{"version": "https://jsonfeed.org/version/1", "title": "re:volt magazine Archiv", "home_page_url": "http://revoltmag.org/articles/?tags=14", "description": "Zeige Artikel mit den Schlagworten widerstand", "feed_url": "http://revoltmag.org/feeds/articles.json?tags=14", "language": "en", "icon": "http://revoltmag.org/static/logos/logo_192.png", "favicon": "http://revoltmag.org/static/favicon.png", "items": [{"title": "Verdichtete Eskalation", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Verdichtete Eskalation</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"muhtesem satrayni_semazen (2025).jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/muhtesem_satrayni_semazen_202.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">muhte\u015fem satrayni</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Am 18. M\u00e4rz erreichte die politische Eskalation in der T\u00fcrkei eine neue Stufe: Das Dekanat der Istanbul Universit\u00e4t entzog dem B\u00fcrgermeister der Stadt, Ekrem Imamo\u011flu, kurzerhand das Hochschuldiplom, das dieser dort vor \u00fcber 30 Jahre erworben hatte. Imamo\u011flu, Politiker der st\u00e4rksten Oppositionspartei Republikanische Volkspartei (<i>Cumhuriyet Halk Partisi</i>, CHP), wird schon seit geraumer Zeit als aussichtsreichster Gegenkandidat zu Erdo\u011fan bei den n\u00e4chsten Wahlen gehandelt; ein Universit\u00e4tsdiplom ist allerdings notwendig in der T\u00fcrkei, um zur Pr\u00e4sidentschaftswahl zugelassen zu werden. Aber das war noch nicht genug, schienen sich Erdo\u011fan und Konsorten gedacht zu haben: <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ekrem-imamoglu-a-gozalti,1226929\">Am 19. M\u00e4rz 2025</a> wurde Imamo\u011flu auf Grundlage von zwei unterschiedlichen Anklagepunkten \u2013 Korruption und Terrorunterst\u00fctzung \u2013 gemeinsam mit rund 100 seiner Mitarbeiter*innen und Kolleg*innen in Untersuchungshaft genommen. Vier Tage sp\u00e4ter wurde er dann per Gerichtsbeschluss in Gef\u00e4ngnishaft \u00fcberf\u00fchrt.</p><p>Das vielleicht \u00fcberraschendste an dieser Eskalation ist jedoch die Reaktion auf der Stra\u00dfe: <a href=\"https://t24.com.tr/haber/isntabul-da-imamoglu-protestolari-ogrenciler-sokaklara-tasti-vatandaslar-7-gun-polis-mudahalelerine-direndi,1228619\">Seit</a> dem Entzug von Imamo\u011flus Diplom hat sich eine <a href=\"https://www.ozgurlukharitasi.com/\">landesweite Massenbewegung</a> formiert, die schon am ersten Wochenende vom 22. bis zum 23. M\u00e4rz allein in Istanbul <a href=\"https://www.turkeyrecap.com/p/street-clashes-to-continue-in-turkeys\">600.000 Menschen t\u00e4glich</a> mobilisieren konnte. Eine Gro\u00dfkundgebung am letzten Samstag, den 29. M\u00e4rz, schaffte es sogar <a href=\"https://www.turkeyrecap.com/p/cornered-but-energized-turkeys-opposition\">bis zu</a> einer Million Menschen auf der anatolischen Seite Istanbuls zusammen zu bringen. Was steckt hinter dieser Entwicklung? Welche Strategie verfolgt Erdo\u011fan, und wie reagiert die Opposition?</p><h2><b>Erdo\u011fans ewiger Staatsstreich</b></h2><p>Selbst f\u00fcr langj\u00e4hrige Beobachter*innen der t\u00fcrkischen Politik wie mich bleibt jede neue Eskalationsstufe erstaunlich \u2013 obwohl ich selbst <a href=\"https://revoltmag.org/articles/frieden-oder-friedhofsruhe/\">noch vor weniger als einem Monat</a> im <i>re:volt magazine</i> schrieb: \u201eDas derzeitige sehr hohe Ma\u00df an Repression, auch gegen die wichtigste Oppositionspartei, die CHP, [wird] sicherlich beibehalten werden.\u201c Jede neue Repressionsfurie verbl\u00fcfft eben doch immer wieder. Tats\u00e4chlich war Erdo\u011fans aktueller Move aber auch im Konkreten keineswegs unerwartet \u2013 er hatte sich mit Pauken und Trompeten angek\u00fcndigt.</p><p>Seit Jahren steht der Istanbuler B\u00fcrgermeister Imamo\u011flu im Fadenkreuz der Regierung. Bereits vor den Entwicklungen der letzten Woche wurde aus <a href=\"https://www.hrw.org/news/2025/03/19/turkiye-istanbul-mayor-detained\">mindestens</a> f\u00fcnf Richtungen juristisch gegen ihn vorgegangen; seit Jahren h\u00e4ngt \u00fcber Imamo\u011flu das Damoklesschwert des politischen Bet\u00e4tigungsverbots aufgrund eines politischen Verfahrens. Sein \u201eVerbrechen\u201c: Imamo\u011flu hat sich in wenigen Jahren als ernstzunehmender Gegenkandidat zu Erdo\u011fan herauskristallisiert. Aber auch das ist nur Teil von Erdo\u011fans ewigem Staatsstreich: Die systematische und gewaltvolle Ausschaltung aller autonomen oder oppositionellen Akteur*innen von Rang in Staat und Gesellschaft. Das Muster ist bekannt: Seit Jahren sitzen f\u00fchrende kurdische und linke Politiker*innen wie Selahattin Demirta\u015f und Figen Y\u00fcksekda\u011f, viele kurdische B\u00fcrgermeister*innen oder auch der gr\u00f6\u00dfte Kulturm\u00e4zen des Landes (Osman Kavala) im Gef\u00e4ngnis. Es ist daher unbegreiflich, dass sich jetzt noch Artikel ver\u00f6ffentlichen lassen mit Titeln wie \u201e<a href=\"https://jacobin.com/2025/03/turkey-erdogan-imamoglu-imprisonment-authoritarianism\">Turkey\u2019s Authoritarian Turn</a>\u201c. Guten Morgen! Neu ist hingegen, dass sich die autorit\u00e4re Eskalation jetzt auch versch\u00e4rft gegen die republikanische, t\u00fcrkische Opposition und gegen einen ihrer f\u00fchrenden Politiker richtet, der zum ersten Mal seit \u00fcber 20 Jahren AKP-Herrschaft eine reale Aussicht auf Erfolg hat.</p><p>Keine Sekunde lang sollte man ernsthaft in Erw\u00e4gung ziehen, dass gegen Imamo\u011flu und die anderen Angeklagten irgendetwas wirklich Justiziables vorliegt. Die Anklagen sind, das zeigen die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-nun-121-sayfalik-ifadesi-,1227616\">Vernehmungsprotokolle</a> bei der Polizei und beim Haftrichter, so sehr <a href=\"https://www.hrw.org/news/2025/03/24/turkiye-court-jails-istanbul-mayor\">an den Haaren herbeigezogen</a> und so offensichtlich politisch motiviert, wie es nur geht. Der Entzug des Diploms etwa verst\u00f6\u00dft nicht nur gegen den Geist, sondern sogar <a href=\"https://t24.com.tr/haber/istanbul-universitesi-nin-imamoglu-na-degerli-mezunumuz-diye-hitap-ettigi-paylasimlar-gundem-oldu,1226916\">gegen den Buchstaben des Gesetzes</a>: Es wurde ein Gesetz angewendet, das es 1990, als Imamo\u011flu an die Istanbuler Universit\u00e4t wechselte, noch gar nicht gab. Selbst nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben w\u00e4re der Fall eine <a href=\"https://t24.com.tr/haber/idare-hukuku-hocalarindan-imamoglu-nun-diplomasi-konusunda-uzman-gorusu-diploma-iptali-acikca-hukuka-aykiri,1227082\">rein verwaltungsrechtliche</a> Angelegenheit \u2013 in einem (b\u00fcrgerlichen) Rechtsstaat w\u00e4re es <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aym-2023-te-emsal-niteliginde-diploma-kararina-imza-atmis-diplomayi-bir-yil-sonra-iptal-etmek-idarenin-tutarliligiyla-bagdasmaz,1226552\">undenkbar</a>, jemandem nach \u00fcber 30 Jahren wegen so etwas das Diplom zu entziehen. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-nun-savciliktaki-yolsuzluk-ifadesi-namusuma-haysiyetime-leke-getirecek-uygulamalari-yapanlarla-mucadelemi-hukuki-zeminde-sonuna-kadar-arayacagima-yemin-ettim-,1227803\">Die Korruptionsvorw\u00fcrfe</a> basieren auf den Aussagen von Geheimzeugen, deren Identit\u00e4t und Inhalte nicht \u00fcberpr\u00fcft werden k\u00f6nnen \u2013 ein altbew\u00e4hrtes Muster bei politischen Verfahren in der T\u00fcrkei. Immer wieder stellt sich im Nachhinein heraus, dass jene Geheimzeugen schlicht erfunden sind. Politische Fiktion, nichts weiter. Auch der Terrorvorwurf ist ein alter Hut: politische Zusammenarbeit mit Kurd*innen. <a href=\"https://www.lrb.co.uk/blog/2025/march/Imamoglu-s-arrest\">I</a><a href=\"https://www.lrb.co.uk/blog/2025/march/Imamoglu-s-arrest\">m konkreten Fall</a>: Die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ekrem-imamoglu-nun-teror-sorusturmasindan-ifadesi-ortaya-cikti-,1227792\">Zusammenarbeit</a> der CHP mit der pro-kurdischen, linken Partei f\u00fcr Emanzipation und Demokratie der V\u00f6lker (<i>Halklar\u0131n E\u015fitlik ve Demokrasi Partisi</i>, DEM) im Rahmen der Lokalwahlen 2024, insbesondere in Istanbul. Und: weil Kurd*innen Terrorist*innen sind, gilt das als Unterst\u00fctzung von Terrorismus. Klar, logisch.</p><p>Warum erfolgt der Schlag gegen Imamo\u011flu also genau jetzt? Erdo\u011fan ist ein politischer Meisterstratege von unvergleichlichem Geschick. Er wartete einfach auf den bestm\u00f6glichen Moment, um zuzuschlagen. Die n\u00e4chsten Wahlen stehen fr\u00fchestens in zwei Jahren, wahrscheinlich jedoch eher in drei Jahren (2028), an. Schafft er es jetzt, seinen elektoralen Hauptgegner auszuschalten, wird die Opposition es kaum schaffen, kurzfristig eine neue Figur mit vergleichbarer Strahlkraft aufzubauen. Gleichzeitig wird Erdo\u011fan noch genug Zeit haben, auch gegen einen weiteren Konkurrenten vorzugehen: Gegen den zweiten aussichtsreichen Oppositionskandidaten, den B\u00fcrgermeister von Ankara Mansur Yava\u015f (auch CHP), l\u00e4uft \u2013 suprise, suprise! \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ankara-buyuksehir-belediyesi-nin-33-konserine-kamu-zarari-iddiasiyla-sorusturma-izni-verildi,1228130\">auch schon</a> ein mehrteiliges Verfahren wegen Korruption. Besonders ironisch daran: Unter dem langj\u00e4hrigen AKP-B\u00fcrgermeister Melih G\u00f6k\u00e7ek (von 1994-2017) war Ankara <i>das </i>Sinnbild der Korruption der AKP-\u00c4ra, bis die CHP das B\u00fcrgermeisteramt 2019 \u00fcbernahm. Die \u00f6konomischen Folgen der Verhaftung sind f\u00fcr Erdo\u011fan jedenfalls <a href=\"https://umitak.substack.com/p/whats-next-for-turkiye\">durchaus noch verkraftbar</a>. Jeder m\u00f6gliche Schaden (Verlust von Devisenreserven der Zentralbank, Entwertung der Lira, wieder zunehmende Inflation) l\u00e4sst sich bis 2027-28 wieder derart einfangen, dass Erdo\u011fan sogar in altbekannter Manier kurz vor den n\u00e4chsten Wahlen erneut \u00f6konomischen Populismus betreiben k\u00f6nnte.</p><p>Umgekehrt wird es schwieriger werden, die aktuelle Mobilisierung und das Tempo der Opposition bis zu den n\u00e4chsten Wahlen aufrecht zu erhalten. Gut in Regierungskreise vernetzte Journalist*innen berichten, dass die AKP plant, die Istanbuler Stadtverwaltung mit Verfahren, Repression und Schikanen <a href=\"https://www.nefes.com.tr/yazarlar/nuray-babacan/topal-ordek-stratejisi-24064\">zu zerm\u00fcrben</a>, ob mit oder ohne Imamo\u011flu an der Spitze. Hinzu kommen die Friktionen und Spaltungstendenzen innerhalb der Opposition, auf die ich gleich genauer eingehen werde. Nicht zuletzt kommen Erdo\u011fan die internationalen Entwicklungen zugute: Er <a href=\"https://www.ft.com/content/ee3d8d91-1573-4236-9f41-749ced732732\">wei\u00df</a> nat\u00fcrlich, dass er mit Trump in den USA und einer EU, die dringend einsatzbereite Truppen f\u00fcr den Ukrainekrieg und Waffenschmieden f\u00fcr die \u201eZeitenwende\u201c ben\u00f6tigt, keinen g\u00fcnstigeren Zeitpunkt f\u00fcr seine aktuelle Offensive finden konnte <a href=\"https://www.ft.com/content/84683c95-e970-4c18-bff5-27f14e57679c\">als jetzt</a>. Die neueste Eskalationsspirale ist also nicht abgek\u00fchlt \u2013 sie hat gerade erst angefangen.</p><h2><b>Die Stra\u00dfendynamik und ihre Errungenschaften</b></h2><p>So weit, so Erdo\u011fan. Nun ist aber auch er nicht unfehlbar und seine Kalk\u00fcle gehen nicht immer auf. Wirklich \u00fcberraschend bei den Entwicklungen der letzten Woche waren daher die riesigen landesweiten Massenmobilisierungen, die sich innerhalb weniger Tage entwickelten. Hatte die CHP urspr\u00fcnglich zu Kundgebungen am Istanbuler Rathaus und dem angrenzenden Sara\u00e7hane Park mobilisiert, sprengten die Proteste schnell diesen eng gesteckten Rahmen: Schon direkt am 19. M\u00e4rz <a href=\"https://x.com/ozgurlukcugnclk/status/1902637494404837619?s=52&amp;t=fprcCCrfm3TWL_wrtyfYWA\">mobilisierten zehntausende Studierende</a> fast aller \u00f6ffentlichen Elite-Universit\u00e4ten des Landes \u2013 ODT\u00dc und Bilkent in Ankara, Bo\u011fazi\u00e7i, Marmara, Istanbul Universit\u00e4t und Technische Uni in Istanbul \u2013 unter F\u00fchrung linksrevolution\u00e4rer Jugendorganisationen auf unabh\u00e4ngige Studierendendemonstrationen, und zwar t\u00e4glich. Anpolitisierte Jugendliche mit diffus nationalistischen Grund\u00fcberzeugungen mobilisierten sich selbst oder unter F\u00fchrung rechtsextremer nationalistischer Organisationen, ebenfalls zu Zehntausenden, ebenfalls t\u00e4glich. In fast allen Enden und Ecken des Landes, inklusive in erzkonservativen Hochburgen in Zentralanatolien (wie Konya oder \u00c7orum) und am Schwarzmeer (Rize, Trabzon), kam es zu teils spontanen, teils von den lokalen CHP-Abteilungen angef\u00fchrten Demonstrationsz\u00fcgen. In Istanbul weiteten sich die Proteste auf einzelne Stadtviertel aus \u2013 mit teils Zehntausenden Beteiligten wie in Kad\u0131k\u00f6y. Und das parallel und unabh\u00e4ngig von der jeweils t\u00e4glich stattfindenden Hauptkundgebung am Istanbuler Rathaus.</p><p>Einmal mehr wurde also die Jugend zur Speerspitze des popularen Aufstandes und trieb diesen \u00fcber sich selbst hinaus. Die Demonstrationen tragen, wie damals bei Gezi, karnevaleske Z\u00fcge: Banner mit Slogans wie \u201eLiebe Polizei, bitte kein Tr\u00e4nengas, das macht mein Mascara kaputt\u201c; Banner von IT-Studis, die die Unm\u00f6glichkeit Erdo\u011fans per Funktionsgleichungen \u201ebeweisen\u201c; mehrere Demonstrant*innen, die verkleidet als <a href=\"https://www.birgun.net/haber/cnne-konusan-pokemon-uzmani-pikachu-maksatli-bir-eylem-yapti-611104\">Pikachu</a> in der ersten Reihe mitlaufen; ein Demonstrant, der unter Beschuss durch Wasserwerfer auf dem Boden einen Fisch nachahmt; die harten Jungs, die direkt vor der hochger\u00fcsteten Polizeireihe miteinander darum konkurrieren, wer die meisten Liegest\u00fctzen hinkriegt; die s\u00fc\u00dfen P\u00e4rchen, die sich direkt vor der Polizeikette Heiratsantr\u00e4ge machen; hier ein Derwisch mit Gasmaske, der unter Tr\u00e4nengasbeschuss den sufistischen <i>semazen</i> tanzt; dort kollektive Volkst\u00e4nze, Ch\u00f6re, T\u00f6pfeklopfen, Autohupen \u2013 und so weiter, und so fort.</p><p>Die CHP hat diese Dynamik nicht selbst entfesselt und konnte sie auch nicht so einfach kontrollieren. Doch diesmal kam es zu einer fundamentalen Errungenschaft der Massenproteste, zu etwas, was meine Generation an Jugendrebell*innen um die Gezi-Aufst\u00e4nde im Sommer 2013 nicht geschafft hatte: Nach anf\u00e4nglichem Z\u00f6gern und Zaudern akzeptierte die CHP-F\u00fchrung die Stra\u00dfendynamik. Der Chef der CHP, \u00d6zg\u00fcr \u00d6zel, rief dazu auf, Polizeibarrikaden <a href=\"https://www.gazetepencere.com/gundem/ozgur-ozelden-yeniden-sokaga-cikin-cagrisi-barikatlari-asin-meydanlara-akin-655153h\">zu missachten</a> und <a href=\"https://gazeteoksijen.com/turkiye/sarachanede-son-bulusma-ozgur-ozel-darbeyi-puskurttunuz-burada-kayyim-yoksa-sizin-sayenizde-238203\">drohte</a> <a href=\"https://gazeteoksijen.com/turkiye/sarachanede-son-bulusma-ozgur-ozel-darbeyi-puskurttunuz-burada-kayyim-yoksa-sizin-sayenizde-238203\">mit</a> einem Demonstrationszug auf den symboltr\u00e4chtigen Taksim-Platz in Istanbul, falls die Polizeigewalt nicht abnehme. Es sei dahingestellt, wie ernst ihm damit ist. Die CHP oszilliert seit dem Wochenende vom 22.-23. M\u00e4rz zwischen zwei Polen: Sie versucht zum einen, die Bewegung zu d\u00e4mpfen und kontrollierbar zu halten, aber auch schw\u00e4cher zu machen: Schon hat \u00d6zel das Ende der Kundgebungen am Istanbuler Rathaus verk\u00fcndet, <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/articles/cvg52947nvlo\">weil</a> Erdo\u011fans Putsch <a href=\"https://t24.com.tr/haber/chp-nin-maltepe-mitingi-nde-konusan-ozel-turkiye-ye-ihanet-eden-bir-avuc-insanin-darbe-girisimine-hep-birlikte-tanik-olduk-,1229150\">zur\u00fcckgeschlagen</a> worden sei. Erdo\u011fan zur\u00fcckgeschlagen nach ein, zwei Wochen Protesten? Wohl kaum. Andererseits verteidigt die CHP gleichzeitig weiterhin den Kampf gegen Polizeibarrikaden auf den Stra\u00dfen und k\u00fcndigt an, dass die Demonstrationen <a href=\"https://halktv.com.tr/gundem/imamogluna-ozgurluk-mitingi-istanbul-akin-akin-maltepeye-gidiyor-925304h\">st\u00e4rker weitergef\u00fchrt werden</a>. Am 29. M\u00e4rz kam es zu einer Gro\u00dfkundgebung im Bezirk Maltepe, auf der asiatischen Seite Istanbuls, mit bis zu einer Million Beteiligten. In den ganzen Jahren der AKP-\u00c4ra hat es so etwas vonseiten der CHP nicht gegeben; allein schon diskursiv stellt dies einen wichtigen Dammbruch dar. In regierungsnahen Kreisen \u2013 insbesondere bei der F\u00fchrung der Exekutive (Polizeipr\u00e4sidium und Gouverneur) in Istanbul \u2013 w\u00e4chst die Angst, dass sich die Proteste zum 1. Mai mit Unterst\u00fctzung der CHP tats\u00e4chlich auf den Taksim-Platz und den angrenzenden Gezi-Park ausweiten k\u00f6nnten. Und diese Angst ist berechtigt.</p><p>Die zweite wichtige Errungenschaft der Mobilisierungen h\u00e4ngt unmittelbar damit zusammen. Erdo\u011fan hat sich, zumindest kurzfristig, schlicht verkalkuliert. Interne <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/tolga-sardan-buyutec/ibb-sorusturmasi-ankara-ve-istanbul-da-isiklar-daha-ne-kadar-yanacak,49167\">Berichte</a> deuten darauf hin, dass Regierungskreise eine solche Massenreaktion nicht erwarteten haben. Sie gingen vielmehr davon aus, dass der Widerstand auf die CHP und ein paar Kundgebungen vor dem Istanbuler Rathaus beschr\u00e4nkt bleiben w\u00fcrde \u2013 was eigentlich gar nicht so verkehrt gedacht war, wenn man sich vor Augen h\u00e4lt, wie die CHP bisher Widerstand leistete. Diesmal ging die Rechnung nicht auf. Die Wut, der Oppositionellen und insbesondere der perspektivlosen Jugend, ist sehr hoch \u2013 sie gab der Massendynamik eine organisierte Realit\u00e4t, in der sich der Unmut weiter manifestieren konnte. Welcher Tropfen das Fass zum \u00dcberlaufen bringt, das ist eben im Vornherein selten vorherzusehen; die ontologische Unvorhersehbarkeit bleibt eine Grundeigenschaft von spontanen Massen-\u201eEreignissen\u201c wie die derzeit stattfindende in der T\u00fcrkei \u2013 auch, wenn im Nachhinein die allgemeinen Ursachen und Dynamiken nachvollziehbarer und klar werden. War nicht auch der Gezi-Aufstand von 2013 so ein \u201eEreignis\u201c?</p><p><a href=\"https://www.ayrim.org/guncel/her-seyi-degistiren-olay/\">Ohne die Massendynamik</a> w\u00e4ren die Wut und der Unmut eine individuelle Angelegenheit geblieben \u2013 ausgedr\u00fcckt als Frust, Depolitisierung, Apathie, wie es bisher oft der Fall war. Die CHP h\u00e4tte ein bisschen symbolisch protestiert und w\u00e4re zum Verfassungsgericht gerannt, das w\u00e4r\u2019s gewesen. Jetzt hat aber hat die Bewegung (kleine) Berge versetzt: Erdo\u011fan musste schon in der kurzen Zeit <a href=\"https://www.nefes.com.tr/yazarlar/deniz-zeyrek/iki-kayyum-planindan-geri-donulmus-24530\">R\u00fcckzieher machen</a>. Offensichtlich hatte die politische Justiz vor, die gesamte CHP-F\u00fchrung abzusetzen und einen von der Zentralregierung eingesetzten Zwangsverwalter f\u00fcr die gesamte CHP einzusetzen (klingt unglaublich, aber in der T\u00fcrkei heute ist alles m\u00f6glich). Zudem wollte sie offensichtlich einen Zwangsverwalter f\u00fcr das B\u00fcrgermeisteramt Istanbuls einsetzen. Beide Pl\u00e4ne musste Erdo\u011fan jetzt zur\u00fcckziehen.</p><p>Es gibt aber auch noch eine dritte unmittelbare Errungenschaft der Massendynamik. Man darf nicht untersch\u00e4tzen, welch Bedeutung die Wahlurne in der T\u00fcrkei unter Umst\u00e4nden haben kann. Wenn man das faschismustheoretisch \u00fcbersieht, dann kann man nicht mehr erkl\u00e4ren, was gerade passiert. Die Ergebnisse von Wahlg\u00e4ngen sind in der T\u00fcrkei sakrosankt. Das ist demokratietheoretisch nat\u00fcrlich problematisch: Denn zu einer b\u00fcrgerlichen Demokratie geh\u00f6ren ja nicht nur Wahlen dazu, sondern auch sowas wie Gewaltenteilung, Grundrechte und dergleichen. Die gibt es ja in der T\u00fcrkei nicht mehr oder nur mehr in verk\u00fcmmerten \u00dcberresten; die Wahlen sind nicht fair, und teils auch nicht mehr frei. Ganz zu schweigen von der Problematik der \u00dcberbetonung von Wahlen aus der Sicht popular-demokratischer Vorstellungen. Aber die Wahlurne und ihre Ergebnisse bleiben eben in der heutigen T\u00fcrkei ein zentraler Ma\u00dfstab in der breiten Wahrnehmung von Legitimit\u00e4t, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Erdo\u011fan macht zwar, was er will \u2013 aber nur, wenn er sich irgendwie elektoral absichert. Nat\u00fcrlich arbeiten Erdo\u011fan und seine Schergen dabei aktiv mit illegitimen und unfairen Mitteln daran mit, dass die Wahlen am Ende so aussehen, wie sie Erdo\u011fan passen. Das klappt aber eben trotz der Repression und Unfairness nicht immer so, wie erw\u00fcnscht. Das muss man einfach in der Analyse mitbedenken.</p><p>Hinzuf\u00fcgen muss man, dass die Missachtung von Wahlergebnissen nicht \u00fcberall im gleichen Ma\u00dfe skandalisiert wird. In den kurdischen Gebieten etwa werden Wahlergebnisse seit langem mit F\u00fc\u00dfen getreten, was von der restlichen T\u00fcrkei bestenfalls mit m\u00e4\u00dfigem Interesse zur Kenntnis genommen wird. F\u00fcr die Kurd*innen selbst ist es hingegen eine fundamentale Frage. Hier verl\u00e4uft die \u201eracial line\u201c der T\u00fcrkei. Doch es gibt Momente, in denen Wahlbetrug oder die Missachtung von Wahlergebnissen auch \u00fcber diese Linie hinaus Emp\u00f6rung ausl\u00f6sen. Und zwar vor allem in Istanbul.</p><p>Schon einmal, n\u00e4mlich bei den <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkischer-fr%C3%BChling/\">Lokalwahlen am 31. M\u00e4rz 2019</a>, ging daher der Versuch, den Sieg von Imamo\u011flu mit Mitteln der politischen Justiz <a href=\"https://revoltmag.org/articles/erdo%C4%9Fans-ziviler-putschversuch/\">zu unterdr\u00fccken</a>, nach hinten los: Bei der <a href=\"https://revoltmag.org/articles/politisches-erdbeben-istanbul/\">Wahlwiederholung in Istanbul am 23. Juni 2019</a> errang Imamo\u011flu einen \u00fcberw\u00e4ltigenden Sieg gegen\u00fcber seinem AKP-Kontrahenten, mit einem Unterschied von 800.000 Stimmen (etwa 9%). Die Istanbuler Bev\u00f6lkerung nahm die Missachtung der Wahlurne also als grobe Ungerechtigkeit wahr und quittierte der AKP ihr Vorgehen. Die AKP musste schlie\u00dflich das Ergebnis zumindest formal betrachtet akzeptieren. Bei den <a href=\"https://revoltmag.org/articles/republic-strikes-back/\">Lokalwahlen 2024</a> wuchs Imamo\u011flus Vorsprung auf eine Million Stimmen (etwa 12%) an. Dies vor dem Hintergrund, dass die Lokalwahlen 2024 \u00fcberhaupt zu einem historischen Ereignis wurden, weil zum ersten Mal die CHP st\u00e4rkste Partei im Land wurde und sogar in konservativen Hochburgen das B\u00fcrgermeisteramt gewann. Das Wahlvolk hatte sich, vielleicht noch vorsichtig und explorativ, daf\u00fcr entschieden, der CHP auf lokaler Ebene eine Chance zu geben, weil der Unmut insbesondere \u00fcber die \u00f6konomischen Zust\u00e4nde stark gewachsen war.</p><p>Unter diesen Umst\u00e4nden einen derart deutlichen Wahlsieg per Gewalt zu unterdr\u00fccken, war von Anfang an riskant. Die Stra\u00dfendynamik hat den Unmut aber auch \u00fcber die Protestierenden hinaus getragen und handfest als Massen-Bewusstsein \u00fcber Unrecht und legitimen Widerstand manifestiert: Laut der <a href=\"https://bianet.org/haber/konda-arastirdi-kamuoyu-imamoglu-protestolarinda-nerede-duruyor-305914\">erst k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Umfrage</a> des integren Umfrageinstituts KONDA sind ganze 73% der Befragten der Meinung, dass die Proteste legitim seien (sofern sie gewaltfrei bleiben, sagen an die 50%); laut einer <a href=\"https://medyascope.tv/2025/03/24/hatem-ete-yorumladi-chpnin-surecteki-pozisyonu-video/\">anderen Umfrage</a> finden etwa 60-70% die Verhaftungen falsch. Das zeigt die Tiefe der Legitimationskrise, in der die AKP mit Stand heute steckt.</p><h2><b>Von Man\u00f6vern, Spaltungslinien und Einheitstendenzen</b></h2><p>Die Winkel- und Schachz\u00fcge der unterschiedlichen Akteur*innen verdienen indes besondere Aufmerksamkeit. Zuerst zur CHP. Sie hat sich schlie\u00dflich auf die Stra\u00dfendynamik und allt\u00e4glichen Demonstrationen eingelassen, diese motiviert und Kundgebungen gehalten. Gleichzeitig lancierte sie eine <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/24/ozgur-ozel-boykot-listesi-acikladi-sarachaneyi-gormeyeni-gormeyecegiz/\">Boykottkampagne</a> gegen regierungsnahe Medienunternehmen, die nicht zu den Protesten berichten, sowie \u00fcberhaupt gegen regierungsnahe Unternehmen wie die \u201enational-islamische\u201c Caf\u00e9-Kette <i>Espressolab</i>. Auch in Serbien erweist sich derzeit der intermittierende Boykott von allen Superm\u00e4rkten landesweit, dort haupts\u00e4chlich als Protest gegen die Lebensmittelpreise, als ein sehr wirkungsvolles Protestmittel. Die Ernennung von Ekrem Imamo\u011flu als Pr\u00e4sidentschaftskandidat wurde zu einem landesweiten Massenereignis transformiert. Sie war auf den 23. M\u00e4rz anberaumt worden; auch, um dieser K\u00fcr zuvorzukommen, schlug Erdo\u011fans Repressionsapparat in der Woche vom 18. M\u00e4rz zu. Die urspr\u00fcnglich parteiinterne Angelegenheit wurde daraufhin von der CHP ge\u00f6ffnet: Im ganzen Land wurden mehrere Tausend \u201eSolidarit\u00e4ts\u201c-Urnen f\u00fcr nicht-CHP-Mitglieder aufgestellt, die dort ihre Stimme f\u00fcr Imamo\u011flu als Kandidaten abgeben konnten. Trotz kurzfristiger und rein zivilgesellschaftlicher Organisation kamen <a href=\"https://ankahaber.net/haber/detay/ozgur_ozel_sarachanede_ekrem_imamoglunun_aldigi_oy_14_milyon_850_binin_uzerindedir_228823\">an die 15 Millionen Stimmen</a> f\u00fcr Imamo\u011flu zusammen.</p><p>Die Ernennung auf den 23. M\u00e4rz anzuberaumen und Erdo\u011fans Schergen dazu zu zwingen, davor zu handeln, schw\u00e4chte \u2013 vermutlich unbeabsichtigt \u2013 einen wichtigen Vorteil Erdo\u011fans, den Vorteil des g\u00fcnstigen Zeitpunkts. Denn auf das Wochenende vom 22.-23. M\u00e4rz fielen auch die zentralen Newroz-Feiern der pro-kurdischen, linken DEM-Partei. Ich hatte schon im Artikel zu <a href=\"https://revoltmag.org/articles/frieden-oder-friedhofsruhe/\">\u00d6calans Aufruf</a> vor ein paar Wochen darauf hingewiesen, dass es der AKP nun darum gehen werde, kurdische und republikanische Opposition gegeneinander auszuspielen: Den Kurd*innen wird, mit hoher Wahrscheinlichkeit nur zum Schein, der Friedenszweig angeboten. Zugleich wird damit ihre Opposition zur AKP ged\u00e4mpft, weil sie sich auf Verhandlungen einlassen. Der CHP gegen\u00fcber wird hingegen der harte Kurs beibehalten beziehungsweise noch versch\u00e4rft. Das Kalk\u00fcl: Die  nationalistische Seite der CHP aufzustacheln, indem die Vorurteile und die Ablehnung der Kurd*innen aufgrund einer angeblichen Sonderbehandlung durch die AKP angefeuert werden. So solle sich die Opposition durch Misstrauen, Uneinigkeit und Zwietracht weiter spalten.</p><p>Die Inszenierung dieser Strategie war allzu deutlich: W\u00e4hrend die <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/turkiye-kalp-krizi-geciriyor-p156204\">Polizeigewalt</a> gegen die Demonstrierenden und insbesondere die Jugendlichen in diesem Zeitraum immer h\u00e4rtere Z\u00fcge annahm und die Gouverneure vieler St\u00e4dte, am prominentesten nat\u00fcrlich der Istanbuls, mehrt\u00e4tige Versammlungs- und Demonstrationsverbote verh\u00e4ngten, lobte Erdo\u011fan nicht nur die Kurd*innen und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-nevruz-mesaji-21-mart-i-baharin-ve-kardesligin-bayrami-olarak-ilan-etmek-icin-teklif-sunmaya-varim,1227589\">bot an</a>, Newroz zu einem nationalen Feiertag zu erheben \u2013 der Gouverneur Istanbuls nahm die zentralen Newroz-Feierlichkeiten in Istanbul <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/20/19-mart-imamoglu-vakasi-sustukca-mi-susturdukca-mi-sira-gelecek/\">explizit aus</a> vom Versammlungs- und Demonstrationsverbot. Die willk\u00fcrliche Ungleichbehandlung von unterschiedlichen Personengruppen aufgrund der politischen Kalk\u00fcle der AKP wurde also sehr offensichtlich vorgef\u00fchrt. Die DEM-Partei nahm auch <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tuncer-bakirhan-kurtlerle-bir-surec-yuruturken-turkiye-nin-demokrasi-guclerini-doverim-yaklasimini-kabul-etmiyoruz,1228992\">prompt</a> gegen die Repression seit dem 18./19. M\u00e4rz <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-nun-tutuklanmasina-dem-parti-den-ilk-tepki-adalet-ve-demokrasiye-donuk-darbe,1227860\">Stellung</a>, kritisierte sie als einen \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/dem-parti-myk-imaooglu-operasyonu-ardindan-olaganustu-toplandi-sivil-bir-darbe-hayata-gecirildi,1227095\">Putsch</a>\u201c und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/istanbul-da-nevruz-kutlamalari-yenikapi-meydani-na-girisler-basladi,1227862\">stellte in Frage</a>, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ocalan-in-pkk-ya-silah-birakma-cagrisi-diyarbakir-nevruzuna-yansidi-baris-mesaji-verildi-cozum-sureci-ertelenemez-entube-edilemez,1227603\">wie Frieden</a> bei einer solchen Entdemokratisierung m\u00f6glich sein solle. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/dem-parti-den-maltepe-mitingi-karari,1228994\">Auch</a> rief sie zur gro\u00dfen CHP-Kundgebung am 29. M\u00e4rz auf.</p><p>Zeitgleich zerf\u00e4llt der neueste \u201eFriedensprozess\u201c zwischen dem t\u00fcrkischen Staat und der PKK zusehends: Der Staat <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-devletimiz-cagri-yapilmasini-saglayarak-uzerine-duseni-yapmistir-dedi-pkk-ya-seslendi-sinirsiz-vakte-ve-tahammule-sahip-degiliz,1229255\">artikuliert</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/devlet-bahceli-den-yeni-cozum-sureci-aciklamasi-geciktirmemek-ve-sahip-cikmak-oncelikli-mesele-,1229432\">immer klarer</a>, dass er nichts f\u00fcr den Frieden zu tun gedenke, au\u00dfer immer forscher die bedingungslose Kapitulation der PKK verlangen. Die PKK hingegen macht <a href=\"https://firatnews.com/kurdIstan/2025-newroz-u-Onder-apo-nun-ozgurlugu-icin-yeni-bir-baslangic-olabilir-210495\">immer</a> unmissverst\u00e4ndlicher <a href=\"https://firatnews.com/guncel/-210411\">deutlich</a>, dass sie ohne Gegenschritte des Staates <a href=\"https://firatnews.com/guncel/bayik-Onder-apo-nun-yukunu-herkes-omuzlamali-210308\">weder</a> einen Kongress anberaumen, <a href=\"https://www.rudaw.net/turkish/kurdistan/1903202511\">noch</a> die Waffen niederlegen werden.</p><p>Dennoch ging das Kalk\u00fcl Erdo\u011fans partiell auf. Wichtige Personen der CHP, wie der aus dem nationalistischen Milieu stammende B\u00fcrgermeister von Ankara, Mansur Yava\u015f, gaben rassistische und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-sarachane-de-dun-doguda-bana-gore-pacavra-olan-bayraklar-sallanirken-polisler-onlara-pamuk-sekeri-veriyordu,1227796\">antikurdische Statements</a> von sich, was dazu f\u00fchrte, dass die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ocalan-in-pkk-ya-silah-birakma-cagrisi-diyarbakir-nevruzuna-yansidi-baris-mesaji-verildi-cozum-sureci-ertelenemez-entube-edilemez,1227603\">eigentlich solide</a> CHP-Botschaft bei den Newroz-Feierlichkeiten ausgebuht wurde. F\u00fchrende Regimepers\u00f6nlichkeiten nutzen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-den-chp-nin-eylemci-kitlesi-degiliz-diyen-bakirhan-a-takdir,1228964\">jede kleinste Gelegenheit aus</a>, um die Spaltung und den Zwist zwischen dem t\u00fcrkisch-s\u00e4kularen und dem kurdischen Lager innerhalb der Opposition zu <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mhp-bayram-programini-acikladi-dem-parti-listeye-girdi-chp-ile-bayramlasma-yok,1227306\">vertiefen</a>. Generell ist heute unter t\u00fcrkischen wie kurdischen Jugendlichen der jeweilige Nationalismus st\u00e4rker geworden, wenn auch auf diffuse Art und Weise. Die bew\u00e4hrte Tradition der 1990er, der zufolge t\u00fcrkische Republikaner*innen und linke, liberale, s\u00e4kulare Kurd*innen auf die eine oder andere Art, ob in derselben Partei oder in separaten Strukturen, mehr oder minder widerspr\u00fcchlich miteinander zusammenarbeiteten, ist f\u00fcr die Jugendlichen heute nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich. Das auf kurdischer Seite aufgrund des strukturellen Rassismus durchaus nachvollziehbare, auf t\u00fcrkischer Seite mehr identit\u00e4r artikulierte hochemotionale Nationalgef\u00fchl, f\u00fchrt heute viel schneller zu wechselseitiger Abgrenzung und Ablehnung.</p><p>Ein kluges politisches Vorgehen darf diese ungleichen Nationalismen derzeit nicht frontal angehen, das kann nichts bringen. Man muss stattdessen diese Themen umschiffen und Einigendes in den Vordergrund r\u00fccken: Schlie\u00dflich profitieren alle in der T\u00fcrkei lebenden Nationen von Demokratisierung durch Anerkennung und sozialen Frieden. Das gilt generell vor allem f\u00fcr die Problemstellung des t\u00fcrkischen Nationalismus. Die Studierenden sind zwar unter F\u00fchrung linksrevolution\u00e4rer Organisationen organisiert und auf den Demos in der ersten Reihe dabei. Aber der Jugendcharakter der derzeitigen Proteste in der T\u00fcrkei weist weit \u00fcber die Studierenden hinaus: Bei den restlichen Jugendlichen <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/ilk-gun-gelen-150-bin-kisi-korku-bariyerini-yikti-p155861\">dominiert</a> ein diffuser <a href=\"https://t24.com.tr/haber/siyah-giyen-cogunlugu-milliyetci-gencler-neden-sokakta-olduklarini-anlatti-kimse-yalniz-kalmasin-diye,1228782\">t\u00fcrkischer Nationalismus</a>. Das ist ein wichtiger Unterschied zu Gezi 2013, wo der Nationalismus nicht derart dominiert hatte. Nach jahrelanger Unterdr\u00fcckung jedweder linken Haltung und der Betonung des t\u00fcrkischen Nationalismus von Regierungs- als auch den meisten Oppositionsparteien, wurde dieser zum prominentesten, gar ausschlie\u00dflichen Vehikel der Selbstidentifikation f\u00fcr viele Menschen, vor allem f\u00fcr jugendliche T\u00fcrken. Die radikalisierten Teile dieser Jugendlichen sind offen f\u00fcr die Agitation und den militanten Charakter rechtsextrem-nationalistischer Teile der Opposition wie der Partei des Sieges (<i>Zafer Partisi</i>, ZP). Diese besticht durch rigorosen antikurdischen Rassismus und einer rabiaten Hetze gegen Gefl\u00fcchtete.</p><p>Die Unterwanderung der Demonstrationen durch die Rassisten zu verhindern, ohne den gro\u00dfen Anteil t\u00fcrkeinationalistischer Jugendlicher zu verlieren \u2013 das ist eines der dr\u00e4ngenden Probleme, die sich die Jugendbewegung <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1190155.proteste-tuerkei-gemeinsam-gegen-die-akp.html?sstr=T%FCrkei\">heute anzugehen vornimmt</a>. Denn, nur weil sich t\u00fcrkische Jugendliche heute stark nationalistisch identifizieren, hei\u00dft das nicht, dass sie zwangsl\u00e4ufig faschistisch sind oder rechtsextrem werden m\u00fcssen. <a href=\"https://gazeteoksijen.com/yazarlar/bekir-agirdir/on-gundur-yasananlar-geleceksizlige-tepki-238307\">L</a><a href=\"https://gazeteoksijen.com/yazarlar/bekir-agirdir/on-gundur-yasananlar-geleceksizlige-tepki-238307\">aut einer Umfrage</a> haben auch \u00fcber 70% von ihnen Angst, dass die Freiheiten zu stark eingeschr\u00e4nkt werden, zudem sind viele sehr ungl\u00fccklich mit dem Leben im Land. Auf die Gezi-Proteste beziehen sie sich <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/candan-yildiz/yenikapi-dan-sarachane-ye-farkli-genclik-halleri-ve-olasi-riskler,49159\">positiv</a> und sie beklagen ihre <a href=\"https://umutgazetesi45.org/arsivler/131566\">\u00f6konomische Perspektivlosigkeit</a>. Nationalistisch, aber ungl\u00fccklich und freiheitlich orientiert: Das genau ist das Widerspr\u00fcchliche und Diffuse des Nationalismus der heutigen t\u00fcrkischen Jugend. Man muss und kann dieser Jugend andere Angebote machen als jene, die von den Rechtsextremen kommen.</p><p>Die Opposition ist also weiterhin durchzogen von Spaltungstendenzen, die auf strukturellen Machtverh\u00e4ltnissen und konjunktureller Ungleichbehandlung durch das Regime beruhen, und aber auch Einheitstendenzen, die gest\u00e4rkt werden m\u00fcssen. Und auch Erdo\u011fan bleibt weiter handlungsf\u00e4hig: Er und seine Schergen wurden zwar auf dem falschen Fu\u00df erwischt, geschlagen sind sie aber noch lange nicht. Er <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/25/kriz-surerken-mehmet-simseke-tek-soru-hakkiniz-olsa-ne-sorardiniz/\">verl\u00e4ngerte</a> das eigentlich dreit\u00e4gige Zuckerfest im Anschluss an den Ramadan auf ganze neun Tage (29. M\u00e4rz bis 6. April). Zum Zuckerfest reisen viele zu ihren Familien oder nehmen Urlaub. Die Idee ist daher nat\u00fcrlich, dass die Dynamik \u00fcber diese Zeit stark abnimmt und die Mobilisierung abflaut. Aber auch, damit die Basis der Regierungsparteien von den Protestierenden isoliert bleibt, damit sich kein Verst\u00e4ndnis und keine gemeinsame Anerkennung zwischen diesen Gruppen herstellen.</p><h2><b>Der steinige Weg der demokratisierenden Gegeneskalation</b></h2><p>Die wirklich schwierige und anspruchsvolle Aufgabe wird es ab jetzt sein, das Mobilisierungsniveau zu erhalten und weiter auszubauen. Ohne kontinuierliche Stra\u00dfendemonstrationen droht die Aura der Unbesiegbarkeit und \u00dcbermacht des Repressionsregimes und seiner Apparate intakt zu bleiben \u2013 und umgekehrt, der Mut und das Ungerechtigkeitsgef\u00fchl der Menschen zu versanden. Gleichzeitig m\u00fcssen neue, kreative Protest- und Aktionsformen gefunden werden, die auch handfeste Ergebnisse liefern. Insofern ist der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ozgur-ozel-imamoglu-ve-erken-secim-icin-imza-kampanyasini-bayramin-ilk-gunu-baslatti,1229257\">Plan der CHP</a>, eine landesweite Unterschriftenkampagne f\u00fcr vorgezogene Neuwahlen zu starten, mit dem Ziel, mehr Unterschriften zu sammeln, als Erdo\u011fan bei der letzten Pr\u00e4sidentschaftswahl gewonnen hat (also etwa 27 Millionen), eine von vielen guten Ideen. Den ersten Schritt hierzu ist die Bewegung mit den 15 Millionen Solidarit\u00e4tsstimmen f\u00fcr Imamo\u011flu schon gegangen; 27 Millionen setzt die Messlatte h\u00f6her, es ist riskant, aber potenziell wirkungsvoll. Bei Erfolg k\u00f6nnte der Druck auf Erdo\u011fan immens gesteigert werden. Mit 15 Millionen f\u00fcr Imamo\u011flu und 27 Millionen f\u00fcr Neuwahlen wird es \u2013 zumindest Stand heute \u2013 auch f\u00fcr Erdo\u011fan und seine Entourage schwierig, die Forderungen und die Stra\u00dfenmobilisierungen zu unterdr\u00fccken.</p><p>Vor diesem Hintergrund muss dann allersp\u00e4testens <a href=\"https://umutsen.org/index.php/2025/03/halk-isyanindan-daha-kuvvetli-olan-sadece-orgutlu-halk-isyanidir/\">zum 1. Mai</a> ein Demonstrationszug nach Taksim stattfinden, w\u00e4hrend parallel zu Demonstrationen im ganzen Land aufgerufen wird. In der Zwischenzeit k\u00f6nnten periodisch stattfindende Gro\u00dfkundgebungen und/oder auf Stadtviertel verteilte Mobilisierungen stattfinden. Die CHP verfolgt <a href=\"https://yetkinreport.com/2025/03/29/maltepe-imamoglu-icin-doldu-tasti-ozel-oyun-bozuldu-sokaga-devam/\">aktuell</a> dieses Konzept, erwarteterweise jedoch auf niedrigem Niveau: Jeden Mittwoch eine Kundgebung in nur einem Viertel Istanbuls, jedes Wochenende eine gro\u00dfe Kundgebung in wechselnden St\u00e4dten der T\u00fcrkei. Das alleine wird kaum reichen.</p><p>Die Mobilisierungen k\u00f6nnten mit versch\u00e4rften Boykotten erg\u00e4nzt werden: Warum nicht <a href=\"https://www.serbianmonitor.com/en/results-of-supermarket-boycott/\">wie in Serbien</a> ein, zwei Tage in der Woche festlegen, an denen alle Superm\u00e4rkte boykottiert werden? Auch und vor allem in der T\u00fcrkei sind schlie\u00dflich die Lebensmittelpreise durch die Decke gegangen und die Regierung hat schlicht dabei zugeschaut, wie die Breite der Bev\u00f6lkerung in Armut versinkt. Erste Initiativen gibt es bereits: Angesto\u00dfen von der Studierendenbewegung wird derzeit \u00fcber einen <a href=\"https://techolay.net/sosyal/konu/2-nisan-tuketim-boykotu.101414/\">ersten umfassenden Konsumboykott am 2. April</a> diskutiert. Herausforderungen an das Regime, die Debatte und auch das Verfahren gegen Imamo\u011flu \u00f6ffentlich zu f\u00fchren, k\u00f6nnten ebenfalls forciert werden.</p><p>Mit diesen Mitteln \u2013 erg\u00e4nzt um weitere, neu zu erprobende Protestformen \u2013 kann die Initiative der Opposition gest\u00e4rkt und das Mobilisierungsniveau hochgehalten werden. Gleichzeitig d\u00fcrfen die Oppositionsparteien nicht mit dem Ziel der Kontrollierbarkeit der Bewegung durch die Parteien die Spontaneit\u00e4t von Demonstrationen unterdr\u00fccken, sondern m\u00fcssen diese aktiv ermutigen. Alle Kan\u00e4le des Kampfes m\u00fcssen eben entfesselt werden, ob organisiert oder unorganisiert, geplant oder spontan. Es ist dann wirklich nicht abwegig, dass Erdo\u011fan zu Neuwahlen gezwungen und besiegt werden kann \u2013 aber eben nur, wenn die politischen Forderungen durch die Breite der Bev\u00f6lkerung und ihrer Massenaktivit\u00e4t getragen werden. Auch wenn die Bewegung weniger erfolgreich wird, k\u00f6nnten dennoch wichtige Errungenschaften erk\u00e4mpft werden. Partiell k\u00f6nnten Ergebnisse der Repressionsfurie revidiert werden, etwa der Diplomentzug oder vielleicht sogar die Inhaftierung Imamo\u011flus. Das alles k\u00f6nnen realistische Entwicklungen sein.</p><h2><b>Katalysator oder Verhandlungsmasse?</b></h2><p>F\u00fcr Linke gilt allgemein das, was der Co-Vorsitzende der DEM, Tuncer Bak\u0131rhan, \u00fcber sich und die Basis seiner Partei <a href=\"https://www.rudaw.net/turkish/middleeast/turkey/2703202517\">gesagt hat</a>: Wir sind keine Aktivist*innen- oder Verhandlungsmasse der CHP; wir k\u00e4mpfen f\u00fcr den langfristigen gesellschaftlichen Frieden. Denn es geht hier nicht nur um Unrecht gegen einen Kandidaten der CHP, sondern um eine umfassende Welle der Autoritarisierung: Sie trifft Linke, Minderheiten und Gefl\u00fcchtete, sch\u00fcrt nationalistisch-chauvinistische Hetze und f\u00fchrt zu einem massiven Einbruch des Lebensstandards der werkt\u00e4tigen Mehrheit. Gleichzeitig kann nur eine autonome und selbst\u00e4ndige Linke der Garant daf\u00fcr sein, dass die Dynamik nicht wieder von der CHP erstickt wird und auch minimale Errungenschaften nicht wieder verloren gehen. Die CHP w\u00fcrde nat\u00fcrlich am liebsten ganz ohne potenziell unkontrollierbare gesellschaftliche Dynamik die n\u00e4chsten Wahlen in drei Jahren abwarten (sogar <a href=\"https://www.nefes.com.tr/yazarlar/aytunc-erkin/lider-ben-olacaktim-simdi-toplum-bana-liderlik-yapiyor-24873\">Imamo\u011flu selbst</a> klingt aus dem Gef\u00e4ngnis manchmal danach). Die revolution\u00e4re Linke mobilisiert daher eigenst\u00e4ndig unter <a href=\"https://www.toplumsalozgurluk.org/2025/03/28/ferman-padisahin-sokaklar-bizimdir/\">Slogans wie</a> \u201eDekrete geh\u00f6ren dem Sultan, die Stra\u00dfe geh\u00f6rt uns\u201c oder der dreifachen Forderung nach \u201eGeneralstreik \u2013 umfassender Widerstand \u2013 Boykott\u201c. Tats\u00e4chlich diskutieren mehrere Gewerkschaften derzeit die <a href=\"https://jacobin.com/2025/03/turkey-erdogan-imamoglu-chp-protests\">M\u00f6glichkeiten des Generalstreiks</a>. Obwohl die gewerkschaftliche Organisierung schwach ist und eine fl\u00e4chendeckende Perspektive unwahrscheinlich erscheint, zeigt die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/boykot-sorusturmasinda-egitim-sen-yoneticilerine-iki-hafta-ev-hapsi,1228543\">juristische Repression gegen</a> die Bildungsgewerkschaft E\u011fitim-Sen, dass die Regierung davor Angst hat. E\u011fitim-Sen hatte zu einem akademischen Streik aufgerufen. Angefangen mit einem solchen k\u00f6nnten <a href=\"https://umutgazetesi45.org/arsivler/131566\">Option</a><a href=\"https://umutgazetesi45.org/arsivler/131566\">en ausgelotet werden</a>, in welche Sektoren Streik- und Protestbewegungen ausgeweitet werden k\u00f6nnen \u2013 so zum Beispiel in die Metall- und Automobilsektoren, die vergleichsweise stark gewerkschaftlich organisiert und links orientiert sind.</p><p>\u00dcber die Macht in der Produktionssph\u00e4re aber auch in Demonstrationsmobilisierungen kann und muss die Linke ihre eigenst\u00e4ndigen Akzente setzen, ohne sich auf eine allgemeine <a href=\"https://www.karsimahalle.org/2025/03/25/darbe-ve-sonrasi\">Verteidigung demokratischer Mindeststandards</a> mit der breiten Opposition gegen Erdo\u011fan zu beschr\u00e4nken: Sie muss einen erweiterten Demokratiebegriff akzentuieren, der gesellschaftliche Aktivit\u00e4t von unten abseits einer blo\u00dfen Bek\u00e4mpfung des Autoritarismus stark macht; die Klasseninteressen der werkt\u00e4tigen Mehrheit gegen die post-neoliberale Wirtschaftspolitik der Regierung und die eher orthodox-neoliberale Perspektive der Opposition hervorheben; und schlie\u00dflich eine Vision f\u00fcr eine alternative T\u00fcrkei jenseits von Nationalismus, Rassismus, Chauvinismus und Autoritarismus aufzeigen. Dabei gilt es, zwei Sackgassen zu vermeiden: Einerseits eine linksradikale Abgehobenheit, die sich auf das Deklamieren besonders revolution\u00e4r klingender Parolen beschr\u00e4nkt und politisch absolut unwirksam ist; andererseits eine reformistische Anpassung an die gem\u00e4\u00dfigte, neoliberale und eventuell nur sehr beschr\u00e4nkt demokratische Agenda der b\u00fcrgerlichen Opposition unter F\u00fchrung der CHP. Gelingt es der Linken, in einer gemeinsam geteilten Minimalperspektive der Verteidigung von freien Wahlen gegen autorit\u00e4re \u00dcbergriffe ihre eigenen Formen und Punkte hervorzuheben, kann auch sie trotz der relativen F\u00fchrung der Oppositionsdynamik durch die CHP erstarken und zu einer Alternative innerhalb der Opposition werden.</p><p>Einfach wird es nicht: Beim kleinsten Anlass oder beim Abebben der Dynamik wird die Repressionskeule wieder f\u00fcrchterlich auf die Opposition niedergehen. Alle bisherigen Errungenschaften k\u00f6nnen genauso gut wieder verloren gehen und Erdo\u011fan seine Repression weiter ausbauen. Zudem wei\u00df Erdo\u011fan, dass er R\u00fcckendeckung von der EU und von den USA hat, weil diesen der Kampf gegen Autoritarismus nur dann wichtig ist, wenn es gegen geopolitische Gegner wie Putin geht. Sind es allerdings n\u00fctzliche Autokrat*innen, wie derzeit die T\u00fcrkei in r\u00fcstungsindustrieller (Stichwort: <a href=\"https://www.politico.eu/article/turkey-crisis-recep-tayyip-erdogan-ekrem-imamoglu-arrest-eu-accession-funds/\">europ\u00e4ische Aufr\u00fcstung</a>), aber auch in <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2025-03-24/turkey-erdogan-bets-nato-allies-will-turn-a-blind-eye-to-turmoil\">milit\u00e4rischer Hinsicht</a> bei eventuellen \u201eFriedenstruppen\u201c in der Ukraine, dann akzeptiert man diese auch sehr gerne. Selbst Imamo\u011flu richtet sich mittlerweile in der <i>New York Times</i> an die USA und an Europa und <a href=\"https://www.nytimes.com/2025/03/28/opinion/mayor-imamoglu-arrested-erdogan.html\">erinnert diese h\u00f6flich daran</a>, bei aller Geopolitik den Kampf um Demokratisierung nicht zu vergessen. Welch Zeiten, in denen die Peripherie das Zentrum daran erinnert, dass es mal hegemonial agierte in der (westlichen) Welt!</p><p>Die k\u00e4mpfenden Menschen in der T\u00fcrkei k\u00f6nnen sich derzeit nur auf sich selbst verlassen \u2013 und auf die Solidarit\u00e4t eines non-staatlichen subalternen Internationalismus. Die Verlogenheit von USA und EU kann man dann daher durchaus auch als Chance begreifen: N\u00e4mlich zur Festigung der Einsicht, dass nur subalterne Selbstaktivit\u00e4t, Selbstorganisation und schlie\u00dflich internationale Solidarit\u00e4t einen progressiven und sozialen Weg aus der Hegemoniekrise des Kapitalismus in der T\u00fcrkei wie weltweit erm\u00f6glichen.</p><hr/><h3><b>Anmerkung</b>:</h3><p>Gro\u00dfen Dank an Johanna Br\u00f6se, Lily Lynch und Svenja Huck f\u00fcr Kommentare, Kritik und Korrekturen.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Mai 2023 \u2013 f\u00fcr Parlament und Pr\u00e4sidentschaft \u2013 waren ein relativer Sieg f\u00fcr den amtierenden t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Reccep Tayyip Erdo\u011fan und ein relativer Misserfolg der Opposition, sowohl der linken als auch der rechten. Selbst wenn das Pr\u00e4sidentschaftsrennen noch nicht entschieden ist \u2013 keiner der Kandidaten konnte die f\u00fcr den Sieg in der ersten Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen erforderlichen 50 %+1 der Stimmen f\u00fcr sich verbuchen, so dass am 28. Mai eine zweite Runde anberaumt ist \u2013 k\u00f6nnen wir schon jetzt einige wichtige analytische Schlussfolgerungen ziehen und Perspektiven diskutieren. Nicht zuletzt gibt es auch gen\u00fcgend Gr\u00fcnde, den Kampf um den Sieg \u00fcber Erdo\u011fan am 28. Mai nicht aufzugeben. N\u00e4hern wir uns dem vertrackten gordischen Knoten Schritt f\u00fcr Schritt.</p><h2><b>Die Best\u00e4ndigkeit des institutionalisierten autorit\u00e4ren Populismus an der Macht</b></h2><p>Die Wahlergebnisse der ersten Runde zeigen einen relativen Sieg von Erdo\u011fan. Klar, autorit\u00e4re Repression, stark ungleiche Ausgangsbedingungen im Vorfeld und am Wahltag sowie Wahlbetrug in einer erneut von mysteri\u00f6sen Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten \u00fcberschatteten Wahlnacht sind wie gehabt sehr wichtige Elemente, die diesen relativen Sieg erm\u00f6glicht haben. Es gibt bereits deutliche Anzeichen daf\u00fcr, dass sich der Wahlbetrug vor allem darauf konzentriert hat, Stimmen f\u00fcr die linke, pro-kurdische Gr\u00fcne Linkspartei (<i>Ye\u015fil ve Sol Partisi,</i> YSP) in Stimmen f\u00fcr die rechtsextreme nationalistische Partei, die Partei der Nationalistischen Bewegung (<i>Milliyet\u00e7i Hareket Partisi,</i> MHP), den wichtigsten Verb\u00fcndeten von Erdo\u011fan, umzuwandeln (siehe z. B. den Hashtag #Ye\u015filSolPartininOylar\u0131Nerede \u2013 \u201eWo sind die Stimmen f\u00fcr die YSP?\u201c \u2013 auf Twitter). Zum Zeitpunkt, an dem ich diesen Artikel schreibe, ist das Ausma\u00df des Betrugs noch nicht klar und auch nicht, ob dieser entscheidende Auswirkungen auf das Wahlergebnis haben wird. Die Entwicklungen sind, wie so oft in der T\u00fcrkei, hochdynamisch. Dennoch: Der Betrug kann an sich nicht die enorme Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr Erdo\u011fan als Pr\u00e4sidentschaftskandidaten und sein regierendes B\u00fcndnis, die Volksallianz (<i>Cumhur Ittifak\u0131</i>, CI) erkl\u00e4ren.</p><p>Erdo\u011fan kam nach den offiziellen (staatlichen) Zahlen mit bisher 49,50 % der W\u00e4hler:innenstimmen (gegen\u00fcber 52,60 % und einem Sieg in der ersten Runde im Jahr 2018) knapp an den Sieg in der ersten Runde des Pr\u00e4sidentschaftsrennens heran, w\u00e4hrend sein Konkurrent, der Vorsitzende der Republikanischen Volkspartei (<i>Cumhuriyet\u00e7i Halk Partisi,</i> CHP), Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, der auch das wichtigste b\u00fcrgerliche Oppositionsb\u00fcndnis, die Allianz der Nation (<i>Millet Ittifak\u0131</i>, MI), anf\u00fchrt, etwas weniger als 45 % der W\u00e4hler:innenstimmen auf sich vereinte. Obwohl Erdo\u011fans CI mit einer W\u00e4hler:innenunterst\u00fctzung, die nahe an der von Erdo\u011fan liegt (49,46 % gegen\u00fcber 53,60 % im Jahr 2018 nach den bisherigen Zahlen), etwas weniger als die absolute Mehrheit gewonnen hat, verf\u00fcgt die CI aufgrund der Wahlarithmetik mit 322 von 600 Abgeordneten immer noch \u00fcber die absolute Mehrheit im t\u00fcrkischen Parlament. Obwohl die CI und Erdo\u011fan Stimmenanteile verloren haben und Erdo\u011fan es nicht geschafft hat, in der ersten Runde zu gewinnen, sollte die Tatsache, dass die MI und der zweite, linke Oppositionsblock, das B\u00fcndnis f\u00fcr Arbeit und Freiheit (<i>Emek ve \u00d6zg\u00fcrl\u00fck Ittifak\u0131,</i> E\u00d6I) unter F\u00fchrung der YSP, es nicht geschafft haben, die Macht der CI im Parlament zu brechen, sowie die Tatsache, dass K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu die erste Runde des Pr\u00e4sidentschaftswahlkampfs weder gewonnen noch angef\u00fchrt hat, eindeutig als relativer Sieg f\u00fcr Erdo\u011fan verstanden werden. Warum?</p><p>Im Gegensatz zu liberal-demokratischen Behauptungen \u00fcber das starke Abschneiden der Opposition in der T\u00fcrkei, wenn man sie mit der Opposition in Russland und Ungarn vergleiche (ein ausgezeichneter Artikel entlang dieser Argumentationslinie findet sich <a href=\"https://www.journalofdemocracy.org/seven-lessons-from-turkeys-effort-to-beat-a-dictator/\">hier</a>), sollte man den entscheidenden Unterschied des autorit\u00e4ren Regimes in der T\u00fcrkei im Vergleich zu den genannten betonen, der das Wahlergebnis zu einem relativen Sieg f\u00fcr das Regime macht: Es ist n\u00e4mlich im Verh\u00e4ltnis zu den tiefen und vielf\u00e4ltigen Krisen zu sehen, in die das Regime das Land gest\u00fcrzt hat. Die T\u00fcrkei befindet sich in der schwersten Wirtschaftskrise seit \u00fcber 20 Jahren (zumindest f\u00fcr die breite Masse der Bev\u00f6lkerung), wobei das Schlimmste wahrscheinlich erst noch bevorsteht. Das Land hat bei der Pandemie im Bereich der \u00f6ffentlichen Gesundheit sehr schlecht abgeschnitten und Anfang diesen Jahres die schlimmsten Erdbeben in der modernen Geschichte der T\u00fcrkei durchlebt, f\u00fcr deren fatale Auswirkungen die Regierung eine <a href=\"https://revoltmag.org/articles/das-staatsbeben-in-der-t%C3%BCrkei/\">gro\u00dfe Verantwortung</a> tr\u00e4gt. Trotz alledem beh\u00e4lt das Erdo\u011fan-Regime die Oberhand. Und dies, im \u00dcbrigen, <a href=\"https://www.dwturkce.com/tr/erdo%C4%9Fan-deprem-b%C3%B6lgesinde-ilk-s%C4%B1rada-%C3%A7%C4%B1kt%C4%B1/a-65631057\">auch im Erdbebengebiet</a>, wo der <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/sertug-cicek/14-mayis-secimlerinin-rontgeni-hangi-parti-ve-ittifak-ne-kazandi-ne-kaybetti-hangi-surpriz-sonuclar-var,40007\">R\u00fcckgang der Unterst\u00fctzung</a> f\u00fcr die CI und insbesondere f\u00fcr die AKP zwar nicht zu vernachl\u00e4ssigen ist, sie aber trotzdem weitab vorne liegen, w\u00e4hrend Erdo\u011fan als Pr\u00e4sidentschaftskandidat <a href=\"https://substackcdn.com/image/fetch/f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https://substack-post-media.s3.amazonaws.com/public/images/13bcf876-0874-4b2f-832c-41200a25096d_795x566.jpeg\">kaum Verluste</a> hinzunehmen hat im Vergleich zu 2018. Keines der etablierten rechtsautorit\u00e4ren Regime weltweit durchlebte bisher auch nur im Entferntesten derartig tiefe Krisen wie dasjenige unter F\u00fchrung von Erdo\u011fan.</p><hr/><h4><b>Dies f\u00fchrt zu einer ersten wichtigen theoretischen Schlussfolgerung, die auch im globalen Ma\u00dfstab relevant ist: Ein institutionalisierter autorit\u00e4rer Populismus an der Macht und seine Mechanismen der polarisierten Identit\u00e4tsbildung k\u00f6nnen selbst angesichts tiefer und massiver Krisen hartn\u00e4ckig Bestand haben.</b></h4><hr/><p>Einem Gro\u00dfteil der schockierten Reaktionen auf die Wahlergebnisse scheint ein liberaler, aufkl\u00e4rungsphilosophischer Ansatz zugrunde zu liegen, der davon ausgeht, dass niemand aus rationalen Gr\u00fcnden ein Regime w\u00e4hlen w\u00fcrde oder sollte, das die Bev\u00f6lkerung \u2013 erneut aus vermeintlich rationalen Gesichtspunkten betrachtet \u2013 immer wieder im Stich l\u00e4sst. Diese Argumentation war und ist erkenntnistheoretisch und ontologisch offensichtlich unangemessen, um zu verstehen, was in der jetzigen Wahl geschehen ist und was seit Jahren geschieht.</p><p>Erdo\u011fan und die AKP konnten zun\u00e4chst auf der Welle eines \u201eeingebetteten Neoliberalismus\u201c reiten, das hei\u00dft, den Neoliberalismus in Mechanismen der minimalen Gesundheitsversorgung und oft recht paternalistische und klientelistische Formen der Umverteilung integrieren. Dies ging einher mit Diskursen und Praktiken, die das Gef\u00fchl einer umfassenden sozialen Teilhabe vermittelten. Diese waren wiederum vermittelt durch Subjektivierungsmechanismen nach konservativem Muster und einer nur restriktiven, das hei\u00dft nicht-strukturellen Erm\u00e4chtigung der subalternen Teile ihrer Unterst\u00fctzer:innenbasis. Diese gesellschaftliche Verankerung von Erdo\u011fan und der AKP ist der Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis, wie es Erdo\u011fan gelungen ist, seinen verschw\u00f6rungstheoretisch-autorit\u00e4ren Diskurs und seine Politiken der Polarisierung so zu verankern, dass er ein veritables Ma\u00df an gesellschaftlicher Zustimmung auf sich vereinen und ein B\u00fcndnis mit extrem nationalistischen Kr\u00e4ften wie der MHP schmieden konnte. Ohne diesen tiefenanalytischen Hintergrund bleibt man schlicht an der Oberfl\u00e4che der Ereignisse kleben, wie so viele <a href=\"https://www.gmfus.org/news/erdogan-just-short-another-victory-election-not-over-until-its-over\">politikwissenschaftliche Analysen</a>, die beispielsweise die Polarisierungstaktiken oder den \u00f6konomischen Populismus von Erdo\u011fan hervorheben, aber nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, warum das bei Erdo\u011fan seit Jahren trotz tiefen Krisen klappt, bei Trump, Bolsonaro und Johnson aber nicht.</p><p>Der Erfolg, sich als F\u00fchrer und die AKP als f\u00fchrende Partei zu pr\u00e4sentieren, die die Anliegen des Volkes vorantreibt entlang der oben genannten Linien und des oben genannten historischen Hintergrunds, verlieh der Anziehungskraft von Erdo\u011fan/CI auch in Krisenzeiten eine gewisse Best\u00e4ndigkeit und verhinderte eine massive Abnahme der Zustimmung unter der Erdo\u011fan/CI-W\u00e4hler:innenschaft. Hinzu kommt die reale und symbolische Selbst-Erhebung, die die Unterst\u00fctzer:innen durch die Annahme des autorit\u00e4ren Angebots, Teil des von Erdo\u011fan/CI vertretenen \u201enationalen Willens\u201c (<i>mill\u00ee irade</i>) zu sein, erlangen. Auch die Auswirkungen der populistischen Wirtschaftspolitik im Vorfeld der Wahlen d\u00fcrfen nicht untersch\u00e4tzt werden: Deckelung der Mieten, Erh\u00f6hung des Mindestlohns, Ausweitung der Rentenanspr\u00fcche und Erh\u00f6hung der Renten, Energieverbrauchssubventionen, Versprechen, das Erdbebengebiet innerhalb eines Jahres wieder aufzubauen, Versprechen, die H\u00e4lfte der Kosten f\u00fcr neue Wohnungen im Erdbebengebiet zu finanzieren und so weiter. Nichts von alledem d\u00fcrfte nachhaltig sein. Aber die Versprechungen f\u00f6rderten das bereits bestehende erfolgreiche F\u00fchrerimage. Eine typische Erdo\u011fan/CI-W\u00e4hler:inmentalit\u00e4t, die in den letzten Wochen h\u00e4ufig zu sehen und zu h\u00f6ren war, besteht in der Klage \u00fcber viele Dinge, etwa die Wirtschaft; gekoppelt aber mit dem Glauben, dass immer noch Erdo\u011fan/CI die beste/einzige Option zur L\u00f6sung der Probleme sei.</p><p>Es ist also auch die Unzufriedenheit innerhalb der Erdo\u011fan/CI-W\u00e4hler:innenschaft gro\u00df, was sich in den Stimmenverlusten f\u00fcr Erdo\u011fan und die CI im Vergleich zu 2018 und in bestimmten qualitativen Feldstudien und \u00f6ffentlichen Umfragen widerspiegelt. Warum ist es der Opposition dann nicht gelungen, diese Unzufriedenheit st\u00e4rker als bisher von Erdo\u011fan/CI weg zu kanalisieren?</p><h2><b>Die Grenzen eines halbherzigen progressiven Neoliberalismus</b></h2><p>Wie bereits mehrfach von kritischen Stimmen hervorgehoben wurde, ist der wichtigste b\u00fcrgerliche Oppositionsblock eher schwach darin, eine \u00fcberzeugende alternative Vision f\u00fcr Staat und Gesellschaft zu pr\u00e4sentieren \u2013 und noch weniger gut darin, eine solche Perspektive in sozialen Praktiken zu verankern, die mit den Menschen in Verbindung stehen. Ihre polit\u00f6konomische Perspektive beinhaltet die Restauration eines klassischen neoliberalen Akkumulationsregimes, m\u00f6glicherweise mit einem developmentalistischen Einschlag. Sie stehen damit f\u00fcr ein Akkumulationsregime, das haupts\u00e4chlich verantwortlich ist f\u00fcr ein Wachstum ohne Besch\u00e4ftigungszuwachs (<i>jobless growth</i>), die zunehmende Ungleichheit von Einkommen und Verm\u00f6gen und die Zerst\u00f6rung der Organisation der Arbeiter:innenklasse \u2013 und damit f\u00fcr ein Akkumulations, das die Grundlage bot und bietet f\u00fcr die B\u00fcndelung der Unzufriedenheit auf reaktion\u00e4re Weise, wie es Erdo\u011fan tat und weiterhin tut.</p><hr/><h4><b>Auch in dieser Hinsicht \u00e4hnelt der Fall der T\u00fcrkei dem globalen Trend einer vorherrschenden innersystemischen Dialektik zwischen progressivem Neoliberalismus und reaktion\u00e4rem Populismus vor dem Hintergrund einer tiefen und vielschichtigen Krise der globalisierten neoliberalen Weltordnung. In der T\u00fcrkei jedoch mit einer noch weniger ausgepr\u00e4gten \u201eProgressivit\u00e4t\u201c auf der neoliberalen Seite der Dialektik als etwa bei Macron in Frankreich, Biden in den USA oder der \u201eFortschrittskoalition\u201c in Deutschland. Wie und warum ist das so?</b></h4><hr/><p>Die Forderung der MI nach Demokratie bleibt recht unbestimmt, da vor allem die innerstaatliche Dimension der Demokratisierung von der Hauptopposition dargelegt wird im Rahmen einer Perspektive hin zu einem gest\u00e4rkten parlamentarischen System. In den einschl\u00e4gigen Dokumenten der MI finden sich viele gute Vorschl\u00e4ge, zum Beispiel in Bezug auf das Justizwesen. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass das derzeitige Pr\u00e4sidialregime in der T\u00fcrkei nicht mit dem Fallschirm vom Himmel auf die Erde gesprungen ist, sondern sich aus eben einem parlamentarischen System heraus entwickelt hat \u2013 genauer gesagt dadurch, dass Erdo\u011fan/CI gesellschaftliche Konflikte instrumentalisiert haben, um vor dem Hintergrund einer Hegemoniekrise den \u00dcbergang zu einem autorit\u00e4ren Pr\u00e4sidialregime zu forcieren. In dieser Hinsicht bleibt die Forderung der Hauptopposition nach Pluralismus in den gesellschaftlichen Beziehungen weit weniger detailliert, da hoch umstrittene Themen wie die kurdische und alevitische \u201eFrage\u201c und das Thema der LGBTQI+-Rechte umgangen werden. Positive Verweise auf historische Institutionen ausgrenzender religionsbasierter Politik wie das Direktorat f\u00fcr religi\u00f6se Angelegenheiten (Diyanet) finden sich bei der CHP, aber auch bei anderen Parteien der MI. Ebenso finden sich positive Verweise auf neuere symbolische und institutionelle Elemente des Rechtsnationalismus und Autoritarismus, etwa auf die Einleitung und die ersten vier Paragraphen der vom Milit\u00e4r auferlegten und immer noch g\u00fcltigen Verfassung von 1982. Diese beinhalten ein ethnisch-ausgrenzendes Verst\u00e4ndnis der t\u00fcrkischen Nation und einen autorit\u00e4ren \u201eAtat\u00fcrkismus\u201c. Elemente wie diese, gepaart mit einem starken Fokus auf aggressiven Nationalismus und patriarchale Werte, waren die Schl\u00fcsselthemen, die von Erdo\u011fan/CI instrumentalisiert wurden, um auf dem Weg zum aktuellen Pr\u00e4sidialsystem auf Zustimmung zu dr\u00e4ngen. Und sie bleiben die Schl\u00fcsselelemente, die von Erdo\u011fan/CI instrumentalisiert werden, um aktuell den autorit\u00e4ren Konsens zu konsolidieren. Nicht zuletzt \u00e4hnelte die Mobilisierung der Hauptopposition jener von Erdo\u011fan/CI: Das hie\u00df, die Menschen kleinzuhalten und zu demotivieren, selbst aktiv zu werden oder auf die Stra\u00dfe zu gehen, indem sie sie vor schlimmen Dingen warnen, die sonst passieren k\u00f6nnten. Sie setzen darauf, dass die Menschen demobilisiert bleiben oder nur auf eine paternalistische und kontrollierte Weise mobilisiert werden.</p><p>Ein ausgrenzender (extremer) Nationalismus, eine ausgrenzenden religionsbasierten Politik sowie die einem autorit\u00e4ren Staatsglauben und der Staatssicherheit einger\u00e4umte Vorrangstellung gegen\u00fcber der selbstt\u00e4tigen Aktivit\u00e4t der Massen und der popularen Demokratie sind zentrale Themen der herrschenden Bl\u00f6cke seit der Gr\u00fcndung der modernen Republik T\u00fcrkei. Nichts davon war und ist unangefochten und unver\u00e4ndert. Ein Intermezzo gro\u00dfer sozialer Auseinandersetzungen 1960-80 stellte diese autorit\u00e4ren Grundlagen der Republik in Frage. Diese wurden jedoch von der Milit\u00e4rjunta des Staatsstreichs vom 12. September 1980 und ihrer autorit\u00e4ren Verfassung in modifizierter Form wiederhergestellt.</p><p>Seitdem ist das zunehmende Erstarken eines rechtsgerichteten Konservatismus zu verzeichnen, der Nationalismus und Islamismus einschlie\u00dft. Er wird von den wichtigsten b\u00fcrgerlichen Parteien und dem Milit\u00e4r propagiert und instrumentalisiert und f\u00fcllt das Vakuum, das die zerst\u00f6rte revolution\u00e4re Linke hinterlassen hat. St\u00e4rkere oder schw\u00e4chere Alternativ- oder Gegentrends gab und gibt es nach wie vor, wie der kurzlebige Aufstieg der Sozialdemokratie in den fr\u00fchen 1990er Jahren, die illusion\u00e4ren Versuche eines \u201eprogressiven Neoliberalismus\u201c unter der fr\u00fchen AKP und in j\u00fcngerer Zeit vor allem der Gezi-Aufstand von 2013 gezeigt haben. Die Republikaner und die republikanische Linke haben es jedoch vermieden und vermeiden es weiterhin, Gegentendenzen zu einer umfassenden nicht-neoliberalen Alternative zu formulieren, w\u00e4hrend die revolution\u00e4re Linke nach 1980 viel zu schwach blieb und bleibt oder in Teilen liberal wurde. Das ist der Hauptgrund, warum es seit geraumer Zeit eine unabh\u00e4ngige dritte, linke und pro-kurdische Koalition in der T\u00fcrkei gibt.</p><p>Dass der wichtigste Oppositionsblock heute ebenfalls versucht, auf der dominierenden Welle des Konservatismus zu reiten, sollte daher nicht \u00fcberraschen. Noch weniger, wenn man bedenkt, dass im Grunde alle Parteien innerhalb der MI neben der CHP Abspaltungen von der AKP (Davuto\u011flus GP, Babacans DEVA) oder der MHP (Ak\u015feners IYI) sind, au\u00dferdem eine Nachfolgepartei der Vorg\u00e4ngerpartei der AKP (Karamollao\u011flus SP) und eine Partei, die in der Haupttradition der rechten Mitte in der T\u00fcrkei steht (Uysals DP). Es handelt sich also um Parteien der rechten Seite des politischen Spektrums, weswegen die manchmal zu vernehmende Rede von einer \u201egro\u00dfen, parteien\u00fcbergreifenden Koalition\u201c in Bezug auf die MI schlicht falsch ist.</p><p>Es gibt keine offene Zusammenarbeit mit der YSP oder dem E\u00d6I, diese wird von fast allen Parteien innerhalb der MI au\u00dfer der CHP rundweg abgelehnt. Dies ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass die YSP und ihre Vorl\u00e4uferin, die Demokratische Partei der V\u00f6lker (<i>Halklar\u0131n Demokratik Partisi</i>, HDP) bei den Kommunalwahlen 2019 ma\u00dfgeblich zum Erfolg der Opposition beigetragen haben und jetzt wieder dazu beitragen, den Stimmenanteil von K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu zu erh\u00f6hen. In der Tat erzielte K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu in den \u00fcberwiegend kurdischen Gebieten der T\u00fcrkei die h\u00f6chsten Werte, oft weit \u00fcber 60 % der Stimmen. Im Gegensatz dazu h\u00f6rt man oft Aufrufe aus dem liberalen Lager an K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu und die CHP, sich zug\u00e4nglich gegen\u00fcber konservativen und nationalistischen W\u00e4hler:innen zu zeigen, um eine erfolgreiche demokratische Koalition zu schmieden und die Macht von Erdo\u011fan/CI \u00fcber diese W\u00e4hler:innenschaft zu brechen. \u00c4hnliche Aufrufe an K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu und die CHP, sich der HDP/YSP oder dem E\u00d6I anzun\u00e4hern, gibt es allerdings kaum. Offensichtlich ist die MI nicht nur aus pragmatischen Gr\u00fcnden der Ansicht, dass ein Einlenken gegen\u00fcber einer scheinbar dominanten konservativen Str\u00f6mung ihr die Oberhand bei den Wahlen verschaffen w\u00fcrde. Der Schluss ist naheliegend, dass die Mehrheit der MI auch aktiv davon \u00fcberzeugt ist, dass der Konservatismus die \u201erichtige\u201c Art und Weise ist, zu regieren und die Gesellschaft zu gestalten. Gerade dieses Appeasement an den rechtskonservativen Trend machte es schon vor den Wahlen fragw\u00fcrdig, wie weit eine Demokratisierung unter F\u00fchrung der MI gehen k\u00f6nnte.</p><p>Allerdings scheint diese Anpassung an den dominanten rechtskonservativen Trend als Alternative gar nicht erst \u00fcberzeugend genug zu sein, um einen Wandel in der Legislative einzuleiten, wie schon vor den Wahlen oft kritisch angemerkt wurde: Die MI blieb bei den Parlamentswahlen im Wesentlichen bei ihren Stimmenanteilen von 2018 (damals 33,94%, jetzt 35%), wobei die IYI etwas weniger (jetzt 9,7% gegen\u00fcber 9,96% 2018) und die CHP etwas mehr als bei den letzten Wahlen (25,33% gegen\u00fcber 22,65%) erzielte. Da die CHP jedoch nur durch die viel gepriesene Taktik, mit allen MI-Mitgliedern au\u00dfer der IYI mit gemeinsamen Listen in den Wahlkampf zu ziehen, mehr Abgeordnete gewinnen konnte, werden sich diese Gewinne in Verluste verwandeln, da die CHP mehr Sitze an MI-Mitglieder abgeben wird, als sie gewonnen hat. Man fragt sich schon, ob die Taktik, eine Mitte-Rechts-Koalition zu schmieden, um das demokratische Potenzial gegen den Autoritarismus zu kanalisieren, doch nicht so gut aufgegangen ist und ob ein alternatives Mitte-Links-B\u00fcndnis, etwa mit der CHP und der HDP im Kern, bei guter Durchf\u00fchrung, nicht erfolgreicher gewesen w\u00e4re.</p><p>Die Lehren aus dem relativen Scheitern der Opposition sind meines Ermessens daher diese hier: Ohne eine umfassende alternative gesellschaftliche Vision, inklusive einer alternativen polit\u00f6konomischen Vision, plus einer Praxis, die sich im Alltag und in der sozialen Praxis der Menschen mit diesen verbindet, um die Alternative tats\u00e4chlich zu verankern und die Menschen umfassend handlungsf\u00e4hig subjektiviert und daher die reaktion\u00e4ren Subjektivierungsmechanismen ersetzt, wird es kaum gehen. Oder es wird gehen zu einem immer st\u00e4rker steigenden Preis, das hei\u00dft auf dem Hintergrund von immer schwereren Krisen, deren Materialit\u00e4t dann irgendwann die Materialit\u00e4t und Superstruktur des Erdo\u011fanismus brechen wird, allerdings dann mit einer Sto\u00dfrichtung, die radikal offen bleibt in alle Richtungen, fortschrittlich wie reaktion\u00e4r.</p><hr/><h4><b>Schlimmer jedoch als die nur mittelm\u00e4\u00dfige Performance der MI ist,</b> <b>dass das Einlenken gegen\u00fcber dem Rechtskonservatismus, um dessen extremste autorit\u00e4re Form, n\u00e4mlich das faschistoide Regime unter Erdo\u011fan, zu st\u00fcrzen, dazu beigetragen hat \u2013 wohl unbeabsichtigt, nehme ich an, aus der Sicht der Mehrheit der Republikaner:innen \u2013, die steigende Flut des rechten (extremistischen) Konservatismus zu st\u00e4rken. Auch das war eine gro\u00dfe Gefahr, vor der kritische Analysen schon seit geraumer Zeit gewarnt haben.</b></h4><hr/><h2><b>Der Aufstieg des extremen Rechtskonservatismus</b></h2><p>Der heimliche Gewinner der Wahlen in der T\u00fcrkei vom 14. Mai 2023 scheint derzeit der (extreme) Rechtskonservatismus zu sein, der als allgemeine Tendenz b\u00fcndnis\u00fcbergreifend erstarkt und verschiedene Unterstr\u00f6mungen wie extremen Nationalismus und extremen Islamismus umfasst. Z\u00e4hlt man die (rechtsextremen) nationalistischen Parteien aus der Regierungskoalition wie die MHP, aber auch aus der Opposition wie die bereits erw\u00e4hnte IYI, aber auch die rasend fl\u00fcchtlingsfeindliche Partei des Sieges (<i>Zafer Partisi</i>, ZP), die ihrerseits eine Abspaltung der IYI ist, zusammen, ergibt sich f\u00fcr diese Str\u00f6mung ein Gesamtstimmenanteil von etwa 24-25 %. Das gro\u00dfe bisher ungel\u00f6ste R\u00e4tsel in dieser Gleichung ist die starke Performance der MHP. Waren ihr im Durchschnitt aller Umfragen vor den Wahlen 6-7% der Stimmen vorhergesagt worden, konnte sie mit knapp \u00fcber 10% der Stimmen ihre Zustimmungswerte von 2018 im Allgemeinen fast ohne Verluste verteidigen. Eine \u00e4hnliche massive Fehlvorhersage fast aller Wahlumfrageinstitute f\u00fcr das Abschneiden der MHP war schon 2018 aufgetreten.</p><p>Auf der anderen Seite, w\u00e4hrend die AKP als Partei, obwohl sie immer noch die st\u00e4rkste Partei bleibt, der gro\u00dfe Verlierer dieser Wahlen ist (35,58% im Vergleich zu 42,56% im Jahr 2018), werden die extremen Islamisten von Erbakans Neuer Wohlfahrtspartei (<i>Yeniden Refah Partisi,</i> YRP) mit 2,82% der Stimmen als Teil der CI f\u00fcnf Mitglieder ins Parlament schicken. Dar\u00fcber hinaus sind vier Abgeordnete der kurdisch-islamistischen Partei der Freien Sache (<i>H\u00fcr Dava Partisi,</i>H\u00dcDA-PAR) \u00fcber die AKP-Listen ins Parlament eingezogen. Die YRP wurde der CI hinzugef\u00fcgt, um deren Anziehungskraft im islamistischen Lager zu verst\u00e4rken, w\u00e4hrend die H\u00dcDA-PAR dem B\u00fcndnis hinzugef\u00fcgt wurde, um die Anziehungskraft unter konservativen Kurd:innen zu erh\u00f6hen. W\u00e4hrend H\u00dcDA-PAR in der Tradition der t\u00fcrkischen Hizbullah steht, die in den 1990er Jahren f\u00fcr barbarische Massaker und F\u00e4lle brutaler Folter verantwortlich war, pflegen sowohl H\u00dcDA-PAR als auch YRP eine aggressive Feindseligkeit gegen\u00fcber queeren Menschen und Frauen*rechten. Wie der erfahrene republikanische Journalist Murat Yetkin zu Recht <a href=\"https://yetkinreport.com/2023/05/16/turkiyenin-en-milliyetci-ve-muhafazakar-meclisi-kuruldu/\">feststellt</a>, ist das derzeitige Parlament auf dem besten Wege, das nationalistischste und islamistischste Parlament in der Geschichte der modernen T\u00fcrkei zu werden. Im Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf hat der rechtsextrem-nationalistische Kandidat Sinan O\u011fan, der sich ebenfalls von der IYI abgespalten hat und sich f\u00fcr das im Rennen um das Parlament an sich unbedeutende ATA-B\u00fcndnis (wortw\u00f6rtlich \u201eB\u00fcndnis der Vorfahren\u201c) aufstellen lie\u00df, mit einem Gesamtstimmenanteil von 5,17 % entscheidend dazu beigetragen, dass das Rennen nun in eine zweite Runde geht.</p><p>Auch wenn wir noch nicht \u00fcber wissenschaftlich fundierte Analysen der W\u00e4hler:innenstr\u00f6me verf\u00fcgen, k\u00f6nnen wir vorl\u00e4ufig davon ausgehen, dass ver\u00e4rgerte AKP-W\u00e4hler:innen f\u00fcr Parteien innerhalb desselben B\u00fcndnisses (wie etwa die YRP) und in geringem Ma\u00dfe f\u00fcr Parteien au\u00dferhalb der Regierungskoalition, die dieser ideologisch nahe stehen, gestimmt haben.</p><p>Es zeichnet sich ab, dass nationalistisch orientierte Neuw\u00e4hler:innen und ver\u00e4rgerte W\u00e4hler:innen anderer Parteien, <a href=\"https://turkiyeraporu.com/arastirma/cumhurbaskani-adaylari-hangi-parti-secmenlerinden-oy-aldi-15309/\">insbesondere</a> diejenigen, die IYI gew\u00e4hlt haben, Sinan O\u011fan ihre Stimme gaben. IYI-Parteichefin Meral Ak\u015fener scheint durch das Wahlergebnis nicht so sehr aus der Fassung gebracht zu sein zu sein wie die Republikaner oder die Linke; sie hat sich in der Wahlnacht und bis zum jetzigen Zeitpunkt (Mittwoch, 17. Mai) \u00fcberhaupt nicht zu den Wahlergebnissen ge\u00e4u\u00dfert. Man kann nur vermuten, dass ein extremer Nationalist aus der gleichen Tradition wie Ak\u015fener als mutma\u00dflicher K\u00f6nigsmacher in der zweiten Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen sie ebenso erfreut wie das allgemein starke Abschneiden des (extremen) Nationalismus bei den Wahlen.</p><hr/><h4><b>Zusammenfassend haben die jahrelange D\u00e4monisierung der relativ zentristischen CHP und insbesondere der HDP/YSP als terroristisch von einem extrem nationalistischen Standpunkt aus ebenso wie das Fehlen einer Alternative zum Rechtskonservatismus und die Beschwichtigung desselben durch den wichtigsten Oppositionsblock zu diesen Ergebnissen gef\u00fchrt.</b></h4><hr/><p>Das hei\u00dft, Politik hat zu dieser Situation beigetragen und nicht irgendeine mysteri\u00f6se allgemeine Soziologie der T\u00fcrkei, derzufolge reaktion\u00e4rer Konservatismus/Nationalismus irgendwie ein fester Bestandteil der t\u00fcrkischen Nation seit ehedem sei. Dennoch: Wie beispielsweise Cihan Tu\u011fal <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/articles/c3gpj1p1e7eo\">hervorgehoben</a> hat, werden diese strukturellen Verschiebungen in der allgemeinen W\u00e4hler:innenstimmung und der Identit\u00e4tsbildung in den wenigen Tagen vor der zweiten Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen h\u00f6chstwahrscheinlich nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden k\u00f6nnen, auch wenn K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu das wollte (was er, \u00fcbrigens, offensichtlich nicht tut; siehe weiter unten). Bevor ich mich der Wahlnacht und den Perspektiven f\u00fcr den zweiten Wahlgang zuwende, m\u00f6chte ich einen kurzen Blick auf den Zustand der Linken werfen.</p><h2><b>Revolution\u00e4re Fehlz\u00fcndungen</b></h2><p>Nach den aktuell vorliegenden offiziellen Ergebnissen bleibt das Abschneiden des linken E\u00d6I mittelm\u00e4\u00dfig. Sie k\u00f6nnte sogar Stimmenanteile verloren haben (10,54 % jetzt gegen\u00fcber 11,70 % f\u00fcr die HDP im Jahr 2018). Dies gilt insbesondere f\u00fcr die YSP (jetzt 8,81 %), unter deren Dach die HDP kandidierte, da letztere mit einem politisierten Schlie\u00dfungsverfahren vor dem Verfassungsgericht konfrontiert ist. Da sich die Diskussionen um Wahlbetrug jedoch speziell auf die Stimmen f\u00fcr die YSP und in geringerem Ma\u00dfe f\u00fcr die Arbeiterpartei der T\u00fcrkei (<i>T\u00fcrkiye I\u015f\u00e7i Partisi,</i>TIP), die Teil des E\u00d6I ist, konzentrieren, werden detaillierte Diskussionen \u00fcber den Wahlerfolg oder das Scheitern des E\u00d6I warten m\u00fcssen, bis sich der Nebel des Krieges gelichtet hat. Dennoch lassen sich bereits jetzt einige allgemeinere Aussagen treffen.</p><p>Der bereits erw\u00e4hnte Betrug und die autorit\u00e4re Repression sowie der allgemeine Anstieg des Rechtskonservatismus der letzten Jahre haben den Aktionsradius des E\u00d6I eingeschr\u00e4nkt. Dennoch bleibt das E\u00d6I eine wichtige Kraft, mit der man rechnen muss, und zwar seit Jahren. Das B\u00fcndnis stellt den einzigen wirklichen Garant f\u00fcr die Demokratisierung in der T\u00fcrkei dar, und aufgrund der sozialistischen und linken Tendenzen innerhalb des E\u00d6I auch f\u00fcr die M\u00f6glichkeit einer sozialen Perspektive f\u00fcr die T\u00fcrkei \u00fcber den Neoliberalismus hinaus. Das ist einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr die D\u00e4monisierung des E\u00d6I und insbesondere der HDP/YSP durch die meisten Parteien des politischen Spektrums: Sie wollen diese Ausrichtung einer Alternative f\u00fcr die T\u00fcrkei auf die Kurd:innen und einige marginalisierte Elemente der Linken beschr\u00e4nken, da der Rechtskonservatismus von den dominierenden politischen Parteien als soziale Vision f\u00fcr die T\u00fcrkei bevorzugt wird.</p><p>Das E\u00d6I wurde erst kurz vor den Wahlen gegr\u00fcndet und bezog noch mehr sozialistische Parteien als zuvor in ein strategisches B\u00fcndnis mit den pro-kurdischen linken Kr\u00e4ften ein. Dies war ein wichtiger Schritt, da es die Reichweite eines strategischen B\u00fcndnisses von Sozialist:innen und pro-kurdischen Linken um diejenigen Parteien und Organisationen erweiterte, die fr\u00fcher in relativer Distanz zur kurdischen Bewegung standen. Allerdings f\u00fchrten Meinungsverschiedenheiten dar\u00fcber, ob man \u00fcber gemeinsame Listen unter dem Dach der HDP/YSP oder \u00fcber verschiedene Listen in den Parlamentswahlkampf eintreten sollte, zu schwerwiegenden Reibereien innerhalb des B\u00fcndnisses. Letztendlich entschied sich nur die TIP aus den Reihen des E\u00d6I, \u00fcber eine unabh\u00e4ngige Liste neben der HDP/YSP anzutreten, w\u00e4hrend alle anderen sozialistischen Parteien \u00fcber HDP-Listen kandidierten. Positiv am Wahlergebnis f\u00fcr das E\u00d6I ist die Tatsache, dass die TIP aus dem Stand heraus vier Abgeordnete mit 1,73% der Stimmen gewinnen konnte, das ist die gleiche Anzahl an Abgeordneten wie bei und nach ihrer ersten Kandidatur 2018 \u00fcber HDP-Listen. Dies ist prinzipiell zu begr\u00fc\u00dfen, da es zeigt, dass eine sozialistische Partei in strategischer Allianz mit der HDP/YSP in der Lage ist, selbst als Newcomer im parlamentarischen Wettbewerb Stimmen und Sitze zu gewinnen. Auch hier liegt bislang keine klare Analyse der W\u00e4hler:innenstr\u00f6me vor, so dass nicht genau festgestellt werden kann, woher die Stimmen f\u00fcr die TIP kamen. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass TIP Stimmen von linksgerichteten CHP-W\u00e4hler:innen, bisherigen Nichtw\u00e4hler:innen und HDP/YSP-W\u00e4hler:innen erhalten hat. Sollte die TIP mehr Stimmen von linksgerichteten CHP-W\u00e4hler:innen und Nichtw\u00e4hler:innen als von HDP/YSP-W\u00e4hler:innen erhalten haben, k\u00f6nnte man davon ausgehend argumentieren, dass die eigenst\u00e4ndigen Listen der TIP im Prinzip zum Wachstum des Gesamtstimmenanteils des E\u00d6I beigetragen hat.</p><p>Wie auch immer die W\u00e4hler:innenstr\u00f6me im Einzelnen aussehen m\u00f6gen: Auf der negativen Seite des Wahlergebnisses f\u00fcr das E\u00d6I steht die Tatsache, dass die Kandidatur \u00fcber getrennte Listen nach einigen Berechnungen f\u00fcr das E\u00d6I aufgrund der Spaltung der linken W\u00e4hler:innenschaft in bestimmten Wahlbezirken zu einem Verlust von <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/sertug-cicek/14-mayis-secimlerinin-rontgeni-ittifak-politikalari-ne-kazandirdi-ne-kaybettirdi-tip-in-ayri-listesi-hangi-illerde-sonucu-etkiledi,40029\">etwa vier Abgeordneten</a> f\u00fchrte (Berechnungen \u00fcber potenzielle Verluste von Parlamentssitzen bleiben noch provisorisch). W\u00e4hrend ein Zusammenschluss mit dem vorrangigen Ziel, mehr Abgeordnete zu erhalten \u2013 und damit der Verzicht auf unabh\u00e4ngige Organisation und Propaganda \u2013 in normalen Zeiten als eine autorit\u00e4re Perspektive des Ausb\u00fcgelns von Differenzen um des st\u00e4rksten Teils der Einheit willen aus rein pragmatischen Gr\u00fcnden (= mehr Abgeordnete) angesehen und kritisiert werden muss, war die T\u00fcrkei am 14. Mai nicht auf normale Wahlen eingestellt: Die absolute Mehrheit der CI im Parlament zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und Erdo\u011fan als Pr\u00e4sidentschaftskandidaten zu schlagen, war und bleibt der Schl\u00fcssel, um den konsolidierten Autoritarismus an diesem kritischen historischen Punkt empfindlich zu treffen. Darum ging es am 14. Mai. Der Zeitpunkt der TIP-Initiative, mit eigenen Listen anzutreten und auch dort separat zu kandidieren, wo dies absehbar zu einem Verlust von Abgeordneten f\u00fcr das E\u00d6I insgesamt f\u00fchren w\u00fcrde, muss daher als grober Fehler gewertet werden, der die gemeinsame Dynamik des B\u00fcndnisses besch\u00e4digte und als solcher scharf kritisiert werden sollte.</p><p>Andererseits hat der Geist der Debatten \u00fcber die Listenfrage und die Perspektive nach den Wahlen zuweilen die Grenzen des legitimen Wettbewerbs und der Kritik innerhalb eines Linksb\u00fcndnisses verlassen und war auch f\u00fcr den Geist des B\u00fcndnisses \u00e4u\u00dferst destruktiv. Wenn wir die bisherigen offiziellen Ergebnisse f\u00fcr bare M\u00fcnze nehmen (und dabei immer den Betrugsvorbehalt im Hinterkopf behalten), hat die HDP/YSP mehr Stimmen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hdp-ve-yesil-sol-parti-den-secim-sonuclarina-iliskin-aciklama,1110004\">verloren</a> als die TIP gewonnen hat, <a href=\"https://twitter.com/alkanfrkan/status/1658036982721675264\">selbst</a> in Gebieten, in denen die TIP nicht parallel zur HDP/YSP antrat, wie in (Teilen von) Izmir, Ankara, Bursa, Ayd\u0131n, Kocaeli und Manisa. Die Besch\u00e4digung des B\u00fcndnisgeistes k\u00f6nnte zu einer Demoralisierung und folglich zu einem Verlust von Stimmenanteilen insgesamt beigetragen haben. Eine n\u00fcchterne Selbstreflexion und -kritik ist notwendig, um die Gr\u00fcnde f\u00fcr den relativen Verlust von Stimmenanteilen zu finden. Innerhalb des B\u00fcndnisses stehen an den beiden extremen Polen der Debatte die Klage des TIP-Abgeordneten Ahmet \u015e\u0131k \u00fcber \u201ekurdische Faschisten\u201c und die Behauptung der HDP-Ko-Vorsitzenden Pervin Buldan, jede Stimme f\u00fcr eine andere Partei innerhalb des E\u00d6I als die HDP/YSP sei eine Stimme f\u00fcr Erdo\u011fan (beide entschuldigten sich sp\u00e4ter). Auch nach der Wahlnacht ging die Suche nach einem S\u00fcndenbock innerhalb des E\u00d6I viral. Dies ist keine akzeptable Form, eine b\u00fcndnisinterne Debatte zu f\u00fchren.</p><hr/><h4><b>Die E\u00d6I-Mitglieder und -Mitgliedsparteien sollten sich rasch wieder auf die Wiederherstellung des B\u00fcndnisgeistes besinnen, ohne sich dabei berechtigte Kritik zu verkneifen. Gerade jetzt sind alle Kr\u00e4fte notwendig, um die seit der Wahlnacht einsetzenden allgemeinen Demoralisierungstendenzen umzukehren, um auf dem steinigen Weg zum 28. Mai wieder die Initiative zu ergreifen.</b></h4><hr/><p>Man kann nicht genug betonen, wie wichtig es ist, sich so schnell wie m\u00f6glich auf die zweite Wahlrunde vorzubereiten. Zudem: Mittel- bis langfristig, unabh\u00e4ngig von den Ergebnissen des 28. Mai, ist eine starke und geeinte E\u00d6I notwendig, um dem Aufstieg des Rechtskonservatismus entgegenzuwirken, mehr Kr\u00e4fte f\u00fcr eine Demokratisierung der T\u00fcrkei mit einer starken sozialen Perspektive zu sammeln und das Kr\u00e4ftegleichgewicht in eine solche Richtung zu bewegen. Dies wird der E\u00d6I nicht gelingen, wenn sie in eine Psychologie der Niederlage zur\u00fcckf\u00e4llt, die die destruktiven Energien nach innen lenkt, anstatt sie in positive Energien nach au\u00dfen zu wenden.</p><h2><b>Ein harter Kampf steht bevor</b></h2><p>Momente und Elemente, die keine zentralen Bestandteile von Strukturen oder von mittel- bis langfristigen Tendenzen darstellen, k\u00f6nnen dennoch kurzfristig von gro\u00dfer Bedeutung sein. Sie werden historisch entscheidend, wenn das Kurzfristige selbst ein kritischer historischer Kreuzungspunkt ist.</p><p>Die Wahlnacht bleibt nach wie vor geheimnisumwittert, da die Ver\u00f6ffentlichung neuer Daten zum Wahlergebnis durch alle relevanten Instanzen, einschlie\u00dflich des von CHP und MI konstruierten alternativen Systems, mitten in der Nacht f\u00fcr einige Stunden gestoppt wurde. Selbst die sonst sehr lautstarken CHP-B\u00fcrgermeister von Istanbul und Ankara, Ekrem Imamo\u011flu und Mansur Yava\u015f, die die offizielle Ausz\u00e4hlung und die AKP-Blockademan\u00f6ver am Abend und in der Nacht angefochten hatten, verstummten ohne jede Erkl\u00e4rung. Dabei hatte Imamo\u011flu bei den Kommunalwahlen am 31. M\u00e4rz 2019 die ganze Nacht hindurch die offizielle Ausz\u00e4hlung in ganz \u00e4hnlicher Weise angefochten, was als entscheidendes Element f\u00fcr den Sieg der CHP gegen den versuchten Wahlbetrug durch die AKP angesehen wird. Was ist dieses Mal passiert? Drei Tage danach gibt es immer noch keine befriedigende Erkl\u00e4rung. Es gibt viele Ger\u00fcchte und Anzeichen \u2013 wie den R\u00fccktritt der Person, die innerhalb der CHP f\u00fcr die Wahlsicherheit und die Wahlberichterstattung zust\u00e4ndig ist \u2013, die darauf hindeuten, dass innerhalb der CHP etwas grundlegend schief gelaufen ist. Aber die breite Bev\u00f6lkerung wird \u00fcber Details im Unklaren gelassen und dadurch demobilisiert. Hinzu kommt, dass Wahlbetrug, dessen Ausma\u00df nach wie vor hoch <a href=\"https://twitter.com/alicanuludag/status/1658580790773440514?t=RD_k8mk4GHrW0UesNWklkw&amp;s=35\">umstritten</a> ist, bereits zwei Tage nach den Wahlen aufgedeckt wurde. Vielleicht ist es reiner Zufall und die hohe analytische Begabung des Innenministers S\u00fcleyman Soylu (AKP), dass er das Wahlergebnis am Wahltag fast <a href=\"https://www.sabah.com.tr/yazarlar/ovur/2023/05/16/secimin-kazanani-kaybedeni-ve-surprizi\">exakt genau</a> vorhersagte (49,50% f\u00fcr Erdo\u011fan, 320-325 Sitze f\u00fcr CI). Oder vielleicht auch nicht.</p><p>Selbst wenn der Betrug die immer noch hohe W\u00e4hler:innenunterst\u00fctzung f\u00fcr Erdo\u011fan und die CI nicht erkl\u00e4rt: Wenn Betrug das Wahlergebnis auch nur um 1-3% zugunsten von Erdo\u011fan und der MHP und gegen K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu und die YSP ver\u00e4ndert hat, wird er entscheidend f\u00fcr den Moralfaktor im Vorfeld der zweiten Runde des Pr\u00e4sidentschaftsrennens sein. Was in der Wahlnacht vor aller Augen geschah \u2013 zahllose Einw\u00e4nde von AKP-Militanten gegen die Ausz\u00e4hlung von Wahlurnen in Istanbul und Ankara \u2013 k\u00f6nnte dann als Ablenkungsman\u00f6ver interpretiert werden, um Aufmerksamkeit, Zeit und Energie von den Wahlurnen abzulenken, wo der eigentliche Betrug stattfand. Die Entlarvung dieses m\u00f6glichen Wahlbetrugs wird K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu h\u00f6chstwahrscheinlich keinen Sieg in der ersten Runde bescheren und vermutlich auch nicht die absolute Mehrheit der CI im Parlament zunichte machen. Aber das unerwartet starke Abschneiden der MHP im Parlament und der Beinahe-Sieg von Erdo\u011fan in der ersten Runde waren die beiden Schl\u00fcsselelemente der weit verbreiteten Demoralisierung in und nach der Wahlnacht. Sicherlich tragen auch die von den politischen Parteien gen\u00e4hrten \u00fcberzogenen Erwartungen ihren Teil der Verantwortung f\u00fcr diese Demoralisierung. Dennoch w\u00fcrde eine Verringerung des Stimmenanteils der MHP und von Erdo\u011fan durch die Aufdeckung dieser Betrugsf\u00e4lle die Moral erheblich st\u00e4rken.</p><hr/><h4><b>Es kann nicht genug betont werden, wie wichtig es ist, den genauen Umfang des Wahlbetrugs so gut wie m\u00f6glich zu ermitteln und die Ergebnisse so schnell wie</b> <b>m\u00f6glich zu kippen, um die</b> <b>allgemeine Stimmung auf dem steinigen Weg zum 28. Mai zu \u00e4ndern. Trotzdem: Auch ohne die Aufdeckung des Betrugs ist der selbst in manchen kritischen Analysen festzustellende Def\u00e4tismus im Hinblick auf die zweite Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen von vornherein ein falscher Ansatz.</b></h4><hr/><p>Sinan O\u011fan und die rund 5 % der Stimmen, die er auf sich vereinigen konnte, sind entscheidend geworden f\u00fcr den 28. Mai. O\u011fan hat erkl\u00e4rt, er werde mit beiden Seiten sprechen und seine Forderungen f\u00fcr eine Unterst\u00fctzung seinerseits am 28. Mai vorlegen. Diese lassen sich im Wesentlichen auf die Forderung reduzieren, dem extremen t\u00fcrkischen Nationalismus und der Anti-Gefl\u00fcchteten-Hetze Respekt zu zollen. O\u011fan scheint im Moment dazu zu tendieren, K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu am 28. Mai zu unterst\u00fctzen, w\u00e4hrend er bereits mit vorgezogenen Neuwahlen in zwei bis drei Jahren rechnet \u2013 unabh\u00e4ngig davon, wer gewinnt, da er, nicht ganz zu Unrecht, eine instabile Situation nach dem 28. Mai voraussieht. Andererseits ist der Charakter von O\u011fans W\u00e4hler:innenschaft noch nicht wirklich klar. Sie sind offensichtlich in Opposition zu Erdo\u011fan und durch nationalistische Gef\u00fchle motiviert, zugleich aber auch auf Distanz zu K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu. K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu kann sich entscheiden, dem t\u00fcrkischen Nationalismus noch mehr Zugest\u00e4ndnisse zu machen, als er ohnehin schon gemacht hat, um die O\u011fan-W\u00e4hler:innen f\u00fcr sich zu gewinnen. Hierdurch l\u00e4uft er jedoch Gefahr, die Unterst\u00fctzung der Linken und der Kurd:innen zu verlieren. Oder er setzt auf die Betonung der anti-Erdo\u011fan und antifaschistischen, pro-demokratischen Perspektive, die von Teilen der O\u011fan-W\u00e4hler:innen geteilt zu werden scheint \u2013 und riskiert, im Gegenzug die Unterst\u00fctzung der Hardcore-Nationalist:innen zu verlieren. Mit Stand heute (Mittwoch, 17. Mai) scheint er <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-vatanimizi-birakmayacagiz-dedi-10-milyon-duzensiz-multeciyi-icimize-soktular,1110466\">ersteres zu bevorzugen</a> und beginnt mit einer aggressiven Anti-Gefl\u00fcchteten-Hetze sowie einem Lob auf das Vaterland und den nationalistischen Militarismus.</p><p>Wie dem auch sei, ein Sieg von K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu w\u00e4re der Schl\u00fcssel zur Schw\u00e4chung von Erdo\u011fan und der CI, da das autorit\u00e4re Pr\u00e4sidialsystem dem Pr\u00e4sidenten die M\u00f6glichkeit gibt, die gesamte Regierung und einen gro\u00dfen Teil der oberen B\u00fcrokratie zu bestimmen, unabh\u00e4ngig davon, wer das Parlament kontrolliert. Eine Situation der Doppelherrschaft, in der ein Block den Pr\u00e4sidenten und der andere das Parlament kontrolliert, w\u00fcrde also nicht automatisch zu einem Verwaltungschaos f\u00fchren, wie manche meinen. Die Exekutive und die B\u00fcrokratie unter K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, einschlie\u00dflich der Sicherheitsapparate, der wirtschaftspolitischen Institutionen und gro\u00dfer Teile der oberen Gerichtsbarkeit, k\u00f6nnten so agieren, dass sie die absolute Mehrheit der CI im Parlament umgehen. Aus hegemonialer Sicht w\u00e4re eine solche Situation jedoch h\u00f6chstwahrscheinlich nicht f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit haltbar, insbesondere angesichts des Versprechens der MI, das Pr\u00e4sidialsystem zu beenden.</p><p>Die Opposition gegen den Faschisierungsprozess in der T\u00fcrkei hat auf dem steinigen Weg zum 28. Mai einen schweren Stand. Zwar hat die partielle Aufdeckung des Betrugs, dessen Ausma\u00df nach wie vor umstritten ist, die Moral bis zu einem gewissen Grad wiederhergestellt, doch haben Erdo\u011fan und die CI nach wie vor die Oberhand, und es sieht aus heutiger Sicht wahrscheinlicher aus, dass sie den 28. Mai gewinnen werden. Das ist jedoch keine ausschlie\u00dfliche Notwendigkeit, und es besteht eine realistische Chance, dass auch K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu gewinnt. Dies sollte nicht leichtfertig abgetan werden, da der Erfolg oder Misserfolg des Kampfes gegen die Demoralisierung und die Wiedererlangung der Initiative mit dar\u00fcber entscheidet, ob Erdo\u011fan am 28. Mai besiegt wird oder nicht. Der Erfolg oder Misserfolg am 28. Mai ist nicht nur eine intellektuelle, erkenntnistheoretische \u00dcbung der rationalen Analyse dessen, was mehr oder minder wahrscheinlich geschehen wird, sondern eben auch eine Frage der Praxis, die den Ausgang der Wahl mit entscheidet. Nichts anderes bedeutet es in praktischer Hinsicht, von M\u00f6glichkeiten statt von Notwendigkeiten zu sprechen. Def\u00e4tismus \u00e0 la \u201eErdo\u011fan hat eh schon gewonnen, ich mach mir \u00fcberhaupt keine Hoffnungen\u201c ist eine Luxusware aus der Sicht all jener oppositionellen und dissidenten Menschen, die im Falle eines Erdo\u011fan/CI-Doppelsieges keine realistische Perspektive haben, aus dem Land zu fliehen. Die Depression, die aus der Wahrnehmung einer ausweglosen Perspektive von weiteren f\u00fcnf Jahren Erdo\u011fan in Koalition mit der Hizbullah entstanden ist, hat schon jetzt die 20-j\u00e4hrige K\u00fcbra Ergin <a href=\"https://sendika.org/2023/05/kadin-savunmasi-genc-kadinin-intihar-ettigi-yenikapi-marmaraya-cicekler-birakti-685070/\">in den Freitod</a> getrieben. Die Verbreitung einer solchen Wahrnehmung der Ausweglosigkeit l\u00e4sst sich stoppen, das sind wir K\u00fcbra Ergin und vielen anderen schuldig. Alle Kr\u00e4fte m\u00fcssen jetzt geb\u00fcndelt werden, um f\u00fcr eine Niederlage von Erdo\u011fan am 28. Mai zu k\u00e4mpfen. Nur so besteht die M\u00f6glichkeit, dass der faschistische Ansturm kurzfristig etwas nachl\u00e4sst, was notwendig ist, um die Grundlagen f\u00fcr den Aufbau einer sozialen Kraft und einer Vision zu schaffen, die den gordischen Knoten durchschlagen k\u00f6nnte. All dies nat\u00fcrlich ohne der Illusion zu verfallen, dass eine Pr\u00e4sidentschaft von K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu der T\u00fcrkei Demokratie und Sozialismus bringen wird, umso weniger, wenn Konzessionen ultranationalistischer Art an O\u011fan damit einhergehen. Die Alternative ist jedoch, dass die Tore der H\u00f6lle sperrangelweit ge\u00f6ffnet werden. Dann kann man sich die revolution\u00e4ren mittel- bis langfristigen Perspektiven vermutlich auch erst mal gr\u00fcndlich abschminken. Dar\u00fcber sollte man sich schon im Klaren sein, bevor man in einen bequemen Pessimismus verf\u00e4llt oder sich umgekehrt in einen <a href=\"https://umutgazetesi42.org/arsivler/98701\">revolution\u00e4ren Ultralinksradikalismus</a> st\u00fcrzt.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Im Januar 2022 legte ein heftiger Schneesturm das gesamte Leben Istanbuls lahm. Hunderte Autos und Busse blieben im hohen Schnee auf den Hauptverkehrsachsen stecken, keine F\u00e4hren fuhren mehr, die Menschen \u00fcbernachteten improvisiert in den Vierteln, in denen sie der Schneesturm erwischt hatte. Zwei Monate sp\u00e4ter waren Stadt, Gouverneursamt und Bev\u00f6lkerung besser vorbereitet. Erneut zogen an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden im M\u00e4rz heftige Schneest\u00fcrme \u00fcber Istanbul hinweg und bedeckten die Stadt mit eisigem Frost.</p><p>In diesem langen Winter fegte jedoch nicht nur der Schnee \u00fcber Istanbul, sondern mit <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Tuketici-Fiyat-Endeksi-Nisan-2022-45793\">fast 70 Prozent</a> auf seinem bisherigen Gipfel (April 2022) auch die h\u00f6chste Inflationsrate seit 20 Jahren \u00fcber die T\u00fcrkei hinweg. Lebensmittel, Strom, Gas zum Heizen und Kochen \u2013 viele Grundg\u00fcter des modernen Lebens wurden zu fast unbezahlbaren Luxusg\u00fctern. Die Preise steigen teils w\u00f6chentlich. Menschen kaufen wenige und schlechtere Lebensmittel ein und beginnen, alles m\u00f6gliche auf Vorrat im Sonderangebot zu kaufen. Ladenbesitzer*innen sitzen in dicken M\u00e4nteln, Schals und Polarhandschuhen in ihren L\u00e4den, weil die Heizkosten explodieren. Der Winter kann als eine lange, niederschmetternde Depression f\u00fcr den Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung bezeichnet werden. Aber ganz oben wird weiterhin das altbekannte makabre Theater der Hybris gespielt: Die T\u00fcrkei <a href=\"https://www.bloomberght.com/bakan-nebati-oncu-gostergelerimiz-cok-iyi-2302041\">erringe</a> \u201eeinen [wirtschaftlichen] Erfolg nach dem anderen\u201c (Wirtschafts- und Finanzminister Nureddin Nebati), sie werde zu \u201eeinem der m\u00e4chtigsten L\u00e4nder der Welt\u201c (<a href=\"https://www.bloomberght.com/bakan-nebati-yatirimcilar-turkiye-ye-gelsin-diye-kosacagiz-2302140\">ebenfalls</a> Nebati); \u201ewir geh\u00f6ren zu denen, die am besten wissen, wie man Inflation bek\u00e4mpft\u201c (<a href=\"https://www.bloomberght.com/bakan-nebati-burokratik-engeller-cikaranlarin-onunde-duracagiz-2302054\">wieder</a> Nebati); \u201edie T\u00fcrkei ist so stark wie noch nie in den letzten 300 Jahren\u201c (Innenminister S\u00fcleyman <a href=\"https://www.birgun.net/haber/soylu-nun-hedefinde-kilicdaroglu-ve-6-parti-var-bildiriyi-hangi-buyukelcilige-duzeltmeye-gonderdin-382037\">Soylu</a>).</p><p>Wer auf Regimeseite die beinharten Realit\u00e4ten nicht mehr ignorieren konnte, versuchte diese <a href=\"https://www.yeniakit.com.tr/yazarlar/abdurrahman-dilipak/goz-gore-gore-37197.html\">verschw\u00f6rungsideologisch</a><a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/ibrahim-karagul/biden-o-an-ne-dusundu-chp-hdp-turkiyeyi-boler-o-mudahale-yapilmali-ic-komplo-da-cokecektir-2060036\">zu prozessieren</a>. Das hei\u00dft zum Beispiel, Wirtschaftskrise und politische Instabilit\u00e4t als gro\u00dfes Spiel b\u00f6ser M\u00e4chte gegen \u201edie T\u00fcrkei\u201c darzustellen (Abdurrahman Dilipak, Ibrahim Karag\u00fcl), die \u2013 selbstredend von der AKP betriebene \u2013 <a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/yusuf-kaplan/hem-kendimizle-hem-de-batiyla-yuzlesmeden-asl-2060760\">Polarisierung</a> der Gesellschaft als Ergebnis fr\u00fcherer Verwestlichung zu beklagen (Yusuf Kaplan), oder <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/nagehan-alci/3205516-millet-ittifaki-kopruden-onceki-son-cikisa-dikkat-etmeli\">Existenz\u00e4ngste</a> vor einem bevorstehenden Generalzusammenbruch der T\u00fcrkei zu sch\u00fcren, sollten Regierung und Opposition nicht zusammenarbeiten (Nagehan Al\u00e7\u0131). Ihr verschw\u00f6rungstheoretisches Vorbild haben sie in Recep Tayyip Erdo\u011fan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-erdogan-erken-secim-yapmak-ilkel-kabilelerin-isidir,995442\">h\u00f6chstpers\u00f6nlich</a>: \u201eHinter allen Ereignissen der letzten acht Jahre in unserem Land [\u2026] steht ein Plan, ein Szenario, eine Falle\u201c. Wie seit geraumer Zeit so funktionieren auch heute regimetreue Verschw\u00f6rungsideologien in dem Sinne, dass sie die Objektivit\u00e4t der Hegemoniekrise dethematisieren und die Menschen der rationalen Erkenntnis gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse berauben, damit sie, in Angst und Panik versetzt, handlungsunf\u00e4hig werden.</p><p>Aber mit dem langen Winter der Depression kommt auch der Fr\u00fchling des Widerstands: Eine <a href=\"https://emekcalisma.files.wordpress.com/2022/03/eccca7t_2022-grev.pdf\">Welle an Streiks</a> fand in den beiden ersten Monaten des Jahres 2022 \u00fcber \u00fcber die gesamte T\u00fcrkei verteilt statt \u2013 noch gr\u00f6\u00dfer als die bisher gr\u00f6\u00dfte Streikwelle der AKP-\u00c4ra, dem <a href=\"http://diebuchmacherei.de/produkt/partisanen-einer-neuen-welt-eine-geschichte-der-linken-und-arbeiterbewegung-in-der-tuerkei/\">\u201eMetallsturm\u201c von 2015</a>. In der gesamten T\u00fcrkei inklusive der AKP-Hochburg der \u00f6stlichen Schwarzmeerregion protestierten Menschen gegen die exorbitanten (Strom-)Preise (unter dem Slogan <i>ge\u00e7inemiyoruz!</i> - Wir kommen nicht mehr \u00fcber die Runden!), Studierende gegen den Mangel an Wohnheimen (<a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkish-university-students-camp-parks-protest-rent-hikes\"><i>bar\u0131nam\u0131yoruz!</i></a> \u2013 Wir kommen nicht mehr unter!); Werkt\u00e4tige des Gesundheitssektors gingen in zahlreichen Wei\u00dfen M\u00e4rschen (<a href=\"https://sendika.org/2021/11/beyaz-yuruyus-suruyor-eskisehirde-hekimler-polis-engelini-tanimadi-638464/\"><i>beyaz y\u00fcr\u00fcy\u00fc\u015f</i></a>) in vielen St\u00e4dten der T\u00fcrkei gegen die schlechten Arbeitsbedingungen auf die Stra\u00dfen. Trotz einer tiefgreifenden \u00c4nderung im Wahlprozedere der Anwaltskammern zugunsten des Regimes <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/12/06/barolar-birligi-secimi-kaybeden-yalniz-feyzioglu-olmadi/\">gewann</a> der k\u00e4mpferische Oppositionskandidat Erin\u00e7 Sa\u011fkan die Wahl und k\u00fcndigte ein Ende der Appeasementpolitik seitens der Spitze der Anwaltskammern gegen\u00fcber dem Regime an. Der 8. M\u00e4rz und Newroz, das kurdische Fr\u00fchjahresfest, wurden gegen alle Verbote auf den Stra\u00dfen und den Pl\u00e4tzen mit Hunderttausenden Beteiligten gefeiert. Und tats\u00e4chlich, es kam wieder so etwas wie ein Geist von Gezi und die darin ausgedr\u00fcckte kreative Lebensfreude auf: <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-59533531\"><i>Patates, so\u011fan, g\u00fcle g\u00fcle Erdo\u011fan</i></a> \u2013 \u201eKartoffeln und Zwiebeln, auf Wiedersehen Erdo\u011fan!\u201c, wurde zu einem g\u00e4ngigen Slogan gegen die Preisexplosion und deren politischen (Mit-)Verursacher. Wie immer in den letzten Jahren wurden auch diesmal alle diese legitimen sozialen K\u00e4mpfe und ihre Forderungen seitens der Regierung mit \u201e<a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkish-students-continue-protests-despite-arrests-erdogans-accusations\">Terrorismus</a>\u201c <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-yurt-bahanesiyle-eylem-yapanlar-teror-baglantili,984434\">in Zusammenhang</a> gebracht; oder in kontrafaktischer Hybris davon fabuliert, die Regierung l\u00f6se alle Probleme \u2013 oder diese g\u00e4be es eigentlich gar nicht erst: \u201eWir haben <a href=\"https://www.bloomberght.com/erdogan-vatandasi-enflasyona-ezdirmedik-ezdirmeyecegiz-2298681\">nicht zugelassen</a>, dass unsere B\u00fcrger von der Inflation erschlagen werden, und werden dies auch weiterhin nicht tun\u201c, so Erdo\u011fan; fast <a href=\"https://haberglobal.com.tr/ekonomi/bakan-nebati-hic-kimseyi-enflasyona-ezdirmedik-ezdirmeyecegiz-166939\">wortgleich</a> der Wirtschafts- und Finanzminister Nebati.</p><p>W\u00e4hrend das Regime mit altbekannten und neuen Tricks versucht, aus seiner bis dato tiefsten Hegemoniekrise mittels eines wiederaufgenommenen Prozesses der autorit\u00e4ren Konsolidierung herauszukommen, versammeln sich die Hauptoppositionsparteien des b\u00fcrgerlichen Blocks, um den wachsenden Unmut f\u00fcr einen restaurierten Neoliberalismus zu vereinnahmen. Der Ausgang der tiefen Hegemoniekrise bleibt bislang offen und umk\u00e4mpft zwischen den Kr\u00e4ften der autorit\u00e4ren Konsolidierung, der neoliberalen Restaurationsperspektive und den popularen Kr\u00e4ften. <b>[1]</b></p><h2><b>Mit Vollgas in die Sackgasse: Die Versch\u00e4rfung der Wirtschaftskrise</b></h2><p>Leser*innen <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkisches-inferno/\">fr\u00fcherer Artikel</a> von mir wissen um die wirtschaftspolitische Taktik der permanenten Kehrtwenden beziehungsweise \u201eErdo\u011fans Zickzackkurs\u201c, der seit geraumer Zeit die politische \u00d6konomie des Landes bestimmt: Um sich eine politische Basis unter den kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs) und ihrer Arbeiter*innen zu erschaffen, beziehungsweise zu konsolidieren, schl\u00e4gt das Regime um Erdo\u011fan regelm\u00e4\u00dfig eine nicht der neoliberalen Orthodoxie entsprechende Wirtschaftspolitik der Niedrigzinsen und der Kreditexpansion ein. Dies f\u00fchrt jedes Mal zu einem weiteren Fall des Wertes der Lira und wegen der hohen Importabh\u00e4ngigkeit der t\u00fcrkischen Wirtschaft damit zu einer sehr hohen Inflationsrate. Um diese Folgen dann wieder abzud\u00e4mpfen, reagiert das Regime um Erdo\u011fan daher immer wieder mit einer Kehrtwende in Richtung orthodoxer Wirtschaftspolitik: Eine Hochzinspolitik gegen die Inflation \u2013 einerseits, um ausl\u00e4ndisches Kapital anzuziehen (weil Zinsen h\u00f6her als die Inflation Gewinne garantieren), andererseits, um die Kreditexpansion und damit die durch erh\u00f6hten Konsum bedingte Inflation zu drosseln. Damit im Zusammenhang stehen dann regelm\u00e4\u00dfig auch andere kontraktive Ma\u00dfnahmen.</p><p>Ein Ausweg aus diesem Zickzackkurs schien unm\u00f6glich, solange der semi-periphere Neoliberalismus in der T\u00fcrkei fest in die transatlantische neoliberale Weltordnung integriert blieb. Denn dies macht die t\u00fcrkische Wirtschaft abh\u00e4ngig von Kapital- und Produktionsg\u00fcterimporten und volatil angesichts der Situation der Weltwirtschaft insgesamt, in der nach den Krisenzeiten um 2008/09 und insbesondere nach 2013 die Kapitalzufl\u00fcsse in (semi-)periphere L\u00e4nder abnahmen oder stark schwankten. Die aus dieser Volatilit\u00e4t hervorgehende wirtschaftliche Instabilit\u00e4t sowie die Ersch\u00f6pfung des semi-peripheren Akkumulationsmodells in der T\u00fcrkei (unter Anderem wegen dem Erreichen der Grenzen der Lohndr\u00fcckerei im internationalen Vergleich sowie wegen dem fehlenden technologischen Upgrade der t\u00fcrkischen Wirtschaft) sorgten schon ganz von selbst ohne Erdo\u011fans Autoritarismus und der zunehmend heterodoxen Wirtschaftspolitik f\u00fcr eine Verlangsamung des t\u00fcrkischen Wirtschaftswachstums. Letztgenannte wirken nur \u2013 zugegebenerma\u00dfen immer st\u00e4rker \u2013 versch\u00e4rfend auf diese Krise des semi-peripheren Neoliberalismus in der T\u00fcrkei.</p><p>Dieser Zickzackkurs scheint mittlerweile aber verlassen worden zu sein zugunsten eines einseitigen Fokus auf die heterodoxe Seite. Wie schon im Artikel \u201eT\u00fcrkisches Inferno\u201c erw\u00e4hnt, wurde im M\u00e4rz 2021 erneut ein heterodox agierender, Erdo\u011fan-treuer Zentralbankchef, \u015eahap Kavc\u0131o\u011flu, von Erdo\u011fans Gnadentum eingesetzt. Dieser konnte aber \u00fcber Monate hinweg wegen der drastischen Reaktion der M\u00e4rkte die Zinsen nicht senken. So blieb der Zentralbankzins bei 19 Prozent \u2013 nur ganz leicht \u00fcber der damaligen Inflationsrate. Eine Inflationsrate von etwas weniger als 19 Prozent, zwischenzeitlich undenkbar. Die Schockstarre hielt selbstredend nicht lange an: <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/bowing-erdogans-pressure-turkish-central-bank-makes-risky-rate-cut\">Von Ende September</a> <a href=\"https://www.bloomberght.com/merkez-bankasi-faiz-kararini-acikladi-2290205\">bis</a> Anfang Dezember 2021 wurde der Leitzins unter dem neuen Zentralbankchef auf 14 Prozent gesenkt, w\u00e4hrend die (offizielle) (Verbraucherpreis-)Inflationsrate <a href=\"https://www.bloomberght.com/tufe-yuzde-20-ye-dayandi-ufe-19-yilin-zirvesinde-2291219\">sukzessive</a> von <a href=\"https://www.bloomberght.com/enflasyonda-yayilim-2021-zirvesinde-2289021\">fast 20 Prozent</a> im September und Oktober <a href=\"https://www.tcmb.gov.tr/wps/wcm/connect/TR/TCMB+TR/Main+Menu/Istatistikler/Enflasyon+Verileri/Tuketici+Fiyatlari\">auf</a> 36 Prozent im Dezember 2021, \u00fcber 48 Prozent im Januar 2022, \u00fcber 54 Prozent im Februar, 61 Prozent im M\u00e4rz und zuletzt auf fast 70 Prozent im April (im Vergleich zum Vorjahreszeitraum) stieg. Mitarbeitende der Zentralbank (<i>T\u00fcrkiye Cumhuriyet Merkez Bankas\u0131</i>, TCMB), die sich gegen diesen Kurs stellten, <a href=\"https://www.reuters.com/world/middle-east/turkeys-erdogan-overhauls-cenbank-mpc-appoints-two-new-members-2021-10-13/\">wurden gefeuert</a>, de facto <a href=\"https://halktv.com.tr/makale/merkez-bankasinin-eski-yoneticilerine-surgun-gibi-gorevlendirmeler-670265\">strafversetzt</a> und durch regime-treue Personen <a href=\"https://halktv.com.tr/makale/merkez-bankasi-meclisinde-sessiz-sedasiz-kritik-bir-degisiklik-670403\">ersetzt</a>. Zudem wurde der damalige Wirtschafts- und Finanzminister L\u00fctfi Elvan, der ebenfalls eher f\u00fcr eine orthodoxere Gangart stand und die Wirtschaftspolitik <a href=\"https://www.bloomberght.com/elvan-her-bir-kurum-uzerine-dusen-gorevi-yapmali-2292111\">immer offener</a> kritisierte, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/sahi-hazine-ve-maliye-bakani-elvan-nerede,32854\">noch handlungsunf\u00e4higer</a> gemacht, als er es sowieso schon war. Schon im November 2021 <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/bakan-lutfi-elvanin-istifa-ettigi-iddia-edildi-berat-albayrak-ismi-yeniden-gundemde-1882173\">sickerte durch</a>, dass Elvan seinen R\u00fccktritt eingereicht hatte, weil er anderer Meinung war als der (damals noch) stellvertretende Minister Nebati, der noch zu Zeiten des Wirtschaftsministeriums unter Erdo\u011fans Schwiegersohn Albayrak 2018ff. eingesetzt wurde und die heute verfolgte heterodoxe Negativzinspolitik verteidigte. Elvan hatte versucht, diesen aus dem Amt zu entfernen, was ihm misslang; zugleich sank sein Einfluss in der Ministerialb\u00fcrokratie immer weiter. Im November wurde Elvans R\u00fccktrittsgesuch, so die Ger\u00fcchte, noch abgelehnt von Erdo\u011fan. Am 2. Dezember hingegen war es soweit: Sein \u201eGesuch auf Entbindung von Aufgaben/Verantwortung\u201c (<i>g\u00f6revinden af dile\u011fi</i>), wie es im euphemistischen Jargon des Regimes neuerdings bei ordin\u00e4ren Ministerentlassungen durch Erdo\u011fans Hand teils ohne vorherige Kenntnis der jeweiligen Minister hei\u00dft, wurde <a href=\"https://www.bloomberght.com/hazine-ve-maliye-bakanligina-nureddin-nebati-atandi-2293417\">stattgegeben</a>, anstatt seiner der schon bekannte Nebati eingesetzt.</p><h4><i>Die Krisendynamik</i></h4><p>Entsprechend dieser Geldpolitik wuchs der Negativrealzins, also der Leitzins der Zentralbank minus die Inflationsrate. Vor allem in Banken gehaltene Lira (<i>T\u00fcrk Liras\u0131</i>, TL)-Guthaben wurden damit de facto sukzessive entwertet, Devisen und Gold wurden zu Vehikeln der Verm\u00f6gensabsicherung und -steigerung, was nebst dem Negativrealzins den Druck auf die Lira erh\u00f6hte. \u00dcber das Jahr 2021 gerechnet verloren so <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Finansal-Yatirim-Araclarinin-Reel-Getiri-Oranlari-Ocak-2022-45570\">laut dem Statistischen Institut (</a><a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Finansal-Yatirim-Araclarinin-Reel-Getiri-Oranlari-Ocak-2022-45570\"><i>T\u00fcrkiye \u0130statistik Kurumu</i></a><a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Finansal-Yatirim-Araclarinin-Reel-Getiri-Oranlari-Ocak-2022-45570\">, T\u00dcIK</a>) Lira-Einlagenbesitzer*innen 22,75 Prozent (real, also gegen die Inflation gerechnet) an Wert, Investor*innen in t\u00fcrkische Staatsanleihen dagegen 32,69 Prozent, w\u00e4hrend Investor*innen in US-Dollar, Euro und Gold jeweils 23,08 Prozent, 14,45 Prozent und 19,70 Prozent an Wert gewannen. Gekoppelt mit der Unvorhersehbarkeit, die diese aus Sicht neoliberaler Orthodoxie heterodoxe und irrationale Geldpolitik repr\u00e4sentierte, f\u00fchrte diese unmittelbar zur massiven Entwertung der Lira, damit zur Erh\u00f6hung der Importkosten und wegen der Importabh\u00e4ngigkeit der t\u00fcrkischen Wirtschaft zur erw\u00e4hnten rasenden Erh\u00f6hung der Inflation. Die Schere zwischen (inl\u00e4ndischer) Erzeugerpreis- und Verbraucherpreisinflationsrate mit im April 2022 \u00fcber 50 Prozent nimmt mittlerweile historische Ausma\u00dfe an \u2013 die Erzeugerpreisinflationsrate liegt derzeit bei <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Yurt-Ici-Uretici-Fiyat-Endeksi-Nisan-2022-45853\">\u00fcber 120 Prozent</a>. Wegen der hohen Inflationsrate werfen mittlerweile alle vom T\u00dcIK erfassten regul\u00e4ren finanziellen Anlagen real <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Finansal-Yatirim-Araclarinin-Reel-Getiri-Oranlari-Mart-2022-45572\">Verluste ab</a> (Januar-M\u00e4rz 2022).</p><p>Der wegen der Billigkreditschwemme angekurbelte <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkeys-export-driven-growth-sustainable\">Binnenkonsum</a> trug zum einen zwar wesentlich zum <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/02/turkeys-economy-11-growth-brings-risk\">11 Prozent BIP-Wachstum 2021</a> bei (<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/bireysel-kredi-kullanimi-35-milyona-yaklasti-15-milyonluk-istanbulda-13-milyon-kisi-kredi-borclusu-haber-1534894\">fast die H\u00e4lfte</a> der Bev\u00f6lkerung der T\u00fcrkei ist verschuldet mit individuellen Bedarfskrediten; in Istanbul sogar etwa 80 Prozent der Bev\u00f6lkerung; das Kreditvolumen <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/04/turkey-inflation-hits-61-fallout-ukraine-war-continues#ixzz7PWQd6Oey\">wuchs</a> um etwa 44 Prozent aufs Jahr gerechnet). Aber gleichzeitig stiegen die staatlichen Ausgaben f\u00fcr die Staatsbanken im Jahr 2021 exorbitant an: Deren <a href=\"https://www.dunya.com/finans/haberler/konut-sektoru-faiz-kampanyalarla-yuzde-1in-altina-inerse-doping-olur-haberi-637634\">politisch bestimmte</a> <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-10-25/turkish-state-banks-follow-rate-gamble-by-pledging-cheaper-loans\">Niedrigzinspolitik</a> f\u00fchrte wegen der galoppierenden Inflation zu hohen Verlusten, die dann vom zentralstaatlichen Budget <a href=\"https://www.mahfiegilmez.com/2022/03/ayrntl-butce-analizi.html\">beglichen werden</a> mussten. Aber all diese und andere Ma\u00dfnahmen \u2013 wie beispielsweise die klassisch neoliberal-populistische vor\u00fcbergehende <a href=\"https://www.bloomberght.com/yeni-enflasyon-tedbirleri-paketi-aciklandi-2298721\">Senkung der Mehrwertsteuern</a> auf Grundnahrungsg\u00fcter und Strom auf 1 Prozent, die (mittlerweile von der Inflation l\u00e4ngst \u00fcberholte) <a href=\"https://www.bloomberght.com/2022-icin-asgari-ucret-4-bin-250-tl-oldu-2294450\">Erh\u00f6hung des Mindestlohns</a> um 50 Prozent auf 4250 Lira Netto (weniger als 300 Euro) im Dezember 2021 seitens Erdo\u011fans, die Durchf\u00fchrung von <a href=\"https://www.cnnturk.com/ekonomi/istanbuldaki-marketlerde-es-zamanli-fiyat-ve-etiket-denetimi\">Preiskontrollen</a> und <a href=\"https://www.bloomberght.com/rekabet-kurumu-zincir-marketlere-ceza-yagdirdi-2291000\">heftige Strafen</a> f\u00fcr Superm\u00e4rkte mit \u201eWucherpreisen\u201c und die Einf\u00fchrung <a href=\"https://www.dunya.com/kose-yazisi/tarim-kredi-marketleri-gida-fiyatlarini-dusurebilir-mi/635714\">staatlich subventionierter</a> M\u00e4rkte (wie schon 2019) <b>[2]</b> \u2013 konnten die mit 70 Prozent galoppierende Inflation und ihre Auswirkungen auf die breite Bev\u00f6lkerungsmasse nicht oder nur sehr schwach bremsen. Hinter der durchschnittlichen Inflationsrate von 70 Prozent \u2013 unabh\u00e4ngige Berechnungen gehen sogar <a href=\"https://enagrup.org/\">von \u00fcber 155 Prozent</a> aus \u2013 verstecken sich exorbitante Preiserh\u00f6hungen von G\u00fctern des allt\u00e4glichen Bedarfs. Die Preise f\u00fcr Nahrungsmittel und alkoholfreie Getr\u00e4nke stiegen <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Tuketici-Fiyat-Endeksi-Nisan-2022-45793\">um fast 90 Prozent</a> (April 2022 gegen\u00fcber Vorjahreszeitraum) <a href=\"https://t24.com.tr/haber/disk-ar-yoksulun-gida-enflasyonu-yuzde-131-6,1032242\">beziehungsweise</a> sogar <a href=\"https://www.dunya.com/kose-yazisi/enflasyonla-mucadelede-tcmb-olmadiysa-tuik-verelim/653964\">vermutlich noch mehr</a>, der Preis von <a href=\"https://t24.com.tr/haber/son-bir-yilda-benzine-yuzde-166-motorine-yuzde-235-zam-geldi,1019585\">Benzin</a> stieg um 166 Prozent und der von Diesel um sagenhafte 235 Prozent (Anfang M\u00e4rz 2022 gegen\u00fcber dem Vorjahr), <a href=\"https://tr.euronews.com/next/2022/03/29/akaryak-t-dogal-gaz-elektrik-turkiye-de-ve-avrupa-ulkelerinde-enerji-fiyatlar-ne-kadar-art\">Energiepreise im Allgemeinen</a> (also inklusive Erdgas und Strom) um fast 100 Prozent (Februar 2022 gegen\u00fcber dem Vorjahr) und somit etwa drei mal so viel wie im EU-Durchschnitt. Die <a href=\"https://betam.bahcesehir.edu.tr/2022/04/sahibindex-kiralik-konut-piyasasi-gorunumu-nisan-2022/\">Mietpreise explodierten</a> um durchschnittlich 123,5 Prozent t\u00fcrkeiweit (M\u00e4rz 2022 im Vergleich zum Vorjahresmonat); <a href=\"https://haber.sol.org.tr/haber/kira-krizinin-arka-plani-neden-ev-bulamiyoruz-313611\">unter anderem</a> deshalb, weil einige gutbetuchte Menschen ihre Geldverm\u00f6gen in Immobilien stecken, um weiterhin hohe Gewinne zu garantieren, w\u00e4hrend gleichzeitig das Wohnungsangebot wegen der \u2013 <a href=\"https://artigercek.com/haberler/limak-holding-in-patronu-nihat-ozdemir-yabanci-sermaye-turkiye-ye-sadece-tatile-gelir\">teils</a> ebenfalls durch die hohe Inflation hervorgebrachte \u2013 <a href=\"https://www.bloomberght.com/insaat-maliyetlerindeki-artis-zirveden-geriledi-2289625\">Krise des</a> <a href=\"https://www.bloomberght.com/insaat-maliyetlerindeki-artis-zirveden-geriledi-2289625\">Immobiliensektors</a> in St\u00e4dten wie Istanbul <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/konutta-fiyat-artisi-surecek-mi-gelir-adaletsizligi-fiyat-dengesini-bozdu,32689\">kaum mehr steigt</a>.</p><p>Die reale, weit gefasste Arbeitslosigkeitsrate bleibt <a href=\"http://disk.org.tr/2022/03/genis-tanimli-issiz-sayisi-salgin-oncesine-gore-1-milyon-103-bin-artti/\">immer noch</a> bei \u00fcber 20 Prozent, die eng gefasste weiterhin bei \u00fcber 10 Prozent. Die Folgen der Corona-Pandemie sowie des Ukrainekrieges (vor allem erhebliche Lieferst\u00f6rungen sowie Preisschocks in Grundg\u00fctern) kamen noch weiter versch\u00e4rfend hinzu, insbesondere was die Energiepreise angeht. Sie k\u00f6nnen aber genau so wie die abh\u00e4ngige Integration der T\u00fcrkei in die Weltwirtschaft nicht (allein) erkl\u00e4ren, warum die Inflation in Grundg\u00fctern in der T\u00fcrkei und die <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ercan-uygur/iyimser-enflasyon-beklentileri,34827\">Geldentwertung im internationalen Vergleich</a> so sehr hervorsticht. Es ist die heterodoxe Wirtschaftspolitik unter Erdo\u011fan <i>bei der gegebenen Art der Integration der T\u00fcrkei in die Weltwirtschaft</i>, die daf\u00fcr verantwortlich ist, dass die durch die Struktur und Krise des Akkumulationsregimes sowieso schon schwierige Situation so derma\u00dfen au\u00dfer Rand und Band ger\u00e4t.</p><p>Auf der Spitze der Zinssenkungsspirale im November-Dezember 2021 st\u00fcrzte die T\u00fcrkei daher erneut in eine tiefe Wirtschaftskrise: Terminverk\u00e4ufe oder Verk\u00e4ufe \u00fcberhaupt in mehreren Wirtschaftssektoren <a href=\"https://www.bloomberght.com/gubre-ve-zirai-ilac-satislari-gecici-olarak-durdu-2292667\">wurden</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/dolar-10-24-tl-yi-de-gecti-bircok-sektorde-vadeli-satislar-durdu-bazi-ureticiler-siparis-iptaline-gitti,993724\">ausgesetzt</a>, da die Entwertungs- und Inflationsspirale belastbare Preiskalkulationen verunm\u00f6glichte; der Verkauf von Kaffee, Zucker und Fett in Superm\u00e4rkten wurde aus denselben Gr\u00fcnden <a href=\"https://www.haberler.com/marketler-yag-ve-sekerden-sonra-kahve-satisini-14549070-haberi/\">quotiert</a>. Im Textilsektor pochten Rohstoffproduzent*innen auf <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/ekonomi/odemelerde-bize-tl-gondermeyin-6794788/\">Vorauszahlung in Devisen</a>, die Istanbuler B\u00f6rse musste an einem Tag <a href=\"https://t24.com.tr/haber/borsa-gunu-yuzde-8-52-dususle-kapatti,1001670\">zwei mal schlie\u00dfen</a> wegen zu hohen Kursverlusten. Vom 1. bis zum 17. Dezember intervenierte die TCMB \u2013 dieses mal offen und nicht unter der Hand wie 2020-21 (s. \u201eT\u00fcrkisches Inferno\u201c) \u2013 <a href=\"https://foreks.com/haber/detay/61d7f62d5908010001235169/PICNEWS/tr/tcmb-17-aralik-ta-2-1-milyar-dolar-satti-5-mudahale-miktari-7-3-milyar-dolar-oldu\">insgesamt</a> f\u00fcnf mal in den Geldmarkt und verkaufte 7,3 Milliarden US-Dollar, um den Wert der Lira zu st\u00fctzen, was zu aller \u00dcberraschung zum x-ten mal scheiterte. Sukzessive entwertete die Lira bis zum historischen Tiefpunkt von <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/ekonomi/dolar-ve-euroda-bas-donduren-oynaklik-tl-yuzde-20-deger-kazandi-6838793/\">zeitweise</a> \u00fcber 18 Lira auf den Dollar und \u00fcber 20 Lira auf den Dollar am 20. Dezember 2021 (zum Vergleich: Anfang 2021 lag der Wert des Dollar bei etwa 7,5 Lira, der des Euro bei etwa 9,10 Lira). Die B\u00f6rse musste<a href=\"https://www.bloomberght.com/borsa-yeni-haftaya-sert-dususle-basladi-2294744\">erneut</a> zwei mal im Laufe des Tages schlie\u00dfen wegen zu hohen Kursverlusten, die von der <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/12/lira-rallies-erdogan-unveils-new-financial-scheme-jitters-prevail\">Devisenklemme</a> des verarbeitenden Gewerbes verursacht wurde, das Gro\u00dfkapital war in heller Panik: Die Wirtschaft stand vor dem unmittelbaren Kollaps.</p><h4><i>Kaninchen aus dem Zauberhut?</i></h4><p>Am selben Tag verk\u00fcndete Erdo\u011fan ein <a href=\"https://www.bloomberght.com/erdogandan-ekonomik-onlem-paketi-aciklamasi-2294809\">gro\u00dfes Ma\u00dfnahmenpaket</a>, dessen wichtigstes Element das sogenannte <i>Kur Korumal\u0131 TL Mevduat\u0131</i> (KKM, devisenabgesicherte TL-Einlagen) darstellte. Das Paket beinhaltete allerdings (unter bestimmten Umst\u00e4nden und Laufzeiten) auch <a href=\"https://www.bloomberght.com/tcmb-nin-1-ay-vadeli-tl-uzlasmali-doviz-ihalesine-talep-gelmedi-2298408\">Wechselkursgarantien</a> f\u00fcr kleine und mittlere Exporteure, was teils die begeisterte Aufnahme des Pakets bei Teilen des Kapitals zu erkl\u00e4ren helfen vermag (siehe Abschnitt \u201eK\u00e4mpfe um hegemoniale Strategien inmitten der Krise\u201c).</p><p>Zuerst aber noch einige Worte zum KKM: Nutzt ein Kunde diese von allen Gro\u00dfbanken zur Verf\u00fcgung gestellte Einlagenform, dann erh\u00e4lt er eine staatliche Garantie gegen die Lira-Entwertung, insofern ihm bei einer Entwertung der Lira gegen\u00fcber dem Dollar in einem bestimmten Zeitraum die Differenz zum Zins, den ihm eine normale Bankeinlage in diesem Zeitraum abwerfen w\u00fcrde (grob 17 Prozent aufs Jahr gerechnet), zus\u00e4tzlich zu eben jenem von der jeweiligen Bank zu zahlenden Zins vom Staat auf die KKM-Einlage \u00fcberwiesen wird. Prompt wertete die Lira innerhalb von 24 Stunden wieder auf auf grob 12 Lira auf den Dollar und 13 Lira auf den Euro. Wohlgemerkt: Das beste Ergebnis betreffs des Lira-Kurses, das mit dem KKM bisher und das auch nur f\u00fcr sehr kurze Zeit (um den 24. Dezember 2021 herum) erreicht wurde, bewegte sich mit 10 bis 11 Lira auf den Dollar beziehungsweise 12 Lira auf den Euro auf dem Niveau von Mitte November 2021 \u2013 dem Monat also, als sich schon Quotierungen im Einzelhandel, Probleme in der Produktion wegen Verunm\u00f6glichung der Preiskalkulation und massenweise Beschwerden vom Kapital eingestellt hatten.</p><p>Freilich <a href=\"https://www.dw.com/tr/d%C3%B6vize-m%C3%BCdahalede-imza-krizi-bakanl%C4%B1kta-o-gece-neler-ya%C5%9Fand%C4%B1/a-60240402\">kam</a> <a href=\"https://halktv.com.tr/makale/ekonomi-mucizesi-mi-ikinci-128-milyar-dolar-mi-657879\">im Nachhinein</a> <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ugur-gurses/arka-kapidan-doviz-satisinin-donusu,33564\">heraus</a>, dass vermutlich sechs bis sieben Milliarden Dollar <a href=\"https://www.ft.com/content/ac397d03-d738-42ca-8a59-4a2179a6f8b4\">von der TCMB selbst</a> am 20. und 21. Dezember in Lira umgewechselt wurden; sowie <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ercan-uygur/20-aralik-operasyonu-kur-ve-dolarlasma,33788\">vermutlich insgesamt</a> 20 Milliarden Dollar von den \u00f6ffentlichen Banken vom 20. bis zum 22. Dezember (nat\u00fcrlich wird dies von offizieller Seite <a href=\"https://www.reuters.com/article/turkey-economy-minister-idUSA4N2DB02M\">bestritten</a> und zwecks Herstellung eines ideologischen Mythos behauptet, das Volk habe quasi von selbst in Scharen Devisen eingetauscht). Mittlerweile ist es <a href=\"https://t24.com.tr/haber/eski-ziraat-bankasi-genel-mudur-yardimcisi-babuscu-doviz-mevduatlarinin-yuzde-10-unu-kkm-ye-donusturmeyenlere-komisyon-cezasi-geliyor,1025758\">Pflicht f\u00fcr Banken</a> geworden, 10 bis 20 Prozent ihrer Deviseneinlagen in KKM umzuwandeln und ansonsten eine Strafe an die TCMB zu zahlen.</p><p>Da der Staat die Differenz zwischen Einlagenzins und Lira-Entwertung zahlt, ist das eine <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-59736185.amp\">de facto Erh\u00f6hung der Zinslast</a>auf das Staatsbudget. <a href=\"https://www.bloomberght.com/butce-2021-de-acik-yazdi-2296726\">Das Staatsdefizit</a> wird daher wegen der erneut in Gang gesetzten Lira-Entwertung in die H\u00f6he schie\u00dfen, was zus\u00e4tzlich zur de facto Erh\u00f6hung der Zinslast auf das Staatsbudget durch das KKM die <a href=\"https://www.mahfiegilmez.com/2021/12/faizi-dusurdukce-faiz-yukseliyor.html\">sowieso schon steigenden</a> unmittelbaren Zinsen auf die Verschuldung des Staates <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/04/ankaras-interest-liabilities-balloon-dizzying-heights\">schon jetzt</a> <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2022/ekonomi/hazineden-2-milyar-dolarlik-borclanma-7018099/\">weiter erh\u00f6ht</a> und damit auch den Druck auf die Lira, und somit \u2013 gekoppelt mit den anderen weiter fortwirkenden Ursachen f\u00fcr die Lira-Entwertung wie die Negativrealzinspolitik und die generelle nicht-orthodoxe Wirtschaftspolitik \u2013 den Wechselkurs erneut in die H\u00f6he treibt: Ende M\u00e4rz 2022 lag der Wechselkurs wieder bei grob 14,80 Lira auf den Dollar und 16,30 Lira auf den Euro; bis Anfang Mai ist der Euro dann wieder auf 15,60 Lira gefallen, allerdings haupts\u00e4chlich wegen den Auswirkungen des Ukrainekrieges und der Aufwertung des Dollars wegen den Zinssteigerungen der us-amerikanischen Zentralbank. Deshalb wird freilich \u2013 entgegen den offiziellen Verlautbarungen \u2013 <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-59751684\">ebenfalls die Inflation</a> in die H\u00f6he getrieben. Wegen der absehbaren Folgen wurde dieser \u2013 wie sp\u00e4ter herauskam <a href=\"https://www.reuters.com/markets/europe/turkey-launched-rescue-plan-when-lira-crossed-red-line-sources-2021-12-22/\">schon 2018 entworfene</a> \u2013 Plan fr\u00fcher und auch noch unter dem ehemaligen Finazminister Elvan unter Verweis auf sehr hohe Risiken und Belastung des Staatsbudgets verworfen. Dennoch erkl\u00e4rten <a href=\"https://www.bloomberght.com/erdogan-acikladigimiz-program-amacina-ulasmistir-2295062\">Erdo\u011fan</a> wie <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bakan-nebati-turkiye-geliyor-son-19-yilda-yaptigi-hamleyle-orta-koydu,1002546\">Nebati</a> innerhalb von nur ein bis zwei (!) Tagen den vollen Erfolg ihres Programms. \u00c4hnliches erlebte die T\u00fcrkei in den 1970ern mit den von den Rechtsregierungen populistisch ausufernd ausgeweiteten<a href=\"https://tr.euronews.com/2021/12/21/dovize-cevrilebilir-tl-mevduat-hesaplar-dcm-nedir-daha-once-kullan-ld-m-sonuclar-ne-oldu\"><i>D\u00f6vize \u00c7evirilebilir Mevduat</i></a> (D\u00c7M, devisenkonvertible Einlagen), die unter anderem zum Staatsbankrott Ende der 1970er f\u00fchrten und deren Zahlungslast noch bis in die 1990er-Jahre hinein schwer auf dem Staatsbudget lastete. Das ist ein monet\u00e4rer Neokolonialismus sowie eine epische Zinserh\u00f6hung aus den H\u00e4nden eines Regimes, das im Namen von Nation und Vaterland Gift und Galle spuckt gegen die gesamte Opposition im Land und geradezu einen Jihad gegen die \u201eZinslobby\u201c ausgerufen hat. Die Flexibilit\u00e4t und Halsverrenkungen des autorit\u00e4ren Populismus sind bemerkenswert.</p><p>Jedenfalls bringt die Devisen-Indexierung von Lira-Konten dem Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung beziehungsweise der Kleinanleger*innen nicht viel. F\u00fcr den Fall der F\u00e4lle, dass Ersparnisse vorliegen, werden diese vermutlich weiterhin in Devisen gehalten werden, da das neue Instrument nicht mehr als das bietet \u2013 oder sogar weniger, da das KKM nicht gegen Inflation absichert. Zudem beinhaltet es bestimmte Mindestlaufzeiten (\u00e0 drei, sechs, neun oder 12 Monate), bei deren Unterschreitung die Einlegerin ihr Anrecht auf (den zus\u00e4tzlichen) Zins verliert und <a href=\"https://www.dunya.com/kose-yazisi/kur-korumali-hesapta-anaparadan-olma-riski-de-var/643738\">potenziell sogar Verluste</a> auf die Stammeinlagensumme machen kann, falls der Wechselkurs bei nicht laufzeitgerechter Aufl\u00f6sung des Instrumentes niedriger liegt als bei der Beanspruchung des Instruments. Dagegen k\u00f6nnen Devisen zu jeder Zeit problemlos fl\u00fcssig gemacht werden. Die Lira-Einlagen, die f\u00fcr die laufenden Ausgaben von kleinen Bankeinlagenbesitzer*innen gebraucht werden, das hei\u00dft allt\u00e4gliche Konsumausgaben und \u00e4hnliches, die bei Menschen mit kleinen Einkommen und/oder Verm\u00f6gen immer den allergr\u00f6\u00dften Gro\u00dfteil der Ausgaben ausmachen, werden durch die Mindestlaufzeit von drei Monaten gar nicht abgesichert. <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ercan-uygur/eriyen-tasarruflar-doviz-sinirlamalari-ve-endeksleme,33881\">Etwa 90 Prozent</a> der bisherigen Devisen- wie Lira-Einlagen im t\u00fcrkischen Bankensystem haben eine verbindliche Laufzeit, die k\u00fcrzer ist als drei Monate (also beispielsweise Tagesgeldkonten, wie es f\u00fcr uns Normalsterbliche \u00fcblich ist, auf die t\u00e4glich zugegriffen und die t\u00e4glich aufgel\u00f6st werden k\u00f6nnen). So blieb denn der Erfolg des neuen Instruments anfangs auch recht beschr\u00e4nkt, wurde daher ausgeweitet auf Unternehmer*innen sowie im Ausland lebende oder registrierte (t\u00fcrkische und nicht-t\u00fcrkische) Personen und Unternehmer*innen. Zus\u00e4tzlich wurde <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/erdogan-saglam/kur-korumali-tl-mevduat-katilim-hesaplarindan-elde-edilen-gelirlerin-vergilendirilmesi,33613\">eine Steuerbefreiung</a> f\u00fcr KKM-Einlagen verk\u00fcndet. Letzteres macht das KKM besonders attraktiv f\u00fcr Verm\u00f6gende, die nicht auf t\u00e4gliche Verf\u00fcgbarkeit ihres Verm\u00f6gens angewiesen sind. Es ist daher nicht weiter \u00fcberraschend, dass bis Mitte April 2022 <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ercan-uygur/enflasyon-tahmini-liralasma-ve-kur-beklentisi,35086\">vor allem</a> Devisen-Konten mit verbindlichen Laufzeiten in das KKM-Format konvertiert wurden und kaum Devisen-Konten ohne Laufzeiten.</p><p>Obwohl die Datenlage wegen der notorischen Intransparenz der Regierung und der eigentlich zur Transparenz strikt verpflichteten staatlichen Institutionen schlecht ist, l\u00e4sst sich Ende M\u00e4rz 2022 grob folgende <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/03/turkish-taxpayers-outraged-cost-lira-protection-scheme\">vorl\u00e4ufige Bilanz</a> des KKM-Instruments <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ugur-gurses/halinin-altina-supurulen-enkaz,34700\">ziehen</a>: Nur grob 9 Prozent aller Bankeinlagen in der T\u00fcrkei (591 Milliarden Lira oder etwa 40 Milliarden Dollar) wurden in KKM angelegt und nur etwa 57 Prozent dieser Einlagen durch Eintauschen von Devisen gegen Lira. Der Rest besteht aus normalen Lira-Einlagen, die zu KKM-Einlagen konvertiert wurden. Es wurden eine Million KKM-Einleger registriert, davon 30.000 Unternehmenskonten. Zwar konnte die Dollarisierung der Privateinlagen (Anteil von Devisen/Dollar-Einlagen an allen Privateinlagen) etwas gesenkt werden, allerdings von einem sehr hohen Niveau von 71 Prozent kurz vor Deklarierung des KKM auf immer noch sehr hohe 64 Prozent. Da die Lira seit Einf\u00fchrung des Instruments erneut grob 30 Prozent ihres Wertes auf den Dollar verloren hat, muss der Staat etwa 25 Prozent Zinsen an KKM-Einleger der ersten Stunde einzahlen (gerechnet auf eine Drei-Monats-Einlagendauer bei einem Jahreszins auf normale Bankeinlagen von 17 Prozent, so dass der anteilige Zins, den die Bank auf die drei Monate auszuzahlen hat, um die 4,25 Prozent betr\u00e4gt). Entgegen den Verlautbarungen des Regimes bleibt also die Beteiligung beim KKM \u00fcberschaubar, die Kosten hingegen recht hoch. Zudem konnten weder Lira-Entwertung noch die Inflation gebremst werden, ganz im Gegenteil.</p><p>Der Chef der rechtsnationalistisch-faschistoiden Partei der Nationalistischen Bewegung (<i>Milliyet\u00e7i Hareket Partisi</i>, MHP) und derzeitiger Hauptverb\u00fcndeter von Erdo\u011fan, Devlet Bah\u00e7eli kann sich daher noch so sehr in seinen Tiraden gegen \u201e\u00f6konomische Putschisten\u201c und \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-kilicdaroglu-nereye-giderse-gitsin-milli-nefesimiz-ensesinde-olacaktir,996086\">Wechselkursbombenattent\u00e4ter</a>\u201c \u00fcberschlagen, Erdo\u011fan kann so viel gegen den ihm loyalen Zentralbankchef oder den Wirtschafts- und Finanzminister <a href=\"https://www.reuters.com/world/middle-east/exclusive-erdogan-is-cooling-his-latest-central-bank-chief-sources-say-2021-10-08/\">poltern</a><a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdal-saglam-bakan-nebati-nin-gorevden-alinacagi-konusuluyor-yerine-getirilmek-istenen-belli,1022768\">; ihnen</a> drohen <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/erdogan-ne-dedi-bakanlar-kurulunda-nebatinin-zor-anlari-1913885\">und verlangen</a>, <a href=\"https://www.dw.com/tr/kulis-erdo%C4%9Fan-bakan-nebatiye-neden-k%C4%B1zg%C4%B1n/a-60379828\">dass diese</a> ihre Versprechungen bez\u00fcglich eines Wirtschaftsaufschwungs gekoppelt mit einer Stabilisierung des Wertes der Lira auf niedrigem Niveau und der Senkung der Inflationsrate aber mit heterodoxen/expansiven Mitteln <i>bei gegebener Integration in die Weltwirtschaft</i> einhalten: Dieser versprochenen und eingeforderten Quadratur des Kreises sind schlicht objektive Grenzen gesetzt. Auch die dahinter stehende <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/erdogana-ekonomiden-hayir-yok-makale-1558212\">ideologische Konstruktion</a> zur Abwehr der Verantwortung f\u00fcr die Malaise \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-erdogan-fiyatlar-konusunda-vatandaslarimizin-asina-goz-dikenleri-acimayacagiz,1025168\">es sind ja</a> die \u201egeldgierigen Wucherer\u201c (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/stokculuga-agir-yaptirim-getiren-yasa-teklifi-tbmm-de-kabul-edildi,1001419\">Erdo\u011fan</a>), die uns das Problem der Inflation einbringen; wir bek\u00e4mpfen diese mit Strafen und helfen dem Volk mit Steuersenkungen \u2013 mag kaum mehr jemanden \u00fcberzeugen (siehe Abschnitt \u201eRestauration oder populare Demokratie?\u201c). <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bakan-nabati-den-elektrik-sorusuna-yanit-bu-gunlerde-indirim-soz-konusu-degil,1022476\">Allen</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/merkez-bankasi-baskani-kavcioglu-enflasyondaki-baz-etkilerin-ortadan-kalkmasiyla-dezenflasyonist-surecin-baslayacagini-ongormekteyiz,1024205\">realit\u00e4tsfernen</a> und <a href=\"https://www.bloomberght.com/hazine-ve-maliye-bakani-nebati-bloomberg-ht-haberturk-ortak-yayininda-2298653\">verzweifelt \u00fcbersteigerten</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bakan-nebati-hedefimiz-tarimda-ve-enerjide-disariya-bagimli-olmayan-bir-ulke-konuma-gelmek,1027054\">Verlautbarungen</a> und <a href=\"https://www.bloomberght.com/enflasyon-yuzde-48-i-asti-2298052\">Beschwichtigungen</a> zum Trotz ist die polit\u00f6konomische Situation festgefahren.</p><p>Wozu dann also das Ganze?</p><h2><b>Neoliberale ISI oder Rekonsolidierungsversuch des Krisenmanagements?</b></h2><p>Ob der wirtschaftspolitische Zickzackkurs nun endg\u00fcltig verlassen wurde zugunsten einer vereindeutigten heterodoxen Wirtschaftspolitik und wenn ja, zu welchen Zwecken; das ist eine gro\u00dfe Streitfrage unter kritischen Theoretiker*innen in Fortsetzung der zuvor und auch weiterhin gef\u00fchrten Debatten um den (Klassen-)Charakter der heterodoxen Wirtschaftspolitik.</p><p>Schaut man sich die Verlautbarungen des Regimes und seiner wichtigen Wortf\u00fchrer an, dann wurde tats\u00e4chlich ein neuer polit\u00f6konomischer Weg eingeschlagen. <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/gundem/erdogan-ekonomide-yol-haritasini-anlatti-cin-de-boyle-buyudu-41952854\">Erdo\u011fan selbst</a> legte mit seinen expliziten Verweisen auf Chinas wirtschaftlichen Aufschwung nahe, vom \u201echinesischen Modell\u201c zu sprechen. Das war offensichtlich nicht \u201enational\u201c genug. Daher wurde wenig sp\u00e4ter vom damals neuen Wirtschafts- und Finanzminister Nebati das \u201e<a href=\"https://www.bloomberght.com/hazine-tum-kurumlar-yeni-ekonomi-modeli-ni-destekleyen-adimlar-atacak-2294578\">T\u00fcrkische Wirtschaftsmodell</a>\u201c deklariert. Der Grundgedanke ist recht simpel und l\u00e4sst sich als <i>neoliberale importsubstituierende Industrialisierung(sstrategie)</i> (ISI) begreifen: Teure Devisen (bzw. eine abgewertete Lira) sollen wegen hoher Preise Importe hemmen und zur Ersetzung von Importen durch einheimische Produktion anhalten, Exporte hingegen (wegen niedrigen Preisen durch die entwertete Lira) f\u00f6rdern und somit auch die Investition in (Export-)Sektoren, da diese h\u00f6here Profite versprechen. Die Niedrigzinspolitik soll parallel hierzu die kosteng\u00fcnstige Investition in die importsubstituierenden Sektoren anregen. Die reduzierte Importabh\u00e4ngigkeit solle sodann das Leistungsbilanzdefizit und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hazine-ve-maliye-bakan-yardimcisi-nebati-salginin-yol-actigi-arz-enflasyonunu-azaltmak-icin-faizlerin-dusurulmesi-gerekmektedir,996256\">damit die Auslandsschulden senken</a>, durch erh\u00f6hte Exporte <a href=\"https://www.bloomberght.com/erdogan-secime-kadar-faizin-ciddi-manada-dustugunu-gorecegiz-2293269\">sogar einen Leistungsbilanz\u00fcberschuss</a> <a href=\"https://www.bloomberght.com/erdogan-secime-kadar-faizin-ciddi-manada-dustugunu-gorecegiz-2293269\">erzeugen</a>. Damit w\u00fcrde sich der durch die Importabh\u00e4ngigkeit ergebende Druck auf die TL und somit auf die Inflation <a href=\"https://www.mahfiegilmez.com/2021/11/hukumetin-yeni-ekonomi-politikas.html\">senken</a> und zugleich die Notwendigkeit einer Hochzinspolitik zur Stabilisierung des Wechselkurses und Attraktion von Kapitalimporten entfallen, sodass sich das Modell selbst tragen w\u00fcrde. Der Teufelskreislauf aus hohen Zinsen und hohen Leistungsbilanzdefiziten w\u00fcrde ersetzt werden durch niedrige Zinsen, hohe Besch\u00e4ftigung und Produktion \u2013 so der <a href=\"https://www.bloomberght.com/kavcioglundan-piyasa-prensiplerine-baglilik-mesaji-2292947\">TCMB-Chef Kavc\u0131o\u011flu</a>. <a href=\"https://www.bloomberght.com/erdogan-bu-ekonomik-kurtulus-savasindan-zaferle-cikacagiz-2292587\">\u00c4hnlich</a> Erdo\u011fan. Sein Finanzb\u00fcroleiter G\u00f6ksel A\u015fan benennt das Modell daher auch <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskanligi-finans-ofisi-baskani-asan-cok-buyuk-ihtimalle-nisanda-cari-fazlayi-goruruz,1004674\">explizit</a> als eine ISI. Und Nebati meint, es sei eine <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bakan-nebati-hedefimiz-tarimda-ve-enerjide-disariya-bagimli-olmayan-bir-ulke-konuma-gelmek,1027054\">Unabh\u00e4ngigkeit</a> der T\u00fcrkei in Energie und Landwirtschaft anvisiert. Das T\u00fcrkische Wirtschaftsmodell, eine eierlegende Wollmilchsau.</p><p>Das ganz gro\u00dfe Problem ist: Das Modell wird nicht im entferntesten in dieser Form realisiert. Das liegt daran, dass ganz wesentliche Elemente einer klassischen ISI <a href=\"https://haber.sol.org.tr/yazar/patron-akademisyen-bakan-yeni-turkiyenin-ruhu-320124\">fehlen</a>, was gemeinsam mit der Unterdr\u00fcckung der Arbeiter*innenklasse den genuin neoliberalen Charakter des \u201eT\u00fcrkischen Wirtschaftsmodells\u201c ausmacht: In der historischen ISI war die staatliche Planung und Lenkung des Wirtschaftsgeschehens zentral, genauso die staatliche Kontrolle \u00fcber den Kapitalmarkt und die F\u00fchrungsfunktion von Staatsbetrieben durch Investition in f\u00fcr Privatkapital unprofitable, aber f\u00fcr die ISI wesentliche Sektoren und/oder durch Bereitstellung von billigen Zwischeng\u00fctern f\u00fcr die privatwirtschaftlichen ISI-Betriebe. Ohne aktive staatliche Intervention wird sich die investitions- und exportf\u00f6rdernde Geldpolitik, zumal in einem sehr schwierigen \u00f6konomischen Umfeld der Krise, nicht in importsubstituierende Investitionen umsetzen, sondern vielmehr in der Aufrechterhaltung des laufenden Gesch\u00e4fts oder Investitionen in Immobilien und nicht-produktive Anlagen zwecks Verm\u00f6genswahrung/-mehrung angesichts der Inflation niederschlagen. Dies wird auch von einigen <a href=\"https://www.bloomberght.com/sadece-ihracata-yonelik-ekonomi-politikasi-olamaz-2294187\">Industrie- und Handelskapitalisten</a> (etwa der Industrie- und Handelskammer Mersin) und den <a href=\"https://www.bloomberght.com/tusiad-da-orhan-turan-donemi-2302687\">f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals</a> kritisch festgehalten. Denn auch die Ersetzung von Importen durch den Aufbau von importsubstituierenden Produktionskapazit\u00e4ten geht ja nicht von heute auf morgen vonstatten, sondern bedarf mehrerer Jahre, unter Umst\u00e4nden sogar Dekaden. Zudem beinhaltet sie \u2013 unter kapitalistischen Bedingungen \u2013 ein gewisses Risikos seitens der jeweiligen individuellen Investoren, da die Erfolgsaussichten der neuen Produktionskapazit\u00e4ten unter anderem wegen noch fehlender Konkurrenzf\u00e4higkeit fraglich sind. Kein individueller Privatkapitalist wird ein solches Risiko eingehen, ohne mehr staatliche Unterst\u00fctzung als blo\u00df billige Kredite zu bekommen. Diese m\u00fcsste auch Elemente einer protektionistischen Zollpolitik beinhalten, die die importsubstituierenden Produktionssektoren gegen\u00fcber der in der Aufbauphase wettbewerbsf\u00e4higeren ausl\u00e4ndischen Konkurrenz sch\u00fctzt. Ganz zu schweigen von dem Hauptproblem der ISI: Jeder bisherige Versuch eines Aufbaus importsubstituierender Kapazit\u00e4ten bedurfte <i>teils erheblicher</i> Importe, n\u00e4mlich Importe von Kapitalg\u00fctern (Produktionsmittel, Technologien) zumindest bis zu dem Punkt, an dem eine Volkswirtschaft die Grundlagen f\u00fcr eine selbst\u00e4ndige Hochtechnologieg\u00fcter- und Wissensproduktion errichtete. In der T\u00fcrkei wurde letzteres \u2013 im Unterschied zu beispielsweise S\u00fcdkorea \u2013 bis zum heutigen Tag nicht erreicht, weswegen ihr Status innerhalb der Weltwirtschaft immer noch semi-peripher ist. Daher w\u00fcrde die T\u00fcrkei auch bei einem erneuten, diesmal neoliberalen Anlauf zu einer (vertieften?) ISI zumindest noch eine Weile lang von wichtigen Importen abh\u00e4ngig bleiben. Es ist daher mehr als fraglich, ob die Vorteile einer massiv entwerteten Lira aus Perspektive einer solchen neoliberalen ISI die Nachteile derselben aufwiegen w\u00fcrden (Vorteile: billigere und daher mehr Exporte; Nachteile: massiv verteuerte und f\u00fcr die Produktion notwendige Importe).</p><p>Der quasi-Cheftheoretiker des neuen Kurses, \u015eefik \u00c7al\u0131\u015fkan, <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/modelin-ozeti-uretim-ve-istihdami-korumak-haberi-642732\">verteidigt</a> mit ganz viel populistischem Pseudo-Antiimperialismus gew\u00fcrzt nicht nur eine neoliberale ISI durch die Kombination aus Negativzins- und Liraentwertungspolitik. Er ist zudem der \u00dcberzeugung, dass der daraus entstehende enorme Druck auf die Lira, den Binnenmarkt und -konsum sowie die massive Dollarisierung gut sei, weil der Zwang zum Export die Deviseneinkommen der Unternehmen, damit die Einkommen der in diesen Unternehmen Besch\u00e4ftigten und des Staates sowie wegen der hohen Dollarisierung allgemein das Einkommen aller Bev\u00f6lkerungsteile steigern w\u00fcrde. Damit w\u00e4re im Namen des Anti-Imperialismus de facto eine vollst\u00e4ndige Kopplung der Lira an den Dollar vollzogen, ohne die Lira formell abzuschaffen. Wie die t\u00fcrkische Wirtschaft, die jetzt schon mit den Problemen der Entwertungs- und Inflationswelle k\u00e4mpft (Unm\u00f6glichkeit der kurzfristigen Preis- und Zahlungs- und damit der Investitionsplanung und der wirtschaftlichen T\u00e4tigkeit \u00fcberhaupt), ein solches Programm tragen soll, das bei Implementierung eine bisher noch nie gesehene rasende Entwertungs- und Inflationsspirale lostreten w\u00fcrde, taucht im Phantasiekonstrukt des \u015eefik \u00c7al\u0131\u015fkan nicht als Problem auf. Dem Narren erscheint die Welt als ein einfaches Spiel.</p><h4><i>Das gro\u00dfe Durchwurschteln</i></h4><p>Letztlich zeigt ja die Einf\u00fchrung des KKM-Instruments, dass auch dem Regime klar ist, dass es ein Limit gibt, ab dem die Lira-Entwertung(sspirale) f\u00fcr die t\u00fcrkische Wirtschaft untragbar wird. Weitere im Verlauf der letzten Monate implementierte Ma\u00dfnahmen unter dem Schlagwort der \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ercan-uygur/enflasyon-tahmini-liralasma-ve-kur-beklentisi,35086\">Liraisierungsstrategie</a>\u201c (<i>lirala\u015fma stratejisi</i>) dienen ebenfalls dem Ziel, den Wert der Lira durch Reduzierung der Dollarisierung beziehungsweise durch Erh\u00f6hung der Devisenreserven der TCMB (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/kulis-merkez-bankasi-dovizi-tutabilmek-icin-aylik-10-12-milyar-dolar-satiyor,1031630\">oder Verkauf</a> derselben gegen Lira) zu stabilisieren (40 Prozent der Devisenerl\u00f6se von Exporteuren <a href=\"https://www.bloomberght.com/tcmb-nin-yeni-duzenlemesi-turizm-sektoru-icin-sikinti-olusturmuyor-2304453\">m\u00fcssen</a> an die Zentralbank verkauft werden; Devisennutzung bei kommerziellen Transaktionen im Inland wird immer st\u00e4rker <a href=\"https://www.bloomberght.com/menkul-satislarinda-tl-ile-odeme-zorunlulugu-2304504\">beschr\u00e4nkt</a>/<a href=\"https://halktv.com.tr/makale/dovizle-odeme-yasagi-1970lere-geri-donduk-673451\">verboten</a>; zus\u00e4tzliche Anreize f\u00fcr <a href=\"https://www.bloomberght.com/dovizini-tl-ye-ceviren-sirketlere-vergi-istisnasi-geliyor-2304060\">Unternehmen</a> und <a href=\"https://www.dunya.com/kose-yazisi/o-ilk-dugme-yok-mu-ilk-dugme-yanlis-iliklenen/656089\">Banken</a>, das KKM-Format zu nutzen, werden geschaffen).</p><p>Wahrscheinlicher ist es daher davon auszugehen, dass der derzeit eingeschlagene wirtschaftspolitische Kurs der x-te erneute Versuch des Krisenmanagements und der autorit\u00e4ren Konsoliderung darstellt anstatt des \u00dcbergangs zu einem neuen Akkumulationsregime. Die expansive Wirtschaftspolitik und insbesondere das KKM zielen offensichtlich darauf ab, die negativen Effekte der Wirtschaftskrise auf die Breite der Bev\u00f6lkerung und der kleinen und mittelst\u00e4ndischen Unternehmen (KMU) abzufedern und damit Zeit zu gewinnen, vermutlich bis zu den n\u00e4chsten Parlaments- und Pr\u00e4sidentschaftswahlen (regul\u00e4r im Sommer 2023). Derzeit sind weitere Ma\u00dfnahmen und Finanzinstrumente angedacht, die ebenfalls darauf abzielen die Effekte der Inflation auf die Breite der Bev\u00f6lkerung abzud\u00e4mpfen (<a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/ekonomi/ak-parti-calismalara-basladi-20-kalem-urunun-fiyati-sabitlenecek-mi-42037781\">Preiskontrollen bei Grundg\u00fctern</a>, <a href=\"https://www.bloomberght.com/bakan-nebati-den-enflasyon-mesaji-2303277\">inflationsindexierte Finanzinstrumente</a>). Zudem wurde <a href=\"https://www.bloomberght.com/150-milyar-liralik-kredinin-fonlamasi-tcmbden-2304335\">wieder ein Kreditpaket</a> f\u00fcr importsubstituierende Unternehmen (Produktionsmittelproduktion) und Exporteure zu sehr g\u00fcnstigen Konditionen (neun Prozent Zinsen) deklariert. Freilich geht all dies massiv zulasten des Staatsbudgets und ist wegen der symptomatischen Herangehensweise notwendig transitorischer Art. Sowieso ist es fragw\u00fcrdig, ob die Rechnung des Regimes aufgeht \u2013 siehe Inflation. Die Probleme akkumulieren sich so immer mehr und ihre im kapitalistischen Sinne produktive L\u00f6sung wird weiter vertagt.</p><p>Dieser Versuch der Rekonsolidierung des Krisenmanagements bringt auch einen Kampf um hegemoniale Strategien mit sich, der nicht so einseitig ist, wie er auf den ersten Blick erscheint. Er ist daher genauer zu analysieren.</p><h2><b>K\u00e4mpfe um hegemoniale Strategien inmitten der Krise</b></h2><p>Es wurde zur Gen\u00fcge und <a href=\"https://www.calismatoplum.org/makale/doviz-kuru-politikalarinin-ekonomi-politigi\">detailreich</a> festgehalten, dass die heterodoxe/expansive Wirtschaftspolitik die Stabilisierung der Akkumulation binnenmarktorientierter oder weniger importabh\u00e4ngiger aber exportorientierter KMUs und des Binnenmarktkonsums, das hei\u00dft des Konsums der breiten Bev\u00f6lkerungsmasse anvisiert. Betrachtet man die Reaktionen auf das \u201eT\u00fcrkische Wirtschaftsmodell\u201c und das KKM, kann man sehen, dass es <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/istikrar-enflasyon-yatirim-ve-adalet-haberi-644447\">tendenziell</a> die f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/tusiad-baskani-kaslowski-bunlar-dogru-adimlar-ise-neden-enflasyon-bu-denli-siddetli-yukseliyor,1006005\">T\u00dcSIAD</a>) und die Industriellen (Istanbuler Industriekammer, <a href=\"https://www.bloomberght.com/iso-baskani-bahcivan-dan-tcmb-yi-saskinlikla-izliyoruz-cikisi-2294653\">ISO</a>) sind, die diese Ma\u00dfnahmen scharf kritisieren. <a href=\"https://sendika.org/2021/12/musiad-erdogandan-pasi-aldi-turkiye-ekonomisi-yalnizca-doviz-kuruna-indirgenerek-degerlendirilemez-640906/\">Umgekehrt</a> sind es <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/musiaddan-10-maddelik-manifesto-haberi-643751\">tendenziell</a> binnenmarktorientierte und/oder <a href=\"https://www.bloomberght.com/ito-baskani-avdagic-bedel-odense-de-yeni-bir-doneme-gecilmesi-gerekiyor-2294046\">exportorientierte</a> KMUs, die die Ma\u00dfnahmen <a href=\"https://www.bloomberght.com/ito-baskani-ndan-yeni-modele-destek-2294913\">teils</a> <a href=\"https://www.bloomberght.com/tim-baskani-gulle-model-ihracat-ekseninde-buyume-modeli-bundan-memnuniyet-duyuyoruz-2294946\">mit</a> gl\u00fchendem Eifer begr\u00fc\u00dfen.</p><p>Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich die Sache aber als etwas komplizierter: Einerseits beschweren sich die mit dieser Wirtschaftspolitik vom Regime anvisierten Kapitalfraktionen \u00f6fter, als auf den ersten Blick erscheint, \u00fcber die Folgen der Wirtschaftskrise und des Krisenmanagements, andererseits profitiert das Gro\u00dfkapital mehr vom derzeitigen Regime, als <a href=\"https://birartibir.org/muharebenin-dugumu-para-politikasi/\">die These</a> vom \u201eKampf zwischen international orientiertem Gro\u00dfkapital und binnenmarktorientierten/importschwachen aber exportorientierten KMUs\u201c nahelegt.</p><p>Der Reihe nach. <a href=\"https://sendika.org/2021/10/guncel-kriz-dinamikleri-ve-sosyalist-stratejiyi-tartismak-634684/\">All die</a> als Hauptprofiteure der heterodoxen/expansiven Wirtschaftspolitik analysierten Kapitalfraktionen beziehungsweise Verb\u00e4nde haben sich im vergangenen halben Jahr eben so oft \u00fcber die Wirtschaftspolitik und ihre Folgen beschwert, wie sie diese hochgelobt haben. So kritisierten die Union der Kammern und B\u00f6rsen der T\u00fcrkei (<i>T\u00fcrkiye Odalar ve Barolar Birli\u011fi</i>, TOBB) und die Istanbuler Handelskammer (ITO) die <a href=\"https://www.bloomberght.com/tobbhisarciklioglu-kurlarin-artmasi-reel-sektorumuzu-tedirgin-etmektedir-2290340\">Zinssenkungsentscheidungen</a>, die massive Entwertung der Lira \u00fcber die dadurch gew\u00e4hrten kompetitiven Vorteile <a href=\"https://www.bloomberght.com/ito-baskani-ndan-faiz-yorumu-2292358\">hinaus</a>, die <a href=\"https://www.bloomberght.com/ito-baskani-avdagic-bedel-odense-de-yeni-bir-doneme-gecilmesi-gerekiyor-2294046\">dadurch entstehende</a>wirtschaftliche Unvorhersehbarkeit und die Verunm\u00f6glichung der Preiskalkulation. Sie verlangten <a href=\"https://www.bloomberght.com/tobb-dan-piyasa-istikrari-icin-onlem-cagrisi-2294660\">dringende Ma\u00dfnahmen</a>, um die wirtschaftliche Stabilit\u00e4t wieder herzustellen. Der als Flaggschiff der AKP-nahen Kapitalfraktionen geltende Verband Unabh\u00e4ngiger Unternehmer (<i>M\u00fcstakil Sanayici ve \u0130\u015f Adamlar\u0131 Derne\u011fi</i>, M\u00dcSIAD) benannte noch <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/ekonomi/musiad-baskani-mahmut-asmalidan-yil-sonu-dolar-tahmini-1888851\">Ende November</a> und <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/musiad-baskani-asmali-kurdan-etkilenmiyorum-diyen-sanayici-dogru-soylemiyordur-haberi-642150\">Anfang Dezember</a> 2021 ebenfalls alle diese Probleme als gewichtig. Der M\u00dcSIAD-Vorsitzende Mahmuat Asmal\u0131 hielt einen Dollar-Kurs von 8 bis 9 Lira f\u00fcr vern\u00fcnftig und kompetitiv, nicht jedoch dar\u00fcber. <a href=\"https://www.bloomberght.com/musiad-baskani-asmali-politika-faizi-maalesef-reel-sektore-yansimadi-2296055\">Noch Anfang des Jahres</a> beschwerte sich der M\u00dcSIAD dar\u00fcber, dass sich der niedrige Leitzins nicht auf die Zinsen f\u00fcr kommerzielle Kredite niederschlage. Eines der wichtigsten Ziele der heterodoxen Wirtschaftspolitik ist es ja gerade, Kredite zu niedrigen Zinsen f\u00fcr binnenmarktorientierte Unternehmen bereitzustellen. Die Inflation, die <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-59332074\">\u00f6konomische Unsicherheit</a> und freilich die Macht der Banken erschwert diese Absicht allerdings.</p><p>Dass sich auch die binnenmarkt- und/oder exportorientierte KMUs beschweren, hat gute Gr\u00fcnde. Zu stark steigende Preise importierter Inputs sind ein riesiges Problem, <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkeys-export-driven-growth-sustainable\">wie</a> auch die Vereinigung Istanbuler Konfektionskleidungsexporteure (<i>\u0130stanbul Haz\u0131r Giyim ve Konfeksiyon \u0130hracat\u00e7\u0131lar\u0131 Birli\u011fi</i>, IHKIB) <a href=\"https://www.dunya.com/sektorler/tekstil/hazir-giyimde-yaza-yuzde-80-zam-yolda-haberi-654097\">oder</a> der Verband der Kleidungsunternehmer (<i>T\u00fcrkiye Giyim Sanayicileri Derne\u011fi</i>, TGSD) <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkeys-export-driven-growth-sustainable\">betonen</a>, da sie die durch eine Lira-Entwertung entstehenden preislichen Wettbewerbsvorteile hinsichtlich des Exports gleich wieder revidieren beziehungsweise die inl\u00e4ndischen Verkaufspreise stark erh\u00f6hen. So ist es dann auch der Fall, dass der Auslandserzeugerpreisindex (die Preise, die Hersteller f\u00fcr G\u00fcter verlangen, die f\u00fcr den Export bestimmt sind) mit <a href=\"https://www.bloomberght.com/uc-haneli-yurt-disi-uretici-enflasyonu-suruyor-2304593\">knapp \u00fcber 105 Prozent</a> im M\u00e4rz 2022 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum fast <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Yurt-Ici-Uretici-Fiyat-Endeksi-Mart-2022-45852\">genau so exorbitant</a> stieg wie der Inlandserzeugerpreisindex (fast 115 Prozent). Die wellenf\u00f6rmige Steigerung der Inflationsrate und die Entwertung der Lira in sehr kurzen Zeitr\u00e4umen erschwert bis verhindert durch die Unvorhersehbarkeit und die Unm\u00f6glichkeit der robusten Preiskalkulation auch das Gesch\u00e4ft der KMUs, wie diese ja selbst festhalten. So autark und unabh\u00e4ngig von Importen ist kein Betrieb, dass er von diesen Entwicklungen nicht betroffen w\u00e4re. Umgekehrt w\u00fcrde eine von der neoliberalen Orthodoxie vorgesehene Kreditkontraktion und eine immense Erh\u00f6hung der Zinsen zwecks Stabilisierung des Lira-Kurses und der erneuten Attraktion von ausl\u00e4ndischem Kapital ziemlich sicher zum Bankrott vieler KMUs f\u00fchren. Sie befinden sich daher <i>objektiv</i> in einer Zwickm\u00fchle, aus der es derzeit keinen gem\u00fctlichen Weg raus gibt. Daher sind auch objektiv <i>unterschiedliche Strategien</i> mit unterschiedlichen Risiken als L\u00f6sungsversuch der Krise und Fortsetzung der Akkumulation m\u00f6glich.</p><h4><i>Wirtschaftspolitik als Teil des Kampfes um hegemoniale Strategien</i></h4><p>Die Wirtschaftspolitik des Regimes muss daher konzeptionell klarer gefasst werden als <i>Teil eines allgemeineren Hegemoniekampfes, der K\u00e4mpfe um die dominante \u00f6konomische Strategie und ihre politische F\u00fchrung inkludiert</i>, und nicht als eine eins-zu-eins Repr\u00e4sentation pr\u00e4-strategisch gegebener \u00f6konomischer Interessen in der politischen Sph\u00e4re. In der Kalkulation des Regimes ist eine R\u00fcckkehr zu orthodoxer neoliberaler Wirtschaftspolitik \u2013 wegen der dann zu erwartenden Bankrottwelle und des (zumindest vor\u00fcbergehend) noch massiveren Einbruchs des Haushaltskonsums als derzeit \u2013 mit viel h\u00f6heren politischen Kosten verbunden als eine Wirtschaftspolitik, die versucht, sich inmitten der Wirtschaftskrise durchzuwurschteln und die Kriseneffekte auf KMUs und Binnenkonsum so weit wie m\u00f6glich abzufedern. Dabei versucht das Regime an die Existenz\u00e4ngste vieler KMUs anzukn\u00fcpfen und durchzusetzen, dass diese ihr unmittelbares \u00dcberleben oder ihre unmittelbare Akkumulation als strategisches Primat ansehen \u2013 und das Regime als jene politische F\u00fchrung, die dieses strategische Primat einzig umzusetzen in der Lage ist. Es ist aber objektiv \u00fcberhaupt nicht absehbar, ob die vom Regime verfolgte Strategie allein noch das \u00dcberleben vieler KMUs garantieren kann, oder ob sie nicht viel eher die Krisendynamik und damit auch den Druck auf jene KMUs versch\u00e4rft, was derzeit als objektiv wahrscheinlich erscheint.</p><p>Es sind aber auch andere strategische Perspektiven m\u00f6glich. So k\u00f6nnten leistungsstarke KMUs, die den kompetitiven Druck einer orthodoxen Geldpolitik aushalten k\u00f6nnen, daf\u00fcr optieren, gemeinsam mit den f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals f\u00fcr eine Re-Integration der T\u00fcrkei in die globale Weltwirtschaft auf erweiterter Stufenleiter zu streiten und L\u00e4nder wie China dadurch in den Lieferketten abzul\u00f6sen. Wie Hakk\u0131 \u00d6zdal in Bezug auf die Wahl des neuen T\u00dcS\u0130AD-Pr\u00e4sidenten Orhan Turan, ehemals Pr\u00e4sident der T\u00dcSIAD-nahen Vereinigung von kleinen und mittleren Kapitalisten (T\u00dcRKONFED), im M\u00e4rz 2022 <a href=\"https://mavidefter.net/sermayenin-yeni-vitrini-aklin-zekati-ve-bir-hediye-fotograf/\">ganz richtig festhie</a>lt, gibt es derzeit in der T\u00fcrkei kein Monopol (mehr?) auf die politische Repr\u00e4sentation der kleinen und mittleren Kapitalisten. Es wird vielmehr um diese Repr\u00e4sentation gerungen, was auch bedeutet, um unterschiedliche \u00f6konomische Strategien zu k\u00e4mpfen. Wir werden in n\u00e4chster Zeit vermutlich sehen, wie der oppositionelle Restaurationsblock versuchen wird, eine alternative \u00f6konomische Strategie auch f\u00fcr KMUs zu entwerfen. Es ist nicht allein die objektive Stellung im Produktionsprozess im Allgemeinen wie im Besonderen (in einem bestimmten Akkumulationsregime zu einem bestimmten Zeitpunkt der Entwicklung desselben), die die Interessen unterschiedlicher Kapitalfraktionen determiniert, denn aus deren Stellungen im Produktionsprozess heraus sind objektiv unterschiedliche Perspektiven m\u00f6glich. Diese und damit die Interessen der Kapitalfraktionen werden daher co-determiniert von politischen K\u00e4mpfen um \u00f6konomische und gesamtgesellschaftliche Strategien.</p><p>Den \u00f6konomisch f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals geht es indes viel besser, als ihre f\u00fcr kapitalistische Verh\u00e4ltnisse lautstarke Kritik an der Politik des Regimes glauben lassen w\u00fcrde. Die f\u00fchrenden Gro\u00dfunternehmen der T\u00fcrkei erzielten teils exorbitante Profite (Metall, Automobil, Getr\u00e4nke, Kommunikation, bis <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bilancolar-sirket-karlarinin-rekor-oranda-arttigini-gosteriyor-vatandas-yoksullasirken-ozel-sektor-buyuyor,991093\">Ende 2021</a>; Bankensektor: +57 Prozent, <a href=\"https://www.bloomberght.com/bankacilik-sektorunun-kri-2021-de-yuzde-57-artti-2297790\">2021</a> im Vergleich zum Vorjahr, +323 Prozent, <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2022/ekonomi/banka-karlari-neden-uctu-7043027/\">Januar-Februar 2022</a> im Vergleich zum Vorjahreszeitraum). Die Negativzinspolitik der Zentralbank <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2022/ekonomi/banka-karlari-neden-uctu-7043027/\">hebt</a> die Zinseinkommen der (Privat-)Banken, anstatt sie zu senken, da diese die niedrigen Zinsen nicht so an Kreditnehmer*innen weitergeben und die wachsende Differenz als steigende Profite einkassieren (der <a href=\"https://evds2.tcmb.gov.tr/index.php?/evds/portlet/K24NEG9DQ1s=/tr\">Zins auf Kredite</a> lag Ende M\u00e4rz 2022 je nach Art des Kredits bei 20 bis 30 Prozent gegen\u00fcber 14 Prozent Zentralbankleitzins und 16 bis 17 Prozent Einlagenzins; dazu kommen noch die steigenden Zinsen auf Staatsanleihen). Das ist es letztlich, wor\u00fcber sich der M\u00dcSIAD noch Anfang des Jahres beschwerte. <a href=\"https://www.perspektif.online/fare-delige-sigmamis-bir-de-kuyruguna-kabak-baglamis/\">Zudem</a> sorgt die hohe Verschuldung des Staates an t\u00fcrkische Banken in Devisen oder inflationsindexierten Staatsanleihen f\u00fcr die exorbitant steigenden Bankenprofite. Die gr\u00f6\u00dfte Unternehmensgruppe der T\u00fcrkei, Ko\u00e7, die politisch klar oppositionell zum Regime eingestellt ist, <a href=\"https://www.bloomberght.com/ali-kocbatarya-yatirimi-kuresel-rekabet-avantaji-saglayacak-2301442\">t\u00e4tigt derzeit</a> mit Unterst\u00fctzung von Pr\u00e4sident Erdo\u011fan gro\u00dfe Investitionen in die E-Fahrzeug- und -Batterien-Produktion. Eines der Flaggschiffe der Ko\u00e7-Gruppe, Ford Otosan, erh\u00f6hte seine Profite 2021 <a href=\"https://www.bloomberght.com/ford-otosan-in-kri-beklentileri-asti-2298934\">um fast 100 Prozent</a>; die gesamte Unternehmensgruppe berichtet von einer Zunahme der konsolidierten Gewinne von <a href=\"https://www.bloomberght.com/rahmi-m-koc-yatirimlarimiza-kararlilikla-devam-edecegiz-2303047\">89 Prozent</a>.</p><p>So sehr die derzeitige Wirtschaftspolitik und politische \u00d6konomie der T\u00fcrkei auch von konkurrierenden (bzw. sich in Krise befindenden) Strategien und Hegemonieprojekten gekennzeichnet ist, beh\u00e4lt sie bei allen Differenzen und Widerspr\u00fcchen doch ein grundlegendes <a href=\"https://ozgurorhangazi.com/2021/11/23/faiz-doviz-meselesi-3-sermayeler-arasi-savas-mi-ya-da-niyet-neydi-akibet-ne-olacak/\">Element der Einheit</a> bei, namentlich, dass sie hinsichtlich der Distributionsverh\u00e4ltnisse eindeutig zulasten des Gro\u00dfteils der Werkt\u00e4tigen und zugunsten des Kapitals im Allgemeinen geht: <a href=\"https://www.birgun.net/haber/ayni-gemide-degilmisiz-379585\">So sank</a> die Lohnquote sukzessive von 35,1 Prozent im Jahre 2019 auf 33,1 Prozent im Jahr 2020 und letztlich 30,2 Prozent im Jahr 2021, w\u00e4hrend die Gewinnquote in der selben Zeit von 47 Prozent auf 52,6 Prozent zulegte. Die <a href=\"https://www.birgun.net/haber/isci-enflasyonun-altinda-ezildi-371579\">realen durchschnittlichen Bruttol\u00f6hne</a> gingen zwischen 2016 und 2020 um sagenhafte 42,2 Prozent zur\u00fcck (Inflation!); auch der Haushaltskonsum ging, trotz Kreditst\u00fctzen in den letzten Jahren, <a href=\"https://mavidefter.net/tusiadin-krizden-cikis-recetesi-halki-daha-da-yoksullastirmak/\">zur\u00fcck</a> von 65 Prozent im Jahr 2012 auf 56 Prozent im Jahr 2021 (im Verh\u00e4ltnis zum BIP). Dabei verdeckt die permanente Erh\u00f6hung des Mindestlohns einerseits, dass dieser dennoch sehr niedrig bleibt (wieder: Inflation!), andererseits, dass sich die Durchschnittsl\u00f6hne <a href=\"http://arastirma.disk.org.tr/wp-content/uploads/2020/09/D%C4%B0SK-AR-12-Eyl%C3%BCl-RAPOR-SON.pdf\">seit 1980</a> <a href=\"http://arastirma.disk.org.tr/wp-content/uploads/2022/03/Pandeminin-Ikinci-Yilinda-Iscilerin-Durumu-KONSOLIDE-son-son.pdf\">zunehmend</a> dem Mindestlohn anpassen, dass also eine Abw\u00e4rtsspirale und nicht eine Aufw\u00e4rtsspirale der L\u00f6hne stattfindet, und zwar <a href=\"https://www.birgun.net/haber/memur-yoksullasti-memur-sen-buyudu-383711\">auch im \u00f6ffentlichen Sektor</a> und damit in der Beamtenschaft. <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/akp-ve-kabine-asgari-ucret-ile-ikramiye-artisinda-ters-dustu-1925634\">Zugleich</a> wird derzeit eine weitere Erh\u00f6hung des Mindestlohns wegen des davon ausgehenden \u201einflation\u00e4ren Drucks\u201c abgelehnt, was nat\u00fcrlich reichlich grotesk ist angesichts einer Wirtschaftspolitik, die auch schon ohne Lohnerh\u00f6hungen zu einer historisch hohen Inflationsrate f\u00fchrt, und zugleich Abermilliarden f\u00fcr Unternehmen und Verm\u00f6gende bereitstellt. Aber das Argument des \u201einflation\u00e4ren Drucks\u201c, das gegen die Mindestlohnerh\u00f6hung genutzt wird, ist nat\u00fcrlich nur Ideologie zwecks Rationalisierung einer klar pro-kapitalistischen Politik. Insofern ist nichts \u201egroteskes\u201c dran, denn es ist knallharte Interessenpolitik. Einen grundlegenden Bruch mit wichtigen Prinzipien des Neoliberalismus in der T\u00fcrkei (Unterdr\u00fcckung der Arbeiter*innenklasse, kein produktiver Staatssektor), seinen \u00f6konomisch dominanten Akteuren und der Integration desselben in die Weltwirtschaft hat das Regime bei allen Abweichungen von bestimmten Prinzipien (bspw. von der neoliberal-orthodoxen Geldpolitik) \u2013 noch? \u2013 nicht vollzogen. W\u00e4hrend sich also der politische Autoritarismus nicht einfach aus dem Neoliberalismus (und seiner Krise) ableiten l\u00e4sst, ist es allerdings umgekehrt auch nicht der Fall, dass der politische Autoritarismus den Neoliberalismus einfach vollst\u00e4ndig destruiert. Das Verh\u00e4ltnis beider ist also dialektisch als ein inneres, aber widerspr\u00fcchliches zu verstehen, egal, ob man die Situation nun als \u201eautorit\u00e4rer Neoliberalismus\u201c, \u201eautorit\u00e4rer Etatismus im Neoliberalismus\u201c oder \u201eneoliberaler Etatismus\u201c verbegrifflicht.</p><h4><i>Die alternative Perspektive der f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals</i></h4><p>Aus all diesen Gr\u00fcnden ist es auch unter den heutigen Bedingungen schlicht nicht richtig, <a href=\"https://www.birgun.net/haber/erdogan-buyuk-sermayeye-istedigini-veremedi-374329\">davon zu sprechen</a>, dass es zu einem <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/anadolu-burjuvazisi-simdi-ne-dusunuyor,33150\">gro\u00dfen Bruch</a> zwischen Gro\u00dfbourgeoisie und der AKP gekommen ist. Richtiger ist es, festzustellen, dass es gro\u00dfe Konflikte und daher Hegemoniek\u00e4mpfe um die zu befolgenden Strategien gibt, die umfassenderer Natur sind als j\u00e4hrliche Profitmargen, wobei diese Hegemoniek\u00e4mpfe aber keinen \u201egro\u00dfen Bruch\u201c darstellen.</p><p>Der T\u00dcSIAD beschwert sich dabei schon seit Jahren \u00fcber die heterodoxe Wirtschaftspolitik und ihre Folgen und verlangt eine orthodoxe Rejustierung derselben. <a href=\"https://www.bloomberght.com/tusiad-genel-kabul-gormus-iktisat-bilimi-kurallarina-hizla-donulmeli-2294704\">So auch</a> <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/tusiad-baskani-dunyaya-konustu-faiz-indiriminde-sabir-gerektiren-kritik-surece-giriyoruz-haberi-632294\">in den letzten Monaten</a>. Dabei geht es nicht nur um die unmittelbaren Interessen der f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals wie beispielsweise die mittels orthodoxer Geldpolitik und Institutionen prognostizierte erneut einsetzende Attraktion von gro\u00dfen Summen an ausl\u00e4ndischem Kapital f\u00fcr gro\u00dfe Investitionen und die von fast allen Kapitalfraktionen geteilte Forderung nach Stabilisierung von Wechselkurs und Inflation zwecks Vorhersehbarkeit und robuster Preiskalkulation. Der T\u00dcSIAD visiert offensichtlich auch eine spezifische hegemoniale und \u00f6konomische Strategie an: Hegemonial betrachtet herrscht aufseiten des T\u00dcSIAD die Sorge vor, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/omer-m-koc-tum-belirsizliklere-ve-olumsuzluklara-ragmen-memleketimizin-gelecegine-inaniyoruz-esasli-bir-reform-ajandasina-sarilarak-ulke-riskimizi-azaltmak-zorundayiz,985931\">dass</a> die massive \u00f6konomische Ungleichheit und die Krise des politischen Autoritarismus <a href=\"https://yetkinreport.com/2022/03/14/rusya-ukrayna-savasinin-tetikledigi-donusumler/\">starke sozial destabilisierende Effekte</a> haben k\u00f6nnte. (Die ITO ist dieser Problematik gegen\u00fcber \u00fcbrigens <a href=\"https://www.bloomberght.com/ito-baskani-avdagic-bedel-odense-de-yeni-bir-doneme-gecilmesi-gerekiyor-2294046\">auch nicht vollst\u00e4ndig blind</a>.) Daher die wiederholte Forderung von \u201epluraler Demokratie, Gewaltenteilung, Freiheiten\u201c einerseits, einer anti-inflation\u00e4ren Wirtschaftspolitik andererseits. Freilich findet sich in den Aussagen und Publikationen des T\u00dcSIAD wenig Konkretes zur Ver\u00e4nderung des Arbeitsmarktes oder zur Institutionalisierung sozialer Rechte. Die Hoffnung liegt klar auf einem sich selbst tragenden neoliberalen Wachstumsmodell mit Produktivit\u00e4tsfortschritten, aus dem ohne gro\u00dfe Verrechtlichung der Marktbeziehungen im Sinne der Werkt\u00e4tigen und ohne allzu gro\u00dfen Ver\u00e4nderungen der Distributionsverh\u00e4ltnisse genug f\u00fcr die Werkt\u00e4tigen abspringt, damit diese befriedet sind.</p><p>Gleichzeitig ist der T\u00dcSIAD der Meinung, dass die kurzfristige Orientierung der Wirtschaftspolitik die kapitalistische Entwicklung der T\u00fcrkei blockiere, insofern es mit ihr nicht m\u00f6glich sei, einen Aufstieg der t\u00fcrkischen Wirtschaftsstruktur im System der internationalen Arbeitsteilung zu erlangen. Das hei\u00dft, der T\u00dcSIAD visiert mittel- bis langfristig eine ganz andere hegemoniale \u00f6konomische Strategie an, als in der derzeitigen vom Krisenmanagement dominierten Wirtschaftspolitik des Regime enthalten ist. Letztere ist notgedrungen kurzfristig angelegt und enth\u00e4lt derzeit wenig Potenziale f\u00fcr eine kapitalistische Akkumulation auf qualitativ erweiterter Stufenleiter. Diese \u00f6konomische wie auch politisch-regulative hegemoniale Strategie hat der T\u00dcSIAD nun Ende letztes Jahres <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tusiad-iktidari-ozneyi-soylemeden-elestirdi-omer-koc-acemoglu-nun-demokrasideki-gerilemeyi-anlattigi-sunumu-notlar-alarak-dinledi,986791\">zu einem Bericht</a> mit dem unmissverst\u00e4ndlichen Titel <a href=\"https://tusiad.org/tr/basin-bultenleri/item/10854-tusi-ad-dan-yeni-bir-anlayisla-gelecegi-i-nsa-raporu\"><i>Yeni Bir Anlay\u0131\u015fla Gelece\u011fi \u0130n\u015fa</i></a>, \u00fcbersetzt in etwa \u201eMit einer neuen Vision die Zukunft gestalten\u201c synthetisiert und der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert. Murat Sabuncu <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tusiad-akp-turkiyesi-ne-yeni-bir-gelecek-hayaliyle-itiraz-ediyor,986818\">h\u00e4lt ganz richtig fest</a>, dass sich dieser Bericht nicht allein an Unternehmer*innen, sondern an die Breite der Gesellschaft wendet, sprich einen hegemonialen Anspruch hat. Der Kampf um die Krise des Neoliberalismus geht also in eine neue Runde.</p><h2><b>Altbekannte und (scheinbar) neue Taktiken der autorit\u00e4ren Konsolidierung</b></h2><p>In diesem Kampf um die Krise des Neoliberalismus, in dem das Regime um seinen politischen Machterhalt k\u00e4mpft, sind die Kampfmethoden nat\u00fcrlich nicht blo\u00df \u00f6konomischer Art. Die altbekannten und scheinbar neue Taktiken der autorit\u00e4ren Konsolidierung werden ebenfalls fortgesetzt. Diese visieren, wie ehedem, Unterdr\u00fcckung, Zerm\u00fcrbung, Spaltung und Integration der Opposition aber auch die Etablierung einer popularen Legitimationsbasis f\u00fcr den Autoritarismus an. Weiterhin werden <a href=\"https://t24.com.tr/haber/engelli-web-raporu-2020-sonu-itibariyla-467-bin-web-sitesi-erisime-engellendi,972358\">Hunderttausende Webseiten</a> <a href=\"https://www.dokuz8haber.net/turkiyede-internet-ozgurlugu-uc-yildir-dususte\">blockiert</a>, weitfl\u00e4chig Druck und Repression <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-nin-yarisma-programini-hedef-alan-genelgesi-ve-milli-manevi-degerler,1011389\">gegen</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-nin-yarisma-programini-hedef-alan-genelgesi-ve-milli-manevi-degerler,1011389\">Medien</a> und Oppositionelle <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/03/international-domestic-groups-ring-alarms-human-rights-turkey\">ausge\u00fcbt</a> sowie <a href=\"https://www.dw.com/tr/sosyal-medya-yasas%C4%B1-neler-getirecek/a-60815430\">an einem Gesetz</a> zur weiteren Kriminalisierung von Meinungs\u00e4u\u00dferungen auf Social Media-Plattformen unter dem Vorwand der Bek\u00e4mpfung von \u201efake news\u201c gearbeitet. Erdo\u011fan selbst <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-ozgurlugun-sembolu-olarak-nitelenen-sosyal-medya-gunumuz-demokrasisi-icin-ana-tehdit-kaynaklarindan-birine-donusmustur,1000034\">deklarierte j\u00fcngst</a><i>social media</i> als \u201eeiner der gr\u00f6\u00dften Gef\u00e4hrdungsquellen f\u00fcr die heutige Demokratie\u201c. <a href=\"https://tihv.org.tr/wp-content/uploads/2022/03/TIHV_covid_hak_ihlalleri_rapor_Mart_2022.pdf\">\u00dcber 200</a> Kundgebungen und Demonstrationen wurden unter vorgeschobenen Gr\u00fcnden des Infektionsschutzes w\u00e4hrend der Pandemie verboten (w\u00e4hrend vom Regime wohlwollend betrachtete Massenereignisse nat\u00fcrlich erlaubt und sogar gefeiert wurden). Auch sonst geht die mehr oder minder verdeckte (<a href=\"https://www.dw.com/tr/akpnin-lin%C3%A7-giri%C5%9Fimi-videosu-soru-i%C5%9Faretleri-yaratt%C4%B1/a-59647524\">Androhung von) Gewalt</a> gegen (f\u00fchrende) Oppositionelle und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/orhan-pamuk-sezen-aksu-hepimizin-gururudur-sanatcisini-ezen-bir-devlet-ve-millet-olmayacagiz,1010074\">Kulturschaffende</a> ungebrochen weiter. Die T\u00fcrkei bleibt das nach Russland dasjenige europ\u00e4ische Land, in dem sich proportional zur Bev\u00f6lkerung die meisten Menschen <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-dunya-60981073\">im Gef\u00e4ngnis</a> befinden. Den protestierenden und streikenden \u00c4rzt*innen wurde von Erdo\u011fan <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/doktorlara-gidiyorlarsa-gitsinler-diyen-erdogana-tepki-yagdi-1914317\">vorgeworfen</a>, sie h\u00e4tten Luxusprobleme und sollten das Land verlassen, wenn es ihnen nicht passt (nur um <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-ulkemizi-kuresel-saglik-sistemi-icinde-mumkun-olan-en-iyi-yere-getirmek-istiyoruz,1020848\">ein Tag danach</a> die selben \u00c4rzt*innen in den Himmel zu loben und einer Reihe ihrer Forderungen nachzugeben).</p><p>Offensichtlich als Teil des de facto schon begonnenen Wahlkampfs wurde die Repression k\u00fcrzlich noch einmal besonders versch\u00e4rft: Zum Abschluss eines jahrelangen Schauprozesses gegen einige in den Gezi-Protesten 2013 involvierte wichtige zivilgesellschaftliche Akteur*innen wurden Ende April 2022 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/gezi-davasinda-karar-durusmasi,1030116\">drakonische Strafen</a> verh\u00e4ngt, darunter auch gegen den gro\u00dfb\u00fcrgerlich-liberalen M\u00e4zen Osman Kavala, der zu lebenslanger Haft unter erschwerten Bedingungen (<i>a\u011f\u0131rla\u015ft\u0131r\u0131lm\u0131\u015f m\u00fcebbet</i>) verurteilt wurde. Gleichzeitig lancierte der t\u00fcrkische Staat eine <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/04/turkey-launches-offensive-against-pkk-targets-northern-iraq\">gro\u00dfangelegte Milit\u00e4roffensive</a> gegen Teile der als PKK-St\u00fctzpunkte genutzten Kandilberge im Irak, wobei diese parallel \u2013 und vermutlich zuvor mit der T\u00fcrkei abgestimmt \u2013 <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/04/turkey-launches-offensive-against-pkk-targets-northern-iraq\">begleitet wurde</a> von einer Offensive der Truppen der irakischen Regierung gegen das PKK-nahe ezidisch dominierte Schengal.</p><p>Islamisierung und autorit\u00e4re heteronormativ-familiale Geschlechterpolitik bilden weiterhin eine wichtige Grundlage f\u00fcr den Versuch, einen autorit\u00e4ren Konsens herzustellen als Legitimationsbasis f\u00fcr das autorit\u00e4re Regime. Die Kriminalisierung und Repression von <a href=\"https://www.duvarenglish.com/copies-of-british-authors-book-being-sold-in-envelopes-in-turkey-after-ministry-finds-it-obscene-for-including-gay-character-news-58959\">LGBTQI+-Identit\u00e4ten</a> wird weiterhin konstant betrieben. Der Chef der Religionsbeh\u00f6rde Diyanet, Ali Erba\u015f, kann eine umfassende <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkeys-powerful-top-cleric-called-tone-down-or-resign\">Kritik am Laizismus</a> lancieren und die Forderung aufstellen, Korankurse f\u00fcr 4-6j\u00e4hrige Kinder nicht mehr als Wahl-, sondern <a href=\"https://t24.com.tr/haber/diyanet-ten-zorunlu-kur-an-kursu-aciklamasi,979450\">als Pflichtfach</a> einzuf\u00fchren. Die Forderung nach einem \u201ereligi\u00f6sen\u201c Grundgesetz (ehemaliger <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/eski-meclis-baskani-ismail-kahramandan-dindar-anayasa-aciklamasi-sozlerim-carpitildi-1874529\">Parlamentssprecher Ibrahim Kahraman</a>, AKP) wird wieder en vogue. Der Freitod eines jungen Studierenden, <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/01/turkish-teen-suicide-revives-secular-pious-debate\">Enes Kara</a>, der die unertr\u00e4glichen Verh\u00e4ltnisse in einem religi\u00f6sen Wohnheim nicht mehr aushielt, befeuerte erneut die Debatte um die Schlie\u00dfung religi\u00f6ser Heime.</p><p>Auch die scheinliberalen Versuche und Ref\u00f6rmchen zur Einbindung der Hauptoppositionsparteien gehen weiter: So wurde hinter den Kulissen dar\u00fcber diskutiert, das Pr\u00e4sidialsystem dahingehend <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58734677\">zu modifizieren</a>, dass die Minister nicht mehr wie bisher von Pr\u00e4sidenten ernannt, sondern vom Parlament gew\u00e4hlt werden und das Parlament wieder das Recht auf Anfragen und \u00e4hnliches einger\u00e4umt bekomme. Nat\u00fcrlich w\u00e4re das nur eine Scheinliberalisierung gewesen, da derzeit ja auch das Parlament noch von AKP-MHP dominiert wird. Zudem war die \u201eKonzession\u201c verbunden mit dem Vorschlag, die Auflage einer absoluten Mehrheit (\u00fcber 50 Prozent der g\u00fcltigen Wahlstimmen) f\u00fcr den erfolgreichen Sieg in der ersten Runde einer Pr\u00e4sidentschaftswahl abzuschaffen. Offensichtlich halten es auch AKP-MHP f\u00fcr wahrscheinlich, dass Erdo\u011fan nicht mehr in der ersten Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen gewinnen k\u00f6nnte. Denn kontr\u00e4r zur nach au\u00dfen kommunizierten Hybris ist den AKP-Entscheidungstr\u00e4gern <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58965213\">intern</a> nat\u00fcrlich klar, dass die <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/bulent-arincin-ekonomi-ve-sandik-mesajina-akplilerden-destek-1927234\">wirtschaftliche Krise</a> und \u201eM\u00e4ngel im Pr\u00e4sidialsystem\u201c (aka Willk\u00fcr, Repression insbesondere gegen\u00fcber Kurd*innen, politisierte Justiz) die Gr\u00fcnde f\u00fcr den (prognostizierten) Stimmenverlust sind und dass die Opposition gewonnen werden muss f\u00fcr eine (leichte) Modifikation des Pr\u00e4sidialsystems (wobei klar ist, dass am Prinzip des Pr\u00e4sidialsystems nichts ge\u00e4ndert werden soll). Sp\u00e4ter, im M\u00e4rz 2022, als die Novellierung des Wahlgesetzes eigentlich schon als sicher galt (siehe ein paar Abs\u00e4tze weiter unten), <a href=\"https://www.korkusuz.com.tr/erdoganin-yeni-oyun-plani.html\">sickerte durch</a>, dass AKP und MHP zu einer weiteren Senkung der Wahlh\u00fcrde auf drei Prozent bereit seien. Sie verlangten daf\u00fcr aber ein Ende der von der Opposition gef\u00fchrten Diskussion, ob Erdo\u011fan laut geltendem Gesetz \u00fcberhaupt erneut zu einer Kandidatur antreten d\u00fcrfe. <b>[3]</b></p><p>Mittlerweile wurden auch zahlreiche \u201eMenschenrechtsaktionspl\u00e4ne\u201c oder \u201eJustizreformpakete\u201c \u2013 angeblich zur Verbesserung der menschenrechtlichen Situation \u2013 verk\u00fcndet. Freilich bleiben Selahattin Demirta\u015f, Figen Y\u00fckseda\u011f oder Osman Kavala <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-bahceli-tercihlerimiz-kim-oldugumuzun-isaretidir,988449\">weiterhin</a> teils lebensl\u00e4nglich inhaftiert und werden als \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-cumhur-ittifaki-ciftci-dostudur-esnaf-sevgisiyle-doludur,986731\">Terroristen</a>\u201c oder \u201eSoros-Anh\u00e4nger\u201c verschrien. Angesichts der weiter oben ausgef\u00fchrten ununterbrochen fortgesetzten Repression gegen fast alle oppositionellen Teile der Gesellschaft ist klar, dass diese \u201eliberalen Ref\u00f6rmchen\u201c eh schon kaum das Papier wert waren, auf dem sie geschrieben wurden. Aber sogar das war und ist zu viel f\u00fcr die Hardliner innerhalb des Regimes, wie die von Bah\u00e7eli wiederholt vorgebrachte Forderung nach der Schlie\u00dfung des Verfassungsgerichtes (AYM) und der R\u00fccktritt des Justizministers G\u00fcl (siehe unten) zeigen.</p><p>Es wird auch weiterhin die Handlungsf\u00e4higkeit der oppositionsgef\u00fchrten St\u00e4dte untergraben, um die \u2013 auf erfolgreiche Bereitstellung st\u00e4dtischer Dienstleistungen als materieller Grundlage basierende \u2013 Hegemoniepolitik der Opposition zu torpedieren: Beispielsweise bleiben <a href=\"https://www.birgun.net/haber/metrolari-ibb-ye-devretmeyecekler-358362\">weiterhin</a> zentrale Metrolinien <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/11/rezoning-istanbul-islands-raises-concerns-akp-meddling\">oder</a> <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/11/rezoning-istanbul-islands-raises-concerns-akp-meddling\">Bezirke</a> Istanbuls in der Hand zentralstaatlicher Ministerien oder werden in diese \u00fcberf\u00fchrt; es werden weitere Metroprojekte durch die Stadt oder eine grundlegende \u00c4nderung des maroden Taxi-Systems auf die lange Bank geschoben oder <a href=\"https://www.dw.com/tr/muhalefetin-y%C3%B6netimindeki-projelere-onay-engeli/a-61165248\">zahlreiche andere</a> kommunale Projekte in oppositionsgef\u00fchrten St\u00e4dten durch AKP-MHP oder zentralstaatliche Apparate gebremst oder gestoppt. Gegen mehr als 500 Mitarbeitende der Istanbuler Stadtverwaltung lancierte das Innenministerium zudem eine <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-erdogan-ve-soylu-ya-gonderdigi-mektupta-ne-yazmisti,1003777\">\u201eTerrorismus\u201c-Untersuchung</a>, Bah\u00e7eli <a href=\"https://t24.com.tr/haber/chp-den-bahceli-ye-ibb-yaniti-secimlerde-abdullah-ocalan-in-mektubuna-bel-baglamis-bir-ittifaksiniz-bu-suclamayi-yoneltmek-size-birkac-gomlek-buyuk-gelir,1004578\">k\u00fcndigte daraufhin</a> eine m\u00f6gliche Amtsenthebung des oppositionellen Istanbuler B\u00fcrgermeisters Imamo\u011flu an. Sogar die Schneest\u00fcrme in Istanbul wurden <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/01/istanbul-residents-get-stuck-snow-politicians-throw-blame-each-other\">instrumentalisiert</a> im Hegemoniekampf zwischen Regimekr\u00e4ften und Hauptoppositionparteien, indem sich beide Seiten wechselseitig Unf\u00e4higkeit vorwarfen und jeweils ihre eigenen Leistungen hervorhoben.</p><h4><i>Die neuesten Man\u00f6ver</i></h4><p>Nicht zuletzt sind zwei wichtige Entwicklungen zu nennen, die der Spaltung und Schw\u00e4chung der Opposition dienen: Zum einen die \u00c4nderung des Wahlgesetzes, zum anderen die politische R\u00fcckkehr einer Mitterechts-Hardlinerin der 1990er-Jahre, Tansu \u00c7iller.</p><p>Das Wahlgesetz war zuletzt 2018 grundlegend ge\u00e4ndert worden, um die Bildung von Wahl-Koalitionen zu erlauben. Es bildeten sich die bis heute bestehenden zwei Koalitionen: Das B\u00fcndnis des Volkes (<i>Cumhur \u0130ttifak\u0131</i>) des Regimes und das B\u00fcndnis der N<i>ation (Millet \u0130ttifak\u0131</i>), der b\u00fcrgerliche Hauptoppositionsblock. F\u00fcr Parteien, die Teil einer solchen Wahl-Koalition waren, galt die 10 Prozent-H\u00fcrde nicht; sie galt nur f\u00fcr die Koalition als Ganze. Der Stimmanteil der Koalition war ma\u00dfgeblich f\u00fcr den Anteil der Parlamentssitze, die die Koalition als Ganze erhielt; erst in einem zweiten Schritt wurden diese dann entsprechend des Stimmanteils der Koalitionsparteien unter diesen aufgeteilt wurden. Die Wahlgesetz\u00e4nderung von 2018 war ganz offensichtlich eine Ma\u00dfnahme, um der AKP-Partnerin MHP den Einzug ins Parlament zu garantieren, da damalige Umfragen die MHP unter der 10 Prozent-Wahlh\u00fcrde sahen (am Ende bekam sie allerdings doch 11 Prozent).</p><p>Auch die jetzt im Fr\u00fchjahr 2022 erfolgte <a href=\"https://t24.com.tr/haber/secim-barajini-dusuren-tekliften-ittifak-hamlesi-cikti-yeni-teklif-en-cok-akp-ye-yariyor-muhalefeti-strateji-belirlemeye-zorluyor,1020850\">grundlegende \u00c4nderung des Wahlgesetzes</a> dient <a href=\"https://t24.com.tr/haber/il-ve-ilce-secim-kurullarinin-tamami-ile-ysk-nin-bes-uyesi-sandikta-yargi-guvencesinin-budandigi-tartismasi-esliginde-degisiyor,1021100\">unmittelbar politischen Kalk\u00fclen</a> des Regimes. Zwar wurde die Wahlh\u00fcrde jetzt auf 7 Prozent abgesenkt, um das Ganze als \u201eDemokratisierung\u201c verkaufen zu k\u00f6nnen. Aber einerseits ist wegen der M\u00f6glichkeit der Koalitionsbildung die Wahlh\u00fcrde derzeit de facto nicht mehr wirklich ein Hindernis, da alle relevanten Parteien entweder in Koalitionen organisiert sind oder, wie die linke und pro-kurdische Demokratische Partei der V\u00f6lker (<i>Halklar\u0131n Demokratik Partisi</i>, HDP), auch ohne Koalition \u00fcber die 10 Prozent-Wahlh\u00fcrde kommen. Zum anderen wurde vor allem die Parlamentssitzverteilung grundlegend ge\u00e4ndert. Es entscheidet bei koalierten Parteien zwar immer noch der Stimmenanteil der gesamten Koalition, ob die Wahlh\u00fcrde \u00fcberwunden und prinzipiell der Einzug ins Parlament geschafft wird oder nicht; bei der Sitzverteilung wird allerdings nicht mehr dem Stimmanteil der jeweiligen Koalitionen entsprechend aufgeteilt. Stattdessen wird von Anfang an der Stimmenanteil der einzelnen Parteien in den jeweiligen Wahlbezirken genommen und ausschlie\u00dflich daran die Sitzverteilung der einzelnen Parteien ausgemacht. <a href=\"https://bianet.org/english/politics/259162-turkey-s-election-law-tweak-explained-will-it-save-erdogan-from-losing-majority-in-parliament\">Einer wahlarithmetischen Berechnung zufolge</a> h\u00e4tte eine solche Form der Sitzverteilung bei den Wahlen 2018 zu knapp 36 mehr Sitzen f\u00fcr die Regime-Koalition und 44 weniger Sitzen f\u00fcr die Hauptoppositionskoalition gef\u00fchrt. Jetzt bedroht es zudem vor allem die Kleinstparteien, die mit dem Szenario konfrontiert sind, im Rahmen einer Oppositionskoalition zwar \u00fcber die Wahlh\u00fcrde zu kommen, aber wegen jeweils sehr kleinen Stimmanteilen gar keine Parlamentarier*innen stellen zu k\u00f6nnen \u2013 au\u00dfer sie stellen ihre Kandidat*innen auf den Listen der beiden gro\u00dfen mitte-rechts Hauptoppositionsparteien (die Republikanische Volkspartei CHP und die Gute Partei IYI) auf. Aber auch die IYI h\u00e4tte nach dem jetzt g\u00fcltigen Wahlsystem, so die erw\u00e4hnte Berechnung, trotz mehr als 10 Prozent der g\u00fcltigen Wahlstimmen 2018 keine einzige (!) Parlamentarier*in gestellt.</p><p>Gegen die M\u00f6glichkeit gemeinsamer Listen ist das Kalk\u00fcl von AKP-MHP, dass einerseits der <a href=\"https://www.reuters.com/markets/asia/turkeys-ruling-parties-draft-law-suggesting-vote-more-likely-next-year-2022-03-14/\">Parteienegoismus</a> der Kleinstparteien dieses Vorgehen verhindern k\u00f6nnte. Und \u2013 f\u00fcr den Fall der F\u00e4lle, dass dies nicht passiert \u2013 dass dann die W\u00e4hler*innenklientel der betreffenden Kleinstparteien, die ideologisch-kulturell haupts\u00e4chlich aus dem konservativ-islamischen Spektrum kommt, insbesondere die CHP nicht w\u00e4hlt. Diese wurde und wird im Zuge des Kulturkampfes des politischen Islams als repressiv antiislamisch und verwestlicht d\u00e4monisiert. AKP-MHP bauen also darauf, dass das Machtstreben der einzelnen Parteien sowie die polarisierte Identit\u00e4tsbildung mit dieser Ver\u00e4nderung des Wahlgesetzes zum entscheidenden Nachteil f\u00fcr die Opposition und Vorteil f\u00fcr das Regime wird, auch wenn ein potenzielles Wahlklientel des Regimes von vier bis sieben Prozent aller g\u00fcltigen Stimmen (Summe der Stimmen der Kleinstparteien laut aktuellen Umfragen) von AKP-MHP wegbricht. Eine weitere Alternative f\u00fcr die Opposition w\u00e4re die Bildung einer rechtskonservativen Koalition um IYI und die Kleinstparteien und somit die Bildung einer genuin rechtskonservativen Blockalternative unabh\u00e4ngig von der CHP. Es ist wahrscheinlicher, dass die W\u00e4hler*innen der Kleinstparteien deren Kandidat*innen auf Listen der IYI w\u00e4hlen statt auf Listen der CHP. Die Rechnung des Regimes geht bez\u00fcglich dieser Alternative dahingehend, dass die Aufspaltung des Hauptoppositionsblocks in zwei Koalitionen die Friktionen zwischen den jeweiligen Bl\u00f6cken und Parteien insbesondere entlang der \u201ekurdischen Frage\u201c st\u00e4rkt und ihr einheitliches Vorgehen erschwert. Zudem gibt es, wie erw\u00e4hnt, das Problem, in einer solchen Konstellation \u00fcberhaupt Parlamentarier*innen entsenden zu k\u00f6nnen. Oder aber der Hauptoppositionsblock h\u00e4lt im Rahmen der <i>Millet \u0130ttifak\u0131</i> zusammen und gleichzeitig werden die Kandidat*innen der Kleinstparteien auf den Listen von IYI platziert (aber auch da bleibt das Problem bestehen, ob die IYI \u00fcberhaupt Parlamentarier*innen entsenden kann). <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-61171442\">Wie man es dreht und wendet</a>, macht es diese Wahlgesetzes\u00e4nderung <i>prima facie</i> den Hauptoppositionsparteien die Rechnung schwerer als sie sonst w\u00e4re und das ist auch der haupts\u00e4chliche Grund f\u00fcr die jetzt erfolgte Wahlgesetz\u00e4nderung.</p><p>Zudem spielen vermutlich auch <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkeys-political-realities-clash-erdogans-2023-dreams\">Friktionen zwischen AKP und MHP</a> f\u00fcr die Gesetzes\u00e4nderung eine Rolle: Nicht nur k\u00f6nnen sich so beide Parteien <a href=\"https://halktv.com.tr/makale/bahceli-istifa-ediniz-hsk-uyesi-basustune-650666\">f\u00fcr den eventuellen Niedergang des jeweils anderen</a> die Option offen halten, in Zukunft in anderen Konstellationen weiterhin eine wichtige politische Rolle zu spielen oder bei geschw\u00e4chtem Partner mehr Macht innerhalb des Regimes einzufordern. Die Senkung der Wahlh\u00fcrde auf sieben Prozent ist insofern ein Sieg der MHP, insofern sie bei einer erfolgreichen \u00dcberwindung der H\u00fcrde \u2013 und dies erscheint derzeit als wahrscheinlich, wenn auch knapp \u2013 im Regime-internen Kampf um Macht mehr Gewicht bekommt, da sie es dann erneut ohne Garantie der Koalitionsform ins Parlament geschafft haben wird. Neben den unmittelbaren Machtanspr\u00fcchen der beiden Parteien gab es immer wieder auch inhaltliche Konflikte, vor allem in der sogenannten \u201ekurdischen Frage\u201c und angesichts der (vor allem syrischen) Gefl\u00fcchteten im Land. W\u00e4hrend die MHP eine bedeutend h\u00e4rtere Gangart gegen die Kurd*innen vertritt, versucht die AKP immer wieder, auch die militarisierte Politik oberfl\u00e4chlich mit integrativen Balanceakten zu versehen. Ein Grund daf\u00fcr ist, dass die AKP immer noch Wahlpotenzial unter konservativen Kurd*innen besitzt, w\u00e4hrend die t\u00fcrkistische MHP nie kurdisches Wahlpotenzial besa\u00df. Gegen\u00fcber Gefl\u00fcchteten vertritt die MHP \u2013 wie ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung auch \u2013 eine stark ablehnende Haltung, w\u00e4hrend die AKP (neben der HDP als einzige Partei im Parlament und aus anderen Gr\u00fcnden als die HDP) eine positive Haltung dazu einnimmt.</p><p>Das erneute Auftauchen von Tansu \u00c7iller auf der politischen Arena ist Teil des Versuchs, die mitte-rechts Opposition zu spalten. \u00c7iller ist die wichtigste Pers\u00f6nlichkeit aus der Tradition des rechten Liberalkonservatismus in der T\u00fcrkei, die seit 2018 ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr die AKP ausgesprochen hat. Unter ihrer Ministerpr\u00e4sidentschaft fand die <a href=\"https://www.dw.com/tr/tansu-%C3%A7iller-aktif-siyasete-d%C3%B6n%C3%BCyor/a-61099019\">Ausweitung des extralegalen Kriegsf\u00fchrung</a> (paramilit\u00e4risch, mafi\u00f6s und mittels offizieller staatlicher Sicherheitsapparate) gegen die Kurd*innen in den 1990ern statt. Meral Ak\u015fener, die derzeitige Chefin der IYI und ehemals Innenministerin unter \u00c7iller, ist derzeit die einzige wichtige Pers\u00f6nlichkeit aus dieser Traditionslinie, die sich in der Opposition befindet. Alle anderen \u00f6ffentlich auftretenden wichtigen Pers\u00f6nlichkeiten dieser Tradition sind entweder direkt an der Regierung beteiligt wie der Innenminister Soylu oder unterst\u00fctzen das Regime offen wie der ehemalige Innenminister Mehmet A\u011far (dazu ausf\u00fchrlicher im Artikel \u201eT\u00fcrkisches Inferno\u201c). \u00c7iller hat <a href=\"https://www.sabah.com.tr/gundem/2022/03/09/son-dakika-tansu-cillerden-cok-carpici-cikis-koalisyonlar-darbeden-beterdir\">erst k\u00fcrzlich</a> die Perspektive der R\u00fcckkehr zum parlamentarischen System als \u201eVerrat an der Nation\u201c gebrandmarkt, in der Verteidigung des Pr\u00e4sidialsystems Koalitionsregierungen absurderweise als schlimmer als Milit\u00e4rputsche bezeichnet (absurd auch deshalb, weil ja fast alle Parteien in Koalitionen zur Wahl antreten, inklusive AKP-MHP) und eine R\u00fcckkehr zur Politik angek\u00fcndigt. In welcher Form diese erfolgt, ist noch nicht ganz fix: <a href=\"https://www.birgun.net/haber/tansu-ciller-in-partisinin-ismi-kulislere-sizdi-380168\">Vermutlich</a> wird sie an die Spitze einer wiederbelebten alten Partei treten. Jedenfalls geht es ihr <a href=\"https://halktv.com.tr/makale/cilleri-ve-erdogani-birlestiren-hedef-meral-aksener-668649\">explizit darum</a>, das potenzielle W\u00e4hler*innenpotenzial der IYI abzugraben und wieder f\u00fcr das Regime zu gewinnen.</p><h2><b>Die dezisionistisch-polykratische Struktur</b></h2><p>Ich hatte schon in \u201eT\u00fcrkisches Inferno\u201c analysiert, dass die politische Struktur in der T\u00fcrkei zunehmend dezisionistisch und polykratisch ist. Dezisionistisch, insofern Entscheidungen von potenten Machtakteur*innen Regeln und Gesetze bestimmen, anstatt dass diese im Rahmen konstitutioneller und institutioneller Schranken ausgehandelt werden; polykratisch, insofern sich unter der Spitze der Macht, dem Pr\u00e4sidenten, eine Reihe an ebenfalls dezisionistisch agierenden Machtakteur*innen hervortun, die miteinander um Macht und Einfluss ringen, wobei Erdo\u011fan als Schiedsrichter letzter Instanz \u00fcber dem Kampfplatz thront. Diese Struktur ist eine Herrschaftsform <i>sui generis</i> und sollte als eine solche analysiert, nicht jedoch auf dem normativem Hintergrund eines konstitutionell-liberalen Regimes als defizit\u00e4r abgetan werden. Eruptive und nicht objektiv-institutionell vermittelte Austragungen von Differenzen und Konflikten sind nur unter bestimmten Bedingungen dysfunktional f\u00fcr ein solches System, ansonsten aber Formen der Reproduktion desselben. Sich daher darauf zu verlassen, dass ein solches System <i>per se</i> instabil ist und zum Zusammenbruch neigt, ist eine gef\u00e4hrliche objektivistische Fehleinsch\u00e4tzung.</p><p>Wie zuvor gab Erdo\u011fan in der dezisionistisch-polykratischen Struktur nicht nur durch seine Praxis, sondern auch durch \u00f6ffentliche Ermunterung zu dezisionistischem Handeln den Ton an: \u201eWir sind vorangeschritten indem wir die B\u00fcrokratie Schritt um Schritt zerst\u00f6rt haben. Wenn n\u00f6tig, m\u00fcsst ihr das auch tun\u201c, <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/20-yildir-iktidarda-olan-erdogan-hala-valilerden-kaymakamlardan-yoneticilerden-sikayetci-1916979\">so</a> Erdo\u011fan j\u00fcngst zu AKP-Parlamentarier*innen, die sich \u00fcber Hindernisse in der Verwaltungsb\u00fcrokratie beschwerten. <a href=\"https://halktv.com.tr/ekonomi/nebati-fransiz-yatirimciya-vadetti-burokrasiyi-alasagi-ederiz-cumhurbaskani-668454h\">Ganz \u00e4hnlich</a> t\u00f6nte sein Wirtschafts- und Finanzminister Nebati im M\u00e4rz 2022 zu Investoren: \u201eWenn ihr ein Problem habt, k\u00f6nnt ihr uns sofort kontaktieren. Das Thema, das mir am leidigsten ist: Regularien oder B\u00fcrokratie, die den Investoren Probleme bereiten. Lasst uns gemeinsam k\u00e4mpfen, wir werden die B\u00fcrokratie zertr\u00fcmmern. Seid beruhigt, der Pr\u00e4sident steht hinter uns. Die Regularien ver\u00e4ndern wir auch, im Rahmen des Pr\u00e4sidialsystems schreiten wir schnell voran.\u201c</p><p>Vor allem im Kampf um die Justiz hat es in der dezisionistisch-polykratischen Struktur in den letzten Monaten wichtige Ver\u00e4nderungen gegeben. Wie in den Jahren zuvor pochte auch j\u00fcngst der Vorsitzende des Verfassungsgerichtshofes, Z\u00fcht\u00fc Arslan, auf liberal-konstitutionelle Elemente im Staat, wie beispielsweise auf eine aufkl\u00e4rerische und unter allen Umst\u00e4nden <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anaya-mahkemesi-baskani-arslan-idari-mali-ve-bilimsel-ozerklik-universite-ozerkliginin-ayrilmaz-unsurlaridir,986536\">freie Universit\u00e4t</a>. Dies ist nat\u00fcrlich <a href=\"https://www.brookings.edu/blog/order-from-chaos/2022/01/21/resistance-to-erdogans-encroachment-at-turkeys-top-university-one-year-on/\">angesichts des Kampfes</a> um den von Erdo\u011fan eingesetzten, aber von der gesamten Universit\u00e4t abgelehnten Rektors an der Bo\u011fazi\u00e7i-Universit\u00e4t sehr brisant. Zugleich benannte Arslan, ebenfalls wie schon in den Jahren zuvor, die hohe Anzahl an Verletzungen des Rechts auf faires Gerichtsverfahren als <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anayasa-mahkemesi-baskani-zuhtu-arslan-adil-yargilanma-hakkiyla-ilgili-bir-meselemiz-var,1006985\">gro\u00dfes Problem</a>. Seit der Bef\u00f6rderung des gl\u00fchenden Erdo\u011fan-Anh\u00e4ngers Irfan Fidan zum Verfassungsrichter \u2013 ein ehemaliger Istanbuler Generalstaatsanwalt, der <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/yazarlar/ismail-saymaz/bestepe-hukuk-burosu-6192101/\">sehr offen</a> zu politischen Zwecken und daher mittels eines sehr durchschaubar politischen Verfahrens eingesetzt wurde \u2013, <a href=\"https://gazeteoksijen.com/turkiye/15-bin-200-liralik-cezanin-9-yillik-hazin-oykusu-150857\">kippte das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis</a> innerhalb des AYM aber zunehmend zugunsten des politischen Blocks, der in Grundsatzfragen \u00fcber Menschen- und Freiheitsrechte ablehnend und im Sinne der (Staats-)Sicherheit entscheidet. Es wird gemunkelt, dass Erdo\u011fan Fidan als AYM-Chef haben m\u00f6chte und blo\u00df mehr das Ende der Amtszeit von Arslan abwartet.</p><p>Auch zeichnete sich schon gegen Oktober letzten Jahres ab, dass der Justizminister Abd\u00fclhamit G\u00fcl <a href=\"https://www.turkeyanalyst.org/publications/turkey-analyst-articles/item/680-fading-fa%C3%A7ades-abd%C3%BClhamit-g%C3%BCl-the-rule-of-law-and-the-power-struggles-within-the-erdo%C4%9Fan-regime.html\">im Machtkampf</a> mit dem Innenminister Suleyman Soylu <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/adalet-bakani-abdulhamit-gulun-gorevden-alinacagi-iddia-edildi-1880459\">unterliegt</a>. G\u00fcl wurde vom nationalistisch-autorit\u00e4ren Block im Staat <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/baris-pehlivan/polis-aracinda-esrarla-yakalanan-akpli-1881346\">als Blockade</a> f\u00fcr die beabsichtigte zunehmende Repression sowie ihrer Kaderpolitik angesehen. <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/siyaset/akpde-kavga-buyuyor-abdulhamit-gulden-soyluya-sert-tepki-1883035\">Einer</a> der Streitpunkte der letzten Monate war das von Soylu offen von Ortsvorsteher*innen eingeforderte dezisionistische Handeln, ohne auf Gerichtsprozesse und -entscheidungen zu warten (es ging um das Abrei\u00dfen von angeblich rechtswidrig errichteten Geb\u00e4uden). G\u00fcl betonte hier den Vorrang der Rechtsstaatlichkeit. Ebenfalls <a href=\"https://www.birgun.net/haber/partisinden-bile-destek-alamadi-371064\">stellte sich G\u00fcl gegen</a> die erw\u00e4hnten \u201eTerrorismus\u201c-Untersuchungen von Soylu gegen\u00fcber der Istanbuler Stadtverwaltung und andere rechtswidrige Vorgehensweisen. Ende Januar 2022 wurde letztlich seinem angeblichen \u201eGesuch auf Enthebung von Verantwortung\u201c statt gegeben, das hei\u00dft er wurde seitens Erdo\u011fans von seinem Amt enthoben. Dem war ein Machtverlust des Blocks um G\u00fcl in der Hohen Justiz gegen den nationalistisch-autorit\u00e4ren Block <a href=\"https://t24.com.tr/haber/abdulhamit-gul-ayrildi-adalet-bakanligi-na-bozdag-geldi-gul-soylu-istanbul-grubu-denklemi-bozuldu,1011306\">voraus</a><a href=\"https://t24.com.tr/haber/abdulhamit-gul-ayrildi-adalet-bakanligi-na-bozdag-geldi-gul-soylu-istanbul-grubu-denklemi-bozuldu,1011306\">gegangen</a>. Akteure wie Abd\u00fclhamit G\u00fcl oder Z\u00fcht\u00fc Arslan repr\u00e4sentieren weniger eine b\u00fcrgerlich-demokratische Opposition gegen die dezisionistisch-polykratische Struktur denn eine Nuancierung innerhalb derselben. Sie bef\u00fcrchten einen zu starken Hegemonieverlust, wenn der Dezisionismus au\u00dfer Rand und Band ger\u00e4t und visieren daher eine partielle R\u00fccknahme oder Schw\u00e4chung der allerextremsten Formen des Dezisionismus an. Offensichtlich hat der gem\u00e4\u00dfigte Fl\u00fcgel innerhalb der dezisionistisch-polykratischen Struktur mit der Amtsenthebung von G\u00fcl eine empfindliche Niederlage erlitten. Dem neu eingesetzten Bekir Bozda\u011f, der schon zwei Mal Justizminister in der AKP-\u00c4ra war, gab Erdo\u011fan <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/siyaset/siyaset-kulisi-hareketli-bekir-bozdaga-ilk-talimat-1903947\">angeblich die Anweisung</a>, die unter Abd\u00fclhamit G\u00fcl eingesetzten religi\u00f6sen Kader zu s\u00e4ubern und eine Einheit der Justiz unter F\u00fchrung der Konservativen und Nationalisten, aber auch einiger Sozialdemokraten herzustellen. Letzteres soll vermutlich dem Eindruck entgegenwirken, die Justiz w\u00fcrde von der AKP kontrolliert und dient damit der Beschwichtigung und Integration der b\u00fcrgerlichen Opposition.</p><p>Mit der Amtsenthebung von G\u00fcl verbunden war <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tuik-te-gorev-degisimi-erdal-dincer-gorevden-alindi-yerine-erhan-cetinkaya-atandi,1011302\">auch</a> die Amtsenthebung des Vorsitzenden des Statistikinstituts T\u00dcIK, Sait Erdal Din\u00e7er. Anfang 2022 <a href=\"https://www.diken.com.tr/kulis-erdogan-tuik-baskanina-tepkili/\">wurde bekannt</a>, dass Erdo\u011fan w\u00fctend auf ihn sei, weil das von ihm gef\u00fchrte Institut zu hohe Inflationszahlen ver\u00f6ffentlichte. Erdo\u011fan monierte, das T\u00dcIK hebe in seinen Publikationen nicht klar genug hervor, dass die Inflation \u201ek\u00fcnstlich\u201c und \u201evon au\u00dfen verursacht\u201c sei. Dabei steht das T\u00dcIK seit langem von allen seri\u00f6sen und unabh\u00e4ngigen Beobachter*innen in der Kritik; Grund daf\u00fcr sind laut Kritiker*innen gezielt zu niedrige Zahlen. Der Amtsenthebungsentscheidung waren eine Reihe kleinerer Entscheidungen vorhergegangen, die alle eine politisch motivierte Manipulation mit makro\u00f6konomischen Zahlen beinhalteten: Neben den st\u00e4ndigen Ersetzungen der jeweiligen Finanz- und Wirtschaftsminister sowie Zentralbankgouverneure sickerten zum einen seit geraumer Zeit <a href=\"https://www.diken.com.tr/tuik-yoneticisi-enflasyon-rakaminin-nasil-hazirlandigini-anlatti/\">Informationen</a> durch, wonach sich angeblich einige Mitarbeitende des T\u00dcIK gegen die Zahlenmanipulationen des T\u00dcIK stellten und daf\u00fcr gefeuert wurden. Zum anderen wurde, \u00e4hnlich wie bei den Inflationszahlen vor einigen Jahren, die Berechnung der Auslandsschulden <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/turkeys-external-debt-drops-25-billion-stroke\">kosmetisch gesch\u00f6nt</a>, wobei die betreffenden Eckdaten dennoch schlecht blieben. Aber trotz aller Bem\u00fchungen um eine autorit\u00e4re Konsolidierung bleibt die populare Unterst\u00fctzung f\u00fcr das Regime mangelhaft.</p><h2><b>Restauration oder populare Demokratie?</b></h2><p>Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise und seinen Auswirkungen auf die breite Bev\u00f6lkerungsmasse sowie dem Erfolg der Opposition in den neu gewonnenen Stadtverwaltungen spitzt sich der Hegemoniekampf zwischen Regime und Opposition zu. Der arithmetische <a href=\"https://en.wikipedia.org/wiki/Opinion_polling_for_the_2023_Turkish_parliamentary_election\">Durchschnitt</a> aller Wahlumfragen der letzten Monate zeigt, dass die Wahlstimmung eindeutig zuungunsten der AKP-MHP-Koalition gekippt ist (obzwar weniger verl\u00e4sslich, kippen auch die Umfragen zur anstehenden <a href=\"https://en.wikipedia.org/wiki/Opinion_polling_for_the_2023_Turkish_presidential_election\">Pr\u00e4sidentschaftswahl</a> gegen einen Sieg Erdo\u011fans). Selbst AKP-<a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/mehmet-acet/ak-partinin-son-anketlerinde-vaziyet-neyi-gosteriyor-2059800\">interne</a> bzw. -<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/optimar-anketi-erdogan-acik-ara-onde-galeri-1537428?p=2\">nahe</a> Umfragen zeigen, dass der AKP-MHP-Block, beziehungsweise Erdo\u011fan als Pr\u00e4sidentschaftskandidat, bei den anstehenden Wahlen nur sehr knapp gewinnen k\u00f6nnten. Die Opposition ist daraufhin mutiger geworden: Der Chef der CHP, Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, tritt zwischenzeitlich offensiver auf als gewohnt. Er besuchte mehrere staatliche Institutionen und wichtige Machtakteur*innen wie <a href=\"https://www.bloomberght.com/chp-lideri-kilicdaroglu-tcmb-baskani-ile-gorusecek-2289832\">die Zentralbank</a>, <a href=\"https://www.bloomberght.com/kilicdaroglu-tuike-gidiyor-2293565\">das T\u00dcIK</a>, das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-nun-gelisi-oncesi-meb-in-kapisina-kilit-vuruldu,1004618\">Bildungsministerium</a> (<i>Mill\u00ee E\u011fitim Bakanl\u0131\u011f\u0131</i>, MEB), die staatliche <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-randevu-talebine-yanit-verilmeyen-et-ve-sut-kurumu-genel-mudurlugu-onunde,1026424\">Fleisch- und Milchinstitution</a> (<i>Et ve S\u00fct Kurumu</i>) oder den TOBB, um Rechenschaft oder menschenw\u00fcrdige Preise einzufordern und Hegemoniepolitik zu betreiben. Der <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/11/16/kilicdaroglu-merkez-bankasindan-sonra-tobb-hamlesi/\">Besuch bei TOBB</a> war ein erster ernsthafter Versuch, die historisch AKP-nahen KMUs jetzt auf die Seite der Opposition zu ziehen. Gleichzeitig k\u00fcndigte er zum ersten Mal an, rechtswidrig oder parteiisch vorgehende B\u00fcrokrat*innen bei Machtantritt <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-kim-fakir-fukaranin-hakkini-yerse-karsisinda-olacagim-yaninda-erdogan-dahi-olsa,986276\">zu bestrafen</a>. AKP\u2019ler*innen berichten davon, dass ihnen <a href=\"https://www.diken.com.tr/kulis-kilicdaroglunun-cikisi-sonrasi-burokraside-direnc-basladi/\">seit</a> <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/3240950-kilicdaroglunun-hedefi\">dieser Erkl\u00e4rung</a> mehr Widerstand seitens der B\u00fcrokratie geleistet wird. K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu selbst berichtet davon, dass der Opposition seitdem <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-yolsuzluklarla-ilgili-belge-yagiyor,1010817\">immer mehr interne Unterlagen</a> zu staatlich betriebener Korruption und klientelistischer Ressourcenverschwendung zugeschickt w\u00fcrden. Eine Serie an t\u00fcrkeiweiten Kundgebungen unter dem Titel \u201eStimme der Nation\u201c (<i>Milletin Sesi</i>) wurde, nach einem Auftakt in der s\u00fcdt\u00fcrkischen Hafenstadt Mersin im Dezember 2021, bis auf weiteres verschoben, soll aber nach Ramadan (April-Mai 2022) mit der Forderung nach vorgezogenen Neuwahlen fortgesetzt werden. Auch in sonstiger Hinsicht gibt es Neuerungen: Zum ersten Mal seit Jahren hat die CHP die parlamentarische Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Verl\u00e4ngerung des Mandats f\u00fcr milit\u00e4rische Auslandseins\u00e4tze in Syrien und Irak \u00fcber zwei Jahre <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ankara-da-suriye-irak-tezkeresi-tartismasi-chp-neden-hayir-dedi,988647\">verweigert</a>, weil sie bef\u00fcrchtet, dass es im Vorlauf zu den anstehenden Wahlen (Sommer 2023) zu einem erneuten Kriegsszenario f\u00fcr die innenpolitische Mobilisierung kommen k\u00f6nnte. Zudem haben CHP und teils auch IYI nun \u00f6ffentlich die HDP als <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkeys-opposition-parties-drop-hints-future-cooperation\">legitime kurdische Repr\u00e4sentation</a> im Parlament zur L\u00f6sung der \u201eKurdischen Frage\u201c anerkannt.</p><h4><i>Angepasster Hauptoppositionsblock</i></h4><p>Dennoch: Die Taktik des b\u00fcrgerlichen Hauptoppositionsblockes bleibt seiner Grundausrichtung nach paternalistisch und teilweise angepasst an den Autoritarismus und das autorit\u00e4re Erbe der T\u00fcrkischen Republik. Eine Perspektive, die \u00fcber die Restauration des Neoliberalismus hinausgeht, ist nicht anvisiert.</p><p>Inhaltlich betrachtet werden weiterhin Elemente des t\u00fcrkischen Nationalismus und Chauvinismus bedient: <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/09/turkeys-political-realities-clash-erdogans-2023-dreams\">Hetze</a> gegen syrische Gefl\u00fcchtete und die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-hepimiz-sakin-olmaliyiz-afganlari-demokratik-yollarla-gondermek-zorundayiz,971595\">oft ge\u00e4u\u00dferte Absicht</a>, diese (alle!) \u201emit <a href=\"https://www.dunya.com/gundem/chp-lideri-kilicdaroglu-esad-ile-anlasmamiz-lazim-haberi-631961\">Pauken und Trompeten</a>\u201c oder \u201eauf demokratischen Wegen\u201c in ihre Heimatl\u00e4nder zur\u00fcckzusenden, sollte der Oppositionsblock an die Macht kommen, geh\u00f6ren zum politischen Alltag des b\u00fcrgerlichen Hauptoppositionsblocks. Dies trifft problematischerweise auf sehr hohe Zustimmung (<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/son-secim-anketi-imamoglu-18-yavas-15-puan-fark-atiyor-galeri-1531954\">mehr als 80 Prozent</a> der Bev\u00f6lkerung laut einer Umfrage). Mit dem Chef der faschistoiden MHP, Bah\u00e7eli, streitet K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu dar\u00fcber, wer der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-herkes-turkiye-nereye-dogru-savruluyor-diye-endise-icinde,988519\">echtere Nationalist</a> ist. Auch in der Wirtschaftspolitik wird die Regierung wegen der abh\u00e4ngigen Finanzialisierung der T\u00fcrkei daf\u00fcr kritisiert, \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-genclere-seslendi-sorunlarinizi-cozmeyi-ahdettik-sizleri-universite-bitirdikten-sonra-issiz-birakan-duzeni-tepe-taklak-yikacagiz,995465\">anti-national</a> und anti-autochton\u201c zu sein \u2013 dabei visiert der Hauptoppositionsblock die Restauration des Neoliberalismus und damit eben dieselbe abh\u00e4ngige Finanzialisierung an. Eine St\u00e4rkung von sozialen und Arbeiter*innenrechten inklusive der grundlegenden Revision der repressiven arbeitsrechtlichen und -organistorischen Bestimmungen (bzgl. Gewerkschaften oder des Streikrechts) findet sich bei diesen Parteien so selten wie im oben erw\u00e4hnten Bericht des T\u00dcSIAD. Noch bei einer der banalsten und simpelsten Protestformen, die K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu lancierte, namentlich \u00fcber einige Tage hinweg seine Stromrechnung nicht zu bezahlen in Solidarit\u00e4t mit all jenen, die unter der massiven Erh\u00f6hung des Strompreises litten, machten die anderen mitte-rechten Oppositionsparteien nicht mit, weil sie den Protest <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2022/04/turkish-opposition-leader-loses-electricity-he-protests-high-prices\">angeblich</a> zu \u201elinkspopulistisch\u201c fanden. Ein erst vor eineinhalb Monaten deklariertes Manifest des Hauptoppositionsblocks f\u00fcr die Perspektive eines sogenannten \u201everst\u00e4rkten parlamentarischen Systems\u201c <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/riza-turmen/guclendirilmis-parlamenter-sistem-ve-yeni-turkiye,34622\">bekundet zwar</a> die Absicht der Zerschlagung des dezisionistischen Pr\u00e4sidialsystems, beinhaltet daf\u00fcr aber weder einen Bezug auf soziale Gerechtigkeit, noch auf die Probleme der Kurd*innen oder Alevit*innen, geschweige denn ein zum Neoliberalismus der 2000er-Jahre alternatives \u00f6konomisches Programm.</p><p>Die Anerkennung der \u201eKurdischen Frage\u201c und der HDP bleibt auf sehr problematische Art und Weise inkonsequent (was Mesut Ye\u011fen in seiner <a href=\"https://www.cats-network.eu/publication/erdogan-and-the-turkish-opposition-revisit-the-kurdish-question\">Auflistung</a> der wohlwollenden Bez\u00fcge der Hauptopposition zur HDP nicht hinreichend ber\u00fccksichtigt): Einerseits dient diese \u201eAnerkennung\u201c dazu, Abdullah \u00d6calan und die PKK als Verhandlungspartner*innen grundlegend abzulehnen. \u201eNennt mich nicht K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, wenn ich dieses Nest Kandil [Kandilgebirge im Grenzgebiet T\u00fcrkei-Irak-Iran, mutma\u00dfliches Hauptquartier der PKK; Anm. d. Aut.] nicht dem Erdboden gleich mache\u201c, <a href=\"https://www.haberturk.com/kilicdaroglu-kandil-i-yerle-yeksan-etmezsem-kilicdaroglu-demesinler-3241622\">so K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu</a>. Er <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-ndan-sinir-otesi-operasyon-yapan-tsk-ya-allah-bu-mubarek-ayda-mehmetcigimizin-ayagina-tas-degdirmesin,1028645\">verteidigt</a> daher auch die derzeit laufende gro\u00dfangelegte Milit\u00e4roffensive gegen das Kandilgebirge. Dabei ist es unwahrscheinlich, dass die PKK milit\u00e4risch besiegt werden kann. Zudem genie\u00dfen sie und \u00d6calan eine sehr hohe Zustimmung unter der kurdischen Bev\u00f6lkerung. Auf die Kriegsoption zu setzen \u2013 wie es derzeit ja auch das Regime tut \u2013 wird daher nur den ewigen Krieg blutig fortsetzen und sicherlich nicht zu einem gesellschaftlichen Frieden beitragen. Andererseits ist aber auch die Anerkennung der HDP selbst nur halbherzig: IYI-Chefin Ak\u015fener <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-bugun-turkiye-de-kadin-hayir-dediginde-onun-iradesini-koruyacak-bir-hukuk-yok,990478\">betont</a>, dass sie die HDP an der Seite der PKK sehen und die Nutzung des Worts \u201eKurdistan\u201c auf die \u201eTerrororganisation\u201c (also die PKK) zur\u00fcckgehe (was nat\u00fcrlich Humbug ist). CHP wie IYI unterst\u00fctzten erneut die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/chp-hdp-li-semra-guzel-in-dokunulmazliginin-kaldirilmasina-evet-diyecegiz,1009164\">Aufhebung der Parlamentsimmunit\u00e4t</a> einer HDP-Parlamentarierin wegen angeblicher \u201eTerrorpropaganda\u201c; die Kleinstpartei <i>Gelecek Partisi</i> (Zukunftspartei, GP) verteidigt <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/nagehan-alci/3224883-davutoglu-kimse-galibiyet-ya-da-secim-hezimeti-beklentisi-ile-turkiyenin-onunu-tikamamali\">bis heute aktiv</a> die fr\u00fcher get\u00e4tigten Aufhebungen der Parlamentsimmunit\u00e4ten von HDP-Abgeordneten. Einer eventuellen Schlie\u00dfung der HDP wegen terroristischer Aktivit\u00e4t macht Ak\u015fener die Forderung zur Kondition, dass dann auch der Partei der Prozess gemacht werden m\u00fcsse, die mit ihr den \u201eFriedensprozess\u201c gef\u00fchrt habe \u2013 also die AKP \u2013, anstatt den Verbotsprozess grundlegend abzulehnen. Und <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/murat-sabuncu/tusiad-baskani-merkez-bankasi-nin-attigi-faiz-indirimi-adimlari-ne-gercekten-piyasa-faizlerine-ne-de-ekonomiye-olumlu-yansiyor,33182\">auch</a> der T\u00dcSIAD ist der Meinung, dass T\u00fcrkisch weiterhin Amts- und Schulsprache bleiben, das hei\u00dft, Kurdisch nicht offiziell als gleichwertig zu T\u00fcrkisch gelten solle. Da war sogar der <a href=\"https://tusiad.org/tr/yayinlar/raporlar/item/1797-turkiyede-demokratiklesme-perspektifleri\">T\u00dcSIAD-Demokratiebericht 1997</a> weiter, da er die \u201eKurdische Frage\u201c als solche benannte und auch das Recht auf muttersprachlichen Unterricht anerkannte. Wie sich die Akteur*innen des b\u00fcrgerlichen Hauptoppositionsblocks mit solchen Haltungen vorstellen, die \u201eKurdische Frage\u201c gel\u00f6st zu bekommen, bleibt fraglich. Da ist dann auch die \u201eAnerkennung\u201c der HDP nicht viel wert und mehr oder minder nur ein Feigenblatt f\u00fcr die Fortsetzung des t\u00fcrkischen Nationalismus. Letzterer ist nicht gottgegeben, sondern ver\u00e4nderbar: <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/bekir-agirdir-cozum-surecine-destek-yuzde-40-seviyesinde-hazirlanmamiz-lazim-haber-1561575\">Eine</a> Metastudie des Meinungsforschungsinstituts KONDA <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/istanbulda-kurt-sorunu-tartisildi-kurtler-ayri-devlet-mi-istiyor-haber-1561536\">konnte aufzeigen</a>, dass die Zustimmung zum \u201eFriedensprozess\u201c in der Bev\u00f6lkerung der T\u00fcrkei innerhalb des letzten Jahrzehnts gro\u00dfen Schwankungen unterlag mit zeitweisen Spitzenwerten von bis zu 60 Prozent Zustimmung f\u00fcr denselben. Die AKP war einst mutiger als die heutige Opposition: Sie begann den \u201eFriedensprozess\u201c in einer Zeit, als die Zustimmung zu diesem laut KONDA bei 30 Prozent lag. Sich stattdessen an den historisch und politisch erneut bewusst gef\u00f6rderten t\u00fcrkischen Nationalismus und Chauvinismus anzubiedern wie es die heutige Opposition teilweise tut, ist daher eine bewusste politische Entscheidung und ein bewusstes politisches Kalk\u00fcl, aber keine objektive Notwendigkeit.</p><p>Formal betrachtet wird weiterhin Appeasement ge\u00fcbt an die omin\u00f6se \u201eEinheit des Staates\u201c im Allgemeinen, an das Pr\u00e4sidialsystem im Besonderen:</p><p><a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/dikkat-ceken-gorusme-meral-aksener-chp-genel-merkezine-geldi-1878236\">Absurderweise</a> stellten sich CHP wie IYI <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/ahmet-hakan/dahiyane-bir-formul-41925619\">direkt</a> <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-dunya-59028607\">auf Regierungsseite</a>, als im Herbst letzten Jahres zehn Botschafter*innen die T\u00fcrkei dazu ermahnten, sich bez\u00fcglich des Gerichtsverfahrens gegen den liberalen M\u00e4zen Osman Kavala an die Entscheidungen des Europ\u00e4ischen Gerichtshofes f\u00fcr Menschenrechte (EGMR) zu halten. Dieser forderte n\u00e4mlich eine sofortige Haftentlassung. Dabei hatte doch die T\u00fcrkei aus eigener Entscheidung heraus die Entscheidungen des EGMR als oberstes Gericht vertraglich akzeptiert. Osman Kavala blieb weiterhin aus purer autorit\u00e4rer Willk\u00fcr \u2013 n\u00e4mlich zwecks Abschreckung gro\u00dfb\u00fcrgerlich-liberaler Opposition \u2013 inhaftiert und die eigentlich recht zahnlose Erkl\u00e4rung der Botschafter*innen wurde gezielt zu einem riesigen Theater seitens des Regimes aufgeblasen, um mal wieder chauvinistisch-pseudoantiimperialistisch St\u00e4rke zu demonstrieren. Mittlerweile ist Kavala zu lebensl\u00e4nglicher Haft unter erschwerten Bedingungen verurteilt worden. Gewollt oder ungewollt hat die Opposition mit solchen Verhaltensweisen diesem politischen Urteil zugespielt.</p><p>Dabei eiern die Hauptoppositionsparteien teils immer noch sogar beim ganz banalen Minimalpunkt der Bek\u00e4mpfung des Regimes herum, gemeint ist die Abschaffung des Pr\u00e4sidialsystems. Der Chef der <i>Saadet Partisi</i> (Gl\u00fcckseligkeitspartei, SP), die aus derselben politischen Tradition kommt wie einst die AKP, hielt es unter bestimmten Umst\u00e4nden <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/erdogandan-karamollaogluna-sistem-iyi-bir-tek-501-mahsurlu-haber-1541538\">nicht f\u00fcr absolut ausgeschlossen</a>, dass sie das Pr\u00e4sidialsystem unterst\u00fctzen k\u00f6nnten; GP-Chef Davuto\u011flu <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/nagehan-alci/3224883-davutoglu-kimse-galibiyet-ya-da-secim-hezimeti-beklentisi-ile-turkiyenin-onunu-tikamamali\">bekundet</a>, dass sie sich nat\u00fcrlich mit der AKP an einen Tisch setzen w\u00fcrden, wenn diese \u201eihre Meinung \u00e4ndert\u201c. Derselbe K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, der rechtswidrig/parteiisch agierende B\u00fcrokrat*innen mit Verfolgung bei Macht\u00fcbernahme bedrohte, sprach zugleich davon, dass er sich ganz allgemein und umfassend \u201e<a href=\"https://www.dw.com/tr/k%C4%B1l%C4%B1%C3%A7daro%C4%9Flundan-yeni-helalle%C5%9Fme-a%C3%A7%C4%B1klamas%C4%B1/a-59835688\">auss\u00f6hnen</a>\u201c (<i>helalle\u015fmek</i>) m\u00f6chte. Dass sich diese Auss\u00f6hnung nicht, wie von f\u00fchrenden CHP-Kadern behauptet, ausschlie\u00dflich auf eine Vers\u00f6hnung der polarisierten Massen der Bev\u00f6lkerung ausrichtete, sondern durchaus auch die Entsch\u00e4rfung des popularen Antagonismus zu Staat und Erdo\u011fan beinhaltete, wurde kurz darauf deutlich. Als die CHP ausnahmsweise mal <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-59533531\">eine Massenkundgebung</a> veranstaltete, namentlich in Mersin im Rahmen der <i>Milletin Sesi</i>-Kundgebungen mit zehntausenden Beteiligten, da warnte K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu die k\u00e4mpferische Menge davor, gegen das Statistische Amt zu wettern und einen R\u00fccktritt Erdo\u011fans zu fordern. Er hielt fest, dass jetzt nicht die Zeit des K\u00e4mpfens und des Konflikts sei, sondern die der Einheit und der Vereinigung. Aber wann sonst, wenn nicht in einer autorit\u00e4r-faschistoiden Spirale und einer tiefen Wirtschafts- und Hegemoniekrise w\u00e4re denn die Zeit des K\u00e4mpfens?</p><p>Generell bleibt die Herangehensweise der beiden (mitte-)rechten Hauptoppositionsparteien weiterhin so, dass sie <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-den-erdogan-a-sokaga-dokulme-yaniti-nereden-baksaniz-acayiplik-sacmalik-derhal-bir-psikiyatriste-gorunmesini-tavsiye-ediyorum,1005907\">explizit</a> Mobilisierungen auf die Stra\u00dfen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-ndan-erdogan-a-beyefendi-bizim-sokaga-cikmamizi-istiyor-cikmayacagiz-catisma-alani-yaratmak-istiyorlar-o-tuzaga-dusmeyecegiz,1005896\"><i>ablehnen</i></a>. Hierzu \u00e4u\u00dferte sich CHP-Chef K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-alti-lider-karar-aldik-adayi-birlikte-belirleyecegiz,1026641\">erst k\u00fcrzlich</a> erneut ganz unmissverst\u00e4ndlich: \u201eEffektive Opposition ist das eine, ins Feld gehen etwas anderes. [\u2026] Ich m\u00f6chte nur das eine: unser Volk soll entspannt bleiben, zumindest bis zu den Wahlen. Wir werden sowieso alle schwerwiegenden Probleme l\u00f6sen, sobald wir an der Macht sind. [\u2026] Jetzt, kurz vor den Wahlen, d\u00fcrfen wir uns nicht vom Palast [Erdo\u011fans Pr\u00e4sidentenpalast; A. K.] provozieren lassen.\u201c Es war daher auch eine \u2013 freilich bisher einmalige \u2013 <a href=\"https://artigercek.com/haberler/deva-dan-sokaga-cikin-cagrisi\">\u00dcberraschung</a>, als die Diyarbak\u0131r-Sektion der oppositionellen Kleinstpartei <i>Demokrasi ve At\u0131l\u0131m Partisi</i> (Partei f\u00fcr Demokratie und Fortschritt, DEVA) im Oktober 2021 eine Kundgebung organisierte \u2013 mit dem Verweis, dass nur der Protest auf der Stra\u00dfe etwas bringe, nicht der in den eigenen vier W\u00e4nden.</p><h4><i>Das strategische Kalk\u00fcl hinter der angezogenen Handbremse</i></h4><p>Alle diese Dinge stellen nicht Schw\u00e4chen oder M\u00e4ngel der Hauptopposition dar, sondern ein klar durchdachtes politisches Kalk\u00fcl. Es ist offensichtlich, dass Massenmobilisierungen f\u00fcr die Opposition nur in Frage kommen, wenn sie <i>paternalistisch geg\u00e4ngelt und kontrolliert</i> werden k\u00f6nnen, damit sie den hegemoniepolitischen Rahmen, der vom Hauptoppositionsblock eng abgesteckt wird, nicht verlassen. Der Hauptoppositionsblock <a href=\"https://www.turkeyanalyst.org/publications/turkey-analyst-articles/item/685-conservatism-as-solution-can-the-nation-alliance-solve-turkey%E2%80%99s-problems\">visiert</a> die Restauration des neoliberalen Regimes auf \u00f6konomisch erh\u00f6hter Stufenleiter minus seiner derzeitigen dezisionistischen Struktur an, wobei aber autorit\u00e4re und nationalistische Ideologieelemente sowie eine die Bev\u00f6lkerung nicht als aktives Subjekt anrufende politische Praxis beibehalten werden sollen. Diese sollen deshalb beibehalten werden, damit die Subalternen nicht selbst\u00e4ndig und als aktive, gesellschaftsver\u00e4ndernde Subjekte gegen\u00fcber den Herrschenden auftreten k\u00f6nnen. Wo sich Nationalismus und Autoritarismus etabliert haben, erweisen sie sich neben ihrer repressiven Funktion gegen gegen-hegemoniale Akteur*innen als n\u00fctzliche Formen, <i>subalternen Konsens f\u00fcr ansonsten intern extrem ungleiche und entrechtende Regime</i> herzustellen. Die omin\u00f6se und allseits beschworene Einheit des Staates, die nichts anderes als die Verewigung der G\u00e4ngelung relativ selbst\u00e4ndiger Politik und sozialer K\u00e4mpfe ist, gereicht zwar dem jeweils dominanten politischen Regime am meisten zum Vorteil, da es auch das Terrain b\u00fcrgerlich-oppositioneller Politik enger absteckt. Die Opposition kann aber immer darauf hoffen, selbst eines Tages diese Ressource anzapfen zu k\u00f6nnen. Von selbst auf die hegemonialen Ressourcen von Nationalismus, Autoritarismus und Staatsfetischismus zu verzichten, das mag derzeit offensichtlich niemand im b\u00fcrgerlichen Hauptoppositionsblock der T\u00fcrkei.</p><p>(Links-)Liberale Analytiker*innen sind daher oft <a href=\"https://www.justsecurity.org/79306/might-the-turkish-electorate-be-ready-to-say-goodbye-to-erdogan-after-two-decades-in-power/\">allzu vorschnell</a> in ihrer <a href=\"https://www.politikyol.com/turkiyenin-gelisen-yeni-modeli/\">Begeisterung</a> f\u00fcr das <a href=\"https://pomed.org/opposition-leaders-unveil-plan-to-democratize-turkey/\">Demokratisierungspotenzial</a> des b\u00fcrgerlichen Hauptoppositionsblocks und seiner <a href=\"https://www.foreignaffairs.com/articles/middle-east/2022-01-04/erdogans-end-game\">Erfolgsaussichten</a>. Die <a href=\"https://mavidefter.net/joachim-beckerle-roportaj-macaristan-secimleri-ve-altili-muhalafetin-basarisiz-sinavi/\">k\u00fcrzlich</a> erfolgte vernichtende Niederlage des <a href=\"https://newleftreview.org/sidecar/posts/orban-victorious\">restaurativ-neoliberalen ungarischen Hauptoppositionsblocks</a>, der als Vorbild des Blocks in der T\u00fcrkei diskutiert wurde, h\u00e4tte ein Weckruf sein k\u00f6nnen. Aber CHP-Chef K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu ist der Meinung, dass es <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-alti-lider-karar-aldik-adayi-birlikte-belirleyecegiz,1026641\">keine \u00c4hnlichkeiten</a> mit der Situation in Ungarn g\u00e4be, weil dort die Opposition haupts\u00e4chlich aus linken Parteien best\u00fcnde und die Wirtschaft in einem guten Zustand sei. Was sonst folgt daraus als dass die Hauptoppositionspartei eben auf eine rechte Politik und die Tiefe der Wirtschaftskrise vertraut als Garanten f\u00fcr einen Wahlsieg? Die <a href=\"https://sendika.org/2021/09/direnis-fraksiyonu-630629/\">Beschr\u00e4nkung der Kritik</a> durch den Hauptoppositionsblock in der T\u00fcrkei auf eine \u201eRegierungs-/Verwaltungsunf\u00e4higkeit\u201c des Regimes und das Klientelkapital bei \u00dcbernahme nationalistischer und autorit\u00e4rer Muster dient exakt der Dethematisierung der neoliberal-autorit\u00e4ren Grundlage der derzeitigen Gesellschaftsformation in der T\u00fcrkei. Es bleibt sehr fraglich, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/bekir-agirdir/yeni-ak-parti-olmak-meseleyi-cozer-mi,33003\">ob</a> eine solche Perspektive, die kaum einen positiven Entwurf f\u00fcr die T\u00fcrkei \u2013 au\u00dfer der Behebung der als M\u00e4ngel wahrgenommenen autorit\u00e4ren Z\u00fcge des Pr\u00e4sidialsystems \u2013 beinhaltet, die Menschen tats\u00e4chlich positiv begeistern und damit die Identifikation mit den Regimeparteien zugunsten eines neuen Konsens brechen kann.</p><p>Denn <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/08/16/akpden-kopan-secmen-neden-beklemede/\">a</a>uch wenn die \u201enegative Identit\u00e4tsbildung\u201c bei AKP-MHP-W\u00e4hler*innen abnimmt (also Identifizierung mit AKP und/oder MHP aufgrund der Abgrenzung gegen\u00fcber den Oppositionsparteien), <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-anketi-12-puanlik-akp-ve-mhp-secmeni-kararsiz,1021981\">bleibt</a> der Anteil der unter anderem trotz Abwendung oder Infragestellung von AKP/MHP <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-anketi-kararsizlarin-erdogan-a-oy-verme-egilimi-nasil,1022661\">unsicher oder schwankend</a> verbleibenden W\u00e4hler*innen mit <a href=\"https://tr.euronews.com/2021/10/12/2023-cumhurbaskanl-g-secimleri-son-anketler-ne-diyor\">um die 20 bis 25 Prozent</a> Anteil an allen Wahlberechtigten <a href=\"https://tr.euronews.com/2021/09/21/turkiye-raporu-anketi-ak-parti-nin-oylar-yuzde-30-un-alt-na-geriledi\">hoch</a>. Eine W\u00e4hler*innenbewegung setzt, wenn \u00fcberhaupt, dann zur rechtsnationalistischen IYI ein. Dabei ist die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/orc-arastirma-son-secimde-erdogan-a-oy-verenlerin-yaklasik-yuzde-40-i-erken-secimin-ihtiyac-oldugunu-soyledi,980001\">Unzufriedenheit</a> bei AKP- bzw. Erdo\u011fanw\u00e4hler*innen <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/ekonomi/carpici-ekonomi-arastirmasi-10-kisiden-9unun-gorusu-ayni-1916355\">insbesondere</a> angesichts der vertieften Wirtschaftskrise \u2013 so <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ipsos-arastirmasi-turkiye-de-vatandaslarin-yuzde-82-si-ekonomi-kotu-diyor,1031825\">wie im Rest</a> der Bev\u00f6lkerung <a href=\"https://www.bloomberght.com/her-10-kisiden-dordu-ailesinden-maddi-destek-aldi-2304784\">auch</a> \u2013 vergleichsweise hoch, das Wirtschaftsmanagement wird von (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/mak-arastirma-baskani-herkes-ekonomi-kotu-yonetiliyor-diyor-hukumet-bunu-hic-uzerine-almiyor,1024330\">\u00fcber</a>) <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/metropollden-ekonomi-anketi-ak-parti-ve-mhp-secmeni-iktidar-ekonomiyi-yonetemiyor-galeri-1540308\">80 Prozent</a> als schlecht bewertet. Auch wird weiterhin \u00fcber das <a href=\"https://www.dw.com/tr/konda-y%C3%BCzde-69-adalete-g%C3%BCvenmiyor/a-59436393\">marode Justizsystem</a> und die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-anketi-akp-secmeninin-yuzde-75-i-oy-almak-icin-dinin-siyasette-kullanilmasini-onaylamiyor,984192\">Nutzung der</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-anketi-akp-secmeninin-yuzde-72-si-diyanetin-ve-din-adamlarinin-siyasetle-ugrasmalarini-yanlis-buluyor,984405\">Religion zu politischen Zwecken</a> Unzufriedenheit ge\u00e4u\u00dfert. Eine <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-anketi-secmenlerin-84-5-i-hayat-pahaliliginin-artmaya-devam-edecegini-dusunuyor,990462\">pessimistische Sicht</a> auf die Zukunft, insbesondere <a href=\"https://www.dunya.com/kose-yazisi/iste-devletin-yaptirdigi-en-buyuk-secim-anketi/649485\">unter Jugendlichen</a>, nimmt stark zu. Dennoch ist insbesondere unter AKP-W\u00e4hler*innen weiterhin der Glaube stark, <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/10/will-turkeys-opposition-blow-golden-opportunity-beat-erdogan\">dass es</a> die Opposition <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/mak-anketi-secmenin-yuzde-41-i-oy-verdigi-partiyi-degistirecek-secmenin-yuzde-42-si-erdogan-a-asla-oy-vermem-diyor,13531/3\">nicht besser</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-anketi-halkin-muhalefetin-ekonomik-sorunlari-cozecegine-dair-guveni-gittikce-azaliyor,994774\">k\u00f6</a>nne, beziehungsweise bei einem potenziellen Machtantritt \u201eerneut\u201c <a href=\"https://yetkinreport.com/2022/01/18/sadece-ekonomik-kriz-iktidara-secim-kaybettirir-mi/\">massive Repression</a> betreiben w\u00fcrde (in der Ideologie der AKP ist die Opposition Schuld an der Unterdr\u00fcckung muslimischer Identit\u00e4ten in der Vergangenheit). <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-halkin-yuzde-46-si-muhalefet-liderlerinin-28-subat-ta-duzenledigi-toplantidan-habersiz,1024225\">Fast die H\u00e4lfte</a> der Bev\u00f6lkerung wei\u00df gar nicht, dass sich die b\u00fcrgerlichen Oppositionsparteien auf einer gemeinsamen Konferenz zum Beschluss einer gemeinsamen politischen Strategie getroffen haben. Die teils auf Polarisierung, Chauvinismus, Angst und Panikmache basierende und von der AKP und Erdo\u011fan aktiv hergestellte Identit\u00e4t unter ihren W\u00e4hler*innen h\u00e4lt, zumindest angesichts der Tiefe der Wirtschafts- und allgemeinen Hegemoniekrise, weiterhin <a href=\"https://yetkinreport.com/en/2021/10/26/how-do-the-low-income-akp-voters-get-poorer-but-not-flee/\">erstaunlich gut</a>. Sie ist daher weiterhin ein Beleg f\u00fcr die relative Autonomie des Politischen und der dem Politischen immanenten Vergegenst\u00e4ndlichungen (Identit\u00e4ten, Polarisierungen, Subjektivierungsformen etc.). Nur das Erk\u00e4mpfen realer Handlungsmacht auf Grundlage einer positiven, inklusiven Perspektive und einer alternativen politischen \u00d6konomie f\u00fcr die Zukunft der T\u00fcrkei kann jene Identit\u00e4t vollumf\u00e4nglich aufbrechen und sie grundlegend durch neue ersetzen.</p><h4><i>Sanfter \u00dcbergang oder radikaler Bruch?</i></h4><p>Aber angenommen, die an das Bestehende angepassten Taktiken des Hauptoppositionsblocks w\u00fcrden aufgehen und die Wahlen von diesem Block gewonnen werden: Mit der geplanten Restauration des Neoliberalismus und der Fortsetzung autorit\u00e4rer und chauvinistischer Elemente, ja vielleicht sogar mit einer nur halbgaren Abrechnung mit dem alten System werden all die hinreichenden Bedingungen der M\u00f6glichkeit eines erneuten autorit\u00e4ren <i>backlashs</i> reproduziert.</p><p>Es ist ein bekannter oppositioneller Akademiker, der ohne Scham offen ausspricht und einfordert, was unausgesprochen als reale M\u00f6glichkeit im derzeitigen Vorgehen des b\u00fcrgerlichen Hauptoppositionsblocks mitschwingt: Namentlich bei einem (Wahl-)Sieg \u00fcber Erdo\u011fan diesem und seiner Familie <a href=\"https://www.foreignaffairs.com/articles/middle-east/2022-01-04/erdogans-end-game\">Amnestie zu gew\u00e4hren</a>, um einen \u201esanften \u00dcbergang\u201c zu gew\u00e4hrleisten. Ein paar Linke seien bestimmt gegen diese besonders gewiefte Taktik, aber sie sei schon die wirklich vern\u00fcnftige. Das Milit\u00e4r k\u00f6nne ja diesen \u00dcbergang \u00fcberwachen. Die ungeheuerlichen Folgen, die eine solche Absegnung autorit\u00e4rer Willk\u00fcrherrschaft und des Klientelismus durch eine siegreiche Opposition dazu noch unter erneuter G\u00e4ngelung des Milit\u00e4rs mit sich bringen w\u00fcrde, ist jenem Akademiker augenscheinlich nicht einen Gedanken wert. Man fragt sich: Ist es denn keine Lektion gewesen, dass die Straflosigkeit der Akteur*innen des \u201eTiefen Staates\u201c der 1990er jetzt dazu f\u00fchrt, dass derselbe brutalisierte Chauvinismus wieder um sich greift und zentrale Akteur*innen jenes \u201eTiefen Staates\u201c \u2013 Sedat Peker, Mehmet A\u011far, S\u00fcleyman Soylu, Tansu \u00c7iller und andere \u2013 heute wieder fr\u00f6hliche Urst\u00e4nde feiern? Ganz zu schweigen davon, was die Jahrzehnte der Dominanz des Milit\u00e4rapparats innerhalb des Staates an Schaden angerichtet hat. M\u00fcsste man nicht gerade als Liberaler weit \u00fcber das Pr\u00e4sidialsystem Erdo\u011fans hinaus die konsequenteste und umfassendste Abrechnung mit dem nicht-liberalen Erbe der T\u00fcrkei fordern, \u201eGerichtstag halten \u00fcber uns selbst, Gerichtstag \u00fcber die gef\u00e4hrlichen Faktoren in unserer Geschichte, nicht zuletzt \u00fcber alles, was hier inhuman war\u201c (Fritz Bauer in Anlehnung an Henrik Ibsen), damit sich das Inhumane nie wieder wiederhole? Aber hier scheinen eben die Grenzen dieses angepassten Liberalismus auf.</p><p>In der T\u00fcrkei gibt es indes genug K\u00e4mpfe und soziale Dynamiken, die das Potenzial haben, weit \u00fcber die Dialektik zwischen autorit\u00e4rer Konsolidierung und neoliberaler Restauration hinauszuweisen. Gerade der Zerm\u00fcrbung, Atomisierung und Zerschlagung dieses Potenzials dienen solche Entwicklungen wie die drakonischen Strafen im Zuge des Gezi-Prozesses. Eben deshalb ist die Massenmobilisierung und der aktive politische Kampf wichtig, um der Zerm\u00fcrbung und der Demoralisierung Einhalt zu gebieten. Denn das Potenzial jener sozialen Dynamiken und K\u00e4mpfe kann sich, auf Grundlage gemeinsamer Handlungsmacht und zu erk\u00e4mpfenden Errungenschaften, durchaus mit den progressiven und demokratischen Elementen/Tendenzen in der AKP-MHP-W\u00e4hler*innenbasis verbinden und deren widerspr\u00fcchliches Alltagsbewusstsein klarer von seinen reaktion\u00e4ren und chauvinistischen Elementen befreien. Damit k\u00f6nnen die Grundlagen f\u00fcr eine popular-demokratische Perspektive geschaffen werden. Das wird aber nicht klappen, wenn man sich opportunistisch oder gar aus \u00dcberzeugung an die r\u00fcckst\u00e4ndigsten und reaktion\u00e4rsten Tendenzen innerhalb der Bev\u00f6lkerung anpasst, statt in erster Linie das schon vorhandene und sich in jahrelangen K\u00e4mpfen bildende Oppositions- und Demokratisierungspotenzial zu sch\u00fctzen und aufzubauen. Daf\u00fcr und f\u00fcr eine Ausstrahlung jenes Potenzials auch auf die Regimebasis bedarf es einer starken, koordiniert k\u00e4mpfenden revolution\u00e4ren Linken im B\u00fcndnis mit der kurdischen Bewegung. Die St\u00e4rkung dieses B\u00fcndnisses und seiner Beteiligten ist die einzige Garantie f\u00fcr die Demokratisierung der T\u00fcrkei. Alles andere beherbergt die Gefahr der Fortsetzung oder Wiederholung der Trag\u00f6die.</p><hr/><h2><b>Anmerkungen:</b></h2><p><b>[1]</b> Ich danke Axel Gehring und Johanna Br\u00f6se f\u00fcr viele, viele R\u00fcckmeldungen, Korrekturvorschl\u00e4ge und Kritiken.</p><p><b>[2]</b> Im \u00fcbrigen zeigen die klassisch neoliberal-populistischen \u201eGegenma\u00dfnahmen\u201c der Regierung gegen die Auswirkungen der Inflation, dass die Regierung gegen alle ideologische Hybris sowie \u201eTerrorismus\u201c-Gedr\u00f6hn angesichts sozialer Proteste sehr wohl wei\u00df, wie dr\u00e4ngend die sozialen und \u00f6konomischen Probleme, die ja erst zu jenen Protesten f\u00fchren, f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung geworden sind. Die Ma\u00dfnahmen sind klassisch neoliberal-populistisch, weil sie nur sehr milde Elemente von Fiskalpolitik zwecks \u00fcberschaubarer Umverteilung beinhalten, die zudem die Kapitalseite nicht ber\u00fchren, anstatt auf kollektive Rechte oder gar Ver\u00e4nderungen in der Arbeitswelt zu setzen oder die Menschen selbst als aktive, gestaltende Subjekte anzurufen.</p><p><b>[3]</b> Laut geltendem Gesetz darf ein Pr\u00e4sidentschaftskandidat nur zwei mal das Pr\u00e4sidentschaftsamt innehaben, au\u00dfer er selbst l\u00f6st das Parlament w\u00e4hrend einer seiner Amtszeiten auf und forciert vorgezogene Neuwahlen des Parlaments, wobei dann parallel dazu auch der Pr\u00e4sident neu gew\u00e4hlt wird. Erdo\u011fan wurde 2014 zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt und 2018 nochmal, aber zwischen beiden Wahlen fand die das Pr\u00e4sidialsystem einf\u00fchrende Verfassungs\u00e4nderung statt. Daher wurde Erdo\u011fan laut seinen Verteidiger*innen bisher nur ein mal gew\u00e4hlt nach derjenigen Verfassung, die die Auflage der zwei Amtsperioden beinhaltet, und kann daher noch einmal antreten. Die Kritiker*innen hingegen sind der Meinung, dass die Verfassungs\u00e4nderung nichts am Tatbestand \u00e4ndert, dass Erdo\u011fan schon zwei mal Pr\u00e4sident war/ist und daher nicht erneut zur Wahl antreten kann.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Erdo\u011fan und das Regime tun dabei alles, um den Prozess der autorit\u00e4ren Konsolidierung zu stabilisieren. Aber die Hegemonie br\u00f6ckelt. Eine Analyse der Hegemoniek\u00e4mpfe in der T\u00fcrkei von Alp Kayserilio\u011flu."}, {"title": "T\u00fcrkisches Inferno", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>T\u00fcrkisches Inferno</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"peker 8-fire.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/peker_8-fire.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">re:volt magazine</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Zitate am Anfang\" height=\"600\" src=\"/media/images/leere_frohliche_fahrt-2.original.jpg\" width=\"900\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h4><i>K\u0131ymetli karde\u015flerim, k\u0131ymetli dostlar\u0131m; tekrardan burday\u0131z. S\u00f6z verdi\u011fimiz \u00fczere, her zaman dedi\u011fimiz gibi, s\u00f6z namus</i>.</h4><p>\u201eVerehrte Br\u00fcder, gesch\u00e4tzte Freunde; hier sind wir wieder. Wie wir versprochen haben, wie wir immer gesagt haben: Die Treue zum Wort ist Ehre.\u201c Mit diesen oder \u00e4hnlichen Worten und erhobener rechter Hand mit Faustring auf der Handinnenfl\u00e4che leitete der verurteilte ultranationalistische Mafiapate und Sto\u00dftruppler des tiefen Staates in der T\u00fcrkei, Sedat Peker, fast alle seine seit Mai diesen Jahres aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) aufgenommenen und per Youtube in alle Welt verbreiteten <a href=\"https://www.youtube.com/user/pekersedsat\">Videos</a> ein. Nicht nur enth\u00fcllte Peker darin viele angeblich neue Details aus dem ekelerregenden, stinkenden Morast von Staat, Gl\u00fccksrittern, selbstverliebten und tiefkorrupten Pseudo-Journalisten, Auftragsm\u00f6rdern und der staatlich organisierten Menschenverachtung, die landl\u00e4ufig als Tiefer Staat bezeichnet wird. Nein, m\u00f6glich war der nur auf den ersten Blick individuelle Rachefeldzug Pekers einzig aufgrund der Versumpfung des Staates insgesamt, das hei\u00dft, der in alle Richtungen ausufernden wechselseitigen Verflechtung von Dezisionismus, Faschisierung und Polykratie im Politischen und des Klientelkapitalismus im \u00d6konomischen (auf diese Begriffe werde ich sp\u00e4ter noch ausf\u00fchrlicher Bezug nehmen). Peker und seine \u201eEnth\u00fcllungen\u201c sind selbst nur platzende Blasen auf der Oberfl\u00e4che dieses Sumpfes, der die gesamte T\u00fcrkei zu ersticken droht. So weit schritt die im Sinne der Regimeerhaltung betriebene Zerst\u00f6rung des sowieso schon recht \u00fcberschaubaren Mindestma\u00dfes an b\u00fcrgerlichem Konstitutionalismus in der T\u00fcrkei und seine Ersetzung durch den Sumpf voran, dass eine Kamera, ein Tripod und ein Faschist-jetzt-M\u00f6chtegern-Volksheld ausreichten, den Machtblock und das ganze Land <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57412909\">erneut in Aufruhr</a> zu versetzen. Beachtlich auch die enorme relative Autonomie dieses Sumpfes, der sich ja \u2013 wie oft vergessen wird \u2013 \u00fcber dem \u201eNormalbetrieb\u201c des neoliberalen Kapitalismus in der T\u00fcrkei erhebt und diesen \u2013 je nach Situation \u2013 so sehr bedroht, wie er ihn aufrechterh\u00e4lt.</p><p>Derzeit befindet sich die T\u00fcrkei in einer sich immer weiter versch\u00e4rfenden Spirale an Instabilit\u00e4t, \u00f6konomischen Verwerfungen, sozialer Depravation, Legitimationskrise, Gewalt, Militarismus und, seit j\u00fcngst, den vermutlich verheerendsten Waldbr\u00e4nden der Republiksgeschichte. Mitten in diesem Inferno t\u00f6nen die Stimmen der wichtigen Akteure des Regimes immer schriller: Wir waren die meisterhaftesten in der Pandemiebek\u00e4mpfung, unsere Wirtschaft ist am besten durch die Corona-Krise gekommen, es gibt keine Verarmung der Menschen, wir haben unendliche Gasvorkommen entdeckt, die T\u00fcrkei wird zum <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-amacimiz-ulkemizi-dorduncu-sanayi-devrimi-urun-ve-teknolojilerinin-ussu-haline-getirmek,919807\">Zentrum</a> der Vierten Industriellen Revolution, wir werden es <a href=\"https://www.yenisafak.com/en/columns/ibrahimkaragul/a-storm-will-strike-after-the-pandemic-turkey-will-further-shock-the-world-in-2021-2047718\">der ganzen Welt</a> zeigen, wir werden auf den Mond steigen, es gibt kaum irgendwo eine so gute Brandbek\u00e4mpfung wie in unserem Land und so weiter und so fort. Es ist eine Grundlehre der Psychoanalyse, dass die Rationalisierung einer bedr\u00fcckenden Situation, eines Traumas, umso \u00fcberbordender, schriller, zwanghafter wird, umso schwieriger die Aufrechterhaltung jener Rationalisierung angesichts der Realit\u00e4t ist.</p><h4><i>Dies ist die kafkaeske \u201eleere fr\u00f6hliche Fahrt\u201c des Regimes, das sich um nichts anderes mehr wirklich schert als um sich selbst \u2013 und dessen Akteuren im Ringen miteinander und mit der Hegemoniekrise die Kontrolle des Fahrwerks immer mehr entgleitet.</i></h4><p>Es gibt aber auch mehr als genug Potenzial in der T\u00fcrkei, um die wilde Fahrt aufzuhalten, bevor das gesamte Land mit der Kutsche in den Abgrund st\u00fcrzt. Das allerdings h\u00e4ngt davon ab, ob sich die politischen Akteure einfinden, jenes Potenzial auch zu entfesseln.<b> [1]</b></p><h2><b>Die Coronakrise in der T\u00fcrkei, oder: Stell Dir vor, Du l\u00fcgst auf Weltma\u00dfstab, und niemanden interessiert es</b></h2><p>Was sich schon im fr\u00fchen Herbst letzten Jahres abzeichnete, wurde im November dann ganz offiziell best\u00e4tigt: Die t\u00fcrkische Regierung hatte in Bezug auf die Coronakrise die vermutlich gr\u00f6\u00dfte bewusste und aktiv vorangetriebene Zahlenmanipulation weltweit betrieben. Der eigentliche Skandal daran ist allerdings, dass es kein Skandal wurde.</p><p>Man muss sich das vergegenw\u00e4rtigen: \u00dcber Monate hinweg zweifelten alle noch nicht vollst\u00e4ndig regimetreuen Institutionen in der T\u00fcrkei, allen voran die <a href=\"https://www.rosalux.de/news/id/43363/trotz-repression-den-menschen-mit-einem-laecheln-dienen\">wahrhaft heroisch</a> um Aufkl\u00e4rung und Volkswohl k\u00e4mpfende \u00c4rztekammer (<i>T\u00fcrk Tabipler Birli\u011fi</i>, TTB), die vom Gesundheitsminister durchgegebenen Zahlen zu Neuinfektionen und Todesf\u00e4llen in Bezug zu Covid an. Dabei waren schon diese <a href=\"https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(21)01098-9/fulltext\">schlimm genug</a>. Aber durch Hochrechnung von beispielsweise durch die TTB selbst kompilierten Daten konnte gesch\u00e4tzt werden, dass sich Anfang November 2020 die Zahl der Neuinfektionen zwischen <a href=\"https://www.ttb.org.tr/kollar/COVID19/haber_goster.php?Guid=19431d58-241d-11eb-a1e1-3f428dfd4b81\">20.000</a> und <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/ttb-her-10-dakikada-1-kisi-covid-19dan-oluyor-haber-1505071\">50.000</a> Personen t\u00e4glich bewegte \u2013 um ein vielfaches h\u00f6her als offiziell vom Gesundheitsministerium durchgegeben. F\u00fcr die durchgehend kritische und aufkl\u00e4rerische Haltung des TTB gegen\u00fcber den Regierungsma\u00dfnahmen wurde dieselbe \u00fcbrigens vom \u201ekleinen Partner\u201c der regierenden Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Aufschwung (<i>Adalet ve Kalk\u0131nma Partisi</i>, AKP), dem Chef der nationalistisch-faschistoiden Partei der Nationalistischen Bewegung (<i>Milliyet\u00e7i Hareket Partisi</i>, MHP) Devlet Bah\u00e7eli des Vaterlandverrates bezichtigt und mit Schlie\u00dfung und juristischer Verfolgung bedroht. Aber dann kam eins nach dem anderen: Zuerst gab der Gesundheitsminister zu, dass die vom Ministerium gemeldeten Neuinfektionen nur diejenigen beinhalteten, die gleich mehrere (!) Symptome aufwiesen \u2013 sprich, eine Minderheit der Corona-Infektionsf\u00e4lle. Kurze Zeit sp\u00e4ter sah sich der Gesundheitsminister von Erdo\u011fans Gnadentum dazu bem\u00fc\u00dfigt, auch \u201ealle anderen\u201c F\u00e4lle zu erw\u00e4hnen, sprich die wahren \u2013 oder zumindest der Wahrheit n\u00e4heren \u2013 Zahlen rauszur\u00fccken. Am 25. November 2020, von einem Tag auf den anderen, gingen daher die Neuinfektionen von grob 5.000 pro Tag auf <a href=\"https://www.bloomberght.com/bakan-koca-bugunku-vaka-sayisi-28-bin-351-vefat-sayisi-168-2269394\">fast 29.000 Neuinfektionen</a> pro Tag hinauf (was im \u00dcbrigen die Reputation und Professionalit\u00e4t der \u00c4rztekammer bewies, die durch unendlich m\u00fchevolle Kleinstarbeit und unter gro\u00dfem politischen Druck sehr nahe an diese Wahrheit rankam). Anfang Dezember \u201ekorrigierte\u201c der Gesundheitsminister dann dementsprechend auch die Gesamtinfektionszahlen nach oben: Waren im November 2020 vor der Bekanntgabe der nachjustierten Zahlen <a href=\"https://www.dw.com/de/streit-%C3%BCber-corona-zahlen-in-der-t%C3%BCrkei/a-55725636\">noch etwas weniger</a> als 30.000 in der T\u00fcrkei lebende Menschen offiziell als infiziert gemeldet, so lag die Zahl am 10. Dezember <a href=\"https://t24.com.tr/haber/saglik-bakani-koca-turkiye-de-toplam-koronavirus-vaka-sayisi-ni-acikladi-1-milyon-748-bin-567,919914\">ganz pl\u00f6tzlich</a> bei fast 1,75 Millionen Personen. Schaut man sich im Corona-Dashboard der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die <a href=\"https://covid19.who.int/region/euro/country/tr\">T\u00fcrkeiseite</a> an, erkennt man sofort die K\u00fcnstlichkeit der Daten, insbesondere die Spr\u00fcnge bei den Neuinfektionen Ende Juli und Ende November 2020. Laut der Investigativplattform<i> Total Analysis</i> befindet sich die T\u00fcrkei auf <a href=\"https://www.totalanalysis.com/Covid19/TAAlerts/179\">Platz 97</a> von 100 der auf Transparenz der Corona-Daten untersuchten L\u00e4nder. \u201eAber was sind denn schon eine Million mehr oder weniger Infektionsf\u00e4lle angesichts der schieren Unendlichkeit des Weltraums?\u201c, ist wohl die Logik, die hinter dieser nonchalanten Herangehensweise steht.</p><p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit den Angaben zu Verstorbenen w\u00e4hrend und wegen der Corona-Pandemie. Zwar hat das Statistische Institut der T\u00fcrkei (<i>T\u00fcrkiye \u0130statistik Kurumu</i>, T\u00dcIK) die t\u00fcrkeiweiten Todeszahlen und -ursachen f\u00fcr das Jahr 2020 immer noch nicht ver\u00f6ffentlicht, ja sogar die Ver\u00f6ffentlichung der Daten <a href=\"https://www.tuik.gov.tr/media/announcements/olum2020_en.pdf\">explizit ohne genaue Terminangabe</a> im Juni 2021 exakt einen Tag vor dem regul\u00e4ren Ver\u00f6ffentlichungstermin verschoben. Aber unabh\u00e4ngige Forscher und Zeitungen konnten aussagekr\u00e4ftige Berechnungen zur Exzessmortalit\u00e4t vorlegen (das hei\u00dft Anzahl oder Rate der Todesf\u00e4lle, die \u00fcber dem Durchschnitt der Todesf\u00e4lle eines Vergleichszeitraumes liegt). Die <a href=\"https://www.nytimes.com/interactive/2020/04/21/world/coronavirus-missing-deaths.html\"><i>New York Times</i></a> wie auch der Epidemiologe Mesut Erzurumo\u011flu kommen zum Beispiel zu \u00e4hnlichen Ergebnissen bez\u00fcglich der Mortalit\u00e4t in Istanbul: Beide gehen f\u00fcr die Millionenstadt von einer Exzessmortalit\u00e4t im Jahre 2020 (im Vergleich zum j\u00e4hrlichen Durchschnitt der Jahre 2015-19) von <a href=\"https://twitter.com/mesuturkiye/status/1381918089831407617\">25%</a> oder etwa 18.000 zus\u00e4tzlichen Toten aus \u2013 <a href=\"https://mesuturkey.wordpress.com/2021/01/03/excess-mortality-in-2020s-turkey/\">fast so vielen</a>, wie offiziell t\u00fcrkeiweit als Corona-Tote des Jahres gemeldet waren. Der Medieninformatiker G\u00fc\u00e7l\u00fc Yaman extrapoliert regelm\u00e4\u00dfig aus den Mortalit\u00e4tsdaten von St\u00e4dten in der T\u00fcrkei, in denen etwa die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung lebt beziehungsweise in denen etwa die H\u00e4lfte aller Todesf\u00e4lle der T\u00fcrkei stattfanden, (Exzess-)Mortalit\u00e4tszahlen und -raten f\u00fcr die gesamte T\u00fcrkei. F\u00fcr den Zeitraum vom 11. M\u00e4rz bis zum 10. November 2020 <a href=\"https://gucluyaman.com/tr/excess-deaths-in-turkey/\">errechnete er so</a> eine Exzessmortalit\u00e4t von 23% oder etwa 30.000 Exzess-Tote (im Vergleich zu den Jahren 2015-19) f\u00fcr das gesamte Land, was in etwa der doppelten Zahl der offiziellen Corona-Toten f\u00fcr den genannten Zeitraum im gesamten Land entspricht. Obzwar es nicht gesichertes Wissen ist, liegt es doch nahe, anzunehmen, dass die gesamte Exzessmortalit\u00e4t als die \u201eechte\u201c Zahl der Corona-Toten zu betrachten ist, zumal Todesf\u00e4lle durch eine Reihe anderer Gr\u00fcnde (Unf\u00e4lle, andere Infektionskrankheiten, usw.) durch die Pandemiebek\u00e4mpfungsma\u00dfnahmen \u00fcblicherweise zur\u00fcckgingen. Dass die Zahl der \u201ewirklichen\u201c Corona-Toten im weltweiten Durchschnitt <a href=\"https://www.bmj.com/content/373/bmj.n1188\">etwa doppelt so hoch</a> ist wie die offiziell gemeldeten Zahlen, wird mittlerweile als wahrscheinlich angesehen. Schaut man sich jedoch Yamans <a href=\"https://gucluyaman.com/tr/excess-deaths/excess-deaths-in-turkey-update-01-06-2021/\">neuere Berechnungen</a> an, die bis in den Juni 2021 hinein reichen, ergeben sich 146.000 Exzesstote im Verh\u00e4ltnis zu 48.000 offiziell gemeldeten Covid-Toten, also ein Verh\u00e4ltnis von etwas mehr als 3:1. Das liegt haupts\u00e4chlich daran, dass in einigen Dezemberwochen, in denen die Pandemie in der T\u00fcrkei bisher am schlimmsten w\u00fctete, Exzessmortalit\u00e4tsraten von laut Yaman unglaublichen 122% erzielt wurden.</p><h4><i>Social statistics are frozen tears \u2013 einer der ersten S\u00e4tze, die man im Studium der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte lernt. Statistiken zu manipulieren und nach Gutd\u00fcnken zu verdrehen, um das von Herrschaft geschaffene oder gef\u00f6rderte Leid der Menschen sch\u00f6nzureden, geh\u00f6rt hingegen zum Alltagsgesch\u00e4ft b\u00fcrgerlicher Politik im Kapitalismus.</i></h4><p>Nur ist es so, dass es mancherorts besonders schamlos, besonders menschenverachtend, besonders gleichg\u00fcltig gegen Wohl und Leid der Bev\u00f6lkerung betrieben wird. Die Zahlen zu Corona-Infektionen in der T\u00fcrkei sind indes nicht die einzigen wichtigen Zahlen, die \u201enach oben\u201c korrigiert wurden im Zeitraum, den diese Analyse abdeckt. Auch die Arbeitslosigkeitszahlen wurden, wie ich noch zeigen werde, nach oben korrigiert. Umgekehrt wurde, was die Inflationszahlen angeht, weiterhin staatlicherseits versucht per Repression realit\u00e4tsgerechtere Repr\u00e4sentationen zu unterbinden.</p><p>Der derzeitige Gesundheitsminister der T\u00fcrkei, Fahrettin Koca, ist indes nur ein \u2013 nat\u00fcrlich nicht unwichtiges und zur Verantwortung zu ziehendes, aber dennoch \u201enur\u201c ein \u2013 Rad im Getriebe einer (Pandemie-)Politik, deren einziges Anliegen politischer Machterhalt inklusive Fortsetzung kapitalistischer Profitakkumulation und so weit m\u00f6glich die Reproduktion der Minimalbedingungen einer sozialen Restlegitimit\u00e4t f\u00fcr jenen Machterhalt ist. Nicht mehr, nicht weniger. Und dass die Opposition in der T\u00fcrkischen Republik wie aber auch die gro\u00dfen, sch\u00f6nen, Werte-und-Normen geleiteten europ\u00e4ischen und transatlantischen Hauptverb\u00fcndeten der T\u00fcrkei die Corona-bezogene Zahlenmanipulation und die darin zum Ausdruck kommende, gezielt gegen menschliches Leid indifferente Pandemiepolitik kaum (Opposition) oder gar nicht (Europa und Co) skandalisierten, zeigt erneut in aller Deutlichkeit, dass b\u00fcrgerlicher \u201eAnti-Autoritarismus\u201c entsprechend der von ihm verfolgten Interessen recht bescheiden ist, wenn es um Wohlstand, Gesundheit und Lebensfreude der \u00fcbergro\u00dfen Mehrheit der Bev\u00f6lkerung geht. Au\u00dfer nat\u00fcrlich, es geht um Belarus, Russland oder China, also um geopolitische Antagonisten des euro-transatlantischen Kapitalismus. Da spielen dann jene Werte und Normen pl\u00f6tzlich eine ganz gro\u00dfe Rolle. Auch diese Bescheidenheit wird uns den restlichen Artikel \u00fcber als Konstante begleiten.</p><h2><b>Der Pandemie ausgeliefert</b></h2><p>Ich bin mir nicht sicher, ob man sagen kann, dass der Hochmut der Regierenden in den letzten Monaten in der T\u00fcrkei zugenommen hat. Ich meine jene Art von ma\u00dflosem selbstverherrlichendem Hochmut, der alle sogar vom Regime selbst gesetzten Regeln und Gesetze mit F\u00fc\u00dfen tritt und sich eines Besseren d\u00fcnkt, dies auch noch jeder und jedem ganz ohne Scham und \u00f6ffentlich unter die Nase reibt und damit das ganze Land verh\u00f6hnt, das unter Pandemie und Wirtschaftskrise \u00e4chzt und kr\u00e4chzt. Dieser Hochmut und die sich darin ausdr\u00fcckende schreiende Ungerechtigkeit sind aber jedenfalls viel sichtbarer und greifbarer geworden, da sie in mittlerweile krassester Diskrepanz zur Lebensrealit\u00e4t des Gro\u00dfteils der Menschen in der T\u00fcrkei inmitten der Pandemie stehen.</p><h4><i>Der Hochmut speist sich aus der Machtrunkenheit einer fast 20-j\u00e4hrigen Regierung, die zudem in den letzten zehn Jahren sukzessive konstitutionelle und b\u00fcrokratische Mechanismen in Politik und teilweise Wirtschaft ersetzt hat durch unmittelbarere Machtbeziehungen \u2013 also dezisionistischen Praktiken \u2013 und Klientelverh\u00e4ltnisse.</i></h4><p>Diese Politik sp\u00fclte damit Tausende kleine Erdo\u011fans, Neureiche, Gl\u00fccksritter, schmierige Gestalten, Menschheitsverbrecher und Opportunisten (erneut) an die Oberfl\u00e4che der \u00d6ffentlichkeit. Sinnbildlich f\u00fcr diesen Hochmut steht Erdo\u011fan h\u00f6chstpers\u00f6nlich, der auf die Frage eines Journalisten, ob er w\u00e4hrend der l\u00e4ngsten Periode der fast totalen Ausgangssperre im gesamten Lande (Mai 2021) in Istanbul bleiben werde, s\u00fcffisant und mit einem L\u00e4cheln auf den Lippen <a href=\"https://t24.com.tr/video/erdogan-dan-tam-kapanma-doneminde-istanbul-da-misiniz-sorusuna-yanit-en-kotu-ihtimalle-turkiye-deyim,38448\">antwortete</a>: \u201eIch habe mich noch nicht endg\u00fcltig entschlossen, ich werde jedenfalls hier in der Gegend sein. Im schlimmsten Fall bin ich in der T\u00fcrkei.\u201c Im schlimmsten Fall dazu verdammt, in der krisengebeutelten T\u00fcrkei inmitten einer rasenden Pandemie zwischen Not und Tod eingesperrt und ohne jegliche Perspektive zu sein \u2013 eine Realit\u00e4t f\u00fcr Viele, einen Witz wert f\u00fcr den Pr\u00e4sidenten des Landes. Aber gehen wir vom Gro\u00dfen ins Kleine. Das Ausma\u00df und die Ungerechtigkeit des Totentanzes der Macht auf das Land zeigt sich nur auf dem Hintergrund der Lebensrealit\u00e4t, zu dem der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung verdammt wurde.</p><p>Wie ich schon in \u201e<a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">Virus als Katalysator</a>\u201c hervorgehoben habe, reagierte der Staat sehr sp\u00e4t und sehr inkonsequent auf die Pandemie. Er begn\u00fcgte sich mit ideologischer Hybris, wohlgemeinten Ratschl\u00e4gen und der Abw\u00e4lzung der Verantwortung auf Individuen aus Angst vor wirtschaftlichem Schaden einerseits, weiteren Legitimationseinbr\u00fcchen durch nat\u00fcrlich kaum staatlich aufgefangene Schlie\u00dfungen und andere Ma\u00dfnahmen andererseits. Wie <a href=\"https://www.institutmolinari.org/wp-content/uploads/sites/17/2021/03/etude-zero-covid2021_en.pdf\">\u00fcberall sonst</a> <a href=\"https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(21)00978-8/fulltext\">auch</a> auf der Welt, wo dieses inkonsequente Vorgehen zwecks sehr kurzfristiger Interessen statt einer konsequenten Eind\u00e4mmungsstrategie pr\u00e4feriert wurde, hatte dies katastrophale Folgen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerungsmehrheit: Sie f\u00fchrte zu teils extrem hohen Reproduktionszahlen des Virus (bis zu 16 in Istanbul im April 2020; sprich, eine infizierte Person steckte rechnerisch 16 weitere Personen an), 2021 auch zu extrem hohen Inzidenzzahlen von \u00fcber 900 auf 100.000 Personen (<a href=\"https://www.cnnturk.com/turkiye/il-il-risk-haritasi-guncellendi-mi-19-nisan-2021-illere-gore-haftalik-koronavirus-vaka-sayilari-artan-ve-azalan-iller\">beispielsweise</a> in Istanbul und \u00c7anakkale, 10.-16. April 2021), zu t\u00fcrkeiweiten <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/2823868-turkuaz-tablonun-merkezine-girdim\">PCR-Testpositivraten</a> von <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/koronavirus-testi-turkiyede-yeterli-miktarda-test-yapiliyor-mu-1836797\">10-20%</a> und zu den zuvor angef\u00fchrten Zahlen betreffs Gesamtinfektionen und Todesf\u00e4llen. Weitergehende Ausgangssperren erfolgten nicht pr\u00e4ventiv, sondern wortw\u00f6rtlich in letzter Sekunde, um das vollst\u00e4ndige Entgleiten der Pandemie zu verhindern, etwa in Situationen, in denen die Krankenh\u00e4user in Gro\u00dfst\u00e4dten wie Izmir, Istanbul und Ankara <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/bilim-kurulunun-ilk-toplantisi-haftaya-ertelendi-1826756\">fast vollst\u00e4ndig</a> ausgelastet waren und <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/turkiye-vaka-sayisinda-avrupa-birincisi-oldu-1826754\">zu kollabieren</a> drohten (so im April und November 2020 und dann nochmal im April/Mai 2021).</p><p>Die erdr\u00fcckende Last einer au\u00dfer Rand und Band geratenen Pandemie machte sich auch in den Reaktionen des Regimes bemerkbar: Erdo\u011fan klang <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/04/turkish-health-experts-workers-call-social-support-ahead-17-day-covid-lockdown\">fast panisch</a>, als er im April 2021 feststellte, dass Europa schon zu \u00d6ffnungen \u00fcbergehe \u2013 w\u00e4hrend sich die Infektionslage in der T\u00fcrkei immer weiter zuspitze. Er erwarte heftige Folgen, wenn nichts unternommen w\u00fcrde (er dachte dabei nat\u00fcrlich ausschlie\u00dflich an den Tourismus). Auch der Gesundheitsminister wusste entgegen seiner durchgehend relativierenden Herangehensweise sehr wohl um die prek\u00e4re Situation in den Krankenh\u00e4usern. Er verh\u00e4ngte daher schon Ende Oktober 2020 ein <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-28/turkey-bars-health-workers-quitting-as-covid-deaths-near-10-000\">K\u00fcndigungsverbot</a> f\u00fcr Werkt\u00e4tige im Gesundheitssektor. Auch zum Zeitpunkt, als es zu Ausgangssperren kam, lag die Priorit\u00e4t auf der Wahrung kapitalistischer Profite vor dem gesundheitlichen Interesse der Bev\u00f6lkerung und insbesondere der Arbeiter*innen: W\u00e4hrend dem \u201etotalen Lockdown\u201c im Mai 2021 \u2013 \u00fcber Wochen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/icisleri-bakanligi-ndan-tam-kapanma-tedbirleri-genelgesi,948642\">galt eine absolute Ausgangssperre</a> im gesamten Land mit wenigen Ausnahmen \u2013 mussten immer noch 61% aller Arbeiter*innen <a href=\"http://arastirma.disk.org.tr/wp-content/uploads/2021/04/Tam-kapanma-yok-on-milyonlarca-isci-calismaya-devam-ediyor-Bulten.pdf\">normal weiter arbeiten</a>, das hei\u00dft sich dem Infektionsrisiko aussetzen. Nur 17% aller Arbeiter*innen profitierten vollumf\u00e4nglich von den Ausgangssperren, sprich ersparten sich den Arbeitsweg und den Aufenthalt am Arbeitsort \u2013 und damit die Infektionsgefahr. Was es hei\u00dft, inmitten einer Pandemie weiter arbeiten zu m\u00fcssen, das zeigt <a href=\"http://www.birlesikmetalis.org/index.php/tr/guncel/basin-aciklamasi/1603-metal-sektorunde-salgin-ciddi-boyutlara-ulasti\">ein Bericht</a> der linken Metallarbeiter*innengewerkschaft Birle\u015fik Metal-\u0130\u015f: Allein im Zeitraum zwischen M\u00e4rz und November 2020 infizierten sich 7,3% der Arbeiter*innen in Betrieben, in denen Birle\u015fik Metal-\u0130\u015f organisiert ist, offiziell mit dem Coronavirus. Einem Bericht der Gewerkschaft zufolge gab es zum Ver\u00f6ffentlichungszeitpunkt desselben in 86,75% der Betriebe, in denen Birle\u015fik Metal-\u0130\u015f organisiert ist, aktive Coronavirus-Infektionsf\u00e4lle.</p><p>Wie anderorts auch intervenierte der t\u00fcrkische Staat gegen die von Corona ausgel\u00f6ste Wirtschaftskrise. Ein Gro\u00dfteil der wirtschaftlichen St\u00fctzungshilfen gingen dabei an das Gro\u00dfkapital (Steuererleichterungen, Lohnnebenkostenhilfen, billige Kredite, Devisenverk\u00e4ufe der Zentralbank zur Stabilisierung der Lira), so gut wie nichts an den restlichen Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung. Die Ausma\u00dfe lassen sich mittlerweile etwas besser quantifizierend vergleichen. Nach Zahlen des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IMF) vergab die T\u00fcrkei w\u00e4hrend der Pandemie (bzw. im Zeitraum M\u00e4rz 2020 bis M\u00e4rz 2021) Hilfen in Form von zus\u00e4tzlichen unmittelbaren Ausgaben, Einkommensst\u00fctzen und Steuernachl\u00e4ssen und \u00c4hnlichem <a href=\"https://www.imf.org/en/Topics/imf-and-covid19/Fiscal-Policies-Database-in-Response-to-COVID-19\">in H\u00f6he von nur</a> 1,9%/BIP. Sie hat damit vor Mexiko und einigen wenigen armen L\u00e4ndern wie Nigeria, Myanmar und Bangladesch fast am wenigsten unter den vom IMF untersuchten L\u00e4ndern f\u00fcr die Breite der Bev\u00f6lkerung in der Pandemie getan (relativ zum BIP betrachtet). <b>[2]</b> Zum Vergleich: Die durchschnittlichen zus\u00e4tzlichen unmittelbaren Ausgaben der reichen L\u00e4nder betrug 16,42% ihres jeweiligen BIP, die der L\u00e4nder mit mittlerem Einkommen (worunter auch die T\u00fcrkei f\u00e4llt) 4,0% und die der armen L\u00e4nder 1,6%. Demgegen\u00fcber erreichten die indirekten Ausgaben (Kredite, Schulden und Garantien) der T\u00fcrkei mit 9,4%/BIP fast das Niveau der reichen L\u00e4nder (durchschnittlich 11,3%). Und auch nur deshalb lagen die gesamten Ausgaben (direkte + indirekte) der T\u00fcrkei im Rahmen der Pandemie mit etwa 11,3%/BIP bedeutend h\u00f6her als der Durchschnitt der L\u00e4nder mit mittlerem Einkommen (durchschnittlich 6,5%). In keinem anderen der vom IMF untersuchten L\u00e4nder machten daher die direkten Ausgaben und Einkommensst\u00fctzen mit <a href=\"http://arastirma.disk.org.tr/wp-content/uploads/2021/02/Covid-19-Harcamalar%C4%B1-Raporu-OCAK-2021.pdf\">nur 11%</a> aller Hilfen w\u00e4hrend der Pandemie 2020 einen so kleinen Anteil aus wie in der T\u00fcrkei. Daher hatte der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung und darin insbesondere die Werkt\u00e4tigen in der T\u00fcrkei nicht nur unter dem katastrophalen Pandemiemanagement des Regimes zu leiden, sondern wurde zugleich heftig gebeutelt von der durch die Pandemie versch\u00e4rften Wirtschaftskrise.</p><h4><i>Und die Wirtschaftskrise war und ist f\u00fcr die unteren und mittleren Klassen ziemlich heftig. Wer der Skylla der Infektion entkam, den verschlang die Charybdis der Arbeitslosigkeit und der Armut.</i></h4><p>Zwar verzeichneten die Daten des T\u00dcIK durchgehend eine immer weiter sinkende (!) Arbeitslosigkeitsrate. Das lag aber haupts\u00e4chlich daran, dass Hunderttausende Menschen aus Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen flogen und als dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verf\u00fcgung stehend klassifiziert oder auf \u201eunbezahlten Urlaub\u201c gesetzt wurden, so dass parallel zur \u201esinkenden\u201c Arbeitslosenquote die Erwerbsquote (Anteil der Erwerbspersonen und der Arbeitslosen, die prinzipiell dem Arbeitsmarkt zur Verf\u00fcgung stehen) laufend sank. So flogen beispielsweise <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tuik-issizlik-rakamlarini-acikladi,940653\">\u00fcber 1,5 Millionen Menschen</a> bis Februar 2021 aus der Erwerbst\u00e4tigenbev\u00f6lkerung heraus. Oder es wurden w\u00e4hrend der Pandemie trotz Entlassungsverbotes <a href=\"https://t24.com.tr/haber/disk-ar-kod-29-ile-2020-yilinda-176-bin-662-isci-isten-cikarildi,943927\">\u00fcber 175.000 Arbeiter*innen</a> mittels einer als Ausnahme vom Entlassungsverbot weiterhin g\u00fcltigen und prompt weitfl\u00e4chig missbrauchten Bestimmung des Arbeitsgesetzes namens Kod 29 (wegen \u201emoralischen Fehlverhaltens\u201c oder \u00e4hnlichem) entlassen, was einer <a href=\"https://t24.com.tr/haber/pandemide-kod-29-ile-atilanlarin-orani-%20yuzde-%2070-artti,939439\">Zunahme</a> der Entlassungen wegen jener Bestimmung um 70% entsprach. Schon l\u00e4nger besteht breite Einigkeit dar\u00fcber, dass die Arbeitslosigkeitszahlen des T\u00dcIK nicht die Realit\u00e4t abbilden, <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/isgucu-verileri-masaya-yatirildi-issizligin-izlenmesinde-yeni-ve-yaratici-cozumler-gerekli-haberi-481463\">auch</a> unter Mainstream-\u00d6konom*innen. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/disk-tuik-in-issizlik-verileri-gercekleri-yansitmiyor-genis-tanimli-issizlik-yuzde-27,925919\">W\u00e4hrend</a> beispielsweise das T\u00dcIK im Januar 2021 die Arbeitslosenquote mit 12,7% angab, berechnete die linke Gewerkschaftskonf\u00f6deration DISK die realit\u00e4tsgerechtere breitere Arbeitslosigkeitsquote auf etwa 27%. In diesem Fall wurde dem T\u00dcIK die Diskrepanz zwischen ihren Zahlen und der Realit\u00e4t zu gro\u00df: Sie passte ihre Zahlen <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Isgucu-Istatistikleri-Ocak-2021-37486\">im M\u00e4rz 2021</a> an und ver\u00f6ffentlicht seitdem auch eine sogenannte \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/tuik-acikladi-issiz-sayisi-4-milyon-236-bin-kisi-oldu,951533\">Inaktivenquote</a>\u201c (Arbeitslose + vor\u00fcbergehend Unterbesch\u00e4ftigte + potenziell Arbeitsf\u00e4hige). Diese entspricht in etwa den Angaben der DISK zur breiteren Arbeitslosigkeitsquote und ist dementsprechend viel h\u00f6her (bisher durchgehend zwischen 20-30% im Jahr 2021) als die offizielle Arbeitslosigkeitsquote. Noch schlimmer ist die Situation der Jugendlichen (bzw. der etwa 18-25/30-J\u00e4hrigen): Liegt die offizielle Jugendarbeitslosigkeitsquote schon bei 25%, geht sogar eine Untersuchung der Universit\u00e4t der Union der Kammern und B\u00f6rsen der T\u00fcrkei (<i>T\u00fcrkiye Odalar ve Borsalar Birli\u011fi</i>, TOBB) in Ankara davon aus, dass sie <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/02/turkey-pandemic-youth-unemployment-reaches-alarming-level.html\">real</a> bei 38,5% anzusetzen ist. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/18-22-yas-araligindaki-issiz-genclerin-yuzde-74-3-u-sadece-yol-yemek-veren-bir-yerde-calismaya-razi,919818\">Fast Dreiviertel</a> aller arbeitslosen 18-22-J\u00e4hrigen stimmen zu, dass sie einen Job annehmen w\u00fcrden, auch wenn die Entlohnung nur aus Bezahlung des Fahrtweges und Verpflegung best\u00fcnde, so das Ergebnis einer Untersuchung, an der auch der Arbeitgeberverband (<i>T\u00fcrkiye \u0130\u015fveren Sendikalar\u0131 Konfederasyonu</i>, T\u0130SK) mitarbeitete. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/genclerin-yuzde-76-si-yurt-disinda-yasamak-istiyor-her-iki-gencten-biri-mutlu-degil,900749\">Fast alle</a> (86%) Jugendlichen sind verschuldet und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/genc-issizlik-yuzde-25-3-e-yukseldi-en-buyuk-hayalleri-yurtdisinda-yasamak,953186\">wollen</a> ins Ausland (76%). Laut einer <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/ekonomi/genclerimizin-yuzde-70i-ekonomik-endise-icinde-6548984/\">OECD-Untersuchung</a> von 2021 f\u00fcrchten 70% aller Jugendlichen in der T\u00fcrkei um die eigene finanzielle Situation und die ihrer Familien, 78% sind der Meinung, dass die Regierung h\u00e4tte mehr tun k\u00f6nnen w\u00e4hrend der Pandemie. Trotz dieser also massiven, teils sogar nach geltendem Recht semi-/illegalen Zunahme von Unterbesch\u00e4ftigung und Erwerbslosigkeit und, wie gleich gezeigt wird, der damit einhergehenden weitfl\u00e4chigen Verarmung, hatte der Staat den Werkt\u00e4tigen mit 39 TL Kurzarbeitsgeld pro Tag (derzeit umgerechnet etwas weniger als 4 \u20ac) kaum etwas zu bieten. Im Gegenteil: Er <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/ekonomi/emeklilik-zorlasiyor-isten-atma-kolaylasiyor-6061987/\">f\u00f6rderte sogar</a> eine sehr kurzfristige und rechtlose Besch\u00e4ftigung von Jugendlichen und Menschen im Alter von 50 Jahren aufw\u00e4rts.</p><h4><i>Als geradezu notwendige Konsequenz aus dem Herunterfahren der Wirtschaft, einer erneut induzierten Wirtschaftskrise und fehlender Unterst\u00fctzung folgte eine grassierende Armut.</i></h4><p>Je nach Umfrage zwischen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halkin-dortte-biri-gida-ve-barinma-gibi-temel-ihtiyaclarini-karsilayamiyor,949952\">27%</a> und <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/ekonomi/gelirler-eridi-borclar-katlandi-6102430/\">38%</a> der Bev\u00f6lkerung haben mittlerweile Schwierigkeiten damit, f\u00fcr Grundbed\u00fcrfnisse wie Wohnung und Lebensmittel aufzukommen. Mindestens 30% (fr\u00fchere Umfragen: 50%) haben <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/ekonomi/gelirler-eridi-borclar-katlandi-6102430/\">Einkommenseinbu\u00dfen</a> zu verzeichnen und die Einkommensungleichheit erreicht mittlerweile <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/06/official-data-lays-bare-deepening-poverty-turkey\">fast das Niveau</a> von Brasilien, Mexiko und S\u00fcdafrika. Schon die offiziellen Inflationszahlen f\u00fcr Lebensmittel zeigen, dass deren Preiserh\u00f6hung <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2021/01/turkey-firm-fined-food-prices-high-inflation-economy-lira.html\">betr\u00e4chtlich \u00fcber</a> der durchschnittlichen Inflationsrate liegt (im Durchschnitt 20% vs. 12,28% im Jahr 2020); alternative Berechnungen gehen sogar <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-55935159\">von bis zu</a> 30-50% <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/birlesik-kamu-isin-halkin-enflasyonu-arastirmasinin-carpici-sonuclarini-acikladi-1830313\">Teuerung</a> der Grundnahrungsg\u00fcter aus. Arbeitslosigkeit und Teuerung sind so grassierend und heftig geworden, dass sogar das Gro\u00dfkapital davor mahnt, dass sie \u201e<a href=\"https://www.bloomberght.com/tusiad-baskani-kaslowski-istihdama-yonelik-destekler-devam-etmeli-2279214\">unsere Zukunft gef\u00e4hrden</a>\u201c \u2013 sprich, die stabile Zustimmung zur kapitalistischen Produktionsweise in Frage stellen k\u00f6nnen. Der ehemalige Chef des T\u00dcIK, der mittlerweile in einer kleinen Oppositionspartei ehemaliger AKP\u2019ler organisiert ist, berichtet von <a href=\"https://t24.com.tr/video/eski-tuik-baskani-berat-bey-doneminde-verilere-guvensizlik-daha-fazlaydi-gercek-enflasyon-yuzde-15-in-cok-uzerinde,36849\">kreativen Methoden</a> in den Inflationsberechnungen des T\u00dcIK, um die Zahlen so niedrig wie m\u00f6glich zu halten. Aber selbst nach Zahlen des T\u00dcIK litten 27,4% der Bev\u00f6lkerung 2020 unter \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/bunca-yoksulluga-ragmen-akp-nasil-hala-yuzde-35-aliyor-dunya-bankasi-nin-yaniti,31441\">ernstem materiellen Mangel</a>\u201c. Nach Definition der Weltbank (WB) galten 12,2% der Bev\u00f6lkerung als arm \u2013 im Gegensatz zum Jahre 2018, dem diesbez\u00fcglich bisher besten Jahr der T\u00fcrkei, in dem die Rate bei 8,5% lag. Als arm in einem Land wie der T\u00fcrkei gelten den Berechnungen der WB zufolge Personen, die mit weniger als 5,5 $ (38 TL, auf das Jahr 2020 gerechnet) pro Tag \u00fcber die Runden kommen. Ein Schelm, wer den Grund der Festsetzung des Kurzarbeitsgeldes bei extrem niedrigen 39 TL darin sucht, den Anstieg der von der WB sowieso schon sehr niedrig angesetzten Schwelle zur \u201eArmut\u201c gerade noch so etwas zu umgehen. \u00dcber 40% der Bev\u00f6lkerung ist \u2013 zumeist in Form von privaten Konsumkrediten \u2013 an Banken <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/ekonomi/34-5-milyon-kisinin-899-milyar-lira-borcu-var-6442304/\">verschuldet</a>; ihre Schuldlast stieg 2020 um 36%. Und das sind nur die \u201eoffiziellen\u201c Schulden, also solche, die institutionell stattfinden und daher objektiviert erfasst werden. Laut einer Analyse der Stadtverwaltung Istanbuls f\u00fchren mittlerweile 71% der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ekmek-yumurta-ve-sigarada-veresiye-donemi-istanbul-da-bakkallarin-yuzde-71-i-veresiye-defter-tutuyor,937170\">Sp\u00e4tis/Kioske</a> Schuldenhefte, wobei die Gesamtschuldlast der Kund*innen w\u00e4hrend der Pandemie um 54,8% und die Zahl der Kund*innen, die auf Pump beim Kiosk kaufen, um 32,2% gestiegen ist. Die drei Hauptg\u00fcter, die auf Pump gekauft wurden, sind in absteigender Reihenfolge Brot, Eier und Zigaretten. Die Kleinladenbesitzer*innen sind aber <a href=\"https://t24.com.tr/haber/esnafin-borcluluk-orani-yuzde-65-e-cikti-veresiye-dustu-kart-kullanimi-artti,947597\">mittlerweile</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/esnafin-borcluluk-orani-yuzde-65-e-cikti-veresiye-dustu-kart-kullanimi-artti,947597\">selbst</a> zu 65% verschuldet und verlangen immer mehr Kreditkartenk\u00e4ufe statt K\u00e4ufe auf Pump. Zudem k\u00f6nnen viele nicht von den Coronahilfen profitieren und halten sie f\u00fcr ungen\u00fcgend.</p><h2><b>Die Selbstverg\u00f6ttlichung der Macht</b></h2><p>Der Hunger und die Armut brechen sich mittlerweile teils mit Gewalt und gegen das Bewusstsein Bahn. Der Vorsitzende des <a href=\"https://t24.com.tr/video/erdogan-a-evimize-ekmek-goturemiyoruz-diyen-minibusculer-odasi-baskani-sozlerim-carpitildi,33542\">Minibusfahrervereins</a> in Malatya <b>[3]</b> und eine <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/erdogana-acim-diye-seslenmisti-ac-acikta-degilim-allah-benim-omrumden-alsin-onunkine-versin-1813877\">arme \u00e4ltere Frau</a> in Elaz\u0131\u011f, beide AKP-Anh\u00e4nger*innen beziehungsweise Mitglieder der AKP, flehten unabh\u00e4ngig voneinander ganz impulsiv Erdo\u011fan bei dessen Besuch in ihrer jeweiligen Stadt an: Wir hungern, wir haben kein Brot mehr im Haus! Und ruderten sp\u00e4ter \u2013 da setzte das politische Bewusstsein wieder ein \u2013 zur\u00fcck und bezeugten mehrmals dem\u00fctig ihren Respekt vor Erdo\u011fan. Aber die Hybris, der Hohn auf alle zur Armut willentlich und wissentlich Verdonnerten des Landes, ist dort grenzenlos, wo die Apotheose der Macht regiert. Erdo\u011fan reagierte auf das Flehen des Minibusfahrers mit einem <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-evimize-ekmek-goturemiyoruz-diyen-esnafa-bu-bana-abartili-geldi-al-bu-keyif-cayini-ic,911288\">lapidaren</a>: \u201eDas erscheint mir jetzt ein bisschen \u00fcbertrieben. Hier, g\u00f6nn dir einen Schwarztee zur Vergn\u00fcgung!\u201c \u2013 und reichte ihm ein Paket Schwarztee. Einige Monate sp\u00e4ter, im Juni 2021, kam Erdo\u011fan nochmals auf den Hunger zur\u00fcck und meinte <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-neymis-millet-acmis-ac-olarak-dolasanlari-buyurun-siz-de-doyuruverin,957912\">ganz ohne Schamesr\u00f6te</a> zur Opposition: \u201eWie bitte, das Volk ist hungrig? Bitte, dann s\u00e4ttigt es doch.\u201c \u00c4hnlich Emine Erdo\u011fan, die Ehefrau des Pr\u00e4sidenten, die allen Ernstes in einem Werbevideo l\u00e4chelnd und wohlmeinend die Bev\u00f6lkerung dazu aufrief \u201e<a href=\"https://haber.sol.org.tr/haber/iste-porsiyonlarinizi-kucultun-diyen-emine-erdoganin-sarayinin-mutfak-harcamasi-308327\">die Portionen kleiner</a>\u201c zu halten (um Abf\u00e4lle zu reduzieren) \u2013 wobei sie nat\u00fcrlich selber bekannt ist f\u00fcr ihnen <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/turkeys-ruling-party-elites-love-splurge-while-preaching-frugality\">ostentativen Luxuskonsum</a>. Und nicht zuletzt: Als fast die H\u00e4lfte der Provinzen der T\u00fcrkei Ende Juli-Anfang August 2021 mit den verheerendsten Waldbr\u00e4nden der letzten Jahrzehnte zu k\u00e4mpfen hatten (dazu sp\u00e4ter mehr), lie\u00df es sich Erdo\u011fan nicht nehmen, mit einem riesigen Konvoi durch die Provinzhauptstadt einer der am heftigsten betroffenen Provinzen, Marmaris, zu fahren, dabei den gesamten Verkehr inklusive der Feuerwehr lahmzulegen und Tee vom Bus aus <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=Rh_LzMR2DnI\">mit herrschaftlichen Gr\u00fc\u00dfen</a> an Umstehende zu verteilen. Suetons Kaiser Nero sang wenigstens nur Ges\u00e4nge auf das brennende Rom, Erdo\u011fan hingegen verh\u00f6hnt noch zus\u00e4tzlich das Land, die Natur und die Bev\u00f6lkerung.</p><p>Ein Kleinladenbesitzer in Denizli, der vom Gouverneur w\u00e4hrend einer PR-m\u00e4\u00dfig inszenierten Inspektionstour zur Umsetzung der Corona-Ma\u00dfnahmen gefragt wurde, warum er keine Maske trage, <a href=\"https://t24.com.tr/video/denizli-valisinin-maske-sorusuna-gebermek-istiyorum-cevabi-veren-o-esnaf-konustu-maske-benim-son-derdim,33338\">antwortete</a>: \u201eDie Maske ist mein allerletztes Problem. Ich mache keine 15 Lira am Tag, kann Mieten und Strafen nicht mehr zahlen. Ich m\u00f6chte verrecken.\u201c Der Hohn der Macht: Derselbe Gouverneur lie\u00df w\u00e4hrend derselben Inspektionstour einen D\u00f6nerimbiss schlie\u00dfen, weil die Arbeiter*innen ohne Handschuhe arbeiteten (was im \u00dcbrigen keine Corona-Auflage war) und die Maske unter der Nase trugen. Erst nachdem sein Vorgehen \u00f6ffentlich skandalisiert wurde, ruderte er zur\u00fcck. Dabei schl\u00e4gt sich die Materialit\u00e4t der um sich greifenden Armut und Depravation mitunter auch <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/iktidar-muhalefete-degil-gerceklere-yeniliyor-makale-1502872\">wider Willen</a> im Handeln des Regimes nieder: Devlet Bah\u00e7eli, Chef der MHP und <a href=\"https://www.mei.edu/publications/erdogans-two-man-rule\">Hauptb\u00fcndnispartner</a> der AKP, rief eine Kampagne ins Leben, wonach <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-den-askida-ekmek-elestirilerine-sert-tepki,910276\">Brote an Gabenz\u00e4une</a> f\u00fcr Arme aufgeh\u00e4ngt werden sollten f\u00fcr Bed\u00fcrftige \u2013 wenige Tage sp\u00e4ter meinte Erdo\u011fan, Brotlosigkeit g\u00e4be es in der T\u00fcrkei nicht. Wie eine Furie w\u00fctete Bah\u00e7eli dann allerdings, als seine Aktion ganz zurecht als unwillk\u00fcrliches Eingest\u00e4ndnis der Existenz weitfl\u00e4chiger Armut seitens eines der wichtigsten Akteure des Regimes interpretiert und skandalisiert wurde.</p><p>Hohn und Verachtung f\u00fcr das Volk h\u00f6ren hier nicht auf. W\u00e4hrend fast das gesamte Land im Mai 2021 au\u00dfer f\u00fcr Arbeit und das Notwendigste in die eigenen vier W\u00e4nde eingesperrt war, galt Narrenfreiheit f\u00fcr Tourist*innen. Geradezu auf Knien erbettelte sich das Regime von den unterschiedlichen L\u00e4ndern Tourist*innenstr\u00f6me, um die eigenen einbrechenden Devisenreserven noch zu retten. <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/ahmet-hakan/mevlut-cavusogluna-turistin-gorebilecegi-herkesi-asilayacagiz-cumlesini-sordum-41805811\">Sogar die Impfkampagne</a> sollte f\u00fcr den Tourismus passend zugeschnitten sein: Der Au\u00dfenminister Mevl\u00fct \u00c7avu\u015fo\u011flu gab Anfang Mai durch, dass sie jede Person bis Ende Mai impfen w\u00fcrden, mit der ein Tourist in Kontakt treten k\u00f6nnte, also Werkt\u00e4tige der Tourismusbranche. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Impfkampagne im Land noch nicht einmal wirklich angefangen. Ein dazugeh\u00f6riges staatliches Werbevideo verbreitete eine Aura von Sommer, Sonne, guter Laune und lauter wuseligen werkt\u00e4tigen T\u00fcrk*innen voller Lebensfreude und Gastfreundschaft, die Masken mit der Aufschrift \u201e<a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=Mz4Ps40qqRc\">Enjoy, I\u2019m vaccinated</a>\u201c trugen. <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/bulent-kilic-in-istanbul-da-kapanma-fotografi-sosyal-medyanin-gundeminde-128-milyar-dolari-eritip-3-5-dolara-bel-baglayanlar-utansin,12003\">Ein eindr\u00fcckliches Foto</a> des AFP-Korrespondenten B\u00fclent K\u0131l\u0131\u00e7, der wenig sp\u00e4ter am 26. Juni 2021 beim Istanbul Pride von durchdrehenden Polizisten <a href=\"https://t24.com.tr/haber/polisin-bogazina-bastirarak-gozaltina-aldigi-afp-foto-muhabiri-bulent-kilic-orada-bir-gazeteci-oldurulmeye-calisildi,962002\">fast umgebracht wurde</a>, brachte hingegen das reale Grauen zum Ausdruck: Eine finster und ungl\u00fccklich in die Ferne blickende t\u00fcrkische Putzkraft, neben ihr lachende Tourist*innen in Saus und Braus, inmitten des ansonsten verlassenen historischen Altstadtteils Istanbuls, Fatih. \u201eTurkey Unlimited. Now available without Turks\u201c, brachte es<a href=\"https://www.reuters.com/world/middle-east/turkey-welcomes-foreign-tourists-while-locking-down-locals-2021-05-05/\"> einer</a> der zynischen Kommentare auf Social Media auf den Punkt.</p><h4><i>Aber die wahre Apotheose der Macht auf dem R\u00fccken und in Erniedrigung des Volkes, die absolute Indifferenz gegen alles Recht und alle Norm, sogar der vom Regime selbst gesetzten, das reine Regime des Dezisionismus, stellt alles andere in den Schatten.</i></h4><p>Denn f\u00fcr das Regime galten keine Ausgangsbeschr\u00e4nkungen und keine Corona-Ma\u00dfnahmen. Seit Oktober 2020 \u2013 w\u00e4hrend die T\u00fcrkei dabei war, einen der bis dahin schlimmsten Gipfel der Pandemie zu durchleben \u2013 hielt die AKP unter F\u00fchrung von Erdo\u011fan dutzende kleinere und gr\u00f6\u00dfere Provinzkongresse in geschlossenen R\u00e4umen ab und zwar mit Tausenden (!) von Teilnehmenden, gegen alles Recht und gegen alle Ma\u00dfnahmen und in totaler Ignoranz der grassierenden Pandemie. Dabei wurde der Hochmut noch <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56177899\">schamlos</a> zur Schau gestellt. Erdo\u011fan hob etwa voller Freude (!) auf dem Kongress seiner Partei in der am Schwarzmeer gelegenen Stadt Rize am 15. Februar 2021 hervor: \u201eWir halten Kongresse ab w\u00e4hrend einer Pandemie und der Kongresssalon in Rize ist zum Bersten voll!\u201c Und alle klatschen und johlen. Nat\u00fcrlich sprechen <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56184456\">einige Indizien</a> und der gesunde Menschenverstand <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/gundem/lebaleb-kongrelerin-bilancosu-agirlasiyor-ilk-10a-girdiler-6289871/\">daf\u00fcr</a>, dass diese Kongresse die Pandemie beschleunigt haben; abschlie\u00dfend l\u00e4sst sich das jedoch nicht feststellen, <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56598812\">da nicht einmal</a> die Mitglieder des wissenschaftlichen Pandemiebeirats des Gesundheitsministers genauere Kenntnis \u00fcber Ort und Grund von Infektionen besitzen. <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-dakika-bakan-kocadan-korkutan-mutasyonlu-virus-aciklamasi-1824374\">Das Einzige</a>, was der Gesundheitsminister zur Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber allen Corona-Regeln seitens seiner Partei zu sagen hatte, war: \u201eIch finde es jetzt nicht richtig, deshalb [wegen den Kongressen, A.K.] eine Geschichte \u00fcber Privilegien zu spinnen.\u201c Der Chef der Rundfunk- und Fernsehbeh\u00f6rde (RT\u00dcK) gab eine Memo <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/televizyon-kanallarina-lebaleb-talimati-ortaya-cikan-rtuk-baskani-sahin-kendini-boyle-savundu-1832926\">an alle Fernsehsender</a> durch, dass sie nicht die Kongresse zeigen sollen, sondern leere Stra\u00dfen.</p><p>Damit nicht genug. So wurden inmitten des \u201etotalen\u201c Lockdowns mehrere \u00f6ffentliche Begr\u00e4bniszeremonien von prominenten AKP-Mitgliedern oder Staatsb\u00fcrokraten abgehalten, obwohl diese verboten waren, erneut mit <a href=\"https://t24.com.tr/video/erdogan-tam-kisitlamada-kalabalik-bir-grupla-umraniye-belediye-baskani-nin-babasinin-cenaze-namazina-katildi,38494\">Hunderten</a> bis <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/02/24/ak-partiye-her-sey-serbest-kovit-yasaklari-da-hakaret-de/\">Tausenden</a> Teilnehmenden, darunter auch Ministern, dem Pr\u00e4sidenten selber, hohen B\u00fcrokrat*innen und so weiter. Die Kr\u00f6nung in der Missachtung der Corona-Ma\u00dfnahmen leistete sich erneut Erdo\u011fan: <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-erdogan-kulliye-de-iftar-verdi,945715\">Am selben Tag</a>, an dem Erdo\u011fan weitgehende Beschr\u00e4nkungen des Lebens wegen der Pandemie verk\u00fcndete (dem 13. April 2021, zu Beginn des Fastenmonats Ramadan), darunter ein Verbot gemeinschaftlichen Fastenbrechens, hielt er selbst ein gr\u00f6\u00dferes gemeinschaftliches Fastenbrechen in seinem Pr\u00e4sidentenpalast ab. Deutlicher h\u00e4tte man nicht vorf\u00fchren k\u00f6nnen, dass Gesetze nur f\u00fcr das zertretene Volk, nicht aber f\u00fcr die Damen und Herren der Macht gelten. Vom Regime organisierte Massenveranstaltungen und Demonstrationen wie beispielsweise <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/ayasofya-da-87-yil-sonra-ilk-kez-ramazan-bayrami-namazi-kilindi-tam-kapanmaya-ragmen-binlerce-kisi-katildi,12014/2\">ein Gebet</a> mit tausenden Teilnehmenden vor der Hagia Sophia zum Zuckerfest oder <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sokaga-cikma-yasagina-ragmen-turkiye-nin-bircok-ilinde-israil-protestosu-duzenlendi-araclarla-konvoy-yapildi,951694\">pro-Jerusalem Demonstrationen</a> und Autokonvois waren inmitten des \u201etotalen\u201c Lockdowns im Mai 2021 erlaubt. Die Demos der HDP oder von Feminist*innen etwa anl\u00e4sslich des Austritts aus der Istanbul Konvention oder der Istanbul Pride waren es indes nicht. Verhaftungen auf der Istanbul Pride wurden mit dem Verweis auf Corona-Schutzma\u00dfnahmen vollzogen \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/onur-yuruyusu-nde-kafeden-gozaltina-alinan-murat-kahya-anlatti-sadece-sokakta-bulunmaktan-gozaltina-islemine-tabi-tutuldum-herkes-sussun-isteniyor,962123\">selbstverst\u00e4ndlich</a> von einem Polizeioffizier veranlasst, der selbst ohne Maske durch die Gegend schrie und verhaften lie\u00df ganz nach seinem pers\u00f6nlichen gusto. W\u00e4hrend Gastronomie und Kleinhandel wegen den Auflagen und mangelnder Unterst\u00fctzung <a href=\"https://t24.com.tr/video/koronavirus-genelgesi-sonrasi-kapatilan-esnaflar-kadikoy-de-basin-aciklamasi-yapiyor,34334\">regelrecht abstarben</a> \u2013 laut Sch\u00e4tzungen sind 20-25% der Gastronomiebetriebe <a href=\"https://www.dunya.com/sektorler/restoranlar-ve-kafelerde-iflas-orani-yuzde-25e-dayandi-haberi-617935\">Bankrott gegangen</a> \u2013, <a href=\"https://twitter.com/beyogluesnafi/status/1365194040132726786\">feierten</a> AKP\u2019ler ausgelassen in geschlossenen R\u00e4umen, mit Musik und Tanz; das tat auch und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ahmet-hakan-erdogan-in-irak-basbakani-icin-verdigi-aksam-yemegini-yazdi-tum-restoranlar-kapaliyken-boyle-bir-yemegin-duzenlenmesinde-bir-sorun-gorulmuyor-mu,921830\">erneut Erdo\u011fan</a> in seinem Palast (ohne Tanz, daf\u00fcr mit vielen G\u00e4sten und Musik). Auf Ger\u00fcchte im Dezember 2020, wonach AKP-Mitglieder unter der Hand priorisiert geimpft wurden, wusste der Gesundheitsminister <a href=\"https://t24.com.tr/haber/koronavirus-asisi-geldi-el-altindan-akp-li-siyasiler-ve-yakinlarina-yapilmaya-baslandi-iddiasina-bakan-koca-dan-yanit,919757\">nur zu sagen</a>: \u201eSowas w\u00fcrden wir nicht begr\u00fc\u00dfen\u201c, was die Sache nicht besser machte. Genau so wenig wie der Umstand, dass Erdo\u011fan Anfang Juni 2021 ganz unverbl\u00fcmt im Fernsehen herausplapperte, dass er schon die <a href=\"https://www.dw.com/tr/erdo%C4%9Fana-3-doz-tepkisi/a-57757065\">3. Impfung</a> und zwar <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/cumhurbaskanligi-secimindeki-belirsizlikler-41827308\">vermutlich</a> mit dem sehr effizienten BioNTech/Pfizer-Vakzin bekommen hatte, w\u00e4hrend damals t\u00fcrkeiweit <a href=\"https://ourworldindata.org/covid-vaccinations?country=~TUR\">erst</a> <a href=\"https://ourworldindata.org/covid-vaccinations?country=~TUR\">etwa</a> 20% der Bev\u00f6lkerung eine Erstimpfung erhalten und davon nur etwa 15% vollst\u00e4ndig geimpft waren, dazu noch weitestgehend mit dem weitaus weniger effektiven Sinovac-Vakzin.</p><p>Nicht zuletzt noch die Zurschaustellung ma\u00dflosen Reichtums und der Verschwendung, deren Urspr\u00fcnge wie Ausw\u00fcchse niemandem mehr als legitim erscheinen, dazu noch inmitten der Pandemie. So wurde bekannt, dass <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/03/30/sadece-kovit-degil-erdoganin-turkiye-tablosu-da-dokuluyor/\">zahlreiche</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/04/21/ak-partiyi-yipratmak-icin-ak-partili-elitler-yeter-de-artar/\">wichtige</a> staatliche Funktionstr\u00e4ger sowie Berater von Erdo\u011fan gleich <a href=\"https://t24.com.tr/haber/rtuk-baskani-sahin-rtuk-baskanligi-disinda-halk-bankasi-yonetim-kurulu-uyeligimden-maas-aliyorum-bu-da-yasal-ve-etiktir,945232\">mehrere Geh\u00e4lter</a> beziehen und Unsummen an Geld verdienen. Der <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56610843\">Skandal um K\u00fcr\u015fat Ayvato\u011flu</a>, einem aufstrebenden J\u00fcngling im Hauptquartier der AKP, zeigt nur die Spitze des Eisbergs: Ayvato\u011flu war beim Koksen in einer Luxuskarosserie erwischt worden und wurde urspr\u00fcnglich laufengelassen, nachdem er sich auf der Polizeiwache mit: \u201edas war nur Puderzucker, wir haben das als Witz aufgezogen\u201c verteidigte. Im weiteren Verlauf des Skandals tauchten zahlreiche Bilder von ihm auf, in denen er mit unendlich viel Luxus und einflussreichen Leuten an seiner Seite posiert. Er ist nur einer von vielen zutiefst opportunistischen Gl\u00fccksrittern, die durch Anbiederung an die Macht zu Neureichen wurden, sich gerne mit M\u00e4chtigen ablichten lassen und im Abglanz der Macht baden, sowie ihren verschwenderischen Luxus ganz offen in Social Media-Profilen zur Schau stellen. Pers\u00f6nlichkeiten wie Ayvato\u011flu, der sich laut Eigenaussage aus purem Machtkalk\u00fcl bis ins AKP-Hauptquartier hocharbeitete, und die geldverschlingenden B\u00fcrokraten stehen nicht nur im extremen Widerspruch zum nach Au\u00dfen kommunizierten konservativ-islamischen Ethikverst\u00e4ndnis der AKP; die ostentative Verschwendungssucht, die darin schamlos expliziert wird, ist ein Hohn auf Alle, die unter Pandemie und Pandemiemanagement erdr\u00fcckt werden.</p><h4><i>Hochmut kommt vor dem Fall. Die haupts\u00e4chlich im Sinne von Herrschaft und Kapital betriebene Pandemiepolitik sowie die \u00f6ffentlich dargestellte Selbstapotheose der Macht hat zusammen mit der sozialen Depravation ganz wesentlich zu einem massiven Legitimationseinbruch gef\u00fchrt.</i></h4><p>Eine Mehrheit der Befragten in Meinungsumfragen <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/anket-iste-cumhurbaskani-erdogan-in-mansur-yavas-ve-ekrem-imamoglu-karsisinda-oy-orani,11163/2\">bevorzugt mittlerweile</a> das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metro-poll-arastirma-halkin-yuzde-57-7-si-guclendirilmis-parlamenter-sistem-e-gecmek-istiyor,928429\">Parlamentssystem</a> gegen\u00fcber dem \u201ePr\u00e4sidialsystem\u201c von Erdo\u011fans Gnaden; glaubt, dass sich <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/03/kriz-akp-tabanini-vurdu-mutlu-azinliktan-herkes-rahatsiz/\">die</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/03/kriz-akp-tabanini-vurdu-mutlu-azinliktan-herkes-rahatsiz/\">Wirtschaft</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metro-poll-un-son-anketi-vatandas-enflasyon-siyasi-gerilim-andimiz-istanbul-sozlesmesi-ve-merkez-bankasi-konularinda-hukumete-tepkili,944188\">wegen</a> <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-05-25/erdogan-s-poll-rating-hits-all-time-low-as-economic-woes-grow\">schlechtem Management</a> in einer Krise/<a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/anket-iste-cumhurbaskani-erdogan-in-mansur-yavas-ve-ekrem-imamoglu-karsisinda-oy-orani,11163/2\">in einem miserablen Zustand</a> <a href=\"https://tr.euronews.com/2020/11/09/metropoll-turkiye-nin-nabz-anketi-ak-parti-oylar-ilk-kez-yuzde-30-un-alt-nda\">befindet</a>; glaubt zu 80% <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-arastirmasi-cumhurbaskanligi-seciminde-erdogan-ve-mansur-yavas-karsilasmasinda-mansur-yavas-kazaniyor,924308\">nicht mehr</a> den offiziellen Inflationszahlen; vertraut laut einer von der AKP selbst aufgegebenen Umfrage <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/gundem/iste-pandeminin-fotografi-her-iki-kisiden-birinin-yakini-viruse-yakalandi-41735095\">nicht mehr</a> in das Pandemiemanagement der Regierung; hat das Vertrauen in das Justizsystem <a href=\"https://d4b693e1-c592-4336-bc6a-36c134d6fb5e.filesusr.com/ugd/c80586_9672fab5d7a042dd82d2c9eba95f125b.pdf\">fast vollst\u00e4ndig</a> <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/ozkiraz-akpye-yakin-sirketin-anketinde-erdogan-ilk-kez-kaybetti-galeri-1525679?p=6\">verloren</a>; <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-anketi-halkin-yuzde-79-1-i-pandemi-doneminde-duzenlenen-kongreleri-yanlis-buluyor,949353\">verurteilt sehr eindeutig</a> die AKP-Kongresse w\u00e4hrend der Pandemie (zu 79%) sowie das Beziehen mehrerer Geh\u00e4lter von B\u00fcrokrat*innen und Berater*innen (zu 70%); befindet, dass sich das Land und die Wirtschaft in eine <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/03/kriz-akp-tabanini-vurdu-mutlu-azinliktan-herkes-rahatsiz/\">schlechte Richtung</a> entwickeln und klagt <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/sosyo-politikin-anketi-uc-parti-baraji-geciyor-cumhur-ittifaki-yuzde-44te-galeri-1515701\">haupts\u00e4chlich</a> \u00fcber <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halk-turkiye-deki-en-acil-sorunun-gecim-sikintisi-ve-issizlik-oldugunu-dusunuyor,937423\">wirtschaftliche Probleme</a> und die <a href=\"https://tr.sputniknews.com/columnists/202101071043535483-arastirma-kendisini-ve-ailesini-gecindiremeyenlerin-orani-yuzde-511-sadece-yuzde-36-tasarruf/\">Coronakrise</a>. Immer mehr W\u00e4hler*innen von AKP und MHP springen entweder <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-secmenini-en-cok-kaybeden-parti-mhp,965341\">direkt ab</a> oder sind sich <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-isiklar-yaniyor-dan-darbe-tartismasina-donus,909368\">unsicher</a> \u00fcber ihre Parteipr\u00e4ferenz; der Anteil der Befragten, die keine klaren Wahlpr\u00e4ferenzen artikulieren (Protestw\u00e4hler*innen, Unsichere, keine Antwort), liegt mittlerweile <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-secim-anketi-bu-sonuc-akp-tarihinde-bir-ilk-1832823\">regelm\u00e4\u00dfig</a> bei <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-bu-pazar-milletvekili-secimi-olsa-hangi-parti-yuzde-kac-oy-alir,965664\">kr\u00e4ftigen 20%</a>. Nicht zuletzt sinkt die Zustimmung zu Erdo\u011fan als Pr\u00e4sident und befindet sich auf einem <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halkin-yarisindan-fazlasi-cumhurbaskani-erdogan-in-gorevini-yapis-tarzini-onaylamiyor,949034\">historischen Tief</a> und <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-uc-ayda-16-anket-sirketi-inceledi-iste-partilerin-oy-oranlari-1817641\">fast alle</a> Wahlumfrageinstitute berichten von Ergebnissen, wonach die Regierungskoalition bei einer anstehenden Wahl <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/9-farkli-sirketin-secim-anketlerinden-dikkat-ceken-sonuclar-ortaya-cikti-1815448\">nicht mehr</a> als Siegerin hervorgehen w\u00fcrde \u2013 darunter <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/ozkiraz-akpye-yakin-sirketin-anketinde-erdogan-ilk-kez-kaybetti-galeri-1525679?p=6\">sogar AKP-nahe</a> Wahlumfrageinstitute. AKP-intern werden mittlerweile <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/krizle-birlikte-akpnin-eriyen-oylari-anketlerle-gun-yuzune-cikti-iktidar-endiseli-1846283\">\u00c4ngste ge\u00e4u\u00dfert</a>, dass bei den n\u00e4chsten Wahlen Schluss sein k\u00f6nnte. Nur: Ein Legitimationseinbruch allein gen\u00fcgt nicht, wenn nicht eine \u00fcberzeugende Alternative da ist. Solange verbleibt der Dissens atomisiert und perspektivlos, jederzeit bereit dazu, zu verk\u00fcmmern oder doch beim Bestehenden zu bleiben. Ich greife dieses Thema und das Problem der Opposition am Ende des Artikels noch einmal auf. Jetzt erst mal zur Wirtschaftskrise.</p><h2><b>Die ewige Wiederkunft der gleichen Wirtschaftskrise</b></h2><p>Sp\u00e4testens seit 2013 hat sich ein Muster wirtschaftlicher Krisenanf\u00e4lligkeit in der T\u00fcrkei eingestellt, das sich alle paar Monate oder Jahre wiederholt und seit 2018 besonders versch\u00e4rft. Zeitgleich entwickelten sich die Debatten \u00fcber prim\u00e4re und sekund\u00e4re Ursachen dieser Krise weiter und die Fragen danach, was sich daraus f\u00fcr die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und Entwicklungsperspektiven innerhalb der t\u00fcrkischen Gesellschaftsformation ableiten l\u00e4sst.</p><p>Prinzipiell befindet sich der semi-periphere Neoliberalismus in der T\u00fcrkei wegen seiner Au\u00dfenabh\u00e4ngigkeit seit 2013 in einer strukturellen Krise. Das hei\u00dft, dass die t\u00fcrkische Wirtschaft sehr wesentlich auf den Import von Zwischen- und Kapitalg\u00fctern f\u00fcr die (Export-)Produktion sowie von finanziellem Kapital f\u00fcr die Finanzierung von Investitionen im Land sowie der Tilgung des Au\u00dfenhandelsdefizits angewiesen ist. Ihr fehlt dagegen weitestgehend eine eigenst\u00e4ndige Kapitalg\u00fcter- beziehungsweise technologieintensive Produktion, die ihre Au\u00dfenabh\u00e4ngigkeit reduzieren beziehungsweise das Au\u00dfenhandelsdefizit mindern k\u00f6nnte. Die derzeitige Lage begr\u00fcndet sich schlicht darauf, dass die AKP das schon vor ihr entstandene semi-periphere Modell des Neoliberalismus geerbt und vollst\u00e4ndig verankert hat. Und es liegt zugleich daran, dass die AKP den sich ihr bietenden Spielraum in der Wirtschaftspolitik nicht im Sinne eines produktiven Updates der t\u00fcrkischen Wirtschaft, sondern klientelkapitalistisch und politisch motiviert durch die <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/kamu-ozel-isbirlikleri-devletlestirilebilir-mi-makale-1500437\">Vergabe von Unmengen an Bauauftr\u00e4gen</a> in den Beton gesetzt hat (das hei\u00dft, in Sektoren gelenkt hat, die kein produktives Upgrade der Industrie m\u00f6glich machen und wenig bis keine Devisen generieren).<i> Quantitative Easing</i> und Anleihek\u00e4ufe der US-amerikanischen Zentralbank (Fed) sorgten zwar nach 2007-08 weiterhin daf\u00fcr, dass der Zufluss von ausl\u00e4ndischem finanziellen Kapital in die T\u00fcrkei nicht abnahm. Als die Fed 2013 jedoch ank\u00fcndigte, diese Programme zur\u00fcckzufahren, wurden die Kapitalfl\u00fcsse volatiler und der Wert der Lira gegen dem US-Dollar und dem Euro fing seitdem immer an zu fallen, wenn nicht besonders g\u00fcnstige internationale Umst\u00e4nde den Kapitalzufluss wieder ankurbelten. Da die seinerzeit zu sehr g\u00fcnstigen Konditionen aufgenommenen Auslandsschulden insbesondere des Privatsektors teils erheblich waren, nahm damit die Auslandsverschuldung und wegen der Importabh\u00e4ngigkeit der t\u00fcrkischen Industrie auch die Inflation permanent zu. Erdo\u011fans zunehmend unorthodox neoliberales und re-politisiertes Wirtschaftsmanagement, das eigenwillige au\u00dfenpolitische Agieren der t\u00fcrkischen Regierung sowie das Ersetzen konstitutioneller und institutioneller Mechanismen durch willk\u00fcrliche, kamen erschwerend hinzu. So f\u00fchrte ein diplomatischer Konflikt mit den USA im Sommer 2018 zu einem <a href=\"https://jacobinmag.com/2019/03/erdogan-akp-turkey-local-elections\">schweren W\u00e4hrungsschock</a>. Auslandsschulden und Importkosten explodierten, R\u00fcckzahlungsprobleme, Schuldenumstrukturierungen und Einbruch des Konsums waren die Folgen. Es folgten <a href=\"https://www.tcmb.gov.tr/wps/wcm/connect/EN/TCMB+EN/Main+Menu/Core+Functions/Monetary+Policy/Central+Bank+Interest+Rates/CBRT+INTEREST+RATES\">massive Zinserh\u00f6hungen</a> der t\u00fcrkischen Zentralbank (TCMB) bis zum Peak des Leitzinses von 25,50% im September 2018, die zwar die Attraktivit\u00e4t der t\u00fcrkischen Wirtschaft f\u00fcr ausl\u00e4ndisches Kapital und den Wert der TL aufrechterhalten sollten, aber wegen der H\u00f6he der Zinsen zus\u00e4tzlich kontraktiv auf den Kredit- wie allgemein den Binnenmarkt wirkten. Die W\u00e4hrungskrise entwickelte sich zu einer <a href=\"https://www.researchgate.net/publication/333951280_The_Making_of_Turkey&#x27;s_2018-2019_Economic_Crisis\">schweren Wirtschaftskrise</a>.</p><p>In Folge intervenierte Erdo\u011fan noch direkter in die Wirtschaftspolitik. Zum einen setzte er schon kurz vor jener W\u00e4hrungskrise seinen Schwiegersohn Berat Albayrak als Finanz- und Wirtschaftsminister ein, der eine st\u00e4rker binnenmarktorientierte Politik verfolgen sollte und hierf\u00fcr vor leichten Kapitalverkehrskontrollen, Handelsbeschr\u00e4nkungen und \u2013 im Gegensatz zum damaligen Zentralbankchef \u2013 einer von staatlichen Banken angef\u00fchrten Kreditexpansion nicht zur\u00fcckschreckte. Zum anderen ersetzte Erdo\u011fan prompt den unter hohem politischem Druck dennoch mehr oder minder nach orthodox-neoliberalen Regeln vorgehenden Zentralbankchef Murat \u00c7etinkaya durch Murat Uysal, der seinem Namen volle Ehre angedeihen lie\u00df (Uysal hei\u00dft f\u00fcgsam, willf\u00e4hrig auf T\u00fcrkisch). Er senkte die Zinsen wider die orthodoxen-neoliberalen Lehren schrittweise bis auf etwa 9% im Sommer 2020, <a href=\"https://www.statista.com/statistics/277044/inflation-rate-in-turkey/\">das hei\u00dft</a> weit unter die durchschnittliche Inflationsrate von 15,18% (2019) beziehungsweise 12,28% (2020) und somit auf ein reales Negativzinsniveau. <b>[4]</b> Beides und beide f\u00fchrten zu einer stetigen Erosion des Wertes der TL und zum Versiegen insbesondere der <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/12/turkey-economic-turmoil-is-far-from-over-increase-inflation.html\">kurzfristigen Kapitalzufl\u00fcsse</a>, sodass mitten in der Corona-Pandemie erneut eine <a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">schwere W\u00e4hrungskrise</a> einsetzte und die TL <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/11/turkey-inflation-lira-worst-performer.html\">am meisten</a> unter den W\u00e4hrungen der Schwellenl\u00e4nder abwertete. Milliarden an Dollar-Reserven der TCMB wurden verschleudert, um den Wert der TL ohne Zinshebungen zu verteidigen: Laut Aussagen von Erdo\u011fan selbst insgesamt immense <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-04-21/erdogan-says-turkey-used-165-billion-of-reserves-in-two-years\">165</a> <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-04-21/erdogan-says-turkey-used-165-billion-of-reserves-in-two-years\">Milliarden</a> $ zwischen 2019 und 2020, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/128-milyar-dolarin-perde-arkasi-1-rezervler-hangi-platformda-satildi-gizemli-protokol,30666\">laut Kritiker*innen</a> allein grob 128 Milliarden $ davon w\u00e4hrend der Coronakrise 2020 und dem erneuten W\u00e4hrungsschock im Sommer 2020. Umsonst alle Bem\u00fchungen der Sterblichen: Die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mahfi-egilmez-swap-haric-rezervler-eksi-54-1-milyar-dolar,917398\">Nettonegativreserven</a> der TCMB abz\u00fcglich der Swaps machten die Situation noch prek\u00e4rer (F\u00fcr alle, die es genauer wissen wollen: Die Devisenreserven der TCMB minus Schulden und Swaps in ausl\u00e4ndischer W\u00e4hrung: -54,1 Mrd. $, Ende November 2020; <a href=\"https://www.mahfiegilmez.com/2021/07/merkez-bankas-hakknda-bilmemiz.html\">immer noch</a> -45,57 Mrd. $ Ende Juni 2021). <b>[5]</b> Hinzu kamen erneut <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-07/turkish-lira-weakens-to-record-as-geopolitical-risks-mount\">au\u00dfenpolitische Spannungen</a> insbesondere mit den USA. Zus\u00e4tzlich wurden eine <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/12/turkey-erdogan-akp-alarming-surge-consumer-corporate-debt.html\">Kreditschwemme</a> staatlicherseits <a href=\"https://www.academia.edu/45165470/Turkey_s_Economy_Amid_the_COVID_19_Pandemic_Measures_and_Their_Impact\">haupts\u00e4chlich \u00fcber staatliche Banken</a> forciert \u2013 das gesamte Kreditvolumen wuchs um 40%! \u2013 und die schon erw\u00e4hnten Konjunkturpakete verk\u00fcndet, um die Wirtschaft zu st\u00fctzen. Die Kredite gingen <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/12/turkey-erdogan-akp-alarming-surge-consumer-corporate-debt.html\">haupts\u00e4chlich</a> an Privathaushalte, was nat\u00fcrlich die Binnennachfrage ankurbelte. <a href=\"https://www.academia.edu/44607632/Turkeys_Public_Banks_Amid_the_Covid_19_Pandemic\">Insgesamt</a> 7 Millionen Individuen bezogen Bedarfskredite (max. 10.000 TL, also etwas weniger als 1.000 \u20ac), \u00f6ffentliche Banken reichten Kredite an 180.000 kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie an 1,1 Millionen Ladenbesitzer*innen. Nach -9,9%/BIP im 2. Quartal 2021 gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum wuchs die t\u00fcrkische Wirtschaft kr\u00e4ftige 6,7%/BIP im 3. Quartal gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum. Die <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/tuik-ekonomi-ucuncu-ceyrekte-yuzde-67-buyudu-haber-1505934\">Komposition</a> des Wirtschaftswachstums indes war bezeichnend f\u00fcr den Charakter desselben und relativierte dessen Tragf\u00e4higkeit: der inl\u00e4ndische Konsum wuchs um 9%, die Industrie immerhin um 8%, aber das Finanz- und Versicherungswesen um ganze 41,1%. Von den niedrigen Zinsen hatten ja nicht nur die KMU und die privaten Konsument*innen profitiert, sondern nat\u00fcrlich auch die gro\u00dfen Privatbanken, die billig an TL rankamen, um diese teurer weiter zu geben oder zu handeln (wor\u00fcber sich wiederum die KMU, die weiterhin auch auf Privatbanken angewiesen blieben, <a href=\"https://www.dunya.com/finans/haberler/tobb-baskani-hisarcikliogludan-bankalara-yuksek-faiz-elestirisi-haberi-606968\">lautstark beschwerten</a>).</p><p>Schrille T\u00f6ne folgten: So sprach Erdo\u011fan von einem \u201e<a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-31/turkey-fighting-against-unholy-trinity-in-economy-erdogan-says\">wirtschaftlichen Befreiungskrieg</a>\u201c wie im sp\u00e4ten Osmanischen Reich; der Finanz- und Wirtschaftsminister Albayrak deklarierte \u00f6ffentlich, dass ihm der Wert des Dollars <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hazine-ve-maliye-bakani-berat-albayrak-dolarla-ugrasmiyoruz-istesek-dusururuz,913487\">egal sei</a>. Der willf\u00e4hrige Zentralbankchef erkl\u00e4rte Ende Oktober 2020 ebenfalls, dass die TCMB kein Ziel bez\u00fcglich des Werts der TL verfolge \u2013 was zwar strenggenommen dem Mandat der Zentralbank entspricht (keine Devisenfokussierung, sondern Preis- und ergo Inflationsfokussierung), aber mit den Zus\u00e4tzen des Zentralbankchefs: \u201eder Wert der Lira ist extrem niedrig\u201c und \u201edie Wertlosigkeit der TL ist ein Risiko f\u00fcr die Preisstabilit\u00e4t\u201c, ein sehr offen kommuniziertes <a href=\"https://t24.com.tr/haber/merkez-bankasi-yil-sonu-enflasyon-tahminini-yuzde-12-1-e-cekti,911785\">Eingest\u00e4ndnis</a> der prek\u00e4ren Situation und der Handlungsohnmacht der TCMB darstellte. Verst\u00e4ndlicherweise kollabierte der Wert der TL daraufhin nat\u00fcrlich nochmals. <b>[6]</b> Allein in jener Woche <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-28/lira-heads-for-biggest-monthly-decline-this-year-inside-turkey\">verschleuderte</a> die TCMB angeblich an die eine Milliarde Dollar an Devisenreserven, um den Wert der TL zu halten \u2013 v\u00f6llig umsonst. <a href=\"https://www.bloomberght.com/doviz/dolar\">Von etwa</a> 6 TL pro Dollar Anfang 2020 fiel der Wert der TL auf bis zu 8,5 TL pro Dollar Anfang November 2020. Aber schon im August/September 2020 hatte sich wegen der prek\u00e4ren Situation wieder eine 180\u00b0-Kehrtwende <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/ekonomide-u-donusu-demokratiklesme-degil-otoriter-konsolidasyon-getirebilir-makale-1504645\">angek\u00fcndigt</a>, die dann sukzessive vollzogen wurde: Auf die massive Kreditexpansion folgte eine massive Kreditkontraktion der \u00d6ffentlichen und die Zinsen der TCMB wurden <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/merkez-bankasi-piyasalari-ters-kose-yapti-dolar-uctu-haber-1502396\">zuerst durch die Hintert\u00fcr</a> und dann zaghaft <a href=\"https://www.tcmb.gov.tr/wps/wcm/connect/en/tcmb+en/main+menu/announcements/press+releases/2020/ano2020-58\">auch explizit</a> erh\u00f6ht, obzwar der Leitzins immer noch unter der Inflationsrate blieb. Gekr\u00f6nt wurde diese Kehrtwende erneut durch eine Ersetzung des Zentralbankchefs seitens Erdo\u011fans in einer spontanen Aktion vom 6. November 2020. Finanz- und Wirtschaftsminister Berat Albayrak reichte daraufhin seinen R\u00fccktritt ein \u2013 per Instagram, wohlgemerkt (und widerlegte damit \u00fcbrigens linksliberale Fehlvorstellungen, wonach Erdo\u011fans Politik <a href=\"https://www.ft.com/content/5ba8d28a-2550-446a-8cd5-92e33caff637\">nur mehr</a> \u201eklientelistische Familienpolitik\u201c sei). Und das Pendel der mittlerweile bekannten wirtschaftspolitischen Taktik der permanenten Kehrtwenden schlug erneut in die entgegengesetzte, orthodox-neoliberale Richtung aus: Der neue Finanzminister L\u00fctfi Elvan wie auch der neue Zentralbankchef Naci A\u011fbal k\u00fcndigten in <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/11/turkey-new-finance-minister.html\">sehr klaren Worten</a> eine <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/elvan-ortak-akilla-gerekli-duzenlemeleri-yapacagiz-haber-1504806\">neoliberale Geld- und Fiskalpolitik</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tcmb-baskani-naci-agbal-2021-yili-para-ve-kur-politikasi-ni-acikliyor,920953\">an</a> (hohe Zinsen, Kreditkontraktion, Ausgabenk\u00fcrzungen). Erdo\u011fan sprach davon, dass \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/dolar-kuru-8-liranin-altina-indi,914186\">die bittere Pille</a> geschluckt\u201c werden m\u00fcsse. Und erneut fand, diesmal schon als Farce der Farce, der x-te zweite Fr\u00fchling in der Beziehung zwischen AKP und Gro\u00dfkapital statt: Innerhalb k\u00fcrzester Zeit <a href=\"https://www.bloomberght.com/yabancilar-tcmb-nin-faiz-artirimini-olumlu-karsiladi-2269011\">stieg</a> der TCMB-Leitzins um mehr als 400 Basispunkte gerade noch so ein bisschen \u00fcber das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hazine-ve-maliye-bakani-yuksek-enflasyonun-vatandasimiz-uzerindeki-etkilerini-en-aza-indirmek-icin-tum-gucumuzle-calisiyoruz,918471\">Inflationsniveau</a> auf 15% an (die Inflation lag im November 2020 bei 14%, daher wurde der Leitzins bis <a href=\"https://www.ft.com/content/4fd66e78-3ba8-4bd9-8a31-bfbb9605284a\">Ende des Jahres</a> auch auf bis zu 17% gehoben, um einen positiven Realzins zu garantieren). Eine Welle an Kapital kam <a href=\"https://www.bloomberght.com/ekonomide-yeni-donem-mesajlarinin-verildigi-haftada-yabancilarin-alimi-3-yilin-zirvesinde-2269010\">ins Land geflossen</a>, die Lira gewann <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-02-11/turkish-corporate-debt-rallies-as-lira-rebound-adds-funding-room\">stetig an Wert</a>, der Hauptverband des Gro\u00dfkapitals, die Vereinigung t\u00fcrkischer Industrieller und Gesch\u00e4ftsleute (<i>T\u00fcrk Sanayicileri ve \u0130\u015f \u0130nsanlar\u0131 Derne\u011fi</i>, T\u00dcSIAD), und gro\u00dfe internationale Player wie die<i> Soci\u00e9t\u00e9 G\u00e9n\u00e9rale</i> <a href=\"https://www.bloomberght.com/tusiad-in-faiz-artisi-yorumu-2269022\">gratulierten</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tuncay-ozilhan-yuksek-reel-faize-dayali-sok-tedavi-uzun-sure-kullanilmamali,918501\">gleich</a> <a href=\"https://www.bloomberght.com/tusiadkaslowski-reform-adimlarinin-atilacagina-inaniyoruz-2269550\">mehrmals</a> euphorisch zur \u201eneuen\u201c Wirtschaftspolitik. Mehrere Treffen mit Verb\u00e4nden der KMU wie auch des Gro\u00dfkapitals wurden gehalten und erneut Einigkeit erzielt; ja <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/01/29/sermayenin-erdoganla-dansi-figurler-zarif-ama-muzik-sert/\">sogar ein Gremium</a> f\u00fcr die Kontrolle der stark umstrittenen Inflationsberechnungen des T\u00dcIK gegr\u00fcndet, in dem Vertreter des Gro\u00dfkapitals sa\u00dfen, um das Vertrauen kapitalistischer Akteure in die regulativen Institutionen des Staates weiter zu festigen.</p><p>Eigentlich ist das Muster dieser wirtschaftspolitischen Taktik der permanenten Kehrtwenden, \u201e<a href=\"https://newleftreview.org/sidecar/posts/erdogans-zigzags\">Erdo\u011fans Zigzag\u2019s</a>\u201c, <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yeni-ekonomi-yonetimi-eski-bir-drama-makale-1504320\">altbekannt</a> und wird seit Jahren praktiziert.</p><h4><i>Ist der Druck wegen Kapitalabfluss und W\u00e4hrungsverfall auf Inflation und Zinsen so gro\u00df, dass sie binnenmarktorientierte KMU zu stark gef\u00e4hrdet, schl\u00e4gt das Regime um Erdo\u011fan eine aus der Perspektive neoliberaler Orthodoxie heterodoxe Wirtschaftspolitik der Kreditexpansion, Niedrigzinsen, teils staatlich gest\u00fctzter Billigdevisen und \u00e4hnlicher Ma\u00dfnahmen ein.</i></h4><p>Diese Kehrwende wird dann mit reichlich nationalistisch-antiimperialistischer Rhetorik ideologisch verkleidet, zieht regelm\u00e4\u00dfig die Kritik des Gro\u00dfkapitals und der linksliberalen Antiautorit\u00e4ren auf sich und f\u00fchrt letztlich oft zu einer Versch\u00e4rfung der Krisenelemente: Fall der Lira, noch h\u00f6here Inflation, daher noch h\u00f6herer Druck auf die Zinsen, Versiegen der Kapitalfl\u00fcsse und Versch\u00e4rfung der innerkapitalistischen Antagonismen. Sobald genug Zeit erkauft wurde, um die binnenmarktorientierten Kapitale und KMU kurzfristig zu retten, und der Druck der internationalen Finanzm\u00e4rkte, in die die T\u00fcrkei ja organisch eingebettet ist, zu hoch wird, wird dann erneut eine 180\u00b0-Kehrtwende hin zu einer augenscheinlich orthodoxen neoliberalen Wirtschaftspolitik eingeschlagen. Es werden Reformen und Bekenntnisse zum freien Markt, zu makro\u00f6konomischer Stabilit\u00e4t, Berechenbarkeit, Transparenz etc. verk\u00fcndet \u2013 bis zur n\u00e4chsten Krise, in der dann wieder um 180\u00b0 gewendet wird, und so weiter bis zum J\u00fcngsten Gericht. Dass nicht nur die Gro\u00dfbourgeoisie der T\u00fcrkei, sondern auch die \u201einternationalen Finanzm\u00e4rkte\u201c jedes Mal wieder die eine Seite der 180\u00b0-Wende, n\u00e4mlich die orthodox-neoliberale, voller Gl\u00fcck empfangen wie Kinder ein frisch lackiertes Schaukelpferd, und wider besseren Wissens ignorieren, dass die n\u00e4chste Kehrtwende wieder kommt, l\u00e4sst sich vielleicht auch als Symptom des Zustands des globalen Kapitalismus lesen: Hauptsache es funktioniert jetzt, egal was sp\u00e4ter kommt, denn es gibt ja doch nichts besseres.</p><p>Auch dieses Mal zeichnete sich eigentlich recht fr\u00fch die Verg\u00e4nglichkeit der orthodox-neoliberalen Kehrtwende ab. Noch wenige Tage nach dem Wechsel in der Wirtschaftspolitik und den verantwortlichen B\u00fcrokraten sprach Erdo\u011fan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-buralara-vesayetin-parasutuyle-gelmedik-zorluklari-tecrube-ederek-buralara-geldik,915569\">schon davon</a>, dass er am liebsten wieder sehr fr\u00fch <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/erdogandan-faiz-yorumu-bazi-aci-ilaclari-icmemiz-gerekiyor-haber-1505058\">niedrigere Zinsen</a> sehen w\u00fcrde. Hardcoreberater von Erdo\u011fan wie der Ex-Marxist-jetzt-Stiefellecker Cemil Ertem oder die Speerspitzen der Revolverpresse schossen <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/naci-agbal-in-yalnizligi-bestepe-ve-akp-de-herkes-onun-politikalarina-karsi,29560\">eine Salve nach der anderen</a> auf den neuen Zentralbankchef ab. Was kam, war also schon l\u00e4ngst gewusst und zudem mit Fanfaren angek\u00fcndigt. <i>Amor fati</i> aber lautete das Lebensmotto; und allzu erwartbar war also auch die Wiederkunft der ewig selben Wirtschaftskrise. Konkretes zeichnete sich im M\u00e4rz 2021 ab: Keine zwei Monate nach Ank\u00fcndigung der Errichtung des Kontrollgremiums f\u00fcr die Inflationszahlen wurde dieses sang- und klanglos <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/tuik-te-iki-aylik-peri-masali-bitti-danisma-kurullarinin-lagvi-bakan-elvan-a-mesaj-mi,30173\">begraben</a>. Hinter den Kulissen munkelte man, der neue Finanzminister und der neue Zentralbankchef h\u00e4tten <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/elvan-ve-agbal-a-hazine-bakanligi-ve-merkez-bankasi-nda-kendi-ekiplerini-kurma-izni-neden-verilmiyor,30139\">kaum Entscheidungsmacht</a> innerhalb ihrer jeweiligen Bereiche; und ein Reformpaket f\u00fcr die Wirtschaft kam \u00fcber <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/erdal-saglam/ekonomik-reform-paketini-kim-tirpanladi-1820906\">wohlklingende Worth\u00fclsen</a> nicht hinaus. Als sich dann der Zentralbankchef angesichts der hohen Inflationsrate in den USA <b>[7]</b> trotzdem traute, die Zinsen <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-03-18/turkey-delivers-bigger-than-expected-rate-hike-to-rein-in-prices\">nochmal</a> um 2% auf 19% zu heben und \u2013 so hei\u00dft es \u2013 <a href=\"https://www.reuters.com/article/turkey-cenbank-int-idUSKBN2BN1H4\">Untersuchungen anstellte</a>, wie und warum so viele Devisenreserven der TCMB verschleudert wurden, da war dann Schluss mit lustig. Wenige Tage nach dieser Zinsentscheidung, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vom 19. auf den 20. M\u00e4rz 2021, wurde der Zentralbankchef erneut <a href=\"https://www.bloomberght.com/merkez-bankasi-baskani-naci-agbal-gorevden-alindi-2277022\">per pr\u00e4sidialem Dekret</a> ausgewechselt. Anstatt seiner wurde erneut ein ehemaliger AKP-Parlamentarier eingewechselt, \u015eahap Kavc\u0131o\u011flu, der noch einen Monat zuvor im Flaggschiff der Revolverpresse,<i> Yeni \u015eafak</i>, <a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/sahap-kavcioglu/enflasyon-faiz-ve-doviz-kuru-2057586\">ganz aggressiv</a> die Meinung vertreten hatte, dass die Zinsen zu senken seien. Und so kam dann, was kommen musste: <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-03-21/turkey-bulls-are-wrong-footed-after-central-bank-hawk-s-ouster\">Kaum</a> \u00f6ffnete die Istanbuler B\u00f6rse wieder am 21. M\u00e4rz, musste sie gleich zweimal im Laufe des Tages wegen zu gro\u00dfen Kurseinbr\u00fcchen schlie\u00dfen. Erneut kam es mit <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-dunya-56495233\">1400% Zinsen</a> auf TL-Swaps zu einer TL-Klemme im Londoner Devisenmarkt und innerhalb einer einzigen Woche waren <a href=\"https://www.bloomberght.com/doviz/dolar\">fast alle</a> die m\u00fchsamen Gewinne der TL gegen\u00fcber dem $ von \u00fcber f\u00fcnf Monaten zunichte gemacht geworden. Absurderweise senkte der neue Zentralbankchef \u2013 vermutlich \u00fcberrannt von den heftigen Reaktionen der Finanzm\u00e4rkte \u2013 <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-04-15/turkey-holds-rates-in-first-meeting-under-new-central-banker\">noch nicht einmal</a> die Zinsen und <a href=\"https://www.bloomberght.com/tcmb-baskani-kavcioglu-nun-ilk-ozel-roportaji-2277484\">gab</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/merkez-bankasi-baskani-kavcioglu-erken-gevseme-beklentisi-ortadan-kalkmali,956322\">sogar</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/merkez-bankasi-baskani-sahap-kavcioglundan-flas-mesajlar-1824350\">mehrmals durch</a>, dass er sich an die orthodox-neoliberalen Spielregeln halten w\u00fcrde. Der Zentralbank-Leitzins steht daher immer noch bei 19%, wobei die Inflationsrate mittlerweile fast ebenso hoch ist und daher starken Druck auf den Leitzins nach oben aus\u00fcbt, anstatt wie erhofft einen kleinen Spielraum f\u00fcr die Senkung der Zinsen zu liefern. Auch der Finanzminister \u2013 der nicht entlassen wurde \u2013 <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-03-22/turkey-says-no-step-back-from-free-markets-after-lira-crash\">beteuerte</a> hilflos die freien M\u00e4rkte, das liberale Devisenregime und dergleichen. Es nutzte aber alles nichts. Tiefe Entt\u00e4uschung sodann, <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/tusiad-yik-baskani-ozilhan-ekonomi-yonetimini-elestirdi-1824292\">erneut</a>, beim Gro\u00dfkapital: eineinhalb Jahre \u00f6konomischer Reformpakete seien ergebnislos geblieben, ohne Berechenbarkeit sei nichts zu machen, die T\u00fcrkei verpasse den Anschluss an die Welt wie schon zu Ende der 1970er, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tusiad-de-genel-kurul-gunu-ozilhan-rezervlerden-doviz-satmak-ancak-kisa-vadede-ise-yarar-kaslowski-3-yildir-aciklanan-ekonomik-paketler-sonuc-vermedi,942481\">so</a> der T\u00dcSIAD.</p><p>Zwar ist die T\u00fcrkei wegen der massiven Kreditexpansion und den niedrigen Zinsen nach China <a href=\"https://www.aa.com.tr/en/economy/turkish-economy-grows-18-in-2020/2160307\">das einzige Land</a> innerhalb der G20, das das Jahr 2020 mit einem <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/03/01/buyume-yuzde-18-ekonomik-gorunum-nasil/\">wirtschaftlichen Plus</a> abschloss (1,8% BIP-Wachstum in der T\u00fcrkei f\u00fcr das ganze Jahr). Auch im neuen Jahr w\u00e4chst die t\u00fcrkische Wirtschaft bislang <a href=\"https://t24.com.tr/haber/turkiye-2021-in-ilk-ceyreginde-yuzde-7-buyudu,955702\">kr\u00e4ftig weiter</a> (7%/BIP-Wachstum im 1. Quartal 2021 gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum). Aber nicht nur blieben die strukturellen Defizite des t\u00fcrkischen Neoliberalismus wie die finanzielle Au\u00dfenabh\u00e4ngigkeit und das gro\u00dfe <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/12/turkey-erdogan-akp-alarming-surge-consumer-corporate-debt.html\">Leistungsbilanzdefizit</a> (-5,1%/BIP, 2020) bestehen, welches weiterhin mit ausl\u00e4ndischem Kapital finanziert werden muss. Es gesellte sich auch noch ein gr\u00f6\u00dferes staatliches Defizit (-3,7%/BIP, 2020) hinzu, das logischerweise zu einer <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/01/turkey-economy-public-debt-is-growing-generating-risks.html\">betr\u00e4chtlichen Erh\u00f6hung</a> der einst eigentlich recht niedrigen Staatsverschuldung auf 40%/BIP (2018: 29%, 2019: 31%) f\u00fchrte \u2013 wovon <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/01/turkey-economy-public-debt-is-growing-generating-risks.html\">mehr als die H\u00e4lfte</a> in ausl\u00e4ndischer W\u00e4hrung besteht. Das hei\u00dft: Auf den Wertverlust der Lira folgt nicht nur Zunahme der Verschuldung der Privaten, sondern auch des Staates. Mittlerweile hat Erdo\u011fan ein <a href=\"https://haber.sol.org.tr/haber/erdogandan-akplileri-uzen-tasarruf-genelgesi-cumhurbaskanligi-muaf-308251\">umfassendes Sparpaket</a> f\u00fcr alle staatlichen Institutionen und Ministerien ver\u00f6ffentlicht \u2013 ausgenommen nat\u00fcrlich des Pr\u00e4sidialamtes. Ebenfalls nahm wegen der Kreditschwemme und dem W\u00e4hrungsverfall die (Privat-)Verschuldung enorm zu (75%/BIP <a href=\"https://data.worldbank.org/indicator/FS.AST.PRVT.GD.ZS?locations=TR\">Inlandsverschuldung</a> der Privaten, insgesamt 60%/BIP <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/02/turkey-foreign-debt-risks-hover-over-turkish-lira-recovery.html\">Auslandsverschuldung</a> privat und \u00f6ffentlich), wobei <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/05/further-depreciation-turkish-lira-appears-inevitable\">alleine</a> 200 Milliarden $ an Schulden (etwa 25%/BIP) in ausl\u00e4ndischer W\u00e4hrung haupts\u00e4chlich des Privatsektors kurzfristig, das hei\u00dft innerhalb von 12 Monaten umzuw\u00e4lzen sind.</p><p>Die zu erwartende Explosion der <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/bankalarin-batik-kredileri-hakkinda-gec-olmadan-konusmamiz-lazim,31117\">Rate notleidender Kredite</a> (<i>non-performing loans</i>, NPL) konnte nur mittels tempor\u00e4rer Ma\u00dfnahmen verdeckt werden: Wurden fr\u00fcher 90 Tage \u00dcberziehung von Kreditratenr\u00fcckzahlungen als notleidende Kredite klassifiziert, so erlaubte die Regierung w\u00e4hrend der Pandemie eine Ausweitung auf 180 Tage. Daher betr\u00e4gt derzeit der Anteil der NPL an allen Krediten offiziell 3,79%; nach fr\u00fcherer Darstellung berechnet jedoch 4,43%. Rechnet man alle Kredite hinzu, die in irgendeiner Weise R\u00fcckzahlungsschwierigkeiten aufweisen, kommt man auf einen Anteil problematischer Darlehen von 15% an allen Krediten. Zudem wurden Darlehen in Milliardenh\u00f6he umstrukturiert; das hei\u00dft, es wurden R\u00fcckzahlungskonditionen von bestehenden Krediten im Sinne der Schuldner ver\u00e4ndert (beispielsweise mittels Ratenaufschub, oder blo\u00dfer Zinszahlung f\u00fcr eine bestimmte Zeit). So wurden <a href=\"https://www.dunya.com/finans/haberler/178-firmanin-38-milyar-lira-borcuna-yapilandirma-haberi-619418\">beispielsweise</a> zwischen Oktober 2019 und M\u00e4rz 2021 Kredite von 178 Unternehmen in H\u00f6he von 38 Milliarden TL umstrukturiert. Anfang Juli dieses Jahres kam es zur bislang <a href=\"https://www.bloomberght.com/istanbul-havalimani-isletmecisinden-turkiye-tarihinin-en-buyuk-refinansmani-2284223\">gr\u00f6\u00dften Refinanzierungsaktion</a> der t\u00fcrkischen Geschichte: Bezeichnenderweise war es die den dritten Istanbuler Flughafen bedienende Operateurin IGA, die ganze 6,9 Milliarden $ Schulden refinanzieren lie\u00df. <a href=\"https://www.academia.edu/44607632/Turkeys_Public_Banks_Amid_the_Covid_19_Pandemic\">Schon 2018</a> betrug die H\u00f6he der Kreditrestrukturierungen f\u00fcr Unternehmen 30 Milliarden $. Aber darauf zu spekulieren, dass Unternehmen, die heute Kredite nicht mehr zur\u00fcckzahlen k\u00f6nnen, morgen pl\u00f6tzlich wieder in der Lage hierzu sind, stellt eine sehr riskante Flucht in die Zukunft dar. Man denke an das an sich unbedeutende Unternehmen Diriteks Tekstil, dessen B\u00f6rsenwert im Jahr 2020 um ganze 246% zulegte. Diriteks Tekstil musste Anfang des Jahres schon Schulden von \u00fcber einer Million TL restrukturieren, konnte die erste R\u00fcckzahlungsrate trotz g\u00fcnstiger Konditionen dennoch nicht zahlen und sah sich folgerecht einem Vollstreckungsverfahren seitens des Gl\u00e4ubigers, der \u00f6ffentlichen Halk Bank, <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/zombilerin-yukselisi-makale-1502135\">ausgesetzt</a>. Ein \u00d6konom der Europ\u00e4ischen Bank f\u00fcr Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) spricht mit Bezug auf die notleidenden Kredite in der T\u00fcrkei treffend vom \u201e<a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-12/turkey-s-credit-boom-seen-at-risk-of-backfiring-into-bad-loans\">elefant-in-the-room</a>\u201c. Und nicht ohne Grund sind die Profite der \u00f6ffentlichen Banken \u2013 die ja zu jener Kreditschwemme zu realen Negativzinsen politisch forciert wurden \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kamu-bankalarinin-karinda-sert-dusus-vakifbank-in-kari-yuzde-56-halkbank-in-yuzde-92-azaldi,951544\">ins Bodenlose gefallen</a> und gehen mittlerweile <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/ekonomi/kamu-bankalarindan-iki-ayda-11-milyar-tllik-zarar-iki-nedeni-var-6512170/\">ins Minus</a>.</p><p>Der Wert der Lira f\u00e4llt indes weiter. Die Dollarisierung der Einlagen, also der Anteil von $-Bankeinlagen an allen Bankeinlagen, als Schutz vor W\u00e4hrungsverfall und Inflation betr\u00e4gt weiterhin <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/05/further-depreciation-turkish-lira-appears-inevitable\">fast 60%</a>, die Inflation ist mit <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/turkish-inflation-climbs-two-year-high-likely-delaying-interest-rate-cut\">mittlerweile 18,95%</a> (Juli) erneut stark gestiegen und die Schere zwischen der Inflation der Produzentenpreise und der Verbraucherpreise <b>[8]</b> hat mit fast 26% mittlerweile einen <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/fiyatlara-uretici-farki-sonbaharda-geliyor-haberi-627126\">historischen H\u00f6chststand</a> erreicht. Diese Entwicklung wird sich sehr sicher in kurzer Zeit auf die Verbraucherpreise niederschlagen. Kaum jemand glaubt mehr den erw\u00e4hnten Inflationszahlen des T\u00dcIK; alternative Berechnungen der Untersuchungsgruppe Inflation (<i>Enflasyon Ara\u015ft\u0131rma Grubu</i>, ENAG) gehen von einer fast dreifachen Inflationsrate (<a href=\"https://twitter.com/ENAGRUP/status/1345997008117649408\">36%</a> f\u00fcr 2020) als der offiziell angegebenen aus. Es verwundert nicht, dass die ENAG wegen \u201egezielter Verleumdung\u201c und \u201eIrref\u00fchrung der \u00d6ffentlichkeit\u201c <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-05-08/turkish-researchers-face-fines-for-publishing-own-inflation-data\">prompt</a> seitens des T\u00dcIK und des Finanzministers angezeigt und vom Staatsanwalt vorgeladen wurde.</p><h4><i>Lange Rede, kurzer Sinn: Die kr\u00e4ftigen Wachstumszahlen verdecken nicht nur die Ausma\u00dfe der sozialen Depravation, sondern \u00fcberhaupt die fundamentale Instabilit\u00e4t des Akkumulationsregimes und des Krisenmanagements.</i></h4><p>Diese werden seit Jahren palliativ behandelt, wobei sich Instabilit\u00e4t und Krisen Jahr um Jahr versch\u00e4rfen. Ob und wann sich diese Instabilit\u00e4t erneut als manifeste Krise Bahn bricht, steht in den Sternen geschrieben. Fest steht jedoch: Umso mehr sie sich versch\u00e4rft, umso heftiger bricht sie hervor, wenn es soweit ist. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt: Das ist immer wieder der Fall. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der stets wiederkehrende Zyklus aus struktureller Instabilit\u00e4t \u2013 Krise \u2013 palliatives Krisenmanagement beendet wird, solange das derzeitige politische und Akkumulationsregime bestehen bleibt.</p><h2><b>Das Unbehagen im Akkumulationsregime</b></h2><p>Im Unterschied zu den untergeordneten Kapitalfraktionen geht es dem Gro\u00dfkapital unmittelbar ganz pr\u00e4chtig: Die gr\u00f6\u00dften Kapitalgruppen und Privatbanken der T\u00fcrkei wie <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/koc-holding-2020de-927-milyar-tl-kar-etti-1814053\">Ko\u00e7</a>, Sabanc\u0131, \u0130\u015f Bankas\u0131 und so weiter legten <a href=\"https://www.birgun.net/haber/ulkede-kriz-yasanirken-koc-ve-sabanci-net-karini-ikiye-katladi-321976\">2020</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/koc-holding-in-konsolide-cirosu-ilk-ceyrekte-5-kat-artti-ceo-cakiroglu-son-5-yilda-43-3-milyar-tl-yatirim-yaptik,951019\">wie auch</a> <a href=\"https://www.bloomberght.com/sabanci-ilk-ceyrekte-krini-47-artirdi-2279847\">bisher</a> im Jahr 2021 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/is-bankasi-ilk-ceyrek-karini-yillik-bazda-yuzde-27-artirdi,952180\">kr\u00e4ftig zu</a>, an Ums\u00e4tzen so sehr wie an Profiten. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/iso-500-aciklandi-iste-pandemi-yilinda-sanayinin-devleri-haberi-622485\">gr\u00f6\u00dften 500 Industrieunternehmen</a> der T\u00fcrkei, deren gr\u00f6\u00dfte zu ebenen jenen Kapitalgruppen geh\u00f6ren \u2013 auch wenn ihre Verschuldung und Schuldenr\u00fcckzahlungen ebenfalls zunahmen und sich ihre kr\u00e4ftigen Profitsteigerungen haupts\u00e4chlich aus dem nicht-operativen Gesch\u00e4ft ergaben (also au\u00dferhalb ihres industriellen Kerngesch\u00e4fts liegend, z.B. im Finanzwesen). Woher kommt also das Unbehagen der f\u00fchrenden \u00f6konomischen Akteure im Akkumulationsregime? Warum beschwert sich der T\u00dcSIAD fast durchgehend \u00fcber das derzeitige Regime (au\u00dfer es legt mal wieder eine orthodox-neoliberale Wende hin)?</p><h4><i>Marxistische Theoretiker*innen und Kritiker*innen haben \u00fcberzeugend dargestellt, dass Erdo\u011fans weiter oben dargestellten permanenten \u201eZigzag\u2019s\u201c nicht einer pers\u00f6nlichen Schrulle des Pr\u00e4sidenten entspringen oder gar einer islamistischen Ideologie, wie es \u00f6fter aus (links-)liberalen Kreisen zu h\u00f6ren ist.</i></h4><p>Es handelt sich vielmehr um einen immer prek\u00e4rer werdenden Balanceakt des Regimes zwischen den \u00f6konomischen Interessen des Gro\u00dfkapitals und denen der KMU, wobei die letzteren gemeinsam mit ihren Besch\u00e4ftigten zur Hauptw\u00e4hler*innenbasis des derzeitigen Regimes geh\u00f6ren. In Abgrenzung zu liberalen Analyseans\u00e4tzen tendieren die marxistischen dennoch oft in eine allzu rigide strukturalistische Richtung: Die These vom \u201e<a href=\"https://www.taylorfrancis.com/chapters/edit/10.4324/9781003098638-5/making-new-neoliberal-state-turkey-melehat-kutun\">neuen Neoliberalismus</a>\u201c legt beispielsweise nahe, dass der Autoritarismus Erdo\u011fans eine geradezu notwendige Folge der Krise des finanzialisierten Neoliberalismus (in der T\u00fcrkei) darstellt. Dabei streben doch gerade die b\u00fcrgerliche Opposition in der T\u00fcrkei und die \u00f6konomisch dominanten Akteure, das Gro\u00dfkapital, eine Perspektive der Restauration des Neoliberalismus anstelle des derzeitigen dezisionistischen Regimes an. Der Marxist \u00dcmit Ak\u00e7ay <a href=\"https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13569775.2020.1845920\">hebt zwar hervor</a>, dass die bisher gr\u00f6\u00dfte Krise des Regimes, die sich durch den Gezi-Aufstand 2013 manifestierte, nicht unmittelbar aus einer Krise des Akkumulationsregimes folgte. Er f\u00fchrt aus, dass es so etwas wie \u201e[t]he political elite\u2019s survival strategies\u201c (S. 10) gab, die zu einer Staatskrise und dann zum Wandel des politischen Regimes hin zur pr\u00e4sidialen Diktatur f\u00fchrten \u2013 sprich, sich politische K\u00e4mpfe nicht eins zu eins auf die Verh\u00e4ltnisse im Akkumulationsregime zur\u00fcckf\u00fchren lassen. Gleichzeitig bleiben sie davon auch nicht g\u00e4nzlich unabh\u00e4ngig, da beispielsweise im betreffenden Fall die Akkumulationskrise die Staatskrise versch\u00e4rfte. Dann aber ordnet Ak\u00e7ay den politischen Autoritarismus in der T\u00fcrkei dem allgemeinen globalen Trend zum Autoritarismus angesichts wirtschaftlicher Stagnation zu und identifiziert \u00fcberhaupt politischen Autoritarismus mit Neoliberalismus, den er als \u2013 ausschlie\u00dfliche? \u2013 <a href=\"https://newleftreview.org/sidecar/posts/erdogans-zigzags\">Ursache</a> f\u00fcr jenen Autoritarismus betrachtet \u2013 als ob das eine zwangsl\u00e4ufig aus dem anderen folgte. Auch historisch betrachtet ist dies ungen\u00fcgend: Als sei es nach Thatcher und Reagan nicht zur Formation eines \u201eprogressiven Neoliberalismus\u201c gekommen; als g\u00e4be es aktuell nicht Biden in den USA, den Aufschwung des Gr\u00fcnen Kapitalismus in Europa und die neoliberale Restaurationsperspektive in der T\u00fcrkei als reale Alternativen f\u00fcr die dominanten Fraktionen des Kapitals.</p><p>Der Marxist Ali R\u0131za G\u00fcrgen hebt gegen liberale Ans\u00e4tze <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/sermayeyi-agirlamak-makale-1509511\">hervor</a>, dass nicht der Autoritarismus von Erdo\u011fan f\u00fcr die prek\u00e4re Situation der internationalen Kapitalfl\u00fcsse in die T\u00fcrkei verantwortlich sei, sondern \u2013 so legt es sein Artikel nahe \u2013<i> ausschlie\u00dflich</i> der globale Kontext, das hei\u00dft die globale Krise des Kapitalismus im Zuge der Coronapandemie, die ein Versiegen der Kapitalstr\u00f6me in die Peripherie mit sich brachte. Es stimmt nat\u00fcrlich, dass die t\u00fcrkische Wirtschaft wegen ihrer abh\u00e4ngigen Finanzialisierung auf internationale Kapitalstr\u00f6me besonders sensibel reagiert. Warum dann aber beispielsweise letztes Jahr die Lira derjenigen W\u00e4hrung der Schwellenl\u00e4nder wurde, die am st\u00e4rksten abwertete, obwohl alle Schwellenl\u00e4nder mehr oder minder im selben globalen Kontext operieren und alle mehr oder minder von internationalen Kapitalfl\u00fcssen abh\u00e4ngen, l\u00e4sst sich nicht allein damit erkl\u00e4ren.</p><h4><i>Selbstverst\u00e4ndlich hat die Politik und damit auch die unvorhersehbare \u2013 oder eigentlich: vorhersehbar im Zickzackkurs prozessierende \u2013 Wirtschaftspolitik des Regimes unmittelbare Auswirkungen auf die Kapitalkreisl\u00e4ufe: Die offensichtlich politisch herbeigef\u00fchrte Negativzinspolitik der TCMB letzten Jahres f\u00fchrte sehr unmittelbar zu einem Versiegen der internationalen Kapitalstr\u00f6me und versch\u00e4rfte die Krise.</i></h4><p>Die erneute \u201eUnberechenbarkeit\u201c und Politisierung der Wirtschaftspolitik seit M\u00e4rz dieses Jahres nach einem kurzen orthodox-neoliberalen Intermezzo f\u00fchrt weiterhin zu einem Fall des Wertes der Lira, damit zu einer Steigerung der Inflation und so weiter, die sich nicht allein aus der strukturellen Akkumulationskrise erkl\u00e4ren lassen, sondern wesentlich durch die Wirtschaftspolitik des Regimes versch\u00e4rft werden. Politik und Wirtschaftspolitik gehen somit selbst nicht unmittelbar oder ausschlie\u00dflich auf in ihren Funktionen f\u00fcr die Erf\u00fcllung der Interessen der dominanten \u00f6konomischen Akteure. Sie funktionieren ebenso im Sinne des politischen Machterhalts, was sich nicht immer oder nicht in jeder Hinsicht mit den Interessen der dominanten \u00f6konomischen Akteure deckt und zugleich unmittelbare Auswirkungen auf die Akkumulation hat. Umgekehrt sind die dominanten Fraktionen des Kapitals nicht nur am weitestgehend reibungslosen Funktionieren der Kapitalkreisl\u00e4ufe interessiert, sondern ebenso am gesamtgesellschaftlichen Kontext, in dem die Kapitalkreisl\u00e4ufe eingebettet sind, sprich an der Stabilit\u00e4t gesellschaftlicher Hegemonie.</p><p>Die marxistischen Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze zur derzeitigen Situation in der T\u00fcrkei leiden meines Ermessens daran, dass sie bestimmte \u00f6konomische Zusammenh\u00e4nge als gegeben und als ausschlie\u00dflich oder haupts\u00e4chlich determinativ f\u00fcr gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse ansehen, dabei aber die gesellschaftlichen und hegemonialen Aspekte von Vergesellschaftung sowie den (Klassen-)Kampf um hegemoniale (\u00f6konomische) Strategien essentialistisch oder funktionalistisch relativieren und ihnen keine wesentliche Determinationskraft zuordnen. Wie schon hervorgehoben, hat das Wirtschaftsmanagement unter Erdo\u011fan den wirtschaftspolitischen Spielraum der \u201egoldenen Jahre\u201c (2002-10) dazu genutzt, klientelkapitalistische Beziehungen aufzubauen und zu st\u00e4rken, anstatt diesen f\u00fcr ein Upgrade der kapitalistischen Struktur der t\u00fcrkischen Wirtschaft insgesamt zu verwenden. Diese klientelkapitalistischen Beziehungen sind zwar, gesamtwirtschaftlich gesprochen, nebens\u00e4chlich: Der linke Analytiker Bahad\u0131r \u00d6zg\u00fcr <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/baskan-ve-milli-oligarklari-makale-1501497\">skandalisiert</a> zwar zurecht, dass die gr\u00f6\u00dften 10 Unternehmen, die die gr\u00f6\u00dften Staatsauftr\u00e4ge erhalten, 2002-19 Auftr\u00e4ge in H\u00f6he von 203,9 Milliarden $ oder Auftr\u00e4ge von einem Volumen von 26%/BIP zugesprochen bekommen haben. Damit ist laut WB die T\u00fcrkei das Land, in dem die gr\u00f6\u00dften 10 Unternehmen am meisten Staatsauftr\u00e4ge relativ zum BIP bekommen, noch vor Brasilien mit 9,8%/BIP. Aber diese Relationen verblassen im Vergleich zum Gro\u00dfkapital, was \u00d6zg\u00fcr und viele andere linke Analytiker*innen nicht betonen und daher ein verzerrtes Bild reproduzieren: Allein die gr\u00f6\u00dfte Kapitalgruppe der T\u00fcrkei, die <a href=\"https://www.koc.com.tr/hakkinda/biz-kimiz\">Ko\u00e7 Holding</a>, hat einen j\u00e4hrlichen Umsatz von 6%/BIP; die <a href=\"https://tusiad.org/tr/tusiad/hakkinda\">T\u00dcSIAD</a> als Ganze hingegen produziert 50%/BNP ausschlie\u00dflich des \u00f6ffentlichen Sektors. Weder Ko\u00e7 noch die T\u00dcSIAD als Ganze z\u00e4hlen zum klientelkapitalistischen Netzwerk im engeren Sinne, sondern bilden den Hauptmotor des t\u00fcrkischen Kapitalismus. Aufgrund dieser vergleichbar untergeordneten Rolle des Klientelkapitalismus war daher die Gro\u00dfbourgeoisie diesen Beziehungen gegen\u00fcber lange Zeit auch mehr oder minder gleichg\u00fcltig eingestellt, oder hielt sie f\u00fcr einen Preis, den man f\u00fcr die im Sinne des Gro\u00dfkapitals umgesetzten neoliberalen Reformen seitens der AKP zahlen musste. Sie sind aber f\u00fcr den politischen Machterhalt des Regimes unerl\u00e4sslich, so sehr, wie sie im derzeitigen dezisionistisch-polykratischen Politikgef\u00fcge gleichzeitig auch zu einer Last werden f\u00fcr das Regime, da ein \u201eSkandal\u201c nach dem anderen auffliegt (ich f\u00fchre dies sp\u00e4ter aus). Zum anderen: Auch das wirtschaftliche Krisenmanagement des Regimes zielt ganz offensichtlich darauf, durch St\u00fctzung der KMU das politische \u00dcberleben des Regimes zu sichern. Wegen der \u00f6konomischen Subordination der KMU und wegen des Realit\u00e4tssinnes der AKP wird dabei stets der prek\u00e4re Balanceakt mit dem Gro\u00dfkapital gesucht, woraus sich der schon beschriebene Zickzack-Kurs herleitet, der aber zugleich die fundamentale wirtschaftliche Instabilit\u00e4t versch\u00e4rft.</p><h2><b>Der Kampf um die Krise des Neoliberalismus</b></h2><h4><i>Gesellschaftliche Hegemonie besteht nicht allein aus und dient nicht allein der \u00f6konomischen Dominanz beziehungsweise Hegemonie der f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals, wie sich umgekehrt \u00f6konomisch hegemoniale Akteure nicht allein um (ihre) \u00f6konomische Dominanz und Hegemonie k\u00fcmmern, sondern auf umfassende gesellschaftliche Hegemonie visieren.</i></h4><p>In der Organisation gesellschaftlicher Hegemonie werden nicht nur die Interessen der \u00f6konomisch relevanten Akteur*innen prozessiert, sondern auch derer, die im Politischen, Kulturellen und Sozialen Deutungsmuster, Ideologien, Vermittlungsformen usw. im Sinne gesellschaftlicher Hegemonie und damit ebenfalls politische, kulturelle (und andere) Hegemonie(n) organisieren. Militarismus, Chauvinismus, gesellschaftliche Polarisierung, Dezisionismus und dergleichen sind hierbei ebenso Mittel, mit denen das derzeitige Regime in der T\u00fcrkei versucht, sich teils mit nicht unmittelbar \u00f6konomischen Methoden eine neue Legitimationsbasis zu schaffen und daher nicht allein als Funktionen f\u00fcr die kapitalistische Akkumulation zu betrachten. Daher funktioniert der politische Machterhalt des Regimes beziehungsweise die Sicherung seines \u00dcberlebens trotz aller Krisen im Land weiterhin, auch wenn seit l\u00e4ngerem die Legitimation des Regimes schleichend untergraben wird. Der immer <a href=\"https://tr.euronews.com/2020/11/09/metropoll-turkiye-nin-nabz-anketi-ak-parti-oylar-ilk-kez-yuzde-30-un-alt-nda\">noch verbreitete Unglaube</a> der Bev\u00f6lkerung, dass die Opposition es <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halkin-yarisindan-fazlasi-muhalefet-partilerinin-iktidara-karsi-alternatif-cozum-onerileri-sunamadigini-dusunuyor,938203\">besser</a> machen k\u00f6nne (bzw. dass es tragf\u00e4hige <a href=\"https://t24.com.tr/haber/arastirma-muhafazakar-secmen-sosyal-demokrat-secmene-kiyasla-daha-karasiz-secmenin-stratejik-oy-verme-egilimi-guclu,921725\">alternative Parteien</a> g\u00e4be), der weiterhin fest verankerte Glaube von fast 80% der AKP-W\u00e4hler*innen an eine <a href=\"https://www.turkuazlab.org/wp-content/uploads/2020/12/Turkiyede-Kutuplasmanin-Boyutlari-2020-Arastirmasi-Sunumu.pdf\">ausl\u00e4ndische Verschw\u00f6rung</a> hinter dem Gezi-Aufstand 2013, und die damit im Zusammenhang stehende viel st\u00e4rkere Zunahme der wahltechnisch betrachtet <a href=\"https://t24.com.tr/haber/arastirma-muhafazakar-secmen-sosyal-demokrat-secmene-kiyasla-daha-karasiz-secmenin-stratejik-oy-verme-egilimi-guclu,921725\">Unsicheren/Schwankenden</a> als derer, die statt den Regimeparteien nun die Oppositionsparteien w\u00e4hlen wollen, bezeugt das Gewicht der relativen Autonomie politischer und sozialer Muster von Macht und Identit\u00e4tsbildung auch inmitten einer Hegemoniekrise.</p><p>Weder die Krise des Akkumulationsregimes, noch die allgemeinere Legitimationskrise haben unmittelbar und unvermittelt soziale und politische Effekte. Sie haben nur vermittelt durch die Formen des Politischen und des Sozialen Effekte, die somit co-determinativ sind und deren Eigenheiten daher nicht einfach funktionalistisch entkernt werden k\u00f6nnen. Umgekehrt gef\u00e4hrden insbesondere gesellschaftliche Polarisierung und Dezisionismus aus der Perspektive des orthodox-neoliberalen b\u00fcrgerlichen Lagers \u2013 wegen der durch sie teils induzierten, teils versch\u00e4rften Hegemoniekrise \u2013 die Stabilit\u00e4t des gesamten gesellschaftlichen Systems ungleicher und ausbeuterischer gesellschaftlicher Beziehungen (nicht nur der \u00f6konomischen) grundlegend, weshalb sie, zumindest in ihrer eigenen diskursiven Repr\u00e4sentation, f\u00fcr eine stabilere Form der Regulation<i> aller</i> gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse streiten. <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/iktidar-bloku-icinde-arayislar-makale-1507278\">Das regulationstheoretische Argument</a>, dass das (hegemoniale) Projekt politischer Akteure die Interessen der Bourgeoisie im weitesten Sinne mit einbeziehen muss, und dass erst die Synchronisation von politischem Projekt mit diesen Interessen die Kontinuit\u00e4t des Machtblocks gew\u00e4hrleistet, ist zwar so allgemein gehalten richtig, weicht der Bearbeitung dieser Felder aber letztlich aus und zieht sich auf eine deskriptive Position zur\u00fcck (Feststellung von Synchronit\u00e4t oder Asynchronit\u00e4t/Krise). Es ist daher auch zugleich nicht richtig: Zum einen aufgrund der Bandbreite an M\u00f6glichkeiten, die zwischen vollst\u00e4ndiger Synchronisation und vollst\u00e4ndiger Asynchronit\u00e4t liegen. Es fehlt die Antwort auf die Frage nach den Faktoren, die festlegen, welche Position genau zwischen vollst\u00e4ndiger Synchronisation und vollst\u00e4ndiger Asynchronit\u00e4t eingenommen wird und damit nach Akteur*innen, Funktionsweisen und Interessen (innerhalb) derjenigen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, die miteinander synchronisieren oder asynchron sind. Damit im Zusammenhang l\u00e4sst es zum anderen die Frage nach der Eigenheit nicht-\u00f6konomischer Sph\u00e4ren und somit nicht-\u00f6konomischer Interessen, Akteure, Hegemonien usw. im Ensemble der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse unbeantwortet und legt einen Funktionalismus \u201ein letzter Instanz\u201c nahe (in letzter Instanz m\u00fcssen diese anderen Verh\u00e4ltnisse n\u00e4mlich mit den \u00f6konomischen synchronisieren). Aus dieser unzureichenden theoretischen Bearbeitung folgt aber die unzureichende Analyse hegemonietheoretisch ausschlaggebender Prozesse, was der theorie- und analyseimmanente Grund f\u00fcr die Attraktivit\u00e4t nicht-marxistischer Ans\u00e4tze ist.</p><p>Liest man die Verlautbarungen des T\u00dcSIAD genauer, kann man eine ineinander verschr\u00e4nkte \u00f6konomische wie politisch-regulative, in jeder Hinsicht jedoch <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/kavga-turkiye-kapitalizmini-kim-nasil-yonetecek-makale-1517988\">sehr umfassende</a> Kritik am derzeitigen Regime herauslesen: <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/tusiad-yik-baskani-ozilhan-ekonomi-yonetimini-elestirdi-1824292\">\u00d6konomisch</a> wird ganz offen f\u00fcr eine neoliberale Restauration auf erweiterter Grundlage optiert. Politisierung der regulativen Institutionen, Unvorhersehbarkeit, Unf\u00e4higkeit in der Inflations- und W\u00e4hrungsverfallsbek\u00e4mpfung und somit palliatives statt transformatives Krisenmanagement werden darin scharf kritisiert. Im Gegenzug werden eine neoliberale Geldpolitik, depolitisierte regulative Institutionen, ein Krisenmanagement und eine Wirtschaftspolitik eingefordert, die die industrielle Produktionsbasis des t\u00fcrkischen Kapitalismus eine Stufe h\u00f6her heben kann, statt mit Kreditschwemmen bankrotte Gesch\u00e4ftsmodelle am Leben zu halten. Das Kalk\u00fcl ist, in den globalen Lieferketten aufzusteigen und China partiell abzul\u00f6sen. <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/catismanin-alternatif-bir-yuzu-tusiad-ve-mhp-makale-1526777\">Politisch-regulativ</a> betrachtet kritisiert der T\u00dcSIAD fast alle wichtigen politischen Entscheidungen des Regimes: Ob nun den Austritt aus der Istanbuler Konvention, das HDP-Verbotsverfahren, die Berufung des neuen Rektors der Bo\u011fazi\u00e7i-Universit\u00e4t wider den Willen der Studierenden und Lehrenden, die Bildungspolitik, die Infragestellung des Laizismus, die Repression der Medien, die diplomatische Isolation des Landes oder die politisierte Justiz \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tusiad-yuksek-istisare-konseyi-baskani-ozilhan-dan-sedat-peker-aciklamasi-kamuoyu-nezdinde-dile-gelen-bu-suphelerin-giderilmesi-gerekiyor,959760\">nicht zuletzt</a> die durch Sedat Pekers \u201eOffenbarungen\u201c publik gemachte Versumpfung des Staates. All dies wird kritisiert aus der Angst heraus, dass ansonsten gesellschaftliche Polarisierung und Legitimationseinbruch die Hegemoniekrise so sehr versch\u00e4rfen k\u00f6nnten, dass sie nicht mehr nur die derzeitige Regierung und das derzeitige politische Regime gef\u00e4hrden. Aus demselben Grund bezieht sich der Vorsitzende des T\u00dcSIAD, Simone Kaslowski, positiv-wohlwollend auf Bidens Krisenpaket, das er als \u201e<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/kavga-turkiye-kapitalizmini-kim-nasil-yonetecek-makale-1517988\">sozialdemokratisch gef\u00e4rbt</a>\u201c charakterisiert. Bez\u00fcglich des Krisenmanagements in der T\u00fcrkei \u00e4u\u00dfert er, wie oben hervorgehoben, Sorge wegen Inflation und Arbeitslosigkeit.</p><p>Inwiefern die Vorschl\u00e4ge der restaurativen Akteure \u00fcberhaupt f\u00fcr die popularen Klassen von Nutzen sind, diskutiere ich am Ende des Artikels genauer. F\u00fcr diesen Abschnitt m\u00f6chte ich allerdings Folgendes hervorheben: Nat\u00fcrlich w\u00e4re Erdo\u011fan ohne den Neoliberalismus nicht m\u00f6glich gewesen. Dessen krisenhafte Umsetzung in den 1990ern delegitimierte fast alle Parteien au\u00dferhalb der AKP, vor allem die sozialdemokratische Linke; zudem zerschlug die Privatisierungswelle der 2000er die organisiertesten Teile der Arbeiter*innenklasse, wie \u00fcberhaupt der Neoliberalismus f\u00fcr einen <a href=\"http://arastirma.disk.org.tr/wp-content/uploads/2020/09/D%C4%B0SK-AR-12-Eyl%C3%BCl-RAPOR-SON.pdf\">grundlegenden Positionsverlust</a> der Arbeiter*innenklasse sorgte (Entrechtung, stagnierende Reall\u00f6hne, klaffende Produktivit\u00e4ts-Lohn-Schere, finanzielle Abh\u00e4ngigkeit usw.).</p><h4><i>Eine desorientierte, zunehmend sozial depravierte Arbeiter*innenklasse bei gleichzeitiger (partieller) Delegitimation der b\u00fcrgerlichen Linken ist eine der wichtigsten Bedingungen f\u00fcr den Aufstieg der autorit\u00e4ren Rechten, die so einerseits das Vakuum f\u00fcllen, andererseits den sozialen Unmut auf ihre Art und Weise prozessieren kann.</i></h4><p>Marxist*innen wie Korkut Boratav, Galip Yalman, P\u0131nar Bedirhano\u011flu oder \u00dcmit Ak\u00e7ay haben diese Entwicklungen exzellent aufgearbeitet. Es sind dies aber nicht die einzigen und hinreichenden Gr\u00fcnde f\u00fcr den Aufstieg der autorit\u00e4ren Rechten \u2013 im Fall der T\u00fcrkei: f\u00fcr die Errichtung einer pr\u00e4sidialen Diktatur unter F\u00fchrung von Erdo\u011fan. Es bedarf auch einer autorit\u00e4ren Rechten, die, um der eigenen politischen Macht willen, einen erfolgreichen sozialen und politischen Kampf mit politischen Kontrahent*innen und den relevanten sozialen Akteuren um politische und soziale F\u00fchrung ausficht. Eine autorit\u00e4re Rechte, die zudem in der Lage ist, eine gewisse aktive oder passive Massenbasis zu schaffen. Einmal an der Macht, ist diese auch seitens der Gro\u00dfbourgeoisie nicht mehr ohne weiteres kontrollierbar und deshalb \u2013 au\u00dfer in au\u00dferordentlichen Krisenzeiten \u2013 selten von ihr erw\u00fcnscht. Daher \u00e4hnelt der T\u00dcSIAD heute dem Zauberlehrling, der die Geister nicht mehr kontrollieren kann, die er selbst herbeirief (oder zumindest stark in ihrer Genese unterst\u00fctzte). Es gibt aber auch keinen Zaubermeister, der helfen kann. Insofern ist es richtiger, den derzeitigen Autoritarismus nicht als \u201eneuen Neoliberalismus\u201c zu bezeichnen, <a href=\"https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Studien/Studien_6-19_Globalisierung.pdf\">sondern als</a> \u201eErgebnis einer mit zunehmender H\u00e4rte gef\u00fchrten Auseinandersetzung<i> um</i> Neoliberalismus\u201c (S. 59) seitens diverser im engeren Sinne \u00f6konomischer und nicht-\u00f6konomischer Akteur*innen. Erdo\u011fan bleibt an das Gro\u00dfkapital gebunden, das die \u00f6konomische Hauptkraft in der T\u00fcrkei ist. Und ebenso bleibt das Gro\u00dfkapital an Erdo\u011fan gebunden: Denn seine Regierung h\u00e4lt, wenn auch krisenhaft, die Profite des Kapitals und neoliberale Arbeitsverh\u00e4ltnisse aufrecht. Eine allzu antagonistische Opposition gegen Erdo\u011fan zu betreiben, vergr\u00f6\u00dfert die Gefahr, ganz andere Geister, n\u00e4mlich die popularen, zu entfachen, was wiederum aus Sicht des Gro\u00dfkapitals und der b\u00fcrgerlichen Opposition ganz andere Risiken birgt. Daher befinden sich Erdo\u011fan und Gro\u00dfkapital in einem instrumentellen Zweckverh\u00e4ltnis miteinander, das sie bei erstbester Gelegenheit \u00fcber den Haufen schmei\u00dfen w\u00fcrden \u2013 w\u00e4re dies nur m\u00f6glich, ohne gro\u00dfe Krisen zu riskieren!</p><h2><b>Autorit\u00e4re Konsolidierungsversuche</b></h2><h4><i>Die schon bekannten autorit\u00e4ren Konsolidierungsversuche des Regimes setzen sich derweil ununterbrochen fort. Sie setzen sich zusammen aus Unterdr\u00fcckung (erstens und zweitens), sowie Einbindung und Spaltung zugleich der Opposition (zweitens und drittens). Au\u00dferdem findet der Versuch der Festigung eines autorit\u00e4ren, dezisionistischen Regimes inklusive einer ihm entsprechenden neuen Legitimationsbasis statt (viertens).</i></h4><p><i>Erstens</i> wird der Kampf um die entscheidenden oppositionsgef\u00fchrten Gro\u00dfst\u00e4dte weitergef\u00fchrt. Wie schon dargelegt, bilden die oppositionsgef\u00fchrten Gro\u00dfst\u00e4dte \u2013 insbesondere Ankara und Istanbul \u2013 die politische Hauptschlagkraft der b\u00fcrgerlichen Opposition gegen das Regime, wie sie selbst Ergebnis eines erfolgreichen Kampfes der Opposition sind. Seit den Kommunalwahlen 2019, also seitdem Ankara und Istanbul nach Jahrzehnten von der AKP (oder Vorg\u00e4ngerparteien der AKP) an die Opposition \u00fcbergingen, decken deren neugew\u00e4hlte B\u00fcrgermeister <a href=\"https://t24.com.tr/haber/yavas-in-aktardigi-3-katrilyonluk-yolsuzluk-iddiasinin-bilancosu-sus-bitkileri-de-var-osmanlispor-da,919238\">einen Korruptions- oder Misswirtschaftsfall</a> <a href=\"https://www.birgun.net/haber/35-milyon-dolarlik-kamu-zarari-310611\">nach</a> <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/gundem/akp-doneminde-ibbde-paralari-odenen-isler-ortada-yok-6158045/\">dem anderen</a> aus der AKP-\u00c4ra auf. Zugleich nutzen sie die Mittel der Stadtverwaltungen, um durch dienstleistungsorientierte Politik und milde redistributive Ma\u00dfnahmen f\u00fcr die Mittellosen eine gewisse Massenbasis f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Opposition aufzubauen. Es ist <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/chp-iktidar-icin-yerel-yonetimlere-yogunlasti-haber-1501385\">offensichtlich</a>, dass die b\u00fcrgerliche Opposition darauf abzielt, durch den Erfolg in den Kommunalverwaltungen in die Macherrolle zu kommen, Barrieren bei Regime-W\u00e4hler*innen zu brechen und ergo gen\u00fcgend Unterst\u00fctzung aufzubauen, um die n\u00e4chsten Parlaments- und Pr\u00e4sidentschaftswahlen zu gewinnen. Erdo\u011fan und das um ihn herum organisierte Regime hingegen versuchen, den Handlungsspielraum der oppositionellen Stadtverwaltungen so weit wie m\u00f6glich einzuschn\u00fcren, um diese Rechnung der Gegenseite zu vereiteln.</p><p>Mehrere Mechanismen greifen dabei ineinander: Zum einen werden zwar die B\u00fcrgermeister der betreffenden St\u00e4dte von der oppositionellen CHP gestellt, die Stadtparlamente sind aber immer noch von AKP und MHP dominiert. Das bedeutet, die Parteien des Regimes nutzen ihre Parlamentsmehrheiten, um die Legislative und Exekutive auf Munizipalebene zu blockieren. Zudem nutzt Erdo\u011fan die Mittel des Zentralstaates, um die Ressourcen der St\u00e4dte so weit wie m\u00f6glich zum Versiegen zu bringen: So bekommen oppositionsgef\u00fchrte St\u00e4dte (und Unternehmen) unterdurchschnittlich wenig zentralstaatliche Gelder und <a href=\"https://2020.tr-ebrd.com/state-banks-on-the-rise/\">\u00f6ffentliche Kredite</a>, weshalb sie sich <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-4-metro-hatti-icin-eurobond-la-580-milyon-dolar-borclandi-imamoglu-kamu-bankalari-garabet-tavri-birakmali,918696\">internationale</a> Partner oder Kreditgeber wie die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-eminonu-alibeykoy-tramvay-hatti-projesi-icin-fransiz-kalkinma-bankasi-ndan-93-milyon-euro-luk-finansman-destegi-alacak,961088\">franz\u00f6sische</a> oder <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-ile-avrupa-imar-ve-kalkinma-bankasi-arasinda-mutabakat-metni-imzalandi-ilk-proje-incirli-beylikduzu-metro-hatti-olacak,950060\">europ\u00e4ische</a> Entwicklungsbank suchen. Es werden aber auch historische St\u00e4tten wie etwa der <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/ibbden-gezi-parki-alaninin-sultan-beyazit-hani-veli-hazretleri-vakfina-devredilmesine-iliskin-aciklama-1821921\">Gezi Park</a> oder der Galata-Turm (beides Istanbul), die sich eigentlich im Eigentum der Gro\u00dfst\u00e4dte befinden, an zentralstaatliche Ministerien \u00fcbertragen und somit aus den H\u00e4nden der Stadtverwaltungen genommen. Nicht zuletzt interveniert die Zentralregierung permanent in die Angelegenheiten der St\u00e4dte: Spendensammlungen der Munizipalit\u00e4ten, um von der Corona-Pandemie Betroffenen zu helfen (und nat\u00fcrlich gesellschaftliche Legitimation aufzubauen), wurden etwa der \u201eParallelstaatlichkeit\u201c und des Terrorismus bezichtigt und seitens des Innenministeriums unter einem juristischen Vorwand verboten. Die oppositionellen Munizipalit\u00e4ten <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-2020-de-ihtiyac-sahiplerine-618-milyon-890-bin-lira-destek-saglandi,937437\">wussten</a> dies aber mehr oder minder <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-duyurdu-6-milyon-tek-yurek-kampanyasi-ikinci-kez-basladi,942920\">zu umgehen</a>. Die Auseinandersetzung um das Spendensammeln und -verteilen der oppositionellen Munizipalit\u00e4ten setzt sich <a href=\"https://t24.com.tr/video/imamoglu-ndan-bagis-kampanyasina-izin-vermeyen-bakan-soylu-ya-tepki-132-bin-ailenin-bayramda-yuzlerinin-gulmesini-istemeyen-bir-kisi-var-o-da-icisleri-bakani,40154\">bis heute</a> fort, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tunc-soyer-tv-ler-bizi-yok-saydi-ama-48-saatte-ankara-nin-gonderdiginden-daha-fazla-yardim-topladik,913291\">ebenso</a> wie das Bem\u00fchen derselben, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-bayram-oncesinde-100-milyon-lira-tutarinda-yeni-destek-paketi-hazirladik-185-bin-ailemizin-kartlarina-500-lira-yatirdik,964909\">alternative</a> Methoden der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-duyurdu-kampanyamiz-bir-ayda-20-milyon-tl-destek-aldi,950661\">Redistribution</a> zur Anwendung zu bringen und somit der Repressionskeule des Regimes zu entgehen. Auch <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/ibbdeki-akp-yolsuzluklarini-acikliyoruz-her-yol-tugvaya-1843746\">beschlagnahmte</a> das Innenministerium einen Gro\u00dfteil der \u201eAntikorruptionsdossiers\u201c der Istanbuler Stadtverwaltung, bevor diese die Dossiers finalisieren und der Justiz \u00fcbergeben konnte.</p><p>Der derzeit gr\u00f6\u00dfte Konfliktpunkt, der mehrere dieser Mechanismen zusammenf\u00fchrt und daher symptomatisch ist, ist der Konflikt um <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/405297.megaprojekt-istanbuls-untergang.html\"><i>Kanal Istanbul</i></a>, ein megalomanes, mehrere Dutzend Milliarden Dollar teures Projekt zur Anlage eines k\u00fcnstlichen zweiten Wasserkanals parallel zum Bosporus. Von den \u00f6kologisch potenziell desastr\u00f6sen Folgen dieses Projekts abgesehen, ist offensichtlich, dass es sich hier \u00f6konomisch betrachtet um ein klassisches Klientelprojekt handelt \u2013 die Bauauftr\u00e4ge gehen nat\u00fcrlich an Erdo\u011fan-nahe Unternehmer. Zugleich ist es ein Prestigeprojekt Erdo\u011fans, mit dem er sich erneut als Vision\u00e4r und \u201eMacher\u201c pr\u00e4sentieren will. Und nicht zuletzt ist es ein Armdr\u00fccken zwischen Erdo\u011fan und der Istanbuler Munizipalit\u00e4t darum, wer eigentlich in Istanbul das Sagen hat.</p><p><i>Zweitens</i> geht die umfassende Repression gegen Oppositionelle und Dissidenten ununterbrochen weiter. Demonstrationen oder Kundgebungen sind, wenn sie nicht regierungsnah sind, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tihv-2020-yilindaki-hak-ihlallerini-paylasti-hak-savunucularina-24-yil-hapis-cezasi-90-tutuklama-1079-haber-ile-97-internet-sitesine-erisim-engeli,958235\">fast unm\u00f6glich</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/chp-den-adalet-raporu-804-gun-eylem-yasagi-6-bin-322-gozalti-761-is-cinayeti-349-habere-erisim-engeli,959513\">geworden</a>, Folter und Gewalt seitens Beamt*innen nimmt zu. Unabh\u00e4ngige oder nicht regierungskonforme Fernsehsender werden im Gegensatz zu regimetreuen mit <a href=\"https://www.hrw.org/news/2020/12/15/turkey-crackdown-independent-tv-channels\">horrenden Strafzahlungen</a> des Obersten Rundfunk- und Fernsehrates (<i>Radyo ve Televizyon \u00dcst Kurulu</i>, RT\u00dcK) \u00fcberzogen, dessen Chef laut Eigenaussage zudem Erdo\u011fans \u201eEmpfehlungen und Vorschl\u00e4ge\u201c als Befehle ansieht. Der letztes Jahr neu gegr\u00fcndete Fernsehsender <i>Olay TV</i> musste innerhalb k\u00fcrzester Zeit <a href=\"https://t24.com.tr/haber/nevsin-mengu-ne-izmir-marsi-ne-mehter-marsi-caldik-haber-yaptik-cavit-caglar-hdp-yanlisi-diyerek-baskiyi-mesrulastiriyor,923135\">schlie\u00dfen</a> \u2013 mutma\u00dflich wegen gro\u00dfem politischem Druck, da der Sender auch \u00fcber die pro-kurdische, linke HDP berichtete. Nat\u00fcrlich gehen <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/mhp-medyasi-kaynak-aktariminda-akp-medyasini-geride-birakti-ulkeyi-bahceli-yonetiyor-1848890\">fast alle</a> \u00f6ffentlichen Reklameschaltungen und damit Unsummen an Geldern <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/iktidar-destekcisi-medyaya-akan-kamu-kaynagi-3-adaletsizlikten-cok-daha-buyuk-bir-sorun-var-haber-1528410\">an regimetreue Sender und Zeitungen</a>, kaum welche an oppositionelle. <a href=\"https://ifade.org.tr/reports/EngelliWeb_2019_Eng.pdf\">Nicht nur</a> werden Hunderttausende Webseiten blockiert und Tausende Social Media-Accounts juristisch verfolgt; die Regierung \u00fcberzog auch Facebook, Youtube, Instagram, TikTok und Twitter mit <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-11-04/biggest-social-media-companies-are-fined-by-turkey-under-new-law\">Strafen</a> in H\u00f6he von insgesamt 1,2 Millionen \u20ac, weil sie keine der Regierung gegen\u00fcber f\u00fcr das Unternehmen verantwortlichen lokalen Repr\u00e4sentanten ernannt hatten. Das Gesetz, das dies erfordert, wie auch die Strafzahlungen stehen im Zusammenhang mit dem Versuch des Regimes, mehr direkte Kontrolle auf die Social Media-Unternehmen auszu\u00fcben. Eine <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/turkey-plans-further-clampdown-independent-media\">weitere Versch\u00e4rfung</a> des Medienrechts, wonach die Kontrolle der Regierung \u00fcber Nachrichtenplattformen, die Gelder aus dem Ausland beziehen (also im Prinzip die gesamte alternative Onlinepresse), wurde schon angek\u00fcndigt als \u201eKampf gegen die f\u00fcnfte Kolonne\u201c. Zudem wurden seit 2018 etwa 40 (oft oppositionelle) Journalist*innen <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/05/erdogan-endorses-mob-attack-opposition-leader-warning-more-come\">t\u00e4tlich angegriffen</a>. Der oppositionelle, nationalistisch orientierte Sender<i> Halk TV</i> wurde w\u00e4hrend einer Live\u00fcbertragung aus den Waldbrandgebieten Anfang August von einem regierungsnahen Mob <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/08/06/tv-yayinina-baskin-bakan-istifasi-ve-bir-asker-videosu/\">angegriffen</a>, nachdem zuvor der RT\u00dcK Sender, die nicht regierungskonform \u00fcber die Waldbr\u00e4nde berichteten, mit \u201eden heftigsten Sanktionen\u201c bedroht (und diese dann <a href=\"https://bianet.org/bianet/medya/248607-rtuk-once-tehdit-etti-sonra-ceza-kesti?bia_source=mailchimp&amp;ct=t(RSS_EMAIL_CAMPAIGN+-+Bianet+T%C3%BCrk%C3%A7e+G%C3%BCnl%C3%BCk)&amp;mc_cid=bee6f913c5&amp;mc_eid=4504c19f40\">umgesetzt</a>) und der millionenfach auf Twitter geteilte #HelpTurkey-Hashtag \u00f6ffentlich und juristisch <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/turkish-prosecutor-investigates-tweets-calling-help-wildfires\">angeprangert und verfolgt</a> wurde, weil er die T\u00fcrkei als \u201eschwach\u201c darstelle.</p><p>Die Verfolgung geschieht auch au\u00dferhalb der T\u00fcrkei, <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/exiled-turkish-journalist-attacked-outside-home-germany\">wie j\u00fcngst der Angriff</a> auf den kritischen Investigativjournalisten Erk Acarer in Berlin und die Existenz von <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/407199.gefahr-f%C3%BCr-t%C3%BCrkische-oppositionelle-im-fadenkreuz.html\">Todeslisten</a> mit Namen von t\u00fcrkeist\u00e4mmigen Oppositionellen und Dissidenten in Deutschland gezeigt hat. Das Vorgehen beschr\u00e4nkt sich nicht allein auf Journalist*innen, sondern hat System. Erst neulich wurde die Chefin der rechten Oppositionspartei IYI, Meral Ak\u015fener, bei einem Besuch in Rize am Schwarzen Meer von einem aufgestachelten Mob empfangen und musste die Stadt fr\u00fchzeitig verlassen. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-erdogan-salgin-surecinde-milletimizin-hem-sagligini-guvenligini-asini-ve-isini-korumak-icin-devletimizin-tum-imkanlarini-seferber-ettik,954704\">Erdo\u011fans Kommentar</a>, an Ak\u015fener gerichtet: \u201eDanke Gott daf\u00fcr, dass sie nicht zu weit gegangen sind, und dir [nur, A. K.] eine Lehre erteilt haben. Das sind noch die guten Tage, wartet mal ab, was da noch kommt\u201c, ist paradigmatisch f\u00fcr die drohende, Gewalt relativierende oder <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/siddetin-tarihcesi-daha-neler-olacak-neler-galeri-1525820\">zur Gewalt anstachelnde Sprache</a>, die zentrale Personen des Regimes seit Jahren gegen oppositionelle Politiker*innen, Journalist*innen, Akademiker*innen und andere nutzen. Dabei ist MHP-Chef <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-bu-kez-ahmet-sik-i-hedef-gosterdi-mhp-nin-hedef-gosterdigi-kimler-saldiriya-ugramisti,957623\">Bah\u00e7eli</a> oft viel direkter als Erdo\u011fan. So bezeichnete er Protestierende an der Eliteuniversit\u00e4t Bo\u011fazi\u00e7i als \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-bogazici-universitesi-nde-turkiye-nin-sinir-uclariyla-oynaniyor-eskiyalar-bogazici-ne-tutunarak-ulkemize-meydan-okuyor,930788\">giftige Schlangen, deren K\u00f6pfe wir zerquetschen m\u00fcssen</a>\u201c.</p><p>Die Repressionswelle gegen die HDP wurde in der vergangenen Zeit immer intensiver. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hdp-nin-hak-ihlalleri-raporu-son-5-yilda-16-binden-fazla-hdp-li-gozaltina-alindi-4-bine-yakin-hdp-li-tutuklandi,919835\">Tausende</a> ihrer Mitglieder, Funktionstr\u00e4ger*innen und sogar Parlamentarier*innen wurden in den letzten Jahren in Untersuchungshaft genommen, etwa 1000 <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/2990310-iki-bucuk-yilda-1336-dosya\">Immunit\u00e4tsaufhebungsantr\u00e4ge</a> liegen f\u00fcr HDP-Parlamentarier*innen im Parlament vor und fortlaufend finden Razzien gegen sie statt. Mittlerweile l\u00e4uft auch das sogenannte \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/3530-sayfalik-kobani-iddianamesinden-kapatilmasi-icin-cagri-yapilan-hdp-ile-ilgili-iddialar-cikti-myk-toplantisina-kck-lilar-katildi-hdp-liler-de-orgut-yoneticisi,925222\">Kobane-Verfahren</a>\u201c auf Grundlage einer <a href=\"https://t24.com.tr/haber/demirtas-in-avukatlari-suclamalara-20-ayri-baslikla-yanit-verdi-gizli-tanik-aslinda-yok-twitter-hesabi-sahte,929051\">haneb\u00fcchenen</a> Anklageschrift gegen insgesamt 108 \u00e4ltere F\u00fchrungspersonen der HDP. Gegen die Partei ist mittlerweile auch ein umfassendes Verbotsverfahren beim Verfassungsgericht anh\u00e4ngig (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/hdp-nin-kapatilmasi-istemine-cozum-sureci-gerekce-gosterildi-hdp-kapatilir-mi-hangi-secenekler-soz-konusu,960815\">ebenfalls</a> auf Grundlage einer haneb\u00fcchenen Anklageschrift), das auch eine Politikverbotsforderung f\u00fcr Hunderte HDP-Politiker*innen enth\u00e4lt; beide Anklagen mit dem Hauptvorwurf der Spaltung von Staat und Nation beziehungsweise der Zuarbeit zu einer \u201eTerrororganisation\u201c (also der PKK).</p><p>Auch hier gilt: Was von oben abgesegnet wurde, findet von unten seine Entsprechung. Am 15. Juni 2021 ermordete ein \u00fcberzeugter Faschist in Izmir Deniz Poyraz, eine Mitarbeiterin im dortigen B\u00fcro der HDP am 15. Juni 2021. Die Tat, begangen von einem, der <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/hdpli-ertugrul-kurkcu-saldirganlari-acikladi-3-silahli-iceri-giriyor-1845160\">in Syrien gek\u00e4mpft</a> und sich <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/gokcer-tahincioglu-yuzlesme/deniz-poyraz-in-katili-onur-gencer-icimi-soguttum-beni-serbest-birakin,31464\">laut Eigenaussage</a> vorgenommen hatte, so viele HDP\u2019ler wie er konnte zu ermorden, ist \u2013 egal ob es ein <a href=\"https://ilerihaber.org/icerik/deniz-poyrazin-katili-onur-gencerin-izmir-valiliginin-yonetiminde-oldugu-balcova-termal-oteli-sik-sik-ziyaret-ettigi-ortaya-cikti-127333.html\">geplantes Attentat</a> oder ein Selbstl\u00e4ufer war \u2013 direkte Folge einer von oben gezielt betriebenen Politik der <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/gundem/turkiye-cok-gergin-dil-mutlaka-degismeli-6531109/\">gewaltt\u00e4tigen Polarisierung</a> im Sinne des Machterhalts. <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/erdogans-game-plan-next-election-involves-kurdish-vote\">Es folgten</a> weitere auch bewaffnete Attacken auf HDP-B\u00fcros und ein <a href=\"https://bianet.org/english/human-rights/247964-seven-people-from-kurdish-family-shot-dead-at-home-in-racist-assault\">Massenmord</a> an einer kurdischen Familie in Konya, bei der sieben Mitglieder der Familie von einem t\u00fcrkischen Faschisten ermordet wurden, kaum ein paar Wochen nachdem sie von einem aufgestachelten Mob, an dem auch der sp\u00e4tere Massenm\u00f6rder teilnahm, angegriffen wurden. <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1155265.kurdische-familie-dedeo%C4%9Fullar%C4%B1-tuerkei-grosse-feuer-ueberall.html\">Einen Tag darauf</a> griff ein faschistischer Mob von 300 Personen kurdische Landarbeiter*innen in Elmal\u0131 an und forderte sie dazu auf, das Land zu verlassen.</p><h4><i>Offensichtlich dient die Entfesselung der Repression im Allgemeinen (wie im Besonderen gegen die HDP) dazu, Teile der Opposition zu demobilisieren und zu zerm\u00fcrben sowie, bez\u00fcglich der Medien, zu Regimediskursen massenwirksame alternative Diskurse zu verhindern. Au\u00dferdem dient sie dazu, eine autorit\u00e4r-faschistoide Massenbasis aufzubauen.</i></h4><p>Beim angestrebten HDP-Verbot k\u00f6nnte die Rechnung der Regierung weniger die sein, die Formation einer alternativen, mitte-links orientierten pro-kurdischen Partei in der T\u00fcrkei <i>\u00fcberhaupt</i> zu verhindern. Wichtigen politischen Akteur*innen in der T\u00fcrkei ist klar, dass dies eher unwahrscheinlich ist und auch, dass sich pro-kurdische Parteien in der Vergangenheit immer st\u00e4rker reformierten, nachdem sie verboten wurden. Das Kalk\u00fcl ist vermutlich eher, dass eine Schlie\u00dfung der HDP (oder eine Kappung der ihr zustehenden staatlichen Zusch\u00fcsse) <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/3112432-butun-hesaplar-eylule-odakli\">kurz vor den n\u00e4chsten Wahlen</a> zu einer gleichm\u00e4\u00dfigen Verteilung des W\u00e4hler*innenpotenzials der HDP auf Regime- wie restlichen Oppositionsparteien f\u00fchrt (oder die Effizienz der HDP weiter reduziert) und somit den Regimeparteien den Sieg erm\u00f6glicht. Es ist aber bislang nicht abzusehen, in welche Richtung sich das Verbotsverfahren entwickelt, da sein Ausgang wesentlich von den derzeitig laufenden Machtk\u00e4mpfen abh\u00e4ngt und nicht von juristischen Prozessen (w\u00e4ren Recht und Gesetz Ma\u00dfstab des Verfahrens, w\u00e4re es gar nicht erst zu einem Verbotsverfahren gekommen).</p><p>Die in diesem Artikel wegen einem innenpolitischen Fokus stiefm\u00fctterlich behandelte Au\u00dfenpolitik, in diesem Fall das Verh\u00e4ltnis zur USA und zur EU, hat diese Repressionsorgie im Allgemeinen und das Verbotsverfahren gegen die HDP im Besonderen nicht nachteilig affiziert, <a href=\"https://jacobinmag.com/2021/03/turkey-erdogan-hdp-peoples-democratic-party-pro-kurdish-socialism\">im Gegenteil</a>. Die durch die politische wie \u00f6konomische Integration der T\u00fcrkei in den euro-transatlantischen Kapitalismus sowie durch Druck ihrer Hauptakteure (USA, EU) erzeugte Wiederann\u00e4herung der T\u00fcrkei an die au\u00dfenpolitischen Interessen der NATO war Grund genug f\u00fcr diese, keine weiteren Sanktionen gegen die T\u00fcrkei zu erheben \u2013 <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-turkey-eu-exclusive-idUSKBN2BA1KP\">mit explizitem Verweis</a> darauf, dass auch ein drohendes HDP-Verbot daran nichts \u00e4ndern w\u00fcrde. Dies steht <a href=\"https://revoltmag.org/articles/deutsch-t%C3%BCrkische-untiefen/\">in Kontinuit\u00e4t</a> zur Au\u00dfenpolitik des euro-transatlantischen Blocks gegen\u00fcber der T\u00fcrkei der letzten Jahre, wonach die wirtschaftliche und geheimdienstliche Zusammenarbeit sowie R\u00fcstungsexporte weiter Bl\u00fcten trieben, w\u00e4hrend gelegentliche Skandalisierungen der Menschenrechtslage in der T\u00fcrkei als disziplinierende Hebel genutzt wurden, um die T\u00fcrkei \u00f6konomisch wie au\u00dfenpolitisch auf Linie zu halten. Jedenfalls folgten niemals auch nur ann\u00e4hernd so harte Sanktionen gegen\u00fcber der T\u00fcrkei wie gegen\u00fcber Russland, China oder seit neuestem Belarus. <a href=\"https://www.swp-berlin.org/en/publication/customs-union-old-instrument-new-function-in-eu-turkey-relations/\">Seit geraumer Zeit</a> verweisen bundesdeutsche Think Tanks zudem <a href=\"https://www.dw.com/tr/almanyadan-%C3%A7arp%C4%B1c%C4%B1-t%C3%BCrkiye-raporu-kurumlar-felce-u%C4%9Frat%C4%B1ld%C4%B1/a-57127795\">ganz offen</a> und unverbl\u00fcmt darauf hin, dass sich die EU ihrer mangelnden \u201enormativen Kraft\u201c bewusst werden und sich daher darauf beschr\u00e4nken sollte, wirtschaftliche Druckmechanismen daf\u00fcr zu nutzen, die T\u00fcrkei ausschlie\u00dflich in au\u00dfenpolitischen Angelegenheiten auf Linie zu bringen.<i> Hic Rhodus, hic salta</i> \u2013 zeige hier und jetzt, was du kannst! Das HDP-Verbotsverfahren ist das Rhodos der Fabel, und <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57611741\">die EU sprang</a>: Es wurde eine Vertiefung der f\u00fcr die T\u00fcrkei sehr wichtigen Zollunion und eine Verl\u00e4ngerung des \u201eFl\u00fcchtlingsdeals\u201c vereinbart statt neuen Sanktionen. Insofern ist der EU keine Inkonsequenz vorzuwerfen \u2013 au\u00dfer freilich derjenigen, \u201eMenschenrechte\u201c ganz nach gusto hochtrabend im Munde zu f\u00fchren aber sich nur dann f\u00fcr sie zu interessieren, wenn es gegen Russland, China, Belarus, Venezuela oder Kuba geht.</p><p>Aber die Repression gegen die HDP ist,<i> drittens</i>, auch ein integrales Element der Spaltung und Einbindung von Teilen der Opposition.</p><h4><i>Die (Nicht-)Thematisierung der \u201ekurdischen Frage\u201c auf Grundlage eines assimilatorischen t\u00fcrkischen Nationalismus und die Normalisierung eines rasenden militaristisch-nationalistischen \u201eAntiterrordiskurses\u201c hat den antikurdischen t\u00fcrkischen Nationalismus zu einer wichtigen Mobilisierungs- und Legitimationsquelle f\u00fcr politische Akteur*innen gemacht.</i></h4><p>Sogar der klassisch progressiv-neoliberale Ali Babacan, ehemals Wirtschaftsminister unter der AKP, nun Chef der kleinen Oppositionspartei DEVA, der sonst einen sehr starken Fokus auf \u201eRechtsstaatlichkeit und Menschenrechte\u201c hat, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/murat-sabuncu/ali-babacan-cozum-surecinde-hukumet-bir-adim-atacak-orgut-bir-adim-atacak-tavri-orgutu-guclendirdi,28323\">kritisiert</a> den in der Vergangenheit liegenden \u201eFriedensprozess\u201c mit der PKK, weil er die PKK gest\u00e4rkt habe. Abdullah G\u00fcl, der letzte Pr\u00e4sident vor Erdo\u011fan, der tendenziell Babacan-nah ist und die Polarisierung im Land wie auch das Pr\u00e4sidialsystem (wenn auch oft in sehr diplomatischen Worten) ablehnt, lehnt zwar den Verbotsantrag gegen die HDP ab \u2013 allerdings mit der <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/murat-sabuncu/11-cumhurbaskani-gul-t-24-e-konustu-hdp-ye-kapatma-davasi-acilmasini-ve-gergerlioglu-nun-milletvekilliginin-dusurulmesini-cok-yanlis-buluyorum,30262\">Begr\u00fcndung</a>, dass eine Schlie\u00dfung der HDP \u201eTerrororganisationen\u201c (also die PKK) st\u00e4rken w\u00fcrde und nicht etwa, weil ein solches Verbot gegen jede Minimalvorstellung von Rechtsstaatlichkeit geht. Sogar Babacan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ali-babacan-dan-anayasa-nin-ilk-dort-maddesi-sorusuna-uygun-iklim-yaniti,932645\">dr\u00fcckt sich darum</a>, die Pr\u00e4ambel und die ersten vier Paragraphen der <a href=\"https://www.tbmm.gov.tr/anayasa/anayasa_2018.pdf?TSPD_101_R0=08ffcef486ab2000ff259786418a411d0b908f239414891a82ca1e70fb157d3ec257397cacea6e8a08eee612741430007014cc9d5900a144826ec0c4b95c00ba5e6519cb6a8fb620e0367c3e8ace91d2b73f56888936220fa477a70f4a0c573f\">Verfassung</a>, die unter anderem einen rasenden geschichtsmetaphysischen t\u00fcrkischen Nationalismus und einen staatsverherrlichenden \u201eAtat\u00fcrkismus\u201c auf Verfassungsrang erheben, infrage zu stellen. Daher und weil sich die b\u00fcrgerliche Opposition weitestgehend mit dieser Normalisierung arrangiert und diese teilweise auch f\u00fcr ihre eigenen Zwecke nutzt, wird der antikurdische t\u00fcrkische Nationalismus von Regime- wie von Oppositionsparteien mehr oder minder stark geteilt.</p><p>Die Regimeparteien waren, machiavellianisch betrachtet, sehr geschickt darin, diesen militaristisch-nationalistischen \u201eAntiterrordiskurs\u201c auch auf die HDP auszuweiten und diese mit der PKK in eins zu setzen. <a href=\"https://www.turkuazlab.org/wp-content/uploads/2020/12/Turkiyede-Kutuplasmanin-Boyutlari-2020-Arastirmasi-Sunumu.pdf\">Mittlerweile</a> ist die HDP \u2013 neben der AKP \u2013 die <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/galeri/metropoll-arastirma-akp-yuzde-277-ile-secmenin-asla-oy-vermem-dedigi-ilk-parti-1852570/2\">am st\u00e4rksten abgelehnte</a> Partei in der Bev\u00f6lkerung, auch eine politische Zusammenarbeit mit ihr wird <a href=\"https://t24.com.tr/haber/area-arastirma-olasi-cumhurbaskanligi-secimlerinde-mansur-yavas-muharrem-ince-ile-abdullah-gul-e-fark-atiyor,899856\">mehrheitlich abgelehnt</a>. Mit der intensivierten Repression gegen die HDP man\u00f6vriert das Regime daher auch die b\u00fcrgerliche Opposition in eine schwierige Position. Diese wissen ja: Ohne die HDP, die bei landesweiten Wahlumfragen bei etwa 10% der Stimmen liegt, und somit auch ohne politische Zugest\u00e4ndnisse an die HDP scheint ein Sieg gegen die Regimeparteien und Erdo\u011fan unm\u00f6glich. Beispielsweise waren die HDP-W\u00e4hler*innen die <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkischer-fr%C3%BChling/\">K\u00f6nigsmacher</a> bei den Kommunalwahlen in Istanbul 2019. Andererseits ist die Ablehnung von PKK und HDP insbesondere bei der oppositionellen MHP-Abspaltung IYI und innerhalb ihrer W\u00e4hler*innenbasis sehr stark. Orientiert sich die Hauptoppositionspartei CHP also allzu offen auf eine Zusammenarbeit auch mit der HDP, dann riskiert sie einen Bruch mit der IYI und anderen kleineren Oppositionsparteien, was die Aussichten auf einen Sieg gegen Erdo\u011fan bei Wahlen ebenso unwahrscheinlich macht. Regimeakteure konzentrieren daher ihre verbalen Attacken und \u201eTerrorismusvorw\u00fcrfe\u201c auch <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-gayemiz-daha-guclu-bir-turkiye,942434\">ganz besonders</a> auf die CHP und <a href=\"https://www.birgun.net/haber/siyasette-ittifak-savaslari-332225\">versuchen</a> \u2013 teils mit <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-den-iyi-parti-lideri-meral-aksener-e-onerimiz-gecerliligini-korumakta-don-evine-bitsin-bu-cile,922602\">expliziten Einladungen</a> \u2013, die IYI und andere kleinere Oppositionsparteien auf ihre Seite zu ziehen. Ganz davon abgesehen gibt es auch innerhalb der CHP und den CHP-W\u00e4hler*innenschaft starke anti-kurdische und anti-HDP Tendenzen.</p><p>Es ist also ein best\u00e4ndiges Schwanken der b\u00fcrgerlichen Hauptoppositionsparteien hinsichtlich der HDP zu sehen: <a href=\"https://t24.com.tr/haber/iyi-parti-genel-baskan-yardimcisi-hdp-yi-problemli-goruyoruz-fezlekeler-geldiginde-evet-diyecegiz,935268\">Bekundete</a> der stellvertretende Chef der IYI, Yavuz A\u011f\u0131ralio\u011flu, dass sie die Aufhebung der Immunit\u00e4ten von HDP-Parlamentar*iennen unterst\u00fctzen werden (weil Terror!), <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-den-iktidara-1994-ruhu-dedikleri-iste-o-yirtip-attiklari-gomlegin-ta-kendisi,936623\">ruderte</a> gleich darauf die Chefin der IYI, Meral Ak\u015fener, zur\u00fcck und betonte, man w\u00fcrde nicht einfach so, ohne genauere Pr\u00fcfung, die Immunit\u00e4tsaufhebungsantr\u00e4ge abnicken. Dieselbe Ak\u015fener sagte <a href=\"https://www.diken.com.tr/hdpyle-ittifak-yapmayiz-diyen-aksenerden-demirtasa-terorle-ic-ice-oldugu-gercek/\">aber auch</a> noch kurz zuvor im Februar 2021, Selahattin Demirta\u015f (der ehemalige Co-Vorsitzende der HDP, der seit mehreren Jahren im Gef\u00e4ngnis sitzt) sei organisch mit dem \u201eTerror\u201c verbunden und sie suche kein B\u00fcndnis mit der HDP. Zur Verbotsdrohung gegen die HDP blieb und bleibt sie allerdings <a href=\"http://www.diken.com.tr/hdpyle-ittifak-yapmayiz-diyen-aksenerden-demirtasa-terorle-ic-ice-oldugu-gercek/\">gezielt vage</a> und h\u00e4lt sogar eine Unterst\u00fctzung daf\u00fcr von Teilen ihrer Partei f\u00fcr m\u00f6glich. Innerhalb der IYI wird <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/iyi-parti-once-icerige-bakacak-1817197\">diskutiert</a>, wie es zu bewerkstelligen ist, sich so scharf wie m\u00f6glich von der HDP abzugrenzen, zugleich aber auch nicht dem Regime zuzuarbeiten; etwa, indem man beispielsweise durch Akzeptanz der Immunit\u00e4tsaufhebungen auch die Ausweitung der Repression auf die restliche Opposition erm\u00f6glicht. Die IYI denkt <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/iyi-parti-cephesi-demirtasin-onerisinin-milleti-baltalayacagini-dusunuyor-1825490\">offensichtlich auch</a> \u00fcber die Gr\u00fcndung eines dritten Wahlb\u00fcndnisses nach, sollten CHP und HDP offen miteinander koalieren. Einige <a href=\"https://t24.com.tr/amp/haber/iyi-parti-toplu-istifa-aksener-e-guvenimiz-sarsildi,916591\">wenige Austritte</a> aus der IYI wegen der \u201eN\u00e4he zur HDP\u201c hat es ebenfalls schon gegeben. CHP-Chef K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu hingegen weicht zwar vom Ultranationalismus seines Vorg\u00e4ngers Deniz Baykal betreffs der \u201ekurdischen Frage\u201c ab, <a href=\"http://www.aljazeera.com.tr/gorus/cozum-surecinde-chp-ucuncu-yol-mumkun-mu\">lehnte aber</a> den \u201eFriedensprozess\u201c mit der PKK ab 2009/2010 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglundan-cozum-sureci-aciklamasi,229601\">dennoch ab</a> \u2013 mit der Begr\u00fcndung, dieser nutze der PKK und \u00d6calan. In den letzten Jahren <a href=\"https://www.jacobinmag.com/2016/11/turkey-erdogan-coup-hdp-pkk-syria-gulen-ypg\">stach er damit hervor</a>, dass er milit\u00e4rische Invasionen der t\u00fcrkischen Armee gegen die PKK und kurdische Gebiete in Syrien unterst\u00fctzte und zudem denjenigen Immunit\u00e4tsaufhebungsantr\u00e4gen zustimmte, die \u00fcberhaupt erst zur Inhaftierung der ehemaligen Co-Vorsitzenden der HDP (und sp\u00e4ter auch zur Inhaftierung eines CHP-Parlamentariers) f\u00fchrten. Auch aktuell lehnt er die offensichtlich zur Schw\u00e4chung und Spaltung der Opposition eingesetzten Immunit\u00e4tsaufhebungsantr\u00e4ge nicht rigoros ab, sondern bekundet, man m\u00fcsse erst mal deren Inhalte \u201e<a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/chp-genel-baskan-kemal-kilicdaroglu-yasalarla-oynayan-iktidar-gidicidir-1815708\">pr\u00fcfen</a>\u201c.</p><p>Ein wirkliches Novum war allerdings die Reaktion der b\u00fcrgerlichen Opposition auf eine in ihrer Zielsetzung und Umsetzung <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/02/16/13-sehit-sorulari-harekatin-amaci-neydi-sorumlusu-kim/\">bis heute</a> <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/sedat-ergin/o-magarada-saat-saat-ne-oldu-41743108\">nicht ganz aufgekl\u00e4rten</a> Milit\u00e4roperation des t\u00fcrkischen Staates im irakisch-kurdischen Gebirge von Gara im Februar 2021. W\u00e4hrend der Operation kamen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/milli-savunma-bakani-akar-gara-da-13-vatandasimizin-naasina-ulasildi,932974\">13 t\u00fcrkische Geiseln</a> in der Hand der PKK um, wof\u00fcr sich der t\u00fcrkische Staat und die PKK gegenseitig beschuldigten. W\u00e4hrend die b\u00fcrgerlichen Oppositionsparteien bei solchen Operationen \u2013 insbesondere mit so hohen Verlusten \u2013 \u00fcblicherweise sofort an der Seite der Regierung stehen, blieben sie diesmal kritisch-distanziert und <a href=\"https://www.kisadalga.net/yazar/garede-cuvallayan-iktidar-ve-muhalefetin-soru-sorma-basarisi_2608\">stellten viele Fragen</a> bez\u00fcglich des Zwecks und des genauen Ablaufs der Operation. Das versetze <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/aksener-tarzi-muhalefet-41743103\">nat\u00fcrlich</a> das Regime <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-hicbir-sey-adina-terore-goz-yumulamaz-tarafsiz-ve-hareketsiz-kalinamaz,933916\">in Rage</a>. In diesem Fall durchschauten also die b\u00fcrgerlichen Oppositionsparteien die politische Inszenierung des Operationsablaufs als Methode des Regimes, sich Legitimation auch im oppositionellen Lager zu organisieren. Das Verbotsverfahren gegen die HDP ist in dieser Hinsicht nat\u00fcrlich auch eine Initiative des Regimes, um die b\u00fcrgerliche Opposition dazu zu zwingen, sich nicht mehr schwankend angesichts der \u201ekurdischen Frage\u201c beziehungsweise der HDP zu verhalten, <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/gundemi-hdpye-odaklayan-iktidar-anayasa-degisikligiyle-bir-daha-acilmamasinin-pesinde-1815713\">sondern sich eindeutig zu positionieren</a> \u2013 und daf\u00fcr den Preis bezahlen (n\u00e4mlich entweder die Unterst\u00fctzung der Kurd*innen oder die der Nationalist*innen zu verlieren).</p><p>Die Versuche zur Spaltung und Einbindung der Opposition erfolgen indes nicht ausschlie\u00dflich \u00fcber die \u201ekurdische Frage\u201c. Zum einen f\u00e4llt die wohlwollende Berichterstattung \u00fcber Spaltungen innerhalb der Oppositionsparteien ins Auge. Eine <a href=\"https://t24.com.tr/haber/umit-ozdag-iyi-parti-yi-chp-nin-uydu-partisi-haline-getirmislerdir,936900\">offiziell</a> mit Verweis auf die \u201ekurdische Frage\u201c und N\u00e4he zur G\u00fclen-Gemeinde erfolgte Abspaltung von der IYI wurde seitens der Regimepresse gut aufgenommen. Auch der Pr\u00e4sidentschaftskandidat der CHP von 2018, Muharrem Ince, trat aus der CHP aus und hat mittlerweile eine eigene Partei gegr\u00fcndet. Auch \u00fcber ihn wurde in der Regimepresse <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/erdoganin-anayasa-hamlesinin-puf-noktalari-41730444\">sehr wohlwollend</a> berichtet und das Vorgehen der CHP gegen\u00fcber Ince skandalisiert. Aber es wird unter Umst\u00e4nden auch direkter interveniert: So <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/trumptan-once-trumptan-sonra-41709165\">besuchte</a> Erdo\u011fan im Januar 2021 ein wichtiges Mitglied der kleinen oppositionellen Partei der Gl\u00fcckseligkeit (<i>Saadet Partisi</i>, SP), die aus der Tradition des politischen Islams in der T\u00fcrkei kommt und von deren Vorg\u00e4ngerin sich die AKP als Abspaltung gegr\u00fcndet hat. Offensichtlich konnte Erdo\u011fan diese Pers\u00f6nlichkeit (O\u011fuzhan Asilt\u00fcrk) von einer Wiederann\u00e4herung an die AKP \u00fcberzeugen. Seit kurzem pl\u00e4diert Asilt\u00fcrk offen daf\u00fcr, dass sich die SP der Wahlallianz des Regimes, der Volksallianz (<i>Cumhur \u0130ttifak\u0131</i>) anschlie\u00dft und ihre oppositionelle Rolle aufgibt. Er <a href=\"https://t24.com.tr/haber/saadet-partisi-nden-oguzhan-asilturk-e-yanit-partinin-yetkili-kurullari-ve-karar-organlari-bellidir,959353\">versucht</a> mittlerweile zunehmend aggressiv, die Macht innerhalb der SP zu \u00fcbernehmen, wobei auch die derzeitige SP-F\u00fchrung selbst in ihrer Opposition zur AKP <a href=\"https://t24.com.tr/haber/karamollaoglu-dogru-bulmadigimiz-politikalarini-degistirmesi-sartiyla-ak-parti-yle-ittifak-yapilabilir,928502\">nicht immer klar</a> positioniert ist. Offensichtlich zielen diese Taktiken darauf ab, eine Demobilisierung, Demoralisierung und/oder sogar ein \u00dcberlaufen von Teilen der Opposition herbeizuf\u00fchren.</p><p>Nicht zuletzt erfolgen Einbindungsversuche der Opposition auch \u00fcber die k\u00fcmmerlichen Reste gemeinschaftlicher oder konsultativer Verfahren sowie einer angeblich an Rechtsstaatlichkeit orientierten Reformagenda. Bei der <a href=\"https://www.haberturk.com/adalet-bakani-gul-den-hsk-secimi-mesaji-uzlasmayla-secilmesi-cok-onemli-3077728\">Besetzung</a> von sieben neuen Mitgliedern des f\u00fcr die Ernennung aller wichtigen Richter*innen und Staatsanw\u00e4lt*innen zust\u00e4ndigen Rats f\u00fcr Richter und Staatsanw\u00e4lte (<i>Hakim ve Savc\u0131lar Kurulu</i>, HSK) erlaubte das Regime der CHP und IYI, zwei der Mitglieder zu ernennen und somit so etwas wie eine \u201egemeinsame Verantwortung in der Staatsf\u00fchrung\u201c zu evozieren. Auch wurde <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/erdoganin-asilturk-ile-gorusmesinde-yeni-anayasanin-da-gundeme-geldigi-belirtiliyor-1811157\">zeitweise</a> dar\u00fcber gemunkelt, das Regime k\u00f6nne einige wenige Zugest\u00e4ndnisse an die rechten Oppositionsparteien machen bei der Ausarbeitung einer neuen Verfassung \u2013 und selbstredend im Gegenzug Unterst\u00fctzung f\u00fcr die neue Verfassung erhalten. Und wie schon vor zwei Jahren wurde mit gro\u00dfem Tamtam ein <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-erdogan-insan-haklari-eylem-plani-ni-acikliyor,936450\">Menschenrechtsaktionsplan</a> verk\u00fcndet, das angeblich Menschenrechte sch\u00fctzen und willk\u00fcrlichen Haftstrafen vorbeugen und dadurch als Schein einer Teilliberalisierung die oppositionelle Energie d\u00e4mpfen sollte. Letztlich tragen die Zugest\u00e4ndnisse an gemeinschaftliche Verfahrensweisen und die Reformagenda allerdings nicht weit, da sie schon von Anfang an weitestgehend Makulatur waren.</p><p>Denn gemeinschaftliche Verfahren und Rechtsstaatlichkeit vertragen sich,<i> viertens</i>, nicht mit dem andauernden Faschisierungsprozess als Krisenbearbeitungsmodus, der daher auch einer anderen Legitimationsbasis, namentlich einer autorit\u00e4ren bedarf. In dieser Hinsicht erfolgte zuz\u00fcglich der in diesem Artikel schon beschriebenen repressiven Ma\u00dfnahmen und zur Gewalt anstachelnden Reden seitens des Regimes auch eine erneute Diskussion um die Wiedereinf\u00fchrung der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-bahceli-nin-aym-cagrisina-destek-tbmm-bir-adim-atarsa-seve-seve-ben-de-buna-katilirim,906649\">Todesstrafe</a> sowie <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-anayasa-mahkemesi-aciklamasi-aym-baskani-ve-uyeleri-ayni-dusuncede-degilse-geregini-yapmali,909193\">mehrmalige</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/04/01/bahceli-istedi-diye-erdogan-aym-duzenine-son-verir-mi/\">Forderungen</a> nach der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-anayasa-mahkemesi-tekrar-yapilandirilmali-yeni-anayasa-surecinde-yuksek-mahkemenin-mevcut-durumu-mutlaka-ele-alinmali,932241\">institutionellen Entmachtung</a> oder gar <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-aym-milletin-mahkemesi-olmayacaksa-derhal-kendisini-feshetsin-basindaki-zat-da-gecikmeden-istifa-etsin,933415\">Abschaffung</a> des Verfassungsgerichtes, da es in einigen wichtigen politischen Verfahren nicht nach dem Gefallen des Regimes entschied. Als Zementierung konservativ-autorit\u00e4ren Lebensstils wurden <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hafta-sonu-tekel-bayileri-kapatilacak-mi-marketlerde-icki-satisi-olmayacak-mi-genelgede-acik-hukum-yok-fiili-yasak-mi-gundemde,919504\">Alkoholverkaufsverbote</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/icisleri-bakani-soylu-dan-tam-kapanma-aciklamasi-denetimleri-en-ust-seviyede-tutmaliyiz,948802\">w\u00e4hrend</a> pandemiebedingten Lockdowns verh\u00e4ngt, <a href=\"https://t24.com.tr/video/erdogan-muzik-yasagini-saat-24-00-e-cekiyoruz-kusura-bakmasinlar-gece-kimsenin-kimseyi-rahatsiz-etmeye-hakki-yok,39860\">Musik und Unterhaltung</a> m\u00fcssen aktuell trotz vollst\u00e4ndiger \u00d6ffnungen um Mitternacht beendet werden. Und es erfolgte die lang angek\u00fcndigte Aufk\u00fcndigung der Istanbuler Konvention zum Schutz vor h\u00e4uslicher Gewalt seitens des t\u00fcrkischen Staates. Der Austritt aus diesem Abkommen war schon letztes Jahr versucht worden, traf aber auch innerhalb des Regimes auf gro\u00dfen Widerstand. Dieses Jahr war das Regime <a href=\"https://www.duvarenglish.com/turkeys-erdogan-quits-istanbul-convention-with-a-midnight-presidential-decree-news-56713\">erfol</a><a href=\"https://www.duvarenglish.com/turkeys-erdogan-quits-istanbul-convention-with-a-midnight-presidential-decree-news-56713\">greich darin</a>, die K\u00fcndigung der Istanbuler Konvention durchzudr\u00fccken \u2013 mit dem <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskanligi-iletisim-baskanligi-ndan-istanbul-sozlesmesi-aciklamasi,940584\">Argument</a>, diese legitimiere mit dem Begriff \u201egesellschaftliches Geschlecht\u201c \u201ewidernat\u00fcrliche\u201c (also nicht-heteronormative) Sexualit\u00e4ten, was \u201eunserem\u201c Moralverst\u00e4ndnis <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56492232\">wi</a><a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56492232\">derspr\u00e4che</a>. Die restriktive und homophobe Sexualit\u00e4ts- und Alltagsmoral zielt damit aber nicht nur auf die Unterdr\u00fcckung und Demoralisierung alternativer Lebensentw\u00fcrfe und Sexualit\u00e4ten, sondern vor allem auch auf die Schaffung (oder St\u00e4rkung) von und Legitimation durch konservativ-autorit\u00e4re Sozialcharaktere. Warum sonst kommt eine Familien- und Sozialministerin auf die Idee, den Anstieg von Gewalt an Frauen f\u00fcr \u201e<a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/05/why-women-are-calling-turkeys-only-female-cabinet-member-resign\">tolerabel</a>\u201c zu halten, da sie einen (noch) st\u00e4rkeren Anstieg mit der Pandemie erwartet h\u00e4tte? Zugleich erdreistete sich aber das Tourismusministerium Ende Juli 2021 ernsthaft und ohne Scham ein Promotionsvideo \u00fcber Istanbul mit dem Titel \u201e<a href=\"https://twitter.com/TCKulturTurizm/status/1419764679019278336?s=19\">Istanbul is the new cool</a>\u201c zu drehen und zu ver\u00f6ffentlichen, das Istanbul als eine s\u00e4kulare, liberale, offene, lebensfreudige, unbeschwerte, potenziell queere und hippe Stadt darstellte, um irgendwie noch westliche Tourist*innen anzuziehen. Als ob \u201eEnjoy, I\u2019m vaccinated\u201c nicht gereicht h\u00e4tte. Die <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/secular-turks-mock-governments-appropriation-care-free-lifestyles-istanbul-promo\">zynischen Kommentare</a> auf Twitter reichten von \u201edas war/ist Istanbul vor/nach der AKP\u201c bis hin zu \u201eFrauen tanzen, Ballett auf den Stra\u00dfen, wilde N\u00e4chte, Getr\u00e4nke, Tische... Es ist so sch\u00f6n, ich frage mich welches Land das wohl sein mag\u201c.</p><p>Nicht zuletzt gab es einige institutionelle Ver\u00e4nderungen zur St\u00e4rkung der repressiven Apparate. Die Ver\u00e4nderungen zielen auf die Festigung eines autorit\u00e4ren Staatsaufbaus: <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2021/01/turkey-gives-police-access-military-alarming-human-rights.html\">Beispielsweise</a> ist es mittlerweile dem Geheimdienst (MIT) und der Polizei erlaubt, bei \u201eterroristischen oder gesellschaftsbezogenen Ereignissen\u201c auf Waffenbest\u00e4nde des Milit\u00e4rs zuzugreifen. Zudem ist es mittlerweile <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bakan-soylu-toplumsal-olaylarda-kayit-yasagina-dair-emniyet-genelgesi-anayasa-ya-aykiri-degil-basini-engellemez,949777\">verboten</a>, mit Handys Aufnahmen von polizeilichen Ma\u00dfnahmen zu t\u00e4tigen. Auch wurde die <a href=\"https://www.hrw.org/news/2020/12/24/turkey-draft-law-threatens-civil-society\">Kontroll- und Interventionsmacht</a> des Innenministeriums \u00fcber die Vorst\u00e4nde von NGOs <a href=\"https://media-cdn.t24.com.tr/files/Venedik_Komisyonu_Turkiye_raporu.pdf\">bedeutend gest\u00e4rkt</a>. Und es wird seitens des Regimes die Einf\u00fchrung einer <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/2958771-yeni-anayasanin-olmazsa-olmaz-iki-sarti-1-cumhurbaskanligi-hukumet-sistemi-2-uniter-yapi\">neuen Verfassung</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/02/03/yeni-anayasadan-ilk-haberler-daha-guclu-baskanlik/\">diskutiert</a>, die <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/yeniden-kurulus-anayasasi-41737612\">offensichtlich</a> eine verfassungsrechtliche St\u00e4rkung der Pr\u00e4sidialdiktatur parallel mit einer St\u00e4rkung der t\u00fcrkisch-nationalistischen und islamistischen Elemente der Verfassung zum Ziel hat. Aber keine dieser Ma\u00dfnahmen konnte verhindern, dass Anatolien Ende Juli wortw\u00f6rtlich in Flammen aufging.</p><h2><b>Anatolien in Flammen</b></h2><h4><i>Seit Ende Juli w\u00fcten die vermutlich verheerendsten Waldbr\u00e4nde in der Geschichte der</i> <a href=\"https://atmosphere.copernicus.eu/copernicus-mediterranean-region-evolves-wildfire-hotspot-while-fire-intensity-reaches-new-records\"><i>modernen T\u00fcrkei</i></a><i>.</i> <a href=\"https://www.economist.com/europe/2021/08/07/turkeys-deadly-fires-raise-the-heat-for-erdogan\"><i>\u00dcber 160.000 Hektar Waldfl\u00e4che</i></a><i> verbrannten vom 28. Juli bis zum 9. August in</i> <a href=\"https://twitter.com/bekirpakdemirli/status/1424804281941733379/photo/1\"><i>\u00fcber 270 Br\u00e4nden</i></a><i>, die 53 von insgesamt 81 Provinzen in Flammenmeere verwandelten.</i></h4><p>Es ist nat\u00fcrlich einerseits Zufall, dass im selben Jahr die Corona-Pandemie auf der Welt w\u00fctet; in Texas im Februar eine historische <a href=\"https://www.nbcnews.com/news/us-news/death-toll-rises-210-february-cold-wave-texas-n1273911\">K\u00e4ltewelle</a> zum Zusammenbruch des Elektrizit\u00e4tsnetzwerkes und zu \u00fcber 200 K\u00e4ltetoten f\u00fchrte; Kanada und Teile der USA eine bisher nicht gesehen Hitzewelle von 50\u00b0 Celsius durchmach(t)en; in Rheinland-Pfalz beziehungsweise Nordrhein-Westfalen (und in Belgien, Luxemburg, der Niederlande und der nord\u00f6stlichen Schwarzmeerk\u00fcste der T\u00fcrkei) geradezu <a href=\"https://www.nationalgeographic.co.uk/environment-and-conservation/2021/07/experts-fear-germanys-deadly-floods-are-a-glimpse-into-climate-future\">diluvianische Sintfluten</a> zu immensen Zerst\u00f6rungen und zum Tod von fast 200 Menschen f\u00fchrten; weitere Regionen rund um das <a href=\"https://www.vice.com/en/article/n7bk9d/a-heatwave-has-triggered-a-massive-melting-event-in-greenland\">Mittelmeer in Flammen</a> stehen (Waldbr\u00e4nde in Italien, Griechenland, dem Balkan, Algerien...); auch Kalifornien mit dem gr\u00f6\u00dften Waldbrand seiner Geschichte k\u00e4mpft; es sogar in Sibirien zu weitfl\u00e4chigen Waldbr\u00e4nden kommt, w\u00e4hrend in Gr\u00f6nland die Eiskappen wegen einer Hitzewelle <a href=\"https://www.vice.com/en/article/n7bk9d/a-heatwave-has-triggered-a-massive-melting-event-in-greenland\">massiv schmelzen</a> und so weiter. Aber es ist zugleich \u00fcberhaupt kein Zufall, sondern diese Extremwetterereignisse sind eine logische Konsequenz von geradezu eiserner Notwendigkeit. Sie folgen aus dem menschengemachten Klimawandel, wie der <a href=\"https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2021-08/klimawandel-ipcc-bericht-weltklimarat-erderwaermung-extremwetter/komplettansicht\">aktuell ver\u00f6ffentlichte</a> Weltklimabericht des<i> Intergovernmental Panel on Climate Change</i> (IPCC) in aller Ausf\u00fchrlichkeit und wissenschaftlich fundiert festh\u00e4lt. Extremwetterereignisse werden daher unausweichlich zunehmen, einzig die Frage nach dem <i>wann</i> und <i>wo</i> beherbergt eine Prise Zufall. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit dem zumindest stark durch menschliche Handlungen beg\u00fcnstigten Ausbruch und der Verbreitung von Epidemien und Pandemien. Vielleicht wird dieses Jahr irgendwann als das erste \u00f6kologische Katastrophenjahr bezeichnet werden, in dem sich die mit apodiktischer Notwendigkeit aus dem Klimawandel und den spezifischen Formen menschlicher Landwirtschaft folgenden Extremwetterereignisse und Pandemien in einem bislang noch nicht gekannten Ausma\u00df akkumulierten \u2013 und damit auch den Menschen in den imperialistischen Zentren die Klimakrise fassbar vor Augen f\u00fchrten. Die UN spricht schon davon, dass wir auf einen Planet hinsteuern, der zu einer \u201e<a href=\"https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/Human%20Cost%20of%20Disasters%202000-2019%20Report%20-%20UN%20Office%20for%20Disaster%20Risk%20Reduction.pdf\">uninhabitable hell</a>\u201c (S. 3) wird und Leo Panitch bl\u00e4ut uns, etwas arg pessimistisch, schon seit Jahren ein, dass wir uns <a href=\"https://catalyst-journal.com/2020/06/class-theory-for-our-time\">darauf vorbereiten m\u00fcssen</a>, den Sozialismus unter Umst\u00e4nden aufzubauen, die denen von<i> Blade Runner</i> \u00e4hneln.</p><h4><i>Das derzeitige Inferno in Anatolien ist allerdings nicht nur eine Geschichte des menschengemachten Klimawandels. Es f\u00fchrt \u2013 wie in einem Brennglas \u2013 alle in diesem Artikel bereits angesprochenen sozialen Entwicklungen und Antagonismen konzentriert zusammen und versch\u00e4rft sie: den neronischen Hochmut des Regimes, das Desinteresse des neoliberalen Staates an Mensch und Natur, die Faschisierung, den Lynchmob, die antikurdische Hetze \u2013 aber auch das Potenzial umfassender Solidarit\u00e4t.</i></h4><p>An erster Stelle ist das Totalversagen des neoliberalen Staates zu nennen, wo es um Schutz und \u00dcberleben von Mensch und Natur geht: Angesichts der v\u00f6llig unzureichenden Ausstattung von Feuerwehr und Feuerl\u00f6schflugzeugen versuchten Dorfbewohner*innen, Polizist*innen und Gendarmen individuell mit eigenen H\u00e4nden, kleinen Wasserk\u00fcbeln, Decken und dergleichen den Fl\u00e4chenbrand zu bes\u00e4nftigen; die Evakuation von Tausenden von Menschen aus K\u00fcstenorten und Tourismusressorts wurde teils mit <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=Pk2NZ9Q2_o8\">privaten Mitteln</a>, das hei\u00dft mit Privatjachten, Jetskies und kleinen Booten organisiert. Ganze D\u00f6rfer und St\u00e4dte mussten evakuiert werden; auch das <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=1IP3j2NrQVY\">Kohlekraftwerk \u00d6ren</a> bei Milas/Mu\u011fla, das in letzter Sekunde abgeschaltet und gemeinsam mit der ganzen Umgebung von den Seestreitkr\u00e4ften des t\u00fcrkischen Milit\u00e4rs evakuiert wurde. Es war eine der wenigen Situationen, in denen die Regierung das Milit\u00e4r, das seit dem Putschversuch 2016 direkt dem Gouverneur und der Regierung mit Ausnahme des milit\u00e4rischen Verteidigungsfalles weisungsgebunden untersteht, zu Hilfe rief. Die Furcht vor einer (eher fiktiven denn wahrscheinlichen) kemalistischen \u201eVereinigung von Volk und Armee\u201c durch gemeinsame Aktion sitzt tief. Viele <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=6Fs8YITtkwo\">freiwillige Brandbek\u00e4mpfer*innen</a> aus allen Landesteilen, oft politisch links eingestellt, und Dorfbewohner*innen <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=QgN7tnoEkZ4\">berichten</a> <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=rCcHGmm6Uaw\">davon</a>, dass lange Zeit gar keine oder kaum Flugzeuge/Helikopter eingesetzt wurden \u2013 oder sie, von Staat und Regierung in Stich gelassen, die Br\u00e4nde selbst bek\u00e4mpfen mussten. \u201eIch wei\u00df nicht, wer uns helfen wird\u201c, ruft \u2013 verzweifelt und w\u00fctend zugleich \u2013 Ismail \u00d6zt\u00fcrk, ein Dorfbewohner bei Manavgat/Antalya, dessen gesamtes Dorf niederbrannte.</p><p>Im Zentrum der Debatte um Staatsversagen steht die beizeiten von Atat\u00fcrk gegr\u00fcndete gemeinn\u00fctzige Institution der T\u00fcrkischen Luftfahrtgesellschaft (<i>T\u00fcrk Hava Kurumu</i>, THK) und nat\u00fcrlich das Forst- und Landwirtschaftsministerium. Die THK diente historisch nicht nur der Verbreitung und Ausbildung der Luftfahrt, sondern auch der Bek\u00e4mpfung von Br\u00e4nden. Noch 2002 besa\u00df sie 19 L\u00f6schflugzeuge, die in den 2000er-Jahren im In- wie im internationalen Ausland zum Einsatz kamen. Ab etwa 2010 wurde sie <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-08-06/grounded-firefighting-aircraft-haunt-erdogan-as-blazes-rage\">zunehmend heruntergewirtschaftet</a>, indem ihr bestimmte privilegierte Einkommensquellen staatlicherseits gekappt und islamistischen Organisationen \u00fcbergeben wurden. Seit 2019 wird sie von einem regimetreuen Zwangsverwalter gef\u00fchrt, der 2015 kurzfristig einen Ministerposten innehatte (den f\u00fcr Handel und Z\u00f6lle), und die THK gemeinsam mit dem Forst- und Landwirtschaftsministerium ganz aus der Brandbek\u00e4mpfung <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/tuncay-mollaveisoglu/bu-bir-yonetim-krizi-goz-gore-gore-yandik-1857732\">herauszog</a>. Das Herunterwirtschaften der THK ist dabei nicht nur (aber auch) Teil des antikemalistischen Kulturkampfes der AKP: Die THK steht immer noch f\u00fcr ein \u201eErbe Atat\u00fcrks\u201c und galt als kemalistische Bastion. Das Kaputtsparen der de facto halbstaatlichen, aber nach Privatrecht operierenden THK ist aber auch ganz simpel Teil einer neoliberalen Austerit\u00e4tspolitik, die an allen haupts\u00e4chlich sozialen und infrastrukturellen Ausgaben spart, die als \u201e\u00fcberfl\u00fcssig\u201c gelten. <a href=\"https://griechenlandsoli.com/2021/08/07/polizisten-im-uberfluss-aber-keine-feuerwehrleute/\">Ein Blick</a> auf das Nachbarland Griechenland, in dem die <a href=\"https://www.heise.de/tp/features/Griechenland-Verheerende-Waldbraende-bedrohen-auch-die-Hauptstadt-6156901.html\">durch Austerit\u00e4t</a> fast handlungsunf\u00e4hige Feuerwehr verzweifelt mit dem <a href=\"https://www.independent.co.uk/climate-change/greece-fires-news-live-wildfires-weather-b1898720.html\">wenigen Personal</a>, das ihr zur Verf\u00fcgung steht, versucht, die Br\u00e4nde zu bek\u00e4mpfen \u2013 w\u00e4hrend zugleich die Polizei massiv aufgestockt wurde und wird \u2013, macht deutlich, <a href=\"https://www.heise.de/tp/features/Griechenland-erst-saniert-dann-verbrannt-6158465.html?seite=all\">wie \u00e4hnlich</a> sich zwei neoliberale Staaten an der euro-transatlantischen Peripherie bei allen ideologischen und kulturellen Differenzen sind.</p><p>Anstatt die durchaus vorhandenen <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58029855\">funktionsf\u00e4higen Teile</a> der Flotte der THK sofort zu nutzen \u2013 <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=ZW88UT6Ol_U\">sieben Flieger</a> standen die ganze Zeit flugbereit bei Etimesgut/Ankara auf dem Flugfeld \u2013 und die reparaturbed\u00fcrftigen schnellstm\u00f6glich auf Vordermann zu bringen, regnete es <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58029855\">Schm\u00e4hungen und Drohungen</a> auf die THK und alle, die den Einsatz der THK einforderten. Dabei plapperte der Forst- und Landwirtschaftsminister Bekir Pakdemirli nat\u00fcrlich heraus, dass dem Ministerium selbst <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58029855\">keine Feuerl\u00f6schflugzeuge</a> zur Verf\u00fcgung st\u00fcnden. Und der derzeitige Zwangsverwalter der THK gab zu, dass er sich \u201eauf einer Hochzeit\u201c befand, als ihn CHP-Chef Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu verzweifelt versuchte, per Telefon zu erreichen. Dieser wollte ihm das Angebot der am heftigsten vom Feuer betroffenen Gebiete (alle CHP-gef\u00fchrt) \u00fcberreichen, wonach die betreffenden Munizipalit\u00e4ten vorschlugen, die Wartungskosten der THK-Feuerl\u00f6schflugzeuge zu \u00fcbernehmen, damit diese schnellstm\u00f6glich in den Einsatz geschickt werden k\u00f6nnten. Bis Feuerl\u00f6schflugzeuge und -helikopter von Russland, der Ukraine, Israel und Aserbaidschan und anderen L\u00e4ndern \u2013 \u00fcbrigens zu vermutlich bedeutend <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/tuncay-mollaveisoglu/ormanlar-yansin-diye-her-sey-yapildi-1848468\">h\u00f6heren Kosten</a> als eine <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58029855\">Wartung</a> der THK-Flotte \u2013 angemietet wurden und die EU Hilfe schickte, waren die Br\u00e4nde schon zu einem Fl\u00e4chenbrand ausgewachsen.</p><h4><i>Sehenden Auges also lie\u00df das Regime die Provinzen in Flammen aufgehen \u2013 genauso, wie der r\u00f6mische Geschichtsschreiber Sueton Kaiser Nero beschreibt, der dem Gro\u00dfen Brand von Rom unt\u00e4tig zugeschaut haben soll.</i></h4><p>Wie der Nero der Erz\u00e4hlungen Suetons, so verfolgt \u2013 abgesehen von der neoliberalen Inkompetenz \u2013 auch das Regime in der T\u00fcrkei offensichtlich mehrere Kalk\u00fcle mit dem laxen Vorgehen gegen die Br\u00e4nde. Ein Faktor ist vermutlich ein polit\u00f6konomischer: <a href=\"https://www.tema.org.tr/basin-odasi/basin-bultenleri/canakkale-icin-kader-ani\">Bis zu</a> 70% <a href=\"https://www.tema.org.tr/basin-odasi/basin-bultenleri/yasalarla-madencilikten-korunan-alanlar-belirlenmeli\">einiger</a> betroffener Provinzen sind mit Bergbaulizenzen versehen. Das Abbrennen der W\u00e4lder \u201evereinfacht\u201c da nat\u00fcrlich den Bergbau, zumal \u2013 zuf\u00e4lligerweise? \u2013 unmittelbar zu Beginn der Br\u00e4nde <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/07/31/yanginlar-sonmeden-orman-ve-kiyilar-yeni-yagmaya-aciliyor/\">ein Gesetz</a> verabschiedet wurde, das im Prinzip dem Pr\u00e4sidenten das Recht zuspricht, nach Gutd\u00fcnken Waldgebiete als Bergbaugebiet zu deklarieren. Obwohl der Schutz der W\u00e4lder auf Verfassungsrang verbindlich festgelegt ist, wurde dieses Verfassungsprinzip w\u00e4hrend der AKP-\u00c4ra <a href=\"https://monde-diplomatique.de/artikel/!5761209\">kontinuierlich untergraben</a>. Der Bergbau (Gold, Metalle, usw.) stellt nun mal eines der lukrativsten Investitionsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr AKP-nahe Kapitalgruppen dar. Auch jetzt wird zwar versprochen und versichert, dass alle niedergebrannten W\u00e4lder aufgeforstet werden. \u00c4hnliche hochheilige Versprechungen haben sich allerdings in der Vergangenheit als <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1155310.waldbraende-in-tuerkei-grosse-waldgebiete-zerstoert.html\">blanke L\u00fcgen</a> erwiesen.</p><p>Ein weiterer Faktor ist ein gedoppelter politischer. Zum einen wird die Unf\u00e4higkeit, die Br\u00e4nde zu bek\u00e4mpfen \u2013 auch von Erdo\u011fan selbst \u2013 <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/erdogan-struggles-contain-political-fallout-turkeys-wildfires\">der Opposition zugeschrieben</a>. Alle Kommunalverwaltungen der am heftigsten von den Br\u00e4nden betroffenen Provinzen an der West- und S\u00fcdk\u00fcste der T\u00fcrkei sind n\u00e4mlich unter Kontrolle der CHP. Das ist nat\u00fcrlich Teil des allgemeinen Kampfes um die Hegemonie zwischen Regime und Opposition um die Gunst der Bev\u00f6lkerung. Zugleich aber soll und darf aus Regimeperspektive brennen, was zum verhassten West- und S\u00fcdk\u00fcstenstreifen der T\u00fcrkei geh\u00f6rt \u2013 das hei\u00dft diejenigen Teile des Landes, die w\u00e4hrend der AKP-\u00c4ra durchgehend in der Hand der kemalistischen CHP (oder, wenn auch etwas weniger stabil, der MHP) blieben und daher nun in neronischer Verachtung dem Brand ausgeliefert wurden. Und inmitten dieses Infernos sang <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/erdogandan-yangin-aciklamasi-suikast-iddiasi-yogun-sekilde-sorusturuluyor-1856606\">das Regime</a> und <a href=\"https://onedio.com/haber/yandas-medyanin-turkiye-nin-yangin-basarisi-hakkinda-yaptigi-gecmis-haberleri-okuyunca-saskina-doneceksiniz-996006\">die Regimepresse</a> <a href=\"https://www.sabah.com.tr/gundem/2021/08/10/son-dakika-yanginlarda-buyuk-basari-tarihe-gecen-anlar\">eine Ode</a> auf die angeblich unvergleichlich effektive Brandbek\u00e4mpfung(sinfrastruktur) des t\u00fcrkischen Staates und <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/turkish-prosecutor-investigates-tweets-calling-help-wildfires\">schwang die Repressionskeule</a> gegen den millionenfach geteilten #HelpTurkey-Hashtag auf Twitter.</p><p>Der andere Teil des politischen Kalk\u00fcls ist die Nutzbarmachung der Br\u00e4nde f\u00fcr die Entfachung des antikurdischen Rassismus und der faschistischen Massenmobilisierung zwecks Legitimationserhalt. <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/407845.waldbr%C3%A4nde-in-der-t%C3%BCrkei-schuld-sind-die-anderen.html\">Erdo\u011fan h\u00f6chstpers\u00f6nlich</a> legte eine Verursachung der Br\u00e4nde durch die PKK nahe. Er bezeichnete die Opposition erneut als \u201eTerroristen\u201c und <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58075222\">drohte</a> durch die Blume mit Gewalt im Falle eines solchen \u201eVaterlandsverrats\u201c, was die dann nat\u00fcrlich tats\u00e4chlich stattfindenden \u00dcbergriffe legitimierte und anfachte. Nat\u00fcrlich gibt es bis heute keine Beweise daf\u00fcr, dass \u201eSaboteure\u201c oder die PKK die Feuer gelegt haben. Der t\u00fcrkische Staat m\u00fcsste sich grundlegend Gedanken \u00fcber seinen Existenzgrund machen, wenn Saboteure und/oder die PKK so f\u00e4hig w\u00e4ren, dass sie fast die H\u00e4lfte des Landes in ein Flammenmeer verwandeln k\u00f6nnen. <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1155310.waldbraende-in-tuerkei-grosse-waldgebiete-zerstoert.html\">Unter F\u00fchrung</a> vermutlich der MHP (aber auch Teilen der oppositionellen MHP-Abspaltung <a href=\"https://twitter.com/alibaydas/status/1422198847305129988\">IYI</a>) und mit tatkr\u00e4ftiger Unterst\u00fctzung der regimetreuen <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/407468.hasskampagne-massaker-an-kurden.html\">Revolverpresse</a> wurden \u00fcber <a href=\"https://sendika.org/2021/07/kim-yakti-627226/\">Social Media-Accounts</a> und <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yalan-yangini-provokasyon-linc-hedef-gosterme-haber-1530516\">Internetseiten</a> Hetze gegen angebliche \u201ePKK-Terroristen\u201c und andere \u201eB\u00f6sewichte\u201c betrieben und bewaffnete rechte Volkswehren zum \u201eSchutze des Vaterlandes\u201c gegr\u00fcndet. Anstelle die Feuer zu bek\u00e4mpfen und die Regeneration von Mensch und Natur zu f\u00f6rdern, wie linke Freiwillige es taten, konzentrierten sich diese Volkswehren darauf, Lynchmobs und sogar <a href=\"https://twitter.com/svendscha/status/1422498595547271168\">Passkontrollen</a> auf viel befahrenen Stra\u00dfen zu organisieren. Alle, die \u201eausl\u00e4ndisch\u201c, \u201esuspekt\u201c oder, noch schlimmer, wie Kurd*innen aussahen beziehungsweise per Geburtsort als \u201eKurde\u201c identifiziert werden konnten, wurden <a href=\"https://www.zeit.de/zett/politik/2021-08/rassismus-tuerkei-waldbraende-kurdische-bevoelkerung\">angegriffen</a> und regelrecht zum Abschuss freigegeben. Die Aufwiegelung ging so weit, dass ein <a href=\"https://twitter.com/kazdaglariist/status/1422173374822944770\">Gendarmerie-Kommandant intervenierte</a> und organisierte Zivilist*innen in scharfen Worten mahnte, nicht auf Falschinformationen bez\u00fcglich angeblicher \u201eTerroristen\u201c und Sabotageakten reinzufallen. Die Gendarmerie h\u00e4tte eine Reihe an solchen anonymen Meldungen gepr\u00fcft; alle seien falsch gewesen und h\u00e4tten Unschuldige bewusst zur Zielscheibe erkoren. Der Kommandant hob explizit hervor, dass solcher Art Informationen der wechselseitigen Aufhetzung und der Lynchjustiz dienten. Offensichtlich bef\u00fcrchten auch Teile des Staates, dass die betriebene Hetze zu einem unkontrollierbaren Chaos und zur weiteren Destabilisierung des Landes f\u00fchrt.</p><h2><b>Alle gegen alle \u2013 im Namen von Staat und Erdo\u011fan!</b></h2><p>Denn inmitten der autorit\u00e4ren Konsolidierungsversuche versch\u00e4rft sich mit dem sich einengenden \u00f6konomischen Spielraum und der allgemeinen Krisenhaftigkeit der konflikthafte Charakter der Polykratie. <a href=\"https://www.jstor.org/stable/40185021\"><i>Polykratie</i></a> bezeichnet ein \u201e\u00e4u\u00dferst komplizierte[s] Herrschaftsgef\u00fcge[], aufgebaut aus mehreren, sich gegenseitig nicht selten bek\u00e4mpfenden und blockierenden Zentren, die allerdings in der Regel [\u2026] dem allm\u00e4chtigen F\u00fchrer\u201c (S. 417) untergeordnet bleiben. Zu so einer Situation kommt es \u00fcblicherweise mit der schrittweisen Ersetzung konstitutionell-institutioneller Vermittlungs- und Politikformen durch dezisionistische Politik- und Staatsformen. <i>Dezisionismus</i> hei\u00dft in diesem Fall, dass das politische Handeln nicht prim\u00e4r mittels rechtsstaatlich-konstitutionell abgesicherten und f\u00fcr alle relevanten Machtakteur*innen verbindlichen Regeln, Normen und gemeinschaftlichen Vermittlungsformen stattfindet. Vielmehr sind es unmittelbare Entscheidungen von potenten Machtakteur*innen, aus deren Handlungen auch Gesetz und Norm folgen oder zumindest nach gusto interpretiert/angewandt werden (k\u00f6nnen). <b>[9]</b></p><p>Die grundlegende dezisionistische Fiktion ist nat\u00fcrlich diejenige, dass es in einem politischen Zustand, in dem der Dezisionismus dominant ist oder eine wichtige Rolle spielt, nur<i> einen</i> Souver\u00e4n gibt, aus dessen Entscheidung dann alles Relevante folgt beziehungsweise dem alle anderen politischen Organe untergeordnet sind. Stattdessen tun sich unter dem einen offiziellen (dezisionistisch agierenden) Souver\u00e4n (in diesem Fall Erdo\u011fan), der sich auch in das Gesch\u00e4ft anderer staatlicher Institutionen <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/erdal-saglam/fiyat-istikrari-komite-kurarak-saglanamaz-1848776\">einmischt</a>, lauter kleinere (M\u00f6chtegern-)Souver\u00e4ne und Machtbl\u00f6cke hervor, die miteinander konkurrieren um Macht und Einfluss, eben eine Polykratie. Da aber konstitutionell-institutionelle Vermittlungsformen politischer Konflikte fehlen oder den dominanten dezisionistischen stark untergeordnet sind, werden diese Konflikte oft hinter den Kulissen gef\u00fchrt. B\u00fcndnisse und Kooperationen werden ad hoc und institutionell nicht abgesichert geschlossen \u2013 und genauso abrupt wieder aufgek\u00fcndigt. Dabei nehmen alle untergeordneten, aber dennoch entscheidenden, Akteur*innen f\u00fcr sich in Anspruch, ganz und gar im Sinne des offiziellen Souver\u00e4ns (Erdo\u011fan) oder des Staatswohls zu handeln, da diese Elemente das Einzige sind, worauf sich die dezisionistischen Akteure als \u00fcbergeordnete Institutionen einigen k\u00f6nnen. Da diese selbst aber durch den Dezisionismus entweder fast jedweder Verbindlichkeit und objektivierter Institutionalisierung beraubt sind oder aber selbst wesentlich dezisionistisch agieren, wird der politische Konflikt innerhalb des polykratischen Gef\u00fcges zunehmend eruptiv und agonal ausgetragen, insbesondere, wenn der politische und \u00f6konomische Verteilungsspielraum durch die andauernde Krisenhaftigkeit kleiner wird.</p><h4><i>Erdo\u011fan thront als Schiedsrichter letzter Instanz \u00fcber dem polykratischen Kampfplatz und versucht, dessen Volatilit\u00e4t durch ad hoc kalkulierte Balanceakte unter Kontrolle zu halten.</i></h4><p>Es macht daher auch Sinn, von einem (politischen) Regime zu sprechen, da nicht alle relevanten politischen Akteur*innen auch \u00f6ffentliche oder offen gelegte politische Funktionen \u00fcbernehmen, aber dennoch im und au\u00dferhalb des Staates politisch ma\u00dfgeblich sind. Die MHP hat beispielsweise keinen einzigen Ministerialposten inne \u2013 dennoch organisiert sie ihre Kader in bestimmten Staatsapparaten und wirkt ganz ma\u00dfgeblich mit an der Formulierung der Regierungspolitik.</p><p>\u00dcber die Ausma\u00dfe dieses polykratischen Zustandes habe ich <a href=\"https://revoltmag.org/articles/zwischen-faschisierung-elitenzwist-und-widerstand-die-t%C3%BCrkei/\">anderorts</a> ausf\u00fchrlich <a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">geschrieben</a>. Ich m\u00f6chte hier auf die aktuellen Entwicklungen eingehen. Zum einen hat sich der Machtkampf zwischen dem \u2013 von den Nationalisten der MHP unterst\u00fctzten \u2013 Innenminister S\u00fcleyman Soylu, der nicht aus der Tradition des politischen Islams stammt, und dem aus der Tradition des politischen Islams kommenden Schwiegersohn von Erdo\u011fan, Berat Albayrak (ehemals Finanz- und Wirtschaftsminister), durch den weiter oben diskutierten R\u00fccktritt von Albayrak Ende letzten Jahres vorerst im Sinne von Soylu \u2013 und daher im Sinne des nationalistischen Lagers beziehungsweise eines nationalistischen Kr\u00e4ftenetzwerkes im derzeitigen Regime \u2013 entschieden.</p><p>Dieses Netzwerk befindet sich mit dem erneut eskalierten Krieg gegen die Kurd*innen ab 2015 und der, politisch betrachtet lebenserhaltenden, Unterst\u00fctzung der MHP f\u00fcr die AKP schon seit geraumer Zeit im Aufwind. Auch in diesem Jahr \u00fcbernahm der MHP-Chef Bah\u00e7eli wie in den Jahren zuvor die Initiative im Faschisierungsprozess der T\u00fcrkei, indem er die Wiedereinf\u00fchrung der Todesstrafe, mehrmals die Entmachtung und/oder Abschaffung des Verfassungsgerichtshofes und letztlich eine neue Verfassung vorschlug. An letzterem <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/mhpnin-hazirladigi-yeni-anayasa-calismasinin-ayrintilari-belli-olmaya-basladi-1833808\">entfacht</a>e sich ein bisher nicht weiter hochgekochter Konflikt mit der AKP, da Bah\u00e7elis Vorschlag zwar auf ein autorit\u00e4res Staatssystem ausgerichtet ist, aber auch explizite Kontrollmechanismen des Pr\u00e4sidenten, beispielsweise durch ebenfalls direkt gew\u00e4hlte Pr\u00e4sidentenberater (sozusagen durch faschistische Tribune) vorsieht. Auch bei der Verbotsforderung gegen\u00fcber der HDP war Bah\u00e7eli lautstark vorne dabei \u2013 mit Sicherheit auch deswegen, um der M\u00f6glichkeit einer taktisch-instrumentellen Ann\u00e4herung der AKP an die HDP oder einem erneuten \u201eFriedensprozess\u201c zuvorzukommen, da die MHP selbst Haupttreiberin und eine der Hauptprofiteurinnen des militaristischen Kurses ist. Demgegen\u00fcber k\u00f6nnte die AKP unter Umst\u00e4nden auch wegen ihrer Geschichte zu einem taktisch-instrumentell verstandenen \u201eFriedensprozess\u201c mit der kurdischen Bewegung zur\u00fcckkehren oder eine R\u00fcckkehr wahltaktisch in Aussicht stellen, auch wenn dies aufgrund der Entwicklungen immer unwahrscheinlicher wird. \u00c4hnliches, wenn auch auf einem viel niedrigeren Niveau, wurde schon bei den Kommunalwahlen 2019 versucht. <b>[10]</b> Dass Erdo\u011fan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-sizler-baskalarinin-evlatlarini-daga-olume-gonderenlerin-kendi-evlatlarini-yurt-disinda-nasil-ihtimamla-buyuttuklerini-yasattiklarini-da-gayet-iyi-biliyorsunuz,964882\">vor Kurzem</a> die mehrheitlich kurdische Gro\u00dfstadt Diyarbak\u0131r besuchte und betonte, es sei nicht die AKP gewesen, die den \u201eFriedensprozess\u201c beendet habe (sondern nat\u00fcrlich PKK und HDP), war f\u00fcr die t\u00fcrkischen Verh\u00e4ltnisse seit 2015 ein Novum, weil es den Friedensprozess zumindest wieder zum Thema machte. <a href=\"https://www.trthaber.com/haber/gundem/cumhurbaskani-erdogan-yangin-mahalline-gorevli-olmayanlar-giremeyecek-600203.html\">Erst k\u00fcrzlich</a> hob er kontrafaktisch hervor, dass es der t\u00fcrkische Staat gewesen sei, der die Kurd*innen in Kob\u00e2ne vor dem IS gesch\u00fctzt habe. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-cumhur-ittifaki-dunden-daha-guclu-bir-sekilde-ayaktadir,965572\">Prompt intervenierte</a> Bah\u00e7eli und gab \u00f6ffentlich zu verstehen, dass niemand irgendwelche \u201eAbsichten\u201c (sprich, auf einen erneuten Friedensprozess) herauslesen sollte.</p><h4><i>Im Zuge der Erstarkung des nationalistischen Lagers in seiner Breite sowie der erneuten offenen Militarisierung der T\u00fcrkei sind auch zentrale Akteur*innen des</i> <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57257229\"><i>Tiefen Staates der 1990er</i></a><i> als wirkm\u00e4chtige Akteur*innen erneut in die \u00d6ffentlichkeit ger\u00fcckt.</i></h4><p>Ryan Gingeras <a href=\"https://www.jstor.org/stable/40586942\">h\u00e4lt fest</a>, dass der Begriff des Tiefen Staates genutzt wird, um</p><p><i>to explain why and how agents employed by the state execute policies that directly contravene the letter and spirit of the law. It is a phrase that generally refers to a kind of shadow or parallel system of government in which unofficial or publicly unacknowledged individuals play important roles in defining and implementing state policy. Although military officers are often seen as ringleaders in administering the Turkish deep state, the participation of narcotics traffickers, paramilitaries, terrorists and other criminals is also deemed essential in constructing the deep state. [\u2026] Paramount to the operation and survival of the deep state is the extreme emphasis placed upon state security[.]</i> (S. 152-54, 173)</p><p>Im Tiefen Staat spielen also Pers\u00f6nlichkeiten innerhalb und au\u00dferhalb des Staates eine zentrale Rolle in der Formulierung und Umsetzung legaler wie vor allem illegaler Sicherheitspolitik im Namen der \u201eStaatssicherheit\u201c. Die ehemalige Premierministerin <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/gokcer-tahincioglu-yuzlesme/cinayetler-kasetler-yalanlar-ve-sorusturulmayan-suclar,31087\">Tansu \u00c7iller</a>, die alle (das hei\u00dft vor allem auch rechtswidrig vorgehende Paramilit\u00e4rs) als \u201eHelden\u201c bezeichnete, die f\u00fcr den Staat t\u00f6ten und get\u00f6tet werden; der ehemalige Polizeichef und Innenminister <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57235924\">Mehmet A\u011far</a>, der f\u00fcr den Aufbau der Sondereinsatzkr\u00e4fte der Polizei und ihrer semi- bis illegalen Kriegsf\u00fchrung in den kurdischen Gebieten in den 1990er ma\u00dfgeblich verantwortlich war (und wegen der Bildung einer kriminellen Organisation w\u00e4hrend seiner Amtszeit ins Gef\u00e4ngnis musste); sowie nationalistische Mafiabosse, darunter auch Sedat Peker, wurden seit 2015/16 juristisch wie politisch rehabilitiert und unterst\u00fctz(t)en seitdem die AKP. Auch Innenminister S\u00fcleyman Soylu kommt aus der politischen Tradition, aus der auch Mehmet A\u011far kommt. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/susurluk-u-hatirlatan-o-fotografi-gozaltinda-kaybedilenlerin-yakinlari-yorumladi-onlar-icin-adalet-hic-islemedi,909907\">Ein</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/susurluk-u-hatirlatan-o-fotografi-gozaltinda-kaybedilenlerin-yakinlari-yorumladi-onlar-icin-adalet-hic-islemedi,909907\">Fot</a>o aus dem letzten Jahr, auf dem besagter Mehmet A\u011far, ein ultranationalistischer Mafiaboss und zwei <a href=\"https://www.dw.com/tr/faili-me%C3%A7hullerle-an%C4%B1lan-isim-korkut-eken/a-57694554\">ehemalige hochrangige Milit\u00e4rs</a> aus dem Gebiet der \u201espeziellen Kriegsf\u00fchrung\u201c in einem Luxusyachthafen posieren, zeigt deutlicher als alle Worte, was Tiefer Staat in der T\u00fcrkei ist.</p><p>Aber die Konflikte innerhalb dieses polykratischen Regimes nehmen nicht ab, sondern eher zu. So kam es zu einem gr\u00f6\u00dferen Machtkonflikt mit einer spezifischen nationalistischen Fraktion, die wegen ihrer au\u00dfenpolitischen Perspektive einer zu erschaffenden Balance zwischen USA und Russland als Eurasier bezeichnet werden. <a href=\"https://warontherocks.com/2021/04/turkeys-talk-show-nationalists/\">Diese Fraktion</a> war ebenfalls nach dem Bruch zwischen AKP und G\u00fclen-Gemeinde 2012-13, sp\u00e4testens jedoch ab 2016 juristisch wie politisch rehabilitiert worden. Sie konnte sogar eine starke mediale Pr\u00e4senz entwickeln und in Diplomatie und au\u00dfenpolitischer Sicherheitsdoktrin partiell den Ton angeben, trotz fehlender elektoraler Verankerung. Der vorgeschobene Grund f\u00fcr den jetzt aufbrechenden Machtkonflikt war eine eher spielerische denn ernsthafte Infragestellung des Vertrages von Montreux (1936), der die Hoheit der T\u00fcrkei \u00fcber die Bosporus-Meerenge und die Freiheit der Handelsschifffahrt garantiert, dabei aber zugleich den internationalen milit\u00e4rischen Schiffsverkehr stark einschr\u00e4nkt. Diese Infragestellung ist jedoch ein Symptom der <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/akp-bu-kumpasin-neresinde-makale-1518245\">au\u00dfenpolitischen Reorientierung</a> des Regimes in Richtung einer engeren Zusammenarbeit mit den USA und dem Westen im Allgemeinen: Vor allem Staaten, die nicht Anrainer des Schwarzen Meeres sind, sind von den milit\u00e4rischen Beschr\u00e4nkungen des Vertrages betroffen. <a href=\"https://www.zeitschrift-luxemburg.de/die-tuerkei-zwischen-neuer-eu-annaeherung-geopolitischen-verwicklungen-und-putschbedatte/\">Daher</a> ver\u00f6ffentlichten unter anderem mehr als 100 ehemalige Admir\u00e4le aus besagter eurasischer Fraktion eine Erkl\u00e4rung, die zur Einhaltung des Vertrages mahnte, da sie eine Besch\u00e4digung des Verh\u00e4ltnisses zu Russland bef\u00fcrchteten. Es war zugleich ein Man\u00f6ver, um ihrer offensichtlich anstehenden politischen Liquidation <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/metin-gurcan/bir-amiral-bildirisi-analizi-gercekler-dogrular-yanlislar-senaryolar,30491\">zuvorzukommen</a>. AKP und MHP reagierten umgehend und verurteilten die Erkl\u00e4rung als \u201ePutschversuch\u201c; es folgte eine riesige Razzia gegen die Admir\u00e4le. Ein hochrangiger AKP\u2019ler bezeichnete die Erkl\u00e4rung als \u201e<a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56658215\">Gottes Segen</a>\u201c \u2013 so wie Erdo\u011fan den Milit\u00e4rputsch 2016 als Gottes Segen bezeichnet hatte \u2013, der ihnen die S\u00e4uberung der eurasischen Elemente erm\u00f6gliche. Der intellektuelle Kopf der Eurasier, der ehemalige Admiral Cem G\u00fcrdeniz, war gemeinsam mit anderen wichtigen eurasischen Milit\u00e4rs nach Jahren der teils \u00f6ffentlichen Lobpreisung seitens des Regimes im Handumdrehen zur<i> persona non grata</i> geworden \u2013 eine typische Entwicklung in dezisionistisch-polykratischen B\u00fcndniskonstellationen.</p><p>Auch mit dem Hauptb\u00fcndnispartner MHP und der um sie und in ihr organisierten nationalistischen Fraktion kommt es zu Konflikten. Die \u201ekurdische Frage\u201c und die Kontrolle \u00fcber das Pr\u00e4sidialamt beziehungsweise die Debatte um die neue Verfassung habe ich schon erw\u00e4hnt. Es gibt aber auch einen Kampf um die ideologische Deutungshoheit im Allgemeinen. Eine Wiederann\u00e4herung Erdo\u011fans und der AKP an Parteien sowie an Kultur- und Symbolpolitik des politischen Islams ist klar erkennbar. Nach 2015-2016 hatte eine t\u00fcrkisch-nationalistische und staatsverherrlichende Wende stattgefunden, da die AKP angesichts der Hegemoniekrise und des Bruchs mit ihrem ehemaligen B\u00fcndnispartner, der Gemeinde des Predigers Fetullah G\u00fclen, das B\u00fcndnis mit unterschiedlichen nationalistischen Fraktionen in Staat und Gesellschaft suchte. Jetzt aber versucht die AKP wieder umzuschwenken. Ihr geht es dabei wie bei der instrumentellen Tuchf\u00fchlung an die Kurd*innen zum einen darum, das eigene B\u00fcndnisnetzwerk ausweiten und damit zugleich die Opposition zu schw\u00e4chen. Das habe ich weiter oben bez\u00fcglich der Ann\u00e4herungen an die<i> Saadet Partisi</i> (SP) ausgef\u00fchrt. Die AKP nahm hierf\u00fcr auch eine <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56505590\">innere Erneuerung</a> ihrer Kaderstruktur vor und versetzte erneut viele Pers\u00f6nlichkeiten aus der Tradition des politischen Islams in entscheidende Stellen der Parteistruktur. Andererseits geht es ihr aber auch darum, im Ideologischen und Kulturellen daf\u00fcr zu sorgen, dass ihr die F\u00fchrung nicht zugunsten der nationalistischen Fraktionen entgleitet. Schon fr\u00fcher gab es darum Konflikte. Wegen der Abschaffung eines <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-den-andimiz-kararina-sert-tepki-danistay-skandal-bir-karara-imza-atmis-milli-gerceklerle-catismistir,939250\">erznationalistischen Eidspruchs</a> in Schulen oder bestimmter <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/harp-okullarina-giris-kosullarini-belirleyen-yonetmeliklerde-kritik-degisiklik-irticai-faaliyet-cikarildi-1822750\">anti-islamistischer Regularien</a> bei den Rekrutierungsmechanismen des Milit\u00e4rs gab es j\u00fcngst einen \u00e4hnlichen Konflikt zwischen AKP und nationalistischen Fraktionen.</p><p>Dabei treten auch in der Reorientierung der AKP auf einen <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/erdogan-erken-secime-mi-hazirlaniyor-41851386\">islamistischen Kulturkampf</a> dezisionistische Elemente zutage: Der Imam der erst j\u00fcngst wieder in eine Moschee konvertierten Hagia Sophia, Boynukal\u0131n, trat mehrmals initiativ ins Rampenlicht, indem er <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56434283\">lautstark</a> gegen hohe Zinsen, den Laizismus, LGBTQI*, die Nutzung des Begriffs \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/ayasofya-nin-bas-imami-prof-boynukalin-kadin-cinayetleri-vurgusu-kadini-erkege-dusman-etmeye-calisan-bir-sloganik-medya-propagandasidir,937665\">Femizid</a>\u201c sowie die Istanbuler Konvention Stellung bezog und das seiner Interpretation nach vom Quran <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mehmet-boynukalin-dan-tepki-toplayan-aciklamalar-bana-dusen-hisseden-hepinize-kaliteli-pamuk-aldim-alayinizin-cehenneme-kadar-yolu-var,949592\">verb\u00fcrgte Recht</a> des Mannes \u00fcber die Familie zu herrschen verteidigte. Er \u00fcbersch\u00e4tzte sich allerdings. Nach gro\u00dfem \u00f6ffentlichen Druck trat er im April diesen Jahres <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ayasofya-daki-bas-imamlik-gorevinden-ayrilan-boynukalin-kararimin-bir-sebebi-de-ayasofya-imami-konusuyor-da-biz-niye-konusmayalim-hezeyanlarina-meydan-vermemektir,944470\">zur\u00fcck</a>. An seiner Statt ergriff gleich der n\u00e4chste Imam die Initiative: Bei einem Gebet, bei dem auch Erdo\u011fan zugegen war, bezeichnete er den Staatsgr\u00fcnder Atat\u00fcrk als \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-in-katildigi-programda-ataturk-e-atfen-zalim-ve-kafir-diyen-imama-tepki-yagdi,955487\">Unterdr\u00fccker und Ungl\u00e4ubige</a>n\u201c, was nat\u00fcrlich ebenfalls zu einem gro\u00dfen Skandal wurde. Ein anderer AKP-Parlamentarier war der Meinung, dass \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/meclis-teki-butce-gorusmelerinde-akp-li-aydogdu-nun-seriat-bizim-hukukumuzdur-sozleri-tutanaklara-gecti,919767\">die Scharia unser Gesetz</a>\u201c ist, w\u00e4hrend ein stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AKP die Perspektive vertrat, dass die geplante neue Verfassung eine \u201e<a href=\"https://www.birgun.net/haber/akp-den-akp-ye-yanit-kurulus-anayasasi-soz-konusu-degil-334242\">Verfassung der Neubegr\u00fcndung</a>\u201c der Republik anstrebe. Der eigentliche Fraktionsvorsitzende der AKP ruderte prompt zur\u00fcck und versicherte, dass man an der Republik von 1923 festhalten werde.</p><p>Der Kampf um die Justiz setzt sich ebenfalls fort. Wie gehabt beschweren sich zentrale Figuren des Verfassungsgerichtshofs regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber unterschiedliche Aspekte mangelhafter Rechtsstaatlichkeit im Land; etwa \u00fcber die mangelhafte Umsetzung von Urteilsspr\u00fcchen des Verfassungsgerichtes. Dabei h\u00e4lt sich das Verfassungsgericht selber \u201enach oben hin\u201c, also hinsichtlich der Umsetzung von Urteilen des Europ\u00e4ischen Menschengerichtshofes, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/berberoglu-karari-ilk-degil-turkiye-yargisinda-anayasa-muhim-degil-parasi-neyse-oderiz-donemi,909009\">nicht immer</a> an dessen Beschl\u00fcsse. Es handelt also selbst nicht rechtsstaatlich und ist intern politisch <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/sedat-ergin/anayasa-mahkemesinin-hassas-dengeleri-41636492\">grob in zwei Lager</a> gespalten. Erdo\u011fan versucht, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-da-eski-istanbul-bassavcisi-ni-secti-fidan-27-kasim-da-yargitay-a-23-ocak-ta-anayasa-mahkemesi-uyeligine-secildi,928355\">eigene Leute</a> in diese Institution zu platzieren, die noch nicht vollst\u00e4ndig unter seiner Kontrolle ist. Innerhalb des polykratischen Herrschaftsgef\u00fcges hat sich das Verfassungsgericht den \u00c4rger f\u00fchrender Vertreter des Regimes zugezogen, da es in einigen besonders krassen rechtswidrigen F\u00e4llen nicht im Sinne des Regimes entschied: Beispielsweise beim <a href=\"https://t24.com.tr/haber/karayollarinda-yuruyusu-engelleyen-kurala-iptal-demokratik-protesto-hakkina-iptal-karari-baskanin-oyuyla-verilebildi,915544\">Demonstrationsrecht</a>, dem ersten Verbotsantrag gegen die HDP (das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aym-hdp-iddianamesini-iade-kararini-gerekcesiyle-yargitay-a-gonderdi,946185\">mangels</a> \u00fcberzeugender Begr\u00fcndung einstimmig zur\u00fcckgewiesen wurde!) und bei der offensichtlich rechtswidrigen und rein politisch motivierten <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57679999\">Inhaftierung</a> eines HDP-Parlamentariers (\u00d6mer Faruk Gergerlio\u011flu). Es kam sogar zu einem <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/aym-uyesiyle-icisleri-arasinda-isik-atismasi-haber-1501618\">sehr heftigen \u00f6ffentlichen Schlagabtausch</a> zwischen einem vermutlich linksnationalistischen Richter des Gerichts und dem Innenminister Soylu. Aus diesen Gr\u00fcnden speist sich die mehrfach erfolgte Forderung nach der Abschaffung des Verfassungsgerichtes, allen voran seitens der MHP. Das Verfassungsgericht bef\u00fcrchtet, dass der Vertrauenseinbruch in das Justizsystem zu gro\u00df wird und es \u201enotwendigerweise zu Suchbewegungen au\u00dferhalb des Justizsystems\u201c (AYM-Vorsitzender Arslan) <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aym-baskani-mahkemelerin-yargilama-ilkelerine-uygun-bir-sekilde-uyusmazliklara-cozum-uretemedigi-bir-yerde-hukuk-disi-arayislarin-ortaya-cikmasi-kacinilmaz,962130\">kommt</a>; dass also die staatliche Ordnung aktiv in Frage gestellt und Gerechtigkeit au\u00dferstaatlich gesucht wird. \u00c4hnlich argumentiert auch der Justizminister Abd\u00fclhamit G\u00fcl, der deshalb mit Innenminister Soylu <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-55769361\">seit l\u00e4ngerem</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/akpden-suleyman-soyluya-bir-tepki-daha-1807819\">im Clinch</a> liegt. Soylu fordert <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/adalet-bakani-gulun-karsi-ciktigi-bazi-duzenlemeleri-iceren-torba-teklif-mecliste-1851289\">beispielsweise</a> im Gegensatz zu Justizminister G\u00fcl die Fortf\u00fchrung von Elementen des Ausnahmezustandes; diese seien n\u00fctzlich im \u201eKampf gegen den Terror\u201c (Soylu hat sich in dieser Angelegenheit mittlerweile durchgesetzt). Aber letztlich bilden die Gegens\u00e4tze Verfassungsgericht-Lokalgerichte oder (Abd\u00fclhamit) G\u00fcl-Soylu nur unterschiedliche Nuancen desselben dezisionistisch-polykratischen Herrschaftsgef\u00fcges im Justizsystem. Die Justiz als solche ist in hohem Ma\u00dfe durchpolitisiert und so zu \u201eunabh\u00e4ngigen\u201c Entscheidungen nicht f\u00e4hig. Sichtbar wird dies etwa aus einer Untersuchung von Reuters auf Grundlage von Daten des Justizministeriums, nach der 45% der 21.000 Richter*innen und Staatsanw\u00e4lt*innen drei oder <a href=\"https://www.reuters.com/investigates/special-report/turkey-judges/\">weniger als drei Jahre Erfahrung</a> im Amt haben.</p><h2><b>\u201eDer Staat ist heilig, nicht aber das Wort eines jeden, der ihm dient\u201c</b></h2><p>Zur\u00fcck zum Aufh\u00e4nger des Essays, dem ber\u00fcchtigten Mafiaboss, Sto\u00dftruppler des tiefen Staates und mittlerweile Social Media Star Sedat Peker.</p><h4><i>Peker ist MHP\u2019ler und tritt ein f\u00fcr die Schaffung eines gro\u00dft\u00fcrkischen Reiches \u2013 er ist also ein typischer ultranationalistischer Faschist, genauer gesagt ein</i> <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56695017\"><i>Pant\u00fcrkist</i></a><i>. Als Mafiaboss \u00fcbernahm er</i> <a href=\"https://warontherocks.com/2021/06/the-state-stays-dark-mafia-politics-return-to-turkey/\"><i>laut seinen eigenen Aussagen</i></a><i> auch bewaffnete Aufgaben f\u00fcr den Staat im Kampf gegen die PKK.</i></h4><p>In Geheimdienstberichten der 1990er wird er namentlich genannt als Akteur innerhalb der mit dem Geheimdienst konkurrierenden staatlichen Elemente des Tiefen Staates. In den sp\u00e4ten 1990ern und fr\u00fchen 2000ern erlosch sein Glanz \u2013 wie der der anderen nicht-staatlichen Elemente des Tiefen Staates. Innerhalb der staatlichen Elemente des Tiefen Staates setzte sich die \u00dcberzeugung durch, nach der Inhaftierung von Abdullah \u00d6calan seien diese schwer kontrollierbaren und relativ autonomen Akteure nicht mehr n\u00fctzlich genug f\u00fcr den Staat. Ein Mafiaboss nach dem anderen landete im Gef\u00e4ngnis oder musste ins Ausland fliehen, die kurdische Hizbullah wurde dezimiert. Aber wie schon erw\u00e4hnt: Sp\u00e4testens mit der offen militaristisch-nationalistischen Wende der AKP ab 2015 krochen diese Kreaturen wieder hervor. Auch Sedat Peker, der 2016 wieder zu fragw\u00fcrdigem \u201eRuhm\u201c gelangte: Er bedrohte die Akademiker*innen f\u00fcr den Frieden (BAK) damit, dass er in ihrem Blut duschen werde. Seitdem wurde er wieder zu einer angesehenen und f\u00fcr das Regime mobilisierenden Pers\u00f6nlichkeit \u2013 bis er sich 2020 ins Ausland absetzte. Einige Monate sp\u00e4ter, im April 2021 kam es dann zu einer gro\u00dfen Razzia gegen seine Familie und seine Mafiastrukturen.</p><p>Laut eigener Aussage hatte ihn der Innenminister Soylu vor dieser m\u00f6glichen Razzia gewarnt und Peker deshalb empfohlen, f\u00fcr einige Zeit ins Ausland zu verschwinden, bis sich die Lage beruhige. Es ist bisher nicht wirklich ersichtlich, warum genau Soylu Peker fallen lie\u00df; auch Peker \u00e4u\u00dfert in seinen ersten Videos Verwunderung und vor allem Entr\u00fcstung \u00fcber den Innenminister: Peker habe doch auch aus dem Ausland so sehr f\u00fcr Soylu im Kampf gegen Albayrak Position bezogen. \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-besinci-video-devletin-bilgisi-dahilinde-fethullah-gulen-le-gorusmeye-gittigini-soyleyen-mehmet-agar-in-elinde-yazili-emir-var-midir-yoksa-devlet-geleneginde-teror-orgutu-liderine-sozlu-talimatla-insan-yollanir-mi,38886\">Du warst doch mein R\u00fcckkehrticket</a>\u201c, bricht er an einer Stelle in seinem f\u00fcnften Video ehrlich entr\u00fcstet hervor, als er sich direkt an Soylu wendet. Im Endeffekt ist dieses Detail vielleicht auch unwichtig. Im Allgemeinen k\u00f6nnen wir einen polit-\u00f6konomischen und vermutlich einen politischen Ursachenkomplex f\u00fcr den Zwist ausmachen, auch ohne alle Details genau zu kennen.</p><p>Polit\u00f6konomisch betrachtet handelt es sich um ein <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/peker-agar-ve-ortadaki-pamuk-sekeri-makale-1521106\">Auseinanderbrechen</a> von Teilen des unendlich komplex ausdifferenzierten milliardenschweren Klientelgeflechts der Netzwerke um und zwischen Erdo\u011fan und dem Regierungsclan der Aliyevs in Aserbaidschan, in welchem die nicht zum engen Netzwerk geh\u00f6renden Akteure geschasst wurden, als sich \u00f6konomische Probleme (prim\u00e4r Schuldenr\u00fcckzahlungsprobleme) einstellten. Peker war wohl mit einem azerischen Oligarchen alliiert, der in Bedr\u00e4ngnis geriet und unterging \u2013 das zumindest legt die verlinkte Analyse von Bahad\u0131r \u00d6zg\u00fcr nahe. Politisch betrachtet ist es ein <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ahmet-sik/sedat-peker-videolari-bize-ne-anlatiyor-ne-anlatmiyor,30964\">wahrscheinliches Szenario</a>, dass sich ein Teil des nationalistischen Machtblocks daf\u00fcr einsetzt, dass Albayrak (oder Soylu?) sich zum Nachfolger von Erdo\u011fan heraufarbeitet, um im Windschatten des schwachen Albayrak (oder Soylus?) erneut die dominante Kraft im Staat zu werden. Peker hat sich wohl Ger\u00fcchten nach relativ autonom und gegen diesen Block und Albayrak (oder Soylu?) gestellt und geriet dadurch auf die politische Abschussliste. Warum ihn dann der mit Albayrak verfeindete Soylu fallen lie\u00df, dar\u00fcber k\u00f6nnen wir, wie gesagt, derzeit nur spekulieren. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-e-erhan-tuncel-i-kim-emanet-eder-diyen-soylu-ya-peker-den-yanit-bana-bu-komployu-kuran-organize-sube-yetkilileri-feto-culukten-cezaevinde,954416\">Mittlerweile</a> r\u00fchmt sich Peker auch damit, dass er Soylus Pl\u00e4ne auf das Pr\u00e4sidialamt zerst\u00f6rt habe. Eventuell war nicht Albayrak, sondern Soylu die Person, die den Windschatten f\u00fcr die nationalistische Fraktion hervorbringen sollte. Oder aber die Person \u00e4nderte sich im Laufe der Zeit.</p><p>Was wir wissen ist, dass Soylu bisher versucht, <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/mustafa-balbay/saray-soylu-surgun-1842920\">die ganze Aff\u00e4re</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/mustafa-balbay/saray-soylu-surgun-1842920\">dahingehend</a><a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/mustafa-balbay/saray-soylu-surgun-1842920\"> auszunutzen</a>, gegen die islamistischen Fraktionen innerhalb der AKP vorzugehen und partiell auch gegen vergangene Politik der AKP wie beispielsweise den Friedensprozess zu wettern, also in die Offensive zu kommen. Dabei hat er aber einen schweren Stand: Innerhalb der <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/tolga-sardan-buyutec/emniyet-terfilerinde-serh-krizi-ve-cumhurbaskanligi-ndan-soylu-ya-gelen-mesaj,31540\">zentralen Machtstellen des Polizeiapparates</a> ist anscheinend schon ein Kampf zwischen Soylu-nahen und anti-Soylu-Fraktionen entbrannt \u2013 und auch <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/yoneylem-arastirmanin-turkiye-siyaset-paneli-haziran-verileri-cumhuriyette-1850431\">in Bev\u00f6lkerungsumfragen</a> steht Soylu <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/anket-secmenin-yuzde-75-i-sedat-peker-in-iddialarina-inaniyor,12123\">mittlerweile</a> <a href=\"https://ahvalnews.com/tr/suleyman-soylu/bahceli-savunsa-da-mhp-secmeni-de-soyludan-destegini-cekti-arastirma\">schlecht da</a>. In einem der wichtigsten Think Tanks des Regimes, SETA, hat es <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/baris-terkoglu/setanin-cocuklari-birbirini-yedi-1847859\">vermutlich</a> die zuvor Soylu unterlegene Albayrak-Fraktion geschafft, die gesamte Soylu-nahe Fraktion auszumerzen (die wiederum, typisch f\u00fcr einen polykratischen F\u00fchrerstaat, mit viel Pathos und der Ansage: \u201ewir werden weiter auf dem Weg marschieren, den der Pr\u00e4sident gezeigt hat\u201c, den Think Tank mit wehenden Fahnen verlie\u00df). <a href=\"https://www.dw.com/tr/merkez-bankas%C4%B1ndaki-siyasi-atama-furyas%C4%B1-90-ki%C5%9Fiyi-buldu/a-58056396\">Auch innerhalb</a> der B\u00fcrokratie der TCMB <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kulis-merkez-bankasi-na-eski-hsk-uyesi-yazar-in-atanmasi-ekonomi-burokrasisinde-berat-albayrak-etkisinin-surdugunun-gostergesi,965616\">scheint</a> die Albayrak-Fraktion die Oberhand gewonnen zu haben. Wie gesagt: Wo Dezisionismus und Polykratie herrschen, da k\u00f6nnen Verb\u00fcndete von gestern Feinde am n\u00e4chsten Tag sein und umgekehrt.</p><h4><i>Pekers erneuter Aufstieg und das Aufplatzen der von ihm \u201eaufgedeckten\u201c Skandale als Form politischer Abrechnung w\u00e4ren nicht m\u00f6glich gewesen ohne die ausgeuferten Verschr\u00e4nkungen von Dezisionismus, Polykratie und Klientelkapitalismus \u2013 letzterer als Mechanismus der Loyalit\u00e4tsbildung \u2013 der letzten Jahre.</i></h4><p>Anf\u00e4nglich \u2013 wie er selbst in seinen Videos betont \u2013 motiviert aus Entr\u00fcstung, Wut und Rachedurst erz\u00e4hlte Peker in einer immer wieder durch ausf\u00fchrliche Drohungen und Kampfansagen an Mehmet A\u011far, Albayrak und Soylu durchsetzten manisch-narzisstischen Inszenierung aus dem Plauderk\u00e4stchen dezisionistischer und klientelistischer Willk\u00fcr hinter den Kulissen. Bis Mitte-Ende Mai ging es in seinen Videos darum, wie sich angeblich Mehmet A\u011far im oben erw\u00e4hnten polit\u00f6konomischen t\u00fcrkisch-azerischen Geflecht den ebenfalls oben erw\u00e4hnten Luxusyachthafen mit unlauteren Mitteln krallte; sein Sohn (ein AKP-Parlamentarier) eine Frau vergewaltigt und umgebracht und sich dann durch den Staat habe decken lassen; darum, dass der Sohn des ehemaligen AKP-Premiers Binali Y\u0131ld\u0131r\u0131m, Erkam Y\u0131ld\u0131r\u0131m, angeblich den Drogenhandel zwischen Kolumbien-Venezuela-T\u00fcrkei-Zypern organisiert habe; um einen lokalen Polizeichef in Silivri, der Suizid beging, weil er anscheinend dem Druck politischer Direktiven Soylus nicht mehr standgehalten habe; um eine Hand voll erzopportunistischer Journalisten wie Hadi \u00d6z\u0131\u015f\u0131k oder Veyis Ate\u015f, die sich inmitten der Aufl\u00f6sung des Konstitutionalismus im Glanze von Macht und Geld zu Vermittlern zwischen Macht und Geld aufgespielt h\u00e4tten (unter anderem auch zwischen Peker und Soylu); um S\u00fcleyman Soylu selbst, der seine Position als Minister ausgenutzt habe, um sein Versicherungsunternehmen aufbl\u00fchen zu lassen; aber auch darum, wie Peker im Zypern der 1990er seinen Bruder dem Milit\u00e4r f\u00fcr extralegale Aktivit\u00e4ten zur Verf\u00fcgung stellte; wie er im Sinne der AKP 2015 mit Gewalt gegen Medien vorging; wie er AKP-Parlamentariern und AKP-nahen Auslandsorganisationen wie den (zwischenzeitlich verbotenen) Osmanen Germania Geld zusteckte und so weiter und so fort. Wortmeldungen seitens in den Videos genannter Personen, Leaks von Videos und Gespr\u00e4chen, einige journalistische Recherchen und sogar einige wenige R\u00fccktritte (<a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/gundem/veyis-atesle-ilgili-flas-gelisme-6491448/\">Veyis Ate\u015f</a> k\u00fcndigte von seinem Sender, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/yalikavak-marina-dan-mehmet-agar-aciklamasi-gorevinden-ayrildi,955288\">Mehmet A\u011far</a> trat von seiner CEO-Position im Luxusyachthafen zur\u00fcck) legen bei den meisten von Peker erz\u00e4hlten Geschichten nahe, dass in ihnen zumindest <a href=\"https://farukbildirici.com/sedat-peker-vakasinda-gazetecilik-bilancosu/\">ein F\u00fcnkchen Wahrheit</a> innewohnt; wie viel genau davon Realit\u00e4t, wieviel Fiktion, wie viel blo\u00df falsches Wissen oder \u00dcberheblichkeit ist, werden wir indes wohl erst dann lernen, sobald uns alle relevanten staatlichen Quellen offengelegt werden \u2013 wenn \u00fcberhaupt. Die t\u00fcrkische Justiz tut angesichts der \u201eEnth\u00fcllungen\u201c von Peker bisher jedenfalls \u2013 gar nichts.</p><p>In der partiell auch von Peker \u201eaufgedeckten\u201c Geschichte des dubiosen Gesch\u00e4ftsmannes <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ahmet-sik/a-dan-z-ye-sezgin-baran-korkmaz-olayi,29414\">Sezgin Baran Korkmaz</a> kommen alle diese F\u00e4den des Dezisionismus, der Polykratie und des Klientelkapitalismus exemplarisch zusammen. Korkmaz, ein aggressiver Investor kurdischer Abstammung, geh\u00f6rt zu den typischen Neureichen der AKP-\u00c4ra. Nach 2016 arbeitete er sich durch Anbiederung an den Staat nach oben, etwa durch Vermittlungst\u00e4tigkeiten zwischen der us-amerikanischen Gesch\u00e4ftswelt und der t\u00fcrkischen. Unter Umst\u00e4nden spielte er auch eine wichtige <a href=\"https://kronos34.news/tr/sezgin-baran-korkmazin-ucagi-40-kez-venezuelaya-gitmis/\">Vermittlerrolle</a> im Drogenhandel zwischen Venezuela und der T\u00fcrkei. F\u00fcr seine Dienste wurde er offensichtlich klientelistisch belohnt: mit Insiderinformationen zu Unternehmen in der T\u00fcrkei, die sich in Schwierigkeiten befanden. Diese kaufte er dann aggressiv und vermutlich teils mit unlauteren Mitteln auf. Zudem betrieb er Geldw\u00e4sche f\u00fcr die Kingston-Br\u00fcder, einer Betr\u00fcgerbande in den USA, die sich vom us-amerikanischen Staat rechtswidrig Milliarden von Dollar an Zusch\u00fcssen zuwenden lie\u00dfen. Korkmaz hatte offensichtlich Kontakte in alle Bereiche \u00f6konomischer, politischer und juristischer Macht in der T\u00fcrkei und lie\u00df aus all diesen Bereichen wichtige Personen in seinen Luxushotels umsonst verkehren. Aber er war eben nicht der einzige Klient der Macht: Ein t\u00fcrkischer Konkurrent, der Korkmaz auch \u00f6konomisch unterlegen war und von ihm vernichtet zu werden drohte, wandte sich vermutlich an den Innenminister Soylu (die Details der Story bleiben noch vage). Mit Appellen an Nation, Vaterland und dergleichen hochtrabende Dinge bat er diesen, Korkmaz aus dem Verkehr ziehen zu lassen. Soylu sah vermutlich die Chance gekommen, sich einen getreuen \u00f6konomischen Klienten aufzubauen. Er informierte Korkmaz, \u00e4hnlich wie sp\u00e4ter Peker, vor einer bevorstehenden Razzia und riet ihm zur Flucht. Das B\u00fcro f\u00fcr die Untersuchung von Finanzkriminalit\u00e4t (MASAK) fertigte zeitgleich einen vernichtenden Bericht \u00fcber Korkmaz an \u2013 ein paar Monate, nachdem ein vorhergehender Bericht desselben MASAK nichts gegen Korkmaz aufzudecken hatte. Und schon war Korkmaz pl\u00f6tzlich Saulus statt Paulus. Die Leser*in wei\u00df mittlerweile schon: Solche abrupten Umkehrungen sind typisch f\u00fcr dezisionistisch-polykratische Herrschaftsgef\u00fcge. Hinzu kommt nun, dass der schon genannte Journalist Veyis Ate\u015f Korkmaz telefonisch kontaktierte \u2013 Teile des Telefongespr\u00e4chs wurden im Zuge des \u201eSkandals\u201c <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ses-kaydi-var-aciklamasi-haberturk-sunucusu-veyis-ates-firari-sezgin-baran-korkmaz-dan-10-milyon-euro-istedi-mi,959129\">ver\u00f6ffentlicht</a> \u2013 und sich als Vermittler zwischen ihm und Soylu anbot; nat\u00fcrlich im Gegenzug f\u00fcr eine l\u00e4ppische Aufwandsentsch\u00e4digung von 10 Millionen Euro!</p><h4><i>Der Staat war also nicht nur tief, sondern auch sumpfig geworden, voller Kreaturen, denen noch die \u201enationalen Werte\u201c der alten Mafiosis und Paramilit\u00e4rs des Tiefen Staates zu blo\u00dfen Instrumenten ihres reinen individuellen Machtopportunismus wurden.</i></h4><p>Interessant ist, dass Peker in seinen ersten Videos stets hervorhob, nicht gegen den Staat zu sein. Im Gegenteil, er hielt bei seinen \u201eAufdeckungen\u201c und Attacken auch stets den Staatspr\u00e4sidenten Erdo\u011fan au\u00dfen vor. Mehrmals betonte er, dass er im Staate aufgewachsen und f\u00fcr ihn gedient habe. \u201e<a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/sedat-peker-1834751\">Der Staat existiert ewig</a>, er ist heilig. Es gibt aber kein Gesetz, das vorschreibt, dass das Wort eines jeden, der dem Staat dient, auch heilig ist\u201c, so Peker im dritten Video, und sp\u00e4ter im siebten Video: \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-7-video,39060\">Der Staat ist ein Geist</a> und es ist dieser Geist, der heilig ist\u201c. Deshalb, so Peker, greife er bestimmte \u00fcble oder \u201etiefe\u201c Elemente im Staat an, nicht aber den Staat als solchen. Er hob hervor, dass \u201esie\u201c \u2013 A\u011far, Soylu, Albayrak \u2026 und so weiter? \u2013 Erdo\u011fan umgarnt h\u00e4tten und rief Erdo\u011fan, den er seinen \u201egro\u00dfen Bruder\u201c nannte, dazu auf, im Sinne des Staates (und somit nat\u00fcrlich in seinem eigenen) zu intervenieren. Im vierten Video sprach er davon, dass er \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-dorduncu-video-koruma-polisimi-sen-vermedin-mi-suleyman-soylu-temiz-suleyman-in-istifa-olayi-var-ya-bir-gun-once-robot-hesaplardan-tweetler-hazirlandi,38805\">vor dem Staat in den Staat</a>\u201c fl\u00fcchtete. Das kann w\u00f6rtlich verstanden werden: Aus der T\u00fcrkei fl\u00fcchtete er nach Albanien, dann in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Es ist aber vor allem im \u00fcbertragenen Sinne zu verstehen: Geschasst im Machtkonflikt innerhalb des polykratischen Staatsgebildes seitens einer ihm feindlich gesinnten Fraktion fl\u00fcchtete er nach vorne, mitten in dieses Gebilde hinein \u2013 in der Hoffnung, das Spiel gegen die ihn verfolgenden Elemente im Staat zu wenden und sich selbst erneut als lukrativen Agent desselben pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen. Alle seine Videos sind daher ebenso viele Gespr\u00e4chsangebote an den Staat im Allgemeinen, an Erdo\u011fan im Besonderen.</p><p>Ende Mai drehte er jedoch den Hahn weiter auf. Er betrat sehr sensible Themenbereiche \u2013 vermutlich, weil seine Versuche, erneut vom Staat ernst genommen zu werden, bis dato keine Fr\u00fcchte getragen hatten. In seinem achten Video machte <a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-8-video,39238\">er \u00f6ffentlich</a>, wie seinem Wissen nach die T\u00fcrkei Waffen an Jihadisten in Syrien lieferte \u2013 unter anderem ihn selbst \u201eausnutzend\u201c, wie er es bezeichnete. Peker k\u00fcndigte an, auch in eine Abrechnung mit Erdo\u011fan h\u00f6chstpers\u00f6nlich gehen zu wollen und dessen Ged\u00e4chtnis \u201eaufzufrischen\u201c, <a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-8-video,39238\">da Erdo\u011fan leider</a> im Sinne von Soylu Partei ergriffen habe. Er fing an, die AKP im Allgemeinen anzugreifen und dar\u00fcber zu berichten, wie nicht nur Soylu Klientelismus betreibe, sondern auf welche Art und Weise in allen AKP-Munizipalit\u00e4ten Korruption und Vetternwirtschaft stattf\u00e4nde. Peker nutzte die Gelegenheit, seine Zuschauer*innen dazu aufzurufen, sich gegen die Regierung zu stellen, diese umzuw\u00e4lzen und die Ordnung zu ver\u00e4ndern, damit Korruption und Klientelismus aufh\u00f6rten. Er schlug sogar einen linkspopulistischen Ton an: Er sprach von der Pl\u00fcnderung von Ressourcen durch eine Handvoll Klientelkapitalisten, w\u00e4hrend die Bauern und das Volk in Armut dahindarbten. Er \u00e4u\u00dferte sich auch dar\u00fcber hinaus politisch und kritisierte die Kurden- und Alevitenpolitik der Regierung. Auch w\u00e4hrend der Waldbr\u00e4nde Ende Juli/Anfang August kritisierte er die Schuldzuweisungen an die HDP und <a href=\"https://sendika.org/2021/07/sedat-peker-yanginlari-hdpliler-cikariyor-demek-halkimizi-hdp-binalarina-saldirtma-amacindan-baska-ne-ise-yarayabilir-627191/\">bezeichnete</a> die Vorw\u00fcrfe als \u201eSpiel von Provokateuren im Gewande der Vaterlandsliebe\u201c. Peker vertrat damit eine politische Linie, die sich eigentlich als Mehrheitsmeinung im Staat der fr\u00fchen 2000er durchgesetzt hatte, namentlich die in diesen \u201eFragen\u201c enthaltenen sozialen Antagonismen durch milde integrative Kompromisse zu entsch\u00e4rfen und damit der PKK die soziale Basis abzugraben, ohne von den Prinzipien des t\u00fcrkischen Nationalismus g\u00e4nzlich abzuweichen. Letztlich konnte er noch so oft betonen, dass er nur einzelne Individuen im Staat angriff und der Staat heilig sei: Ende Mai/Anfang Juni befand Peker sich eindeutig auf Kriegsfu\u00df mit Regierung wie Staat.</p><p>Seine ver\u00e4nderte Strategie machte vermutlich Eindruck. In Kombination mit dem gro\u00dfen \u00f6ffentlichen \u201eErfolg\u201c seiner Videos kam es deshalb ab Anfang/Mitte Juni zu einer merklichen Ver\u00e4nderung im Vorgehen von Peker. Am Wochenende des 12./13. Juni 2021 erschien nicht wie erwartet ein neues Video. Zun\u00e4chst hie\u00df es, Peker sei von t\u00fcrkischen Kommandos entf\u00fchrt worden. Es stellte sich heraus, dass ihn <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/sedat-peker-dubaili-yetkililer-tarafindan-konutundan-alindi-iddiasi-1844197\">Beamte der VAE</a> (vermutlich des Geheimdienstes) zu einer Befragung einbestellt hatten. Wir wissen nicht genau, was dort und anderweitig besprochen wurde. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-ailemin-yanina-geldim-mit-timlerinin-yaptigi-operasyonla-yakalandigim-asla-dogru-degildir,958887\">Peker selbst</a> erz\u00e4hlt die eher unwahrscheinliche Geschichte, dass ihn die VAE-Beamten davor warnten, weitere Videos zu ver\u00f6ffentlichen, da sein Leben in h\u00f6chster Gefahr sei. Wahrscheinlicher ist, dass die VAE gegen au\u00dfenpolitische Konzessionen der T\u00fcrkei Druck auf Peker aufbauten; gleichzeitig ist es sehr wahrscheinlich, dass um diesen Zeitpunkt herum auch Verhandlungen zwischen Peker und dem t\u00fcrkischen Staat, oder besser gesagt, bestimmten Fraktionen im t\u00fcrkischen Staat stattfanden. Die Videos h\u00f6rten abrupt auf. Seitdem twittert Peker seine \u201eEnth\u00fcllungen\u201c nur mehr. Er ging auch nicht wie angek\u00fcndigt dazu \u00fcber, Erdo\u011fan ins Zentrum zu stellen. Stattdessen schoss er sich wieder vor allem auf S\u00fcleyman Soylu und dessen angebliches Klientelnetzwerk ein: Beispielsweise machte er publik, dass Soylu angeblich auch nach dem gescheiterten Milit\u00e4rputsch vom 15. Juli 2016 unter der Hand <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-den-bakan-soylu-ya-arkandaki-saibeli-organizasyonla-15-temmuz-sonrasinda-da-devlet-envanterine-kayitli-olmayan-silahlari-dagitmaya-neden-devam-ettiniz,964626\">Langfeuerwaffen an Zivilisten verteilte</a> in der Vorbereitung auf einen B\u00fcrgerkrieg (was <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/turkish-mobster-claims-akp-supporters-secretly-armed-after-putsch\">plausibel</a> ist, da eine bei der angeblichen Waffen\u00fcbergabe beteiligte Person das von Peker angef\u00fchrte \u00dcbergabetreffen best\u00e4tigt hat, ohne jedoch zu wissen was \u00fcbergeben wurde, und laut einer Analyse von Daten des Innenministeriums bis zu 100.000 Waffen aus staatlichen Inventaren fehlen). <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/06/16/pekerin-olasi-haber-kaynaklari-ve-mit-operasyonu-haberi/\">Es ist seitdem offensichtlich</a>, dass Peker seither (wenn nicht schon zuvor) unmittelbar aus dem Polizei- und Justizapparat heraus sensible Informationen auch \u00fcber <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/emniyette-dun-alinan-ifadeyi-bugun-sedat-peker-yayinladi-haber-1527661\">sehr aktuelle Ereignisse</a> erh\u00e4lt, die er sodann auch ver\u00f6ffentlicht.</p><p>Peker hat also sein subjektives Ziel, als jemandes Agent im Staat zu fungieren und darin zugleich seine eigenen Interessen zu verfolgen, vorerst erfolgreich erreicht. Ende Mai waren seine Videos schon insgesamt <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57236348\">172 Millionen mal</a> angeschaut gewesen, in den Sozialen Medien folgen ihm ebenfalls Millionen Menschen. \u00d6ffentliche Umfragen \u00fcber Kenntnis und Einsch\u00e4tzung der Inhalte von Pekers Videos seitens der Bev\u00f6lkerung der T\u00fcrkei oszillieren in ihren Ergebnissen zwar noch zu extrem, um daraus zu tragf\u00e4higen Schl\u00fcssen zu kommen; es ist aber offensichtlich, dass Peker zu einem popularen Ph\u00e4nomen geworden ist.</p><h4><i>Das von ihm wohlkomponiert inszenierte Simulacrum, die Simulation des \u201eEhrenmannes\u201c, der \u00fcberpotente M\u00e4nnlichkeit, Gewaltbereitschaft, einen exzessiv-manischen Narzissmus und ein dementsprechendes Selbstbewusstsein gekoppelt mit einer aufm\u00fcpfigen, gar politisch oppositionellen Haltung, aber im Namen von Staat (devlet), Nation (millet) und Vaterland (vatan) verk\u00f6rpert, macht den verf\u00fchrerischen Bann seiner politischen \u00c4sthetik aus.</i></h4><p>Sehr erfolgreich auf wenige Minuten ist dies in einem <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=RwJcYJylUEg\">Kunstvideo</a> des Youtubers T\u0131mar Rutherford zur Darstellung gebracht worden. Peker selbst ist nat\u00fcrlich alles andere als irgendwie \u201eoppositionell\u201c oder gar emanzipatorisch: \u201eWenn ich Dreck bin, dann nur Dreck der untersten Stufe in einem ganzen System an Dreck\u201c, hebt Peker selber <a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-9-video-yasadikca-ve-yaslandikca-degil-direndikce-buyuruz,39442\">in aller Ehrlichkeit</a> im bisher letzten seiner langen Videos hervor. Durch seine Popularit\u00e4t und seine Bef\u00e4higung, wichtige Akteur*innen der polykratischen Konfiguration ins Wanken zu bringen und \u00f6ffentlich zu demaskieren, hat er erreicht, was viele andere Machtnetzwerke im polykratischen Gef\u00fcge nicht schaffen. Darin liegt Pekers derzeitige Einzigartigkeit und Unersetzbarkeit, was ihn letztlich n\u00fctzlich gemacht hat \u2013 f\u00fcr wen auch immer innerhalb des polykratischen Gef\u00fcges. Ryan Gingeras h\u00e4lt dazu passend <a href=\"https://www.jstor.org/stable/40586942\">fest</a>, dass die nicht-staatlichen Elemente des Tiefen Staates zwar vornehmlich mit Bezug auf den Staat wirkm\u00e4chtig werden, dass sie aber nicht darin aufgehen, willenlose Instrumente f\u00fcr staatliche Akteure zu sein. Dar\u00fcber hinaus verfolgen sie auch eigene Interessen und legen sich daf\u00fcr, wo n\u00f6tig, auch mit staatlichen Akteuren an.</p><p>Was hat sich also machtpolitisch hinter den Kulissen getan Ende Mai/Anfang Juni? <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/23/peker-konustukca-erdoganin-mintika-temizligi-kolaylasiyor/\">Eine These</a> w\u00e4re, dass Erdo\u011fan durch Pekers Performance \u00fcberzeugt ist, jetzt den geeigneten Moment gefunden zu haben, sich einer nationalistischen Fraktion im Machtblock zu entledigen, dass aber Bah\u00e7eli, der auch als erster von beiden \u00f6ffentlich Soylu in Schutz genommen hat, blockt. Andererseits hat Peker vor Kurzem auch wenig subtil damit gedroht, die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-den-suleyman-soylu-ya-tum-suclarin-yaninda-bana-bilgi-sizdirdigin-icin-yuce-divana-kesin-gideceksin,965735\">Gewalt eskalieren zu lassen</a>, wenn \u201esie\u201c bei den n\u00e4chsten Wahlen, die \u201esie\u201c laut Peker offensichtlich verlieren werden, nicht von selbst die Macht abtreten. Es ist nicht ganz klar, ob Peker mit \u201esie\u201c Erdo\u011fan und die AKP meint, oder nur bestimmte Teile des derzeitigen Regimes. Letztlich k\u00f6nnen wir derzeit nur spekulieren, mit wem im Staat Peker zusammenarbeitet. Fakt ist, dass die Causa Peker beziehungsweise die vom ihm \u00f6ffentlichkeitswirksam aufgerollten Skandale eindr\u00fccklich vor Augen f\u00fchren, welches Ausma\u00df Dezisionismus, Polykratie und Klientelkapitalismus in der T\u00fcrkei mittlerweile angenommen haben.</p><h4><i>Das ganze Land schaut auf die Youtube-Videos eines gewaltaffinen, im Namen des Staates mordenden Mafiabosses</i> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/25/ikinci-perde-soylunun-yanitladigi-tek-soruyla-acildi/\"><i>anstatt</i></a><i> auf das Parlament und die Justiz f\u00fcr entscheidende Entwicklungen in Politik und Recht \u2013 kann es ein eindr\u00fccklicheres Bild f\u00fcr die Ersetzung von Konstitutionalismus durch Dezisionismus und Polykratie geben?</i></h4><p>Und zeigen nicht gerade die von ihm \u201eaufgedeckten\u201c Skandale, wie sehr Dezisionismus und Polykratie mit Korruption, Vetternwirtschaft, Gl\u00fccksrittertum, kurzum: Klientelkapitalismus zusammengewachsen sind? Zugleich zielt Pekers Vorgehen nat\u00fcrlich darauf ab, diese etablierten Mechanismen zu festigen. In der klassisch paternalistischen Manier des Rechtspopulismus entfacht er den berechtigten Unmut und die Leidenschaften der Bev\u00f6lkerung in einer tendenziell reaktion\u00e4ren Art und Weise \u2013 und dann noch in einer Form, die die Bev\u00f6lkerung passiv mobilisiert, sie also explizit nicht selbst zur Organisation und zur Aktivit\u00e4t aufruft, sondern als mobilisierte Man\u00f6vriermasse im innerpolykratischen Machtkampf zur Hand haben m\u00f6chte.</p><h2><b>Die widerst\u00e4ndige T\u00fcrkei und die etatistische Opposition</b></h2><p>Beim Versuch einer paternalistischen Mobilisierung der Bev\u00f6lkerung steht Peker nicht alleine da. Der Unmut in der Bev\u00f6lkerung und der Unglaube in die Institutionen des Staates ist, wie gezeigt, weit verbreitet. Es gibt aber dar\u00fcber hinaus auch zahlreiche Widerst\u00e4nde und K\u00e4mpfe gegen die vom Regime und vom Neoliberalismus herbeigef\u00fchrten destruktiven Zw\u00e4nge, Verbote, Entrechtungen, Depravationen. So k\u00e4mpften und k\u00e4mpfen <a href=\"https://sendika.org/2021/05/salgin-yonetiminin-on-dorduncu-ayinda-isci-sinifi-mucadelesi-617316/\">die gesamte Pandemie \u00fcber</a> Arbeiter*innen an vielen Standorten gegen Entlassungen, Nicht-Erf\u00fcllung von Corona-Ma\u00dfnahmen, fehlende Auszahlung von L\u00f6hnen und vieles mehr \u2013 <a href=\"https://sendika.org/2021/03/genel-is-genel-merkezi-kartal-belediyesi-ile-tis-imzaladi-isciler-irademiz-yok-sayildi-dedi-609945/\">auch</a> in <a href=\"https://elyazmalari.com/2021/02/23/kadikoyun-simarik-grevcileri/\">oppositionsgef\u00fchrten Kommunen</a>. Zwar waren am <a href=\"https://sendika.org/2021/05/1-mayis-2021-direnis-iradesi-sokakta-616787/\">1. Mai 2021</a> im Prinzip alle Demonstrationen verboten, Linke und Gewerkschafter*innen organisierten aber in vielen Stadtteilen und -pl\u00e4tzen kleinere Kundgebungen und lie\u00dfen sich von Gewahrsamnahmen nicht einsch\u00fcchtern. An der Bo\u011fazi\u00e7i Universit\u00e4t, einer der prestigetr\u00e4chtigsten Universit\u00e4ten des Landes, kam es seit Januar diesen Jahres zu einer riesigen Protestwelle gegen einen von Erdo\u011fan per Dekret und gegen die W\u00fcnsche der Studierenden und Lehrenden eingesetzten AKP\u2019ler als Zwangsverwalter-Rektor \u2013 mit Erfolg: Erst vor Kurzem wurde der Rektor, <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/01/05/otomatik-taslakerdogan-emaneti-ehline-bakin-nasil-veriyor/\">Melih Bulu</a>, ebenfalls per Erdo\u011fans Gnadendekret abgesetzt. Die <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1154670.der-erste-zwangsverwalter-geht.html\">Bo\u011fazi\u00e7i-Uni</a> geh\u00f6rt neben einer kleinen Handvoll anderer Eliteuniversit\u00e4ten zu den Universit\u00e4ten, die die AKP trotz 20-j\u00e4hriger Regierungszeit nicht kontrolliert bekommt. Die feministische Bewegung ist die Einzige, die wegen ihrer gro\u00dfen Legitimation immer noch Demos organisieren und teils die Polizei zum R\u00fcckzug von den Stra\u00dfen zwingen kann. Dabei hat die Mobilisierungsf\u00e4higkeit der feministischen Bewegung mit zunehmender Repression und Austritt aus der Istanbuler Konvention nicht abgenommen, sondern zugenommen. Die HDP ist zwar durch den autorit\u00e4ren Dauerbeschuss kaum mehr handlungsf\u00e4hig, bleibt aber weiterhin standhaft; auch in Wahlumfragen bleibt sie weiterhin stabil bei um die 10%. Der Kampf der Anwaltskammern gegen die regimefreundliche Reform derselben letzten Jahres wie auch der geradezu heroische Kampf der \u00c4rztekammer f\u00fcr eine populare Pandemiepolitik und gegen die Verdrehungen und Inhumanit\u00e4t des Regimes unter den widrigsten Umst\u00e4nden zeigen, dass es auch in und durch organisierte Korporationen \u2013 \u00dcberreste des fordistischen Erbes in der T\u00fcrkei \u2013 Widerstand gegen den Autoritarismus m\u00f6glich ist.</p><p>Auch angesichts dieser K\u00e4mpfe und anderen wichtigen politischen Fragen ist regelm\u00e4\u00dfig eine mehr oder minder starke beziehungsweise absolute Mehrheit der Bev\u00f6lkerung anderer Meinung als das Regime: Eine absolute Mehrheit der Bev\u00f6lkerung lehnt den Austritt aus der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-saadet-partililerin-yuzde-81-i-mhp-lilerin-yuzde-31-i-istanbul-sozlesmesi-nden-cikilmasini-onaylamiyor,942740\">Istanbuler Konvention</a> ab; eine absolute Mehrheit lehnt die staatlichen Profitgarantien f\u00fcr die zahlreichen \u201e<a href=\"https://www.turkuazlab.org/wp-content/uploads/2020/12/Turkiyede-Kutuplasmanin-Boyutlari-2020-Arastirmasi-Sunumu.pdf\">Megaprojekte</a>\u201c (Br\u00fccken, Tunnel, Flugh\u00e4fen, usw.) ab und unterst\u00fctzt deren <a href=\"http://www.metropoll.com.tr/upload/content/files/1870-ekim20-ayin5rakami.pdf\">Verstaatlichung</a>; eine Mehrheit lehnt auch den <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halk-kanal-istanbul-un-yapilmasi-hakkinda-ne-dusunuyor,962105\">Kanal Istanbul</a> ab; eine absolute Mehrheit ist der Meinung, dass es keine politische Einmischung in die <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/arastirma-millet-ittifaki-na-yakinim-diyenlerin-orani-cumhur-ittifaki-na-yakinim-diyenlerden-fazla,11090/4\">Universit\u00e4ten</a> geben und diese ihre Rektor*innen selber w\u00e4hlen sollten und unterst\u00fctzt den Protest an der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/konda-arastirmasindan-carpici-sonuc-toplumun-yuzde-67-si-bogazici-universitesi-ogrencilerini-hakli-buluyor,943200\">Bo\u011fazi\u00e7i-Universit\u00e4t</a>; ebenso eine absolute Mehrheit lehnt jedwede Beschr\u00e4nkung des <a href=\"http://www.metropoll.com.tr/upload/content/files/1870-ekim20-ayin5rakami.pdf\">Verfassungsgerichtes</a> ab; eine absolute Mehrheit bevorzugt <a href=\"https://www.milliyet.com.tr/yazarlar/guneri-civaoglu/muhafazakar-kesim-mri-6447122\">Laizismus</a> statt \u201edie Scharia\u201c (81% gg. 18%); eine Mehrheit lehnt die Enteignung des <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-arastirma-semenin-neredeyse-yarisi-markette-pazarda-gida-enflasyonunun-yuzde-40-ve-uzerinde-oldugunu-soyluyor,943359\">Gezi-Parkes</a> und seine \u00dcberf\u00fchrung in ministeriales Eigentum ab; eine absolute Mehrheit ist der Meinung, dass die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halkin-yaklasik-yuzde-60-i-emekli-amiraller-bildirisinde-darbe-imasi-oldugunu-dusunmuyor,944750\">Erkl\u00e4rung der Admir\u00e4le</a> zum Vertrag von Montreux keinen Putschversuch darstellt; und nicht zuletzt findet eine Mehrheit die von der Opposition betriebene Skandalisierung der <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/metro-poll-den-carpici-anket-millet-ittifaki-na-egilim-cumhur-ittifaki-na-egilimden-3-puan-fazla,11919/4\">Verschleuderung der TCMB-Reserven</a> richtig.</p><p>Angesichts der autorit\u00e4ren Furie, wie sie in der T\u00fcrkei w\u00fctet, ist dieses Niveau an Widerstand, K\u00e4mpfen und abweichender politischer Meinung der Bev\u00f6lkerungsmehrheit beachtlich. Der LKW-Fahrer, der bei einem Besuch der oppositionellen CHP \u00fcber die \u00f6konomische Misere seines Berufsstandes klagt und dann spontan vor laufender Kamera explodiert: \u201e<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/nakliyeciden-chpli-vekillere-abi-bir-kukreyelim-haber-1527446\">Bruder, lass\u2019 mal br\u00fcllen wie ein L\u00f6we</a>. Mein verehrter Bruder, hau doch mal die Faust auf den Tisch und br\u00fcll mal. Es geschieht Unrecht, die Menschen hier leiden, den Menschen geht es schlecht, sie sind hungrig\u201c, hat schon viel in Kauf genommen. Es bedarf viel Mut, eine solche Kampfansage in der heutigen T\u00fcrkei vor laufender Kamera abzulassen.</p><h4><i>An Kampfbereitschaft und Mut fehlt es wahrlich nicht. Aber die K\u00e4mpfe finden nur selten zu einer relativ geeinten politischen Form und Perspektive zusammen</i>.</h4><p>Das Potenzial atomisierter und demobilisierter Proteste und individueller Kampfbereitschaft bleibt aber notwendig beschr\u00e4nkt und tendenziell offen f\u00fcr eine reaktion\u00e4re Degeneration, Hoffnungslosigkeit, Kapitulation vor dem Herrschenden und/oder R\u00fcckzug. Angesichts dessen verfolgt die b\u00fcrgerliche Opposition eine sehr etatistische Form der Politik. Die N\u00e4he bis hin zu Identit\u00e4t der b\u00fcrgerlichen Opposition zur/mit der Regierung bez\u00fcglich der \u201ekurdischen Frage\u201c habe ich schon erw\u00e4hnt. Auch in allen Angelegenheiten, die als \u201estaatlich\u201c akzeptiert sind, wie beispielsweise die grunds\u00e4tzliche Vorstellung einer <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-ndan-abdulkadir-selvi-abdulkadir-selvi-benim-adima-nasil-konusuyor-yoksa-birileri-selvi-ye-yazdiriyor-mu,919825\">Substanz</a> und Einheit des Staates und die Verteidigung seiner Institutionen (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/chp-den-charlie-hebdo-tepkisi-hicbir-ulke-turkiye-cumhuriyeti-nin-cumhurbaskani-na-hakaret-edemez-ettirmeyiz,911906\">inklusive des Pr\u00e4sidialamtes</a>!) und <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/dort-partiden-abdye-caatsa-kinamasi-haber-1507401\">Interessen</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/meral-aksenerden-erdoganin-cagrisina-yanit-1757650\">nach Au\u00dfen</a>, steht die b\u00fcrgerliche Opposition <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/09/turkey-russia-erdogan-dispute-armenia-azerbaijan-nagorno.html\">Seite an Seite</a> mit dem Regime (oder fordert <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ali-babacan-ve-ahmet-davutoglu-ndan-ortak-basin-toplantisi,938443\">sogar</a> ein <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-bu-ulkede-millete-terorist-diyenler-andimiz-i-yasaklayanlar-oldu,939659\">noch h\u00e4rteres Vorgehen</a>). Sie stimmen damit de facto zu, wenn wichtige Wortf\u00fchrer*innen des Regimes die Unterscheidung machen in <a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/nedret-ersanel/mehmet-agar-bu-olaylar-neticesinde-baska-siyasi-beklentiler-var-ise-acik-soyleyeyim-o-olmaz-2057662\">Regierungsangelegenheiten</a>, bei denen man durchaus unterschiedlicher Meinung sein k\u00f6nne, und <a href=\"https://www.sabah.com.tr/yazarlar/donat/2021/05/06/kanayan-yara\">Staatsangelegenheiten</a>, bei denen Einheit gefordert sei. Dabei gibt es nat\u00fcrlich nicht einen \u201eheiligen Geist des Staates\u201c, der zeitlos durch Raum und Zeit west, wie es Peker und viele vor ihm behaupteten. Die Anrufung einer mystischen \u201eEssenz des Staates\u201c ist allerdings ein Mittel, um Zustimmung zu einer grunds\u00e4tzlich autorit\u00e4ren Vergesellschaftungsform zu generieren \u2013 etwas, worin sich in der Tat Regierende wie b\u00fcrgerliche Oppositionelle seit Gr\u00fcndung der Republik, ja seit dem sp\u00e4ten Osmanischen Reich einig sind. Insofern l\u00e4sst sich mit Fug und Recht von einer autorit\u00e4ren Staatstradition in der T\u00fcrkischen Republik sprechen.</p><h4><i>Die b\u00fcrgerliche Opposition teilt aber auch den Aspekt der paternalistischen Mobilisierung, die der autorit\u00e4ren Staatstradition zueigen ist.</i></h4><p><a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-video-ile-seslendi-buradan-siyasi-iktidara-acik-bir-cagrida-bulunuyorum-turkiye-nin-evlatlarini-serbest-birakin,930648\">Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu</a> so sehr <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-izmir-hdp-il-baskanligina-yapilan-provokasyon-amacli-saldirinin-cok-daha-buyuklerini-ne-yazik-ki-onumuzdeki-zamanlarda-yasayacagiz,959773\">wie</a> <a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-8-video,39238\">Sedat Peker</a>, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-ndan-hutbe-aciklamasi-diyanet-gencleri-ayirmayan-devlet-yoneticileri-olsun-diye-de-dua-etsin,931708\">Imamo\u011flu</a> (CHP-B\u00fcrgermeister von Istanbul) so sehr wie <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/bogazicili-ogrencilerden-bahceliye-yanit-once-terorist-demekten-vazgec-1816006\">Bah\u00e7eli</a>, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-kktc-mustakil-bir-devlettir-haddinizi-bilin,931922\">Meral Ak\u015fener</a> so sehr wie die <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/hdpye-saldiri-aydinlatilmali-41834543\">Revolverpresse</a> des Regimes sind sich einig im Aufruf, dass die Menschen \u201eja nicht auf die Stra\u00dfe\u201c gehen oder zumindest \u201eMa\u00df und Zur\u00fcckhaltung\u201c in ihrem Protest wahren sollen, weil sonst alles au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t und Chaos das Land regiert. Als disziplinierend-mobilisierendes Element werden dazu verschw\u00f6rungstheoretische Ideologiefragmente \u201e<a href=\"https://dukespace.lib.duke.edu/dspace/bitstream/handle/10161/22556/Goknar%20-%20Political%20Melodramas%20of%20Conspiracy.pdf?isAllowed=y&amp;sequence=2\">as an intentionally deployed weapon of politics</a>\u201c (S. 2) genutzt. \u201eJemand hat auf den Knopf gedr\u00fcckt\u201c <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/turkiyenin-onundeki-kritik-esik-41842003\">und</a> <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/yazarlar/ismail-saymaz/sen-suclusun-mehmet-ali-bey-6492402/\">\u00e4hnliche S\u00e4tze</a> sind politische Allgemeinpl\u00e4tze geworden, die implizieren, dass es ein \u2013 nat\u00fcrlich nie konkret zu identifizierendes \u2013 Mastermind (<i>\u00fcst ak\u0131l</i>) gibt, das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-yargimiz-nasil-15-temmuz-un-hesabini-soruyorsa-6-8-ekim-olaylarinin-hesabini-da-bolucu-orgutun-unsurlarindan-soruyor,906889\">laut Erdo\u011fan</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-son-8-yilda-partimize-yonelik-kesintisiz-saldiri-doneminden-milletimizin-destegiyle-ciktik,964513\">seit Gezi 2013</a> in den unzusammenh\u00e4ngendsten Ereignissen als das eine identische Subjekt wirkt, um die T\u00fcrkei durch wechselseitige Polarisierung und Aufhetzung der Bev\u00f6lkerung zu vernichten. <a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/ibrahim-karagul/sedat-pekere-feto-dosyalari-mi-verildi-zaafi-olan-dubaiye-kosuyor-bin-zayedin-tetikcisi-oluyor-onlarca-sedat-peker-harcanir-2058569\">Auch Sedat Peker</a> wird von der Revolverpresse in diese Verschw\u00f6rung eingeordnet.</p><p>Nat\u00fcrlich gibt es kein Mastermind. Es ist das Regime selbst, das Polarisierung und Aufhetzung betreibt, um Alternativen zu unterdr\u00fccken und sich eine autorit\u00e4re Legitimationsbasis zu schaffen. In Kombination mit anderen Krisenelementen bringt dies aber auch eine Reihe nichtintendierter Effekte mit sich, wie sich versch\u00e4rfende au\u00dfenpolitische und soziale Antagonismen, Prekarit\u00e4t, usw., die durchaus wirklich zu einer Art von Kontrollverlust f\u00fchren, n\u00e4mlich zur Hegemoniekrise an sich. Das verschw\u00f6rungstheoretische Framing versucht blo\u00df, diese Hegemoniekrise disziplinierend zu organisieren. Denn wo hinter allem Unzusammenh\u00e4ngenden und allen Verwerfungen ein b\u00f6ser Mastermind zum Schaden Aller agiert und man nie wei\u00df, ob nicht auch etwas als Gut erscheinendes eigentlich dem B\u00f6sen dient, da macht sich eine passivierende \u00c4ngstlichkeit breit. Der Glaube daran w\u00e4chst, dass es der Lenkung durch die das Volk f\u00fchrenden Elite bedarf, welche allein kompetent den Kampf gegen dieses Mastermind ausfechten kann. \u201e[C]onspiracy isn\u2019t just a symptom of authoritarian politics, [\u2026] it imagines and prefigures that authoritarianism\u201c (S. 6), fasst G\u00f6knar im eben zitierten Artikel folgerichtig zusammen. Ein erfolgreicher Kampf gegen die Taktiken des Regimes, in dem die Bev\u00f6lkerung selbst organisiert partizipiert, ist der erfolgversprechendste Weg gegen die Pr\u00e4sidialdiktatur: Die Wahrnehmung der eigenen Wirkm\u00e4chtigkeit ist das beste praktische Gegenmittel gegen die verschw\u00f6rungstheoretische Disziplinierung im Allgemeinen, aber vor allem auch gegen die in der Diffusit\u00e4t des Alltagsverstandes verankerten, jahrzehntelang von den Herrschenden gef\u00f6rderten reaktion\u00e4ren Elemente wie den antikurdischen Rassismus <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57485198\">oder</a> die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/area-arastirma-olasi-cumhurbaskanligi-secimlerinde-mansur-yavas-muharrem-ince-ile-abdullah-gul-e-fark-atiyor,899856\">Unterst\u00fctzung</a> f\u00fcr <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/son-anket-millet-ittifaki-onde-galeri-1500153?p=5\">au\u00dfenpolitischen Chauvinismus</a>.</p><p>Die b\u00fcrgerliche Opposition will dies aber offensichtlich nicht. Sie hofft darauf, durch die Exploitation reaktion\u00e4rer Sedimente im Alltagsverstand eine paternalistische Mobilisierung gegen das Regime zu organisieren, mit dem sie das Regime st\u00fcrzen und den \u00dcbergang zu einer restaurierten neoliberalen Hegemonie einleiten kann \u2013 ohne eine zu starke populare Partizipation zu riskieren, die bedeutend mehr als eine blo\u00dfe Restauration des Neoliberalismus auf die politische Agenda setzen k\u00f6nnte. Wie sehr die b\u00fcrgerliche Opposition das Regime st\u00fcrzen und wirklich abschaffen will, ist ohnehin an sich fragw\u00fcrdig. Der Chef der Hauptoppositionspartei CHP, Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, gab erneut zu verstehen, dass sie <a href=\"https://t24.com.tr/video/kilicdaroglu-kanal-istanbul-ihalesine-girecek-ulkeye-mesafe-koyacagiz-paralarini-odemeyecegiz-bizden-bir-banka-kredi-verirse-gunu-geldiginde-o-da-gorur,38698\">keine Abrechnung</a> (<i>devr-i sab\u0131k</i>) mit der AKP-\u00c4ra und ihren Verbrechen vorhaben, sollten sie an die Macht kommen. \u00c4hnlich der schon erw\u00e4hnte stellvertretende Vorsitzende der IYI, Yavuz A\u011f\u0131ralio\u011flu, der \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/iyi-partili-agiralioglu-ak-parti-deki-arkadaslarimiza-dusman-degiliz-onlarin-rakipleriyiz,941960\">unsere Freunde in der AKP</a>, inklusive Herr Erdo\u011fan\u201c explizit nicht als Feinde, sondern als Konkurrenten unter dem Banner derselben Sache, \u201eNation und Heimat\u201c bezeichnete.</p><p>Unter dem Druck der Faschisierung sind auch Teile der Linken, allen voran starke Fraktionen innerhalb der HDP, auf eine Taktik der \u201eDemokratiefront\u201c umgeschwenkt, der zufolge die Zusammenarbeit aller \u201edemokratischer Parteien\u201c zwecks Sturz des Regimes Priorit\u00e4t hat. Die Linke, auch die HDP, w\u00e4re allerdings besser beraten, sich prim\u00e4r auf das zu konzentrieren, was sie von den b\u00fcrgerlichen Parteien unterscheidet: Eine Perspektive auf die \u00dcberwindung des Neoliberalismus im Sinne der popularen Klassen und eine umfassende Demokratisierung durch populare Massenmobilisierung und -partizipation. Ansonsten bleiben nicht nur die materiellen Bedingungen der M\u00f6glichkeit einer reaktion\u00e4ren Organisierung und Mobilisierung der popularen Klassen erhalten, sondern auch die ideellen und politischen \u2013 wie der antikurdische Rassismus, der militaristische Chauvinismus und dergleichen. Erst wenn das Volk selbst an der politischen Macht aktiv partizipiert und \u00fcber sein Geschick selbst entscheidet, werden die Bedingungen der M\u00f6glichkeit des Autoritarismus aufgehoben, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/riza-turmen/akp-sonrasi-turkiye-yeni-bir-demokrasi,31141\">so</a> R\u0131za T\u00fcrmen, ehemaliger Richter der T\u00fcrkei am Europ\u00e4ischen Menschengerichtshof und linker Demokrat. Die revolution\u00e4ren Elemente innerhalb der Linken m\u00fcssen dabei zus\u00e4tzlich den Punkt stark machen, dass es nicht blo\u00df um Klientelkapitalismus und Neoliberalismus geht und dass strategisch die \u00dcberwindung der kapitalistischen Produktionsweise als solcher letztlich der einzige Weg ist, die notwendigen (wenn auch nicht allein hinreichenden) Grundlagen f\u00fcr ein gutes Leben f\u00fcr die Bev\u00f6lkerungsmehrheit zu schaffen. Dass sich Linke priorit\u00e4r auf ihre Aufgaben konzentrieren, schlie\u00dft eine taktische Wahlzusammenarbeit, so denn Wahlen stattfinden sollten, nicht aus. Im Gegenteil: Erst dann, wenn die Linke ihre Aufgaben gut macht, kann sie bei einer m\u00f6glichen Wahlallianz eine Anerkennung linker Positionen erzwingen.</p><p>Das kurz- bis mittelfristige Ziel f\u00fcr Linke sollte sein, Erdo\u011fan zu st\u00fcrzen \u2013 aber unter Umst\u00e4nden, in denen die Linke so stark wie m\u00f6glich ist. Es w\u00e4re sogar w\u00fcnschenswert, wenn sie bei den n\u00e4chsten Wahlen einen selbstbewussten und eigenst\u00e4ndigen dritten Parteienblock im Unterschied zum Regimeblock wie zum Block der b\u00fcrgerlichen Opposition bilden k\u00f6nnte, anstatt direkt oder indirekt dem b\u00fcrgerlichen Oppositionsblock zuzuarbeiten. Nur durch organisatorische und ideologische Autonomie sowie einer erfolgreichen popularen Praxis kann die Linke Positionen erk\u00e4mpfen. Zusammenschl\u00fcsse wie Einheit f\u00fcr Demokratie (<i>Demokrasi \u0130\u00e7in Birlik</i>, D\u0130B), die sich aus Parteien und Organisationen, Bewegungen und Einzelpersonen zusammensetzen, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/demokrasi-icin-birlik-ten-muhalefete-armut-pisip-kimsenin-agzina-dusmeyecek,907330\">versuchen gerade</a>, solch eine <a href=\"https://www.evrensel.net/haber/436368/demokrasi-konferansi-halkin-gercek-halk-egemenligi-kuracagi-yolculuga-katki-sunmaya\">populare Perspektive</a> zusammen mit einer popularen Mobilisierung zu entwickeln.</p><h4><i>Vielleicht sind wir derzeit an einem Punkt angelangt, an dem es nicht mehr so sehr um die Frage geht, ob Erdo\u011fan st\u00fcrzt \u2013 sondern eher darum, wie er st\u00fcrzt und wie die T\u00fcrkei nach Erdo\u011fan aussehen wird. Diesem Kampf um die Zukunft der T\u00fcrkei sollten wir uns selbstbewusst und voll Lebensfreude stellen.</i></h4><hr/><h2><b>Anmerkungen:</b></h2><p><b>[1]</b> F\u00fcr die Entwicklungen und theoretischen Einsch\u00e4tzungen zu den Entwicklungen vor/bis September 2020 verweise ich auf meinen l\u00e4ngeren Analyseartikel \u201e<a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">Virus als Katalysator</a>\u201c, ebenfalls hier im<i> re:volt magazine</i> erschienen. Ich werde die dort ausgef\u00fchrten Dinge hier nicht mehr ausf\u00fchrlich behandeln und auf permanente Verweise auf jenen Artikel verzichten; wo keine Quellen angegeben sind oder nicht weiter ausgef\u00fchrt wird, lassen sich Details in jenem Artikel nachlesen.</p><p>F\u00fcr viele wichtige inhaltliche Diskussionen und Literaturempfehlungen danke ich dem Arbeitskreis<i> Social and Political History of Turkey</i>. Besonderer Dank gilt dabei Axel Gehring und Svenja Huck f\u00fcr wichtige inhaltliche und formale Kommentare. Ganz besonderen Dank zudem an Johanna Br\u00f6se f\u00fcr eine sehr genaue inhaltliche und sprachliche Redaktion des<i> gesamten</i> Artikels. Was w\u00e4re der Artikel nur ohne dich und deine Arbeit? F\u00fcr alle Fehler, Fehleinsch\u00e4tzungen und Verr\u00fccktheiten, die weiterhin im Artikel geblieben sind, bin nat\u00fcrlich nur ich verantwortlich. Gedankt sei auch Jo aus dem <i>re:volt</i>-Kollektiv f\u00fcr die meines Ermessens sehr treffende Collage, die als Titelbild des Artikels fungiert.</p><p><b>[2]</b> Ein in der Zwischenzeit vorlegter Rechenschaftsbericht des Finanzministeriums nennt fast identische Zahlen: 2,4%/BIP direkte Ausgaben, 9,3%/BIP Kredite usw. <a href=\"https://ms.hmb.gov.tr/uploads/sites/12/2021/06/Kamu-Maliyesi-Raporu-1.pdf\">Siehe</a> T.C. Hazine ve Maliye Bakanl\u0131\u011f\u0131,<i> Kamu Maliyesi Raporu 2021-I</i>, Mai 2021, S. 30.</p><p><b>[3]</b> Minibusse sind kleinere Busse, die etwa 10-20 Sitz- und 5-10 Stehpl\u00e4tze haben und eines der meistgenutzten Fortbewegungsmittel in der T\u00fcrkei darstellen.</p><p><b>[4]</b> Sind die Zinsen niedriger als die Inflationsrate, spricht man von realem Negativzins. Das hei\u00dft die Zinsen sind \u2013 egal ob sie nominell positiv, das hei\u00dft \u00fcber 0% liegen \u2013 real negativ, da sie unterhalb des Niveaus der Preissteigerung verbleiben. Jeder, der zu realem Negativzins investiert, betreibt also im Normalfall ein Verlustgesch\u00e4ft. Im betreffenden Fall ist ein realer Negativleitzins der TCMB daher ein sehr starker negativer Investitionsimpuls f\u00fcr ausl\u00e4ndisches Kapital. Anders sieht es beispielsweise bei <a href=\"https://www.deutsche-finanzagentur.de/de/private-anleger/bundeswertpapiere/bundesanleihen/\">bundesdeutschen Staatsanleihen</a> aus, die ebenfalls einen realen Negativzins abwerfen. Da sie jedoch gemeinsam mit der deutschen Wirtschaft und im Unterschied zur T\u00fcrkei als stabil und als sicherer Hafen gelten, investieren Finanzmarktakteur*innen durchaus in sie um diese dann beispielsweise als Sicherheiten f\u00fcr weitere Finanzgesch\u00e4fte zu nutzen.</p><p><b>[5]</b> Bei einem W\u00e4hrungs- oder Devisenswap werden Mengen zweier W\u00e4hrungen wechselseitig getauscht, um in Zukunft wieder r\u00fcckgetauscht zu werden. Die TCMB beispielsweise nutzt solche Swaps, um kurzfristig an dringend notwendige Devisen heranzukommen. Damit verschiebt sich das Problem des Devisenmangels in die Zukunft.</p><p><b>[6]</b> Da die t\u00fcrkische Wirtschaft bei wesentlichen Inputs an Importe gebunden bleibt, wirkt sich nat\u00fcrlich ein Wertverfall der Lira unmittelbar auf die Inflation aus und zieht regelm\u00e4\u00dfig eine Steigerung derselben mit sich. So wurde dann zwar nach den desastr\u00f6sen 1990ern, als die TCMB noch eine Fokussierung auf einen fixen TL-Wert hatte und inmitten der Transformationskrisen zum regulierten Neoliberalismus und spekulativer Attacken im Prinzip handlungsunf\u00e4hig wurde, die Wechselkursfokussierung der TCMB aufgegeben im Sinne einer Preisstabilit\u00e4tsfokussierung. Da letzteres aber ebenfalls eine gewisse Stabilit\u00e4t des Wechselkurses voraussetzte, intervenierte die TCMB wo n\u00f6tig nat\u00fcrlich auch in den Devisenmarkt, so beispielsweise 2004-05. Aber das waren noch gute Zeiten, da war das Akkumulationsregime noch nicht fundamental krisenhaft, sondern wurde nur zyklisch negativ affiziert von volatilen internationalen Finanzstr\u00f6men.</p><p><b>[7]</b> Was Zinshebungen in den USA und daher Kapitalabfl\u00fcsse aus der Peripherie in die USA wahrscheinlich machte <a href=\"https://www.mahfiegilmez.com/2021/03/faiz-nicin-artrld-simdi-ne-olacak.html\">und daher</a> trotz orthodox-neoliberaler Geldpolitik des t\u00fcrkischen Zentralbankchefs zu einem Fall des Wertes der TL f\u00fchrte. Auch die beste Wirtschaftspolitik kann im Regelfall die strukturellen Defizite eines spezifischen Akkumulationsmodells nicht beheben, in diesem Fall die abh\u00e4ngige Finanzialisierung der t\u00fcrkischen Wirtschaft.</p><p><b>[8]</b> \u00dcblicherweise werden die Steigerungen der Verbraucherpreise als offizielle Inflationsrate angegeben. Produzentenpreise hingegen bezeichnen die Preise, die Produzenten f\u00fcr ihre Inputs bezahlen. <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/turkeys-inflation-spirals-out-control\">Wegen der Importabh\u00e4ngigkeit</a> der t\u00fcrkischen Wirtschaft und dem Fall des Wertes der Lira ins Bodenlose sind die Produzentenpreise um mehr als 40% gestiegen, weit mehr als die Verbraucherpreise. Das hei\u00dft letztlich, dass die Kosten der Unternehmen viel st\u00e4rker steigen als die Preise, zu denen sie ihre Waren verkaufen k\u00f6nnen. Auf kurz oder lang werden also Bankrotte folgen oder eine <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/wealthy-turks-drive-consumption-despite-soaring-inflation\">Anpassung</a> der beiden divergierenden Preisentwicklungen stattfinden, das hei\u00dft die sich schon <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-dakika-lpgye-zam-geldi-1848996\">beschleunigende</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/kapanmanin-faturasi-agir-oldu-1846972\">Steigerung der Verbraucherpreise</a>.</p><p><b>[9]</b> Ich nutze damit den Begriff etwas anders als Carl Schmitt, der ihn als ein metaphysisches Letztbegr\u00fcndungsprinzip jeder Rechtsordnung, egal ob liberal oder monarchisch oder sonst wie, verstanden wissen will und ihn zudem normativ positiv aufl\u00e4dt. Daher die Charakterisierung von Schmitt als proto-faschistisch. Ich nutze den Begriff als Analysetool f\u00fcr<i> eine</i> m\u00f6gliche Strukturierung eines gegebenen politischen Systems (im betreffenden Fall der T\u00fcrkei), zudem sicherlich ohne eine normative Aufwertung.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkisches-inferno/", "id": "https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkisches-inferno/", "author": {"name": "Alp Kayserilio\u011flu", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2021-08-12T08:52:03.024590+00:00", "date_modified": "2021-08-12T09:18:02.196769+00:00", "tags": ["re:think", "t\u00fcrkei", "widerstand", "antikurdischer rassismus", "corona", "autorit\u00e4re konsolidierung", "sezgin baran korkmaz", "repression", "waldbr\u00e4nde 2021", "bogazici", "istanbul konvention", "sedat peker", "krise des neoliberalismus"], "summary": "Die T\u00fcrkei steht in Flammen: Von Corona-Krise \u00fcber Wirtschaftskrise, machttrunkenem Hochmut, Chaos im Staat und verheerenden Waldbr\u00e4nden bis hin zu Widerstand gegen das politische Regime in der T\u00fcrkei der letzten Monate berichtet unser Redakteur Alp Kayserilio\u011flu in einem sehr, sehr langen Essay."}, {"title": "Wider die Zwangsverwaltung von Erdo\u011fans Gnaden", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Wider die Zwangsverwaltung von Erdo\u011fans&nbsp;Gnaden</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"murat 2.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/murat_2.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Murat Bay / sendika.org</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Anmerkung der Redaktion: Seit der Ernennung des AKP-Mitglieds Melih Bulu als Rektor der Bo\u011fazi\u00e7i Universit\u00e4t durch Pr\u00e4sident Erdo\u011fan am 1. Januar protestieren die Studierenden und gro\u00dfe Teile der Lehrenden der Universit\u00e4t gegen Bulu. Die Bo\u011fazi\u00e7i Universit\u00e4t gilt als beste staatliche Universit\u00e4t des Landes und besitzt eine lange Tradition der Selbstverwaltung und eines liberal-humanistischen Geistes. Seit langem ist die Universit\u00e4t ein Dorn im Auge der AKP, weil sie die Universit\u00e4t nicht kontrollieren kann. Seit langem versucht die AKP, die Autonomie der Universit\u00e4t zu zerschlagen.</i></p><p><i>Gegen Bulu wird demonstriert, weil er nicht von den Mitgliedern der Universit\u00e4t gew\u00e4hlt wurde und daher zurecht als Zwangsverwalter von Erdo\u011fans Gnaden gesehen wird, der die Universit\u00e4t brechen und auf Linie bringen soll. Die Demonstrierenden protestieren aber ebenfalls gegen die unz\u00e4hligen anderen vom Regime eingesetzten Stadtverwalter \u2013 zumeist anstelle gew\u00e4hlter HDP B\u00fcrgermeister*innen \u2013 oder Rektoren an anderen Universit\u00e4ten.</i></p><p><i>Die Proteste eskalierten Ende Januar erneut, nachdem eine Ausstellung von Studierenden attackiert wurde und wegen den angeblich religionsfeindlichen Inhalten eines Bild dieser Ausstellung eine staatliche Kampagne gegen LGBTI+ Individuen gestartet wurde. Der Innenminister S\u00fcleyman Soylu sprach in einem Tweet von \u201eLGBT Perverslingen\u201c und zwei Studierende wurden verhaftet. Im Laufe der letzten Woche weiteten sich daraufhin die Proteste aus auf Izmir, Ankara, Istanbul und andere kleinere St\u00e4dten, die meist mit Polizeigewalt und hunderten von Festnahmen beantwortet wurden. Das Regime ist offensichtlich in Panik \u00fcber eine Protestwelle, die so etwas \u00e4hnliches ausl\u00f6sen k\u00f6nnte wie die Gezi-Bewegung 2013.</i></p><p><i>Gestern wurde der Ton noch einmal rauher, als Erdo\u011fan selbst in den Ring stieg. Er sagte, mit Bezug auf die Forderung nach dem R\u00fccktritt von Melih Bulu, dass die Protestierenden doch den R\u00fccktritt des Pr\u00e4sidenten, also von ihm, fordern sollten, wenn sie genug Mut h\u00e4tten. In der selben Rede referierte er auf den liberalen M\u00e4zen Osman Kavala, der seit Jahren inhaftiert und als \u201eOrganisator der Gezi-Proteste\u201c angeklagt ist, und dessen Frau Prof. Ay\u015fe Bu\u011fra, eine international anerkannte Wissenschaftlerin, die seit vielen Jahren an der Bo\u011fazi\u00e7i Universit\u00e4t unterrichtet. Erdo\u011fan nannte sie \u201edie Frau von Kavala\u201c. In der Nacht kam dann die n\u00e4chste Attacke: Per Pr\u00e4sidialdekret wurden neue Fakult\u00e4ten an der Bo\u011fazi\u00e7i Universit\u00e4t gegr\u00fcndet, unter anderem der Jurisprudenz und Kommunikation. Es ist offensichtlich, dass das Ziel ist, regimetreue Kader an die Uni zu bringen, um Unterst\u00fctzung f\u00fcr Melih Bulu zu organisieren. Kurz darauf ver\u00f6ffentlichte die Bo\u011fazi\u00e7i-Solidarit\u00e4t einen offenen Brief an den Pr\u00e4sidenten, den wir hier vollst\u00e4ndig in \u00dcbersetzung und mit zus\u00e4tzlichen redaktionellen Anmerkungen dokumentieren.</i></p><h2>Offener Brief an den 12. Pr\u00e4sidenten der T\u00fcrkei</h2><p>Wir hatten schon zuvor Melih Bulu mit dem Gedicht \u201eGedichtversuche \u00fcber einen Provokateur\u201c geantwortet. Es ist erfreulich, dass Sie verstanden haben, dass der eigentliche Verantwortliche Sie selbst sind und dass Sie uns geantwortet haben. Bisher haben Sie \u00fcber die Stiftung T\u00dcRGEV [T\u00fcrkische Stiftung f\u00fcr Jugend und Bildung; der Sohn Erdo\u011fans sitzt im Leitungsgremium, Anm. d. Red.] unter der Hand mit uns Kontakt aufgenommen. Jetzt versuchen Sie also \u00fcber die Medien mit uns zu diskutieren. Wir m\u00f6gen keine Mittelspersonen und bevorzugen es, direkt und offen f\u00fcr alle in Kontakt zu treten. Wir hoffen, dass auch Sie auf diese Art weitermachen werden.</p><p>Zuerst m\u00f6chten wir Sie noch einmal an die Gr\u00fcnde unserer Proteste und an unsere Forderungen erinnern:</p><p>Sie haben die Studierenden und Lehrenden unserer Universit\u00e4t ignoriert und einen Zwangsverwalter eingesetzt. Ist das, was sie gemacht haben, legal? Ja, wie Sie ja auch bei jeder Gelegenheit betonen, ist es legal, aber legitim ist es nicht. Diese Einsetzung bringt jeden in dieser Gesellschaft, der oder die auch nur ein Kr\u00fcmelchen Gerechtigkeitsbewusstsein besitzt, dazu, sich dagegen zu erheben!</p><p>Obendrein er\u00f6ffnen Sie dann auch noch in einer Schnellschusserkl\u00e4rung Freitag nachts Fakult\u00e4ten und setzen Dekane ein, um die Lehrenden, Studierenden, Arbeiter*innen und die ganze Institution zu unterdr\u00fccken. Es ist ein Ausdruck der politischen Krise, in der Sie sich befinden, dass Sie versuchen, unsere Universit\u00e4ten mit ihren eigenen politischen Militanten zu besetzen. Die Opfer dieser Krise werden jeden Tag mehr!</p><p>Wir nutzen unsere von der Verfassung garantierten Rechte, um alle Teile der Gesellschaft auf die Ungerechtigkeit, die uns angetan wird, aufmerksam zu machen. Unsere Forderungen sind:</p><p>- Alle unsere Freund*innen, die w\u00e4hrend der Proteste festgenommen wurden, sollen sofort freigelassen werden!</p><p>- Die diskreditierenden Kampagnen gegen unsere LGBTI+ Freund*innen und alle anderen als Zielscheibe ausgegebenen Gruppen m\u00fcssen enden!</p><p>- Alle Zwangsverwalter sollen zur\u00fccktreten, allen voran Melih Bulu, der der Grund f\u00fcr diese Festnahmen, Verhaftungen und S\u00fcndenbockpolitik ist!</p><p>- An den Universit\u00e4ten sollen demokratische Rektoratswahlen stattfinden, an denen alle Teile der Universit\u00e4ten teilnehmen!</p><p>Sie haben einen Satz gesagt, der mit den Worten \u201ewenn sie mutig genug sind\u201c anf\u00e4ngt. Ist es ein von der Verfassung garantiertes Recht, den Pr\u00e4sidenten zum R\u00fccktritt aufzufordern? JA! Seit wann ist es dann eine Frage des Mutes, ein von der Verfassung garantiertes Recht in Anspruch zu nehmen? Verwechseln Sie uns nicht mit jenen, die sich Ihnen bedingungslos unterwerfen. Sie sind kein Sultan und wir nicht Ihre Untertanen.</p><p>Aber da Sie schon von Mut gesprochen haben, wollen wir auch darauf eine Antwort geben:</p><p>Wir haben \u00fcberhaupt keine Immunit\u00e4t! Sie aber agieren seit 19 Jahren unter einem Panzer an Immunit\u00e4t.</p><p>Der Innenminister l\u00fcgt und missbraucht daf\u00fcr religi\u00f6se Empfindlichkeiten. Aber wir halten dagegen, dass wir keine Selbstzensur anwenden werden.</p><p>Ihr nennt unsere LGBTI+ Freund*innen Perverslinge, aber wir sagen, dass die Rechte von LGBTI+ Individuen Menschenrechte sind.</p><p>Ihre Parteifreunde treten in Soma Bergarbeiter <b>[1]</b>, wir hingegen stehen Seite an Seite mit den Arbeiter*innen und werden das auch weiterhin tun.</p><p>Sie halten die ehemaligen Vorsitzenden der HDP ohne rechtliche Grundlage im Gef\u00e4ngnis. Ebenso Journalist*innen und Gewerkschafter*innen. Wir hingegen sind eins mit denjenigen, die ohne Furcht die Wahrheit laut hinausrufen, und sind gegen alle Zwangsverwalter.</p><p>Sie lassen die Mutter von Berkin Elvan auf Kundgebungen ausbuhen. Wir sagen, wir stehen an der Seite Berkin Elvans. <b>[2]</b></p><p>Sie p\u00f6beln Ay\u015fe Bu\u011fra an und machen sie zur Zielscheibe, indem Sie sagen: \u201edie Ehefrau von Osman Kavala ist auch unter diesen Provokateuren\u201d, und erw\u00e4hnen dabei nicht einmal ihren Namen. Mit dieser rohen Ausdrucksweise, die suggeriert, die einzig nennenswerte Eigenschaft einer Frau sei es, die Ehegattin von einem Mann zu sein, bringen sie eine sexistische, einf\u00e4ltige \u00dcberzeugung zum Ausdruck. Wir hingegen sagen: \u201eAy\u015fe Bu\u011fra ist unsere gesch\u00e4tzte Dozentin und eine Wissenschaftlerin.\u201c Wir sagen: \u201eEinen Angriff auf sie verstehen wir als einen Angriff auf uns.\u201c</p><p>(Wir wissen, dass Sie wegen dieses Briefes dutzende Verfahren er\u00f6ffnen werden wegen Verherrlichung von Verbrechern oder Beleidigung des Pr\u00e4sidenten, aber wir wissen auch, dass wir niemals aufgeben werden, das Richtige zu sagen!)</p><p>Sich mit neugegr\u00fcndeten Fakult\u00e4ten und einem aufgebl\u00e4hten Lehrk\u00f6rper auf den Beinen zu halten, da Ihre Kraft nicht ausreicht, um den von Ihnen selbst eingesetzten Rektor an der Uni zu halten, ist kein sonderlich wagemutiger Schritt. Aus diesem Grund nehmen wir das, was Sie \u00fcber Mut sagen, nicht ernst.</p><p>Uns ist bewusst, dass weder die Bo\u011fazi\u00e7i Universit\u00e4t die wichtigste Einrichtung der T\u00fcrkei ist, noch die Einsetzung von Melih Bulu als dessen Zwangsverwalter das gr\u00f6\u00dfte Problem des Landes. Geht es um die Forderung nach Ihrem R\u00fccktritt, so rufen wir Sie nicht aus diesem Grund zum R\u00fccktritt auf. Warum?</p><p>Wenn Sie zur\u00fccktreten w\u00fcrden, w\u00e4ren sie schon l\u00e4ngst zur\u00fcckgetreten,</p><p>als Hrant Dink ermordet wurde! <b>[3]</b></p><p>als in Soma 301 Minenarbeiter ermordet wurden!</p><p>als in Roboski 34 Kurd*innen ermordet wurden! <b>[4]</b></p><p>nach dem Zugunfall in \u00c7orlu! <b>[5]</b></p><p>als Sie gesehen haben, dass Sie Tausende von Staatsb\u00fcrger*innen arbeitslos und damit mittellos gemacht haben, allen voran die durch Pr\u00e4sidialdekrete Entlassenen!<b> [6]</b></p><p>als die Wirtschaft so tief in der Krise steckte, dass das Volk in die Verarmung getrieben wurde. Sie h\u00e4tten dann Verantwortung \u00fcbernommen, statt ihren Schwiegersohn zu opfern. <b>[7]</b></p><p>Es gibt noch weitere Beispiele, aber Sie sind nie zur\u00fcckgetreten. Statt, um es mal mit Ihren Worten zu sagen, Mut zu bekennen, haben Sie es bevorzugt, sich so darzustellen, als seien Sie naiverweise betrogen worden.<b> [8]</b></p><p>Warum sollten wir Sie jetzt zum R\u00fccktritt aufrufen?</p><p>Solange Melih Bulu auf seinem Rektorsstuhl sitzt, werden wir unsere Proteste verst\u00e4rken und fortsetzen.</p><p>Ob Sie in dieser Frage die notwendigen Schritte setzen werden, das m\u00fcssen Sie selbst wissen.</p><p>Wir sind an der Seite derer, die ihrer demokratischen Rechte und Freiheiten beraubt wurden! In der Hoffnung, dass Sie verstehen, dass Sie die Unterdr\u00fcckten dieses Landes nicht zum Schweigen bringen k\u00f6nnen dadurch, dass sie von den Pl\u00e4tzen und Rednerpulten schreien und drohen.</p><p></p><hr/><p><i>Der Brief wurde aus dem T\u00fcrkischen ins Deutsche \u00fcbersetzt von Max Zirngast und einer Genossin.</i></p><hr/><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Beim durch einen Kohlenbrand ausgel\u00f6sten Grubenungl\u00fcck in Soma vom 13. Mai 2014 starben 301 Minenarbeiter*innen. Es war das opferreichste Grubenungl\u00fcck der t\u00fcrkischen Geschichte. Obwohl Untersuchungen herausfanden, dass zentrale Sicherheitsvorkehrungen willentlich und bewusst nicht eingehalten wurden, so dass es einerseits \u00fcberhaupt zum Unfall kommen konnte und andererseits der Unfall so viele Opfer forderte, folgten zu erst keine Konsequenzen. Erst vier Jahre sp\u00e4ter wurden drei Verantwortliche des Unternehmens unter anderem wegen fahrl\u00e4ssiger T\u00f6tung verhaftet. Staatspr\u00e4sident Erdo\u011fan relativierte anfangs den Vorfall mit dem Verweis darauf, dass solche Unf\u00e4lle \u00fcberall auf der Welt passieren. Ein Bild, auf dem zu sehen ist, wie ein Bodyguard von Erdo\u011fan mithilfe der Polizei auf einen protestierenden Minenarbeiter schlug, wurde zum Symbolbild des Umgangs der Regierung mit dem Ereignis.</p><p><b>[2]</b> Berkin Elvan war 14 Jahre alt, als er w\u00e4hrend der Gezi-Proteste am 16. Juni 2013 Brot einkaufen ging und dabei auf eine Polizeipatrouille stie\u00df. Diese schossen ihm eine Tr\u00e4nengaskartusche in den Hinterkopf. Nach 14-t\u00e4gigem Koma verstarb Elvan im Krankenhaus. Die M\u00f6rder wurden nicht belangt, Erdo\u011fan nannte Elvan einen \u201eTerroristen\u201c.</p><p><b>[3]</b> Hrant Dink, ein ber\u00fchmter armenischer Journalist, wurde am 19. Januar 2007 auf offener Stra\u00dfe von einem fanatischen Nationalisten erschossen. Die Untersuchungen ergaben, dass hohe staatliche Stellen bis hin zur Spitze des Geheimdienstes der Polizei im Mord involviert waren oder zumindest im vornherein davon wussten. Bis zum heutigen Tage wurde die Verantwortung des Staates am Mord nicht hinreichend gekl\u00e4rt, ein letztes Verfahren l\u00e4uft immer noch weiter. Die offizielle Version der Regierung, die sich im Laufe der Jahre je nach innerstaatlicher B\u00fcndnispolitik der AKP ge\u00e4ndert hat, lautet mittlerweile, dass im Staat organisierte Anh\u00e4nger des Predigers Fetullah G\u00fclen den Mord organisiert h\u00e4tten. Bevor das B\u00fcndnis zwischen AKP und G\u00fclenisten zerbrach hie\u00df es, nationalistische Cliquen unter dem Namen Ergenekon h\u00e4tten den Mord organisiert, um die Gesellschaft zu destabilisieren. Nach dem Bruch zwischen AKP und G\u00fclen wurden alle Personen, die als Mitglieder von Ergenekon inhaftiert waren, freigesprochen.</p><p><b>[4]</b> Als Uludere-Massaker (t\u00fcrkisch) oder Roboski-Massaker (kurdisch) benennt man eine Luftwaffenoperation der t\u00fcrkischen Armee in der Nacht vom 28. Dezember 2011. Dabei wurden unweit der irakischen Grenze 34 kurdische Zivilisten, zumeist Schmuggler, umgebracht. Die T\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte (TSK) gingen davon aus, dass es sich um K\u00e4mpfer der kurdischen Guerillaorganisation PKK gehandelt habe. Obzwar sp\u00e4ter durchsickerte, dass die t\u00fcrkische Armee auf ungesicherten Informationen operiert hatte und zudem der Geheimdienst (MIT) falsche Informationen weitergeleitet hatte, wurden die Untersuchungen in ein m\u00f6gliches Fehlverhalten der Armee und des Geheimdienstes auf Eis gelegt. Es folgten keine Konsequenzen f\u00fcr die Involvierten.</p><p><b>[5]</b> Am 8. Juli 2018 entgleisten mehrere Zugwaggons auf der Zugstrecke zwischen Istanbul und dem bulgarischen Swilengrad, 25 Menschen starben. Obwohl sich im Nachhinein herausstellte, dass das Transportministerium und die Staatliche Eisenbahnbeh\u00f6rde der T\u00fcrkei (TCDD) fahrl\u00e4ssig gehandelt und nicht alle Sicherheitsvorkehrungen f\u00fcr die Strecke getroffen hatten, spielten Gerichte und Ministerien die Angelegenheit herunter. Bis heute streiten die betroffenen Familien f\u00fcr Gerechtigkeit.</p><p><b>[6]</b> Nach dem gescheiterten Milit\u00e4rputsch vom 15./16. Juli 2016, den Erdo\u011fan als \u201eSegen Gottes\u201c bezeichnete, wurden Zehntausende oft gar nicht mit dem Putsch oder der G\u00fclen-Gemeinde im Zusammenhang stehende Staatsbedienstete mittels Pr\u00e4sidialdekreten ihres Amtes enthoben, sozial ge\u00e4chtet, mit Ausreisesperren versehen und sonstig schikaniert.</p><p><b>[7]</b> Die T\u00fcrkei erlebte eine beispiellose wirtschaftliche Volatilit\u00e4t in den Jahre 2018-20, die sich vor allem f\u00fcr die normale Bev\u00f6lkerung in einer sehr hohen Inflationsrate f\u00fcr Alltagsg\u00fcter und damit einhergehender Armut ausdr\u00fcckte. Als Konsequenz legte der Wirtschafts- und Finanzminister, Berat Albayrak, der Schwiegersohn von Erdo\u011fan, Ende letzten Jahres sein Amt nieder.</p><p><b>[8]</b> Die Autor*innen spielen auf Erdo\u011fan an, der nach dem Bruch zwischen AKP und G\u00fclen gesagt hatte, dass sie von den G\u00fclenisten \u201ebetrogen\u201c wurden.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/wider-die-zwangsverwaltung-von-erdo%C4%9Fans-gnaden/", "id": "https://revoltmag.org/articles/wider-die-zwangsverwaltung-von-erdo%C4%9Fans-gnaden/", "author": {"name": "Bo\u011fazi\u00e7i Dayan\u0131\u015fma", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2021-02-06T15:46:53.531296+00:00", "date_modified": "2021-02-06T16:14:22.808145+00:00", "tags": ["re:claim", "t\u00fcrkei", "lgbt", "widerstand", "universit\u00e4t", "bo\u011fazi\u00e7i", "erdo\u011fan"], "summary": "Am 1. Januar setzte Pr\u00e4sident Erdo\u011fan einen Parteikumpel als Rektor der prestigetr\u00e4chtigen Bo\u011fazi\u00e7i Universit\u00e4t ein. Seitdem demonstrieren Studierende landesweit dagegen. Gestern hat sich auch Erdo\u011fan eingemischt. Jetzt fordern die Studierenden in einem offenen Brief seinen R\u00fccktritt."}, {"title": "Italien im Aufruhr", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Italien im&nbsp;Aufruhr</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"photo_2020-11-06 19.12.09.jpeg\" height=\"420\" src=\"/media/images/photo_2020-11-06_19.12.09.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Gianmarco Rescigno</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Die am 23. Oktober ausgebrochenen Proteste in Italien haben die politische und mediale Aufmerksamkeit im In- und Ausland geweckt. In Napoli hatte eine Gruppe von Protestierenden w\u00e4hrend der n\u00e4chtlichen Demonstration die Auseinandersetzung mit der Polizei gesucht, die Medien sprachen sogleich von der Camorra [die Mafia in der Region Kampanien; Anm. d. Red.], die die Gewalt orchestriert haben soll. Offensichtlich ging es in Napoli jedoch um <a href=\"https://revoltmag.org/articles/napoli-gegen-den-lockdown/\">soziale Belange</a>. Daraufhin kam es auch in anderen St\u00e4dten, vom Norden bis in den S\u00fcden des Landes, zu sozialen Protesten gegen die Politik der Regierung angesichts der zweiten Welle der Corona-Krise.</p><p>In den Tagen darauf nahmen die Proteste nicht ab, im Gegenteil. Sie nahmen unterschiedlichste Formen an und auch in anderen St\u00e4dten kam es zu gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und Polizei. Nun mischte sich auch die italienische Regierung ein und verurteilte die Proteste. Wie Innenminister Luciana Lamorgese gegen\u00fcber der Tageszeitung <a href=\"https://www.repubblica.it/cronaca/2020/10/28/news/piazze_in_rivolta_lamorgese_studenti_disagiati_ed_extracomunitari-272172842/\">La Repubblica</a> erkl\u00e4rte, w\u00fcrde die Unzufriedenheit nur als Vorwand benutzt werden, um Gewalt auszu\u00fcben. \u201eStudierende, Unbequeme und illegale Einwanderer\u201c w\u00fcrden in den Demonstrationen mitmischen und die Gewalt provozieren. Auch wenn zwar die organisierte Kriminalit\u00e4t (Camorra) als zentrales Erkl\u00e4rungsmuster der Proteste verschwunden ist, vermieden es die Politiker*innen den tats\u00e4chlichen sozialen und politischen Problemen in die Augen zu schauen, die zu den spontanen Ausschreitungen f\u00fchrten.</p><p>Eine einheitliche Analyse der Proteste zu geben ist allerdings sehr schwierig, da sie in jeder Stadt von unterschiedlichen sozialen und politischen Gruppen ausgingen und die Polizei mit unterschiedlich starker Repression darauf reagierte. Der unterschiedliche Charakter der Proteste ist Ausdruck der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen und Kr\u00e4fte, die jeweils vor Ort vorherrschen. Wenn also rechtsextreme Gruppierungen an den Protesten in Rom, Bologna, Torino, Verona oder Firenze anwesend waren oder der Aufruf dazu sogar von ihnen ausging, dann weil sie die herrschende soziale und \u00f6konomische Krise und das politische Vakuum nutzen, um ihre Positionen und Forderungen auf die Strasse zu bringen.</p><h2><b>Der Auftakt in Napoli</b></h2><p>Die Proteste in Napoli waren eine Art Ausl\u00f6ser und Vorbild daf\u00fcr, den sozialen Unmut auf die Stra\u00dfe zu tragen. Auch in Napoli h\u00f6rten die Proteste nicht auf. Am Folgetag (24. Oktober) protestierten rund 500 Menschen vor dem regionalen Sitz des Unternehmensverbandes Confindustria gegen die fehlenden gesundheits- und sozialpolitischen Ma\u00dfnahmen, um der Corona-Krise und den sozialen Folgen eines potentiellen Lockdowns entgegenzuwirken. Der Versuch der Demonstrierenden zum regionalen Regierungsgeb\u00e4ude vorzudringen wurde von der Polizei gewaltvoll unterdr\u00fcckt.</p><p>Die polizeiliche Repression kam auch am Montag, dem 26. Oktober, zum Zug: Auf die mittels sozialen Medien beworbene Kundgebung gegen die mangelnden sozialpolitischen Ma\u00dfnahmen reagierte die Regierung mit einem massiven Polizeiaufgebot samt Wasserwerfern und M\u00e4nnern in Robocopmontur. Rund 4.000 Menschen kamen an diesem Abend zu einer Demonstration zusammen. Die soziale und politische Zusammensetzung war vielf\u00e4ltig: von prek\u00e4r und oft irregul\u00e4r arbeitenden Barkeeper*innen \u00fcber Event-Animateur*innen und Kulturschaffenden bis hin zu Betreiber*innen von Kleinbetrieben (vor allem Bars, Restaurants und Nachtclubs) waren alle m\u00f6glichen Schichten vertreten, haupts\u00e4chlich des Dienstleistungssektors. Die Kundgebung war daher auch von unterschiedlichen Forderungen gepr\u00e4gt. Als die Demonstrierenden dann begannen sich zu bewegen, positionierte sich die Polizei erneut, um den Demonstrationszug zu blockieren. Diesmal gelang es den Demonstrierenden, vor das regionale Regierungsgeb\u00e4ude zu gelangen, ohne dass es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kam.</p><p>Die Diversit\u00e4t der Teilnehmenden dr\u00fcckte sich auch in den Wortmeldungen aus: Die Betreiber*innen von Kleinbetrieben forderten keine sozialstaatliche Intervention f\u00fcr die Sicherstellung der Lohnfortzahlung im Falle einer neuen Schlie\u00dfung, sondern unterstrichen ihre Entschlossenheit, um jeden Preis und trotz Lockdown ihre L\u00e4den offen halten und weiterarbeiten zu wollen. Die Wortmeldungen, die ein staatlich garantiertes Grundeinkommen f\u00fcr die Arbeiter*innen verlangten, wurden von ihnen hingegen ausgepfiffen.</p><p>Zudem waren nicht wenige Arbeiter*innen mit Plakaten zu sehen, die einen Steuerzahlungsstopp f\u00fcr krisenbetroffene Bars und Restaurants und die Aufhebung der obligatorischen Schlie\u00dfungen der L\u00e4den ab 18 Uhr forderten. Diese Positionierung von Arbeiter*innen auf Seiten ihrer Arbeitgebenden ist Ausdruck des herrschenden Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisses und der Jobunsicherheit, die bereits vor der Corona-Krise Normalit\u00e4t war. So existiert eine korporatistische \u00dcberzeugung \u00e0 la \u201edu gibst mir zu essen, ich verteidige dich\u201c bei vielen Arbeitenden. Soziale Forderungen \u2013 von einem garantierten Einkommen f\u00fcr die Arbeiter*innen bis zu Investitionen im Gesundheitssystem, um der gesundheitlichen Corona-Krise entgegenzuwirken \u2013 wurden in erster Linie von linken politischen Gruppen und Organisationen in die Proteste hineingetragen.</p><p>In den Protesten in Napoli dr\u00fcckte sich also eine widerspr\u00fcchliche Dynamik aus: Auf der einen Seite das gemeinsame Auftreten von Arbeiter*innen und Betreiber*innen der lokalen \u00d6konomie, die vor allem dank des Tourismusbooms der letzten zehn Jahre einen Aufschwung erlebte und sich nun mit der Krise im rasanten Sturzflug befindet. Dieser Korporatismus steht im Widerspruch zu den divergierenden objektiven Interessen dieser zwei sozialen Kategorien: Arbeiter*innen und Betreiber*innen. Denn viele der Betreiber*innen von Kleinbetrieben haben gerade w\u00e4hrend dieses Tourismusbooms ihren Reichtum durch Steuerhinterziehung und Ausbeutung irregul\u00e4rer Arbeiter*innen erwirtschaftet. Die Freiheit, weiter wirtschaften zu k\u00f6nnen, w\u00fcrde konkret hei\u00dfen, die Freiheit zu haben, weiterhin Steuern zu hinterziehen und Arbeiter*innen auszubeuten. Hierin unterscheiden sich diese kleinb\u00fcrgerlichen Forderungen nicht von denjenigen des Unternehmensverbandes Confindustria und somit des Gro\u00dfkapitals.</p><h2><b>Neofaschistische Instrumentalisierungsversuche</b></h2><p>Andere Orte wiesen andere Charakteristika auf. Am 27. Oktober in Rom und am 30. Oktober in Bologna waren die Proteste von neofaschistischen Gruppen organisiert. Hier dominierten reaktion\u00e4re und rechtskonservative Positionen den Raum. Ihre Kritik richtete sich an die \u201epolitische Kaste\u201c, die sich w\u00e4hrend der Pandemie weiter bereichert habe, w\u00e4hrend \u201edas Volk\u201c Hunger erleiden musste. Gefordert wurde explizit nicht ein garantiertes Grundeinkommen f\u00fcr alle, die aufgrund eines potentiellen Lockdowns ihren Lohn verlieren w\u00fcrden, sondern \u2013 wie auch in Napoli von einigen gefordert \u2013 die Freiheit, weiterarbeiten zu k\u00f6nnen. Gerade bei den Protesten, in denen diese Positionen dominierten, mischten sich verschw\u00f6rungstheoretische und \u201eCorona-skeptische\u201c Stimmen unter die Proteste. In Bologna konnte so eine Ann\u00e4herung zwischen neofaschistischen Gruppen und \u201eWutb\u00fcrger*innen\u201c beobachtet werden. Diese werkt\u00e4tige Mittelklassen mit zuvor gutem Einkommen m\u00fcssen tats\u00e4chlich materielle Verluste hinnehmen und erleben \u00e4hnliche Probleme wie proletarisierte Gruppen; gleichzeitig tendieren sie aber auch zu einem \u201eautorit\u00e4ren Charakter\u201c und identifizieren sich oft mit konservativen und reaktion\u00e4ren Wertvorstellungen. Dank dieser Konvergenz nutzten rechtsextreme Gruppen den Krisenmoment, um ihrer ultrakonservativen und reaktion\u00e4ren Weltansicht eine \u00f6ffentliche Stimme zu verleihen. Die Beteiligung an diesen Demonstrationen blieb aber gering, die Polizei begleitete den mit milit\u00e4rischer Disziplin organisierten Demonstrationszug f\u00fcr \u00fcber zwei Stunden durch die Stadt, ohne die Demonstration aufzul\u00f6sen.</p><p>Am 30. Oktober fand auch in Firenze eine Demonstration statt. Auch hier waren rechte Gruppen mit von der Partie, jedoch in der Minderheit. Ihr separater Demonstrationszug wurde von der Polizei begleitet. Der gemischte Block hingegen, in dem sich prek\u00e4re Gastronomie-Arbeiter*innen, Menschen in schwieriger finanzieller Lage und linke Aktivist*innen wiederfanden, wurde gewaltvoll von der Polizei angegangen. Die Bilder der Demonstration zeigen eine au\u00dfer Kontrolle geratene Polizei, deren einziges Ziel es war, die friedliche Demonstration aufzul\u00f6sen. Gewisse militante Gruppen haben dann auf diese gewaltt\u00e4tige Provokation der Polizei reagiert, darunter befanden sich Gruppen von Ultras, aber auch sehr viele migrantische Jugendliche der zweiten Generation. Erstere beteiligten sich an den Protesten, weil sie in ihrem Privatleben als prek\u00e4re Arbeiter*innen einen materiellen Grund daf\u00fcr hatten und weil sie als Gruppe die Schlie\u00dfung ihrer Treffpunkte, namentlich die Fu\u00dfballstadien, kritisierten. Die migrantischen Jugendlichen hingegen, die auch in den Protesten in Mailand am 27. Oktober zahlreich vertreten waren, geh\u00f6ren zu den marginalisiertesten Gruppen in der rassistischen und klassistischen Gesellschaft Italiens. Ihre Anstrengungen, in h\u00f6here soziale Position aufzusteigen, werden in der krisengepr\u00e4gten b\u00fcrgerlichen Gesellschaft oft blockiert.</p><h2><b>Gold f\u00fcr die einen, Almosen f\u00fcr die anderen</b></h2><p>Zeitgleich mit dem Aufflammen zahlreicher Proteste \u00fcberall in Italien verabschiedete die italienische Regierung tats\u00e4chlich ein neues Dekret, das Soforthilfen f\u00fcr die sich in Schwierigkeiten befindenden Betreiber*innen von Kleingesch\u00e4ften vorsieht. Das sogenannte<i> decreto ristori</i> \u2013 w\u00f6rtlich \u201eErfrischungsdekret\u201c \u2013 wird 6,2 Milliarden Euro in die Kassen der Betriebe pumpen, davon 2,5 Milliarden ausschlie\u00dflich ins Gastronomie-Gewerbe. Laut Wirtschafts- und Finanzminister Roberto Gualtieri werden 350.000 Betriebe davon Nutzen ziehen k\u00f6nnen. Zum Vergleich: Es handelt sich um die gleiche Summe, die j\u00e4hrlich f\u00fcr das sogenannte Grundeinkommen, der Sozialhilfe f\u00fcr armutsbetroffene Menschen ausgegeben wird. Der Unterschied liegt aber darin, dass das Grundeinkommen auf rund drei Millionen Menschen verteilt wird, das jetzige Dekret aber eben auf ein paar hunderttausend Betriebe.</p><p>Auch wurde der b\u00fcrokratische Aufwand, um in den Genuss dieser Finanzhilfen zu kommen, \u00e4u\u00dferst einfach gehalten. Wer schon im M\u00e4rz eine staatliche Unterst\u00fctzung erhalten hatte, muss keinen neuen Antrag stellen, sondern ihm/ihr wird bis zum 15. November die Finanzhilfe direkt ausbezahlt. Wer im M\u00e4rz hingegen keine Unterst\u00fctzung erhalten hatte, kann einen Antrag stellen. Die H\u00f6he der jeweiligen Finanzhilfe wird auf der Basis der deklarierten Ums\u00e4tze aus dem Jahr 2019 kalkuliert und die Betriebe haben Anspruch auf bis zu 20 Prozent Entsch\u00e4digung. 20 Prozent klingt zwar nach wenig, ist es aber nicht, da bis heute Bars und Restaurants weiterhin bis 18 Uhr offen haben und bis um 23 Uhr Lieferungsdienste anbieten k\u00f6nnen. Zudem sind viele Arbeiter*innen dieser Betriebe in Kurzarbeit und daher \u00fcbernimmt der Sozialstaat einen Teil der Lohnkosten.</p><p>F\u00fcr prek\u00e4re und selbst\u00e4ndige Arbeiter*innen ist hingegen von weitaus weniger Geld die Rede. Arbeiter*innen der Kulturindustrie und des Tourismus erhalten eine Einmalzahlung von 1000 Euro, diejenigen des Sportsektors 800 Euro. F\u00fcr irregul\u00e4r Arbeitende sieht das Dekret gar nichts vor. Irregul\u00e4re und prek\u00e4re Arbeiter*innen sind auch von der Verl\u00e4ngerung der au\u00dferordentlichen Kurzarbeit und des Entlassungsverbotes bis Ende M\u00e4rz 2021 ausgeschlossen.</p><h2><b>K\u00e4mpfe zusammenf\u00fchren!</b></h2><p>Wie von den Tageszeitungen angek\u00fcndigt wurde, wird die italienische Regierung aufgrund der weiterhin wachsenden Covid-Neuinfektionen lokale Lockdowns aussprechen. Wie sich die Protesten in den sich schnell ver\u00e4ndernden Umst\u00e4nden weiter entwickeln werden, ist noch unklar. Folgende vier Punkte sollen jedoch als Orientierung dienen.</p><p>Erstens handelt es sich beim neuen Dekret um eine Antwort auf die sozialen Proteste, insbesondere auf die Forderungen der kleinb\u00fcrgerlichen Komponenten innerhalb der Proteste. Die Regierung war gezwungen, dieser sozialen Kategorie materielle Zugest\u00e4ndnisse zu machen, um den Konsens rund um die Regierung nicht in Gefahr zu bringen. Die Bereitstellung dieser hohen Summe kann also als pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahme gegen die zunehmenden Proteste gelesen werden. Es bleibt zu sehen, ob das reichen wird, insbesondere angesichts der Einf\u00fchrung von lokalen Lockdowns. Der Unmut der prek\u00e4rsten Fraktionen der Arbeiter*innenklasse wird jedoch weiter wachsen, da sie von jeglichen Regierungsma\u00dfnahmen ausgeschlossen bleiben. Ob und auf welche Weise dieser Unmut die Protesten verst\u00e4rken wird, ist noch offen.</p><p>Zweitens gehen die Proteste weiter. Am 30. Oktober fand ein italienweit koordinierter Protest der Kulturschaffenden statt; am Samstagabend, dem 31. Oktober, f\u00fcllten vor allem linke Kr\u00e4fte und Organisationen die Stra\u00dfen von Rom und Neapel. Diese Proteste wurden von einem massiven Polizeiaufgebot begleitet, jedoch berichteten die gro\u00dfen Medien nicht dar\u00fcber. Solche Proteste mit klaren sozialen Forderungen existieren f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Presse nur dann, wenn \u201eGewalt\u201c zur Anwendung kommt und Gucci-Schaufenster eingeschlagen werden. Das einzige Interesse der b\u00fcrgerlichen Medien an solchen Protesten ist es, ein m\u00f6glich schlechtes Licht auf die sozialen Proteste werfen zu k\u00f6nnen, um den popularen Klassen Angst einzufl\u00f6\u00dfen und sie davon abzuhalten, an den Protesten teilzunehmen und ihren Forderungen Geh\u00f6r zu verschaffen. Tats\u00e4chlich waren diese Demonstrationen auch weitaus weniger stark besucht als die Proteste zuvor.</p><p>Drittens hat dies auch damit zu tun, dass eine \u201esoziale Depression\u201c zu sp\u00fcren ist, die nicht zu untersch\u00e4tzen ist. Gerade f\u00fcr j\u00fcngere Generationen war es schon vor dem Ausbruch der Corona-Krise schwierig, sich eine Zukunft vorzustellen. Zurzeit ist eine berufliche Perspektive kaum vorhanden oder ausschlie\u00dflich mit prek\u00e4ren und vor\u00fcbergehenden Jobs verbunden. Die Fern-Didaktik an den Universit\u00e4ten hat zudem die Momente sozialer Interaktionen auf ein Minimum reduziert; die Einf\u00fchrung eines neuen Lockdowns und der R\u00fcckzug in die eigenen vier W\u00e4nde l\u00f6sen neue (Zukunfts-)\u00c4ngste aus. Dies wirkt sich auch auf Familien- und Freundschaftsbeziehungen aus, die fragil und prek\u00e4r werden. In diesem gesellschaftlichen Kontext ist die politische Organisierung der popularen Klassen \u00e4u\u00dferst schwierig.</p><p>Viertens sind die sozialen Proteste Italiens nicht ausschlie\u00dflich der mangelnden politischen Antwort auf die Corona-Krise zuzuordnen. In den letzten Tagen haben zahlreiche andere Arbeiter*innenkollektive f\u00fcr den Erhalt ihres Arbeitsplatzes und f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen gestreikt oder protestiert. So k\u00e4mpfen nun schon seit Monaten 420 Arbeiter*innen der Waschmaschinenfabrik Whirlpool in Napoli gegen die Fabrikschlie\u00dfung, dabei haben sie mehrmals die Autobahn blockiert. Am Freitag fand zudem ein italienweiter Streik der Arbeiter*innen der Essensauslieferungsdienste statt, weil ihnen ein Tarifvertrag vorgehalten wurde, der ohne eine legitime Vertretung der Arbeiter*innen ausgehandelt wurde und ihre Prekarit\u00e4t gesetzlich verankern soll. Auch der Unmut der Gesundheitsarbeiter*innen nimmt Tag f\u00fcr Tag zu, da sie in dieser Krisensituation \u00dcberstunden leisten m\u00fcssen, ohne dass daf\u00fcr die notwendigen gesundheitlichen und sozialen Ma\u00dfnahmen getroffen werden. Die Verbindung der Proteste der krisenbetroffenen, prek\u00e4ren Arbeiter*innen mit den Streikbewegungen der Arbeiter*innen birgt ein enormes Potential eines positiven Ausweges aus der Krise in sich. Dieses Potenzial aufzugreifen und es auszubauen, darauf m\u00fcssen wir Linke uns konzentrieren!</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Die Proteste werden getragen vom Prekariat, Mittelklassen und Kleingewerbe mit divergierenden Interessen."}, {"title": "Virus als Katalysator", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Virus als&nbsp;Katalysator</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"ebrum timtim.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/ebrum_timtim.63b0595f.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">sendika.org</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Am 11. M\u00e4rz 2020, als offiziell die erste Corona-Infektion in der T\u00fcrkei registriert wurde, t\u00f6nte Staatspr\u00e4sident Erdo\u011fan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-erdogan-dan-koronavirus-aciklamasi,865821\">ganz gro\u00df</a>: \u00bbKein Virus ist st\u00e4rker als unsere Vorkehrungen.\u00ab Am Tenor ideologischer Selbstdarstellung hat sich seitdem wenig ge\u00e4ndert: In v\u00f6lliger Verkehrung der Tatsachen wird die T\u00fcrkei als Weltspitze der Corona-Bek\u00e4mpfung pr\u00e4sentiert, w\u00e4hrend der entwickelte Westen den Bach runtergehe \u2013 autorit\u00e4re Hybris <i>at its best</i>. Diese Hybris und ihr Versprechen der Gr\u00f6\u00dfe haben Staatspr\u00e4sident Erdo\u011fan und das unter seiner F\u00fchrung organisierte national-autorit\u00e4re Regime auch bitter n\u00f6tig, wo doch die Realit\u00e4t ganz anders aussieht: eine teils katastrophale Pandemiebek\u00e4mpfung, <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkey-executive-presidency-proved-to-be-fail-in-two-years.html\">einbrechende Umfragewerte</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-15-ayda-yapilan-57-anketin-ortalamasi-erdogan-ve-cumhur-ittifaki-gidici-diyor-1768312\">f\u00fcr</a> das Regime, eine schwere Wirtschaftskrise insbesondere f\u00fcr die unteren und Mittelklassen und eine <a href=\"https://t24.com.tr/haber/area-arastirma-olasi-cumhurbaskanligi-secimlerinde-mansur-yavas-muharrem-ince-ile-abdullah-gul-e-fark-atiyor,899856\">erstarkende Opposition</a> <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/avrasya-arastirma-dan-anket-secimler-yenilense-mevcut-buyuksehir-belediye-baskanina-oy-verir-misiniz,9966\">vor allem</a> in den (oppositionsgef\u00fchrten) Gro\u00dfst\u00e4dten. Das entgeht nat\u00fcrlich weder Erdo\u011fan noch seinen Verb\u00fcndeten. Deshalb radikalisieren sie ihre bisherigen Hauptmechanismen der <a href=\"https://www.researchgate.net/publication/256039501_Authoritarian_Consolidation\">autorit\u00e4ren Konsolidierung</a>: milit\u00e4rische Auslandseins\u00e4tze, Inhaftierung von Oppositionellen, Repression gegen Dissident*innen, Gesetze zur Schw\u00e4chung der Zivilgesellschaft, Einschr\u00e4nkung der Handlungsf\u00e4higkeit oppositioneller B\u00fcrgermeister*innen, chauvinistische und sexistische Propaganda und so weiter. Dabei versch\u00e4rfen sich auch die internen Fraktionsk\u00e4mpfe des Regimes. SARS-CoV-2 ist somit ein Katalysator gesellschaftlicher Antagonismen in der T\u00fcrkei.<b> [1]</b></p><h2><b>Hybris und Realit\u00e4t</b></h2><p>Im Prinzip handelt die T\u00fcrkei in der Bek\u00e4mpfung des Virus nach <a href=\"https://revoltmag.org/articles/der-zug-f%C3%A4hrt-ab/\">denselben</a> Handlungsmaximen wie alle entwickelten kapitalistischen L\u00e4nder des Westens: Das Regime versucht eine Strategie umzusetzen, die abw\u00e4gt zwischen kurzfristigen Stabilit\u00e4ts- und Wirtschaftsinteressen und langfristigen Interessen kapitalistischer Akkumulation. Sterben zu schnell zu viele Menschen, kann es zur Destabilisierung kommen; werden zu viele beschr\u00e4nkende Ma\u00dfnahmen verh\u00e4ngt, fallen die Profite zu stark. Eine konsequente Eind\u00e4mmungspolitik des Virus wird deshalb, wie auch in Deutschland, explizit nicht verfolgt. Der Pr\u00e4sidentensprecher Ibrahim Kal\u0131n brachte das sehr direkt auf den Punkt, als er <a href=\"https://www.birgun.net/haber/saray-dan-sokaga-cikma-yasagi-aciklamasi-ekonomik-maliyeti-buyuk-olur-296875\">festhielt</a>: \u00bbDie wirtschaftlichen Kosten einer allgemeinen Ausgangssperre w\u00e4ren hoch.\u00ab Auch dem Gesundheitsminister Fahrettin Koca war <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/ahmet-hakan/saglik-bakani-kocaya-sordum-salginda-son-durum-nedir-41600122\">klar</a>, dass die Eind\u00e4mmungsperspektive durchaus m\u00f6glich ist; er wischte sie allerdings allzumenschlich beiseite: \u00bbUm dieses Problem vollst\u00e4ndig zu l\u00f6sen, m\u00fcsste man eine vollst\u00e4ndige Isolation implementieren. Aber kein Land der Welt will das. Auch die T\u00fcrkei will das nicht. Aus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden wird nirgends auf der Welt und auch in der T\u00fcrkei nicht auf vollst\u00e4ndige Isolation gesetzt.\u00ab</p><p>Im Unterschied allerdings zu L\u00e4ndern wie der BRD verf\u00fcgt die krisengebeutelte T\u00fcrkei nicht \u00fcber genug Ressourcen und vor allem das politische Regime nicht \u00fcber genug Stabilit\u00e4t, um eine Kontrolle der Epidemie im Rahmen jener Handlungsmaximen effektiv zu betreiben. Zwar wurden nach und nach alle gr\u00f6\u00dferen Gesch\u00e4fte und gastronomischen L\u00e4den geschlossen, es gab aber im Prinzip nie effektive Kontaktbeschr\u00e4nkungsma\u00dfnahmen, und die <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/04/03/devletin-korona-gunlugu-hangi-kurum-ne-zaman-ne-yapti/\">meisten Ma\u00dfnahmen</a> wurden nur sehr z\u00f6gerlich und dann f\u00fcr vergleichsweise kurze Zeit eingef\u00fchrt. Wie die t\u00fcrkische \u00c4rztekammer (TTB) <a href=\"https://www.ttb.org.tr/haber_goster.php?Guid=11be613e-de25-11ea-a538-cd82211f39c1\">ganz richtig</a> festh\u00e4lt, w\u00e4lzte der Staat die gesamte Verantwortung auf die einzelnen B\u00fcrger*innen ab und sorgte selbst f\u00fcr die Verbreitung einer Aura der Sorglosigkeit mittels einer sogenannten \u00bbR\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t\u00ab ab dem 1. Juni, inklusive <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/09/turkey-akp-govt-weaponizes-covid19-to-disarm-opposition.html\">propagandistischer Gro\u00dfveranstaltungen</a> wie die Einweihung der Hagia Sophia mit Hunderttausenden Beteiligten. Auf dem bisherigen H\u00f6hepunkt der Virusverbreitung wurden zwar wiederholt komplette Ausgangssperren in mehreren Gro\u00dfst\u00e4dten verh\u00e4ngt. Dies aber bewusst nur an Wochenenden oder Feiertagen, also an Tagen, an denen Arbeiter*innen sowieso am ehesten frei haben und deshalb am wenigsten Profite zu entfallen drohen.</p><p>Das halbherzige Vorgehen in der Pandemiebek\u00e4mpfung schl\u00e4gt sich auch nur bedingt in verl\u00e4sslichen Zahlen nieder. Mit Stand vom 22. September 2020 sind <a href=\"https://covid19.who.int/region/euro/country/tr\">offiziell</a> 302.867 Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert gewesen und 7.506 Personen daran verstorben. Aber noch Monate nach der ersten offiziellen Corona-Infektion gab es kaum eine genaue Aufteilung der Infizierten und Toten nach Regionen, Alter und Vorerkrankungen, so dass sich die \u00c4rztekammer \u00fcber l\u00e4ngeren Zeitraum <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/saglik/2020/06/12/ttb-salgin-sirlarla-yurutuluyor/\">nicht in der Lage</a> sah, eine angemessene epidemiologische Analyse vorzunehmen. Erst am 1. Juli, also 112 Tage nach dem ersten registrierten Infektionsfall, fing das Gesundheitsministerium an, regelm\u00e4\u00dfige Berichte und Daten zu ver\u00f6ffentlichen. Aber bis zum heutigen Tage <a href=\"https://www.ttb.org.tr/kutuphane/covid19-rapor_6.pdf\">beschwert</a> sich die \u00c4rztekammer \u00fcber intransparente und unzul\u00e4ngliche Daten. Irregularit\u00e4ten in den zur Verf\u00fcgung gestellten Daten sowie prohibitive Interventionen des Gesundheitsministeriums in die Forschung wurden in einem offenen Brief vom 15. August in der internationalen Fachzeitschrift<i> The Lancet</i> von praktizierenden \u00c4rzten <a href=\"https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)31691-3/fulltext\">gebrandmarkt</a> und vom Gesundheitsminister nat\u00fcrlich sofort in derselben Zeitschrift <a href=\"https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)31864-X/fulltext\">dementiert</a>. \u00c4rztekammer wie Gewerkschaften des Gesundheitssektors weisen <a href=\"https://birartibir.org/siyaset/825-salgina-korukle-gitmek\">seit geraumer Zeit</a> darauf hin, dass die <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/01/ses-ankarada-gunluk-vaka-sayisi-2-bin-civarinda/\">echten Infektionsf\u00e4lle</a> <a href=\"https://ato.org.tr/news/show/840\">weit</a> <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-health-coronavirus-turkey/doctors-say-turkish-covid-19-outbreak-worse-than-reported-as-hospitalisations-swell-idUSKCN251231\">\u00fcber</a> den offiziellen Zahlen liegen und dass sie Todesf\u00e4lle registrieren, die COVID-19 <a href=\"https://www.birgun.net/haber/kecioren-gercegi-covid-19-olumleri-resmi-kaydin-5-kati-313942\">zuzuordnen sind</a>, aber <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-bilim-kurulu-uyesi-prof-dr-kilicaslan-koronavirus-kaynakli-cok-sayida-olum-kayitlara-bulasici-hastalik-olarak-gecti-istanbul-da-60-bin-civarinda-vaka-var,873846\">anders klassifiziert</a> werden, um die Statistik zu besch\u00f6nigen. Der Istanbuler B\u00fcrgermeister Imamo\u011flu meinte <a href=\"https://www.voanews.com/covid-19-pandemic/turkey-accused-coronavirus-cover-cases-rise\">k\u00fcrzlich</a>, dass laut den ihm vorliegenden Zahlen allein Istanbul so viele Neuinfektionen am Tag registriert wie das Gesundheitsministerium f\u00fcr die ganze T\u00fcrkei angibt (also grob \u00fcber 1500); \u00e4hnliches meinte der B\u00fcrgermeister von Ankara, Mansur Yava\u015f. Aus vielen St\u00e4dten wurde zumindest zeitweise dar\u00fcber berichtet, dass die Intensivstationen in Krankenh\u00e4usern <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-health-coronavirus-turkey/doctors-say-turkish-covid-19-outbreak-worse-than-reported-as-hospitalisations-swell-idUSKCN251231\">\u00fcberf\u00fcllt</a> waren, was sogar der Gesundheitsminister <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/02/fahrettin-koca-birinci-dalganin-ikinci-pikini-yasiyoruz/\">nachtr\u00e4glich zugeben</a> musste. Eine <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/avrasya-arastirma-dan-anket-secimler-yenilense-mevcut-buyuksehir-belediye-baskanina-oy-verir-misiniz,9966\">\u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit</a> der Bev\u00f6lkerung der Gro\u00dfst\u00e4dte \u2013 etwa 70 Prozent \u2013 glaubt laut einer Umfrage den Zahlen des Gesundheitsministeriums nicht. Aber auch schon die offiziellen Zahlen zeigen, dass die T\u00fcrkei in eine Phase der Lockerungen eintrat, als die erste Welle noch gar nicht abgeklungen war, <a href=\"https://www.toraks.org.tr/site/news/10005\">weshalb</a> Expert*innen wie die T\u00fcrkische Thorax-Vereinigung <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/ahmet-hakan/saglik-bakani-kocaya-sordum-salginda-son-durum-nedir-41600122\">schon l\u00e4ngst vor dem</a> Gesundheitsminister von einem \u00bbzweiten Peak der ersten Welle\u00ab sprachen. Unter den Umst\u00e4nden einer intransparenten und relativierenden Vorgehensweise der Regierung, \u00fcberrannter Krankenh\u00e4user, steigender Infektions- und Todesf\u00e4lle unter Krankenhausbesch\u00e4ftigten und fehlenden Schutzma\u00dfnahmen haben <a href=\"https://jurnaltr.com/salgin-boyunca-900-hekim-istifa-etti-30-bin-saglik-calisani-koronaviruse-yakalandi/\">mittlerweile</a> Hunderte Gesundheitsarbeitende ihre <a href=\"https://www.ttb.org.tr/haber_goster.php?Guid=11be613e-de25-11ea-a538-cd82211f39c1\">K\u00fcndigung</a> <a href=\"https://www.toraks.org.tr/site/news/10005\">eingereicht</a>.</p><p><a href=\"https://www.ttb.org.tr/kutuphane/covid19-rapor_4.pdf\">Als Folge</a> der unentschlossenen Pandemiebek\u00e4mpfung erreichte die effektive Reproduktionszahl <b>[2]</b> in <a href=\"https://www.milliyet.com.tr/gundem/son-dakika-haberi-corona-viruste-son-durum-bakan-koca-toplam-can-kaybi-425-vaka-sayisi-20-921e-yukseldi-6180754\">Istanbul</a> kurzzeitig (Anfang April) den sagenhaften Wert von 16 und t\u00fcrkeiweit (Ende M\u00e4rz) den Wert von neun, was im weltweiten Vergleich sehr hoch ist. Laut \u00c4rztekammer schneidet die T\u00fcrkei im Vergleich zu \u00e4hnlich situierten L\u00e4ndern auch in anderen Hinsichten (Tote pro 1000 Einwohner*innen, Neuinfektionen gerechnet auf Tage nach dem ersten Infektionsfall, usw.) eher schlechter ab. Dabei zeigen erste vorl\u00e4ufige Studien, dass mit 0,81 Prozent Seropr\u00e4valenz von Coronavirus-Antik\u00f6rpern in der Bev\u00f6lkerung auch die T\u00fcrkei weit entfernt ist von einer Herdenimmunit\u00e4t, f\u00fcr die ja grob 60 Prozent notwendig w\u00e4ren (Stand: Ende Juni).</p><p>Dabei trifft SARS-CoV-2 <a href=\"https://www.cambridge.org/core/journals/new-perspectives-on-turkey/article/new-perspectives-on-turkey-roundtable-on-the-covid19-pandemic-prospects-for-the-international-political-economic-order-in-the-postpandemic-world/3B8003A8F0A071F2EA4126A61EC37F6A\">wie in den meisten L\u00e4ndern</a> so auch in der T\u00fcrkei die Schw\u00e4chsten: Von den Fabriken \u00fcber die Textilbranche und den Dienstleistungssektor bis hin zum Bausektor hatten viele oft informell besch\u00e4ftigte Arbeiter*innen, die nicht zum Management geh\u00f6ren, keine andere Wahl, als auch in Hochzeiten der ersten Welle zu arbeiten, oft ohne ausreichende Schutzbestimmungen, gefangen zwischen der Skylla der Infektion und der Charybdis des Hungers. <b>[3]</b> Besonders <a href=\"https://www.tr.undp.org/content/turkey/en/home/library/corporatereports/COVID-gender-survey-report.html\">negativ betroffen</a> sind Frauen, insofern sie viel h\u00e4ufiger als M\u00e4nner ihre Jobs verloren und zudem den Gro\u00dfteil der zus\u00e4tzlich anfallenden Reproduktionsarbeiten im Haushalt \u00fcbernahmen, wie eine UN-Studie festh\u00e4lt. Auch in der T\u00fcrkei brachen gr\u00f6\u00dfere Infektionsgeschehen an Produktionsstandorten aus, so bei SuperFresh (Lebensmittel) und \u00dclker (Geb\u00e4ck) in Bursa, Eti G\u0131da (Geb\u00e4ck) in Eski\u015fehir oder Gedik Pili\u00e7 (Gefl\u00fcgelfabrik) in U\u015fak und BMC (Automobil) in Izmir. In einer der gr\u00f6\u00dften Fabriken des Landes, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kapali-devre-calisma-modelinin-uygulandigi-dardanel-den-aciklama-sadece-gonullu-calisanlar-katildi,895774\">Dardanel</a> (Dosenfisch) bei \u00c7anakkale, wandten Manager ein sogenanntes \u00bbgeschlossenes Arbeitssystem\u00ab an, um die Produktion trotz eines gro\u00dfen Infektionsgeschehens fortzusetzen. \u00bbGeschlossenes Arbeitssystem\u00ab hie\u00df in diesem Fall, dass die Infizierten nur mehr miteinander auf Schicht arbeiten und auf dem Betriebsgel\u00e4nde isoliert von Kontakt nach au\u00dfen leben sollten \u2013 um niemanden sonst mehr anzustecken! Bei <a href=\"https://www.birgun.net/haber/yusufeli-nde-santiyeden-cikmak-yasak-iscileri-esir-aldilar-313312\">Vestel</a> (Haushaltsger\u00e4te), einer anderen gro\u00dfen Fabrik mit Tausenden Arbeiter*innen, ignorierten Manager*innen nicht nur Sicherheitsbestimmungen und versuchten ein gro\u00dfes Infektionsgeschehen zu verdecken, sondern sie exponierten die Arbeiter*innen willentlich und wissentlich einem gro\u00dfen Infektionsrisiko. In Yusufeli bei Artvin hingegen wurden Arbeiter*innen eines <a href=\"https://www.birgun.net/haber/yusufeli-nde-santiyeden-cikmak-yasak-iscileri-esir-aldilar-313312\">Staudamms</a> de facto vom Gouverneur dazu gezwungen weiter auf der Baustelle zu verbleiben und zu arbeiten trotz eines laufenden Infektionsgeschehens. Au\u00dfer BMC bei Izmir wurden aber bisher keine der betroffenen Fabriken geschlossen. Bei einer solchen Sorglosigkeit ist es kein Wunder, dass in Istanbul \u2013 dem \u00bb<a href=\"https://www.cnnturk.com/turkiye/saglik-bakani-kocadan-koronavirus-aciklamasi-istanbul-turkiyenin-wuhani-oldu\">Wuhan der</a> <a href=\"https://www.cnnturk.com/turkiye/saglik-bakani-kocadan-koronavirus-aciklamasi-istanbul-turkiyenin-wuhani-oldu\">T\u00fcrkei</a>\u00ab laut dem Gesundheitsminister \u2013 die \u00e4rmsten Viertel wie Ba\u011fc\u0131lar, Esenler und Bayrampa\u015fa am heftigsten von der Epidemie betroffen sind.</p><p>Um die tats\u00e4chlichen Ausma\u00dfe der Pandemie einzusch\u00e4tzen, k\u00f6nnte man nun einen Blick auf die Exzessmortalit\u00e4t (eine im Verh\u00e4ltnis zu einem Vergleichszeitraum feststellbare erh\u00f6hte Sterblichkeit) werfen, wie dies in Europa \u00fcblich ist. Das ist allerdings f\u00fcr die T\u00fcrkei wegen der mangelhaften Datenlage schwierig. Die<i> New York Times</i> und der<i> Economist</i> haben weltweit die \u00dcbersterblichkeit untersucht. Der<i> Economist</i> kommt dabei zum <a href=\"https://www.economist.com/graphic-detail/2020/04/16/tracking-covid-19-excess-deaths-across-countries\">Ergebnis</a>, dass sich die Exzessmortalit\u00e4t in Istanbul auf der H\u00f6he des ersten Peaks zwischen M\u00e4rz und Mai auf grob 50 Prozent belief, w\u00e4hrend die Anzahl der Exzess-Toten fast doppelt so gro\u00df war wie die offiziell festgestellten COVID-19-Toten. Die<i> New York Times</i> <a href=\"https://www.nytimes.com/interactive/2020/04/21/world/coronavirus-missing-deaths.html\">hingegen</a> sch\u00e4tzt die Exzessmortalit\u00e4t in Istanbul im Vergleich zu 2017-19 auf grob 20 Prozent, allerdings f\u00fcr den Zeitraum von M\u00e4rz bis Ende Juni. Da es aber keine genauen Zahlen zu allen Todesf\u00e4llen geschweige denn zu COVID-19-Toten in Istanbul gibt, ist dies nur eine grobe Sch\u00e4tzung und zudem nicht auf das ganze Land \u00fcbertragbar. Prof. Steve Hanke von der Johns Hopkins Universit\u00e4t ordnete die T\u00fcrkei wegen all dieser Ungenauigkeiten und Intransparenz denjenigen L\u00e4ndern zu, deren Zahlen zu COVID-19 <a href=\"https://e.vnexpress.net/news/news/us-economist-says-vietnam-lacks-coronavirus-statistics-prompts-retraction-demand-4117553.html\">sehr unzuverl\u00e4ssig</a> seien.</p><h2><b>Der Einbruch</b></h2><p><a href=\"https://www.cambridge.org/core/services/aop-cambridge-core/content/view/3B8003A8F0A071F2EA4126A61EC37F6A/S0896634620000230a.pdf/new_perspectives_on_turkey_roundtable_on_the_covid19_pandemic_prospects_for_the_international_political_economic_order_in_the_postpandemic_world.pdf\">Wie \u00fcberall sonst</a> auf der Welt, f\u00fchrte die Corona-Krise auch in der T\u00fcrkei trotz Besch\u00f6nigungsversuchen des Regimes zu einem massiven Wirtschaftseinbruch, der die unteren und mittleren Klassen ungleich h\u00e4rter trifft. Dabei traf aber die Corona induzierte Krise auf eine sowieso schon angeschlagene Wirtschaft, was zu einem W\u00e4hrungsschock wie im Sommer 2018 f\u00fchrte und das Potenzial f\u00fcr eine ausgewachsene Wirtschaftskrise hat. Die <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-30/turkey-likely-spared-worst-of-economic-damage-inflicted-by-virus\">Industrieproduktion</a> brach zwischen Februar und Mai durchgehend ein und wuchs erst im Juni wieder; die Nettokapitalinvestitionen gingen, wie durchgehend seit Mitte 2018, zur\u00fcck so wie auch das gesamte <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-30/turkey-likely-spared-worst-of-economic-damage-inflicted-by-virus\">Wirtschaftswachstum</a> im zweiten Quartal 2020 um 9,9% gegen\u00fcber dem Vorjahresquartal zur\u00fcckging. Besonders stark waren Exporte und Tourismus, die Hauptdeviseneinnahmenquellen der t\u00fcrkischen Wirtschaft, betroffen: W\u00e4hrend <a href=\"https://www.bloomberght.com/turkiye-2-ceyrekte-yillik-yuzde-99-kuculdu-uzmanlar-rakamlari-degerlendirdi-2263267\">Exporte</a> um grob 35 Prozent im zweiten Quartal gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum einbrachen, <a href=\"https://salaamgateway.com/story/how-much-was-turkeys-tourism-impacted-by-covid-19-jan-to-jun-2020\">besuchten</a> 75 Prozent weniger Besucher*innen die T\u00fcrkei im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. <a href=\"https://www.dailysabah.com/business/tourism/turkeys-tourism-revenues-could-hit-15b-in-2020-despite-pandemic\">Optimistische Hochrechnungen</a> gehen davon aus, dass die Einnahmen aus dem Tourismus im gesamten laufenden Jahr um mehr als 50 Prozent gegen\u00fcber 2019 einbrechen k\u00f6nnten. Der <a href=\"https://www.imf.org/en/Countries/TUR\">IWF</a> rechnet mit einem Einbruch des Bruttoinlandproduktes von f\u00fcnf Prozent \u00fcber das gesamte Jahr, die <a href=\"https://www.bloomberght.com/oecd-turkiye-nin-2020-de-yuzde-29-daralmasini-bekliyor-2264456\">OECD</a> hingegen von 2,9 Prozent, w\u00e4hrend die <a href=\"https://www.birgun.net/haber/covid-19-doneminde-issizlik-ve-is-kaybi-tuik-in-bildigi-ama-soyle-ye-medigi-gercekler-308063\">echte Arbeitslosenquote</a> <b>[4]</b> schon jetzt um die 25 Prozent betr\u00e4gt und bei <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anar-dan-anket-vatandaslarin-yuzde-77-6-si-salgindan-sonraki-en-buyuk-sorunu-ekonomi-olarak-goruyor,880458\">Umfragen</a> mindestens die H\u00e4lfte aller Beteiligten \u00fcber <a href=\"https://sendika63.org/2020/05/bisam-iscilerin-yuzde-92si-borclu-her-uc-isciden-ikisinin-tuketici-kredisi-borcu-var-588761/#more\">finanzielle Einbu\u00dfen</a>, <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/05/turkey-manufacturing-demand-inflation-virus.html\">N\u00f6te</a> und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/istanbul-universitesi-nden-koronavirus-arastirmasi-calisani-issizlik-korkusu-sardi-vatandas-hayatina-yonelik-kontrol-duygusunu-kaybetti-huzursuz,880015\">Zukunfts\u00e4ngste</a> im Zuge der Pandemie klagt. Bis zu 20 Millionen Menschen k\u00f6nnten in die <a href=\"https://ca.reuters.com/article/us-health-coronavirus-turkey-poverty-ana-idCAKBN2611BD\">Armut</a> rutschen, doppelt so viele wie bisher.</p><p>Dem Regime stehen dabei nur sehr begrenzte Mittel zur Verf\u00fcgung, um die aktuelle Krise zu bek\u00e4mpfen. Wegen der <a href=\"https://jacobinmag.com/2019/03/erdogan-akp-turkey-local-elections\">strukturellen Schw\u00e4chen</a> des Neoliberalismus in der T\u00fcrkei (hohe Abh\u00e4ngigkeit von ausl\u00e4ndischen Kapitalfl\u00fcssen, Devisen, Importen f\u00fcr Binnen- wie Exportproduktion und so weiter) kam die t\u00fcrkische Wirtschaft schon 2013 ins Straucheln, als die us-amerikanische Zentralbank (US Fed) das Ende ihres zwecks Bek\u00e4mpfung der Krise 2007ff. implementierten Anleihekauf- und Geldexpansionsprogramms (<i>quantitative easing</i>) verk\u00fcndete. Die teilweise Abwendung des Regimes vom neoliberaliberalen Konstitutionalismus wie die Abl\u00f6sung nichtpolitischer Institutionen und Wirtschaftspolitiken durch die Re-Politisierung des Wirtschaftsmanagements sowie Erdo\u011fans dezisionistische Politikgestaltung kamen erschwerend hinzu, so dass es seit 2013 zu mehreren Einbr\u00fcchen der Wirtschaft und einer Instabilit\u00e4t derselben kam. Als diese Instabilit\u00e4t im Sommer 2018 ausgel\u00f6st durch einen diplomatischen Konflikt mit den USA zu einem <a href=\"https://www.researchgate.net/publication/333951280_The_Making_of_Turkey&#x27;s_2018-2019_Economic_Crisis\">schweren W\u00e4hrungsschock</a> f\u00fchrte, explodierten die Importkosten und Auslandsschulden des Privatsektors, was wiederum zu R\u00fcckzahlungsproblemen, Schuldenumstrukturierungen im Milliardengr\u00f6\u00dfe, einer Explosion der Inflation und zu einem Inflations-induzierten Konsumtionseinbruch f\u00fchrte.</p><p>Als die Corona-induzierte Wirtschaftskrise unter diesen Umst\u00e4nden einsetzte, intervenierte die Regierung zuerst in dreierlei Art und Weise, um Unternehmen zu st\u00fctzen. Zum einen wurde im M\u00e4rz ein <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/03/19/saraylara-milyarlik-koruma-kulubelere-kolonya/\">Konjunkturpaket</a> im Umfang von 100 Milliarden T\u00fcrkischen Lira (TL) (derzeit etwas weniger als 11,5 Milliarden Euro) verabschiedet, das haupts\u00e4chlich aus Steuererleichterungen und Lohnnebenkostenhilfen bestand, aber fast nichts f\u00fcr die Werkt\u00e4tigen selbst beinhaltete. Zum zweiten intervenierte die Regierung mittels Zentralbank (TCMB) und anderen \u00f6ffentlichen Banken massiv in den Finanzmarkt und den Au\u00dfenhandel, um einen weiteren Fall der Lira angesichts der sich tr\u00fcbenden Weltwirtschaftslage und der <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-market-volatility-lira.html\">einsetzenden Kapitalflucht</a> von etwas mehr als 11 Milliarden US-Dollar in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres zu verhindern. Das beinhaltete den <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-04/turkish-lira-rates-blow-out-to-1000-after-currency-intervention\">Verkauf von Devisenreserven</a> der Zentralbank in einer Gr\u00f6\u00dfenordnung von grob 65 Milliarden US-Dollar von Anfang des Jahres bis Ende Juli, aber auch die Einf\u00fchrung von leichten Kapitalverkehrskontrollen und Handelsbeschr\u00e4nkungen <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/05/13/turkiyede-rejim-sorunu-ile-ilgili-bir-tartisma/\">wie</a> die Beschr\u00e4nkung des Devisenhandels und die Erh\u00f6hung von <a href=\"https://ahval.me/turkey-imports/turkeys-finance-minister-vows-press-measures-curb-imports\">Importz\u00f6llen</a> auf <a href=\"https://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/arbeitspapiere/CATS_Working_Paper_Nr_5_Doruk_Arbay.pdf\">mittlerweile</a> fast 5000 Waren. Drittens stieg die Kreditvergabe an angeschlagene Unternehmen zu <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-06-16/post-lockdown-turkey-snapshot-shows-economic-damage-hard-to-undo\">realen Negativzinsen</a> \u00fcber \u00f6ffentliche Banken <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-17/turkey-s-homemade-economic-pain-won-t-cost-traders-any-sleep\">explosionsartig</a>.</p><p>Inmitten dieses Corona-Einbruchs und der Krisenma\u00dfnahmen setzte pl\u00f6tzlich erneut ein <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkish-lira-falls-two-percent.html\">schwerer W\u00e4hrungsschock</a> im August ein. Als der Tagessatz f\u00fcr TL-Swaps<b> [5]</b> in London in der <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-04/turkish-lira-rates-blow-out-to-1000-after-currency-intervention\">Nacht des 4. August</a> auf unglaubliche 1050 Prozent sprang \u2013 weil die schon erw\u00e4hnten <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/swap-yabanci-banka-yasagi-ve-ekonomi-yonetiminin-buyuk-acmazi,26692\">Kapitalrestriktionen</a> f\u00fcr ausl\u00e4ndische Banken und Restriktionen von <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/05/albayrak-reassures-investors-turkish-lira-falls.html\">TL-Swaps</a> zu einer TL-Krise von Anlegern und daran anschlie\u00dfend zu einem Panikverkauf von TL-dotierten Aktien und Wertpapieren zwecks Beschaffung von Liquidit\u00e4t in TL f\u00fchrte \u2013 fiel der Wert der Lira ins Bodenlose: Seit Anfang des Jahres bis zum 17. September verlor die Lira fast 27 Prozent gegen den <a href=\"https://www.dunya.com/finans/doviz/SUSD/abd-dolari\">US-Dollar</a> und 32 Prozent gegen\u00fcber dem <a href=\"https://www.dunya.com/finans/doviz/SEUR/euro\">Euro</a>, den zwei f\u00fcr die t\u00fcrkische Wirtschaft wichtigsten Auslandsw\u00e4hrungen. Relativ schnell gingen die <a href=\"https://www.ft.com/content/cb70275f-8b7d-453c-9184-6d65815a8b10\">Nettoreserven</a> der TCMB \u2013 ausschlie\u00dflich Swaps \u2013 ins Negative und die TCMB musste <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/07/turkey-central-bank-peg-legged-foreign-currency-reserves.html\">Swapdeals</a> mit Qatar, China und den Privatbanken der T\u00fcrkei abschlie\u00dfen, um die Lage zu retten \u2013 was nicht viel brachte, da nun die negativen Nettoreserven exklusive Swaps der TCMB die Situation versch\u00e4rften. Weil Erdo\u011fan seit Jahren gegen die Erh\u00f6hung des Leitzinses ist \u2013 und zwar nicht, weil er ein Idiot ist oder an eine \u00bbheterodoxe Wirtschaftstheorie\u00ab glaubt, sondern weil er zurecht die Vernichtung der kleinen und mittleren Unternehmen, eines wichtigen Elements seiner popularen Basis durch h\u00f6here Zinsraten bef\u00fcrchtet \u2013, blieb der TCMB nichts anderes \u00fcbrig als im Prinzip eine <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-turkish-lira-usd-policy-reversal-pose-erdogan-risks.html\">180\u00b0-Wendung</a> in der Krisenbek\u00e4mpfung hinzulegen: Der massiven Kreditexpansion folgte eine ebenso massive <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-economy-external-debt-crunch-family-silver-will-next.html\">Kreditkontraktion</a> und die TCMB fing an durch die <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-17/pressure-mounts-on-central-bank-as-lira-declines-inside-turkey\">Hintert\u00fcr</a> die Zinsraten zu erh\u00f6hen, obzwar der Leitzins unver\u00e4ndert blieb.</p><p>Vergeblich die Tausend Bem\u00fchungen der Sterblichen: Die Lira st\u00fcrzt weiter und Expert*innen gehen davon aus, dass der TCMB <a href=\"https://www.bloomberght.com/yurt-disi-ve-yurt-icinden-ekonomistler-tcmb-faiz-kararini-degerlendirdi-2262661\">so langsam</a> die Alternativen zur Erh\u00f6hung des Leitzines ausgehen, <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-central-bank-keeps-interest-rates.html\">da</a> die negativen Realzinsen Investitionen behindern und Druck auf Bankeinlagen erzeugen, weil Konsument*innen wegen Furcht vor Kaufkraftverlust ihr Geld abziehen und in sicherere Anlagen wie Immobilien oder Wertmetalle deponieren. <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/09/turkey-drastic-tax-hike-on-car-imports-to-suppress-demand.html\">Goldimporte</a> belegen mittlerweile mit einem Anstieg von 119 Prozent in den ersten acht Monaten des Jahres gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum Platz eins im Leistungsbilanzdefizit der T\u00fcrkei und die Regierung zerbricht sich den Kopf dar\u00fcber, wie sie all die Sch\u00e4tze, die <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-09-11/turkey-has-new-plan-to-crack-open-under-the-mattress-gold-hoard\">unter den Matratzen</a> versteckt werden und fast halb so viel wert sind wie das Bruttoinlandsprodukt der T\u00fcrkei, in das Finanzsystem \u00fcberf\u00fchren kann. Gleichzeitig <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-09-17/turkish-bank-stocks-dumped-by-foreigners-sink-to-record-discount\">fallen</a> die Aktienpreise t\u00fcrkischer Banken stark wegen sinkender Profitaussichten (da realer Negativzins) und private Haushalte investieren immer mehr nicht mehr nur in ausl\u00e4ndische W\u00e4hrungen, die <a href=\"https://www.tcmb.gov.tr/wps/wcm/connect/122c325c-6afd-4718-8573-49f75964ff34/Money_Bank.pdf?MOD=AJPERES&amp;CACHEID=ROOTWORKSPACE-122c325c-6afd-4718-8573-49f75964ff34-nirR1xf\">mittlerweile</a> \u00fcber 50 Prozent aller Bankeinlagen ausmachen, sondern in <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-09-15/turks-are-yield-hunting-as-lira-s-woes-deepen-love-for-dollars\">Eurobonds</a> (Wertpapiere in ausl\u00e4ndischer W\u00e4hrung), weil diese h\u00f6here Profite versprechen als W\u00e4hrungseinlagen. Ob die von der TCMB am 24. September vorgenommene <a href=\"https://www.tcmb.gov.tr/wps/wcm/connect/en/tcmb+en/main+menu/announcements/press+releases/2020/ano2020-58\">Erh\u00f6hung des Leitzinses</a> um 200 Basispunkte von 8,25 Prozent auf 10,25 Prozent einen wirklichen Trendwechsel im Krisenmanagement markiert, wird sich noch zeigen, <a href=\"https://www.bloomberght.com/uzmanlar-merkez-in-surpriz-faiz-artirimini-degerlendirdi-2265168\">vor allem</a> da der de facto Zins wegen den Hintert\u00fcr-Ma\u00dfnahmen schon h\u00f6her liegt und 10,25 Prozent immer noch einen realen Negativzins darstellen. Berat Albayrak hingegen ist weiterhin erpicht darauf, seine k\u00fcnstlerische Dauerperformance mit dem Titel \u00bbFinanzminister der T\u00fcrkei\u00ab weiter aufzuf\u00fchren: <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-09-09/q-a-turkey-s-finance-minister-comments-on-economy-lira-energy\">Seiner Ansicht nach</a> werde \u00bbdynamisch\u00ab mit der Situation umgegangen und gewinne die T\u00fcrkei wegen einer \u00bbkompetetiven W\u00e4hrung\u00ab, was zu einem H\u00f6henflug f\u00fchren werde.</p><p>Fast alle diese Ma\u00dfnahmen der Regierung <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/06/12/buyurun-yatirima/\">widersprechen</a> strengen Dogmen des Neoliberalismus. Es scheint aber zu fr\u00fch, um deshalb schon von einem <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/05/13/turkiyede-rejim-sorunu-ile-ilgili-bir-tartisma/\">Post-Neoliberalismus</a> in der T\u00fcrkei als eines eigenen Akkumulationsregimes zu sprechen, wie es der marxistische Wirtschaftswissenschaftler \u00dcmit Ak\u00e7ay zu tun scheint. Ebenso verkehrt ist es, von einem <a href=\"https://www.zedbooks.net/shop/book/turkeys-new-state-in-the-making/\">neuen Neoliberalismus</a> in der T\u00fcrkei zu sprechen, wie es die Marxistin P\u0131nar Bedirhano\u011flu schon seit l\u00e4ngerem tut. Neoliberalismus l\u00e4sst sich nicht allein verstehen mittels eines Blicks auf das Verh\u00e4ltnis von Kapital und Arbeit; es muss auch noch das Verh\u00e4ltnis von Staat und Kapital und letztlich die Gesellschaftsformation als Ganze in Betracht gezogen werden. Die <a href=\"https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Studien/Studien_6-19_Globalisierung.pdf\">schwierige</a>, teils <a href=\"https://emedien.arbeiterkammer.at/viewer/image/AC15181468/1/LOG_0003/\">widerspr\u00fcchliche</a> Beziehung zwischen autorit\u00e4ren Populisten an der Macht, dem Neoliberalismus und den f\u00fchrenden Fraktionen des Gro\u00dfkapitals wurde von kritischen Forscher*innen global vergleichend herausgearbeitet. Ob es sich in der T\u00fcrkei bez\u00fcglich der politischen \u00d6konomie derzeit um einen \u00dcbergang zu einer anderen Akkumulationsweise oder gar zu einem neuen Neoliberalismus handelt, l\u00e4sst sich gar nicht so genau angeben, da sich die T\u00fcrkei in dieser Hinsicht derzeit eher in einem instabilen Krisenregime befindet, um dessen Stabilisierung unterschiedliche Akteure auf Grundlage unterschiedlicher Interessen und strategischen Vorstellungen miteinander fechten. Re-Politisierung des Wirtschaftsmanagements, eine viel zu starke und unkontrollierte Autonomie der Exekutive, Isolation in der Au\u00dfenpolitik und gesellschaftliche Polarisierung beschr\u00e4nken und behindern auch in der T\u00fcrkei die Mobilit\u00e4t, Stabilit\u00e4tsinteressen und Kontrolle der f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals, weswegen sich der gr\u00f6\u00dfte Interessenverband des Gro\u00dfkapitals, T\u00dcSIAD, seit 2013 durchgehend diesbez\u00fcglich beschwert.</p><p>Auch w\u00e4hrend der Corona-Pandemie betonte der T\u00dcSIAD, dass <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/05/turkey-reopens-coronavirus-curfew.html\">zu fr\u00fche Lockerungen</a> gef\u00e4hrlich sind, eine <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/05/27/tusiad-ve-musiad-firsati-nasil-goruyor/\">Importsubstitution</a> gro\u00dfe Sch\u00e4den verursacht, dass Frauenrechte <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tusiad-istanbul-sozlesmesi-yasatir,891479\">zu achten</a> sind und <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/tusiad-baskani-kaslowski-algi-yonetimi-yetmez-piyasayla-barisilmali-haberi-480401\">letztlich</a> dass ein politisiertes und Kredit-basiertes Wirtschaftsmanagement nicht funktioniert und stattdessen ein produktives Update des t\u00fcrkischen Kapitalismus vonn\u00f6ten ist. Selbstverst\u00e4ndlich sind es aber zugleich die f\u00fchrenden Fraktionen des Gro\u00dfkapitals in der T\u00fcrkei, die am meisten von der Wirtschaftspolitik der Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) profitierten \u2013 sei es durch Privatisierungen, Flexibilisierung der Arbeitsverh\u00e4ltnisse oder dem Zufluss von ausl\u00e4ndischem Kapital. Daher sehen sie die derzeitige Krise auch als <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/05/27/tusiad-ve-musiad-firsati-nasil-goruyor/\">gro\u00dfe Chance</a>: Die Interessenverb\u00e4nde des Gro\u00dfkapitals, ob nun eher islamisch-konservativ (M\u00dcSIAD) oder westlich-laizistisch (T\u00dcSIAD) orientiert, reden davon, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen sei, China in der globalen Wertsch\u00f6pfungskette zu ersetzen. Die vorgeschlagenen Mittel sind dystopisch: Die Rede ist von riesigen, abgeschotteten Industrie-St\u00e4dten mit rechtlosen Arbeitskr\u00e4ften und einem elektronischen \u00dcberwachungspanopticon unter dem Deckmantel der Pandemiebek\u00e4mpfung. Gleichzeitig arbeitet die Regierung auf Anweisung von Erdo\u011fan an Gesetzen, um das Abfindungsrecht massiv einzuschr\u00e4nken und Teilzeitarbeit zu normalisieren. Der linke Gewerkschafter Aziz \u00c7elik warnt, auf dem Hintergrund der oben erw\u00e4hnten Erfahrung mit dem \u00bbgeschlossenen Arbeitssystem\u00ab bei Vestel, zu Recht vor \u00bb<a href=\"https://www.birgun.net/haber/covid-19-covid-1984-olmasin-salgin-ve-calismanin-gelecegi-301297\">Covid-1984</a>\u00ab.</p><p>F\u00fcr die Armen und Mittellosen hat der Staat jedenfalls so gut wie nichts \u00fcbrig. Das Kurzarbeitergeld f\u00fcr formell Besch\u00e4ftigte beschr\u00e4nkt sich auf etwas weniger als f\u00fcnf Euro pro Tag. <a href=\"https://www.birgun.net/haber/salgin-doneminde-yoksula-ve-isciye-verilen-destek-yeterli-mi-sosyal-koruma-kalkani-gercekleri-310519\">Davon</a> und von \u00e4hnlichen Zuwendungen profitierten zwar grob sechs Millionen Arbeiter*innen bis Anfang August. Aber allein die Unterst\u00fctzungszahlungen des staatlichen Arbeitslosenfonds <a href=\"https://www.birgun.net/haber/salgin-doneminde-yoksula-ve-isciye-verilen-destek-yeterli-mi-sosyal-koruma-kalkani-gercekleri-310519\">an Unternehmen</a> (!) seit 2019 bis heute sind h\u00f6her als die Gesamtsumme an Kurzarbeitergeldern, die der Fonds im Zuge der Corona-Pandemie an Werkt\u00e4tige und Arbeitslose auszahlte. Auch die <a href=\"https://bizbizeyeteriz.gov.tr/\">offiziellen Zahlen</a> des Pr\u00e4sidialamtes zeigen auf, dass alle Unterst\u00fctzungszahlungen f\u00fcr Werkt\u00e4tige bis Anfang September grob ein Drittel so gro\u00df waren wie das unternehmensfreundliche Hilfspaket vom M\u00e4rz. Also appellierte der Staat an die Bev\u00f6lkerung das zu tun, was eigentlich Aufgabe des Staates ist, n\u00e4mlich sich um Menschen in Notlagen zu k\u00fcmmern: Fast zeitgleich riefen Erdo\u011fan wie die von der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP) gef\u00fchrten Stadtregierungen separat zu Spendenkampagnen f\u00fcr Bed\u00fcrftige auf. Die offizielle Kampagne von Erdo\u011fan konnte nach eigenen Angaben bis zum 30. Juni etwas weniger als 280 Millionen Euro zusammentragen. Die ganze Misere macht sich allerdings erst auf lokaler Ebene fest: Zur bisherigen Hochzeit der Pandemie im Mai beantragten <a href=\"https://t24.com.tr/haber/istanbul-da-her-7-haneden-biri-belediyeden-yardim-istedi-en-fazla-destek-alan-ilceler-esenyurt-bagcilar-sultangazi,877743\">ein Siebtel</a> aller Istanbuler Haushalte, mehrheitlich aus den \u00e4rmsten Vierteln, individuelle Hilfsleistungen bei der Stadtregierung; in Ankara wurden bis Ende Mai G\u00fcter im Wert von \u00fcber 30 Millionen TL (grob 3,4 Millionen Euro) durch die Vermittlung der Stadtregierung an Bed\u00fcrftige gespendet. Laut eigenen Angaben <a href=\"https://www.birgun.net/haber/chp-li-torun-uyardi-belediyelerimiz-kapisina-kilit-vurmak-zorunda-kalabilir-300761\">versorgten</a> CHP-gef\u00fchrte Kommunen bis Ende Mai insgesamt mehr als vier Millionen Familien mit Hilfen. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-baskani-istanbul-vakfi-na-yapilan-bagislar-hedefinin-ustune-cikti-130-bin-ihtiyac-sahibi-ailemizin-evine-kurban-eti-ulasacak,894341\">Diese</a> und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-in-afiyet-ver-kampanyasina-24-saatte-1-milyon-650-bini-askin-lira-destek,893007\">\u00e4hnliche</a> Kampagnen gingen weiter bis zum Opferfest (<i>kurban bayram\u0131</i>). Das war dem Regime ein Dorn im Auge.</p><h2><b>Versuche autorit\u00e4rer Konsolidierung</b></h2><p>Die Corona-Pandemie und ihre Bek\u00e4mpfung leiteten Akt Zwei im Kampf um die Gro\u00dfst\u00e4dte ein. Nachdem das Regime bei den <a href=\"https://revoltmag.org/articles/politisches-erdbeben-istanbul/\">Kommunalwahlen letzten Jahres</a> fast alle wichtigen Gro\u00dfst\u00e4dte inklusive Istanbul und Ankara verlor, wurde es seine Leitlinie, die oppositionellen CHP-B\u00fcrgermeister finanziell lahmzulegen und ihren Handlungsspielraum \u00fcber die noch von den Regime-Parteien dominierten Stadtparlamente zu <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-akp-grabs-authority-of-mayors-with-chp-istanbul-chora.html\">blockieren</a>. So sollte verhindert werden, dass die Opposition \u00fcber erfolgreiche Lokalpolitik an Fahrt aufnimmt. Als nun die CHP-B\u00fcrgermeister ihre eigenen lokalen Spendenkampagnen ins Leben riefen, <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-52127212\">intervenierte</a> das Innenministerium sofort und verbot die Annahme von monet\u00e4ren Spenden seitens der Stadtregierungen. Erdo\u011fan sprach vom Versuch, einen <a href=\"https://www.dw.com/tr/erdo%C4%9Fan-devlet-i%C3%A7inde-devlet-olman%C4%B1n-bir-anlam%C4%B1-yoktur/a-52982162\">Parallelstaat</a> aufzubauen, und verglich das Vorgehen der B\u00fcrgermeister mit <a href=\"https://medyascope.tv/2020/04/20/cumhurbaskani-erdogandan-chpli-belediyelere-bu-tur-tesebbusler-gecmiste-feto-ve-pkk-gibi-orgutler-tarafindan-da-denenmisti/\">Terrorismus</a>.</p><p>Daraufhin wichen die Stadtregierungen auf Naturalhilfen und die Vermittlungst\u00e4tigkeit von Spenden aus. Die Rechnung der Regierung ging somit nicht auf: Die <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/avrasya-arastirma-dan-anket-secimler-yenilense-mevcut-buyuksehir-belediye-baskanina-oy-verir-misiniz,9966\">Zustimmungswerte</a> f\u00fcr die oppositionellen B\u00fcrgermeister*innen und ihre Parteien steigen kontinuierlich; Opposition und AKP beziehungsweise Erdo\u011fan nehmen sich in Umfragen nicht mehr viel. Gleichzeitig brechen aber die Einnahmen der St\u00e4dte ein, und die Regimeparteien reduzieren oder blockieren Finanzmittel und Kreditaufnahme. Schon jetzt k\u00fcndigt der Istanbuler B\u00fcrgermeister Imamo\u011flu (CHP) ein <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/ibbden-ek-tasarruf-hamlesi-tum-birimlere-yazi-gitti-1745673\">K\u00fcrzungsprogramm</a> von 35 Prozent in allen Ressorts an. Wie lange die Ressourcen der oppositionellen B\u00fcrgermeister reichen, ist ungewiss.</p><p>Um die schwindende Legitimation auszugleichen, griff das Regime auf seine altbekannten Taktiken autorit\u00e4rer Konsolidierung zur\u00fcck. Zum einen ging die Repression, insbesondere gegen die linke, pro-kurdische Demokratische Partei der V\u00f6lker (HDP), nahtlos weiter: <a href=\"https://pomed.org/snapshot-democracy-denied-unfair-elections-and-overturned-results-for-turkeys-kurds/\">Mittlerweile</a> sind fast alle HDP-B\u00fcrgermeister*innen wegen \u00bbTerrorverdachtes\u00ab abgesetzt, drei <a href=\"https://yetkinreport.com/2020/06/05/uc-vekil-daha-hapiste-meclis-vesayet-altinda/\">Parlamentarier*innen</a> (zwei von der HDP, einer von der CHP) wurden teils zeitweise inhaftiert, missliebige Richter*innen wie die Vorsitzende der Richter*innengewerkschaft Ay\u015fe Sar\u0131su Pehlivan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/izmir-hakimi-orhan-gazi-ertekin-e-grup-yorum-paylasimi-sorusturmasi,878748\">strafversetzt</a> oder vom Dienst <a href=\"http://www.cumhuriyet.com.tr/haber/hakim-ayse-sarisu-pehlivan-gorevden-uzaklastirildi-1738967\">suspendiert</a>. Erst <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/09/25/kars-belediyesi-es-baskani-sevin-alaca-ayhan-bilgenin-evi-araniyor/\">heute</a> wurde wieder zu einem gro\u00dfen Schlag gegen HDP und andere Linke in mehrere St\u00e4dten ausgeholt: 82 Personen, darunter ehemalige Parlamentarier*innen wie S\u0131rr\u0131 S\u00fcrreyya \u00d6nder oder Altan Tan, wurden festgenommen unter den abstrusesten Terrorvorw\u00fcrfen.</p><p>Aber Repression und Autoritarismus sind auch ein mobilisierendes Mittel der Herrschaftssicherung, sofern sie in der Lage sind, eine autorit\u00e4re Basis aufzubauen, die den autorit\u00e4ren Staat st\u00fctzt und selbst wiederum von ihm gest\u00fctzt und aufgewertet wird. Das funktioniert partiell. <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkey-minorities-threats-attacks.html\">Drei armenische Kirchen</a> wurden innerhalb eines Monats angegriffen, die Hrant-Dink-Stiftung hat Todesdrohungen bekommen, die <a href=\"https://sendika63.org/2020/05/beldeki-silah-kanun-olunca-polis-siddeti-dur-durak-bilmedi-darp-tehdit-kufur-ve-ters-kelepce-588411/\">allt\u00e4gliche Polizeigewalt</a> hat zugenommen, ebenso anti-kurdische \u00dcbergriffe. Eine AKP-Anh\u00e4ngerin konnte live im Fernsehen dar\u00fcber <a href=\"https://t24.com.tr/haber/15-temmuz-boslugumuza-geldi-istediklerimizi-yapamadik-diyen-sevda-noyan-ifadesinde-geri-adim-atti-bos-bulunarak-soyledim-ozur-dilerim,881744\">fantasieren</a>, dass ihre Familie mindestens ein paar Dutzend Oppositionelle umbringen kann. Kein Wunder, dass unz\u00e4hlige kleine Despot*innen wie Pilze aus dem Boden schie\u00dfen, wenn der Staatspr\u00e4sident gegen die \u00bbarmenische und griechische Lobby\u00ab wettert, das Innenministerium Folter durch die Polizei verteidigt und generell von den h\u00f6chsten Staatsspitzen aus eine extrem polarisierende und chauvinistische Rhetorik gegen Oppositionelle und Minderheiten gefahren wird. Die R\u00fcckwandlung der <a href=\"https://www.jadaliyya.com/Details/41518/What-Is-in-a-Place-Hagia-Sophia-in-the-Affective-Topography-of-Populism-in-Turkey-41518\">Hagia Sophia</a> in eine Moschee mit bis zu 300.000 Beteiligten beim ersten Freitagsgebet vom 24. Juli diente demselben Ziel der Konsolidierung der Regimebasis durch einen rasenden nationalistisch-islamistischen Chauvinismus.</p><p>Gleichzeitig wurde ein <a href=\"https://t24.com.tr/haber/infaz-sureleri-yariya-iniyor-cinsel-dokunulmazliga-karsi-suclarda-indirim-yok,869946\">Gesetz</a> verabschiedet, das die Entlassung von bis zu 90.000 Straft\u00e4tern aus den Gef\u00e4ngnissen erm\u00f6glichte \u2013 politische Gefangene ausgenommen. Frauenorganisationen f\u00fchren unter anderem darauf den <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/04/turkey-domestic-violence-rises-coronavirus.html\">Anstieg von Gewalt an Frauen</a> zur\u00fcck. Mittlerweile wird offen \u00fcber einen Austritt aus der Istanbul-Konvention debattiert, die der Pr\u00e4vention von h\u00e4uslicher Gewalt und Gewalt gegen Frauen dient. Als der oberste Religionsgelehrte des Landes seitens der Anwaltskammer von Ankara stark kritisiert wurde, weil er \u00f6ffentlich \u00e4u\u00dferte Homosexuelle w\u00fcrden Krankheiten verbreiten und zur Degeneration beitragen, stellte sich Erdo\u011fan hinter den Religionsgelehrten und sah die \u00bb<a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-ankara-barosu-na-diyanet-isleri-baskani-miza-kullanilan-uslup-devletimize-yapilan-bir-saldiridir,875302\">nationalen Werte</a>\u00ab in Gefahr. \u00c4hnlich <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkey-lgbt-propaganda-red-crescent.html\">ausfallend</a> \u00fcber LGBTI+ \u00e4u\u00dferten sich der Vorsitzende des Roten Halbmondes in der T\u00fcrkei und der Pr\u00e4sidentensprecher, w\u00e4hrend seitens der AKP als eines der <a href=\"https://www.turkiyegazetesi.com.tr/gundem/726030.aspx\">Hauptargumente</a><i> gegen</i> (!) die Istanbul-Konvention die angebliche F\u00f6rderung von LGBT-Identit\u00e4ten durch dieselbe angef\u00fchrt wird. War die Anrufung einer autorit\u00e4ren, patriarchalen Heteronormativit\u00e4t <a href=\"https://www.advocate.com/commentary/2020/9/01/turkeys-government-using-antigay-hate-retain-power\">stets ein beliebtes Mittel</a> der AKP, so <a href=\"https://www.theguardian.com/world/2020/aug/29/grumpy-virgin-bows-out-drag-becomes-political-act-turkey\">radikalisiert</a> sich diese angesichts von Corona und gender-basierter<i> hate speech</i> von oben f\u00fchrt zu gender-basierter Gewalt von unten: Die LGBTI+-Organisation SPoD berichtet von einer Verdopplung von <a href=\"http://spod.org.tr/SourceFiles/pdf-2020623151720.pdf\">Hilfegesuchen</a> wegen gender-basierter Diskriminierung und Gewalt in den 45 Tagen seit jenen \u00c4u\u00dferungen des obersten Religionsgelehrten.</p><p>Auch institutionell wurden Schritte zur autorit\u00e4ren Verankerung unternommen: Ein Gesetzespaket gab der zus\u00e4tzlich zur Polizei neu gegr\u00fcndeten und \u00fcber 20.000 Mann starken Sicherheitsstruktur der Nachtw\u00e4chter (<i>bek\u00e7i</i>) das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tbmm-de-kabul-edildi-bekciler-zor-ve-silah-kullanma-yetkisine-sahip-olacak,883391\">Recht zur Waffennutzung</a>. Diese steht mutma\u00dflich der Regierung nahe und f\u00e4llt durch <a href=\"https://newhumanist.org.uk/articles/5678/watching-the-watchmen\">brutale \u00dcbergriffe</a> auf. Eine andere relativ autonome und haupts\u00e4chlich dem hohen Staatspersonal zugeordnete Sicherheitsstruktur innerhalb der bestehenden Polizei, die Hilfseinsatzkr\u00e4fte der Polizei (<i>Takviye Haz\u0131r Kuvvet Polis Birimi</i>), wurde <a href=\"https://t24.com.tr/haber/emniyet-istanbul-a-takviye-birlik-kuruyor,898229\">verst\u00e4rkt</a>. Zudem <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/akp-chp-ve-iyi-parti-gruplarini-ziyaret-ederek-uzlasi-aradi-1747282\">verabschiedeten</a> die Regimeparteien ein Gesetz, das die Macht der oppositionellen und mitgliedsst\u00e4rksten Anwaltskammern (Istanbul, Izmir und Ankara) <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/07/turkey-lawyers-bar-association-bill-parliament.html\">bricht</a> und die regimetreuen und mitgliedsschwachen anatolischen Anwaltskammern st\u00e4rkt. Angek\u00fcndigt ist ein \u00e4hnliches Vorgehen gegen fast alle restlichen relativ autonomen und regimekritischen Kammern (\u00c4rztekammer, Ingenieurskammer), w\u00e4hrend Erdo\u011fans Hauptb\u00fcndnispartner, der Chef der faschistischen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) Devlet Bah\u00e7eli gar gleich ganz die <a href=\"https://www.dw.com/tr/bah%C3%A7eli-ttbyi-incelemek-i%C3%A7in-heyet-kurduk/a-54981255\">Schlie\u00dfung der \u00c4rztekammer</a> fordert. Aus der Perspektive legislativer Macht ist das Parlament de facto dysfunktional geworden, da Erdo\u011fan in den zwei Jahren seiner Pr\u00e4sidentschaft nach dem neuen Pr\u00e4sidentschaftssystem mehrere Dutzend <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/08/20/aymden-2-yil-denetimi-91-basvuru-11-karar-6-ret/\">Gesetze</a> und Tausende von <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkey-executive-presidency-proved-to-be-fail-in-two-years.html\">Gesetzes\u00e4nderungen</a> in Form von Pr\u00e4sidialdekreten ohne Beteiligung des Parlaments und noch nicht einmal seiner eigenen Partei erlassen hat.</p><p>Nicht zuletzt nimmt das milit\u00e4rische Engagement der T\u00fcrkei zu. Nach mehreren Invasionen in die mehrheitlich kurdisch kontrollierten Teile Nord- und Nordwestsyriens (auch Rojava genannt) in den letzten Jahren, legte sich die T\u00fcrkei kurz vor Ausbruch der Pandemie mit dem syrischen Regime im letzten gr\u00f6\u00dferen, mehrheitlich von Jihadisten kontrollierten Gebiet in Nordwestsyrien, Idlip, an. Noch mitten in der Pandemie intervenierte die T\u00fcrkei zus\u00e4tzlich in Libyen zugunsten der \u00dcbergangsregierung (GNA) von as-Sarraj und konnte nicht nur deren totale Niederlage gegen General Hafter abwenden, sondern ihr sogar zu einer <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/05/turkey-libya-fall-of-wattiya-plays-into-hands-of-erdogan.html\">Offensive</a> verhelfen. Parallel dazu begann die T\u00fcrkei im Juni wieder mit mehreren Milit\u00e4roperationen im Irak, um logistische Strukturen der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zu zerschlagen. Zielt der Libyeneinsatz auf eine Gro\u00dfraumkontrolle im <a href=\"https://foreignpolicy.com/2020/08/18/eastern-mediterranean-greece-turkey-warship-geopolitical-showdown/\">\u00f6stlichen Mittelmeer</a> zwecks Zugriff auf Energieressourcen, so geht es in Syrien und im Irak eher um die Hegemonie im Nachkriegssyrien und die Zerschlagung kurdischer Autonomie. Und nat\u00fcrlich dient der Militarismus auch der Aufrechterhaltung des autorit\u00e4ren Regimes im Inneren.</p><p>Das in der Geschichte der T\u00fcrkischen Republik bisher einmalig breit aufgef\u00e4cherte au\u00dfenpolitische und milit\u00e4rische Auftreten entspricht zwar dem Aktionspotenzial des t\u00fcrkischen Kapitalismus und ist nur auf dem geschichtlichen Hintergrund <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/06/15/mavi-vatan-ve-turkiyenin-yeni-guvenlik-doktrini/\">neuer</a> <a href=\"https://www.iai.it/sites/default/files/iaip2017.pdf\">strategischer Perspektiven</a> und <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-africa-opening-fuels-cloud-wars-libya-somalia-niger.html\">Praktiken</a> zu verstehen, die unterschiedliche politische Eliten der T\u00fcrkei seit Ende der Sowjetunion <a href=\"https://warontherocks.com/2020/06/blue-homeland-the-heated-politics-behind-turkeys-new-maritime-strategy/\">entwickelten</a> und die wiederum einem <a href=\"https://www.washingtonpost.com/world/2020/08/10/treaty-sevres-erdogan-turkey/\">globalen Trend</a> zur Multipolarisierung entsprechen. Aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Schwerpunkten formuliert besteht der gemeinschaftliche Kern jener neuen strategischen Perspektiven darin, der T\u00fcrkei mehr Autonomie und Weltgeltung zu verschaffen mit dem Fokus auf die unmittelbare geographisch-kulturelle Umgebung der T\u00fcrkei beziehungsweise auf die sunnitisch-islamische Welt im Allgemeinen. Aber das derzeitige aggressive Vorgehen der Regierung bei der Umsetzung dieser Strategie erh\u00f6ht gleichzeitig die au\u00dfen- und innenpolitischen Risiken des Regimes. Nicht nur nimmt der Ertrag von \u00bb<a href=\"https://www.gmfus.org/publications/understanding-turkeys-coercive-diplomacy\">coercive diplomacy</a>\u00ab rapide ab, da ein einseitiger Fokus auf diese Taktik es der T\u00fcrkei verunm\u00f6glicht Demonstration milit\u00e4rischer St\u00e4rke in diplomatische Siege <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkey-libya-egypt-sirte-military-challenge-awaits-ankara.html\">umzuwandeln</a>. Zugleich muss die T\u00fcrkei nun aktiv gegen andere <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/09/14/dogu-akdenizde-u-donusu-mu/\">etablierte Interessen</a> wie die Russlands, \u00c4gyptens oder der Vereinigten Arabischen Emirate Politik machen. Die derzeitige exzessive Militarismus der T\u00fcrkei hat zu einer beispiellosen Isolation der T\u00fcrkei insbesondere in der arabischen Welt gef\u00fchrt: L\u00e4nder wie Bahrein, die Vereinigten Arabischen Emirate, \u00c4gypten und Israel, die bisher aus historischen Gr\u00fcnden nicht die besten Beziehungen miteinander unterhielten, haben sich <a href=\"https://www.middleeasteye.net/opinion/new-message-resounds-arab-world-get-ankara\">de facto</a> zu einem <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/09/turkey-israel-uae-deal-ankara-became-bane-of-arab-regimes.html\">Block gegen</a> die t\u00fcrkisch-imperialistischen Ambitionen zusammengeschlossen. Gleichzeitig bringt sich das Regime wegen der militarisierten Politik immer mehr um eine integrative L\u00f6sung der sogenannten \u00bbKurdischen Frage\u00ab nicht nur im Inneren der T\u00fcrkei.</p><h2><b>W\u00f6lfe unter sich</b></h2><p>Erdo\u011fan ist zwar als Staatspr\u00e4sident de jure die h\u00f6chste Macht im Staate, aber wie in allen autorit\u00e4ren Staaten regiert auch in der T\u00fcrkei kein Mann allein, sondern die W\u00f6lfe sind unter sich. Umso mehr Dezisionismus Konstitutionalismus ersetzt, umso mehr kristallisiert sich ein <a href=\"https://www.jstor.org/stable/pdf/40185021.pdf\">polykratischer F\u00fchrerstaat</a> heraus, in dem Machtgruppen miteinander ebenfalls dezisionistisch und unter Anrufung Erdo\u011fans als letzten Richter und gro\u00dfen Vermittler um Einfluss und Status konkurrieren. W\u00e4hrend sich die nationalistischen Fraktionen im Machtblock zunehmend durchsetzen, tun sich unterhalb Erdo\u011fans eine Reihe starker M\u00e4nner hervor, die nicht aus der Tradition des politischen Islams stammen. So der Innenminister Soylu, dessen von Erdo\u011fan abgelehnter R\u00fccktritt wegen des desastr\u00f6sen Vorgehens bei der ersten Ausgangssperre im Land \u2013 sie wurde vom Innenministerium zwei Stunden vor Inkrafttreten verk\u00fcndet, was zu einer <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sokaga-cikma-yasagi-aciklandiginda-panikle-disari-cikanlar-ne-aldi,873310%20\">Massenpanik</a> f\u00fchrte und Millionen auf die Stra\u00dfe zwecks Panikk\u00e4ufen trieb \u2013 weitestgehend als <a href=\"https://www.birartibir.org/siyaset/673-al-takke-yok-kulah\">erfolgreiches Machtman\u00f6ver</a> der nationalistischen Fraktion um Soylu gegen AKP-interne Kontrahent*innen gedeutet wird. Soylu ist mittlerweile einer der <a href=\"https://yetkinreport.com/2020/08/24/erdogana-halef-kim-albayrak-mi-soylu-mu-baskasi-mi/\">beliebtesten Politiker</a> im Land, insbesondere bei der Basis des Regimes, und wird als derjenige angesehen, der am besten dazu geeignet ist Erdo\u011fan zu ersetzen, sollte dieser den Vorsitz der AKP abgeben. Der Dezisionismus der unteren Ebenen kann dabei jederzeit vom Dezisionismus Erdo\u011fans gebrochen werden: Obwohl Innenministerium und Gesundheitsministerium \u2013 die beiden f\u00fcr die Pandemiebek\u00e4mpfung zentralen Ministerien \u2013 mit Zustimmung Erdo\u011fans am ersten Juniwochenende, als die \u00bbNormalisierung\u00ab eigentlich schon angefangen hatte, erneut eine Ausgangssperre f\u00fcr 15 St\u00e4dte beschlossen, <a href=\"https://odatv4.com/ikinci-soylu--koca-krizi-mi-05062043.html\">hob</a> Erdo\u011fan diesen Beschluss <a href=\"https://www.dw.com/tr/erdo%C4%9Fan-soka%C4%9Fa-%C3%A7%C4%B1kma-yasa%C4%9F%C4%B1n%C4%B1-iptal-etti/a-53694617\">nachtr\u00e4glich</a> auf, da er so etwas mit seinem \u00bbGewissen nicht vereinbaren\u00ab konnte. Als der Finanzminister Berat Albayrak 2018 im Zuge einer Offensive zur Rehabilitierung des Ansehens der t\u00fcrkischen Wirtschaftspolitik im Ausland ein B\u00fcro erschuf, das unter wesentlicher Beteiligung des internationalen Beratungsunternehmens McKinsey &amp; Company die Wirtschaftspolitik der t\u00fcrkischen Regierung \u00fcberpr\u00fcfen und bewerten sollte, <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2018/10/turkey-pins-hope-on-time-buying-measures-for-economy.html\">intervenierte</a> Erdo\u011fan innerhalb einer Woche und l\u00f6ste die Vereinbarung auf.</p><p>Auch das institutionelle Geflecht der Staatsapparate franst aus: Die Aufgabenteilung innerhalb der Exekutive ist mittlerweile unklar, da dem Pr\u00e4sidenten unterstehende Beratungsgremien und B\u00fcros <a href=\"https://www.academia.edu/38645550/Cumhurba%C5%9Fkanl%C4%B1%C4%9F%C4%B1_H%C3%BCk%C3%BCmet_Sistemi_ve_T%C3%BCrkiyede_Ekonomi_Y%C3%B6netiminin_D%C3%B6n%C3%BC%C5%9F%C3%BCm%C3%BC\">exekutive Arbeiten</a> wie die Planung des nationalen Wirtschaftsprogramms \u00fcbernehmen, die eigentlich jeweiligen Fachministerien wie dem Finanzministerium zugeordnet sein m\u00fcssten. Das f\u00fchrt zu einer <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/09/turkey-libya-syria-six-problems-aggressive-foreign-policy.html\">Erosion</a> des institutionellen Eigengewichts der jeweiligen Ministerien und ihrer relativ autonomen Traditionen und Operationsweisen wie beispielsweise des Au\u00dfenministeriums, das sich laut eines sich anonym \u00e4u\u00dfernden Diplomaten in einer \u00bb<a href=\"https://www.brookings.edu/wp-content/uploads/2019/01/20190111_turkey_presidential_system.pdf\">state of paralysis</a>\u00ab befindet. Politisierung und Klientelismus angef\u00fchrt durch den Pr\u00e4sidialapparat ersetzen so zunehmend auch die exekutive Arbeitsteilung in Ministerien, die selber immer mehr zu uneigenst\u00e4ndigen technokratischen Anh\u00e4ngseln des Pr\u00e4sidialapparats werden statt politische Entscheidungstr\u00e4ger zu sein. Wo Ministerien mal <a href=\"https://www.duvarenglish.com/columns/2020/09/16/two-names-to-watch-in-turkish-politics/\">initiativ hervorstechen</a> wie das Wirtschaftsministerium oder das Innenministerium, dann wegen ihrer jeweiligen Minister (Berat Albayrak beziehungsweise S\u00fcleyman Soylu), die im Kampf um Einfluss und Status Risikobereitschaft zeigen und eigenst\u00e4ndige Initiativen \u00fcbernehmen in der Hoffnung, dass Erdo\u011fan ihr Vorgehen absegnet.</p><p>Andererseits st\u00e4rkt der milit\u00e4rische Kurs den ehemaligen Generalstabschef und derzeitigen Verteidigungsminister Hulusi Akar, der zum wiederholten Male konkurrierende Gener\u00e4le strafversetzen lie\u00df oder zum <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/05/18/cihat-yayci-bahriyenin-onurunu-ezdirmek-istemedim/\">R\u00fccktritt</a> zwang. Nicht zuletzt gibt der Hauptb\u00fcndnispartner der AKP, die MHP, immer mehr den Ton in der Regierungspolitik an. Als ein gro\u00dfer Erfolg der MHP in Pandemiezeiten kann gewertet werden, dass der faschistische Auftragsm\u00f6rder Alaattin \u00c7ak\u0131c\u0131, ein gl\u00fchender MHP-Anh\u00e4nger, nach 16 Jahren Haft wegen Mordes <a href=\"https://t24.com.tr/haber/yeni-infaz-yasasi-yla-tahliye-edilen-organize-suc-orgutu-lideri-alaattin-cakici-dan-erdogan-ve-bahceli-ye-tesekkur-mektubu,873273\">fr\u00fchzeitig freigelassen</a> wurde. Erdo\u011fan sperrte sich bis zuletzt gegen eine Amnestie, mutma\u00dflich weil er eine zu starke MHP f\u00fcrchtete. Offensichtlich haben sich die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse innerhalb des Regimes verschoben. \u00c4hnlich der Fall des nationalistisch-islamistischen Intellektuellen <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/24/mumtazer-turkone-tahliye-edildi/\">M\u00fcmtaz\u2019er T\u00fcrk\u00f6ne</a>: Seit 2016 inhaftiert \u2013 absurderweise wegen G\u00fclen-N\u00e4he \u2013, verlangte Bah\u00e7eli im Fr\u00fchjahr 2020 dessen Freilassung, was gestern vom Kassationshof tats\u00e4chlich vollzogen wurde.</p><p>Was die hohe Justiz angeht, dringt genug durch, dass wir feststellen k\u00f6nnen, dass es einen <a href=\"http://www.diken.com.tr/post-cemaat-doneminde-yargida-savas-dost-ve-dusman-yeniden-belirlenirken/\">intensiven Machtkampf</a> gibt zwischen unterschiedlichen islamistischen Gruppierungen, die zusammen genommen Weg der Rechtschaffenheit (<i>Hakyol</i>) genannt werden und dem Justizminister Abd\u00fclhamit G\u00fcl nahestehen, der sogenannten <a href=\"https://tele1.com.tr/pelikanin-yeni-hedefi-hskdaki-istanbul-grubu-95071/\">Istanbuler Gruppe</a> mit N\u00e4he zu Albayrak und den \u00dcberresten einer nationalistisch-alevitisch-partiell linken Koalition, die sich organisiert in der Vereinigung f\u00fcr Einheit in der Judikative (<i>Yarg\u0131da Birlik Platformu</i>). W\u00e4hrend letztere <a href=\"https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/03932729.2015.1020651\">nach 2014</a> in die hohe Justiz aufgenommen wurden, um beim Kampf gegen den Einfluss der G\u00fclenisten zu helfen, werden sie jetzt sukzessive wieder aus den h\u00f6heren Posten verdr\u00e4ngt. Andererseits leistet die Istanbuler Gruppe Widerstand gegen Reformen des Justizministeriums, die eine oberfl\u00e4chliche Teilliberalisierung der politisierten Justiz beabsichtigen, weil diese au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t. Unter anderem daraus l\u00e4sst sich erkl\u00e4ren, warum einige Lokalgerichte weiterhin verbindliche Entscheidungen des Verfassungsgerichtes (AYM) <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tablo-anayasa-mahkemesi-baskani-nin-acikladigindan-da-vahim-ihlal-kararlari-da-ihlal-ediliyor,883719\">ignorieren</a> wie im Fall der Altan Br\u00fcder, und warum die Anzahl von Urteilen von unteren Gerichten, die das AYM wegen Verletzung des Rechts auf freies und faires Verfahren aufhob, <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/23/anayasa-mahkemesi-baskani-arslandan-soyluya-okumadan-anlamadan-elestirme/\">in die H\u00f6he</a> geschossen sind und mittlerweile \u00fcber 50 Prozent aller vom AYM revidierten Urteile ausmachen. <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/15/aym-uyesinden-soyluya-anayasali-yanit/\">Seit einigen Tagen</a> findet wieder ein haupts\u00e4chlich \u00fcber Medien ausgetragenes Wortgefecht zwischen Innenminister Soylu und dem Vorsitzendem des AYM, Z\u00fcht\u00fc Arslan statt, wobei <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/24/soylu-arslanin-aldiklarinin-yuzde-41ini-fetoden-ihrac-ettim/\">jener</a> das AYM daf\u00fcr kritisiert viel zu lax vorzugehen angesichts \u00bbterroristischer Gefahr\u00ab f\u00fcr die \u00bbnationale Sicherheit\u00ab, <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/23/anayasa-mahkemesi-baskani-arslandan-soyluya-okumadan-anlamadan-elestirme/\">w\u00e4hrend</a> sich das AYM gegen eine Einmischung in die Unabh\u00e4ngigkeit der Justiz wehrt.</p><p>Aber da der Dezisionismus auf allen Ebenen des Staates Konstitutionalismus ersetzt, ist auch das AYM durchpolitisiert: Nicht nur spaltet es sich regelm\u00e4\u00dfig in zwei etwa gleich starke Lager bei Entscheidungen, bei denen es um politisch sensible Inhalte geht, wobei dann die eine H\u00e4lfte die Grundreiheiten, die andere die nationale Sicherheit hochh\u00e4lt. W\u00e4hrend erstere letztes Jahr mit einer Stimmenmehrheit von nur einer Stimme die Akademiker*innen f\u00fcr Frieden von allen Vorw\u00fcrfen <a href=\"http://bianet.org/english/law/210934-constitutional-court-freedom-of-expression-of-academics-for-peace-violated\">freisprach</a> und daf\u00fcr vom anderen Lager gebrandmarkt wurde, konnte letztere ebenfalls mit nur einer Stimme Mehrheit <a href=\"https://www.haberturk.com/aym-baskani-zuhtu-arslan-dan-osman-kavala-aciklamasi-2499520\">durchsetzen</a>, dass der liberale M\u00e4zen Osman Kavala wegen Gef\u00e4hrdung der nationalen Sicherheit nicht freigesprochen wurde, wogegen wiederum der Vorsitzende des AYM heftig protestierte. Die k\u00fcrzlich erfolgte <a href=\"https://jurnaltr.com/salgin-boyunca-900-hekim-istifa-etti-30-bin-saglik-calisani-koronaviruse-yakalandi/\">Aufhebung</a> des vom Innenministerium erlassenen Gesetzes zum Verbot von Versammlungen auf Autobahnen \u2013 diese Entscheidung f\u00fchrte zum Zwist zwischen AYM und Soylu \u2013 wurde ebenfalls mit nur einer Stimme Mehrheit, und zwar mit der des Vorsitzenden Z\u00fcht\u00fc Arslan beschlossen. Zugleich reproduziert aber das AYM im Gro\u00dfen die anti-konstitutionalistische Herangehensweise, die Lokalgerichte gegen das AYM bezeugen, namentlich wenn es aktiv ablehnt, sich bindenden Entscheidungen des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs f\u00fcr Menschenrechte <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/riza-turmen/aym-aihm-e-karsi,27568\">zu beugen</a>.</p><p>Moderatere Stimmen wie die B\u00fcrgermeisterin von Gaziantep, Fatma \u015eahin (AKP), die die Bezeichnung der Opposition als Terroristen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/fatma-sahin-cumhurbaskanimizin-belirledigi-politikalara-aykiri-beyanda-bulunmamiz-soz-konusu-olamaz,875008\">ablehnte</a>, sind mittlerweile innerhalb des regierenden Parteienblocks eine Rarit\u00e4t geworden. Die meisten gem\u00e4\u00dfigten Politiker*innen haben mittlerweile bei zwei AKP-Abspaltungen Zuflucht gefunden, der Partei f\u00fcr Demokratie und Fortschritt (DEVA) des ehemaligen Finanzministers der AKP, Ali Babacan und bei der Zukunftspartei (GP) des ehemaligen Au\u00dfen- und Premierministers der AKP, Ahmet Davuto\u011flu. Vertritt Davuto\u011flu eher den islamisch-konservativen Fl\u00fcgel ehemaliger AKPler, so Babacan eher den liberal-konservativen Fl\u00fcgel. F\u00fcr beide ist allerdings klar, dass die Anfangsjahre der AKP bis 2013 eine Erfolgsstory waren, die zu wiederholen ist. Eine grundlegende Infragestellung des neoliberalen Akkumulationsregimes, das die AKP errichtete und das sich derzeit in einer tiefen Krise befindet, ist von diesen Parteien nicht zu erwarten. F\u00fcr die Regimeparteien ist die Formation dieser neuen Parteien aber trotzdem eine solche Gefahr, dass eine Zeit lang offen \u00fcber vorgezogene Neuwahlen diskutiert wurde um einem potenziellen Erstarken der neuen Parteien zuvorzukommen und <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/gundem/online-secim-gundemde-41611424\">derzeit</a> ein <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/08/27/mhpli-yildizdan-parti-kurmayi-zorlastiracak-teklif-hazirligi/\">Gesetzespaket</a> in Arbeit ist, das einerseits <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/mevcutta-5-ayri-yasaya-bagli-yapilan-secimlerle-ilgili-tek-yasa-cikarilmasi-gundemde-1741450\">gegen kleine Parteien</a> gerichtet ist und andererseits den Parteienwechsel von Parlamentarier*innen erschweren soll.</p><h2><b>Die andere T\u00fcrkei</b></h2><p>Es gibt aber auch eine andere T\u00fcrkei, die nicht so tickt wie das Wolfsrudel. Eine von der linken Konf\u00f6deration der Revolution\u00e4ren Arbeitergewerkschaften der T\u00fcrkei (DISK) <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-koronavirus-le-mucadelede-isciler-gozden-cikarildi,871051\">angek\u00fcndigte</a> organisierte Aus\u00fcbung des Rechts auf Arbeitsniederlegung wegen unmittelbar drohender Gefahr (Gesetz Nr. 6331 \u00fcber den Arbeitsschutz) durch Corona wurde zwar nie fl\u00e4chenweit umgesetzt; dennoch streikten Arbeiter*innen von sich aus beispielsweise in Dar\u0131ca/Kocaeli (Sarkuysan Elektronik Bak\u0131r), Diyarbak\u0131r (Diyarbak\u0131r Organize Sanayi B\u00f6lgesi), Istanbul (AKM Taksim) und Izmir (Akar Tekstil) wegen Infektionsf\u00e4llen und fehlendem Gesundheitsschutz. In Izmir demonstrierten Gesundheitsarbeiter*innen gegen Gehaltsk\u00fcrzungen und ausstehende Zusatzzahlungen, in Istanbul Bauarbeiter*innen bei Ofton Construction f\u00fcr die Auszahlung von zur\u00fcckgehaltenen L\u00f6hnen (mit Erfolg). In gr\u00f6\u00dferen Fabriken in Izmir und Istanbul wird neuerdings gegen ein geplantes Gesetz zur Zerschlagung des <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkish-unions-threaten-strike-severance-cuts.html\">Abfindungsrechts</a> protestiert, w\u00e4hrend K\u00e4mpfe gegen klassische<i> union busting</i>-Methoden wie die fristlose K\u00fcndigung von gewerkschaftlich organisierten Arbeiter*innen ebenfalls weiter gef\u00fchrt werden.<b> [6]</b></p><p>Auf der politischen Ebene stechen neben der erfolgreichen Anti-Korruptions- und Sozialpolitik der CHP-B\u00fcrgermeister die zwei gro\u00dfen Protestm\u00e4rsche der Anwaltskammern und der HDP im Juni sowie die Proteste von Fraueorganisationen gegen eine m\u00f6gliche Abschaffung der Istanbuler Konvention hervor. Die HDP hielt trotz aller Polizeirepression einen <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/hdp-turkey-democracy-rally-pressure-kurdish-parliament.html\">Demokratiemarsch</a> ab gegen die Absetzung ihrer B\u00fcrgermeister*innen und die Inhaftierung ihrer Parlamentarier*innen; die Anwaltskammern organisierten einen \u00bb<a href=\"https://t24.com.tr/haber/savunma-yuruyusu-ne-polis-engeli-ikinci-gunde-devam-ediyor-bilecik-barosu-baskanvekili-gozaltina-alindi,885999\">Verteidigungsmarsch</a>\u00ab gegen das Gesetzespaket zur Schw\u00e4chung der Anwaltskammern.</p><p>Ein Gro\u00dfteil des Dissens und des abweichenden Potenzials ist zwar nicht greifbar, offenbart sich aber in anonymisierten Umfragen. Deren Ergebnisse zeigen, dass <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/gundem/gezici-arastirma-merkezi-baskani-murat-gezici-sozcuye-acikladi-turkiyenin-kaderi-z-kusaginin-elinde-5867771/\">junge Menschen</a>, die 2018 zum ersten Mal w\u00e4hlen durften und bei den 2023 anstehenden Wahlen etwa 20 Prozent aller W\u00e4hler*innen ausmachen werden, in \u00fcberw\u00e4ltigender Mehrheit (\u00fcber 70 Prozent) nicht die Regimeparteien w\u00e4hlten und sich f\u00fcr Demokratie und Gerechtigkeit aussprechen. Ein <a href=\"https://t24.com.tr/haber/genclerin-yuzde-76-si-yurt-disinda-yasamak-istiyor-her-iki-gencten-biri-mutlu-degil,900749\">Gro\u00dfteil der Jugendlichen</a> f\u00fchlt sich von den in der Gesellschaft dominanten Werten wie Nationalismus oder Konservatismus nicht mehr angesprochen, ebenso wenig von den bestehenden Parteien. Bev\u00f6lkerungsrepr\u00e4sentative Umfragen ergeben ebenso, dass dieselben <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-deva-ve-gelecek-in-iktidara-karsi-el-yukseltmesi-ne-anlama-geliyor,881222\">demokratiefreundlichen Tendenzen</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-konda-demokrasi-raporu-nu-acikliyor,879984\">vorherrschen</a>, wenn auch abgeschw\u00e4chter und weit weniger ausgepr\u00e4gt, sobald spezifischer nach Rechten der Kurd*innen und Alevit*innen gefragt wird. Zudem <a href=\"https://www.karar.com/yeni-secmen-iktidara-soguk-1549800\">steigt</a> die Zustimmung zu <a href=\"https://t24.com.tr/haber/toplumun-yuzde-66-si-kadinlarin-yasadigi-en-buyuk-sorun-siddet-diyor,865730\">feministischen Themen</a> und nimmt die Entgegensetzung von Religi\u00f6sit\u00e4t und linker Politik ab. Ein <a href=\"https://t24.com.tr/haber/arastirma-akp-lilerin-yuzde-27-si-istanbul-sozlesmesi-nden-cekilmesini-onaylarken-yuzde-50-si-onaylamiyor,892925\">Gro\u00dfteil</a> der Bev\u00f6lkerung inklusive der AKP-Basis lehnt eine Abschaffung der Istanbuler Konvention ab. Sogar die Frauenorganisation der AKP <a href=\"https://yetkinreport.com/2020/08/03/ak-parti-zemininde-beliren-uc-fay-hatti/\">protestierte</a> vehement gegen eine m\u00f6gliche Abschaffung der Istanbuler Konvention (w\u00e4hrend sie sich allerdings zugleich sehr stark anti-LGBTQI+ positionierte), was zu <a href=\"https://bianet.org/1/8/228812-akp-li-kadinlar-dilipak-tan-sikayetci-oldu\">\u00dcberwerfungen</a> im Regimelager f\u00fchrte. Die \u00f6konomische Situation ist zum Hauptproblem der Bev\u00f6lkerung weit vor \u00bbTerror\u00ab, Au\u00dfenpolitik oder andere Themen ger\u00fcckt. Auch die Rekonversion der Hagia Sophia hat <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/avrasya-arastirma-son-anketini-acikladi-erdoganin-ve-akpnin-oylari-erimeye-devam-ediyor-1755335\">keinen Einfluss</a> auf potenzielles Wahlverhalten gehabt, da ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung glaubt, dass die Rekonversion vollzogen wurde um von \u00f6konomischen Schwierigkeiten <a href=\"https://themedialine.org/by-region/most-turks-believe-hagia-sophia-debate-politically-driven-poll-says/\">abzulenken</a>. Gleichzeitig mit einem demokratischen Grundkonsens in der breiten Bev\u00f6lkerung artikuliert sich allerdings auch ein <a href=\"https://www.americanprogress.org/issues/security/reports/2018/02/11/445620/turkey-experiencing-new-nationalism/\">aggressiver Nationalismus</a>, der nur m\u00e4\u00dfig bis gar nicht religi\u00f6s motiviert ist.</p><p>Auch in der weithin konservativen W\u00e4hler*innenbasis von AKP und MHP zeigen sich, wie <a href=\"https://www.hurriyetdailynews.com/akp-surveys-voters-amid-party-restructuring-116785\">schon</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mak-danismanlik-akp-tabaninda-koalisyona-hos-bakilmiyor-tek-adamlik-kaygisi-var,563070\">seit l\u00e4ngerem</a>, \u00e4hnliche Tendenzen auf: Wie eine neuere <a href=\"https://www.americanprogress.org/issues/security/reports/2020/08/24/489727/turkeys-president-erdogan-losing-ground-home/\">ausf\u00fchrliche Analyse</a> von Max Hoffman mittels Interviews in der urbanen Basis von AKP und MHP aufzeigen konnte, beschweren sich diese \u2013 und hierin insbesondere die Jugendlichen \u2013 weiterhin \u00fcber Korruption, Klientelismus, eine zu stark aufoktroyierte Religi\u00f6sit\u00e4t und unbrauchbare Medien und sprechen sich f\u00fcr Toleranz aus. Das zeigt, wie stark transformierte \u00dcberreste von \u00dcberzeugungen redistributiver, kommunaler Gerechtigkeit im islamisch-national-konservativen Milieu weiter existieren, auch wenn sie zugleich gekreuzt werden von reaktion\u00e4ren \u00dcberzeugungen. Denn die Studie von Hoffman zeigt zugleich auf, wie die AKP-MHP-Basis Erdo\u011fan mystifiziert \u00fcberh\u00f6ht und teils stark nationalistisch gepr\u00e4gt ist. Dieses widerspr\u00fcchliche Amalgam aus reaktion\u00e4ren und (potenziell) fortschrittlichen Elementen entspricht recht genau dem, was sich mit Gramsci als \u00bbWiderspr\u00fcchlichkeit des Alltagsbewusstseins\u00ab bezeichnen l\u00e4sst und das sich dann einstellt, wo es kein organisiertes Klassenbewusstsein oder gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse gibt, innerhalb derer die Menschen selber erm\u00e4chtigt sind.</p><p>Wie die Widerst\u00e4nde gegen den Autoritarismus und der starke demokratische Grundkonsens neben reaktion\u00e4ren Elementen innerhalb eines gro\u00dfen Teils der Bev\u00f6lkerung aufzeigen, gibt es mehr als genug Ansatzpunkte f\u00fcr eine andere T\u00fcrkei. Dass diese (noch?) nicht erbl\u00fcht, hat nicht nur mit der Repressionsfuror des autorit\u00e4ren Regimes zu tun. Einige der wichtigsten Oppositionsparteien tun sich weiterhin schwer damit, ernsthaft f\u00fcr diese andere T\u00fcrkei zu streiten. Zwei Gr\u00fcnde sind hier zentral: Einmal das Verh\u00e4ltnis zur \u00bbKurdischen Frage\u00ab, zum anderen die allgemeine Staatsr\u00e4son. Die CHP hat die HDP w\u00e4hrend der gesamten Phase bis auf Lippenbekenntnisse mehr oder minder alleine gelassen, ja CHP-Chef K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/gundem/vekil-adaylarini-halk-secsin-5847455\">lehnte mehrmals ab</a>, auf die Stra\u00dfen zu mobilisieren, weil er meinte, dies sei eine Einladung f\u00fcr die AKP, den Ausnahmezustand wieder einzuf\u00fchren. Als ob ein den W\u00fcnschen und Dekreten des Pr\u00e4sidenten unterstehender Staat mit einer durch und durch <a href=\"https://rm.coe.int/report-on-the-visit-to-turkey-by-dunja-mijatovic-council-of-europe-com/168099823e\">politisierten Justiz</a> und polizeistaatlicher Willk\u00fcr nicht schon ein Staat des Ausnahmezustands w\u00e4re; als ob sich ein solches System ohne<i> auch</i> die Macht der Stra\u00dfe umw\u00e4lzen lie\u00dfe. Ak\u015fener, Chefin der oppositionellen MHP-Abspaltung Gute Partei (IYI), ist da unverbl\u00fcmter: Sie <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/04/24/meral-aksener-hdp-pkknin-yaninda/\">identifiziert</a> regelm\u00e4\u00dfig die HDP mit der verbotenen PKK, verweigert offen die Solidarit\u00e4t mit der HDP angesichts von Repressionen und rief Erdo\u011fan sogar zur \u00bb<a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-den-liderlere-cagri-memleket-masasi-etrafinda-toplanalim-ortak-akli-isletmemiz-lazim,877657\">Nationalen Einheit</a>\u00ab auf, um der Pandemie zu begegnen. Ihrer Ansicht nach sind Regierung und Opposition <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/meral-aksenerden-erdoganin-cagrisina-yanit-1757650\">schon geeint</a> in au\u00dfenpolitischen Dingen, das hei\u00dft im chauvinistischen Militarismus, wie auch die CHP oder Davuto\u011flus GP die Regierung daf\u00fcr <a href=\"https://t24.com.tr/haber/muhalefet-turkiye-nin-dogu-akdeniz-politikasini-nasil-degerlendiriyor-neleri-farkli-yapardi,904885\">kritisierten</a>, zu viele Zugest\u00e4ndnisse zu machen und <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/09/13/chp-myk-oruc-reisin-geri-donmesi-taviz/\">nicht</a><a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/09/13/chp-myk-oruc-reisin-geri-donmesi-taviz/\"> genug</a> die Rechte der T\u00fcrke im \u00f6stlichen Mittelmeer zu wahren, sprich nicht gen\u00fcgend chauvinistisch und militaristisch zu agieren. <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/meral-aksenerden-erdoganin-cagrisina-yanit-1757650\">Bezeichnenderweise</a> dauerte es Tage, bis Ak\u015fener ein gemeinsames Angebot von Erdo\u011fan und Bah\u00e7eli das Oppositionslager zu verlassen und sich auf Regimeseite zu schlagen ablehnte.</p><p>Die \u00bbKurdische Frage\u00ab ist nicht das einzige demokratische Problem der T\u00fcrkei, sie ist aber zur Chiffre aller demokratischen Probleme der heutigen T\u00fcrkei geworden. Und das ist zugleich auch in der allgemeinen Staatsr\u00e4son begr\u00fcndet: Staat und Kapital in der T\u00fcrkei bef\u00fcrchten, dass mit der unkontrollierten Partizipation des Gro\u00dfteils des Bev\u00f6lkerung am politischen Prozess wie w\u00e4hrend des Gezi-Aufstandes 2013 auch Forderungen nach einer grundlegend anderen, demokratischen und sozialen Republik stark werden, in der die starken M\u00e4nner und die staatstreue Opposition von heute keinen Platz mehr haben. Das ist vielleicht auch der Hauptgrund daf\u00fcr, warum die Hauptoppositionsparteien unf\u00e4hig und vor allem nicht gewillt sind, Erdo\u011fan grundlegend herauszufordern, der wiederum Tag um Tag seine relative Autonomie weiter ausbaut und die T\u00fcrkei immer mehr in eine Sackgasse aus Wirtschaftskrise und Instabilit\u00e4t man\u00f6vriert \u2013 wobei letzteres offensichtlich nicht den Interessen der f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals und der b\u00fcrgerlichen Opposition entspricht.</p><p>In eing\u00e4ngigeren Analysen der Erfolge der Opposition in den letzten Jahren, die diese Erfolge an einer <a href=\"https://www.journalofdemocracy.org/articles/the-pushback-against-populism-running-on-radical-love-in-turkey/\">anti-populistischen Inklusivit\u00e4t</a> und der <a href=\"https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/13510347.2020.1803841\">Koordination</a> der Opposition auf Grundlage einer demokratischen Perspektive im Antagonismus zum Autoritarismus festmachen, wird \u00fcblicherweise fast vollst\u00e4ndig unterschlagen, wie ineffektiv oder gar unterst\u00fctzend die Hauptoppositionsparteien gegen\u00fcber der Politik des Regimes <a href=\"https://www.criticatac.ro/lefteast/communal-elections-tr2019/\">\u00fcber Jahre hinweg</a> blieben, insbesondere hinsichtlich des Militarismus und Chauvinismus. Auch als das Regime die Rekonversion der Hagia Sophia in eine Moschee in ein regelrechtes <a href=\"https://www.jadaliyya.com/Details/41518/What-Is-in-a-Place-Hagia-Sophia-in-the-Affective-Topography-of-Populism-in-Turkey-41518\">nationalistisch-islamistisches Festival</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-erdogan-aciklama-yapiyor,893500\">verwandelte</a>, kam \u2013 au\u00dfer von der HDP \u2013 nichts von den Oppositionsparteien, um ja nicht muslimische W\u00e4hler*innen abzuschrecken. Ja, wichtige Oppositionspolitiker*innen wie Muharrem Ince (republikanischer Kontrahent Erdo\u011fans im Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf 2018) oder Meral Ak\u015fener <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/ince-kurultaydan-sonra-cok-talep-aliyorum-41578581\">begr\u00fc\u00dften</a> sogar die Rekonversion \u2013 daher die Einladung von Erdo\u011fan und Bah\u00e7eli an Ak\u015fener und die sehr freundliche Berichterstattung der pro-Regime-Medien \u00fcber Ince, der derzeit an einer Abspaltungsbewegung von der CHP arbeitet.</p><p>Es gibt einen feinen, aber dennoch sehr klaren Unterschied zwischen einem inklusiven Vorgehen, das versucht auch W\u00e4hler*innen von AKP und MHP zu gewinnen, und einer Appeasementpolitik, die noch den reaktion\u00e4rsten Befindlichkeiten opportunistisch oder, noch schlimmer, aus \u00dcberzeugung nachgibt. Letzteres st\u00e4rkt nicht nur das Regime. Es erschwert zudem die M\u00f6glichkeit einer demokratischen und sozialen Zukunft der T\u00fcrkei dadurch, dass es der Dispersion und Verankerung autorit\u00e4rer Attit\u00fcden und Subjektivit\u00e4ten Vorschub leistet, die wiederum einer solchen Zukunft abtr\u00e4glich sind auch in einer Zeit nach Erdo\u011fan.</p><p>Die Hauptpole des derzeitigen politischen Kampfes in der T\u00fcrkei sind nicht die zwischen Autoritarismus und Demokratie, sondern die zwischen einer krisenhaften autorit\u00e4ren Konsolidierung und einer neoliberalen Restauration. Teile der liberalen und tats\u00e4chlich auch republikanischen und marxistischen Intelligenz tappen gerade <a href=\"https://t24.com.tr/video/aksaclilar-dan-iktidar-ve-muhalefete-uyari-cumhuriyetin-teminati-butun-kurumlar-tek-tek-islemez-hale-getiriliyor,30821\">erneut</a> ungewollt in die Falle einer Unterst\u00fctzung f\u00fcr ein neoliberales Restaurationsprojekt gegen ein autorit\u00e4res Projekt so wie sie es beim Aufstieg der AKP in den fr\u00fchen 2000er-Jahren taten. Auch der inhaftierte ehemalige Co-Vorsitzende der HDP, Selahattin Demirta\u015f, tappt in diese Falle, wenn er f\u00fcr die Illusion einer \u00bb<a href=\"https://t24.com.tr/haber/selahattin-demirtas-tan-genis-tabanli-demokrasi-ittifaki-icin-9-maddelik-ilkeler-onerisi,898052\">demokratischen</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/selahattin-demirtas-tan-genis-tabanli-demokrasi-ittifaki-icin-9-maddelik-ilkeler-onerisi,898052\">Allianz</a>\u00ab inklusive aller Oppositionsparteien wirbt anstatt das demokratisch-soziale Profil der HDP gegen beide Pole zu sch\u00e4rfen, wie er das <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/selahattin-demirtas-akp-secmeni-bile-oteki-1752855\">noch vor einigen Monaten</a> tat. Es gibt aber eine gangbare Alternative zu beiden Polen und einen Ausweg aus der ewigen Wiederkunft des Gleichen. Eine solche Alternative, den \u00bb<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/09/14/hdpsiz-olmaz-ama-sadece-hdpyle-de-olmaz/\">dritten Block</a>\u00ab zu organisieren und von den beiden anderen b\u00fcrgerlichen Polen abzugrenzen war ja der Grund f\u00fcr die Gr\u00fcndung der HDP im Jahre 2012. Wenn die wirkliche demokratische und soziale Opposition in der politischen Arena erstarkt und die Menschen der anderen T\u00fcrkei ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, dann k\u00f6nnen sie nicht nur die Macht von Erdo\u011fan brechen, sondern auch daf\u00fcr sorgen, dass die dystopischen Pl\u00e4ne des Kapitals nicht aufgehen und sich das politische System grundlegend \u00e4ndert \u2013 oder zumindest gezwungen ist, viel mehr Zugest\u00e4ndnisse und Kompromisse in Richtung der popularen Kr\u00e4fte zu t\u00e4tigen als wenn eine neoliberale Restauration einfach so, das hei\u00dft ohne oder fatalerweise sogar mit Unterst\u00fctzung des demokratisch-sozialen Lagers durchregiert.</p><p></p><hr/><p>Dieser Aufsatz ist eine l\u00e4ngere und etwas andere Version eines Essays, der im Oktober erscheinen wird in: Dieter F. Bertz (Hrsg.),<i> Die Welt nach Corona. Von den Risiken des Kapitalismus, den Nebenwirkungen des Ausnahmezustands und der kommenden Gesellschaft</i></p><hr/><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Ich danke meinem Freund und Genossen Hasan Durkal, Redakteur beim linken Onlinemagazin <a href=\"https://elyazmalari.com/\"><i>El Yazmalar\u0131</i></a>, f\u00fcr seine Unterst\u00fctzung bei diesem Artikel.</p><p><b>[2]</b> Die (effektive) Reproduktionszahl gibt an, wie viele nicht-immune Menschen von einer infekti\u00f6sen Person zu einem bestimmten Zeitpunkt durchschnittlich angesteckt werden.</p><p><b>[3]</b> In der linken Tageszeitung <i>Bir G\u00fcn</i> ist eine <a href=\"https://www.birgun.net/haber/korona-gunlerinde-en-alttakiler-302285\">exzellente</a>, mehrteilige Serie \u00fcber Arbeiter*innen und Arbeitsbedingungen w\u00e4hrend der Pandemie erschienen. Die Veteranjournalistin <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/03/22/alti-bin-calisanin-hepsi-evde-su-an-ne-olacak-bilmiyor/\">P\u0131nar \u00d6\u011f\u00fcn\u00e7</a> hat f\u00fcr<i> Gazete Duvar</i> eine bewundernswerte 35-teilige Reportage \u00fcber Arbeiter*innen in den unterschiedlichsten Sektoren und ihre Sorgen und Hoffnungen verfasst, in der die Arbeiter*innen und ihre Geschichten im Vordergrund stehen. Wissenschaftlich betrachtet ist die Metastudie von Dr. Necati \u00c7\u0131tak im <a href=\"https://www.ttb.org.tr/kutuphane/covid19-rapor_6.pdf\">TTB-Bericht</a> f\u00fcr den sechsten Monat der Corona-Krise in der T\u00fcrkei zu empfehlen, der akademische Studien aus den USA, Gro\u00dfbritannien und der T\u00fcrkei zusammenfasst und dabei die ungleichen Auswirkungen der Pandemie entlang Klassenlinien festmacht. \u00c4hnlich geht Dr. Arzu \u00c7erkezo\u011flu, zugleich Vorsitzende der linken Gewerkschaftskonf\u00f6deration DISK, vor in ihrer Analyse f\u00fcr denselben Bericht.</p><p><b>[4]</b> Also die offizielle Arbeitslosenquote plus die mit statistischen Tricks herausgerechneten Arbeitslosen im Verh\u00e4ltnis zu allen potenziellen Erwerbst\u00e4tigen. Vor allem w\u00e4hrend der Corona-Krise klaff(t)en offizielle und echte Arbeitslosenquote auseinander: W\u00e4hrend Millionen von Menschen aus der Erwerbst\u00e4tigkeit rausgefallen sind, steigt die Arbeitslosenquote kaum. Sogar Wirtschaftsmedien des Mainstreams wie <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/isgucu-verileri-masaya-yatirildi-issizligin-izlenmesinde-yeni-ve-yaratici-cozumler-gerekli-haberi-481463\"><i>D\u00fcnya</i></a> verweisen deshalb mittlerweile auf die Sinnlosigkeit der offiziellen Arbeitslosenzahlen hin. Einen <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/07/turkey-statistics-controversial-unemployment-rates-pandemic.html\">guten \u00dcberblick</a> \u00fcber die unterschiedlichen Berechnungsmethoden und somit Quoten der Arbeitslosigkeit liefert Mustafa S\u00f6nmez in einer Analyse f\u00fcr<i> Al-Monitor</i>.</p><p><b>[5]</b> Bei W\u00e4hrungsswaps (also W\u00e4hrungstausch/wechsel) tauschen zwei Vertragspartner*innen unterschiedliche W\u00e4hrungen miteinander f\u00fcr eine bestimmte Zeit aus, wobei ein bestimmter Zins beim Zeitpunkt des R\u00fccktausches zu zahlen ist. Swaps werden oft genutzt, um kurzfristig anstehende Zahlungen in einer W\u00e4hrung, die die involvierten Seiten nicht oder nicht ausreichend besitzen, zu begleichen. Als Tagessatz (im Englischen<i> overnight interest rate</i>) bezeichnet man \u00fcblicherweise den Zins auf ein Wertpapier oder einen Kredit, das/der eine Laufzeit von maximal einem Tag besitzt.</p><p><b>[6]</b> Unterschiedliche linke Kollektive und Arbeiter*innenvereine berichten auf ihren Social-Media-Accounts regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber kleine wie gro\u00dfe Arbeitsk\u00e4mpfe in der T\u00fcrkei. Ich habe w\u00e4hrend meiner Recherche zu diesem Absatz auf Informationen des Arbeiter*innenkollektivs <a href=\"https://www.facebook.com/guvencesizlersendikasi\"><i>Umut-Sen</i></a> (Gewerkschaft der Hoffnung) und des Arbeiter*innenvereins <a href=\"https://www.facebook.com/EKMEKveONUR\"><i>Ekmek ve Onur</i></a> (Brot und W\u00fcrde) zur\u00fcckgegriffen.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/", "id": "https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/", "author": {"name": "Alp Kayserilio\u011flu", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-09-25T09:12:56.845636+00:00", "date_modified": "2020-09-25T09:12:56.845636+00:00", "tags": ["re:search", "akp", "t\u00fcrkei", "chp", "widerstand", "mhp", "corona", "autorit\u00e4re konsolidierung", "autorit\u00e4re hybris", "erdo\u011fan", "polykratischer f\u00fchrerstaat", "staatsopposition", "iyi", "hdp"], "summary": "Die Corona-Krise in der T\u00fcrkei wirkt als Katalysator sozialer Antagonismen: autorit\u00e4re Konsolidierungsversuche Erdo\u011fans, Militarismus und Chauvinismus einerseits, Krise und Widerstand andererseits. 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Zu dieser Zeit war es noch \u00fcblich, mehr als die H\u00e4lfte des Tages in der Fabrik zu arbeiten. Auch die Arbeiter*innen einer Chicagoer Fabrik beteiligten sich an den Protesten, bei denen es zu gewaltsamen Ausschreitungen kam. Durch eine Bombe, die auf dem dortigen Haymarket detonierte, starben zwei Demonstranten und mehrere Polizisten. Vier der f\u00fcr den Anschlag verantwortlich gemachten Anarchisten wurden zum Tode verurteilt. Unter ihnen war der Herausgeber der <a href=\"http://ur.dadaweb.de/dada-p/P0001137.shtml\">Arbeiter-Zeitung</a>, August Spies. Er verteidigte seine Tat vor Gericht, indem er sagte, nicht der Anarchismus bedeute Blutvergie\u00dfen, R\u00e4uberei und Brandstiftung, sondern dies seien die charakteristischen Z\u00fcge des Kapitalismus: \u201eAnarchismus und Sozialismus bedeuten Friede und Ruhe f\u00fcr alle. Anarchismus und Sozialismus bedeuten die Reorganisation der Gesellschaft auf wissenschaftlichen Prinzipien und die Abschaffung der Ursachen, die Laster und Verbrechen erzeugen. Der Kapitalismus produziert erst diese sozialen Krankheiten und sucht sie danach mit Strafen zu kurieren.\u201c</p><p>Spies sprach in diesem Moment f\u00fcr seine Zeit und ahnte vermutlich nicht, dass er auch \u00fcber 130 Jahre sp\u00e4ter Recht behalten w\u00fcrde. Dass der Kapitalismus soziale Probleme verursacht und die Entstehung von Krankheiten unter profitorientierten Produktionsverh\u00e4ltnissen zu gro\u00dfen Krisen f\u00fchrt, sehen wir heute klarer denn je.</p><h2><b>Eine Tradition entwickelt sich</b></h2><p>Kurz nach den <i>Haymarket Riots</i> wurde der Erste Mai auch in Europa zum Tag des Gedenkens und des Protests erkl\u00e4rt, n\u00e4mlich auf dem Gr\u00fcndungskongress der Zweiten Sozialistischen Internationale. Seitdem sind die Mai-Demonstrationen am Tag der Arbeiter*innenklasse eine feste Tradition in \u00fcber 100 L\u00e4ndern geworden. Und seitdem wird dar\u00fcber diskutiert, ob es sich um einen Kampf- oder einen Feiertag handelt. Die \u00f6sterreichische und deutsche Sozialdemokratie waren um einen friedlichen Ablauf des Tages bem\u00fcht, in Gro\u00dfbritannien wurde der Erste Mai auf den Sonntag verlegt, falls der tats\u00e4chliche Tag auf einen Wochen-, also einen Arbeitstag fiel. Die Argumente der Sozialdemokratie f\u00fcr einen friedlichen Feiertag waren einerseits das Recht der Arbeiter*innen, den Fr\u00fchling einmal genau so unbeschwert genie\u00dfen zu d\u00fcrfen, wie es die Kapitalist*innen durften, andererseits waren in Deutschland gerade erst die Sozialistengesetze abgeschafft worden und man wollte Repressionen wegen radikalem Auftreten vermeiden. Mit der Einf\u00fchrung eines staatlichen Feiertages wurde diese Debatte beendet. In L\u00e4ndern wie Spanien oder Italien, in denen die anarchistische Bewegung einen vergleichsweise starken Einfluss hatte, stand das M\u00e4rtyrertum der<i> Haymarket Riots</i> im Vordergrund. In Frankreich lehnte die damals noch anarcho-syndikalistische Gewerkschaft CGT (<i>Confederation Generale du Travail</i>) bis zum Ersten Weltkrieg die Teilnahme am 1. Mai ab, da sie in ihm kein unmittelbares Revolutionspotential sah. Heute \u00e4u\u00dfert sich der Konflikt mancherorts in einer r\u00e4umlichen Trennung der politischen Fraktion, wie in Berlin, wo \u00fcblicherweise morgens die Gewerkschafts- und abends die Revolution\u00e4re 1. Mai Demonstration stattfindet.</p><p>In den L\u00e4ndern, in denen die Industrialisierung und damit auch die Arbeiter*innenbewegung zun\u00e4chst geringer vorhanden war, wurde zwar ein Tag im Mai gefeiert, jedoch wurde ihm die politische Bedeutung genommen. In der T\u00fcrkei beispielsweise, wo es in den 1920er Jahren noch den Tag der Arbeiter*innenklasse gab, wurde dieser kurz darauf verboten und von 1935 bis 1976 als <i>Bahar ve \u00c7i\u00e7ek Bayram\u0131</i> \u2013 \u201eFr\u00fchlings- und Blumen-Feiertag\u201c \u2013 betitelt. Erst eine starke Gewerkschaftsbewegung, die \u00fcber die Jahre an St\u00e4rke und Klassenbewusstsein gewonnen hatte, machte ihn wieder zum Tag der Arbeiter*innen. In Deutschland erkl\u00e4rten die Faschisten ab 1933 den 1. Mai zum \u201eTag der Nationalen Arbeit\u201c, einen Tag darauf wurden die Gewerkschaften zerschlagen und ihre H\u00e4user von der SA, SS und der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation besetzt.</p><p>Nach 1945 wurde der 1. Mai in Ost- und West-Deutschland unterschiedlich gefeiert. W\u00e4hrend er in der DDR offiziell von der Regierung mit Paraden als \u201eInternationaler Kampf- und Feiertag der Werkt\u00e4tigen f\u00fcr Frieden und Sozialismus\u201c begangen wurde, organisierten in der BRD die Gewerkschaften und Parteien der Arbeiter*innenklasse den Tag. Ab den 1970er Jahren waren an den Mai-Demonstrationen in der BRD auch radikalere linke Gruppen beteiligt, die den sozialdemokratischen Kurs kritisierten. Bis heute sind die Stra\u00dfenk\u00e4mpfe in Berlin-Kreuzberg aus dieser und der folgenden Zeit legend\u00e4r. Vor allem war der 1. Mai jedoch auch ein internationalistischer Protesttag: Bundesweit beteiligten sich zunehmend migrantische Organisationen und thematisierten etwa die Milit\u00e4rdiktaturen in Chile, Spanien oder der T\u00fcrkei.</p><h2><b>K\u00e4mpfen in Zeiten von Corona</b></h2><p>Dieses Jahr h\u00e4lt eine neue Herausforderung f\u00fcr uns bereit. Die globale Verbreitung des Corona-Virus verlangt, dass wir Abstand zueinander halten, um uns und unsere Mitmenschen zu sch\u00fctzen. Jede*r Vern\u00fcnftige sieht ein, dass gewisse Schutzma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung der Pandemie wichtig sind. Doch bedeutet das auch, dass s\u00e4mtliche politische Entscheidungen protestlos akzeptiert werden m\u00fcssen?</p><p>W\u00e4hrend mit der schrittweisen \u00d6ffnung von Gesch\u00e4ften und Schulen begonnen wird, scheint jedoch klar zu sein, dass am 1. Mai keine Demonstrationen und Kundgebungen statfinden sollen. Der DGB hat ein weitestgehend virtuelles Programm angek\u00fcndigt, online kann man sich Reden und Konzerte anschauen. Dagegen argumentiert die \u201e<a href=\"https://vernetzung.home.blog/\">Vernetzung f\u00fcr k\u00e4mpferische Gewerkschaften</a>\u201c. In ihrem Aufruf schreiben sie, es sei notwendig, am 1. Mai \u2013 unter Ber\u00fccksichtigung des Gesundheitsschutzes und gebotenen Abstandes \u2013 auf die Stra\u00dfe zu gehen. Die Expertise der Kolleg*innen aus dem medizinischen Bereich k\u00f6nne genutzt werden, um ein Konzept f\u00fcr die Durchf\u00fchrung der Veranstaltungen mit einem entsprechenden Ordner*innendienst zu erarbeiten.</p><p>Damals, im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, wurde f\u00fcr den 8-Stunden-Tag demonstriert. Diese Forderung ist auch heute wieder aktuell, nachdem nun das SPD-gef\u00fchrte Arbeitsministerium eine <a href=\"https://www.verdi.de/themen/corona/++co++f596283e-78df-11ea-8110-525400940f89\">Verk\u00fcrzung der Ruhezeit</a> f\u00fcr Arbeiter*innen im Gesundheitsbereich auf neun Stunden und die Ausdehnung von Arbeitszeiten auf bis zu 12 Stunden beschlossen hat. Und das auch noch im Widerspruch zu den Erfahrungen, die in China gemacht wurden, wonach eine Verk\u00fcrzung der Schichten auf sechs Stunden nachweislich die Ansteckungs- und Sterberate <a href=\"https://wirkommen.akweb.de/politik/zwoelf-stunden-toeten\">senken konnte</a>.</p><p>Es folgt der Logik des Kapitalismus, dass in Produktionszweigen wie der Waffenindustrie ungehindert weiterarbeitet wird, w\u00e4hrend die Menschen auf der ganzen Welt um ihr Leben besorgt sind, weil nicht gen\u00fcgend Schutzausr\u00fcstung oder medizinisches Ger\u00e4t zur Verf\u00fcgung steht. Dass es dagegen keinen \u00f6ffentlichen Protest gibt, ist nicht nur am Ersten Mai ein Problem. Wenn der Unmut nicht von links thematisiert und progressiv organisiert wird, haben es Rechte und Verschw\u00f6rungstheoretiker*innen leichter, gegen \u201edie da oben\u201c, wahlweise \u201eMerkel\u201c oder \u201eBill Gates\u201c oder auch unter dem neurechten Motto \u201eWir sind das Volk\u201c zu mobilisieren. Das sehen wir aktuell: Die Gruppe<i> Widerstand2020</i> hat innerhalb einer Woche 55.000 zahlende Mitglieder akquiriert, fast doppelt so viele wie die AfD in den letzten Jahren. Auf ihrer Internetseite fordern sie eine Ver\u00e4nderung des Grundgesetzes, wonach \u201eFreiheit \u00fcber allem\u201c und \u201eMoral vor Politik\u201c stehen m\u00fcsse und Entscheidungen transparent gemacht werden sollen. Gegr\u00fcndet wurde dieses Parteiprojekt von dem Rechtsanwalt Ralf Ludwig, Victoria Hamm, die sich als \u201enur ein Mensch\u201c vorstellt, und Dr. Bodo Schiffmann, Leiter der Schwindelambulanz Sinsheim. Schiffmann betreibt einen<i> youtube</i>-Kanal, in dem er Beitr\u00e4ge von Ken Jebsen lobt, vor der Gefahr einer Impfpflicht warnt und Politiker*innen aufruft, Teil von<i> Widerstand2020</i> zu werden, um das System von innen zu ver\u00e4ndern. <b>[1]</b></p><p>W\u00e4hrend also Millionen Menschen von Kurzarbeit oder Arbeitslosengeld ihren Unterhalt bestreiten m\u00fcssen und mit existientiellen N\u00f6ten konfrontiert sind, w\u00e4chst eine Bewegung, die scheinbar einfache L\u00f6sungen anbietet. Gerade dagegen ist es wichtig, die Errungenschaften der internationalistischen Arbeiter*innenbewegung zu verteidigen. Es ist die organisierte Arbeiter*innenklasse, die f\u00fcr eine klare Reduzierung der Arbeitszeit, h\u00f6here L\u00f6hne f\u00fcr Pflegeberufe und Sicherheit am Arbeitsplatz k\u00e4mpft. Dass eines ihrer wichtigsten Organe, der Gewerkschaftsbund, sich schon jetzt aus der Kampfarena zur\u00fcckzieht, ist kein Zeichen der Motivation.</p><p>Der Erste Mai bietet die M\u00f6glichkeit, soziale K\u00e4mpfe zu verbinden. Nicht nur das gemeinsame Demonstrieren, sondern auch durch die vorbereitende B\u00fcndnisarbeit, die Mobilisierung zur Aktion und die Diskussionen \u00fcber thematische Schwerpunkte, Demonstrationsrouten und Slogans bringen lokale und internationale Aktivist*innen zusammen. Mit Online-Aktivismus ist das nicht zu ersetzen, wenn die Mai-Demonstration kein Selbstzweck sein soll. Der k\u00fcrzlich verstorbene britische Marxist und Historiker Eric Hobsbawm brachte in einem Artikel die Besonderheit des Ersten Mai auf den Punkt: \u201eEs war ein Tag, an dem diejenigen, die sonst unsichtbar waren, in die \u00d6ffentlichkeit getreten sind und, zumindest f\u00fcr einen Tag, den offiziellen Raum der Herrschenden und der Gesellschaft, vereinnahmt haben.\u201c</p><p></p><hr/><p></p><h2><b>Anmerkung der Redaktion</b></h2><p><b>[1]</b> Es gibt bislang noch kaum Analysen zu der neuen rechten Mobilisierung, die sich unter dem Namen<i> Widerstand2020</i> formiert, deshalb sind die Informationen nicht mit Links belegt. Wir verlinken aber auch grunds\u00e4tzlich nicht auf rechte Seiten und Portale; einen \u00dcberblick \u00fcber das aktuelle Treiben der Formierung l\u00e4sst sich etwa bei Twitter unter demselben Hashtag verfolgen.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/den-ersten-mai-politisieren/", "id": "https://revoltmag.org/articles/den-ersten-mai-politisieren/", "author": {"name": "Svenja Huck", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-05-01T09:01:40.585493+00:00", "date_modified": "2020-05-02T10:57:08.192356+00:00", "tags": ["re:claim", "arbeiterklasse", "widerstand", "erster mai", "rechte formierungen", "gewerkschaften", "arbeiterbewegung", "geschichte"], "summary": "Von den Haymarket Riots bis zu den weltweiten Arbeiter*innenk\u00e4mpfen heute: Der Erste Mai macht auf die Tradition des Widerstands aufmerksam und damit auch auf die Verbundenheit der sozialen K\u00e4mpfe. Das ist auch und gerade in Corona-Zeiten elementar."}, {"title": "Arbeiten in Zeiten des Coronavirus", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Arbeiten in Zeiten des&nbsp;Coronavirus</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Die Basisgewerkschaft USB\" height=\"420\" src=\"/media/images/italien-gewerkschaft_C6S8uwS.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Seit dem Ausbruch der Covid-19 Pandemie hat die italienische Regierung in den letzten 20 Tagen fast <a href=\"https://www.ilsole24ore.com/art/coronavirus-provvedimenti-pioggia-media-al-giorno-ADjpVHC\">t\u00e4glich eine Verordnung</a> erlassen. Diese Dekrete f\u00fchren \u201edringliche Ma\u00dfnahmen zum Schutz gegen die Ansteckung auf das ganze nationale Gebiet\u201c ein. In der Verordnung vom 5. M\u00e4rz wurde zuerst einmal die Region Lombardei und weitere 14 Provinzen Norditaliens zur \u201eroten Zone\u201c deklariert, in denen die \u00fcber 16 Millionen wohnhaften Menschen nur noch f\u00fcr die Arbeit und f\u00fcr den Einkauf ihr Haus verlassen durften. Am 9. M\u00e4rz wurde der Ausnahmezustand in ganz Italien ausgerufen und die Sperrzone auf alle 21 Regionen ausgeweitet. Tats\u00e4chlich sind seither alle Schulen Italiens geschlossen, in vielen St\u00e4dten schlie\u00dfen zahlreiche L\u00e4den schon um 18 Uhr. Doch zahlreich sind die gemeldeten Verst\u00f6\u00dfe gegen die Ma\u00dfnahmen: Die n\u00f6tige Sicherheitsdistanz von einem Meter zwischen den Personen wurde nicht respektiert, einige Bars blieben bis nach 18 Uhr ge\u00f6ffnet und viele Jugendlichen versammelten sich in hoher Zahl auf den Stra\u00dfen.</p><p>Angesichts dieser Tatsache trat am 11. M\u00e4rz Premierminister Giuseppe Conte erneut vor die Medien und k\u00fcndigte eine weitere Versch\u00e4rfung der Ma\u00dfnahmen an. In der Ansprache sagte er kurz und pr\u00e4gnant: \u201eAlle \u00f6konomischen Aktivit\u00e4ten und Gesch\u00e4fte bleiben vor\u00fcbergehend und mindestens bis zum 25. M\u00e4rz geschlossen, mit Ausnahme von Lebensmittell\u00e4den und Apotheken. Somit garantieren wir weiterhin den Zugang zu den lebensnotwendigen Produkten.\u201c <a href=\"https://jacobinitalia.it/tutti-a-casa-tranne-gli-operai/\"><i>Tutti a casa</i></a><i> \u2013</i> alle zu Hause bleiben, hei\u00dft es also. Ist das der Weg, um der Verbreitung des Virus endlich einen Riegel vorzuschieben? Und k\u00f6nnen auch wirklich alle zu Hause bleiben?</p><h2><b>Alle zu Hause, au\u00dfer die Arbeiter*innen</b></h2><p>Eine genauere Analyse des letzten <a href=\"http://www.governo.it/it/articolo/coronavirus-conte-firma-il-dpcm-11-marzo-2020/14299\">Verordnungstextes</a> zeigt indes, dass nicht nur Lebensmittell\u00e4den und Apotheken offen bleiben, sondern praktisch der komplette Produktionsapparat des Landes weiter funktionieren soll. Ausgeschlossen bleiben nur der Detailverkauf, die Gastronomie (etwa Bars, Pubs, Restaurants, Eisst\u00e4nde, Konditoreien) und die personenbezogenen Dienstleistungen (darunter fallen Friseur*innen, Barbier, Kosmetiker*innen). Weitergearbeitet werden soll \u201emit Respekt der Hygienevorschriften\u201c (selbstverst\u00e4ndlich!) in der Essenslieferung, in den Banken und Finanzinstituten, bei den Versicherungen und der Post sowie auch in der Landwirtschaft, der Viehzucht und der ganzen Produktionskette von Lebensmitteln (von der Verarbeitung von Agrarprodukten, bis zu den Waren- und Dienstleistungszulieferern des Sektors).</p><p>Was die produktiven Aktivit\u00e4ten betrifft, empfiehlt die italienische Regierung die Anwendung von Hausarbeit, die Vorverlegung von Urlaub (was einem Zwang zum Urlaub und daher zur Arbeit in Urlaubszeit gleichkommt!), den R\u00fcckgriff auf die in den Tarifvertr\u00e4gen vorgesehenen sozialen Ma\u00dfnahmen (schwammig genug!) und die Einf\u00fchrung von Ma\u00dfnahmen zum Gesundheitsschutz (fixer Arbeitsplatz, Verteilung von Atemschutzmasken und Handschuhen, regelm\u00e4\u00dfige Reinigung und Desinfektion des Arbeitsortes und so weiter). Es bleibt aber bei Empfehlungen, es sind keine Anordnungen.</p><h2><b>Die produktive Kontinuit\u00e4t sichern</b></h2><p>Mit dieser dringlichen Verordnung versucht die italienische Regierung einen unm\u00f6glichen Balanceakt: Auf der einen Seite geht es darum, die Bewegungsfreiheit der Menschen massiv zu beschr\u00e4nken, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen; auf der anderen Seite hingegen darum, den Bed\u00fcrfnissen der sich schon vor dem Ausbruch des Virus in eine Krise zusteuernden Unternehmen nachzukommen. Diese hatten sich in den letzten Tagen sehr oft zum Einfluss des Coronavirus auf den <a href=\"https://www.oecd-ilibrary.org/docserver/7969896b-en.pdf?expires=1584052604&amp;id=id&amp;accname=guest&amp;checksum=EF8A0B9A28FEA179B0ECEBD2438A652B\">Gang der Wirtschaft</a> ge\u00e4u\u00dfert und stets die Weiterf\u00fchrung der Produktion gefordert, trotz <a href=\"http://www.protezionecivile.gov.it/media-comunicazione/comunicati-stampa/dettaglio/-/asset_publisher/default/content/coronavirus-sono-12-839-i-positivi\">exponentiellem Anstieg</a> der vom Virus betroffenen F\u00e4lle. \u201eSelbstregulierung und produktive Kontinuit\u00e4t ist die vom Unternehmensverband Confindustria empfohlene Weg\u201c ist in ihrer Zeitung <i>Il Sole 24 Ore</i> zu lesen. Im Namen der Wettbewerbsf\u00e4higkeit sei es \u201eunerl\u00e4sslich, die Betriebe offen zu halten und der produktiven Aktivit\u00e4t und dem freien Warenverkehr Kontinuit\u00e4t zu geben. Die Produktionsketten heute zu unterbrechen w\u00fcrde bedeuten, Marktanteile zu verlieren und exportorientierte Betriebe zu schlie\u00dfen.\u201c Dies wiederum sei, so die Kommentatorin der Zeitung, Nicoletta Picchio, \u201eein Signal fehlender produktiver F\u00e4higkeit f\u00fcr das Ausland, die kurzfristig kaum aufzuholen ist. Der Produktionsunterbruch w\u00e4re ein schlimmer Fehler, das w\u00fcrde unser Tod bedeuten.\u201c Sie sieht die Geier schon \u00fcber ihnen kreisen: \u201eUnsere Konkurrenten greifen uns an, sie sind bereit, diese Momente der Schw\u00e4che auszunutzen.\u201c <b>[1]</b></p><h2><b>Arbeit statt Gesundheit?</b></h2><p>In Italien wird also weiter produziert. Wie sieht es nun aber derzeit in den \u201everborgenen St\u00e4tten der Produktion\u201c aus? Eine besondere Aufmerksamkeit gilt zun\u00e4chst einmal den Gesundheitsarbeiter*innen. Seit dem Ausbruch des Virus werden in TV und Presse ihre \u201eHeld*innengeschichten\u201c tagt\u00e4glich erz\u00e4hlt: Arbeitstage von bis zu 18 Stunden, keine Ruhetage, konstant den Gefahren der Ansteckung ausgesetzt. Doch die Gesundheitsarbeiter*innen selbst lehnen diese Held*innengeschichten ab. Sie sagen, es gehe nicht darum, die individuelle Anstrengung der einzelnen Arbeiter*innen hervorzuheben, sondern auf die systemischen M\u00e4ngel des italienischen Gesundheitssystems \u2013 <a href=\"https://www.gimbe.org/pagine/1229/it/report-72019-il-definanziamento-20102019-del-ssn\">Unterfinanzierung und Umstrukturierung</a> \u2013 hinzuweisen, die dazu f\u00fchrten, dass in Zeiten des Ausnahmezustandes die Gesundheitsarbeiter*innen fast \u00fcbermenschliche Anstrengungen an den Tag legen m\u00fcssen. Sie berichten auch davon, dass es konstant an individuellen Schutzvorkehrungen [sogenannte \u201edpi\u201c, <i>dispositivi di protezione individuale</i>] mangelt, dass die Intensivstationen total \u00fcberbelegt sind und somit andere Krankenhausbereiche auf Kosten anderer Patient*innen zu Intensivstationen umgewandelt werden m\u00fcssen, dass st\u00e4ndig \u00c4rzt*innen und Pfleger*innen fehlen, so dass in einigen F\u00e4llen <a href=\"https://espresso.repubblica.it/attualita/2020/03/11/news/coronavirus-reclutati-gli-studenti-infermieri-siamo-senza-protezioni-tutele-assicurazione-1.345488?ref=HEF_RULLO\">Medizinstudierende rekrutiert</a> werden, um diese L\u00fccken zu f\u00fcllen und so weiter.</p><p>Die Prekarisierung des Arbeitsalltages betrifft jedoch nicht nur Gesundheitsarbeiter*innen in den Krankenh\u00e4usern. Confindustria behauptet zwar, dass \u201eFabriken zurzeit die sichersten Orte sind, weil Pr\u00e4ventivma\u00dfnahmen getroffen wurden\u201c, doch die Arbeiter*innen sehen das anders <b>[2]</b>: \u201e<a href=\"https://www.la7.it/laria-che-tira/video/coronavirus-lo-sfogo-degli-operai-per-conte-il-virus-si-ferma-davanti-ai-cancelli-delle-fabbriche-si-12-03-2020-312852?fbclid=IwAR2h9ObV6diKkDvONAhF1_3b41XSLdK0S4_8zkE_cCqIV3_Z_R6MLzjbBM8\">Der Coronavirus macht nicht vor den Fabriktoren halt</a>\u201c, bringt es eine Arbeiterin auf den Punkt. In vielen Sektoren der Produktion ist die Arbeit trotz Lahmlegung des restlichen Landes intensiviert worden. In gewissen Betrieben der Logistikbranche stiegen die Auftragszahlen massiv, wie beispielsweise bei Amazon. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass die Menschen gezwungen sind, zu Hause zu bleiben und daher mehr Zeit f\u00fcr den Konsum haben. Amazon h\u00e4lt sich jedoch weder an die Betriebshygiene, noch hat der Konzern den Arbeiter*innen individuelle Schutzvorkehrungen garantiert. Erst nachdem <a href=\"http://www.ansa.it/piemonte/notizie/2020/03/11/coronavirus-positivo-dipendente-amazon-in-piemonte_55d8c86c-ed14-4e8f-a009-95c021eff37a.html\">ein Fall von Coronavirus im Lager von Torrazza Piemonte</a> aufgedeckt wurde, wurde der Betrieb gereinigt und desinfiziert und einige Arbeiter*innen in Quarant\u00e4ne gestellt.</p><p>Auch in vielen Call Center wird mehr gearbeitet als zuvor, vor allem in Betrieben, die Auftr\u00e4ge von \u00f6ffentlichen Institutionen \u00fcbernommen haben und w\u00e4hrend diesen Zeiten zus\u00e4tzliche Hotline-Dienste anbieten. In einem Call Center in Napoli wurden einige Ma\u00dfnahmen getroffen (die Zuweisung eines fixen Computers, Sicherheitsdistanz von einem Meter), andere hingegen nicht (fehlende Seife und Desinfektionsmittel in den WCs). Manche Ma\u00dfnahmen grenzen ans Absurde, wie beispielsweise die Aufforderung, Kaffeeautomaten auszuschalten, um \u201eunn\u00f6tige Menschenansammlungen zu vermeiden.\u201c Die Betriebsleitung des Call Center lehnt weiterhin den Vorschlag der Hausarbeit ab; die Arbeiter*innen sind aufgrund der zus\u00e4tzlichen Dienste hingegen gezwungen, \u00dcberstunden zu leisten.</p><p>Kaum eine Stimme haben diejenigen, die ohne Vertrag, irregul\u00e4r und daher ohne Sozialversicherungsschutz arbeiten: Care-Arbeiter*innen m\u00fcssen aus Angst vor einer Ansteckung zu Hause bleiben, vor allem diejenigen, die mit alten Menschen arbeiten; (Schein-)Selbst\u00e4ndige sind nicht erwerbslosenversichert und riskieren nun einen l\u00e4ngeren Lohnausfall, falls <i>smart working</i> nicht umsetzbar ist; junge Arbeiter*innen ohne Vertrag, die in Bars, Restaurants oder anderen \u201eZuliefererbetrieben\u201c des Tourismus (vor allem in den St\u00e4dten) t\u00e4tig sind, wurden aufgrund der Verordnung von einem Tag auf den anderen entlassen und sind nun ohne Job. F\u00fcr diese Sektoren sehen die Verordnungen der Regierung bis heute keine L\u00f6sungen vor.</p><h2><b>Widerstand formiert sich</b></h2><p>Immer mehr Arbeiter*innen akzeptieren diese mangelnden gesundheitlichen und sozialen Sicherheitsvorkehrungen jedoch nicht und beginnen zu streiken. Zahlreich sind die Beispiele der landesweiten Arbeitsniederlegungen, vor allem in der <a href=\"https://contropiano.org/news/politica-news/2020/03/11/bartolini-fca-ikea-scioperi-spontanei-la-sicurezza-prima-del-profitto-0125077\">Logistikbranche</a> und in den <a href=\"https://torino.repubblica.it/cronaca/2020/03/12/news/scioperi_spontanei_in_piemonte_contro_le_fabbriche_aperte_regole_di_sicurezza_non_rispettate_-251052173/\">Regionen</a>, in denen der Virus schon weit verbreitet ist. In einigen F\u00e4llen geht es aber auch um weit mehr als um Gesundheitsschutz. Die <a href=\"https://twitter.com/Mau_Ri_83/status/1238085207338729472?s=20\">Arbeiter*innen der Luxuskleiderfabrik Corneliani in Mantova</a> fordern nicht nur die Einhaltung jeglicher Schutzma\u00dfnahmen in der Produktion, sondern auch die vor\u00fcbergehende Schlie\u00dfung der Produktion von nicht lebensnotwendigen G\u00fctern. Dem Interesse der Confindustria, die Produktion um jeden Preis \u2013 vor allem um den der Gesundheit der Arbeiter*innen \u2013 weiterzuf\u00fchren, setzen die spontanen Proteste der Arbeiter*innen eine Grenze.</p><p>Von den gro\u00dfen Gewerkschaftsverb\u00e4nden CGIL, CISL und UIL ist in diesen Tagen indes weit weniger zu h\u00f6ren als vom Unternehmensverband. Die drei Maschinen- und Metallindustriegewerkschaften Fiom, Fim und Uilm rennen den Protesten der Arbeiter*innen regelrecht hinterher und verlangen die <a href=\"https://www.fiom-cgil.it/net/index.php/comunicazione/stampa-e-relazioni-esterne/7328-le-fabbriche-si-fermino-fino-a-domenica-22-marzo-per-applicare-le-misure-sanitarie-di-contrasto-al-covid-19\">Schlie\u00dfung der Fabriken</a> bis zum 22. M\u00e4rz, \u201eum alle Arbeitspl\u00e4tze zu sanieren, zu sichern und neu zu organisieren.\u201c Die Basisgewerkschaften fordern hingegen mehr: Die USB ruft zu einem <a href=\"https://www.usb.it/leggi-notizia/coronavirus-usb-proclama-32-ore-di-sciopero-nei-settori-industriali-non-essenziali-fermare-le-fabbriche-garantire-la-salute-e-il-salario-1232.html\">32-st\u00fcndigen Streik</a> auf und fordert die \u201evor\u00fcbergehende Unterbrechung aller industriellen Aktivit\u00e4ten, mit Ausnahme derjenigen, die eng mit dem Kampf gegen die Pandemie verbunden sind.\u201c Der SI Cobas schlie\u00dflich ruft zu <a href=\"http://sicobas.org/2020/03/11/italia-stato-di-agitazione-nazionale-su-tutte-le-categorie-coronavirus-situazione-insostenibile-in-migliaia-di-aziende/\">sofortigen italienweiten Mobilisierungen und Arbeitsniederlegungen</a> in allen Kategorien aus und fordert die Einberufung eines Verhandlungstisches mit der Regierung und dem Arbeitsministeriums.</p><p>Die Krise des Coronavirus hat also den Interessenskonflikt zwischen Profitmaximierung seitens der Unternehmen und dem Gesundheitsschutz und der Jobgarantie seitens der Arbeiter*innen entbl\u00f6\u00dft und versch\u00e4rft. Der Gang der Arbeitsproteste bleibt offen, sicher ist nur eines: Die Arbeiter*innen haben es satt, die Krise sowohl mit ihrer Gesundheit als auch mit der Arbeitsplatzsicherheit und dem sozialen Schutz bezahlen zu m\u00fcssen. Es ist anzunehmen, dass die Arbeitskonflikte den Coronavirus bei weitem \u00fcberleben werden.</p><hr/><h2><b>Anmerkungen:</b></h2><p><b>[1]</b> Nicoletta Picchio, Imprese decisiva la continuit\u00e0 aziendale, ilsole24ore 12.03.2020, S.2.</p><p><b>[2]</b> Die aufgef\u00fchrten Beispiele von Prekarisierung und Arbeitsniederlegung sind einerseits den <a href=\"https://www.ilsole24ore.com/art/da-fincantieri-ad-amazon-stabilimenti-parte-protesta-la-sicurezza-ADl3DrC\">Berichterstattungen von Tageszeitungen</a> und Gewerkschaften entnommen, andererseits handelt es sich um Dokumentationen des <a href=\"https://poterealpopolo.org/il-coronavirus-non-contagi-i-diritti-dei-lavoratori-parte-la-nostra-assistenza-telefonica/\"><i>Roten Telefons</i> von <i>Potere al Popolo</i></a>, einem mit dem Ausbruch des Coronavirus aufgeschalteten Service. Das Rote Telefon ist eine Hotline, auf die Arbeiter*innen anrufen k\u00f6nnen, um Verst\u00f6\u00dfe und fehlende Schutzma\u00dfnahmen am Arbeitsplatz zu melden. Arbeitsrechtler*innen und Aktivist*innen von Potere al Popolo informieren dar\u00fcber, was ein Unternehmen gesetzlich tun muss und wie die Arbeiter*innen sich organisieren und handeln k\u00f6nnen. Bisher wurden hunderte von F\u00e4llen dokumentiert.</p><p><b>Titelbild</b>: Die Basisgewerkschaft USB protestiert vor dem Ministerium f\u00fcr \u00f6konomische Entwicklung.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"rotes telefon.jpeg\" height=\"1200\" src=\"/media/images/rotes_telefon.original.jpg\" width=\"1200\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Das rote Telefon von Potere al Popolo</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/arbeiten-zeiten-des-coronavirus/", "id": "https://revoltmag.org/articles/arbeiten-zeiten-des-coronavirus/", "author": {"name": "Maurizio Coppola", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-03-13T19:36:19.140165+00:00", "date_modified": "2020-03-13T19:56:46.035318+00:00", "tags": ["re:port", "italien", "potere al popolo", "basisorganisierung", "arbeitsmarkt", "widerstand", "corona", "gesundheitssystem", "basisgewerkschaft", "sperrzone"], "summary": "Die italienische Regierung verordnet dem ganzen Land Quarant\u00e4ne und schr\u00e4nkt die Bewegungsfreiheit der Menschen massiv ein. Die industrielle Produktion soll jedoch weiterlaufen, ohne n\u00f6tige Ma\u00dfnahmen zum Gesundheitsschutz der Arbeiter*innen. Die beginnen sich nun zu wehren."}, {"title": "Der Tanz mit dem Faschismus", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Der Tanz mit dem&nbsp;Faschismus</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"MilitanteRechte.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/MilitanteRechte.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Antifa</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Morgen erscheint die Brosch\u00fcre \u201eStaat und Nazis Hand in Hand? Einsch\u00e4tzung zur Aktualit\u00e4t der faschistischen Gefahr in Deutschland\u201c, herausgegeben von einem Kollektiv antifaschistischer Gruppen. Beteiligt sind die</i> <a href=\"http://antifa-karlsruhe.org/\"><i>Antifaschistische Aktion Karlsruhe</i></a><i>,</i> <a href=\"http://antifa-aufbau.org/\"><i>Antifaschistischer Aufbau M\u00fcnchen</i></a><i>,</i> <a href=\"http://antifa-stuttgart.org/\"><i>Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart</i></a><i>,</i> <a href=\"http://antifaaufbautue.blogsport.de/\"><i>Antifaschistische Aktion (Aufbau) T\u00fcbingen</i></a><i>,</i> <a href=\"http://antifaaufbauma.blogsport.de/\"><i>Antifaschistische Aktion (Aufbau) Mannheim</i></a><i> und</i> <a href=\"http://antifavs.noblogs.org/\"><i>Antifaschistische Aktion [o] Villingen-Schwenningen</i></a><i>. Wir ver\u00f6ffentlichen heute und morgen vorab Artikel aus der Brosch\u00fcre; f\u00fcr den Erwerb der Brosch\u00fcre einfach bei den beteiligten Gruppierungen auf der Homepage schauen. Der folgende Artikel ist leicht gek\u00fcrzt und redaktionell bearbeitet worden.</i></p><p></p><hr/><p></p><p>Seit der letzten gro\u00dfen Wirtschaftskrise vollzieht sich in vielen L\u00e4ndern der Welt ein Rechtsruck. Im Windschatten dieser Entwicklung konnte auch die militante Rechte erstarken. In Deutschland \u00e4u\u00dfert sich diese Entwicklung beispielsweise in den unz\u00e4hligen Angriffen auf Gefl\u00fcchtete und deren Unterk\u00fcnfte. Zwar er\u00fcbrigte sich deren Zweck mit dem Schlie\u00dfen der europ\u00e4ischen Au\u00dfengrenzen und ihre Zahl nahm wieder ab, doch die BrandstifterInnen sind immer noch da.<b> [1]</b></p><p>Weniger offensichtlich bildeten sich mit dem Aufschwung der rechten Bewegung immer mehr bewaffnete faschistische Gruppen. Wie viele es mittlerweile sind, kann wohl au\u00dfer dem Verfassungsschutz niemand sagen. Doch die Anzahl der Gruppierungen, welche in den letzten zwei Jahren aufgedeckt wurden, gibt zumindest einen verschwommenen Einblick. Der Mord an Walter L\u00fcbcke<b> [2]</b> und die Aufdeckung der Organisation \u201eNordkreuz\u201c <b>[3]</b> d\u00fcrften den meisten noch am besten im Ged\u00e4chtnis sein. Aber auch das Waffenlager in Hannover<b> [4]</b>, der geplante Aufstand der Gruppe \u201eRevolution Chemnitz\u201c <b>[5]</b> oder die Gruppe \u201eNordadler\u201c <b>[6]</b> sind ebenfalls Beispiele dieser Entwicklung.</p><p>Um die eigentliche Frage zu beantworten, muss allerdings auch ein Blick auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung geworfen werden. Die letzte gro\u00dfe Wirtschaftskrise im Jahr 2007 brachte die kapitalistische Akkumulation weltweit ins Wanken. Im Vergleich zu den s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern waren die Auswirkungen der Krise in Deutschland verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gering. In den s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern formierte sich ein massiver Widerstand innerhalb der Bev\u00f6lkerung. Und auch wenn in diesem Fall alles wieder in systemkonforme Bahnen gelenkt worden konnte, zeigte die k\u00e4mpferische Bewegung in Griechenland, wie schnell sich in Krisenzeiten Dynamiken entwickeln k\u00f6nnen.</p><p>Die Methoden zur Krisenbew\u00e4ltigung, welche den Laden beim letzten Mal gerade noch zusammen gehalten hatten, sind f\u00fcr die n\u00e4chste Krise keine Option mehr. Die Auswirkungen der Krise wurden vor allem auf der Grundlage einer massiven Ausweitung der \u00f6ffentlichen Verschuldung bek\u00e4mpft. Die Zentralbanken setzten den Leitzins auf Null und kauften Staatsanleihen im Wert von mehreren Billionen Euro. Das Zinsniveau ist immer noch auf einem historischen Tief und die Staatsverschuldungen sind hoch. Damit verengen sich die \u00f6konomischen Spielr\u00e4ume f\u00fcr die L\u00f6sung der n\u00e4chsten zu erwartenden Krise. Dar\u00fcber hinaus ist die Jugendarbeitslosigkeit in S\u00fcdeuropa immer noch exorbitant hoch und viele L\u00e4nder wie zum Beispiel Frankreich befinden sich in tiefen politischen Krisen.</p><p>Der n\u00e4chste Crash wird kommen und er wird auch in Deutschland einschlagen. Durch die starke Exportorientierung ist das deutsche Kapital besonders abh\u00e4ngig von der Lage der Weltwirtschaft. Und so werden bereits jetzt Vorbereitungen f\u00fcr die n\u00e4chste Krise getroffen. Durch die neuen Polizeiaufgabengesetze (PAG) werden die Befugnisse der Sicherheitsbeh\u00f6rden erweitert und der \u00dcberwachungsstaat ausgebaut. Auch die Umgehung demokratischer Mitbestimmung mittels der EU und die Einschr\u00e4nkung des Streikrechts zeigen, dass die herrschende Klasse auf den autorit\u00e4ren Staat setzt, um auch die n\u00e4chste Krise zu \u00fcberstehen.</p><h2><b>Der diskrete Charme des Faschismus</b></h2><p>Doch warum arbeitet die Bourgeoisie nicht gleich auf den Aufbau einer faschistischen Diktatur hin? Die Interessen des Kapitals gegen revoltierende Lohnabh\u00e4ngige lassen sich in der Krise doch wohl kaum besser durchsetzen als durch fanatische FaschistInnen. Doch genau darin liegt auch das Risiko f\u00fcr die Bourgeoisie. Sie muss hierbei einen Teil ihrer Macht an die FaschistInnen abgeben. Und dies ist f\u00fcr sie mit einigen Risiken verbunden.</p><p>Solange es den gemeinsamen Gegner \u2013 die organisierte ArbeiterInnenbewegung \u2013 gibt, k\u00f6nnen Widerspr\u00fcche innerhalb der faschistischen Bewegung oder zwischen Kapital und faschistischer Bewegung \u00fcberdeckt werden. Doch auch historisch war die erste Zeit nach der kompletten Zerschlagung der Arbeiterbewegung (ab Mitte 1933) in Deutschland durch Richtungsk\u00e4mpfe innerhalb der NSDAP-Elite gepr\u00e4gt. Die Politik der FaschistInnen war in weiten Teilen deckungsgleich mit den Interessen des Kapitals, trotzdem kam es immer wieder zu Konflikten. Sollten diese einmal zu gro\u00df werden, l\u00e4sst sich eine parlamentarische Regierung letztlich deutlich leichter absetzen als eine faschistische Diktatur. Und die FaschistInnen sind keineswegs blo\u00dfe Befehlsempf\u00e4ngerInnen der herrschenden Klasse. Vereinfacht gesagt kann ihre Politik auch im Chaos und in der totalen Niederlage enden. Der unglaubliche Aufwand mit welchem die physische Vernichtung der J\u00fcdInnen betrieben wurde, war nicht unbedingt im Sinne der herrschenden Klasse. Im Gegenteil: Die Fokussierung der faschistischen F\u00fchrung auf ihren antisemitischen Wahn mitten im zweiten Weltkrieg trieben Teile der herrschenden Klasse in eine oppositionelle Haltung zum NS-Regime, die bis hin zur Vorbereitung zum Tyrannenmord reichte.</p><p>M\u00f6gen die Gewinnaussichten noch so traumhaft sein, wenn die \u00dcberreste des Sozialstaats und der Gewerkschaften beseitigt sind, ist die herrschende Klasse langfristig doch darauf angewiesen, auf ein stabiles politisches System bauen zu k\u00f6nnen. Aus diesem Grund ist der Faschismus f\u00fcr die Bourgeoisie immer der letzte Notnagel in einer ansonsten ausweglosen Situation. Solange weniger risikoreiche Herrschaftsm\u00f6glichkeiten eine Option sind, wird sie auch auf diese setzen.</p><p>F\u00fcr die heutige Lage schlie\u00dfen wir daraus, dass der b\u00fcrgerliche Parlamentarismus mit seinen Volksparteien zwar angez\u00e4hlt sein mag, aber immer noch funktioniert. Offensichtlich arbeitnehmerInnenfeindliche Politik wie die Hartz-Reformen oder die oben aufgez\u00e4hlten Entwicklungen lassen sich ohne gro\u00dfen Widerstand durchsetzen. Die faschistische Bewegung wird deshalb nur von kleinen Teilen des Kapitals unterst\u00fctzt. Konsequent bek\u00e4mpft wird sie nat\u00fcrlich nicht, weil die grundlegenden Pfeiler des Kapitalismus durch die FaschistInnen niemals angetastet werden.</p><h2><b>Sch\u00f6n bei der Leine halten \u2013 noch</b></h2><p>Auf der Agenda der FaschistInnen steht zurzeit vor allem eins: Rache an den \u201eSchuldigen\u201c der \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c. In ihrem Weltbild kommen Gefl\u00fcchtete nicht nach Europa, weil sie vor Krieg, Hunger und Armut fl\u00fcchten, sondern aufgrund eines angeblichen Plans zum gro\u00dfen \u201eBev\u00f6lkerungstausch\u201c. Demnach w\u00fcrden die Eliten der b\u00fcrgerlichen Politik daran arbeiten, durch gezielte Zuwanderung die europ\u00e4ischen V\u00f6lker unter Druck zu setzen, um willige ArbeitssklavInnen zu erhalten. Der Linken wird vorgeworfen die passende Hegemonie dazu herzustellen. Und so stehen neben Linken eben auch eine ganze Reihe b\u00fcrgerlicher PolitikerInnen auf den Todeslisten der Nazis. Der Mord an Walter L\u00fcbcke und die Mordversuche an Andreas Hollstein <b>[7]</b> und Henriette Reker <b>[8]</b> zeigen diese Tendenz des Rechtsterrorismus. Die Verselbst\u00e4ndigung der faschistischen Ideologie wird hier deutlich. Denn zumindest solange die b\u00fcrgerliche Demokratie noch im Sinne der Herrschenden funktioniert, hat das Kapital kein Interesse an Angriffen auf politische Mandatstr\u00e4gerInnen. Aus diesem Grund werden die putschistischen Kr\u00e4fte innerhalb der militanten Rechten eingebremst.</p><p>Mehr wird im staatlichen Kampf gegen rechten Terror aber auch nicht passieren. Solange FaschistInnen ihre Angriffe auf Linke und vermeintliche Ausl\u00e4nderInnen beschr\u00e4nken, bleibt die Praxis von Polizei und Verfassungsschutz die gleiche wie schon vor der Selbstenttarnung des NSU. Die unz\u00e4hligen ungekl\u00e4rten Angriffe auf Gefl\u00fcchtetenunterk\u00fcnfte und linke Hausprojekte, sowie \u00dcbergriffe auf MigrantInnen sprechen f\u00fcr sich.</p><p>Ein Beispiel hierf\u00fcr ist die Gruppe \u201eRevolution Chemnitz\u201c. Die Mitglieder waren schon jahrelang in verschiedenen rechtsradikalen Strukturen in Sachsen aktiv. Mindestens vier hatten bereits in der Gruppe \u201eSturm 34\u201c Erfahrung in Hetzjagden, Waffenbeschaffung und dem Aufbau terroristischer Organisationen gesammelt. Die Gruppe wurde 2006 unter Beteiligung eines Geheimdienstspitzels gegr\u00fcndet und w\u00fctete zwei Jahre lang in Sachsen. Obwohl mehrere Opfer lebensgef\u00e4hrliche Verletzungen davon trugen, musste niemand mit schweren Strafen rechnen. Christian Keilberg, der sowohl bei \u201eSturm 34\u201c, als auch sp\u00e4ter bei \u201eRevolution Chemnitz\u201c F\u00fchrungsrollen \u00fcbernahm, hatte seit 2006 zudem regelm\u00e4\u00dfig Kontakt zum Verfassungsschutz. Auch als \u201eRevolution Chemnitz\u201c konnte die Gruppe unbehelligt Menschenjagden auf MigrantInnen veranstalten. Sie beteiligten sich unter anderem an den Ausschreitungen in Chemnitz im August 2018 und patrouillierten als \u201eB\u00fcrgerwehr\u201c durch die Stadt. Erst aber, als sie mit konkreten Vorbereitungen f\u00fcr einen Putsch begannen, wurden sie von den Beh\u00f6rden als ernstzunehmende Bedrohung wahrgenommen. Im Oktober 2018 wurde die Gruppe schlie\u00dflich verhaftet. Diesmal waren aber nicht MigrantInnen das Ziel, sondern die Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung in Berlin. Die FaschistInnen hofften durch den Terroranschlag einen B\u00fcrgerkrieg auszul\u00f6sen und infolgedessen die Regierung zu st\u00fcrzen.</p><p>Nat\u00fcrlich bekommen Polizei, Geheimdienst und Staatsanwaltschaften keine Anweisungen des Kapitals, ob und wann sie eine faschistische Terrorgruppe hochnehmen sollen. Dass die Polizeibeh\u00f6rden aber auf dem rechten Auge blind sind, ist kein Zufall. Zum einen legt das die Geschichte dieser Beh\u00f6rden nahe. Das Bundeskriminalamt (BKA) wies bei seiner Gr\u00fcndung genauso wie die Justiz oder der Verfassungsschutz eine gro\u00dfe personelle und strukturelle Kontinuit\u00e4t zur Zeit des Faschismus auf. Aufgebaut wurde es von ehemaligen SS-Angeh\u00f6rigen. Diese Leute wurden in erster Linie f\u00fcr diese Aufgaben ausgew\u00e4hlt, weil sie stramme AntikommunistInnen waren und sind. Und zum anderen ist das aber auch die logische Folge einer ihrer grundlegenden Aufgaben innerhalb der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, dem Schutz der herrschenden Eigentumsverh\u00e4ltnisse.</p><p>Der Umgang des Staates mit faschistischen Strukturen h\u00e4ngt aber noch von mehreren Faktoren ab. Wie gut ist die Organisation mit Spitzeln durchsetzt? Hat sie internationale Kontakte? Welche Aktionen plant sie im Einzelnen und wie konkret sind ihre Pl\u00e4ne? F\u00fcr uns ist wichtig festzuhalten, dass dieser Staat niemals grunds\u00e4tzlich gegen die faschistische Bewegung vorgehen wird. Einzelne Verhaftungen oder Verbote \u00e4ndern daran nichts.</p><p></p><hr/><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Die Angriffe auf Gefl\u00fcchtete und ihre Unterk\u00fcnfte stiegen ab 2015 stark an. F\u00fcr 2016 verzeichnet die gemeinsame Chronik der Amadeu Antonio Stiftung und Pro Asyl einen H\u00f6chstwert von 3.768 Angriffen. Danach sank die Zahl wieder von 2.285 in 2017 auf 1.434 in 2018. F\u00fcr 2019 sind zum Zeitpunkt der Ver\u00f6ffentlichung dieses Textes 37 \u00dcbergriffe dokumentiert. Die Dunkelziffer liegt vermutlich f\u00fcr alle Jahre deutlich \u00fcber den angegebenen Zahlen.</p><p><b>[2]</b> Walter L\u00fcbcke war ein hessischer CDU-Politiker und bis zu seinem Tod Regierungspr\u00e4sident im Regierungsbezirk Kassel. Durch Aussagen gegen Pegida-Anh\u00e4nger erlangte er gr\u00f6\u00dfere Bekanntheit. Am 02. Juni 2019 wurde er mutma\u00dflich durch den Faschisten Stephan Ernst get\u00f6tet.</p><p><b>[3]</b> Nordkreuz war zusammen mit S\u00fcdkreuz und Westkreuz Teil des faschistischen Hannibal-Netzwerks. Im Rahmen der Ermittlungen gegen den faschistischen Oberleutnant der Bundeswehr Franco Albrecht im Sommer 2017 wurde die Struktur aufgedeckt.</p><p><b>[4]</b> Im April 2019 wurden bei einem Faschisten in Hannover 51 Waffen, Munition, rund 100.000\u20ac Bargeld sowie Nazi-Orden gefunden.</p><p><b>[5]</b> Die faschistische Gruppe \u201eRevolution Chemnitz\u201c wurde im Herbst 2018 festgenommen, nachdem bekannt geworden war, dass sie sich um halbautomatische Schusswaffen bem\u00fcht hatten. Sie waren schon in der Vergangenheit an faschistischen Attacken beteiligt und sollen f\u00fcr den 03. Oktober einen Angriff auf die \u201eEinheitsfeierlichkeiten\u201c geplant haben.</p><p><b>[6]</b> Bei der Gruppe \u201eNordadler\u201c fanden im April 2018 Hausdurchsuchungen statt. Sie hatten Listen mit pers\u00f6nlichen Daten von AntifaschistInnen sowie PolitikerInnen angelegt und sich in Chats \u00fcber Waffen und m\u00f6gliche Anschlagsziele ausgetauscht.</p><p><b>[7]</b> Andreas Hollstein ist Mitglied der CDU und B\u00fcrgermeister der westf\u00e4lischen Stadt Altena. Am 27. November 2017 stach ihm ein Mann mit einem Messer in den Hals und verletzte in gef\u00e4hrlich. Sein Motiv war die Politik gegen\u00fcber Gefl\u00fcchteten des CDU-Mannes. Sie war ihm zu \u201eliberal\u201c.</p><p><b>[8]</b> Henriette Reker ist parteilose Oberb\u00fcrgermeisterin von K\u00f6ln. Am Tag vor ihrer Wahl wurde sie bei einem Wahlkampftermin mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt. Auch hier wurde die Politik gegen\u00fcber Gefl\u00fcchteten als Motiv angegeben. Der T\u00e4ter war ein fr\u00fcheres Mitglied der ehemaligen faschistischen Partei FAP.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Eine Vorabver\u00f6ffentlichung."}, {"title": "\u201ewenig verbreitet oder bekannt, pro-kurdisch\u201c", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>\u201ewenig verbreitet oder bekannt,&nbsp;pro-kurdisch\u201c</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"A BVT lost in labyrinths\" height=\"420\" src=\"/media/images/sherlock_sucht_tirgendwas_mar.2e16d0ba.fill-840x420-c100.png\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">re:volt magazine</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Was ist eine Kommunistische Partei, gibt es mehrere von ihnen und wenn ja wie viele, sind alles nur Abspaltungen aus der einen Urpartei oder unabh\u00e4ngige Gew\u00e4chse, welche genau ist eine \u201eillegale bewaffnete Terrororganisation\u201c, wie wird man Mitglied einer solchen, wie leitender Verantwortlicher, kann man \u201eTerrorist\u201c sein ohne \u201eTerrorist\u201c zu sein (Achtung, die Dialektik!) und so weiter und so fort. Leser*innen unseres Magazins wissen, dass wir uns mit diesen und \u00e4hnlichen tiefsch\u00fcrfenden philosophischen Fragen besch\u00e4ftigen mussten, als letztes Jahr unser Kollege und Genosse Max Zirngast in der T\u00fcrkei festgenommen wurde. Ihm wurde vorgeworfen, Mitglied, ja sogar Ankara-Verantwortlicher einer omin\u00f6sen illegalen und bewaffneten \u201eTerrororganisation\u201c namens \u201eTKP/K\u201c (Kommunistische Partei der T\u00fcrkei/Funke) zu sein. Wir und vor allem die Kolleg*innen von der internationalen <a href=\"https://freemaxzirngast.org/\"><i>Solidarit\u00e4tskampagne #FreeMaxZirngast</i></a> w\u00e4lzten Order um Ordner, lasen Hunderte von Seiten, um herauszufinden, was an diesen Vorw\u00fcrfen dran ist. Zu unserer v\u00f6lligen \u00dcberraschung mussten wir feststellen: An den Vorw\u00fcrfen war ja gar nichts dran! Das Ganze war ein reines politisches Willk\u00fcrverfahren, um Oppositionelle mundtot zu machen!</p><p>Der t\u00fcrkische Staatsanwalt brauchte etwas l\u00e4nger: Aus dem Dornr\u00f6schenschlaf von Sultans\u2019 Gnaden erwacht, entdeckte er am 11. September 2019, exakt ein Jahr nach der Inhaftierung von Max Zirngast und Genoss*innen, urpl\u00f6tzlich das Hauptprinzip von Rechtsstaatlichkeit,<i> in dubio pro reo</i> (in Zweifel f\u00fcr den Angeklagten) und verlangte prompt den Freispruch f\u00fcr alle Angeklagten wegen Mangels an Beweisen. Der Richter war so baff angesichts der Argumentationsk\u00fcnste des Staatsanwaltes, dass er das Verfahren nach zehn Minuten fast wortlos beendete und dem Antrag des Staatsanwaltes stattgab, die Genoss*innen kamen frei \u2013 wie von Zauberhand, denn die Informationslage im Verfahren war die ganze Zeit \u00fcber dieselbe geblieben. Die T\u00fcrkei ist ein Land der Wunder, die Br\u00fccke zwischen Ost und West, das Land von politischer Massenhaft und sporadischem Freispruch. So oder so \u00e4hnlich k\u00f6nnten wir es wohl in einem orientalistischen Reisef\u00fchrer nachschlagen.</p><h2><b>Sultanat im Alpenland?</b></h2><p>Aber, jetzt kommt der Witz, es stellte sich heraus, dass der Sultan vom Bosphorus gar nicht nur in der ber\u00fchmten Meeresenge zwischen Asien und Europa haust \u2013 sondern auch mitten in Europa, zum Beispiel in der Alpenrepublik. Seine getreuen Janitscharen, die Grazer Staatsanwaltschaft und der \u00f6sterreichische Inlandsgeheimdienst BVT, lancierten n\u00e4mlich ebenfalls zur gleichen Zeit wie Ihro Majest\u00e4t ergebenster Staatsanwalt in Ankara ein \u201eTerrorverfahren\u201c gegen Max Zirngast in \u00d6sterreich. Das deckten die <a href=\"https://www.falter.at/zeitung/20191211/unter-terrorismusverdacht/_d7a70a9ea5\">Wochenzeitung<i> Falter</i></a> aus \u00d6sterreich und die <a href=\"https://freemaxzirngast.org/2019/12/ein-handfester-skandal-die-oesterreichischen-behoerden-und-der-fall-max-zirngast/\"><i>Solidarit\u00e4tskampagne #FreeMaxZirngast</i></a> nun auf. Und zwar mit denselben fadenscheinigen Gr\u00fcnden wie die politische Willk\u00fcrjustiz in der T\u00fcrkei. Da aber allein ein Nachplappern der t\u00fcrkischen Despotie v\u00f6llig langweilig w\u00e4re, legten sich die \u00f6sterreichischen Beh\u00f6rden ordentlich ins Zeug und erfanden in ihrer unzweifelhaften und unvergleichlichen Habsburger Weisheit einfach neue Dinge dazu. In \u201eVersicherung ihrer vorz\u00fcglichen Hochachtung\u201c vor den Kolleg*innen in der T\u00fcrkei, versteht sich. Auf einmal hie\u00df es, dass die \u201eTKP/K\u201c, deren Mitglied ja Max h\u00e4tte sein sollen, eigentlich eine Abspaltung der \u201eTKP/ML\u201c sei, die mit der \u201eTIKKO\u201c eine bewaffnete Guerillaarmee zwecks gewaltsamen Umsturzes der staatlichen Ordnung unterhalte. Viele Abk\u00fcrzungen mit T zu Beginn, wir verstehen die Verwirrung. Mehr Sekt und Popcorn bitte,<i> the show must go on</i>!</p><h2><b><i>re:volt</i></b><b> macht Geschichte</b></h2><p>Ob das nun der gr\u00f6\u00dfte Skandal der Zweiten Republik wird oder \u201eso an Kaffeehaus-Gschichtl\u201c am Rande einer wahnhaften Wiener Episode von Djuna Barnes\u2019 Erz\u00e4hlungen bleibt, das wird bekanntlich die Geschichte entscheiden. Aber auch wir haben hier mitzureden, denn es geht ums Ganze. Wie analysierte schon der alte Marx ganz richtig: \u201eDas<i> re:volt magazine</i> macht seine eigene Geschichte, aber es macht es nicht aus freien St\u00fccken, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und \u00fcberlieferten Umst\u00e4nden.\u201c Welche Umst\u00e4nde fanden wir nun vor? Ein kleines Nikolausgeschenk an uns, versteckt in den Akten des \u00f6sterreichischen Verfahrens gegen Max! Darin wurde uns der Ruhm und die Ehre zuteil, von einem angesichts seiner Leistungen offensichtlich extrem \u00fcberbezahlten \u00f6sterreichischen Inlandsgeheimdienst mit folgenden Worten gew\u00fcrdigt zu werden:</p><p>\u201e<i>... dass das Magazin Re:volt linksorientiert ist. Ihre Slogans lauten unter anderem Rebellion! Widerstand! Freiheit! Ihre Ideologie ist Internationalismus, Sozialismus und Marxismus. Prokurdisch. Die Artikel bzw. das Medium ist wenig verbreitet oder bekannt.</i>\u201c</p><p>In einer Sondersitzung, die wir als Redaktion nach Kenntnisnahme dieser Zuschreibungen einberiefen, versuchten wir herauszufinden, woher zur H\u00f6lle das BVT eigentlich auf die Idee kam, dass wir einen Slogan h\u00e4tten und dass der dann auch noch wie eine Kampfparole einer Mitgliedspartei der 4. Internationale klingt (hey Genosskis, nehmt\u2019s nicht pers\u00f6nlich!). Letztlich einigten wir uns auf eine postmoderne L\u00f6sung und sagten uns: Wo nichts ist, da kann ja noch was werden! Und hiermit erkl\u00e4ren wir \u00f6ffentlich und in Versicherung unserer vorz\u00fcglichen Hochachtung: Ab jetzt soll unser Kampfslogan \u201e<b>Rebellion! Widerstand! Freiheit!</b>\u201c hei\u00dfen, er soll unsere wehenden gelb-rot-gr\u00fcnen Fahnen des Internationalismus, Sozialismus und Marxismus schm\u00fccken und einst auch auf unseren Gr\u00e4bern geschrieben stehen.</p><p>Ansonsten verweisen wir auch noch gerne auf die Leistungen von Menschen, die viel schlechter bezahlt werden als das BVT, dabei aber viel profunderes Wissen zur t\u00fcrkischen Linken besitzen: Ein Blick in das von Nick Brauns und Murat \u00c7ak\u0131r herausgegebene Buch <a href=\"https://diebuchmacherei.de/produkt/partisanen-einer-neuen-welt-eine-geschichte-der-linken-und-arbeiterbewegung-in-der-tuerkei/\"><i>Partisanen einer neuen Welt. Eine Geschichte der Linken und Arbeiterbewegung in der T\u00fcrkei</i></a> vom letzten Jahr lohnt sich. Darin wird in allen Details die Geschichte der mehreren (!) TKPs, der TKP/ML, der TIKKO, und der vieler, vieler anderer linker Str\u00f6mungen und Organisationen in der Geschichte der modernen T\u00fcrkei erz\u00e4hlt (hey BVT, einfach das n\u00e4chste Mal die paar Euro investieren und mal was wirklich lernen!). Wir haben Ausz\u00fcge aus dem Buch zu \u201eDoktor\u201c Hikmet K\u0131v\u0131lc\u0131ml\u0131, seinen Nachfolgern und den wenigen Informationen, die die Herausgeber zur TKP/K finden konnten, zusammengetragen und mit freundlicher Erlaubnis der Herausgeber ebenfalls letztes Jahr als Artikel unter dem Titel \u201e<a href=\"https://revoltmag.org/articles/diagnosen-eines-doktors-zur-geschichte-einer-kommunistischen-tradition-der-t%C3%BCrkei/\">Diagnosen eines Doktors \u2013 Zur Geschichte einer kommunistischen Tradition in der T\u00fcrkei</a>\u201c ver\u00f6ffentlicht. Es w\u00e4re so einfach gewesen\u2026</p><p>Und zum Schluss mal ganz ohne Zynismus: Wir als Redaktion des<i> re:volt magazine</i>s versprechen, genau so weiter zu machen wie bisher und uns nicht kleinkriegen oder ablenken zu lassen von irgendwelchen regionalen Despoten oder ihren willf\u00e4hrigen Speichelleckern im Zentrum des imperialistischen Weltsystems. Wie wir schon in unserem <a href=\"https://revoltmag.org/about/\">Selbstverst\u00e4ndnis</a> festhalten:</p><p>\u201e<i>Die Zeichen stehen auf Sturm: Seit dem Untergang der sozialistischen Staaten des Ostblocks w\u00fctet der Kapitalismus ungehindert in allen Teilen des Erdballs. Nicht nur pl\u00fcndern die reichsten L\u00e4nder der Welt nach wie vor ungehemmt den globalen S\u00fcden aus und halten damit einen Gro\u00dfteil der Weltbev\u00f6lkerung in bitterer Armut gefangen. Auch die Kriegsf\u00fchrung der imperialistischen Staaten hat sich seit 1990 versch\u00e4rft. [\u2026] Parallel zu dieser imperialistischen Weltmachtpolitik, in der auch Deutschland wieder kr\u00e4ftig mitmischt, wird seit nunmehr \u00fcber 40 Jahren ein ungeheurer Angriff auf die Errungenschaften der Arbeiter_innenbewegung in den imperialistischen Zentren seitens des Kapitals unter dem Deckmantel des \u201eNeoliberalismus\u201c vollzogen. Im Zuge dieser Entwicklung schreitet die Reaktion \u00fcberall voran und auch die grundlegendsten demokratischen Rechte werden zunehmend eingeschr\u00e4nkt. [...] Andererseits nehmen die Menschen ihr Schicksal nicht einfach hin, sondern k\u00e4mpfen um ihre Zukunft. Von Rojava \u00fcber die Bolivarische Revolution und den transformierten Kampf der FARC-EP, \u00fcber #BlackLivesMatter, Gezi, Occupy Wall Street und #15M, dem Kampf gegen Hartz I-IV, gegen Wohnungsnot und Mietenwahnsinn, gegen Gewalt an Frauen und an LGBTQ* oder den massenhaften Platzbesetzungen wie am Syntagma oder Tahrir-Platz: In diesen und vielen weiteren K\u00e4mpfen und Orten f\u00fchrten und f\u00fchren die Unterdr\u00fcckten und Ausgebeuteten den unerm\u00fcdlichen Kampf um ihre Befreiung.</i>\u201c</p><p>Insofern rufen wir auf zu:<b> Rebellion! Widerstand! Freiheit!</b></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Im Hinblick auf ihre Ursachen tun sie dies allerdings nicht: Korruption auf allen Ebenen der Politik, hohe Arbeitslosigkeit und miserable Lebensbedingungen des Gro\u00dfteils der Bev\u00f6lkerung sind die \u00fcbergreifenden Quellen der sozialen Spannungen, die sich nun entladen. Die <a href=\"https://www.rosalux.de/news/id/41085/der-aufstand-der-arbeitslosen/\">Proteste</a> l\u00e4uten eine tiefe soziale und politische Krise ein, deren Folgen weit \u00fcber den Irak hinausreichen. In den <a href=\"https://www.rosalux.de/news/id/40919/die-bewegung-braucht-fuehrung-organisation-und-klare-perspektiven/\">vergangenen Jahren</a> kam es immer wieder zu Protesten, die auf diese oder jene Weise niedergeschlagen und beschwichtigt wurden. Diesmal jedoch scheint beides nicht mehr m\u00f6glich zu sein.</p><p>Am 1. Oktober 2019 explodierten die ersten Demonstrationen gegen die irakische Regierung und insbesondere gegen den 77-j\u00e4hrigen Premierminister Adel Abdel Mahdi, der 2018 sein Amt angetreten hatte. Die Demonstrationen nahmen in der irakischen Hauptstadt Baghdad ihren Anfang und weiteten sich von dort in weitere Provinzen, haupts\u00e4chlich in den mehrheitlich schiitischen S\u00fcden, aus. Konkret wurde der R\u00fccktritt Abdel Mahdis gefordert, der f\u00fcr die Protestierenden jedoch nicht nur die Regierung repr\u00e4sentiert. Von Anfang an wurde deutlich, dass er als Teil eines \u00fcber ihn hinausgehenden politischen Gleichgewichts zwischen staatlichen und nicht-staatlichen politischen Akteuren die \u201eherrschende Ordnung\u201c als Ganzes symbolisiert. Das passiert nicht zuletzt deshalb, weil dieses Akteure in der \u201eau\u00dferirdischen\u201c <i>Green Zone</i> (einem hochmilitarisierten Stadtteil Baghdads, Anm. Red) lokalisiert werden, in der die wesentlichen Institutionen der Macht ihr Dasein hermetisch abgeschottet und vermeintlich unabh\u00e4ngig vom Rest der Stadt und des Landes fristen.</p><p>Die tiefen Risse, die durch die Proteste einerseits sichtbar gemacht wurden und die diese andererseits in die Herrschaftsstruktur geschlagen haben \u2013 und das politische System damit in eine umfassende Krise st\u00fcrzten \u2013, erkl\u00e4ren sich zum Gro\u00dfteil aus den verschobenen gesellschaftlichen Konfliktlinien: Die konfessionellen und ethnischen Feindseligkeiten, die insbesondere mit der US-Besatzung im Jahr 2003 institutionalisiert wurden, l\u00f6sen sich mit den Protesten nach und nach auf und sind nicht durch bislang gewohntes Vorgehen zu \u00fcbert\u00fcnchen. Letzteres l\u00e4sst sich beispielsweise an den Reaktionen der Sicherheitskr\u00e4fte erkennen. Innerhalb der ersten drei Tage der Proteste z\u00e4hlte man bereits 38 Tote und hunderte Verletzte. Streitkr\u00e4fte der irakischen Regierung (Polizei und Armee) und Paramilit\u00e4rs, die auf Befehl der iranischen Milizen intervenieren, schossen mit Tr\u00e4nengaskanistern und scharfer Munition auf die protestierenden Menschenmengen. Ihre gnadenlose Antwort auf die Proteste stellt den unmittelbaren Grund f\u00fcr die Eskalation des Konfliktes dar und ebnete den Weg f\u00fcr einen massenhaften Aufstand gegen die herrschende politische und soziale Lage im Allgemeinen.</p><p>Die Gewalt der irakischen Sicherheitskr\u00e4fte gegen die Protestierenden eskalierte noch einmal <a href=\"https://www.aljazeera.com/news/2019/11/iraq-security-forces-kill-protesters-nasiriyah-army-deploys-191128084334582.html\">Ende November</a>. In Nasiriya, im S\u00fcden des Landes, wurden 29 Menschen bei der Blockade einer Br\u00fccke get\u00f6tet; in Najaf wurden 45 Menschen get\u00f6tet, als die Protestierenden das iranische Konsulat st\u00fcrmten; in Bagdad verloren schlie\u00dflich vier Menschen das Leben. Die Sicherheitskr\u00e4fte hatten mit scharfer Munition geschossen.</p><h2><b>Verelendung der Massen und Korruption</b></h2><p>Die protestierenden Massen befinden sich offensichtlich zwischen dem Hammer der brutalen Unterdr\u00fcckung und dem Amboss der nicht zu ertragenden Lebensverh\u00e4ltnisse. Wie ist es dazu gekommen?</p><p>Gro\u00dfe Teile der irakischen Gesellschaft leiden unter akutem Mangel der Befriedigung von Grundbed\u00fcrfnissen: zumutbarer Wohnraum, Nahrungs-, Elektrizit\u00e4ts- und Wasserversorgung, Bildung, Gesundheit, Mobilit\u00e4t, Sicherheit und so weiter. Ein Blick auf die <a href=\"https://www.mediapart.fr/journal/international/101119/irak-une-economie-ravagee-par-pres-de-quatre-decennies-de-conflits\">\u00f6konomische Struktur und Entwicklung des Irak</a> l\u00e4sst schnell erkennen, weshalb das der Fall ist. In Folge von Krisen, Kriegen und Sanktionen \u00fcber einen Zeitraum von 40 Jahren hinweg sind die Kapazit\u00e4ten der allgemeinen Waren- und Dienstleistungsproduktion im Irak im Grunde komplett zerst\u00f6rt worden. Durch die neoliberale \u00d6ffnung der Wirtschaft im Zuge der Besatzung und Teil des Plans seitens der USA, den Irak zu einem neuen Modell des Regime-Changes umzuformen \u2013 inklusive Integration in den Weltmarkt, wurden die verbleibenden Reste der Produktion einer globalen Konkurrenz ausgesetzt. Dies beschleunigte den <a href=\"http://nena-news.it/iraq-the-revolution-against-sectarian-system-and-for-social-justice/\">Zerfallsprozess</a> weiter.</p><p>Die <a href=\"https://www.mediapart.fr/journal/international/101119/l-irak-fusionne-enfin-dans-un-souffle-revolutionnaire\">Kriege und Krisen</a>, wie zuletzt der Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) 2014 bis 2017, sorgten auch daf\u00fcr, dass derzeit die Entwicklung eines produktiven Sektors unm\u00f6glich scheint. Zu den Folgen z\u00e4hlen zum einen f\u00fcnf Millionen Binnengefl\u00fcchtete, die zum gro\u00dfen Teil noch immer unter extrem prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen in Lagern leben m\u00fcssen. Andererseits verst\u00e4rken derartige Konflikte auch die Zerst\u00f6rung der Produktivkr\u00e4fte, indem ihre Grundlagen wie elektrische Versorgung, M\u00f6glichkeiten des Warentransports und so weiter unterbunden werden.</p><p>Mit dem Zerfallsprozess ging auch ein <a href=\"https://tradingeconomics.com/iraq/imports\">starker Anstieg des Imports</a> von Produkten des allt\u00e4glichen Konsums einher. Schien der Wert der importierten Waren vor dem Hintergrund der Sanktionen vor dem Krieg 2003 mit etwa zehn Milliarden US-Dollar bereits betr\u00e4chtlich, betr\u00e4gt er mittlerweile knapp 60 Milliarden US-Dollar. Das von Zeit zu Zeit feststellbare Wirtschaftswachstum geht dabei direkt auf den Output der <a href=\"https://www.imf.org/~/media/Files/Publications/CR/2019/1IRQEA2019002.ashx\">Erd\u00f6lproduktion</a> zur\u00fcck. 2018 machte der Erd\u00f6lsektor 61 Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts aus. Der Anteil der Erd\u00f6lproduktion am gesamten Export belief sich indes auf ungeheure 99.6 Prozent. Zwischen 2003 und 2018 wurden durch den Verkauf von Erd\u00f6l 850 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet. 2018 deckten die Einnahmen durch Erd\u00f6lexporte 92 Prozent des budgetierten Haushaltes, w\u00e4hrend im Hinblick auf die <a href=\"https://assets.publishing.service.gov.uk/media/5b6d747440f0b640b095e76f/Inclusive_and_sustained_growth_in_Iraq.pdf%20\">Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse</a> nur ein Prozent der arbeitenden Bev\u00f6lkerung in diesem Sektor ihr Einkommen generierten.</p><p>Die \u00f6konomische Struktur des Iraks wird im Wesentlichen durch eine doppelte Abh\u00e4ngigkeit \u2013 genauer gesagt von Warenimporten und Erd\u00f6lexporten \u2013 und durch Kriege bestimmt. Die sozialen Folgen sind Vertreibung, Massenarbeitslosigkeit, Armut. Letztere nahm innerhalb von vier Jahren rasant zu, sie stieg von 18 Prozent im Jahr 2014 auf 22 Prozent im Jahr 2017, wobei zu vermuten ist, dass die realen Verh\u00e4ltnisse diese offiziell erhobenen Zahlen weit \u00fcbersteigen. Innerhalb eines Jahres (2014) gingen zudem die Einkommen der Lohnabh\u00e4ngigen um 14.9 Prozent zur\u00fcck. Doch die Armut dr\u00fcckt sich nicht nur monet\u00e4r aus. Sie ber\u00fchrt auch die \u201equalitativen\u201c Elemente in Form der Grundbed\u00fcrfnisse, obwohl die Regierung die <a href=\"http://www.bayancenter.org/en/2018/03/1461/\">Investitionen in derlei Infrastruktur</a> stark ausgeweitet hat. Auch weite Teile der Mittelschicht sind davon betroffen.</p><p><a href=\"https://www.cnbc.com/2019/01/30/iraqs-massive-2019-budget-still-fails-to-address-reform-needs.html\">Das Regierungsbudget</a> stieg 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 45 Prozent, w\u00e4hrend 90 Prozent davon durch Erd\u00f6lexporte finanziert wird. \u00dcber die H\u00e4lfte des erh\u00f6hten Budgets flie\u00dft in Form von L\u00f6hnen an verschiedenste zivile und milit\u00e4rische Organe des Staates. Ein gro\u00dfer Teil geht an die Milizen und die restlichen Sicherheitskr\u00e4fte, die nun auch an der Niederschlagung der Proteste beteiligt sind. Ein weiterer flie\u00dft in die staatlichen Unternehmen, die eigens f\u00fcr die Bereitstellung der Infrastrukturdienstleistungen gegr\u00fcndet wurde. 2017 arbeiteten ca. eine <a href=\"https://www.mediapart.fr/journal/international/101119/irak-une-economie-ravagee-par-pres-de-quatre-decennies-de-conflits\">halbe Million Angestellte</a> in diesen Unternehmen. Es wird gesch\u00e4tzt, dass insgesamt etwa f\u00fcnf Millionen Menschen direkt und indirekt abh\u00e4ngig von diesen L\u00f6hnen sind. Insofern verspricht die Kontrolle eines Ministeriums f\u00fcr politische Akteure den lukrativen Zugriff auf Finanzquellen, um Strukturen und Positionen zu festigen und Einfluss geltend zu machen. Sch\u00e4tzungen zufolge sind seit 2003 etwa 450 Milliarden US-Dollar in den Korridoren dieses Apparates versickert. Angesichts dieser Dimensionen und der Verelendung im Lichte dieses enormen Reichtums war es also nur eine Frage der Zeit, bis \u201edie Stra\u00dfe\u201c Rechenschaft fordern sollte.</p><h2><b>Br\u00fcche im Machtapparat und globale Einbindungsversuche</b></h2><p>Der durch die Proteste entstandene Druck hat die internen Br\u00fcche des Machtapparates zutage gef\u00f6rdert und den Konsens \u00fcber die Verteilung der Macht vor allem innerhalb des Staates durcheinandergebracht. Alle relevanten politischen Akteure wurden dazu gezwungen, sich zu bewegen und Stellung zu beziehen.</p><p>Als klar wurde, dass der anfangs kleine Aufstand sich aufgrund der exorbitanten Gewalt und ihr zum Trotz rasch in Massenaufst\u00e4nde verwandelte, war es <a href=\"https://www.unz.com/pcockburn/who-is-muqtada-al-sadr/\">Muqtada as-Sadr</a> (ein nationalistischer shiitischer Geistlicher, Anm. Red.) der sich als erster \u00f6ffentlich gegen die Reaktion der Regierung und des Sicherheitsapparates \u00e4u\u00dferte. Das \u00fcberrascht nicht, da Sadrs Bewegung die revoltierenden und mehrheitlich schiitischen und verelendeten Massen bis dato vermeintlich repr\u00e4sentierte und unter Kontrolle zu haben schien. Im Grunde war es seine Basis, die auf die Barrikaden ging.</p><p>F\u00fcr die Regierung, an der seine Bewegung als gr\u00f6\u00dfte parlamentarische Fraktion beteiligt und mit f\u00fcnf Ministerien vertreten ist, zeichnete sich eine tiefe Krise ab. Sie wurde Ende Oktober dann auch \u00f6ffentlich verhandelt, als Sadr den amtierenden Premierminister Mahdi zum <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-iraq-protests-sadr-idUSKBN1X71JU\">R\u00fccktritt aufforderte</a>. Dieser erinnerte Sadr daran, dass man ihm offensichtlich nicht die <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-iraq-protests-sadr/iraqs-sadr-calls-on-rival-to-join-him-in-ousting-pm-idUSKBN1X825R\">alleinige Verantwortung</a> f\u00fcr das harsche Vorgehen gegen die Aufst\u00e4nde geben k\u00f6nne \u2013 er sprach letztlich ganz im Sinne der Protestierenden, die sich gegen den Machtapparat als Ganzes erhoben haben.</p><p><a href=\"https://www.nasnews.com/%D8%A7%D9%84%D8%B5%D8%AF%D8%B1-%D9%8A%D8%B1%D8%AF-%D8%B9%D9%84%D9%89-%D8%B9%D8%A8%D8%AF-%D8%A7%D9%84%D9%85%D9%87%D8%AF%D9%8A-%D9%83%D9%86%D8%AA-%D8%A3%D8%AD%D8%A7%D9%88%D9%84-%D8%AD%D9%81%D8%B8/\">Sadrs Antwort</a>, dass Mahdi das Angebot h\u00e4tte annehmen und w\u00fcrdevoll abtreten sollen, schien den Bruch innerhalb der Regierung zu besiegeln. Er brachte zudem seine Beziehung zur zweitgr\u00f6\u00dften parlamentarischen Fraktion, der Haschd al-Shaabi und dessen Anf\u00fchrer Hadi Amiri in Anschlag, der sich bereit erkl\u00e4rte, Folge zu leisten. Am selben Tag nahm Sadr an <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/10/iraq-protests-iran-abdul-mahdi-muqtada-sadr-hadi-amiri.html\">Protesten in Najaf</a> teil, um sich weiter von der Regierung zu distanzieren und den Verdacht der Mitschuld seiner Bewegung zu verkl\u00e4ren. Sadr ist seit jeher daf\u00fcr bekannt, in der Lage zu sein, seine Positionen prompt zu ver\u00e4ndern, ohne gr\u00f6\u00dfere Konflikte mit Verb\u00fcndeten oder seiner eigenen Organisation aufkommen zu lassen. Diesmal jedoch erhoben sich auf Seiten der Protestierenden und innerhalb seiner Bewegung viele Stimmen, die Sadrs Glaubw\u00fcrdigkeit \u00f6ffentlich anzweifelten. Sie sind wohl der Grund daf\u00fcr, dass er sich seither nicht mehr wirklich zu den Entwicklungen ge\u00e4u\u00dfert hat.</p><p>Ein weiterer Grund daf\u00fcr ist die <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2019/11/22/irak-silbastan-kurtler-sifirlanir-mi/\">Reaktion</a> des Iran, die Krise durch die Festigung der Machtverh\u00e4ltnisse mittels Vermittlung zwischen den Konfliktparteien zu l\u00f6sen. Der Iran macht seinen Einfluss meist auf diese Weise geltend. Der Minimalkonsens, der bei Hintergrundverhandlungen augenscheinlich erreicht wurde und auch Sadr einschlie\u00dft, ist die erneute Sammlung aller relevanter Kr\u00e4fte inklusive der Haschd hinter Premierminister Mahdi. Am 9. November wurde ein Abkommen mit dem Ziel unterzeichnet, den Premierminister Mahdi in seinem Amt zu best\u00e4tigen. Die Treffen wurden vom Kommandeur der al-Quds-Einheiten der iranischen Revolutionsgarde Qasem Soleimani gef\u00fchrt. Neben Sadr und Amiri nahm auch Mohammed Ridha Sistani teil, der Sohn des h\u00f6chsten schiitischen W\u00fcrdetr\u00e4gers, Grossayatollah Ali as-Sistani.</p><p>Der Irak stellt gleichzeitig den wichtigsten konkreten Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen dem Iran und den USA dar. Abgesehen von Drohnenangriffen seitens Israel auf iranisch-milit\u00e4rische Kr\u00e4fte im Irak spielt dieser in der <a href=\"https://elyazmalari.com/2019/08/15/savasa-10-dakika-var-1/\">Verteidigungsstrategie</a> des Irans eine zentrale Rolle. Im November 2018 erkl\u00e4rten die USA unter Trump das \u2013 von der Vorg\u00e4ngerregierung Obama mit dem Iran und weiteren internationalen Akteuren ausgehandelte \u2013 \u201eAtomabkommen\u201c f\u00fcr nichtig und erh\u00f6hte die Angriffe auf den Iran, sowohl in quantitativer wie qualitativer Hinsicht. Als Teil ihrer Strategie der \u201e<a href=\"https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/8060/\">Sanktionskriege</a>\u201c, die unter anderem auch in Venezuela, Kuba und Syrien gef\u00fchrt werden, verh\u00e4ngten sie die bis dato h\u00e4rtesten und umfassendsten kollektiven <a href=\"https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/7774/\">Sanktionen gegen den Iran</a>. Im Falle eines milit\u00e4rischen Angriffs seitens der USA und dessen Hauptverb\u00fcndeten Israel und Saudi Arabien muss der Iran in der Lage sein, zur\u00fcckzuschlagen. Das bedeutet, die Front m\u00f6glichst weit in die Breite zu ziehen: von Afghanistan und Pakistan im Osten bis ans Mittelmeer im Westen und den Persischen Golf und das Arabische Meer im S\u00fcden. So ist es m\u00f6glich, den Feind zu besch\u00e4ftigen, seine Kr\u00e4fte zu binden und ein Minimum an Kontrolle und Zeit zu gewinnen, um diplomatische L\u00f6sungen zu finden, da sich die iranische F\u00fchrung keine Illusionen \u00fcber einen milit\u00e4rischen Sieg macht.</p><p>Die USA betrachten den <a href=\"https://www.middleeasteye.net/opinion/there-hidden-agenda-behind-protests-iraq-and-lebanon\">Aufl\u00f6sungsprozess der Regierung</a> als Chance, die Karten neu zu mischen und den Iran angesichts seiner Vermittlungsinitiative im Irak zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Sie unterst\u00fctzen die Initiative der Vereinten Nationen, Neuwahlen unter ihrer Aufsicht abzuhalten und Reformen innerhalb des Staates zu begleiten. In Anbetracht des gro\u00dfen Legitimit\u00e4tsverlustes der politischen Eliten als Ganzes scheint der Spielraum, der sich den USA vor dem Hintergrund von Neuwahlen bietet, eine Gelegenheit zu sein, die sie nicht verpassen d\u00fcrfen.</p><p>Die Initiative wird im Irak seitens des obersten Klerikers Ali al-Sistani getragen \u2013 w\u00e4hrend der Sohn des Gro\u00dfayatollahs den Aufl\u00f6sungsprozess unterst\u00fctzt. Daran ist die Tiefe der politischen Krise zu erkennen, die weit \u00fcber das Parlament hinausreicht, zumal al-Sistani gro\u00dfe moralische Autorit\u00e4t innerhalb der schiitischen Massen genie\u00dft und sich nur selten politisch \u00e4u\u00dfert. Die Verurteilung der Gewaltakte der irakischen Sicherheitskr\u00e4fte gegen die Protestierenden dr\u00e4ngten Premierminister Mahdi am 30. November dazu, dem Parlament seine <a href=\"https://www.aljazeera.com/news/2019/11/iraqi-pm-abdul-mahdi-submits-resignation-parliament-191130194657666.html\">R\u00fccktrittbereitschaft</a> vorzulegen welche vom <a href=\"https://www.aljazeera.com/news/2019/12/iraq-pm-offer-quit-country-191201092331173.html\">Parlament</a> dann am 1. Dezember auch tats\u00e4chlich angenommen wurde. Es handelt sich sicherlich um einen ersten Erfolg f\u00fcr die Bewegung; ein Sieg jedoch, der die Proteste kaum eind\u00e4mmen wird.</p><p>Was in den \u00f6ffentlichen Institutionen seither diskutiert wird, sind mehr oder weniger umfassende Reformen im Hinblick auf das Wahlrecht, <a href=\"https://www.bloomberg.com/opinion/articles/2019-11-19/corruption-is-not-the-root-of-the-arab-world-s-problems\">Korruptionsbek\u00e4mpfung</a> und weitere Verfassungs\u00e4nderungen. Sie stellen in den Augen der Protestierenden jedoch nichts weiter als Beschwichtigung dar. Aus diesem Grund halten sie ihren Aufstand bis heute am Leben und wissen, dass alle etablierten Akteure Teil des Problems und nicht Teil der L\u00f6sung sind.</p><h2><b>Eine \u201eBaghdader Kommune\u201c?</b></h2><p>Die aktuellen Proteste werden von einigen Kommentator*innen als die <a href=\"https://www.independent.co.uk/voices/iraq-protests-baghdad-adil-abdul-mahdi-revolution-a9142826.html\">gr\u00f6\u00dften Proteste</a> seit der \u00c4ra Saddam Husseins bezeichnet. Hervorzuheben sind diejenigen Aspekte der Proteste, die Hinweise auf einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel liefern. Sicherlich stellt diesbez\u00fcglich der 25. Oktober 2019 eine Z\u00e4sur dar: Nach dem Beginn der neuen Protestwelle fanden regelm\u00e4\u00dfige, fast <a href=\"https://www.rosalux.de/news/id/41228/vom-libanon-bis-zum-irak-von-bagdad-nach-beirut/\">t\u00e4gliche Demonstrationen und Stra\u00dfenblockaden</a> statt. Seit dem 25. Oktober jedoch ist der Tahrir-Platz in Baghdad permanent besetzt und mittlerweile hat er sich zu einem selbstorganisierten Zeltplatz verwandelt. Die gewaltt\u00e4tige Reaktion der Regierung gegen\u00fcber den Protesten hat seither zwar erneut hunderte Tote und tausende Verletzte gefordert, doch dies schw\u00e4cht die Proteste nicht ab; im Gegenteil, sie betreffen einen immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Anteil der Bev\u00f6lkerung und entwickeln sich selbstorganisiert. Es handelt sich dabei um eine qualitative Ver\u00e4nderung, um einen Ausdruck von Kreativit\u00e4t und von kollektiv entwickelten, neuen sozialen Normen. Es ist eine Organisierung von unten, welche in nur wenigen Wochen an Kraft gewonnen hat.</p><p>F\u00fcr viele Demonstrierende stellt der <a href=\"https://www.aljazeera.com/news/2019/11/protesters-tahrir-square-iraq-191111195848776.html?fbclid=IwAR0r94G07bgw2GqOxmIApcqYKcThcPGwmoiAOnPUk7x60-TY0ZyjftwCpPM\">Tahrir-Platz</a> heute tats\u00e4chlich all das zur Verf\u00fcgung, was der irakische Staat Jahrzehnte lang nicht tat: Gesundheitsversorgung, Verteilung von Essen, Aufnahme von Armen, Bildung und Anerkennung aller gesellschaftlich notwendigen T\u00e4tigkeiten \u2013 all diejenigen sozialen Dienste also, f\u00fcr welche die Menschen auf die Stra\u00dfe gehen. Von Beginn an nehmen <a href=\"https://www.aljazeera.com/news/2019/11/iraqi-women-protesting-future-191121104303697.html\">Frauen</a> massenhaft an den Protesten teil. Die wachsende Vorreiter*innenrolle der Frauen ist beeindruckend: In den Protesten der letzten Jahren kamen frauenspezifische Forderungen kaum zum Ausdruck, Frauen wurden schlicht als Anh\u00e4ngsel der Familie betrachtet und sie beteiligten sich auch in dieser Position an den Protesten. Heute agieren sie hingegen also autonome, politische Subjekte, die eine tragende Rollen in der Tahrir-Platz-Besetzung innehaben und konkrete Forderungen \u00e4u\u00dfern, in erster Linie in Bezug auf Rechtsgleichheit und gleiche gesellschaftliche Beteiligungsm\u00f6glichkeiten.</p><p>Unter den Zelten, die das Bild des Tahrir-Platzes zurzeit pr\u00e4gen, bieten \u00c4rzt*innen und Pfleger*innen ihre Dienste an und behandeln sowohl verletzte Demonstrant*innen, als auch diejenigen, die keine M\u00f6glichkeiten haben, sich im Gesundheitssystem behandeln zu lassen. Das daf\u00fcr notwendige medizinische Material wird durch Spenden von Apotheken zur Verf\u00fcgung gestellt.</p><p>Auch die <a href=\"https://ilmanifesto.it/un-nuovo-iraq-librerie-scioperi-e-pozzi-di-petrolio-occupati/\">Student*innen</a> beteiligen sich an den Protesten. Sie haben zusammen mit den Lehrer*innen in den St\u00e4dten des S\u00fcdens gestreikt. Ihre Pr\u00e4senz auf dem Tahrir-Platz tr\u00e4gt zur Entwicklung einer Bildung von unten bei. In einem leerstehenden Geb\u00e4ude am Platz, dem <i>Turkish Restaurant</i>, wurde eine Bibliothek mit B\u00fcchern in arabischer und englischer Sprache er\u00f6ffnet. Es handelt sich dabei nicht nur um eine Antwort auf die realen Probleme des \u00f6ffentlichen Bildungssystems, denn der Analphabetismus unter den Jugendlichen ist weit verbreitet und die Schulklassen z\u00e4hlen bis zu 50 Sch\u00fcler*innen; die jungen Aktivist*innen der Bibliothek sind auch von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung f\u00fcr die <a href=\"https://www.opendemocracy.net/en/north-africa-west-asia/a-country-is-in-the-making-report-from-baghdads-occupied-tahrir-square/\">Logistik der Proteste</a>: Sie k\u00fcmmern sich um die Sauberkeit auf dem Tahrir-Platz, stellen Duschm\u00f6glichkeiten zur Verf\u00fcgung und garantieren die Sicherheit der Besetzung.</p><p>Dar\u00fcber hinaus wird unter den Zelten kollektiv gekocht und das Essen kostenlos allen Anwesenden verteilt. Aus der Nachbarschaft beteiligen sich zahlreiche Familien an der Verteilung von Lebensmitteln. In den leerstehenden Geb\u00e4uden rund um den Tahrir-Platz haben sich Obdachlose einquartiert und somit eine sichere Unterkunft gefunden. Allgemein besteht ein hohes Sicherheitsgef\u00fchl in der Platzbesetzung, worauf die Protestierenden besonders bedacht sind. Und mittlerweile gibt es auch schon gedruckte Zeitungen, die als Sprachrohr f\u00fcr die Stimmen des Platzes fungieren.</p><p>F\u00fcr die Proteste von zentraler Bedeutung bleiben weiterhin die Tuk-Tuk Fahrer*innen, die weit verbreiteten Dreirad-Taxis f\u00fcr \u00e4rmere Leute, die sich kein Auto-Taxi leisten k\u00f6nnen. Es handelt sich dabei meist um unter 18-J\u00e4hrige, die aus den untersten Gesellschaftsschichten kommen, kaum berufliche und soziale Zukunftsperspektiven haben und von der Hand in den Mund leben. Durch die Solidarit\u00e4t mit den Ambulanzen, die w\u00e4hrend der Proteste nicht in der Lage waren, all die verletzten Demonstrierenden in die Krankenh\u00e4user zu bringen, erlangten sie \u2013 wie viele andere marginalisierten Gruppen \u2013 eine soziale Anerkennung. Dieser Punkt ist insofern von gro\u00dfer Bedeutung, als sich dadurch Perspektiven und M\u00f6glichkeiten auf eine alternative Zukunft beziehungsweise auf eine neue Gesellschaft auftun.</p><p>Bei den <a href=\"https://www.rosalux.de/news/id/40919/die-bewegung-braucht-fuehrung-organisation-und-klare-perspektiven/\">im August stattgefundenen Protesten</a> im Irak fehlte es noch an F\u00fchrung, Organisation und klaren Perspektiven. Heute scheinen diese M\u00e4ngel Dank der Besetzung des Tahrir-Platzes und den sich darin entwickelten Instrumenten der Selbstorganisation zumindest teilweise \u00fcberwunden zu sein.</p><h2><b>Perspektiven der Demokratisierung</b></h2><p>Bei den irakischen Protesten handelt es sich also um weitaus mehr als nur um einen neuen <a href=\"https://roarmag.org/essays/arab-spring-achcar-interview/\">\u201eFr\u00fchling\u201c</a>; die Protestierenden charakterisieren ihre Bewegung vielmehr als \u201e(Oktober-)Revolution\u201c. Die desillusionierten Menschen im Irak haben durch den sowohl radikalen wie auch offenen Charakter der Proteste an politischer Kraft und Zukunftshoffnung gewinnen k\u00f6nnen. Wie grundlegend und weitreichend der Wandel des Bewusstseins der Protestierenden ist, erkennt man an der Verschiebung der Konfliktlinien und der Art der Opposition, samt ihren Folgen: Die politischen Akteure als Ganzes stellen f\u00fcr die Protestierenden das Problem dar. Dieser Aspekt ist deshalb von gr\u00f6\u00dfter Wichtigkeit, weil dadurch die M\u00f6glichkeit entsteht, den unglaublich tiefen konfessionellen Charakter der Konflikte zu \u00fcberwinden, der die Protestdynamiken der vergangenen Jahrzehnte bestimmte. Er wird bereits von den Protestierenden praktisch und t\u00e4glich \u00fcberwunden und stellt die Unm\u00f6glichkeit der Weiterf\u00fchrung konfessioneller Politik unter Beweis. Kaum jemand hatte eine solche Entwicklung erwartet. Doch pl\u00f6tzlich ist sie Realit\u00e4t und hat insofern den Namen \u201eRevolution\u201c verdient; denn gestern noch war es ohne gr\u00f6\u00dferes Ungl\u00fcck m\u00f6glich, das Leben zu verlieren, weil man zur falschen Zeit und am falschen Ort der falschen Konfession angeh\u00f6rte. Allerdings: der irakische Machtapparat wird diesbez\u00fcglich das \u201eUnm\u00f6gliche\u201c versuchen. Um am Leben zu bleiben wird er weiterhin mit gewaltsamer Unterdr\u00fcckung reagieren \u2013 und auch darauf m\u00fcssen sich die Protestierenden einstellen.</p><p>Die aktuelle <a href=\"https://revoltmag.org/articles/es-ist-notwendig-den-willen-der-menschen-von-unten-zu-erkennen/\">Protestwelle im Mittleren Osten und in Nordafrika</a> kann Hinweise auf m\u00f6gliche politische Ausg\u00e4nge des irakischen Protests geben. Im Sudan und in Algerien haben die sozialen Bewegungen die Proteste und Mobilisierung lange aufrechterhalten, um so zu vermeiden, von Teilen der Regimes instrumentalisiert zu werden. Im Sudan konnte schlie\u00dflich die <i>Sudanese Professionals Association</i> (SPA), eine Dachorganisation von 17 sudanesischen Gewerkschaften, die Stimmen der Pl\u00e4tze vereinen und so als von den Protesten legitimierter politischer Akteur mit dem Milit\u00e4r Verhandlungen f\u00fcr den demokratischen \u00dcbergang f\u00fchren. In Algerien hingegen wurde bewusst darauf verzichtet, eine breit abgest\u00fctzte politische Kraft zu gr\u00fcnden, um mit dem Regime einen demokratischen \u00dcbergang zu organisieren. Hier werden weiterhin Neuwahlen abgelehnt und die radikale Erneuerung des politischen Systems gefordert, welches mittels einer konstituierende Versammlung organisiert werden soll. In \u00c4gypten schlie\u00dflich unterdr\u00fcckte das Regime von al-Sisi die aufkommende Bewegung von Beginn an gewaltsam. Die Festnahme von Tausenden von politischen Aktivist*innen schr\u00e4nkte die Wiederbelebung der sozialen Bewegung noch einmal massiv ein und erstickte sie letztlich relativ schnell im Keim.</p><p>Der Ausgang der Proteste im Irak wird ebenfalls im Wesentlichen von einem machtinternen und von einem bewegungsinternen Faktor abh\u00e4ngig sein. Was den ersten betrifft, so haben mit Blick auf den Irak die Parlamentswahlen im Jahr 2018 die Karten neu gemischt: Die populistischen Kr\u00e4fte um al-Sadr wurden in den institutionellen Machtapparat integriert und diese spielen nun eine zentrale Rolle f\u00fcr die Machtbalance innerhalb des irakischen Schiitentums. Es ist schwer vorstellbar, dass offene Konflikte ausgetragen werden, die zur St\u00e4rkung der sozialen Proteste beitragen und so die M\u00f6glichkeiten eines radikalen Bruches erh\u00f6hen w\u00fcrden. Vielmehr stellt sich die Frage, wie ein neues Machtgleichgewicht zwischen den sich teilweise konkurrierenden, teilweise zusammenarbeitenden Str\u00f6mungen des politischen Schiitentums gefunden werden kann. Zudem wird sich zeigen m\u00fcssen, wie gro\u00df die \u00f6konomischen M\u00f6glichkeiten und der politische Wille der herrschenden Parteien f\u00fcr soziale Zugest\u00e4ndnisse sind.</p><p>In Bezug auf die inneren Dynamiken der Bewegung, handelt es sich bei der Tahrir-Platz-Besetzung um einen fundamentalen qualitativen Sprung nach vorn. Einen eigenen, selbst-repr\u00e4sentativen und organisierten Ausdruck der Pl\u00e4tze gibt es jedoch noch nicht. Es geht hier nicht darum, einen charismatischen Leader oder schlicht die avantgardistische Partei zu finden, welche die Bewegung f\u00fchren wird. Es wird darum gehen, ein Netzwerk von popularen Organisationen \u2013 unabh\u00e4ngige Gewerkschaften, Kollektive von Arbeitslosen, Nachbarschafts-R\u00e4te, Student*innenorganisationen, feministische Kollektive und so weiter \u2013 von unten aufzubauen, das gleichzeitig radikale und unmittelbar umsetzbare politische Forderungen \u00fcber die herrschenden Koordinaten hinaus entwickeln und verteidigen kann. Der Aufbau einer solchen organisierten Struktur stellt die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung aufseiten des Aufstands dar.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Nun hat Premier Mahdi seinen R\u00fccktritt angek\u00fcndigt."}, {"title": "Probleme im Prozess zum \u00fcberregionalen antikapitalistischen Zusammenschluss", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Probleme im Prozess zum \u00fcberregionalen antikapitalistischen&nbsp;Zusammenschluss</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"leerer platz = symbolbild wir haben probleme.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/leerer_platz__symbolbild_wir_.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Greenpeace Regensburg</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Seit 2015 riefen verschiedene Teile der antikapitalistischen, antiautorit\u00e4ren Linken mit mehreren einflussreichen Texte dazu auf, die Zersplitterung und Szene-Isolation zu \u00fcberwinden und einen \u00fcberregionalen, gesellschaftlich sichtbaren und handlungsf\u00e4higen Zusammenschluss aufzubauen. <b>[1]</b> Diese Aufrufe sind auf reges Interesse gesto\u00dfen und es wurden mehrere Prozesse gestartet, die in ihnen enthaltenen Denkanst\u00f6\u00dfe praktisch umzusetzen. Jedoch sind diese Prozesse mittlerweile teils gescheitert, teils nicht recht in Fahrt gekommen.</p><p>So fand auf dem Kongress <i>Selber machen</i> in Berlin im April 2017 ein sehr gut besuchtes Treffen von Gruppendelegierten zur Frage einer \u00fcberregionalen Organisierung statt. Konkrete Schritte folgten jedoch nicht. In Frankfurt am Main begann 2017 der sogenannte <i>Koup-Prozess</i> mit dem Ziel, eine regionale Organisierung aufzubauen. Trotz enormer Begeisterung scheiterte der Prozess im Jahr 2018, weil sich ausgerechnet die Basisinitiativen aus Frankfurt nicht beteiligt hatten. Dann lud die Zeitschrift <i>Kosmoprolet</i> eine Reihe von Gruppen und Einzelpersonen mit dem Ziel der Milieubildung f\u00fcr September 2017 zu einer Tagung in Neu-Anspach ein. Hieraus haben sich viele bilaterale Kontakte sowie eine Folgetagung im April 2019 ergeben, eine Dynamik zum Aufbau eines arbeitenden Zusammenschlusses stellte sich jedoch nicht ein. Mitte 2018 begann der Prozess <i>Kongress der Kommunen</i>, von dem sich jedoch vor einigen Monaten bereits einzelne Gruppen wieder zur\u00fcckgezogen haben, und der mittlerweile insgesamt wieder infrage steht. Konfliktpunkte waren, soweit ich Einblick habe, die starke Orientierung an der kurdischen Bewegung, eine zu starke Verbindlichkeit des Zusammenschlusses und Probleme mit der Dominanz einzelner Gruppen. In Berlin hat sich Anfang 2018 das <i>Widerstandskomitee</i> gebildet, in dem sich sozialrevolution\u00e4re Gruppen mit internationalistischer Ausrichtung treffen. Jedoch wird es aufgrund seiner starken Orientierung an der kurdischen Bewegung von anderen Berliner Gruppen kritisiert, die sich unter anderem darum nicht beteiligen. Im Januar 2019 hat sich der Zusammenschluss <i>welche-gesellschaft.org</i> gegr\u00fcndet, der bewegungsnahen Institutionen (NGOs, Teile der Gewerkschaften) und Akteuren sozialer Bewegungen besteht. Dieser Zusammenschluss steht zwar sozialrevolution\u00e4ren \u00dcberlegungen in seinen Worten fern, stellt sich aber ernsthaft die Frage, wie aus Alltagsk\u00e4mpfen gro\u00dffl\u00e4chige Ver\u00e4nderungen erwachsen k\u00f6nnen und bringt Akteure aus verschiedensten K\u00e4mpfen an einen Tisch. Regionale Prozesse gibt es au\u00dferdem in Niedersachsen und N\u00fcrnberg. \u00dcberregional wurden k\u00fcrzlich die <i>Assoziation autonomer Gruppen</i> und die <a href=\"https://revoltmag.org/articles/wir-wollen-da-sein-wo-es-brennt/\">anarchokommunistische <i>plattform</i></a> gegr\u00fcndet.</p><p>Soweit ein kurzer R\u00fcck- und Rundumblick \u00fcber aktuelle Prozesse und einige ihrer Probleme. Letztere d\u00fcrfen die sehr wichtige Arbeit, die in diesen Prozessen steckt, nicht \u00fcberdecken. Jede Genossin, die ihre Zeit und Energie in sie steckt, leistet gro\u00dfartiges und bringt uns um vieles voran. Warum aber gelingt es bisher nicht, den Zusammenschluss antiautorit\u00e4rer, antikapitalistischer Gruppen aufzubauen, obwohl ein so starkes Interesse vorhanden ist? Was h\u00e4lt die Gruppen vom Zusammenschluss ab? Was blockiert die Dynamik der Prozesse? Und warum gibt es so viele spezialisierte Prozesse, statt einfach den einen Zusammenschluss aufzubauen?</p><p>Meiner Meinung nach haben wir mit mehreren Problemen zu k\u00e4mpfen, die den Prozessen nicht als ihre eigenen Fehler vorzuwerfen sind, sondern die aus den althergebrachten Praxisformen der radikalen Linken herr\u00fchren. Um diese Praxisformen zu \u00fcberwinden, m\u00fcssen wir diese Probleme bearbeiten und aus dem Weg schaffen. Im Folgenden beschreibe ich daher, welche Probleme die Prozesse hin zum Zusammenschluss blockieren und m\u00f6chte Vorschl\u00e4ge unterbreiten, wie wir sie m\u00f6glicherweise l\u00f6sen k\u00f6nnen.</p><p>Die gegenw\u00e4rtige politische Situation \u2013 Krise, Rechtsruck, Klimawandel, um nur die zentralen Dinge zu nennen \u2013 l\u00e4sst uns daf\u00fcr nicht mehr viel Zeit. Wenn wir uns nicht bald zusammenraufen und in die politische Offensive kommen, wird unser Leben richtig schwierig werden. Die Perspektive dagegen kann nur ein \u00fcberregional sichtbarer und handlungsf\u00e4higer antikapitalistischer Zusammenschluss sein. Daf\u00fcr reicht es nicht, 200 Leute aus der eigenen Ingroup zusammenzuschlie\u00dfen, sondern wir m\u00fcssen mittelfristig einige tausend ansprechen und zwar auch unabh\u00e4ngig von der Szene-Zugeh\u00f6rigkeit.</p><h2><b>Warum der \u00fcberregionale Zusammenschluss?</b></h2><p>Die zu Anfang genannten Textbeitr\u00e4ge und Aufrufe argumentieren ungef\u00e4hr wie folgt f\u00fcr den \u00fcberregionalen Zusammenschluss von Basisinitiativen:</p><p>Obwohl die gesellschaftliche Situation immer krisenhafter wird, fehlt eine handlungsf\u00e4hige und sichtbare Gegenmacht, die die Krisen von links aus beantworten und f\u00fcr Emanzipation k\u00e4mpfen kann. Das gilt sowohl f\u00fcr das Soziale \u2013 siehe die Wohnungsnot und die Rentenk\u00fcrzungen \u2013 als auch f\u00fcr die Aufr\u00fcstung des Staates, wie in den Polizeiaufgabengesetzen oder dem Fl\u00fcchtlingsregime. Die extreme Rechte erstarkt, global wie vor unserer Haust\u00fcr. Die Gefahr von gro\u00dfen Kriegen r\u00fcckt wieder n\u00e4her. Der Klimawandel ist nur mehr sehr schwierig einzud\u00e4mmen und stellt das Leben der n\u00e4chsten Generationen \u00fcberhaupt infrage.</p><p>Hiergegen offensiv vorzugehen sollte also eher fr\u00fcher als sp\u00e4ter passieren. Aber die antikapitalistische Linke ist derzeit nicht in der Verfassung, diese Gegenmacht zu organisieren. Sie besteht aus zahllosen Kleingruppen und aus vielen monothematischen Organisierungen (zum Beispiel zur Mietenpolitik oder fokussiert auf Antirassismus), jeweils ohne verbindlichen Zusammenhang miteinander. Die antikapitalistische Linke grenzt sich gro\u00dfteils von der Bev\u00f6lkerung ab, statt mit ihr gemeinsam zu k\u00e4mpfen. Zur Zeit haben zwar reformorientierte linksradikale Str\u00f6mungen, die auf Hegemonie und linke Regierungsmehrheiten abzielen, federf\u00fchrend die iL, einen gewissen Schwung, aber es gibt im heutigen Kapitalismus offensichtlich keine wirklichen Spielr\u00e4ume f\u00fcr staatliche Reformpolitik, noch f\u00fcr gro\u00dffl\u00e4chige Reallohnerh\u00f6hungen, wie sp\u00e4testens seit dem SYRIZA-Debakel in Griechenland im Jahr 2015 klar geworden sein sollte. Die einzige Alternative ist das entschlossene K\u00e4mpfen im Bestehenden mit explizit antikapitalistischer Zielsetzung.</p><p>Die Basis dieser Gegenmacht, so die Grundidee der genannten Texte, besteht in der Organisierung vieler Menschen in ihren unmittelbaren Lebensverh\u00e4ltnissen, damit sie in ihren Konflikten widerstandsf\u00e4hig werden. Diese Organisierung im Alltag ist insofern die Basis von Gegenmacht, weil erst durch sie auch gesamtgesellschaftlicher Druck aufgebaut werden kann: \u201eDie Basis einer gesellschaftlichen Kraft ist die Organisierung.\u201c (<a href=\"http://endofroad.blogsport.de/2016/05/24/11-thesen-um-organisierung-und-revolutionaere-praxis/\">Bremer Kollektiv</a>) Hier ist in den letzten Jahren einiges in Bewegung geraten. Zahlreiche Stadtteil-Initiativen und Frauenstreik-Basisgruppen wurden gegr\u00fcndet, und auch die Selbstorganisierung von Mietsh\u00e4usern und in den Betrieben, etwa im Gesundheitssektor, ist in einer enormen Entwicklung begriffen.</p><p>Diese lokalen Organisierungen stellen aber erst dann eine Gegenmacht mit wirklich antikapitalistischem Potential dar, wenn sie sich zu einem \u00fcberregionalen Zusammenschluss mit explizit antikapitalistischer Perspektive zusammentun. Die Texte f\u00fchren diesen Gedanken in verschiedener Weise aus: Erst dann k\u00f6nnen sich die einzelnen lokalen K\u00e4mpfe auf die Emanzipation vom Kapitalismus beziehen, die nur kollektiv erreichbar ist. Erst dann wird eine Alternative zum Bestehenden \u00f6ffentlich sichtbar, die als praktisches Argument gegen Ideologien von Alternativlosigkeit, Nationalismus und Rassismus fungieren, und die \u00fcberhaupt den Kampfgeist der Menschen befl\u00fcgeln kann. Erst dann ist ein kollektives Handeln auf politischer Ebene m\u00f6glich. Erst dann kann zum Beispiel politisch gestreikt oder k\u00f6nnen bei Gro\u00dfevents die organisierten Basiskollektive mobilisiert werden. Und diese grundlegendere Gegenmacht w\u00e4re dann nicht allein abstrakt auf die \u00dcberwindung des Kapitalismus ausgerichtet, sondern w\u00fcrde dann gerade auch die einzelnen lokalen oder sektoralen K\u00e4mpfe befl\u00fcgeln, also eben zum Beispiel den Mietenkampf oder den Arbeitskampf im Gesundheitssektor.</p><p>Um dies m\u00f6glich zu machen, m\u00fcssen wir aber konkret die organisatorische Aufgabe des \u00fcberregionalen Zusammenschlusses bew\u00e4ltigen, die meines Ermessens im Augenblick vor zahlreichen Problemen steht.</p><h2><b>Unartikulierte linksradikale \u00c4ngste vor dem Zusammenschluss</b></h2><p>In den Diskussionen um den \u00fcberregionalen Zusammenschluss wird immer wieder die Unsicherheit ge\u00e4u\u00dfert, ob dieser angestrebte Zusammenschluss wirklich das Richtige sei. Ich glaube, dass das an zwei linksradikalen \u00c4ngsten liegt. Zum einen die Angst, aus dem Schutz der Szene in eine \u00f6ffentliche Sichtbarkeit zu treten, und zum anderen die Angst vor einer Bevormundung der Basis durch einen \u00fcbergeordneten Apparat. Beide \u2013 vor allem aber die erste \u2013 werden oft nicht direkt ausgesprochen, so dass sie auch schlecht diskutierbar sind. Das ist ein Problem. Wir m\u00fcssen diese \u00c4ngste und ihre Ursachen verstehen und diskutieren und perspektivisch innerhalb des noch zu entwickelnden Zusammenschlusses Strukturen schaffen, die diese \u00c4ngste aufl\u00f6sen helfen.</p><p>Die Angst vor dem Verlassen der linken Szene betrifft \u00fcblicherweise die etwas besser gestellten Genossinnen, die meist studiert haben und sich auf einer b\u00fcrgerlichen Berufslaufbahn befinden, oder Genossinnen, die das vorhaben. Oft sind diese Jobs nur symbolisch und sozial, nicht aber finanziell \u201ebesser gestellt\u201c. Ein \u00fcberregionaler und sichtbarer Zusammenschluss bereitet nat\u00fcrlich den Kleingruppen und Szenel\u00e4den, in denen man unter sich und anonym bleibt, ein Ende. Sichtbarkeit bedeutet gerade, dass man sowohl im Alltag, zum Beispiel am Arbeitsplatz, als auch in \u00f6ffentlichen Diskussionen so auftritt, dass man den Antikapitalismus ernst meint und daf\u00fcr auch in konkreten Konflikten den Kapitalismus wirklich herausfordern will. Ein gr\u00f6\u00dferer, \u00fcberregionaler Zusammenschluss bedeutet auch, dass man tats\u00e4chlich kollektiv viel angreifbarer wird. Solange man in der Anonymit\u00e4t der linksradikalen Kleingruppe bleiben kann, kann man \u2013 trotz allem \u201eradikalen\u201c Engagement \u2013 insgesamt immer noch unter dem Radar bleiben. Solange man in dieser Anonymit\u00e4t bleibt, genie\u00dft man noch relativ viele Freiheiten, man riskiert keinen Ausschluss aus bestimmten sozialen Milieus und gef\u00e4hrdet die b\u00fcrgerliche Berufslaufbahn nicht.</p><p>Der Zusammenschluss muss diesen sozialen und \u00f6konomischen Ausschluss auffangen k\u00f6nnen. Er muss die Leute auffangen, wenn sie in pers\u00f6nliche Krisen geraten oder vereinsamen. Vorstellbar ist auch, entsprechend dem Ansatz der Solidarisch-Gruppen, dass wir uns gegenseitig weiterhelfen, wenn Leute aus ihren Jobs fliegen. Um die \u00c4ngste aufzul\u00f6sen, m\u00fcssen wir auf solche Unterst\u00fctzung bauen k\u00f6nnen.</p><p>Zum Zweiten, die Angst vor der Apparatdominanz. Die scharfe Kritik an zentralistischen Organisationen (wie dem Konzept der Kommunistischen Partei) und Apparaten (wie den Gewerkschaften) geh\u00f6rt zu den grundlegenden Einsichten der antiautorit\u00e4ren Linken. Allerdings schl\u00e4gt diese Kritik immer wieder in eine blo\u00dfe Anti-Haltung um: Dann wird jede Form von zentralen Instanzen eines Organisierungsprozesses als Problem und letztlich als ebenso problematischer Apparat wie all die anderen gesehen.</p><p>Um gesellschaftlich handlungsf\u00e4hig und sichtbar zu sein, ben\u00f6tigen wir aber zentrale Instanzen wie zum Beispiel Kasse, Website, Massenzeitung, Bildungsmaterial, Koordinierungsarbeit, Verwaltungsarbeit. Diese sollten aber nicht autonom arbeiten, sondern die Autonomie sollte jederzeit an der Basis liegen. Um das zu gew\u00e4hrleisten, ist eine klare Analyse der basis- und r\u00e4tedemokratischen Struktur n\u00f6tig. Diese Analyse muss Mechanismen wie die folgenden umfassen: Alle zentralen Positionen werden gew\u00e4hlt, und sie sind gegen\u00fcber den W\u00e4hlenden rechenschaftspflichtig und jederzeit abw\u00e4hlbar. Sie sind nach dem Rotationsprinzip besetzt, niemand kann die Positionen f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit innehaben. Die Basis muss in ihrer Handlung jederzeit vollst\u00e4ndig frei sein \u2013 es gibt keine Organisationsdisziplin. Diese Mechanismen m\u00fcssen allerdings nach dem jeweiligen Bedarf und auch nach pragmatischen Gesichtspunkten ausgestaltet werden. Diese Analyse der Struktur muss gemeinsam mit der scharfen Kritik am Zentralismus explizit gemacht werden. Das sollte die blo\u00dfe Anti-Haltung entkr\u00e4ften.</p><h4><i>Keine Disziplin?</i></h4><p>Der Punkt mit der Abwesenheit von Organisationsdisziplin ist m\u00f6glicherweise kontraintuitiv. Wie soll ein so gro\u00dfer politischer Zusammenschluss funktionieren, wenn alle einzelnen Gruppen vollst\u00e4ndig autonom sein sollen? Widerspricht sich das nicht? Ist es nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass Organisationsdisziplin in so einem gro\u00dfen Zusammenschluss n\u00f6tig ist? Die Autonomie der Basis hei\u00dft aber nicht, dass es kein gemeinsames Handeln gibt und jede Gruppe blo\u00df unabh\u00e4ngig ist. Die einzelnen Gruppen schlie\u00dfen sich ja gerade zusammen, um zusammenzuarbeiten und gemeinsam zu handeln. Praktisch hei\u00dft das, dass es intensive Kontakte zwischen den Gruppen gibt und dass sie sich auf Vollversammlungen regelm\u00e4\u00dfig treffen. Sie f\u00fchren eine gemeinsame Diskussion, sprechen gemeinsame Aktionen ab und entwickeln sich gemeinsam weiter. \u201eKeine Organisationsdisziplin\u201c hei\u00dft allerdings durchaus, dass weder die zentralen Instanzen noch die Vollversammlungen Weisungen an die einzelnen Gruppen richten k\u00f6nnen, die diese dann auch bei Kritik befolgen m\u00fcssen. Konkret hei\u00dft das: Die Minderheit muss Mehrheitsbeschl\u00fcsse nicht umsetzen. Es kann nat\u00fcrlich Situationen geben, in der es nicht anders geht, als dass die Minderheit den Mehrheitsbeschluss akzeptiert, aber das ist nicht das Prinzip der Sache.</p><p>Das Problem mit der Organisationsdisziplin ist, dass die einzelnen Gruppen st\u00e4ndig Dinge machen m\u00fcssen, die sie eigentlich f\u00fcr nicht sinnvoll oder sogar kontraproduktiv halten, dass sie aber trotz ihres \u201eblo\u00df subjektiven\u201c Widerspruchs um der \u201eh\u00f6heren Sache\u201c willen Gehorsam leisten. Als Folge entstehen dann K\u00e4mpfe, Gerangel, Rhetoriken, in denen jeder seinen Standpunkt durchsetzen will. Der Unterschied zu b\u00fcrgerlich-kapitalistischen Organisationen (Parteien, Unternehmen, staatliche Beh\u00f6rden) ist da nicht so ganz gro\u00df. Wir brauchen die Organisationsdisziplin aber auch gar nicht, weil der Zusammenschluss keine geschlossene Truppe sein soll, die als ein kollektives Subjekt entschlossen handelt und die Staatsmacht \u00fcbernimmt. Im Gegenteil, es geht \u00fcberhaupt nicht um die Staatsmacht. Vielmehr soll der Zusammenschluss die R\u00e4teverfassung der nichtkapitalistischen Gesellschaft schon im Ansatz widerspiegeln, der Zusammenschluss soll im Endeffekt kein rein politischer sein, sondern in der Tendenz bereits die Trennung zwischen Politik und Leben aufheben. Die nichtkapitalistische Gesellschaft muss aus r\u00e4tef\u00f6rmigen Strukturen wie unserem Zusammenschluss hervorgehen: Der Weg ist wie das Ziel. <b>[2]</b></p><p>Der Zusammenschluss wird aber heute auch, in Anbetracht der Lage der deutschen antikapitalistischen Linken, nur ohne die Einheit einer Organisationsdisziplin funktionieren. Denn es gibt zahlreiche innerlinke Kontroversen mit hochgradig zentrifugalen Tendenzen. Diese Kontroversen m\u00fcssen <i>innerhalb</i> des Zusammenschlusses nebeneinander bestehen k\u00f6nnen, ohne dass sie per Mehrheitsentscheid auf einen Nenner gebracht werden. Zum Beispiel gehen einige Berliner Gruppen auf Abstand zum <i>Widerstandskomitee</i>, weil dieses sich sehr auf Ans\u00e4tze aus der kurdischen Bewegung festgelegt hat. Ich werde auf diese innerlinken Kontroversen sp\u00e4ter noch genauer eingehen, in Bezug auf die Organisationsdisziplin ist hier aber zu sagen, dass wir das Nebeneinander von heterogenen Praxisformen und politischen Ans\u00e4tzen nicht als Problem sehen sollten, sondern vielmehr als St\u00e4rke, weil alle diese heterogenen Richtungen ja einen bestimmten Grund haben, in dem sie eine Antwort darstellen. Man muss das nicht zwangsweise vereinheitlichen. Wir sollten da auch \u00fcberhaupt mal gelassener werden, wenn andere etwas machen, was wir \u201egar nicht richtig\u201c finden. Wir sollten lernen zuzulassen, dass Menschen in unseren Zusammenh\u00e4ngen Dinge machen, die wir falsch finden, die ihnen aber wirklich wichtig sind.</p><h2><b>Die Distanzierung der Basisinitiativen</b></h2><p>Viele Basisinitiativen beteiligen sich nicht an den Prozessen f\u00fcr einen \u00fcberregionalen Zusammenschluss, weil sie ihn f\u00fcr nicht zielf\u00fchrend f\u00fcr ihre lokale Praxis halten. Das ist nat\u00fcrlich ein gro\u00dfes Problem, denn der Zusammenschluss soll von der Idee her vor allem diese Basisinitiativen zusammenschlie\u00dfen.</p><p>Argumentiert wird zumeist so: Die Basisorganisierung sei schon Zeitaufwand genug. Die Arbeit in einem Zusammenschluss halte nur davon ab und sei f\u00fcr die Basisorganisierung selbst nicht notwendig. Zugleich sei gerade diese heute politisch n\u00f6tig, nicht aber ein gesellschaftlich agierender Zusammenschluss der Basisinitiativen.</p><p>Um dem zu entgegnen, wird es praktisch gesehen n\u00f6tig sein, dass die Basisinitiativen in dem Zusammenschluss einen echten Mehrwert f\u00fcr ihre Praxis entdecken k\u00f6nnen: Zum Beispiel dass sie dadurch Zeit einsparen k\u00f6nnen, ihre Praxis durch Erfahrungsaustausch erleichtert wird oder Unterst\u00fctzung (z. B. im Streikfall) unkompliziert mobilisiert werden kann.</p><p>Umgekehrt droht den Basisinitiativen die Integration ins System, wenn sie ohne \u00fcbergreifenden Zusammenschluss mit antikapitalistischer Zielsetzung und organisierter Solidarit\u00e4t weiter machen. Und das sogar auch dann, wenn sie erkl\u00e4rterma\u00dfen Widerstand im Alltag leisten und nicht-kapitalistische Beziehungen entwickeln wollen. Solange die Basisinitiativen sich nicht in einem antikapitalistischen Zusammenschluss organisieren, haben sie keine praktische revolution\u00e4re Perspektive. Die Integration l\u00e4uft \u00fcber zwei Mechanismen: der Korporatismus f\u00fcr autonomen Widerstand und die Marktzw\u00e4nge f\u00fcr solidarische Inseln.</p><h4><i>Korporatismus</i></h4><p>Die klassische Situation ist die autonome Organisierung von Lohnabh\u00e4ngigen und ihr autonomer Arbeitskampf, den die Gewerkschaft wieder unter Kontrolle bekommt. Das Engagement von Militanten f\u00fcr die Autonomie der Lohnabh\u00e4ngigen schl\u00e4gt dann um: Die Gewerkschaft geht gest\u00e4rkt aus dem Konflikt heraus und die Integration der Lohnabh\u00e4ngigen ist st\u00e4rker als vorher. \u00c4hnliches geschieht, wenn mietenpolitische K\u00e4mpfe durch politische Parteien befriedet werden, indem diese individuelle L\u00f6sungen herbeif\u00fchren. Auch Sozialarbeit ist oft korporatistisch.</p><p>Die Gewerkschaft hat damit immer Erfolg, weil sie viele Leute wirklich von sich beeindrucken und davon \u00fcberzeugen kann, dass sie die bessere Karte ist gegen\u00fcber der autonomen Organisierung. Sie kann mit ihrem Knowhow und ihrem leistungsf\u00e4higen Apparat, der f\u00fcr \u00f6ffentliche Sichtbarkeit und Austausch mit anderen Belegschaften sorgt, beeindrucken. Und damit, dass sie alles \u201ewieder in geordnete Bahnen\u201c lenkt. Au\u00dferdem ist es bequemer, wenn der Apparat f\u00fcr die Leute verhandelt, und die Lohnabh\u00e4ngigen schlie\u00dflich Lohnerh\u00f6hungen erhalten, ohne dass sie selbst aktiv werden m\u00fcssen. Mit diesen Mitteln kauft die Gewerkschaft die Leute und betr\u00fcgt sie zugleich.</p><p>Um diesem Betrug der Gewerkschaften entgegen zu treten, braucht es den \u00fcberregionalen antikapitalistischen Zusammenschluss:</p><ol><li>Dieser kann ebenfalls Knowhow, \u00f6ffentliche Sichtbarkeit, bundesweiten Austausch, sowie die reale Streiksolidarit\u00e4t anderer bieten und so der Selbstinszenierung der Gewerkschaften die Stirn bieten.</li><li>Er hat kein Interesse an Sozialpartnerschaft und Befriedung, kann daher viel entschlossener k\u00e4mpfen als die Gewerkschaften und so auch real bessere Resultate erzielen, die die K\u00e4mpfenden wirklich interessieren.</li><li>Der \u00fcberregionale Zusammenschluss verk\u00f6rpert durch diese allgemeine Streiksolidarit\u00e4t das Bewusstsein des Antikapitalismus. N\u00e4mlich, dass nicht nur die kleine Verbesserung, sondern die Abschaffung des Verh\u00e4ltnisses notwendig ist, und dass aber zweitens der konkrete eigene Kampf ein Baustein auf dem Weg zu dieser Abschaffung ist.</li></ol><h4><i>Solidarische Inseln</i></h4><p>Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass sehr radikale Projekte \u2013 Hausbesetzungen, Betriebsaneignungen, anarchistische Kommunen, egalit\u00e4re Kollektivbetriebe \u2013 im Laufe der Jahre kapitalistische Akteure geworden sind, die lediglich nach innen kollektiv und egalit\u00e4r organisiert sind, aber nach au\u00dfen hin kapitalistisch auf dem Markt agieren m\u00fcssen. Sie sind solidarische Inseln, verfolgen aber \u00fcber ihre Organisationsgrenzen hinaus keine antikapitalistische Praxis. Siehe etwa die vielen legalisierten Hausprojekte in Berlin oder die ehemals linke Tageszeitung<i> taz</i>.</p><p>Aktuell betrifft dieses Problem vor allem die vielen Solidarisch-Projekte, die in den letzten Jahren entstanden sind (wie die Solidarische Aktion Neuk\u00f6lln). In den Solidarisch-Projekten muss man nicht vereinzelt mit Jobcenter, Vermieterin, Chefin und so weiter k\u00e4mpfen, sondern kann dies als Kollektiv tun. Dies ist allerdings ein Fortschritt und bessert die Lebenssituation ungemein. Aber es birgt eben auch die Gefahr, dass dies die Konflikte des Kapitalismus nur von einer Einzelperson auf ein Kollektiv von 15 Leuten ausweitet. Das ist dann zwar besser, weil kollektiv statt einzeln, aber dieses Kollektiv ist trotzdem nur ein kollektiver Egoist, der sich weiterhin im Kapitalismus behaupten muss.</p><p>Um dieses Umkippen zu egoistischen Kollektiven zu verhindern, braucht es die Einbindung der Solidarisch-Projekte in einen antikapitalistischen Zusammenschluss:</p><ol><li>Nur dann kann das jeweilige solidarische Projekt die eigene organisierte Alltagswiderst\u00e4ndigkeit auch als Teil einer kollektiven Aktion aus\u00fcben (zum Beispiel als politischer Streik oder politischer Mietenstreik).</li><li>Nur dann organisiert sich das solidarische Projekt in seinem Alltag mit einem Bewusstsein, konkret Teil dieses antikapitalistischen Kampfes zu sein.</li></ol><h2><b>Hahnenkampf der Standpunkte</b></h2><p>Diskussionen in der antikapitalistischen Linken sind fast immer vom Standpunkt-Denken bestimmt. Es geht den Beteiligten um die Behauptung und Durchsetzung des eigenen Standpunkts gegen jeweils andere. Linke Identit\u00e4t hei\u00dft, sich in einem Standpunkt wie \u201ekommunistisch\u201c oder \u201ehegemoniepolitisch\u201c zu positionieren und sich in diesem behaupten k\u00f6nnen. Demgegen\u00fcber m\u00fcsste die Diskussion eigentlich eine Auseinandersetzung \u00fcber das Problem sein, um es gemeinsam zu verstehen und praktisch zu l\u00f6sen. Gerade darum m\u00fcssten antikapitalistische Linke imstande sein, auch scharfe Kontroversen auszuhalten. Das w\u00e4re ein praxisorientiertes Wahrheitsverst\u00e4ndnis.</p><p>In den Prozessen um die \u201eNeuausrichtung der radikalen Linken\u201c hat sich diesbez\u00fcglich viel getan, trotzdem dominiert weiterhin das Standpunkt-Denken die Auseinandersetzungen in den Prozessen. Das Standpunkt-Denken begrenzt jedoch die Reichweite der jeweiligen Prozessbeteiligten und blockiert die Prozesse intern. Um das aufzul\u00f6sen, braucht es organisatorisch-strukturelle Konsequenzen.</p><p>Typische, sich nach diesem Prinzip gegen\u00fcber stehende Standpunkte sind:</p><p><i>Praxis versus Theorie</i>: \u201eDie ganze Theorie hilft f\u00fcr die Praxis nichts weiter und ist nur intelligente Selbstbespa\u00dfung\u201c, gegen: \u201eDas Machen und Organisieren der Aktivistinnen ist nur blinder Aktionismus, der ohne vorheriges Nachdenken sinnlos ist.\u201c</p><p><i>Anarchismus versus Kommunismus</i>: \u201eWir m\u00fcssen hier und jetzt mit dem anderen Leben anfangen. Es ist falsch zu sagen, dass wir die Massen dazu bringen m\u00fcssen: jede einzelne muss es selber machen\u201c, gegen: \u201eOhne antikapitalistische Organisation, die den Kapitalismus fl\u00e4chendeckend bek\u00e4mpft, bleiben alle Experimente im Kleinen fruchtlos und blo\u00dfe Handwerklerei.\u201c</p><p>Weitere h\u00e4ufig debattierte Gegens\u00e4tze sind zum Beispiel: antikolonial versus antinational, revolution\u00e4r versus realsolidarisch, antirassistisch versus klassenk\u00e4mpferisch, feministisch versus klassenk\u00e4mpferisch und so weiter.</p><p>In solchen Diskussionen versuchen die Beteiligten, ihre Standpunkte mit diversen Mitteln durchzusetzen. Man versucht die anderen durch technische Tricks aus der Diskussion hinaus zu dr\u00e4ngen. Zum Beispiel indem man sie in gro\u00dfen Plena reden l\u00e4sst, ohne auf die jeweiligen Punkte einzugehen. Man versucht das Publikum durch rhetorische Mittel zu beeindrucken. Man geht auf Vorschl\u00e4ge, Dinge konkret und pers\u00f6nlich auszudiskutieren, nicht ein. Man versucht, die Anderen aus der Linken auszugrenzen, indem man ihnen Nationalismus, Paternalismus, Eurozentrismus und so weiter vorwirft. Wenn man das alles ernst n\u00e4hme, dann s\u00e4\u00dfen die gr\u00f6\u00dften Reaktion\u00e4re gerade in den Reihen der Linken selbst. Die Konsequenzen solcher eskalierender Diskussionen sind regelm\u00e4\u00dfig Spaltungen von Gruppen, Sektierertum, vermeintlich un\u00fcberbr\u00fcckbare pers\u00f6nliche Differenzen, ritualhaftes Abgrenzen von bestimmten Standpunkten. Das <i>kollektiv! Bremen</i> hat all das k\u00fcrzlich hier auf dem<i> re:volt magazine</i> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/f%C3%BCr-den-erfolg-unserer-praxis/\">sehr anschaulich</a> anhand eines B\u00fcndnisses beschrieben.</p><p>Das Problem ist hierbei nicht, dass die Beteiligten f\u00fcr konkrete Ziele eintreten und diese praktisch zu erreichen suchen, sondern dass es ihnen um den Standpunkt als Standpunkt geht, um seine Behauptung und Durchsetzung als Standpunkt gegen andere.</p><p>Wir brauchen eine andere Diskussionskultur, in der wir nicht streiten, um gegen die anderen die Diskussion zu gewinnen, sondern weil jede die anderen braucht, um das Problem zu verstehen. Die Wahrheit w\u00e4re dann kein Standpunkt mehr, sondern w\u00e4re erst durch die Kontroverse m\u00f6glich, und h\u00e4tte nicht den Sinn, den Standpunkt zu behaupten, sondern praktische Probleme zu l\u00f6sen.</p><p>Ein Hauptgrund des Standpunkt-Denkens liegt denke ich in der Unsicherheit, die viele in ihrer antikapitalistischen Position haben. Heute sind Ideologien v\u00f6llig gefestigt und eine kr\u00e4ftige Gegenmacht und damit Alternative zum Kapitalismus ist nicht sichtbar. Darum erscheint jeder Antikapitalismus als verr\u00fcckt und gesellschaftlich \u201eung\u00fcltig\u201c. Wenn man jetzt einen eindeutigen und \u201egefestigten\u201c Standpunkt einnimmt, dann ist man gegen die Angriffe der Mehrheitsgesellschaft abgeschottet und hat keine Unsicherheit mehr. Das ist nat\u00fcrlich dann auch ein schematischer Standpunkt, dem es nicht um\u2019s Probleme-L\u00f6sen, sondern um das Aushalten von Angriffen geht.</p><p>Um das Standpunkt-Denken aus der antikapitalistischen Diskussionskultur herauszubekommen, braucht es organisatorisch-strukturelle Bedingungen:</p><ol><li>Das Verbindende des Zusammenschlusses soll nicht ein gemeinsamer Standpunkt sein, etwa eine gemeinsame politische Doktrin, sondern die widerst\u00e4ndige Praxis organisierter Basiskollektive. Und dies mit der Perspektive, dass Gegenmacht, wie auch sp\u00e4ter die Revolution, in ihrem Kern in der Entwicklung nichtkapitalistischer Beziehungen im Alltag besteht. Der Grund des Zusammenschlusses sollte also das Zusammenwirken f\u00fcr so eine konkrete Praxis der Basiskollektive sein. Trotzdem muss der Zusammenschluss, um arbeiten zu k\u00f6nnen, einen gewissen inhaltlichen Rahmen abstecken. Dies sollte in Form von politischen Kerninhalten stattfinden. Dazu sollten etwa geh\u00f6ren: Antistaatlichkeit, Internationalismus, Klassenkampf, Triple-Oppression-Ansatz.<b> [3]</b> Diese politischen Kerninhalte m\u00fcssen offen sein, damit kontroverse Diskussionen innerhalb des Zusammenschlusses m\u00f6glich sind. Kritik an rassistischen, sexistischen, paternalistischen Denkweisen innerhalb der Plattform muss jederzeit m\u00f6glich sein, aber ohne damit unmittelbar pers\u00f6nliche Ausschl\u00fcsse zu fordern.</li><li>Es m\u00fcssen moderierte Diskussionen organisiert werden, in denen die Kontroversen ausgetragen werden, und zwar explizit innerhalb des gemeinsamen Zusammenschlusses (oder in Perspektive darauf). Der Ort daf\u00fcr sind Podiumsdiskussionen und Zeitungsdebatten. Die Moderation hat die Aufgabe, die Form der Diskussion zu beobachten, und sie wenn n\u00f6tig explizit zu kritisieren.</li></ol><h2><b>W\u00e4rmestrom</b></h2><p>Es fehlt der \u201eW\u00e4rmestrom\u201c (Ernst Bloch) in unserem Herangehen an den antikapitalistischen Zusammenschluss. Wir arbeiten nach der Devise \u201eDies und das ist politisch notwendig, um unsere Interessen zu verteidigen\u201c. Unser Engagement daf\u00fcr ist \u201eernsthaft\u201c, muss anstrengende Arbeit sein. Wir sehen den Zusammenschluss lediglich als Instrument f\u00fcr antikapitalistische und antifaschistische Ziele.</p><p>Aber ein Zusammengehen von Menschen in so einen Zusammenschluss wird nicht gelingen, wenn der Begr\u00fcndungszusammenhang allein so rational und kalt ausf\u00e4llt. Er wird sich nur zusammen b\u00fcndeln k\u00f6nnen, wenn er auch eine emotionale Grundlage hat und die Menschen sich daf\u00fcr begeistern k\u00f6nnen, in ihm mitzumachen. Er muss getragen werden von dem kollektiven Gef\u00fchl, dass er f\u00fcr ein anderes, sch\u00f6nes, befreites Leben steht. Und dass dieses Leben genau in diesem Zusammenschluss bereits ansatzweise gelebt wird. Dieser W\u00e4rmestrom entsteht \u00fcberall da, wo unsere Beziehungen ihre kapitalistische Entfremdung abwerfen k\u00f6nnen und wir erleben, wie reich unser Leben wirklich ist. In der Nachbarschaftsinitiative, der Arbeiterinnenautonomie wie in der Platzbesetzung. \u00dcberall da, wo die Herrschaft der kapitalistischen Notwendigkeiten zeitweise au\u00dfer Kraft gesetzt wird, wo das Leben gemeinsam gestaltet wird und jedes Individuum mit seinen Bed\u00fcrfnissen dazu geh\u00f6rt.</p><p>Dort kann in ersten Anl\u00e4ufen eine Kultur entstehen, in der die Menschen nicht immer \u00e4ngstlich auf den eigenen Besitz, auf den eigenen Spa\u00df oder Selbstverwirklichungsgewinn, die eigene investierte Arbeitszeit schauen m\u00fcssen. Wo sie sich nicht mehr auf Kosten anderer profilieren m\u00fcssen, um selbst besser da zu stehen, oder sich von den \u201eUncoolen\u201c abwenden, um selbst nicht schief angesehen zu werden. Wo Kranke in ihrer Krankheit anerkannt sind und nicht mehr allein daf\u00fcr verantwortlich sind. Es handelt sich dann nicht mehr um Beziehungen von atomisierten Menschen, die sich quasi vertragsm\u00e4\u00dfig aufeinander einlassen, sondern um solche, in denen das Interesse des einen am anderen konkret etwas mit dem andern zu tun hat. Es w\u00e4re ein Leben, in der man keine Angst mehr haben muss, am Ende auf sich allein gestellt zu sein. In dem man nicht verbissen k\u00e4mpfen muss, um am Ende nicht hinten runter zu fallen. In dem der innere Druck, immer mehr leisten zu m\u00fcssen als man kann, endlich aufh\u00f6rt, weil das einfach nicht mehr n\u00f6tig ist. In dem man gemeinsam versucht, Gewalt aus der Welt zu schaffen.</p><p>Dies ist der W\u00e4rmestrom, die Energie, die unseren Zusammenschluss f\u00fcr ein nichtkapitalistisches Leben tragen wird.</p><h2><b>Gegenmacht aufbauen!</b></h2><p>Sofern meine Problemanalysen zutreffen, wird es keineswegs leicht werden, den \u00fcberregionalen Zusammenschluss aufzubauen. Wir schleppen eine gewaltige Hypothek aus der Geschichte der radikalen Linken mit. Um sie abzubauen, wird viel Energie und Einsatz n\u00f6tig sein, und wir werden ganz sch\u00f6n viel Bereitschaft erbringen m\u00fcssen, unsere Positionen zu \u00fcberdenken, auf andere zuzugehen und lieb gewonnene Reflexe aufzugeben. Es ist auch keineswegs gesagt, dass diese Anstrengungen wirklich gelingen und wir den \u00fcberregionalen Zusammenschluss erreichen. N\u00f6tig jedoch ist er unbedingt, um eine Gegenmacht aufzubauen, die der sozialen Krise, der Aufr\u00fcstung der Staatsapparate, dem Erstarken der extremen Rechten und dem Klimawandel effektiv etwas entgegensetzen kann.</p><p></p><hr/><h2><b>Anmerkungen:</b></h2><p><b>[1]</b> So zum Beispiel: Antifa Kritik &amp; Klassenkampf, <a href=\"http://akkffm.blogsport.de/images/DerkommendeAufprall_01.pdf\"><i>Der kommende Aufprall</i></a>, 2015; Bremer Kollektiv, \u201e<a href=\"http://lowerclassmag.com/2016/07/fuer-eine-grundlegende-neuausrichtung-linksradikaler-politik/\">F\u00fcr eine grundlegende Neuausrichtung linksradikaler Politik</a>\u201c, 2015; Peter Schaber, \u201e<a href=\"https://lowerclassmag.com/2018/02/25/vom-reden-zum-tun/\">Vom Reden zum Tun</a>\u201c, 2018; Proletarische Autonomie Magdeburg und Finsterwalde, \u201e<a href=\"http://www.autonomie-magazin.org/2018/05/09/diskussionsbeitrag-neue-sozialrevolutionaere-bewegung/\">Neue sozialrevolution\u00e4re Bewegung</a>\u201c, 2018; LCM-Redaktion, \u201e<a href=\"https://lowerclassmag.com/2018/04/23/kongress-der-kommunen/\">Kongress der Kommunen</a>\u201c, 2018; Vidar Lindstr\u00f6m, \u201e<a href=\"https://www.autonomie-magazin.org/2018/10/08/gedanken-zu-einem-kongress-der-kommunen/\">Gedanken zu einem Kongress der Kommunen</a>\u201c, 2018.</p><p><b>[2]</b> Eine etwas ausf\u00fchrlichere Er\u00f6rterung dieser anarchosyndikalistisch-r\u00e4tekommunistischen Revolutionstheorie findet sich in <a href=\"http://akkffm.blogsport.de/images/DerkommendeAufprall_01.pdf\"><i>Der kommende Aufprall</i></a> der Antifa Kritik &amp; Klassenkampf vom Jahre 2015 sowie in einigen Beitr\u00e4gen von <a href=\"http://diskus.copyriot.com/2016-02/DISKUS_16-2_210x285_2c_final_SCREEN.pdf\">diskus 2/2016</a>, die den <i>kommenden Aufprall</i> diskutieren.</p><p><b>[3]</b> <i>Triple Oppression</i> hei\u00dft, dass es drei (oder mehr) Unterdr\u00fcckungsformen gibt, die nicht aufeinander reduzierbar sind, n\u00e4mlich diejenigen, die durch Rassismus, Sexismus und Klassenherrschaft entstehen.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Im Jahr 2019 fanden bereits in mehreren L\u00e4ndern Massenkundgebungen statt, welche die Regierungen und autorit\u00e4ren Regime herausfordern: In</i> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/die-revolte-einer-ganzen-generation/\"><i>Algerien die Proteste gegen den autorit\u00e4ren Bouteflika</i></a><i> und nach dessen Absetzung gegen das darauf folgende Milit\u00e4rregime von Ga\u00efd Salah; die demokratische Bewegung im Sudan; die Proteste arbeitsloser Jugendlicher im Irak, die Streiks von Lehrer*innen und Professor*innen in Jordanien; die Massenproteste im Libanon gegen die Kostenerh\u00f6hung im \u00f6ffentlichen und Energiesektor und eben auch das \u201eStrohfeuer\u201c in</i> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/nieder-nieder-mit-al-sisi/\"><i>\u00c4gypten</i></a><i> \u2013 um nur einige der Bewegungen zu nennen. Sie sind das Ergebnis eines sogenannten \u201e</i><a href=\"https://alencontre.org/afrique/algerie/le-long-printemps-arabe-et-la-place-actuelle-des-soulevements-en-algerie-et-au-soudan.html\"><i>langen revolution\u00e4ren Prozesses</i></a><i>\u201c (Gilbert Achcar), der 2011 mit dem sogenannten arabischen Fr\u00fchling begann.</i></p><p><i>Mitte September 2019 l\u00f6ste eine Reihe von Videos des \u00e4gyptischen Bauunternehmers Mohamed Ali eine Welle von Protesten in \u00c4gypten aus. Ali legt darin Korruption und pers\u00f6nliche Bereicherung des Pr\u00e4sidenten Abdel Fatah al-Sisi</i> <i>offen. In verschiedenen St\u00e4dten versammelten sich tausende junger Menschen auf Pl\u00e4tzen, um einen radikalen politischen Wandel zu fordern. Die Repression von Seiten des al-Sisi-Regimes lie\u00df nicht auf sich warten. In wenigen Wochen verzeichnete man mehr als 2.000 Verhaftungen. Stra\u00dfen, Br\u00fccken und U-Bahn-Linien wurden geschlossen beziehungsweise militarisiert und Passant*innen wurden willk\u00fcrlich Social-Media-Kontrollen unterzogen. Damit gelang es dem Regime weitgehend, die Proteste auf ein Minimum zur reduzieren und sie im Keim zu ersticken.</i></p><p><i>Gennaro Gervasio unterrichtet Geschichte und Politik des Nahen Ostens am Departement f\u00fcr Geisteswissenschaften in Rom 3. Von 2010 bis 2016 lebte und lehrte er in \u00c4gypten. Im Mittelpunkt seiner Forschung stehen laizistische und gewerkschaftliche Proteste und Bewegungen. Maurizio Coppola hat mit ihm \u00fcber die Hintergr\u00fcnde der Proteste und \u00fcber die m\u00f6gliche weitere Entwicklung im gesamten Nahen/Mittleren Osten gesprochen.</i><br/></p><p><b>F\u00fcr eine Analyse der Proteste ist sicherlich die Vorgeschichte hilfreich. Wie kann die Wirtschafts- und Sozialpolitik der letzten Jahre unter al-Sisi beschrieben werden?</b></p><p>Auf der einen Seite ist es eine Fortsetzung der ultraliberalen Politik der letzten Periode unter Hosni Mubarak (Pr\u00e4sident \u00c4gyptens von 1981 bis 2011, als eine gro\u00dfe soziale Bewegung den Fall des autorit\u00e4ren Regimes verursachte, Anm. d. Verf.), die mit der Ernennung des neuen Premierministers Ahmad Nazif im Jahr 2004 weiter angetrieben wurde. Er beg\u00fcnstigte die Privatisierung \u00f6ffentlicher Betriebe und Sektoren und untergrub die Rechte der Arbeiter*innen. Diese Politik kann sicherlich als einer der zentralsten Gr\u00fcnde f\u00fcr den Aufstand im Januar 2011 angesehen werden. Die soziale Ungleichheit wurde durch die wilden Privatisierungen und brutalen K\u00fcrzungen des Sozialstaates massiv versch\u00e4rft. Besonders betroffen von diesen K\u00fcrzungen war das Sozialhilfesystem, welches bereits auf ein Minimum reduziert wurde, aber f\u00fcr viele Teile der Bev\u00f6lkerung nach wie vor \u00fcberlebenswichtig war. Andererseits gibt es einen wichtigen Unterschied und Bruch mit den Jahren unter Mubarak: Ein Teil der Eliten, die mit dem alten Pr\u00e4sidenten verbunden waren \u2013 also die globalisierte, dem Weltmarkt zugewandte Elite, die gerade nicht mit dem f\u00fcr den bonapartistischen Milit\u00e4rstaat typischen parasit\u00e4ren Kapitalismus verbunden ist <b>[1]</b> und deren Bezugspunkt der Sohn von Mubarak, Gamal, war \u2013 wurde teilweise durch die R\u00fcckkehr des Milit\u00e4rs in die Enge getrieben. Das Milit\u00e4r als Institution war zwar nie vollst\u00e4ndig verschwunden, aber es hatte einen wichtigen, zum Teil auch erfolgreichen Versuch gegeben, es von der Verwaltung des Staates zu entfernen. Vor der Revolution bek\u00e4mpften sich also mindestens zwei Fraktionen des Regimes: Auf der einen Seite die alte Garde, welche die Leitung des staatlichen Kapitals, auch wenn in neoliberaler Weste, nicht aus der Hand geben wollte; auf der anderen Seite die neue Garde, die mit dem Sohn des damaligen Pr\u00e4sidenten Mubarak verbunden war und gegen\u00fcber dem Westen und anderen aufstrebenden Weltwirtschaftsm\u00e4chten, insbesondere in Osteuropa, den Golfstaaten und Asien, viel offener war. Es besteht daher Grund zur Annahme, dass das Milit\u00e4r schlussendlich im Februar 2011 Pr\u00e4sident Mubarak fallen gelassen hat, um eben genau diese zweite Option zu vermeiden.</p><p>Daher kann man sagen, dass die Wirtschafts- und Sozialpolitik von al-Sisi eine Fortsetzung der damaligen neoliberalen Politik ist, aber mit der Restaurierung der politischen Rolle des Milit\u00e4rs, ja gar mit einer St\u00e4rkung seiner wirtschaftlichen Position. Es ist schwierig, diese Rolle in der \u00e4gyptischen Wirtschaft genau einzusch\u00e4tzen, denn das Milit\u00e4r ist eine undurchsichtige Institution. Nach einer kurzen Phase der Euphorie fiel also \u00c4gypten in eine soziale Situation, die sehr \u00e4hnlich ist wie noch vor 2010, wenn nicht gar schlimmer. Hier m\u00fcssen wir also ansetzen, um zu verstehen, was in den letzten Wochen passiert ist.</p><p></p><p><b>Den Massenprotesten von 2010/2011 gingen wichtige Streikbewegungen voraus. Gab es in den letzten Jahren auch solche Streiks?</b></p><p></p><p>Wir m\u00fcssen vorsichtig sein und zwischen dem unterscheiden, was von den Medien und aus einer bestimmten akademischen Sicht berichtet wird, und dem, was wirklich in \u00c4gypten geschieht. Objektiv betrachtet war die Zeit nach 2014 \u2013 nach der Konsolidierung und Wahl des damaligen Verteidigungsministers Abdel Fattah al-Sisis zum Pr\u00e4sidenten der Republik \u2013 in Bezug auf Quantit\u00e4t und Qualit\u00e4t der Mobilisierungen von Arbeiter*innen und Gewerkschaften sehr kompliziert. Es gab Episoden von <i>contentious politics,</i> von sozialen Konflikten also, die sich auch in den schlimmsten Tagen der Repression fortgesetzt haben. Diese wurden aber stets unterdr\u00fcckt und waren kaum untereinander koordiniert. Sie schossen wie Pilze aus dem Boden und waren geografisch sehr ungleichm\u00e4\u00dfig verteilt. Sie fanden in den Sonderwirtschaftszonen, in denen chinesische Unternehmen sehr pr\u00e4sent sind, auf dem Land, im \u00f6ffentlichen Nahverkehr, in den kleineren St\u00e4dten, denen das Regime weniger Aufmerksamkeit schenkte, im Textilsektor und im Sekund\u00e4rsektor statt. Wir k\u00f6nnen also sagen, dass die Bewegung nie aufgeh\u00f6rt hat zu existieren. Sie hat allerdings nie die Art umfassender Koordination erreicht, wie die Bewegungen Ende der 2000er Jahre, als gewerkschaftliche K\u00e4mpfe, politische K\u00e4mpfe, demokratische K\u00e4mpfe, K\u00e4mpfe der Student*innen und der Bauer*innen eine gemeinsame Sprache und eine Einheit gefunden hatten, aus der die Revolution im Januar 2011 hervorging.</p><p></p><p><b>Von au\u00dfen betrachtet schien es fast so, als seien die Proteste Mitte September aus dem Nichts und \u201eohne Vorwarnung\u201c explodiert. Stimmt diese Wahrnehmung?</b></p><p></p><p>Nicht ganz. Von innen betrachtet gab es mindestens zwei Anzeichen. Erstens wurde es immer schwieriger, der Bev\u00f6lkerung, einschlie\u00dflich der Mittelschicht, die Idee einer gro\u00dfen wirtschaftlichen Erholung zu verkaufen. Die konkrete Alltagsrealit\u00e4t der meisten Menschen sieht ganz anders aus. Heute befinden wir uns im Wesentlichen in einer sehr \u00e4hnlichen Situation wie in den 2000er Jahren, als der Internationale W\u00e4hrungsfonds (IWF, Anm. Verf.) und die Weltbank die Geschichte der \u201ezwei perfekten Sch\u00fcler\u201c bez\u00fcglich Strukturanpassungsprogrammen erz\u00e4hlten. Gemeint waren \u00c4gypten und Tunesien. Dabei war es gerade diese Unzufriedenheit \u00fcber die Politik von IWF und Weltbank, die zum so genannten Arabischen Fr\u00fchling f\u00fchrte. Heute ist die Unzufriedenheit sicherlich viel gr\u00f6\u00dfer als die, die in den letzten Wochen tats\u00e4chlich auf die Stra\u00dfe gegangen ist. Diejenigen, die auf die Stra\u00dfe gingen, sind vor allem Aktivist*innen, die bereits zwischen 2011 und 2014 auf die Stra\u00dfe gegangen sind. Sie hatten in den letzten Jahren keine andere M\u00f6glichkeit des Protests gefunden \u2013 mit Ausnahme von den Protesten gegen die Entscheidung des Regimes, zwei Inseln des Roten Meeres, Tiran und Sanafir, an Saudi-Arabien zu \u00fcbergeben. Zweitens gab es nat\u00fcrlich auch viele junge Menschen, sowohl Universit\u00e4tsstudent*innen als auch Jugendliche unter zwanzig Jahren, die nicht an den Protesten zwischen 2011 und 2013/2014 teilgenommen hatten, weil sie noch zu jung waren. Damals nahmen die auch deshalb Proteste massiv ab, weil Gesetze eingef\u00fchrt wurden, die Demonstrationen kriminalisierten. Das Regime hat damit auch jetzt ein Instrument in der Hand, um hunderte von Menschen zu verhaften. Dies erkl\u00e4rt uns auch die paranoiden Handlungen des Regimes, nachdem die Begeisterung der Massen f\u00fcr den Putsch gegen Morsi nachgelassen hatte \u2013 und f\u00fcr die Rhetorik des \u201eKampfes gegen den Terror\u201c angesichts der Unf\u00e4higkeit des Regimes, ein alternatives sozio\u00f6konomisches Projekt anzubieten.</p><p></p><p><b>K\u00f6nnen wir diese Bewegung also als Fortsetzung des Arabischen Fr\u00fchlings verstehen?</b></p><p></p><p>Der Arabische Fr\u00fchling ist auf der einen Seite ein historischer Moment, der zwischen Ende 2010 und 2013 zu verorten ist und verschiedene Etappen durchlebt hat. In Tunesien geht in gewisser Weise ein demokratischer \u00dcbergang nach Ben Ali weiter, auch wenn nicht ohne Probleme. Noch vor einigen Wochen gab es dort die erste Fernsehkonfrontation zwischen den Kandidaten f\u00fcr die Pr\u00e4sidentschaftswahlen. Vor zehn Jahren w\u00e4re das unvorstellbar gewesen, weil in Tunesien das Regime und der Pr\u00e4sident absolut dominierten und es kaum Opposition gab. Es gen\u00fcgte wenig, um ins Gef\u00e4ngnis geworfen oder zur Flucht ins Exil gezwungen zu werden. Ganz anders sieht es nat\u00fcrlich in den L\u00e4ndern aus, in denen der Aufstand zu bewaffneten zivilen Konflikten gef\u00fchrt hat, die auch heute noch andauern. Auf der anderen Seite sind die Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit, politischer und demokratischer Freiheit die gleichen wie damals, auch wenn die Erfahrungen der Jahre 2010 bis 2013 als Lehre gedient haben. Ich denke besonders an Algerien und den Sudan, wo es ja darum ging und heute noch darum geht, die Mobilisierung aufrechtzuerhalten. Man will so vermeiden, dass die Aufst\u00e4nde von Teilen des Regimes instrumentalisiert werden, um die Machtverh\u00e4ltnisse zu stabilisieren, wie es in \u00c4gypten geschehen ist. Dieses Ziel haben nat\u00fcrlich auch Teile der sich an der Macht befindenden Regime in diesen L\u00e4ndern.</p><p></p><p><b>Welche Rolle spielen derzeit die kommunistischen und revolution\u00e4ren Organisationen \u00c4gyptens?</b></p><p></p><p>Leider ist die Linke in \u00c4gypten in zwei Lager gespalten. Da gibt es einmal eine staatstreue Seite (<i>dawlatiyya</i> auf Arabisch, Anm. Verf.), die nicht unbedingt islamophob, aber sicherlich gegen\u00fcber den Muslimbr\u00fcdern feindlich eingestellt ist. Diese Linke hat den Putsch des Regimes von al-Sisi gegen den damaligen Pr\u00e4sidenten Morsi, den Repr\u00e4sentanten der Muslimbruderschaft, unterst\u00fctzt. Die Unterst\u00fctzung kam auch von vielen liberalen Intellektuellen und sogar von Gewerkschaftsaktivist*innen: Einer der Gr\u00fcnder und Sekret\u00e4r des ersten autonomen Verbandes unabh\u00e4ngiger Gewerkschaften, Kamal Abu Aita, wurde zum Arbeitsminister der ersten Nach-Putsch-Regierung ernannt. Dies hat zu seinem pers\u00f6nlichen Niedergang und zum Niedergang der Gewerkschaftsbewegung gef\u00fchrt, und zwar zu einem entscheidenden Zeitpunkt, n\u00e4mlich zwischen 2013 und 2014. Die Entscheidung von al-Sisi, ihn in die staatlichen Institutionen zu integrieren, hat sich also ausgezahlt. Im Laufe des al-Sisi-Regimes entfernten sich einige linke Anh\u00e4nger*innen von dieser unterst\u00fctzenden Position. Dann gibt es weitere Kr\u00e4fte wie die trotzkistischen Str\u00f6mungen oder die revolution\u00e4ren Sozialist*innen, die sich immer gegen das Regime von al-Sisi stellten, aber deren M\u00f6glichkeiten, offen politische Aktivit\u00e4ten zu organisieren, im Gegensatz zur Zeit zwischen 2011 und Anfang 2014, massiv eingeschr\u00e4nkt wurden. Vor diesem Hintergrund haben sich viele dieser Gruppen f\u00fcr virtuelle oder klandestine Aktivit\u00e4ten entschieden.</p><p>Die Linke war bei den Aufst\u00e4nden der letzten Wochen anwesend, aber teilweise in einer zuschauenden Position: Sie vermochten Urspr\u00fcnge und Dynamiken der Demonstrationen nicht zu fassen. Ein Teil folgte der Erz\u00e4hlung des Regimes, wonach die Demonstrationen von der Muslimbruderschaft organisiert wurden. Dieses Narrativ best\u00e4tigt die Feindseligkeit eines Teils der Linken gegen\u00fcber der Muslimbruderschaft, wie ich oben erkl\u00e4rt habe. Andere legten gegen\u00fcber den Protesten eine vorsichtige Haltung an den Tag, was zeigt, dass leider auch Linke eine gewisse Distanz zur Stra\u00dfe genommen haben. Nicht zuletzt spielt die Repression nat\u00fcrlich eine wichtige Rolle. Vergessen wir nicht, dass sich viele Aktivist*innen im Exil befinden und andere im Verlaufe dieser Jahre verhaftet wurden. Ich denke da beispielsweise an <a href=\"https://nena-news.it/egitto-alaa-abdel-fattah-picchiato-e-minacciato-in-carcere/\">Alaa Abdel Fattah</a> oder <a href=\"https://www.frontlinedefenders.org/en/case/detention-mahienour-el-masry-and-other-human-rights-defenders\">Mahineour al-Masri</a>, um nur zwei der ber\u00fchmtesten Vertreter*innen der Linken auch au\u00dferhalb des \u00e4gyptischen Staatsgebiets zu nennen. Was bei der Linken jedoch wirklich fehlt, ist eine echte politische Alternative.</p><p></p><p><b>Welche Konflikte und Widerspr\u00fcche sind heute innerhalb der Institutionen des Staates zu erkennen?</b></p><p></p><p>In den Tagen vor den Protesten sprachen einige gut informierte \u00e4gyptische Intellektuelle von der M\u00f6glichkeit eines Putsches, insbesondere aufgrund der Aussagen von Mohamed Ali. Der Unternehmer, der lange mit dem Milit\u00e4r gearbeitet hatte und der sich nun im Ausland aufh\u00e4lt, beschuldigte das Regime und vor allem den Pr\u00e4sidenten offen der Korruption.</p><p>Tats\u00e4chlich hat al-Sisi als waschechter Mann des Milit\u00e4rs diese Institution gest\u00e4rkt und im Verlaufe der letzten Jahre die Geh\u00e4lter der mittleren und h\u00f6heren Offiziere erh\u00f6ht. Eine Spaltung innerhalb der hohen R\u00e4nge der Armee ist daher zurzeit kaum vorstellbar. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass dies in anderen staatlichen Institutionen geschieht. Der \u00e4gyptische Sicherheitsapparat ist vielf\u00e4ltig strukturiert, es gibt Polizeikr\u00e4fte und zahlreiche andere Sicherheitskr\u00e4fte und -dienste. Wir m\u00fcssen darum angesichts ihrer Komplexit\u00e4t und Reichweite sehr vorsichtig sein, wenn wir \u00fcber die milit\u00e4rischen Institutionen sprechen. Das Milit\u00e4r hat sich zwar bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2014 offen f\u00fcr den Kandidaten al-Sisi ausgesprochen. Es blieb jedoch in gewisser Weise zweideutig im Sinne von: Wenn alles nach Plan l\u00e4uft, dann gewinnen wir alle; wenn es aber schief geht, werden wir den Pr\u00e4sidenten fallen lassen; und zwar ohne dass aber das Milit\u00e4r die F\u00fchrung des Landes verliert oder zumindest hinter den Kulissen eine Handlungsmacht bleibt und die \u00dcbertragung der Macht vom Hosni Mubarak auf den Sohn Gamal Mubarak abgewendet werden kann.</p><p></p><p><b>Die Situation in der gesamten Region ist in st\u00e4ndiger und rasanter Entwicklung. Wie k\u00f6nnen die Proteste diesbez\u00fcglich eingeordnet werden?</b></p><p></p><p>In der Sichtweise sogenannter Linker oder Oppositioneller in Europa steht oft eine geopolitische Perspektive im Vordergrund. Doch erinnern wir uns daran, dass die geopolitische Leseart eine \u201eWissenschaft der Herrschenden\u201c ist, die von den Nazis geschaffen und sp\u00e4ter im Kalten Krieg von den Vereinigten Staaten weitergef\u00fchrt wurde. Meiner Meinung nach ist es wichtig, die Interessen und den Willen der Menschen, die f\u00fcr soziale Rechte auf die Stra\u00dfe gehen, zu verstehen und Solidarit\u00e4t zu zeigen. Ich bin gegen eine selektive Solidarit\u00e4t. In diesen Tagen ist es beispielsweise eine Pflicht, unsere Stimme gegen die t\u00fcrkische Aggression gegen die Kurd*innen zu erheben. Wenn ich aber lese, dass die Bombardierung Syriens \u201ebegonnen\u201c hat, empfinde ich Traurigkeit und Wut; denn diese kriegerischen Aktionen haben in Wirklichkeit schon vor Jahren begonnen. Als sie vom syrischen Pr\u00e4sidenten al-Assad, der al-Sisi nicht zu beneiden hat, gegen die protestierende Bev\u00f6lkerung, oder von russischen Kr\u00e4ften ver\u00fcbt wurden, schauten viele weg. Was ich sagen will: Es ist notwendig, den Willen der Menschen von unten zu erkennen, jenseits jeglicher rassistischen, orientalistischen oder elit\u00e4ren Beurteilung.</p><p>\u00dcber die konkrete Lage in der gesamten Region denke ich, dass sich die allgemeine Situation im Nahen Osten verschlechtert hat. Was aber in Algerien und im Sudan geschieht und geschehen ist \u2013 um nur zwei L\u00e4nder zu nennen, die vor acht Jahren nicht vom Arabischen Fr\u00fchling erfasst wurden \u2013 zeigt, dass dieser Zyklus von Protesten \u00fcberhaupt nicht zu Ende ist, wie einige Expert*innen vorschnell beurteilt hatten. Ich denke hingegen, dass die aktuelle Situation beweist, dass angesichts \u00e4hnlicher sozial-politischer und \u00f6konomischer Situationen von Unterdr\u00fcckung, fehlenden politischen und sozialen Freiheiten und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die Reaktion der Massen die gleiche sein wird: n\u00e4mlich soziale Proteste und Aufst\u00e4nde. Es geht darum, aus der Vergangenheit und den negativen Ereignissen in L\u00e4ndern wie \u00c4gypten zu lernen. Zu lernen, warum die Massenproteste nicht wie noch im Fr\u00fchjahr 2011 zur Demokratie, sondern zu einem autorit\u00e4ren Regime gef\u00fchrt haben. Die Menschen im Maghreb und im Nahen Osten haben diese Lektion irgendwie gelernt. Vergessen wir nicht, dass wir \u00fcber Menschen sprechen, die im Vergleich zu unseren Gesellschaften sehr jung sind und denen es an einer Tradition der demokratischen Dialektik fehlt. Fehler sind somit unausweichlich und sollten auch \u2013 in Anf\u00fchrungszeichen gesagt \u2013 erlaubt sein.</p><p></p><hr/><h2><b>Anmerkungen</b></h2><p><b>[1]</b> Hierbei handelt es sich um analytische Kategorien, die von der radikalen Linken in den 1970er Jahren von Autoren wie <a href=\"http://english.ahram.org.eg/NewsContentP/18/352242/Books/Remembering-Ibrahim-Fathi-.aspx\">Ibrahim Fathi</a> und <a href=\"http://english.ahram.org.eg/NewsContent/1/64/331275/Egypt/Politics-/A-conscience-for-our-times.aspx\">Hani Shukrallah</a> eingef\u00fchrt wurden.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Es ist offensichtlich, dass mit diesem Schritt innere wie auch \u00e4u\u00dfere Feinde eines vergleichsweise milden linken Entwicklungsparadigmas in die Offensive gehen und dass sie dies schon im Voraus geplant haben. Dies geht aus <a href=\"https://elperiodicocr.com/bolivia-filtran-audios-de-lideres-opositores-llamando-a-un-golpe-de-estado-contra-evo-morales/\">geleakten</a> <a href=\"https://www.en24.news/news/2019/11/10/bolivia-audios-leaked-from-opposition-leaders-calling-for-a-coup-against-evo-morales.html\">Audioaufnahmen</a> hervor. Den Akteuren geht es darum, sich eines Hindernisses f\u00fcr ihre Interessen zu entledigen: <a href=\"https://www.counterpunch.org/2019/11/13/after-evo-the-lithium-question-looms-large-in-bolivia/?fbclid=IwAR0k14N_hRr7cXe5I-qxPSgY-so5gqQA7Hsie2zPm8o2gd8KdssTdDoPvmU\">Direkt nach</a> Regierungsantritt im Jahre 2006 hatte die Regierung Morales alle extraktiven Schl\u00fcsselindustrien verstaatlicht, die vormals haupts\u00e4chlich transnationalen Unternehmen geh\u00f6rten. Es handelt sich dabei keineswegs um Peanuts: Bolivien besitzt laut Eigenaussagen 70 Prozent des weltweiten Lithium-Bestandes. Dieser Schritt der Verstaatlichung hatte \u2013 trotz einer Reihe an international erwirkten Strafzahlungen seitens Bolivien an transnationale Unternehmen \u2013 die Verdreifachung des bolivianischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) zur Folge. <a href=\"https://www.counterpunch.org/2019/11/13/after-evo-the-lithium-question-looms-large-in-bolivia/?fbclid=IwAR0k14N_hRr7cXe5I-qxPSgY-so5gqQA7Hsie2zPm8o2gd8KdssTdDoPvmU\">Lithium-Abbaurechte</a> wurden dabei in letzter Zeit nur noch mehr an Unternehmen vergeben, die mit bolivianischen Staatsunternehmen als gleichberechtigten Partnern zusammen arbeiten. Kurz vor dem derzeit sich voll im Gange befindenden Putsch waren dies haupts\u00e4chlich Unternehmen aus China. Dieses relativ unabh\u00e4ngige nationale Entwicklungsmodell reduzierte die Armut im statistisch gesehen <a href=\"https://www.international.gc.ca/gac-amc/publications/odaaa-lrmado/bolivia-bolivie.aspx?lang=eng\">\u00e4rmsten Land</a> Lateinamerikas massiv. Auch hier reden wir von keinen Kleinigkeiten. Laut Zahlen des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) reduzierte sich die Anzahl der <a href=\"https://data.worldbank.org/country/bolivia\">Menschen unter der Armutsgrenze</a> zwischen 2005 und 2018 von 59,6 Prozent auf 34,6 Prozent \u2013 eine Reduzierung, die sogar der nicht als Freund der Armen und Notleidenden bekannte IWF als \u201e<a href=\"https://www.imf.org/external/np/blog/dialogo/011316.pdf\">eindrucksvoll</a>\u201c bezeichnet. Im gleichen Zeitraum fiel die Zahl der unter <a href=\"https://www.ine.gob.bo/index.php/notas-de-prensa-y-monitoreo/itemlist/tag/Pobreza\">extremer Armut leidenden Menschen</a> von 37,7 Prozent auf 17,1 Prozent. Das sind nicht nur Zahlen. Konkret hei\u00dft das, dass hunderttausende Menschen in Bolivien heute erstmals ihre Tage nicht im reinen \u00dcberlebenskampf zubringen m\u00fcssen, sondern gesellschaftliche \u2013 und das hei\u00dft auch politische \u2013 Teilhabe erleben k\u00f6nnen. Die Wirtschaftspolitik der Umverteilung und partiellen Nationalisierung wurde konsequenterweise auch von einer Politik der Demokratisierung und der St\u00e4rkung der Rechte der armen Bev\u00f6lkerungsteile, insbesondere aber der Indigen@s begleitet: Sprachen und Kosmogonien [Erkl\u00e4rungsmodelle zum Ursprung der Welt, Mythen und Erz\u00e4hlungen; Anm. Red.] der indigenen V\u00f6lker wurden auf Verfassungsebene anerkannt und der spanischen Sprachen beziehungsweise der katholischen Religion rechtlich gleichgestellt. Die <a href=\"http://www.bolivia.de/es/bolivia/culturas/\">36 indigenen V\u00f6lker Boliviens</a> machen insgesamt mehr als die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung des s\u00fcdamerikanischen Landes aus.</p><p>Beide ineinander verschr\u00e4nkte Entwicklungen, eine auf soziale Umverteilung orientierte Wirtschaftspolitik und die St\u00e4rkung der Rechte der \u00e4rmsten und zuvor politisch ausgeschlossenen Teile der Bev\u00f6lkerung, waren der alten (neo-)kolonialen und mehrheitlich kreolischen (wei\u00dfen) Oligarchie schon lange ein Dorn im Auge. Deren vor der Amtszeit von Evo Morales durchexerziertes neoliberales Herrschaftssystem basierte fundamental auf der Unterdr\u00fcckung der Indigen@s und der Nicht-Anerkennung ihrer Rechte, sowie der brutalen Ausbeutung der \u00c4rmsten. Historisch und aktuell steht diese Oligarchie in enger Kollaboration mit dem US-Imperialismus. Sie nutzte nun die Gunst der Stunde \u2013 eine, durch mehrere \u00f6konomische und politische Faktoren bedingten, Schw\u00e4che der Morales-Regierung \u2013, um zuzuschlagen.</p><h2><b>\u201eLupenreine\u201c Demokrat*innen</b></h2><p>Die Brutalit\u00e4t und die Absichten der oligarchischen Putschisten-Koalition sind dabei kaum zu \u00fcbersehen: Milit\u00e4rs und Polizeikr\u00e4fte \u00fcberfallen gemeinsam mit putschistischen Stra\u00dfenbanden Hochburgen der Morales-Anh\u00e4nger*innen und verw\u00fcsten H\u00e4user von Regierungsoffiziellen, auch <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=LQg6G0fXF1Q\">jenes von Morales selbst</a>. Es finden, gut dokumentiert, Folter und <a href=\"https://youtu.be/EMF_IaxpzQQ\">Misshandlungen</a> an Morales-Anh\u00e4nger*innen seitens des Mobs, der Polizei und des Milit\u00e4rs statt. Regierungsmitglieder werden trotz ihres R\u00fccktrittes festgenommen. Dabei agieren die Verantwortlichen so, als handele es sich um \u201e<a href=\"https://twitter.com/i/status/1193857150868570114\">Terroroperationen</a>\u201c. Die <i>whipala</i>, die seit der Morales-\u00c4ra die mannigfaltigen indigenen Gemeinschaften Boliviens auch auf offiziellen Fahnen und Wappen des Staates repr\u00e4sentiert, <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=Ena0lXaXGGo\">wird von rechten Mobs verbrannt</a> oder von putschistischen Polizeikr\u00e4ften unter \u201eJetzt sind wir eine Republik \u2013 nie wieder!\u201c demonstrativ von <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=Xt_ZTpYZ2xE\">ihren Uniformen abgeschnitten</a>. Dass das keine singul\u00e4ren Ausf\u00e4lle sind, zeigen die zentralen Personalien des Putsches:</p><p>Da w\u00e4re zum einen der stramm evangelikale <a href=\"https://thegrayzone.com/2019/11/11/bolivia-coup-fascist-foreign-support-fernando-camacho/\">Faschist, Million\u00e4r und Paramilit\u00e4r</a> Luis Fernando Camacho. Er war fr\u00fcher Pr\u00e4sident der klerikalfaschistischen<i> Uni\u00f3n Juvenil Cruce\u00f1ista</i> (UJC) und ist heute F\u00fchrer des rechten Oppositionsb\u00fcndnisses <i>Comit\u00e9 C\u00edvico</i> in Santa Cruz. Der von westlichen Mainstream-Medien im<i> regime change</i>-Modus zum demokratischen Oppositionsf\u00fchrer gegen eine vermeintliche Diktatur stilisierte Faschist lief in den vergangenen Tagen ohne jede Legitimation in den Regierungspalast, legte eine Bibel (!) auf die bolivianische Fahne und <a href=\"https://twitter.com/LaSandunga7/status/1193643128508559361\">rief</a>: \u201eDie Pachamama [eine von den andischen Indigen@s verehrte Gottheit; Anm. d. Autoren] wird nie wieder in den Palast einkehren, Bolivien geh\u00f6rt Christus\u201c. Derselbe Camacho verlangt eine \u201eNotstandsregierung aus Milit\u00e4r und Polizei\u201c, ergo eine <a href=\"https://www.neues-deutschland.de/artikel/1128532.bolivien-morales-hinterlaesst-ein-machtvakuum.html\">faschistische Diktatur</a>.</p><p>In der Zwischenzeit hat sich die rechtskonservative, evangelikale Senatorin Jeanine \u00c1\u00f1ez, die einst via Twitter \u201esatanische indigene Br\u00e4uche\u201c unter Morales konstatierte und <a href=\"https://larepublica.pe/mundo/2019/11/13/jeanine-anez-bolivia-recuerda-en-twitter-publicaciones-de-actual-presidenta-racismo-evo-morales/\">andere klerikal-fundamentalistische Geschmacklosigkeiten</a> absonderte, trotz Beschlussunf\u00e4higkeit des Parlaments und des R\u00fccktritts aller im Falle von Vakanz des Pr\u00e4sidenten in Frage kommender Kandidaten Juan Guaid\u00f3-Style selbst zur \u00dcbergangspr\u00e4sidentin gek\u00fcrt \u2013 auch sie argumentiert in klerikal-kolonialer Manier. \u201eWir bringen die Bibel zur\u00fcck in den Palast\u201c, <a href=\"https://www.neues-deutschland.de/artikel/1128713.jeanine-anez-reaktionaerin.html\">so die Usurpatorin</a> bei der Machtergreifung. <a href=\"https://www.spiegel.de/politik/ausland/boliviens-uebergangspraesidentin-jeanine-anez-droht-evo-morales-a-1296820.html\">Prompt</a> kappte sie die au\u00dfenpolitischen Beziehungen zu Venezuela und Kuba, wies alle venezolanischen Diplomat*innen aus dem Land aus, erkannte den demokratisch nicht legitimierten Putschisten Juan Guaid\u00f3 als Pr\u00e4sidenten Venezuelas an und sorgte daf\u00fcr, dass Bolivien aus den regionalen B\u00fcndnissen Unasur und Alba zur\u00fccktrat. Sogar liberal-b\u00fcrgerliche Medien konstatieren angesichts ihrer geifernden Hasskommentare einen <a href=\"https://www.derstandard.de/story/2000110991077/bolivien-hat-zum-zweiten-mal-eine-praesidentin-jeanine-anez\">m\u00e4\u00dfig diplomatischen Stil</a>. Ihre Partei, das<i> Movimiento Dem\u00f3crata Social</i> (MDS, deutsch: Bewegung soziale Demokratie), steht \u00fcber die Internationale Demokratische Union international in Verbindung mit der CDU/CSU und den Republikanern in den USA. Die <a href=\"https://www.wiwo.de/politik/ausland/bolivien-trump-lobt-ruecktritt-von-evo-morales-als-sieg-der-demokratie/25216150.html\">Vereinigten Staaten</a>, aber auch die BRD sind dann nat\u00fcrlich auch ganz vorne mit dabei in puncto Unterst\u00fctzung des Milit\u00e4rputsches: Der Regierungssprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/politik/trotz-ruecktritt-von-morales-krawalle-in-bolivien-halten-an/25214566.html\">sprach</a> vom Milit\u00e4rputsch als einem \u201ewichtige[n] Schritt hin zu einer friedlichen L\u00f6sung\u201c, der au\u00dfenpolitische Sprecher der Gr\u00fcnen, Omid Nouripour, gar von einer <a href=\"https://www.gruene-bundestag.de/presse/pressemitteilungen/historischer-moment-in-bolivien\">richtigen Entscheidung</a> des Milit\u00e4rs. Die <a href=\"https://www.newcoldwar.org/msm-adamantly-avoids-the-word-coup-in-bolivia-reporting/?fbclid=IwAR3BvJ5YoVa_fmBvHBpT_U3WdNmzN6HgpbtbYVrSefhIfL4zmD5gTrN07sQ\">internationalen Gro\u00dfmedien</a> \u2013 CNN, New York Times, BBC, Telegraph \u2013 leisten ideologische Sch\u00fctzenhilfe f\u00fcr die organisierte Barbarei.</p><p>Es ist offensichtlich: Der Putsch bezweckt die gewaltt\u00e4tige Wiederherstellung einer wei\u00df-oligarchischen, neo-kolonialen, klerikalen und neoliberalen Hegemonie \u2013 teils mithilfe faschistischer Kr\u00e4fte und auf dem R\u00fccken der Indigen@s und des Gro\u00dfteils der Werkt\u00e4tigen in Bolivien. Der <a href=\"https://www.neues-deutschland.de/artikel/1128498.bolivien-morales-geht-ins-exil-nach-mexiko.html\">Gro\u00dfteil der Linken</a> auf der Welt wei\u00df um diese Zusammenh\u00e4nge und verurteilt deshalb den Milit\u00e4rputsch in Solidarit\u00e4t mit der Regierung Morales und der Bev\u00f6lkerung Boliviens. Die jeweilige Bewertung der Regierung Morales f\u00e4llt dabei durchaus unterschiedlich aus. Das Spektrum reicht hier von Jeremy Corbyn, \u00fcber AOC, Ilhan Omar, Tsipras, bis hin zum neuen, sozialdemokratischen Pr\u00e4sidenten Argentiniens Alberto Fern\u00e1ndez oder dem linksnationalistischen Pr\u00e4sidenten Mexikos, Andr\u00e9s Manuel L\u00f3pez Obrador. Jetzt k\u00f6nnte man ja meinen, dass insbesondere die Involvierung des deutschen Imperialismus, zusammenfassend skizziert <a href=\"https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/8102/\">in einem Artikel</a> des Nachrichtenportals<i> German Foreign Policy</i>, Anlass f\u00fcr eine deutsche Linke in ihrer Breite sein k\u00f6nnte, sich zumindest gegen den Putsch verbal zu \u00e4u\u00dfern. Aber im selbstreferentiellen, politischen Provinzdorf Germania regt sich <a href=\"https://revoltmag.org/articles/entsolidarisierung-im-zentrum/\">mal wieder</a> kaum etwas. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen \u2013 zum Beispiel verschiedene post-autonome Gruppen und Zusammenh\u00e4nge, der Aufstehen-Fl\u00fcgel innerhalb der Partei DIE LINKE, die junge Welt, die DKP oder labournet \u2013 wird sich zum derzeit laufenden Milit\u00e4rputsch einfach nicht ge\u00e4u\u00dfert. Den Vogel schie\u00dfen jedoch jene Teile der Linken ab, die in einer sagenhaften Verkehrung von Ursache und Wirkung den Putsch legitimieren, indem sie ihm absprechen, einer zu sein. Diese aktive Sch\u00fctzenhilfe f\u00fcr den Putsch wird dabei kurioserweise unter dem Deckmantel der \u201eDemokratie\u201c geleistet. Hier betreiben \u00f6ffentlichkeitswirksame Teile der deutschen Linken \u2013 nach Nicaragua und Venezuela nun erneut \u2013 eine perfide Form der Selbstprovinzialisierung in puncto Internationalismus. Zugleich f\u00e4llt man wiederholt grob unsolidarisch und in metropolenchauvinistischer Manier den Genoss*innen in Lateinamerika ausgerechnet in der Stunde der Not und Verfolgung (!) in den R\u00fccken. Es ist wahrlich ein deutsches Trauerspiel.</p><h2><b>Ein Diskurs imperialer Dekadenz</b></h2><p>Tenor der Anklage der hiesigen Wertelinken: Es handelt sich um den \u00fcberf\u00e4lligen \u201eR\u00fccktritt\u201c eines l\u00e4ngst vom Paulus zum Saulus gewordenen, autorit\u00e4ren Pr\u00e4sidenten, der sich mit Wahlf\u00e4lschung an der Macht halten wolle. Dessen zentrale Verfehlungen seien gewesen: Das Festhalten an einem extraktivistischen Modell, die dadurch entstehende Entfremdung von lokalen sozialen K\u00e4mpfen, das Nicht-Erf\u00fcllen von Umwelt- und Klimazielen, sowie die Umgehung eines Plebiszits und Beugung der Verfassung. Anklage Ende. Diese Anklage des westlichen Wertehorizonts reicht offensichtlich aus, um den Richterspruch im Eilschritt vorzunehmen und in der Stunde der Not das Urteil zu verk\u00fcnden: Die Solidarit\u00e4t wird versagt. Der Angeklagte hat das Dilemma selbst zu verantworten.</p><p>So kann es dann passieren, dass das <i>neue deutschland</i> allen Ernstes eine \u201ePro und Kontra\u201c-Kommentarreihe zur anscheinend uneindeutigen Frage bringt, ob ein vom Milit\u00e4r und klar rechten bis rechtsradikalen Kr\u00e4ften lancierter Putsch demokratische Potentiale birgt. Katharina Schwirkus f\u00fchrt in ihrem Kommentar \u201e<a href=\"https://www.neues-deutschland.de/artikel/1128428.pro-ruecktritt-morales-loslassen-lernen.html?fbclid=IwAR2oezcFe9O9BkXtlGHKABZf50xyKUMU37Nd_luYooKeU2DpDOx8aynapS8\">Loslassen lernen</a>\u201c in vollkommener Ignoranz gegen\u00fcber dem Charakter der verschiedenen Akteur*innen, den Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen im Land und den sozialen Errungenschaften formaldemokratisch aus: \u201eEs ist nicht sch\u00f6n, wie sich Evo Morales aus dem Pr\u00e4sidentenamt verabschieden musste. F\u00fcr Boliviens Demokratie ist es aber wichtig und richtig, dass endlich jemand anderes auf Morales folgt\u201c. Schlie\u00dflich habe der Mann mit 13 Jahren lang genug regiert. Dabei ist bis zum heutigen Tag nicht klar, ob wirklich und wenn ja in welchem Umfang Wahlf\u00e4lschung bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen am 20. Oktober stattgefunden hat: Ein <a href=\"http://cepr.net/images/stories/reports/bolivia-elections-2019-11.pdf?v=2\">detaillierter Bericht des CEPR</a> zeigt auf, dass zun\u00e4chst einmal nichts Verd\u00e4chtiges darin zu sehen ist, dass Morales im Laufe des Abends pl\u00f6tzlich einen immensen Vorsprung erhielt, da die ruralen Gebiete, in denen Morales traditionell stark ist, erst sp\u00e4ter ausgez\u00e4hlt wurden und sich die Trendentwicklung der Ausz\u00e4hlung konsistent entwickelte. Eine auf Einladung von Morales (!) vorgenommene unabh\u00e4ngige Pr\u00fcfung der Wahlen <a href=\"http://www.oas.org/documents/eng/press/Electoral-Integrity-Analysis-Bolivia2019.pdf\">seitens der OAS</a> fand sp\u00e4ter zwar heraus, dass es schwere Sicherheitsl\u00fccken im Vorgehen der mit der Pr\u00fcfung der \u2013 rechtlich unverbindlichen! \u2013 vorl\u00e4ufigen Wahlergebnisse beauftragten Firma gab, konnte aber keine Wahlf\u00e4lschung im rechtlich verbindlichen Endergebnis nachweisen. Vielmehr verwies der Bericht auf augenf\u00e4llige und daher n\u00e4her zu untersuchende Irregularit\u00e4ten. Aber auch der OAS-Bericht stellt nicht in Frage,<i> dass</i> Morales eindeutig vorne lag, im gegenteil. Die ganze Frage dreht sich also darum, ob Morales mit zehn oder sieben Prozent Vorsprung vorne lag \u2013 niemand bestreitet, dass Morales seinen Hauptkontrahenten haushoch \u00fcberlegen war. Aber egal, Hauptsache Morales muss weg. Daf\u00fcr auch einen rechts-reaktion\u00e4ren Milit\u00e4rputsch in Kauf zu nehmen, ist, auf deutsche Verh\u00e4ltnisse \u00fcbertragen, in etwa dasselbe wie von einem AfD-nahen Milit\u00e4rputsch gegen Merkel als \u201enicht sch\u00f6n, aber gut f\u00fcr die bundesdeutsche Demokratie\u201c zu reden, weil Merkel halt nun einmal viel zu lange \u2013 n\u00e4mlich 16 Jahre \u2013 im Amt sei und ihre vereinbarten politischen Ziele nicht allesamt erreicht h\u00e4tte.</p><p>Weiter geht es mit dem Kontra-Kommentar im<i> nd</i>, \u201e<a href=\"https://www.neues-deutschland.de/artikel/1128427.kontra-ruecktritt-morales-niederlage-fuer-die-linke.html?fbclid=IwAR2y6CHev8ivHhBVT_gpKqSeG6lCVOWjXglW1JoLvFG8qNtWPA2hAcsKkh8\">Niederlage f\u00fcr die Linke</a>\u201c von Christian Klemm. Der Artikel hat zwar den Vorzug, den Inhalt des Putsches als nicht sonderlich w\u00fcnschenswert erkannt zu haben, disqualifiziert sich jedoch gleich zu Beginn mit der Feststellung: \u201eOb Putsch oder nicht \u2013 wie man das Ende der Pr\u00e4sidentschaft von Evo Morales in Bolivien nennt, ist Nebensache\u201c. Als w\u00fcrde es hier nicht um einen Unterschied ums Ganze gehen! Insbesondere wenn in den neoliberalen Mainstream-Medien einm\u00fctig von \u201eR\u00fccktritt\u201c gesprochen und damit die Gewaltf\u00f6rmigkeit des Vorgangs und die Rolle des Milit\u00e4rs und fanatischer Rechter sowie ihrer politischer Perspektiven verharmlost wird. Dem Anspruch eines linken Blattes, das Gegen\u00f6ffentlichkeit betreiben will, wird das jedenfalls nicht gerecht. <b>[1]</b></p><p>Aber es kommt noch dicker. Die insbesondere in au\u00dfenpolitischen Angelegenheiten inzwischen g\u00e4nzlich neoliberale, auf Linie der Bundesregierung und NATO stehende<i> taz</i> startet den Frontalangriff gegen jene wenigen Medien und Kommentare, die den Putsch als das darstellen, was er ist. In \u201e<a href=\"https://taz.de/Morales-Ruecktritt-in-Bolivien/!5636983/\">Die Legende vom Putsch</a>\u201c gibt sich der zust\u00e4ndige Auslandsredakteur der<i> taz</i>, Bernd Pickert, \u00fcberhaupt nicht mal die M\u00fche, die sozialen und politischen Widerspr\u00fcche im Land aufzudecken. Bei ihm geht alles um Morales pers\u00f6nliche Verantwortung \u2013 Tenor: \u201eMorales hat sich mit seinem Machtanspruch verzockt\u201c. Und: Der \u201eR\u00fccktritt\u201c sei als Konsequenz einer erfolgreichen sozialen Bewegung zu sehen, da sich die Polizist*innen und das Milit\u00e4r den Protestierenden gegen Wahlbetrug angeschlossen h\u00e4tten. Noch am 16. November ver\u00f6ffentlicht die<i> taz</i> eine Reportage unter dem Telenovela-artigen Titel \u201e<a href=\"https://taz.de/Proteste-und-Morales-Sturz-in-Bolivien/!5638564/\">Wir waren alle verliebt in ihn</a>\u201c von Katharina Wojczenko, in dem Morales im Teaser allen Ernstes vorgeworfen wird, er w\u00fcrde das Land von Mexiko aus spalten (!), weil er sich gegen den Putsch stellt. Und das, obwohl in der genannten Reportage eine indigene Stimme den wei\u00dfen Terror, der derzeit im Land w\u00fctet, luzide beschreibt und ein Pickert <a href=\"https://taz.de/Boliviens-Interimspraesidentin/!5638253/\">mittlerweile</a> selber schon erkennt, was da mittlerweile im Pr\u00e4sidentschaftspalast <a href=\"https://taz.de/Boliviens-neue-Uebergangsregierung/!5642198/\">los ist</a>.</p><p>Zu diesem deckungsgleich zur b\u00fcrgerlichen Presse auftretenden \u201elinken Journalismus\u201c gesellt sich die Lateinamerika-Abteilung von <i>medico international</i>, die sich schon zu den Geschehnissen in <a href=\"https://www.medico.de/neuer-horizont-17239/\">Nicaragua</a> an der Seite der rechten Opposition in den L\u00e4ndern w\u00e4hnte und beim Putschversuch in <a href=\"https://www.medico.de/internationale-deklaration-17317/\">Venezuela</a> \u00c4quidistanz (ergo: Entsolidarisierung) propagierte. Das Narrativ ist hier stets identisch mit jenem neoliberaler Bl\u00e4tter, eine dialektische Analyse der Linksregierungen unter Einbezug der sozialen Frage und Errungenschaften wird nicht einmal versucht. Moritz Krawinkel, zust\u00e4ndig f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeitsarbeit in Bezug zu Lateinamerika, <a href=\"https://twitter.com/mrtzkr/status/1193815831672700928\">\u00e4u\u00dferte</a> denn auch zu den aktuellen Geschehnissen via Twitter: \u201eTrotzdem kann kaum von einem Putsch gesprochen werden, wie es jetzt gro\u00dfe Teile der lateinamerikanischen Linken tun. Morales\u2019 R\u00fccktritt ist zu begr\u00fc\u00dfen, angesichts des Klammerns an der Macht von Ortega in Nicaragua und Nicol\u00e1s Maduro in Venezuela ein wichtiges Zeichen\u201c. Krawinkel begr\u00fc\u00dft damit offen den Putsch durch rechte Kr\u00e4fte. Auch hier der zynische Kommentar zum Ende, dass Morales den Putsch selbst zu verschulden habe.</p><h2><b>Nach vorne, nicht in den Sumpf</b></h2><p>In diesen innerhalb der Linken bedauerlicherweise wirkm\u00e4chtigen Positionen wird die demokratische Frage tendenziell gegen, oder zumindest ohne die soziale und nationale Frage und ohne auf die konkreten Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse zu rekurrieren beantwortet. Vorherrschend ist eine Entkontextualisierung der Situation dieser L\u00e4nder im imperialistischen Weltsystem und eine formaldemokratische Scholastik, die vollkommen abseits von Klassenauseinandersetzungen zu ihren Schl\u00fcssen kommt. Aber eben genau diese, die Grenzen einer Entwicklung eines nationallinken Programms unter einem unterdr\u00fcckerischen imperialistischen System und die Fortsetzung dieser Verh\u00e4ltnisse durch die kollaborierende bolivianische Oligarchie, setzt dem progressiven Projekt in Bolivien, und nicht nur dort, reale Entwicklungsgrenzen. Den Genoss*innen in Bolivien etwa die Verfehlung der Klimaziele und mangelnden Umweltschutz aufgrund von Infrastruktur- und Lithiumabbauprojekten vorzuwerfen hei\u00dft, im Kontext des imperialistischen Weltsystems und der wirtschaftlichen Unterentwicklung Boliviens, den Bolivianer*innen zynisch zu gebieten, sie m\u00f6gen bitte keinen Entwicklungsstand und Lebensstandard nach westlicher Fasson anstreben.</p><p>Der Milit\u00e4rputsch wird, wenn er Erfolg hat, nicht blo\u00df die unter Morales erreichte \u201eUmverteilung\u201c der Einkommen im Sinne der \u00c4rmsten umkehren. Er wird auch nicht blo\u00df die <i>Grundlage</i> dieser Umverteilung, die verstaatlichte nationale Wirtschaftspolitik, abschaffen. Er wird darauf abzielen, durch Repression und Terror jedwede soziale und politische Grundlage linker Perspektiven auf Jahre hinweg zu zerst\u00f6ren. Die hier bezweckte Demokratie ist die Demokratie der Friedhofsruhe. Das war schon immer die Funktion konterrevolution\u00e4rer Milit\u00e4rputsche im modernen Lateinamerika. Die Menschen und Genoss*innen in diesen L\u00e4ndern wissen deshalb zumeist ganz genau, was sie erwartet, wenn die Konterrevolution siegt. Gerade deshalb erkl\u00e4rt sich vielleicht auch, warum trotz allen M\u00e4ngeln, Fehlern und offensichtlich strukturellen Blockaden der Linksregierungen in Lateinamerika viele noch verbissen an ihnen festhalten, ja sich sogar eventuell mit ihnen <a href=\"https://www.theguardian.com/commentisfree/2019/nov/14/what-the-coup-against-evo-morales-means-to-indigenous-people-like-me?fbclid=IwAR1cDkKGCb2bCt8qoBwNba7tuLJ1eA08V2xiwLQfE7l3vbMPDb4ZWzFbpcc\">\u00fcber-identifizieren</a>, oder zumindest nicht die \u201eOpposition\u201c in ihren \u201eDemokratiebestrebungen\u201c unterst\u00fctzen. Das ist auch etwas, was Teile der deutschen Linken in ihrem Metropolenchauvinismus schlicht und ergreifend nicht begreifen wollen. Nur eine wahrlich imperiale Dekadenz kann es sich leisten, \u201eDemokratie\u201c im Sinne des Abtritts eines zunehmend autorit\u00e4rer und selbstfixiert vorgehenden linken Pr\u00e4sidenten um jeden Preis, und sei es in Form eines rechten Milit\u00e4rputsches mit anschlie\u00dfender Verfolgung von Genoss*innen, als letztlich w\u00fcnschenswert zu erachten.</p><p>Was in Lateinamerika mit den Linksregierungen versucht wurde, war eine Neuauflage der Volksfront-Regierung Salvador Allendes in Chile. Solche Regierungen charakterisieren sich durch einen<i> nationalen Konsens</i>, das hei\u00dft linke Transformationen durch klassen\u00fcbergreifende (nationale) B\u00fcndnisse und Kr\u00e4fteausgleich mit den nationalen Gro\u00dfbourgeoisien. Das Projekt der MAS [<i>Movimiento al Socialismo</i>, die Partei, der Morales angeh\u00f6rt, Anm. Red.] in Bolivien geh\u00f6rt zu einer eher sozialistischeren Form dieses Regierungstypus, wie auch dasjenige in Venezuela. Andere Linksregierungen nahmen gar keine Verstaatlichungen vor, etwa in Nicaragua, Argentinien, Chile und Ecuador. Regierungen des nationalen Konsens k\u00f6nnen in peripheren L\u00e4ndern partielle Fortschritte erk\u00e4mpfen, geraten jedoch regelm\u00e4\u00dfig fr\u00fcher oder sp\u00e4ter in die politische Bredouille, da die Interessen der Kapitalist*innen und ihrer Verb\u00fcndeten auf Dauer naturgem\u00e4\u00df eben nicht identisch mit umfassender sozialer Umverteilungspolitik oder gar einer Transformation in Richtung Sozialismus sind. Das hei\u00dft, dass solche Regierungen optimalerweise von einer starken sozialen und demokratischen Bewegung von links zu weitergehenden Ma\u00dfnahmen, wie zum Beispiel der Nationalisierung der Privatwirtschaft, getrieben werden m\u00fcssen. Diese Kraft von links blieb bislang aus verschiedenen Gr\u00fcnden in den verschiedenen L\u00e4ndern aus \u2013 und darin haben die jeweiligen Linksregierungen selber sicher einen gro\u00dfen Anteil. Der nationale Konsens muss dann gerade bei abfallender popularer Unterst\u00fctzung, wie in Bolivien, und/oder wenn die wirtschaftlichen Grenzen des nationalen Entwicklungsmodell erreicht sind, auseinanderbrechen. Was folgt ist zumeist B\u00fcrgerkrieg, anhaltende Unruhe, Putsch und Rollback \u2013 oder Revolution, je nach Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen.</p><p>Die lateinamerikanischen Linksregierungen, und da ist Bolivien keine Ausnahme, haben den Fehler begangen, den linksnationalen Klassenkompromiss als dauerhaft haltbare politische Konstellation statt als vor\u00fcbergehenden Kompromiss zu begreifen, der ab einem bestimmten Punkt einer sozialen und revolution\u00e4ren Offensive weichen muss. So kam es zu Rollback (Ecuador), Putsch (Brasilien, Argentinien, Honduras, Bolivien) und Destabilisierung und tiefe Krise (Nicaragua, Venezuela) statt zu Revolution und Vertiefung des sozialistischen Prozesseses. Die Linksregierungen sind in ihren konzeptionell gesetzten Grenzen stecken geblieben. Sie waren auf der einen Seite <i>zu b\u00fcrgerlich-autorit\u00e4r,</i> indem sie sich auf das innerhalb der gegebenen Ordnung Erreichte festklammerten statt real populare Gegenmacht und damit echte sozialistische Demokratie aufzubauen und zu institutionalisieren, um dann den Revolutionierungsprozess nach vorne zu bringen. Andererseits \u2013 und das erw\u00e4hnen jene Kritiker*innen\u201c aus dem Provinzdorf Germania eigentlich nie \u2013 waren sie<i> nicht autorit\u00e4r genug</i>: Sie haben die Kapitalist*innen, wenn \u00fcberhaupt, nach einem ersten Schwung nicht mehr weiter enteignet und die politischen Organisationen der teils faschistoid-klerikalen Konterrevolution niemals wirklich zerschlagen; sie haben die repressiven Staatsapparate \u2013 bis auf die Ausnahme Venezuelas \u2013 nicht grundlegend umgestaltet. Auf regionaler Ebene haben sie es nicht geschafft \u2013 daf\u00fcr reichte vielleicht auch einfach ihre Kraft nicht aus \u2013 einen alternativen Wirtschaftsblock gegenseitiger Unterst\u00fctzung und Entwicklung aufzubauen, der die Abh\u00e4ngigkeit von Extraktivismus und Bauwirtschaft (wie zum Beispiel in Brasilien) h\u00e4tte \u00fcberwinden k\u00f6nnen in Richtung eines produktiveren und zugleich nachhaltigeren Wirtschaftsmodells.</p><p>Das ist aber alles kein Grund sie jetzt der konterrevolution\u00e4ren Reaktion preiszugeben. Sie stellen angesichts des kontinentalen Rechtsrucks Bollwerke mit sozialen Errungenschaften gegen die tobende Konterrevolution dar. Die Konterrevolution hingegen stellt in<i> keinem</i> der L\u00e4nder, in denen sie ihr Haupt erhebt, ein reales Demokratisierungspotenzial oder gar einen sozialen Fortschritt dar. Etwas Gegenteiliges zu behaupten ist schlicht und ergreifend imperialistische und oligarchische Ideologie oder Projektion der Metropolenlinken. Es ist gleichzeitig offensichtlich, dass die Linksregierungen in Lateinamerika an einem Scheideweg stehen. Die Massen der Werkt\u00e4tigen in den L\u00e4ndern sind zurecht nicht mehr zufrieden mit der Situation, deshalb gehen auch sie in vielen dieser L\u00e4nder auf die Stra\u00dfen oder entziehen den Regierungen teils ihre Unterst\u00fctzung. Die Konterrevolution hingegen versucht \u00fcberall diese Situation auszunutzen, um sich aus der vormals degradierten Position erneut emporzuheben.<i> Dort</i> muss die Linke und insbesondere die revolution\u00e4re Linke die Konterrevolution<i> ohne Wenn und Aber</i> bek\u00e4mpfen. Sie muss aber gleichzeitig daf\u00fcr streiten, sich nicht den nationalen Linksregierungen blo\u00df unterzuordnen. Die revolution\u00e4re Linke muss ihre Autonomie bewahren und zus\u00e4tzlich zum Kampf gegen die Konterrevolution die Entwicklung eines Modells zur \u00dcberwindung der Strukturblockade der lateinamerikanischen Revolutionen anvisieren \u2013 und zwar nach vorne, Richtung Sozialismus. Darin m\u00fcssen sie unsere Solidarit\u00e4t haben. </p><p>Aber eigentlich sind unsere Aufgaben ganz andere.<i> Unsere</i> Aufgabe in den imperialistischen Zentren ist es, uns wieder unseren Hauptaufgaben in puncto Internationalismus zuzuwenden, namentlich Politik<i> vor Ort</i> gegen den Hauptfeind zu machen, um den Genoss*innen<i> dort</i> mehr Handlungsspielr\u00e4ume zu er\u00f6ffnen. Da geht es nicht nur darum, die Unterst\u00fctzung des deutschen oder us-amerikanischen Imperialismus f\u00fcr die bolivianische und sonstige lateinamerikanische Oligarchie zu entlarven und zu brandmarken (und optimaler Weise zu sabotieren). Es geht auch um viel \u201ehandfestere\u201c und perspektivisch zentralere Dinge: Statt<i> in erster Linie</i> die \u00f6kologisch <a href=\"https://macskamoksha.com/2019/11/coups-for-green-energy?fbclid=IwAR2fuaEetSMSOYKVmXvQ_sd6z2-2Nlbo5BqEG2IoL-UZGoN2JSgh8eqVcBM\">unbestreitbar megadestruktive</a> Wirtschaftspolitik der jeweiligen Linksregierungen zu kritisieren, sollten wir uns darum k\u00fcmmern, Konzepte und eine Politik zu entwickeln, die daf\u00fcr sorgen, dass eine Umkehr ehemals kolonialer und heute imperialistischer Renten in den \u201eGlobalen S\u00fcden\u201c stattfindet, damit deren Industrieentwicklung in im sozialen und \u00f6kologischen Sinne nachhaltige Bahnen gelenkt werden kann. Das Mindeste k\u00f6nnte sein, f\u00fcr ein umfassendes finanzielles und technologisches Transfersystem von den imperialistischen Zentren zur Peripherie zu streiten, das nicht an neoliberale Bedingungen (Zwang zur Privatisierung, \u00d6ffnung der L\u00e4nder f\u00fcr Kapitalinvestitionen zu Sonderkonditionen und so weiter) gekn\u00fcpft ist, wie das die <a href=\"https://rosalux.org.br/wp-content/uploads/2017/07/DIE-G20-UND-DIE-KRISE-DES-GLOBALEN-KAPITALISMUS.pdf\">\u201eEntwicklungsprogramme\u201c der G20 f\u00fcr Afrika</a> und \u00e4hnliche vorsehen. Wenn wir anfangen, solcherlei Art oder \u00e4hnliche Dinge hier zu fordern und daf\u00fcr zu streiten, dann wird es nat\u00fcrlich ungem\u00fctlich werden, da wir dann gegen starke Kapitalinteressen hier k\u00e4mpfen werden m\u00fcssen; studierstubenartig abw\u00e4gend und in \u00c4quidistanz zu den involvierten Kr\u00e4ften in den jeweiligen L\u00e4ndern Lateinamerikas die Linke dort zu kritisieren ist da nat\u00fcrlich viel gem\u00fctlicher. Nur werden wir, falls wir das weiter so betreiben, damit schlicht die weitere Selbstprovinzialisierung der deutschen Linken im Angesicht der Entwicklungen weltweit und insbesondere der Linken weltweit erreichen. Sonst nichts. Es macht Mut, dass die <a href=\"https://www.neues-deutschland.de/artikel/1128662.klimakrise-der-globale-sueden-zahlt-die-rechnung.html\">J\u00fcngeren unter uns</a> da offensichtlich weiter blicken und zum Beispiel der Meinung sind, dass Klimagerechtigkeit eine politische Frage ist, die global und zwar im Kampf gegen die Ungleichheiten eines ungleich gestalteten Weltsystems zu erringen ist und nicht mit abstrakten Parolen und Herangehensweisen, die jene Ungleichheiten reproduzieren. M\u00f6gen ihr frischer Wind uns allen hoffentlich dabei helfen, die deutsche Linke zu \u2013 revolutionieren!</p><hr/><h2><b>Anmerkungen</b></h2><p><b>[1]</b> Der Fairness halber sei hier hinzugef\u00fcgt, dass die allgemeine Berichterstattung des<i> nd</i> zu den Ereignissen in Bolivien sehr gut ist.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/ein-deutsches-trauerspiel/", "id": "https://revoltmag.org/articles/ein-deutsches-trauerspiel/", "author": {"name": "Alp Kayserilio\u011flu und Jan Schwab", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2019-11-16T15:53:16.967199+00:00", "date_modified": "2019-11-16T15:57:19.986985+00:00", "tags": ["re:think", "deutsche linke", "lateinamerika", "putsch", "internationalismus", "widerstand", "imperialismus", "repression", "bolivien", "indigen@s", "milit\u00e4rputsch", "morales", "noalgolpe", "solidarit\u00e4t"], "summary": "In Bolivien st\u00fcrzt ein rechter Putsch mit Hilfe des Milit\u00e4rs und der Polizei die Linksregierung von Evo Morales. Die deutsche Linke reagiert verhalten. \u00dcber wiederholte Entsolidarisierung schreiben Alp Kayserilioglu und Jan Schwab."}, {"title": "Katalonien revoltiert!", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Katalonien revoltiert!</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Lola Villanova.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/Lola_Villanova.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Jordi Borr\u00e0s</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Seit Montag dominieren Proteste und Aktionen des zivilen Ungehorsams ganz Katalonien. Demonstrationen, Stra\u00dfenblockaden und Unterbrechungen des Schienenverkehrs legen weite Teile der Region lahm. Der Flughafen in Barcelona wurde am Montag von friedlichen Demonstrant*innen <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=kNpxstgNjSc\">blockiert</a>, \u00fcber 150 Fl\u00fcge fielen aus. In der katalanischen Hauptstadt kam es in den vergangenen N\u00e4chten zu heftigen Protesten und brennenden Barrikaden, die sowohl von der spanischen als auch von der katalanischen Polizei brutal bek\u00e4mpft wurden. F\u00fcr diesen Freitag ist ein Generalstreik angek\u00fcndigt. Was ist der Ausl\u00f6ser dieser Protestwelle, die weite Teile der Gesellschaft erfasst hat?</p><p>Der andauernde Konflikt zwischen Spanien und Katalonien trat am Montag, den 14. Oktober, in eine neue Phase. Das oberste Gerichtshof Spaniens ver\u00f6ffentlichte an diesem Tag das Urteil gegen neun Anf\u00fchrer*innen der katalanischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung. Sie wurden jeweils zu 9 bis 13 Jahren Haft wegen Aufruhr verurteilt. Im Prozess ging es um die Rolle der Angeklagten bei der Durchf\u00fchrung des Unabh\u00e4ngigkeitsreferendums im Jahr 2017, das trotz eines Verbots der Madrider Zentralregierung stattgefunden hatte. Das Votum wurde damals dank der basis-demokratischen Organisation der Nachbar*innen, der sogenannten \u201eComit\u00e9s de Defensa del Refer\u00e8ndum\u201c (zu Deutsch: Komitees zur Verteidigung des Referendums) erfolgreich durchgef\u00fchrt. Die B\u00fcrger*innen verbargen die Wahlurnen und Zettel in ihren Haushalten, um ihre Beschlagnahmung zu verhindern und \u00fcbernachteten in den Tagen vor dem Referendum in den Wahllokalen, um das Eingreifen der Polizei zu vereiteln. Das Ergebnis fiel eindeutig aus: 2.044.038 Stimmen f\u00fcr die Abspaltung (117.547 dagegen) bei einer Wahlbeteiligung von 43 Prozent.</p><p>Das Referendum bildete eine der zentralen Herausforderungen f\u00fcr den Status quo des spanischen K\u00f6nigreiches seit der sogenannten Transition, die \u00dcbergangsphase vom Faschismus unter Franco zu einer vermeintlichen Demokratisierung nach 1975, die es vers\u00e4umt hat, sich mit der Aufarbeitung des Franquismus auseinanderzusetzen. Die katalanische Bewegung stellte im Oktober 2017 nicht nur die Einheit des Staates in Frage, sondern die Figur des K\u00f6nigs, die Gewaltenteilung und die Legitimit\u00e4t einer liberalen Demokratie im Europa des Kapitals, die unf\u00e4hig ist eine friedliche Antwort auf einen seit Jahren bestehenden politischen Konflikt zu finden. In Teilen der linken und linksradikalen Szene wurde die Frage der katalanischen Unabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen kontrovers diskutiert. W\u00e4hrend einige den basisdemokratischen, emanzipatorischen und antifaschistischen Charakter der Bewegung hervorheben, sehen andere das Ziel der Konstruktion eines neuen Nationalstaates und die sozialdemokratische und reformistische Akteur*innen, die die Bewegung umfasst, als problematisch an. Doch \u00fcber die Unabh\u00e4ngigkeitsfrage hinaus stellt dieses Urteil ein Pr\u00e4zedenzfall f\u00fcr die Verfolgung und Kriminalisierung jeglicher sozialer Proteste in Spanien dar. Nach der Urteilsbegr\u00fcndung sind auch gewaltfreier Widerstand und friedliche Aktionen des zivilen Ungehorsams, welche im Rahmen des Unabh\u00e4ngigkeitsvotums 2017 eine zentrale Rolle spielten, an sich geeignet und ausreichend, um den Strafbestand des Aufstandes, eine in Spanien als \u201eVerbrechen\u201c definierte Tat, die gewaltsames Verhalten voraussetzt zu erf\u00fcllen. Beweise f\u00fcr die dem \u201eStraftat Aufstand\u201c zugrundeliegende Gewalt sind im <a href=\"http://www.poderjudicial.es/cgpj/es/Poder-Judicial/Noticias-Judiciales/El-Tribunal-Supremo-condena-a-nueve-de-los-procesados-en-la-causa-especial-20907-2017-por-delito-de-sedicion\">Urteil</a> nicht zu finden.</p><p>Diese uns\u00e4glichen Urteile brachten Hunderttausende Menschen auf der Stra\u00dfe und auf die zentralen Pl\u00e4tze. Und die staatliche Gewalt gegen sie war erbarmungslos. Insgesamt berichtet die Menschenrechtsorganisation Iridia und das linke Kollektiv Alerta Solid\u00e0ria von hunderten von Verletzten, darunter Journalist*innen, und neun Inhaftierten. Zudem verloren zwei Personen an der <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=nGTrLh0Yq84\">Flughafenblockade</a> ein Auge durch ein Gummigeschoss, welches trotz beschlossenem Verbot des Regionalparlaments von der spanischen <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=3IA2M1_Rv1o\">Polizei</a> eingesetzt wurde.<br/> Hervorzuheben sind au\u00dferdem die Angriffe von <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=Xs4FF__0zpg\">Neonazi-Gruppen</a> in der vergangenen Nacht von Donnerstag auf Freitag, die im Norden Barcelonas f\u00fcr die Einheit Spaniens demonstrierten. Weder die katalanische noch die spanische Polizei verhinderten, dass die faschistischen Gruppierungen frei durch die Stadt laufen konnten, auf der Suche nach Antifaschist*innen und Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrworter*innen. Ein Junge wurde dabei brutal <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=HVsvbjgpv58\">verpr\u00fcgelt</a>. Dass die spanische Regierung in den kommenden Tagen das \u201eGesetz zur nationalen Sicherheit\u201c umsetzt, scheint jeden Tag wahrscheinlicher. Dabei handelt es sich um ein Ausnahmezustandsgesetz, wodurch die paramilit\u00e4rische Guardia Civil, ein noch heute von franquistischen Kr\u00e4ften dominierten Polizeik\u00f6rper, an Stelle der katalanischen Mossos d\u2019Esquadra das staatliche Gewaltmonopol in Katalonien erhalten w\u00fcrde.</p><p>Seit der Einf\u00fchrung des sogenannten Knebelgesetzes <i>(ley mordaza)</i> im Juli 2015, welches die Demonstrations- und Meinungsfreiheit von der Stra\u00dfe bis in das Internet empfindlich einschr\u00e4nkt und die B\u00fcrger tats\u00e4chlich der Willk\u00fcr der Staatsgewalt ausliefert, setzt der wachsende demokratische R\u00fcckgang Spaniens fort. Die R\u00fccknahme der Grundrechte, die fehlende Gewaltenteilung und die Unf\u00e4higkeit Spaniens politische Konflikte durch politische L\u00f6sungen anzugehen, wird nicht nur am Fall Kataloniens ersichtlich, sondern bei jedem Protest, der die Fundamente des K\u00f6nigreichs in Frage stellt. Der Fall der Jugendlichen aus <a href=\"https://antifa-nordost.org/7242/solidaritaet-mit-den-8-jugendlichen-von-altsasu/\">Altsasu</a> (Euskal Herria), die <a href=\"https://www.heise.de/tp/features/Lange-Haftjahre-gegen-Meinungsfreiheit-in-Spanien-3985859.html\">Verfolgung von K\u00fcnstler*innen</a> wie Pablo Hasel oder Valt\u00f2nyc, die neue <a href=\"https://www.heise.de/tp/features/Spanien-kriminalisiert-Konfliktloesung-im-Baskenland-4523225.html\">repressive Eskalation</a> gegen die baskische Linke trotz der Aufl\u00f6sung der baskischen Guerilla Euskadi Ta Askatasuna (ETA, zu deutsch \u201eBaskenland und Freiheit\u201c) 2011 sowie die neueste Verhaftung von sieben Aktivist*innen in Katalonien Anfang Oktober: diese F\u00e4lle zeigen die faschistischen Kontinuit\u00e4ten des spanischen Staates, der politische Konflikte noch heute ausschlie\u00dflich durch die Gewaltanwendung und die Verfolgung der politischen Dissidenz herbeif\u00fchrt. Im Rahmen des Generalstreiks, unterst\u00fctzt von weiten Teilen der Gesellschaft, sind f\u00fcr den ganzen Tag Demonstrationen und Stra\u00dfenblockaden geplant. In den n\u00e4chsten Tagen sollen weitere Aktionen des zivilen Unegehorsams folgen, die von der Plattform \u201c<a href=\"https://tsunamidemocratic.cat/\">Tsunami Democr\u00e0tic</a>\u201d koordiniert werden.<br/></p><hr/><p>Unter dem Motto \u201eGegen Repression, Solidarit\u00e4t\u201c rufen die Berliner Kollektive <a href=\"https://twitter.com/cdrberlin?lang=de\">CDR Berlin</a> (Comit\u00e9 de Defensa de la Rep\u00fablica Berlin) und Solidaridad Antirepresiva zu einer <a href=\"https://pbs.twimg.com/media/EG3W97rWoAwwXlG.jpg:large\">Demonstration</a> am Samstag, den 19.10 am Hackeschen Markt auf, um die Repression im spanischen Staat sichtbar zu machen.<br/></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Die &quot;estelada vermella&quot;: Die sozialistische, katalanische Fahne weht beim Referendum.\" height=\"1365\" src=\"/media/images/peterek_zino_katalunya.original.jpg\" width=\"1365\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Zino Peterek</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><hr/><h2><b>Artikel zum Schwerpunkt \u201eKatalonien\u201c</b></h2><p><a href=\"https://revoltmag.org/articles/vaga-general-einige-eindr%C3%BCcke-vom-generalstreik-in-katalonien/\">General! \u2013 Einige Eindr\u00fccke vom Generalstreik in Katalonien</a> | Mo Foc<br/> [12. M\u00e4rz 2019] <i>Mo Foc berichtet aus Barcelona \u00fcber den Generalstreik in Katalonien und den Stand der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung. Davon ausgehend wirft er die Frage nach einer weitergehenden Strategie der katalanischen Bewegung gegen den Rechtsruck und die Repression des spanischen Staates auf.</i></p><p><a href=\"https://revoltmag.org/articles/entsolidarisierung-im-zentrum/\">Entsolidarisierung im Zentrum</a> | Jan Schwab und Alp Kayserilio\u011flu<br/> [5. Oktober 2017] <i>In Katalonien k\u00e4mpft eine liberale bis linke nationale Massenbewegung gegen den Post-Franquismus und stellt demokratische, nationale und soziale Forderungen. Aber die deutsche Linke tut sich schwer mit einer Parteinahme. Wie k\u00f6nnte die aus einer revolution\u00e4ren Perspektive aussehen?</i></p><p><a href=\"https://revoltmag.org/articles/demokratischer-massenaufstand-katalonien/\">Demokratischer Massenaufstand in Katalonien</a> | Jan Schwab <br/>[1. Oktober 2017] <i>In Katalonien zeigt der post-franquistische Staat seine autorit\u00e4re Fratze. Bis dato wurden bei dem Versuch der Verhinderung des Referendums in Katalonien bis zu 500 Menschen verletzt. Doch was steht hinter dieser Bewegung, der Forderung nach Unabh\u00e4ngigkeit?</i></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/katalonien-revoltiert/", "id": "https://revoltmag.org/articles/katalonien-revoltiert/", "author": {"name": "Lola Villanova", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2019-10-18T11:06:19.254135+00:00", "date_modified": "2019-10-18T11:45:04.161473+00:00", "tags": ["re:port", "generalstreik", "spanien", "katalonien", "unabh\u00e4ngigkeit", "referendum", "widerstand", "repression", "polizeigewalt", "ungehorsam", "barcelona"], "summary": "Am vergangenen Montag reagierte die politische Justiz Spaniens mit H\u00e4rte gegen die katalanische Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung. Der Konflikt um die Unabh\u00e4ngigkeit eskaliert. Doch trotz massiver Repression durch den Staat und faschistischer Banden bildet sich massenhafter Widerstand auf den Stra\u00dfen."}, {"title": "Ein Krieg zur St\u00e4rkung des Faschismus", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Ein Krieg zur St\u00e4rkung des&nbsp;Faschismus</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"RIC 3.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/RIC_3.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Rojava Information Center</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Am 9. Oktober verwirklichte die T\u00fcrkei ihren lange gehegten Wunsch einer umfassenden milit\u00e4rischen Invasion in Nordost-Syrien (Rojava), nachdem ein Telefonat zwischen dem t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Recep Tayyip Erdo\u011fan und seinem us-amerikanischen Amtskollegen Donald Trump hierf\u00fcr den Weg ebnete. Trump lie\u00df wenig sp\u00e4ter <a href=\"https://twitter.com/realDonaldTrump/status/1181172465772482563\">per Twitternachricht</a> verlauten, dass \u201eer\u201c sich mit sofortiger Wirkung aus der Region heraushalten werde \u2013 \u201etime to [\u2026] bring our soldiers home\u201c. Ein Freifahrtschein f\u00fcr die T\u00fcrkische Armee (TSK) samt Gefolgsleuten.</p><p>Unterst\u00fctzt von heftigem Artilleriebeschuss und dem Bombardement durch Kampfjets schickte die T\u00fcrkische Armee (TSK) jihadistische Milizen unter dem pomp\u00f6sen Namen <i>Syrische Nationale Armee</i> (SNA) voran. Die Angaben zu ihrer Zahl schwanken, aber es soll sich bei ihnen um etwa<a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/10/turkey-syria-kurds-militias-in-operation-peace-spring.html\"> 15.000 K\u00e4mpfer handeln</a>, die in der jetzigen Invasion mobilisiert wurden. Die verschiedenen Teilgruppen der SNA agieren schon lange in Syrien. <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/10/turkey-syria-kurds-militias-in-operation-peace-spring.html\">21 der insgesamt 37 Gruppen</a>, die in der SNA versammelt sind, wurden in der Vergangenheit von den USA unterst\u00fctzt und viele fanden sich auch schon in der<i> Freien Syrischen Armee</i> (FSA). Sie \u00e4ndern permanent ihre Namen, sind aber im Grunde altbekannte jihadistische Gruppen.</p><h2><b>Eine Invasion vom Rei\u00dfbrett</b></h2><p>Der Krieg begann mit Artilleriebeschuss und Luftbombardements auf Stellungen der Syrischen Demokratischen Kr\u00e4fte (SDF), einem von der kurdischen YPG angef\u00fchrten multiethnischen Milit\u00e4rverbund, und auch auf die Regionen nahe der Grenze zur T\u00fcrkei. Die SNA konzentrierte ihre Angriffe dabei in erster Linie vor allem auf die St\u00e4dte Gire Sp\u00ee/Tal Abyad und Ser\u00ea Kaniy\u00ea/Ras al-Ayn und das Gebiet zwischen diesen beiden. Sie versuchte, die St\u00e4dte zu isolieren und voneinander, sowie von anderen St\u00e4dten abzuschneiden, um dann die St\u00e4dte selbst einzunehmen. W\u00e4hrend Gire Sp\u00ee /Tal Abyad mittlerweile an SNA und TSK gefallen ist, h\u00e4lt der Widerstand der SDF in Ser\u00ea Kaniy\u00ea/Ras al-Ayn an (Stand 16. Oktober 2019). Trotz kleinerer Scharm\u00fctzel sind die St\u00e4dte Qamishlo und Koban\u00ea/Ayn al-Arab nicht wirklich attackiert worden, Manbidsch, das westlich des Euphrat liegt, hat eine gewisse Sonderstellung und kam erst nach einigen Tagen unter Beschuss. Die Taktik der T\u00fcrkei d\u00fcrfte sein, das Gebiet der Selbstverwaltung von der Mitte her zu zerteilen und Verbindungswege zu kappen, beziehungsweise die St\u00e4dte zu isolieren. Der Plan ist dann in einer zweiten Phase des Krieges ein gr\u00f6\u00dferes Gebiet zu besetzen.</p><p>Erdo\u011fan <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-syria-security-turkey-erdogan/erdogan-says-turkish-led-offensive-to-extend-further-along-syrian-border-idUSKBN1WS0DY\">verweist seit Langem darauf</a>, dass es das Ziel der Operation sei, eine 30 Kilometer tiefe und \u00fcber 480 Kilometer lange Zone von \u201eterroristischen Elementen zu bereinigen\u201c und bis zu zwei Millionen syrischer Gefl\u00fcchteter, die sich derzeit in der T\u00fcrkei aufhalten, in dieser Zone anzusiedeln. In dieser \u2013 <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/10/turkey-syria-untied-states-three-phase-of-ankara-plan.html\">laut Milit\u00e4rstrategen</a> als dritte und letzte Phase der Milit\u00e4rinvasion zu realisierenden \u2013 Zone w\u00e4ren fast alle gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dte der Selbstverwaltung an der Grenze zur T\u00fcrkei eingeschlossen. Das Schicksal des Projekts, das mit dem \u201eRojava Aufstand\u201c im Jahr 2011 begann, w\u00e4re damit besiegelt \u2013 wenn denn dieser Plan aufgeht.</p><h2><b>Verschiebungen der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse in Syrien</b></h2><p>Im Moment sieht es so aus, als ob die SDF einen kontrollierten und fokussierten Widerstand leisten. Das <a href=\"https://www.reuters.com/article/syrien-kurden-russland-idDEKBN1WT0HJ\">\u00dcbereinkommen</a> zwischen den SDF und der<i> Syrischen Arabischen Armee</i> (SAA), das am 13. Oktober ausgehandelt wurde und sich seither in der Praxis vollzieht, hat die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse am Boden und die politischen Konstellationen in Syrien und im Mittleren Osten verschoben. Die Erkl\u00e4rung der Selbstverwaltung Nord- und Ost-Syriens spricht von einer Koordination der SAA mit der Selbstverwaltung zur Abwehr der Angriffe der T\u00fcrkei und zur Befreiung der besetzten St\u00e4dte wie Afr\u00een. Gleichzeitig ziehen sich verbleibende US-Truppen vollst\u00e4ndig aus der Region zur\u00fcck.</p><p>Die Zahlen der verlorenen Menschenleben seit Kriegsbeginn sind jetzt schon ersch\u00fctternd. Die SDF leistet einerseits starken Widerstand, andererseits sind Artilleriebeschuss und Luftbombardements der T\u00fcrkei teilweise scheinbar willk\u00fcrlich gegen St\u00e4dte mit Zivilbev\u00f6lkerung und auch zivile Konvois gerichtet. Dementsprechend gibt es auch sehr viele Berichte \u00fcber <a href=\"https://www.dailymail.co.uk/news/article-7568711/At-ten-dead-convoy-journalists-aid-workers-shelled-Turkish-forces.html\">ermordete Zivilist*innen</a>, zerst\u00f6rte <a href=\"https://www.hawarnews.com/en/haber/turkish-occupation-army-targets-mansoura-dam-supplying-water-to-2-m-people-h11914.html\">zivile Infrastruktur</a>, zerst\u00f6rte oder gestohlene <a href=\"https://reliefweb.int/report/syrian-arab-republic/who-gravely-concerned-about-humanitarian-situation-northeast-syria\">Rettungsfahrzeuge</a>, <a href=\"https://hawarnews.com/en/haber/turkish-occupation-targets-field-hospital-in-serkaniy-h12046.htmlTurkish?fbclid=IwAR1VoLpn1sH2nB8fGK3EZXFNteiZBNni-JjosEX2cbKLxvbm6wu-DW6BGWI\">Beschuss</a> und <a href=\"https://www.nytimes.com/2019/10/11/world/middleeast/turkey-syria-kurds.html\">R\u00e4umung</a> von Krankenh\u00e4usern und dergleichen mehr. Schreckliche Bilder und Videos von Gr\u00e4ueltaten der t\u00fcrkischen Armee und insbesondere von den mit ihr verb\u00fcndeten jihadistischen Gruppierungen kursieren in den Sozialen Medien. Mindestens <a href=\"https://www.nytimes.com/2019/10/13/world/middleeast/syria-turkey-invasion-isis.html\">130.000 Zivilist*innen</a> mussten fliehen und eine humanit\u00e4re Katastrophe entfaltet sich vor unseren Augen.</p><p>Dar\u00fcber hinaus gibt es Berichte zur <a href=\"https://www.nytimes.com/2019/10/13/world/middleeast/syria-turkey-invasion-isis.html\">gezielten Bombardierung</a> von Gef\u00e4ngnissen, in denen bislang insgesamt etwa 15.000 der IS-Mitgliedschaft verd\u00e4chtigte Menschen festgehalten wurden. Zumindest <a href=\"https://www.aljazeera.com/news/2019/10/hundreds-isil-prisoners-escape-syrian-camp-kurds-191013141044768.html\">einige hundert IS-Verd\u00e4chtige</a> konnten fliehen. Es ist durchaus m\u00f6glich, dass es zu einer teilweisen Wiederbelebung der fast schon eliminierten IS-Strukturen kommt \u2013 oder dass sich die IS-Jihadisten den t\u00fcrkeinahen S\u00f6ldnertruppen anschlie\u00dfen.</p><h2><b>Erzwungene Teilliberalisierung</b></h2><p>Was aber sind die innenpolitischen und wirtschaftlichen Dynamiken in der T\u00fcrkei, die diese Milit\u00e4rinvasion motivieren? Der erste Grund ist offensichtlich: Die T\u00fcrkei steht den Selbstverwaltungsbestrebungen in Rojava seit ihren Anf\u00e4ngen im Jahr 2011 feindlich gegen\u00fcber. Diese Feindschaft inkludierte zun\u00e4chst eine <a href=\"https://newsocialist.org.uk/trump-rojava/\">(in)direkte Akzeptanz und sogar Unterst\u00fctzung</a> der IS-Strukturen und anderer jihadistischer Gruppen, die gegen die Selbstverwaltung k\u00e4mpften. Nachdem dies nicht funktionierte, intervenierte die T\u00fcrkei direkt milit\u00e4risch, <a href=\"https://www.jacobinmag.com/2016/11/turkey-erdogan-coup-hdp-pkk-syria-gulen-ypg\">zun\u00e4chst</a> 2016 mit dem Einmarsch in vom IS besetztes Gebiet zwischen den Kantonen Afr\u00een und Koban\u00ea (Jarablus und al-Bab) <a href=\"https://revoltmag.org/articles/entscheidungsschlacht-um-afr%C3%AEn/\">und dann</a> nochmal 2018, als direkt die Kr\u00e4fte der Selbstverwaltung <a href=\"https://revoltmag.org/articles/die-besetzung-afr%C3%AEns/\">attackiert</a> wurden (Afr\u00een). Aus Sicht der herrschenden Kr\u00e4fte in der T\u00fcrkei stellt die schiere Existenz von Rojava eine Gefahr dar, da dadurch auch die kurdischen und demokratischen Strukturen in der T\u00fcrkei gest\u00e4rkt werden. Gleichzeitig erscheint Rojava den herrschenden Kr\u00e4ften in der T\u00fcrkei als ein Organisationsmodell von Staat und Gesellschaft, das im Widerspruch zum t\u00fcrkischen Modell des autokratischen Neoliberalismus steht. Rojava konstituiert daher eine Bedrohung des Wesens der Gesellschaftsformation der T\u00fcrkei. Der \u201eKrieg gegen die Kurd*innen\u201c ist au\u00dferdem der wichtigste gemeinsame Nenner, der die AKP nach den Wahlen im Juni 2015 mit ehemals verfeindeten nationalistischen Staatsfraktionen zur \u201eWahrung der Existenz des Staates\u201c in einer neuen \u201eStaatskoalition\u201c zusammenbrachte.</p><p>Diese allgemeinere Ebene ist, zweitens, direkt mit den derzeitigen Umst\u00e4nden in der T\u00fcrkei verbunden, n\u00e4mlich der akuten Hegemoniekrise des Regimes in der Folge der Lokalwahlen im M\u00e4rz und Juni 2019. Wie wir <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkischer-fr%C3%BChling/\">schon zuvor</a> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/erdo%C4%9Fans-ziviler-putschversuch/\">en detail</a> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/politisches-erdbeben-istanbul/\">analysiert haben</a>, dr\u00fcckte sich in den Wahlen die gro\u00dfe und weit verbreitete Unzufriedenheit angesichts der aktuellen \u00f6konomischen und politischen Lage in der T\u00fcrkei aus. Besonders die Wiederholung der Wahl in Istanbul zeigte, dass die AKP und ihre Verb\u00fcndeten ihren Willen nicht l\u00e4nger beliebig mit Gewalt und Betrug durchsetzen konnten.</p><p>Vor dem Hintergrund einer schon lange andauernden und sich versch\u00e4rfenden Hegemoniekrise und brodelnder Unzufriedenheit und Instabilit\u00e4t zogen sich nach den Wahlen Risse durch das ganze System.</p><p>Der <a href=\"http://bianet.org/english/law/210934-constitutional-court-freedom-of-expression-of-academics-for-peace-violated\">Verfassungsgerichtshof (AYM) entschied</a> beispielsweise mit einer sehr knappen Mehrheit von nur einer Stimme, dass die Prozesse gegen die Friedensakademiker*innen einen Bruch des Rechtes auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung darstellten. Nach dieser AYM-Entscheidung wurden Dutzende Friedensakademiker*innen freigesprochen.</p><p>Auch im Fall des fr\u00fcheren HDP-Abgeordneten und bekannten Regisseurs S\u0131rr\u0131 S\u00fcreyya \u00d6nder, der \u00fcber zehn Monate im Gef\u00e4ngnis gewesen war, <a href=\"http://bianet.org/english/politics/213981-court-rules-for-release-of-sirri-sureyya-onder\">entschied der AYM</a> \u2013 diesmal einstimmig \u2013, dass die Aussagen, f\u00fcr die er verurteilt worden war, durch das Recht auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung gedeckt seien und dass \u00d6nder eine sehr wichtige Rolle im Friedensprozess zwischen dem t\u00fcrkischen Staat und der PKK gespielt habe (!). Am darauffolgenden Tag entschied das Gericht seine Entlassung aus dem Gef\u00e4ngnis. Es ist bezeichnend, dass diejenigen Richter*innen am AYM, die im Sinne der Friedensakademiker*innen stimmten, noch von Erdo\u011fans Vorg\u00e4nger und mittlerweile Rivalen Abdullah G\u00fcl bestellt worden waren. Abdullah G\u00fcl, einer der Gr\u00fcnder der AKP, <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-turkey-politics/former-erdogan-ally-to-form-rival-party-before-year-end-paper-idUSKCN1VV0DR\">unterst\u00fctzt mittlerweile die Bestrebungen</a> des ehemaligen AKP-Wirtschaftsministers Ali Babacan, eine neue Partei zu gr\u00fcnden, die als Alternative zur AKP erscheinen soll.</p><p>Babacan und sein Umfeld <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/politik/erdogans-system-broeckelt-die-regierungspartei-akp-steht-vor-der-spaltung/24580168.html\">kritisieren die AKP</a> daf\u00fcr, vom rechten Weg abgekommen zu sein und <a href=\"https://www.karar.com/guncel-haberler/ali-babacan-karara-konustu-yil-bitmeden-partiyi-kuruyoruz-1319296\">konzentrieren</a> ihre eigene Arbeit auf die Wiederbelebung des konservativen Neoliberalismus der Fr\u00fchphase der AKP. Neben Babacan <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/kritik-an-erdogan-tuerkischer-ex-premier-davutoglu-tritt-aus-akp-aus/25013018.html\">brach noch ein weiterer f\u00fchrender AKP-Politiker</a> offen mit Erdo\u011fan, n\u00e4mlich der fr\u00fchere Au\u00dfenminister und Premierminister Ahmet Davuto\u011flu. W\u00e4hrend Babacan eher den konservativ-wirtschaftsliberalen Fl\u00fcgel der Partei und die entsprechenden Teile der Gesellschaft anzusprechen versucht, adressiert Davuto\u011flu den eher islamisch-konservativen Teil, der sich eventuell von der AKP abwenden k\u00f6nnte. Gemeinhin wird erwartet, dass die beiden neuen Parteien am Ende dieses beziehungsweise am Anfang des n\u00e4chsten Jahres gegr\u00fcndet werden. Es gibt keine Garantie daf\u00fcr, dass diese beiden Parteien gro\u00dfen Erfolg haben werden, aber die hart umk\u00e4mpfte AKP ist anf\u00e4llig f\u00fcr eine tiefe Krise, wenn ihr auch nur ein Teil ihrer Basis wegbricht. Es ist kein Zufall, dass Babacan und Davuto\u011flu ihre Parteigr\u00fcndungsprozesse nach den Lokalwahlen beschleunigten.</p><p>Die Entscheidungen im Fall der Friedensakademiker*innen oder im Fall von \u00d6nder sind keine Einzelf\u00e4lle. In vielen Prozessen dieser Art erfolgen mittlerweile Entlassungen oder Freispr\u00fcchen. So zum Beispiel auch im Fall von Max Zirngast, Teil unseres Autorenkollektivs, der am 11. September 2019, genau ein Jahr nach seiner Festnahme (mit anschlie\u00dfender dreimonatiger Untersuchungshaft) relativ \u00fcberraschend \u2013 wie auch alle seine Mitangeklagten \u2013 vom Vorwurf der \u201eMitgliedschaft in einer terroristischen Organisation\u201c <a href=\"https://freemaxzirngast.org/2019/09/max-zirngast-und-mitangeklagte-freigesprochen/\">freigesprochen</a> wurde. Diese Entscheidungen sind aber eben <a href=\"https://freemaxzirngast.org/2019/09/ich-bin-frei-andere-sind-es-noch-nicht-max-zirngast/\">kein Ausdruck einer \u201eR\u00fcckkehr zum Rechtssaat\u201c</a> oder dergleichen, sondern Zeichen einer erzwungenen Teilliberalisierung, die den sich ver\u00e4ndernden Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen geschuldet ist.</p><p>Gleichzeitig gibt es n\u00e4mlich auch gegenteilige Tendenzen, zum Beispiel die <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/politik/in-diyarbakir-mardin-und-van-tuerkei-setzt-drei-pro-kurdische-buergermeister-ab/24921112.html\">Absetzung</a> der HDP Ko-B\u00fcrgermeister*innen in den mehrheitlich kurdischen Gro\u00dfst\u00e4dten Diyarbak\u0131r, Van und Mardin aufgrund von laufenden \u201eTerrorprozessen\u201c oder die Verurteilung der Istanbul-Vorsitzenden der Republikanischen Volkspartei (CHP), <a href=\"https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/welt/2028205-10-Jahre-Haft-fuer-Istanbuler-CHP-Chefin.html\">Canan Kaftancio\u011flu</a>, zu fast zehn Jahren Haft aufgrund von absurden Vorw\u00fcrfen zu Tweets von vor sechs Jahren. Eine Strafe, die sie (bislang) nicht antreten musste und gegen die Widerspruch eingelegt wurde, die aber gleichzeitig wie ein Damoklesschwert \u00fcber ihrem Haupt schwebt und bei ver\u00e4nderten Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen jederzeit Realit\u00e4t werden kann. Dar\u00fcber hinaus bleibt der liberale M\u00e4zen <a href=\"https://www.dw.com/de/t%C3%BCrkei-intellektueller-kavala-weiter-in-haft/a-49637364\">Osman Kavala</a> nach \u00fcber zwei Jahren in Untersuchungshaft weiterhin im Gef\u00e4ngnis. Er wird absurderweise beschuldigt, einer der Drahtzieher und Financiers hinter den Geziprotesten 2013 zu sein.</p><p>Um zusammenzufassen: Nach den Lokalwahlen vollzog sich ein widerspr\u00fcchlicher und nicht-linearer Prozess der teilweisen und eingeschr\u00e4nkten Liberalisierung, die von den Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen erzwungen wurde. Dabei versuchten die Kr\u00e4fte des Regimes (AKP + MHP + andere Alliierte) ihre repressiven Mittel und Apparate angesichts ihres sich vermindernden Handlungsspielraumes auf jene Ziele zu lenken, die sie als die \u201ewichtigsten politischen Feinde\u201c erachteten. Um das zu erreichen, reduzierten sie zeitweise ihren Druck auf jene Gegner*innen, die als \u201eweniger wichtig\u201c und nicht (mehr) als \u201eunmittelbare Bedrohung\u201c angesehen wurden. Dadurch und aufgrund der akuten Hegemoniekrise wurden jedoch andererseits auch oppositionelle und abtr\u00fcnnige Kr\u00e4fte innerhalb des Systems ermutigt, offener und vehementer zu handeln. Ob Handlungen wie das oben erw\u00e4hnte Urteil des AYM im Sinne der Friedensakademiker*innen Teil einer kontrollierten Teilliberalisierung von oben oder eine unabh\u00e4ngige Aktion eben solcher oppositioneller Kr\u00e4fte innerhalb des Staatsapparates darstellen, die sich aus der Hegemoniekrise und erzwungenen Teilliberalisierung des Regimes motiviert, l\u00e4sst sich nicht genau angeben, da sich jene beiden Tendenzen (erzwungene Teilliberalisierung von oben einerseits, mutigeres Auftreten von oppositionellen/dissidenten systeminternen Kr\u00e4ften andererseits) im Konkreten nicht strikt voneinander trennen lassen.</p><p>Diese widerspr\u00fcchlichen Tendenzen und die ihnen zugrundeliegenden Motivationen f\u00fchrten in Kombination zu den wechselhaften Entwicklungen der letzten Monate nach den Lokalwahlen. Das widerspr\u00fcchliche Wesen dieses Prozesses kann auch in den Handlungen und dem Verh\u00e4ltnis der von der Opposition neu gewonnenen St\u00e4dte \u2013 vor allem Istanbul und Ankara \u2013 zum Regime deutlich gesehen werden. Einerseits versuchen diese Stadtverwaltungen, die Korruption und andere Ungereimtheiten vorhergehender AKP-Verwaltungen aufzuzeigen; auch verh\u00e4lt sich die Regimeallianz von AKP, MHP und anderer rechter, nationalistischer Fraktionen gegen\u00fcber den neuen Stadtverwaltungen sehr feindlich. Das wird besonders im Falle des Istanbuler B\u00fcrgermeisters Ekrem Imamo\u011flu (CHP) deutlich, der unter Anderem nicht zu einen <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/fatih-altayli-1001/2526096-gercekte-ne-oldu\">wichtigen Katastrophenmeeting</a> nach einem kleinen Erdbeben in der N\u00e4he von Istanbul eingeladen wurde. Andererseits lud Erdo\u011fan demonstrativ alle B\u00fcrgermeister*innen zu einem <a href=\"https://news.sol.org.tr/erdogan-meets-metropolitan-mayors-his-presidential-palace-chp-mayors-pleased-176181\">vers\u00f6hnlichen Treffen</a> \u201ezum Wohle der T\u00fcrkei\u201c in seinen Palast ein und die Vertreter*innen der Opposition verzichteten dort wie im Allgemeinen auf eine k\u00e4mpferische Haltung.</p><p>Diese Tendenzen in Staat und Gesellschaft korrespondieren mit den sich verschiebenden Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen und den Widerspr\u00fcchen innerhalb des herrschenden Blocks nach den Lokalwahlen. Der Krieg wurde in dieser Situation zu einer, ja sogar zu<i> der</i> M\u00f6glichkeit, die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse wieder im Sinne des Regimes zu verschieben.</p><h2><b>Ein Krieg um der Macht willen</b></h2><p>Die Hegemoniekrise ging so weit, dass sich sogar in <a href=\"https://www.yeniakit.com.tr/yazarlar/abdurrahman-dilipak/bu-kadar-bakan-cok-degil-mi-29728.html\">regimetreuen Medien</a> <a href=\"https://haber.sol.org.tr/turkiye/havuz-medyasinda-baskanlik-tartismasi-napicaz-be-kamil-265972\">kritische Stimmen</a> zum \u201ePr\u00e4sidialsystem\u201c vernehmen lie\u00dfen. Zeitgleich lie\u00df die AKP selbst <a href=\"http://bianet.org/english/print/213844-erdogan-on-presidential-election-with-40-percent-threshold-it-is-parliament-s-job\">ausloten</a>, ob in Zukunft 40 statt wie bisher 50 Prozent der Stimmen in der ersten Runde zur Wahl des Pr\u00e4sidenten/der Pr\u00e4sidentin ausreichen sollten. Dies wurde wiederum vom eigenen Hauptb\u00fcndnispartner, der Partei der nationalistischen Bewegung (Milliyet\u00e7i Hareket Partisi, MHP), <a href=\"http://www.hurriyet.com.tr/gundem/yuzde-40-1-tartismasi-41342754\">kritisiert</a>, weil es ein Ausdruck von Schw\u00e4che sei. Dazu kamen einige Umfragen, die einen <a href=\"https://ahvalnews.com/recep-tayyip-erdogan/erdogans-approval-rating-sees-sharp-drop-last-year-survey\">signifikanten R\u00fcckgang in der Zustimmung</a> zu Erdo\u011fan selbst feststellten. Um diesen Tendenzen entgegenzuwirken, wurde die Kriegsoption noch mehr zum Imperativ f\u00fcr das Regime als zuvor. Die T\u00fcrkei begann, die USA hinsichtlich einer Milit\u00e4roperation zu dr\u00e4ngen und bekam letztendlich gr\u00fcnes Licht, nachdem zuvor eigentlich die Errichtung einer Sicherheitszone an der syrisch-t\u00fcrkischen Grenze mit gemeinsamen t\u00fcrkisch-amerikanischen <a href=\"https://www.aargauerzeitung.ch/ausland/usa-und-tuerkei-starten-gemeinsame-patrouillen-in-nordsyrien-135587011\">Milit\u00e4rpatrouillen</a> ausgemacht worden war. Es ist allerdings offensichtlich, dass verschiedene Fraktionen in den US-Staatsapparaten hinsichtlich der Syrienpolitik in Konflikt zueinander stehen. Insgesamt <a href=\"https://www.srf.ch/news/international/erste-tote-und-viel-kritik-tuerkei-marschiert-in-syrien-ein-das-protokoll-zum-nachlesen\">gibt es kaum internationale Unterst\u00fctzung</a> f\u00fcr den Einmarsch der T\u00fcrkei. Abgesehen von bisher sehr <a href=\"https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/donald-trump-und-recep-tayyip-erdogan-harmlose-massnahmen-gegen-tuerkische-wirtschaft-a-1291637.html\">zaghaften US-Sanktionen</a> nach der ersten Tagen der Milit\u00e4rinvasion und der Ank\u00fcndigung einiger L\u00e4nder (die ohnehin keine gro\u00dfen Waffenlieferanten sind) zuk\u00fcnftige <a href=\"https://www.deutschlandfunk.de/sanktionen-gegen-die-tuerkei-liefert-deutschland-nun-noch.1939.de.html?drn:news_id=1058922\">Waffenexporte in die T\u00fcrkei zu stoppen</a>, blieben die internationalen Reaktionen bisher jedoch auf rhetorischer Ebene. Das Regime in der T\u00fcrkei sieht sich jedenfalls im Angesicht seiner Hegemoniekrise so sehr mit dem R\u00fccken an die Wand gedr\u00e4ngt, dass es sich trotz mangelhafter internationaler Unterst\u00fctzung dazu entschied, gro\u00dfe Risiken und potentielle Konflikte mit seinen internationalen Verb\u00fcndeten in Kauf zu nehmen und mit dem Einmarsch milit\u00e4risch \u201eFakten\u201c zu schaffen. Er dient also auch dem Zweck, sich im Inland erneut zu festigen, bevor eine ver\u00e4nderte internationale Konstellation andere Handlungsweisen erzwingen k\u00f6nnte.</p><p>Das Kalk\u00fcl scheint vorerst aufzugehen: Es gibt eine anscheinend hohe Zustimmung zum Milit\u00e4reinmarsch \u2013 dies wird durch <a href=\"https://www.amnesty.org/en/latest/news/2019/10/syria-turkish-military-offensive-risks-a-humanitarian-catastrophe/\">Ma\u00dfnahmen</a> wie der Festnahme von Menschen, die sich kritisch zum Krieg \u00e4u\u00dfern und einer de facto gleichgeschaltete Medienlandschaft abgesichert. Wie zu erwarten war, desavouierte sich auch die gesamte parlamentarische Opposition abseits der linken, pro-kurdischen Demokratischen Partei der V\u00f6lker (Halklar\u0131n Demokratik Partisi, HDP) selbst und stimmte in den Chor der chauvinistischen Euphorie und Kriegstreiberei mit ein. Die rechts-nationalistische Gute Partei (\u0130Y\u0130 Parti, \u0130P) genauso wie die islamistische Partei der Gl\u00fcckseligkeit (Saadet Partisi, SP) und auch die Hauptoppositionspartei CHP segneten den Krieg im Parlament und rhetorisch ab. In den Einheitsbrei der s\u00e4belrasselnden \u201enationalen Einheit\u201c gesellten sich auch der Istanbuler B\u00fcrgermeisters Ekrem Imamo\u011flu und der vorgeblich \u201elinke\u201c B\u00fcrgermeister von Izmir, Tun\u00e7 Soyer (beide von der CHP). Nur eine Minderheit in der CHP wie der kurdische Abgeordnete Sezgin Tanr\u0131kulu \u2013 der daf\u00fcr auch schon <a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/turkey-main-opposition-deputy-faces-inquiry-147510\">rechtliche Konsequenzen</a> zu tragen hat \u2013 oder die Istanbulvorsitzende der CHP, Canan Kaftanc\u0131o\u011flu, sprachen sich gegen den Krieg aus. Wieder einmal zeigt sich damit im Zuge des Milit\u00e4reinmarsches auf erb\u00e4rmliche Weise, dass alle Parteien der b\u00fcrgerlichen Ordnung in der T\u00fcrkei sich vereinigen, sobald es gegen die \u201eGef\u00e4hrdung der Existenz des Staates\u201c geht. In dieser Hinsicht ist es unm\u00f6glich, kemalistische und islamistische Tendenzen verschiedener Couleur voneinander zu unterscheiden, obwohl es sich \u2013 folgt man dem lange dominanten liberalen Verst\u00e4ndnis \u2013 bei diesen angeblich um die sich widersprechenden und im Kampf miteinander stehenden beiden politischen Hauptfraktionen in der T\u00fcrkei handeln soll.</p><p>Es geht bei diesem Krieg aber nicht um die \u201eExistenz des Staates\u201c. Es ist weder ein Krieg zur \u201eVerteidigung der T\u00fcrkei\u201c gegen eine unmittelbare \u201eterroristische Bedrohung\u201c, noch ein Krieg, um die \u201eQuellen des Friedens\u201c sprudeln zu lassen.<b> [1]</b> Es ist ein Krieg der rechtsradikalen Kr\u00e4fte in der T\u00fcrkei zur R\u00fcckgewinnung ihrer verlorengegangenen Initiative und zu ihrer erneuten Institutionalisierung. Es ist also ein Krieg um des Faschismus\u2019 Willen.</p><p>W\u00e4hrend die Mobilisierung chauvinistischer Reflexe im Zuge der Lokalwahlen nicht mehr ausreichte, um popularen Konsens zum Regime zu errichten, so hilft die \u201eOpposition\u201c jetzt durch ihre Zustimmung und Unterst\u00fctzung der Kriegstreiberei daran mit, dass dies wieder m\u00f6glich wird. Sie erm\u00f6glicht so die Re-Stabilisierung eines kriselnden Regimes, anstatt sich mit dessen Gr\u00e4ueltaten direkt auseinanderzusetzen und die M\u00f6glichkeit chauvinistischer Massenmobilisierung als Form der Politik abzuschaffen.</p><h2><b>Destabilisierung und Restabilisierung</b></h2><p>Der Krieg und die Sch\u00fctzenhilfe seitens des Gro\u00dfteils der parlamentarischen Opposition erm\u00f6glichen es dem Regime derzeit, die aufplatzende Krisenhaftigkeit gekonnt zu \u00fcberspielen und zumindest tempor\u00e4r zu l\u00f6sen. Zum Beispiel die Wirtschaftskrise. Wie wir <a href=\"https://www.jacobinmag.com/2019/03/erdogan-akp-turkey-local-elections\">bereits zuvor analysiert</a> haben, waren regelm\u00e4\u00dfige W\u00e4hrungsschocks als Folge eines schuldengetriebenen neoliberalen Modells eine der Hauptquellen der Destabilisierung der \u00d6konomie. Der private Sektor, dessen Auslandsverschuldung in etwa 40 Prozent des BIP entspricht, sieht sich permanent der Bedrohung des Bankrottes gegen\u00fcber und plagt sich mit Schuldenr\u00fcckzahlungen. Gegenteilig zu den offiziellen Erkl\u00e4rungen der Regierungsverantwortlichen, die von Rebalancing und einer starken Erholung sprechen, <a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/turkish-industrial-output-slips-in-august-147466\">schrumpft die Industrieproduktion</a>, ein wichtiger \u00f6konomischer Indikator, seit Anfang 2019 im Vergleich zur selben Periode des Vorjahres.</p><p>Dazu befinden sich verschiedene Fraktionen des Kapitals hinsichtlicher finanzieller Rettung und Sanierung in Konkurrenz zueinander, w\u00e4hrend sie andererseits das gemeinsame Ziel der Verstaatlichung der Schulden teilen. J\u00fcngst kam es zu <a href=\"https://www.evrensel.net/haber/388372/zam-yagmuru-suruyor-tren-ve-posta-ucretlerine-yuzde-20-zam-geldi\">Preis- und Steuererh\u00f6hungen zwischen 15 und 25</a> Prozent bei Transport, Gas, Milch, Zucker, Mautgeb\u00fchren und Elektrizit\u00e4t. Bei letzterem kam es in den letzten zwei Jahren sogar zu einem Preisanstieg von insgesamt 60 Prozent. Kurz, in beinahe allen wichtigen Bereichen des Alltagslebens gibt es massive Preissteigerungen, ohne dass diese zur Gen\u00fcge durch Lohnsteigerungen abgefedert w\u00fcrden. Dennoch <a href=\"https://ahvalnews.com/inflation/turkeys-consumer-inflation-falls-sharply-single-digits\">erkl\u00e4rte die Regierung</a> vor Kurzem, dass \u2013 wohl mit etwas \u201eMagie\u201c in der Berechnung \u2013 die Inflation in den einstelligen Bereich gesunken sei.</p><p>Diese fortdauernde Wirtschaftskrise, die sich unter anderem in einem langsamen aber stetigen Prozess der Verschlechterung des Lebensstandards der breiten Bev\u00f6lkerung ausdr\u00fcckt und nicht in einem pl\u00f6tzlichen Kollaps, trug mit Sicherheit zur schwindenden Popularit\u00e4t von Erdo\u011fan und seiner Partei bei.</p><p>Der Angriff auf Rojava dient somit auch der Ablenkung von den \u00f6konomischen Problemen. Nichts eignet sich daf\u00fcr so gut wie eine Konsolidierung der Nation gegen den \u201eewigen Feind\u201c: Schon hat die CHP eine f\u00fcr den 12. Oktober geplante <a href=\"https://www.birgun.net/haber/suriye-operasyonu-sonrasi-kazdaglari-ndaki-miting-iptal-edildi-271960\">Gro\u00dfdemonstration</a> im Ida-Gebirge gegen die Abholzung desselben f\u00fcr den Bau einer Goldmine abgesagt, obwohl die Kommune in ihrer Hand ist und es noch nicht einmal zu einem offiziellen Verbot der Demo kam. Ihre Begr\u00fcndung daf\u00fcr war, dass nun die \u201eZeit f\u00fcr eine nationale Einheit\u201c sei. Auch spricht niemand mehr \u00fcber den <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-49984537\">Protestmarsch</a> der Bergarbeiter*innen von Soma nach Ankara: Diese wurden nach dem schweren Grubenungl\u00fcck 2013 mit 301 Toten ohne Gr\u00fcnde entlassen und erhielten nie eine Abfertigungszahlung. Seitdem leisten sie Widerstand und fordern ihre Rechte ein.</p><p>Eine eventuelle Besetzung Rojavas ist aber auch unmittelbar \u00f6konomisch lukrativ f\u00fcr die T\u00fcrkei. Direkt nach Erdo\u011fans <a href=\"https://www.theguardian.com/world/2019/sep/24/erdogan-proposes-plan-for-refugee-safe-zone-in-syria\">offizieller Erkl\u00e4rung</a> seiner Besatzungspl\u00e4ne bei der UN Generalversammlung Ende September ver\u00f6ffentlichte sein B\u00fcro eine Brosch\u00fcre mit detaillierten Projekten f\u00fcr die besetzten Gebiete. Laut dieser sei es notwendig, vor der Ansiedlung von zwei Millionen Fl\u00fcchtlingen etwa <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/10/turkey-syria-who-will-pay-for-syrian-refugees-resettlement.html\">26 Milliarden US-Dollar</a> (151 Milliarden T\u00fcrkische Lira) in Infrastruktur und Geb\u00e4ude zu investieren. Es braucht nicht extra betont zu werden, dass das t\u00fcrkische Kapital auf diese (vermutlich staatlich unterst\u00fctzte) Chance mit gro\u00dfer Vorfreude wartet. Dies ist einer der Gr\u00fcnde, warum <a href=\"https://www.artigercek.com/haberler/patronlar-suriye-ye-askeri-harekata-destek-cikti\">alle Vertreterorganisationen</a> des Kapitals ihre volle Unterst\u00fctzung zum Krieg und f\u00fcr die \u201eheroische Armee\u201c gegeben haben.</p><p>Letztlich ist es klar, dass das Regime nicht nur sich und seine Verb\u00fcndeten st\u00e4rken, sondern auch die Opposition spalten und schw\u00e4chen will. Kurd*innen und Linksliberale werden sich von den kriegsunterst\u00fctzenden Teilen der Opposition nat\u00fcrlicherweise distanzieren, aber eventuell werden auch die Alevit*innen nachziehen, weil sie die Zusammenarbeit mit Jihadisten im Rahmen der Milit\u00e4rinvasion ablehnen. Diese Abwendung w\u00e4re aber gleichzeitig eine Chance f\u00fcr die antimilitaristischen Teile der Opposition, die allerdings von Dauerrepression betroffen sind. Seit Wochen mokieren sich regimetreue Medien und einige anti-kurdische oppositionelle Zirkel \u00fcber eine angebliche Ann\u00e4herung von CHP und HDP. Schon in den ersten Tagen des Krieges wurden <a href=\"https://www.turkishminute.com/2019/10/11/turkey-detains-121-social-media-users-for-criticism-of-syria-incursion/\">\u00fcber hundert Menschen wegen Postings</a> in Sozialen Medien festgenommen, weil sie sich in irgendeiner Form kritisch ge\u00e4u\u00dfert hatten \u2013 etwa, indem sie von einem \u201eKrieg\u201c statt von einer \u201eOperation gegen den Terror\u201c sprachen. Innenminister S\u00fcleyman Soylu <a href=\"https://www.turkishminute.com/2019/10/11/turkey-detains-121-social-media-users-for-criticism-of-syria-incursion/\">drohte sogar</a>: \u201eVon einem Krieg zu sprechen, ist Verrat.\u201c Auch <a href=\"https://cpj.org/2019/10/turkey-bans-critical-reports-on-military-operation.php\">zwei Journalisten von der linken</a> Tageszeitung<i> BirG\u00fcn</i> und der liberalen Onlineplattform<i> Diken</i> wurden in Gewahrsam genommen, dar\u00fcber hinaus einige Journalist*innen, die f\u00fcr pro-kurdische Agenturen arbeiten.</p><p>Der Faschismus ist ein Monster, das sich von Gemetzel und Krieg n\u00e4hrt und jede Opposition, egal ob rechts oder links, ja, sogar seine eigenen Elemente zu verschlingen versucht. Genau deswegen muss ihm mit Widerstand an allen Fronten entgegnet werden und nicht mit Appeasement. Die Systemopposition, vor allem die CHP, nutzte ihre gewonnene Initiative nach den Lokalwahlen nicht. Sie versuchte, das Monster mit einem Kompromiss nach dem anderen zu \u201ez\u00e4hmen\u201c. Dabei ist auch die CHP vom wiedererstarkenden Faschismus akut bedroht: Der Chef der faschistischen MHP und Hauptverb\u00fcndete Erdo\u011fans, Devlet Bah\u00e7eli, <a href=\"https://ipa.news/2019/10/05/erdogan-ally-suggests-lifting-main-opposition-leaders-parliamentary-immunity/\">machte unl\u00e4ngst klar,</a> dass aufgrund der angeblichen Ann\u00e4herung zwischen CHP und HDP \u201eder Weg frei [sei] f\u00fcr die Aufhebung der Immunit\u00e4t K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flus [Chef der CHP, Anm. d. Autoren]\u201c, sprich f\u00fcr seine Inhaftierung. Glaubt die CHP-F\u00fchrung wirklich, dass sie vom Monster des Faschismus verschont wird, wenn sie jetzt nur brav dem Krieg zustimmt?</p><h2><b>Kein Welthegemon mehr \u2013 oder: Wem geh\u00f6rt die Welt?</b></h2><p>Zur\u00fcck zur USA und ihrer Entscheidung, der T\u00fcrkei gr\u00fcnes Licht f\u00fcr die Milit\u00e4rinvasion zu geben. Es steht fest, dass die Entscheidung, so widerspr\u00fcchlich sie auch sein mag, nicht nur auf die Verr\u00fccktheit von Trump zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Tats\u00e4chlich ist der US-Imperialismus selbst in Widerspr\u00fcche verstrickt: Ein Teil des herrschenden Machtblocks, n\u00e4mlich der \u201einternationalistisch-interventionistische\u201c, hegt den Wunsch, eine globale Weltordnung aufrechtzuerhalten, in der die USA die Staaten und Institutionen der westlichen kapitalistischen Hemisph\u00e4re anf\u00fchrt. Ein zweiter Block scheint davon \u00fcberzeugt zu sein, dass Unilateralismus und Autarkie die bestm\u00f6glichen Ans\u00e4tze sind, um Weltmacht und Profite zu gew\u00e4hrleisten. W\u00e4hrend die eine Tendenz innerhalb der US-Eliten versucht, so viele Akteure wie m\u00f6glich davon zu \u00fcberzeugen, mit den USA zusammenzuarbeiten, um sie auf diese Weise an sich zu binden \u2013 darunter auch die Kurden in Syrien als vermeintliches Ass gegen Assad und den Iran und eventuell sogar die T\u00fcrkei \u2013, versucht die andere Tendenz wiederum, das internationale Engagement der USA so weit wie m\u00f6glich zu reduzieren und Verantwortung und sicherheitspolitische Funktionen auf andere Staaten zu \u00fcbertragen \u2013 in diesem Fall den alteingesessenen NATO-Partner T\u00fcrkei. Tats\u00e4chlich ist diese mittlerweile sch\u00e4rfer hervortretende Widerspr\u00fcchlichkeit innerhalb der Staatsapparate der USA selbst ein Produkt der Erosion der weltweiten Hegemonie der USA, die selbst wiederum mit der Krise des imperialistischen Weltsystems im Zusammenhang steht. Seit dem Ende der Sowjetunion emanzipieren sich die ehemaligen Alliierten der USA und stellen eigene Geltungsanspr\u00fcche, wobei die Weltwirtschaftskrise ab 2007 und ihre Folgen die zentrifugalen Kr\u00e4fte gest\u00e4rkt haben.</p><p>Unabh\u00e4ngig davon, was diese Widerspr\u00fcche f\u00fcr den US-Imperialismus bedeuten: Derzeit scheint Russland am meisten von den Entwicklungen in Syrien zu profitieren. Am Sonntag <a href=\"https://foreignpolicy.com/2019/10/13/kurds-assad-syria-russia-putin-turkey-genocide/\">k\u00fcndigte die SDF an</a>, dass sie sich auf eine Zusammenarbeit mit Assad (und Russland) geeinigt habe, um den \u201egenozidalen\u201c Vormarsch der T\u00fcrkei und ihren jihadistischen Verb\u00fcndeten zu verhindern.</p><p>Aus russischer Sicht stellt sich die Lage einerseits so dar, dass die kurdischen Kr\u00e4fte in Syrien vollkommen von den Vereinigten Staaten abgeschnitten zu sein scheinen, da sie die USA des Verrats bezichtigen. Andererseits st\u00e4rkt Trumps Entscheidung, sich aus Syrien zur\u00fcckzuziehen, die Position Russlands als wichtigem imperialistischen Akteur in der Region. Hinzu kommt, dass die Beziehungen zwischen der T\u00fcrkei und den USA vor dem Hintergrund st\u00e4rker werdender politischer Reaktionen seitens der \u201einternationalistisch-interventionistischen\u201c Tendenz innerhalb der US-Eliten auf die Invasion und einiger <a href=\"https://www.nytimes.com/aponline/2019/10/14/us/politics/ap-us-united-states-syria-the-latest.html?searchResultPosition=2\">Sanktionen politischer und \u00f6konomischer Art</a> weiter untergraben werden.</p><p>Es versteht sich von selbst, dass das Zustandekommen und Vergehen der Allianzen zwischen diesen souver\u00e4nen M\u00e4chten mit (sub-)imperialistischen Interessen auf dem Hintergrund einer sich in einer \u00dcbergangsperiode befindenden imperialistischen Weltordnung einem Puzzle gleichen. Daher k\u00f6nnen sich die Gleichgewichte jederzeit \u2013 den Umst\u00e4nden entsprechend \u2013 \u00e4ndern. In einer Zeit aber, in der Unsicherheit herrscht und sich Gleichgewichte und Allianzen in k\u00fcrzester Zeit verschieben, ist keine einzelne Macht in der Lage, den gesamten Prozess zu begreifen und zu kontrollieren. Einige Entscheidungen sind dabei schlichtweg Fehler, w\u00e4hrend die Logiken, die am Werk sind, nicht mehr jene der \u201enormalen\u201c altbekannten Zeiten sind.</p><h2><b>Gegen den Faschismus sein hei</b>\u00df<b>t, gegen den Krieg zu sein</b></h2><p>W\u00e4hrend wir diesen Artikel fertigstellen, schreiten die Streitkr\u00e4fte Syriens in Richtung Norden vor und n\u00e4hern sich der t\u00fcrkischen Grenze. Erste Gefechte zwischen den geeinten t\u00fcrkisch-jihadistischen und den geeinten kurdisch-syrischen Kr\u00e4ften eruptieren an der Front zu Manbidsch. Bisher ist die syrische Armee aber noch kaum zu den zentralen Gefechtspunkten Gire Sp\u00ee/Tal Abyad und Ser\u00ea Kaniy\u00ea/Ras al-Ayn vorger\u00fcckt (Stand: 16.Oktober 2019). Dabei ist es durchaus m\u00f6glich, dass sich die syrische Armee zu erst auf die Sicherung der weniger umk\u00e4mpften Zonen konzentriert und die SDF alleine l\u00e4sst mit der t\u00fcrkischen Offensive zwischen Gire Sp\u00ee/Tal Abyad und Ser\u00ea Kaniy\u00ea/Ras al-Ayn. Dieses Vorgehen l\u00e4sst sich aus einer \u00dcbersetzung der mutma\u00dflichen <a href=\"https://twitter.com/jenanmoussa/status/1184196900934815744?s=12&amp;fbclid=IwAR1yf8QZjhIHUhwqls_BtTif132hOtnM27TrUHqEza0ayInBWIZktKJmhPs\">Vereinbarung</a> zwischen SDF und SAA schlie\u00dfen. Ebenfalls ist unklar, ob und inwieweit sich Assad und die SDF auf politischer Ebene auf eine gemeinsame Verfassung werden verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen \u2013 oder zumindest auf eine solche hinarbeiten werden.</p><p>Es ist nicht nur die Zukunft Nordsyriens, die dabei im Unklaren bleibt. Die Welt k\u00f6nnte durchaus Zeugin eines aus seinen Aschen emporsteigenden IS werden. Und was viele Linke weltweit als \u201eRevolution von Rojava\u201c mit Euphorie begr\u00fc\u00dften, k\u00f6nnte in den Tr\u00fcmmerfeldern des Krieges begraben werden.</p><p>Der Krieg in Nordostsyrien wirkt sich aber auch ma\u00dfgeblich auf die T\u00fcrkei aus, was vielerorts nicht ernst genug genommen zu werden scheint: Falls die milit\u00e4rische Invasion gelingen sollte, werden Erdo\u011fan und seine faschistischen Verb\u00fcndeten ihre Macht enorm steigern k\u00f6nnen. Der gesamte politische Boden, der in den letzten Monaten und Jahren im Kampf gegen das Regime gewonnen wurde, k\u00f6nnte somit verloren gehen. All die kleinen und vereinzelten Siege und die allgemeine Erleichterung, dass der Nimbus der Unbesiegbarkeit des Regimes angekratzt wurde, w\u00fcrden in der Dunkelheit versinken und in Vergessenheit geraten. Es ist deshalb von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung, sich gegen die derzeitige milit\u00e4rische Invasion der T\u00fcrkei in Nordostsyrien zu stellen \u2013 denn nur so kann verhindert werden, dass der Faschismus in der T\u00fcrkei selbst an Boden gewinnt.</p><p></p><hr/><p></p><p><b>Anmerkungen:</b></p><p><b>[1]</b> Die Invasion hei\u00dft in menschenverachtendem Zynismus <i>Operasyon Bar\u0131\u015f P\u0131nar\u0131</i>, Operation Friedensquelle.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Nicht nur ist derzeit rund um den polnischen Ministerpr\u00e4sidenten Mateusz Morawiecki (PiS - Prawo i Sprawiedliwo\u015b\u0107, zu deutsch: Recht und Gerechtigkeit) eine nationalkonservative Regierung an der Macht, auch die neofaschistischen Gruppen agieren immer selbstbewusster und brutaler. Zuletzt zeigte sich dies in den gewaltt\u00e4tigen <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/359335.lgbt-in-polen-regierende-scharfmacher.html\">\u00dcbergriffen</a> gegen LGBTI*-Aktivist*innen in der ostpolnischen Stadt Bia\u0142ystok, wo rechte Hooligans unter klatschendem Beifall einiger Bewohner die Pride Parade mit Steinen angegriffen haben. Autorit\u00e4re Tendenzen innerhalb des Staates fordern indes den Ausbau polizeilicher Befugnisse und verteidigen brutale Repression, wie zum Beispiel gegen linke Klima-Aktivist*innen in Form von Einsch\u00fcchterungsversuchen, Verhaftungen und Einreiseverboten bereits vor der UN- Klimakonferenz COP24 in Katowice und bei dem zweiten polnischen Klimacamp im Juli 2019. Diese staatlichen Dynamiken wirken weiter ermutigend auf neofaschistische Kr\u00e4fte.<br/> Gleichzeitig dominiert \u00f6konomisch ein gnadenloser Turbokapitalismus. Auch in Polen haben in den vergangenen Jahren in zahlreichen Gro\u00dfst\u00e4dten Gentrifizierungsprozesse der Innenstadtbereiche stark zugenommen. Wer seine Wohnung nicht halten kann, wird auch hier hemmungslos zwangsger\u00e4umt. In Polen wird dabei weniger von Gentrifizierung, sondern von einer sogenannten \u201eReprivatisierung\u201c gesprochen. 1948 verstaatlichte Immobilien und Grundst\u00fccke k\u00f6nnen auf gerichtlichem Wege zur\u00fcckerlangt werden. In einem Konglomerat aus Teilen der Justiz, der lokalen Verwaltung und kriminellen Banden, treten dubiose Gesch\u00e4ftsleute an Menschen heran, die im kommunistischen Polen enteignet wurden und noch rechtliche Anspr\u00fcche auf Grundst\u00fccke oder Geb\u00e4ude in der Stadt haben. Diese kaufen sie ihnen schlie\u00dflich ab. Mieter*innen, die sich weigern ihr Haus zu verlassen, werden mit Hilfe sogenannter S\u00e4uberungsgruppen vertrieben. Der bekannteste und brutalste Fall ist der Mord an der Warschauer Mieter*innenaktivistin <a href=\"https://pl.wikipedia.org/wiki/Jolanta_Brzeska\">Jolanta Brzeska</a>, die in einem Waldst\u00fcck am Stadtrand verbrannt wurde.<br/> Die Regierungspartei PiS versucht seit Jahren, nicht nur Medien und Justiz f\u00fcr sich zu vereinnahmen, sondern bek\u00e4mpft auch aktiv die kritische Zivilgesellschaft in Polen. Unter der PiS-Herrschaft wurde ein umfassender autorit\u00e4rer Umbau von Staat und Gesellschaft in Angriff genommen, von dem bereits vieles verwirklicht wurde. Die katholische Kirche erwies sich dabei als wichtiger B\u00fcndnispartner der Regierung: Denn es ist die Kirche, die vor allem in l\u00e4ndlichen Regionen in der Lage ist, das Wahlverhalten der Bev\u00f6lkerung zugunsten der PiS zu beeinflussen. W\u00e4hrend der letzten vier Jahre konnte die PiS-Regierung ihre Macht ausbauen. Oppositionelle Kr\u00e4fte sind, wie die Europawahlen in diesem Jahr gezeigt haben, derzeit nicht in der Lage, eine ernsthafte Alternative zu bieten. Zudem sind sie weitgehend zerstritten. Am 13. Oktober 2019 finden in Polen erneut Parlamentswahlen statt, bei denen im schlimmsten Fall die PiS die absolute Mehrheit im polnischen Parlament erringen k\u00f6nnte. D\u00fcstere Aussichten also. Allerdings: Trotz dieser Probleme, Widerspr\u00fcche und reaktion\u00e4rer Angriffe gab es in den letzten Jahren auch einige erfolgreich verlaufende soziale K\u00e4mpfe, allen voran der landesweite Frauenstreik gegen die Versch\u00e4rfung des Abtreibungsverbots. Im Rahmen einer l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Zusammenarbeit wurden zudem gleichzeitig mehrere Amazon-Werke in Deutschland und Polen bestreikt.</p><h3><b>Das Rozbrat als Ort des Widerstands</b></h3><p>In der westeurop\u00e4ischen Linken heute weitestgehend in Vergessenheit geraten, gab es in Polen in den 80er Jahren starke anarchistische Bewegungen. An diese Tradition ankn\u00fcpfend hat sich das soziale und kulturelle Zentrum Rozbrat in den vergangenen Jahrzehnten als wichtige politische Plattform und Ausgangspunkt f\u00fcr Widerstand etabliert: Im Rozbrat wurden und werden unterschiedliche K\u00e4mpfe, ob Anti-Kriegs-Aktionen, Antifaarbeit, feministische oder \u00f6kologische Strukturen, Proteste der Mieter-Bewegung und Arbeiter*innenk\u00e4mpfe vorbereitet, durchgef\u00fchrt und zusammengef\u00fchrt. Das Rozbrat ist damit auch weit \u00fcber die Szene und \u00fcber die Stadt Poznan hinaus als wichtige politische und kulturelle Institution bekannt.</p><p>Im Gegensatz zu anderen sozialen und kulturellen Einrichtungen ist das Rozbrat autonom, also unabh\u00e4ngig von staatlichen Institutionen. Weit \u00fcber die Szene und \u00fcber Poznan hinaus bekannt, ist es eine wichtige kulturelle und politische Institution in Polen. Das Rozbrat ist eines der wichtigsten, echten Alternativen in einer sonst staatlich alimentierten, mit patriotischen Kitsch \u00fcberzogenen und von hoch kommerzialisierter Kultur ausgrenzenden Kulturlandschaft. Letzteres hei\u00dft in diesem Kontext Kultur ohne Zensur und f\u00fcr alle zug\u00e4nglich. Mit dieser Idee wurden in den vergangenen 25 Jahren hunderte Konzerte, Ausstellungen, Filmauff\u00fchrungen, Debatten, Lesungen und Vortr\u00e4ge organisiert.<br/> Wie in vielen anderen L\u00e4ndern ist auch in Polen zu beobachten, dass alternative Einrichtungen aus politischen und \u00f6konomischen Gr\u00fcnden verdr\u00e4ngt werden sollen. Mehrere Generationen von Aktivist*innen, die bei vielen bedeutenden Mobilisierungen und Debatten \u00fcber gesellschaftliche Themen eine entscheidende Rolle spielten, organisierten sich damals wie heute um das Rozbrat. In der Vergangenheit verteidigten und unterst\u00fctzten Aktivist*innen aus dem Haus stets offensiv und in solidarisch die am meisten ausgegrenzten Bewohner*innen der Stadt. Gemeinsam stie\u00dfen sie Dutzende von Arbeits-, Mieter*innen- und Umwelt-Protesten an. Im Jahr 2004 wurde dort die anarchosyndikalistische Basisgewerkschaft <a href=\"http://www.ozzip.pl/\">Inicjatywa Pracowniza</a> (IP) gegr\u00fcndet. Aktuell umfasst die Basisgewerkschaft \u00fcber 3000 Mitglieder, aufgeteilt in ca. 70 Sektionen. Bis heute ist die IP im Rozbrat verankert. Erfolgreich und organisiert begleitet wurden so auch Arbeiter*innenk\u00e4mpfe bei <a href=\"http://www.labournet.de/internationales/polen/arbeitsbedingungen-polen/kampf-bei-amazon-in-poznanpolen-flugblaetter-berichte-etc-zu-den-arbeitsbedingungen-und-arbeiterkaempfen/\">Amazon</a> und Volkswagen, aber auch in lokalen Kinderg\u00e4rten, Krankenh\u00e4usern und am st\u00e4dtischen Theater in Poznan. Die im Rozbrat vorherrschende feministische Perspektive ist sozial und nicht liberal gepr\u00e4gt, das hei\u00dft, stark in Arbeiter*innenk\u00e4mpfe verankert. 2011 unterst\u00fctzten Aktivist*innen um das soziale Zentrum zusammen mit der IP die Frauen der kommunalen <a href=\"https://de.labournet.tv/der-frauenstreik-geht-weiter\">Kinderg\u00e4rten</a>, die sich aufgrund der enormen Belastung bei Lohnarbeit und Reproduktionsarbeit, sowie der vorherrschenden Geringsch\u00e4tzung ihrer Arbeit und der nicht ausreichende L\u00f6hne, gewerkschaftlich organisierten. 2012 wurde auf Initiative von Aktivist*innen aus dem Rozbrat und entschlossenen Mieter*innen, die Mieterh\u00f6hungen, Verdr\u00e4ngung und Zwangsr\u00e4umungen nicht weiter hinnehmen wollten, schlie\u00dflich der Mieterverein &quot;<a href=\"http://wsl-poznan.pl/\">Wielkopolskie Stowarzyszenie Lokator\u00f3w</a>&quot;- [WSL] gegr\u00fcndet. Und auch angesichts der durch Braunkohletagebaue zerst\u00f6rten Landschaften, Wasserknappheit und der enormen Luftverschmutzung in Polen, ist das Rozbrat eine*r der Initiator*innen des seit zwei Jahren stattfindenden Klima-Camps nahe der Stadt Konin.</p><p>Wer echte Opposition sucht und die konservativen, neoliberalen Arschl\u00f6cher in Polen genauso ablehnt wie die neofaschistische Rechte des Landes, findet im Rozbrat nicht nur das anarchistische Herz Polens, sondern auch eine wichtige politische Plattform und Basis revolution\u00e4rer K\u00e4mpfe in Form eines sozialen Zentrums. Und diese soll nun ger\u00e4umt werden.<br/></p><h3><b>Solidarisch gegen die Zwangsr\u00e4umung</b></h3><p>Die Zwangsr\u00e4umung h\u00e4ngt mit der Reprivatisierung des Gel\u00e4ndes zusammen: Dieses wurde 1948 verstaatlicht, aber nach dem Ende der sowjetischen \u00c4ra durch ein privates Unternehmen \u00fcbernommen. Dieses nahm hohe Kredite auf, doch ging schlie\u00dflich bankrott. Die Bank verkaufte das Darlehen an ein Immobilienunternehmen, welches nun den Verkauf des Grundst\u00fccks fordert. 1994 wurde das ehemalige Gel\u00e4nde der Farbenfabrik besetzt. Am 15. Mai 2019 wurde durch den Gerichtsvollzieher ein Sch\u00e4tzwert von 1,4 Millionen Euro f\u00fcr das besetzte Grundst\u00fcck festgelegt. Die drohende Versteigerung und potentielle Zwangsr\u00e4umung bedroht das Zentrum existenziell. Das Datum der Versteigerung ist noch unbekannt, doch kann sich das schnell \u00e4ndern. Bereits vor Jahren reichte das Rozbrat eine Klage ein, wegen offensichtlicher Inbesitznahme die auch Rechte an dem Grundst\u00fcck zu erhalten. Sie beziehen sich dabei auf eine heute noch g\u00fcltige Regelung aus der polnischen Volksrepublik. Der Fall ist weiterhin offen.<br/></p><p>F\u00fcr den 14.09.2019 rufen die Aktivist*innen darum zu einer breiten <a href=\"http://www.rozbrat.org/\">Solidarit\u00e4tsdemonstration</a> in Poznan auf. Der soziale R\u00fcckhalt des Zentrums ist enorm. Eine R\u00e4umung ist keine Option, denn eine Stadt ohne Rozbrat ist eine Stadt ohne Zukunft.</p><p></p><hr/><p></p><p>Die Initiative <a href=\"https://postkom.wordpress.com/\">Postkom</a> ruft f\u00fcr den 02.09.2019 zu einer <a href=\"https://www.facebook.com/events/645986902555211/\">Protestkundgebung</a> von 16 bis 18 Uhr vor dem polnischen Institut Berlin auf und l\u00e4dt alle ein, Solidarit\u00e4t zu zeigen. Ein Solidarit\u00e4tsvideo zu den angek\u00fcndigten Widerst\u00e4nden gegen eine drohende R\u00e4umung befindet sich bei den Kolleg*innen von <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=-RJ2_qmWM0A\">Left Vision</a>.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Hunderte Riotcops mit Tr\u00e4nengas und zugeh\u00f6rigen Gasmasken stehen parat. Spezialeinheiten aller Art. Motorr\u00e4der. Sogar Hubschrauber. Ein ganzes Viertel gesperrt. Jeder normal denkende Mensch w\u00fcrde vermuten, hier bricht gleich ein B\u00fcrgerkrieg oder schlimmeres aus. Logik oder irgendwas \u00c4hnliches \u2013 fehl am Platz. Denn dann w\u00fcrde das hier nicht passieren: Der griechische Staat sendet seine ganze Repressionsarmada aus, um Besetzungen von gefl\u00fcchteten Migrant*innen zu r\u00e4umen. Es kann nicht besser beschrieben werden als <a href=\"https://web.facebook.com/agavriilidis/posts/10157814789168322\">in den Worten</a> des antinationalen Theoretikers Akis Gavriilidis:</p><p>\u201eDiese Angelegenheit ist eine skandal\u00f6se Verschwendung \u00f6ffentlicher Mittel, f\u00fcr ein Ergebnis, das nicht nur Null, sondern in jeder Hinsicht negativ ist: moralisch, rechtlich, praktisch, wirtschaftlich und was auch immer man sich vorstellen kann. Dutzende von Gefl\u00fcchteten \u2013 darunter auch Kinder \u2013, die kein Verbrechen begangen haben, einzusacken, um von Orten vertrieben zu werden, an denen sie ein menschenw\u00fcrdiges Leben f\u00fchrten, das sie selbst mit gestaltet haben, mit der einzigen Aussicht, in eine H\u00f6lle eingesperrt zu werden, in der sie unter viel schlimmeren Bedingungen leben, die auf Passivit\u00e4t und Unt\u00e4tigkeit hinarbeiten. Ich kann nicht sehen, wen diese Aktion gl\u00fccklich machen kann, abgesehen von Rassisten und Schl\u00e4gern. Als griechischer B\u00fcrger fordere ich, dass mir erkl\u00e4rt wird, warum \u00f6ffentliche Mittel f\u00fcr so ein unethisches, illegales und ineffektives Ergebnis verschwendet wurden.\u201c Oder die <a href=\"https://athens.indymedia.org/post/1599604/\">Besetzer*innen selbst</a>: \u201eDer faschistische Staat hat uns heute um sechs Uhr morgens vertrieben und sie bringen uns zur Polizeistation Petrou Rali. Sie haben uns aus unserem Haus geholt. Sie nehmen unsere Sachen aus dem Geb\u00e4ude und schlie\u00dfen die T\u00fcr und blockieren den Eingang und die Fenster. Sie versuchen, uns zu begraben. Sie wissen nicht, dass wir Samen sind.\u201c</p><p>Heute morgen wurden vier Besetzungen im Athener Stadtteil Exarchia ger\u00e4umt: Spirou Trikoupi 17, Transito, Rosa de Fon und die anarchistische Besetzung Gare. Die Offensive betrifft derzeit den nordwestlichen Teil des Bezirks, ausgenommen ist bisher die Besetzung Notara 26, die als erste historische Besetzung der \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c in der Athener Innenstadt besser bewacht und f\u00fcr den Bezirk von hoher symbolischer Bedeutung ist. Es wurden 143 Personen aus zwei Geb\u00e4uden in der Spirou Trikoupi 17 mitgenommen und zur Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde Atticas gebracht, um dort zu untersuchen, ob sie eine legale Aufenthaltserlaubnis im Land haben. Von den 143 Menschen sind 57 M\u00e4nner, 51 Frauen und 35 Minderj\u00e4hrige aus dem Iran, dem Irak, Afghanistan, Eritrea und der T\u00fcrkei.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"69542470_363206134601280_4719088590561214464_n.jpg\" height=\"480\" src=\"/media/images/69542470_363206134601280_4719088590561214464_n.original.jpg\" width=\"720\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Die Refugees, die in den besetzen H\u00e4usern Exarchias Zuflucht fanden, werden von der Polizei mitgenommen.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Von einem weiteren Geb\u00e4ude in der Kallidromiou Stra\u00dfe wurden laut Polizeiinformationen drei anwesende Personen in Gewahrsam genommen und zum Athener Polizeipr\u00e4sidium gebracht. Das vierte Geb\u00e4ude, in der Fotila Stra\u00dfe, war zum Zeitpunkt der R\u00e4umung leer. Bei der Operation beteiligten sich Einheiten der Riotpolizei MAT, diverse Spezialeinheiten zur Identifizierung und Spurensicherung, sowie die Motorradpatrouille DIAS. Anscheinend wurden keine Drogen oder Waffen in den Geb\u00e4uden gefunden \u2013 von \u201eGefahr\u201c also keine Spur. Gleichzeitig lie\u00df ein Polizeisprecher im griechischen Privatfernsehen verlauten: \u201eWir sind der neue ger\u00e4uschlose Staubsauger, der den ganzen M\u00fcll einsaugen wird\u201c.</p><h2><b>Unser Exarchia \u2013 ihr Exarchia</b></h2><p>Wenn es nach den Wohlhabenden geht, soll Exarchia endlich zum Vorzeigeviertel von Athen verwandelt werden. Yuppiecaf\u00e9s, Massentourismus und sch\u00f6ne Aussichtspunkte sollen dies m\u00f6glich machen. Zum Gl\u00fcck ist die Realit\u00e4t noch sehr fern von dieser Vision, die seit den 1990ern immer wieder in den K\u00f6pfen der Stadtplaner*innen und Herrschenden rumgeistert.</p><p>Insgesamt gibt es 23 Besetzungen in Exarchia und 26 weitere im Bezirk, also insgesamt 49 Besetzungen, die sich auf ein relativ kleines Gebiet konzentrieren. 49 Besetzungen, zu denen weitere Formen von selbstverwalteten Orten hinzukommen, von denen einige gemietet werden \u2013 wie etwa das soziale Zentrum Nosotros \u2013, sowie Dutzende von Privath\u00e4usern, die Aktivist*innengruppen beherbergen. Exarchia, bekannt als alternatives Stadtviertel mit linker und anarchistischer Tradition und Basis illegaler Aktivit\u00e4ten jeglicher Art, war dem Staat und seinen Regierungen schon immer ein Dorn im Auge. Immer wieder muss es im \u00f6ffentlichen Sicherheitsdiskurs als Beispiel des \u201eAusnahmezustands\u201c herhalten. In den letzten Jahren griffen die Konservativen die steigende Anzahl an Ausschreitungen \u00f6fter auf, um der Regierung von Alexis Tsipras Kontrollverlust vorzuwerfen. In einer Parlamentsdebatte behauptete der Chef der konservativen Nea Demokratia (ND) und damalige Oppositionsf\u00fchrer, Kyrgiakos Mitsotakis, dass er im Falle einer Regierungs\u00fcbernahme \u201eExarchia aufr\u00e4umen werde\u201c. Syriza antwortete damals auf solche Vorw\u00fcrfen mit der Infragestellung einer klassischen \u201eLaw-and-Order-Politik\u201c, die nur auf \u201erepressive Polizeieins\u00e4tze und dem Sch\u00fcren von Hass aufbaut\u201c. Dies hinderte aber die damalige Regierungspartei nicht daran, selbst R\u00e4umungen von Besetzungen von Gefl\u00fccheten durchzuf\u00fchren. Das Zitat von Mitsotakis macht bis heute die Runde in den sozialen Medien \u2013 den damaligen Drohungen, die bel\u00e4chelt wurden, folgen aber nun, da Mitsotakis Premierminister ist, Taten.</p><p>Einem Plan zufolge, an dessen Ausarbeitung und Umsetzung sich Mitarbeitende verschiedener Abteilungen der Stadt Athen wie etwa Umwelt und Stra\u00dfenbau beteiligt haben, soll Exarchia regelrecht ges\u00e4ubert werden \u2013 vom illegalen Drogenhandel und von Sex-Arbeit ebenso wie von Gefl\u00fcchteten und \u201eantistaatlichen Elementen\u201c wie etwa anarchistischen Gruppen. Die Vision sieht den Bau der U-Bahn Station Exarchia innerhalb von f\u00fcnf Jahren vor, auch die Entfernung von Graffitis und den Bau neuer Stra\u00dfenlaternen. Schon im Sommer begann die erste Phase des gro\u00dfangelegten Aktionsplans mit verst\u00e4rkten polizeilichen Kontrollen. Bei einer wurden ganze 42 Gramm Gras (!!!) gefunden und als Riesenfundst\u00fcck der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert. Es sollen weitere R\u00e4umungen folgen, um sich langsam aber sicher bis zum pers\u00f6nlichen Erzfeind von Mitsotakis, zu der revolution\u00e4ren und bei der Bev\u00f6lkerung durch ihre Aktionen beliebten Gruppe Rouvikonas, vorzuarbeiten. Rouvikonas, benannt nach dem Fluss Rubikon, hat in den letzten Jahren spektakul\u00e4re direkte Aktionen gegen Privatfirmen, staatlichen Stellen und Botschaften durchgef\u00fchrt und war mehrmals Thema im griechischem Parlament. Laut Medienberichten dient die anarchistische Besetzung Vox direkt am Exarchia Platz der Gruppe als Basis. Phase Eins lautet also s\u00e4ubern und aufr\u00e4umen, Phase zwei das Gebiet halten und erste oberfl\u00e4chliche Ver\u00e4nderungen am Stadtteil durchf\u00fchren, Phase drei der Aufbau des Athener Montmartre.</p><h2><b>Der Rollback</b></h2><p>Gestern wurde der neue Athener B\u00fcrgermeister, der konservative Kostas Bakoyannis vereidigt. Die heutigen Aktionen der griechischen Polizei sind daher kein Zufall. Die Aktionen des heutigen Tages sollen aber zugleich auch der offizielle Start der Erfolgsgeschichte des neuen Premiers Konstantinos Mitsotakis sein \u2013\u2013 perfekt getimed zur gro\u00dfen Sommerr\u00fcckkehr aus Urlaub und Saisonarbeit. Fast parallel zu der heutigen Repressionsoffensive annoncierte Mitsotakis im griechischen Parlament die <a href=\"https://in.mobile.reuters.com/article/amp/idINKCN1VG148?fbclid=IwAR0p1u8HSRf5QYhw3JVOVZ1dqBonu4fecAzeUuSb7J7wZ713ev2y3ye_HlE\">Aufhebung der Kapitalverkehrskontrollen</a>, die seit 2015 Griechenland \u201eplagten\u201c. Ein Erfolg f\u00fcr ihn, dank seines Freundes Yannis Stournaras, des Pr\u00e4sidenten der griechischen Zentralbank. Ein Erfolg, welcher der Syriza-Regierung durch Druck der \u201einternationalen Partner\u201c verwehrt wurde.</p><p>Die heutigen R\u00e4umungen in Exarchia sollten nicht nur als Teil eines regionalen Aktionsplans gesehen werden, sondern als Teil eines noch gr\u00f6\u00dferen Plans. Die Regierung der Nea Dimokratia ist eine Mischung aus kapitalgeilen, konservativen und neofaschistischen Elementen, die eine soziale Zertr\u00fcmmerung veranlassen wollen, die sogar den Ausverkauf des Landes w\u00e4hrend der Krise \u00fcbertreffen w\u00fcrde. Diese heuchlerische Regierung, die wie ein Bild aus der Vergangenheit anmutet, wird mehrere Fronten in Angriff nehmen \u2013 zuerst wird sie sich f\u00fcr die Aufhebung der Kapitalkontrollen feiern lassen, scheinbar etwas Geld an Kleinunternehmer*innen verteilen und somit vermeintlich deren Leben erleichtern, dann aber die soziale Katastrophe in Gang setzen.</p><p>Die <a href=\"https://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/griechenland-schafft-universitaets-asyl-ab-keine-sperrzone-mehr-fuer-polizei-a-1281099.html\">Abschaffung des Universit\u00e4ts-Asyls</a> \u2013 eine Regelung, die seit der Milit\u00e4rdiktatur gilt und die der Polizei das Betreten von Universit\u00e4tsgel\u00e4nden verbietet gilt \u2013, ist nur der erste Schritt in der endg\u00fcltigen Neoliberalisierung der griechischen Universit\u00e4ten. Die Gr\u00fcndung privater Unis und somit von Investitionen von Firmen und ihren Partner*innen im Universit\u00e4tssystem werden diesmal nicht scheitern. Dagegen formiert sich wieder Protest, von Student*innen bis Professor*innen, aber noch nicht so massenhaft wie beim letzten neoliberalen Angriff auf das Bildungssystem 2006 bis 2007. Das soziale Netz ist zerst\u00f6rt nach Jahren der Krise und politische Organisierungsprozesse befinden sich nach der Entt\u00e4uschung der Linksregierung am Boden. Gleichzeitig werden weitere Privatisierungen angetrieben, die vorher noch blockiert wurden, wie der Verkauf der staatlichen Elektritzit\u00e4tsfirma DEI oder des alten Flughafengel\u00e4ndes in Athen, Elliniko. Und \u201egriechische Werte\u201c d\u00fcrfen und sollen wieder zelebriert werden. R\u00e4umungen von Gefl\u00fcchteten sollen nat\u00fcrlich auch die Zustimmung der rechten bis faschistischen W\u00e4hlerschaft verst\u00e4rken, die von Goldene Morgenr\u00f6te zur\u00fcck an die Nea Dimokratia gewandert ist.</p><h2><b>Das Startsignal wurde gegeben</b></h2><p>Widerstand in Griechenland wird aber wieder aufkommen \u2013 auf allen Ebenen. Nicht wegen dem \u201eaufr\u00fchrerischen griechischen Blut\u201c oder sonstigem mystischem Unsinn, aber wegen der kontinuierlichen Geschichte der sozialen K\u00e4mpfe seit Beginn des letzten Jahrhunderts. Es ist nicht die Geschichte von angezettelten Weltkriegen oder friedlichen Revolutionen, sondern die Geschichte von gro\u00dfen Widerst\u00e4nden gegen den deutschen und griechischen Faschismus und von Aufst\u00e4nden abseits von identit\u00e4ren Millieus. In Exarchia wird der Kampf ums Territorium nur dann erfolgreich sein, wenn er sich als Teil einer gr\u00f6\u00dferen Gegenoffensive versteht. Eine, die schon im Kern von Exarchia steckt. Nicht mehr oder weniger als der Wunsch, die Welt zu ver\u00e4ndern. Daf\u00fcr muss erstmal die Solidarit\u00e4t wieder aufgebaut werden: Nach der R\u00fcckkehr aus dem Sommerloch und den ersten Repressionsschl\u00e4gen beraten sich alle gemeinsam und zwar heute Abend in der bekannten Besetzung von und f\u00fcr Gefl\u00fcchteten Notara 26. Und f\u00fcr uns im Ausland ist es wieder Zeit, wachsamer zu sein \u2013 nach Jahren der relativen Unt\u00e4tigkeit in unserer Solidarit\u00e4tsarbeit w\u00e4hrend der Syriza-Regierung. Lange haben wir nicht mehr die griechischen Botschaften und Niederlassungen des Staates besucht. Exarchia wird fallen, wenn es sich fallen l\u00e4sst und wir es fallen lassen. Wenn es bestehen bleibt, wird es ein Leuchtturm f\u00fcr uns alle sein in unseren unerledigten Abenteuern.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"69208888_509558129822292_5423635382279340032_n.jpg\" height=\"675\" src=\"/media/images/69208888_509558129822292_5423635382279340032_n.original.jpg\" width=\"1200\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Unser Exarchia: Widerstand in Griechenland wird aufkommen. Auf allen Ebenen.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><hr/><h2>Themenschwerpunkt &quot;Krise in Griechenland&quot;</h2>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"Griechenland-Mural-thema.jpg\" height=\"342\" src=\"/media/images/Griechenland-Mural-thema.original.jpg\" width=\"824\">\n      \n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <ul><li><a href=\"https://revoltmag.org/articles/notwendiger-denn-je/\">Notwendiger denn je!</a> | <b><i>Eleni Triantafyllopoulou<br/></i></b>[29. M\u00e4rz 2019] <i>Die Frauen*bewegung in Griechenland wird jedes Jahr radikaler. Eleni  Triantafyllopoulou dar\u00fcber, weshalb es dringend notwendig ist, die  politischen Streiks der Arbeiterinnen* am 8. M\u00e4rz als  antikapitalistische K\u00e4mpfe zu begreifen.<br/></i></li><li><a href=\"https://revoltmag.org/articles/alles-zu-verkaufen/\">Alles zu verkaufen!</a> | <b><i>Eleni Triantafyllopoulou</i></b><br/>[23. Februar 2019] <i>Kulturelle G\u00fcter, Krankenh\u00e4user, \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze: Das Ausma\u00df der \u2013  durch die griechische Regierung abgesegneten \u2013 Privatisierungen in  Griechenland steigt immer weiter. Eleni Triantafyllopoulou \u00fcber  \u201eattraktive neue Kapitalinvestitionen\u201c auf Kosten der Bev\u00f6lkerung.</i><br/></li><li><a href=\"https://revoltmag.org/articles/antifaschistischer-kampf-ist-nur-gegen-das-system-m%C3%B6glich/\">Antifaschistischer Kampf ist nur gegen das System m\u00f6glich</a> | <b><i>Yannis Elafros</i></b><br/>[28. September 2018] <i>J\u00fcngst j\u00e4hrte sich der Mord am Pavlos Fyssas in Athen zum f\u00fcnften Mal.  Nicht zuletzt der Umstand, dass seine faschistischen M\u00f6rder frei  herumlaufen, macht deutlich, dass unser antifaschistischer Kampf eine  neue Intensit\u00e4t erreichen muss.<br/></i></li><li><a href=\"https://revoltmag.org/articles/ein-freiluftgef%C3%A4ngnis-am-rande-europas/\">Ein Freiluftgef\u00e4ngnis am Rande Europas</a> | <b><i>Eleni Triantafyllopoulou </i></b>und<b><i> Nikos Manavis</i></b><br/>[24. Juni 2018] <i>Tausende Menschen auf der Flucht sind auf der griechischen Insel Lesbos  eingesperrt und kommen nicht weiter. Die rechten \u00dcbergriffe und  Politiken vor Ort nehmen zu, aber auch die Solidarit\u00e4t mit den Refugees.  Der gemeinsame Widerstand muss notwendig antiimperialistisch sein.</i><br/></li><li><a href=\"https://revoltmag.org/articles/jeder-tag-dem-wir-k%C3%A4mpfen-ist-ein-feiertag/\">Jeder Tag an dem wir k\u00e4mpfen ist ein Feiertag</a> |<i> </i><b><i>Eleni Triantafyllopoulou</i></b><br/>[12. M\u00e4rz 2018] <i>In den Jahren der Wirtschaftskrise ist die sexistische Diskriminierung  von Frauen und LGBTQ-Personen in Griechenland stark angestiegen: Neben  Arbeitslosigkeit, Lohnungleichheit und Gewalt k\u00e4mpfen Frauen* gegen die  Abschaffung grundlegender Rechte.</i><br/></li><li><a href=\"https://revoltmag.org/articles/das-gegenteil-von-rot/\">Das Gegenteil von Rot</a> | <b><i>George Pavlopoulos</i></b><br/>[19. Februar 2018] <i>Die Entwicklungen um die Radiostation ,,Sto Kokkino\u2018\u2018 (die Rote), die  zur sozialdemokratischen SYRIZA-Partei geh\u00f6rt, sind bezeichnend f\u00fcr die  arbeiterfeindliche Politik der griechischen Regierung. Lohnk\u00fcrzungen,  Entlassungen und Drohungen \u2013 insbesondere gegen\u00fcber jenen, die sich  nicht f\u00fcgen.</i><br/></li><li><a href=\"https://revoltmag.org/articles/antifa-athen-bleibt-stabil/\">Antifa Athen bleibt stabil</a> | <b><i>John Malamatinas</i></b> und <b><i>George Pouleaux</i></b><br/>[4. Februar 2018] <i>In Griechenland kommt es derzeit im Zuge des Namensstreits mit der  ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien zum Ausbruch eines  aggressiven Nationalismus. Die re:volt Autoren John Malamatinas und  George Pouleaux zu einer unr\u00fchmlichen griechischen Tradition und  antifaschistischer Gegenwehr.</i><br/></li><li><a href=\"https://revoltmag.org/articles/ein-h%C3%A4ssliches-wochenende/\">Ein h\u00e4ssliches Wochenende</a> | <b><i>John Malamatinas</i></b> und <b><i>George Pouleaux</i></b><br/>[3. Februar 2018] <i>In Athen finden gleich zwei nationalistische und faschistische  Massenaufl\u00e4ufe statt. Worum es den Faschos geht? John Malamatinas und  George Poulaux \u00fcber den langen Streit und seine Auswirkungen.</i><br/></li><li><a href=\"https://revoltmag.org/articles/libertatia-flammen/\">Libertatia in Flammen</a> | <b><i>John Malamatinas</i></b> und <b><i>George Pouleaux</i></b><i><br/></i>[21. Januar 2018] <i>In Griechenland riefen am heutigen Sonntag rechte und rechtsradikale  Gruppen zu einer nationalistischen Gro\u00dfdemonstration gegen Mazedonien  auf. Dabei griffen faschistische Gruppen unter Schutz der griechischen  Riot-Einheiten MAT besetzte H\u00e4user an und brannten das anarchistische  Libertatia nieder.</i><br/><br/></li></ul>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Juni 2019 endete mit einem Erdrutschsieg f\u00fcr den Kandidaten der Opposition, Ekrem Imamo\u011flu von der Republikanischen Volkspartei (CHP). Laut <a href=\"http://www.hurriyet.com.tr/secim/23-haziran-2019-yerel-secimleri/istanbul-secim-sonuclari/\">vorl\u00e4ufigen Ergebnissen</a> wuchs der urspr\u00fcngliche Abstand zwischen Imamo\u011flu und dem Regimekandidaten Binali Y\u0131ld\u0131r\u0131m von 13.000 Stimmenunterschied bei der ersten Wahl vom 31. M\u00e4rz auf erstaunliche 806.426 Stimmen an. W\u00e4hrend am 31. M\u00e4rz die Ausz\u00e4hlung der Stimmen f\u00fcr Imamo\u011flu 48,8 Prozent gegen\u00fcber 48,55 Prozent f\u00fcr Y\u0131ld\u0131r\u0131m ergab, ist der Unterschied nun auf 54,21 Prozent der Stimmen gegen\u00fcber 44,99 Prozent der Stimmen angewachsen. Das Ergebnis stellt somit eine vernichtende Niederlage f\u00fcr das Regimelager dar. Das letzte Mal, als ein solch extremes Umschlagen des Wahlverhaltens und \u00fcberhaupt der Stimmung im Lande stattfand, war bei den Parlamentswahlen vom 7. Juni 2015, bei denen die AKP erstmalig seit ihrem Bestehen eine empfindliche Niederlage einstecken musste. Dabei wurden die Neuwahlen f\u00fcr Istanbul gerade deshalb einger\u00e4umt, um, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-secim-yenilenirse-istanbul-u-aliriz,819245\">so Erdo\u011fan</a>, eine Wiederholung eines Ereignisses \u00e4hnlich des damaligen Wahldesasters auszuschlie\u00dfen. Was ist diesmal schiefgelaufen aus Perspektive des Regimes?</p><h2><b>Das politische Kalk\u00fcl der Neuwahlen</b></h2><p>Wie wir stets <a href=\"https://www.jacobinmag.com/2018/01/turkey-erdogan-akp-chp-kurds\">hervorheben</a>, befindet sich die T\u00fcrkei in einer Hegemoniekrise, in der der herrschende Block einen Faschisierungsprozess in Gang setzt, um die kriselnde soziale und politische Ordnung wieder zu stabilisieren. Dabei schaffen sie es aber nicht, gesellschaftlichen Unmut und Opposition auszutrocknen, im Gegenteil: mit jedem neuen Faschisierungsschub versch\u00e4rfen sich diese. Bei solch fragilen Bedingungen k\u00f6nnen Wahlen zu einem gro\u00dfen Risiko f\u00fcr den Machtblock werden \u2013 und zwar nicht nur in Hisicht auf ver\u00e4ndertes Wahlverhalten, sondern im Sinne eines Umschwungs der allgemeinen Stimmung. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-erken-secim-istedi-tarih-onerdi,607245\">Tats\u00e4chlich</a> wurde vom Regime ja auch die M\u00f6glichkeit \u201eunerw\u00fcnschter\u201c Ergebnisse bei den Lokalwahlen im M\u00e4rz 2019 als einer der Grund daf\u00fcr angegeben, die eigentlich im November 2019 stattfindenden Pr\u00e4sidentschafts- und Parlamentswahlen auf den Juni 2018 vorzuziehen.</p><p>Dennoch waren die Lokalwahlen vom 31. M\u00e4rz von <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkischer-fr%C3%BChling/\">gro\u00dfer Bedeutung</a>, da sie zugleich als eine Wahl \u00fcber den politischen Kurs der Faschisierung oder, um es einmal im Regime-Jargon auszudrucken, als eine Wahl \u00fcber die \u201eFortexistenz des Staates\u201c begriffen wurden. Trotz weitfl\u00e4chiger Repression und Drohgeb\u00e4rden signalisierten die <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkischer-fr%C3%BChling/\">Ergebnisse</a> der Wahlen vom 31. M\u00e4rz einen Stimmungsumschwung: Die herrschende Allianz aus der Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) und Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) unter dem Namen<i> Cumhur Ittifak\u0131</i> (Volksallianz) verlor alle Gro\u00dfst\u00e4dte an den Hauptoppositionsblock<i> Millet Ittifak\u0131</i> (Allianz der Nation), bestehend aus CHP und der MHP-Abspaltung Gute Partei (IYI) \u2013 inklusive der umk\u00e4mpften Hauptstadt Ankara und dem Zentrum Istanbul. Wie <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/bekir-agirdir/iktidar-bloku-secmeni-rahatsiz-ve-partilerini-sorgulamaya-basladi,22193\">W\u00e4hler*innenanalysen</a> <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/bekir-agirdir/moral-ustunluk-ilk-kez-muhalif-bloka-gecti,22185\">aufzeigen konnten</a>, waren es dabei vor allem AKP-W\u00e4hler*innen, die zu Hause blieben, sowie <a href=\"https://t24.com.tr/video/secimin-merak-edilen-kurt-oylari-kutlama-icin-beyoglu-ndaydi-dusersem-bu-kavgada-dosta-anlatin-beni,20044\">kurdische W\u00e4hler*innen</a> der explizit von der Allianz der Nation ausgeschlossenen linken, pro-kurdischen Demokratischen Partei der V\u00f6lker (HDP), die f\u00fcr Imamo\u011flu w\u00e4hlten, die das Wahlergebnis entschieden.</p><p>Noch in der Wahlnacht lie\u00df Erdo\u011fan in <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-aciklama-yapiyor,814850\">mehreren</a> <a href=\"https://www.cnnturk.com/video/turkiye/son-dakika-cumhurbaskani-erdogan-balkon\">Reden</a> durchklingen, dass er das Ergebnis eventuell anerkennen w\u00fcrde. Er verwies darauf, dass die gew\u00e4hlten B\u00fcrgermeister*innen der Opposition sowieso nicht einfach so regieren k\u00f6nnten, da die Volksallianz die Mehrheit in den jeweiligen Munizipalr\u00e4ten hielte. Jene B\u00fcrgermeister*innen seien deshalb \u201e<a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2019/gundem/erdogandan-istanbul-yorumu-bunlar-topal-ordek-4286421/\">lahme Enten</a>\u201c. <a href=\"http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/1328893/Pelikancilar_neden_saldiriyor.html\">Andere Fraktionen</a> <a href=\"https://www.fr.de/politik/tuerkei-mysterioesen-pelikanisten-spur-12191107.html\">innerhalb</a> des Regimes lehnten jedoch die Wahlergebnisse in Istanbul vehement ab und sprachen von weitfl\u00e4chigem Betrug und dergleichen. Sie erkannten die Gefahren, die auch schon allein mit \u201elahmen Enten\u201c einhergehen w\u00fcrden: Die Opposition h\u00e4tte dann die M\u00f6glichkeit, <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2019/yazarlar/cigdem-toker/tam-israf-ve-yolsuzlugu-anlatacakti-ki-4884551/\">teils jahrzehntelange</a> Netzwerke der Korruption, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/moody-s-ve-fitch-raporlarinda-istanbul-buyuksehir-belediyesi-nin-agir-borc-yuku,22182\">Misswirtschaft</a> und <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/05/turkey-saadet-party-elections.html\">Vetternwirtschaft</a> und die <a href=\"http://www.cumhuriyet.com.tr/haber/turkiye/1452586/25_yilda_yasanamaz_hale_getirdiler__istanbul_butun_kriterlerde_son_siralarda.html\">stadtplanerischen Desaster</a> Erdo\u011fans beziehungsweise der AKP aufzudecken; sowie die M\u00f6glichkeit, den riesigen Apparat der Gro\u00dfstadtverwaltung zu nutzen, um b\u00fcrgernahe Politik zu machen und sich damit mittelfristig als eine Alternative zu pr\u00e4sentieren. Diesen Stimmen war bewusst, dass all dies vor allem sehr schnell zu einem allgemeinen Stimmungsumschwung von deprimierter Angst hin zu k\u00e4mpferischem Optimismus f\u00fchren k\u00f6nnte.</p><p>Die AKP reichte zuerst Antr\u00e4ge zu einer Neuausz\u00e4hlung von nur einem Teil der Wahlurnen und sp\u00e4ter aller Wahlurnen in Istanbul ein. Als all dies das Ergebnis nicht wesentlich \u00e4nderte, reichte sie einen au\u00dferordentlichen Antrag zu Annullierung und damit der Anberaumung von Neuwahlen f\u00fcr Istanbul ein. Dennoch brauchte es mehr als einen ganzen Monat, bis die Entscheidung dar\u00fcber mit <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ysk-gerekceli-kararini-acikladi-sayim-dokum-cetvelleri-muzakerede-konu-edilmedi-gerekceye-konuldu,822592\">Beschluss</a> der H\u00f6chsten Wahlbeh\u00f6rde (YSK) vom <a href=\"https://revoltmag.org/articles/erdo%C4%9Fans-ziviler-putschversuch/\">6. Mai</a> Realit\u00e4t wurde. In der Zwischenzeit war Imamo\u011flu schon f\u00fcr 18 Tage als amtierender B\u00fcrgermeister t\u00e4tig gewesen. Dass das Regime nicht einmal mehr \u201elahme Enten\u201c tolerieren kann, zugleich aber mehr als einen ganzen Monat braucht, um eine Wahl zu annullieren, zeigt auf, wie inflexibel einerseits, wie unsicher andererseits ihre Macht geworden ist.</p><h2><b>Das Interregnum</b></h2><p>Als Erdo\u011fan noch wenige Tage vor der Entscheidung der YSK, die Wahlen tats\u00e4chlich im Sinne von Erdo\u011fan zu annullieren, f\u00fcr eine Neuwahl argumentierte, klang er noch recht <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-secim-yenilenirse-istanbul-u-aliriz,819245\">optimistisch</a>: Er verwies ganz explizit auf den 7. Juni 2015 und sagte, dass sie ja auch damals den Gang der Ereignisse umdrehen konnten. Weil die Periode nach jenem 7. Juni eine Serie an IS-Bombenattentaten, massiven Repressionen, einen r\u00fccksichtslosen Krieg in mehrheitlich kurdischen St\u00e4dten und letztlich tausenden Toten mit sich brachte, gingen Kommentator*innen wie wir davon aus, dass auch diesmal die Gewaltspirale eskalieren w\u00fcrde. Allerdings blieb es relativ ruhig \u2013 bis auf den Versuch eines organisierten Mobs am 22. April, den CHP-Vorsitzenden Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu zu <a href=\"https://bianet.org/english/politics/207710-attack-against-chp-chair-kemal-kilicdaroglu-at-the-funeral-of-a-soldier\">lynchen</a>. Bis auf eine vergleichsweise begrenzte und noch fortdauernde Milit\u00e4roperation in die Kandilberge im Irak kam auch die Kriegsoption nicht auf den Tisch: Obwohl das Regime seit geraumer Zeit sehr klar artikuliert, dass es auch in die restlichen Teile Nordsyriens/Rojavas einmarschieren will, die sich in der Kontrolle der PYD und der SDF befinden, kam kein gr\u00fcnes Licht f\u00fcr eine solche Invasion seitens Russlands und vor allem seitens der USA. Zu einem Alleingang traute sich die T\u00fcrkei bisher nicht.</p><p>Es ist plausibel anzunehmen, dass eine Gewalt- und Repressionsspirale \u00e4hnlich der nach dem 7. Juni 2015 schlicht deshalb nicht einsetzte, weil das Regime nicht mehr die Macht dazu hatte und die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse heute andere sind. Die multiplen Krisen haben sich seitdem versch\u00e4rft: Die Beziehungen mit den USA sind stark angeschlagen, die \u00f6konomische Krise in ihren allt\u00e4glichen Auswirkungen ist viel gravierender geworden und der Unmut auch innerhalb der AKP- und MHP-Basis ist zwischenzeitlich so weit verbreitet, dass die Entscheidung zur Wahlannullierung weitestgehend als illegitim aufgefasst wurde und \u00f6ffentliche Umfragen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mak-danismanlik-istanbullulara-sordu-secim-iptal-edilir-mi,817760\">ergaben</a>, dass viele Volksallianz-W\u00e4hler*innen am 23. Juni anders w\u00e4hlen w\u00fcrden. Dazu kamen <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2019/04/turkey-opposition-wins-municipal-elections.html\">Ger\u00fcchte</a>, wonach die unterschiedlichen Fraktionen innerhalb der AKP wegen des <a href=\"http://www.cumhuriyet.com.tr/haber/siyaset/1337780/AKP_de_ic_tartisma__Her_tekrar_1_Kasim_olmaz.html\">Umgangs mit den Wahlresultaten</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2019/04/07/istanbul-secimine-dair-son-duyumlar-ve-turkiyenin-onundeki-8-sicak-gun/\">einander</a> <a href=\"http://www.cumhuriyet.com.tr/haber/siyaset/1354117/istanbul_da_secimlerin_yenilenmesi_icin_YSK_ye_basvuran_AKP_de_gorus_birligi_olusmuyor.html\">an die Haare</a> gingen \u2013 wobei dieser Konflikt manchmal sogar <a href=\"https://t24.com.tr/haber/abdulkadir-selvi-31-mart-ta-cumhur-ittifaki-nin-yuzde-52-si-de-sandik-darbesi-mi,815863\">\u00f6ffentlich wahrnehmbar</a> \u00fcber die Medien ausgetragen wurde. Unter solchen Bedingungen schaffte es das Regime nicht, die Initiative zu \u00fcbernehmen und nach vorne zu preschen wie in \u00e4hnlichen Situationen der letzten Jahre. Erdo\u011fan hielt sich \u00fcberraschenderweise <a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/opinion/serkan-demirtas/akp-changes-strategy-for-istanbul-rerun-polls-144109\">gleich ganz zur\u00fcck</a> aus dem Wahlkampf, angeblich, weil ihm seine Berater*innen zu verstehen gaben, sein aggressives und polarisierendes Auftreten habe negative Auswirkungen gehabt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wollte er sich und seine Partei dadurch auch von Y\u0131ld\u0131r\u0131ms Anw\u00e4rterschaft auf das B\u00fcrgermeisteramt distanzieren, um so der Wahlwiederholung einerseits einen Anstrich der \u201eNormalit\u00e4t\u201c zu geben und andererseits sich und seine Partei vor Schaden zu sch\u00fctzen f\u00fcr den Fall, dass Y\u0131ld\u0131r\u0131m nicht gewinnen w\u00fcrde.</p><p>Die AKP schaffte es somit nicht, die Wahlkampagne so zu f\u00fchren, wie sie es aus den Jahren zuvor gewohnt war. Sie konnte die Initiative nicht ergreifen und machte einen schwachen und verwirrten Eindruck. Die Opposition nutzte die Situation aus und konnte das Narrativ glaubw\u00fcrdig vertreten, dass ihr das B\u00fcrgermeisteramt illegitimerweise genommen wurde. Die letzten Versuche der AKP, den Trend umzukehren \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mak-ve-optimar-istanbul-la-ilgili-son-durumu-paylasti,821108\">alle Wahlforschungsinstitute</a> kamen zum Ergebnis, dass Y\u0131ld\u0131r\u0131m verlieren w\u00fcrde \u2013 waren verzweifelt und halbgar: Zum einen wurde seitens der AKP zum ersten Mal nach 17 Jahren an der Macht ein TV-Duell zwischen dem eigenen Kandidaten und dem Oppositionskandidaten zugelassen. W\u00e4hrend das Duell dazu dienen sollte, den \u201eNormalit\u00e4ts\u201c-Anstrich zu st\u00e4rken und in Teilen die AKP als \u201eOpfer\u201c b\u00f6ser Machenschaften darzustellen, ging diese Rechnung nicht auf. Wenige Tage vor den Wahlen kehrte Erdo\u011fan zudem <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sonar-genel-muduru-nden-anket-aciklamasi-akp-nin-calistigi-4-5-anket-sirketinden-aldigim-bilgilere-gore,826955\">doch wieder zur\u00fcck</a> auf die B\u00fchne, in gewohnter extrem aggressiver Manier gegen\u00fcber der Opposition. In letzter Minute wurde dann noch der verzweifelte Versuch gemacht, die \u201e<a href=\"http://www.hurriyetdailynews.com/opinion/serkan-demirtas/will-a-last-minute-kurdish-move-help-erdogan-in-istanbul-polls-144381\">kurdische Karte</a>\u201c auszuspielen: Eine leicht mehrdeutige Botschaft des inhaftierten kurdischen F\u00fchrers Abdullah \u00d6calan an die HDP, in der er dieser empfahl, sich auf den Aufbau eines eigenst\u00e4ndigen demokratischen Poles zu konzentrieren und \u201e<a href=\"http://sendika63.org/2019/06/ocalandan-aciklama-hdp-kendi-yolunu-korumali-551967/\">unparteiisch</a>\u201c zu bleiben, wurde von der regimetreuen Presse als Aufruf \u00d6calans an die Kurd*innen lanciert, Imamo\u011flu nicht zu w\u00e4hlen. Erdo\u011fan und Bah\u00e7eli meinten sogar, <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/live/haberler-dunya-48706421\">einen</a> \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-ocalan-ve-demirtas-arasinda-iktidar-savasi-var,826988\">Machtkampf</a>\u201c zwischen \u00d6calan und dem Rest der kurdischen Bewegung ausmachen zu k\u00f6nnen. Als klar wurde, dass sich \u00d6calans Botschaft haupts\u00e4chlich auf strategische Perspektiven konzentrierte und er explizit deutlich machte, dass die HDP selber entscheiden m\u00fcsse, welche Haltung sie zu den Wahlen einnimmt, gerieten die Regimekr\u00e4fte in Panik. Alle diese letzten Aktionen nutzten im Endeffekt nichts.</p><h2><b>Der Wind dreht sich</b></h2><p>Der frische Wind des Wandels, der sich in den Ergebnissen vom 31. M\u00e4rz ausdr\u00fcckte, braute sich am 23. Juni zu einem gewaltigen Sturm zusammen, der das Regime kr\u00e4ftig durchsch\u00fcttelte. Es bedarf noch detaillierterer und ausf\u00fchrlicherer Untersuchungen zum W\u00e4hler*innenverhalten und zur W\u00e4hler*innenstromanalyse, aber einige Aspekte k\u00f6nnen jetzt schon hervorgehoben werden: Imamo\u011flu erh\u00f6hte seinen Stimmenanteil in de facto <a href=\"https://t24.com.tr/haber/secim-sonuclari-imamoglu-ibb-baskani-secildi-erdogan-in-kaybi-turkiye-siyasetinin-yol-haritasini-nasil-etkileyecek,827420\">allen Bezirken</a> um zwischen drei und zehn Prozent. Das zeigt, dass die Abwendung von der AKP mehr oder weniger alle W\u00e4hler*innenschichten umfasst, da auch die Wahlbeteiligung nur geringf\u00fcgig gestiegen war. Imamo\u011flu gewann letztlich 28 der 39 Bezirke in Istanbul, Y\u0131ld\u0131r\u0131m nur 11. Am 31. M\u00e4rz war Y\u0131ld\u0131r\u0131m noch in 23 Bezirken vorne gelegen und Imamo\u011flu nur in 16! Der Anstieg der Stimmen in CHP-Hochburgen wie Be\u015fikta\u015f, Kad\u0131k\u00f6y oder \u015ei\u015fli liegt sicherlich an der h\u00f6heren Wahlbeteiligung in diesen Bezirken, was darauf schlie\u00dfen l\u00e4sst, dass desillusionierte W\u00e4hler*innen mobilisiert werden konnten; der Anstieg in konservativ-religi\u00f6sen Bezirken wie Fatih, \u00dcsk\u00fcdar oder Ey\u00fcpsultan deutet jedoch auf eine massive Abwendung der Basis von der AKP hin. Eine <a href=\"https://twitter.com/ismailsaymaz/status/1143106024406208512\">Mikroanalyse</a> einer Hand voll Wahllokale in einigen Vierteln von Fatih, in denen islamische Gemeinschaften dominieren, die der AKP treu verbunden sind, zeigt, dass Imamo\u011flu selbst dort Stimmen zulegen konnte. Andererseits zeigt der Stimmenzuwachs in Bezirken mit einem <a href=\"https://twitter.com/HayriDemir_/status/1142882271956996097\">gro\u00dfen kurdischen Bev\u00f6lkerungsanteil</a>, dass die Kurd*innen bei dieser Wahl vielleicht sogar noch resoluter f\u00fcr Imamo\u011flu gestimmt haben.</p><h2><b>Das \u201eEpos der Demokratie\u201c</b></h2><p>Anders als die meisten Wahlen in den letzten Jahren war die Wahlwiederholung in Istanbul rasch zu Ende \u2013 und zwar ohne wesentliche Zwischenf\u00e4lle. W\u00e4hrend an vielen Orten noch Stimmen gez\u00e4hlt wurden, trat Binali Y\u0131ld\u0131r\u0131m mit der Aufhebung des Verbots, \u00fcber die Wahlergebnisse zu berichten, vor die Mikrofone und erkl\u00e4rte knapp und k\u00fchl, Imamo\u011flu habe die Wahl gewonnen und er gratuliere diesem daf\u00fcr. Bah\u00e7eli und Erdo\u011fan taten es ihm bald darauf mit kurzen Twitter- Statements gleich. Diese ersten kurzen Statements m\u00f6gen noch nicht den wirklichen Zugang Erdo\u011fans zu dieser Niederlage reflektieren und es ist durchaus m\u00f6glich, dass er bald noch andere T\u00f6ne anschlagen wird. Er <a href=\"http://www.hurriyet.com.tr/gundem/cumhurbaskani-erdogan-ordu-valisine-hakareti-konusunda-yarginin-verecegi-karar-imamoglunun-onunu-kesebilir-41249321\">insinuierte unl\u00e4ngst</a>, dass Imamo\u011flu die B\u00fcrgermeisterschaft wieder aberkannt werden k\u00f6nnte, da dieser angeblich den Gouverneur der Schwarzmeerprovinz Ordu beleidigt habe. Vermutlich aber wird er wieder auf die Linie nach dem 31. M\u00e4rz einschwenken und die Oppositionsb\u00fcrgermeister als \u201elahme Enten\u201c abkanzeln: Schon in den letzten Tagen vor der Wahl sprach er wieder davon, dass die Wahl blo\u00df \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-anketlerde-manipulasyon-var-siparis-uzerine-yapiliyor,826921\">symbolisch</a>\u201c sei und Imamo\u011flu als B\u00fcrgermeister blo\u00dfer \u201e<a href=\"http://sendika63.org/2019/06/erdogan-bir-tarafta-teror-orgutleri-zihniyetinin-destek-verdigi-cumhur-ittifaki-551891/\">Vitrinenschmuck</a>\u201c w\u00e4re. <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2019/04/02/imamoglu-ve-yavas-erdoganin-ablukasina-nasil-direnecek/\">H\u00f6chstwahrscheinlich</a> wird Erdo\u011fan versuchen, die Spielr\u00e4ume der oppositionellen B\u00fcrgermeister durch die vom Regime dominierten Stadtr\u00e4te einzuschr\u00e4nken und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/belediyelerde-belli-tutarin-uzerindeki-ihalelere-erdogan-onayi-getiren-degisiklik-hazirlaniyor,815188\">eventuell</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/akp-kulisi-belediyelerin-bazi-yetkileri-bakanliklara-verilebilir-borclanmalara-sinir-getirilebilir,819236\">Gesetze</a> zu entwerfen, die sowohl diese R\u00e4te wie auch seine Pr\u00e4sidentschaft in Hinblick auf die Verwaltung von St\u00e4dten st\u00e4rken werden. Allerdings ist die Ausgangslage eine ganz andere als noch nach dem 31. M\u00e4rz. Nach dem Wahldebakel ist Erdo\u011fans Stellung geschw\u00e4cht, er hat signifikant an Charisma eingeb\u00fc\u00dft und seine Gegner*innen und vermeintlichen Verb\u00fcndeten sind in Lauerstellung, um sich noch mehr Macht zu holen. Das Auseinanderbr\u00f6ckeln der AKP d\u00fcrfte sich jetzt ebenfalls <a href=\"https://t24.com.tr/haber/davutoglu-cumhurbaskanligi-toplumun-yarisi-ile-kopus-yasiyor,817845\">rasch beschleunigen</a> \u2013 die Gr\u00fcndung einer oder sogar mehrer Parteien von AKP-Abtr\u00fcnnigen scheint bereits eine beschlossene Sache und nur mehr eine Frage der Zeit zu sein.</p><p>Dagegen gilt Imamo\u011flu als der gro\u00dfe Hoffnungstr\u00e4ger im Kampf gegen Erdo\u011fan. Seine vers\u00f6hnlerische, inklusive politische Rhetorik stellte sich bei den Lokalwahlen als Erfolgsfaktor heraus. In seiner Siegesrede wandte er sich auch betont an Erdo\u011fan und erkl\u00e4rte seine Bereitschaft, enge Verbindungen und Zusammenarbeit zwischen lokalen und zentralen Verwaltungsinstitutionen zu schaffen, um L\u00f6sungen f\u00fcr die dr\u00e4ngenden Probleme Istanbuls und des Landes zu finden. Er <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ekrem-imamoglu-konusuyor,827330\">drohte aber auch</a>, dass er sich an die Bev\u00f6lkerung wenden w\u00fcrde, wenn er mit \u201epolitischen Initiativen zur Beschr\u00e4nkung\u201c seiner B\u00fcrgermeisterschaft konfrontiert w\u00e4re. Alle Parteien au\u00dfer der HDP, dar\u00fcber hinaus auch die meisten Mainstream-Journalist*innen fabulierten noch am Wahlabend vom \u201eEpos der Demokratie\u201c und der \u201elangen Tradition der t\u00fcrkischen Demokratie\u201c, die wieder der ganzen Welt gezeigt habe, dass die T\u00fcrkei demokratisch sei.</p><p>Es steckt eine tiefere politische Bedeutung hinter diesem offensichtlichen Versuch, die momentane politische Situation von Hegemoniekrise, Faschisierungsprozess und massenhafter Unzufriedenheit zu \u201enormalisieren\u201c. Wir haben schon mehrfach betont, dass die Hauptoppositionskr\u00e4fte, das hei\u00dft in erster Linie \u2013 aber nicht ausschlie\u00dflich \u2013 die Kr\u00e4fte, die in der Allianz der Nation verb\u00fcndet sind, die <a href=\"http://www.criticatac.ro/lefteast/communal-elections-tr2019/\"><i>Kr\u00e4fte der Restauration</i></a> sind. Angesichts der tiefen Krise repr\u00e4sentieren und organisieren sie diejenigen Kr\u00e4fte, die staatliche Institutionen und die neoliberale Hegemonie wieder stabilisieren und die Unzufriedenheit der breiten Bev\u00f6lkerung in \u201eakzeptable\u201c, das System nicht gef\u00e4hrdende Bahnen lenken wollen. Die Fundamente von Staat und Kapital sollen nicht gef\u00e4hrdet, eine Radikalisierung der Unzufriedenheit und des Widerstandes verhindert werden. In dem Ma\u00dfe jedoch, in dem das Regime angesichts der sich vertiefenden Krise immer unflexibler wird und die Kr\u00e4fte der Restauration ihre respektive Position angesichts der steigenden Unzufriedenheit verbessern k\u00f6nnen, im dem Ma\u00dfe werden sie geradezu dazu <i>gezwungen</i>, eine deutlichere und resolutere Haltung einzunehmen wie derzeit im Rahmen der Kommunalwahlen. W\u00e4hrend die Kr\u00e4fte der Restauration einerseits das oppositionelle Potential in der Gesellschaft zu mobilisieren versuchen, appellieren sie zugleich an das Regime, sie in den Machtblock zu integrieren. Das Gerede vom \u201eEpos der Demokratie\u201c, der \u201eInklusion aller\u201c und dem \u201eEnde der Polarisierung\u201c zielen darauf ab, den Konflikt der Bl\u00f6cke zu entsch\u00e4rfen und gleichzeitig die oppositionellen und widerst\u00e4ndigen Regungen in der Bev\u00f6lkerung zu integrieren und zu befrieden.</p><h2><b>Eine Bresche in der Belagerung?</b></h2><p>Das \u201eEpos der Demokratie\u201c besteht in erster Linie aus einem weiteren Zerfall des Regimes und dem Aufstieg der Kr\u00e4fte der Restauration. Dieses \u201eEpos\u201c l\u00e4sst jedoch in letzter Instanz die politische Einheit und Koh\u00e4renz vermissen, die notwendig w\u00e4re, um die folgenden drei strukturellen Probleme zu l\u00f6sen:</p><p>Erstens wird sich die <a href=\"https://www.academia.edu/39666120/The_Making_of_Turkeys_2018-2019_Economic_Crisis\">\u00f6konomische Krise</a> <a href=\"https://jacobinmag.com/2019/03/erdogan-akp-turkey-local-elections\">weiter vertiefen</a> und dabei weiterhin ernste soziale Probleme mit sich ziehen. Der Kampf um die Verteilung der Kosten der Krise zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Klassen wird ein Hauptterrain des politischen Kampfes darstellen. Kein Teil des \u201eEpos der Demokratie\u201c hat \u2013 jenseits der \u00fcblichen neoliberalen Plattit\u00fcden \u2013 einen klaren Plan, um sich diesem Problem zu stellen. Ein radikaleres, transformatives Programm steht sowieso au\u00dfer Diskussion. Die \u00f6konomische Krise wird der mangelhaften Rechtsstaatlichkeit und Transparenz, der Erosion der demokratischen Institutionen und dergleichen mehr zugeschrieben, womit der Fokus von den zugrundeliegenden Klassenverh\u00e4ltnissen auf Oberfl\u00e4chenph\u00e4nomene gelenkt wird. Auch innerhalb der HDP gibt es verschiedene Stimmen und einige davon haben sich in diese Reihen des Status quo eingereiht und sich vom radikaleren Programm aus 2015 verabschiedet.</p><p>Zweitens bildet das \u201ePr\u00e4sidialsystem\u201c den bisherigen Gipfelpunkt einer bestimmten Entwicklung: Alle Formen der Kontrolle von Machtaus\u00fcbung sind zunichte gemacht worden und grundlegende Freiheiten und Rechte werden massiv beschnitten. Eine politische Kultur des Autoritarismus schreitet voran und alle gesellschaftlichen Schichten sind von der offenen Repression in Beschlag genommen. Wenn es im Zuge dieser Wahlen einen \u201eEpos der Demokratie\u201c zu erz\u00e4hlen g\u00e4be, dann best\u00fcnde dieser aus dem Widerstand der demokratischen Kr\u00e4fte gegen das Regime und den Prozess der Faschisierung. Ein politischer Diskurs, der diese Realit\u00e4t verschleiert und das \u201ePr\u00e4sidialsystem\u201c und wof\u00fcr es steht kaum mehr erw\u00e4hnt \u2013 und das ist genau das, was dieses Gerede eigentlich beabsichtigt \u2013, entlarvt sein Desinteresse an einer genuinen Demokratisierung.</p><p>Drittens stellt die \u201ekurdische Frage\u201c die Achillesferse des \u201eEpos der Demokratie\u201c dar. Die taktische Allianz, die CHP, IYI und die HDP angesichts des relativ friedlichen Kontexts der Lokalwahlen zusammenbrachte, wird h\u00f6chstwahrscheinlich im Kontext einer milit\u00e4rischen Operation im In- oder Ausland erneut auseinanderfliegen. Im Zentrum der Politik in der T\u00fcrkei steht ein Paradox: In der momentanen Lage der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und Allianzen sind sowohl das Regime, wie auch die restaurative Opposition auf die politische Unterst\u00fctzung der Kurd*innen angewiesen, um zu gewinnen. Aber keines der beiden Lager hat Interesse an einem substantiellen Friedensprozess, der n\u00e4mlich ein Programm zur radikalen Transformation und Demokratisierung der Grundfesten der Republik T\u00fcrkei beinhalten m\u00fcsste.</p><p>Angesichts dieser Konstellation d\u00fcrfen Sozialist*innen und Revolution\u00e4r*innen nicht nur Gehilfen der restaurativen Opposition werden, ihre Funktion w\u00e4re dann einzig auf das Einsammeln linker Stimmen reduziert. W\u00e4hrend einige linksradikale Organisationen in <a href=\"https://www.sosyalistmeclisler.net/alternatif-toplum-mucadelesinde-israr-et-burjuva-fasist-partilere-yedeklenme/\">Abstraktion</a> zu wichtigen konkreten K\u00e4mpfen verbleiben und ihre bekannte Unf\u00e4higkeit, konkrete politische Konjunkturen zu verstehen, <a href=\"https://www.kozgazetesi.org/31-marttan-23-hazirana-eylem-ve-muharebe-naralariyla-gizlenen-siyasetsizlik/\">zum Ausdruck bringen</a>, gibt es andererseits innerhalb der Linken in der Tat eine Tendenz zum Parlamentarismus und zur Selbstaufl\u00f6sung in einer diffusen \u201edemokratischen Front\u201c. Eine Integration in eine solche \u201edemokratische Front\u201c \u2013 dominiert von den Kr\u00e4ften der Restauration und wofern ohne einen klaren eigenen Standpunkt hinsichtlich der Notwendigkeit unabh\u00e4ngiger Organisierung der popularen und revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte \u2013 ist dazu verdammt, in einer Niederlage der genuin popular-demokratischen Kr\u00e4fte zu enden.</p><p>Die Aufgabe der Linken ist es, die M\u00f6glichkeiten, die auf Grundlage der derzeitigen Situation entstehen, zu nutzen und sich auf den Aufbau unabh\u00e4ngiger popularer Organisationen und ihrer eigenen Alternativen zum Status Quo zu konzentrieren. Dabei sollte die Linke M\u00f6glichkeiten des Ausschlachtens von Widerspr\u00fcchen zwischen den Herrschenden nicht ignorieren und auch Wege f\u00fcr potentielle Allianzen mit den jeweiligen Basen der herrschenden Parteien und der Parteien der Restauration nicht in den Wind schlagen.</p><p>In seiner Geschichte hat Istanbul viele stolze Namen gef\u00fchrt. Der vielleicht sch\u00f6nste ist<i> der-i sa\u2019adet</i>, das Tor zur Gl\u00fcckseligkeit. Dieses Tor in eine Bresche in der faschistischen Belagerung des Landes zu verwandeln und gleichzeitig eine popular-revolution\u00e4re Alternative zum kapitalistischen Restaurationsprojekt zu schaffen, ist die historische Aufgabe der Revolution\u00e4r*innen. Die Bedingungen f\u00fcr einen Sprung nach vorne sind wieder einmal reif.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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