der ALV beziehen!</i></li></ol><p>Au\u00dferdem muss gew\u00e4hrleistet werden, dass diese Gelder dort hinflie\u00dfen, wo es wirklich ben\u00f6tigt wird. Das Problem ist einerseits, dass viele Arbeitgeber*innen sich quer stellen, um keine Pr\u00e4zedenzf\u00e4lle und Verbindlichkeiten f\u00fcr prek\u00e4r angestellte Arbeiter*innen zu schaffen, obwohl die bundesr\u00e4tliche Bestimmung den Anspruch dieser Schichten angesichts der Notlage explizit gew\u00e4hrleistet. Andererseits ist es teilweise f\u00fcr Spitzenverdiener*innen m\u00f6glich, KAE zu beantragen, da der Verdienstausfall f\u00fcr Einkommen von bis zu 148.200 Franken gilt.</p><ol><li><i>Deshalb muss eine effektive Kontrollstelle geschaffen werden, an die sich Arbeiter*innen f\u00fcr den Fall der Verweigerung ihres Anspruchs seitens ihrer Arbeitgeber*innen wenden k\u00f6nnen! Die Einkommensgrenze, bis zu der ein Anspruch wegen Verdienstausfall besteht, muss herabgesetzt werden!</i></li></ol><p>Das reduzierte Einkommen \u2013 wenn es ausgezahlt wird \u2013 bringt gering verdienende Arbeiter*innen in finanzielle Schwierigkeiten, da Mieten und Krankenversicherungspr\u00e4mien weiterhin wie gewohnt gezahlt werden m\u00fcssen. Bisher hat der Bundesrat diesbez\u00fcglich noch nicht interveniert und so die Renten der gr\u00f6\u00dften Immobilienbesitzer*innen der Schweiz garantiert.</p><ol><li><i>Deshalb muss der Bundesrat einen Mietzins- und Pr\u00e4mienerlass f\u00fcr Arbeiter*innen an der unteren Einkommensgrenze erwirken und ein minimales Einkommen f\u00fcr alle Menschen garantieren, die sich in der Schweiz befinden!</i></li></ol><p>Aufgrund der Ma\u00dfnahmen ist von einem Anstieg der Schuldlast im Staatshaushalt die Rede. Das stimmt. Nur muss klar sein, dass der Gro\u00dfteil dieser Schulden auf Liquidit\u00e4ts- und Kreditgarantien f\u00fcr Gro\u00dfunternehmen und Banken entf\u00e4llt, die davon haupts\u00e4chlich <a href=\"https://www.woz.ch/2018/wer-zahlt-die-krise/ein-staat-fuer-die-vermoegenden\">profitieren</a>! Es kommt hinzu, dass der Internationale W\u00e4hrungsfonds (IWF) mit einem Anstieg der Verschuldungsquote in der Schweiz bis Ende 2021 um lediglich sechs Prozent rechnet, das hei\u00dft von einem Anstieg des Staatsdefizits von 40 Prozent auf 46 Prozent ausgeht, was in keinster Weise ein finanzielles Problem darstellt. Nur ein kleiner Teil der 65 Milliarden Franken, n\u00e4mlich 14 Milliarden Franken, wird f\u00fcr die Finanzierung der ALV aufgewendet.</p><ol><li><i>Deshalb muss die Liquidit\u00e4t der ALV unbedingt weiterhin gesichert werden, da sie die juristisch festgelegte j\u00e4hrliche Verschuldungsgrenze von knapp acht Milliarden Franken schon erreicht hat \u2013 statt noch mehr Geld f\u00fcr Banken und Konzerne auszugeben!</i></li></ol><p>Dann steht die Frage im Raum, wem diese Schuldenlast am Ende aufgeb\u00fcrdet werden wird. H\u00f6here Lohnabgaben der Arbeiter*innen an die ALV seien unvermeidbar, sagen die Wirtschaftseliten und warnen gleichzeitig vor den fatalen Folgen allf\u00e4lliger Steuererh\u00f6hungen. Stattdessen m\u00fcsse man jetzt mutig genug sein, um die Diskussion der allgemeinen Erh\u00f6hung des Rentenalters \u201eanzupacken\u201c. Damit machen sie unmissverst\u00e4ndlich klar, wen sie f\u00fcr die Begleichung der Ausgaben zur Kasse beten werden: Den Scherbenhaufen sollen wieder wir Arbeiter*innen zusammenzukehren!</p><p>Und noch zynischer wird es, wenn man sich anschaut, wie seit Wochen alle Wirtschaftsverb\u00e4nde und rechten Kr\u00e4fte den Bundesrat mit der Forderung bombardieren, die Ma\u00dfnahmen aufzuheben und zum gewohnten Alltag zur\u00fcckzukehren. Bezahlen kann man also diesen Verb\u00e4nden nach auch mit der Gesundheit der Arbeiter*innen. Um die r\u00fcckl\u00e4ufigen Profite zu kompensieren, sollen Arbeiter*innen herhalten und zum Ausl\u00f6ser einer zweiten Infektionswelle gemacht werden, die die ohnehin massiv belastete \u00f6ffentliche Gesundheitsstruktur vollends an die Wand fahren w\u00fcrde. Auch hier sollen wieder die Arbeiter*innen die Misere ausbaden.</p><ol><li><i>Deshalb braucht es eine vorsichtige und schrittweise Aufhebung des Lockdowns und eine Verteilung der Schuldenlast auf jene, die von der Krise profitieren!</i></li></ol><p>Dadurch, dass sich das Parlament zu Beginn der Pandemie in der Schweiz Mitte M\u00e4rz selbst in den Lockdown geschickt hat und es den Kommissionen verboten wurde, zu tagen, regiert der Bundesrat seit nun schon sieben Wochen per Dekret. Die einzigen Kr\u00e4fte, die ihn derzeit ma\u00dfgeblich beeinflussen k\u00f6nnen, sind die Lobbyisten der Wirtschaftsverb\u00e4nde. So hat nun also der Bundesrat eine z\u00fcgige Aufhebung des Lockdowns entschlossen und riskiert damit eine zweite Imfektionswelle. Im schlimmsten Fall wird diese zu einem neuen Lockdown und zu noch tiefgreifenderen \u00f6konomischen und sozialen Versch\u00e4rfungen f\u00fchren, als der jetzige. Wenn es um die Wurst geht, dann steht auch in der Schweiz der Kapitalismus \u00fcber der Demokratie.</p><ol><li><i>Deshalb muss das Parlament wieder tagen! Der ma\u00dflosen Lobbypolitik muss im Sinne der Demokratie Einhalt geboten werden!</i></li></ol><p>Im Rahmen der Zweiten Phase der Lockerung wurde am 29. April auch die Grenze f\u00fcr den Familiennachzug von EU-B\u00fcrgern wieder ge\u00f6ffnet \u2013 nicht aber f\u00fcr \u201eAngeh\u00f6rige von Drittstaaten\u201c. Au\u00dferdem bleiben die Schengengrenzen zu, womit es im Moment keine M\u00f6glichkeit gibt, Asyl in der Schweiz zu beantragen. Man kann die Ungleichheit in dieser Situation also schlicht auch dadurch versch\u00e4rfen, indem einfach nichts getan wird!</p><ol><li><i>Darum m\u00fcssen wir die Situation der ohnehin entrechteten Menschen mit besonders kritischem Blick pr\u00fcfen und ihre Ungleichbehandlung bek\u00e4mpfen!</i></li></ol><h2><b>Nicht auf unserem R\u00fccken!</b></h2><p>\u201eGewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die St\u00e4rke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen\u201c, hei\u00dft es in der Pr\u00e4ambel der Verfassung der Schweiz. Wir machen uns nichts vor, denn angesichts der herrschenden Krise ist es klarer denn je: Wir migrantischen Arbeiter*innen k\u00f6nnen als schw\u00e4chstes Glied der Arbeiter*innenklasse von unserer Freiheit keinen Gebrauch machen, denn niemand braucht unsere Arbeitskraft.</p><p>Wir arbeiten in denjenigen Branchen, in denen die prek\u00e4rsten Verh\u00e4ltnisse herrschen und die von der Krise am st\u00e4rksten betroffen sind. Wir fallen als Erste. Arbeitslosigkeit betrifft uns bis zu f\u00fcnf Mal so stark wie nicht-migrantische Arbeiter*innen, weil wir oft die Arbeit verrichten, die sonst niemand unter den herrschenden Bedingungen verrichten will. Wir wissen, dass die Arbeitgeber*innen uns benutzen, um die L\u00f6hne, trotz der von Jahr zu Jahr steigenden Profite, zu dr\u00fccken und niedriger zu halten, als sie eigentlich sein k\u00f6nnten und sollten. Wir wissen, dass sie uns Arbeiter*innen spalten und unseren migrantischen Teil als Abschreckung f\u00fcr den Rest benutzen, dass sie auf uns zeigen und sagen: \u201eDa k\u00f6nnt ihr sehen, was aus euch wird, wenn ihr euch nicht f\u00fcgt!\u201c. Wir sind das Ende der Fahnenstange: Unsere Sozialrechte sind eingeschr\u00e4nkt, und erst recht unsere politischen Rechte; heute m\u00fcssen wir mehr denn je um unser Aufenthaltsrecht bangen.</p><p>Und was ist mit den tausenden illegalen Arbeiter*innen, die auf dem schweizerischen Arbeitsmarkt effektiv ihren Platz haben, die unter den schlechtesten Bedingungen arbeiten, aber keinen Arbeitsvertrag bekommen und keinen ordentlichen Aufenthalt beantragen k\u00f6nnen? Was ist mit den vielen illegalisierten migrantischen Arbeiterinnen in den Privathaushalten, die Betreuungsarbeit unter prek\u00e4rsten Umst\u00e4nden leisten? Was ist mit dem Gesetz, dass gleiche Arbeit gleich entlohnt werden muss? Was passiert mit diesen Frauen*, deren ohnehin unsicheres Einkommen angesichts der Krise nun ganz und gar auf der Kippe steht?</p><p>Was ist mit den vielen Gefl\u00fcchteten, die noch nicht einmal so frei sind, ihre Arbeitskraft unter normalen Verh\u00e4ltnissen verkaufen zu k\u00f6nnen? Sie werden zu Zeiten der Pandemie in den Kollektivunterk\u00fcnften ihrem Schicksal \u00fcberlassen, ohne dass auch nur im Ansatz f\u00fcr die hygienischen Minimalstandards gesorgt w\u00e4re.</p><p>Angesichts der herrschenden Lage sagen wir: Wir sind keine Konjunkturpuffer! Wir bezahlen die Kosten der Krise nicht, indem wir uns abschieben lassen, um die Arbeitslosenzahlen zu senken; indem wir auf unseren Lohn verzichten oder mit unserer Gesundheit herhalten! Wir Frauen* ziehen uns nicht wieder in die unentgeltliche Hausarbeit zur\u00fcck, um den Arbeitsmarkt zu entlasten; wir stemmen die ganze Betreuungs- und Pflegearbeit nicht wieder allein! Wir entrechteten migrantischen Arbeiter*innen und Gefl\u00fcchtete verharren nicht im Schatten der Illegalit\u00e4t, sondern fordern unsere legitimen Rechte!</p><p>Mit Brecht gr\u00fc\u00dfen wir den Kampf aller Arbeiter*innen und sagen: \u201eUnsere Herren, wer sie auch seien, sehen unsre Zwietracht gern. Denn solang sie uns entzweien, bleiben sie doch unsre Herrn\u201c.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/wir-sind-keine-konjunkturpuffer/", "id": "https://revoltmag.org/articles/wir-sind-keine-konjunkturpuffer/", "author": {"name": "ROTA - Migrantische Selbstorganisation", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-05-01T11:14:47.805986+00:00", "date_modified": "2020-05-13T12:40:32.467154+00:00", "tags": ["re:claim", "re:wire", "corona", "antirassismus", "migrantische k\u00e4mpfe", "krise", "1. 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Wir haben mit unterschiedlichen politischen Solidarit\u00e4tsstrukturen in Deutschland gesprochen, was der \u201eAusnahmezustand\u201c f\u00fcr sie und ihre Arbeit bedeutet: Wer wird die Last dieser Krise zu schultern haben? Welche Formen der Solidarit\u00e4t gibt es angesichts sich versch\u00e4rfender sozialer Ungleichheit - und was ist jetzt die Aufgabe einer radikalen Linken?</p><p>Wir ver\u00f6ffentlichen die Beitr\u00e4ge, die wir dazu erhalten haben, im Kontext der Mobilisierung zum Ersten Mai, dem internationalen Arbeiter*innenkampftag.</p><hr/><p></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h2>Teil 1 unserer Video-Reihe \u201eViraler Kapitalismus? Was Tun!\u201c</h2><p><b>\u201eUnsere Form der Organisierung so ausrichten, dass wir jederzeit k\u00e4mpfen k\u00f6nnen\u201c</b></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-html\">\n        <div style=\"padding:56.25% 0 0 0;position:relative;\"><iframe src=\"https://player.vimeo.com/video/412465549?title=0&byline=0&portrait=0\" style=\"position:absolute;top:0;left:0;width:100%;height:100%;\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen\" allowfullscreen></iframe></div><script src=\"https://player.vimeo.com/api/player.js\"></script>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><hr/><p><i>&quot;Nat\u00fcrlich erfordert die jetzige Situation einen bewussten Umgang oder auch Einschr\u00e4nkungen, aber eben keine Handlungsunf\u00e4higkeit oder Passivit\u00e4t, gerade nicht f\u00fcr uns als Linke. Gerade jetzt ist es f\u00fcr uns wichtig, dass wir aktiv sind, wiederst\u00e4ndig und k\u00e4mpferisch, und vor allem auch unsere Strukturen so aufstellen und unsere Form der Organisierung so ausrichten, dass wir jederzeit k\u00e4mpfen k\u00f6nnen. Denn eines ist klar, dass die kommenden Auseinandersetzungen knallharte Verteilungsk\u00e4mpfe werden, und nicht irgend ein Kaffeekr\u00e4nzchen. Es gibt keine Pause im Klassenkampf.&quot;</i></p><p><b>Solidarisches Stuttgart</b> <a href=\"https://solidarisches-stuttgart.org\">solidarisches-stuttgart.org</a></p><p></p><hr/><p></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h2>Teil 2 unserer Video-Reihe \u201eViraler Kapitalismus? Was Tun!\u201c</h2><p><b>\u201eDie Krise kann nicht auf unserem R\u00fccken ausgetragen werden. Die Reichen m\u00fcssen zahlen\u201c</b></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-html\">\n        <div style=\"padding:56.25% 0 0 0;position:relative;\"><iframe src=\"https://player.vimeo.com/video/413008265?title=0&byline=0&portrait=0\" style=\"position:absolute;top:0;left:0;width:100%;height:100%;\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen\" allowfullscreen></iframe></div><script src=\"https://player.vimeo.com/api/player.js\"></script>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><hr/><p><i>\u201eMenschen werden zunehmend in systemrelevant und verzichtbar, in n\u00fctzlich und unn\u00fctz eingeteilt. das ist gef\u00e4hrlich, denn es unterst\u00fctzt sozialchauvinistische Denkweisen. Es liegt an uns, aufeinander zu achten. Denn gleichzeitig zeigt uns der b\u00fcrgerlich-kapitalistische Staat aktuell, dass er kein Interesse am Schutz von Menschenleben hat, sondern lediglich den Kollaps eines sowieso schon kaputten Systems verhindern m\u00f6chte. Was aus der Krise zu lernen ist, m\u00fcssen wir von links deutlich machen.\u201c</i></p><p><b>H\u00e4nde weg vom Wedding</b> <a href=\"https://www.unverwertbar.org\">www.unverwertbar.org</a></p><p></p><hr/><p></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h2>Teil 3 unserer Video-Reihe \u201eViraler Kapitalismus? Was Tun!\u201c</h2><p><b>&quot;Wir m\u00fcssen uns zusammenschlie\u00dfen und zusammen k\u00e4mpfen, solidarisch und entschlossen&quot;</b></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-html\">\n        <div style=\"padding:56.25% 0 0 0;position:relative;\"><iframe src=\"https://player.vimeo.com/video/413237447?color=556B2F&title=0&byline=0&portrait=0\" style=\"position:absolute;top:0;left:0;width:100%;height:100%;\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen\" allowfullscreen></iframe></div><script src=\"https://player.vimeo.com/api/player.js\"></script>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><hr/><p><i>\u201eDer Ausnahmezustand zeigt sich daran, dass hundert Menschen eng zusammen in einem Versandzentrum arbeiten m\u00fcssen, es aber verboten ist, drau\u00dfen dagegen zu protestieren. [\u2026] Ausnahmezustand hei\u00dft, dass wir erstens f\u00fcr die Krise der Reichen bezahlen und das zweitens das auch noch still und leise hinnehmen sollen. Normal ist, dass wir uns dagegen wehren, zusammen auf der Stra\u00dfe.&quot;</i></p><p><b>Solidarit\u00e4tsnetzwerk (Freiburg [ K\u00f6ln | Cottbus)</b> <a href=\"https://soli-net.de\">soli-net.de</a></p><p></p><hr/><p></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Viele Aktivist*innen hatten den Termin bereits im Kalender freigehalten und sich \u00fcber den Themenkomplex der fossilen Industrie informiert. Das l\u00e4sst sich nun nutzen.</i></p><p></p><p>Inmitten der Corona-Pandemie erleben wir eine Welle des aufkommenden Online-\u201eAktivismus\u201d. F\u00fcr viele Menschen ist damit die Hoffnung verbunden, sich dabei politisch sinnvoll bet\u00e4tigen zu k\u00f6nnen. Dies f\u00fchrt bei einigen zu einem R\u00fcckzug ins Internet, da das Netz in vielen L\u00e4ndern einen der letzten verbleibenden \u00f6ffentlichen R\u00e4ume darstellt. Die virtuellen Initiativen zeigen: Auch in diesen schwierigen Zeiten sind viele Menschen willens, sich f\u00fcr soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Dennoch sind die Online-Kampagnen unzul\u00e4nglich. Vielen Aktivist*innen sind sich der Problematik bewusst, dass es sich, allein historisch betrachtet, als viel erfolgreicher erweist, Unterdr\u00fcckung auf anderen Wegen zu bek\u00e4mpfen, als es alle Online-Likes, Shares und Views zusammen verm\u00f6gen. Mit Blick vor allem auf den Bereich der niederl\u00e4ndischen Klimabewegung, auf die Appelle an Vernunft und Gewissen, oder die offensive Verteidigung: Wie sehen Umgang und Strategien von Aktivist*innen derzeit aus?</p><h2>Fossile Brennstoffe verursachen die Klimakrise, nicht ein Mangel an Likes</h2><p>In den Umweltgruppen sind viele Aktivist*innen verunsichert, was w\u00e4hrend der Corona-Ausgangssperren zu tun sei. Dies f\u00fchrt bei einigen zu einem R\u00fcckzug ins Internet, da dieses in vielen L\u00e4ndern einer der letzten verbleibenden \u00f6ffentlichen R\u00e4ume darstellt. Infolgedessen beobachten wir auch in diesem Bereich eine starke Zunahme von Online-Aktivit\u00e4ten der Aktivist*innen. Diese fallen recht unterschiedlich in Form und Inhalt aus. Die niederl\u00e4ndische Sektion von <i>FridaysForFuture</i> beschloss beispielsweise, ihren Streik am 3. April online durchzuf\u00fchren. Die Aktivist*innen riefen <a href=\"https://fridaysforfuture.nl/digital-strike/\">dazu auf</a>, Selfies mit Protestschildern in den sozialen Medien zu ver\u00f6ffentlichen, um damit das Bewusstsein f\u00fcr die Klimakrise zu erh\u00f6hen. Die Sektion von <i>Extinction Rebellion</i> und die niederl\u00e4ndische progressive NGO <i>De Goede Zaak</i> (\u201eDie Gute Sache\u201d, Anm. Red.) starteten eine Petition namens \u201eGeen Poen Zonder Plan\u201c (\u201eKein Geld ohne Plan\u201d). <a href=\"https://actie.degoedezaak.org/petitions/geen-poen-zonder-plan\">Sie fordern von der Regierung</a> unter anderem, Unternehmen nur dann finanziell zu unterst\u00fctzen, wenn sie konkrete Pl\u00e4ne vorweisen, ihre Auswirkungen auf das globale Klima zu senken \u2013 etwa, indem sie ihre Investitionen in fossile Brennstoffe beenden, ihre Belegschaften sch\u00fctzen und in eine Green Economy investieren.</p><p>Die Initiativen zeigen: Auch in diesen schwierigen Zeiten sind viele Menschen willens, sich f\u00fcr soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Dennoch sind diese Online-Kampagnen unzul\u00e4nglich. Das die Aktionen dennoch unzul\u00e4nglich sind, liegt an der zugrunde liegenden Strategie. Zumeist basieren sie n\u00e4mlich auf der liberalen Idee des \u00fcberlegenen Arguments <b>[1]</b>, nach dem die Welt durch das \u00fcberzeugendere Argument zu ver\u00e4ndern sei. Es handelt sich um einen sehr dominanten politischen Ansatz \u2013 zumindest unter Aktivist*innen mit Universit\u00e4tsabschl\u00fcssen, die nicht direkt von unertr\u00e4glicher Ungerechtigkeit betroffen sind. Liberale erkennen zwar an, dass es in unserer Gesellschaft Zust\u00e4nde gibt, welche ge\u00e4ndert werden m\u00fcssen. Ihrer Ansicht nach brennen auch Politiker*innen, Konzerne und die Machthaber*innen nur darauf, Informationen \u00fcber diese Ungerechtigkeiten zu erhalten. Wenn diese Informationen nur ihr Geh\u00f6r f\u00e4nden, so die \u00dcberzeugung, w\u00fcrden die Herrschenden eifrig zuh\u00f6ren und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter alles in ihrer Macht Stehende zur Verbesserung der Lage tun.</p><p>Es ist keine \u00dcberraschung, dass dieser Ansatz nicht funktioniert. Obwohl der Treibhausgaseffekt in der akademischen Welt und dar\u00fcber hinaus seit 1896 <b>[2]</b> bekannt und sehr gut nachgewiesen ist, f\u00fchrte dies nicht dazu, fossile Brennstoffe im Boden zu lassen. Auch hat es beispielsweise den \u00d6l-Multi Shell nicht daran gehindert, ganze L\u00e4nder zu kolonisieren, um mit dem globalen Export fossiler Brennstoffe Milliarden zu verdienen. Shell wird nicht aufh\u00f6ren, nur weil wir sagen, dass der Multi auf einem Irrweg ist. Er wird dann damit aufh\u00f6ren, wenn er von uns gestoppt wird. Hierbei bleiben aber die meisten Onlinekampagnen zahnlose Tiger.</p><p>Im Gegensatz zu dieser liberalen Auffassung von Politik besteht eine lange Tradition verschiedener radikaler Ans\u00e4tze. In diesen wird vorausgesetzt, dass die Reichen und M\u00e4chtigen ihre Privilegien nicht freiwillig aufgeben werden. In jenen Ans\u00e4tzen wird die gesellschaftliche Verfassung im st\u00e4ndigen Wandel gesehen. Die gesellschaftliche Entwicklung entfaltet sich aus Konflikten zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Akteur*innen (marxistisch: antagonistische Klassenverh\u00e4ltnisse). Aus den Konflikten gehen auch (unterdr\u00fcckerische) soziale Strukturen hervor; zum Beispiel das Patriarchat, White Supremacy, Ableism und so weiter. Radikale streben an, diese unterdr\u00fcckerischen Strukturen abzubauen, statt sie zu reformieren. Wir werden nicht auf eine bessere Behandlung warten.</p><h2><b>Es ist ein Marathon, kein Sprint</b></h2><p>Wir m\u00fcssen demokratische Gegenmacht aufbauen, um Ungerechtigkeiten gemeinsam zu stoppen. Gegenmacht aber entsteht dann, wenn Menschen, die sich dem Kampf f\u00fcr ihre Befreiung verschrieben haben, zusammenkommen und untereinander verl\u00e4ssliche Bindungen und Beziehungen aufbauen <b>[3]</b>. Am Arbeitsplatz praktische Solidarit\u00e4t zu \u00fcben, oder ein Frauen*haus am Laufen zu halten, erfordert ganz andere F\u00e4higkeiten als eine Onlinekampagne. Das Engagement hat damit einen l\u00e4nger anhaltenden Einfluss, als die Arbeit daran, einen Flashmob viral werden zu lassen.</p><p>Gegenmacht aufzubauen dauert mitunter l\u00e4nger als ein Bachelor-Abschluss. Es handelt sich um keinen zeitlichen Sprint, sondern um einen Marathonlauf. Um nur einige internationale Beispiele zu nennen: Die s\u00fcdmexikanischen Zapatistas bereiteten sich zehn Jahre lang versteckt im lakadonischen Urwald vor, ehe sie am Neujahrestag 1994 den offenen Aufstand begannen <b>[4]</b>. Der Revolution in der nordsyrischen Region Rojava ging jahrzehntelange Aufbauarbeit in D\u00f6rfern voraus <b>[5]</b>. Ganz gleich also, wie dr\u00e4ngend der Kampf gegen Klimaungerechtigkeiten auch ist; die systematische Unterdr\u00fcckung durch Patriarchat, Kolonialismus, Kapitalismus und Rassismus dauert schon seit vielen Jahrhunderten an. Es hat Ewigkeiten gedauert, diese Unterdr\u00fcckungssysteme zu entwickeln. F\u00fcr ihre Abschaffung ben\u00f6tigen wir einen wahrscheinlich ebenso langen Atem <b>[6]</b>.</p><p>Gegenmacht aufzubauen hei\u00dft, langfristige <a href=\"https://revoltmag.org/articles/eine-kurze-geschichte-der-klimagerechtigkeit/\">tragf\u00e4hige Strukturen des Widerstands</a> zu schaffen. W\u00e4hrend wir diesen \u201eradikalen\u201d Artikel \u00fcber radikale Politik schreiben, bek\u00e4mpft die <i>Gulabi Gang</i> seit \u00fcber einem Jahrzehnt Missbrauch und h\u00e4usliche Gewalt in Indien. Hierzu bilden Frauen Selbstverteidigungskommandos. Sie trainieren Stockkampf und gr\u00fcnden Nachbarschaftsgerichte, um so zugunsten der Opfer direkt gegen h\u00e4usliche Gewalt vorzugehen <b>[7]</b>. Ein lokaleres, im Allgemeinen weithin unbekanntes Beispiel f\u00fcr Gegenmacht ist die <i>Rode Hulp</i> der 1930er Jahre in Groningen. Die Organisation half Tausenden von Kommunist*innen und Antifaschist*innen, der Verfolgung in Nazi-Deutschland zu entkommen. In Zusammenarbeit mit dem kommunistischen Untergrund in Deutschland wurde internationale Solidarit\u00e4t so zu einer lebensrettenden Praxis <b>[8]</b>. Diese Beispiele beweisen, dass selbst unter den widrigsten Bedingungen gew\u00f6hnliche Menschen Unterdr\u00fcckung wirksam bek\u00e4mpfen k\u00f6nnen. Was bedeuten die Beispiele aus der weltweiten Geschichte f\u00fcr unsere aktuelle Situation \u2013 oder anders: Was ist zu tun?</p><h2><b>Radikal anders</b></h2><p>Radikale Graswurzelpolitik kann nicht durch Online-Kampagnen oder Petitionen ersetzt werden. Selbstverst\u00e4ndlich brauchen wir schriftliche und theoretische Arbeit, und diese Arbeit kann auch online entstehen oder verbreitet werden. Um uns zu organisieren, brauchen wir Infoabende, Leserunden, Texte und Debatten, online oder offline. Auch m\u00fcssen Informationen \u00fcber unsere Vorhaben \u00fcber unsere direkten Netzwerke hinaus verbreitet werden. F\u00fcr verschiedene Anl\u00e4sse und Zielgruppen eignen sich dabei verschiedene Mittel und Wege \u2013 Flyer, Graffiti, Kunst, B\u00fccher, Blogs und so weiter. Unz\u00e4hlige Dinge k\u00f6nnen wir auch jetzt tun, ohne eine gro\u00dfe Menschenmenge auf einmal versammeln zu m\u00fcssen. Seien wir kreativ!</p><p>In anderen politischen K\u00e4mpfen wird hier bereits mit viel Kraft vorgelegt: Im norditalienischen Mailand <a href=\"https://revoltmag.org/articles/ausz%C3%BCge-einer-chronik-aus-mailand-in-zeiten-von-corona/\">initiierten Militante</a> die <i>Brigade Volontarie per l&#x27;emergenza</i>, die armen Menschen angesichts des sozialen Zusammenbruchs, der mit der Corona-Krise und einer gleichg\u00fcltigen Regierung einherging, Unterst\u00fctzung anbietet. Unterdessen streiken Erwerbst\u00e4tige in ganz Italien f\u00fcr Gesundheitsschutz und soziale Sicherheit, und es kommt zu einer Welle von Gef\u00e4ngnisrevolten. Radikale in Venedig und vielen anderen St\u00e4dten organisieren <a href=\"https://revoltmag.org/articles/ein-brief-aus-italien/\">Netzwerke gegenseitiger Hilfe</a>, die sich vor allem auf prek\u00e4re Arbeitnehmer*innen im Logistiksektor, in Callcentern und der Landwirtschaft konzentrieren. In Frankfurt am Main und an vielen anderen Orten wurden <a href=\"https://revoltmag.org/articles/solidarit%C3%A4t-hei%C3%9Ft-solidarit%C3%A4t-f%C3%BCr-alle/\">Kundgebung</a>en, mit der Forderung, die Festung Europa zu \u00f6ffnen, organisiert: #LeaveNoOneBehind im Mittelmeer. Die Demonstrant*innen standen dabei im \u00f6ffentlichen Raum im Abstand von jeweils 2,50 Metern. Gefl\u00fcchtete Frauen*, die in einem \u00fcberf\u00fcllten Lager auf der griechischen Insel Lesbos festsitzen, begannen damit, <a href=\"https://wirkommen.akweb.de/2020/03/wie-die-bewohnerinnen-des-fluechtlingslagers-moria-gegen-das-corona-risiko-kaempfen/\">Gesichtsmasken zu n\u00e4hen</a>. Gleicherma\u00dfen f\u00fcr Gefl\u00fcchtete, wie auch f\u00fcr die griechischen Inselbewohner*innen.</p><p>Unsere Erkenntnis: Diese Aktivit\u00e4ten basieren auf bereits bestehenden Beziehungen und Strukturen und erreichen deshalb weit mehr als reine Internetagitation. Solange das gegenw\u00e4rtige Onlinefieber zudem auf liberalen Ideen gr\u00fcndet, werden wir damit keine Klimagerechtigkeit erreichen. Als Radikale wollen wir Gegenmacht aufbauen, die in den Communities verankert ist, um Unterdr\u00fcckung zu beenden. Onlinetools k\u00f6nnen bei radikalen Bildungs-, Organisations- und Mobilisierungsstrategien helfen, aber sie sind kein Selbstzweck.</p><h2><b>Was ist radikale Klimapolitik?</b></h2><p>Im Herbst 2018 hatte die deutsche Polizei enorme Schwierigkeiten bei der R\u00e4umung des Hambacher Forsts. Nachdem Hebeb\u00fchnen, gl\u00fccklicherweise ohne Personenschaden, abgebrannt waren, trauten sich Leihfirmen in Deutschland nicht mehr, der Polizei Hebeb\u00fchnen f\u00fcr die R\u00e4umung der Baumh\u00e4user zu vermieten. Schlie\u00dflich konnte die deutsche Polizei dann doch noch, in den Niederlanden bei der Firma Boels, Hebeb\u00fchnen mieten \u2013 offensichtlich au\u00dferhalb der Reichweite von deutschen Umweltautonomen. Beispielhaft lie\u00dfe sich der Radius dieser Form von autonomer Gegenmacht \u00fcber Landesgrenzen hinweg deutlich durch den Aufbau von internationalen und vertrauensvollen Beziehungen der Klimabewegung im Stil der historischen <i>Roden Hulp</i> erweitern. Au\u00dferdem wird hier deutlich, dass selbst fossile Gro\u00dfkonzerne wie RWE oder Shell sehr verwundbar sind. Ohne kooperationswillige Gesch\u00e4ftspartner*innen k\u00f6nnen die Multis offensichtlich noch nicht einmal eine Hebeb\u00fchne zum Fensterputzen ausleihen. Auch in Corona-Zeiten lassen sich derartige Zusammenh\u00e4nge recherchieren und m\u00f6gliche Aktionen vorbereiten.</p><p>Zahllose weitere Beispiele bietet die Geschichte und Gegenwart der Anti-Atombewegung. So gaben Wendlandveteran*innen 2017 auf einem Klimacamp Gleisblockade-Workshops. Aus pers\u00f6nlichen Beziehungen erwuchsen so Strukturen von Gegenmacht. Diese Beziehungen m\u00fcssen auch in Corona-Zeiten gepflegt und ausgeweitet werden. Warum nicht in Corona-Zeiten als Erntehelfer*in auf den Feldern um die Kohlekraftwerke herum anheuern und so die Gegend besser kennenlernen?</p><p>Mittelfristig versprechen gemeinsame K\u00e4mpfe von Klimaaktivist*innen und den wohlwollenden Teilen der Belegschaften von Shell (und Konsorten) Erfolge. Hierzu braucht es konkrete, ausgearbeitete Entw\u00fcrfe f\u00fcr eine radikale Abwicklung fossiler Industrien und die zeitgleiche Entwicklung attraktiverer, interessanterer und sinnvollerer Arbeitspl\u00e4tze, welche auf eine sozial und \u00f6kologisch w\u00fcnschenswerte Zukunft hinwirken. Die Ausarbeitung solcher Projekte und die n\u00f6tige Recherchearbeit sind auch in Coronazeiten sehr gut m\u00f6glich \u2013 jetzt vielleicht hier und da sogar mehr denn je. Letzten Endes liegt die Macht in jedem Unternehmen bei den Arbeitenden: Sollten mal die Kohlebaggerfahrer*innen streiken, ist <i>Ende Gel\u00e4nde!</i> auch ohne Massenaktion m\u00f6glich. Doch die Lohnabh\u00e4ngigen im Bergbau werden sich erst auf die Klimabewegung einlassen, wenn diese ihnen eine bessere Zukunftsstrategie bieten kann (als die fossilen Konzerne). Lokf\u00fchrer*innen, die Kohlez\u00fcge fahren, k\u00f6nnen genauso gut andere G\u00fcter- oder Personenz\u00fcge fahren. Mechaniker*innen oder Techniker*innen aus den fossilen Industrien k\u00f6nnten stattdessen Stra\u00dfenbahnen, Fahrr\u00e4der oder landwirtschaftliche Ger\u00e4te instandhalten. Ingenieur*innen k\u00f6nnten anstatt neuer Projekte, den R\u00fcckbau fossiler Infrastruktur und deren Entsorgung und Recycling planen und \u00fcberwachen. Wie die Coronakrise zeigt, hat auch der Staat genug Geld f\u00fcr alle m\u00f6glichen Transformationsprozesse, solange der politische Druck vorhanden ist. Warum nicht eigentlich f\u00fcr die Abwicklung von Shell und Co.?</p><h2><b>Handlungs-Perspektiven in Zeiten von Corona</b></h2><p>Wir m\u00fcssen uns zusammen auf die Seite der Unterdr\u00fcckten stellen und eine umfassende Analyse der politischen Situation leisten. Diese wird uns schlie\u00dflich helfen, erfolgreiche Strategien zu entwickeln, um den Status Quo anzugehen \u2013 und zwar w\u00e4hrend, wie auch nach Corona \u2013 oder vor dem n\u00e4chsten Ausnahmezustand. Die Ausbeutung von Communities und nat\u00fcrlichen Ressourcen zwecks Profit durch den globalen Neoliberalismus geht weiter. Shell und Konsorten etwa werden weiterhin in der Erde herumbohren, ganz gleich, ob wir bestens informiert allein zu Haus sitzen oder nicht.</p><p>Da Versammlungen und Massenaktionen in den bisherigen Formaten gerade nicht durchsetzbar sind, scheint die Stunde der Kleingruppenaktionen geschlagen zu haben: Aus Freundeskreisen k\u00f6nnen in den eigenen vier W\u00e4nden Bezugsgruppen geformt, je nach Wollen und K\u00f6nnen vielseitige Aktionen vorbereitet und durchgef\u00fchrt werden. Auch in Corona-Zeiten sind Spazierg\u00e4nge m\u00f6glich. Die perfekte Gelegenheit, um fossile Infrastruktur auszukundschaften. Davon gibt es n\u00e4mlich sehr viel in Stadt und Land. Nicht nur die Aktion\u00e4r*innenversammlung macht Shell als Konzern aus, sondern auch jede Menge andere Geb\u00e4ude, Anlagen, Verladestationen und so weiter. Scouting, Recherche und Vorbereitung lassen sich gut direkt heute noch angehen. Die Umsetzung von Kleingruppenaktionen gelingt derzeit vielleicht noch besser als sonst \u2013 und auch k\u00fcnftige gr\u00f6\u00dfere Aktionen k\u00f6nnen schon jetzt vorbereitet werden.</p><p>Bislang ungeschlagene Champions in der praktischen Abwicklung fossiler Industrie sind die seit 2016 aktiven <i>Niger Delta Avengers</i> (NDA). Die Avengers sind eine klandestine, gut (aus-)gebildete Guerillaeinheit, welche organisiert und systematisch vorgeht: Mittels leichter Waffen und Schnellboote zerst\u00f6ren sie die Erd\u00f6linfrastruktur von Shell und Chevron in Nigeria. Ihr Ziel ist es, den Export von Erd\u00f6l aus Nigeria g\u00e4nzlich zu stoppen und Kompensationen f\u00fcr die jahrzehntelangen Zerst\u00f6rungen durch die Erd\u00f6lf\u00f6rderung zu erzwingen. Aufgrund ihrer Angriffe sank der Erd\u00f6lexport Nigerias so tief wie seit 20 Jahren nicht mehr \u2013 zeitweise um \u00fcber 40 Prozent <b>[9]</b>. Es ist auch in unseren Breitengraden unm\u00f6glich, s\u00e4mtliche fossile Infrastruktur l\u00fcckenlos vor Angriffen der Klimabewegung zu sch\u00fctzen. Wer lange genug sucht, wird Schwachpunkte finden: Online oder offline.</p><p>Weltweit sind tagt\u00e4glich Menschen auf unterschiedliche Weise im Kampf gegen die Zerst\u00f6rung von Natur- und Lebensgrundlagen, sowie die Klimakrise aktiv. Was wird erst m\u00f6glich werden, wenn sich all diese K\u00e4mpfe besser miteinander verkn\u00fcpfen, um gegen das fossile Kapital und dessen Verbrennen fossiler Ressourcen vorzugehen? Von der Dakota-Access-Pipeline in Nordamerika zu den Anti-Steinkohle-K\u00e4mpfen von Indigenen in Kolumbien oder Australien, bis hin zur Erd\u00f6lf\u00f6rderung in Nigeria, den Raffinerien in den Niederlanden, oder deutschen Tagebauen und Kraftwerken? Den Plan f\u00fcr die neue Klima-Internationale k\u00f6nnen wir schon mal zu Hause aushecken; und ebenso die Vernetzung mit Mitstreiter*innen und Genoss*innen weltweit.</p><p>Wir bereiten uns vor. Wir organisieren uns<b> [10]</b>. Wir werden versuchen, scheitern, reflektieren, weiter versuchen...und k\u00e4mpfen, bis wir gewinnen!</p><p></p><hr/><p><i>Merel ist seit Jahren in der niederl\u00e4ndischen Klimabewegung aktiv. Jakobus arbeitet in der \u00f6kologischen Landwirtschaft und nimmt an Aktionen der Klimabewegung teil. Eine Version ihres Artikels erschien unter</i> <a href=\"https://code-rood.org/en/2020/04/13/corona-clicktivism-does-not-bring-climate-justice/\"><i>\u201eCorona Clicktivism Does Not Bring Climate Justice\u201d</i></a><i> auf der Seite des B\u00fcndnisses Code Rood.</i></p><hr/><h2><b>Anmerkungen</b></h2><p><b>[1]</b> Im gesamten Text beziehen wir uns auf das Gegensatzpaar <i>liberal / radical,</i> welches im Englischen weiterverbreitet ist als im Deutschen. Die Begriffe reformistisch / revolution\u00e4r, oder linksliberal / linksradikal sind m\u00f6gliche Ann\u00e4herungen. Das Gegensatzpaar Liberal / Radikal wird ausf\u00fchrlich von Lierre Keith im Buch \u201eDeep Green Resistance\u201c dargestellt: S.61-112 (2011) von Aric McBay, Lierre Keith und Derrick Jensen. Seven Stories Press. New York. Das Buch ist auch online <a href=\"https://deepgreenresistance.net/en/resistance/civilization/civilization-irredeemable/%20inklusive%20%C3%9Cbersichtstabelle%20zum%20Liberal/RadikalSplit\">vollst\u00e4ndig einsehbar</a>. Eine k\u00fcrzere Zusammenfassung auf Deutsch findet sich auf S.150ff. in \u201eNachhaltig aktiv sein und bleiben\u201c (2019) von Timo Luthmann. Unrast Verlag. M\u00fcnster.</p><p><b>[2]</b> Der schwedische Wissenschaftler Svente Arrhenius publizierte als Erster 1896 einen <a href=\"https://www.rsc.org/images/Arrhenius1896_tcm18-173546.pdf\">wissenschaftlichen Artikel</a>, in dem er den Einfluss von industriell ausgesto\u00dfenem CO2 auf die Erdatmosph\u00e4re berechnete: \u201eOn the Influence of Carbonic Acid in the Air upon the Temperature of the Ground\u201c. In: Philosophical Magazine and Journal of Science Series 5, Volume 41, April 1896, pages 237-276. Die deutschen und englischen <a href=\"https://de.wikipedia.org/wiki/Svante_Arrhenius\">Wikipedia-Artikel</a> geben einen \u00dcberblick \u00fcber sein Leben.</p><p><b>[3]</b> Die \u201e11 Thesen\u201c vom <i>Kollektiv! Bremen</i> bieten einen <a href=\"https://de.indymedia.org/node/9708\">inspirierenden Vorschlag</a> f\u00fcr eine revolution\u00e4re Organisierung in der Gegenwart. Mit dem Fokus auf Bewegungen f\u00fcr Klimagerechtigkeit bietet das auch das Brosch\u00fcrenprojekt <a href=\"https://organizingcoolstheplanet.wordpress.com/about-organizing-cools-the-planet/\">Organizing Cools the Planet</a> aus Nordamerika und die deutsche Adaption <a href=\"http://www.wurzelnimtreibsand.de/\">Wurzeln im Treibsand</a> von ausgeco2hlt.</p><p><b>[4]</b> Die Website der EZLN in <a href=\"http://enlacezapatista.ezln.org.mx/\">mexikanischem Spanisch</a> und ihr mehrsprachiger <a href=\"https://radiozapatista.org/?page_id=3365&amp;lang=en\">Radiosender</a>.</p><p><b>[5]</b> Zur Geschichte der kurdischen Freiheitsbewegung in Rojava ein Artikel des kurdischen <a href=\"https://www.yxkonline.org/2019/07/21/7-jahre-rojava-revolution/\">Studierendenverbandes YXK</a>.</p><p><b>[6]</b> Bereits 2009 ver\u00f6ffentlichte die <i>Bundeskoordination Internationalismus</i> (Buko) hierzu den Artikel \u201e<a href=\"https://www.buko.info/fileadmin/user_upload/doc/projekte/klima_assoe_09.pdf\">Vergesst Kopenhagen, die Katastrophe ist l\u00e4ngst da</a>\u201c. Darin wird ein vorschneller \u201eKatastrophismus\u201d kritisch hinterfragt.</p><p><b>[7]</b> Zur <a href=\"https://gulabigang.in/history.php\">Website</a> und <a href=\"https://gulabigang.in/videos.php\">Videos</a> der <i>Gulabi Gang</i>.</p><p><b>[8]</b> <i>Rode Hulp</i> \u2013 De opvang van Duitse Vluchtelingen in Groningerland 1933-1940 von IPSO-geschiednisgroep Groningen (Redaktion: Ruud Weijdeveld). 1986. Groningen. Seit letztem Jahr ist auch eine deutsche \u00dcbersetzung erh\u00e4ltlich: IPSO-Geschichtsgruppe Groningen. Rode Hulp (Rote Hilfe) Die Aufnahme deutscher Fl\u00fcchtlinge im Groningerland 1933-1940. 2018. Hans-Gerd Wendt.</p><p><b>[9]</b> Mehr Infos dazu auf <a href=\"http://www.nigerdeltaavengers.org/\">deren Homepage</a>, sowie beim britischen <a href=\"https://guardian.ng/opinion/the-threat-by-niger-delta-avengers/\"><i>Guardian</i></a><i>,</i> oder der <a href=\"https://www.bbc.com/news/world-africa-36414036\"><i>BBC</i></a><i>.</i></p><p><b>[10]</b> F\u00fcr konkrete erste Schritte zur Gr\u00fcndung einer Klimagruppe empfehlen die Autor*innen die entsprechende <a href=\"https://interventionistische-linke.org/solidarity-will-win\">Brosch\u00fcre der <i>interventionistischen Linken</i> (iL)</a>. Und zur weiteren Organisierung unter dem Ausnahmezustand einer Pandemie <a href=\"https://www.stroomversnellers.org/campagne-voeren-in-een-pandemie/\">diesen Artikel</a> (<i>Stromversnellers</i>, Campagne voeren in een Pandemie).</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Dieses Mal ist es eine Pandemie, die alles ins Trudeln bringt, und damit den Ausbruch der Krise vorwegnimmt. Doch was auch immer die Ausl\u00f6ser nun sein m\u00f6gen \u2013 ob nun partiell oder wie bereits 2008 allgemein, ob territorial einigerma\u00dfen begrenzt oder global: \u00d6konomische Krisen sind offensichtlich ein fester Bestandteil der auf Profit und Markt ausgerichteten Gesellschaftsordnung.</p><p>Die Besonderheiten der jeweiligen Krisenverl\u00e4ufe einmal au\u00dfen vorgelassen, sind die allgemeinen Muster von verbl\u00fcffender \u00c4hnlichkeit. Zun\u00e4chst wirtschaftliche Erholung mit Krediten zur Finanzierung des Aufschwungs. Dann folgt beschleunigtes Wachstum und Euphorie. Schlie\u00dflich Kursst\u00fcrze, Panikverk\u00e4ufe, Zusammenbruch und massenhafte Insolvenzen. W\u00e4hrend in den zyklischen Wachstumsperioden die Wirtschaftsliberalen die gefragten Talkshowg\u00e4ste sind, schl\u00e4gt in der Krise stets die Stunde der Protektionist*innen und Keynesianer*innen. T\u00e4glich gr\u00fc\u00dft das Murmeltier!</p><h2><b>Funke \u2026</b></h2><p>Auch jetzt rufen alle wieder nach Staatshilfen. Von den (Solo-)Selbstst\u00e4ndigen \u00fcber den Mittelstand bis zum transnationalen Unternehmen, von der Szenekneipe bis zu Apple und VW: Unternehmen drosseln die Produktion oder stellen sie ganz ein. L\u00f6hne werden gek\u00fcrzt, massenhaft Erwerbst\u00e4tige auf die Stra\u00dfe gesetzt. Das Bruttosozialprodukt und der \u00d6lpreis st\u00fcrzen ab, Pleitewellen sind im Anmarsch. Der IWF rechnet mit der gr\u00f6\u00dften Krise seit der Gro\u00dfen Depression und die Konjunktur- und Rettungsprogramme \u00fcbersteigen in ihrem Umfang bereits jetzt alle bis hierher bekannten.</p><p>Dass der Krisenausl\u00f6ser dieses Mal eine Pandemie ist, bringt neben diesen allgemeinen Mustern nat\u00fcrlich Besonderheiten (hierzulande) unbekannten Ausma\u00dfes mit sich: Ausgangssperren, Quarant\u00e4ne, Mobilmachung der Armee. Erh\u00f6hte Repressionsma\u00dfnahmen des Staates und drastische Einschnitte in die Rechte der Lohnabh\u00e4ngigen sind zwar oft Begleiterscheinungen \u00f6konomischer Krisen \u2013 aber wer sollte sich trauen, diese im Zeichen des grassierenden Virus in Frage zu stellen? Der herrschenden Politik ist es zuvor schon gelungen den Gesundheitssektor und die Krankenh\u00e4user ohne st\u00e4rkeren politischen Gegenwind kaputt zu sparen. Die (Sp\u00e4t)folgen der letzten Krisenbew\u00e4ltigung werden nun schmerzlich sp\u00fcrbar und die sozialen Abwehrk\u00e4mpfe m\u00fcssen wohl oder \u00fcbel auf die Tage nach der Ausbreitung des Virus verschoben werden.</p><p>Doch eine Frage dr\u00e4ngt nach Beantwortung: Sollten wir \u00fcberhaupt noch von g\u00e4ngigen zyklischen Krisen sprechen? Oder m\u00fcssen wir nicht vielmehr, was die derzeitige gesellschaftliche Entwicklung betrifft, bereits von einer allgemeinen Krise, einer Krise in Permanenz reden? Denn auch wenn die mediale \u00d6ffentlichkeit allem Anschein nach immer nur ein Thema zur selben Zeit behandeln kann, sollten wir nicht vergessen, dass wir gerade erst damit angefangen hatten, endlich \u00fcber die Klimakrise und ihre dramatischen Auswirkungen zu debattieren. Nicht nur die Rekordwerte unserer \u201ewinterlichen\u201c Temperaturen sollten daran erinnern, dass die Klimakrise eben kein mediales Intermezzo war. Vielmehr gehen wir unentwegt und mit Siebenmeilenstiefeln auf irreversible Kipppunkte des \u00d6kosystems zu. Ab diesen werden verst\u00e4rkende R\u00fcckkopplungen einsetzen, die zu einem Lawineneffekt werden d\u00fcrften. Erinnert sei hier nur kurz an das arktische Meereis, den gr\u00f6nl\u00e4ndischen Eisschild oder die tauenden Permafrostgebiete. Sind unsere derzeitigen Notstandsgesetze vielleicht nur ein Vorgeschmack auf das, was uns erwartet, wenn die Wetterextreme \u00fcber uns hereinbrechen und die Reichen und Sch\u00f6nen sich in ihren wetterfesten Luxusbunkern verschanzen werden? Vor uns die Sintflut, nur leider \u201erettet uns kein h\u00f6heres Wesen\u201c...</p><h2><b>\u2026und Pulverfass</b></h2><p>Wirtschaftskrise, nicht bew\u00e4ltigte Staatsschuldenkrise, Klimakrise, riesige Migrations- und Fluchtbewegungen, deren sozialen Ursachen oft schon durch klimatische Ver\u00e4nderungen befl\u00fcgelt wurden, und nun also eine Pandemie unerwarteten Ausma\u00dfes. Der gemeinsame Nenner dieser Krisen ist ein globales Wirtschaftssystem, in welchem dem Streben nach maximalem Profit alles andere untergeordnet werden muss. Wir befinden uns in einer Situation, bei der Mensch und Natur auf kurz oder lang zwangsl\u00e4ufig unter die R\u00e4der kommen m\u00fcssen. Unendliches profitgesteuertes Wachstum ist n\u00e4mlich nicht vereinbar mit den planetaren Grenzen, die gerade \u00fcberschritten werden.</p><p>Aber profitgeleitetes Wachstum l\u00e4sst sich unter Marktbedingungen nicht einfach abschalten, denn Unternehmer*innen, die bei dem Streben nach Profitmaximierung nicht mitmachen, k\u00f6nnen auf dem Markt nicht bestehen und gehen unter. Dieser Mechanismus ist die objektive Ursache f\u00fcr den grenzenlosen Drang nach Profit und dem Streben nach stetigem Wachstum. &#x27;Profite first!&#x27; \u2013 \u00d6kologie- und Gesundheitssysteme bestenfalls &#x27;second&#x27; \u2013 und auch dann nur, soweit die Absicherung des Profits das erfordert. Denn Produktion fu\u0308r einen Markt hei\u00dft immer und zwangsl\u00e4ufig durch Konkurrenz vermittelte, unkontrollierte, unkoordinierte, also letztlich planlose Produktion und deren r\u00fccksichtslose Erweiterung. Selbst wenn der Markt \u00fcberschaubar w\u00e4re, w\u00fcrde weiterhin jedes Unternehmen versuchen, seine Konkurrent*innen aus dem Feld zu schlagen. Sowohl das \u00d6kosystem, als auch die Gesundheit und das Leben der Lohnabh\u00e4ngigen sind dem zwangsl\u00e4ufig untergeordnet.</p><p>Die kapitalistische Dynamik hat die Produktivkr\u00e4fte bis zu einem Punkt nie gekannter Entwicklungen und M\u00f6glichkeiten entwickelt. Von der Globalit\u00e4t, der Vernetzung und der Digitalisierung bis hin zur Automatisierung. Andererseits stehen wir gerade kurz vor dem Abgrund. Aber gibt es tats\u00e4chlich keine Alternativen zu einem Hineingeworfen oder -gesto\u00dfen werden? Auch wenn Geschichte sich nicht wiederholt, so kann ihre Betrachtung doch die Blicke f\u00fcr heutige M\u00f6glichkeiten sch\u00e4rfen. Von Interesse sollte in diesem Zusammenhang sein, was Karl Marx und Friedrich Engels bereits in jungen Jahren \u00fcber das Aufkommen und den Durchbruch des B\u00fcrgertums, der Bourgeoisie, gegen das feudale Mittelalter schilderten:</p><p><i>\u201eDie Produktions- und Verkehrsmittel, auf deren Grundlage sich die Bourgeoisie heranbildete, wurden in der feudalen Gesellschaft erzeugt. Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung dieser Produktions- und Verkehrsmittel entsprachen die Verh\u00e4ltnisse, worin die feudale Gesellschaft produzierte und austauschte, die feudale Organisation der Agrikultur und Manufaktur, mit einem Wort die feudalen Eigentumsverh\u00e4ltnisse den schon entwickelten Produktivkr\u00e4ften nicht mehr. Sie hemmten die Produktion, statt sie zu f\u00f6rdern. Sie verwandelten sich in ebenso viele Fesseln. Sie mu\u00dften gesprengt werden, sie wurden gesprengt.\u201c</i></p><p>Was damals die feudalen, sind heute die b\u00fcrgerlichen Eigentumsverh\u00e4ltnisse. Sie sind zu Fesseln geworden, was die weit hinter dem Entwicklungsstand zur\u00fcckbleibende Pharmaforschung und die unzureichende Versorgung mit Medikamenten schlagend beweisen. Erst wenn diese Fesseln und mit ihnen der Zwang zur Profitakkumulation aufgehoben wird, besteht die M\u00f6glichkeit, mit den notwendigen und den zur Verf\u00fcgung stehenden Arbeiten und Arbeitskr\u00e4ften, sowie den nat\u00fcrlichen und menschengemachten Ressourcen zu rechnen und zu planen. W\u00fcrden die Produktionsmittel der gesamten Gesellschaft geh\u00f6ren, k\u00f6nnte so geplant werden, dass alle arbeiten, daf\u00fcr aber weniger. Es k\u00f6nnte so gewirtschaftet werden, dass die Grenzen des \u00d6kosystems ganz oben auf der Priorit\u00e4tenliste st\u00e4nden - denn Profit und Markt w\u00e4ren beseitigt. Auch der Gesundheitssektor k\u00f6nnte endlich den Stellenwert bekommen, der ihm geb\u00fchrt. Pandemien und schreckliche Krankheiten lie\u00dfen sich mit voller Kraft erforschen und bek\u00e4mpfen. W\u00fcrden sie dann \u00fcberhaupt noch auftreten? Die neueren Infektionskrankheiten haben ihre Wurzel fast ausnahmslos im Niedergang der Artenvielfalt und der kapitalistischen Form der Landnutzung, also Monokulturen, r\u00fccksichtslose Rodung der W\u00e4lder und \u00fcberbeanspruchte B\u00f6den.</p><p>Tats\u00e4chlich m\u00fcssten auch bei assoziierter Produktion im Falle einer Pandemie alle eine Weile zu Hause bleiben. Aber niemand m\u00fcsste zum Beispiel darum f\u00fcrchten, nach dieser Zeit seinen Job zu verlieren. Denn wo nicht der Profit Sinn und Ma\u00dfstab der Produktion ist, sondern das Erzeugen n\u00fctzlicher Gebrauchsg\u00fcter, gibt es keinen Grund Produktionsst\u00e4tten zu schlie\u00dfen, auch wenn diese eine Zwangspause einlegen m\u00fcssten.</p><p>Wir k\u00f6nnen es drehen und wenden wie wir wollen. Was auch immer die Leistungen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft waren, die \u201eEigentumsverh\u00e4ltnisse entspr[e]chen [\u2026] den schon entwickelten Produktivkr\u00e4ften nicht mehr\u201c. Ergo m\u00fcssen sie gesprengt werden!</p><h2><b>Wer nicht k\u00e4mpft, hat schon verloren</b></h2><p>Die gute Nachricht: Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses ist objektiv soweit fortgeschritten, dass zumindest theoretisch ein gutes Leben f\u00fcr alle m\u00f6glich w\u00e4re. Und die Schlechte? Anders als von Kautsky bis Ulbricht vermutet, gibt es kein heimliches Drehbuch f\u00fcr geschichtliche Entwicklungen und keine Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten im menschlichen Handeln. Die wichtigste Produktivkraft aber ist, und genau das haben die genannten deutschen Sozialisten str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigt, der Mensch. Anders gesprochen: Nur wenn in und durch die Krise das massenhafte Bewusstsein entsteht, das eine andere Welt nicht nur m\u00f6glich, sondern mittlerweile dringend n\u00f6tig ist, kann der Durchbruch zu assoziierten Gesellschaft gelingen.</p><p>Im Zeichen der Corona-Bek\u00e4mpfung hat Angela Merkel vermeintlich ein Paradoxon entdeckt: Nur durch Abstand zu Anderen k\u00f6nnten wir heute unsere Solidarit\u00e4t unter Beweis stellen. Was tiefgr\u00fcndig daherkommt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung bez\u00fcglich eines grassierenden Virus als banale empirische Beschreibung des Offensichtlichen. Der eigentliche Widerspruch dagegen sitzt tiefer. Die Gesellschaft, deren erstes Wort die Konkurrenz ist, ruft pl\u00f6tzlich nach Solidarit\u00e4t. Dabei haben wir alle, die wir in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind, zun\u00e4chst einmal nur gelernt, uns um den eigenen Arsch zu k\u00fcmmern. Beim Kampf ums Klopapier ist dieses Credo dieser Tage recht eindr\u00fccklich zu beobachten. Was dem ein oder anderen diesbez\u00fcglich noch ein Schmunzeln \u00fcber die Lippen jagt, ist in anderen Weltgegenden schon bedrohlicher geworden. Hier schnellen bereits, bedingt durch die Coronapanik, Waffenk\u00e4ufe in die H\u00f6he: Ein Schalk, wer B\u00f6ses dabei denkt.</p><p>Also \u201eGame Over\u201c? Wenn wir der b\u00fcrgerlichen Apologetik vertrauen, die in ihrer grenzenlosen Ignoranz den <i>homo economicus</i>, also den Menschen, wie er sich in der von ihr vertretenden Gesellschaftsordnung entwickelt hat, mit dem <i>homo sapiens</i> gleichsetzt, dann unbedingt. Gehen wir diesen Trugschluss nicht mit, sehen wir \u2013 neben den ungeahnten neuen technischen M\u00f6glichkeiten \u2013 auch gesellschaftliche Entwicklungen, die durchaus hoffen lassen: Massive sozialen K\u00e4mpfe in Frankreich und Chile, die globale Klimabewegung, die K\u00e4mpfe von Mieter*innen, oder die beginnenden Corona-Streiks f\u00fcr tempor\u00e4re Betriebsschlie\u00dfungen und bessere Sicherheitsstandards. \u00dcberall stehen, mal mehr mal weniger hervorgehoben, das b\u00fcrgerliche Eigentum und die blind w\u00fctenden Marktgesetze zur Debatte.</p><p>Wie also werden sich die Menschen in der Krisenentwicklung verhalten? Welche Strukturen schaffen und aufbauen? Welche K\u00e4mpfe f\u00fchren, welche Niederlagen erleiden und welche Schl\u00fcsse daraus ziehen? Wir wissen es nicht. Aber dass mittlerweile alle Varianten von halbherzigen &#x27;L\u00f6sungen&#x27; und national beschr\u00e4nkten &#x27;Kompromissen&#x27; dahin schmelzen, wie das Polareis, stellt zumindest eine Chance dar. Ebenso der Aspekt, dass in der Krise offensichtlich wird, wie unf\u00e4hig die Marktprinzipien sind, die anstehenden Probleme zu l\u00f6sen und zu koordinieren: Ob bei der Entwicklung von Medikamenten, oder der Versorgung mit Krankenhausbetten. Zumindest nach \u201emehr Markt\u201c oder der \u201eunsichtbaren Hand\u201c kr\u00e4ht pl\u00f6tzlich niemand mehr.</p><p>\u201eDie Alternative zu globaler Freiheit und Gerechtigkeit ist die weltweite H\u00f6lle\u201c haben Dietmar Dath und Barbara Kirchner vor einigen Jahren mit so viel Berechtigung wie Pathos formuliert. Verbl\u00fcffend ist lediglich, wie schnell die Wirklichkeit dazu dr\u00e4ngt, sich zwischen diesen beiden M\u00f6glichkeiten entscheiden zu m\u00fcssen. Aber wie hei\u00dft es doch so sch\u00f6n; nur wer nicht k\u00e4mpft hat schon verloren. In diesem Sinne: The future is unwritten!</p><p></p><hr/><p><i>Christian Hofmann und Philip Broistedt schreiben auf</i> <a href=\"https://assoziation.info\">assoziation.info</a>. <i>Im September 2020 erscheint ihr Buch \u201eGoodbye Kapital\u201c im Papy Rossa Verlag.</i></p><p></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Mit Ablauf des 10. April 2020 sprechen wir von <a href=\"https://ncov2019.live/\">weltweit</a> fast 1,7 Millionen registrierten Infizierten und von \u00fcber 100.000 Toten. Die Dunkelziffer der Infizierten d\u00fcrfte allerdings deutlich h\u00f6her liegen. Dieser Umstand l\u00e4sst die Letalit\u00e4tsrate des Virus zwar vermutlich niedriger ausfallen: Es sterben also prozentual gesehen weniger infizierte Menschen an SARS-CoV-2, als es uns im Verh\u00e4ltnis zu den offiziellen Zahlen erscheint. Gleichzeitig bedeutet die Dunkelziffer aber, dass die Verbreitungsgeschwindigkeit des Virus immens ist. <a href=\"https://www.kinder-verstehen.de/mein-werk/blog/corona-ist-nicht-gefaehrlicher-als-die-grippe/\">Sie \u00e4hnelt</a> mit hoher Wahrscheinlichkeit der der Spanische Grippe von vor \u00fcber 100 Jahren, an der weltweit zehn Millionen Menschen starben. Au\u00dferdem ist die Dunkelziffer der <a href=\"https://www.heise.de/tp/features/In-der-Lombardei-gibt-es-viel-mehr-mit-Corona-verbundene-Tote-als-offiziell-gemeldet-4695910.html\">Todesf\u00e4lle</a> noch gar nicht gekl\u00e4rt; sie scheint ebenfalls recht hoch zu sein. In den besonders betroffenen Regionen \u2013 <a href=\"http://www.euromomo.eu/\">ob das nun</a> Spanien, Italien, Frankreich, die Schweiz <a href=\"https://public.flourish.studio/visualisation/1812248/\">oder</a> New York ist \u2013 schnellt die \u201eExzessmortalit\u00e4t\u201c, also das Mehr an Todesf\u00e4llen \u00fcber einen Durchschnitt im Vergleichszeitraum der letzten Jahre hinaus, massiv in die H\u00f6he. Aus all diesen Gr\u00fcnden ist SARS-CoV-2 mit keiner noch so schweren saisonalen Grippe zu vergleichen. Wir befinden uns am Beginn einer weltweiten Pandemie.</p><p>Die aktuelle Lage wird von der bundesdeutschen Regierung sowie den Landesregierungen genutzt, um sich in unterschiedlichem Ma\u00dfe am Repertoire des Ausnahmezustands zu bedienen. Neben einer generellen gesellschaftlichen L\u00e4hmung scheinen auch weite Teile der Linken in eine Schockstarre gefallen zu sein: Obgleich sich viele von ihnen der historischen Z\u00e4sur und der m\u00f6glichen Schlagkraft dieser Krise bewusst werden, k\u00e4mpfen sie mit Kommunikationsproblemen, der Atomisierung ganzer Zusammenh\u00e4nge und der Suche nach passenden <i>praktischen</i> und in der Jetztzeit <i>umsetzbaren</i> linken Antworten auf die Versch\u00e4rfung gesellschaftlicher und politischer Auswirkungen durch SARS-CoV-2. Es herrscht eine weitverbreitete Ratlosigkeit, wie politische Organisation und Praxis \u2013 auch au\u00dferhalb der virtuellen Netzwerke, im \u00f6ffentlichen Raum \u2013 gew\u00e4hrleistet werden kann; etwa dar\u00fcber, wie eine Praxis des Umgangs mit den staatlichen Ma\u00dfnahmen aussehen k\u00f6nnte, die auch \u00fcber ganz kleinteilige Solidarit\u00e4tsarbeit im Nahbereich hinausgeht. Welchen Weg haben wir also vor uns? Welche politischen Analysen von links m\u00fcssen wir angesichts dieses Szenarios anstellen, um uns aus der politischen Passivit\u00e4t zu l\u00f6sen?</p><h2><b>Durch den H\u00f6llenschlund: Das globale Gesundheitssystem</b></h2><p>Die Infiziertenzahlen wachsen fast \u00fcberall exponentiell, wie jede_r mittlerweile wissen d\u00fcrfte. Es besteht die Gefahr, dass kaputt gesparte Gesundheitssysteme weltweit einbrechen \u2013 in Italien, Spanien, Gro\u00dfbritannien, den USA und Frankreich ist dies teilweise schon der Fall. Am schwersten scheint es vor allem jene Gesundheitssysteme des globalen Nordens zu treffen, die durch exzessive neoliberale Sparma\u00dfnahmen und weitgehende Privatisierungen <a href=\"https://www.zeitschrift-luxemburg.de/im-jahr-der-pandemie/\">kaum noch</a> technische, personelle und finanzielle <a href=\"https://www.jacobinmag.com/2020/04/coronavirus-covid-19-crisis-capitalism-disaster\">Kapazit\u00e4ten</a> haben, um die hohen Fallzahlen aufzufangen. Die L\u00e4nder des globalen S\u00fcdens, denen in der Mehrheit diese materiellen Mittel f\u00fcr ein umfassendes Gesundheitssystem erst gar nicht zur Verf\u00fcgung standen, stehen vor einer humanit\u00e4ren Katastrophe, deren Ausma\u00df noch nicht abzusehen ist. <a href=\"https://www.versobooks.com/blogs/4623-this-is-a-global-pandemic-let-s-treat-it-as-such\">Schon jetzt</a> sind sie von der Weltwirtschaftskrise am h\u00e4rtesten betroffen. Die Fotos von leidlich abgedeckten Toten in den Stra\u00dfen ecuadorianischer St\u00e4dte, die k\u00fcrzlich um die Welt gingen, lassen aber bereits erahnen, wie verheerend das Virus im Trikont (in Afrika, Lateinamerika und Teilen des asiatischen Kontinents) w\u00fcten wird.</p><p>In den durch das Virus ersch\u00fctterten Krisen\u00f6konomien des globalen Nordens wird derweil das Krankenhauspersonal mit <a href=\"https://www.spiegel.de/international/germany/the-big-wave-of-corona-cases-will-hit-german-hospitals-in-10-to-14-days-a-45cd754c-e179-4dbb-8caf-8f6074e641cf\">vollkommen ungen\u00fcgenden</a> Vorkehrungsma\u00dfnahmen in die Bresche geschickt. \u00dcberstunden bis zur v\u00f6lligen Ersch\u00f6pfung \u2013 oder eben der eigenen Covid-19 Infektion \u2013 werden Normalzustand. Die Anforderungen an das Krankenhauspersonal, die Fehler und Missst\u00e4nde eines <a href=\"https://www.zeit.de/arbeit/2020-04/gesundheitswesen-coronavirus-krankenhaus-unterfinanzierung-personal/komplettansicht\">kaputtgesparten</a>, marktorientierten Gesundheitssystems zu kaschieren oder nun daf\u00fcr mit <a href=\"https://m.tagesspiegel.de/wirtschaft/das-arbeitszeitgesetz-wird-gelockert-laenger-arbeiten-in-der-krise/25723938.html\">12-Stunden-Tagen</a> einzustehen, sind enorm. In den von der EU-Troika kaputt privatisierten L\u00e4ndern werden bereits jetzt nur noch diejenigen zur Behandlung ausgew\u00e4hlt, die gr\u00f6\u00dfere \u00dcberlebenschancen haben. Andere Menschen werden angesichts der \u00dcberlastung der Gesundheitssysteme in den Tod geschickt. Die Anzahl an Beatmungsger\u00e4ten, die den Unterschied zwischen Tod und \u201enur\u201c schwerem Krankheitsverlauf bei Covid-19 ausmachen k\u00f6nnen, ist \u00fcberall sehr beschr\u00e4nkt. Mittlerweile ist klar, dass nicht nur \u201esehr alte Menschen\u201c von den Folgen der Erkrankung betroffen sind: <a href=\"https://www.theatlantic.com/ideas/archive/2020/03/young-people-are-not-immune-coronavirus/608794/\">In den USA</a> sind 40 Prozent der ins Krankenhaus eingelieferten Personen zwischen 20-54 Jahre alt, sie beanspruchen 14 Prozent aller Intensivbetten. Es trifft vor allem die Menschen jeden Alters, die \u00fcbliche \u201eVolkskrankheiten\u201c wie beispielsweise Diabetes, COPD oder Bluthochdruck aufweisen, oder Menschen mit geschw\u00e4chtem Immunsystem. Mit diesen Krankheiten lassen sich normalerweise Jahre, wenn nicht Jahrzehnte leben; diese Menschen stehen nicht alle, wie der neue sozialdarwinistische Zynismus meint, sowieso \u201ekurz vor dem Tod\u201c. Zudem lassen sich <a href=\"https://www.quarks.de/gesundheit/medizin/langzeitschaeden-von-covid-19-was-wir-wissen-und-was-nicht/\">Langzeitsch\u00e4den</a>, <a href=\"https://medium.com/@tomaspueyo/coronavirus-the-hammer-and-the-dance-be9337092b56\">Mutation</a> des Virus und <a href=\"https://www.scmp.com/news/china/science/article/3078840/coronavirus-low-antibody-levels-raise-questions-about\">Effektivit\u00e4t</a> von Immunreaktionen noch <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-health-coronavirus-southkorea/south-korea-reports-recovered-coronavirus-patients-testing-positive-again-idUSKCN21S15X\">gar nicht genau</a> absch\u00e4tzen.</p><p>Gerade deshalb \u2013 und entgegen aller Verschw\u00f6rungstheorien, die von einer Inszenierung oder einem Kalk\u00fcl der \u201eHerrschenden\u201c sprechen \u2013 mag es auf den ersten Blick vielleicht verwundern, warum insbesondere die Staaten des Westens so langsam und beh\u00e4big auf das Virus reagierten. Erste F\u00e4lle wurden in Europa schlie\u00dflich schon Mitte Januar gemeldet. <a href=\"https://www.who.int/docs/default-source/coronaviruse/situation-reports/20200121-sitrep-1-2019-ncov.pdf\">Zu diesem Zeitpunkt</a> hatten die chinesischen Beh\u00f6rden auch schon l\u00e4ngst \u00fcber die Gefahren des Virus informiert. Statt zu handeln, t\u00f6nte es \u00fcber alle Kan\u00e4le, man sei gut vorbereitet. Das Virus sei letztlich wie eine Grippe; man solle in den Auswirkungen nicht \u00fcbertreiben. Als sich Covid-19 dann ab Anfang M\u00e4rz \u2013 bedingt durch den <a href=\"https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/id_87525436/coronavirus-von-ischgl-verbreitete-sich-covid-19-in-ganz-europa.html\">Skitourismus</a>, Festivals, <a href=\"https://www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/corona-virus-zusammenfassung-donnerstag-100.html\">Karneval</a>, Fu\u00dfball und \u00e4hnliche Gro\u00dfereignisse \u2013 rasend schnell in Europa verbreitete und die Situation in Norditalien schon unglaublich heftig war, da zauderten viele europ\u00e4ische Regierungen noch immer. Wie ist das zu erkl\u00e4ren?</p><h2>\u201eAkkumuliert! Akkumuliert! Das ist Moses und die Propheten!\u201c (Marx)</h2><p>Es hat einen ganz handfesten Grund, warum diese Staaten so sp\u00e4t \u2013 und dann auch noch recht inkonsequent \u2013 reagiert haben. Er nennt sich kapitalistische Akkumulation. <b>[1]</b> Schnell war klar, auch aus <a href=\"https://unherd.com/2020/03/the-scientific-case-against-herd-immunity/\">historischen Erfahrungen</a>, dass die weitestgehend m\u00f6gliche Verringerung k\u00f6rperlicher Kontakte zwischen Menschen \u2013 als <i>Social</i> oder <i>Physical Distancing</i> bekannt \u2013 das effektivste Mittel ist, die Beschleunigung der Pandemie aufzuhalten. Ziel ist, Zeit zu gewinnen, um weiterf\u00fchrende Ma\u00dfnahmen (bis hin zu einer k\u00fcnftigen Impfung) zu ergreifen. Die Kontaktvermeidung kann allerdings nur durch Eingriffe in den Wirtschaftskreislauf umgesetzt werden. Das geschah dann auch, in Deutschland ab Anfang M\u00e4rz. Mit gravierenden \u00f6konomischen Folgen: <a href=\"https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/coronavirus-bundesregierung-hilfen-1.4854452\">Unterschiedliche Prognosen</a> f\u00fcr die Bundesrepublik gehen mittlerweile von einem Wirtschaftseinbruch zwischen drei und 20 Prozent und von einer Steigerung des Staatsdefizits von mindestens 15 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Der Internationale W\u00e4hrungsfonds (IMF) geht <a href=\"https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/weltwirtschaftskrise-iwf-rechnet-wegen-corona-pandemie-mit-schwerster-krise-seit-der-grossen-depression-a-7ef62a83-683f-4bbe-b529-7b10a3e0c844\">mittlerweile</a> von der schwersten Weltwirtschaftskrise seit 1929 aus. Es ist offensichtlich, dass sich Kapitalist*innen und ihre Staaten um ein solches Szenario dr\u00fcckten.</p><p>Gleichzeitig: In einem 17-seitigen, geleakten \u201e<a href=\"https://www.abgeordnetenwatch.de/blog/informationsfreiheit/das-interne-strategiepapier-des-innenministeriums-zur-corona-pandemie\">Expert*innen-</a>Papier\u201c des Bundesinnenministeriums wird ein Szenario entworfen, in dem eine unkontrollierte Explosion der Pandemie bis zu zwei Millionen Tote und einen Zustand der \u201e<a href=\"https://taz.de/Strategiepapier-des-Innenministeriums/!5675014/\">Anarchie</a>\u201c hervorbringen k\u00f6nne. Das liegt selbstverst\u00e4ndlich auch nicht im Sinne kapitalistischer Akkumulation, noch der dominanten politischen und wirtschaftlichen Machtakteur*innen im Staatsapparat. \u00c4hnliche machttaktische \u00dcberlegungen d\u00fcrften die wohl gro\u00dfm\u00e4uligsten und wirkm\u00e4chtigsten \u201eCorona-Truther\u201c des Planeten, die rechten Pr\u00e4sidenten Donald Trump (USA), Jair Bolsonaro (Brasilien) und Boris Johnson (Gro\u00dfbritannien), dazu gebracht haben, von der Strategie der \u201e<a href=\"https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/covid-19-herdenimmunitaet-coronavirus-1.4852026\">Herdenimmunit\u00e4t</a>\u201c abzuweichen. Diese Strategie ist ein grob fahrl\u00e4ssiges Szenario, in dem unabsch\u00e4tzbar viele Tote und Gesch\u00e4digte in Kauf genommen w\u00fcrden. Aber nur wenige Wochen nach dem Eingest\u00e4ndnis ihrer Notwendigkeit pochen in Europa, wie auch in den USA, unterschiedliche Teile der (neoliberalen) Bourgeoisie nerv\u00f6s darauf, die Ma\u00dfnahmen endlich zu beenden.</p><h2><b>Erst die Ware, dann das Menschenleben</b></h2><p>Im Ringen um das Zur\u00fcckfahren der Ma\u00dfnahmen wird klassischerweise auf die Folgen f\u00fcr \u201edie Wirtschaft\u201c verwiesen. Der texanische Vize-Gouverneur Dan Patrick (Republikaner) war nur der konsequenteste unter diesen <a href=\"https://www.stern.de/politik/ausland/vize-gouverneur-von-texas--senioren-wuerden-fuer-die-wirtschaft-ihr-leben-riskieren-9195702.html\">Stimmen</a>, als er US-amerikanische Senior*innen in einem Interview aufforderte, f\u00fcr ihre Enkel (beziehungsweise \u201edie Wirtschaft\u201c) zu sterben. Wissenschaftler*innen rechnen schon methodisch penibel genau <a href=\"https://thenextrecession.wordpress.com/2020/04/06/lives-or-livelihoods/\">aus</a>, wann es sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt, ein Leben zu retten. In Deutschland sind es <a href=\"https://www.neues-deutschland.de/artikel/1134907.linke-debatte-corona-krise-nicht-den-kompass-verlieren.html\">neoliberale Kr\u00e4fte</a>, allen voran die FDP unter ihrem zuletzt krisengebeutelten Bundesvorsitzenden Christian Lindner, die nun politische Morgenluft wittern. Die FDP fordert, der Warenverkehr d\u00fcrfe nicht zu Lasten gesundheitspolitischer Ma\u00dfnahmen behindert werden. Praktisch hei\u00dft das: Die Produktion und die Wertsch\u00f6pfung muss unter allen Umst\u00e4nden aufrecht erhalten werden. Profit vor dem Menschenleben der lohnabh\u00e4ngigen Klassen.</p><p>Dass jedoch Warenverkehr nicht ohne jene ausgebeuteten Klassen, die die Werte erst schaffen, funktioniert, leuchtet den Neoliberalen ein. Dies ist vor allem in der Agrarindustrie zu sp\u00fcren. Die Beschr\u00e4nkung des Personenverkehrs auf europ\u00e4ischer Ebene trifft beispielsweise die Landwirtschaft schwer \u2013 und dort vor allem die niedrigentlohnten Saisonarbeiter*innen, von denen ein Gro\u00dfteil Frauen* sind. F\u00fcr sie gibt es keine Rettungspakete. Nun werden Ausnahmen f\u00fcr bulgarische und rum\u00e4nische Arbeiter*innen geschaffen: Sie sollen die auf den Feldern der Republik zur Arbeit gehen k\u00f6nnen, um den heiligen Spargel \u201ezu retten\u201c. Die eilig herbeigerufenen Arbeiter*innen, die auch <a href=\"https://revoltmag.org/articles/jeglicher-reformismus-ist-zum-scheitern-verurteilt/\">in Spanien</a> und Italien h\u00e4ufig illegalisiert und ohne jeglichen arbeitsrechtlichen Mindestschutz arbeiten, stellen in der europ\u00e4ischen Landwirtschaft als billige und meist entrechtete Arbeitskr\u00e4fte das R\u00fcckgrat der hiesigen Lebensmittelversorgung dar. Eine Zuspitzung wurde mit dem <a href=\"https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-03/erntehelfer-deutschland-coronavirus-landwirtschaft-julia-kloeckner-arbeitslose-gefluechtete\">Aufruf</a> der Landwirtschaftsministerin zur Arbeit von in Deutschland befindlichen Gefl\u00fcchteten und Erwerbslosen in der Ernte ins Spiel gebracht. Die Spirale der sowieso schon prek\u00e4ren Saisonarbeiten dreht sich weiter nach unten: noch billiger, noch entrechteter, noch schneller verf\u00fcgbar.</p><p>In allen kapitalistischen Staaten, insbesondere aber in jenen des Westens, k\u00f6nnen wir gerade sehen, wie die Regierungen angesichts der Corona-Krise je nach Risikoeinsch\u00e4tzung und -wagnis versuchen, sich irgendwo zwischen kurzfristigen und mittel- bis langfristigen Interessen der kapitalistischen Akkumulation zu positionieren. Dabei wird im Vorgehen auf den durchschnittlich minimalsten Schaden kalkuliert. Staaten, die sich im Hinblick auf m\u00f6gliche Folgesch\u00e4den f\u00fcr ihre jeweiligen kapitalistischen Wirtschaften nicht zu viel leisten k\u00f6nnen oder wollen, tun hingegen dezidiert wenig. Im Westen w\u00e4re das Paradebeispiel hierf\u00fcr im vergangenen Monat Schweden. Aber auch erzautorit\u00e4re und protofaschistische Regime k\u00f6nnen sich Autoritarismus und Faschisierung nicht einfach nur um der eigenen Machtgeilheit willen leisten, wie uns manche popul\u00e4re kritische Theorien zum \u201eAusnahmezustand\u201c glauben lassen wollen. Die T\u00fcrkei hat bis zu diesem Wochenende und seiner erratischen 48-Stunden-Verordnung von wenigen Ausnahmen abgesehen keinen Ausnahmezustand verh\u00e4ngt. <a href=\"https://yetkinreport.com/2020/03/24/korona-kriz-hakkinda-soylenmeyenler-bilmediklerimiz/\">Es hei\u00dft</a>, Erdo\u011fan h\u00f6chstpers\u00f6nlich sei dagegen gewesen \u2013 trotz Dr\u00e4ngen des Gesundheitsministers und des Wissenschaftsrates. Und das nicht ohne Grund: Die kapitalistische Wirtschaft in der T\u00fcrkei w\u00fcrde sonst vermutlich recht schnell kollabieren.</p><h2><b>Zwischen autorit\u00e4rer Versch\u00e4rfung und neoliberaler Restauration</b></h2><p>W\u00e4hrend sich die unterschiedlichen Machtbl\u00f6cke also gem\u00e4\u00df ihrer kapitalistischen Logiken positionieren und handeln, hinken wir als Linke wieder einmal hinterher. Es sind Krisenzeiten, in denen die gr\u00f6\u00dften Chance bestehen, Hegemonien zu brechen und neue zu schaffen \u2013 oder eben auch alte zu restaurieren. Vor unserer aller Augen manifestieren sich gerade zwei der letztgenannten Tendenzen: n\u00e4mlich die der autorit\u00e4ren Versch\u00e4rfung und die der neoliberalen Restauration, also Konsolidierung der neoliberalen Ordnung.</p><p>Nach anf\u00e4nglichem Z\u00f6gern konnte sich die deutsche Bundesregierung dazu durchringen, umfassendere Ma\u00dfnahmen, wie zum Beispiel die Schlie\u00dfung des Gro\u00dfteils der Gesch\u00e4fte und Kontaktverbote zu verabschieden. Es wurden aber auch <a href=\"https://www.handelsblatt.com/dpa/gesundheit-regierung-erwartet-2-15-millionen-kurzarbeiter/25663134.html\">Ma\u00dfnahmen</a> <a href=\"https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/coronavirus-staatshilfe-fuer-hartz-iv-privatschuldner-soloselbstaendige-a-37e8f2ce-3f88-4702-b08a-f711c4fc2395\">sozialer Art</a> getroffen, von denen es unter streng neoliberaler \u00c4gide seit Jahrzehnten hie\u00df, sie seien aus \u00f6konomischer Erw\u00e4gung heraus nicht machbar: So gibt es derzeit ein vergleichsweise repressionsfreies und quantitativ stark erweitertes ALG-Regime der Arbeitsagenturen und Jobcenter, das Kurzarbeitergeld wird vergleichsweise komplikationslos gezahlt, an mehrere Millionen Selbst\u00e4ndige und Freiberufler*innen werden Hilfsgelder zur \u00dcberbr\u00fcckung herausgegeben, hohe Summen in die Krankenh\u00e4user und den Ausbau von Intensivreserven gesteckt und es findet sogar eine beschr\u00e4nkte <a href=\"https://www.zeitschrift-luxemburg.de/in-der-krise-die-weichen-stellen-die-corona-pandemie-und-die-perspektiven-der-transformation/\">Produktionskonversion</a> statt: Der Fahrzeughersteller <a href=\"https://app.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/coronakrise-volkswagen-bereitet-teileproduktion-fuer-medizingeraete-vor/25666274.html\">VW</a> produziert Schutzmasken-Teile, der J\u00e4germeister-Konzern Alkohol f\u00fcr Desinfektionsmittel.</p><p>Klar: Die weitaus gr\u00f6\u00dften Summen der im Maximalfall <a href=\"https://thenextrecession.wordpress.com/2020/03/30/a-war-economy/\">fast</a> 30 Prozent des BIP ausmachenden Gelder und Kreditgarantien gehen indes an die gro\u00dfen Unternehmen, die ganz ohne Schamesr\u00f6te weiterhin Milliarden an Dividenden an irgendwelche Kouponschneider <a href=\"https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/bmw-haelt-an-ausschuettung-fest-dividende-trotz-staatshilfe-autokonzerne-stehen-in-der-kritik/25720114.html\">auszahlen</a>. Die verabschiedeten Sozialpakete betreffen eine Minderheit der Werkt\u00e4tigen. Und nicht zuletzt ist auch die de facto Ausgangssperre nur f\u00fcr diejenigen, die eine gute Unterkunft und einigerma\u00dfen finanzielle und soziale Stabilit\u00e4t besitzen, eine \u201eGeduldssache\u201c. Alle derzeit get\u00e4tigten Notma\u00dfnahmen und alles Gelaber von \u201eSolidarit\u00e4t\u201c seitens der Politik ist Augenwischerei angesichts des neoliberalen, profitorientierten Umbaus des Gesundheitssystems der letzten Jahrzehnte. Dennoch: Das Bedienen von Kapitalinteressen einerseits und das gleichzeitige \u2013 wenn auch vorl\u00e4ufige, beschr\u00e4nkte und viel zu rudiment\u00e4re \u2013 Abfedern sozialer Deklassierung andererseits zeigt, dass sich die Bundesregierung in ihrer Rolle als \u201eideellem Gesamtkapitalisten\u201c derzeit aktiv bem\u00fcht, den Spagat zwischen Gesundheits- und Sozialpolitik einerseits sowie Kapitalinteressen andererseits zu meistern.</p><p>Die Interpretation von Ereignissen wird aber haupts\u00e4chlich von denen bestimmt, die heute handeln und in ihren Handlungen so viele Interessen und Bed\u00fcrfnisse wie eben m\u00f6glich in ein politisches Regime zu integrieren verm\u00f6gen. Das nennt sich politische Hegemonie. In Deutschland setzt gerade ein neoliberales Regime der Pandemiebek\u00e4mpfung sachdienliche Ma\u00dfnahmen und Vorgehensweisen um, gekoppelt mit einem sozialen Anstrich.<i> Zugleich</i> aber sind die Ma\u00dfnahmen aus epidemiologischer Sicht nicht konsequent genug: Eigentlich h\u00e4tte die gesamte nicht-lebensnotwendige Produktion heruntergefahren werden m\u00fcsen f\u00fcr einige Wochen. Aber das w\u00e4re dann wiederum zu sehr in die Profite der Unternehmen hineingefahren. Die pro-kapitalistische Schlagseite des zaghaften Vorgehens und auch der verabschiedeten Krisenpakete ist eindeutig. Und auch die ordnungstreue, immer mehr polizeistaatliche Schlagseite der politischen Praxis tritt immer mehr ans Tageslicht.</p><h2><b>Die zwei Gesichter des Regierungshandelns</b></h2><p>Die beiden Elemente \u2013 Schutz kapitalistischer Profite mit autorit\u00e4ren Ma\u00dfnahmen und semi-vern\u00fcnftige Pandemiebek\u00e4mpfung mit sozialem Anstrich \u2013 lassen sich zwar in der Analyse voneinander separieren, sie treten in der Praxis aber geeint auf. Diese Elemente werde zudem von ihren Akteur*innen diskursiv als notwendig miteinander verkn\u00fcpft dargestellt. Das kann vor allem deshalb \u00fcberzeugen, weil es die Bundesregierung ist, die tats\u00e4chlich<i> handelt</i>, und ihr Ma\u00dfnahmenb\u00fcndel eben auch viele \u201evern\u00fcnftige\u201c Elemente enth\u00e4lt.</p><p>Die <a href=\"https://www.sueddeutsche.de/panorama/coronavirus-news-deutschland-1.4828033\">Zustimmungswerte</a> zu den Ma\u00dfnahmen der Bundesregierung sprechen eine klare Sprache. Das Vorgehen der Bundesregierung ist somit auch ein Versuch, eine veritable Restauration des zumindest in der Bev\u00f6lkerung eigentlich diskreditierten Neoliberalismus einzuleiten. Wenn das weiter so unwidersprochen durchexerziert werden kann, wird sich eines Tages nach dem Ende der Krise ein Finanzminister Olaf Scholz (SPD) hinstellen und sagen k\u00f6nnen: \u201eSeht ihr, daf\u00fcr haben wir den Arbeitsmarkt dereguliert und die staatlichen Sozialausgaben zur\u00fcckgefahren, damit wir eine schwarze Null haben f\u00fcr Krisenzeiten. Deshalb machen wir das jetzt gleich wieder!\u201c Das wird genau dann fatal, wenn es um die sich schon in voller Eskalation befindende Weltwirtschaftskrise geht.</p><p>Verst\u00e4ndlich, aber politisch fatal ist indes, sich als Linke derzeit einzig oder haupts\u00e4chlich auf eine Kritik der polizeistaatlichen und sonstigen willk\u00fcrlichen Extreme der Krisenbew\u00e4ltigung zu fokussieren. Es ist glasklar: Alles, was an dieser Sicherheitsordnung und ihrer Polizei schon immer Schei\u00dfe war, hat sich derzeit unter dem Ausbau ihrer Befugnisse und des Kontrollauftrags nur noch versch\u00e4rft. People of Color und Schwarze Menschen werden noch \u00f6fter in rassistischen Polizeikontrollen drangsaliert; Obdachlose noch schlechter behandelt und geg\u00e4ngelt; demonstrieren und streiken darf man derzeit ohnehin nicht, ohne mit Strafanzeige oder Polizeigewalt rechnen zu m\u00fcssen. Was in dieser Hinsicht gerade unter dem Deckmantel \u201evern\u00fcnftiger Ma\u00dfnahmen\u201c passiert, wird potentiell einer autorit\u00e4ren Hegemonie den Boden bereiten, sollte die derzeitige neoliberale Krisenbew\u00e4ltigungsstrategie an die Wand fahren. Zu diesem Szenario k\u00f6nnte es etwa dann kommen, wenn die Wirtschaft und/oder die Europ\u00e4ische Union (EU) kollabieren und/oder die Zahl der Toten und Besch\u00e4digten drastisch in die H\u00f6he schie\u00dft. Wo sich hier dann keine stark artikulierende und organisierende Linke als Alternative pr\u00e4sentiert, droht der protofaschistische Takeover. Das <a href=\"https://www.mdr.de/nachrichten/osteuropa/politik/ungarn-orban-ermaechtigungs-gesetz-100.html\">Beispiel Ungarn</a> zeigt uns, wohin das f\u00fchren kann: In eine neoliberale de facto Diktatur mit weitgehenden staatlich-repressiven Ma\u00dfnahmen. Es braucht aber nicht gleich ein deutscher Orban kommen: Die derzeitige Ausweitung der polizeilichen Befugnisse und ihrer Willk\u00fcr k\u00f6nnen einfach nicht mehr \u201ezur\u00fcckgedreht\u201c werden. Auch das ist schon schlimm genug.</p><p>Dennoch: Alle Kritik an und Opposition zur Versch\u00e4rfung des Autoritarismus, zu polizeistaatlichen Ma\u00dfnahmen und zu Einschr\u00e4nkungen von Grundrechten werden ineffektiv bleiben, wenn sie nicht mit einer mindestens ebenso effektiven Pandemiebek\u00e4mpfungsstrategie wie der derzeitigen verkn\u00fcpft werden. Theoretisch wie praktisch. Allerdings muss diese dann eine klare Perspektive links der Bundesregierung er\u00f6ffnen, und damit den Kapitalismus neoliberaler Pr\u00e4gung als zentralen Katalysator der Krise ins Visier nehmen. Unserer Meinung nach besteht unsere Aufgabe derzeit darin, genau f\u00fcr eine solche Perspektive zu streiten. Notwendigerweise schlie\u00dft dies mit ein, diese Perspektive und daraus resultierende Ma\u00dfnahmen <i>jetzt</i>, und wenn nicht anders m\u00f6glich, ganz kleinteilig umzusetzen. Hierzu gibt es in vielen linken Strukturen schon gute Ans\u00e4tze, die wir im <i>re:volt magazine</i> in den kommenden Wochen n\u00e4her beleuchten wollen. Wer nur dar\u00fcber diskutiert, wie wir mit der Situation <i>nach</i> der Corona-Krise umgehen sollten, oder wie wir die dann eventuell einsetzende Wirtschaftskrise von links auffangen, der sorgt daf\u00fcr, dass wir nach der Corona-Krise gerade nicht mehr, sondern weniger Handlungsmacht besitzen. Denn nur <i>inmitten</i> der Bew\u00e4ltigung der Corona-Krise wird entschieden werden, wessen Interessen und welche Hegemonie sich f\u00fcr die Nach-Corona-Zeit durchsetzen.</p><h2><b>Linke Perspektiven erstreiten</b></h2><p>Wenn es eine gute Sache an dieser Krise gibt, dann die, dass sie nicht nur aufzeigt, wie der Kapitalismus zur Entstehung gesundheitlicher Krisen <a href=\"https://monthlyreview.org/2020/04/01/covid-19-and-circuits-of-capital/\">wesentlich beitr\u00e4gt</a>. Sie zeigt auch, in aller Deutlichkeit, dass das neoliberale Mantra der Profitmaximierung und des \u201eMarktes\u201c im Angesicht von Pandemien nicht funktioniert. Die ganzen staatlichen Programme \u2013 inklusive die \u00fcber Nacht unter <a href=\"https://www.neues-deutschland.de/artikel/1134571.corona-lasst-die-beschaeftigten-ran.html\">staatliche Leitung</a> gefallenen privaten Krankenh\u00e4user in Spanien und die Diskussion \u00e4hnlicher Ma\u00dfnahmen in anderen L\u00e4ndern \u2013 zeigen uns (da aus g\u00e4nzlich anderen Motiven umgesetzt) im Negativbild auf, dass linke Vorstellungen einer nicht-kapitalistischen, bed\u00fcrfnisorientierten Umorientierung <a href=\"https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wer-braucht-schon-autos\">durchaus machbar sind</a>. Aber nur, wenn diese eben auch durch eine Linke in der Krise selbst thematisiert, organisiert und erk\u00e4mpft werden. Die Streiks der Arbeiter*innen in Italien und den USA zeigen, dass ein teilweiser Lockdown der nicht-lebensnotwendigen Produktion durchaus auch schon heute erstritten werden kann, ohne zu Lasten der Arbeiter*innen zu gehen.</p><p>In Sinne einer linken, demokratischen Perspektive m\u00fcssen wir nat\u00fcrlich auch die polizeistaatlichen Ma\u00dfnahmen kritisieren und im Einzelfall genau \u00fcberpr\u00fcfen, was der Pandemiebek\u00e4mpfung dient, und was nur dem Ausbau des repressiven Staatsapparats. Reservist*innen der Bundeswehr, die zivile Aufgaben \u00fcbernehmen und helfen, k\u00f6nnten unter Umst\u00e4nden vern\u00fcnftig sein; bewaffnete Soldat*innen, die polizeiliche Funktionen \u00fcbernehmen, <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/375819.bundeswehr-im-innern-an-der-grenze-des-grundgesetzes.html\">ganz klar</a> nicht. Keine Gro\u00dfveranstaltungen unter beengten Verh\u00e4ltnissen mehr abzuhalten ist vern\u00fcnftig, jeden Protest und jede politische Ansammlung, die sie sich an gesundheitliche Auflagen h\u00e4lt, zu verbieten oder seitens der Gewerkschaften gleich proaktiv absagen, ist zu kritisieren und unter heutigen Umst\u00e4nden abzulehnen.</p><p>Weitere Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr eine linke Offensive k\u00f6nnen Forderungen sein, die schon in gr\u00f6\u00dferen Teilen der Bev\u00f6lkerung Anklang gefunden haben: Wir m\u00fcssen jetzt daf\u00fcr streiten, dass die sozialen Ma\u00dfnahmen (Lohnfortzahlungen, Hilfsleistung f\u00fcr prek\u00e4re Selbst\u00e4ndige, Arbeitslosenhilfen und so weiter) f\u00fcr den Gro\u00dfteil der Werkt\u00e4tigen verst\u00e4rkt werden. Eine zentrale Stellung in unseren Forderungen sollten die Schutzma\u00dfnahmen f\u00fcr die weiterarbeitenden Lohnabh\u00e4ngigen in Verkauf, Gesundheit, Erziehung, Reinigung und sonstigen Sektoren einnehmen. Eine schrittweise Reduzierung und Aufhebung der Pandemie-Ma\u00dfnahmen hat sich am Gemeinwohl zu orientieren, nicht nach den Profitinteressen der Kapitalist*innen. Die Abkehr vom neoliberalen Paradigma gilt es auch in Debatten und Diskussionen zu forcieren und auf Vergesellschaftungen und Rekommunalisierungen zu dr\u00e4ngen. Die Finanzierungsfrage der Ma\u00dfnahmen beantworten wir mit der Forderung von Verm\u00f6gensabgaben f\u00fcr die Reichsten.</p><p>Auch die Rolle der (Basis-)Gewerkschaften wird wichtiger werden. Linke Positionen m\u00fcssen sich deutlich gegen eine Abw\u00e4lzung der Krisenkosten auf die Arbeitenden stellen \u2013 noch bevor die Rezession nach unten weitergereicht wird. Die soziale Frage muss besetzt werden, bevor rechte Kr\u00e4fte die entstehenden sozialen Widerspr\u00fcche weiter f\u00fcr sich nutzen.</p><p>Nicht zuletzt m\u00fcssen wir die Bedeutung der Care-Arbeit ins Spiel bringen: Jeden Abend um 21:00 Uhr wird zwar kr\u00e4ftig f\u00fcr die Arbeitenden im Gesundheitssektor applaudiert, geschwiegen wird dabei allerdings \u00fcber Lohnerh\u00f6hungen, bessere Arbeitsbedingungen und gemeinwohl- statt profitorientierte Gesundheitssysteme. Still ist es auch dar\u00fcber, dass ein Gro\u00dfteil der mies bezahlten Care-Arbeiten von Frauen* gemacht werden \u2013 von der unbezahlten Care-Arbeit und Erziehungsarbeit mal abgesehen, die jetzt auch wieder ganz individuell zu l\u00f6sen ist. Der gesamte Bereich der Erziehung, Pflege, Familienarbeit und weitere, die unser aller Wohlergehen betreffen, ist in unserer Gesellschaft das R\u00fcckgrat, ohne das kaum etwas anderes m\u00f6glich w\u00e4re. Systemrelevant ist also vielleicht sogar noch nicht treffend genug \u2013 und eine angemessene Honorierung dieser Berufs- und Arbeitsfelder <a href=\"https://www.n-tv.de/ratgeber/So-viel-gibt-s-in-systemrelevanten-Berufen-article21657469.html\">l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig</a>.</p><p>Die Linke muss unter den versch\u00e4rften politischen wie gesellschaftlichen Bedingungen ihre Handlungsf\u00e4higkeit wiedererlangen. Aktuell sehen sich viele Strukturen aufgrund der ordungspolitischen und gesundheitlichen Beschr\u00e4nkungen einer Vereinzelung ihrer Mitglieder und absurderweise einer politischen Perspektivlosigkeit ausgesetzt. Dabei ist genau jetzt der Zeitpunkt, linke Gegenmodelle zum herrschenden aufzuzeigen und daf\u00fcr zu streiten. Also packen wir es an!</p><p></p><hr/><h2><b>Anmerkungen</b></h2><p><b>[1]</b> Das kapitalistische System ist auf die Maximierung des Profits ausgelegt, der durch die Ausbeutung fremder Arbeitskraft erwirtschaftet wird, und somit auf die Maximierung von Reichtum in Form von Kapital bei Strafe des Untergangs, wofern nicht akkumuliert wird. Das ist mit kapitalistischer Akkumulation gemeint. Alles, was dem Prozess entgegenl\u00e4uft, diesen Profit zu vergr\u00f6\u00dfern, wird vom Kapital bek\u00e4mpft. Marx hat die zwiesp\u00e4ltigen Eigenschaften des Kapitals sehr gut beschrieben: \u201eKapital [\u2026] flieht Tumult und Streit und ist \u00e4ngstlicher Natur. Das ist sehr wahr, aber doch nicht die ganze Wahrheit. Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital k\u00fchn. Zehn Prozent sicher, und man kann es \u00fcberall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; f\u00fcr 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fu\u00df; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.\u201c (MEW, Bd. 23, S. 788)</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Wie ein Buschfeuer verbreitet sich die Information, wer den neuen Virus schon hat und welche Orte man meiden sollte. Freilich handelt es sich dabei in der Regel um aufgeregten Smalltalk in Zeiten, in denen andere Gespr\u00e4chsthemen in den Hintergrund r\u00fccken. Man w\u00fcrde es auch niemandem ernsthaft \u00fcbelnehmen, wenn er oder sie tats\u00e4chlich Teil der \u00dcbertragungskette war. Dass man sich st\u00e4ndig mit den Virus-\u00dcbertragenden besch\u00e4ftigt, hat dennoch einen Grund. Der mediale wie auch staatliche Diskurs in der Eind\u00e4mmung der Pandemie zielt auf das Individuum und dessen \u201eEigenverantwortung\u201c. Und dies, so die folgende These, ist gef\u00e4hrlich, weil es einen falschen Fokus legt, der uns in dieser Krise \u2013 die nicht nur eine gesundheitliche, sondern auch eine wirtschaftliche und politische ist \u2013 noch nachhaltig besch\u00e4ftigen wird.</p><h2><b>Gegen die Individualisierung des Virus</b></h2><p>Was f\u00fcr andere Pandemien wie der Influenza-Grippe fataler Trugschluss oder schlicht nicht haltbar w\u00e4re, scheint bez\u00fcglich COVID-19 pl\u00f6tzlich selbstverst\u00e4ndlich: Wer jetzt nicht sofort zuhause bleibt, ist f\u00fcr die \u00dcbertragung verantwortlich oder riskiere das Leben seiner Mitmenschen, lautet sinngem\u00e4\u00df die weit verbreitete Botschaft. Diejenigen, die diese Botschaft verk\u00fcnden, sind nicht selten dieselben, die sich zugleich l\u00e4cherlich \u00fcber jene machen, die die Vorschrift dann allzu ernst nehmen und sich wie Prepper mit Eink\u00e4ufen eindecken. Es sei betont, dass man sich solidarisch verhalten sollte \u2013 doch ich bin nicht Hauptverantwortlicher f\u00fcr die Viren, die ich in mir trage, und schon gar nicht f\u00fcr die Sterberate, mit der der Virus um sich schl\u00e4gt!</p><p>Entgegen vieler Behauptungen trifft der Virus n\u00e4mlich nicht alle gleich. Neben der Art des Virus ist auch der Zugang zum Gesundheitswesen entscheidend, wie viele Menschen letztendlich in Folge des Virus sterben. Und dieser Zugang ist in einer Klassengesellschaft ungleich verteilt \u2013 direkt, weil nicht jede/r gleicherma\u00dfen versichert ist, indirekt, weil einige ihren Jobs leichter fernbleiben k\u00f6nnen als andere. Diese Ungleichheit gilt auch f\u00fcr jene, die man umgangssprachlich \u201eRisikopatientInnen\u201c nennt. Vorerkrankungen sind immer auch abh\u00e4ngig vom sozio-\u00f6konomischen Status einer Person. Freilich k\u00f6nnen sowohl KapitalistInnen als auch ArbeiterInnen beispielsweise an Diabetes erkranken, allerdings <a href=\"https://www.diabetesde.org/system/files/documents/fileadmin/users/Patientenseite/PDFs_und_TEXTE/Stellungnahmen_Positionspapiere/2015/Positionspapier_diabetesDE_Soziale_Ungleichheiten_und_Diabetes_Typ_2_2.06.2015.pdf\">korreliert das Risiko</a> an Diabetes Typ 2 zu erkranken mit den \u00f6konomischen und sozialen Umst\u00e4nden. So ist es auch mit Corona. Wie wichtig dabei der Klassenunterschied ist, zeigt sich anhand der historischen Pandemien. Die Spanische Grippe zum Beispiel w\u00fctete dort <a href=\"https://www.wildcat-www.de/aktuell/a112_socialcontagion.html?fbclid=IwAR1kob0kMC2mwtVeyYqFIdgS-RJZw5fONNgRVPgIjYHZ9HkZmNz6Kb2Babs#fn3\">ungleich mehr</a>, wo sie auf katastrophale Lebensbedingungen und entsprechend auf eine Vielzahl an Vorerkrankungen traf, insbesondere im kolonialisierten und von Hungersn\u00f6ten betroffenen Indien. Die linke Diskussion auf Solidarit\u00e4t mit den Mitmenschen und der entsprechenden Anpassung des individuellen Verhaltens zu reduzieren, ist deshalb aus meiner Sicht gef\u00e4hrlich. Nat\u00fcrlich muss man sich als Individuum den neuen Verh\u00e4ltnissen anpassen. Das individuelle Verhalten kann aber nicht allein verantwortlich gemacht werden f\u00fcr die L\u00f6sung der Krise \u2013 exakt so, wie es die Linke in Umweltfragen die letzten Jahre noch und n\u00f6cher bez\u00fcglich des bewussten individuellen Konsums predigte. Kurzum: Man mag das Verhalten des Skifahrers, der einen Tag l\u00e4nger auf der Piste war und der Partyg\u00e4ngerin, die auch am Samstag noch eine Hausparty schmiss, angesichts der gegenw\u00e4rtigen Lage zu Recht kritisieren \u2013 gerade auch weil der Kapitalismus uns jahrzehntelang egoistisches und konsumorientiertes Verhalten anerzogen hat \u2013 , doch weder er noch sie tr\u00e4gt eine reale Mitschuld an den Todeszahlen. Entscheidend f\u00fcr Leben und Tod ist der Zugang zum Gesundheitswesen und die Verf\u00fcgbarkeit von Ger\u00e4ten und medizinischem Personal, nicht das individuelle Handeln.</p><p>Die Gefahr dieser falschen Fokussierung zeigt ein Blick auf verschiedene von linken Kr\u00e4ften und Personen geteilten Kampagnen in den sozialen Medien. Dazu vorweg: Nat\u00fcrlich ist Twitter und Facebook nicht mit der Realit\u00e4t zu verwechseln. Gleichzeitig sind Meldungen darauf immer auch symptomatisch f\u00fcr bestimmte Tendenzen, die linke Diskurse in den kommenden Monaten pr\u00e4gen k\u00f6nnen. Unter dem Hashtag #staythefuckhome rufen beispielsweise auch einige meiner FreundInnen dazu auf, zuhause zu bleiben, um dadurch \u201eLeben zu retten\u201c. Dass sich derart viele Menschen solidarisch um ihre Mitmenschen sorgen und Teil einer Eind\u00e4mmungsstrategie sein wollen, ist gut. Allerdings f\u00fcrchte ich, dass dadurch simples individuelles Handeln zu einem politischen Akt erkoren wird \u2013 was es nicht ist. Es ist sicherlich klug, angesichts der aktuellen Situation gewissen Ma\u00dfnahmen Folge zu leisten. Fokussiert man jedoch auf die Handlung des/r Einzelnen, l\u00e4uft man Gefahr, die gegenw\u00e4rtige Krise in ihrem politischen Charakter zu verkennen. Anders gesagt: Man \u00fcbergibt dem Individuum die Verantwortung, der sich der Kapitalismus verweigert.</p><p>Dies mag angesichts der solidarischen Intentionen harsch klingen. Tats\u00e4chlich ist es wichtig, all die sch\u00f6nen Momente beziehungsweise Chancen zu betonen, die jeder Krise ebenso inh\u00e4rent sind wie ihre Trag\u00f6dien. In der Corona-Krise sind es die verschiedenen Formen der Selbstorganisierung und Nachbarschaftshilfen, wo Menschen solidarisch mit bedrohlichen Situationen umgehen. Wenn wir es nicht nur schaffen, dass diese positiven Momente in Erinnerung bleiben, sondern die Krise auch dazu nutzen, uns besser zu organisieren, dann werden am Horizont auch Alternativen einer anders strukturierten Gesellschaft sichtbar. Allerdings muss man sich keine Illusionen machen: Der Kampf um die Deutungshoheit ist schon l\u00e4ngst entbrannt und die Herrschenden werden sich nicht davor scheuen, diesen Kampf ebenfalls mit allen Mitteln zu f\u00fchren.</p><h2><b>Die nationalistischen Reaktionen auf den Feind</b></h2><p>Viren haben die Eigenart, dass sie als eine Art Fremdk\u00f6rper wahrgenommen werden (im K\u00f6rper sind sie es schlichtweg meistens auch). In dieser Rhetorik ist es kein Wunder, dass die politische Rechte gerade jetzt ihr liebstes \u201eAllheil-Mittel\u201c fordert: Grenzschlie\u00dfungen und st\u00e4rkere Kontrolle, ganz so, als k\u00f6nnte man den Virus \u00e4hnlich wie Migrationsbewegungen repressiv an der Grenze stoppen. Als Fremdk\u00f6rper tauchen Viren allerdings auch in der allgemeinen Mobilmachung auf, die dann pl\u00f6tzlich auch von anderen Kr\u00e4ften mitgetragen wird. Gemeinsam, \u00fcberparteilich, alle zusammen sollen wir gegen den Virus zusammenstehen, ganz so als sei die gegenw\u00e4rtige Pandemie etwas, das uns alle gleicherma\u00dfen \u2013 als Menschen \u2013 trifft. Freilich ist es dem Virus egal, ob er auf KapitalistInnen, Kleinb\u00fcrger oder ProletarierInnen trifft, doch treffen die \u00f6konomischen Konsequenzen der durch den Virus gestoppten Wirtschaft die unteren Klassen ungemein mehr als die obere.</p><p>Das Gemeinwohl des Staates ist im Kapitalismus das Wohl des Kapitals, und dies zeigt sich nicht nur in den Ma\u00dfnahmen, die zuerst die individuelle Freiheit in den Blick nimmt, bevor die Produktion gestoppt wird. Es zeigt sich auch in den kommenden Abw\u00e4lzungen der Krise. Schon heute steigt der <a href=\"https://revoltmag.org/articles/die-corona-krise-als-care-krise/\">Druck auf die Betreuung</a>, sei es in der bezahlten oder unbezahlten Variante, oder auf <a href=\"https://revoltmag.org/articles/viraler-kapitalismus/\">alle prek\u00e4r Angestellten</a>. Dieser Druck wird sich in den kommenden Monaten intensivieren \u2013 und er wird ungleich verteilt und legitimiert werden. Und auch hier werden Unternehmen, PolitikerInnen und staatliche Institutionen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter mit dem Argument auftauchen, dass es doch uns alle betrifft und wir nun zusammenhalten m\u00fcssen. Man wird den Arbeitenden, uns, die Ferien streichen wollen und uns auffordern, freiwillig auf unsere L\u00f6hne zu verzichten. Wieder wird es um das Gemeinwohl gehen, nur dass es dann endg\u00fcltig nicht mehr um das Virus, sondern um die Wirtschaft geht. Ich hoffe, dass wir dann kollektiv f\u00e4hig sein werden, die unterschiedlichen Varianten eines Gemeinwohls sichtbar zu machen und gegen falsche Versprechen zu k\u00e4mpfen.</p><h2><b>Die Corona-Krise ist auch eine Umwelt-Krise</b></h2><p>In den ersten drei Monaten des neuen Jahrzehnts waren wir mit zwei einschneidenden Ereignissen konfrontiert. In Australien brannten gigantische Waldfl\u00e4chen, was eine Klimakatastrophe darstellt, und gegenw\u00e4rtig erleben wir eine globale Pandemie, deren Ausma\u00df sich nicht absch\u00e4tzen l\u00e4sst. Dahinter steckt sowohl ein Zufall, als auch eine Symptomatik. Kapitalistische Widerspr\u00fcche versch\u00e4rfen sich, auch was die Umweltkatastrophen und die biologischen Nebenwirkungen zunehmender Landnahme und intensivierter Nahrungsmittelindustrie \u2013 insbesondere die Massentierhaltung und Wildtierm\u00e4rkte \u2013 betrifft. Das zeigt sich vor allem in der Klimaerw\u00e4rmung und der durch sie ausgel\u00f6sten oder verst\u00e4rkten Naturkatastrophen, aber auch in zunehmenden Pandemien, die wie die Vogel- oder Schweinegrippe meist (noch) auf das Tierreich beschr\u00e4nkt bleibt.</p><p>Die beiden linken Historiker beziehungsweise Biologen Mike Davis und Rob Wallace haben dazu in den letzten Jahrzehnten ausreichend Forschung betrieben. <b>[1]</b> Sie haben zwar verschiedene Schwerpunkte, folgen aber denselben drei Thesen: Erstens beschleunigt sich die globale Verbreitung von Viren durch Prozesse der kapitalistischen Globalisierungs- und Landnahme. Dadurch intensiviert der Kapitalismus die Gefahr von viralen Epidemien. Dies ist wichtig zu betonen, weil es dem verbreiteten Glauben widerspricht, dass wir jetzt ein wenig Verzicht \u00fcben m\u00fcssen, um das \u00dcbel ein f\u00fcr alle Mal zu beseitigen. Virale Epidemien werden uns jedoch in Zukunft mehr denn je begleiten. Zweitens tr\u00e4gt die kapitalistische Landwirtschaft, insbesondere nach ihrer neoliberalen Reorganisierung, zur t\u00f6dlichen Virenproduktion bei. Die Schweine- und Gefl\u00fcgelindustrie bilden einen idealen N\u00e4hrboden f\u00fcr k\u00fcnftige Epidemien. Hier treffen Viren auf geschw\u00e4chte Wirte und werden aufgrund der gesteigerten Umlaufszeit, in der sie neue Tiere befallen m\u00fcssen, evolution\u00e4r angeregt, sich rascher zu verbreiten. Drittens hat die Klassengesellschaft Auswirkungen auf den Umgang und die Folgen von Pandemien.</p><h2><b>Die Austerit\u00e4t als N\u00e4hrboden der Gefahr</b></h2><p>Als \u201eKatastrophenkapitalismus\u201c <a href=\"https://www.heise.de/tp/features/Katastrophenkapitalismus-4563390.html?seite=all\">kritisiert</a> Tomasz Konicz, wie unvorbereitet die Staaten auf Naturkatastrophen reagieren. Katastrophen treffen auf einen kaputtgesparten oder privatisierten Sozial- und Gesundheitsbereich. 2018 brannten beispielsweise die W\u00e4lder in Griechenland. Aufgrund der Austerit\u00e4t fehlte es an allen Ecken an Personal, insbesondere bei der Feuerwehr. Nat\u00fcrlich hatten die Br\u00e4nde auch ohne Austerit\u00e4t nicht einfach gestoppt h\u00e4tten werden k\u00f6nnen. Doch durch die Sparma\u00dfnahmen verst\u00e4rkte sich die Katastrophe, indem sowohl pr\u00e4ventive Schutzma\u00dfnahmen als auch Personal in der Feuerbek\u00e4mpfung fehlten.</p><p>Vergleichbares zeigt sich in der aktuellen COVID-19-Pandemie. Je schlechter das Gesundheitssystem eines Landes funktioniert, desto katastrophaler wird der Virus w\u00fcten \u2013 zumindest f\u00fcr jene, die es sich nicht leisten k\u00f6nnen. Auch hier ist es nicht so, dass ein optimales System \u2013 oder gar eine andere Gesellschaftsform \u2013 eine virale Pandemie einfach stoppen k\u00f6nnte. Doch je nach Ausgangslage sinkt oder steigt die Sterblichkeitsrate immens. Und nicht nur diese. Auch die Folgekosten sind abh\u00e4ngig von der Verf\u00fcgbarkeit und Organisation des Gesundheitswesens. Gerade hier sieht es weltweit nach Jahren der Sparma\u00dfnahmen und Privatisierungen katastrophal aus. In den USA fehlen zahlreiche Betten, und Menschen mussten erst politischen Druck aus\u00fcben, damit sie f\u00fchr ihre COVID-19-Tests nicht selbst bezahlen m\u00fcssen. \u00c4hnlich verheerend sieht es in England aus, wo der Staat f\u00fcr immens viel Geld Betten von privaten Spit\u00e4lern mieten muss. Zudem leidet das Gesundheitswesen weltweit unter dem Problem, dass dank der postfordistischen Just-in-Time-Bestellungen wenig Vorr\u00e4te an Versorgungs- und Schutzmitteln vorhanden sind. Weitere Beispiele f\u00fcr das Versagen des Kapitalismus werden sich in den kommenden Monaten zu Gen\u00fcge finden lassen.</p><h2><b>Der Klassencharakter der staatlichen Eingriffe</b></h2><p>Der gegenw\u00e4rtige Ausnahmezustand ist wie jede Krise im Kapitalismus zeitgleich eine Rationalisierungsmaschinerie und ein Testfeld f\u00fcr staatliche Interventionen. Das bedeutet nicht, dass der Staat und das Kapital diese Krise heraufbeschworen oder gar selbst aktiviert haben, wie gewisse Verschw\u00f6rungstheorien behaupten. Aber man muss nicht so tun, als w\u00e4re diese Krise eine ganz andere als bisherige, als st\u00fcnden uns nicht wie immer Schockstrategien bevor, die Menschen entlang von Klassengegens\u00e4tzen ungleich treffen werden. Wenn man die gegenw\u00e4rtige Krise auch in ihrem allgemeinen und nicht nur in ihrem speziellen Charakter betrachtet, dann zeigen sich zwei Dinge.</p><p>Erstens werden sich bestehende Widerspr\u00fcche verst\u00e4rken, beispielsweise die imperialistischen Spannungen oder die neokolonialen Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse und Ungleichheiten. Das wiederum verst\u00e4rkt andere \u00dcbel der Gesellschaft wie Rassismus (siehe beispielsweise den Alltagsrassismus oder den gegenw\u00e4rtigen Umgang mit Migrationsbewegungen) oder Geschlechterungleichheiten (siehe beispielsweise die erwartete <a href=\"https://wien.orf.at/stories/3039318/\">Zunahme</a> \u201eh\u00e4uslicher\u201c, sprich patriarchaler Gewalt w\u00e4hrend des Lockdown).</p><p>Zweitens wird die Krise f\u00fcr die betroffenen Menschen irreversible Sch\u00e4den hervorrufen. F\u00fcr den abstrakten Standpunkt des Kapitals allerdings gibt es diese Irreversibilit\u00e4t nicht. Der wertkritisch inspirierte Politikwissenschaftler William Sewell hat dies einst mit einem einfachen Beispiel erl\u00e4utert: \u201eJeder Verlust ist gleichzeitig ein Gewinn: Der Konkurs einer Firma ist eine Chance f\u00fcr ihren Rivalen; der Misserfolg einer Investition ist ein Zeichen f\u00fcr das Kapital, sich anderswo zu investieren, wo die Erfolgschancen h\u00f6her sind.\u201c <b>[2]</b> So zeichnet sich bereits heute ab, dass die gegenw\u00e4rtige Krise eine neue Welle der Digitalisierung und Rationalisierung ausl\u00f6sen wird. W\u00e4hrend sich viele Unternehmen vor den Umbr\u00fcchen f\u00fcrchten, hat Amazon bereits angek\u00fcndigt bis zu 100\u2018000 neue Stellen in seinen Verteilzentren schaffen zu wollen, weil Menschen noch mehr dazu \u00fcbergehen, ihre Eink\u00e4ufe online zu t\u00e4tigen. <b>[3]</b> Und der Staat wird keine Sekunde z\u00f6gern, diese Ma\u00dfnahmen zu f\u00f6rdern. Damit soll nicht gesagt sein, dass der Staat sich nicht um den Ausgleich bem\u00fcht und sich nur f\u00fcr die Wirtschaft interessiert. Denn gerade das ist unter anderem sein Wesen: die Bereitstellung einer funktionierenden Wirtschaft in einer antagonistisch verfassten Gesellschaft. Ebenso wenig ist der Staat in Zeiten der Epidemie aber in eine dem Kapital gegen\u00fcber neutralen Position \u00fcbergegangen.</p><h2><b>Solidarit\u00e4t und das Aufkommen von neuen K\u00e4mpfen</b></h2><p>Es geh\u00f6rt zu den beliebten linken Floskeln der letzten Jahre, dass man mit Widerspr\u00fcchen umgehen muss. In diesem Falle hat sie etwas Wahres und es l\u00e4ge wohl darin: dass Menschen solidarisch sind, diese Solidarit\u00e4t aber auch das Potenzial hat, sich in ihr Gegenteil zu verkehren.</p><p>Wie gut wir damit tats\u00e4chlich umgehen k\u00f6nnen, wird sich zeigen. Eine erste H\u00fcrde hierzu wird sich offenbaren, sobald es darum geht, die staatlichen Ma\u00dfnahmen nicht mehr einfach hinzunehmen. Zu Recht bewunderte man in den letzten Wochen die Aufst\u00e4nde in den italienischen Kn\u00e4sten und Produktionsst\u00e4tten. Es ist zu hoffen, dass wenn im deutschsprachigen Raum vergleichbares geschieht, nicht pl\u00f6tzlich linken Stimmen den moralischen Zeigefinger erheben werden, der den Widerstand zum jetzigen Zeitpunkt als falsch oder gar gesundheitsgef\u00e4hrdend brandmarkt. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wird es zum Moment kommen, in dem wir Druck aufbauen und eine militante Position entwickeln m\u00fcssen, die sich nicht um staatliche Verbote k\u00fcmmert. Gerade wenn es um den Umgang mit den durch die Krise versch\u00e4rften Widerspr\u00fcche geht, wird es verantwortungsbewusste, aber doch kollektive Aktionen und Druck von unten brauchen, der kollektiv passieren muss und nicht von zuhause aus oder nur digital laufen kann. Wir d\u00fcrfen andere prek\u00e4re Notlagen wie zum Beispiel in den Lagern in Griechenland nicht vergessen. Und in den kommenden Monaten werden uns neue, durch die kommende Krise angereicherte lokale wie globale Protestwellen erwarten. Wir k\u00f6nnen sicher sein, dass der Staat und die Massenmedien in solchen F\u00e4llen sofort zur nationalen Einheit aufrufen und vermeintlichen GegnerInnen gesundheitsgef\u00e4hrdendes Verhalten unterstellen werden. Inwiefern eine linke Bewegung dann f\u00e4hig sein wird, sich diesem zersetzenden und spaltendem Druck entgegenzusetzen, wird sich zeigen und wesentlich von ihrer Organisierung abh\u00e4ngen. Wir tun allerdings gut daran, bereits jetzt unsere eigenen Positionen zur Krise zu entwickeln und nicht dem staatlichen Krisen- und Pandemie-Diskurs zu verfallen.</p><h2><b>Anmerkungen</b></h2><p><b>[1]</b> Davis, Mike: Vogelgrippe: Zur gesellschaftlichen Produktion von Epidemien, Berlin 2005. // Wallace, Rob: Big Farms Make Big Flu, New York 2016.</p><p><b>[2]</b> Sewell, William H.: The temporalities of capitalism, in: Socio-Economic Review 6 (3), 01.07.2008, S. 517\u2013537</p><p><b>[3]</b> Bei Amazons Ank\u00fcndigungen handelt es sich auch um einen PR-Ma\u00dfnahme: Wer in der gegenw\u00e4rtigen Krise Jobs generiert, verschafft sich damit eine gro\u00dfe Portion politischen Goodwill. Darum sind solche Zahlen mit Vorsicht zu genie\u00dfen. In der Tendenz zeigen sie allerdings durchaus, wer aktuell von der Krise profitiert.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"gesundheit statt profite.jpg\" height=\"1944\" src=\"/media/images/gesundheit_statt_profite.original.jpg\" width=\"2592\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Revolution\u00e4rer Aufbau Schweiz</span>\n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Gesundheit statt Profite - das darf durchaus auch mal etwas prominenter platziert werden.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Deutschland untersagt in Folge die Ausfuhr medizinischen Materials und stoppt eine Fracht mit 240.000 Atemmasken an der Schweizer Grenze. Desinfektionsmittel sind ausverkauft und quasi nur mehr am Schwarzmarkt zu horrenden Preisen zu bekommen und in den Superm\u00e4rkten war \u00fcber Tage hinweg kein Klopapier zu haben.</p><p>An den B\u00f6rsen massive Kursst\u00fcrze, in vielen L\u00e4ndern kommt das Alltagsleben zum Erliegen. Italien wird de facto als Ganzes unter Quarant\u00e4ne gestellt und die <a href=\"https://www.bmeia.gv.at/reise-aufenthalt/reiseinformation/land/italien/\">Reisewarnungen</a>, die andere L\u00e4nder ausgeben, entsprechen in etwa denen f\u00fcr Kriegszonen. Seit gestern weiten sich die Vorsichtsma\u00dfnahmen in Form von Universit\u00e4tsschlie\u00dfungen, Veranstaltungsverboten und so weiter auch auf Deutschland, \u00d6sterreich, die USA und weitere Staaten aus. Tausende Menschen verlieren in Folge ihre Arbeitspl\u00e4tze, insbesondere in der Leiharbeit und prek\u00e4rer \u201eSelbst\u00e4ndigkeit\u201c.</p><p>Gleichzeitig: Rassistische Reaktionen auf als chinesisch wahrgenommene Personen, dann auch auf Menschen, die generell als \u201easiatisch\u201c oder \u201eiranisch\u201c einsortiert werden. Menschen im Nahverkehr setzen sich absichtlich nicht zu Menschen aus vermeintlichen &quot;Risikogruppen&quot;. Ein Niesen oder ein Husten in der \u00d6ffentlichkeit f\u00fchrt zu Streit und dem Aussetzen elementarer Solidarit\u00e4t. Was genau passiert da gerade? Wie gelang es einem Virus, die ganze Welt in Panik zu versetzen? Und was hat das mit dem Kapitalismus zu tun?</p><h2><b>Die Masken fallen</b></h2><p>Vertrauen wir auf die \u2013 unterschiedlichen \u2013 Modelle \u00fcber die m\u00f6glichen Ausbreitungsszenarien, wird die Ausbreitung des Virus <a href=\"https://orf.at/stories/3156304/\">kaum noch aufzuhalten</a> sein. Die Frage ist nur, wie viele Menschen letztlich davon betroffen sein werden \u2013 und wie viele daran sterben. Umso l\u00e4nger sich die Ausbreitung des Virus herausz\u00f6gert, umso eher l\u00e4sst er sich aufgrund ver\u00e4nderter klimatischer Bedingungen (etwa der Sommerhitze in vielen Teilen der Erde) eind\u00e4mmen. Gleichzeitig besteht die Hoffnung, dass rechtzeitig ein Impfstoff erfunden wird, um die Epidemie/Pandemie unter Kontrolle zu bekommen. Ein nicht unwahrscheinliches Szenario ist es aber dennoch, dass auch dieser Virus \u201emit uns bleiben\u201c wird, wie die anderen \u201e\u00fcblichen\u201c Krankheiten, bakteriell oder viral. Der Grad der Integration der Gesellschaften im globalen Rahmen f\u00fchrt eben dazu, dass lokale Ausbr\u00fcche von infekti\u00f6sen Krankheiten schnell zu globalen Epidemien f\u00fchren k\u00f6nnen. 2009 schaffte es das H1N1 Virus <a href=\"https://climateandcapitalism.com/2020/01/29/coronavirus-a-deadly-result/\">in</a> <a href=\"https://climateandcapitalism.com/2020/01/29/coronavirus-a-deadly-result/\">neun Tagen \u00fcber den Pazifischen Ozean</a>, obwohl Modelle von Monaten ausgingen. Und seit der SARS Pandemie 2003 hat sich etwa der Flugverkehr alleine in China verzehnfacht.</p><p>Was wir \u00fcber das aktuell alle Berichterstattungen dominierende Virus wissen, ist, dass es eine Mutation der Coronaviridae ist, die auch schon f\u00fcr die als SARS und MERS bekannten Epidemien/Pandemien verantwortlich waren. Wenn wir uns epidemische Ausbr\u00fcche der letzten Jahre anschauen, dann handelt es sich meistens um Mutationen der Coronaviridae oder der Influenza (Vogelgrippe, Schweinegrippe und so weiter). Ebola, aus der Gruppe der Filoviridae, stellt eine Ausnahme dar. In allen F\u00e4llen kommt es irgendwann zu einer \u00dcbertragung vom Tier auf den Menschen.</p><p>Das neuartige Virus wird fachlich als SARS-CoV-2 bezeichnet, welches die Erkrankung namens Covid-19 ausl\u00f6st. Es ist deshalb <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/wissen/warum-covid-19-ansteckender-ist-als-sars-enorme-mengen-virus-im-oberen-rachenbereich/25588526.html\">brandgef\u00e4hrlich</a>, weil Tr\u00e4ger*innen \u2013 im Unterschied zu SARS oder \u00e4hnlichen Viren \u2013 schon ansteckend sind, bevor sie \u00fcberhaupt Krankheitssymptome aufweisen. Das erschwert klarerweise die rechtzeitige Identifikation von Tr\u00e4ger*innen enorm und ist ein wesentlicher Grund der raschen Ausbreitung. \u00dcber den Ursprung des Virus k\u00f6nnen wir bisher nur spekulieren. Allerdings: Auch bei diesem Virus ist eine nicht zu vernachl\u00e4ssigende Wahrscheinlichkeit, dass <a href=\"https://thenextrecession.wordpress.com/2020/01/31/corinavirus-nature-fights-back/\">kapitalistische Landwirtschaft und Massentierhaltung</a> die Entstehung und Verbreitung des Virus massiv gef\u00f6rdert haben. Zum einen schw\u00e4cht die Abholzung gro\u00dfer Waldfl\u00e4chen die nat\u00fcrlichen Schranken von W\u00e4ldern gegen \u00dcbertragungen. <a href=\"https://climateandcapitalism.com/2020/01/29/coronavirus-a-deadly-result/\">Kombiniert</a> mit der Suche nach immer \u201eexotischeren\u201c Tieren zum kommodifizierten Verzehr \u2013 der Corona-Virus <i>k\u00f6nnte</i> im Markt von Wuhan f\u00fcr \u201eexotische Tiere\u201c ausgebrochen sein \u2013 und der Auslagerung der Fleischproduktion auf fabrikm\u00e4\u00dfige Zulieferer an Waldr\u00e4ndern steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich \u201eNutztiere\u201c neuartige Viren fangen und diese sofort \u00fcbertragen. <a href=\"https://socialistreview.org.uk/455/what-makes-disease-go-viral\">Andererseits</a> f\u00f6rdert die profitgetriebene Massentierhaltung die Entstehung und Verbreitung von Viren und Epidemien innerhalb des Tierreichs, da die Tiere nicht nur unter den brutalsten und unhygienischsten Bedingungen hochgez\u00fcchtet werden, was die Viren\u00fcbertragung und -ausweitung extrem f\u00f6rdert, sondern aus \u201eEffizienzgr\u00fcnden\u201c eine Monokultur bei der Z\u00fcchtung bevorzugt wird, die zus\u00e4tzlich eine Ausbildung von Resistenzen der Tiere verringert.</p><p>Gleichzeitig gibt es kaum Mechanismen, die einer wirklich weltumfassenden Pandemie angemessen w\u00e4ren und die koordinierte und effektive Ma\u00dfnahmen im Sinne der Allgemeinheit treffen k\u00f6nnten. Zentraler Grund: Die medizinische Forschung ist im neoliberalen Kapitalismus genauso privatisiert wie der Gesundheitssektor. Das wirkt sich in massivem Umfang auf die Behandlung der Betroffenen aus. Italiens kaputtgesparter Gesundheitssektor ist schon jetzt <a href=\"https://www.spiegel.de/politik/ausland/coronavirus-in-italien-wie-ein-tsunami-a-634be2c3-3666-434e-be74-44c6452e3690\">komplett \u00fcberlastet</a> und beschr\u00e4nkt funktionsf\u00e4hig, <a href=\"https://taz.de/Zustaendigkeiten-beim-Coronavirus/!5667299/\">Deutschland</a> ist hier <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/berlin/besucher-der-trompete-risikopatient-wurde-vier-tage-nicht-auf-das-coronavirus-getestet/25631386.html\">offensichtlich</a> <a href=\"https://twitter.com/FrlRottenmaier/status/1237443682606989312\">nicht viel besser</a> gestellt, auch aus anderen L\u00e4ndern werden Engp\u00e4sse und \u00dcberlastungen gemeldet.</p><p>Die profitgetriebene, privatisierte medizinische Forschung f\u00fchrt dazu, dass <a href=\"https://www.theatlantic.com/health/archive/2020/02/covid-vaccine/607000/?fbclid=IwAR24oQFi1KW_030hGhGXHnw8j75mU8dTSCfFXblDfy9VGsXySahXKlFqQyg\">Forschung und Produktion von Medikamenten und Impfungen</a> nicht im Sinne des Allgemeinwohls, sondern gem\u00e4\u00df der Profitlogik get\u00e4tigt werden. Viele Informationen werden nicht weitergegeben. Die Medikamente oder zumindest die Forschung dazu existiert am Ehesten noch dort, wo sie am Wenigsten gebraucht w\u00fcrde, um den wirklichen Ausbruch solcher Epidemien zu verhindern. Letztlich wird auch in der Pharmaindustrie nur dort geforscht und entwickelt, wo und wann es einen Profit verspricht. Dabei ist es bei Ausbruch einer Epidemie oder Pandemie schon zu sp\u00e4t \u2013 Forschung, Aufkl\u00e4rung, Vorbereitung m\u00fcssten schon l\u00e4ngst zuvor organisiert und l\u00e4ngerfristig geplant, Investitionen dauerhaft get\u00e4tigt werden, wenn es denn daran gelegen w\u00e4re, m\u00f6glichst viele Menschen vor einer epidemischen oder pandemischen Krankheit zu sch\u00fctzen und deren Effekte abzumildern. Die Kapazit\u00e4ten hierf\u00fcr hat die Menschheit schon l\u00e4ngst \u2013 es ist die kapitalistische Logik, die ein solches Vorgehen verhindert. Denn Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln ist teuer und eine profittr\u00e4chtige Nachfrage nach diesen Ma\u00dfnahmen gibt es in kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen nur, wenn eine Epidemie ausbricht, wenn es also schon zu sp\u00e4t ist. Und auch dann z\u00e4hlt das Geld.</p><p>Ein Interesse an einem effektiven Schutz, an einer Sorge f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Menschen gibt es im Kapitalismus aber nicht, auch nicht im Angesicht einer Pandemie. Am 10. M\u00e4rz verk\u00fcndete die EU-Kommission die Bereitstellung eines 25 Milliarden Euro Fonds zur Bearbeitung der \u201eCorona-Krise\u201c. Davon sollen immerhin <a href=\"https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/ip_20_440\">140 Mio. Euro</a> direkt in die Forschung gehen, die restlichen Milliarden sind dazu da, dass \u201edie europ\u00e4ische Wirtschaft den Turbulenzen trotzen\u201c kann.</p><h2><b>Eine virale Krise des Sozialen</b></h2><p>Nachdem sich die Organisation erd\u00f6lexportierender L\u00e4nder<b> (</b>OPEC) und Russland Anfang dieser Woche nicht auf eine gemeinsame F\u00f6rderbremse \u2013 wegen Corona-bedingtem Einbruch der \u00d6lnachfrage Chinas \u2013 einigen konnten, wurde das Virus quasi zusammen mit dem massivsten Einbruch des \u00d6lpreises seit 1991 Ausl\u00f6ser eines Kurssturzes an den B\u00f6rsen weltweit. Die Wachstumsprojektionen der meisten L\u00e4nder wurden f\u00fcr 2020 schon vor dem Einsturz des \u00d6lpreises nach unten revidiert \u2013 <a href=\"https://thenextrecession.wordpress.com/2020/03/05/disease-debt-and-depression/\">jetzt</a> werden die Prognosen noch d\u00fcsterer. Die Entwicklungen f\u00fchren die Fragilit\u00e4t der globalen kapitalistischen Gesellschaftsformation sehr deutlich vor Augen: Die Weltwirtschaftskrise 2007-08ff. ist eben nur oberfl\u00e4chlich \u201e\u00fcberwunden\u201c worden. Ein vergleichsweise zuf\u00e4llig losgetretenes Ereignis reicht wom\u00f6glich, um erneut eine ausbuchstabierte Weltwirtschaftskrise vom Zaun zu brechen.</p><p>Andererseits: Keineswegs sind alle Menschen gleich vom Virus betroffen. W\u00e4hrend nun \u201eKonjunkturpakete\u201c f\u00fcr \u201edie Wirtschaft\u201c \u2013 lies: die Kapitalist*innen \u2013 herausposaunt werden, regnen keine \u201eSozialpakete\u201c f\u00fcr den Gro\u00dfteil der Werkt\u00e4tigen. Schon jetzt wurden zahllose Messen abgesagt \u2013 und damit das Einkommen zahlloser Arbeiter*innen, die ohne Vertr\u00e4ge oder \u201eauf Honorarbasis\u201c angestellt sind, vernichtet. Alle, die k\u00f6nnen, sollen<i> home office</i> machen, hei\u00dft es; in Deutschland kann man sich per Bildaufnahme seines Krankenausweises aus der Ferne eine Krankheitsbescheinigung f\u00fcr die Arbeit ausstellen lassen. Welch F\u00fcrsorge! Aber was ist mit denen, die prek\u00e4r oder informell arbeiten? Was ist mit prek\u00e4r selbstst\u00e4ndigen Kulturarbeiter*innen, jetzt, wo viele Kulturveranstaltungen abgesagt sind? Was ist mit prek\u00e4ren \u00dcbersetzer*innen, Akademiker*innen, Leiharbeiter*innen? Was sollen diejenigen machen, die sich Ausf\u00e4lle an Arbeitstagen oder medizinische Diagnosen in L\u00e4ndern mit noch krasser privatisierten Gesundheitssystemen wie den USA nicht leisten k\u00f6nnen? Die gro\u00dfe Politik schweigt.</p><p>In Italien sind <a href=\"https://twitter.com/Mau_Ri_83/status/1237447577144119299\">landesweit</a> Arbeiter*innen in Streik getreten, weil nicht gen\u00fcgend Sicherheits- und Gesundheitsma\u00dfnamen im Sinne der Arbeiter*innen getroffen werden; in und um \u00fcber 25 <a href=\"https://twitter.com/redfishstream/status/1237433635265019905\">Gef\u00e4ngnissen</a> brachen Aufst\u00e4nde aus, weil den Angeh\u00f6rigen der Kontakt verweigert wird \u2013 es gibt schon <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-health-coronavirus-italy-prisons/six-dead-as-coronavirus-measures-trigger-prison-riots-across-italy-idUSKBN20W1JP\">Tote</a>. Das <a href=\"https://dso.college.harvard.edu/coronavirusfaq\">Harvard College</a> ruft alle Studierenden dazu auf, innerhalb von f\u00fcnf Tagen ihre Schlafs\u00e4le und Campus-Wohnungen zu verlassen, alle Kurse finden nur mehr online statt. Zur Frage danach, wie das Studierende, die kaum Geld oder andere Unterk\u00fcnfte zur Verf\u00fcgung haben, organisieren sollen, hei\u00dft es lapidar: \u201eIt may take some time before financial issues are settled.\u201c Auch in Deutschland und \u00d6sterreich werden immer mehr Schulen geschlossen \u2013 welche Eltern k\u00f6nnen sich<i> home office</i> oder Abwesenheit von der Arbeit leisten, um sich um die Kinder zu k\u00fcmmern?</p><h2><b>Solidarische Perspektiven in Zeiten von Corona</b></h2><p>W\u00e4hrend sich das Virus derzeit noch exponentiell steigend ausbreitet, haben das kapitalistische System und seine politische Verwaltung bisher nicht viel mehr zu bieten als kaputtgesparte Gesundheitsinfrastruktur sowie recht grobe und ziellose Quarant\u00e4ne-Ma\u00dfnahmen und \u201eVerhaltensempfehlungen\u201c, die eine weitestgehende Individualisierung der Folgen beinhalten. Ausgenommen nat\u00fcrlich die \u201eUnternehmer*innen\u201c, um die sorgt man sich ganz besonders.</p><p>Die Bev\u00f6lkerung selbst soll sich voneinander fernhalten \u2013 au\u00dfer bei prek\u00e4ren Jobs, und auf dem Weg dorthin in \u00fcberf\u00fcllten Nahverkehrsmitteln. Sogar die <a href=\"https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/advice-for-public\">WHO</a>, immerhin eine der gr\u00f6\u00dften und wichtigsten internationalen Gesundheitsorganisationen, empfiehlt neben dem H\u00e4ndewaschen die soziale Distanzierung. Wer kann, der isoliere sich, der Rest desinfiziere eben die H\u00e4nde \u2013 falls Desinfektionsmittel noch erschwinglich zu bekommen sind. Was dieses Dr\u00e4ngen auf soziale Isolation gerade im Kontext von Care-Arbeit mit \u00e4lteren Menschen oder mit Menschen mit anderen Erkrankungen bedeuten wird, in Zeiten von Vereinsamung vieler Menschen \u2013 all dies wird sich erst mit der Zeit zeigen.</p><p>Die kapitalistische Medienlogik \u2013 <i>sex sells</i>,<i> panic sells</i>,<i> spectacle sells</i> \u2013 macht mit, es herrscht ein Informationschaos, dessen Ausma\u00dfe oszillieren zwischen exzessiver Panikmache \u2013 \u201eDie meisten von uns werden erkranken, viele Junge und Alte werden sterben!\u201c \u2013 und Derailing \u2013 \u201eeine normale Influenza ist viel gef\u00e4hrlicher, die meisten Menschen werden kaum mal leichte Symptome haben!\u201c. Stimmen, die hier auf die Marginalisierten, die Menschen mit chronischen Erkrankungen, die Menschen in sehr prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen ohne K\u00fcndigungsschutz und so weiter hinweisen, bleiben weit dahinter zur\u00fcck. Im Gegenteil: Ihnen dr\u00f6hnt noch rechte Geiferei entgegen. Der neurechten Internationalen in den USA, Italien, Frankreich, der Schweiz, Spanien, <a href=\"https://www.nbcnews.com/news/world/coronavirus-used-european-populist-right-challenge-e-u-open-borders-n1149491\">Ungarn</a>, <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/politik/video-mit-pistolenschuss-wie-rechte-das-coronavirus-zur-hetze-gegen-fluechtlinge-benutzen/25625008.html\">Deutschland</a> und \u00d6sterreich <a href=\"https://www.theguardian.com/commentisfree/2020/feb/28/coronavirus-outbreak-migrants-blamed-italy-matteo-salvini-marine-le-pen\">sch\u00e4umt schon der Mund</a>: die Gefl\u00fcchteten, die Chinesen, die Afrikaner \u2013 Danke Merkel, GRENZEN ZU!!!</p><p>Wir als Linke m\u00fcssen gegen diesen kapitalistische Bankrottpolitik gegen\u00fcber dem Sozialen und dem Versuch der reaktion\u00e4ren Kapitalisierung angesichts der Corona-Krise entschieden entgegentreten und klarmachen: In der heutigen neoliberalen Welt ist die Entstehung viraler Pandemien durch kapitalistischen Raubbau und Massentierhaltung viel wahrscheinlicher geworden; ihre Ausweitung hingegen geht aufgrund der Globalisierung viel schneller vor sich. Daran hat aber wiederum nicht eine abstrakte \u201eGlobalisierung\u201c Schuld. Der Hund <a href=\"https://thenextrecession.wordpress.com/2020/03/05/disease-debt-and-depression/\">liegt darin</a> begraben, dass es im neoliberalen Weltkapitalismus einfach kaum pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen und Vorbereitungen f\u00fcr den Umgang mit solchen Pandemien im Sinne des Allgemeinwohls gibt, da sie aus der Perspektive privatisierter Pharmaindustrien und Gesundheitssysteme nicht profitabel sind. Das gilt f\u00fcr die jetzige Corona-Krise genauso wie f\u00fcr die weltweite Klimakrise. Nach dieser Logik fordert auch der Multimilliard\u00e4r Bill Gates <a href=\"https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMp2003762\">jetzt massive \u00f6ffentliche Investitionen</a> und die teilweise Aussetzung kapitalistischer Marktlogiken, um dem Virus beizukommen. Was er freilich nicht sagt: Dass es genau Menschen wie er waren, die zu der aktuellen Krise und zur stetigen Kommodifizierung des Gesundheitssektors und aller anderen Gesellschaftssph\u00e4ren beigetragen haben.</p><p>Kurzfristig m\u00fcssen wir alles Erdenkliche daf\u00fcr tun, dass auch diese Krise des Kapitalismus, die wortw\u00f6rtlich eine virale ist, nicht auf dem R\u00fccken der Vulnerabelsten und Schw\u00e4chsten \u2013 (prek\u00e4re) Arbeiter*innen, <a href=\"https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/arbeitende-rentner-sind-am-gefaehrdetsten\">Rentenaufstocker*innen</a>, Frauen*, <a href=\"https://www.thenewhumanitarian.org/news/2020/02/27/Coronavirus-Iran-refugees-IDPs-Italy-Europe-disease\">Refugees</a>, chronisch Kranke, behinderte Menschen \u2013 ausgetragen wird. Es muss Sozial- und Sorgepakete statt Konjunkturpakete geben; daf\u00fcr zahlen m\u00fcssen die, die das Geld haben; keine Prek\u00e4re oder Reproduktionsarbeiterin darf die Lasten alleine tragen, es m\u00fcssen soziale Sorgemechanismen und Auffangnetze eingefordert und organisiert werden. Mittel- und langfristig m\u00fcssen wir auf eine Revolutionierung der Gesundheitssysteme und der Pharmaindustrie, und nicht zuletzt von Landwirtschaft und Tierhaltung dr\u00e4ngen: Weg von einer Profitorientierung hin zu einer Gemeinwohlorientierung. Nur die Perspektive und Organisation einer solchen antikapitalistischen und internationalen Solidarit\u00e4t wird auch letztlich den dunklen Horizont neurechter Hetze und Menschenverachtung dorthin verfrachten, wohin er hingeh\u00f6rt \u2013 auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/viraler-kapitalismus/", "id": "https://revoltmag.org/articles/viraler-kapitalismus/", "author": {"name": "Alp Kayserilio\u011flu, Johanna Br\u00f6se und Max Zirngast", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-03-11T13:21:10.148042+00:00", "date_modified": "2020-04-29T15:58:43.794454+00:00", "tags": ["re:claim", "arbeitsmarkt", "corona", "abschottung", "epidemie", "krise", "gesundheitssystem", "kapitalismus", "pandemie"], "summary": "Ganze L\u00e4nder unter Quarant\u00e4ne, B\u00f6rsen st\u00fcrzen ab, Schulen und Unis schlie\u00dfen, Menschen verlieren ihre Arbeit. Eine virale Krise des Kapitalismus versetzt die Welt in Starre und trifft die Schw\u00e4chsten. Dagegen gilt es, Solidarit\u00e4t zu organisieren und linke Perspektiven stark zu machen."}, {"title": "Chance oder Schrecken: Freihandel in Afrika", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Chance oder Schrecken: Freihandel in&nbsp;Afrika</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Logistik-Riesen\" height=\"420\" src=\"/media/images/sergio-souza-igeghKW-bG0-unsp.310c6690.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Sergio Souza</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Im 21. Jahrhundert erlebt der Panafrikanismus eine Renaissance. Seine Tradition reicht zur\u00fcck bis ins 18. Jahrhundert. Er war zentraler Bestandteil der Bewegungen, die in den 1960\u2018er Jahren in teils blutigen K\u00e4mpfen die Unabh\u00e4ngigkeit vieler afrikanischer L\u00e4nder erreichen sollten. Der wichtigste Standpunkt, den die Denker*innen des Panafrikanismus vertraten, war die Ansicht, dass die Befreiung des afrikanischen Kontinents von Kolonialismus und Imperialismus mit dem Schicksal Schwarzer Menschen verkn\u00fcpft ist, die weltweit unter Rassismus leiden. Aus der Erkenntnis, dass Schwarze Menschen besonders entrechtet und von kapitalistischer Ausbeutung betroffen waren, folgte f\u00fcr die radikalsten unter ihnen konsequenterweise eine antikapitalistische und antiimperialistische Haltung. Doch statt eines Panafrikanismus in Gestalt einer antikolonialen Massenbewegung mit sozialistischer Perspektive und Verankerung in den Gewerkschaften anzustreben, ernennen ihn nun Banken, Gro\u00dfkonzerne und Staatsf\u00fchrungen h\u00f6chst selbst zu ihrer historischen Mission.</p><h2><b>Grenzenlose Wirtschaftsabkommen</b></h2><p>Das <i>African Continental Free Trade Agreement</i> (AfCFTA) ist der neueste Ausdruck dieser Entwicklung. Das Abkommen, dem sich 54 der 55 afrikanischen Staaten angeschlossen haben und das <a href=\"https://www.dw.com/de/wichtiger-meilenstein-f%C3%BCr-afrikanische-freihandelszone/a-49507294\">bereits von 27 dieser Staaten ratifiziert</a> wurde, schafft die bisher gr\u00f6\u00dfte Freihandelszone der Welt. Sie umfasst bis zu einer Milliarde Menschen.</p><p>In den letzten Jahren hatten vor allem Abkommen zwischen europ\u00e4ischen und afrikanischen Staaten Aufmerksamkeit erregt, deren Ziel es war, <a href=\"https://revoltmag.org/articles/das-gesch%C3%A4ft-mit-der-flucht/\">Grenzen zu schlie\u00dfen</a> und Migration nach Europa einzud\u00e4mmen. Ein Beispiel daf\u00fcr war der 2015 ausgehandelte <a href=\"https://www.spiegel.de/politik/ausland/sudan-wurden-mit-eu-geldern-die-rsf-milizen-finanziert-a-1281585.html\">Khartoum-Deal</a>, mit dem sich die EU den \u201aSchutz\u2018 vor Gefl\u00fcchteten erkaufen wollte. In diesem neueren Abkommen nun sollen G\u00fcter, Kapital sowie (einige) Menschen von uneingeschr\u00e4nkter Mobilit\u00e4t profitieren. Das beinhaltet den Abbau von Zollschranken, was f\u00fcr den innerafrikanischen Handel ein prognostiziertes Wachstum von mehr als f\u00fcnfzig Prozent bedeuten k\u00f6nnte. Im Falle der Entfernung nicht tarif\u00e4rer Handelshemmnisse steht sogar noch ein umfangreicheres Wachstum zur Debatte.</p><p>Gen\u00fcgend dieser Regierungen wissen die Freiheit ihrer V\u00f6lker allerdings nur dann zu sch\u00e4tzen, solange sie sich in den von ihnen gew\u00fcnschten Bahnen bewegt. Denn ohnehin misst sich der Grad der pers\u00f6nlichen Freiheit im Kapitalismus an der H\u00f6he des verf\u00fcgbaren Geldes. Eine neoliberale Ma\u00dfnahme wie das beschlossene AfCFTA kann so die Rhetorik der afrikanischen Einheit nutzen, um ein weiteres Mal den Abgrund zwischen Armut und Reichtum zu vergr\u00f6\u00dfern. Denn grenzenlose Konkurrenz ist ein wirkungsvoller Mechanismus, um den Lebensstandard der Massen in einer Abw\u00e4rtsspirale weiter Richtung Elend zu dr\u00fccken.</p><p>Folgerichtig haben beispielsweise Gewerkschaften und die Labour Party in <a href=\"https://www.pambazuka.org/pan-africanism/african-continental-free-trade-area-prospects-and-problems-implementation\">Nigeria gegen die Unterzeichnung</a> und die negativen Auswirkungen auf die Lage der Lohnabh\u00e4ngigen protestiert. Tats\u00e4chlich hat die Regierung Nigerias bereits nach kurzer Zeit unter dem Vorwand, Schmuggel zu bek\u00e4mpfen, <a href=\"https://qz.com/africa/1741064/nigerias-benin-border-closure-is-a-warning-for-afcfta-trade-deal/\">die Grenzen zu Benin, Niger und Kamerun geschlossen</a> und somit die M\u00f6glichkeit zu Handeln, ausgesetzt. Davon sind vor allem kleine H\u00e4ndler*innen entlang der Transitrouten betroffen. Dabei handelt es sich bei Nigeria noch um eines der afrikanischen L\u00e4nder, dessen Wirtschaftsleistung vom Abkommen tendenziell profitieren k\u00f6nnte. In vielen anderen L\u00e4ndern, deren Regierungen das Abkommen unterzeichneten, sieht dies anders aus. Was kann also f\u00fcr linke und revolution\u00e4re Kr\u00e4fte unter diesen Umst\u00e4nden ein Umgang mit dem unvermeidlichen Abkommen sein?</p><h2><b>Von Panafrikanismus zu afrikanischem Kapitalismus</b></h2><p>Abayomi Azikiwe, Mitglied der <i>Workers World Party</i> und Herausgeber des <i>Pan-African News Wire</i>, eines t\u00e4glich aktualisierten Nachrichtendienstes, erinnert daran, dass die Umsetzung der <a href=\"https://www.pambazuka.org/pan-africanism/african-continental-free-trade-area-prospects-and-problems-implementation\">Ziele des Panafrikanismus</a> in der Vergangenheit von der Aus\u00fcbung sozialistischer Methoden der Planung und Organisation abhingen. Gerade deshalb erscheint es umso abwegiger, dass eine progressive Entwicklung nun von einer Reihe von Staatschefs eingeleitet werden k\u00f6nnte, die sich und ihre Verb\u00fcndeten in der Vergangenheit bereits umfassend mit Anteilen an den wichtigsten afrikanischen Unternehmen und deren Profiten versorgt haben. Azikiwe stellt daher richtigerweise die Frage, ob und inwiefern (Land)Arbeiter*innen und die Jugend <i>\u00fcberhaupt</i> vom AfCFTA profitieren k\u00f6nnen.</p><p>Der panafrikanische Intellektuelle Georges Nzongola-Ntalaja, von dem bedeutende Essays \u00fcber die Klassenk\u00e4mpfe und die nationale Frage in Afrika stammen, pr\u00e4gte den Begriff der \u201eBalkanisierung\u201c des afrikanischen Kontinents \u2013 die \u201eBalkanisierung\u201c stelle gleichsam ein Projekt der imperialistischen M\u00e4chte, wie auch der regionalen aufstrebenden kleinb\u00fcrgerlichen Elite dar. Zu deren zentralem Anliegen, so Nzongola-Ntalaja, z\u00e4hlte es, die sozialistische Bewegung einzud\u00e4mmen. Das Kleinb\u00fcrgertum der historisch neu gegr\u00fcndeten Staaten konnte darauf hoffen, nach der formalen Unabh\u00e4ngigkeit endlich an die Schaltstellen der Macht zu gelangen. Eine nationale Befreiung, so wie sie auf dem Programm der marxistischen und radikaleren panafrikanistischen Organisationen zu finden war, stellte hingegen, neben der profitorientierten kapitalistischen Wirtschaftsordnung, auch die kolonialen Grenzziehungen in Frage. Man strebte einen Zusammenschluss im Rahmen von regionalen, bis kontinentalen F\u00f6derationen an. Die postkoloniale Realit\u00e4t machte unterdessen den b\u00fcrgerlichen Nationalstaat mitsamt Staatseigentum zu pers\u00f6nlichen Wohlstandsquellen. Die elit\u00e4re B\u00fcrokratie an der Macht lernte, besonders effizient die Kassen zu pl\u00fcndern und sich gegenseitig Positionen in Staatsunternehmen zuzuschieben. Enteignungen von Land wurden oft als propagandistische Mittel eingesetzt und kamen am Ende nicht den besitzlosen Massen zugute.</p><p>Bis heute konnte also weder das Problem der kolonialen Grenzziehung noch die damit einhergehende nationale Frage gel\u00f6st werden. Die daraus resultierenden Folgen dr\u00fccken sich vielerorts in der Unterdr\u00fcckung nationaler Minderheiten aus, oder in der ungel\u00f6sten Landfrage, wie die j\u00fcngste Diskussionen um <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-namibia-land/namibian-president-wants-land-expropriated-to-boost-black-ownership-idUSKCN1MB2TM\">das geraubte und von Wei\u00dfen besetzte Land in Namibia</a>, Zimbabwe oder S\u00fcdafrika zeigt.</p><h2><b>Zwischen haushohen Glasfassaden und prek\u00e4rer Subsistenzwirtschaft</b></h2><p>Ein weiteres Problem der afrikanischen Wirtschaft, das bereits der Revolution\u00e4r und Intellektuelle Adbulrahman Mohamed Babu in seinem Buch <i>African Socialism or Socialist Africa</i> herausgearbeitet hat, ist die Inkoh\u00e4renz von Landwirtschaft und Industrie. Statt des Aufbaus von Wirtschaftszweigen, die produktiv ineinandergreifen, werden die nationalen \u00d6konomien auf den Export von Rohstoffen orientiert. Fertige Produkte m\u00fcssen oftmals importiert werden. Eine notwendige Entwicklung, die Babu in den 1960er Jahren im Kontext der revolution\u00e4ren Phase f\u00fcr Zanzibar anstrebte, w\u00e4re dahingegen die Ausrichtung der Wirtschaft auf die Weiterverarbeitung gef\u00f6rderter Rohstoffe und geernteter Landwirtschaftserzeugnisse. Au\u00dferdem ginge es um die Produktion von Produktionsmitteln, also die Fertigung von Maschinen. Unproduktive Branchen wie der Tourismus k\u00f6nnen zwar in kurzer Zeit finanzielle Mittel erwirtschaften, sind jedoch ihrerseits unf\u00e4hig, selbst die Wirtschaft zu entwickeln und aus der Abh\u00e4ngigkeit zu befreien. Zwischen dieser wirtschaftlichen Stagnation einerseits und den europ\u00e4isierten Glasfassaden der gigantischen B\u00fcrogeb\u00e4ude multinationaler Konzerne andererseits befinden sich Millionen Menschen auf dem Niveau der Subsistenzwirtschaft und der prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigung im informellen Sektor.</p><p>In seinem Buch <i>Die heimliche Kolonialmacht</i> hat der \u00d6konom Rainer Falk die Beweggr\u00fcnde und Entstehung der Entwicklungshilfe nachvollzogen. Seit den Zeiten der antikolonialen Befreiungsbewegungen war es den westlichen Industriestaaten ein Anliegen, die schlimmsten Konsequenzen der globalisierten Marktwirtschaft auf dem afrikanischen Kontinent abzufedern und zu gleicher Zeit bessere Voraussetzungen f\u00fcr diese zu schaffen. Dem idealistischen Modell der europ\u00e4ischen Demokratie nachempfunden, sollte f\u00fcr diese Zwecke mittels der Entwicklungshilfe eine mit dem Ordnungsinteresse des Staates verbundene Mittelschicht von Kleinunternehmen geschaffen werden. Die Exponent*innen dieser Klasse sollten ihre Interessen nicht im nationalen Befreiungsprojekt einer marxistischen Guerilla, sondern in korrupten Polizeitrupps vertreten sehen. Ein Freihandelsabkommen wie das AfCFTA erm\u00f6glicht dieser Klasse letztlich mehr Zugriff auf geeignetere Ressourcen, billigere Arbeitskraft und gr\u00f6\u00dfere Absatzm\u00e4rkte. Realistisch betrachtet allerdings nur kurz- bis mittelfristig, bevor diese mit gr\u00f6\u00dfter Wahrscheinlichkeit n\u00e4mlich unter dem Druck der multinationalen afrikanischen Kapitalist*innen und der restlichen imperialistischen Konkurrenz zusammenbrechen wird.</p><h2><b>Zunehmende soziale Polarisierung</b></h2><p>Es bedarf einer klaren Sicht, die diese liberalen Illusionen als solche erkennt und deutlich herausstellt. Ein Freihandelsabkommen wie das AfCFTA, das f\u00fcr die Bed\u00fcrfnissen der Elite ma\u00dfgeschneidert wurde, ist nicht in der Lage, eine progressive Antwort auf die soziale Frage in den afrikanischen Staaten zu geben. Es ist dazu vorbestimmt, von den inneren Widerspr\u00fcchen der verschiedenen \u00d6konomien ausgehend, zu noch mehr sozialer Polarisierung zu f\u00fchren. Die Situation der Massen, die noch immer von Subsistenzwirtschaft lebt und unter dem Druck der internationalen Wirtschaft leidet, kann so nur verschlechtert werden. W\u00e4hrenddessen besteht die Gefahr, dass ein besserer Zugriff der Unternehmen auf M\u00e4rkte und Arbeitskraft dazu f\u00fchrt, dass die gigantische Kluft zwischen Armut und \u00fcberbordendem Reichtum noch gewaltiger wird. Das Abkommen dient denjenigen, die schon jetzt profitieren als Mittel, sich noch weitere Vorteile zu beschaffen. Die gleichen Voraussetzungen, die dazu f\u00fchrten, dass zur Bew\u00e4ltigung der Schuldenkrise in der EU die Troika aus <i>Europ\u00e4ischer Zentralbank</i> (EZB), <i>Internationalem W\u00e4hrungsfonds</i> (IWF) und der <i>Europ\u00e4ischen Kommission</i> \u2013 mit der BRD am Abzug \u2013, Griechenland, Spanien und Irland brutale Sparprogramme auferlegte, drohen sich nun als scheinbar fortschrittliche Inszenierung der Solidarit\u00e4t der afrikanischen Wirtschaft zu bem\u00e4chtigen. Wom\u00f6glich wird sich dann im Rahmen der n\u00e4chsten Krise das Dilemma der nationalen Schulden wiederholen und eine noch m\u00e4chtigere Welle der Privatisierung um sich greifen. Diesmal allerdings nicht als Trag\u00f6die, sondern als Farce.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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W\u00e4hrend die Idee des Panafrikanismus in den 60ern noch sozialistisch und antinational gepr\u00e4gt war, dient das panafrikanische Abkommen heute vor allem den kapitalistischen und nationalstaatlichen Eliten."}, {"title": "Die post-antideutsche Hegemonie muss fallen", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Die post-antideutsche Hegemonie muss&nbsp;fallen</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Berlin_Kapitalismus.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/16571333902_d3a8014271_k.8384aad2.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Ersagun Ela\u00e7maz|Flickr</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Der Rechtsruck in Deutschland m\u00f6chte einem Angst einjagen. Auf der diskursiven Ebene verbreitet sich der Gedanke, \u201euns Deutschen\u201c fehle es, \u201eweil den Fl\u00fcchtlingen zu viel gegeben wird\u201c. Aus dieser Hetze gegen gefl\u00fcchtete Menschen folgt eine Versch\u00e4rfung der nationalen Sicherheitspolitik und eine Abdichtung der EU-Au\u00dfengrenzen. Das f\u00fchrt auch zu einer Zunahme der indirekten Morde im Mittelmeer und zur gesteigerten Hetze gegen Gefl\u00fcchtete im Land. Was kann dem diskursiv entgegengesetzt werden? Die radikale Linke versucht seit Jahren mit einer komplexen Kapitalismusanalyse darauf zu antworten, welche aber fast nur unter Studierenden in der linken Szene ankommt, nicht aber in der breiten Bev\u00f6lkerung. Das ist auch der Grund, warum der Ruf nach einer \u201epopul\u00e4ren Linken\u201c <b>[1]</b> lauter wird. Einer wachsenden Gruppe prek\u00e4r Lebender, beispielsweise Arbeitslose, Leiharbeiter*innen, prek\u00e4re Selbstst\u00e4ndige, Angestellte mit befristeten Vertr\u00e4gen, Eingewanderte oder von Altersarmut Betroffene, muss eine verst\u00e4ndliche linke Welterkl\u00e4rung angeboten werden. Das k\u00f6nnte ihnen das Gef\u00fchl zur\u00fcck geben, in der Politik repr\u00e4sentiert zu sein.</p><p>Noch bis in die 90er gab es popul\u00e4r-linke Erkl\u00e4rungen und Parolen, die einfach und verst\u00e4ndlich waren und trotzdem in eine kapitalismuskritische Richtung deuteten:\u201eDie Schranken verlaufen nicht zwischen den V\u00f6lkern, sondern zwischen Unten und Oben\u201c, \u201eDie H\u00e4user denen, die drin wohnen\u201c, \u201eKeine Macht f\u00fcr Niemand\u201c, \u201eDer Student studiert, der Arbeiter arbeitet, der Chef scheffelt\u201c und so weiter. Diese \u201eEinstiegsparolen\u201c konnten damals interessierte, bislang unpolitische, Prekarisierte ansprechen.</p><p>Fr\u00fchere popul\u00e4r-linke Erkl\u00e4rungen und Parolen konnten dies durch die Thematisierung des Reichtums der Reichsten, der Ausbeutung durch Konzerne oder die Ausgaben von Steuergeldern f\u00fcrs Milit\u00e4r darstellen. So gab man dem politischen Feind einen Namen. Und die Lage hat sich ja seither nicht verbessert: Vor allem beim Thema Sozialabbau und in der Diskussion um die Rente spielt die Frage, warum kein Geld f\u00fcr das \u00e4rmere Drittel der Bev\u00f6lkerung da ist und dieses (Alters-)Armut bef\u00fcrchten muss, heute eine gr\u00f6\u00dfere Rolle denn je. Wo aber sind diese Erkl\u00e4rungen und Parolen hin? Wieso kann der Gro\u00dfteil der radikalen Linken nicht mehr so kommunizieren, dass sie sich \u00fcber innerlinke und akademische Theoriediskussionen hinaus Geh\u00f6r verschaffen k\u00f6nnen? Angesichts einer f\u00fcr radikale Linke heute ohnehin schon knappen Medien\u00f6ffentlichkeit (durch linke Hompages, Aufkleber, Demo-Banner, Medien\u00f6ffentlichkeit bei Aktionen und so weiter) w\u00e4re das doch gerade wichtig. Wie k\u00f6nnen wir wieder dahin gelangen?</p><h2><b>Angriffsziel: Die alte, popul\u00e4re kapitalismuskritische Erz\u00e4hlung</b></h2><p>Mir scheint, dass die Handlungsunf\u00e4higkeit der radikalen Linken mit einer \u00fcbertriebenen, aggressiven Durchsetzung der umstrittenen Thesen von Moshe Postone zusammenh\u00e4ngt.</p><p>Im <i>Kapital</i> (Band I) von Marx wird dargestellt, wie im kapitalistischen System menschliche Akteure zu Charaktermasken verkommen. Das Kapital agiert als System, nicht einzelne Kapitalist*innen sind \u201eschuld\u201c am Kapitalismus. Dennoch sind sie als Akteure im Kapitalismus zu verstehen, die diesen absichtlich reproduzieren, weil sie von ihm profitieren. Ebenso sind auch die Proletarisierten in den Kapitalismus verstrickt, den sie mit reproduzieren. Anders als die Kapitalist*innen sind sie aber die Kraft, die den Kapitalismus potentiell sprengen kann, gerade weil sie nicht von ihm profitieren, sondern eher unter ihm leiden.</p><p>Moishe Postone vertrat 1979 in seinem Aufsatz \u201eAntisemitismus und Nationalsozialismus\u201c die These, Antisemitismus entstehe aus dem Nicht-Verstehen des Kapitalismus. Demnach f\u00fchre die Trennung von Abstraktem (zum Beispiel finanziellem Kapital) und Konkretem (die produzierende, sichtbare Arbeit), die im Kapitalismus auftrete, dazu, dass die produzierende Arbeit und das dazu n\u00f6tige industrielle Kapital als \u201edas Gute\u201c und Wert-Schaffende, wohingegen die abstrakten Sph\u00e4ren, wie das Finanzkapital als \u201edas B\u00f6se\u201c angesehen w\u00fcrden. Und da seit dem Mittelalter j\u00fcdische Menschen mit dem Finanzkapital verbunden w\u00fcrden, sei \u00fcber die Verbindung von Judentum und \u201eb\u00f6sem Finanzkapital\u201c ein Hass auf J\u00fcdinnen und Juden hervorgebracht worden.</p><p>Diese These mag eine gewisse Plausibilit\u00e4t haben, auch wenn Postone selbst sie in seinem Aufsatz mit falsch verstandenen marxschen Begriffen von konkreter und abstrakter Arbeit begr\u00fcndet. <b>[2]</b> Die unter Anderem durch Faschist*innen verbreitete falsche Trennung zwischen gutem, industriellen Kapital und schlechtem, finanziellen Kapital wird von traditionellen, wie modernen antikapitalistischen Linken abgelehnt. Die Position, dass sowohl Finanz- als auch Industrie-, Immobilien- und Handelskapital uns Lohnabh\u00e4ngigen entgegensteht, scheint mir seit Mitte der 2000er in radikaleren Teilen der Linken hegemonial. Durch die damals neu entstandene ATTAC-Bewegung (Gr\u00fcndung 1998), welche sich auf die Auswirkungen des Finanzkapitalismus konzentrierte, war aber Anfang der 2000er in weniger radikalisierten Kreisen die Position durchaus verbreitet, das Problem sei nur oder haupts\u00e4chlich das Finanzkapital. Diese Position f\u00fchrt \u2013 abgesehen von den Orten, wo ATTAC-Gruppen rechts unterwandert wurden (zum Beispiel bei der Landesf\u00f6deration in Polen) \u2013 jedoch nicht zwangsl\u00e4ufig zu Antisemitismus. Denn die Verbindung von Finanzkapital und Judentum ist eben nicht logisch, oder gar selbstverst\u00e4ndlich. Dass ATTAC nur einen Teil des Kapitalismus reformieren will, anstatt gegen das System an sich zu opponieren, kann ihr trotzdem begr\u00fcndet vorgeworfen werden. Dass in Polen Faschist*innen die ATTAC-Strukturen unterwandern konnten, mag genau an dieser Schwachstelle liegen. Das hei\u00dft aber nicht, dass der Kampf gegen das Finanzkapital gerade von links nicht auch sehr wichtig w\u00e4re. Die von ihm erzeugten Widerspr\u00fcche sind h\u00e4ufig weitreichend. Nicht nur die rechtsalternativen Politisierungserfolge gegen die Federal Reserve unter dem Mantel der Friedensbewegung deuten darauf hin. <b>[3]</b> Auch die K\u00e4mpfe der \u201e<a href=\"https://en.wikipedia.org/wiki/Plataforma_de_Afectados_por_la_Hipoteca\">Plataforma de Afectados por la Hipoteca</a>\u201c (PAH) in Spanien im Zuge des Platzens der Immobilienblase zeigen das nur zu deutlich. Seit 2008 hatte die Plattform h\u00e4ufig erfolgreich gegen R\u00e4umungen von Tausenden von Mieter*innen gek\u00e4mpft, deren H\u00e4user im Zuge der Krise in Bankeneigentum \u00fcbergegangen waren. Erfolge lie\u00dfen sich nur mit massivem \u00f6ffentlichen Druck auf die Banken durchsetzen.</p><p>Noch Mitte der 90er bis Anfang der 2000er waren Formen von Kapitalismuskritik auch in der breiten bundesdeutschen Gesellschaft wahrnehmbar. Die autonome Bewegung der 80er und 90er, deren Radikalit\u00e4t bis dahin junge Menschen ansprach, hatte klar vermittelt, dass es unmoralisch sei, sich am Kapitalismus zu bereichern, weil dies auf Kosten der Mehrheit geschehe. Die Feindbilder waren \u201eBonzen\u201c, Bosse, \u201ereiche Schweine\u201c, Spekulanten und \u201eYuppies\u201c. Dass den rechts orientierten und skrupellosen Chefs gro\u00dfer Institutionen im Kontext des Kalten Krieges auch etwas entgegengesetzt werden konnte, zeigten auch verschiedene bewaffnete Gruppen, von der RAF \u00fcber die Bewegung 2. Juni bis hin zu den RZ. Deren Aktionen wurden in der Endphase unter moralischen und strategischen Gesichtspunkten in der radikalen Linken zwar sehr kontrovers diskutiert, jedoch wurde aber \u00fcber die moralische Kritik an kapitalistischen Profiteuren, die Milliarden mit der Ausbeutung der Mehrheit der Menschen scheffelten, den unpolitischen Arbeiter*innen und Prek\u00e4ren ein Feindbild angeboten. Und zwar eines, das zumindest in den alten Bundesl\u00e4ndern sicher dazu beitrug, dass die Schuld f\u00fcr Sozialabbau (Hartz IV wurde 2005 eingef\u00fchrt, die Bahn privatisiert) nicht in derartigem Ausma\u00df mit Gefl\u00fcchteten oder sonst wie als \u201efremd\u201c dargestellten Personengruppen in Verbindung gebracht wurde.</p><p>Ab den 2000ern ver\u00e4nderten sich linke Parolen hin zu weniger verst\u00e4ndlichen Erkl\u00e4rungen der kapitalistischen Realit\u00e4t, so dass die Linke immer weniger popul\u00e4r wurde. Wie kam es dazu?</p><p>In diesem Zeitfenster war die globalisierungskritische Linke stark. Ich selbst wurde bei den Gipfelprotesten zum Beispiel beim G8 in Evian 2003 politisiert. Die globalisierungskritische Linke mobilisierte haupts\u00e4chlich die Kritik an gro\u00dfen Konzernen, um Kapitalismuskritik popul\u00e4r zu machen: gegen Nike wegen deren unmenschlichen Fabriken, gegen Daimler wegen der Waffenproduktion und so weiter. Deren Anteil an Umweltverschmutzung und Ausbeutung im globalen S\u00fcden war leicht aufzuzeigen.</p><p>Dass weder Kritik an Konzernen noch an Bankenchefs oder Gro\u00dfunternehmer*innen eine reife Kapitalismuskritik war, war auch damals jedem*r theoretisch versierteren Linken klar. Doch sie diente als Mittel, um zu wachsen und die Kritik in einer gewissen Breite zu tragen und um einen Impuls f\u00fcr intensivere Besch\u00e4ftigung mit dem Kapitalismus als System zu geben.</p><p>Die aufkommende Str\u00f6mung der Antideutschen* machte innerhalb der Linken enormen Druck, Postones oben dargestellte These als analytischen Ausgangspunkt zu nehmen. Daraus folgerten viele Antideutsche, dass jede Kapitalismuskritik, die den systematischen Charakter des Kapitalismus und die oben angesprochenen Charaktermasken nicht ber\u00fccksichtigt, eine \u201everk\u00fcrzte Kapitalismuskritik\u201c und damit \u201estrukturell antisemitisch\u201c sei. Marx wurde derart selektiv gelesen, dass Arbeiter*innen und Kapitalist*innen als gleichsam mit verantwortlich und interessiert am Kapitalismus galten. Die Kapitalist*innenklasse als Ganze anzugreifen galt bei den Antideutschen als ebenso falsch, wie einzelne Kapitalist*innen anzugehen. Jede Personalisierung von Kapitalismuskritik f\u00fchre zu Antisemitismus und sei deshalb zu bek\u00e4mpfen. Dies kann an der Diskussion um den Spitzenbanker der Deutschen Bank Josef Ackermann nachvollzogen werden, der seit 2005 in den breiten Medien als skrupelloser Finanzkapitalist kritisiert wurde, weil er die Entlassung von 6000 Angestellten in einem Zuge mit dem Rekordgewinn seiner Bankengruppe ank\u00fcndigte.</p><p>\u00c4hnlich wurde Konzern-orientierte Kapitalismuskritik von den gleichen Str\u00f6mungen verbannt. Das Argument: Da haupts\u00e4chlich US-amerikanische Konzerne kritisiert w\u00fcrden, sei diese Kritik antiamerikanisch. Und dies sei eher eine rechte, als eine linke Position. Die globalisierungskritische Linke ging von den USA aus und orientierte sich daher stark an der US-amerikanischen Linken, welche nat\u00fcrlich die Konzerne in ihrem eigenen Land im Fokus hatten. Aber abgesehen davon, dass die deutsche Linke so massenweise Texte, Videos, Bilder, Sticker und so weiter nur \u00fcbersetzen musste, waren damals auch noch vergleichsweise mehr US-amerikanische Konzerne weltweit die verbrecherischsten Akteure. In den vergangenen Jahren sind vermehrt auch chinesische und deutsche Akteure nachger\u00fcckt. Dass es tats\u00e4chlich b\u00fcrgerlichen Antiamerikanismus gibt, der nach rechts anschlussf\u00e4hig ist, da er gerne deutsche Konzerne aus einer Kapitalismuskritik ausklammert, damit den \u201eHauptfeind\u201c nicht im eigenen imperialistischen Land sieht, ist hingegen ein anderes, ebenso reales und kritisch zu diskutierendes Problem.</p><h2><b>Angriffsziel: Antimilitarismus und Imperialismuskritik</b></h2><p>Derselbe Vorwurf des Antiamerikanismus wurde der antimilitaristischen und pazifistischen Linken gemacht, die gegen die v\u00f6lkerrechtswidrigen Angriffskriege der US-Administration unter George W. Bush in den 2000ern demonstrierte. Die USA stellte damals allerdings als alleiniger Staat fast die H\u00e4lfte der Weltmilit\u00e4rausgaben. Sp\u00e4ter ging diese auf fast ein Drittel der Weltmilit\u00e4rausgaben runter und befindet sich heute zwischen einem Drittel und der H\u00e4lfte. Der Angriff der USA auf den Irak sorgte 2003 f\u00fcr die gr\u00f6\u00dften Demonstrationen in Deutschland \u00fcberhaupt. In <a href=\"http://www.spiegel.de/panorama/a-235314.html\">Berlin</a> beispielsweise gingen \u00fcber 500.000 Menschen auf die Stra\u00dfe. Bei dieser Masse ist es nat\u00fcrlich durchaus denkbar, dass f\u00fcr viele Teilnehmende antiamerikanische Ressentiments ein Beweggrund war, um an der Demonstration teilzunehmen und auch Rechte anwesend waren, die die USA vor allem als imperialistische Konkurrenz ansehen. Dem Irakkrieg jedoch ein emanzipatorisches Potential abzugewinnen, wie es neben vielen anderen beispielhaft <a href=\"https://www.conne-island.de/nf/93/27.html\">einige antideutsche Autor</a><a href=\"https://www.conne-island.de/nf/93/27.html\">*inn</a><a href=\"https://www.conne-island.de/nf/93/27.html\">en</a> der Zeitschrift \u201eCEE IEH\u201c des Conne Island in Leipzig taten, hie\u00df, sich auf die Seite der Barbarei unter \u201ezivilisatorischem\u201c Deckmantel zu stellen. Der springende Punkt f\u00fcr die Mobilisierungen der damaligen antimilitaristischen Linken war denn auch nicht in erster Linie vermeintlich grassierende antiamerikanische Ressentiments. Vielmehr war die Feststellung Hauptmotivation, dass die meisten Angriffskriege und V\u00f6lkerrechtsbr\u00fcche damals von den USA ausgingen, und dass <a href=\"http://imi-online.de/download/IMI-Analyse-2003-016-Deutsche-Rolle-Irak-Pflueger.pdf\">Deutschland</a> an all diesen Kriegen offen oder verdeckt teilnahm. Heute hat sich auch dieses Kampffeld ver\u00e4ndert. Der deutsche Imperialismus ist im internationalen Kontext viel bedeutender geworden und bildet einen eigenen Angriffspunkt f\u00fcr den Antimilitarismus. Dass dies auch so wahrgenommen wird, kann durchaus als Erfolg der Linken gewertet werden. Das Desaster, welches durch den Irakkrieg ausgel\u00f6st wurde und der aus dessen Chaos entsprungene sogenannte \u201eIslamische Staat (IS)\u201c, ist heute hinreichend bekannt.</p><h2><b>Das Gegenangebot der Postone-Anh\u00e4nger*innen: Ihrerseits verk\u00fcrzte Kritik</b></h2><p>Die damals einflussreicher werdende antideutsche Str\u00f6mung mobilisierte massiv gegen konkurrierende linke Str\u00f6mungen, die Postones Thesen ebenfalls aufnahmen, aber anders interpretieren oder ihnen weniger Absolutheit zusprachen, wie etwa die Antinationale Str\u00f6mung um das \u201eUms Ganze!\u201c-B\u00fcndnis. Demos, Aktionen, Veranstaltungen, Flyer und Aufkleber von linksradikalen Gruppen sahen sich immer wieder mit Antisemitismus-Vorw\u00fcrfen von antideutscher Seite konfrontiert. W\u00e4hrend sich die meisten Linken in den 2000ern noch gegen diesen Vorwurf verteidigten, wurden antideutsche Theorien in der nachwachsenden Generation von Linken immer salonf\u00e4higer und zum Teil sogar mit Begeisterung aufgenommen, versprachen sie doch eine Erneuerung der Linken. Offenbar waren die vermeintliche Radikalit\u00e4t und Einfachheit von Postones Thesen attraktiv und trafen zu Recht auf den Anspruch aller Linken, sich nat\u00fcrlich gegen Antisemitismus zu positionieren. Antideutsche boten trotz der (vermeintlichen) Komplexit\u00e4t ihrer Theorie einen leichten, stark identit\u00e4tsstiftenden Einstieg in ihre Str\u00f6mung: Die herrschenden Zust\u00e4nde wurden auf eine \u201eKritik an Deutschland\u201c und \u201eden Deutschen\u201c verk\u00fcrzt. Ihre Parolen waren entsprechend \u201egegen Deutschland\u201c, beziehungsweise gegen die Position der \u201etypischen Durchschnittsdeutschen\u201c beziehungsweise die (antiimperialistische/friedensbewegte) deutsche Linke. Dass eine Massentauglichkeit hier nicht einmal angestrebt wird, sondern ausschlie\u00dflich die Selbstversicherung einer sich \u201eradikal\u201c d\u00fcnkenden Szene, welche immer nur gesellschaftlich marginal sein kann, ist offenkundig.</p><p>Zwar sind die Antideutschen heute eine immer marginalere Str\u00f6mung, dennoch wurde ein gro\u00dfer Teil ihrer Positionen in weiten Teilen der Linken hegemonial: Linke k\u00f6nnen kaum noch einstmals popul\u00e4re Parolen, die logischerweise immer vereinfachenden, mobilisierenden Charakter haben m\u00fcssen, in irgendeinem Medium publizieren, ohne \u201eaus den eigenen Reihen\u201c f\u00fcr \u201epersonalisierte Kapitalismuskritik\u201c und \u201estrukturellen Antisemitismus\u201c kritisiert zu werden. Zum Beispiel organisieren in Berlin Linke seit Jahren die Mieterschaft gegen die explodierenden Mieten. Doch werden Mobilisierungen gegen die akut an diesem Problem beteiligten Spekulant*innen und Investor*innen aus der \u201elinksradikalen Szene\u201c mit Hilfe genannter Argumentationen torpediert.</p><p>Damit ist das moralische Mobilisierungspotential einer einstigen popularen Linken zersetzt. Solcherart verstandene \u201elinksradikale\u201c Positionen sind nur noch f\u00fcr eine kleine, relativ junge Szene und f\u00fcr Studierende interessant, die sich durch scheinbare \u201eRadikalit\u00e4t\u201c oder \u201eIntellektualit\u00e4t\u201c einen Distinktionsgewinn, also eine als cool oder intelligent erscheinende Abgrenzung zu anderen, erzielen wollen. F\u00fcr Betroffene kapitalistischer Ausbeutung ohne Szene/Uni-Anbindung bleiben die aus der post-antideutschen Hegemonie entspringenden \u00fcberkomplexen Erkl\u00e4rungsformeln unverst\u00e4ndlich. Muss aber nicht genau das Erreichen, Mobilisieren und Organisieren dieser gesellschaftlichen Sektoren das Ziel einer antikapitalistischen Linken sein?</p><h2><b>Populare Mobilisierung braucht Vereinfachungen</b></h2><p>Wer sich schon mal mit Journalismus besch\u00e4ftigt hat, wei\u00df, wie wichtig Personen, Bilder und Gesichter f\u00fcr die Kommunikation mit der \u00d6ffentlichkeit sind. Komplexe Realit\u00e4ten, wie unsere kapitalistische eine ist, k\u00f6nnen nur mit Hilfe dieser vereinfachenden Mittel transportiert werden. Es ist unumg\u00e4nglich, anzuerkennen, dass die ganze Tiefe der Marxschen Kapitalismuskritik <i>nicht</i> in absehbarer Zeit jedem*r Arbeiter*in oder Prekarisierten vermittelt werden kann. Auch wenn dies l\u00e4ngerfristig ein Ziel darstellen kann, oder sogar muss: Ein einfacherer Einstieg in die Kapitalismuskritik muss gefunden werden, um Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze f\u00fcr die momentanen Probleme der Proletarisierten, Prekarisierten und Marginalisierten (zum Beispiel bei den Renten und auch sonst im sozialen Bereich) anzubieten. Dem R\u00fcckgriff auf die Pseudoerkl\u00e4rung \u201edie Fl\u00fcchtlinge nehmen uns alles weg\u201c kann nur so entgegengewirkt werden. Diese rechte Pseudoerkl\u00e4rung ist eing\u00e4ngig, verst\u00e4ndlich und plausibel genug, um derzeit einen betr\u00e4chtlichen Teil der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr sich zu gewinnen (in den neuen Bundesl\u00e4ndern momentan circa 20 Prozent der Stimmen f\u00fcr die AfD). Der akademisierten Linken scheint es dahingegen offenbar an Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Mehrheit der Menschen zu fehlen, die nur sehr wenig Zeit, Kraft und verinnerlichte Bildung zur Verf\u00fcgung haben, um sich mit Politik zu besch\u00e4ftigen und sich ihre eigene wirtschaftliche Lage zu erkl\u00e4ren. Wir sollten uns bewusst machen, dass die \u201eBildzeitung\u201c mit Abstand die meistgelesene \u201eZeitung\u201c in Deutschland ist, weil sie mit ihrem leichtg\u00e4ngigen Stil in Text, Layout, \u00dcberschrift und Bild auch vor und nach einem harten Arbeitstag noch konsumiert werden kann. Axel Springer scheint hier die Lage der arbeitenden Klasse besser verstanden zu haben, als die meisten Aktivist*innen der heutigen Linken.</p><p>Daraus folgt, dass wir entweder zu den alten Parolen zur\u00fcckkehren, oder uns neue einfache Formen der Vermittlung ausdenken m\u00fcssen. Dass daf\u00fcr Anspielungen auf aktuelle Diskurse und Personen n\u00f6tig sind, kann an einem Beispiel verdeutlicht werden. Einmal wurde mir der Vorschlag gemacht, statt personalisierter Kapitalismuskritik sprachliche Bilder ins Feld zu f\u00fchren, wie zum Beispiel: \u201eWir wollen kein St\u00fcck vom Kuchen, wir wollen die ganze B\u00e4ckerei\u201c. Diesen Satz habe ich aber erst richtig verstanden, als ich mich selbst mit der Marxschen Kapitalismuskritik auseinandergesetzt habe. Davor deutete ich ihn als Forderung nach mehr Gier. Auch wenn das Bild den Anspr\u00fcchen Postones gen\u00fcgt und einfache Worte benutzt, so ist es doch auch sehr Komplex und ohne Hintergrundwissen kaum zu verstehen. Im Gegensatz dazu war die personalisierende Kritik an Ackermann (siehe oben) sehr eing\u00e4ngig und deren moralischer Teil wurde bereits von den Mainstreammedien \u00fcbernommen. Kapitalismuskritiker*innen konnten dies aufgreifen und hinzuf\u00fcgen, dass Ackermann kein Einzelfall sei, sondern das System eben \u00fcberall in den Chefetagen \u201eAckerm\u00e4nner\u201c produziere.</p><h2><b>Post-Antideutsche Hegemonie und ihr Umschlagen in offene Reaktion</b></h2><p>Die Reste der vormaligen antideutschen Bewegung haben sich heute von vielen linken, emanzipatorischen Grunds\u00e4tzen g\u00e4nzlich abgewandt und werden verst\u00e4rkt anti-emanzipatorisch aktiv. Im deutschen Diskurs zum Beispiel bevorzugt dort, wo es um den Islam geht, indem sie antimuslimischen Rassismus verharmlosen. Dies geschieht etwa dann, wenn \u201egem\u00e4\u00dfigt\u201c antideutsche Gruppen wie \u201e<i>Emanzipation und Frieden\u201c</i> den antimuslimischen Rassismus als existentes gesellschaftliches Ph\u00e4nomen leugnen und behaupten, es g\u00e4be lediglich \u201eantimuslimische Ressentiments\u201c. Diese seien aber weitaus weniger schlimm als Rassismus, welcher wiederum weniger schlimm seien als Antisemitismus <b>[4]</b>. Sie behaupten f\u00e4lschlicherweise auch, der Begriff \u201eIslamophobie\u201c sei vom Mullah-Regime im Iran erfunden worden, um Kritik an deren Islamismus abzuschmettern (tats\u00e4chlich gibt es den Begriff im Englischen schon seit den 1920er Jahren). So kann heute beobachtet werden, dass f\u00fcr die Reste der antideutschen Str\u00f6mung der Nahostkonflikt und eine falsch verstandene Kritik am Antisemitismus weiterhin die Kristallisationspunkte darstellen, wodurch sie sich (trotz gro\u00dfteiliger Pro-Gefl\u00fcchteten-Position in der Post-Antideutschen Hegemonie-Bubble) von muslimischen und arabischen Migrant*innen distanzieren und antimuslimischen Rassismus verharmlosen.</p><p>Wie akzeptiert die Positionen dieser \u2013 im Vergleich zu den 2000er Jahren \u2013 geschrumpften Str\u00f6mung und ihr antimuslimischer Rassismus beispielsweise in der \u201eradikalen Linken\u201c in Leipzig sind, zeigt folgendes Beispiel: Das \u201eAutonome\u201c Zentrum Conne Island, dessen Publikation \u201eCEH IEH\u201c schon Anfang der 2000er den Irakkrieg bef\u00fcrwortete und ihm ein emanzipatorisches Potential andichtete, lud dieses Jahr den Redakteur der aus der antideutschen Str\u00f6mung hervorgegangenen Zeitschrift Bahamas Thomas Maul ein. Dieser ver\u00f6ffentlichte ein Hassbuch \u00fcber den Islam, in dem unter Anderem das Christentum vom Antisemitismus freigesprochen wird. Maul stellt ein einheitliches Bild von \u201edem\u201c Islam her und f\u00fchrt sein linkes Publikum in die rechten Kulturkampfthesen vom \u201eb\u00f6sen Islam gegen das gute christliche Abendland\u201c ein, welche er als besonders emanzipatorisch verkauft. Noch vor dem Vortrag postete Maul \u00fcber seinen Facebook-Account, die AfD sei die einzige Partei mit Restvernunft im deutschen Bundestag und d\u00fcrfe nicht d\u00e4monisiert werden. Und zu den rechten Ausschreitungen in Chemnitz kommentierte Maul auf seinem Blog, es seien bundesweit keine Ausl\u00e4nder durch Deutsche umgekommen, aber Deutsche durch Ausl\u00e4nder. Die Bahamas-Redaktion, die sich selbst nicht mehr als links, sondern als \u201eideologiekritisch\u201c bezeichnet, beteiligte sich wenige Wochen nach dem Vortrag an einer AfD-nahen Kundgebung in Berlin. Tats\u00e4chlich hat ihre T\u00e4tigkeit herzlich wenig mit der von Marx gepr\u00e4gten Ideologiekritik zu tun, sondern betreibt, wenn man Marx beim Wort nimmt, eher selbst Ideologieproduktion. Denn indem die Redaktion Ideologien aus moralischer und nicht historisch-materialistischer Perspektive heraus kritisiert, l\u00e4sst sie deren materielle Grundlagen komplett au\u00dfen vor und verf\u00e4llt so selbst purem Idealismus.</p><p>Auch abseits der inzwischen offen reaktion\u00e4ren Bahamas-Redaktion als besonders radikalem Teil der ex-antideutschen Bewegung, wird aus der breiter gefassten post-antideutschen Hegemonie heraus oft in generalisierender Weise gegen \u201eden Islam\u201c mobilisiert. Das Problem dabei ist haupts\u00e4chlich, dass dabei progressive, feministische und pro-s\u00e4kulare Str\u00f6mungen im Islam unsichtbar gemacht und lediglich die reaktion\u00e4rsten Str\u00f6mungen des Islam ins Blickfeld der Debatte ger\u00fcckt werden, die dann als die \u201eeigentliche\u201c und \u201ewahre\u201c Interpretation des Islam begriffen werden. Darin sind Antideutsche tats\u00e4chlich den Islamist*innen am n\u00e4chsten. Denn im Gegensatz zu gem\u00e4\u00dfigten Muslim*innen behaupten diese zwei ungleichen Zwillinge: \u201eDiese eine (reaktion\u00e4re) Interpretation des Islam ist die eigentlich wahre.\u201c <b>[5]</b></p><p>Wo die Antideutschen in den 2000ern mit Postone zur Abkehr von der popularen linken Erz\u00e4hlung beigetragen haben, gehen sie heute einen Schritt weiter und vollziehen in Sachen Islam einen diskursiven und praktischen Schulterschluss mit der Neuen Rechten, und damit gewollt oder ungewollt mit dem Islamismus, der ein \u00e4hnliches Interesse wie die Kulturk\u00e4mpfer*innen der Neuen Rechten an einer Eskalation zwischen Muslim*innen und Nicht-Muslim*innen hat.</p><h2><b>Die post-antideutsche Hegemonie muss fallen</b></h2><p>Die radikale Linke kann nur dann eine popul\u00e4re, linke Erz\u00e4hlung zur\u00fcckgewinnen und mobilisieren, wenn sie die Positionen der post-antideutschen Hegemonie, die sich inzwischen als Sackgasse in nahezu allen relevanten Fragestellungen erweisen, kritisch thematisiert und \u00fcberwindet.</p><p>Das hei\u00dft aber keineswegs, dass alle nicht-antideutschen Str\u00f6mungen oder gar die dezidiert traditionslinke Str\u00f6mung alles richtig machen w\u00fcrden und es an deren Erz\u00e4hlungen und Praxisformen lediglich anzusetzen gelte. Dass Antisemitismus ein Problem und ein wichtiges linkes Thema ist, ist gesetzt, auch ohne Postones Thesen viel Erkl\u00e4rungskraft zuzuweisen. Ebenso klar ist, dass im Nahostkonflikt eine linke Position nicht einfach die Partei einer Bev\u00f6lkerungsgruppe ergreifen und ethnische Kategorien verwenden kann, sondern vielmehr klassenk\u00e4mpferische Kategorien nutzen muss. Die alte Parole trifft es hier doch ganz gut: \u201eDie Schranken verlaufen nicht zwischen den V\u00f6lkern sondern zwischen Oben und Unten\u201c. Schon im Jahr 1993 titelte zum Beispiel die operaistisch-linke Zeitschrift <i>Wildcat</i> zum Nahostkonflikt \u201e<a href=\"https://www.wildcat-www.de/aktuell/a023pale.htm\">Pal\u00e4stina: Zwei Staaten gegen das Proletariat</a>\u201c, womit Israel und Pal\u00e4stina gemeint sind.</p><p>Es muss uns dar\u00fcber hinaus wieder m\u00f6glich werden, Akteure des kapitalistischen Systems, Banken, Konzerne und die Reichsten der Reichen als Profiteure dieses Systems auch in simpler Weise anzuprangern, um den prekarisierten Proletarier*innen im Kollegium, in der Verwandtschaft, in der Nachbarschaft und im Viertel aufzeigen zu k\u00f6nnen, dass es nicht die Gefl\u00fcchteten sind, die \u201eunsere\u201c Renten verprassen. Es sind die Kapitalist*innen und der b\u00fcrgerliche Staat. Dabei sollte auch vor dem wichtigen journalistischen Grundsatz, mit Gesichtern und Personen zu arbeiten, nicht zur\u00fcckgeschreckt werden. Wenn ein gro\u00dfer Kapitalist, der nebenbei noch offensichtlich ein Arschloch ist, mal in die Medien kommt, warum nicht seine Schweinerein nutzen, um Systemkritik popul\u00e4r zu machen? Wir d\u00fcrfen dann aber nat\u00fcrlich nicht dabei stehenbleiben, in moralistischer und konservativer Manier ausschlie\u00dflich die Gier eines Einzelnen zu kritisieren oder zu fordern, dass dessen Kapitalistenposition einfach von jemandem moralisch-korrektem \u00fcbernommen werden soll. Ganz im Gegenteil k\u00f6nnte eine exemplarische Kritik zur Anpolitisierung, wie zur Vertiefung der Kritik mit und nicht gegen die Mehrheit der Menschen vollzogen werden.</p><p>Zudem ist es in Zeiten des Rechtsrucks und der fortgesetzten westlichen Kriegsf\u00fchrung unter dem sogenannten \u201eWar on Terror\u201c sehr wichtig, jeder Generalisierung des \u201eIslams\u201c entgegenzutreten, um progressive und feministische Str\u00f6mungen auch in dieser Religion zu unterst\u00fctzen. Konzepte und Parolen in radikal linken Flugbl\u00e4ttern, Texten und Videos, auf Transparenten, Homepages und Stickern sollten daher wieder offensiv verbreitet werden, die ebenso konkrete Kritik gegen\u00fcber Banken, Konzernen und Reichen \u00e4u\u00dfern, wie auch progressive Momente muslimischer Minderheiten unterst\u00fctzen: Nur so bleiben popular-linke Ideen anschlussf\u00e4hig und k\u00f6nnen sich verbreiten. Antideutschen Widerreden muss dabei sachlich aber vehement entgegengetreten werden.</p><h2><b>Anmerkungen</b></h2><p>Wenn von \u201eAntideutschen\u201c in diesem Kontext gesprochen wird, dann ist nat\u00fcrlich nicht die Positionierung gegen Deutschland gemeint; im Gegenteil positionieren sich Antideutsche in einige F\u00e4llen pro-deutscher als die Restlinke, vergleiche zum Beispiel im Streit um die Doku <i>Auserw\u00e4hlt und Ausgegrenzt</i> die Position der <i>Bild</i> und der <i>jungen Welt</i> mit der der Antideutschen. Mit \u201eAntideutsch\u201c ist eine Position gemeint, die</p><p><i>a. wertkritisch oder anders argumentierend den Klassenkampf als wichtige Achse der Politik ablehnt (also entweder Klassenkampf g\u00e4be es nicht mehr, sei nicht progressiv oder unbedeutend f\u00fcr emanzipatorische Politik</i></p><p><i>b. in diffamierender Weise den Begriff Antisemitismus (meist in Verbindung mit dem Beiwort \u201estruktureller\u201c) verwendet gegen\u00fcber Mobilisierung gegen (nicht-j\u00fcdische) Kapitalist*innen, die Kapitalistenklasse an sich, Banken, Konzerne und/oder Kriege.</i><br/></p><p>Bei Bedarf kann man sich in dieser Auseinandersetzung auch mit den Kritiken von \u00e4lteren Autonomen an antideutschen Ideen auseinandersetzen, wie sie sich zum Beispiel in den B\u00fcchern \u201e<i>Sie waren die Antideutschesten der deutschen Linken\u201c</i> von Gerhard Hanloser oder \u201e<i>Antifa hei\u00dft Luftangriff\u201c</i> von Susan Witt-Stahl und Michael Sommer finden lassen.</p><p></p><hr/><p></p><p><b>[1]</b> siehe Diskussion in der <i>analyse &amp; kritik</i> Nr. 635 / 20.2.2018 und folgende<b>.</b></p><p><b>[2]</b> siehe den Essay von Michael Sommer: \u201eFalsch aber wirkungsvoll\u201c in: <i>Antifa hei\u00dft Luftangriff. Regress einer revolution\u00e4ren Bewegung</i> von Witt-Stahl, Sommer (Hrsg.), Hamburg 2014.</p><p><b>[3]</b> siehe \u201eFriedenswinter&quot;. Unter diesem Namen hatte sich im deutschsprachigen Europa eine teilweise pro-russische Friedensbewegung im Winter 2014/2015 als Reaktion auf die Ukrainekrise 2014 geformt. Die Bewegung war im Sommer 2014 noch von Links aufgenommen worden, worauf hin Redner*innen wie der Rechtspopulist J\u00fcrgen Els\u00e4sser ausgeladen wurde. Im Winter allerdings hatte sich die Offenheit f\u00fcr rechtspopulistische Redner*innen durchgesetzt und linke Akteure distanzierten sich gegen\u00fcber der Bewegung. So hat sich die DFG-VK (Deutsche Friedensgesellschaft \u2013 Vereinte Kriegsdienstverweigerer), eine wichtige NGO in der links gepr\u00e4gten Friedensbewegung, sich vom Friedenswinter aufgrund seiner Rechtsoffenheit distanziert und die Linksfraktion im Berliner Senat entschlossen die Kundgebungen nicht mehr zu unterst\u00fctzen.</p><p>Generell war im Gegensatz zur klassischen Friedensbewegung Kritik vor allem auf die Zentralbank der USA, das Federal Reserve System, fokussiert und linke Konzepte von Antikapitalismus und Antiimperialismus kamen wenig vor. Der Anmelder des Startpunktes des Friedenswinters, der Montagskundgebungen in Berlin, Lars M\u00e4hrholz, ist ein ehemaliger eher CDU- und FDP-naher Unternehmer, der ein rechtsalternatives Weltbild vertritt, indem das us-amerikanische Finanzkapital hinter \u201ejedem Krieg in den letzten 100 Jahren\u201f steckt. Die us-amerikanische, markliberale Rechte sieht in der staatlichen Kontrolle der Bank und deren st\u00e4rkerer Rolle als Zentralbank, welche Ende der 1970er eingef\u00fchrt wurde, das zentrale Problem hinter Krieg und Krise. In Verschw\u00f6rungstheorien, die diesem Gedanken nahestenden, sind vor allem j\u00fcdische Finanzkapitalisten, die \u00fcber die Finanzpolitik das Weltgeschehen steuerten, die Ursache allen \u00dcbels. Lars M\u00e4hrholz und gro\u00dfe Teile des Friedenswinters sehen so auch den j\u00fcdischen Finanzkapitalisten George Soros als einen der \u201eb\u00f6sen\u201f Kapitalist*innen an, w\u00e4hrend Industriekapitalist*innen als die \u201eguten\u201f gelten. Dennoch finden sich einige teil-plausible und vor allem popul\u00e4re Erz\u00e4hlungen in der Verbindung von Finanzpolitik der USA und ihrer Kriegspolitik, die Redner wie Lars M\u00e4hrholz einer relevanten Masse an Menschen zug\u00e4nglich gemacht hat.</p><p><b>[4]</b> Lothar Gallow-Bergemann von <i>Emanzipation und Frieden</i> (EmaFrie) in einem Vortrag in T\u00fcbingen 2008<b>.</b></p><p><b>[5]</b> Vergleiche dazu A.L.I., <i>A woman\u2019s voice is a revolution</i>, S.7ff.</p><p></p><h2><b>Weiterf\u00fchrende Literatur</b></h2><p>Der Spiegel 2003, <a href=\"http://www.spiegel.de/panorama/a-235314.html\"><i>Anti-Kriegs-Kundgebungen Gr\u00f6\u00dfte Friedensdemonstration in der Geschichte der Bundesrepublik</i></a><i>.</i></p><p>Antifaschistische Linke International (ALI) 2016, <a href=\"https://www.inventati.org/ali/index.php/archiv/gendertrouble/2007-2016-04-26-06-37-49.html#brosch\"><i>A womans voice is a revolution. Zu antimuslimischem Rassismus und muslimischem Feminismus</i>,</a> G\u00f6ttingen.</p><p>Gerhard Hanloser 2004, <i>Sie warn die Antideutschesten der deutschen Linken. Zu Geschichte, Kritik und Zukunft antideutscher Politik,</i> M\u00fcnster. Auch <a href=\"http://www.trend.infopartisan.net/trd1205/t251205.html\">online</a>.</p><p>Moishe Postone 1979, <i>Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch,</i> Frankfurt am Main. Online bei <a href=\"http://www.krisis.org/1979/nationalsozialismus-und-antisemitismus/\">krisis.org.</a></p><p>Wolf Wetzel 2002, <i>Krieg ist Frieden. \u00dcber Bagdad, Srebrenica, Genua, Kabul nach\u2026,</i> M\u00fcnster. <a href=\"https://syndikalismus.wordpress.com/2010/01/12/eingesandt-antideutsche-kriegsfuhrung-ein-lehrgang-fur-anfangerinnen-und-fortgeschrittene/\">Online ebenfalls einsehbar</a>. Rezension <a href=\"http://www.grundrisse.net/buchbesprechungen/wolf_wetzel.htm\">online</a>.</p><p>Wildcat: Pal\u00e4stina 1993, <i>Zwei Staaten gegen das Proletariat.</i> <a href=\"https://www.wildcat-www.de/aktuell/a023pale.htm\"><i>Flugblatt</i></a><i> von Mouvement Communiste,</i> Karlsruhe.</p><p>Susan Witt-Stahl, Michael Sommer (Hrsg) 2014, <i>Antifa hei\u00dft Luftangriff. Regress einer revolution\u00e4ren Bewegung</i>, Hamburg. Rezension <a href=\"http://www.trend.infopartisan.net/trd0814/t310814.html\">online</a>.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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