{"version": "https://jsonfeed.org/version/1", "title": "re:volt magazine Archiv", "home_page_url": "http://revoltmag.org/articles/?tags=147", "description": "Zeige Artikel mit den Schlagworten frauenkampf", "feed_url": "http://revoltmag.org/feeds/articles.json?tags=147", "language": "en", "icon": "http://revoltmag.org/static/logos/logo_192.png", "favicon": "http://revoltmag.org/static/favicon.png", "items": [{"title": "Video: Am 9. M\u00e4rz bewegt sich keine!", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Video: Am 9. M\u00e4rz bewegt sich&nbsp;keine!</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"frauenkampftag.gif\" height=\"420\" src=\"/media/images/women-54433_1280.cfd4b2ef.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Video zu den Protesten am 8. und 9. M\u00e4rz 2020 in Mexiko / Mexiko Stadt.</p><p>Zu den Hintergr\u00fcnden der feministischen Bewegung in Mexiko ver\u00f6ffentlichen wir am diesj\u00e4hrigen internationalen Frauen*kampftag <a href=\"https://revoltmag.org/articles/%C3%BCber-den-widerstand-in-einem-land-der-frauenmorde/\">einen Beitrag</a> von unserer Autorin Jazmin Martinez.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-html\">\n        <div style=\"padding:56.25% 0 0 0;position:relative;\"><iframe src=\"https://player.vimeo.com/video/396648837?title=0&byline=0&portrait=0\" style=\"position:absolute;top:0;left:0;width:100%;height:100%;\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen\" allowfullscreen></iframe></div><script src=\"https://player.vimeo.com/api/player.js\"></script>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/video-am-9-m%C3%A4rz-bewegt-sich-keine/", "id": "https://revoltmag.org/articles/video-am-9-m%C3%A4rz-bewegt-sich-keine/", "author": {"name": "Juliana Ramirez", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-03-10T18:51:00+00:00", "date_modified": "2023-02-02T13:19:42.052277+00:00", "tags": ["re:wire", "lateinamerika", "8m", "9m\u00e4rz", "mexico", "frauenkampftag", "feminismus", "frauenkampf", "feministischer streik", "8m\u00e4rz"], "summary": "Video zu den Protesten am 8. und 9. M\u00e4rz in Mexiko / Mexiko-Stadt. 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Darunter sind Frauen, die sich in feministischen Kollektiven organisieren, aber auch solche, die Betroffene von Gewalt oder Familienangeh\u00f6rige von Ermordeten und Verschwundenen sind. Sie alle organisierten sich in den sozialen Netzwerken, in Solidarit\u00e4tskampagnen oder im Rahmen von Gedenkveranstaltungen zu einer nie dagewesenen Kraft, um ihren Frust \u00fcber die Gewalt, die sie t\u00e4glich erleben m\u00fcssen, Ausdruck zu verleihen. Die Lebensrealit\u00e4t mexikanischer Frauen ist ein t\u00e4glicher Kampf zwischen sexueller Bel\u00e4stigung auf den Stra\u00dfen und bei der Arbeit, ein Kampf gegen h\u00e4usliche Gewalt, Entf\u00fchrungen, Vergewaltigungen und Ermordungen.</p><p>Die Gewalt gegen Frauen ist so eingeschrieben in die mexikanische Gesellschaft, dass ein gro\u00dfer Teil der Frauen zumindest einmal im Leben Betroffene von h\u00e4uslicher oder sexualisierter Gewalt wurden. Es gibt keine Sicherheit f\u00fcr sie, wenn sie alleine die Stra\u00dfe entlanglaufen oder ein Taxi nehmen, um nach Hause zu fahren \u2013 zu jedem Zeitpunkt besteht die M\u00f6glichkeit, auf dem Weg angegriffen, vergewaltigt oder ermordet zu werden. Und auch zu Hause h\u00f6rt es nicht auf: Neun von zehn Frauenmorden beginnen mit h\u00e4uslicher Gewalt. Die M\u00f6rder sind die Ehem\u00e4nner, Beziehungspartner oder eifers\u00fcchtige Ex-Freunde.</p><p></p><h2><b>Die Komplizen der M\u00f6rder</b></h2><p>Die aktuellen massiven Proteste der Frauen* in Mexiko \u2013 unter anderem gingen gestern, am weltweiten Frauen*kampftag, mehrere Millionen Frauen* auf die Stra\u00dfe \u2013 entz\u00fcndeten sich aufgrund eines Leaks von sensiblem Beweismaterial durch einen Beamten der Bundespolizei oder der Staatsanwaltschaft. Das Material bezeugt einen der brutalsten Feminizide der j\u00fcngsten Zeit. Einen der ungef\u00e4hr 250 Frauenmorde seit Beginn des Jahres 2020. Die 25-j\u00e4hrige junge Frau wurde in ihrem eigenen Haus ermordet, ihr K\u00f6rper vom T\u00e4ter grausam verst\u00fcmmelt. Als dieser durch die Polizei am Tatort festgesetzt wurde, war er mit dem Blut der Ermordeten \u00fcberstr\u00f6mt. W\u00e4hrend der Festnahme des T\u00e4ters vernahm ein Beamter der Staatsanwaltschaft und/oder Polizei den T\u00e4ter \u00fcber die Gr\u00fcnde der Ermordung. Dieser gab an, er habe die Frau nach einem Streitgespr\u00e4ch ermordet.</p><p>Das Video dieser Vernehmung wurde anschlie\u00dfend in den sozialen Netzwerken verbreitet. Der Fall ging viral. Am darauffolgenden Tag gl\u00e4nzten die mexikanischen Boulevard-Zeitungen mit der Rechtfertigung des Frauenmordes. Sie verh\u00f6hnten die Ermordete in den \u00dcberschriften, machten satirische Kommentare und ver\u00f6ffentlichten Informationen \u00fcber sie ohne den geringsten Respekt vor dem verlorenen Leben, geschweige denn vor den Angeh\u00f6rigen des Opfers. Die Ver\u00f6ffentlichung des Videos durch Beamte f\u00fchrte schlie\u00dflich dazu, dass der M\u00f6rder freigelassen wurde, da er den Schutz seiner Pers\u00f6nlichkeitsrechte im Rahmen seiner Verhaftung einfordern konnte. So n\u00e4hrten nicht nur die mexikanische Presselandschaft, sondern auch die staatlichen Autorit\u00e4ten erneut ein frauenverachtendes System, das im vergangenen Jahr allein 3800 Leben von Frauen kostete. <b>[1]</b> Im direkten Vergleich wurden im Jahr 2018 in Deutschland laut Bundeskriminalamt 122 Frauen* durch ihre Ex-Partner und/oder Ehem\u00e4nner ermordet.</p><p></p><h3><b>Ein Ausdruck von kulturellem Konservatismus</b></h3><p>Bei den Opfern von Feminiziden handelt es sich h\u00e4ufig um Menschen der popularen Klassen, also Arbeiterinnen*, Hausfrauen*, Studentinnen* und so weiter. Das Gleiche gilt auch f\u00fcr die m\u00e4nnlichen T\u00e4ter. Das hei\u00dft jedoch nicht, dass die Gewalt notwendigerweise mit dem sozialen Status in der Gesellschaft zusammenh\u00e4ngt. Vielmehr \u00e4u\u00dfert sie sich je nach gesellschaftlicher Klasse unterschiedlich. Vielleicht kommt der einen oder anderen von uns der Gedanke, dass es sich hier um psychisch kranke M\u00e4nner oder unmenschliche Monster handeln muss \u2013 aber das entspricht nicht der Realit\u00e4t. Vielmehr handelt es sich um ganz normale Typen. Die T\u00e4ter haben gemeinsam, dass sie sich in ihrer Ideenwelt und bei ihren Taten auf gesellschaftlich hegemoniale konservative und patriarchale M\u00e4nnlichkeitsvorstellungen beziehen. M\u00e4nnlichkeitsvorstellungen, die direkt damit einhergehen, dass die Unterwerfung einer Frau etwas vollkommen Normales und sogar Notwendiges ist. Eine Unterwerfung, die mit machistischen Praktiken einhergeht, die irgendwann am Ende der Fahnenstange dieser Logik endet: der sexualisierten Gewalt und dem Frauenmord.</p><p>Dass diese Form konservativer M\u00e4nnlichkeit in Mexiko nach wie vor hegemonial ist und in anderen L\u00e4ndern nicht im selben Ma\u00dfe, hat nat\u00fcrlich Gr\u00fcnde. In Mexiko gab es nur wenige gesellschaftlich relevante feministische Bewegungen, die auch nicht in der Lage waren, das klassische Rollenbild nachhaltig in Frage zu stellen. Bislang nicht.</p><p></p><h3><b>Zuckerbrot, Aussitzen und Peitsche</b></h3><p>In den Tagen nach dem grauenhaften Mord an der 25-J\u00e4hrigen organisierten sich die Frauen \u00fcber die sozialen Netzwerke, um gegen das Komplizentum der mexikanischen Presselandschaft und der Beh\u00f6rden in Mexiko-Stadt Proteste loszutreten. Sie forderten Gerechtigkeit und eine gerechte Strafe auch f\u00fcr diejenigen, die die sensiblen Informationen \u00fcber die Tat ver\u00f6ffentlicht hatten. Die Antwort des Staates war Tr\u00e4nengasbeschuss durch die eigens f\u00fcr Frauenproteste aufgestellte und eingesetzte Fraueneinheit \u201eGrupo Atenea\u201c gegen die Demonstrierenden. Dar\u00fcber hinaus lancierte die Oberb\u00fcrgermeisterin der Hauptstadt, Claudia Sheinbaum, ihres Zeichens Mitglied der Linkspartei MORENA, eine Polizeioperation zum Schutz von historischen Monumenten in unmittelbarer N\u00e4he zu den Demonstrationen \u2013 aus \u201eAngst\u201c, diese k\u00f6nnten \u201ebesch\u00e4digt werden\u201c. In der Vergangenheit waren bei \u00e4hnlich gelagerten Protesten gegen sexualisierte Gewalt durch Polizisten historische Denkm\u00e4ler mit feministischen Slogans gegen Frauenmorde und Vergewaltigungen bemalt worden.</p><p>In direkter Folge der Proteste und dem \u00f6ffentlichen Druck pr\u00e4sentierte die Oberstaatsanw\u00e4ltin von Mexiko-Stadt, Ernestina Godoy, vor dem Kongress der Hauptstadt zudem <a href=\"https://www.congresocdmx.gob.mx/el-congreso-local-recibio-iniciativa-de-la-fiscal-general-cdmx-para-castigar-filtraciones-de-informacion-e-imagenes-que-lesionen-la-dignidad-de-la-victima/\">eine Gesetzesinitiative</a>: Diese sieht die Implementierung eines Artikels vor, der es k\u00fcnftig erm\u00f6glichen soll, jenen Teil der Beamtenschaft zur Rechenschaft zu ziehen, der sensibles Beweismaterial im Rahmen einer Ermittlung ohne Erlaubnis ver\u00f6ffentlicht. Die Strafe soll abh\u00e4ngig von der Schwere des Falls nach zwischen zwei und zw\u00f6lf Jahren Gef\u00e4ngnis schwanken, bei einer Strafzahlung zwischen 2000 und 4000 Euro.</p><p>W\u00e4hrend die Stadtoberen sich jedenfalls um ihre historischen Monumente sorgten, wurde in der gleichen Woche ein sieben Jahre altes M\u00e4dchen nach dem Verlassen der Schule entf\u00fchrt, vergewaltigt und ermordet. Die von sexueller und physischer Gewalt gezeichnete Leiche des M\u00e4dchens wurde Tage sp\u00e4ter in einer Plastikt\u00fcte aufgefunden. Dieser erneute Mord trat eine weitere Welle der Emp\u00f6rung gegen die Stadtverwaltung der Hauptstadt und diesmal auch gegen die Regierung des derzeitigen Pr\u00e4sidenten Mexikos, Andres Manuel L\u00f3pez Obrador (MORENA) los. Letzterer hatte bis zu diesem Zeitpunkt eher einen Kurs der Vermeidung des Themas Frauenmorde gefahren. Am 19. Februar nun lobte der mexikanische Pr\u00e4sident die Initiative zur Versch\u00e4rfung der Strafen bei Morden an Frauen und sexualisierter Gewalt. Es sollte jedoch klar sein, dass Initiativen dieser Art das Grundproblem nicht angehen \u2013 insbesondere in einem Land, in dem t\u00e4glich mindestens 50 Frauen Opfer von Vergewaltigungen werden und t\u00e4glich zehn Frauen get\u00f6tet werden.</p><p></p><h3><b>Die Statistiken der Gewalt \u00fcberschlagen sich</b></h3><p>Bei den Frauenmorden handelt es sich weder um Zufall noch um isolierte Einzelf\u00e4lle, sondern um Gewalttaten aus einer noch stark von patriarchalen Ideenwelten dominierten Gesellschaft. Das verdeutlichen auch nachfolgende Zahlen verschiedener internationaler Institutionen.</p><p>Die Feminizide an dem sieben Jahre alten M\u00e4dchen oder der 25-j\u00e4hrigen Frau sind Teil einer Statistik, die sich Jahr f\u00fcr Jahr weiter \u00fcberschl\u00e4gt: In den vergangenen Jahren nahmen laut dem Staatsanwalt Alejandro Gertz Manero die Zahl der registrierten Morde an Frauen <a href=\"https://www.jornada.com.mx/ultimas/politica/2020/02/11/gertz-aumentaron-los-feminicidios-137-en-cinco-anos-4329.html\">um nahezu 137 Prozent zu</a>. Laut dem US News &amp; World Report 2019 belegt Mexiko <a href=\"https://www.google.com/amp/s/www.forbes.com.mx/guatemala-el-peor-pais-para-ser-mujer-en-america-latina/amp/\">den vierten Platz</a> in Lateinamerika und <a href=\"https://www.google.com/amp/s/www.forbes.com.mx/mexico-entre-los-20-peores-paises-para-ser-mujer/amp/\">den zwanzigsten Platz weltweit</a>, was negative Lebensbedingungen von Frauen anbelangt. Es \u00fcberrascht vor diesem Hintergrund wenig, dass Mexiko das Land mit den meisten Frauenmorden <a href=\"https://www.jornada.com.mx/2019/04/09/politica/010n1pol\">auf dem amerikanischen Kontinent</a> ist.</p><p>Zwischen 2015 und 2019 wurde einer von zehn Frauenmorden an einer minderj\u00e4hrigen Frau ver\u00fcbt. So ist Mexiko laut der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OWZE) ganz vorne mit dabei bei <a href=\"http://comunicacion.senado.gob.mx/index.php/informacion/comision-permanente/boletines-permanente/41220-mexico-ocupa-el-primer-lugar-mundial-en-delitos-de-abuso-sexual-de-menores.html\">Delikten des sexuellen Missbrauchs</a>, der h\u00e4uslichen Gewalt und der Ermordungen von Kindern, die j\u00fcnger als vierzehn Jahre alt sind. Laut dem Netzwerk f\u00fcr Kinderrechte in Mexiko (REDIM) sterben in Mexiko <a href=\"https://www.forbes.com.mx/violencia-en-mexico-cobra-la-vida-de-3-6-ninos-al-dia/\">t\u00e4glich mindestens drei Kinder aufgrund von Gewalt</a>. Das alles, w\u00e4hrend die Nationale Kommission zur Suche von verschwundenen Personen im vergangenen Jahr feststellte, dass sieben Kinder t\u00e4glich verschwinden. Mal abgesehen von dem sch\u00e4ndlichen ersten Platz f\u00fcr Produktion und Vertrieb von Kinderpornographie laut dem Security Department der USA \u2013 neben dem Drogenhandel eines der lukrativsten Gesch\u00e4fte auf dem mexikanischen Schwarzmarkt.</p><p></p><h3><b>Der Widerstand w\u00e4chst</b></h3><p>Unter den Hashtags #undiasinnosotras (\u201eEin Tag ohne uns\u201c) und #elnueveningunasemueve (\u201eAm 9. M\u00e4rz bewegt sich keine\u201c) fand sich in den vergangenen Wochen eine feministische Kampagne zusammen, die zum ersten Mal in der Geschichte des Landes zu einem nationalen Streik der Frauen am 9. M\u00e4rz aufruft. Der Aufruf appelliert an alle Frauen, einen Tag nach dem weltweiten Frauen*kampftag einen klassenk\u00e4mpferischen Streik durchzuf\u00fchren; das hei\u00dft, weder zu arbeiten, noch einzukaufen, noch zu Schulen, Universit\u00e4ten oder sonst wo hin zu gehen.</p><p>Die Organisatorinnen gehen davon aus, dass die t\u00e4glichen Frauenmorde aus der patriarchalen Vorstellung resultieren, dass Frauen weniger wert seien als M\u00e4nner, oder eben sogar gar nichts wert seien. Das Zentrum zur Frauenforschung im Business Management (CIMAD) geht aber davon aus, dass ein Streik der Frauen die Abwesenheit von bis zu 22 Millionen regul\u00e4ren Arbeitskr\u00e4ften bedeuten k\u00f6nnte \u2013 und damit rund 40 Prozent des Personals der Firmen Mexikos betreffen. Das entspr\u00e4che einem 24-Stunden Streik der mexikanischen Automobilindustrie <a href=\"https://www.elfinanciero.com.mx/economia/paro-de-mujeres-costara-a-la-economia-26-300-mdp-estima-la-concanaco-servytur\">mit einem Einnahmenausfall</a> von ungef\u00e4hr 1.252.446.190 Euros. Dieser Streik w\u00fcrde also die Verzerrung der patriarchalen Logik offenlegen und w\u00e4re so der schlagende Beweis, dass ohne die Arbeitskraft der Frauen, ohne die Pr\u00e4senz der Frauen in der Gesellschaft, Mexiko und die Welt stillst\u00fcnde.</p><p></p><hr/><p></p><p>\u00dcbersetzung: Jan Schwab</p><p></p><hr/><p></p><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Dazu treten in den Jahren 2013 \u2013 2017 mindestens <a href=\"https://issuu.com/letra-s/docs/informe_crimenes_2017\">381 Morde</a> an LGBTI*s, davon 209 Morde an Trans-Frauen*, die aus Hass-Motiven begangen wurden.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Nicht mit den Frauen* in Mexiko. 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Erz\u00e4hlt uns doch erstmal etwas \u00fcber euer Projekt. Wer sind</b> <b><i>Mujeres por la Vida</i></b><b>?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> Wir sind eine autonome und selbstverwaltete feministische Organisation. Durch die F\u00f6rderung der aktiven Partizipation von Frauen aus den Armenvierteln, durch das Bereitstellen von Bildungsr\u00e4umen auf den Prinzipien der Volksbildung beziehungsweise Bildung von unten und durch die Schaffung von R\u00e4umen gegenseitiger Unterst\u00fctzung, F\u00fcrsorge und Selbsthilfe unter Frauen, tragen wir zum Aufbau von lokalen, selbstverwalteten Gruppen bei. Dort werden feministische Strukturen, Beziehungen und Lebensformen entwickelt, die sich den kapitalistischen und patriarchalen Werten entgegenstellen.</p><p></p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]: Seit wann gibt es euch denn schon und wo lagen und liegen eure Arbeitsschwerpunkte?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> <i>Mujeres por La Vida</i> entstand urspr\u00fcnglich im Jahr 1992 als Kollektiv st\u00e4dtischer, armer Frauen in La Carucie\u00f1a, Barquisimeto, der Hauptstadt des Staates Lara. Die Stadt befindet sich 450 Kilometer \u00f6stlich von Caracas. Wir schlossen uns zusammen, um gegen die Armut und die schlechten Lebensumst\u00e4nde unserer Gemeinschaft zu k\u00e4mpfen, die die Konsequenz der Implementierung des neoliberalen Systems in unserem Land waren. Besonders hart traf er aber die Frauen. Wir reden deshalb von einer <i>Feminisierung der Armut</i>. Gleichzeitig k\u00e4mpften wir gegen die Diskriminierung und Gewalt, die Frauen erfahren \u2013 allem voran gegen h\u00e4usliche Gewalt. Wir hatten damals keine legalen Instrumente, um uns zu sch\u00fctzen. In den 90er Jahren bestand unsere Arbeit in der Organisation von Vortr\u00e4gen und Diskussionen, Film-Clubs, Demonstrationen und Radioprogrammen, um die Diskriminierung und Unterdr\u00fcckung zu verurteilen, der wir als Frauen und und als Arme ausgesetzt waren. Wir waren auch an den damaligen gesellschaftlichen und politischen Prozessen beteiligt, die zum Ausbruch der bolivarianischen Revolution f\u00fchrten. Sie nahm ihren Anfang mit dem Wahlsieg des Comandante Hugo Ch\u00e1vez und dem verfassungsgebenden Prozess im ganzen Land. Seit dem Jahr 2000 arbeiten wir bewusst feministisch und mit einem Verst\u00e4ndnis von Patriarchat, zu dem uns ein Kollektiv von \u00f6ko-feministischen Genossinnen inspiriert hatte. In dieser Zeit sammelten wir unsere ersten Erfahrungen in der Organisation feministischer Bildung. Wir nannten das <i>Schule der freien Frauen</i>.</p><p></p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]: Und mit dem Aufkommen der Bolivarianischen Revolution hat sich eure Arbeit dann ver\u00e4ndert?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> In den Jahren zwischen 2000 und 2005 kam es in Venezuela zu einer Vielzahl von politischen Ereignissen; darunter der gescheiterte Putschversuch, der Unternehmerstreik, das <i>Widerrufsreferendum</i> [1] und andere. All diese Geschehnisse erforderten die Mobilisierung der sozialen Bewegungen und der Bev\u00f6lkerung im Allgemeinen f\u00fcr Aktionen zur Verteidigung des revolution\u00e4ren Prozesses. In diesen Jahren fokussierte sich ein Gro\u00dfteil unserer Bem\u00fchungen auf die Unterst\u00fctzung entsprechender Aktionen. Ab dem Jahr 2006 nahmen wir dann schlie\u00dflich die Arbeit innerhalb der Gemeinschaft wieder auf. Dieses Mal mit Frauen, die sich in Nachbarschaftsinitiativen und Arbeiter*innenorganisationen engagierten. Dies erm\u00f6glichte es uns, den Kontakt zu jungen Frauen aufzubauen. Sie schufen zwei neue Kollektive innerhalb von <i>Mujeres por la Vida</i>: das Kollektiv der <i>Lun\u00e1ticas</i> und die<i> Mariposas Libertarias (Libert\u00e4re Schmetterlinge)</i>, womit wir uns als Bewegung etablierten. Das<i> Lun\u00e1ticas</i> Kollektiv hat in den vergangenen Jahren verschiedene Erfahrungen in der Entwicklung von Medienformaten gesammelt, darunter die Videoproduktion <i>Abolir el Patriarcado es la Revoluci\u00f3n (Das Patriarchat abzuschaffen ist die Revolution)</i>, oder auch die Gemeinschaftsradio- und Fernsehprogramme <i>Juntas y Tambi\u00e9n Revueltas (Zusammen und rebellisch).</i></p><p></p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]: Wie hat sich eure Arbeit seitdem weiter entwickelt? Habt ihr neue Arbeitsfelder erschlie\u00dfen k\u00f6nnen?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> Unsere Arbeit konzentriert sich inzwischen auf folgende Arbeitsfelder: Erstens auf die St\u00e4rkung der Teilhabe von und F\u00fchrung durch Frauen in lokalen Organisationen und sozialen Bewegungen. Erreicht wird das durch feministische Bildung und Begleitung pers\u00f6nlicher und kollektiver Prozesse, die das Wachstum und Empowerment erleichtern. Zweitens die so genannte <i>Feministische P\u00e4dagogik</i>. Hier entwickeln wir Bildungsprozesse, die auf den Konzepten und Methoden der befreienden <i>Volksbildung</i> [2] basieren, und im Rahmen derer Frauen ihre eigenen Prozesse steuern. Wir arbeiten auch daran, die gro\u00dfen Themen des Kapitalismus und des Patriarchats mit dem pers\u00f6nlichen Leben jeder Einzelnen und den Beziehungen zwischen uns allen in Verbindung zu bringen. So entdecken wir das Gemeinsame unserer Probleme und die Notwendigkeit des kollektiven Handelns. Drittens schaffen wir durch Pr\u00e4ventions- und Verurteilungskampagnen Aufmerksamkeit f\u00fcr Gewaltsituationen, in denen wir als Frauen leben. Ein weiterer Teil der Arbeit besteht in der Begleitung von Frauen in Gewaltsituationen und in ihren pers\u00f6nlichen Prozessen, sowie rechtliche und psychologische Beratung. Viertens liegt unsere Arbeit in der Verteidigung und F\u00f6rderung sexueller und reproduktiver Rechte. F\u00fcnftens schaffen wir R\u00e4ume zur Unterst\u00fctzung von Frauen untereinander, durch R\u00e4ume f\u00fcr Begegnung und gemeinsames Leben, in denen jede das Gef\u00fchl hat, dass ihre Worte und ihre Teilnahme gesch\u00e4tzt wird. R\u00e4ume, in denen sie gegenseitige Akzeptanz und Respekt f\u00fcr alle leben, in denen die Freundschaft zwischen Frauen aufgebaut wird. Lernorte, an denen wir uns ruhig, behaglich und auf Augenh\u00f6he f\u00fchlen. So k\u00f6nnen wir uns f\u00fcr die Teilnahme in anderen R\u00e4umen st\u00e4rken und Ver\u00e4nderungen hin zu den Werten f\u00fchren, an die wir glauben. Es ist nicht nur ein weiteres Treffen, sondern ein Moment, nach dem wir uns sehnen, weil er uns n\u00e4hrt, es uns erm\u00f6glicht, tief durchzuatmen und st\u00e4rker herauszukommen. Sechstens unsere feministischen Volksmedien: eine neue Form der Medien, die es uns erlaubt, kritische Analysen und neue Inhalte zu produzieren, und uns dabei gegen die patriarchalen Rollenbilder und Stereotypen, Diskriminierung, Ungleichheit und geschlechtsspezifischer Gewalt zu positionieren. Genau diese Aspekte liegen dem patriarchalen System zugrunde und werden vor allem durch die gro\u00dfen Medien vermittelt. Mit <i>Juntas y Tambi\u00e9n Revueltas (Zusammen und rebellisch)</i> als unserem zentralen Radio-Sender und Ausdruck unserer K\u00e4mpfe, zeigen wir auch unsere Essenz, unsere Werte und Symbole, und multiplizieren die Stimmen derer, die das w\u00fcrdevolle Leben verteidigen.</p><p></p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]: Wie sch\u00e4tzt ihr heute den Ausgangspunkt feministischer K\u00e4mpfe in Venezuela ein?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> Die f\u00fchrende Beteiligung von Frauen an feministischen, sektoralen oder lokalen Organisationen ist in unserem Land von gro\u00dfer Bedeutung. Wir haben in vielen Bereichen F\u00fchrungsaufgaben \u00fcbernommen. Dies ging jedoch nicht mit einer Ver\u00e4nderung der Verantwortlichkeit in den Betreuungs- und Pfleget\u00e4tigkeiten einher, die haupts\u00e4chlich auf Frauen zur\u00fcckfallen und meistens eine Doppel- und Dreifachbelastung bedeuten. Patriarchale Vorstellungen setzen dar\u00fcber hinaus die Unterordnung und Wertlosigkeit der Frauen im \u00f6ffentlichen Leben fort. Daraus ergibt sich eine Reihe von Schwierigkeiten f\u00fcr Frauen, ihre gesellschaftliche Teilhabe und F\u00fchrungsaufgaben in der Gemeinde aufrecht zu erhalten.</p><p>Erschwert wird das Ganze auch durch die Folgen der sozio\u00f6konomisch schlechten Lage der letzten Jahre. Sie ist das Ergebnis einer Wirtschafts- und Finanzwirtschaftsblockade ausl\u00e4ndischer M\u00e4chte. Dazu kommen Diebst\u00e4hle von Verm\u00f6genswerten der Nation, und interne Probleme, wie Korruption und B\u00fcrokratie. Im Umkehrschluss bedeutet das f\u00fcr Frauen eine Doppelbelastung: einerseits die grundlegenden wirtschaftlichen Probleme zu Hause l\u00f6sen zu m\u00fcssen und andererseits die Grundbed\u00fcrfnisse der Gemeinschaft zu erf\u00fcllen. Das erschwert den Frauen, an sich selbst und die eigenen Bed\u00fcrfnisse zu denken. Immer mehr schl\u00e4gt sich diese Doppelbelastung in physischer und psychischer Verausgabung nieder. Es gibt nur wenig R\u00e4ume f\u00fcr R\u00fcckhalt und Begleitung, wo es m\u00f6glich w\u00e4re, \u00fcber kollektive Strategien nachzudenken, oder kreative Alternativen zu dieser Realit\u00e4t zu entwickeln.</p><p>Es ist notwendig von der Basis der Frauen aus eine Agenda des Kampfes f\u00fcr die Schaffung von \u00f6ffentlichen Politiken zu entwickeln, die nicht auf Almosen basieren und das Konzept der vermeintlich schutzbed\u00fcrftigen, passiven Frauen noch verst\u00e4rken. Wir als Volksbewegung haben in Abstimmung mit anderen Organisationen, Gemeinden und gesellschaftlichen Sektoren eine Reihe von Aktivit\u00e4ten, Seminaren und Treffen durchgef\u00fchrt, um genau eine solche Agenda zu entwickeln. Sie soll es uns erlauben, Respekt f\u00fcr unsere Rechte auf politische Beteiligung und F\u00fchrungspositionen einzufordern. Dar\u00fcber hinaus werden auf diese Weise Prozesse der Autonomie und der Selbstbestimmung \u00fcber unsere K\u00f6rper gest\u00e4rkt, sowie Gemeinschaftsmechanismen f\u00fcr ein Leben frei von Gewalt an Frauen geschaffen. Wir erarbeiten Strategien, um die Hausarbeit gerechter zu verteilen, schaffen Zugang zu Informationen und Kampagnen \u00fcber sexuelle und reproduktive Rechte und erm\u00f6glichen damit die Konsolidierung unserer politischen F\u00fchrung innerhalb der Bewegung f\u00fcr Volks- und Frauenmacht.</p><p></p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]: Welche Vorschl\u00e4ge hat</b> <b><i>Mujeres por la Vida</i></b><b> konkret? Worauf gr\u00fcndet ihr Euer politisches Handeln und welche Pl\u00e4ne habt ihr f\u00fcr heute und f\u00fcr die Zukunft?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> Seit mehr als 27 Jahren betonen wir die Notwendigkeit, neue emotionale Bindungen zwischen Frauen zu schaffen. Es geht aber nicht nur um Freundschaften, wir wollen R\u00e4ume f\u00fcr Reflektion und die St\u00e4rkung von feministischer F\u00fchrung schaffen. Erst das erlaubt uns, gemeinsam zu k\u00e4mpfen und gr\u00f6\u00dfere Hebel gegen das patriarchale, kapitalistische, imperialistische und koloniale System in Anschlag zu bringen.</p><p>Projekte, an denen wir arbeiten, sind unter anderem: 1) Die Einrichtung einer B\u00fcrgerbeauftragten f\u00fcr Frauen <i>(Defensor\u00eda de la Mujer Hermana Juanita)</i> im S\u00fcdwesten der Stadt Barquisimeto, die auch f\u00fcr die Gemeinden Ataroa und Loma de Le\u00f3n ansprechbar ist. 2) Die Gr\u00fcndung des feministischen Ausbildungszentrums <i>Mar\u00eda Jota Berrio Rodr\u00edguez</i> in der kommunal-feministischen Volksschule <i>Ana Torres.</i> 3) Unser Ansto\u00df zur Bildung der Aussch\u00fcsse f\u00fcr Frauen und Geschlechtergleichstellung in 40 Gemeinden des Bundesstaates Lara. 4) Seit 2017 die Teilnahme an der feministischen Plattform <i>Ni Una menos (Keine mehr!)</i> zur Organisation von Veranstaltungen zum 8. M\u00e4rz. 5) Die Teilnahme an internationalen und nationalen Frauentreffen, darunter das <i>Plurinationale Treffen</i> in Argentinien, das Lateinamerikanische Frauentreffen<i> ELLA</i> und die Bewegung <i>Mujeres de Alba</i>. 6) Sechstens die Produktion und Ausstrahlung des Radiosenders <i>Juntas y Tambi\u00e9n Revueltas</i>. 7) Medienerfahrungen wie die Ausstrahlung des Dokumentarfilms <i>Abolir el Patriarcado es la Revoluci\u00f3n (Die Abschaffung des Patriarchats ist die Revolution)</i> oder der Fernsehsendung <i>Juntas y Tambi\u00e9n Revueltas (Zusammen und rebellisch)</i>. 8) Die Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus La Carucie\u00f1a in Sachen sexueller und reproduktiver Rechte. 9) Die weiterbildende Begleitung f\u00fcr anderer Organisationen, wie zum Beispiel der Genossenschaft <i>8 de Marzo (8. M\u00e4rz)</i>, dem<i> Casa Vera (besetzten Geb\u00e4ude)</i>, sowie von 12 Kommunen des Bundesstaates Lara zu Themen wie Patriarchat, feministische Volksmedien, ein Leben ohne Gewalt f\u00fcr Frauen, feministische Kommunen und vieles mehr. 10) Die gezielte F\u00f6rderung und Moderation der vorbereitenden Frauenversammlungen des <i>Ersten Venezolanischen Frauenkongresses</i>. Und 11) das sozio-produktive Training f\u00fcr Frauen in Lebensmittelverteilungsprozessen in ihren territorialen Organisationen (Gebiete der Gemeinden Ataroa, Loma de Le\u00f3n und Pavia), haupts\u00e4chlich in der Entwicklung von Reinigungs- und K\u00f6rperpflegeprodukten.</p><p></p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]: Venezuela erlebt derzeit eine tiefe wirtschaftliche und politische Krise. Eine der Folgen ist die wachsende venezolanische Diaspora in aller Welt. Wie gestalten sich die Folgen f\u00fcr die venezolanischen Frauen? Wie wird mit dieser Situation umgegangen?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> Wie bei jedem Massenmigrationsprozess sind es vor allem Frauen und Kinder, die sich in gef\u00e4hrlichen und verletzlichen Situationen wiederfinden. Sie sind auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen, getrieben durch die aktuelle Situation im Land, die den \u00e4rmsten Menschen keine andere Wahl mehr l\u00e4sst. Dar\u00fcber hinaus glauben sie, dass in den L\u00e4ndern, in die sie fl\u00fcchten, eine bessere Zukunft m\u00f6glich sei. Dabei ist den meisten nicht bekannt, dass die Migrations- und Wirtschaftspolitik dieser L\u00e4nder jenen, die als Migrant*innen gelten, kaum Rechte garantiert.</p><p>Die Zahl venezolanischer Frauen, die unter h\u00e4uslicher Gewalt oder Arbeitsgewalt leiden, oder im Ausland ermordet werden und ihre S\u00f6hne und T\u00f6chter oft schutzlos zur\u00fcck lassen, ist beunruhigend hoch. Oft enden die Frauen in Netzwerken des Menschenhandels, werden als Sexsklavinnen ausgebeutet und verkauft, oder leiden unter prek\u00e4ren Arbeitsbedingungen, die weder ihren Lebensunterhalt, noch die M\u00f6glichkeit von Geld\u00fcberweisungen an die Familie garantieren.</p><p>In diesem Kontext ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass es Situationen gibt, in denen M\u00fctter, ob alleinerziehend oder mit ihren Ehem\u00e4nnern, migrieren und die S\u00f6hne und T\u00f6chter in der Obhut eines anderen Familienmitglieds zur\u00fccklassen, das k\u00f6rperliche, psychische und sexuelle Gewalt gegen Kinder aus\u00fcbt.</p><p>Deshalb ist es notwendig, Netzwerke der F\u00fcrsorge und Solidarit\u00e4t mit sozialen Organisationen in den Nachbarl\u00e4ndern aufzubauen, die diese Frauen, die sich ohne jegliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Emigration entscheiden, begleiten oder unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Diese Netzwerke k\u00f6nnen einerseits Informationen \u00fcber die M\u00f6glichkeiten vor Ort weitergeben, sollten andererseits aber auch f\u00fcr die Hinterbliebenen, soziale und produktive Projekte als Vorschlag alternativer, selbstverwalteter und solidarischer Wirtschaft vorantreiben. So werden wir der kapitalistischen Logik mit ihrer Spekulation und Hyperinflation die Stirn bieten. Zu unseren Initiativen geh\u00f6rt zum Beispiel die Wiederaufnahme einer Produktionsst\u00e4tte zur Herstellung von Reinigungsprodukten und Tomatensauce, um einen Beitrag zur Finanzierung des Familieneinkommens zu leisten.</p><p>Kein Hindernis wird unsere Hoffnung und unsere Tr\u00e4ume eines volksnahen und kommunalen Feminismus zerst\u00f6ren. Davon sind wir \u00fcberzeugt nach all dem, was wir bereits erreicht haben. Jenseits der starren, b\u00fcrokratischen Logik, die nicht erlaubt, interne Fehler und M\u00e4ngel zu korrigieren, werden wir die Schwierigkeiten \u00fcberwinden, indem wir Allianzen schmieden und unsere Strategien zur Verteidigung der Revolution der Frauen fortf\u00fchren. Wir werden trotz aller Probleme weiterhin die Protagonistinnen unserer eigenen Prozesse sein.</p><p></p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]: Von welchen Schwierigkeiten sprecht ihr da genau, die ihr derzeit als Bewegung durchlebt?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> Es sind Probleme, die mit der gegenw\u00e4rtigen politischen Konjunktur zu tun haben. Zum Beispiel gingen 2018 drei unserer Genossinnen aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden au\u00dfer Landes. Andere haben sich aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden der institutionellen Arbeit im Staat angeschlossen. Wieder andere Genossinnen aus den Gemeinden tun ihr Bestes, k\u00f6nnen dabei aber dem Gef\u00fchl der physischen und psychischen Belastung f\u00fcr die vielf\u00e4ltigen Aufgaben, die sie ausf\u00fchren m\u00fcssen, nicht entgehen. Darunter fallen die Nahrungsmittelsuche, Kochen mit Brennholz, die Verwaltung der h\u00e4uslichen Finanzen und fehlender Zugang zu Medizin und Verh\u00fctungsmitteln. F\u00fcr das dritte Quartal 2019 hoffen wir jedoch wieder einige Aktivit\u00e4ten mit mehr Kraft und Hoffnung neu aufnehmen zu k\u00f6nnen. Dank der internationalistischen Solidarit\u00e4t konnten wir bislang 30 dauerhafte Empf\u00e4ngnisverh\u00fctungsmittel erwerben, die an Frauen in den prek\u00e4rsten Vierteln weitergegeben werden. Durch den Erl\u00f6s des Verkaufs unserer Brosch\u00fcren konnten wir den Posten der B\u00fcrgerbeauftragten f\u00fcr Frauen <i>Hermana Juanita</i> wieder aufleben lassen.</p><p></p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]:</b> <b>Wie k\u00f6nnen wir uns von hier aus mit eurer Bewegung solidarisieren?</b></p><p></p><p><b>[MplV:]</b> Um Beziehungen der Solidarit\u00e4t zu schaffen, m\u00fcssen wir unsere verschiedenen Realit\u00e4ten verstehen lernen. Deshalb beteiligen wir uns an der Initiative, Online-Video-Foren vorzubereiten, die dazu beitragen, das Geschehen in Venezuela aus der Perspektive organisierter Frauen, die in armen Gegenden leben, medial zu verbreiten. Wir glauben, dass es wichtig ist, mit Hilfe von Internetplattformen den Zugang zu Informationen zu erleichtern. Wir informieren dabei nicht nur \u00fcber unsere Projekte, sondern auch \u00fcber Neuigkeiten im Zusammenhang mit dem Kampf der Frauen zur Verteidigung unseres Lebens und dem politischen Befreiungsprojekt in den Kommunen.</p><p>Das alles tun wir zur Schaffung einer \u00f6ffentlichen Politik der Gerechtigkeit, insbesondere der sozialen Gerechtigkeit. Wir haben unseren Beitrag immer auf eine selbstverwaltete Art und Weise geleistet, m\u00fcssen jedoch ehrlich anerkennen, dass die Situation des Landes uns beeinflusst hat, unsere eigenen Ressourcen unzureichend sind und die hohen Lebenshaltungskosten uns belasten. Obwohl wir uns nicht unterkriegen lassen, ist es doch schwieriger geworden, unsere Arbeit auf andere hilfsbed\u00fcrftige Sektoren auszudehnen und bereits konsolidierte Projekte aufrecht zu erhalten. Aus diesem Grund k\u00f6nnen jegliche finanziellen Beitr\u00e4ge, die geleistet werden, dazu beitragen, unsere hart erk\u00e4mpften Erfolge aufrechtzuerhalten.</p><p></p><p><b>Aquarella [Bloque]: Vielen Dank, liebe Genossinnen, f\u00fcr Eure Zeit.</b></p><p></p><hr/><p></p><p><i>Interview: Aquarella Padilla, Bloque Latinoamericano Berlin</i></p><p><i>\u00dcbersetzung: Orsolya Zilahy, Julia Walendzik</i></p><p></p><hr/><p></p><p><b>Anmerkungen:</b></p><p></p><p><b>[1]</b> <i>Widerrufsreferendum:</i> Mit dem erfolgreichen Widerrufsrerendum im Jahr 2004 wurde \u00fcber die Dauerhaftigkeit von Hugo Ch\u00e1vez im Pr\u00e4sidialamt des Staates gestimmt. In Folge des offiziellen Ergebnisses war er fortan nicht mehr zu widerrufen. Hintergrund ist Artikel 72 der venezolanischen Verfassung: <i>\u201eF\u00fcr alle diejenigen, die durch allgemeine Wahlen in \u00c4mter in Verwaltung und Rechtsprechung berufen worden sind, kann das Mandat widerrufen werden. Nach Ablauf der H\u00e4lfte der Amtszeit, f\u00fcr die der Amtstr\u00e4ger oder die Amtstr\u00e4gerin gew\u00e4hlt wurde, k\u00f6nnen mindestens zwanzig Prozent der in der entsprechenden Verwaltungseinheit eingetragenen Wahlberechtigten die Durchf\u00fchrung einer Volksabstimmung beantragen, um dessen oder deren Mandat zu widerrufen.\u201c</i></p><p></p><p><b>[2]</b> Gemeint ist die Tradition der<i> P\u00e4dagogik der Unterdr\u00fcckten</i> nach Paulo Freire in ihren zahlreichen Varianten gesellschaftlicher Organisation in Lateinamerika.</p><p></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/kein-hindernis-wird-die-hoffnung-auf-einen-volksnahen-und-kommunalen-feminismus-zerst%C3%B6ren/", "id": "https://revoltmag.org/articles/kein-hindernis-wird-die-hoffnung-auf-einen-volksnahen-und-kommunalen-feminismus-zerst%C3%B6ren/", "author": {"name": "Aquarella Padilla", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2019-08-28T13:09:29.484314+00:00", "date_modified": "2019-08-28T13:10:51.579297+00:00", "tags": ["re:port", "poderpopular", "putsch", "usa", "chavismus", "feminismus", "armut", "frauenkampf", "antiimperialismus", "venezuela", "volksmacht"], "summary": "\u00dcber das von den USA lancierte Putschgeschehen und die \u00f6konomische Krise in Venezuela wurde ausf\u00fchrlich in deutschen Medien berichtet. 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Frauen*streik in der Schweiz", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Heute k\u00fcmmern wir uns nicht! Frauen*streik in der&nbsp;Schweiz</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Frauenstreik in der Schweiz am 14. Juni 2019\" height=\"420\" src=\"/media/images/5dmz5a2j02dx_RBHjBUs.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Am Morgen des 14. Juni ist die Vorfreude auf den Tag fast mit den H\u00e4nden greifbar. Als ich mich durch die Stra\u00dfen Berns Richtung Hirschengraben bewege, auf dem Weg zu einem Treffen mit einer ersten Gruppe von Frauen, sehe ich die Vorboten \u00fcberall: Die aufgespr\u00fchten Streiklogos, lila Luftballone und Transparente: \u201eWe don\u2019t care\u201c, \u201ePatriarchat abschaffen\u201c, \u201eWenn Frau* will, steht alles still\u201c. Ich bemerke, wie ich bei jeder Person, die lila tr\u00e4gt, \u00fcberlege, ob sie streikt. Jene, die streiken, werfen mir dann meist irgendwann einen Blick zu, der sagt: Wir sehen uns sp\u00e4ter! Eine Frau entschuldigt sich, dass sie arbeiten geht und nicht zum Streik kommt. Was f\u00fcr ein Tag, an dem sich mal nicht jene entschuldigen, die erwerbslos sind (der systematischen neoliberalen Disziplinierungs- und Abwertungsrhetorik gegen\u00fcber Menschen ohne Lohnarbeit sei Dank!), sondern umgekehrt. Bereits am Morgen liegt eine Energie in der Luft, aufgeladen von einer monatelangen Mobilisierung. Ich merke, wie es auch mich packt: aufgeregt rufe ich noch einmal meine Schwester an, sage ihr, sie m\u00fcsse unbedingt zum Frauen*steik kommen. Sie ist selbstst\u00e4ndig und Mutter von drei Kindern. Noch ist sie unschl\u00fcssig, ob sie kommen kann.</p><p>Bereits in der Nacht haben Frauen* in Z\u00fcrich und in anderen St\u00e4dten rasselnd und trommelnd zum Streik aufgerufen. Aktionen und kleinere Demoumz\u00fcge begannen schon in den fr\u00fchen Morgenstunden. Am Ende des Tages werden sich in der gesamten Schweiz an die 500&#x27;000 Frauen* beteiligt haben: Sie* sind auf die Strasse gegangen, haben an Aktionen teilgenommen oder ihre* Arbeit niedergelegt. Der Frauen*streik vom Juni 2019 ist die gr\u00f6sste politische Demonstration der j\u00fcngeren Schweizer Geschichte. Und es ist nicht der erste Streik.</p><p>W\u00e4hrend die zahllosen Frauen*streiks in Spanien, Deutschland und Italien am 8. M\u00e4rz 2019 stattfanden, rief der Frauen*kongress des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB) im Januar 2018 zum Frauen*streik am 14. Juni 2019 auf. Man wollte damit an den historischen Tag vom 14. Juni 1991 anschliessen, an dem zum ersten Mal rund eine halbe Million Frauen* an Protest- und Streikaktionen teilnahmen. Anlass zum Streik 1991 war das zehnj\u00e4hrige Jubil\u00e4um der Verankerung des Gleichstellungsartikels in der Bundesverfassung. Der SGB rief damals zum Streik auf, weil die Umsetzung des Artikels nur z\u00f6gerlich vorangetrieben wurde und nach wie vor gravierende Ungleichheiten und Ausgrenzungen bestanden. Man versuchte, einige zentrale Problemlagen anzugehen, die zuvor noch nicht einmal Thema politischer Auseinandersetzungen waren: So gab es \u2013 neben den zentralen Feldern der Lohnungleichheit und der sozio\u00f6konomischen Diskriminierung von Haus-und Carearbeit \u2013 zum Beispiel noch keinen gesetzlichen Mutterschutz. Der Frauenstreik 1991 f\u00fchrte nat\u00fcrlich nicht zur vollst\u00e4ndigen Behebung von Lohnungleichheit und Diskriminierung. Dennoch sind seine Erfolge betr\u00e4chtlich: Mitte der 1990er Jahre wurde vom Parlament verbindliche Regeln f\u00fcr die Umsetzung des Gleichstellungsartikels aufgestellt, darin war auch ein Verbot der sexuellen Bel\u00e4stigung am Arbeitsplatz. Dies war f\u00fcr die damalige Deregulierungseuphorie bemerkenswert. Und 2004 stimmte das Volk nach drei erfolglosen Anl\u00e4ufen einer Mutterschaftsversicherung zu. Damit wurde eine Verfassungsartikel von 1945 endlich umgesetzt.</p><p>Auch der diesj\u00e4hrige Frauen*streik beklagt die anhaltenden systematischen Ungleichheiten trotz gesetzlicher Verankerung der Gleichstellung in der Bundesverfassung. In vielen Forderungen von damals ist die Schweiz n\u00e4mlich auch heute nicht viel weiter. Die Schweiz hat das teuerste Kinderbetreuungssystem der Welt. Meist lohnt es sich f\u00fcr Frauen* mit zwei Kindern nicht mehr, Vollzeit zu arbeiten, weil so ihr ganzer Lohn direkt f\u00fcr die Kinderbetreuung ausgegeben werden m\u00fcsste. Zudem haben bis heute V\u00e4ter lediglich einen Tag Vaterschaftsurlaub und die Lohnungleichheit zwischen M\u00e4nnern und Frauen* f\u00fcr gleiche Arbeit betr\u00e4gt noch immer im Schnitt um die 20 Prozent. Dies alles f\u00fchrt zu einer systematischen Benachteiligung der Frauen* auf dem Arbeitsmarkt, in der Altersvorsorge und in der Kinderbetreuung.</p><h2><b>Internationale Streikvorposten und Mobilisierung</b></h2><p>Der diesj\u00e4hrige Frauen*streik verdankt seinen Schwung in der Mobilisierung diesmal nicht einem Jubil\u00e4um, sondern einer internationalen Bewegung, die 2016 in Argentinien und dann in ganz S\u00fcdamerika unter dem Hashtag #NiUnaMenos aufkam und der #Metoo-Debatte in Europa und den USA. So kam es 2018 in 177 L\u00e4ndern zu Demonstrationen und Kundgebungen, wobei Spanien mit einem Generalstreik f\u00fcr die Gleichberechtigung, an dem mindestens f\u00fcnf Millionen Menschen teilnahmen, besonders hervorstach. Im Folgenden wurde die Idee eines Streiks auch in anderen L\u00e4ndern, etwa in Deutschland, Polen (dort mit dem Fokus auf dem Recht auf legale und staatlich finanzierte Abtreibung) und der Schweiz, aufgegriffen.</p><p>Auch wenn in der Schweiz die Gewerkschaften den Frauen*streik aktiv vorantrugen, handelte es sich nicht um einen klassischen, von Gewerkschaften initiierten Streik. So kam dann auch von einigen Seiten die Kritik, man w\u00fcrde damit den Begriff des Streiks aush\u00f6hlen: Die zentrale Demonstration fand um 17.30 Uhr statt und Frauen* konnten auch nach der Arbeit teilnehmen. Dennoch gab es bereits tags\u00fcber tausende Aktionen und den Aufruf an alle Frauen*, um 15.24 Uhr ihre Arbeit niederzulegen. Bei einer klassischen nine-to-five-Woche (auf Vollzeitstellen gerechnet) beginnen dort n\u00e4mlich t\u00e4glich die rund 20 Prozent unbezahlte Arbeit von Frauen*.</p><p>Es macht sehr viel Sinn, von einem Streik zu sprechen: Es handelt sich um einen politischen Streik. Der Begriff verweist neben den Protestaktionen und der Demonstration auch auf die ungesehene, unbezahlte oder unterbezahlte Arbeit, die von Frauen* gleistet wird \u2013 in der Reproduktion wie auch in der Produktionsph\u00e4re. Klassische Streiks im Sinne einer Arbeitsniederlegung fanden vorwiegend im \u00f6ffentlichen Sektor, im Bereich der Altenpflege und in der Reinigung statt. Dort wurden teilweise auch wichtige Erfolge verzeichnet: in Luzern erreichten zum Beispiel Angestellte einer Reinigungsfirma nach drei Stunden Arbeitsniederlegung, dass Reise und Vorarbeitsarbeiten in Zukunft bezahlt werden. Die Mobilisierung war sehr breit abgest\u00fctzt und ging von sehr verschiedenen Gruppen aus. Das machte es m\u00f6glich, dass \u00fcber eher klassisch feministische Streikforderungen \u2013 nach gleichem Lohn, mehr Betreuungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Familienangeh\u00f6rige und dem aktiven Kampf gegen Sexismus \u2013 auch durchaus antikapitalistische und antifaschistische Forderungen im breiten B\u00fcndnis mitgetragen wurden.</p><p>Den ganzen Tag \u00fcber erscheinen immer neue Meldungen \u00fcber Streikposten und erfolgreiche kreative Aktionen gegen reaktion\u00e4re Rollenbilder, antifeministische politische Kampagnen, die rassistische und sexistische Migrations- und Austerit\u00e4tspolitik und vieles mehr.</p><p>Und dann sagt auch meine Schwester zur Demonstration am Abend zu. Wir treffen uns um 17 Uhr in Bern. Als wir uns treffen, werden wir beide von der Euphorie ergriffen. Wir f\u00fchlen uns stark, mutig, aufgehoben und sch\u00f6n. Ich merke, dass uns beide diese Erfahrung pr\u00e4gen und weitere K\u00e4mpfe daran ankn\u00fcpfen werden. Meine Schwester und ich sind beide selbstst\u00e4ndig arbeitend: ich als Dokumentarfilmregisseurin, sie als Naturmedizinerin mit drei Kindern. Beide erfahren wir auf unterschiedliche Weise die Einschr\u00e4nkungen und Hindernisse aufgrund der patriarchalen Verh\u00e4ltnisse und unseres Geschlechts. Um nur ein Beispiel zu nennen: Meine Schwester muss sich als Mutter immer wieder rechtfertigen, dass sie \u00abernsthaft\u00bb arbeitet und ich realisiere immer mehr, dass ich mich in einem Beruf bewege, in dem es kaum Strukturen f\u00fcr die Vereinbarkeit von Beruf eine Familie gibt und dar\u00fcber hinaus Frauen* im Lohn und in der Sichtbarkeit - strukturell - stark diskriminiert werden. Es braucht viel Kraft, sich dagegen immer wieder zu behaupten. Wir haben aktuell diese Kraft, doch wir w\u00fcrden sie gerne f\u00fcr anderes einsetzen.</p><h2><b>Ist das erst der Anfang?</b></h2><p>Die Schweiz hat kaum eine Streikkultur. Daher trug der Frauen*streik auch zur Auseinandersetzung mit dieser M\u00f6glichkeit bei, sich diesem Kampfmittel wieder mehr anzunh\u00e4hern. Unter diesem Begriff setzten die Frauen* den Tag nicht nur in die Tradition des Kampfes um Gleichstellung, sondern auch des Klassenkampfes. Und das ist wichtig, denn es sind vor allem b\u00fcrgerliche Frauen*, die sich auf einem patriarchal ausgerichteten Arbeitsmarkt behaupten k\u00f6nnen, weil sie \u00fcber die Mittel verf\u00fcgen, die Reproduktionsarbeit auf eine andere \u2013 meist migrantische oder weniger gut situierte \u2013 Frau* auszulagern.</p><p>Die Forderungen des Frauen*streiks dieses Jahr sind nicht neu. Nichtsdestotrotz m\u00fcssen sie mit neuer Vehemenz eingefordert werden. Und die Teilnahme von 500&#x27;000 Menschen am Frauen*streik 2019 hat ein deutliches Zeichen f\u00fcr die Dringlichkeit dieser Forderungen gesetzt. So gingen in Z\u00fcrich 160&#x27;000 Frauen* auf die Strasse, in Basel 40&#x27;000 und in Bern 40&#x27;000 und in Lausanne 30&#x27;000. Aber auch in kleineren St\u00e4dten wurde gestreikt. Es nahmen zahlreiche Frauen* am Streik teil, die Diskriminierung und Ungleichbehandlung direkt an ihrem K\u00f6rper, in ihrem Leben oder in ihrer Familie erleben, ohne jedoch direkt politisch oder gewerkschaftlich organisiert zu sein. Bereits in den fr\u00fchen Morgenstunden war eine aussergew\u00f6hnliche Stimmung in den St\u00e4dten und die Solidarit\u00e4t zwischen lila gekleideten Frauen* bereits zu sp\u00fcren. Es war f\u00fcr einmal ein Tag, an dem sich Frauen* entschuldigten, zur Arbeit zu gehen. An den Demonstrationen war die Stimmung euphorisch. Zentral war an diesem Tag aber nicht nur die materielle Arbeitsniederlegung, sondern auch sich in die Augen zu schauen und zu erkennen, dass man mit den eigenen Problemen und W\u00fcnschen nicht alleine ist. Das macht Mut, gibt Kraft und ist der Anfang von einer Organisierung. Die Demonstrationen bestanden zu 80 Prozent aus Frauen* - aus allen Schichten, Altersklassen und auch Frauen* mit Migrationshintergrund nahmen teil.</p><p>Neben den Erfolgen in konkreten Arbeitsk\u00e4mpfen, war wohl der gr\u00f6sste Verdienst der Frauen* an diesem Tag, ihre Forderungen k\u00e4mpferisch sichtbar gemacht zu haben und auch untereinander die grosse und \u00fcberschw\u00e4ngliche Solidarit\u00e4t untereinander gesp\u00fcrt zu haben, die diesen Tag ausmachte. Selten wurde so viel und auf so differenzierte Weise \u00fcber die Lage der Frauen* in der Schweiz debattiert wie im Vorfeld des Frauen*streiks. Jene Frauen*, die am 14. Juni dabei waren, werden diesen Tag nicht so schnell vergessen. Auch wenn die Forderungen an diesem Tag sehr breit und heterogen waren, haben wir alle zumindest eines ganz klar gesp\u00fcrt: Wir sind nicht allein und wir k\u00f6nnen, wenn wir solidarisch sind, eine ungemeine Kraft entfalten: Gegen das Patriarachat, gegen den Kapitalismus, gegen Ausbeutung und Diskriminierung.</p><p>Auch bei \u201eFriday for Future\u201c und in verschiedenen migrantischen Bewegungen sind es international die Frauen* die sich gegen kapitalistische Ausbeutung und rechtskonservative und faschistoide Politiken und Mobilisierungen zur Wehr setzen. Das wird nun auch besonders mit diesem Streik deutlich. Die langfristige politische und organisatorische Wirkung des zweiten nationalen Frauen*streiks bleibt noch abzuwarten. Was aber definitiv klar ist: er wird in die Geschichte eingehen!</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Viele Forderungen von damals sind heute l\u00e4ngst nicht erf\u00fcllt. Die Frauen* setzten ein eindrucksvolles Zeichen, dass sich die Gesellschaft grundlegend ver\u00e4ndern muss. Maja Tschumi \u00fcber den Tag."}, {"title": "Notwendiger denn je!", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Notwendiger denn&nbsp;je!</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"8march2_marios_lolos-kopie.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/8march2_marios_lolos-kopie.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Marios Lolos</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Zum dritten Mal in Folge wurde der Internationale Frauenstreik in diesem Jahr am 8. M\u00e4rz in verschiedenen L\u00e4ndern der Welt organisiert. Trotz der unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten in den einzelnen L\u00e4ndern und der offensichtlich vielf\u00e4ltigen Forderungen haben Frauen auf der ganzen Welt erkannt, dass dieser Tag nicht nur ein \u201eJubil\u00e4um\u201c ist. Die Frauenbewegung in Griechenland \u00fcberwand in diesem Jahr zum ersten Mal ihre sonstigen Schwierigkeiten und schaffte es, den \u201eFrauentag\u201c in einen \u201eFrauen*Streiktag\u201c mit Klassenbezug zu verwandeln.</p><p>In mehreren zentralen Gewerkschaften wurde im Vorfeld heftig diskutiert, bis der Beschluss gef\u00e4llt wurde, am 8. M\u00e4rz zu streiken. Unter dem Druck der antikapitalistischen linken Kr\u00e4fte entschied sich die \u2013 haupts\u00e4chlich unter ihrem Akronym ADEDY bekannte \u2013 Beamtenvereinigung f\u00fcr eine Arbeitsunterbrechung von 13.00 Uhr bis zum Ende der Arbeitszeit. Der Versuch, am selben Tag einen Streik im Privatsektor zu organisieren, stie\u00df allerdings auf gro\u00dfe Schwierigkeiten. Er wurde letztlich von Gewerkschaftsb\u00fcrokratien blockiert. Daher beschlossen verschiedene feministische Initiativen wie die \u201eBewegung f\u00fcr einen streikenden 8. M\u00e4rz\u201c und die \u201eInitiative zur kollektiven Organisation von Mobilisierungen am 8. M\u00e4rz\u201c, sowohl gemeinsam mit den Hauptgewerkschaften am Mittag zu streiken, aber zus\u00e4tzlich noch eine weitere Nachmittagsdemonstration zu organisieren. \u00c4hnliche Entscheidungen wurden auch von anderen feministischen Organisationen und Initiativen wie \u201eNo Tolerance\u201c und \u201eSabbat\u201c getroffen.</p><h2><b>Die Krise ist schuld!</b></h2><p>Trotz der (und gegen die) Versuche des b\u00fcrgerlichen Staates und des Kapitals, diesen Tag mit Konsum und einer gef\u00e4lschten Aufmerksamkeit f\u00fcr das \u201esch\u00f6ne (und aus ihrer Perspektive schwache) Geschlecht\u201c zu verkn\u00fcpfen, nimmt der 8. M\u00e4rz in Griechenland immer radikalere Z\u00fcge an. Grund daf\u00fcr ist die andauernde Krise. F\u00fcr die Frauen* ist dieser Tag erneut zu einem Symbol des Kampfes f\u00fcr feministische Emanzipation und f\u00fcr die soziale Befreiung geworden. Beide Demonstrationen waren beeindruckend: Tausende Frauen* hatten im Vorfeld dazu mobilisiert und noch mehr nahmen an den verschiedenen Aktionen teil. Neben den gro\u00dfen B\u00fcndnissen wurden die Demonstrationen auch von Verb\u00e4nden und Initiativen gegen Sexismus und Patriarchat sowie von feministischen Organisationen der radikalen Linken und Selbstorganisierungen unterst\u00fctzt. Dar\u00fcber hinaus gab es eine gro\u00dfe Beteiligung von Studierendengruppen und von Refugees, oftmals mit ihren Kindern. Sie berichteten von ihren Erfahrungen und vielfachen Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht, Ethnizit\u00e4t und Klasse.</p><p>Diese massive Reaktion ist von zentraler Bedeutung: In den letzten zehn Jahren der Krise stieg die Rate sexistischer Angriffe, sexualisierter Gewalt und Feminizide in Griechenland explosionsartig an, in allen Bereichen des Lebens ist eine Versch\u00e4rfung der geschlechtsspezifischen Diskriminierung zu beobachten. Die Allgegenw\u00e4rtigkeit von Praktiken der geschlechtsspezifischen Unterdr\u00fcckung und Gewalt, und damit verbunden patriarchaler Beziehungsmuster, f\u00fchrt dazu, dass das weibliche Geschlecht in der Gesellschaft als inferior wahrgenommen wird und auch die Frauen* sich selbst als weniger wert f\u00fchlen.</p><h2><b>Der Anstieg von Femiziden ist nur die Spitze des Eisbergs</b></h2><p>Das vergangene Jahr war vor allem auch ein Jahr gro\u00dfer Verluste. Ein Jahr, in dem der Hass auf sexuelle Vielfalt und ein unmissverst\u00e4ndliches Dominanzdenken zur Ermordung der LGBTIQ-Aktivist*in und Drag Queen Zack Kostopoulos (Zackie Oh) f\u00fchrte. Zack wurde im September in der N\u00e4he des Omonoia-Platzes von zwei Macho-M\u00e4nnern zu Tode gepr\u00fcgelt. Ihnen halfen Polizisten, die Zack in Handschellen legten und schlugen, w\u00e4hrend Zack bereits bewusstlos war. Ein Jahr, in dem die 21-j\u00e4hrige Studentin Eleni Topaloudis auch durch Rape-Culture (Kultur der Toleranz gegen\u00fcber Vergewaltigungen beziehungsweise sexualisierte \u00dcbergriffe, Anm. Red.) ermordet wurde. Ein Jahr, indem die patriarchale und rassistische Ideologie zur Ermordung der 29-j\u00e4hrigen Angelina Petrou am Silvesterabend durch ihren Vater f\u00fchrte, weil dieser die Beziehung seiner Tochter zu einem afghanischen Refugee nicht billigte. Dies ist nur die Spitze des Eisbergs von vielen schrecklichen Morden und \u00dcbergriffen auf weibliche* oder feminine* Opfer der letzten Jahre.</p><p>Und auch die geschlechtsspezifische Diskriminierung am Arbeitsplatz tritt in der Krise offensichtlicher als je zuvor zutage. Das zeigt, dass es zentral um Klassenpolitiken geht: Lohnunterschiede, Verletzung gesetzlicher Rechte wie Mutterschaftszulage, keine Lohnerh\u00f6hungen oder andere Jobangebote. Die Regierungen des Memorandums, einschlie\u00dflich der Regierung SYRIZA, haben eine Reihe von Ma\u00dfnahmen ergriffen, die sich insbesondere auch gegen Frauen* richten und diese in einen Dschungel aus Arbeitsplatzunsicherheit, illegalisierter und prek\u00e4rer Arbeit und Arbeitslosigkeit f\u00fchren.</p><p>Gleichzeitig nehmen die sexistischen Einstellungen am Arbeitsplatz zu: Mutterschaftsurlaub wird bei der Mehrheit der Arbeitgeber nicht mehr anerkannt, und die F\u00e4lle, in denen Frauen aufgrund einer Schwangerschaft entlassen werden, nehmen st\u00e4ndig zu. Solche Entlassungen werden mit Zustimmung der Justiz, des Staates, der Regierungen, der EU und anderer Institutionen vorgenommen. So traf der Gerichtshof der Europ\u00e4ischen Union im Februar 2018 eine beispiellose <a href=\"https://curia.europa.eu/jcms/upload/docs/application/pdf/2018-02/cp180015de.pdf\">Entscheidung</a>, die den Weg f\u00fcr die Entlassung schwangerer Arbeitnehmerinnen im Rahmen von allgemeinen K\u00fcrzungen und Massenentlassungen bereitet. In Griechenland sieht man nun die Fr\u00fcchte dieser Politik. Mit der diskriminierenden Behauptung, dass schwangere Frauen nicht produktiv genug sein k\u00f6nnen, werden sie vom Arbeitgeber entlassen. Ihnen wird damit sowohl das Recht auf Arbeit als auch auf eine gesicherte Mutterschaft praktisch verwehrt. Diese Liste kann auch mit den viele stillen F\u00e4llen erweitert werden, bei denen junge Frauen* aufgrund ihres Geschlechts gar nicht erst eingestellt wurden, da es f\u00fcr die Arbeitgeber \u201eselbstverst\u00e4ndlich\u201c ist, dass sie bald ein Kind haben m\u00f6chten. Dar\u00fcber hinaus entscheiden sich viele Frauen aus Angst vor Entlassung daf\u00fcr, fr\u00fcher zur Arbeit zur\u00fcckzukehren. Infolge des Ausbaus flexibler Arbeitszeiten auch im \u00f6ffentlichen Sektor gilt dies auch f\u00fcr Ersatzlehrkr\u00e4fte, die ihre Neugeborenen verlassen und in die Schule zur\u00fcckkehren m\u00fcssen, ohne Gedanken an die Auswirkungen auf die (psychische) Gesundheit von M\u00fcttern und S\u00e4uglingen.</p><p>Der stetige Kampf gegen Ungleichheiten und Diskriminierung in Lohnarbeit und Bildung, gegen Geschlechterstereotypen und Unterdr\u00fcckung (auch in Bezug auf sexuelle Orientierung, Ethnizit\u00e4t oder Hautfarbe) und das Ringen um grundlegende Rechte wie Mutterschutz und Erziehungsurlaub m\u00fcssen hierbei zusammen gedacht werden. Die Schaupl\u00e4tze sind allesamt zentral: Schlie\u00dflich sind die K\u00e4mpfe, die versuchen, die Stimmen der Frauen*, der LGBTIQ-Personen und aller Unterdr\u00fcckten und Proletarisierten als Ganzes zu st\u00e4rken, ein wesentlicher Bestandteil des Gesamtvorhabens, den Kapitalismus zu st\u00fcrzen und mit ihm jede Form von Ausbeutung und sozialem Kannibalismus.</p><h2><b>Der Kampf geht weiter!</b></h2><p>Der n\u00e4chste Punkt, an dem sich dieser Kampf zuspitzen wird, ist der Versuch der Regierung, das Strafgesetzbuch zu \u00fcberarbeiten. Zu den unterschiedlichen \u00c4nderungen z\u00e4hlt auch die \u00c4nderung des Artikels 336 \u00fcber Vergewaltigung. Der bestehende Artikel der gesetzlichen Definition von Vergewaltigung wurde in der Vergangenheit von der feministischen Bewegung als unzureichend und schwach kritisiert. Er tr\u00e4gt in vielen F\u00e4llen dazu bei, die Taten zu rechtfertigen und Vergewaltiger straflos davonkommen zu lassen, da er sich einzig auf Akte von Gewalt konzentriert und \u201efehlender Zustimmung zu sexuellen Handlungen\u201c keine Bedeutung zugesteht. Anstatt diesen Artikel also zu verbessern, gehen die anstehenden \u00c4nderungen einen Schritt weiter, um die Rechte von Frauen* und Betroffenen von \u00dcbergriffen einzuschr\u00e4nken: Einbezogen werden sollen nicht mehr F\u00e4lle der \u201eBedrohung durch ein unmittelbares Risiko\u201c, sondern nur noch diejenigen, die eine \u201eBedrohung des Lebens oder der k\u00f6rperlichen Unversehrtheit\u201c darstellen. Das Konzept der &quot;Bedrohung&quot; wird dadurch weiter eingegrenzt, indem andere Formen von Gewalt wie psychologische oder arbeitsrechtliche Einsch\u00fcchterungen und vieles weitere ausgeschlossen werden. Unser Umgang damit wird entscheidend f\u00fcr die Fortsetzung des gesamten weiteren Kampfes sein. Notwendiger denn je!</p><p></p><hr/><p></p><p>Eleni Triantafyllopoulou schreibt sonst f\u00fcr die griechische Zeitung <a href=\"http://prin.gr/\">Prin</a>. Zuletzt berichtete sie bei re:volt \u00fcber die grassierende Privatisierung kultureller und \u00f6ffentlicher Allgemeing\u00fcter im Land: <a href=\"https://revoltmag.org/articles/alles-zu-verkaufen/\">Alles zu verkaufen!</a> </p><p>\u00dcbersetzt von Johanna Br\u00f6se.</p><p>Das Titelbild zeigt eine Aktion des diesj\u00e4hrigen 8. M\u00e4rz. Auf dem Banner steht: &quot;Gegen jede Form der Gewalt werdet ihr uns auf der anderen Seite finden&quot;.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/notwendiger-denn-je/", "id": "https://revoltmag.org/articles/notwendiger-denn-je/", "author": {"name": "Eleni Triantafyllopoulou", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2019-03-29T16:58:00.330428+00:00", "date_modified": "2019-03-29T16:58:00.330428+00:00", "tags": ["re:port", "frauen*streik", "8.M\u00e4rz", "frauenkampf", "feminismus", "griechenland", "femizide", "austerit\u00e4tspolitik", "8m"], "summary": "Die Frauen*bewegung in Griechenland wird jedes Jahr radikaler. Eleni Triantafyllopoulou dar\u00fcber, weshalb es dringend notwendig ist, die politischen Streiks der Arbeiterinnen* am 8. M\u00e4rz als antikapitalistische K\u00e4mpfe zu begreifen."}, {"title": "Feministische Revolte statt Gehorsam", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Feministische Revolte statt&nbsp;Gehorsam</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Istanbul Kadinlar\" height=\"420\" src=\"/media/images/IMG_4335.e8233392.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>P\u00fcnktlich zum 8. M\u00e4rz gibt es in der T\u00fcrkei immer bestimmte Diskussionen. Einige von diesen Diskussionen st\u00e4rken die Frauen*bewegung, andere aber riechen stark nach Testosteron und bestehen ganz simpel aus mansplaining. Ich m\u00f6chte kurz auf einige dieser Diskussionen innerhalb wie au\u00dferhalb der Strukturen und auf die Haltung des Staates gegen die nicht kleinzukriegende Frauen*bewegung eingehen.</p><h2><b>Mansplaining Feminism? Nein danke!</b></h2><p>Beginnen wir mit den Narrativen, die eigentlich keine Beachtung mehr verdienen: Einige berufen sich auf den historischen Inhalt des 8. M\u00e4rz, negieren dann aber im Bezug zur Gegenwart die Erweiterung des Inhalts durch die Frauen*. Sie erg\u00f6tzen sich in Aussagen wie: \u201eDer 8. M\u00e4rz ist der Welttag der Arbeiterinnen, nicht der Feministinnen. Revolution\u00e4r*innen haben ihn erk\u00e4mpft, es gilt mit den M\u00e4nnern gemeinsam zu marschieren, der 8. M\u00e4rz ist heute in der Hand der b\u00fcrgerlichen Feminist*innen, das werden wir nicht zulassen.\u201c</p><p>Es gibt freilich auch Frauen*, die sich in derartigen Aussagen ergehen, aber in erster Linie sind es linke, revolution\u00e4re M\u00e4nner, die den eigenen Willen der Frauen negieren. Diese Haltung ist in erster Linie eine Fortsetzung der patriarchalen Kultur innerhalb der Linken in der T\u00fcrkei. Obwohl in der gesellschaftlichen Dynamik der Frauen*bewegung am 8. M\u00e4rz die zwei politischen Haltungen, das hei\u00dft der Fokus auf den Weltarbeiter*innentag wie auch der auf den Weltfrauen*tag, zusammenkommen und die Spaltung der Frauen*bewegung nicht zugelassen wird, er\u00f6ffnen einige M\u00e4nner jedes Jahr erneut dieselben Debatten.</p><p>Das strukturelle Problem dabei ist, dass es wieder die M\u00e4nner sind, die den Frauen* sagen, was sie zu tun und wie sie zu denken haben. Dass sie dies tun angesichts der konstant starken Frauen*bewegung in der T\u00fcrkei in einer Zeit, in der sich die meisten anderen gesellschaftlichen Dynamiken auf dem R\u00fcckzug befinden, ist kein Zufall. Diese M\u00e4nner haben Angst, sich mit ihrer eigenen patriarchalen Rolle auseinandersetzen zu m\u00fcssen. Die ver\u00e4nderte Bedeutung der Frauen*bewegung und des 8. M\u00e4rz wollen sie nicht sehen, es fehlt ihnen jeder Respekt f\u00fcr die Formen und Inhalte der Frauen*proteste. Ihnen k\u00f6nnen wir nur sagen: So wie sich der 8. M\u00e4rz und die Frauen*bewegung ver\u00e4ndert haben, so werdet auch ihr euch \u00e4ndern m\u00fcssen.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Frauen* auf den Stra\u00dfen von Istanbul\" height=\"3023\" src=\"/media/images/IMG_4347-a.original.jpg\" width=\"3022\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Die Frauen* erobern sich die Nacht.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h2><b>Ein bisschen Neoliberalismus gef\u00e4llig?</b></h2><p>Eine andere Debatte kann potentiell zur St\u00e4rkung der Frauen*bewegung beitragen. Aber nur dann, wenn die Debatte von der Frauen*bewegung und ihren Subjekten, den Frauen*, selbst gef\u00fchrt wird. Dabei geht es um die Frage, wie sehr der 8. M\u00e4rz und die Frauen*bewegung mit zunehmender Popularit\u00e4t vom Kapital und einem neoliberalen \u201eFeminismus\u201c vereinnahmt werden.</p><p>Jenseits der theoretischen Debatte geht es dabei beispielsweise um die Reklamestrategien von vielen Marken, die mit speziellen Angeboten, Werbespots, Geschenken und dergleichen versuchen, aus der Popularit\u00e4t des 8. M\u00e4rz Profit zu schlagen. Aber sind die Frauen*bewegung und der Feminismus einfach ein \u201eDing\u201c, das sich jeder nach Belieben aneignen kann?</p><p>Der Inhalt des Feminismus wird bestimmt von Kampf der Frauen*bewegung und ihrer Subjekte. Die Vorstellung, wonach Frauen* nicht als Subjekte gesehen werden und nahelegt wird, dass die Frauen* bei ein, zwei Werbespots gleich die ganze Geschichte ihrer Unterdr\u00fcckung vergessen und ins n\u00e4chste Gesch\u00e4ft laufen, um sich dort mit \u201epro-feministischen\u201c Schminkutensilien oder Schuhen einzudecken und dann sagen \u201ejetzt sind wir stark!\u201c, ist nichts anders als die Fortschreibung der Geschlechterrollen, die Frauen seit jeher zugeschrieben werden.</p><p>Vielleicht denken sich ja einige revolution\u00e4re M\u00e4nner, dass die Frauen* vom neoliberalen Kapitalismus ausgetrickst werden und nun dringend die Hilfe marxistischer M\u00e4nner brauchen, damit sie sich davon befreien k\u00f6nnen.</p><p>Sehen die Genossen denn nicht, welchen Schaden dem Kapitalismus zugef\u00fcgt wird, wenn Millionen von Frauen* in Spanien am 8. M\u00e4rz streiken? Welche populare Kraft entwickelt wird, wenn Frauen* in Argentinien zuerst gegen Femizide protestieren und dann ihre Forderungen auch auf klassenk\u00e4mpferische Inhalte erweitern? Wenn die Proteste der Frauen* gegen Trump mit den Debatten um den Feminismus der 99% einen anti-kapitalistischen Charakter gewinnen? Teilweise wird so getan, als k\u00e4men diese Entwicklungen nicht von k\u00e4mpfenden Frauen* selbst.</p><p>Mit solchen und \u00e4hnlichen Aussagen und Herangehensweisen wird eine t\u00e4glich st\u00e4rker werdende, sich weltweit ausbreitende Bewegung einfach zur Seite geschoben. Es ist wohl auch kaum ein Zufall, dass einige M\u00e4nner glauben, sie w\u00fcrden tiefsch\u00fcrfende Theoriearbeit leisten, weil sie<i> Das Kapital</i> von Karl Marx gelesen haben \u2013 aber von den vielen wichtigen feministischen Debattenbeitr\u00e4ge der letzten Jahre oder auch \u00fcberhaupt von den internationalen feministischen Debatten haben sie keinen Schimmer. Doch wir schulden ihnen nichts, wir haben ihnen nichts zu beweisen. Selbst wenn wir Fehler machen, dann sind das unsere Fehler und wir werden sie selbst korrigieren.</p><p>Wenn Diskussionen \u00fcber Probleme und Perspektiven des Kampfes in der Frauen*bewegung selbst stattfinden, dann hat das viel mehr Bedeutung. Zudem sind diese Diskussionen inhaltlich und formal zielf\u00fchrender. Die Frauen*bewegung befindet sich an einer wichtigen Schwelle und alle Frauen* haben Anteil an ihrer weiteren Entwicklung. Im Zentrum der Debatte steht auch in der T\u00fcrkei das weltweit diskutierte Thema, inwiefern neoliberale Politik versucht, den Feminismus zu vereinnahmen. Was sich in den Diskussionen zum Frauen*streik ausdr\u00fcckt, ist die Debatte um die heutigen kapitalistischen Produktions- und Reproduktionsverh\u00e4ltnisse. Dass dies auch in der T\u00fcrkei immer mehr diskutiert wird, h\u00e4ngt unter anderem mit dem erneuten weltweiten Aufschwung der Frauen*bewegung zusammen. Eine solch lebendige und produktive Debatte gab es zuletzt wohl in den 1980ern. Was uns von damals erhalten blieb, ist eine umfassende Literatur und viele verschiedene Feminismen. Es ist aber ein Merkmal und eine besondere St\u00e4rke der Frauen*bewegung, dass sie trotz all dieser verschiedenen Str\u00f6mungen als praktische Bewegung den Zusammenhalt bewahrt hat. Anders w\u00e4re die aktuelle internationale Entwicklung kaum m\u00f6glich.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Polizei Istanbul 8. M\u00e4rz\" height=\"3024\" src=\"/media/images/IMG_4350.original.jpg\" width=\"4032\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Die Polizei versucht, die Frauen* aufzuhalten, aber keine Chance.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h2><b>Feministische Solidarit\u00e4t gegen Plastikkugeln und Lynchmob</b></h2><p>Auch wenn der Gegenwind und die patriarchalen Vorstellungen, welche die Frauen*bewegung zu vereinnahmen und zu spalten versuchen, traditionsgem\u00e4\u00df im Vorfeld des 8. M\u00e4rz erneut Fahrt aufnahmen, gingen die Frauen* in der T\u00fcrkei gemeinsam und kraftvoll auf die Stra\u00dfe. Auch dieses Jahr gab es wieder in der ganzen T\u00fcrkei Aktionen, Proteste, M\u00e4rsche. In vielen kleineren Provinzen gab es zumindest Veranstaltungen. In Istanbul fand zum 17. Mal der feministische Nachtmarsch statt, zu dem trotz der harschen, repressiven politischen Atmosph\u00e4re zehntausende Frauen* zum, von der Polizei abgeriegelten, Taksim-Platz kamen. Die Polizei war darauf aus, die Frauen* nicht marschieren zu lassen. Aber der Wille und die Standfestigkeit der Frauen* zwangen sie dazu, einen kleinen Teil der Istikl\u00e2l-Stra\u00dfe wieder zu \u00f6ffnen. Doch als die Frauen* darauf dr\u00e4ngten, weiter zu marschieren, wurden sie mit Tr\u00e4nengas und Gummigeschossen angegriffen. Doch sie lie\u00dfen sich nicht auseinandertreiben, blieben standfest und erk\u00e4mpften so einen gro\u00dfen Erfolg.</p><p>Der patriarchale Staat wollte den Frauen*, die immer mehr zur st\u00e4rksten und wichtigsten gesellschaftlichen Opposition gegen das AKP/Erdo\u011fan-Regime geworden sind, eine Lektion erteilen.</p><p>Dabei geht es nicht nur um Opposition gegen die Politik der AKP. Eine immer st\u00e4rker werdende Frauen*bewegung ersch\u00fcttert Staat, Patriarchat und Kapitalismus in der T\u00fcrkei in ihren Grundfesten. Die Panik dar\u00fcber dr\u00fcckt sich in der Art und Weise aus, wie der Frauen*marsch von der Polizei angegriffen wurde. Aber die Frauen* sind ruhig und konsequent geblieben. So war am Ende die Message nicht, \u201ewie die Polizei die Frauen* attackierte\u201c, sondern \u201ewie die Frauen* Widerstand leisteten\u201c.</p><p>Die Frauen* kamen gest\u00e4rkt aus dem 8. M\u00e4rz und die Legitimit\u00e4t des Regimes erlitt einen weiteren Schlag. Das wollte das Regime nicht auf sich beruhen lassen und versuchte, am n\u00e4chsten Tag die Lage in seinem Sinne darzustellen. Ein Video von protestierenden Frauen* wurde von Pr\u00e4sident Erdo\u011fan genutzt, um den Frauen* vorzuwerfen, sie h\u00e4tten den Gebetsruf ausgepfiffen und ausgebuht. Die Folge war, dass tags darauf ein Mob von mehreren hundert Leuten in der N\u00e4he vom Taksim durch die Stra\u00dfen zog und Frauen* sowie alle \u201epotentiellen Oppositionellen\u201c bedrohte.</p><p>Die Frauen* antworteten darauf mit einer deutlichen Erkl\u00e4rung: Jede*r, der*die schon mal auf der Istikl\u00e2l-Stra\u00dfe war, wei\u00df um die Unm\u00f6glichkeit, den Gebetsruf an dieser Stelle inmitten einer Demo und Polizeiattacken zu h\u00f6ren. Das Pfeifen und die Slogans der Frauen* waren gegen die Polizei gerichtet und nicht gegen den Gebetsruf.</p><p>Es sieht ganz danach aus, als wollte das Regime eine Lynchmentalit\u00e4t gegen die Frauen*bewegung mobilisieren. Das Regime d\u00fcrfte allerdings schnell gemerkt haben, dass ein potentieller Lynchmob au\u00dfer Kontrolle geraten k\u00f6nnte. Und in einer so fragilen Situation wie der heutigen in der T\u00fcrkei, noch dazu knapp vor den Wahlen, h\u00e4tte eine solche Lynchmentalit\u00e4t durchwegs ins Chaos f\u00fchren k\u00f6nnen. Das Kr\u00e4ftegleichgewicht im Staat und innerhalb der herrschenden Klasse ist sehr fragil, genauso wie die gesellschaftlichen Widerspr\u00fcche jederzeit explodieren k\u00f6nnen. In dieser Situation wollte das Regime das Risiko offensichtlich nicht eingehen und ruderte letztendlich schnell wieder zur\u00fcck. Gleichzeitig wurde aber angek\u00fcndigt, juristische Untersuchungen gegen Frauen*, die an der 8. M\u00e4rz-Demo teilnahmen, einzuleiten. Schon als <a href=\"https://revoltmag.org/articles/campushexen-kann-man-nicht-festnehmen/\">Hatice G\u00f6z</a> [feministische Aktivistin, die drei Monate im Gef\u00e4ngnis war; Anm. d. Red.] festgenommen wurde, haben wir darauf hingewiesen, dass dieser Angriff eigentlich ein Angriff auf die gesamte Frauen*bewegung war und dass dies nur der Anfang ist. Jetzt sind wir offensichtlich an dem Punkt angelangt, dass jeglicher feministische Aktivismus als \u201eTerrorismus\u201c gewertet wird.</p><p>Es ist sicher nicht zu viel gesagt, wenn wir festhalten, dass das t\u00fcrkische Regime die St\u00e4rke der Frauen*bewegung zu brechen versucht. Denn es ist n\u00e4mlich genau diese St\u00e4rke, die zu Rissen im herrschenden Block f\u00fchrt. Das zeigt, wie sehr eine starke Frauen*bewegung und gesellschaftliche Opposition das Regime ersch\u00fcttern k\u00f6nnen.</p><p>Erneut haben wir also einen 8. M\u00e4rz erlebt, an dem die stetig st\u00e4rker werdende feministische Bewegung auf der Stra\u00dfe eine neue, freie und gleiche Welt einforderte. Auf der ganzen Welt haben Frauen* teils dieselben, teils divergierende Forderungen lautstark zum Ausdruck gebracht und gezeigt, dass sie nicht aufh\u00f6ren werden zu k\u00e4mpfen, bis sie sie ihre Forderungen durchgesetzt haben.</p><p></p><p><i>Aus dem T\u00fcrkischen \u00fcbersetzt von Max Zirngast.</i></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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M\u00e4rz lautstark ihre gemeinsamen und auch unterschiedlichen Forderungen zum Ausdruck gebracht und gezeigt, dass sie nicht aufh\u00f6ren werden zu k\u00e4mpfen, bis sie ihre Forderungen durchgesetzt haben. Meral \u00c7\u0131nar mit einer Einsch\u00e4tzung zum 8. 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Wir haben uns \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum mit der Kampagne \u00fcber Erfahrungen, Herausforderungen und Perspektiven ausgetauscht, Fragen und \u00dcberlegungen zwischen Europa und Rojava hin- und hergeschickt. Entstanden ist eine sehr umfangreiche Diskussion mit den beteiligten Frauen*, die wir hiermit dokumentieren. Die Reise ist ein Teil der feministischen Kampagne &quot;Gemeinsam K\u00e4mpfen&quot;.</i><br/><br/><b>Als Delegation trefft ihr euch immer wieder mit unterschiedlichen Teilen der Frauenbewegung in Rojava. Welche Strukturen k\u00f6nnen wir uns darunter vorstellen und wie sind sie organisiert?</b><br/><br/><b>Charlotte</b>: Wir konnten auf unserer Delegationsreise unheimlich viel sehen und erfahren. Wir waren neben den Kantonen Heseke, Koban\u00ee und Qamishlo auch in den neu befreiten Gebieten, also Tabqa, Raqqa und Minbic. Dort ist der Aufbauprozess noch ganz frisch und man merkt, mit welcher Begeisterung sich die Frauen dort organisieren. An jedem Ort, an dem wir waren, konnten wir mit Vertreterinnen aus Bildung, Verteidigung, Wirtschaft, Kunst und Kultur und vielem mehr reden. Das hatte eine unglaubliche thematische Vielfalt.<br/><br/><b>Jana</b>: Man kann sich das so vorstellen, dass das komplette Gesellschaftssystem konf\u00f6deral organisiert ist. Es gibt die Kommunen als kleinste Basis. Eine Kommune umfasst in einer Stadt wie Derik etwa 40 \u2013 60 Haushalte. Danach folgen die R\u00e4te, dann die Stadtverwaltungen und die Landkreisebene. In dieser Struktur, sowie in allen gesellschaftlichen Bereichen, gibt es immer eine autonome Frauenorganisierung. Der Dachverband der Frauenorganisierung f\u00fcr Rojava hei\u00dft Kongreya Star. Darunter sind alle Frauen der Region organisiert, aber oft zus\u00e4tzlich in verschiedenen Komitees der gesellschaftlichen Bereiche. Auch wenn eine Frau in gemischten Strukturen arbeitet, ist sie automatisch Teil von Kongreya Star und hat somit immer die Frauenorganisierung im R\u00fccken. In allen Institutionen, Organisationen, R\u00e4ten und Kommunen aber auch gesellschaftlichen Bereichen gibt es immer einen Co-Vorsitz, also jeweils eine Frau und einen Mann.<br/><br/><b>Anna</b>: Es wird versucht, alle Angelegenheiten erstmal in der Kommune zu regeln und da wird ganz viel gesprochen und diskutiert. Als Verantwortliche der Kommune geht man in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden in alle Familien und fragt nach was gerade ansteht, ob es Probleme gibt, was ben\u00f6tigt wird.<br/><br/><b>Isa</b>: Die ganze Art der Politik, die angestrebt wird ist eine andere, als wir sie kennen. Ziel ist immer eine gemeinschaftliche L\u00f6sung zu finden. Werte aus matriarchalen Gesellschaften spielen dabei auch immer eine zentrale Rolle: Also der Ansatz, gemeinschaftliche Werte zu schaffen wie Kommunalit\u00e4t, Diskussion im Konsens, ein f\u00fcrsorgliches und verantwortungsvolles Miteinander und so weiter. Das l\u00e4sst sich dann auch nicht nur durch Personen und Strukturen darstellen. Oft f\u00e4llt es hier auch schwer, durch die unterschiedlichen Strukturen zu blicken. Ich habe hier gemerkt, dass mein Blick da oft auch sehr begrenzt ist. Der Kommunalismus, wie er hier aufgebaut wird, ist auch deswegen ein Gegenpol zu sonstigen Gesellschaftsstrukturen, weil er den Blick mehr in die Zwischenr\u00e4ume der Politik lenkt. Damit meine ich, dass darauf geschaut wird, wie sich soziale Beziehungen ver\u00e4ndern, auf Entscheidungsprozesse und auf das Miteinander. Den Grad der Emanzipation kann man eben gerade nicht immer nur daran festmachen, in wie vielen Positionen Frauen jetzt die Rolle der M\u00e4nner einnehmen, sondern vielmehr daran, in welcher Art und Weise Politik gemacht wird und worin Probleme wahrgenommen werden.<br/><br/><b>Man h\u00f6rt in diesem Kontext auch \u00f6fter den Begriff \u201eJineoloji\u201c. K\u00f6nnt ihr ihn kurz erkl\u00e4ren?</b><br/><br/> <b>Jana</b>: Grob aus dem Kurdischen \u00fcbersetzt meint der Begriff \u201eWissenschaft der Frau\u201c. Sie versucht, aus der Geschichte \u2013 etwa aus der Geschichte der Frauen \u2013 heraus Antworten zu entwickeln, wie eine geschlechterbefreite Gesellschaft aussehen kann. Insgesamt verfolgt die Jineoloji einen ganzheitlichen und gesellschaftlichen Ansatz.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Ich w\u00fcrde gerne nochmal auf den Begriff der Wissenschaft eingehen. Das klingt erstmal so statisch. Aber es ist wichtig zu begreifen, dass es nicht nur Wissenschaft im westlichen Sinne ist, sondern die Wissenschaft des Lebens. Es geht darum, wieder ein Leben aufzubauen das nicht entfremdet ist. Deshalb schauen wir auch in die Geschichte, um zu sehen, dass der Kampf der Frauen immer ein Kampf f\u00fcr ein herrschaftsfreies Leben war. Die Jineoloji bezieht sich dazu viel auf matriarchale Forschung und die zentrale Rolle der Frau. Man kann sagen, dass die Frauenrevolution in Rojava und alles was hier aufgebaut wird, also die Werte und die Form, aus der Jineoloji kommen. Das alles geht Jahrtausende zur\u00fcck. Das Prinzip der Kovorsitzenden zum Beispiel oder auch die Kommunenorganisierung, dazu gab es schon Funde in arch\u00e4ologischen St\u00e4tten. Allgemein geht es nie nur um Wissensansammlung, sondern um die Frage: Was bedeutet das Wissen f\u00fcr unser Leben.<br/><br/><b>Welche konkreten politischen Forderungen oder auch Entwicklungen seht ihr denn vor Ort, von denen ihr sagen w\u00fcrdet: Hier wird das praktisch umgesetzt?</b><br/><br/><b>Isa</b>: Da gibt es viel. Es finden zum Beispiel Oral History-Forschungen statt: Ganz unterschiedliche Frauen der Gesellschaft hier werden zu ihrem Leben befragt, aber auch dazu, was sie sich f\u00fcr die Zukunft w\u00fcnschen, welche Ver\u00e4nderungen passieren sollen und so weiter. Die Jineoloji Zentren sind sowohl ein Ort der Forschung, aber auch ein Anlaufpunkt. So findet beispielsweise in Derik w\u00f6chentlich eine Veranstaltung f\u00fcr Kinder statt, in der Filme oder M\u00e4rchen geguckt werden und im Nachhinein dar\u00fcber diskutiert und ein kritische Perspektive ge\u00fcbt wird. Jineoloji ist mittlerweile auch ein Unterrichtsfach in den Schulen geworden und an der Universit\u00e4t in Qamishlo gibt es eine Jineolojifakult\u00e4t. Das ist schon unglaublich. Frauen k\u00f6nnen dort studieren und \u00fcber die Widerstandsgeschichte der Frauen lernen.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Jinwar, das Frauendorf, d\u00fcrfen wir auch nicht vergessen. Das ist letzlich auch ein Forschungsprojekt der Jineoloji. Es zeigt sehr gut den Punkt, den ich stark machen wollte: das Wissenschaft auch immer mit dem Leben in Verbindung steht und nicht ohne gedacht werden darf. Die Frage, die dabei immer mitschwingt, ist ja: Was macht ein freies Leben aus? Und was zeigt sich in diesem Mikrokosmos in der Gesellschaft, der von Frauen aufgebaut wird? Was kann daraus f\u00fcr die Gesellschaft in ganz Nord- und Ostsyrien gezogen werden?<br/><br/><b>Wo seht ihr denn Schwierigkeiten und Herausforderungen, die es ja auch in emanzipatorischen Projekten wie Rojava gibt?</b><br/><br/> <b>Charlotte</b>: Eine zentrale Herausforderung ist die Kriegssituation. Da geht einfach unheimlich viel an Kraft, materiellen und auch personellen Ressourcen, hinein. Und nat\u00fcrlich ist auch der Aufbauprozess in der Gesellschaft davon gepr\u00e4gt. Eine Frage, die beantwortet werden muss, ist ja, wie man eine langfristige Perspektive bietet. Durch die konstante Bedrohung des Projekts haben die Menschen Angst, dass all die M\u00fchen des Aufbaus umsonst sind oder f\u00fcrchten zum Beispiel, dass die Schulabschl\u00fcsse ihrer Kinder irgendwann nichts wert sind. Manche schicken ihre Kinder deshalb auf Schulen des syrischen Regimes. Die andauernde Bedrohungssituation f\u00fchrt auch zu einer Militarisierung der Gesellschaft insgesamt. Viele Jugendliche tragen Milit\u00e4rkleidung, die Tradition von Milit\u00e4rparaden wird fortgesetzt und so weiter. Das sehe ich kritisch.<br/><br/><b>Isa</b>: Die Frage, wie eine Revolution den Menschen eine langfristige Perspektive bieten kann, die eine Sicherheit gibt, kommt immer wieder auf. Es ist schwer, eine bed\u00fcrfnisbefriedigende Infrastruktur zu gew\u00e4hrleisten trotz Kriegsdrohungen, Wirtschaftsembargo, Nicht-Anerkennung durch verschiedene Staaten und ganz konkret auch Fachkr\u00e4ftemangel. Wir haben einige Menschen mit gesundheitlichen Probleme getroffen, die durch das Embargo hier nicht die ad\u00e4quate Gesundheitsversorgung erhalten k\u00f6nnen, die sie brauchen. Wenn sie es sich leisten k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie dann lange Wege nach Damaskus oder in den Irak in Kauf nehmen, um diese zu behandeln.<br/><br/><b>Sarah</b>: Eine gro\u00dfe Herausforderung ist das Thema \u00d6kologie. Im demokratischen Konf\u00f6deralismus ist \u00d6kologie eine der zentralen S\u00e4ulen und ich habe erst hier den ganz praktischen Aspekt davon verstanden. Wenn man in die Geschichte der Region schaut, ist hier durch die Kolonisierung die nat\u00fcrliche Vegetation v\u00f6llig verschwunden. Unter dem Assad-Regime wurde der Monokulturanbau vorangetrieben \u2013 und nun steht man vor einem Brachfl\u00e4che. In der Umgebung der Stadt Rim\u00ealan zum Beispiel gibt es ein riesiges Erd\u00f6lf\u00f6rderungsgebiet, dass damals vom Regime ausgebaut wurde. Nat\u00fcrlich ist \u00d6l keine \u00f6kologische Ressource, aber man kann auch nicht auf die Einnahmen durch den Verkauf des \u00d6ls verzichten. Es gibt auch Pl\u00e4ne f\u00fcr alternative Energieversorgung, aber momentan kaum Kapazit\u00e4ten daf\u00fcr, sie umzusetzen. Da werden dann die Herausforderungen sichtbar. Zudem braucht es viel Bildung, um ein \u00f6kologisches Bewusstsein unter den Menschen zu schaffen. Zum Beispiel auch bei der M\u00fcllentsorgung. Die ist aber gleichzeitig auch ein Beispiel daf\u00fcr, wie sich die Bev\u00f6lkerung aktiv der Herausforderung stellt: Es gibt in manchen St\u00e4dten einmal im Monat eine gemeinsame M\u00fcllsammelaktion, an der bestenfalls die ganze Bev\u00f6lkerung teil nimmt.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Um einen weiteren Punkt aufzumachen: Ich sehe auch immer die Gefahr einer Verstaatlichung, obgleich es ja eigentlich eine Gegenbewegung dazu sein sollte. In Amude allein, einer Kleinstadt hier, gibt es beispielsweise 35 Institutionen. Um Gas zu bekommen, muss man sich erstmal an vier verschiedene Institutionen wenden. Die Vorsitzende der Stadtverwaltung in Derik erz\u00e4hlt uns, dass die Menschen bei Problemen oft erstmal in die Stadtverwaltung kommen \u2013 und nicht versuchen, es in ihrer Kommune zu l\u00f6sen. Das liegt nat\u00fcrlich auch daran, dass die Menschen Strukturen machen, die sie kennen. Es geht hier auch nicht darum, den Staat von null auf hundert abzuschaffen, aber gleichzeitig auch nicht darum, alles wieder zu b\u00fcrokratisieren.<br/><br/><b>Sarah</b>: Und nat\u00fcrlich ist es ein Problem auf dem Weg zu einer befreiten Gesellschaft, wenn Eigentumsverh\u00e4ltnisse fortbestehen. Der Ansatz hier ist aber eben erstmal Bildungen zu machen und Werte zu vermitteln. Das irgendwann die Einsicht auch da heraus kommt, dass es nicht wichtig ist, dass das Feld oder das Gesch\u00e4ft mir geh\u00f6rt.<br/><br/><b>Jana</b>: Mir ist hier auch bewusstgeworden, wie zentral Bildung ist. Sie ist der Grundstein f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung, die eben nicht durch Zwang passieren kann. Durch Bildungen werden Frauen erm\u00e4chtigt, \u00fcber die eigene Rolle zu reflektieren, in ihnen wird der Bev\u00f6lkerung vermittelt, wie ich mich zu meiner Umwelt in Bezug setze, wie ich mit M\u00fcll umgehe und vieles mehr. Es wird auch viel Wert auf Bildungen f\u00fcr M\u00e4nner gelegt, ihre Position in der Gesellschaft zu hinterfragen.<br/><b><br/>Was seht ihr mit einem feministischen Fokus auf die Anforderungen, die es in Rojava zu stemmen gibt?</b><br/><br/><b>Jana</b>: Ich sehe auf jeden Fall eine Schwierigkeit in der Doppelbelastung der Frauen, die durch die politische Organisierung entsteht. Das ist auf Dauer eine Herausforderung, neben den vielen Treffen noch Haushalt und die Kinder zu managen. Denn das ist leider auch Realit\u00e4t: Rojava ist noch ein junges Projekt und man merkt, wie lange es dauert, bis sich gerade diese Rollenverteilung aufl\u00f6st. Durch die Bildungen wird den Frauen dann erz\u00e4hlt, was f\u00fcr eine zentrale Rolle die Mutter hat und ich sehe die Gefahr, dass das dann falsch gedeutet wird \u2013 also, dass die Mutterschaft verherrlicht und dadurch auf die einzelne Frau abgelegt wird.<br/><br/><b>Anna</b>: Ich verstehe deinen Punkt. Aber das mit der Verherrlichung der Mutter ist zu einfach gesagt. Bei dieser Analyse geht es ja um die Werte, die mit dem Begriff Mutterschaft verbunden sind, und nicht um die Person an sich. Es geht nicht darum, die Super-Mama zu sein oder neben deinem Job noch das Yoga mit Kind zu wuppen. Es geht darum, dass alle in der Gesellschaft die Werte der Mutter annehmen. Also Selbstlosigkeit, Achtsamkeit, Gemeinschaftlichkeit. Eine Mutter liebt alle ihre Kinder gleich und an diesen Werten m\u00fcssen wir uns alle orientieren. Das ist doch die Aussage dahinter.<br/><br/><b>Sarah</b>: Das Problem h\u00e4ngt mit den bestehenden patriarchalen Strukturen zusammen. Es h\u00e4ngt nicht an der Frau, die zu den Treffen muss, sondern an dem Mann, der nicht die gleiche Rolle \u00fcbernimmt. In jeder Familie muss eben eine Revolution passieren und das sind 1000 kleine Revolutionen jeden Tag. Das ist ja auch ein Prozess dahin, die Rolle der Mutter nicht in einem biologischen Sinn zu begreifen.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Das ist ein anderer Ansatz. Er weicht von einem eurozentrischen Blick auf Frauenbefreiung ab. Besonders in der b\u00fcrgerlichen wei\u00dfen Frauenbewegung wollte man ausbrechen aus dem Haus und die Rolle der Mutter ablehnen. Wie Nina Hagen gesagt hat: \u201eIch bin nicht deine Fickmaschine\u201c. Da hat man zum Beispiel auch Teile der schwarzen Frauenbewegung ignoriert, wenn man f\u00fcr \u201ealle Frauen\u201c gesprochen hat. F\u00fcr sie konnte das Haus auch R\u00fcckzug vor der wei\u00dfen Unterdr\u00fcckung bedeuten. In Rojava wird der Ansatz versucht, alle die Werte \u201eder Mutter\u201c in der Gesellschaft wieder auf unser gesamtes Zusammenleben \u00fcbertragen.<br/><br/><b>Anna</b>: All diese Herausforderungen zeigen, dass Revolution ein Prozess ist und Widerspr\u00fcche dazugeh\u00f6ren. Sie sind ja gerade der Ausdruck von Wandel. Wir m\u00fcssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass eine Revolution kommt und dann ist alles super.<br/><br/><b>Sarah</b>: Generell ist die Situation der Frau ein gro\u00dfes Thema in der Gesellschaft. Viele berichten von einer Verbesserung im Vergleich zu Regimezeiten oder nat\u00fcrlich zum Leben unter Daesh. Frauen k\u00f6nnen ohne Probleme das Haus verlassen, sich bilden und in die Schule gehen, sie k\u00f6nnen zentrale Positionen einnehmen und so weiter. Die Fortschritte wurden von den Frauen mit der gr\u00f6\u00dften Anstrengung erk\u00e4mpft, das haben wir immer wieder an ganz unterschiedlichen Orten geh\u00f6rt und miterlebt. Ihre Errungenschaften sind aber in Gefahr, durch die Kriegsdrohungen wieder platt gemacht zu werden. Man merkt das bei den Demonstrationen gegen die Angriffe. Es gibt eine riesige Beteiligung von Frauen, die Stimmung ist zum Teil sehr k\u00e4mpferisch.<br/><br/><b>Welche Auswirkungen die Angriffsdrohungen der T\u00fcrkei auf Rojava bekommt ihr mit?</b><br/><br/><b>Charlotte</b>: Mit den Angriffen auf Afr\u00een gab es einen gro\u00dfen Zusammenhalt der Bev\u00f6lkerung. In ganz Rojava gibt es Kundgebungen, Demonstrationen und Aktionen. Wir haben uns an vielen beteiligt. Es wird derzeit auch versucht, eine fl\u00e4chendeckende Selbstverteidigung der Zivilgesellschaft aufzubauen. Von der Gro\u00dfmutter auf dem Dorf bis zu den Jugendzentren, alle erhalten Trainings in Erste-Hilfe-Ma\u00dfnahmen, Verhalten bei Luftangriffen sowie Ausbildungen an der Waffe, um sich selbst verteidigen zu k\u00f6nnen.<br/><br/> <b>Anna</b>: Krieg, Flucht und Tod sind Themen, die wir bei allen Menschen hier immer wieder h\u00f6ren. Viele haben Angeh\u00f6rige, die im Kampf gegen Daesh oder die T\u00fcrkei gefallen sind. In jeder Stadt gibt es einen Friedhof f\u00fcr die Gefallenen. F\u00fcr viele ist das auch der Grund und die Motivation, warum sie sich organisieren.<br/><br/> <b>Welche Aufgaben k\u00f6nnen internationalistische Frauendelegationen in Rojava \u00fcbernehmen, wie kann man sich denn einen Alltag von euch dort vorstellen?</b><br/><br/><b>Charlotte</b>: Unser Alltag ist schon ein ganz anderer als in Deutschland. Hier machen wir alles zusammen. Wir stehen auf, machen gemeinsam Sport, Essen gemeinsam, verteilen unsere Arbeiten zusammen und schlafen in einem Raum. Damit in diesem engen Zusammenleben keine Konflikte entstehen, setzen wir uns regelm\u00e4\u00dfig zusammen, kritisieren uns selbst und die anderen. Das ist auch eine Methode der kurdischen Bewegung.<br/><br/><b>Jana</b>: Ich war noch nie so lange nur mit Frauen unterwegs. Besonders in einem politischen Kontext. Und bei mir hat das nochmal ein ganz tiefes Vertrauen in meine Genossinnen erwachsen lassen. In unserer Sozialisation lernen wir, nicht die F\u00e4higkeiten und das K\u00f6nnen anderer Frauen zu sehen. Wie sehr dieses Denken trotz jahrelanger feministischer Arbeit in mir drin ist, habe ich erst hier gemerkt. Umso sch\u00f6ner finde ich unser gemeinsames Leben hier. Diese Liebe zu meinen Freundinnen zu entwickeln und zu sehen, wieviel wir voneinander lernen k\u00f6nnen.<br/><br/> <b>Sarah</b>: Abseits von Interviews konnten wir uns auch ganz praktisch die Gesellschaftsarbeit angucken. Wir konnten zum Beispiel an den Familienbesuchen von Kongreya Star teilnehmen oder die Arbeit der Mala Jin mitbekommen, die sich um Probleme der Frauen k\u00fcmmern. Unsere Delegation war nat\u00fcrlich auch von der aktuellen Lage gepr\u00e4gt. Wir nahmen an den Hungerstreiks teil, bei Demos, Konferenzen oder den Aktionen der lebenden Schutzschilder in Serekaniye. Wir haben oft bei Familien geschlafen und haben das Leben dort mitbekommen. Je nachdem, in welcher Stadt und wie die dortige Sicherheitslage war, konnten wir uns auch auf uns selbst gestellt bewegen.<br/><br/><b>Anna</b>: Wir haben gemerkt, dass es ist wichtig ist, dass Frauen hierherkommen. Denn wir kommen hier alle nicht nur als Einzelpersonen hin, wir kommen hierher, um zu lernen und unser Wissen, Informationen und Werte nach Hause zu tragen und sie unseren Freund*innen, Genoss*innen und Familien und generell der \u00d6ffentlichkeit zu erz\u00e4hlen. Unsere Erfahrung war, dass prozentual sehr viel mehr M\u00e4nner herkommen und besonders internationalistische R\u00e4ume dadurch sehr m\u00e4nnerdominiert sind. Allerdings gibt es auch andere R\u00e4ume, wie YPJ International, und dort passiert neben der milit\u00e4rischen Ausbildung sehr viel Pers\u00f6nlichkeitsarbeit. Wichtig sind auch Frauen dort, die in ganz praktischen Dingen ausgebildet sind \u2013 das geht von Ingenieurinnen zu Krankenpflegerinnen zu Elektrikerinnen.</p><p><br/><b>Ihr sprecht \u00d6ffentlichkeitsarbeit an. Wie werden eurer Ansicht nach denn die Entwicklungen in Rojava in der \u201ewestlichen\u201c \u00d6ffentlichkeit wahrgenommen?</b><br/><br/><b>Isa</b>: Das unterscheidet sich zwischen linker bis linksradikaler \u00d6ffentlichkeit und Mainstreammedien. In letzteren kommt das Thema abseits von YPG und neuen Entwicklungen im Kampf gegen Daesh quasi nicht vor. Es gibt kaum eine Berichterstattung dar\u00fcber, dass hier eine Alternative aufgebaut wird und welche Rolle Frauen darin einnehmen. In einer linken \u00d6ffentlichkeit bewegt man sich h\u00e4ufig zwischen Idealisierung und Fetisch \u2013 Paradebeispiel die schwarzhaarige junge Frau mit Kalasch \u2013 oder Abgrenzung. Im Fokus ist auch dort oft nur der milit\u00e4rische Widerstand. In Gespr\u00e4chen oder Anfragen von Journalist*innen haben wir gemerkt, dass gerade im milit\u00e4rischen Bereich das Interesse gro\u00df ist, aber nicht an dem Projekt selbst.<br/><br/><b>Sarah</b>: Ich finde das auch absurd. In linken Medien wird zwar immer wieder \u00fcber die Selbstverwaltung oder das Konzept des demokratischen Konf\u00f6deralismus geredet. Aber das Frauenbefreiung ein zentraler Pfeiler ist, findet wenig Erw\u00e4hnung. Frauen \u00fcbernehmen hier eine Vorreiterinnenschaft, das l\u00e4sst sich nicht anders sagen. Und das sind nat\u00fcrlich die Frauen der YPJ, aber auch die M\u00fctter bei den menschlichen Schutzschildern oder die Frauen bei HPC Jin, den Verteidigungsstrukturen der Kommunen.<br/><br/><b>An welchen Bildern wollt ihr noch etwas ver\u00e4ndern?</b><br/><br/><b>Anna</b>: Das Bild der vermeintlich rein kurdischen Revolution. Die Strukturen hier setzen sich aus allen zusammen, die hier wohnen \u2013 und das sind nicht nur die Kurd*innen. Gerade kursiert in den sozialen Medien etwa das Bild einer kurdischen Frau mit Kalaschnikow und darunter steht \u201esupport the kurds and their allies\u201c. Besonders seit der Befreiung der haupts\u00e4chlich arabisch bewohnten Gebiete sind solche Bilder schlichtweg falsch. Das haben wir auch in unseren Besuchen in Tabqa und Rakka gemerkt. Diese Vorstellung, der Demokratische Konf\u00f6deralismus sei einzig ein \u201eKurdenprojekt\u201c, die stimmt einfach nicht.<br/><br/><b>Jana</b>: Ich m\u00f6chte auch dieser Revolutionsromantik gerne etwas entgegensetzen. Es ist hier nicht perfekt. Aber gleichzeitig w\u00e4re es auch komisch, wenn dem so w\u00e4re. Hier wird mit einer unheimlichen Anstrengung an allen Ecken und Enden etwas aufgebaut. Das hat nat\u00fcrlich Fehler und die geh\u00f6ren dazu.<br/><br/><b>Isa</b>: Da haben wir ja mit Antipropaganda noch gar nicht angefangen. Ich habe schon mehrfach in Artikeln gelesen, dass die Bewegung hier eigentlich total autorit\u00e4r und menschenverachtend sei und die Befreiung der Frau nur als Vorwand n\u00e4hme, um dies zu verschleiern. Das ist wirklich vollkommen haneb\u00fcchen und sexistisch. Es zeichnet wieder ein Bild der Frau, die nicht f\u00fcr sich selbst entscheiden kann.<br/><br/><b>Sarah</b>: Auch die Linke muss auch ihren Blick auf Revolution \u00e4ndern. Viele sagen, das Projekt in Rojava sei keine Revolution, da der erste Schritt hier die Frauenbefreiung und nicht die \u00f6konomische Umverteilung ist. Bei dem Blick auf die Bewertung von Rojava scheint die Unterscheidung in Haupt- und Nebenwiderspruch noch sehr in den Menschen drin zu sein.<br/><br/><b>Was nehmt ihr pers\u00f6nlich aus dem Austausch f\u00fcr eure K\u00e4mpfe in Europa mit?</b><br/><br/><b>Jana</b>: Mir ist die Relevanz einer autonomen Frauenorganisierung nochmal deutlicher geworden. Vor allem, wie das auch im Gro\u00dfen aussehen kann. Im gleichen Zuge merke ich, dass es nicht dabei stehen bleiben kann. Eine feministische Analyse und Erkenntnisse muss sich in einem zweiten Schritt auch auf die Arbeit mit unseren m\u00e4nnlichen Genossen ausweiten. Die Frauen hier behalten immer die gesamtgesellschaftliche Perspektive im Auge. In den Gespr\u00e4chen hier habe ich schon oft die Frage gestellt: \u201eWie schafft ihr das? Ihr musstet so viele K\u00e4mpfe mit euren V\u00e4tern, Br\u00fcdern und Genossen f\u00fchren, wie habt ihr es geschafft, die gemeinsame Perspektive zu behalten und ihnen zu verzeihen?\u201c Und die Antwort war wirklich immer: \u201eEs geht nicht anders. Es w\u00fcrde uns nichts bringen, wenn wir sie einfach zur\u00fccklassen\u201c. Das war in meinen feministischen Zusammenh\u00e4ngen nicht so. Dort war die Antwort oftmals eher: \u201eIch habe schlechte Dinge mit M\u00e4nnern erlebt und jetzt arbeite ich nicht mehr mit ihnen\u201c. Aber was ist dann unsere Perspektive?<br/><br/><b>Anna</b>: Wir waren hier, als der Krieg angek\u00fcndigt wurde und alle dachten, das wird in den n\u00e4chsten Tagen passieren. Was ich da mitnehme ist, dass trotz dessen die Arbeiten weitergehen. Hier war keine Paralyse zu merken. Man hat weitergemacht und sich nicht davon bestimmen lassen. Da kann man auch viel f\u00fcr zuhause lernen. Es kann Kraft geben. Wenn man sich zum Beispiel monatelang in irgendeinem Kaff in Sachsen mit Feuerwehr-Politik gegen Rechts abarbeitet \u2013 und das ist nat\u00fcrlich wichtig und gar nicht anders m\u00f6glich \u2013 w\u00e4hrenddessen nicht Aufbauarbeiten und Perspektiven zu vergessen.<br/><br/><b>Isa</b>: Das hat auch viel mit Hoffnung und Verbindlichkeit zu tun. Damit, auch in schwierigen Zeiten den Mut nicht zu verlieren. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir eine gemeinsame Kraft entwickeln. Hier sterben so viele Menschen und das hinterl\u00e4sst nat\u00fcrlich immer ein Loch \u2013 aber die Angeh\u00f6rigen ziehen daraus auch ihre Kraft, weiter an der Sache zu arbeiten. Denn diese Menschen sind f\u00fcr eine andere, eine befreite Welt gestorben und diesen Kampf wollen sie weitertragen. Das h\u00e4ngt auch mit Verbindlichkeit dem Widerstand gegen\u00fcber zusammen. Je mehr Geschichten und Gespr\u00e4che man h\u00f6rt, desto unwahrscheinlicher wird es zu sagen: \u201eIch habe keinen Bock mehr auf Politik\u201c. Als w\u00e4re das eine Entscheidung. Wir hatten hier ein <a href=\"http://gemeinsamkaempfen.blogsport.eu/2019/03/03/sehid-helin-lives-forever/\">Interview mit einer engen Freundin</a> von Anna Campbell. Das hat mich sehr ber\u00fchrt. Sie hat uns erz\u00e4hlt, dass sie nach ihrem Tod einfach nicht mehr sagen kann, ich ziehe mich jetzt raus oder ich habe keine Lust mehr.<br/><br/><b>Sarah</b>: Dazu geh\u00f6rt auch, eine gemeinsame Perspektive und gemeinsame Werte zu entwickeln. Sich nicht von Konflikten spalten zu lassen, sondern Methoden zur Konfliktl\u00f6sung und zur Zusammenarbeit zu finden. Das h\u00e4ngt zum einen viel mit der Arbeit an sich selbst und andererseits mit der Herangehensweise an Genossenschaftlichkeit (Hevalt\u00ee) zusammen. Damit ist Vorstellung gemeint, gemeinsam in einem revolution\u00e4ren Prozess zu wachsen. Das habe ich auch in meinem Umgang mit M\u00e4nnern gemerkt. Ich k\u00f6nnte nat\u00fcrlich sagen: \u201eSchei\u00df drauf, ich kann den nicht ab\u201c. Aber dann ist da nur ein Mann mehr, der sich nicht \u00e4ndert. Wir m\u00fcssen daran glauben, dass auch Typen sich \u00e4ndern k\u00f6nnen und wollen, dass auch sie wachsen und sich ver\u00e4ndern.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Was ich auch f\u00fcr meine K\u00e4mpfe mitnehme, ist ein ver\u00e4ndertes Konzept von Freiheit. Das mir meine pers\u00f6nliche, individuelle Freiheit nichts bringt, wenn andere nicht frei sind. Zum Beispiel kann ich zwar oberk\u00f6rperfrei im Berghain tanzen gehen, aber dennoch wird zwei H\u00e4user weiter eine Frau von ihrem Mann geschlagen. Wir m\u00fcssen aufh\u00f6ren, nur Schritte f\u00fcr uns zu gehen, und nicht f\u00fcr alle.<br/><br/><b>Wie ist die Kapitalismus- und Patriarchatskritik von Rojava auf europ\u00e4ische L\u00e4nder \u00fcbertragbar, und wo seht ihr Schwierigkeiten?</b><br/><br/><b>Isa</b>: Ein Punkt \u00fcber den ich viel nachdenke, ist die Analyse, dass die Frau die erste Kolonie ist. Ich gehe da zwar mit, aber ich denke, die Auswirkungen auf die politische Praxis in Europa oder westlichen L\u00e4ndern muss eine andere sein. Wir kommen aus L\u00e4ndern, die kolonisiert haben. Das d\u00fcrfen wir nicht vergessen, wenn wir diese Analysen anwenden. Rassismus ist bei uns ein zentraler Unterdr\u00fcckungsmechanismus. Wir k\u00f6nnen also nicht sagen, die Kategorie Frau ist die zentrale Kategorie f\u00fcr eine Organisierung. Damit machen wir nur selbst wieder Haupt- und Nebenwiderspr\u00fcche auf.<br/><br/><b>Charlotte</b>: Wir haben in Europa auch eine andere Grundlage, wenn wir von kommunalem Leben reden. Hier geht es zum Beispiel darum, kommunales Leben zu verteidigen und zu erhalten. In Europa m\u00fcssen wir das wieder ausgraben und aufbauen. Wir befinden uns im Herzen der Bestie und deshalb brauchen wir auch andere Konzepte.<br/><br/><b>Sarah</b>: Ich finde allerdings, dass es auch wichtig ist, die Gemeinsamkeiten zu betonen. Sonst verlieren wir den Blick f\u00fcr das Ganze und konzentrieren uns wieder nur darauf, was uns trennt. Ich finde die Analyse der kurdischen Bewegung dazu sehr hilfreich, also die Begriffe der demokratischen Moderne und der kapitalistischen Moderne. Also zu sehen, dass es nat\u00fcrliche Gesellschaften \u00fcberall gab und diese bek\u00e4mpft wurden. Werte wie Gemeinschaft, der Bezug zur Natur, ein humanistisches Gewissen \u2013 das ist etwas wof\u00fcr wir alle k\u00e4mpfen und wir k\u00f6nnen uns nicht nur Sexismus oder Rassismus herausgreifen und dann nur gegen einen Mechanismus k\u00e4mpfen. Da gilt es auch, den Metropolenchauvinismus zu bek\u00e4mpfen.<br/><br/><b>Isa</b>: Es besteht immer auch die Gefahr, gewisse politische Realit\u00e4ten zu vergessen und auch die eigenen Hintergr\u00fcnde zu vergessen. Das wir dann zum Beispiel dar\u00fcber diskutieren, aber nicht dar\u00fcber, dass wir hier in einer Gruppe aus wei\u00dfen Frauen sitzen.<br/><br/><b>Anna</b>: In Europa und gerade auch Deutschland wurden systematisch matriarchale Gesellschaftsmodelle und Frauen*bilder zerst\u00f6rt. Wir reden viel zu wenig dar\u00fcber, dass wir an dem Ort leben, an dem so viele Frauen als Hexen verbrannt wurden. Da lohnt sich auch wirklich die Lekt\u00fcre von Silvia Federicis <i>Caliban und die Hexe</i>. Damit wurde sich in der zweiten Frauenbewegung unheimlich viel besch\u00e4ftigt und heute beziehen wir uns viel zu wenig darauf.<br/><br/><b>Heute ist internationaler Frauen*kampftag, und in vielen Orten international und in Deutschland finden feministische Streiks statt. Habt ihr eine Botschaft f\u00fcr eure streikenden Genossinnen*?</b><br/><br/><b>Anna</b>: Wir stehen vor vielen Herausforderungen. Wir leben in einer Welt voller Grenzen und Mauern. Manchmal so, dass wir uns nicht erreichen k\u00f6nnen und uns nicht gegenseitig kennen lernen k\u00f6nnen, um Schulter an Schulter dagegen zu k\u00e4mpfen. Eine internationalistische Perspektive \u00fcberschreitet und durchbricht diese Grenzen. Und das bedeutet, die Notwendigkeit zu erkennen, dass wir unsere K\u00e4mpfe miteinander verbinden. Dass wir an jedem Ort an dem wir sind, f\u00fcr wirkliche Freiheit und Gerechtigkeit k\u00e4mpfen und verstehen, welche Rolle wir in diesem Kampf einnehmen k\u00f6nnen.<br/><br/><b>Jana</b>: Ich m\u00f6chte meinen Schwestern \u00fcberall auf der Welt viel Kraft f\u00fcr ihre K\u00e4mpfe schicken und dass dieser Widerstand ein Widerstand ist, den wir seit Jahrhunderten f\u00fchren. Denn: \u201ewir sind die Enkelinnen der Hexen, die sie nicht verbrennen konnten\u201c!<br/></p><hr/><p><i>Die Kampagne \u201eGemeinsam K\u00e4mpfen\u201c entstand aus feministischen und internationalistischen Zusammenh\u00e4ngen in Deutschland. Sie m\u00f6chte globale feministische Perspektiven f\u00fcr basisdemokratische Gesellschaftsformen entwickeln.</i></p><p><i>Link zu Blogbeitr\u00e4gen der Delegation auf der</i> <a href=\"http://gemeinsamkaempfen.blogsport.eu/category/feministische-delegation-rojava/\">Webseite der Kampagne.</a></p><p>Das Artikelbild zeigt eine Demonstration gegen die Afrin-Invasion in Derik am 20.1.2019.<br/><br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Redakteurin Johanna Br\u00f6se im Gespr\u00e4ch mit Jenny und Anthea, die in Berlin im Streik-Komitee aktiv sind. Es geht um die St\u00e4rke des Streik-Begriffs in Theorie und Praxis, um historische Vorbilder und internationale Verb\u00fcndete und um die Frage, wie radikal ein feministischer Streik sein kann \u2013 oder muss.</i></p><p></p><p><b>Hallo ihr beiden! Erz\u00e4hlt doch bitte zuerst einmal: Wie entstand der Zusammenschluss des Frauen*streiks?</b></p><p><b>Anthea:</b> Wir haben uns im Mai das erste Mal in Berlin getroffen. Das war ein sehr offenes Treffen, an dem unterschiedliche Gruppen, Netzwerke, B\u00fcndnisse und Einzelpersonen beteiligt waren. Diesen offenen Charakter wollten wir beibehalten. Das hei\u00dft, wir sind kein klassisches B\u00fcndnis, sondern wollen wirklich offen sein und allen Leuten m\u00f6glichst breite Beteiligung erm\u00f6glichen. Daher sprechen wir auch als Einzelpersonen und nicht als Repr\u00e4sentantinnen f\u00fcr das gesamte Streikkomitee.</p><p><b>Jenny:</b> Seit wir hier in Berlin das offene Treffen machen, kommen immer total viele Frauen* und f\u00fchlen sich von der Idee sehr angesprochen. Wir haben schon in verschiedenen St\u00e4dten Veranstaltungen gemacht, und die Anzahl der Beteiligten steigt immer weiter, neue Gruppen gr\u00fcnden sich. Diese Eigendynamiken nehme ich schon als Zeichen wahr, dass die Leute Lust darauf haben.</p><p><b>Was macht den Frauen*streik besonders?</b></p><p><b>Anthea:</b> Ein Streik ist ja sowieso <i>der</i> klassische Kampf im Arbeitsbereich \u2013 aber der Frauen*streik erweitert diesen Bezug noch. Er macht eine feministische Perspektive darin auf: Es wird nicht mehr nur Lohnarbeit einbezogen, sondern eben auch Sorge- und Care-Arbeit. Es geht damit um generelle Arbeitsverh\u00e4ltnisse, nicht nur um Lohnarbeitsverh\u00e4ltnisse. Und dadurch geht es auch nicht nur um den klassischen Tarifstreik, sondern um eine erweiterte Form des Streikbegriffs. Es geht also nicht nur darum, f\u00fcr bessere L\u00f6hne oder bessere Arbeitsverh\u00e4ltnisse in der Lohnarbeit zu k\u00e4mpfen, sondern gleichzeitig f\u00fcr bessere Bedingungen in der Care- und Pflegearbeit, in der Kinderbetreuung, im Haushalt und so weiter. Der Streik richtet das Augenmerk auf die geschlechtliche Arbeitsteilung in ganz vielen Bereichen, auf unsichtbare oder unbezahlte Arbeit, die in der Gesellschaft viel h\u00e4ufiger von Frauen* geleistet wird. Damit geht es konkret um gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse, auch um Sexismus, sexualisierte Gewalt und so weiter. Die St\u00e4rke eines feministischen Frauen*streiks mit diesem Grundsatz ist, dass er das alles miteinbeziehen kann und dabei \u2013 trotzdem und gerade deswegen! \u2013 vor allem ein Arbeitskampf ist. Weil es alles Arbeit ist. Und das wird durch den Streikbegriff deutlich. Das ist wirklich stark. Ich freue mich sehr dar\u00fcber, wie viel da gemeinsam bearbeitet wird, und wie viele feministische Kontexte unter diesem Regenschirm des Frauen*streiks zusammenkommen k\u00f6nnen.</p><p><b>Jenny:</b> Der Frauen*streik ist letztlich ein politischer Streik. Es geht uns um ein anderes Verst\u00e4ndnis von Streik und Arbeit. Wir wollen nicht nur einen altbekannten Arbeitskampf am Arbeitsplatz f\u00fchren. Sondern wir wollen <i>alle</i> Arbeit bestreiken, das hei\u00dft Pflegearbeit, Hausarbeit, Reproduktionsarbeit, emotionale Arbeit, die unsichtbar gemacht wird und so weiter. Wir wollen damit auch in die \u00f6ffentliche Debatte eingreifen und deutlich machen, was f\u00fcr Arbeit wir jeden Tag leisten. Und ich w\u00fcrde noch hinzuf\u00fcgen, dass das Besondere die Praxisform ist. Dass wir deutlich sagen &quot;Wir streiken!&quot;, das finde ich ansprechender und ausdrucksst\u00e4rker als die Demonstrationen, die in den letzten Jahren um den Frauen*kampftag um den 8. M\u00e4rz herum stattgefunden haben. Diese waren wichtig, aber wir haben beschlossen: Wir wollen nicht mehr nur demonstrieren, sondern wir streiken, weil es uns reicht. F\u00fcr mich zeigt der Begriff und die Praxis des Streiks, dass Frauen* von ihrer Stellung in der Gesellschaft her Macht haben, und dass wir diese auch nutzen sollten. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir uns nur zusammenschlie\u00dfen.</p><p><b>Ihr hebt also die politische Komponente des Streiks und die St\u00e4rke des Begriffs hervor. Jetzt ist ja der Frauen*streik an sich kein ganz neues Ph\u00e4nomen. K\u00f6nnt ihr erz\u00e4hlen, woher die Frauenstreikidee kommt und ob ihr euch auf andere feministische K\u00e4mpfe bezieht?</b></p><p><b>Jenny:</b> Auf jeden Fall. Die Erfolge der feministischen Streiks in Argentinien, in Polen, in den USA und in Spanien in den letzten Jahren haben definitiv Mut gemacht. Man sp\u00fcrte o den enormen R\u00fcckhalt f\u00fcr die streikenden Frauen* aus der Gesellschaft heraus, das war sehr inspirierend. Wenn wir auf die eigene Geschichte in Deutschland schauen, finde ich auch den Frauen*streik, den es hier 1994 gab, sehr zentral. Der Blick auf die Erfahrungen von damals, auf diesen fast vergessenen Streik, ist aus vielen Gr\u00fcnden wichtig, vor allem aber aufgrund der rechtlichen Voraussetzungen von Streiks. Streikbedingungen sind n\u00e4mlich \u00fcberall unterschiedlich, und in Deutschland ist der politische Streik als solcher zum Beispiel verboten. Daher ist der Streik in Deutschland 1994 ein wichtiger Ankn\u00fcpfungspunkt, weil er mit der \u00e4hnlichen rechtlichen Struktur ausgefochten wurde. Da anzukn\u00fcpfen, mit den Streik-Aktivist*innen von damals zu sprechen und von ihren Erfahrungen zu lernen und sie mitzunehmen, das ist total wichtig.</p><p><b>Anthea:</b> Ich w\u00fcrde den Streik in Spanien hervorheben. Er ist zwar nicht wirklich eine historische Bezugnahme, aber nur deshalb, weil er immer noch anh\u00e4lt. Er hat starken Einfluss weltweit hinterlassen und f\u00fcr gro\u00dfe Motivation gesorgt. Man muss sich das einmal vorstellen: In diesem Jahr sind in Spanien am Frauen*kampftag f\u00fcnf Millionen Frauen* auf die Stra\u00dfe gegangen und haben einen unglaublich breiten Protest veranstaltet. Dieser hat sozusagen die Kraft deutlich gemacht, die Frauen* haben. Es gab in den letzten Jahren schon \u00f6fter die Versuche, auch in Deutschland einen Frauenstreik wieder aufleben zu lassen. Man kann jetzt ein bisschen spekulieren, warum es bei diesen Versuchen noch nicht so geklappt hat, aber ich glaube, ein wichtiger Grund, warum das jetzt mit so viel Kraft passiert, ist, weil die Frauen* merken, dass \u00fcberall sonst auch viel passiert. Es sind lauter einzelne feministische Bewegungen, die dabei sind, eine feministische Internationale zu bilden.</p><p><b>Zwar haben in den letzten Jahren Streiks im Sorge-Bereich, in Kitas, Krankenh\u00e4usern und so weiter zugenommen, aber eine verbindende, feministische Perspektive hat es in dieser Form noch nicht gegeben. Woran macht ihr fest, dass sich daran nun etwas \u00e4ndert? Wie l\u00e4uft der Frauen*streik an \u2013 und gibt es darin auch Dynamiken, von denen ihr selbst \u00fcberrascht seid?</b></p><p><b>Jenny:</b> Es gibt Signale, auf die wir total gehofft haben: Wenn wir von der Idee des Frauenstreiks erz\u00e4hlen, f\u00fchlen sich sehr viele Menschen sofort angesprochen. Wir haben schon in verschiedenen St\u00e4dten Veranstaltungen gemacht, und die Anzahl der Beteiligten steigt immer weiter. Auch wenn wir hier in Berlin offene Treffen (bei Interesse einfach auf der Seite des Frauen*streiks informieren, Anm. Red.) machen, kommen immer sehr viele Frauen*. Es entwickeln sich dabei auch Eigendynamiken, verschiedene Arbeitsgruppen entstehen und so weiter. Das nehme ich schon als Zeichen, dass die Idee auf fruchtbaren Boden f\u00e4llt.</p><p><b>Anthea</b>: Manchmal \u00fcberrascht es uns aber dennoch, wie rasant sich die Idee verbreitet. In verschiedenen St\u00e4dten und Regionen haben sich nun Gruppen gegr\u00fcndet: in NRW, Leipzig, Hamburg, Dresden, Augsburg, Freiburg, Jena, M\u00fcnchen und so weiter. Es ist sch\u00f6n zu sehen, wie der Ansatz Erfolg hat, dass die Frauen* in all den unterschiedlichen St\u00e4dten dezentrale Strukturen aufbauen, sich vernetzen und eigene Ideen f\u00fcr die Streikpraxis einbringen. Man kann uns als Streik-Komitee auch in St\u00e4dte oder Regionen einladen, wenn es dort Frauen* gibt, die sich organisieren wollen.</p><p><b>Jenny</b>: Und nun steht unser erstes bundesweites Treffen vor der T\u00fcr. Es wird am 10. und 11. November in G\u00f6ttingen stattfinden und der Ort sein, an dem das erste Mal Menschen aus den verschiedenen Streik-Komitees und Netzwerken zusammentreffen. Und in Berlin ist die n\u00e4chste Aktion am 25. November die Demo zum internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen*. Es wird unter anderem vom International Women Space organisiert, und wir werden die Demonstration soweit wir k\u00f6nnen unterst\u00fctzen.</p><p><b>Lassen sich die unterschiedlichen Formen von selbstorganisierten oder wilderen Streiks, von Widerst\u00e4ndigkeit am Arbeitsplatz, in den letzten Jahren auch als Wegbereiter f\u00fcr euren Streik lesen? Beziehungsweise, inwiefern haben die verschiedenen K\u00e4mpfe von Marginalisierten und Prekarisierten in Deutschland einen spezifischen Platz im Frauen*streik?</b></p><p><b>Anthea</b>: Die Zunahme an Streikformen von Prekarisierten abseits der klassischen Lohnarbeit kommt definitiv dem Frauen*streik zugute. Wir lernen aus den Erfahrungen, vieles flie\u00dft auch in unsere Planungen ein. Vor allem auch, weil es in einem solchen Frauen*streik, der ja ein politischer Streik ist, kreative Formen braucht, um zu streiken. Arbeitsniederlegungen in der klassischen Form sind ja teilweise nicht oder nur sehr eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich, vor allem in den stark prekarisierten Berufen. Es ist wichtig Streikformen zu finden, die es erm\u00f6glichen mit zu streiken ohne den Arbeitsplatz zu gef\u00e4hrden! Da kann man auf jeden Fall sehr viel aus den vergangenen K\u00e4mpfen ziehen, sei es von den kraftvollen Streiks migrantisierter Menschen, von Bummelstreiks oder den \u201eDienst nach Vorschrift\u201c -Widerst\u00e4nden im Pflegebereich. Von solchen K\u00e4mpfen profitiert der Frauen*streik total, weil wir diese St\u00e4rke brauchen und auch selbst hervorbringen wollen. Mit unserem Streik setzen wir direkt an den Ausbeutungsverh\u00e4ltnissen an, und das haben uns zum Beispiel die genannten Streiks gelehrt.</p><p><b>In anderen L\u00e4ndern, etwa in der T\u00fcrkei oder in Brasilien, kann beobachtet werden, dass feministische Strukturen die st\u00e4rkste Gegenwehr gegen zunehmende autorit\u00e4re Staatsbestrebungen sind. Auch in Deutschland wird das aktuell zum Thema: Feminismus als Bollwerk gegen rechts muss neu gest\u00e4rkt werden. Wie seht ihr das?</b></p><p><b>Anthea</b>: Man muss zun\u00e4chst einmal sehen, dass der Antifeminismus einer der zentralen Verkn\u00fcpfungspunkte zwischen all den unterschiedlichen Akteuren der rechten und neurechten Bewegungen ist. Das erh\u00f6ht nur noch die Notwendigkeit, aus einer feministischen Offensive heraus stark gegen rechts aufzutreten. Eine St\u00e4rke beim Frauen*streik \u2013 oder generell an den feministischen Bewegungen, die sich derzeit weltweit aufgestellt haben \u2013 ist, dass er erm\u00f6glicht, aus der klassischen Defensiv-Politik herauszukommen. Auch in Deutschland sind die Elemente des Frauen*streiks f\u00fcr mich das erste Mal seit l\u00e4ngerem Ausdruck einer offensiven Politikpraxis. Das macht ihn sehr stark: Er weist nach vorne, k\u00e4mpft st\u00e4rker <i>f\u00fcr</i> etwas, nicht immer nur dagegen. In dieser Offensive liegt auch eine Strategie gegen rechts.</p><p><b>Jenny</b>: Unser Konzept beruht ja unter anderem darauf, dass wir den Streik als Praxisform begreifen. Wir gehen davon aus, dass man, um eine erfolgreiche linke Politik machen zu k\u00f6nnen, feministische K\u00e4mpfe als das sehen muss, was sie derzeit sind: Die erfolgreichsten K\u00e4mpfe. Es ist deutlich, dass wir klare feministische Forderungen in Bezug auf die Geschlechterfrage, auf Patriarchat und Kapitalismus weiter an zentraler Stelle positionieren m\u00fcssen. Damit wenden wir uns unmittelbar gegen rechts.</p><p><b>Eine &quot;Neue Klassenpolitik&quot; gilt derzeit f\u00fcr viele Linke als eine Hoffnungstr\u00e4gerin. Im Kern sind damit gemeinsame solidarische Praxen in ganz unterschiedlichen Feldern gemeint, die daran ansetzen, die entlang vielf\u00e4ltiger geschlechtlicher und ethnischer Linien aufgespaltene Arbeiter*innenklasse zu einen. Ist der Frauen*streik so eine Art praktischer Ausdruck eines Bem\u00fchens um Neue Klassenpolitik?</b></p><p><b>Jenny</b>: Ja, voll. Die ganze Debatte um Identit\u00e4tspolitik versus Klassenpolitik wird im Frauen*streik produktiv bearbeitet und in der politischen Praxis ausgehandelt. Wir machen nicht nur eine abstrakte Herrschaftskritik, sondern fokussieren \u2013 wie Anthea vorhin schon sagte \u2013 auf die grundlegenden Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse, unter denen wir leiden. Der Frauen*streik ist damit nicht das Ultimative, was kommt, sondern ein Mittel zum Zweck f\u00fcr gesellschaftliche Ver\u00e4nderung.</p><p><b>Anthea</b>: Volle Zustimmung.</p><p><b>Gibt es Bereiche, wo ihr auf Widerstand sto\u00dft, oder ihr merkt: Oha, darauf m\u00fcssen wir weiterhin gut aufpassen? Praktisch oder in den Diskussionen?</b></p><p><b>Anthea:</b> Ein Punkt, der auf jeden Fall l\u00e4ngerfristige Arbeit erfordert, ist der betriebliche Streik als Teil des Frauen*streiks. Wir k\u00f6nnen vielleicht jetzt noch nicht davon ausgehen, dass der Streik im kommenden Jahr schon total gro\u00df wird. Es handelt sich ja um einen politischen Streik, der gewerkschaftlich wenig R\u00fcckhalt hat. Rechtlich ist es eine Grauzone: Man kann nicht zu einem politischen Streik aufrufen, an dem sich etwa die Gewerkschaften offen beteiligen k\u00f6nnen. Sie k\u00f6nnen das einfach qua ihrer eigenen begrenzten rechtlichen Handhabe nicht. Das hei\u00dft f\u00fcr uns vor allem, dass wir eine weitere Aufgabe haben: den politischen Streik als solchen wieder zu legitimieren. Derzeit ist also der Streik in Betrieben noch eine sehr gro\u00dfe Baustelle, an der wir noch viel arbeiten m\u00fcssen. Unter anderem bedeutet das, sich die Frage zu stellen, wie man mit Gewerkschaften zusammenarbeiten kann.</p><p><b>Jenny</b>: Im Komitee selbst gibt es Menschen, die in Gewerkschaften sind, und auch generell viele Menschen in den Gewerkschaften, die die Idee total gut finden. Der Frauen*streik schlie\u00dft ja auch an die Streiks an, die von Gewerkschaftsseite in den letzten Jahren unterst\u00fctzt oder initiiert wurden.</p><p><b>Anthea:</b> Es ist auf jeden Fall eine langfristigere Vernetzungs-und Solidarit\u00e4tsarbeit n\u00f6tig. Aber das ist ok, weil wir wollen ja nicht nur 2019 streiken, sondern es geht ja auch um langfristige Perspektiven. Wir wollen den Frauen*streik langfristig aufbauen, und immer gr\u00f6\u00dfer werden.</p><p><b>Jenny:</b> Genau. Wir sammeln weiterhin kreative Ideen, wie man auch in dieser Lage streiken kann, ohne den Job der Einzelpersonen zu gef\u00e4hrden. Das ist ein langfristiger Prozess, bei dem uns noch ein paar Steine im Weg liegen.</p><p><b>Alex Wischnewski und Kerstin Wolter, die ebenfalls Teil des Streik-Komitees sind, haben den Streik in einem</b> <a href=\"https://www.neues-deutschland.de/artikel/1086551.feministischer-streik-zeit-fuer-die-naechste-eskalationsstufe.html\"><b>Artikel</b></a><b> &quot;die n\u00e4chste Eskalationsstufe&quot; genannt. Es liegt nahe, bei euch nachzufragen: Wie radikal ist der Frauen*Streik?</b></p><p><b>Anthea:</b> Ich finde, dass der Aspekt der Radikalit\u00e4t sehr zentral ist. Wir haben viel Potenzial. So divers unser Komitee und unsere Diskussionen auch sind, gibt es wenig Kontroversen in der Einsch\u00e4tzung von kapitalistischer Ausbeutung im Arbeitsbereich und in der sozialen Reproduktion, die vor allem durch Frauen* geleistet wird. Diesen Mechanismus aufzubrechen, der die kapitalistische Maschine am Laufen h\u00e4lt, dagegen zu k\u00e4mpfen und dar\u00fcber hinauszuweisen, dar\u00fcber sind wir uns einig. Gleicherma\u00dfen die Verbindung von Kapitalismus und Patriarchat und die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse, die sie reproduzieren: Dagegen k\u00e4mpfen wir.</p><p><b>Jetzt habt ihr vorhin schon das anstehende Vernetzungstreffen in G\u00f6ttingen genannt. Dass wir unsere Leser*innen dazu auffordern, dort hinzufahren: Eh klar, aber k\u00f6nnt ihr dazu noch etwas mehr sagen? Und wie kann man den Frauen*streik weiterhin unterst\u00fctzen?</b></p><p><b>Anthea</b>: In G\u00f6ttingen geht es vor allem darum, uns gegenseitig kennenzulernen und zu vernetzen. Wir wollen sehen, wie in den verschiedenen St\u00e4dten und Netzwerken gearbeitet wird, welche Aktionen die Streikkomitees planen und was unsere gemeinsame Arbeitsform sein k\u00f6nnte. Wir wollen an einem bundesweiten Aufruf arbeiten, um gemeinsam aufzutreten und zu zeigen: Darum machen wir den Frauen*streik! Und nicht zuletzt wollen wir auch schon aktiv in die Vorbereitung einsteigen, Verabredungen treffen und kreativ werden. Das Treffen ist offen f\u00fcr alle, auch f\u00fcr interessierte Einzelpersonen. In den St\u00e4dten, in denen es bereits Netzwerke gibt, kann man super in die AG-Strukturen einsteigen, aber es ist auch total cool und wichtig, einfach vor Ort \u2013 am Arbeitsplatz, im Wohnumfeld und so weiter \u2013 mit Leuten zu sprechen und in den Austausch zu starten. Ob man gemeinsam am 8. M\u00e4rz einen Betriebsrat einberufen will oder man mit anderen Frauen* gemeinsam andere Aktionsformen findet: Es geht darum, das Thema im Umfeld stark zu machen.</p><p><b>Jenny</b>: Der Kongress in G\u00f6ttingen ist offen f\u00fcr FLTI*-Personen (Frauen*, Lesben, Trans, Inter, Anm. Redaktion). Aber f\u00fcr cis-M\u00e4nner (Begriff f\u00fcr m\u00e4nnlich sozialisierte, heterosexuelle Menschen, Anm. Redaktion), gibt es bereits Vernetzungsstrukturen solidarischer M\u00e4nner*, welche die Kinderbetreuung unterst\u00fctzen wollen. Es k\u00f6nnen gerne noch mehr werden.</p><hr/><p>Auf der Webseite des Frauen*streiks gibt es Informationen zu anstehenden Veranstaltungen, Flyer und Materialien, Links zu weiteren interessanten feministischen Gruppen weltweit und vieles mehr: <a href=\"http://frauenstreik.org\">frauenstreik.org</a></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Ein Gespr\u00e4ch mit zwei Aktivistinnen."}, {"title": "Empowerment und Klassenkampf: Gegen den Rassismus des Kapitals", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Empowerment und Klassenkampf: Gegen den Rassismus des&nbsp;Kapitals</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Streikende bei Pierburg Neuss (1973)\" height=\"400\" src=\"/media/images/neuss.f69bf98e.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"801\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Filmausschnitte: &quot;Pierburg - Ihr Kampf ist unser Kampf&quot; (1973)</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Neuss am Rhein, Sommer 1973: Vor den Fabriktoren des\nAutomobilzulieferers Pierburg versammeln sich tausende Menschen, ein Gro\u00dfteil\nvon ihnen sind migrantische Frauen. Gro\u00dfe Plakate werden aufgeh\u00e4ngt und Banner\nbemalt, durch Megaphone werden die Forderungen der Streikenden verlesen. \u201eMehr\nGeld! Mehr Geld!\u201c-Sprechch\u00f6re unterstreichen die Reden der Arbeiter*innen.\nTagelang sind die Maschinen im Betrieb kaum mehr zu h\u00f6ren, <a href=\"https://de.labournet.tv/video/6489/pierburg-ihr-kampf-ist-unser-kampf\">die\nRufe vor der Fabrik</a> daf\u00fcr umso mehr: \u201eEine Mark mehr!\u201c\nDer Polizeidirektor von Neuss spricht von \u201ewilder Revolution\u201c und l\u00e4sst seine\nTruppen auf die Streikenden los. Aber immer weitere Arbeiter*innen\nschlie\u00dfen sich an, um die Streikenden bei ihrem Kampf gegen die autorit\u00e4ren\nVorgesetzten, f\u00fcr gleiche L\u00f6hne und ein Ende der unterschiedlichen Bezahlung\nvon M\u00e4nnern und Frauen sowie deutschen und internationalen Arbeiter*innen zu\nunterst\u00fctzen. </p>\n\n<p>Arbeitsstreiks wie bei Pierburg, den Ford-Werken in\nK\u00f6ln-Niehl, bei Opel in Bochum oder Hella in Lippstadt im selben Jahr richteten\nsich gegen soziale Ungerechtigkeit, wie etwa Ausgrenzung aus Arbeits- oder\nWohnverh\u00e4ltnissen. Ihnen folgten zahllose weitere K\u00e4mpfe von migrantischen\nArbeiter*innen in Deutschland, Europa und weltweit. Die Streikenden stellen\nsich gegen rassistische Ausformungen kapitalistischer (Re-)Produktion, gegen\nEthnisierung als Instrument zur Segmentierung des Arbeitsmarkts und das\nGegeneinander-Ausspielen der Lohnabh\u00e4ngigen. Die K\u00e4mpfe sind damit explizit\n\u201eantirassistisch\u201c, auch wenn sie sich nicht so bezeichnen. Sie stellen die\nFrage nach Ausbeutungs- und Herrschaftsverh\u00e4ltnissen und machen deutlich, dass\nihre Position in den Produktionsverh\u00e4ltnissen von zahlreichen Faktoren abh\u00e4ngig\nist, die nur gemeinsam bek\u00e4mpft werden k\u00f6nnen. Der R\u00fcckgriff auf die Praxis und\nErfahrung aus diesen K\u00e4mpfen findet gegenw\u00e4rtig allerdings nur sehr bedingt\nstatt.\u00a0 Umso wichtiger, sich diesen\nProtestformen von Migrant*innen in der BRD bewusstzuwerden, sich in ihre\nTradition zu stellen und aus ihren Erfahrungen zu lernen. Ans\u00e4tze dieser\n(Wieder-)Aneignung, die in den letzten Jahren auch in Deutschland st\u00e4rkere\nAufmerksamkeit erhielten, werden unter dem Begriff des \u201eEmpowerment\u201c\nzusammengefasst. Empowerment meint, vereinfachend gesprochen,\nSelbsterm\u00e4chtigung und Widerst\u00e4ndigkeit von Menschen, die von struktureller\nUnterdr\u00fcckung (rassistischer, geschlechtsbezogener, \u00f6konomischer und vieles\nmehr) und Ausgrenzung betroffen sind. Besonders im Kontext von (post)kolonialen\nund antirassistischen K\u00e4mpfen hat es erfolgreiche Empowerment-Strategien von\nBetroffenen zu allen Zeiten gegeben, durchaus auch militant. Viele davon wurden\nverschwiegen oder \u00fcber die Zeit vergessen. Im Folgenden soll die Geschichte\nantirassistischen Empowerments im Kontext von Arbeitsstreiks zu einer Diskussion\nvon aktualisierten Klassenpolitiken beitragen.</p>\n\n<h2><b>Empowerment to the People!</b><b></b></h2>\n\n<p>Das Konzept des Empowerments als politische Praxis stammt\nvor allem vom nord- und s\u00fcdamerikanischen Kontinent. Ab Mitte des 20.\nJahrhunderts wurde es zur Erm\u00e4chtigung von armen und unterdr\u00fcckten\nBev\u00f6lkerungsgruppen wie B\u00e4uer*innen und Favela-Bewohner*innen im\npost-kolonialen Lateinamerika entwickelt. Es hat ebenso seine Wurzeln in der\nschwarzen B\u00fcrgerrechts- und der feministischen Bewegung in den USA. Empowerment\nals politische Praxis von People of Color (PoC) im Kampf gegen Rassismus\nverbreitete sich sp\u00e4ter weiter in Deutschland und wird heute in verschiedener\nWeise interpretiert und angewandt.</p>\n\n<p>Wesentlich f\u00fcr Empowerment ist der Prozess, in dem\nMenschen, die (oftmals auch in mehrfacher Hinsicht) unterdr\u00fcckt werden, die\nihnen aufgezwungene Rolle des Opfers verlassen und eine aktive Rolle im Kampf\ngegen die jeweilige Unterdr\u00fcckungsform einnehmen. Ausgangspunkt daf\u00fcr sind\nverschiedene Erkenntnisse: 1.) Die Betroffenen haben durch ihre Erfahrung\nsowohl Wissen dar\u00fcber, wo das System wie unterdr\u00fcckt und auch welche Formen von\nGegenstrategien und Organisierung \u00fcberhaupt m\u00f6glich sind. 2.) Erst ein Bruch\nder Unterdr\u00fcckten mit der Position, welche ihnen durch das herrschende und\nunterdr\u00fcckende System zugewiesen wird, stellt eben genau jenes als Ganzes in\nFrage, 3.) Die Unterdr\u00fcckten k\u00f6nnen f\u00fcr eine grundlegende Ver\u00e4nderung der\nSituation nicht allein auf den guten Willen derer vertrauen, die von dieser\nUnterdr\u00fcckung nicht betroffen sind oder gar von ihr profitieren. Ein Kampf\ngegen das rassistische System findet also erst statt, wenn People of Color sich\ngegen die Rolle auflehnen, die sie in diesem System spielen sollen.</p>\n\n<p>Praktisch muss sich Empowerment im Kampf gegen Rassismus an\nder Analyse seiner Struktur ansetzen. Rassismus ist eine Herrschaftsstruktur,\ndie sich durch die Gesellschaft zieht und auch in ihren machtvollen\nInstitutionen, bis hin zu der Verfasstheit des Nationalstaats, struktureller\nBestandteil ist. Rassismus wird aber auch im allt\u00e4glichen Leben sichtbar: In\nInteraktionen zwischen Menschen ist er tief in Worten, Blicken und Praxen\neingeschrieben; gef\u00fcttert wird er mit Vorurteilen und Stereotypisierungen.\nDiese Doppelstruktur wird nat\u00fcrlich nicht als parallel zu einander, sondern als\nvermittelt gedacht, in der sich beide \u201eAchsen\u201c gegenseitig bedingen. Sie ist\nauch dem Empowerment-Ansatz immanent: Er soll Alltagsstrategien und\nindividuelle Selbsterm\u00e4chtigung einerseits und Ver\u00e4nderung\ngesamtgesellschaftlicher Strukturen anderseits erm\u00f6glichen. [1] Die\nSelbsterm\u00e4chtigung der Unterdr\u00fcckten Individuen erm\u00f6glicht kollektive Prozesse\nund Organisierung, durch die rassistische Strukturen angegriffen werden k\u00f6nnen.\n</p>\n\n<p>Der Empowerment-Prozess wird im Wesentlichen dadurch\nangesto\u00dfen, dass People of Color sich \u00fcber ihre Erfahrungen austauschen und\ngemeinsam eine Sprache finden, ihre Bed\u00fcrfnisse, kollektiven Interessen und\nauch \u00c4ngste zu artikulieren. Als Ort f\u00fcr diesen Austausch sind gesch\u00fctzte R\u00e4ume\nrelevant, in denen Menschen zusammen kommen, die von Rassismus betroffen sind.\nSie schaffen erst die Voraussetzungen, eigene Erfahrung zu thematisieren, ohne\ndass diese infrage gestellt oder relativiert werden. Zu Empowerment auf der\nindividuellen Ebene gibt es gl\u00fccklicherweise immer mehr Workshops, Gruppen und\ninhaltliche Auseinandersetzungen. Wie\nallerdings ein Empowerment-Konzept aussehen kann, welches diese wichtige Arbeit\nleistet <i>und</i> gleichzeitig K\u00e4mpfe erm\u00f6glicht, die Rassismus auf seiner\nstrukturellen und systematischen Ebene angreifen (und sich nicht einzig auf\nGegenstrategien auf rassistische Interaktionen fokussiert), das gilt es immer\nweiter auszuarbeiten. Welche Lehren sind aus den antirassistischen\nmigrantischen K\u00e4mpfen der Vergangenheit zu ziehen?</p>\n\n<h2><b>Der \"Gast\"arbeiter*innen-Streik bei\nPierburg</b></h2>\n\n<p>Ans\u00e4tze hierf\u00fcr bietet der eingangs erw\u00e4hnte Streik bei\nPierburg in Neuss, der von migrantischen Arbeiter*innen initiiert und angef\u00fchrt\nwurde. Der Streik ist auch f\u00fcr feministische Arbeitsk\u00e4mpfe ein zentraler\nBezugspunkt, er wird aber an dieser Stelle vor allem aus einer\nanti-rassistischen Perspektive beleuchtet werden. Was war los im Jahr 1973?</p>\n\n<p>\u201eAlle R\u00e4der stehen still\u2026\u201c In der Autoteilefabrik Pierburg\nbesteht der Gro\u00dfteil der Besch\u00e4ftigten zu dieser Zeit aus sogenannten\nGastarbeiter*innen, darunter rund 2500 Arbeiterinnen aus unterschiedlichen\nL\u00e4ndern. Es sind die Frauen, welche die anstrengendsten Arbeiten zu verrichten\nhaben. Gleichzeitig stellen sie die unterste Lohngruppe dar. Die Frauen werden\nau\u00dferdem von den \u2013 ausschlie\u00dflich m\u00e4nnlichen \u2013 Aufsehern auf sexistische und\nrassistische Weise erniedrigt. Immer wieder kommt es zu kleineren Streiks der\nmigrantischen Arbeiter*innen im Werk, die Umsetzung von Teilforderungen dient\ndazu, die Protestierenden kurzfristig zu befrieden. Im August 1973 beginnen einige\nder Arbeiter*innen Flugbl\u00e4tter vor dem Werk zu verteilen. Auf ihnen stehen\nForderungen, welche insbesondere den migrantischen Frauen zugutekommen sollen:\nDie Abschaffung der bereits erw\u00e4hnten untersten Lohngruppe, aber auch\nLohnerh\u00f6hungen und Fahrtgeldzusch\u00fcsse f\u00fcr die gesamte Belegschaft, sowie freie\nTage f\u00fcr Arztbesuche oder f\u00fcr \u201eHausfrauent\u00e4tigkeiten\u201c, um die Doppelbelastung\nder Frauen durch Produktion und Hausarbeit zu vermindern. Von Beginn an\nversucht die Gesch\u00e4ftsleitung, den Streik durch polizeiliche Gewalt zu brechen.\nEs gibt Verletzte und Verhaftungen. Doch die Frauen lassen sich nicht\neinsch\u00fcchtern. Und sie stehen nicht alleine: Der rabiate Polizeieinsatz ruft\ndie Solidarit\u00e4t der anderen Arbeiter*innen und auch der Stadtbev\u00f6lkerung\nhervor. Schlie\u00dflich schlie\u00dfen sich auch die deutschen, m\u00e4nnlichen Facharbeiter\ndem Streik an: Eine Wende im Streikverlauf, der die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse\nzugunsten der prekarisierten migrantischen Arbeiter*innen verschiebt.</p>\n\n<p>Dieser wichtige Schritt kann durch verschiedene Faktoren\nerkl\u00e4rt werden: Die migrantischen Arbeiter*innen suchten ihre <i>wei\u00dfen</i>\nKolleg*innen abends in ihren Stammkneipen auf und begannen, diese zu agitieren.\nSie wiesen bestehende rassistische Bilder zur\u00fcck, machten die Legitimit\u00e4t ihres\nStreiks klar und arbeiteten gemeinsame Interessen heraus. Sie kn\u00fcpften an\neigenen Streikerfahrungen der deutschen Kolleg*innen an, die selbst K\u00e4mpfe um\nLohnerh\u00f6hungen und Verbesserungen der Arbeitssituation gef\u00fchrt hatten. Konkret wurde\nden Facharbeitern dabei die Erinnerung an fr\u00fchere Streiks in Erinnerung gerufen,\nbei denen sie ohne die \u201eGast\u201carbeiter*innen gestreikt hatten und bei denen sie\nwegen ihrer geringen Zahl nicht erfolgreich waren. Von dem gemeinsamen Streik\nerhofften sie sich also auch eine Verbesserung der eigenen Lage. Die gesammelte\nStreikkraft der Arbeiter*innen und die dadurch entstehenden empfindlichen Produktionseinbu\u00dfen zwangen die Gesch\u00e4ftsleitung letzten Endes dazu,\ngro\u00dfe Teile der Forderungen umzusetzen, an erster Stelle die Abschaffung der\nuntersten Lohngruppe und Erh\u00f6hung von Stundenlohns f\u00fcr alle. [2]</p>\n\n<p>Es handelte sich beim Pierburg-Streik damit um einen gut\norganisierten und militanten Protest von migrantischen Arbeiter*innen gegen\nrassistische und sexistische Ausgrenzung und die systematische Benachteiligung\nim Produktionsprozess. Wenn auch zu dieser Zeit der Begriff in Deutschland\nnicht etabliert war, so l\u00e4sst sich dieser Streik mit dem Konzept des\nindividuellen, wie vor allem auch des kollektiven Empowerments\ncharakterisieren. Die migrantischen Arbeiter*innen haben zuerst ihre\ngemeinsamen Erfahrungen ausgetauscht. Sie haben sich \u00fcber ihre Interessen und\nVorstellungen vergewissert und dar\u00fcber gesprochen, wie ihre Situation sich\n\u00e4ndern sollte. Ihre \u00dcberlegungen sind schlie\u00dflich auch in die Forderungen des\nStreiks eingegangen. Sie organisierten sich zun\u00e4chst untereinander und traten\nschlie\u00dflich als Kollektiv in Aktion. Damit verlie\u00dfen sie ihre zugeschriebene\nPosition als passive Opfer der Ausgrenzung und systematischen Benachteiligung\nund wurden in diesem Prozess aktiv widerst\u00e4ndig Handelnde im Kampf gegen ihre\neigene Unterdr\u00fcckung.</p>\n\n<p>Die K\u00e4mpfenden waren dabei mit verschiedenen Ausformungen\ndes rassistischen und sexistischen Systems konfrontiert: Einerseits die\nTatsache, dass migrantische Arbeiterinnen gegen\u00fcber ihren m\u00e4nnlichen und vor\nallem gegen\u00fcber den wei\u00dfen Kolleg*innen materiell und finanziell systematisch\nbenachteiligt wurden und letztere zudem von vielen schweren und gef\u00e4hrlichen\nArbeiten in den Betrieben verschont wurden. Andererseits sahen sie auch den\nindividuellen Einstellungen der wei\u00df-deutschen Arbeiter gegen\u00fcber, welche von\nder systematischen Ausgrenzung und Benachteiligung profitierten und ihr\nteilweise zustimmten.</p>\n\n<p>Die m\u00e4nnlichen \u201eGast\"arbeiter waren an dem Streik von Anfang\nan beteiligt, auch wegen einem gemeinsamen vergangenen Arbeitskampf, bei dem\nTeilerfolge erzielt werden konnten. Zwar war die Konkurrenz zwischen\nwei\u00df-deutschen und migrantischen Arbeiter*innen wegen der personellen\nZusammensetzung im Werk nicht zu stark ausgepr\u00e4gt, dennoch gab es unter der\nBelegschaft rassistische Einstellungen, sowie Spaltungsversuche durch die\nBetriebsleitung. Die Gefahr war vorhanden, dass die <i>wei\u00dfen</i>\nArbeiter*innen sich von dieser \u00fcberzeugen und sich gegen den Streik\nmobilisieren lie\u00dfen. Die Erfahrungen dieser Zeit waren davon gepr\u00e4gt, dass\nselbst anti-rassistisch eingestellte wei\u00dfe Gewerkschafter*innen und\nBetriebsr\u00e4te Forderungen von Migrant*innen, die sich gegen Lohn- und\nGesetzesdiskriminierung richteten, <a href=\"https://kritisch-lesen.de/rezension/gaste-die-arbeiten\">zur\u00fcckwiesen\nund nicht unterst\u00fctzen</a>. Wollten migrantische Arbeiter*innen etwas an\nihrer Situation \u00e4ndern, so mussten sie es schaffen, die m\u00e4nnlichen und\nwei\u00df-deutschen Kollegen von ihrem Kampf zu \u00fcberzeugen und ihn zu einem gemeinsamen\nKampf machen.</p>\n\n<h2><b>F\u00fcr ein materialistisches\nRassismus-Verst\u00e4ndnis!</b><b></b></h2>\n\n<p>Um aus historischen Erfolgen wie diesem zu lernen, ist es\nwichtig zu verstehen, welches Verst\u00e4ndnis \u00fcber Funktion und Organisation von\nRassismus der Aktion zugrunde lag. Denn daraus leiten sich sp\u00e4ter auch die\nWiderstandsstrategien ab. </p>\n\n<p>Zun\u00e4chst ist offensichtlich, dass die <i>wei\u00dfen</i>\nArbeiter von der Diskriminierung der migrantisierten Arbeiter*innen\nprofitieren, da ihnen schwerere Arbeiten weniger zugemutet werden und\nsie auch bei den Lohnauszahlungen oft bessergestellt sind. Auch kommt der\nWohlstand, welcher auf nationaler Ebene erwirtschaftet wird, von allen\nLohnabh\u00e4ngigen vor allem wei\u00df-deutschen Arbeiter*innen zugute (hier sind etwa\ndie Zug\u00e4nge zu Sicherungssystemen zentral, die bis heute rassistische\nAusgrenzungen produzieren). Gleichzeitig gelingt es aber der Gesch\u00e4ftsleitung\nnicht mehr ohne weiteres, die Belegschaft rassistisch zu spalten und die\nHierarchisierung im Betrieb aufrechtzuerhalten, wenn die <i>wei\u00dfen</i>\nArbeiter*innen die existierenden Unterschiede nicht mehr in dieser Form\nhinnehmen, sondern diese aktiv mit ihren Kolleg*innen bek\u00e4mpfen. In Pierburg\nwurde die rassistische Hierarchisierung zwar als Strategie der Spaltung aktiv\nvon der Betriebsleitung eingef\u00fchrt, sie konnte sich allerdings nicht\ndurchsetzen. Dies f\u00fchrte dazu, dass die Gesch\u00e4ftsleitung gewaltsam versuchte,\ndie Spaltung der Arbeiter*innen in der Fabrik aufrechtzuerhalten, etwa, indem\nsie den Streik als \u201ewilden Streik\u201c und die Streikenden als \u201eKommunisten\u201c\ndenunzierte. Sie erhielt dabei aktive Unterst\u00fctzung durch die staatliche Polizei.\n</p>\n\n<p>Auch wenn der Rassismus die wei\u00dfen Arbeiter*innen in der\nkapitalistischen Logik systematisch besser stellt, ist es aber mitnichten so,\ndass die Kooperation zwischen wei\u00dfen und nicht-wei\u00dfen Arbeiter*innen nicht eine\nbessere Situation f\u00fcr beide schaffen kann, welche diese Logik als solche in\nFrage stellt. Konkret am Beispiel Pierburg l\u00e4sst sich sehen: Die \u00dcberwindung\nder Spaltung bringt auch den wei\u00dfen Arbeitern reale \u00f6konomische Verbesserungen\n(Die Forderung nach einem \u201eMehr Geld!\u201c wurde etwa f\u00fcr die gesamte Belegschaft\ngestellt). [3]</p>\n\n<p>Rassismus ist als ein gesellschaftliches Verh\u00e4ltnis zu\ndenken, \u201ein dem die K\u00e4mpfe im Mittelpunkt stehen und nicht die durch den\nRassismus produzierten Identit\u00e4ten\u201c. [4] Das rassistische Verh\u00e4ltnis zwischen\nden migrantischen und den wei\u00df-deutschen Arbeiter*innen ist alles andere als\nstabil. So wie die \u201eGast\"arbeiter*innen die ihnen zugewiesene Position verlassen,\nso tun dies auch die wei\u00dfen Arbeiter*innen durch den gemeinsamen Prozess. Sie\nlegen Vorurteile ab und \u00fcberwinden rassistische Spaltungsversuche. Das ist eine\nwichtige Grundlage des solidarischen Kampfes.</p>\n\n<p>Weiterhin muss Rassismus in der kapitalistischen\nWeltordnung auch immer als System begriffen werden, das Bev\u00f6lkerung und\nArbeitskraft kontrolliert, organisiert und zu einander in Beziehung setzt.\nDieses System zielt vor allem darauf ab, Identit\u00e4ten festzulegen und ihnen\neinen Platz in der Gesellschaft zuzuweisen. [5] Es produziert notwendig solche\nSubjekte, die privilegiert sind und in gr\u00f6\u00dferen Genuss von B\u00fcrgerrechten, staatlichen\nLeistungen und politischer Repr\u00e4sentation kommen, und solche, die\ndeprivilegiert sind und von diesen ganz oder teilweise ausgeschlossen sind. Die\nschlechter gestellten Bev\u00f6lkerungsteile werden massiver ausgebeutet und die\nbesser gestellten Teile durch ihre beg\u00fcnstigte Stellung ideologisch an den\nNationalstaat oder das Kapital, hier die Firma Pierburg, gebunden. Die Analyse,\ndass Wei\u00dfe in einer rassistischen Gesellschaft Vorteile und Machtpositionen\ngegen\u00fcber People of Color haben, darf also nicht bei dem vereinfachenden Fehlurteil\nlanden, dass die kapitalistische Gesellschaft auch tats\u00e4chlich zum Vorteil der\nwei\u00dfen Arbeiter*innen w\u00e4re. Der Vorteil ist vor allem ein klassenspezifischer.<br/>\n</p>\n\n<h2><b>Lehren f\u00fcr eine gemeinsame Praxis</b><b></b></h2>\n\n<p>Am Beispiel des Zusammenhalts der Belegschaft von Pierburg\nk\u00f6nnen wir die umk\u00e4mpfte Solidarit\u00e4t der migrantisierten und\nnicht-migrantisierten Arbeiter*innen als wichtigen Teil des kollektiven\nantirassistischen Arbeitskampfs ausmachen. Sie ist unerl\u00e4sslich, da Rassismus als\nHerrschafts- und Kontrollsystem in seinen strukturellen Erscheinungsformen\n\u2013\u00a0 beispielsweise die systematische\nBenachteiligung und Hierarchisierung auf den Arbeitspl\u00e4tzen \u2013 nur von einer\nsolidarischen Gemeinschaft bek\u00e4mpft werden kann. Die Solidarit\u00e4t von Wei\u00dfen\nscheint m\u00f6glich, da auch die Subjekte, die der Rassismus produziert, als\nver\u00e4nderbar und umk\u00e4mpft gedacht werden m\u00fcssen.</p>\n\n<p>Der Fokus auf die allt\u00e4glichen Erfahrungen von\nmigrantisierten Menschen in einer rassistischen Gesellschaft ist eine der gr\u00f6\u00dften\nSt\u00e4rken des Empowerment-Ansatzes. Es steht nicht nur ein komplex-abstraktes\nSystem und die Kritik daran im Mittelpunkt, sondern die Betroffenen in diesem\nSystem. Und mit ihnen auch ihre Erfahrungen, ihr Erleben und ihre psychosoziale\nLage. Der Austausch durchbricht die Isolation, die durch Normalisierung und\nTabuisierung von Rassismus entsteht und macht Positionen und Forderungen\nsichtbar. Empowerment stellt eine Gegenstrategie zu den seelischen und\npsychischen Verletzungen dar, die den Menschen im Kapitalismus allt\u00e4glich zu\ngef\u00fcgt werden und die marginalisierte Communities unerbittlich treffen. Eine\nHerausforderung ist die Doppelstruktur von Antirassismus und Empowerment:\nGegenstrategien zu individuellem und allt\u00e4glichem Rassismus (auch in der\nInteraktion mit Wei\u00dfen) sind unerl\u00e4sslich, um das Gef\u00fchl von Machtlosigkeit zu\nbek\u00e4mpfen. Gleichzeitig darf Rassismus nicht auf diese Erscheinungsform\nverk\u00fcrzt werden. Ans\u00e4tze, die einzig Partizipation von People of Color an\nbestehenden Herrschaftsstrukturen erm\u00f6glichen wollen und somit das Ph\u00e4nomen des\nRassismus von seiner Funktion entkoppeln, m\u00fcssen kritisiert werden. [6] Die\nverschiedenen Erscheinungsformen m\u00fcssen vielmehr miteinander in Beziehung\ngesetzt werden, um radikalere Analysen und kollektive Praxen zu entwickeln, die\nden Rassismus als System angreifen k\u00f6nnen.</p>\n\n<hr/><p></p>\n\n<p>Unser Autor\nwurde vor allem durch die Zusammenarbeit mit Anarchist*innen of Color, muslimischen\nFeministinnen und (post-)migrantischen Anti-rassist*innen politisiert. Auch\nwenn der Artikel aus einer wei\u00dfen Perspektive geschrieben ist, sind die Gedanken ma\u00dfgeblich durch die Diskussion und den Austausch mit Genoss*innen aus diesen\nZusammenh\u00e4ngen entstanden.</p>\n\n\n\n<p><b>Anmerkungen:</b></p>\n\n<p>[1] Kahveci, \u00c7a\u011fr\u0131 (2017): Migrantische Selbstorganisierung im\nKampf gegen Rassismus. M\u00fcnster: Unrast-Verlag.</p>\n\n<p>[2] Dieter Braeg, Betriebsrat bei Pierburg zu der Zeit, beschreibt\nin seinem Buch \u00fcber den Streik sehr ausf\u00fchrlich, wie die migrantischen\nArbeiter*innen ihre wei\u00dfen Kolleg*innen \u00fcberzeugten und auch zu kreativen\nMethoden griffen; etwa, indem sie ihnen Rosen schenkten. Vgl.: Braeg, Dieter\n(2012): Wilder Streik - Das ist Revolution. Berlin: Die Buchmacherei. </p><p>\n\n</p><p>[3] Dieses\nVerst\u00e4ndnis, was wei\u00dfe Privilegien bedeuten, was aber eben auch nicht, legt\nKeeanga-Yamattha Taylor in ihrem Artikel \u201e<a href=\"https://www.akweb.de/ak_s/ak627/06.htm\">Wei\u00dfe Vorherrschaft f\u00fcr manche,\naber nicht f\u00fcr alle</a>\u201c (analyse und kritik, ak 627) sehr anschaulich dar.</p>\n\n\n\n<p>[4] Karakayal\u0131,\nSerhat (o.J.): Lotta Continua in Frankfurt, T\u00fcrken-Terror in K\u00f6ln. Migrantische\nK\u00e4mpfe in der Geschichte der Bundesrepublik. Online bei <a href=\"http://www.grundrisse.net/grundrisse14/14serhat_karakayali.htm\">grundrisse</a>.\n</p>\n\n\n\n<p>[5] Unter\nfestgelegten Identit\u00e4ten lassen sich Fremdzuschreibungen verstehen, die People\nOf Color von der Mehrheitsgesellschaft aufgezwungen werden und die sie auf eine\nbestimmte Rolle festlegen sollen, wie sie angeblich sind oder sich zu verhalten\nhaben. Frauen* muslimischen Glaubens werden so etwa allein auf diese Zugeh\u00f6rigkeit\nreduziert und daraus jede ihrer Handlung erkl\u00e4rt. Dies zeigt sich bei der\nrassistischen Debatte \u00fcber das Tragen eines Hijabs im Unterricht: Die\nLehrerinnen werden nicht als studierte Akademiker*innen betrachtet, die eben\nauch religi\u00f6s sind, sondern allein auf ihre Religion festgelegt und dabei als\n\u201eunaufgekl\u00e4rt\u201c konstruiert.</p>\n\n\n\n<p>[6] Die\nKritik an solchen \u201eIntegrationsma\u00dfnahmen\u201c ist vor allem deshalb wichtig, weil\nsie letztlich vor allem der \u00e4rmeren Bev\u00f6lkerung of Color schadet. Taylor zeigt\nin ihrem Buch \u201eFrom #BlackLivesMatter to Black Liberation\u201c, wie vereinzelt\nSchwarze Menschen in den USA der Zugang zu politischen Institutionen gew\u00e4hrt\nwurde, gleichzeitig die Armut der Schwarzen Bev\u00f6lkerung sowie die rassistische\nPolizeigewalt gleich blieb. Die US-Administration verleugnete diesen Rassismus\nmit Verweis auf Schwarze Parlamentarier*innen. Vgl. Taylor, Keeanga-Yamahtta\n(2016): Von #BlackLivesMatter zu Black Liberation. M\u00fcnster: UNRAST-Verlag.</p><p>[Bilder: Armin Razmpush]<br/></p><p><img alt=\"Demonstration Empowerment\" class=\"richtext-image left\" height=\"178\" src=\"/media/images/bild_1_gross.width-500.jpg\" width=\"178\"><img alt=\"Dmeonstration 2\" class=\"richtext-image right\" height=\"178\" src=\"/media/images/bild_2_gross.width-500.jpg\" width=\"178\"></p><p><br/></p><p><br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/empowerment-und-klassenkampf-gegen-den-rassismus-des-kapitals/", "id": "https://revoltmag.org/articles/empowerment-und-klassenkampf-gegen-den-rassismus-des-kapitals/", "author": {"name": "Flo Herter", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2018-05-18T10:24:28.943841+00:00", "date_modified": "2018-07-02T13:18:37.774084+00:00", "tags": ["re:think", "streik", "klassenpolitik", "deutschland", "arbeitskampf", "migrantische k\u00e4mpfe", "frauenkampf", "rassismus", "empowerment", "1970er Jahre", "geschichte"], "summary": "Trennlinien von Identit\u00e4ts- und Klassenpolitik werden derzeit hei\u00df diskutiert. Wie eine Verbindung von beiden konkret aussehen kann, zeigen selbstorganisierte migrantische Klassenk\u00e4mpfe in der BRD der 1970er Jahre. Diese sind wichtiger Bezugspunkt f\u00fcr Empowerment-Ans\u00e4tze von heute."}, {"title": "Jeder Tag, an dem wir k\u00e4mpfen, ist ein Feiertag!", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Jeder Tag, an dem wir k\u00e4mpfen, ist ein&nbsp;Feiertag!</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Auf dem Banner steht: Keine Toleranz f\u00fcr Sexismus, Patriarchat und Kapitalismus\" height=\"420\" src=\"/media/images/photo_prin.73a110af.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Prin</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>\n\n</p><p>Die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen\nder kapitalistischen Krise haben in den letzten Jahren weltweit zu einer\nmassiven Wiederbelebung und St\u00e4rkung von Frauenk\u00e4mpfen und zu einer\nRadikalisierung der LGBTQ-Bewegung gef\u00fchrt. Auch in Griechenland. Der 8. M\u00e4rz\nwar ein Tag des Widerstands gegen jede Form der Unterdr\u00fcckung: \u201eKeinerlei\nToleranz gegen\u00fcber Sexismus, Patriarchat und Kapitalismus\u201c, t\u00f6nte es lautstark\naus tausenden Kehlen eines m\u00e4chtigen Demonstrationszugs, der durch die\nInnenstadt von Athen zog. Aufgerufen und organisiert wurde der Protest von\nunterschiedlichen feministischen Strukturen und Gruppierungen gegen Sexismus\nund Patriarchat, aber auch von Organisationen der radikalen Linken. Dar\u00fcber\nhinaus beteiligte sich eine gro\u00dfe Anzahl an Studierendengruppen und\nBasisorganisationen. Gefl\u00fcchtete Frauen* nahmen mitsamt ihren Kindern am\nProtest teil, sie erhoben ihre Stimme gegen ihre spezifische multiple\nUnterdr\u00fcckung aufgrund von Geschlecht, Herkunft und Klasse. </p>\n\n<p>Frauen* in Griechenland sind in den letzten Jahren stark von\nden sozialen Auswirkungen der Wirtschaftskrise betroffen. Die steigende\nArbeitslosigkeit in Kombination mit den kollabierenden wohlfahrtsstaatlichen\nSicherungssystemen und der Schlie\u00dfung sozialer Infrastrukturen wie Kinderg\u00e4rten\nzwangen viele Frauen* dazu, zur h\u00e4uslichen Arbeit\nzur\u00fcckzukehren und Unterst\u00fctzungsfunktionen f\u00fcr Kinder, Patienten oder \u00e4ltere\nFamilienmitglieder zu \u00fcbernehmen. Dar\u00fcber hinaus sind diejenigen, die auf dem\nArbeitsmarkt bleiben, auf vielf\u00e4ltige Weise mit allt\u00e4glicher Diskriminierung\nund Sexismus konfrontiert \u2013 zus\u00e4tzlich zu Arbeitsverh\u00e4ltnissen, die immer prek\u00e4rer und unsicherer\nwerden. Erk\u00e4mpfte Verbesserungen von grundlegenden Rechten, die Frauen* in den\nvergangenen Jahrzehnten erzielten \u2013 etwa Unterst\u00fctzungsleistungen bei\nSchwangerschaft, Geburt und Mutterschaft \u2013, gibt es einfach nicht mehr.\nArbeitgeber*innen stellen Frauen* vor die Wahl: \u201eWenn Sie einen Job haben wollen,\nsollten Sie keine Kinder haben\u201c. Tats\u00e4chlich ist es f\u00fcr eine arbeitslose oder\neine im Niedriglohnsektor arbeitende Frau* heute fast unm\u00f6glich, die\nnotwendigen Ausgaben f\u00fcr die Geburt eines Kindes zu decken. Gleichzeitig gibt\nes unz\u00e4hlige F\u00e4lle, in denen Frauen* ihre Arbeit aufgrund einer Schwangerschaft\nverloren haben. Das j\u00fcngste Urteil des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs, welches\nUnternehmen erm\u00f6glicht, schwangere Lohnarbeiter*innen trotz eines bestehenden\nrechtlichen \u201eSchutz\u201crahmens bei Massenentlassungen ebenfalls zu entlassen, ist\neine Vorschau auf die arbeiterfeindliche Politik, die folgen wird. </p>\n\n<p>Nicht zuletzt sind in den letzten Jahren immer mehr F\u00e4lle\nvon Gewalt und k\u00f6rperlichem Missbrauch gegen\u00fcber Frauen* und LGBTQ-Personen am\nArbeitsplatz, zu Hause oder sogar auf der Stra\u00dfe \u00f6ffentlich geworden.\nFemi(ni)zide, sexuelle Bel\u00e4stigung und Gewalt im \u00f6ffentlichen und privaten Raum\nnehmen dramatisch zu, wenn sich die sozialen Auswirkungen der Krise versch\u00e4rfen.\nIn diesem Zusammenhang muss der anhaltende Kampf gegen Ungleichheiten und\nDiskriminierung in Bildung und Arbeit, gegen Geschlechterstereotype und\n-unterdr\u00fcckung (auch in Bezug auf sexuelle Orientierung, Herkunft oder\nHautfarbe) sowie der Kampf f\u00fcr Grundrechte wie Mutterschutz und\nErziehungsurlaub ins Zentrum unserer Anstrengungen ger\u00fcckt werden. Die kollektive\nDurchsetzung dieser Forderungen ist eine Voraussetzung, um den Weg zu weiteren\nrevolution\u00e4ren Ver\u00e4nderungen zu \u00f6ffnen. Wir hoffen mit Blick auf die K\u00e4mpfe in\nSpanien als Beispiel, dass sich die Proteste weiter radikalisieren und im\nn\u00e4chsten Jahr der 8. M\u00e4rz ein weltweiter Tag des massiven Streiks von\nlohnarbeitenden und Reproduktionsarbeit leistenden Frauen* sein wird. Jeder Tag\ndes Kampfes ist f\u00fcr uns eine Feier. Keine Toleranz f\u00fcr Patriarchat und Kapitalismus!</p><hr/>Eleni Triantafyllopoulou ist Redakteurin bei der\nlinksradikalen Zeitung <a href=\"http://prin.gr/\">\u03a0\u03c1\u03b9\u03bd (Prin)</a>. <br/>\u00dcbersetzung: Johanna Br\u00f6se<hr/>Auf dem Banner des Artikelbilds steht der Slogan: \"Jeder Tag des Kampfes\nist f\u00fcr uns eine Feier. Keine Toleranz f\u00fcr Patriarchat und Kapitalismus\".<p><br/> </p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Basisorganisierungen mit einem klassenk\u00e4mpferischen Banner\" height=\"2448\" src=\"/media/images/basisorgas-classstruggle.original.jpg\" width=\"3264\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Die Initiative der Koordination von Basisgewerkschaften auf der Frauen*kampfdemo. Auf dem Banner steht: &quot;Der 8. M\u00e4rz ist kein Tag zum Feiern, er ist ein Tag des Klassenkampfs&quot;.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/jeder-tag-dem-wir-k%C3%A4mpfen-ist-ein-feiertag/", "id": "https://revoltmag.org/articles/jeder-tag-dem-wir-k%C3%A4mpfen-ist-ein-feiertag/", "author": {"name": "Eleni Triantafyllopoulou", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2018-03-12T11:34:41.951308+00:00", "date_modified": "2018-03-12T14:24:19.874174+00:00", "tags": ["re:claim", "athen", "arbeiterwiderstand", "demonstration", "sexismus", "widerstand", "griechenland", "patriarchat", "armut", "frauenkampf", "frauenkollektive", "8m\u00e4rz", "arbeitslosigkeit"], "summary": "In den Jahren der Wirtschaftskrise ist die sexistische Diskriminierung von Frauen und LGBTQ-Personen in Griechenland stark angestiegen: Neben Arbeitslosigkeit, Lohnungleichheit und Gewalt k\u00e4mpfen Frauen* gegen die Abschaffung grundlegender Rechte. Eleni Triantafyllopoulou berichtet."}, {"title": "T\u00fcrkei: Angriff auf Frauen vor dem 8. M\u00e4rz", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>T\u00fcrkei: Angriff auf Frauen vor dem 8.&nbsp;M\u00e4rz</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Angriff auf Pressekonferenz\" height=\"420\" src=\"/media/images/DXcslfpXcAAYpMl.bf08910c.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        Die\nstrukturelle Krise des kapitalistischen Systems f\u00fchrt weltweit zu\npolitischen und sozialen Verwerfungen. Um die Ausgebeuteten und\nUnterdr\u00fcckten bei Stange zu halten und zu verhindern, dass sie ihre\nberechtigte Wut und Frustration in eine tats\u00e4chlich anti-systemische\noppositionelle Politik kanalisieren, greifen die herrschenden Klassen\nimmer \u00f6fter auf autorit\u00e4re, rassistische, sexistische und andere\nwiderliche Methoden zur\u00fcck. Die Verrohung des ohnehin nicht sehr\ngehobenen politischen Klimas trifft dabei immer \u00f6fter und heftiger\nFrauen, Migrant*innen, LGBT-Individuen und Arbeiter*innen. Daher ist\nes auch kein Wunder, dass eine militante Frauenbewegung weltweit\nimmer sichtbarer wird. An Tagen wie dem 8. M\u00e4rz wird das\nbesonders deutlich. In vielen L\u00e4ndern gehen hunderttausende Frauen\nauf die Stra\u00dfe und demonstrieren \u2013 mit f\u00fcr die jeweiligen L\u00e4nder\nspezifischen Forderungen \u2013 gemeinsam gegen das Patriarchat.<p>\n</p><p>\n</p><p>\nIn\nder T\u00fcrkei ist die Frauenbewegung seit langem eine der aktivsten,\nlautesten und buntesten gesellschaftlichen Dynamiken. Obwohl mittlerweile jegliche Opposition zum Regime von Tayyip Erdo\u011fan\nbei\nder nur geringsten Regung sofort unterdr\u00fcckt wird, gehen die Frauen\nnoch immer zu zehntausenden auf die Stra\u00dfe und demonstrieren gegen\ndie t\u00e4glichen Frauenmorde, gegen permanente Bel\u00e4stigung,\nVergewaltigung und Kindesmissbrauch. Die gesellschaftliche Verrohung\nschritt in der T\u00fcrkei in den letzten Jahren rapide voran und dabei\ntraf es vor allem Frauen und M\u00e4dchen. \n</p><p>\n</p><p>\n</p><p>\nUnd so gehen die Frauen auch dieses Jahr zum 8. M\u00e4rz auf die Stra\u00dfe. In\nIstanbul und Ankara fanden am Sonntag, dem 4. M\u00e4rz, erste Demos\nstatt, wobei die Beteiligten an einer Presseerkl\u00e4rung in Ankara <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2018/03/04/polis-ankaradaki-8-mart-eylemini-dagitti/\">sofort\nniedergekn\u00fcppelt</a> wurden. Nichtsdestotrotz werden am 8. M\u00e4rz in Istanbul und\nAnkara und anderen St\u00e4dten \u201eNachtm\u00e4rsche\u201c stattfinden.<br/></p><p>\n</p><p>\n</p><p>\nEine\nder aktivsten Organisationen in der Frauenbewegung der T\u00fcrkei sind\ndie Kampushexen (<i>Kamp\u00fcs\nCad</i><i>\u0131lar\u0131</i>),\ndie\nan unz\u00e4hligen Universit\u00e4ten junge Frauen organisieren. Sie wollen\nFrauensolidarit\u00e4t in Wort und Praxis aufbauen, organisieren\nLesekreise, Seminare und Selbstverteidigungskurse, intervenieren bei\nBel\u00e4stigung und Vergewaltigung und versuchen ganz allgemein das\nAlltagsleben von Frauen zu erleichtern (zum Beispiel mit kleinen\nBoxen f\u00fcr Hygieneartikel an Unitoiletten). Klingt jetzt zwar nicht\nso terroristisch, ist aber so \u2013 meint zumindest der t\u00fcrkische Staat.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>\nWenige\nTage vor dem diesj\u00e4hrigen 8. M\u00e4rz rief die Polizei die Familien von 15\nMitgliedern der Kampushexen in Ankara an. Einige Eltern wurden direkt von\nder Arbeit geholt und aufs Polizeihauptquartier gebracht, wo ihnen dann\nerkl\u00e4rt wurde, dass ihre T\u00f6chter Mitglieder einer \u201ekriminellen\u201c\noder gar \u201eterroristischen\u201c Organisation seien \u2013 n\u00e4mlich der\nKampushexen. Mit der \u00fcblichen Polizeitaktik wurden v\u00f6llig\nzusammenhangslos Bez\u00fcge zwischen den Kampushexen und irgendwelchen\nl\u00e4ngst nicht mehr aktiven illegalen Organisationen hergestellt. Das\neigentliche Ziel ist v\u00f6llig klar: Der Staat hat furchtbare Angst vor\nstarken Demonstrationen am 8. M\u00e4rz und \u00fcberhaupt vor einer starken\nFrauenbewegung. Mit Einsch\u00fcchterung der jungen Aktivist*innen und vor\nallem ihrer Familien will die Polizei die Teilnehmer*innenzahl an den\nProtesten m\u00f6glichst gering halten und damit auch andere junge Frauen davon abhalten,\nsich feministischen Organisationen anzuschlie\u00dfen. Der derzeitige\nAngriff richtet sich zwar, soweit bisher bekannt, nur gegen eine\nspezifische Organisation, ist aber nat\u00fcrlich als Angriff auf die\nFrauenbewegung als Ganze zu bewerten. \n</p><p>\n</p><p>\n</p><p>\nDie\nKampushexen lie\u00dfen sich nicht einsch\u00fcchtern und machten diese\nhaltlosen Vorw\u00fcrfe und hinterh\u00e4ltigen Attacken mit einer\nPresseerkl\u00e4rung \u00f6ffentlich. Weiters ver\u00f6ffentlichten sie <a href=\"https://www.facebook.com/KampusCadilari\">viele Videos von Frauen</a>, die ihre Solidarit\u00e4t mit den Kampushexen\nausdr\u00fcckten und damit \u00f6ffentlich erkl\u00e4rten, dass sich die Frauen\nin der T\u00fcrkei nicht einsch\u00fcchtern lassen. Im Pressetext wird\ndeutlich gemacht, dass diese Repressionsversuche die\nFrauenbewegung nicht einsch\u00fcchtern k\u00f6nnen; dass Frauen weiter\nihre Stimme erheben werden gegen Gewalt an Frauen* und M\u00e4dchen* und dass\nsie weiter an den Universit\u00e4ten und allen Bereichen des Lebens gegen\ndas Patriarchat k\u00e4mpfen werden. \n</p><p>\n</p><p>\n</p><p>\n\u00dcber\ndie \u00f6ffentliche Skandalisierung dieser Polizeibel\u00e4stigungen hinaus\nwird eine Vertreterin der Kampushexen, die auch pers\u00f6nlich im\nZentrum von Polizeiattacken stand und j\u00fcngst auf dem offensichtlich\nvon der Polizei gehackten Facebookaccount der Hexen als \u201eTerroristin\u201c\ngebrandmarkt wurde,  Anzeige erstatten. Das wird nat\u00fcrlich keine\nrechtlichen Konsequenzen haben, da es in der T\u00fcrkei de facto kein\nRechtssystem mehr gibt. Aber es demonstriert, dass die Aktivist*innen keine Angst davor haben, sich \u00f6ffentlich zu ihrer politischen\nT\u00e4tigkeit zu bekennen und deren Legitimit\u00e4t hervorzuheben.</p><p>\n</p><p>\n</p><p>\nDie\nFrauen in der T\u00fcrkei, die seit Jahren vor allem gegen die t\u00e4glichen\nFrauenmorde ank\u00e4mpfen, sind mit dem Slogan \u201eWir werden keine\neinzige weitere Frau mehr verlieren\u201c gestartet. Und sie werden\nweitermachen, bis diese Parole endlich \u00fcberfl\u00fcssig ist. Die\nReaktion der Frauenbewegung auf die j\u00fcngsten staatlichen Attacken\nzeigen, dass die gesellschaftliche Opposition in der T\u00fcrkei \u2013\ntrotz aller Repression \u2013 nicht zum Schweigen gebracht wurde und so\nleicht auch nicht zum Schweigen gebracht werden kann. \n</p><p>\n</p><p>\n</p><p>Am\n8. M\u00e4rz werden auch in der T\u00fcrkei wieder zehntausende, ja wohl\nhunderttausende Frauen auf die Stra\u00dfe gehen und dem Regime damit\ndeutlich machen: \u201eWas immer ihr macht, uns kriegt ihr nicht von der\nBildfl\u00e4che.\u201c</p><hr/>Meral \u00c7\u0131nar ist Aktivistin der Kampushexen im Exil.<br/>Aus dem T\u00fcrkischen \u00fcbersetzt von Max Zirngast.<br/>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"campushexen1.jpg\" height=\"640\" src=\"/media/images/campushexen1.original.jpg\" width=\"960\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Die Kamp\u00fcs Cad\u0131lar\u0131 in Aktion</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Im Vorlauf zum 8. M\u00e4rz hagelt es in der T\u00fcrkei Repression gegen eine feministische Gruppe. Die Frauen lassen sich nicht einsch\u00fcchtern."}, {"title": "Zerschlagt das Patriarchat!", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Zerschlagt das&nbsp;Patriarchat!</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Frauen Solidarit\u00e4t Widerstand\" height=\"420\" src=\"/media/images/3299626045_73754720ee_o.ef8d1d0a.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Das Patriarchat ist ein Jahrtausende altes Herrschaftsverh\u00e4ltnis\nzwischen den Geschlechtern. Es zeigt sich in verschiedenen Zeitaltern \u00e4u\u00dferst\nunterschiedlich. Die durch die Inquisition angeordneten \u201eHexenverbrennungen\u201c im\nMittelalter, (besonders gegen Frauen, die nicht dem herrschenden Idealbild\nentsprachen), sind ebenso ein Ausdruck des patriarchalen Machtverh\u00e4ltnisses wie\ndie rechtliche und finanzielle Ungleichstellung, die sexualisierte Gewalt und\ndie Vermarktung des Frauenk\u00f6rpers in der heutigen, sp\u00e4tkapitalistischen\nKonsumindustrie. Der Kapitalismus hat die patriarchalen Verh\u00e4ltnisse \u00fcbernommen\nund angepasst, um die Frau als unbezahlte Reproduktionskraft, also als Hausfrau\nund Mutter, weiter nutzbar zu machen. Gleichzeitig tritt die Frau nun als\neigenst\u00e4ndiges Subjekt auf, das ihre Arbeitskraft verkaufen kann und muss.\nIndem sie dies tut, wird sie als Teil der ArbeiterInnenklasse nun auch\ngesellschaftlich sichtbar. Von hier an organisierten sich die Arbeiterfrauen in\nstarken Frauenbewegungen, die gepr\u00e4gt waren zum Beispiel durch die Kommunistin\nClara Zetkin und weiterer sozialistischer und kommunistischer\nGewerkschafterinnen. Sie sahen ihre Rolle in den Klassenk\u00e4mpfen <i>und</i> den K\u00e4mpfen um ihre Befreiung als\nFrau, und nicht weiter nur mehr als stille Begleitung an der \u201eSeite ihres\nMannes\u201c. Auch gegen Widerst\u00e4nde des m\u00e4nnlichen Teils der Arbeiterklasse\nentwickelten sich ihre K\u00e4mpfe um ihre Arbeits- und Lebensbedingungen, ihre\nRechte und ihren Schutz als Arbeiterin. Durch die andauernden K\u00e4mpfe der\ninternationalen proletarischen Frauenbewegung wurden in Folge auch gro\u00dfe\ngesamtgesellschaftliche Entwicklungen vorangebracht (nicht zuletzt auch die\nrussische Revolution, die mit eingeleitet wurde durch K\u00e4mpfe von\nTextilarbeiterinnen); aber immer wieder werden diese Errungenschaften revidiert\noder einverleibt, um die patriarchale Ordnung weiter aufrecht zu erhalten.</p>\n\n\n\n<p>Alle Menschen leben heute in einer kapitalistischen, patriarchalen\nGesellschaft, und dementsprechend wird ihr Bewusstsein und ihr Verhalten\ngepr\u00e4gt. Das Patriarchat ist gesellschaftlich stark verankert durch Gesetze,\nInstitutionen, Gewaltverh\u00e4ltnisse, und auch durch die zwischenmenschlichen\nBeziehungen und das Verhalten der Menschen. Es reproduziert sich tagt\u00e4glich neu\n\u2013 ein Prozess, der in den meisten F\u00e4llen unbewusst abl\u00e4uft, der sich aber bewusst\ngestalten l\u00e4sst. Dies kann in der jeweiligen Lebensrealit\u00e4t sehr\nunterschiedlich von statten gehen; zentral f\u00fcr diesen Artikel sind aber\nvielmehr die gesellschaftlich sichtbaren Tendenzen und allgemeinen Strukturen,\ndie patriarchalen Gedanken entspringen und ihm n\u00fctzen. In ihrer Zuspitzung\nm\u00f6chte ich zur Reflexion und zur Debatte dar\u00fcber anregen. [1] </p>\n\n\n\n<h2>Die Idee der minderwertigen weiblichen Natur </h2>\n\n<p>Kerngedanke und grundlegende Legitimation der patriarchalen\nAusbeutung und Unterdr\u00fcckung der Frau ist die Ansicht, dass die Frau ein\nminderwertiges Wesen im Vergleich zum Mann ist, dass die weibliche Natur\ngegen\u00fcber dem Mann schw\u00e4cher ist. Der Mann tritt in der Gesellschaft als stark,\naktiv, k\u00e4mpferisch, initiativ und nach Macht strebend auf. In der kapitalistischen\nGesellschaft ist Macht mit beruflichem Erfolg und beruflicher Karriere\nverkn\u00fcpft, der Mann wird als der verantwortliche Ern\u00e4hrer und Hauptverdiener\ndargestellt. Die Frau muss den Gegenpart zum m\u00e4nnlichen Hauptspieler bilden:\nSie ist gef\u00fchlsbetont, schwach, hilfsbed\u00fcrftig, dem\u00fctig und passiv. Beruflicher\nErfolg, Karriere und gesellschaftliche Anerkennung treten hinter ihre\nfamili\u00e4ren Pflichten zur\u00fcck bzw. werden mit diesen gleichgesetzt. Die Frau ist\nin der klassischen Beziehung die Zuverdienerin, am besten jedoch die\nVollzeit-Mutter. Daran hat sich zwar einiges, aber nichts allzu Grundlegendes\nge\u00e4ndert: Auch Frauen sind mittlerweile zwar fest im Arbeitsmarkt integriert,\naber, wie alle Studien belegen, in schlechteren Positionen, mit bedeutend schlechteren\nKarriereperspektiven, f\u00fcr weniger Geld (auch bei gleicher Arbeit) und oft in\nwenig wertgesch\u00e4tzter Reproduktionslohnarbeit. Zus\u00e4tzlich tragen sie immer noch\ndie Hauptlast der unbezahlten und unsichtbaren Reproduktionsarbeit, also die\nHausarbeit. Trotz aller in Deutschland proklamierter Gleichberechtigung ist das\nklassische Verh\u00e4ltnis von patriarchalen Beziehungen mit klassischer\nRollenverteilung in Bezug auf Lohnarbeit und Reproduktionsarbeit das\nBestimmende.</p>\n\n\n\n<p>Auch wenn die Frau durch die aktive Rolle als Arbeiterin, in die\nsie im Kapitalismus gezwungen wird einzunehmen, in Widerspruch ger\u00e4t mit ihrer\nanerzogenen weiblichen Passivit\u00e4t, f\u00fchrt dies nicht dazu, dass die Frau im\nKapitalismus befreit wird oder befreit werden kann. Der Kapitalismus ger\u00e4t in\nden Widerspruch, dass er einerseits die Frau als unbezahlte Reproduktionskraft\nausnutzen will, aber auf der anderen Seite die Frau in den Produktionsprozess\neingezogen wird und auch eingezogen werden soll; nicht nur als monotone\nArbeitskraft, sondern immer mehr auch als sch\u00f6pferische, kreative Arbeiterin,\nEntwicklerin und Leiterin. Dies f\u00fchrt zum einen dazu, dass die Frau von\nbestimmten patriarchalen Ketten befreit werden musste (und weiterhin muss), wie\nbeispielsweise von der Beschneidung ihres Rechts auf Selbstbestimmung durch\nm\u00e4nnliche Zwangsvormundschaft. So konnten etwa bis 1957 Frauen in Deutschland\nohne Zustimmung ihres Ehemannes kein eigenes Konto er\u00f6ffnen. Auf der anderen\nSeite f\u00fchrten die Entwicklungen auch zu einem gr\u00f6\u00dferen Selbstbewusstsein der\nFrauen, zu Erkenntnissen \u00fcber ihre unterdr\u00fcckte Rolle: Sie begehrten auf und\nleisteten Widerstand. Viele Dinge, die f\u00fcr Frauen heute selbstverst\u00e4ndlich\nsind, wurden durch die Bewegungen in den letzten Jahrzehnten erk\u00e4mpft, wie das\nFrauenwahlrecht, der gesetzliche Mutterschutz oder die Auslagerung bestimmter\nReproduktionsarbeiten in staatlich bezuschusste, professionelle H\u00e4nde (z.B.\nKitas).</p>\n\n\n\n<p>Obwohl also die absurden Gedanken von einem naturgem\u00e4\u00df \u201eweiblichen\u201c\nund \u201em\u00e4nnlichen\u201c Verhalten in den letzten Jahrzehnten massenweise in der\nPraxis, im Kampf und in der Theorie widerlegt wurden, werden diese Gedanken\ntagt\u00e4glich reproduziert und gepredigt Noch immer gibt es massenweise Leute, die\ndas herrschende Machtverh\u00e4ltnis zwischen den Geschlechtern legitimieren und zu\nseiner Aufrechterhaltung beitragen. Bekannt geworden daf\u00fcr ist die \u201eAlternative\nf\u00fcr Deutschland\u201c (man denke an Beatrix von Storch und ihre Netzwerke), die sich\ndas Mann-Frau-Verh\u00e4ltnis der 1950er Jahre zur\u00fcck w\u00fcnscht und den nat\u00fcrlichen\nWirkungskreis der Frau zu Hause bei ihren Kindern sieht. Man muss daf\u00fcr aber\nnicht in die rechte Ecke schauen. Es gibt unfassbar viel Literatur zum Thema\n\u201eMannsein und Frausein\u201c, die \u201enat\u00fcrliche\u201c F\u00e4higkeiten und Bed\u00fcrfnisse speziell\nvon Mann und Frau konstatieren. Ein Beispiel ist das vor einigen Jahren bekannt\nund popul\u00e4r gewordene Buch \u201eWarum M\u00e4nner nicht zuh\u00f6ren und Frauen schlecht\neinparken\u201c von Allan und Barabara Pease, die mit pseudowissenschaftlicher\nBetrachtung die hierarchischen Geschlechterverh\u00e4ltnisse als alternativlos und\nnat\u00fcrlich darstellen. Trotz aller Errungenschaften der Frauenbewegung gilt also\nletztlich immer noch, sowohl im Alltagsdenken vieler Menschen, als auch in der\npseudowissenschaftlichen Literatur, eine Minderwertigkeit der Frau als\n\u201ebewiesen\u201c.</p>\n\n\n\n<h2>Der\nst\u00e4ndige Kampf gegen das verinnerlichte Sklavendasein</h2>\n\n<p>Aber nicht nur in der Gesamtgesellschaft sind diese Verh\u00e4ltnisse\nso anzutreffen: Patriarchale Muster gibt es auch in der revolution\u00e4ren Linken!\nEs zeigt sich etwa darin, dass es allzu oft eine klare Rollenverteilung gibt,\nin der die m\u00e4nnlichen Genossen die \u201eK\u00e4mpfer\u201c, \u201eAnf\u00fchrer\u201c und \u201eRedner\u201c sind,\nw\u00e4hrend die Genossinnen \u2013 sofern es \u00fcberhaupt welche gibt \u2013 in hintergr\u00fcndigen\nund weniger \u00f6ffentlichen Arbeitsgebieten, in der Netzwerkpflege oder auch der\nOrganisation von Treffen usw., arbeiten. Eine Genossin erz\u00e4hlte mir j\u00fcngst, ein\nGenosse von ihr meinte vor Jahren ganz dankbar, wie gut und wichtig es sei, dass\n\u201edie Frauen in der Orga den Boden f\u00fcr die revolution\u00e4re Arbeit bereiten\u201c - f\u00fcr\ndie revolution\u00e4re Arbeit der M\u00e4nner, wohlgemerkt. Im Gro\u00dfen und Ganzen\nprofitieren M\u00e4nner von der patriarchalen Unterdr\u00fcckung der Frau, von der\ngesellschaftlich-patriarchalen Arbeitsteilung und der entsprechenden\nAnerkennung, die ihnen zuteil wird \u2013 Auch in der revolution\u00e4ren Linken. Dies\nauch als m\u00e4nnlich sozialisierter Genosse anzuerkennen und daran zu arbeiten ist\nsomit eine Grundlage eines gemeinsamen Kampfes, der tats\u00e4chliche Ver\u00e4nderung\nder Verh\u00e4ltnisse anstrebt. Auf diese Seite der patriarchalen Ausbeutung) wird\nan anderer Stelle dieser Beitragsreihe eingegangen.</p>\n\n\n\n<p>Worum es hier geht: Das Patriarchat wird nicht nur\naufrechterhalten und reproduziert durch den m\u00e4nnlichen Teil der Gesellschaft,\nauch wenn dieser davon profitiert. Nein, das Patriarchat funktioniert durch\nviele verschiedene Mechanismen der systematischen Erniedrigung, die die gesamte\nGesellschaft durchziehen und uns in allen einzelnen Angelegenheiten des Lebens\nentm\u00e4chtigen. Nicht zuletzt auch durch eine Art der \u201eweiblichen\nSelbstregulierung\u201c in gesellschaftlichen Situationen und im Denken und F\u00fchlen\nder Frauen. Das mag hart klingen und jede politisch aktive Frau (und sicherlich\nauch viele andere) wird an dieser Stelle entr\u00fcstet sagen: \u201eIch bin keine\nSklavin und ich f\u00fchle und benehme mich auch nicht so\u201c. In weniger\nfortschrittlichen Kreisen w\u00fcrde dann vielleicht noch hinzugef\u00fcgt: \u201eUnd au\u00dferdem\nist die Frau doch gar nicht unterdr\u00fcckt\u201c; oder: \u201eIn den islamischen L\u00e4ndern\nm\u00fcssen die Frauen Kopftuch tragen, und hier d\u00fcrfen wir anziehen was wir\nwollen\u201c. Was so nat\u00fcrlich nicht stimmt: Immerhin rechtfertigen 10 Prozent der\nBefragten einer europaweiten Studie sexuelle Misshandlungen und\n\u201eGeschlechtsverkehr ohne Einwilligung\u201c der Frauen mit ihrer freiz\u00fcgigen\nKleidung. Unabh\u00e4ngig hiervon geht es bei der Frage des verinnerlichten\nSkavendaseins nicht um Oberfl\u00e4chlichkeiten wie die vermeintlich erlaubte\nKleidung.</p>\n\n\n\n<p>Zugespitzt m\u00f6chte ich sagen, dass sehr viele Frauen, unter ihnen\nauch viele Genossinnen, im Verlaufe ihres Lebens ein sehr komplexes, aber\nfalsches Bild von sich, von anderen Frauen und der Realit\u00e4t, von ihren\nF\u00e4higkeiten, ihrer Wichtigkeit, ihrer St\u00e4rke entwickeln. Sie empfinden ihre\nBed\u00fcrfnisse als weniger wichtig als die von anderen Menschen. Sie kritisieren\nsich h\u00e4ufig am st\u00e4rksten \u2013 \u201eich bin zu fett\u201c, \u201emeine Meinung ist nicht\nwichtig\u201c, \u201ehoffentlich falle ich nicht unangenehm auf\u201c, \u201edie M\u00e4nner haben viel\n\u00fcberzeugendere Argumente\u201c und so weiter. Sie konfrontieren sich selbst mit\n\u00fcberh\u00f6hten Standards, die sie f\u00e4lschlich als Realit\u00e4t wahrnehmen. Sie gehen mit\ndieser h\u00f6heren Kritik auch an andere Frauen heran. Sie nehmen ungern f\u00fchrende\nRollen an, die sie in den Mittelpunkt dr\u00e4ngen, die von ihnen polarisierende\nEntscheidungen verlangen, die sie der \u00f6ffentlichen Kritik aussetzen k\u00f6nnten.\nIhr Selbstbewusstsein beruht in hohem Ma\u00dfe auch auf der Meinung anderer\nMenschen (zumeist M\u00e4nner), denn ihre Sozialisation hat ihnen beigebracht, sich\nnicht als Existenz an sich wertzusch\u00e4tzen, sondern als Unterst\u00fctzerin,\nHelferin, als Existenz, die einen Wert f\u00fcr andere hat und Leistung vollbringt.\nAusnahmen gibt es nat\u00fcrlich, aber sie widersprechen nicht einem allgemeinen\nTrend, sondern stechen eben als genau das hervor \u2013 als Ausnahmen. </p>\n\n\n\n<h2>Die revolution\u00e4re Bewegung und die Frauen</h2>\n\n<p>Die deutschsprachige revolution\u00e4re Bewegung hat einen\nFrauenmangel, das ist ziemlich offensichtlich. Sie hat insbesondere einen\nMangel an Frauen in f\u00fchrenden Positionen in allen Bereichen des Kampfes. Auch\nlinke Redakteurinnen und Autor_innen, die sich mit unterschiedlichen Themen der\nBewegung auseinandersetzen, sind rar. Uns begegnet es immer wieder, dass Frauen\nsich weniger trauen, \u00f6ffentlich zu schreiben, zu reden, leitend zu agieren,\nstrategische Vorschl\u00e4ge zu machen. Das ist ein Verlust f\u00fcr die gesamte\nBewegung. Nicht nur ein \u201eNebenproblem\u201c, das quasi automatisch mit der Zeit\nvergeht, sondern ein Problem, das daf\u00fcr sorgt, dass das Fundament dieser\nBewegung auf wackligen F\u00fc\u00dfen steht, n\u00e4mlich im Gro\u00dfen und Ganzen nur auf der\nH\u00e4lfte der ausgebeuteten Klassen. Die\nAuswirkungen der t\u00e4glichen Konfrontation mit dem Patriarchat f\u00fchren leider auch\ndazu, dass sich Frauen auch in linken Strukturen untereinander oft als\nKonkurrenz wahrnehmen statt als engste Verb\u00fcndete, und anderen Frauen die\ndringend n\u00f6tige Solidarit\u00e4t verweigern. Die Sozialisation als \u201eminderwertiger\nTeil\u201c dieser Gesellschaft kann auch so weit gehen, dass sie sich und andere\nGenossinnen schlechter bewerten und ihre Meinungen geringer sch\u00e4tzen. Letztlich\nstehen sie sich ihrer pers\u00f6nlichen Entwicklung und der ihrer (potenziellen)\nGenossinnen im Weg. Frauen, die sich \u00fcberhaupt in revolution\u00e4ren Strukturen\norganisieren und dann auch noch bedeutende Rollen einnehmen, sind selten\nanzutreffende Ausnahmen, und jede dieser Frauen wird den t\u00e4glichen Kampf um\nAnerkennung an allen Fronten \u2013 auch an der Front des eigenen Bewusstseins \u2013\nkennen und Erfahrungen dazu teilen k\u00f6nnen.</p>\n\n\n\n<p>Mit der Erkenntnis \u00fcber die schwierige Lage der Frauen in\nrevolution\u00e4ren Strukturen soll nicht gesagt werden, dass der Kopf in den Sand\ngeh\u00f6rt und weil alles so schwierig ist, k\u00fcmmern wir uns als Bewegung nicht\nweiter darum. Im Gegenteil: Wir wollen dazu auffordern, aus der Gewohnheit\nauszubrechen, die Komfortzone zu verlassen - ja, auch eine Situation der\npatriarchalen Unterdr\u00fcckung kann so etwas wie eine \u201eKomfortzone\u201c sein, weil die\nSituation wenigstens einsch\u00e4tzbar ist - und mit kleinen und gro\u00dfen\nVer\u00e4nderungen den Kampf der Frauen um ihre Befreiung in der Bewegung zu f\u00fchren.\nEs gibt auch bereits viele Ankn\u00fcpfungspunkte, etwa k\u00e4mpfende\nFrauenorganisationen und gelebte Frauensolidarit\u00e4t.</p>\n\n\n\n<h2>Bildet Frauenkollektive und schafft Frauensolidarit\u00e4t!</h2>\n\n<p>Die eigenen internalisierten patriarchalen Gedanken und\nGewohnheiten werden nicht mit einer gedanklichen Leistung, mit einer einzigen\nErkenntnis zerschlagen. Unsere Generation an Frauen wird immer wieder im Leben\nGewohnheiten, automatische Verhaltensweisen, Gedanken und Gef\u00fchle hinterfragen\nund aktiv daran arbeiten m\u00fcssen, um selber jeden immer wieder Restgedanken an\ndie minderwertige weibliche Natur auszul\u00f6schen und unser volles Potential zu\nentdecken. Genau das ist Aufgabe einer revolution\u00e4ren Bewegung \u2013 den Kampf\ngegen das Patriarchat zu organisieren, hier und heute, und ebenso in unseren\neigenen Reihen wie \u00fcberall sonst.</p>\n\n<p>Wenn die Erkenntnisse \u00fcber die mehrfach unterdr\u00fcckte Lage der Frau\nim Kapitalismus, \u00fcber die ideologische Rechtfertigung des Patriarchats (als\nMinderwertigkeit der explizit weiblichen Natur) und die eigene Aufnahme dieser\nIdeologie bereits existieren, m\u00fcssen daraus praktische Schritte folgen. Allein\neine abstrakte Erkenntnis zu haben, ist nicht ausreichend, um sein eigenes\nDenken und Handeln zu ver\u00e4ndern. Ein wichtiger Bestandteil im antipatriarchalen\nKampf ist der Aufbau von Frauenkollektiven, die auch \u00fcber einen bin\u00e4ren Fokus\nhinausgehen. Insbesondere kann und soll in einem gesch\u00fctzten Raum eine\nehrliche, solidarische Kritik und Selbstkritik an den eigenen verstrickten Verhaltensweisen\ngeleistet werden, um die eigenen St\u00e4rken zu entdecken und zu entwickeln, die\nvon patriarchalen Gedanken gepr\u00e4gte Lebensf\u00fchrung zu ver\u00e4ndern und letztlich\nauch eine neue Sicht auf die Realit\u00e4t zu entwickeln. Die Entwicklung von\nFrauensolidarit\u00e4t ist ein wichtiger Prozess: Untereinander aufeinander\nvertrauen zu k\u00f6nnen, sich in schwierigen Situationen zu unterst\u00fctzen und zu\nhelfen und gemeinsam die unterdr\u00fcckte Realit\u00e4t zu ver\u00e4ndern, ist der erste und\nwichtigste Schritt, den wir Frauen gehen k\u00f6nnen. Das sind bewusste Anstrengungen,\nin die wir Kr\u00e4fte stecken m\u00fcssen: Indem wir uns zum Beispiel bewusst daf\u00fcr zu\nentscheiden, mit einer Genossin gemeinsam einen Text zu schreiben, uns bewusst\nZeit daf\u00fcr zu nehmen, junge Frauen zu organisieren, die sich vielleicht nicht\ndirekt in den Vordergrund r\u00fccken oder uns bewusst zu fragen, mit welcher\nkonstruktiven und solidarischen Kritik wir selbst Genossinnen und zuk\u00fcnftige\nMitk\u00e4mpfer_innen weiter bringen k\u00f6nnen.</p><p></p><hr/>[1] Im Artikel ist im Allgemeinem von \u201eM\u00e4nnern\u201c und \u201eFrauen\u201c die\nRede. Ich m\u00f6chte aber deutlich machen, dass Menschen, die sich dieser bin\u00e4ren\nGeschlechterordnung nicht zuordnen k\u00f6nnen oder wollen, ebenso unter\npatriarchalen Strukturen zu leiden haben. Sie werden von der\nMehrheitsgesellschaft entweder dennoch in die bin\u00e4re Geschlechterordnung hinein\ngezwungen, erfahren anhand dieser Zweiteilung zus\u00e4tzliche Diskriminierungen und\nihnen werden ebenso vermeintlich \u201epassende\u201c Rollen und Verhalten zugeordnet. <br/>\n\n<hr/><h2><a href=\"https://revoltmag.org/articles/protest-widerstand-revolution/\">Patriarchat und Widerstand</a></h2>Die sehr unterschiedlichen Beitr\u00e4gen unserer Reihe eint ein \nfeministischer Blick auf das Leben in patriarchalen und sexistischen \nVerh\u00e4ltnissen und in Klassenverh\u00e4ltnissen; ein feministischer Blick \nebenso auf die Funktionsweise des Kapitalismus, der die Unterdr\u00fcckung \nder Frau seit Anbeginn als konstituierendes Element ben\u00f6tigt und \nausnutzt. Wir wollen eigene Erfahrungen einbringen, als Frauen* in \npatriarchalen Strukturen, wollen K\u00e4mpfe und Widerst\u00e4nde weltweit \naufzeigen und f\u00fcr die Bewegung im deutschsprachigen Raum zug\u00e4nglich \nmachen. Wir machen die Geschichte der Frauen*bewegungen lebendig und \nfragen gleichzeitig nach einer Zukunft des Widerstands. <br/>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Feminismus und Revolution\" height=\"790\" src=\"/media/images/feminism_-_4_all.original.jpg\" width=\"1773\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Teil der Reihe: Patriarchat und Widerstand</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/zerschlagt-das-patriarchat/", "id": "https://revoltmag.org/articles/zerschlagt-das-patriarchat/", "author": {"name": "Anja Klein", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2017-11-06T17:13:41.801534+00:00", "date_modified": "2017-11-06T17:13:41.801534+00:00", "tags": ["re:think", "linke politik", "widerstand", "patriarchat", "feminismus", "frauenkampf", "frauenkollektive", "solidarit\u00e4t"], "summary": "Das Patriarchat lebt. Es lebt in dir, in mir, in linksradikalen Strukturen. 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Das Blatt bagatellisiert die \u00dcbergriffe als \u201eSex-Attacken\u201c und\nschreibt: \u201eHeute kann ein Kompliment \u00fcber das sch\u00f6ne Kleid einer Frau leider\nschon missverstanden werden \u2013 als sexuelle Bel\u00e4stigung! Der neue Sex-Code:\nH\u00e4nde weg von Mitarbeiterinnen und Schauspielerinnen\u201c. Die Mechanismen, sexualisierte\nGewalt zu verharmlosen und die patriarchalen Machtverh\u00e4ltnisse zu normalisieren\nund aktiv zu sch\u00fctzen, in zwei S\u00e4tzen zusammengefasst. Mit #metoo wird aktuell\n(und mal wieder!) die Allgegenw\u00e4rtigkeit dessen ins Licht ger\u00fcckt. Jede Person\nmit Internetanschluss kann potenziell teilnehmen, jede kann geh\u00f6rt werden. Auch\ndie Stimmen, die den wichtigen Schwenk vom Erz\u00e4hlen einer individuellen Erfahrung\ndorthin vollziehen, die Systematik hinter dem Einzelfall wahrzunehmen. Das\nhei\u00dft, die patriarchalen Strukturen, die T\u00e4ter* hervorbringen und sch\u00fctzen,\noffenzulegen und verantwortlich zu machen. Denn die Unterdr\u00fcckung von Frauen*\nist ein zentraler Motor des Kapitalismus. Die aktuelle Aktion kann nicht <i>nur</i> als privilegierte\nHollywoodgeschichte, Identit\u00e4tspolitik oder Netzfeminismus ohne R\u00fcckgriff auf\nhistorische Entwicklungen abgetan werden [1]: Die \u201eMe too\u201c-Bewegung ist keine\nneue, und keine <i>wei\u00dfe </i>Erfindung<i>.</i> Women of Color pr\u00e4gten <a href=\"http://www.ebony.com/news-views/black-woman-me-too-movement-tarana-burke-alyssa-milano#.WeXbX6FYxF4.twitter\">schon vor Jahren</a> den Begriff. Es\nist eine radikale Bewegung, so beschreibt es die Aktivistin <a href=\"https://twitter.com/TaranaBurke/status/919704801214128139?ref_src=twsrc%5Etfw&amp;ref_url=https%3A%2F%2Fwww.buzzfeed.com%2Faishagani%2Fpeople-are-pointing-out-a-black-woman-started-the-me-too\">Tarana\nBurke</a>, die insbesondere junge Frauen (of Color) wissen l\u00e4sst, dass sie\nnicht alleine sind. Sexualisierte Gewalt, so Burke, kennt\nkeine Ethnizit\u00e4t, kein Geschlecht, keine Klasse (\u201eno race, no gender, no\nclass\u201c). Aber die Reaktion auf sexualisierte Gewalt ist hochgradig von \u201erace,\nclass, gender\u201c abh\u00e4ngig: Welche Gewalt wahrgenommen wird, welche \u00dcbergriffe als\n\u201enat\u00fcrlich\u201c und \u201enormal\u201c dargestellt werden, wessen Stimme geh\u00f6rt wird und so\nweiter. Die aktualisierte #metoo-Bewegung ist im \u00dcbrigen kein reines\nOnlineph\u00e4nomen mehr, was Demonstrationen (etwa mit 1000 Aktivist_innen in\nBerlin) unter demselben Namen und neu entstehende feministische B\u00fcndnisse\nzeigen. Auch der Rahmen der Kulturindustrie ist in den Diskussionen l\u00e4ngst \u00fcberschritten, es geht\nauch immer mehr um \u00dcbergriffe von M\u00e4nnern in anderen machtvollen Positionen, <a href=\"http://derstandard.at/2000067017397/BelaestigungsvorwuerfeBritischer-Verteidigungsminister-tritt-zurueck?ref=rec\">in der Politik</a>\nund in staatlichen Strukturen. </p>\n\n<p>Zweitens. Zeitgleich in Polen. Zehntausende Frauen* (und\neinige m\u00e4nnliche Unterst\u00fctzer) gehen gegen die geplanten Versch\u00e4rfungen des\nAbtreibungsrechts durch die Regierung, die von der rechtspopulistischen,\nultrakonservativen Partei \u201eRecht und Gerechtigkeit\u201c (PiS \u2013 Prawo i\nSorawiedliwosc) gestellt wird, auf die Stra\u00dfe. Vorausgegangen sind jahrelange\nK\u00e4mpfe um umstrittene Justizreformen, nach der Frauen, die eine Abtreibung\nvornehmen, mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden k\u00f6nnen.\nFrauen*organisationen in Polen machen indes nicht beim Thema Abschiebung halt.\nSie \u00fcben scharfe Kritik an den rechts-nationalistischen Entwicklungen der\nRegierung, an der frauen- und massenfeindlichen Politik und an der zunehmenden\nEinflussnahme der katholischen Kirche auf alle Lebensbereiche. Nicht zuletzt\nsolidarisieren sie sich mit Arbeitsk\u00e4mpfen vor Ort und europaweit, sie sind\nlautstarke Verb\u00fcndete \u2013\u00a0 in\nGewerkschaftsk\u00e4mpfen und Streiks, aber auch in basisorganisierten Strukturen.\nKurz gesagt: Sie sind der Regierung schon lange ein Dorn im Auge. <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/319920.vorsorglich-einsch\u00fcchtern.html\">Die\nBeh\u00f6rden reagierten daher umgehend</a> und schickten acht\nFrauen*organisationen, die f\u00fcr die diesj\u00e4hrigen Proteste mobilisiert hatten,\ndie Staatsanwaltschaft an den Kragen: Die Polizei drang in die jeweiligen R\u00e4ume\nein und konfiszierte Unterlagen und Computer. </p>\n\n<p>Drittens. Ein weiteres Hashtag: #keinemehr. Es thematisiert\nFemizide, Frauenmorde: Frauen*, die get\u00f6tet werden, <i>weil</i> sie Frauen* sind. Der\nHashtag und die dahinterstehende gro\u00dfe feministische Bewegung entstanden in\nLateinamerika: \u201eNi una me\u00f1os\u201c (Nicht eine Frau weniger) hei\u00dft es dort. In\nArgentinien, Mexiko oder Peru k\u00e4mpfen die Genossinnen seit Jahren in\nzahlreichen St\u00e4dten (auch militant) gegen unterdr\u00fcckerische und sexistische\nStrukturen an: gegen frauenfeindliche Gesetzgebungen, fehlende Schutzstrukturen\nf\u00fcr Betroffene von Gewalt, Machismo als Staatsr\u00e4son und gegen das von M\u00e4nnern\ndominierte Justizsystem. Viele der Basisgruppen verkn\u00fcpfen ihre Forderungen\nnach dem Ende der Gewalt gegen\u00fcber Frauen* mit antikapitalistischen und\nsozialistischen Grunds\u00e4tzen. Ihre K\u00e4mpfe gegen Frauenmorde sind ein Vorbild f\u00fcr\nverb\u00fcndete Frauen* in anderen Teilen der Welt. In Polen, in Italien, in der\nT\u00fcrkei - und eben in Deutschland werden die K\u00e4mpfe thematisiert, derzeit laufen die letzten Planungen f\u00fcr ein <a href=\"https://keinemehr.wordpress.com/\">Vernetzungstreffen\nvon Aktivistinnen</a>* am 11.11. in Berlin.</p><h2>Patriarchat und Widerstand - Auftakt einer neuen Reihe<br/></h2>\n\n<p>Ein Triptychon \u2013 drei Schaubilder \u2013 zu Themen, die aktuell\ndebattiert werden, die Frauen*, aber eben beileibe nicht nur sie, sondern die\ngesamte Gesellschaft betreffen. Wir wollen an dieser Stelle mit einer ganzen\nReihe an sehr unterschiedlichen Beitr\u00e4gen einsetzen, die eines eint: Ein\nfeministischer Blick auf das Leben in patriarchalen und sexistischen Verh\u00e4ltnissen\nund in Klassenverh\u00e4ltnissen; ein feministischer Blick ebenso auf die\nFunktionsweise des Kapitalismus, der die Unterdr\u00fcckung der Frau seit Anbeginn\nals konstituierendes Element ben\u00f6tigt und ausnutzt. Wir wollen eigene\nErfahrungen einbringen, als Frauen* in patriarchalen Strukturen, wollen K\u00e4mpfe\nund Widerst\u00e4nde weltweit aufzeigen und f\u00fcr die Bewegung im deutschsprachigen\nRaum zug\u00e4nglich machen. Wir m\u00f6chten die Geschichte der Frauenbewegungen\nlebendig machen und gleichzeitig nach einer Zukunft des Widerstands fragen:\nWelche gesellschaftliche Relevanz hat ein materialistischer Feminismus heute?\nWie lassen sich Klassenk\u00e4mpfe und Feminismus weiter zusammen denken? Wie steht\nes um das Thema der Klassenunterschiede in feministischen Bewegungszusammenh\u00e4ngen?\nWie werden Erfahrungen von Kolonialismus und Rassismus aufgegriffen und\nbearbeitet? Welche Rollenvorstellungen und patriarchale Strukturen m\u00fcssen wir\nin unseren eigenen linksradikalen Strukturen bek\u00e4mpfen? Wie kann dem\nWiedererstarken von antifeministischen Ideologien durch\nrechte Projekte begegnet werden? Und auch: Wie k\u00f6nnen wir K\u00e4mpfe gegen\nPrekarisierung, Ausdehnung der Arbeit, Armut, gek\u00fcrzte Sozialleistungen und\nWohnungsnot, also \u201eK\u00e4mpfe von unten\u201c besser als bisher mit feministischen\nPerspektiven verkn\u00fcpfen? In diesen zeigt sich n\u00e4mlich die Zuspitzung in der\nallgemeinen Hegemoniekrise des Kapitalismus, n\u00e4mlich die Zuspitzung des\nWiderspruchs zwischen Kapitalakkumulation und sozialer Reproduktion: Einerseits\nsind arbeitende und emanzipierte Frauen* super zwecks Ausbeutung ihrer\nArbeitskraft, andererseits werden sie erneut auf ihre patriarchal kodierten\nRollen der unbezahlten und unsichtbaren Reproduktionsarbeit heruntergedr\u00fcckt.\nViele der neoliberalen, individualisierten Verh\u00e4ltnisse sind, das wird damit\ndeutlich, eben auch mit patriarchalen und sexistischen Verh\u00e4ltnissen organisch\nverkn\u00fcpft und m\u00fcssen deshalb gemeinsam bek\u00e4mpft werden. Als re:volt Redaktion\nerhoffen wir uns im Laufe der Reihe eine fruchtbare und solidarische Debatte\nund auch einen Erkenntnisgewinn f\u00fcr unsere eigenen Auseinandersetzungen. Wir\nm\u00f6chten Frauen*(kollektive) auffordern, eigene Beitr\u00e4ge einzubringen. Schreibt\nuns! </p>\n\n<p>[1]\u00a0 Eine durchaus\nkonstruktive Kritik an der aktuellen #metoo-Bewegung liefert etwa Charlott\nSch\u00f6nwetter bei der <a href=\"https://maedchenmannschaft.net/metoo-wichtige-aktion-zur-sichtbarmachung-oder-aktivismus-sackgasse/\">M\u00e4dchenmannschaft</a>.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Die Einleitung zu unserer Reihe \"Patriarchat und Widerstand\"."}]}