{"version": "https://jsonfeed.org/version/1", "title": "re:volt magazine Archiv", "home_page_url": "http://revoltmag.org/articles/?tags=1040", "description": "Zeige Artikel mit den Schlagworten corona", "feed_url": "http://revoltmag.org/feeds/articles.json?tags=1040", "language": "en", "icon": "http://revoltmag.org/static/logos/logo_192.png", "favicon": "http://revoltmag.org/static/favicon.png", "items": [{"title": "Eingeklemmt zwischen Merkel und Baerbock", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Eingeklemmt zwischen Merkel und&nbsp;Baerbock</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"fuckputinnato.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/fuckputinnato_j5qMBLB.2bd1c13b.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">anonym</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Seit dem Sommer der Migration 2015 und dem Merkelschen Ausruf \u201eWir schaffen das!\u201c gibt es eine merkw\u00fcrdige Verschiebung im linken Diskurs und linker Politik. Pl\u00f6tzlich finden sich Linke in Diskussionen auf einer Seite wieder mit CDUler*innen, liberalen Gr\u00fcnen und Sozialdemokrat*innen, wenn sie Corona-Ma\u00dfnahmen rechtfertigen oder Putin kritisieren. Neben der AfD ist nun auch \u201eRussland\u201c zu einem gemeinsamen Feindbild eines liberalen B\u00fcndnisses geworden. Die milit\u00e4rische Invasion Russlands in der Ukraine hat dieses B\u00fcndnis ein weiteres Mal verst\u00e4rkt. Es gehe um die Verteidigung demokratischer, westlicher Werte, sei es gegen die AfD oder gegen Putin. Wie weit das liberale B\u00fcndnis schon gediehen ist, wurde und wird deutlich, als Teile der linksradikalen Szene in Leipzig im November 2020 auf einer Gegendemonstration den querdenkenden Massen \u201eMaske auf! Maske auf!\u201c zuriefen oder Linke sich heute <a href=\"https://cityofcollaboration.org/2022/03/20/immer-wieder-kalter-krieg-anachronismen-und-illusionen-der-linken-angesichts-von-ukraine-krieg-und-sozial-oekologischer-transformation/\">f\u00fcr Waffenlieferungen</a> an das ukrainische Milit\u00e4r aussprechen.</p><p>Gerade in Zeiten der Pandemie sind staatliche Beschl\u00fcsse oder auch ein gewisser Gehorsam gegen\u00fcber staatlichen Einschr\u00e4nkungen nicht immer einfach abzulehnen. Allerdings reihen sich die Ph\u00e4nomene, die von einem zunehmenden Konsens mit Teilen der Herrschenden zeugen, ein in eine gr\u00f6\u00dfere Problematik der Linken, die seit 2015 andauert: W\u00e4hrend in den fr\u00fchen 2010er-Jahren noch klar war, dass Angela Merkel, die CDU und die EU das f\u00fcr viele mit Hoffnung verbundene linke Projekt SYRIZA in Griechenland autorit\u00e4r erw\u00fcrgten, mutierte Angela Merkel im Sommer der Migration von 2015ff. zu einer heimlichen Sympathie-Figur vieler Linker, die sich an den Demonstrationen gegen PEGIDA und anderen AfD-Veranstaltungen beteiligten. W\u00e4hrend wenige Zeit sp\u00e4ter Tausende aufgebracht gegen die herrschende Corona-Politik demonstrierten, befand sich die Linke endg\u00fcltig im strategischen freien Fall, strauchelnd zwischen AfD und Angela Merkel. Die Linke schaffte es nicht, einen eigenen Gegenpol zur Corona-Politik \u00f6ffentlichkeitswirksam und k\u00e4mpferisch zu vertreten. Und heute: W\u00e4hrend an den staatlichen Geb\u00e4uden und \u00f6ffentlichen Institutionen des Landes die ukrainische Nationalfahne h\u00e4ngt, binden sich Demonstrant*innen massenhaft die gelb-blauen Farben um den Kopf und rennen \u2013 gewollt oder ungewollt \u2013 unter Beifall der gesamten Medienlandschaft gegen Putin auf die Stra\u00dfe, um die \u201ewestlichen Werte\u201c zu verteidigen. So ist die Linke heute eingeklemmt zwischen dem Erbe der Merkelschen Innenpolitik und Baerbocks Au\u00dfenpolitik. Kommt sie da nicht raus, sieht es nicht gut aus, weder f\u00fcr die LINKE als Partei noch f\u00fcr die gesellschaftliche Linke in Deutschland.</p><h2><b>Einbindung durch passive Revolution</b></h2><p>Mit der Linken ist in den 2010er-Jahren etwas geschehen, was Antonio Gramsci passive Revolution nennt. Sie wurde in Einzelfragen, Mikropolitiken und Partikularismen zerlegt, um ihren radikalen Stachel beschnitten und in domestizierter Form in Regierungsdiskurse und liberale B\u00fcndnisse integriert. Dadurch hat sich die Linke nicht nur von denjenigen getrennt, f\u00fcr die sie urspr\u00fcnglich Politik machen wollte \u2013 die Deprivilegierten von der Hartz4-Empf\u00e4ngerin, dem Migrant und dem Kioskbesitzer bis hin zur Amazonbesch\u00e4ftigten \u2013, sondern auch ihren grundlegenden Antagonismus zum b\u00fcrgerlich-neoliberalen Block an der Macht verloren.</p><p>Ihren gro\u00dfen Vorg\u00e4nger hat diese Art der passiven Revolution in der Sozialpartnerschaft des 20. Jahrhunderts: Kapital, Gewerkschaftsf\u00fchrungen und der Staat schufen ein enges institutionelles Korsett f\u00fcr k\u00fcnftige Klassenk\u00e4mpfe und beteiligten im Gegenzug breite Teile der Lohnabh\u00e4ngigen des Industriesektors durch steigende L\u00f6hne am Wirtschaftswachstum. Dieser Klassenkompromiss in der sozialen Frage hat den sozialen Gro\u00dfkonflikt der kapitalistischen Industriegesellschaften nachhaltig befriedet. Zwar kam es auch in Deutschland in den 1970er Jahren immer mal wieder auch zu wilden Streiks, doch waren diese eher die Ausnahme.</p><p>Sp\u00e4testens seit den 1990er Jahren wird der Kreis der besser gezahlten und gewerkschaftlich organisierten Kernbelegschaften allerdings wieder kleiner. Der alte Klassenkompromiss wurde im Neoliberalismus von Seiten der Unternehmen und des Staates zunehmend aufgek\u00fcndigt. Im Rahmen der Agenda 2010-Reformen der 2000er-Jahre schrumpfte die Zahl der gesicherten und gewerkschaftlich organisierten Besch\u00e4ftigten noch einmal weiter und wurde durch eine Armee prek\u00e4rer Erwerbst\u00e4tiger erg\u00e4nzt. Immer mehr schwankt seitdem die Gewerkschaftsarbeit zwischen Klientelpolitik f\u00fcr Kernbesch\u00e4ftigte und Versuchen der k\u00e4mpferischen Erschlie\u00dfung von Bereichen des Dienstleistungssektors und prek\u00e4rer Arbeitsverh\u00e4ltnisse. Die teilweise erfolgreichen Kampagnen der Gewerkschaft Ver.di an den Krankenh\u00e4usern f\u00fcr mehr Personal sind ein Ausdruck des letzteren. In Bezug auf die soziale Frage scheint die korporatistische passive Revolution allm\u00e4hlich von oben und unten aufgek\u00fcndigt. Ganz anders sieht das im Bereich des Feminismus, Antirassismus, des Pandemie-Bek\u00e4mpfung oder der Friedens- bzw. Au\u00dfenpolitik aus.</p><p>Der Feminismus war von einer derartigen passiven Revolution betroffen. Quoten, Integration von Frauen in Erwerbsarbeit, Gleichstellungs- und Diversity-Politik sind heute Teil der politischen Versprechungen auch von CDU und FDP. Das hei\u00dft nicht, dass sie falsch sind und dass ihre Durchsetzung nicht einen Erfolg der Linken darstellt, sondern, dass sie Allgemeinpl\u00e4tze b\u00fcrgerlicher Politik geworden sind in einer Form, wie sie die wesentlichen Probleme der Menschen nicht nachhaltig angehen. Denn Antirassimus und Feminismus sind im Rahmen der Diversity-Politiken ein Hohn, wenn gleichzeitig der NSU jahrelang Menschen t\u00f6ten konnte und Frauen immer noch fast die gesamte Reproduktionsarbeit machen und weiterhin weniger Lohn bekommen. Weder zielt Merkels \u00bbWir schaffen das\u00ab noch Annalena Baerbocks \u00bbfeministische Au\u00dfenpolitik\u00ab auf die L\u00f6sung der grundlegenden Probleme von Migrant*innen und Frauen* in der Welt.</p><p>Die Linke hat es den Rechten \u00fcberlassen, Opposition gegen die Regierung zu betreiben. In der Corona-Krise wurde das nur allzu deutlich. Dabei h\u00e4tten wir gerade in Zeiten der Pandemie allen Grund, gegen die Regierung auf die Stra\u00dfe zu gehen. Die Regierung schonte die Konzerne und sparte bei der Bev\u00f6lkerung. Industriebetriebe und Logistik wurden nicht geschlossen, w\u00e4hrend die ganze Kultur dicht gemacht wurde, was einen gro\u00dfen Sektor traf, der wirtschaftlich eine geringere Lobby hat. Karstadt/Kaufhof, TUI und die Lufthansa wurden mit Milliarden gerettet, w\u00e4hrend die kleinen Ladenbesitzer*innen und kleine Dienstleister*innen kaum etwas erhalten und massenhaft dicht machten. Die Produktion wird geschont, die Reproduktion belastet. Lohnabh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigte hatten lange Zeit kein Recht auf Home-Office, m\u00fcssen ihre Kinder zuhause betreuen und sollen f\u00fcr sie Aushilfslehrer spielen. Es g\u00e4be gro\u00dfes Potential f\u00fcr Proteste, das die Linke h\u00e4tte mobilisieren m\u00fcssen.</p><h2><b>Volksfront gegen Putin?</b></h2><p>Der Krieg in der Ukraine hat Linke von Anarchist*innen \u00fcber Reformist*innen und Sozialdemokrat*innen bis hin zu jahrzehntelangen Holzkopf-Anti-Imperialisten, die pl\u00f6tzlich f\u00fcr den Kampf gegen Russland votierten, in eine Volksfront gegen den Autokraten Putin getrieben. Pl\u00f6tzlich ist die Forderung nach \u201eWaffen f\u00fcr die Ukraine\u201c en vogue geworden und die Ampel-Koalition liefert zun\u00e4chst nur Helme, dann Panzerf\u00e4uste und schlie\u00dflich Flugabwehrgesch\u00fctze. In der Folge k\u00fcndigt sie eine in der BRD bisher noch nie gesehene milit\u00e4rische Aufr\u00fcstungsagenda an, ohne dass es nennenswerten Widerstand dagegen g\u00e4be. Der einzige Lichtblick in dieser Angelegenheit ist \u201e<a href=\"https://derappell.de/\">Der Appell</a>\u201c. Ansonsten scheinen aber die alten linken Grundforderungen, dass Deutschland raus muss aus dem angeblichen Verteidigungsb\u00fcndnis der NATO, keine Waffen in Konfliktregionen liefern und sich an keinen Kriegen beteiligen darf, pass\u00e9.</p><p>Die Thematisierung des gro\u00dfen Anteils des Westens an der Eskalation mit Russland \u2013 was freilich die derzeitige Invasion der Ukraine keineswegs rechtfertigt \u2013 wird mittlerweile verschrien als \u201ePutinversteherei\u201c. Damit ist auch ein weiterer Grundstein f\u00fcr die vollkommene Integration der Linkspartei und der Linken in die herrschende hegemoniale Ordnung gelegt, diesmal in ihrer au\u00dfenpolitisch-militaristischen Grundorientierung, war doch die Haltung vieler Genoss*innen in der Linkspartei zur NATO zumindest medial immer wieder zur Gretchenfrage von Regierungsbeteiligungen gemacht worden. W\u00e4hrend der Corona-Pandemie haben viele Linke begonnen, ein derartiges Vertrauen in die b\u00fcrgerlichen Medien zu hegen, dass ihnen heute in der vollkommen einseitigen Berichterstattung zum Ukraine-Krieg die Kritikf\u00e4higkeit abhandengekommen ist. Der einzige Wermutstropfen ist, dass auch die AfD in dieser Frage bisher kaum eine starke eigene politische Position in der \u00d6ffentlichkeit zu vertreten bereit ist.</p><p>K\u00fcnftig wird die Klimakrise die knifflige Konstellation der Linken eingekeilt zwischen gr\u00fcn-rot-schwarzem Machtblock auf der einen und der AfD auf der anderen Seite noch weiter versch\u00e4rfen. So fordern die Klimaproteste zu Recht ein Raus aus der Kohle, ein Ende des grenzenlosen Wachstums sowie des \u00f6kologisch zerst\u00f6rerischen Konsumismus. Die AfD wird sich angesichts dieses \u00f6kologischen Transformationsdrucks als Retter sozial benachteiligter aber auch konservativer Kreise der Arbeiter*innenschaft aufspielen k\u00f6nnen. Die Linken d\u00fcrfen dann nicht auf der Seite irgendwelcher Konsumkritiker*innen und der Gr\u00fcnen stehen und den arbeitenden Normalos ein falsches Konsumieren vorwerfen. Sp\u00e4testens dann ist die antagonistische Politik gegen das Kapital und den b\u00fcrgerlich-liberalen Block an der Macht eine \u00dcberlebensfrage der Menschheit.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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S\u00f6z verdi\u011fimiz \u00fczere, her zaman dedi\u011fimiz gibi, s\u00f6z namus</i>.</h4><p>\u201eVerehrte Br\u00fcder, gesch\u00e4tzte Freunde; hier sind wir wieder. Wie wir versprochen haben, wie wir immer gesagt haben: Die Treue zum Wort ist Ehre.\u201c Mit diesen oder \u00e4hnlichen Worten und erhobener rechter Hand mit Faustring auf der Handinnenfl\u00e4che leitete der verurteilte ultranationalistische Mafiapate und Sto\u00dftruppler des tiefen Staates in der T\u00fcrkei, Sedat Peker, fast alle seine seit Mai diesen Jahres aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) aufgenommenen und per Youtube in alle Welt verbreiteten <a href=\"https://www.youtube.com/user/pekersedsat\">Videos</a> ein. Nicht nur enth\u00fcllte Peker darin viele angeblich neue Details aus dem ekelerregenden, stinkenden Morast von Staat, Gl\u00fccksrittern, selbstverliebten und tiefkorrupten Pseudo-Journalisten, Auftragsm\u00f6rdern und der staatlich organisierten Menschenverachtung, die landl\u00e4ufig als Tiefer Staat bezeichnet wird. Nein, m\u00f6glich war der nur auf den ersten Blick individuelle Rachefeldzug Pekers einzig aufgrund der Versumpfung des Staates insgesamt, das hei\u00dft, der in alle Richtungen ausufernden wechselseitigen Verflechtung von Dezisionismus, Faschisierung und Polykratie im Politischen und des Klientelkapitalismus im \u00d6konomischen (auf diese Begriffe werde ich sp\u00e4ter noch ausf\u00fchrlicher Bezug nehmen). Peker und seine \u201eEnth\u00fcllungen\u201c sind selbst nur platzende Blasen auf der Oberfl\u00e4che dieses Sumpfes, der die gesamte T\u00fcrkei zu ersticken droht. So weit schritt die im Sinne der Regimeerhaltung betriebene Zerst\u00f6rung des sowieso schon recht \u00fcberschaubaren Mindestma\u00dfes an b\u00fcrgerlichem Konstitutionalismus in der T\u00fcrkei und seine Ersetzung durch den Sumpf voran, dass eine Kamera, ein Tripod und ein Faschist-jetzt-M\u00f6chtegern-Volksheld ausreichten, den Machtblock und das ganze Land <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57412909\">erneut in Aufruhr</a> zu versetzen. Beachtlich auch die enorme relative Autonomie dieses Sumpfes, der sich ja \u2013 wie oft vergessen wird \u2013 \u00fcber dem \u201eNormalbetrieb\u201c des neoliberalen Kapitalismus in der T\u00fcrkei erhebt und diesen \u2013 je nach Situation \u2013 so sehr bedroht, wie er ihn aufrechterh\u00e4lt.</p><p>Derzeit befindet sich die T\u00fcrkei in einer sich immer weiter versch\u00e4rfenden Spirale an Instabilit\u00e4t, \u00f6konomischen Verwerfungen, sozialer Depravation, Legitimationskrise, Gewalt, Militarismus und, seit j\u00fcngst, den vermutlich verheerendsten Waldbr\u00e4nden der Republiksgeschichte. Mitten in diesem Inferno t\u00f6nen die Stimmen der wichtigen Akteure des Regimes immer schriller: Wir waren die meisterhaftesten in der Pandemiebek\u00e4mpfung, unsere Wirtschaft ist am besten durch die Corona-Krise gekommen, es gibt keine Verarmung der Menschen, wir haben unendliche Gasvorkommen entdeckt, die T\u00fcrkei wird zum <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-amacimiz-ulkemizi-dorduncu-sanayi-devrimi-urun-ve-teknolojilerinin-ussu-haline-getirmek,919807\">Zentrum</a> der Vierten Industriellen Revolution, wir werden es <a href=\"https://www.yenisafak.com/en/columns/ibrahimkaragul/a-storm-will-strike-after-the-pandemic-turkey-will-further-shock-the-world-in-2021-2047718\">der ganzen Welt</a> zeigen, wir werden auf den Mond steigen, es gibt kaum irgendwo eine so gute Brandbek\u00e4mpfung wie in unserem Land und so weiter und so fort. Es ist eine Grundlehre der Psychoanalyse, dass die Rationalisierung einer bedr\u00fcckenden Situation, eines Traumas, umso \u00fcberbordender, schriller, zwanghafter wird, umso schwieriger die Aufrechterhaltung jener Rationalisierung angesichts der Realit\u00e4t ist.</p><h4><i>Dies ist die kafkaeske \u201eleere fr\u00f6hliche Fahrt\u201c des Regimes, das sich um nichts anderes mehr wirklich schert als um sich selbst \u2013 und dessen Akteuren im Ringen miteinander und mit der Hegemoniekrise die Kontrolle des Fahrwerks immer mehr entgleitet.</i></h4><p>Es gibt aber auch mehr als genug Potenzial in der T\u00fcrkei, um die wilde Fahrt aufzuhalten, bevor das gesamte Land mit der Kutsche in den Abgrund st\u00fcrzt. Das allerdings h\u00e4ngt davon ab, ob sich die politischen Akteure einfinden, jenes Potenzial auch zu entfesseln.<b> [1]</b></p><h2><b>Die Coronakrise in der T\u00fcrkei, oder: Stell Dir vor, Du l\u00fcgst auf Weltma\u00dfstab, und niemanden interessiert es</b></h2><p>Was sich schon im fr\u00fchen Herbst letzten Jahres abzeichnete, wurde im November dann ganz offiziell best\u00e4tigt: Die t\u00fcrkische Regierung hatte in Bezug auf die Coronakrise die vermutlich gr\u00f6\u00dfte bewusste und aktiv vorangetriebene Zahlenmanipulation weltweit betrieben. Der eigentliche Skandal daran ist allerdings, dass es kein Skandal wurde.</p><p>Man muss sich das vergegenw\u00e4rtigen: \u00dcber Monate hinweg zweifelten alle noch nicht vollst\u00e4ndig regimetreuen Institutionen in der T\u00fcrkei, allen voran die <a href=\"https://www.rosalux.de/news/id/43363/trotz-repression-den-menschen-mit-einem-laecheln-dienen\">wahrhaft heroisch</a> um Aufkl\u00e4rung und Volkswohl k\u00e4mpfende \u00c4rztekammer (<i>T\u00fcrk Tabipler Birli\u011fi</i>, TTB), die vom Gesundheitsminister durchgegebenen Zahlen zu Neuinfektionen und Todesf\u00e4llen in Bezug zu Covid an. Dabei waren schon diese <a href=\"https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(21)01098-9/fulltext\">schlimm genug</a>. Aber durch Hochrechnung von beispielsweise durch die TTB selbst kompilierten Daten konnte gesch\u00e4tzt werden, dass sich Anfang November 2020 die Zahl der Neuinfektionen zwischen <a href=\"https://www.ttb.org.tr/kollar/COVID19/haber_goster.php?Guid=19431d58-241d-11eb-a1e1-3f428dfd4b81\">20.000</a> und <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/ttb-her-10-dakikada-1-kisi-covid-19dan-oluyor-haber-1505071\">50.000</a> Personen t\u00e4glich bewegte \u2013 um ein vielfaches h\u00f6her als offiziell vom Gesundheitsministerium durchgegeben. F\u00fcr die durchgehend kritische und aufkl\u00e4rerische Haltung des TTB gegen\u00fcber den Regierungsma\u00dfnahmen wurde dieselbe \u00fcbrigens vom \u201ekleinen Partner\u201c der regierenden Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Aufschwung (<i>Adalet ve Kalk\u0131nma Partisi</i>, AKP), dem Chef der nationalistisch-faschistoiden Partei der Nationalistischen Bewegung (<i>Milliyet\u00e7i Hareket Partisi</i>, MHP) Devlet Bah\u00e7eli des Vaterlandverrates bezichtigt und mit Schlie\u00dfung und juristischer Verfolgung bedroht. Aber dann kam eins nach dem anderen: Zuerst gab der Gesundheitsminister zu, dass die vom Ministerium gemeldeten Neuinfektionen nur diejenigen beinhalteten, die gleich mehrere (!) Symptome aufwiesen \u2013 sprich, eine Minderheit der Corona-Infektionsf\u00e4lle. Kurze Zeit sp\u00e4ter sah sich der Gesundheitsminister von Erdo\u011fans Gnadentum dazu bem\u00fc\u00dfigt, auch \u201ealle anderen\u201c F\u00e4lle zu erw\u00e4hnen, sprich die wahren \u2013 oder zumindest der Wahrheit n\u00e4heren \u2013 Zahlen rauszur\u00fccken. Am 25. November 2020, von einem Tag auf den anderen, gingen daher die Neuinfektionen von grob 5.000 pro Tag auf <a href=\"https://www.bloomberght.com/bakan-koca-bugunku-vaka-sayisi-28-bin-351-vefat-sayisi-168-2269394\">fast 29.000 Neuinfektionen</a> pro Tag hinauf (was im \u00dcbrigen die Reputation und Professionalit\u00e4t der \u00c4rztekammer bewies, die durch unendlich m\u00fchevolle Kleinstarbeit und unter gro\u00dfem politischen Druck sehr nahe an diese Wahrheit rankam). Anfang Dezember \u201ekorrigierte\u201c der Gesundheitsminister dann dementsprechend auch die Gesamtinfektionszahlen nach oben: Waren im November 2020 vor der Bekanntgabe der nachjustierten Zahlen <a href=\"https://www.dw.com/de/streit-%C3%BCber-corona-zahlen-in-der-t%C3%BCrkei/a-55725636\">noch etwas weniger</a> als 30.000 in der T\u00fcrkei lebende Menschen offiziell als infiziert gemeldet, so lag die Zahl am 10. Dezember <a href=\"https://t24.com.tr/haber/saglik-bakani-koca-turkiye-de-toplam-koronavirus-vaka-sayisi-ni-acikladi-1-milyon-748-bin-567,919914\">ganz pl\u00f6tzlich</a> bei fast 1,75 Millionen Personen. Schaut man sich im Corona-Dashboard der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die <a href=\"https://covid19.who.int/region/euro/country/tr\">T\u00fcrkeiseite</a> an, erkennt man sofort die K\u00fcnstlichkeit der Daten, insbesondere die Spr\u00fcnge bei den Neuinfektionen Ende Juli und Ende November 2020. Laut der Investigativplattform<i> Total Analysis</i> befindet sich die T\u00fcrkei auf <a href=\"https://www.totalanalysis.com/Covid19/TAAlerts/179\">Platz 97</a> von 100 der auf Transparenz der Corona-Daten untersuchten L\u00e4nder. \u201eAber was sind denn schon eine Million mehr oder weniger Infektionsf\u00e4lle angesichts der schieren Unendlichkeit des Weltraums?\u201c, ist wohl die Logik, die hinter dieser nonchalanten Herangehensweise steht.</p><p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit den Angaben zu Verstorbenen w\u00e4hrend und wegen der Corona-Pandemie. Zwar hat das Statistische Institut der T\u00fcrkei (<i>T\u00fcrkiye \u0130statistik Kurumu</i>, T\u00dcIK) die t\u00fcrkeiweiten Todeszahlen und -ursachen f\u00fcr das Jahr 2020 immer noch nicht ver\u00f6ffentlicht, ja sogar die Ver\u00f6ffentlichung der Daten <a href=\"https://www.tuik.gov.tr/media/announcements/olum2020_en.pdf\">explizit ohne genaue Terminangabe</a> im Juni 2021 exakt einen Tag vor dem regul\u00e4ren Ver\u00f6ffentlichungstermin verschoben. Aber unabh\u00e4ngige Forscher und Zeitungen konnten aussagekr\u00e4ftige Berechnungen zur Exzessmortalit\u00e4t vorlegen (das hei\u00dft Anzahl oder Rate der Todesf\u00e4lle, die \u00fcber dem Durchschnitt der Todesf\u00e4lle eines Vergleichszeitraumes liegt). Die <a href=\"https://www.nytimes.com/interactive/2020/04/21/world/coronavirus-missing-deaths.html\"><i>New York Times</i></a> wie auch der Epidemiologe Mesut Erzurumo\u011flu kommen zum Beispiel zu \u00e4hnlichen Ergebnissen bez\u00fcglich der Mortalit\u00e4t in Istanbul: Beide gehen f\u00fcr die Millionenstadt von einer Exzessmortalit\u00e4t im Jahre 2020 (im Vergleich zum j\u00e4hrlichen Durchschnitt der Jahre 2015-19) von <a href=\"https://twitter.com/mesuturkiye/status/1381918089831407617\">25%</a> oder etwa 18.000 zus\u00e4tzlichen Toten aus \u2013 <a href=\"https://mesuturkey.wordpress.com/2021/01/03/excess-mortality-in-2020s-turkey/\">fast so vielen</a>, wie offiziell t\u00fcrkeiweit als Corona-Tote des Jahres gemeldet waren. Der Medieninformatiker G\u00fc\u00e7l\u00fc Yaman extrapoliert regelm\u00e4\u00dfig aus den Mortalit\u00e4tsdaten von St\u00e4dten in der T\u00fcrkei, in denen etwa die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung lebt beziehungsweise in denen etwa die H\u00e4lfte aller Todesf\u00e4lle der T\u00fcrkei stattfanden, (Exzess-)Mortalit\u00e4tszahlen und -raten f\u00fcr die gesamte T\u00fcrkei. F\u00fcr den Zeitraum vom 11. M\u00e4rz bis zum 10. November 2020 <a href=\"https://gucluyaman.com/tr/excess-deaths-in-turkey/\">errechnete er so</a> eine Exzessmortalit\u00e4t von 23% oder etwa 30.000 Exzess-Tote (im Vergleich zu den Jahren 2015-19) f\u00fcr das gesamte Land, was in etwa der doppelten Zahl der offiziellen Corona-Toten f\u00fcr den genannten Zeitraum im gesamten Land entspricht. Obzwar es nicht gesichertes Wissen ist, liegt es doch nahe, anzunehmen, dass die gesamte Exzessmortalit\u00e4t als die \u201eechte\u201c Zahl der Corona-Toten zu betrachten ist, zumal Todesf\u00e4lle durch eine Reihe anderer Gr\u00fcnde (Unf\u00e4lle, andere Infektionskrankheiten, usw.) durch die Pandemiebek\u00e4mpfungsma\u00dfnahmen \u00fcblicherweise zur\u00fcckgingen. Dass die Zahl der \u201ewirklichen\u201c Corona-Toten im weltweiten Durchschnitt <a href=\"https://www.bmj.com/content/373/bmj.n1188\">etwa doppelt so hoch</a> ist wie die offiziell gemeldeten Zahlen, wird mittlerweile als wahrscheinlich angesehen. Schaut man sich jedoch Yamans <a href=\"https://gucluyaman.com/tr/excess-deaths/excess-deaths-in-turkey-update-01-06-2021/\">neuere Berechnungen</a> an, die bis in den Juni 2021 hinein reichen, ergeben sich 146.000 Exzesstote im Verh\u00e4ltnis zu 48.000 offiziell gemeldeten Covid-Toten, also ein Verh\u00e4ltnis von etwas mehr als 3:1. Das liegt haupts\u00e4chlich daran, dass in einigen Dezemberwochen, in denen die Pandemie in der T\u00fcrkei bisher am schlimmsten w\u00fctete, Exzessmortalit\u00e4tsraten von laut Yaman unglaublichen 122% erzielt wurden.</p><h4><i>Social statistics are frozen tears \u2013 einer der ersten S\u00e4tze, die man im Studium der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte lernt. Statistiken zu manipulieren und nach Gutd\u00fcnken zu verdrehen, um das von Herrschaft geschaffene oder gef\u00f6rderte Leid der Menschen sch\u00f6nzureden, geh\u00f6rt hingegen zum Alltagsgesch\u00e4ft b\u00fcrgerlicher Politik im Kapitalismus.</i></h4><p>Nur ist es so, dass es mancherorts besonders schamlos, besonders menschenverachtend, besonders gleichg\u00fcltig gegen Wohl und Leid der Bev\u00f6lkerung betrieben wird. Die Zahlen zu Corona-Infektionen in der T\u00fcrkei sind indes nicht die einzigen wichtigen Zahlen, die \u201enach oben\u201c korrigiert wurden im Zeitraum, den diese Analyse abdeckt. Auch die Arbeitslosigkeitszahlen wurden, wie ich noch zeigen werde, nach oben korrigiert. Umgekehrt wurde, was die Inflationszahlen angeht, weiterhin staatlicherseits versucht per Repression realit\u00e4tsgerechtere Repr\u00e4sentationen zu unterbinden.</p><p>Der derzeitige Gesundheitsminister der T\u00fcrkei, Fahrettin Koca, ist indes nur ein \u2013 nat\u00fcrlich nicht unwichtiges und zur Verantwortung zu ziehendes, aber dennoch \u201enur\u201c ein \u2013 Rad im Getriebe einer (Pandemie-)Politik, deren einziges Anliegen politischer Machterhalt inklusive Fortsetzung kapitalistischer Profitakkumulation und so weit m\u00f6glich die Reproduktion der Minimalbedingungen einer sozialen Restlegitimit\u00e4t f\u00fcr jenen Machterhalt ist. Nicht mehr, nicht weniger. Und dass die Opposition in der T\u00fcrkischen Republik wie aber auch die gro\u00dfen, sch\u00f6nen, Werte-und-Normen geleiteten europ\u00e4ischen und transatlantischen Hauptverb\u00fcndeten der T\u00fcrkei die Corona-bezogene Zahlenmanipulation und die darin zum Ausdruck kommende, gezielt gegen menschliches Leid indifferente Pandemiepolitik kaum (Opposition) oder gar nicht (Europa und Co) skandalisierten, zeigt erneut in aller Deutlichkeit, dass b\u00fcrgerlicher \u201eAnti-Autoritarismus\u201c entsprechend der von ihm verfolgten Interessen recht bescheiden ist, wenn es um Wohlstand, Gesundheit und Lebensfreude der \u00fcbergro\u00dfen Mehrheit der Bev\u00f6lkerung geht. Au\u00dfer nat\u00fcrlich, es geht um Belarus, Russland oder China, also um geopolitische Antagonisten des euro-transatlantischen Kapitalismus. Da spielen dann jene Werte und Normen pl\u00f6tzlich eine ganz gro\u00dfe Rolle. Auch diese Bescheidenheit wird uns den restlichen Artikel \u00fcber als Konstante begleiten.</p><h2><b>Der Pandemie ausgeliefert</b></h2><p>Ich bin mir nicht sicher, ob man sagen kann, dass der Hochmut der Regierenden in den letzten Monaten in der T\u00fcrkei zugenommen hat. Ich meine jene Art von ma\u00dflosem selbstverherrlichendem Hochmut, der alle sogar vom Regime selbst gesetzten Regeln und Gesetze mit F\u00fc\u00dfen tritt und sich eines Besseren d\u00fcnkt, dies auch noch jeder und jedem ganz ohne Scham und \u00f6ffentlich unter die Nase reibt und damit das ganze Land verh\u00f6hnt, das unter Pandemie und Wirtschaftskrise \u00e4chzt und kr\u00e4chzt. Dieser Hochmut und die sich darin ausdr\u00fcckende schreiende Ungerechtigkeit sind aber jedenfalls viel sichtbarer und greifbarer geworden, da sie in mittlerweile krassester Diskrepanz zur Lebensrealit\u00e4t des Gro\u00dfteils der Menschen in der T\u00fcrkei inmitten der Pandemie stehen.</p><h4><i>Der Hochmut speist sich aus der Machtrunkenheit einer fast 20-j\u00e4hrigen Regierung, die zudem in den letzten zehn Jahren sukzessive konstitutionelle und b\u00fcrokratische Mechanismen in Politik und teilweise Wirtschaft ersetzt hat durch unmittelbarere Machtbeziehungen \u2013 also dezisionistischen Praktiken \u2013 und Klientelverh\u00e4ltnisse.</i></h4><p>Diese Politik sp\u00fclte damit Tausende kleine Erdo\u011fans, Neureiche, Gl\u00fccksritter, schmierige Gestalten, Menschheitsverbrecher und Opportunisten (erneut) an die Oberfl\u00e4che der \u00d6ffentlichkeit. Sinnbildlich f\u00fcr diesen Hochmut steht Erdo\u011fan h\u00f6chstpers\u00f6nlich, der auf die Frage eines Journalisten, ob er w\u00e4hrend der l\u00e4ngsten Periode der fast totalen Ausgangssperre im gesamten Lande (Mai 2021) in Istanbul bleiben werde, s\u00fcffisant und mit einem L\u00e4cheln auf den Lippen <a href=\"https://t24.com.tr/video/erdogan-dan-tam-kapanma-doneminde-istanbul-da-misiniz-sorusuna-yanit-en-kotu-ihtimalle-turkiye-deyim,38448\">antwortete</a>: \u201eIch habe mich noch nicht endg\u00fcltig entschlossen, ich werde jedenfalls hier in der Gegend sein. Im schlimmsten Fall bin ich in der T\u00fcrkei.\u201c Im schlimmsten Fall dazu verdammt, in der krisengebeutelten T\u00fcrkei inmitten einer rasenden Pandemie zwischen Not und Tod eingesperrt und ohne jegliche Perspektive zu sein \u2013 eine Realit\u00e4t f\u00fcr Viele, einen Witz wert f\u00fcr den Pr\u00e4sidenten des Landes. Aber gehen wir vom Gro\u00dfen ins Kleine. Das Ausma\u00df und die Ungerechtigkeit des Totentanzes der Macht auf das Land zeigt sich nur auf dem Hintergrund der Lebensrealit\u00e4t, zu dem der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung verdammt wurde.</p><p>Wie ich schon in \u201e<a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">Virus als Katalysator</a>\u201c hervorgehoben habe, reagierte der Staat sehr sp\u00e4t und sehr inkonsequent auf die Pandemie. Er begn\u00fcgte sich mit ideologischer Hybris, wohlgemeinten Ratschl\u00e4gen und der Abw\u00e4lzung der Verantwortung auf Individuen aus Angst vor wirtschaftlichem Schaden einerseits, weiteren Legitimationseinbr\u00fcchen durch nat\u00fcrlich kaum staatlich aufgefangene Schlie\u00dfungen und andere Ma\u00dfnahmen andererseits. Wie <a href=\"https://www.institutmolinari.org/wp-content/uploads/sites/17/2021/03/etude-zero-covid2021_en.pdf\">\u00fcberall sonst</a> <a href=\"https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(21)00978-8/fulltext\">auch</a> auf der Welt, wo dieses inkonsequente Vorgehen zwecks sehr kurzfristiger Interessen statt einer konsequenten Eind\u00e4mmungsstrategie pr\u00e4feriert wurde, hatte dies katastrophale Folgen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerungsmehrheit: Sie f\u00fchrte zu teils extrem hohen Reproduktionszahlen des Virus (bis zu 16 in Istanbul im April 2020; sprich, eine infizierte Person steckte rechnerisch 16 weitere Personen an), 2021 auch zu extrem hohen Inzidenzzahlen von \u00fcber 900 auf 100.000 Personen (<a href=\"https://www.cnnturk.com/turkiye/il-il-risk-haritasi-guncellendi-mi-19-nisan-2021-illere-gore-haftalik-koronavirus-vaka-sayilari-artan-ve-azalan-iller\">beispielsweise</a> in Istanbul und \u00c7anakkale, 10.-16. April 2021), zu t\u00fcrkeiweiten <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/2823868-turkuaz-tablonun-merkezine-girdim\">PCR-Testpositivraten</a> von <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/koronavirus-testi-turkiyede-yeterli-miktarda-test-yapiliyor-mu-1836797\">10-20%</a> und zu den zuvor angef\u00fchrten Zahlen betreffs Gesamtinfektionen und Todesf\u00e4llen. Weitergehende Ausgangssperren erfolgten nicht pr\u00e4ventiv, sondern wortw\u00f6rtlich in letzter Sekunde, um das vollst\u00e4ndige Entgleiten der Pandemie zu verhindern, etwa in Situationen, in denen die Krankenh\u00e4user in Gro\u00dfst\u00e4dten wie Izmir, Istanbul und Ankara <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/bilim-kurulunun-ilk-toplantisi-haftaya-ertelendi-1826756\">fast vollst\u00e4ndig</a> ausgelastet waren und <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/turkiye-vaka-sayisinda-avrupa-birincisi-oldu-1826754\">zu kollabieren</a> drohten (so im April und November 2020 und dann nochmal im April/Mai 2021).</p><p>Die erdr\u00fcckende Last einer au\u00dfer Rand und Band geratenen Pandemie machte sich auch in den Reaktionen des Regimes bemerkbar: Erdo\u011fan klang <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/04/turkish-health-experts-workers-call-social-support-ahead-17-day-covid-lockdown\">fast panisch</a>, als er im April 2021 feststellte, dass Europa schon zu \u00d6ffnungen \u00fcbergehe \u2013 w\u00e4hrend sich die Infektionslage in der T\u00fcrkei immer weiter zuspitze. Er erwarte heftige Folgen, wenn nichts unternommen w\u00fcrde (er dachte dabei nat\u00fcrlich ausschlie\u00dflich an den Tourismus). Auch der Gesundheitsminister wusste entgegen seiner durchgehend relativierenden Herangehensweise sehr wohl um die prek\u00e4re Situation in den Krankenh\u00e4usern. Er verh\u00e4ngte daher schon Ende Oktober 2020 ein <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-28/turkey-bars-health-workers-quitting-as-covid-deaths-near-10-000\">K\u00fcndigungsverbot</a> f\u00fcr Werkt\u00e4tige im Gesundheitssektor. Auch zum Zeitpunkt, als es zu Ausgangssperren kam, lag die Priorit\u00e4t auf der Wahrung kapitalistischer Profite vor dem gesundheitlichen Interesse der Bev\u00f6lkerung und insbesondere der Arbeiter*innen: W\u00e4hrend dem \u201etotalen Lockdown\u201c im Mai 2021 \u2013 \u00fcber Wochen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/icisleri-bakanligi-ndan-tam-kapanma-tedbirleri-genelgesi,948642\">galt eine absolute Ausgangssperre</a> im gesamten Land mit wenigen Ausnahmen \u2013 mussten immer noch 61% aller Arbeiter*innen <a href=\"http://arastirma.disk.org.tr/wp-content/uploads/2021/04/Tam-kapanma-yok-on-milyonlarca-isci-calismaya-devam-ediyor-Bulten.pdf\">normal weiter arbeiten</a>, das hei\u00dft sich dem Infektionsrisiko aussetzen. Nur 17% aller Arbeiter*innen profitierten vollumf\u00e4nglich von den Ausgangssperren, sprich ersparten sich den Arbeitsweg und den Aufenthalt am Arbeitsort \u2013 und damit die Infektionsgefahr. Was es hei\u00dft, inmitten einer Pandemie weiter arbeiten zu m\u00fcssen, das zeigt <a href=\"http://www.birlesikmetalis.org/index.php/tr/guncel/basin-aciklamasi/1603-metal-sektorunde-salgin-ciddi-boyutlara-ulasti\">ein Bericht</a> der linken Metallarbeiter*innengewerkschaft Birle\u015fik Metal-\u0130\u015f: Allein im Zeitraum zwischen M\u00e4rz und November 2020 infizierten sich 7,3% der Arbeiter*innen in Betrieben, in denen Birle\u015fik Metal-\u0130\u015f organisiert ist, offiziell mit dem Coronavirus. Einem Bericht der Gewerkschaft zufolge gab es zum Ver\u00f6ffentlichungszeitpunkt desselben in 86,75% der Betriebe, in denen Birle\u015fik Metal-\u0130\u015f organisiert ist, aktive Coronavirus-Infektionsf\u00e4lle.</p><p>Wie anderorts auch intervenierte der t\u00fcrkische Staat gegen die von Corona ausgel\u00f6ste Wirtschaftskrise. Ein Gro\u00dfteil der wirtschaftlichen St\u00fctzungshilfen gingen dabei an das Gro\u00dfkapital (Steuererleichterungen, Lohnnebenkostenhilfen, billige Kredite, Devisenverk\u00e4ufe der Zentralbank zur Stabilisierung der Lira), so gut wie nichts an den restlichen Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung. Die Ausma\u00dfe lassen sich mittlerweile etwas besser quantifizierend vergleichen. Nach Zahlen des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IMF) vergab die T\u00fcrkei w\u00e4hrend der Pandemie (bzw. im Zeitraum M\u00e4rz 2020 bis M\u00e4rz 2021) Hilfen in Form von zus\u00e4tzlichen unmittelbaren Ausgaben, Einkommensst\u00fctzen und Steuernachl\u00e4ssen und \u00c4hnlichem <a href=\"https://www.imf.org/en/Topics/imf-and-covid19/Fiscal-Policies-Database-in-Response-to-COVID-19\">in H\u00f6he von nur</a> 1,9%/BIP. Sie hat damit vor Mexiko und einigen wenigen armen L\u00e4ndern wie Nigeria, Myanmar und Bangladesch fast am wenigsten unter den vom IMF untersuchten L\u00e4ndern f\u00fcr die Breite der Bev\u00f6lkerung in der Pandemie getan (relativ zum BIP betrachtet). <b>[2]</b> Zum Vergleich: Die durchschnittlichen zus\u00e4tzlichen unmittelbaren Ausgaben der reichen L\u00e4nder betrug 16,42% ihres jeweiligen BIP, die der L\u00e4nder mit mittlerem Einkommen (worunter auch die T\u00fcrkei f\u00e4llt) 4,0% und die der armen L\u00e4nder 1,6%. Demgegen\u00fcber erreichten die indirekten Ausgaben (Kredite, Schulden und Garantien) der T\u00fcrkei mit 9,4%/BIP fast das Niveau der reichen L\u00e4nder (durchschnittlich 11,3%). Und auch nur deshalb lagen die gesamten Ausgaben (direkte + indirekte) der T\u00fcrkei im Rahmen der Pandemie mit etwa 11,3%/BIP bedeutend h\u00f6her als der Durchschnitt der L\u00e4nder mit mittlerem Einkommen (durchschnittlich 6,5%). In keinem anderen der vom IMF untersuchten L\u00e4nder machten daher die direkten Ausgaben und Einkommensst\u00fctzen mit <a href=\"http://arastirma.disk.org.tr/wp-content/uploads/2021/02/Covid-19-Harcamalar%C4%B1-Raporu-OCAK-2021.pdf\">nur 11%</a> aller Hilfen w\u00e4hrend der Pandemie 2020 einen so kleinen Anteil aus wie in der T\u00fcrkei. Daher hatte der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung und darin insbesondere die Werkt\u00e4tigen in der T\u00fcrkei nicht nur unter dem katastrophalen Pandemiemanagement des Regimes zu leiden, sondern wurde zugleich heftig gebeutelt von der durch die Pandemie versch\u00e4rften Wirtschaftskrise.</p><h4><i>Und die Wirtschaftskrise war und ist f\u00fcr die unteren und mittleren Klassen ziemlich heftig. Wer der Skylla der Infektion entkam, den verschlang die Charybdis der Arbeitslosigkeit und der Armut.</i></h4><p>Zwar verzeichneten die Daten des T\u00dcIK durchgehend eine immer weiter sinkende (!) Arbeitslosigkeitsrate. Das lag aber haupts\u00e4chlich daran, dass Hunderttausende Menschen aus Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen flogen und als dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verf\u00fcgung stehend klassifiziert oder auf \u201eunbezahlten Urlaub\u201c gesetzt wurden, so dass parallel zur \u201esinkenden\u201c Arbeitslosenquote die Erwerbsquote (Anteil der Erwerbspersonen und der Arbeitslosen, die prinzipiell dem Arbeitsmarkt zur Verf\u00fcgung stehen) laufend sank. So flogen beispielsweise <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tuik-issizlik-rakamlarini-acikladi,940653\">\u00fcber 1,5 Millionen Menschen</a> bis Februar 2021 aus der Erwerbst\u00e4tigenbev\u00f6lkerung heraus. Oder es wurden w\u00e4hrend der Pandemie trotz Entlassungsverbotes <a href=\"https://t24.com.tr/haber/disk-ar-kod-29-ile-2020-yilinda-176-bin-662-isci-isten-cikarildi,943927\">\u00fcber 175.000 Arbeiter*innen</a> mittels einer als Ausnahme vom Entlassungsverbot weiterhin g\u00fcltigen und prompt weitfl\u00e4chig missbrauchten Bestimmung des Arbeitsgesetzes namens Kod 29 (wegen \u201emoralischen Fehlverhaltens\u201c oder \u00e4hnlichem) entlassen, was einer <a href=\"https://t24.com.tr/haber/pandemide-kod-29-ile-atilanlarin-orani-%20yuzde-%2070-artti,939439\">Zunahme</a> der Entlassungen wegen jener Bestimmung um 70% entsprach. Schon l\u00e4nger besteht breite Einigkeit dar\u00fcber, dass die Arbeitslosigkeitszahlen des T\u00dcIK nicht die Realit\u00e4t abbilden, <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/isgucu-verileri-masaya-yatirildi-issizligin-izlenmesinde-yeni-ve-yaratici-cozumler-gerekli-haberi-481463\">auch</a> unter Mainstream-\u00d6konom*innen. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/disk-tuik-in-issizlik-verileri-gercekleri-yansitmiyor-genis-tanimli-issizlik-yuzde-27,925919\">W\u00e4hrend</a> beispielsweise das T\u00dcIK im Januar 2021 die Arbeitslosenquote mit 12,7% angab, berechnete die linke Gewerkschaftskonf\u00f6deration DISK die realit\u00e4tsgerechtere breitere Arbeitslosigkeitsquote auf etwa 27%. In diesem Fall wurde dem T\u00dcIK die Diskrepanz zwischen ihren Zahlen und der Realit\u00e4t zu gro\u00df: Sie passte ihre Zahlen <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Isgucu-Istatistikleri-Ocak-2021-37486\">im M\u00e4rz 2021</a> an und ver\u00f6ffentlicht seitdem auch eine sogenannte \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/tuik-acikladi-issiz-sayisi-4-milyon-236-bin-kisi-oldu,951533\">Inaktivenquote</a>\u201c (Arbeitslose + vor\u00fcbergehend Unterbesch\u00e4ftigte + potenziell Arbeitsf\u00e4hige). Diese entspricht in etwa den Angaben der DISK zur breiteren Arbeitslosigkeitsquote und ist dementsprechend viel h\u00f6her (bisher durchgehend zwischen 20-30% im Jahr 2021) als die offizielle Arbeitslosigkeitsquote. Noch schlimmer ist die Situation der Jugendlichen (bzw. der etwa 18-25/30-J\u00e4hrigen): Liegt die offizielle Jugendarbeitslosigkeitsquote schon bei 25%, geht sogar eine Untersuchung der Universit\u00e4t der Union der Kammern und B\u00f6rsen der T\u00fcrkei (<i>T\u00fcrkiye Odalar ve Borsalar Birli\u011fi</i>, TOBB) in Ankara davon aus, dass sie <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/02/turkey-pandemic-youth-unemployment-reaches-alarming-level.html\">real</a> bei 38,5% anzusetzen ist. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/18-22-yas-araligindaki-issiz-genclerin-yuzde-74-3-u-sadece-yol-yemek-veren-bir-yerde-calismaya-razi,919818\">Fast Dreiviertel</a> aller arbeitslosen 18-22-J\u00e4hrigen stimmen zu, dass sie einen Job annehmen w\u00fcrden, auch wenn die Entlohnung nur aus Bezahlung des Fahrtweges und Verpflegung best\u00fcnde, so das Ergebnis einer Untersuchung, an der auch der Arbeitgeberverband (<i>T\u00fcrkiye \u0130\u015fveren Sendikalar\u0131 Konfederasyonu</i>, T\u0130SK) mitarbeitete. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/genclerin-yuzde-76-si-yurt-disinda-yasamak-istiyor-her-iki-gencten-biri-mutlu-degil,900749\">Fast alle</a> (86%) Jugendlichen sind verschuldet und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/genc-issizlik-yuzde-25-3-e-yukseldi-en-buyuk-hayalleri-yurtdisinda-yasamak,953186\">wollen</a> ins Ausland (76%). Laut einer <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/ekonomi/genclerimizin-yuzde-70i-ekonomik-endise-icinde-6548984/\">OECD-Untersuchung</a> von 2021 f\u00fcrchten 70% aller Jugendlichen in der T\u00fcrkei um die eigene finanzielle Situation und die ihrer Familien, 78% sind der Meinung, dass die Regierung h\u00e4tte mehr tun k\u00f6nnen w\u00e4hrend der Pandemie. Trotz dieser also massiven, teils sogar nach geltendem Recht semi-/illegalen Zunahme von Unterbesch\u00e4ftigung und Erwerbslosigkeit und, wie gleich gezeigt wird, der damit einhergehenden weitfl\u00e4chigen Verarmung, hatte der Staat den Werkt\u00e4tigen mit 39 TL Kurzarbeitsgeld pro Tag (derzeit umgerechnet etwas weniger als 4 \u20ac) kaum etwas zu bieten. Im Gegenteil: Er <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/ekonomi/emeklilik-zorlasiyor-isten-atma-kolaylasiyor-6061987/\">f\u00f6rderte sogar</a> eine sehr kurzfristige und rechtlose Besch\u00e4ftigung von Jugendlichen und Menschen im Alter von 50 Jahren aufw\u00e4rts.</p><h4><i>Als geradezu notwendige Konsequenz aus dem Herunterfahren der Wirtschaft, einer erneut induzierten Wirtschaftskrise und fehlender Unterst\u00fctzung folgte eine grassierende Armut.</i></h4><p>Je nach Umfrage zwischen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halkin-dortte-biri-gida-ve-barinma-gibi-temel-ihtiyaclarini-karsilayamiyor,949952\">27%</a> und <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/ekonomi/gelirler-eridi-borclar-katlandi-6102430/\">38%</a> der Bev\u00f6lkerung haben mittlerweile Schwierigkeiten damit, f\u00fcr Grundbed\u00fcrfnisse wie Wohnung und Lebensmittel aufzukommen. Mindestens 30% (fr\u00fchere Umfragen: 50%) haben <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/ekonomi/gelirler-eridi-borclar-katlandi-6102430/\">Einkommenseinbu\u00dfen</a> zu verzeichnen und die Einkommensungleichheit erreicht mittlerweile <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/06/official-data-lays-bare-deepening-poverty-turkey\">fast das Niveau</a> von Brasilien, Mexiko und S\u00fcdafrika. Schon die offiziellen Inflationszahlen f\u00fcr Lebensmittel zeigen, dass deren Preiserh\u00f6hung <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2021/01/turkey-firm-fined-food-prices-high-inflation-economy-lira.html\">betr\u00e4chtlich \u00fcber</a> der durchschnittlichen Inflationsrate liegt (im Durchschnitt 20% vs. 12,28% im Jahr 2020); alternative Berechnungen gehen sogar <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-55935159\">von bis zu</a> 30-50% <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/birlesik-kamu-isin-halkin-enflasyonu-arastirmasinin-carpici-sonuclarini-acikladi-1830313\">Teuerung</a> der Grundnahrungsg\u00fcter aus. Arbeitslosigkeit und Teuerung sind so grassierend und heftig geworden, dass sogar das Gro\u00dfkapital davor mahnt, dass sie \u201e<a href=\"https://www.bloomberght.com/tusiad-baskani-kaslowski-istihdama-yonelik-destekler-devam-etmeli-2279214\">unsere Zukunft gef\u00e4hrden</a>\u201c \u2013 sprich, die stabile Zustimmung zur kapitalistischen Produktionsweise in Frage stellen k\u00f6nnen. Der ehemalige Chef des T\u00dcIK, der mittlerweile in einer kleinen Oppositionspartei ehemaliger AKP\u2019ler organisiert ist, berichtet von <a href=\"https://t24.com.tr/video/eski-tuik-baskani-berat-bey-doneminde-verilere-guvensizlik-daha-fazlaydi-gercek-enflasyon-yuzde-15-in-cok-uzerinde,36849\">kreativen Methoden</a> in den Inflationsberechnungen des T\u00dcIK, um die Zahlen so niedrig wie m\u00f6glich zu halten. Aber selbst nach Zahlen des T\u00dcIK litten 27,4% der Bev\u00f6lkerung 2020 unter \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/bunca-yoksulluga-ragmen-akp-nasil-hala-yuzde-35-aliyor-dunya-bankasi-nin-yaniti,31441\">ernstem materiellen Mangel</a>\u201c. Nach Definition der Weltbank (WB) galten 12,2% der Bev\u00f6lkerung als arm \u2013 im Gegensatz zum Jahre 2018, dem diesbez\u00fcglich bisher besten Jahr der T\u00fcrkei, in dem die Rate bei 8,5% lag. Als arm in einem Land wie der T\u00fcrkei gelten den Berechnungen der WB zufolge Personen, die mit weniger als 5,5 $ (38 TL, auf das Jahr 2020 gerechnet) pro Tag \u00fcber die Runden kommen. Ein Schelm, wer den Grund der Festsetzung des Kurzarbeitsgeldes bei extrem niedrigen 39 TL darin sucht, den Anstieg der von der WB sowieso schon sehr niedrig angesetzten Schwelle zur \u201eArmut\u201c gerade noch so etwas zu umgehen. \u00dcber 40% der Bev\u00f6lkerung ist \u2013 zumeist in Form von privaten Konsumkrediten \u2013 an Banken <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/ekonomi/34-5-milyon-kisinin-899-milyar-lira-borcu-var-6442304/\">verschuldet</a>; ihre Schuldlast stieg 2020 um 36%. Und das sind nur die \u201eoffiziellen\u201c Schulden, also solche, die institutionell stattfinden und daher objektiviert erfasst werden. Laut einer Analyse der Stadtverwaltung Istanbuls f\u00fchren mittlerweile 71% der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ekmek-yumurta-ve-sigarada-veresiye-donemi-istanbul-da-bakkallarin-yuzde-71-i-veresiye-defter-tutuyor,937170\">Sp\u00e4tis/Kioske</a> Schuldenhefte, wobei die Gesamtschuldlast der Kund*innen w\u00e4hrend der Pandemie um 54,8% und die Zahl der Kund*innen, die auf Pump beim Kiosk kaufen, um 32,2% gestiegen ist. Die drei Hauptg\u00fcter, die auf Pump gekauft wurden, sind in absteigender Reihenfolge Brot, Eier und Zigaretten. Die Kleinladenbesitzer*innen sind aber <a href=\"https://t24.com.tr/haber/esnafin-borcluluk-orani-yuzde-65-e-cikti-veresiye-dustu-kart-kullanimi-artti,947597\">mittlerweile</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/esnafin-borcluluk-orani-yuzde-65-e-cikti-veresiye-dustu-kart-kullanimi-artti,947597\">selbst</a> zu 65% verschuldet und verlangen immer mehr Kreditkartenk\u00e4ufe statt K\u00e4ufe auf Pump. Zudem k\u00f6nnen viele nicht von den Coronahilfen profitieren und halten sie f\u00fcr ungen\u00fcgend.</p><h2><b>Die Selbstverg\u00f6ttlichung der Macht</b></h2><p>Der Hunger und die Armut brechen sich mittlerweile teils mit Gewalt und gegen das Bewusstsein Bahn. Der Vorsitzende des <a href=\"https://t24.com.tr/video/erdogan-a-evimize-ekmek-goturemiyoruz-diyen-minibusculer-odasi-baskani-sozlerim-carpitildi,33542\">Minibusfahrervereins</a> in Malatya <b>[3]</b> und eine <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/erdogana-acim-diye-seslenmisti-ac-acikta-degilim-allah-benim-omrumden-alsin-onunkine-versin-1813877\">arme \u00e4ltere Frau</a> in Elaz\u0131\u011f, beide AKP-Anh\u00e4nger*innen beziehungsweise Mitglieder der AKP, flehten unabh\u00e4ngig voneinander ganz impulsiv Erdo\u011fan bei dessen Besuch in ihrer jeweiligen Stadt an: Wir hungern, wir haben kein Brot mehr im Haus! Und ruderten sp\u00e4ter \u2013 da setzte das politische Bewusstsein wieder ein \u2013 zur\u00fcck und bezeugten mehrmals dem\u00fctig ihren Respekt vor Erdo\u011fan. Aber die Hybris, der Hohn auf alle zur Armut willentlich und wissentlich Verdonnerten des Landes, ist dort grenzenlos, wo die Apotheose der Macht regiert. Erdo\u011fan reagierte auf das Flehen des Minibusfahrers mit einem <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-evimize-ekmek-goturemiyoruz-diyen-esnafa-bu-bana-abartili-geldi-al-bu-keyif-cayini-ic,911288\">lapidaren</a>: \u201eDas erscheint mir jetzt ein bisschen \u00fcbertrieben. Hier, g\u00f6nn dir einen Schwarztee zur Vergn\u00fcgung!\u201c \u2013 und reichte ihm ein Paket Schwarztee. Einige Monate sp\u00e4ter, im Juni 2021, kam Erdo\u011fan nochmals auf den Hunger zur\u00fcck und meinte <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-neymis-millet-acmis-ac-olarak-dolasanlari-buyurun-siz-de-doyuruverin,957912\">ganz ohne Schamesr\u00f6te</a> zur Opposition: \u201eWie bitte, das Volk ist hungrig? Bitte, dann s\u00e4ttigt es doch.\u201c \u00c4hnlich Emine Erdo\u011fan, die Ehefrau des Pr\u00e4sidenten, die allen Ernstes in einem Werbevideo l\u00e4chelnd und wohlmeinend die Bev\u00f6lkerung dazu aufrief \u201e<a href=\"https://haber.sol.org.tr/haber/iste-porsiyonlarinizi-kucultun-diyen-emine-erdoganin-sarayinin-mutfak-harcamasi-308327\">die Portionen kleiner</a>\u201c zu halten (um Abf\u00e4lle zu reduzieren) \u2013 wobei sie nat\u00fcrlich selber bekannt ist f\u00fcr ihnen <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/turkeys-ruling-party-elites-love-splurge-while-preaching-frugality\">ostentativen Luxuskonsum</a>. Und nicht zuletzt: Als fast die H\u00e4lfte der Provinzen der T\u00fcrkei Ende Juli-Anfang August 2021 mit den verheerendsten Waldbr\u00e4nden der letzten Jahrzehnte zu k\u00e4mpfen hatten (dazu sp\u00e4ter mehr), lie\u00df es sich Erdo\u011fan nicht nehmen, mit einem riesigen Konvoi durch die Provinzhauptstadt einer der am heftigsten betroffenen Provinzen, Marmaris, zu fahren, dabei den gesamten Verkehr inklusive der Feuerwehr lahmzulegen und Tee vom Bus aus <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=Rh_LzMR2DnI\">mit herrschaftlichen Gr\u00fc\u00dfen</a> an Umstehende zu verteilen. Suetons Kaiser Nero sang wenigstens nur Ges\u00e4nge auf das brennende Rom, Erdo\u011fan hingegen verh\u00f6hnt noch zus\u00e4tzlich das Land, die Natur und die Bev\u00f6lkerung.</p><p>Ein Kleinladenbesitzer in Denizli, der vom Gouverneur w\u00e4hrend einer PR-m\u00e4\u00dfig inszenierten Inspektionstour zur Umsetzung der Corona-Ma\u00dfnahmen gefragt wurde, warum er keine Maske trage, <a href=\"https://t24.com.tr/video/denizli-valisinin-maske-sorusuna-gebermek-istiyorum-cevabi-veren-o-esnaf-konustu-maske-benim-son-derdim,33338\">antwortete</a>: \u201eDie Maske ist mein allerletztes Problem. Ich mache keine 15 Lira am Tag, kann Mieten und Strafen nicht mehr zahlen. Ich m\u00f6chte verrecken.\u201c Der Hohn der Macht: Derselbe Gouverneur lie\u00df w\u00e4hrend derselben Inspektionstour einen D\u00f6nerimbiss schlie\u00dfen, weil die Arbeiter*innen ohne Handschuhe arbeiteten (was im \u00dcbrigen keine Corona-Auflage war) und die Maske unter der Nase trugen. Erst nachdem sein Vorgehen \u00f6ffentlich skandalisiert wurde, ruderte er zur\u00fcck. Dabei schl\u00e4gt sich die Materialit\u00e4t der um sich greifenden Armut und Depravation mitunter auch <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/iktidar-muhalefete-degil-gerceklere-yeniliyor-makale-1502872\">wider Willen</a> im Handeln des Regimes nieder: Devlet Bah\u00e7eli, Chef der MHP und <a href=\"https://www.mei.edu/publications/erdogans-two-man-rule\">Hauptb\u00fcndnispartner</a> der AKP, rief eine Kampagne ins Leben, wonach <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-den-askida-ekmek-elestirilerine-sert-tepki,910276\">Brote an Gabenz\u00e4une</a> f\u00fcr Arme aufgeh\u00e4ngt werden sollten f\u00fcr Bed\u00fcrftige \u2013 wenige Tage sp\u00e4ter meinte Erdo\u011fan, Brotlosigkeit g\u00e4be es in der T\u00fcrkei nicht. Wie eine Furie w\u00fctete Bah\u00e7eli dann allerdings, als seine Aktion ganz zurecht als unwillk\u00fcrliches Eingest\u00e4ndnis der Existenz weitfl\u00e4chiger Armut seitens eines der wichtigsten Akteure des Regimes interpretiert und skandalisiert wurde.</p><p>Hohn und Verachtung f\u00fcr das Volk h\u00f6ren hier nicht auf. W\u00e4hrend fast das gesamte Land im Mai 2021 au\u00dfer f\u00fcr Arbeit und das Notwendigste in die eigenen vier W\u00e4nde eingesperrt war, galt Narrenfreiheit f\u00fcr Tourist*innen. Geradezu auf Knien erbettelte sich das Regime von den unterschiedlichen L\u00e4ndern Tourist*innenstr\u00f6me, um die eigenen einbrechenden Devisenreserven noch zu retten. <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/ahmet-hakan/mevlut-cavusogluna-turistin-gorebilecegi-herkesi-asilayacagiz-cumlesini-sordum-41805811\">Sogar die Impfkampagne</a> sollte f\u00fcr den Tourismus passend zugeschnitten sein: Der Au\u00dfenminister Mevl\u00fct \u00c7avu\u015fo\u011flu gab Anfang Mai durch, dass sie jede Person bis Ende Mai impfen w\u00fcrden, mit der ein Tourist in Kontakt treten k\u00f6nnte, also Werkt\u00e4tige der Tourismusbranche. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Impfkampagne im Land noch nicht einmal wirklich angefangen. Ein dazugeh\u00f6riges staatliches Werbevideo verbreitete eine Aura von Sommer, Sonne, guter Laune und lauter wuseligen werkt\u00e4tigen T\u00fcrk*innen voller Lebensfreude und Gastfreundschaft, die Masken mit der Aufschrift \u201e<a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=Mz4Ps40qqRc\">Enjoy, I\u2019m vaccinated</a>\u201c trugen. <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/bulent-kilic-in-istanbul-da-kapanma-fotografi-sosyal-medyanin-gundeminde-128-milyar-dolari-eritip-3-5-dolara-bel-baglayanlar-utansin,12003\">Ein eindr\u00fcckliches Foto</a> des AFP-Korrespondenten B\u00fclent K\u0131l\u0131\u00e7, der wenig sp\u00e4ter am 26. Juni 2021 beim Istanbul Pride von durchdrehenden Polizisten <a href=\"https://t24.com.tr/haber/polisin-bogazina-bastirarak-gozaltina-aldigi-afp-foto-muhabiri-bulent-kilic-orada-bir-gazeteci-oldurulmeye-calisildi,962002\">fast umgebracht wurde</a>, brachte hingegen das reale Grauen zum Ausdruck: Eine finster und ungl\u00fccklich in die Ferne blickende t\u00fcrkische Putzkraft, neben ihr lachende Tourist*innen in Saus und Braus, inmitten des ansonsten verlassenen historischen Altstadtteils Istanbuls, Fatih. \u201eTurkey Unlimited. Now available without Turks\u201c, brachte es<a href=\"https://www.reuters.com/world/middle-east/turkey-welcomes-foreign-tourists-while-locking-down-locals-2021-05-05/\"> einer</a> der zynischen Kommentare auf Social Media auf den Punkt.</p><h4><i>Aber die wahre Apotheose der Macht auf dem R\u00fccken und in Erniedrigung des Volkes, die absolute Indifferenz gegen alles Recht und alle Norm, sogar der vom Regime selbst gesetzten, das reine Regime des Dezisionismus, stellt alles andere in den Schatten.</i></h4><p>Denn f\u00fcr das Regime galten keine Ausgangsbeschr\u00e4nkungen und keine Corona-Ma\u00dfnahmen. Seit Oktober 2020 \u2013 w\u00e4hrend die T\u00fcrkei dabei war, einen der bis dahin schlimmsten Gipfel der Pandemie zu durchleben \u2013 hielt die AKP unter F\u00fchrung von Erdo\u011fan dutzende kleinere und gr\u00f6\u00dfere Provinzkongresse in geschlossenen R\u00e4umen ab und zwar mit Tausenden (!) von Teilnehmenden, gegen alles Recht und gegen alle Ma\u00dfnahmen und in totaler Ignoranz der grassierenden Pandemie. Dabei wurde der Hochmut noch <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56177899\">schamlos</a> zur Schau gestellt. Erdo\u011fan hob etwa voller Freude (!) auf dem Kongress seiner Partei in der am Schwarzmeer gelegenen Stadt Rize am 15. Februar 2021 hervor: \u201eWir halten Kongresse ab w\u00e4hrend einer Pandemie und der Kongresssalon in Rize ist zum Bersten voll!\u201c Und alle klatschen und johlen. Nat\u00fcrlich sprechen <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56184456\">einige Indizien</a> und der gesunde Menschenverstand <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/gundem/lebaleb-kongrelerin-bilancosu-agirlasiyor-ilk-10a-girdiler-6289871/\">daf\u00fcr</a>, dass diese Kongresse die Pandemie beschleunigt haben; abschlie\u00dfend l\u00e4sst sich das jedoch nicht feststellen, <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56598812\">da nicht einmal</a> die Mitglieder des wissenschaftlichen Pandemiebeirats des Gesundheitsministers genauere Kenntnis \u00fcber Ort und Grund von Infektionen besitzen. <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-dakika-bakan-kocadan-korkutan-mutasyonlu-virus-aciklamasi-1824374\">Das Einzige</a>, was der Gesundheitsminister zur Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber allen Corona-Regeln seitens seiner Partei zu sagen hatte, war: \u201eIch finde es jetzt nicht richtig, deshalb [wegen den Kongressen, A.K.] eine Geschichte \u00fcber Privilegien zu spinnen.\u201c Der Chef der Rundfunk- und Fernsehbeh\u00f6rde (RT\u00dcK) gab eine Memo <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/televizyon-kanallarina-lebaleb-talimati-ortaya-cikan-rtuk-baskani-sahin-kendini-boyle-savundu-1832926\">an alle Fernsehsender</a> durch, dass sie nicht die Kongresse zeigen sollen, sondern leere Stra\u00dfen.</p><p>Damit nicht genug. So wurden inmitten des \u201etotalen\u201c Lockdowns mehrere \u00f6ffentliche Begr\u00e4bniszeremonien von prominenten AKP-Mitgliedern oder Staatsb\u00fcrokraten abgehalten, obwohl diese verboten waren, erneut mit <a href=\"https://t24.com.tr/video/erdogan-tam-kisitlamada-kalabalik-bir-grupla-umraniye-belediye-baskani-nin-babasinin-cenaze-namazina-katildi,38494\">Hunderten</a> bis <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/02/24/ak-partiye-her-sey-serbest-kovit-yasaklari-da-hakaret-de/\">Tausenden</a> Teilnehmenden, darunter auch Ministern, dem Pr\u00e4sidenten selber, hohen B\u00fcrokrat*innen und so weiter. Die Kr\u00f6nung in der Missachtung der Corona-Ma\u00dfnahmen leistete sich erneut Erdo\u011fan: <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-erdogan-kulliye-de-iftar-verdi,945715\">Am selben Tag</a>, an dem Erdo\u011fan weitgehende Beschr\u00e4nkungen des Lebens wegen der Pandemie verk\u00fcndete (dem 13. April 2021, zu Beginn des Fastenmonats Ramadan), darunter ein Verbot gemeinschaftlichen Fastenbrechens, hielt er selbst ein gr\u00f6\u00dferes gemeinschaftliches Fastenbrechen in seinem Pr\u00e4sidentenpalast ab. Deutlicher h\u00e4tte man nicht vorf\u00fchren k\u00f6nnen, dass Gesetze nur f\u00fcr das zertretene Volk, nicht aber f\u00fcr die Damen und Herren der Macht gelten. Vom Regime organisierte Massenveranstaltungen und Demonstrationen wie beispielsweise <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/ayasofya-da-87-yil-sonra-ilk-kez-ramazan-bayrami-namazi-kilindi-tam-kapanmaya-ragmen-binlerce-kisi-katildi,12014/2\">ein Gebet</a> mit tausenden Teilnehmenden vor der Hagia Sophia zum Zuckerfest oder <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sokaga-cikma-yasagina-ragmen-turkiye-nin-bircok-ilinde-israil-protestosu-duzenlendi-araclarla-konvoy-yapildi,951694\">pro-Jerusalem Demonstrationen</a> und Autokonvois waren inmitten des \u201etotalen\u201c Lockdowns im Mai 2021 erlaubt. Die Demos der HDP oder von Feminist*innen etwa anl\u00e4sslich des Austritts aus der Istanbul Konvention oder der Istanbul Pride waren es indes nicht. Verhaftungen auf der Istanbul Pride wurden mit dem Verweis auf Corona-Schutzma\u00dfnahmen vollzogen \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/onur-yuruyusu-nde-kafeden-gozaltina-alinan-murat-kahya-anlatti-sadece-sokakta-bulunmaktan-gozaltina-islemine-tabi-tutuldum-herkes-sussun-isteniyor,962123\">selbstverst\u00e4ndlich</a> von einem Polizeioffizier veranlasst, der selbst ohne Maske durch die Gegend schrie und verhaften lie\u00df ganz nach seinem pers\u00f6nlichen gusto. W\u00e4hrend Gastronomie und Kleinhandel wegen den Auflagen und mangelnder Unterst\u00fctzung <a href=\"https://t24.com.tr/video/koronavirus-genelgesi-sonrasi-kapatilan-esnaflar-kadikoy-de-basin-aciklamasi-yapiyor,34334\">regelrecht abstarben</a> \u2013 laut Sch\u00e4tzungen sind 20-25% der Gastronomiebetriebe <a href=\"https://www.dunya.com/sektorler/restoranlar-ve-kafelerde-iflas-orani-yuzde-25e-dayandi-haberi-617935\">Bankrott gegangen</a> \u2013, <a href=\"https://twitter.com/beyogluesnafi/status/1365194040132726786\">feierten</a> AKP\u2019ler ausgelassen in geschlossenen R\u00e4umen, mit Musik und Tanz; das tat auch und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ahmet-hakan-erdogan-in-irak-basbakani-icin-verdigi-aksam-yemegini-yazdi-tum-restoranlar-kapaliyken-boyle-bir-yemegin-duzenlenmesinde-bir-sorun-gorulmuyor-mu,921830\">erneut Erdo\u011fan</a> in seinem Palast (ohne Tanz, daf\u00fcr mit vielen G\u00e4sten und Musik). Auf Ger\u00fcchte im Dezember 2020, wonach AKP-Mitglieder unter der Hand priorisiert geimpft wurden, wusste der Gesundheitsminister <a href=\"https://t24.com.tr/haber/koronavirus-asisi-geldi-el-altindan-akp-li-siyasiler-ve-yakinlarina-yapilmaya-baslandi-iddiasina-bakan-koca-dan-yanit,919757\">nur zu sagen</a>: \u201eSowas w\u00fcrden wir nicht begr\u00fc\u00dfen\u201c, was die Sache nicht besser machte. Genau so wenig wie der Umstand, dass Erdo\u011fan Anfang Juni 2021 ganz unverbl\u00fcmt im Fernsehen herausplapperte, dass er schon die <a href=\"https://www.dw.com/tr/erdo%C4%9Fana-3-doz-tepkisi/a-57757065\">3. Impfung</a> und zwar <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/cumhurbaskanligi-secimindeki-belirsizlikler-41827308\">vermutlich</a> mit dem sehr effizienten BioNTech/Pfizer-Vakzin bekommen hatte, w\u00e4hrend damals t\u00fcrkeiweit <a href=\"https://ourworldindata.org/covid-vaccinations?country=~TUR\">erst</a> <a href=\"https://ourworldindata.org/covid-vaccinations?country=~TUR\">etwa</a> 20% der Bev\u00f6lkerung eine Erstimpfung erhalten und davon nur etwa 15% vollst\u00e4ndig geimpft waren, dazu noch weitestgehend mit dem weitaus weniger effektiven Sinovac-Vakzin.</p><p>Nicht zuletzt noch die Zurschaustellung ma\u00dflosen Reichtums und der Verschwendung, deren Urspr\u00fcnge wie Ausw\u00fcchse niemandem mehr als legitim erscheinen, dazu noch inmitten der Pandemie. So wurde bekannt, dass <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/03/30/sadece-kovit-degil-erdoganin-turkiye-tablosu-da-dokuluyor/\">zahlreiche</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/04/21/ak-partiyi-yipratmak-icin-ak-partili-elitler-yeter-de-artar/\">wichtige</a> staatliche Funktionstr\u00e4ger sowie Berater von Erdo\u011fan gleich <a href=\"https://t24.com.tr/haber/rtuk-baskani-sahin-rtuk-baskanligi-disinda-halk-bankasi-yonetim-kurulu-uyeligimden-maas-aliyorum-bu-da-yasal-ve-etiktir,945232\">mehrere Geh\u00e4lter</a> beziehen und Unsummen an Geld verdienen. Der <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56610843\">Skandal um K\u00fcr\u015fat Ayvato\u011flu</a>, einem aufstrebenden J\u00fcngling im Hauptquartier der AKP, zeigt nur die Spitze des Eisbergs: Ayvato\u011flu war beim Koksen in einer Luxuskarosserie erwischt worden und wurde urspr\u00fcnglich laufengelassen, nachdem er sich auf der Polizeiwache mit: \u201edas war nur Puderzucker, wir haben das als Witz aufgezogen\u201c verteidigte. Im weiteren Verlauf des Skandals tauchten zahlreiche Bilder von ihm auf, in denen er mit unendlich viel Luxus und einflussreichen Leuten an seiner Seite posiert. Er ist nur einer von vielen zutiefst opportunistischen Gl\u00fccksrittern, die durch Anbiederung an die Macht zu Neureichen wurden, sich gerne mit M\u00e4chtigen ablichten lassen und im Abglanz der Macht baden, sowie ihren verschwenderischen Luxus ganz offen in Social Media-Profilen zur Schau stellen. Pers\u00f6nlichkeiten wie Ayvato\u011flu, der sich laut Eigenaussage aus purem Machtkalk\u00fcl bis ins AKP-Hauptquartier hocharbeitete, und die geldverschlingenden B\u00fcrokraten stehen nicht nur im extremen Widerspruch zum nach Au\u00dfen kommunizierten konservativ-islamischen Ethikverst\u00e4ndnis der AKP; die ostentative Verschwendungssucht, die darin schamlos expliziert wird, ist ein Hohn auf Alle, die unter Pandemie und Pandemiemanagement erdr\u00fcckt werden.</p><h4><i>Hochmut kommt vor dem Fall. Die haupts\u00e4chlich im Sinne von Herrschaft und Kapital betriebene Pandemiepolitik sowie die \u00f6ffentlich dargestellte Selbstapotheose der Macht hat zusammen mit der sozialen Depravation ganz wesentlich zu einem massiven Legitimationseinbruch gef\u00fchrt.</i></h4><p>Eine Mehrheit der Befragten in Meinungsumfragen <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/anket-iste-cumhurbaskani-erdogan-in-mansur-yavas-ve-ekrem-imamoglu-karsisinda-oy-orani,11163/2\">bevorzugt mittlerweile</a> das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metro-poll-arastirma-halkin-yuzde-57-7-si-guclendirilmis-parlamenter-sistem-e-gecmek-istiyor,928429\">Parlamentssystem</a> gegen\u00fcber dem \u201ePr\u00e4sidialsystem\u201c von Erdo\u011fans Gnaden; glaubt, dass sich <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/03/kriz-akp-tabanini-vurdu-mutlu-azinliktan-herkes-rahatsiz/\">die</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/03/kriz-akp-tabanini-vurdu-mutlu-azinliktan-herkes-rahatsiz/\">Wirtschaft</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metro-poll-un-son-anketi-vatandas-enflasyon-siyasi-gerilim-andimiz-istanbul-sozlesmesi-ve-merkez-bankasi-konularinda-hukumete-tepkili,944188\">wegen</a> <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-05-25/erdogan-s-poll-rating-hits-all-time-low-as-economic-woes-grow\">schlechtem Management</a> in einer Krise/<a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/anket-iste-cumhurbaskani-erdogan-in-mansur-yavas-ve-ekrem-imamoglu-karsisinda-oy-orani,11163/2\">in einem miserablen Zustand</a> <a href=\"https://tr.euronews.com/2020/11/09/metropoll-turkiye-nin-nabz-anketi-ak-parti-oylar-ilk-kez-yuzde-30-un-alt-nda\">befindet</a>; glaubt zu 80% <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-arastirmasi-cumhurbaskanligi-seciminde-erdogan-ve-mansur-yavas-karsilasmasinda-mansur-yavas-kazaniyor,924308\">nicht mehr</a> den offiziellen Inflationszahlen; vertraut laut einer von der AKP selbst aufgegebenen Umfrage <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/gundem/iste-pandeminin-fotografi-her-iki-kisiden-birinin-yakini-viruse-yakalandi-41735095\">nicht mehr</a> in das Pandemiemanagement der Regierung; hat das Vertrauen in das Justizsystem <a href=\"https://d4b693e1-c592-4336-bc6a-36c134d6fb5e.filesusr.com/ugd/c80586_9672fab5d7a042dd82d2c9eba95f125b.pdf\">fast vollst\u00e4ndig</a> <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/ozkiraz-akpye-yakin-sirketin-anketinde-erdogan-ilk-kez-kaybetti-galeri-1525679?p=6\">verloren</a>; <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-anketi-halkin-yuzde-79-1-i-pandemi-doneminde-duzenlenen-kongreleri-yanlis-buluyor,949353\">verurteilt sehr eindeutig</a> die AKP-Kongresse w\u00e4hrend der Pandemie (zu 79%) sowie das Beziehen mehrerer Geh\u00e4lter von B\u00fcrokrat*innen und Berater*innen (zu 70%); befindet, dass sich das Land und die Wirtschaft in eine <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/03/kriz-akp-tabanini-vurdu-mutlu-azinliktan-herkes-rahatsiz/\">schlechte Richtung</a> entwickeln und klagt <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/sosyo-politikin-anketi-uc-parti-baraji-geciyor-cumhur-ittifaki-yuzde-44te-galeri-1515701\">haupts\u00e4chlich</a> \u00fcber <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halk-turkiye-deki-en-acil-sorunun-gecim-sikintisi-ve-issizlik-oldugunu-dusunuyor,937423\">wirtschaftliche Probleme</a> und die <a href=\"https://tr.sputniknews.com/columnists/202101071043535483-arastirma-kendisini-ve-ailesini-gecindiremeyenlerin-orani-yuzde-511-sadece-yuzde-36-tasarruf/\">Coronakrise</a>. Immer mehr W\u00e4hler*innen von AKP und MHP springen entweder <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-secmenini-en-cok-kaybeden-parti-mhp,965341\">direkt ab</a> oder sind sich <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-isiklar-yaniyor-dan-darbe-tartismasina-donus,909368\">unsicher</a> \u00fcber ihre Parteipr\u00e4ferenz; der Anteil der Befragten, die keine klaren Wahlpr\u00e4ferenzen artikulieren (Protestw\u00e4hler*innen, Unsichere, keine Antwort), liegt mittlerweile <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-secim-anketi-bu-sonuc-akp-tarihinde-bir-ilk-1832823\">regelm\u00e4\u00dfig</a> bei <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-bu-pazar-milletvekili-secimi-olsa-hangi-parti-yuzde-kac-oy-alir,965664\">kr\u00e4ftigen 20%</a>. Nicht zuletzt sinkt die Zustimmung zu Erdo\u011fan als Pr\u00e4sident und befindet sich auf einem <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halkin-yarisindan-fazlasi-cumhurbaskani-erdogan-in-gorevini-yapis-tarzini-onaylamiyor,949034\">historischen Tief</a> und <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-uc-ayda-16-anket-sirketi-inceledi-iste-partilerin-oy-oranlari-1817641\">fast alle</a> Wahlumfrageinstitute berichten von Ergebnissen, wonach die Regierungskoalition bei einer anstehenden Wahl <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/9-farkli-sirketin-secim-anketlerinden-dikkat-ceken-sonuclar-ortaya-cikti-1815448\">nicht mehr</a> als Siegerin hervorgehen w\u00fcrde \u2013 darunter <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/ozkiraz-akpye-yakin-sirketin-anketinde-erdogan-ilk-kez-kaybetti-galeri-1525679?p=6\">sogar AKP-nahe</a> Wahlumfrageinstitute. AKP-intern werden mittlerweile <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/krizle-birlikte-akpnin-eriyen-oylari-anketlerle-gun-yuzune-cikti-iktidar-endiseli-1846283\">\u00c4ngste ge\u00e4u\u00dfert</a>, dass bei den n\u00e4chsten Wahlen Schluss sein k\u00f6nnte. Nur: Ein Legitimationseinbruch allein gen\u00fcgt nicht, wenn nicht eine \u00fcberzeugende Alternative da ist. Solange verbleibt der Dissens atomisiert und perspektivlos, jederzeit bereit dazu, zu verk\u00fcmmern oder doch beim Bestehenden zu bleiben. Ich greife dieses Thema und das Problem der Opposition am Ende des Artikels noch einmal auf. Jetzt erst mal zur Wirtschaftskrise.</p><h2><b>Die ewige Wiederkunft der gleichen Wirtschaftskrise</b></h2><p>Sp\u00e4testens seit 2013 hat sich ein Muster wirtschaftlicher Krisenanf\u00e4lligkeit in der T\u00fcrkei eingestellt, das sich alle paar Monate oder Jahre wiederholt und seit 2018 besonders versch\u00e4rft. Zeitgleich entwickelten sich die Debatten \u00fcber prim\u00e4re und sekund\u00e4re Ursachen dieser Krise weiter und die Fragen danach, was sich daraus f\u00fcr die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und Entwicklungsperspektiven innerhalb der t\u00fcrkischen Gesellschaftsformation ableiten l\u00e4sst.</p><p>Prinzipiell befindet sich der semi-periphere Neoliberalismus in der T\u00fcrkei wegen seiner Au\u00dfenabh\u00e4ngigkeit seit 2013 in einer strukturellen Krise. Das hei\u00dft, dass die t\u00fcrkische Wirtschaft sehr wesentlich auf den Import von Zwischen- und Kapitalg\u00fctern f\u00fcr die (Export-)Produktion sowie von finanziellem Kapital f\u00fcr die Finanzierung von Investitionen im Land sowie der Tilgung des Au\u00dfenhandelsdefizits angewiesen ist. Ihr fehlt dagegen weitestgehend eine eigenst\u00e4ndige Kapitalg\u00fcter- beziehungsweise technologieintensive Produktion, die ihre Au\u00dfenabh\u00e4ngigkeit reduzieren beziehungsweise das Au\u00dfenhandelsdefizit mindern k\u00f6nnte. Die derzeitige Lage begr\u00fcndet sich schlicht darauf, dass die AKP das schon vor ihr entstandene semi-periphere Modell des Neoliberalismus geerbt und vollst\u00e4ndig verankert hat. Und es liegt zugleich daran, dass die AKP den sich ihr bietenden Spielraum in der Wirtschaftspolitik nicht im Sinne eines produktiven Updates der t\u00fcrkischen Wirtschaft, sondern klientelkapitalistisch und politisch motiviert durch die <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/kamu-ozel-isbirlikleri-devletlestirilebilir-mi-makale-1500437\">Vergabe von Unmengen an Bauauftr\u00e4gen</a> in den Beton gesetzt hat (das hei\u00dft, in Sektoren gelenkt hat, die kein produktives Upgrade der Industrie m\u00f6glich machen und wenig bis keine Devisen generieren).<i> Quantitative Easing</i> und Anleihek\u00e4ufe der US-amerikanischen Zentralbank (Fed) sorgten zwar nach 2007-08 weiterhin daf\u00fcr, dass der Zufluss von ausl\u00e4ndischem finanziellen Kapital in die T\u00fcrkei nicht abnahm. Als die Fed 2013 jedoch ank\u00fcndigte, diese Programme zur\u00fcckzufahren, wurden die Kapitalfl\u00fcsse volatiler und der Wert der Lira gegen dem US-Dollar und dem Euro fing seitdem immer an zu fallen, wenn nicht besonders g\u00fcnstige internationale Umst\u00e4nde den Kapitalzufluss wieder ankurbelten. Da die seinerzeit zu sehr g\u00fcnstigen Konditionen aufgenommenen Auslandsschulden insbesondere des Privatsektors teils erheblich waren, nahm damit die Auslandsverschuldung und wegen der Importabh\u00e4ngigkeit der t\u00fcrkischen Industrie auch die Inflation permanent zu. Erdo\u011fans zunehmend unorthodox neoliberales und re-politisiertes Wirtschaftsmanagement, das eigenwillige au\u00dfenpolitische Agieren der t\u00fcrkischen Regierung sowie das Ersetzen konstitutioneller und institutioneller Mechanismen durch willk\u00fcrliche, kamen erschwerend hinzu. So f\u00fchrte ein diplomatischer Konflikt mit den USA im Sommer 2018 zu einem <a href=\"https://jacobinmag.com/2019/03/erdogan-akp-turkey-local-elections\">schweren W\u00e4hrungsschock</a>. Auslandsschulden und Importkosten explodierten, R\u00fcckzahlungsprobleme, Schuldenumstrukturierungen und Einbruch des Konsums waren die Folgen. Es folgten <a href=\"https://www.tcmb.gov.tr/wps/wcm/connect/EN/TCMB+EN/Main+Menu/Core+Functions/Monetary+Policy/Central+Bank+Interest+Rates/CBRT+INTEREST+RATES\">massive Zinserh\u00f6hungen</a> der t\u00fcrkischen Zentralbank (TCMB) bis zum Peak des Leitzinses von 25,50% im September 2018, die zwar die Attraktivit\u00e4t der t\u00fcrkischen Wirtschaft f\u00fcr ausl\u00e4ndisches Kapital und den Wert der TL aufrechterhalten sollten, aber wegen der H\u00f6he der Zinsen zus\u00e4tzlich kontraktiv auf den Kredit- wie allgemein den Binnenmarkt wirkten. Die W\u00e4hrungskrise entwickelte sich zu einer <a href=\"https://www.researchgate.net/publication/333951280_The_Making_of_Turkey&#x27;s_2018-2019_Economic_Crisis\">schweren Wirtschaftskrise</a>.</p><p>In Folge intervenierte Erdo\u011fan noch direkter in die Wirtschaftspolitik. Zum einen setzte er schon kurz vor jener W\u00e4hrungskrise seinen Schwiegersohn Berat Albayrak als Finanz- und Wirtschaftsminister ein, der eine st\u00e4rker binnenmarktorientierte Politik verfolgen sollte und hierf\u00fcr vor leichten Kapitalverkehrskontrollen, Handelsbeschr\u00e4nkungen und \u2013 im Gegensatz zum damaligen Zentralbankchef \u2013 einer von staatlichen Banken angef\u00fchrten Kreditexpansion nicht zur\u00fcckschreckte. Zum anderen ersetzte Erdo\u011fan prompt den unter hohem politischem Druck dennoch mehr oder minder nach orthodox-neoliberalen Regeln vorgehenden Zentralbankchef Murat \u00c7etinkaya durch Murat Uysal, der seinem Namen volle Ehre angedeihen lie\u00df (Uysal hei\u00dft f\u00fcgsam, willf\u00e4hrig auf T\u00fcrkisch). Er senkte die Zinsen wider die orthodoxen-neoliberalen Lehren schrittweise bis auf etwa 9% im Sommer 2020, <a href=\"https://www.statista.com/statistics/277044/inflation-rate-in-turkey/\">das hei\u00dft</a> weit unter die durchschnittliche Inflationsrate von 15,18% (2019) beziehungsweise 12,28% (2020) und somit auf ein reales Negativzinsniveau. <b>[4]</b> Beides und beide f\u00fchrten zu einer stetigen Erosion des Wertes der TL und zum Versiegen insbesondere der <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/12/turkey-economic-turmoil-is-far-from-over-increase-inflation.html\">kurzfristigen Kapitalzufl\u00fcsse</a>, sodass mitten in der Corona-Pandemie erneut eine <a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">schwere W\u00e4hrungskrise</a> einsetzte und die TL <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/11/turkey-inflation-lira-worst-performer.html\">am meisten</a> unter den W\u00e4hrungen der Schwellenl\u00e4nder abwertete. Milliarden an Dollar-Reserven der TCMB wurden verschleudert, um den Wert der TL ohne Zinshebungen zu verteidigen: Laut Aussagen von Erdo\u011fan selbst insgesamt immense <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-04-21/erdogan-says-turkey-used-165-billion-of-reserves-in-two-years\">165</a> <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-04-21/erdogan-says-turkey-used-165-billion-of-reserves-in-two-years\">Milliarden</a> $ zwischen 2019 und 2020, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/128-milyar-dolarin-perde-arkasi-1-rezervler-hangi-platformda-satildi-gizemli-protokol,30666\">laut Kritiker*innen</a> allein grob 128 Milliarden $ davon w\u00e4hrend der Coronakrise 2020 und dem erneuten W\u00e4hrungsschock im Sommer 2020. Umsonst alle Bem\u00fchungen der Sterblichen: Die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mahfi-egilmez-swap-haric-rezervler-eksi-54-1-milyar-dolar,917398\">Nettonegativreserven</a> der TCMB abz\u00fcglich der Swaps machten die Situation noch prek\u00e4rer (F\u00fcr alle, die es genauer wissen wollen: Die Devisenreserven der TCMB minus Schulden und Swaps in ausl\u00e4ndischer W\u00e4hrung: -54,1 Mrd. $, Ende November 2020; <a href=\"https://www.mahfiegilmez.com/2021/07/merkez-bankas-hakknda-bilmemiz.html\">immer noch</a> -45,57 Mrd. $ Ende Juni 2021). <b>[5]</b> Hinzu kamen erneut <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-07/turkish-lira-weakens-to-record-as-geopolitical-risks-mount\">au\u00dfenpolitische Spannungen</a> insbesondere mit den USA. Zus\u00e4tzlich wurden eine <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/12/turkey-erdogan-akp-alarming-surge-consumer-corporate-debt.html\">Kreditschwemme</a> staatlicherseits <a href=\"https://www.academia.edu/45165470/Turkey_s_Economy_Amid_the_COVID_19_Pandemic_Measures_and_Their_Impact\">haupts\u00e4chlich \u00fcber staatliche Banken</a> forciert \u2013 das gesamte Kreditvolumen wuchs um 40%! \u2013 und die schon erw\u00e4hnten Konjunkturpakete verk\u00fcndet, um die Wirtschaft zu st\u00fctzen. Die Kredite gingen <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/12/turkey-erdogan-akp-alarming-surge-consumer-corporate-debt.html\">haupts\u00e4chlich</a> an Privathaushalte, was nat\u00fcrlich die Binnennachfrage ankurbelte. <a href=\"https://www.academia.edu/44607632/Turkeys_Public_Banks_Amid_the_Covid_19_Pandemic\">Insgesamt</a> 7 Millionen Individuen bezogen Bedarfskredite (max. 10.000 TL, also etwas weniger als 1.000 \u20ac), \u00f6ffentliche Banken reichten Kredite an 180.000 kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie an 1,1 Millionen Ladenbesitzer*innen. Nach -9,9%/BIP im 2. Quartal 2021 gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum wuchs die t\u00fcrkische Wirtschaft kr\u00e4ftige 6,7%/BIP im 3. Quartal gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum. Die <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/tuik-ekonomi-ucuncu-ceyrekte-yuzde-67-buyudu-haber-1505934\">Komposition</a> des Wirtschaftswachstums indes war bezeichnend f\u00fcr den Charakter desselben und relativierte dessen Tragf\u00e4higkeit: der inl\u00e4ndische Konsum wuchs um 9%, die Industrie immerhin um 8%, aber das Finanz- und Versicherungswesen um ganze 41,1%. Von den niedrigen Zinsen hatten ja nicht nur die KMU und die privaten Konsument*innen profitiert, sondern nat\u00fcrlich auch die gro\u00dfen Privatbanken, die billig an TL rankamen, um diese teurer weiter zu geben oder zu handeln (wor\u00fcber sich wiederum die KMU, die weiterhin auch auf Privatbanken angewiesen blieben, <a href=\"https://www.dunya.com/finans/haberler/tobb-baskani-hisarcikliogludan-bankalara-yuksek-faiz-elestirisi-haberi-606968\">lautstark beschwerten</a>).</p><p>Schrille T\u00f6ne folgten: So sprach Erdo\u011fan von einem \u201e<a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-31/turkey-fighting-against-unholy-trinity-in-economy-erdogan-says\">wirtschaftlichen Befreiungskrieg</a>\u201c wie im sp\u00e4ten Osmanischen Reich; der Finanz- und Wirtschaftsminister Albayrak deklarierte \u00f6ffentlich, dass ihm der Wert des Dollars <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hazine-ve-maliye-bakani-berat-albayrak-dolarla-ugrasmiyoruz-istesek-dusururuz,913487\">egal sei</a>. Der willf\u00e4hrige Zentralbankchef erkl\u00e4rte Ende Oktober 2020 ebenfalls, dass die TCMB kein Ziel bez\u00fcglich des Werts der TL verfolge \u2013 was zwar strenggenommen dem Mandat der Zentralbank entspricht (keine Devisenfokussierung, sondern Preis- und ergo Inflationsfokussierung), aber mit den Zus\u00e4tzen des Zentralbankchefs: \u201eder Wert der Lira ist extrem niedrig\u201c und \u201edie Wertlosigkeit der TL ist ein Risiko f\u00fcr die Preisstabilit\u00e4t\u201c, ein sehr offen kommuniziertes <a href=\"https://t24.com.tr/haber/merkez-bankasi-yil-sonu-enflasyon-tahminini-yuzde-12-1-e-cekti,911785\">Eingest\u00e4ndnis</a> der prek\u00e4ren Situation und der Handlungsohnmacht der TCMB darstellte. Verst\u00e4ndlicherweise kollabierte der Wert der TL daraufhin nat\u00fcrlich nochmals. <b>[6]</b> Allein in jener Woche <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-28/lira-heads-for-biggest-monthly-decline-this-year-inside-turkey\">verschleuderte</a> die TCMB angeblich an die eine Milliarde Dollar an Devisenreserven, um den Wert der TL zu halten \u2013 v\u00f6llig umsonst. <a href=\"https://www.bloomberght.com/doviz/dolar\">Von etwa</a> 6 TL pro Dollar Anfang 2020 fiel der Wert der TL auf bis zu 8,5 TL pro Dollar Anfang November 2020. Aber schon im August/September 2020 hatte sich wegen der prek\u00e4ren Situation wieder eine 180\u00b0-Kehrtwende <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/ekonomide-u-donusu-demokratiklesme-degil-otoriter-konsolidasyon-getirebilir-makale-1504645\">angek\u00fcndigt</a>, die dann sukzessive vollzogen wurde: Auf die massive Kreditexpansion folgte eine massive Kreditkontraktion der \u00d6ffentlichen und die Zinsen der TCMB wurden <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/merkez-bankasi-piyasalari-ters-kose-yapti-dolar-uctu-haber-1502396\">zuerst durch die Hintert\u00fcr</a> und dann zaghaft <a href=\"https://www.tcmb.gov.tr/wps/wcm/connect/en/tcmb+en/main+menu/announcements/press+releases/2020/ano2020-58\">auch explizit</a> erh\u00f6ht, obzwar der Leitzins immer noch unter der Inflationsrate blieb. Gekr\u00f6nt wurde diese Kehrtwende erneut durch eine Ersetzung des Zentralbankchefs seitens Erdo\u011fans in einer spontanen Aktion vom 6. November 2020. Finanz- und Wirtschaftsminister Berat Albayrak reichte daraufhin seinen R\u00fccktritt ein \u2013 per Instagram, wohlgemerkt (und widerlegte damit \u00fcbrigens linksliberale Fehlvorstellungen, wonach Erdo\u011fans Politik <a href=\"https://www.ft.com/content/5ba8d28a-2550-446a-8cd5-92e33caff637\">nur mehr</a> \u201eklientelistische Familienpolitik\u201c sei). Und das Pendel der mittlerweile bekannten wirtschaftspolitischen Taktik der permanenten Kehrtwenden schlug erneut in die entgegengesetzte, orthodox-neoliberale Richtung aus: Der neue Finanzminister L\u00fctfi Elvan wie auch der neue Zentralbankchef Naci A\u011fbal k\u00fcndigten in <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/11/turkey-new-finance-minister.html\">sehr klaren Worten</a> eine <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/elvan-ortak-akilla-gerekli-duzenlemeleri-yapacagiz-haber-1504806\">neoliberale Geld- und Fiskalpolitik</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tcmb-baskani-naci-agbal-2021-yili-para-ve-kur-politikasi-ni-acikliyor,920953\">an</a> (hohe Zinsen, Kreditkontraktion, Ausgabenk\u00fcrzungen). Erdo\u011fan sprach davon, dass \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/dolar-kuru-8-liranin-altina-indi,914186\">die bittere Pille</a> geschluckt\u201c werden m\u00fcsse. Und erneut fand, diesmal schon als Farce der Farce, der x-te zweite Fr\u00fchling in der Beziehung zwischen AKP und Gro\u00dfkapital statt: Innerhalb k\u00fcrzester Zeit <a href=\"https://www.bloomberght.com/yabancilar-tcmb-nin-faiz-artirimini-olumlu-karsiladi-2269011\">stieg</a> der TCMB-Leitzins um mehr als 400 Basispunkte gerade noch so ein bisschen \u00fcber das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hazine-ve-maliye-bakani-yuksek-enflasyonun-vatandasimiz-uzerindeki-etkilerini-en-aza-indirmek-icin-tum-gucumuzle-calisiyoruz,918471\">Inflationsniveau</a> auf 15% an (die Inflation lag im November 2020 bei 14%, daher wurde der Leitzins bis <a href=\"https://www.ft.com/content/4fd66e78-3ba8-4bd9-8a31-bfbb9605284a\">Ende des Jahres</a> auch auf bis zu 17% gehoben, um einen positiven Realzins zu garantieren). Eine Welle an Kapital kam <a href=\"https://www.bloomberght.com/ekonomide-yeni-donem-mesajlarinin-verildigi-haftada-yabancilarin-alimi-3-yilin-zirvesinde-2269010\">ins Land geflossen</a>, die Lira gewann <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-02-11/turkish-corporate-debt-rallies-as-lira-rebound-adds-funding-room\">stetig an Wert</a>, der Hauptverband des Gro\u00dfkapitals, die Vereinigung t\u00fcrkischer Industrieller und Gesch\u00e4ftsleute (<i>T\u00fcrk Sanayicileri ve \u0130\u015f \u0130nsanlar\u0131 Derne\u011fi</i>, T\u00dcSIAD), und gro\u00dfe internationale Player wie die<i> Soci\u00e9t\u00e9 G\u00e9n\u00e9rale</i> <a href=\"https://www.bloomberght.com/tusiad-in-faiz-artisi-yorumu-2269022\">gratulierten</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tuncay-ozilhan-yuksek-reel-faize-dayali-sok-tedavi-uzun-sure-kullanilmamali,918501\">gleich</a> <a href=\"https://www.bloomberght.com/tusiadkaslowski-reform-adimlarinin-atilacagina-inaniyoruz-2269550\">mehrmals</a> euphorisch zur \u201eneuen\u201c Wirtschaftspolitik. Mehrere Treffen mit Verb\u00e4nden der KMU wie auch des Gro\u00dfkapitals wurden gehalten und erneut Einigkeit erzielt; ja <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/01/29/sermayenin-erdoganla-dansi-figurler-zarif-ama-muzik-sert/\">sogar ein Gremium</a> f\u00fcr die Kontrolle der stark umstrittenen Inflationsberechnungen des T\u00dcIK gegr\u00fcndet, in dem Vertreter des Gro\u00dfkapitals sa\u00dfen, um das Vertrauen kapitalistischer Akteure in die regulativen Institutionen des Staates weiter zu festigen.</p><p>Eigentlich ist das Muster dieser wirtschaftspolitischen Taktik der permanenten Kehrtwenden, \u201e<a href=\"https://newleftreview.org/sidecar/posts/erdogans-zigzags\">Erdo\u011fans Zigzag\u2019s</a>\u201c, <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yeni-ekonomi-yonetimi-eski-bir-drama-makale-1504320\">altbekannt</a> und wird seit Jahren praktiziert.</p><h4><i>Ist der Druck wegen Kapitalabfluss und W\u00e4hrungsverfall auf Inflation und Zinsen so gro\u00df, dass sie binnenmarktorientierte KMU zu stark gef\u00e4hrdet, schl\u00e4gt das Regime um Erdo\u011fan eine aus der Perspektive neoliberaler Orthodoxie heterodoxe Wirtschaftspolitik der Kreditexpansion, Niedrigzinsen, teils staatlich gest\u00fctzter Billigdevisen und \u00e4hnlicher Ma\u00dfnahmen ein.</i></h4><p>Diese Kehrwende wird dann mit reichlich nationalistisch-antiimperialistischer Rhetorik ideologisch verkleidet, zieht regelm\u00e4\u00dfig die Kritik des Gro\u00dfkapitals und der linksliberalen Antiautorit\u00e4ren auf sich und f\u00fchrt letztlich oft zu einer Versch\u00e4rfung der Krisenelemente: Fall der Lira, noch h\u00f6here Inflation, daher noch h\u00f6herer Druck auf die Zinsen, Versiegen der Kapitalfl\u00fcsse und Versch\u00e4rfung der innerkapitalistischen Antagonismen. Sobald genug Zeit erkauft wurde, um die binnenmarktorientierten Kapitale und KMU kurzfristig zu retten, und der Druck der internationalen Finanzm\u00e4rkte, in die die T\u00fcrkei ja organisch eingebettet ist, zu hoch wird, wird dann erneut eine 180\u00b0-Kehrtwende hin zu einer augenscheinlich orthodoxen neoliberalen Wirtschaftspolitik eingeschlagen. Es werden Reformen und Bekenntnisse zum freien Markt, zu makro\u00f6konomischer Stabilit\u00e4t, Berechenbarkeit, Transparenz etc. verk\u00fcndet \u2013 bis zur n\u00e4chsten Krise, in der dann wieder um 180\u00b0 gewendet wird, und so weiter bis zum J\u00fcngsten Gericht. Dass nicht nur die Gro\u00dfbourgeoisie der T\u00fcrkei, sondern auch die \u201einternationalen Finanzm\u00e4rkte\u201c jedes Mal wieder die eine Seite der 180\u00b0-Wende, n\u00e4mlich die orthodox-neoliberale, voller Gl\u00fcck empfangen wie Kinder ein frisch lackiertes Schaukelpferd, und wider besseren Wissens ignorieren, dass die n\u00e4chste Kehrtwende wieder kommt, l\u00e4sst sich vielleicht auch als Symptom des Zustands des globalen Kapitalismus lesen: Hauptsache es funktioniert jetzt, egal was sp\u00e4ter kommt, denn es gibt ja doch nichts besseres.</p><p>Auch dieses Mal zeichnete sich eigentlich recht fr\u00fch die Verg\u00e4nglichkeit der orthodox-neoliberalen Kehrtwende ab. Noch wenige Tage nach dem Wechsel in der Wirtschaftspolitik und den verantwortlichen B\u00fcrokraten sprach Erdo\u011fan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-buralara-vesayetin-parasutuyle-gelmedik-zorluklari-tecrube-ederek-buralara-geldik,915569\">schon davon</a>, dass er am liebsten wieder sehr fr\u00fch <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/erdogandan-faiz-yorumu-bazi-aci-ilaclari-icmemiz-gerekiyor-haber-1505058\">niedrigere Zinsen</a> sehen w\u00fcrde. Hardcoreberater von Erdo\u011fan wie der Ex-Marxist-jetzt-Stiefellecker Cemil Ertem oder die Speerspitzen der Revolverpresse schossen <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/naci-agbal-in-yalnizligi-bestepe-ve-akp-de-herkes-onun-politikalarina-karsi,29560\">eine Salve nach der anderen</a> auf den neuen Zentralbankchef ab. Was kam, war also schon l\u00e4ngst gewusst und zudem mit Fanfaren angek\u00fcndigt. <i>Amor fati</i> aber lautete das Lebensmotto; und allzu erwartbar war also auch die Wiederkunft der ewig selben Wirtschaftskrise. Konkretes zeichnete sich im M\u00e4rz 2021 ab: Keine zwei Monate nach Ank\u00fcndigung der Errichtung des Kontrollgremiums f\u00fcr die Inflationszahlen wurde dieses sang- und klanglos <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/tuik-te-iki-aylik-peri-masali-bitti-danisma-kurullarinin-lagvi-bakan-elvan-a-mesaj-mi,30173\">begraben</a>. Hinter den Kulissen munkelte man, der neue Finanzminister und der neue Zentralbankchef h\u00e4tten <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/elvan-ve-agbal-a-hazine-bakanligi-ve-merkez-bankasi-nda-kendi-ekiplerini-kurma-izni-neden-verilmiyor,30139\">kaum Entscheidungsmacht</a> innerhalb ihrer jeweiligen Bereiche; und ein Reformpaket f\u00fcr die Wirtschaft kam \u00fcber <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/erdal-saglam/ekonomik-reform-paketini-kim-tirpanladi-1820906\">wohlklingende Worth\u00fclsen</a> nicht hinaus. Als sich dann der Zentralbankchef angesichts der hohen Inflationsrate in den USA <b>[7]</b> trotzdem traute, die Zinsen <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-03-18/turkey-delivers-bigger-than-expected-rate-hike-to-rein-in-prices\">nochmal</a> um 2% auf 19% zu heben und \u2013 so hei\u00dft es \u2013 <a href=\"https://www.reuters.com/article/turkey-cenbank-int-idUSKBN2BN1H4\">Untersuchungen anstellte</a>, wie und warum so viele Devisenreserven der TCMB verschleudert wurden, da war dann Schluss mit lustig. Wenige Tage nach dieser Zinsentscheidung, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vom 19. auf den 20. M\u00e4rz 2021, wurde der Zentralbankchef erneut <a href=\"https://www.bloomberght.com/merkez-bankasi-baskani-naci-agbal-gorevden-alindi-2277022\">per pr\u00e4sidialem Dekret</a> ausgewechselt. Anstatt seiner wurde erneut ein ehemaliger AKP-Parlamentarier eingewechselt, \u015eahap Kavc\u0131o\u011flu, der noch einen Monat zuvor im Flaggschiff der Revolverpresse,<i> Yeni \u015eafak</i>, <a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/sahap-kavcioglu/enflasyon-faiz-ve-doviz-kuru-2057586\">ganz aggressiv</a> die Meinung vertreten hatte, dass die Zinsen zu senken seien. Und so kam dann, was kommen musste: <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-03-21/turkey-bulls-are-wrong-footed-after-central-bank-hawk-s-ouster\">Kaum</a> \u00f6ffnete die Istanbuler B\u00f6rse wieder am 21. M\u00e4rz, musste sie gleich zweimal im Laufe des Tages wegen zu gro\u00dfen Kurseinbr\u00fcchen schlie\u00dfen. Erneut kam es mit <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-dunya-56495233\">1400% Zinsen</a> auf TL-Swaps zu einer TL-Klemme im Londoner Devisenmarkt und innerhalb einer einzigen Woche waren <a href=\"https://www.bloomberght.com/doviz/dolar\">fast alle</a> die m\u00fchsamen Gewinne der TL gegen\u00fcber dem $ von \u00fcber f\u00fcnf Monaten zunichte gemacht geworden. Absurderweise senkte der neue Zentralbankchef \u2013 vermutlich \u00fcberrannt von den heftigen Reaktionen der Finanzm\u00e4rkte \u2013 <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-04-15/turkey-holds-rates-in-first-meeting-under-new-central-banker\">noch nicht einmal</a> die Zinsen und <a href=\"https://www.bloomberght.com/tcmb-baskani-kavcioglu-nun-ilk-ozel-roportaji-2277484\">gab</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/merkez-bankasi-baskani-kavcioglu-erken-gevseme-beklentisi-ortadan-kalkmali,956322\">sogar</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/merkez-bankasi-baskani-sahap-kavcioglundan-flas-mesajlar-1824350\">mehrmals durch</a>, dass er sich an die orthodox-neoliberalen Spielregeln halten w\u00fcrde. Der Zentralbank-Leitzins steht daher immer noch bei 19%, wobei die Inflationsrate mittlerweile fast ebenso hoch ist und daher starken Druck auf den Leitzins nach oben aus\u00fcbt, anstatt wie erhofft einen kleinen Spielraum f\u00fcr die Senkung der Zinsen zu liefern. Auch der Finanzminister \u2013 der nicht entlassen wurde \u2013 <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-03-22/turkey-says-no-step-back-from-free-markets-after-lira-crash\">beteuerte</a> hilflos die freien M\u00e4rkte, das liberale Devisenregime und dergleichen. Es nutzte aber alles nichts. Tiefe Entt\u00e4uschung sodann, <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/tusiad-yik-baskani-ozilhan-ekonomi-yonetimini-elestirdi-1824292\">erneut</a>, beim Gro\u00dfkapital: eineinhalb Jahre \u00f6konomischer Reformpakete seien ergebnislos geblieben, ohne Berechenbarkeit sei nichts zu machen, die T\u00fcrkei verpasse den Anschluss an die Welt wie schon zu Ende der 1970er, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tusiad-de-genel-kurul-gunu-ozilhan-rezervlerden-doviz-satmak-ancak-kisa-vadede-ise-yarar-kaslowski-3-yildir-aciklanan-ekonomik-paketler-sonuc-vermedi,942481\">so</a> der T\u00dcSIAD.</p><p>Zwar ist die T\u00fcrkei wegen der massiven Kreditexpansion und den niedrigen Zinsen nach China <a href=\"https://www.aa.com.tr/en/economy/turkish-economy-grows-18-in-2020/2160307\">das einzige Land</a> innerhalb der G20, das das Jahr 2020 mit einem <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/03/01/buyume-yuzde-18-ekonomik-gorunum-nasil/\">wirtschaftlichen Plus</a> abschloss (1,8% BIP-Wachstum in der T\u00fcrkei f\u00fcr das ganze Jahr). Auch im neuen Jahr w\u00e4chst die t\u00fcrkische Wirtschaft bislang <a href=\"https://t24.com.tr/haber/turkiye-2021-in-ilk-ceyreginde-yuzde-7-buyudu,955702\">kr\u00e4ftig weiter</a> (7%/BIP-Wachstum im 1. Quartal 2021 gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum). Aber nicht nur blieben die strukturellen Defizite des t\u00fcrkischen Neoliberalismus wie die finanzielle Au\u00dfenabh\u00e4ngigkeit und das gro\u00dfe <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/12/turkey-erdogan-akp-alarming-surge-consumer-corporate-debt.html\">Leistungsbilanzdefizit</a> (-5,1%/BIP, 2020) bestehen, welches weiterhin mit ausl\u00e4ndischem Kapital finanziert werden muss. Es gesellte sich auch noch ein gr\u00f6\u00dferes staatliches Defizit (-3,7%/BIP, 2020) hinzu, das logischerweise zu einer <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/01/turkey-economy-public-debt-is-growing-generating-risks.html\">betr\u00e4chtlichen Erh\u00f6hung</a> der einst eigentlich recht niedrigen Staatsverschuldung auf 40%/BIP (2018: 29%, 2019: 31%) f\u00fchrte \u2013 wovon <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/01/turkey-economy-public-debt-is-growing-generating-risks.html\">mehr als die H\u00e4lfte</a> in ausl\u00e4ndischer W\u00e4hrung besteht. Das hei\u00dft: Auf den Wertverlust der Lira folgt nicht nur Zunahme der Verschuldung der Privaten, sondern auch des Staates. Mittlerweile hat Erdo\u011fan ein <a href=\"https://haber.sol.org.tr/haber/erdogandan-akplileri-uzen-tasarruf-genelgesi-cumhurbaskanligi-muaf-308251\">umfassendes Sparpaket</a> f\u00fcr alle staatlichen Institutionen und Ministerien ver\u00f6ffentlicht \u2013 ausgenommen nat\u00fcrlich des Pr\u00e4sidialamtes. Ebenfalls nahm wegen der Kreditschwemme und dem W\u00e4hrungsverfall die (Privat-)Verschuldung enorm zu (75%/BIP <a href=\"https://data.worldbank.org/indicator/FS.AST.PRVT.GD.ZS?locations=TR\">Inlandsverschuldung</a> der Privaten, insgesamt 60%/BIP <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/02/turkey-foreign-debt-risks-hover-over-turkish-lira-recovery.html\">Auslandsverschuldung</a> privat und \u00f6ffentlich), wobei <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/05/further-depreciation-turkish-lira-appears-inevitable\">alleine</a> 200 Milliarden $ an Schulden (etwa 25%/BIP) in ausl\u00e4ndischer W\u00e4hrung haupts\u00e4chlich des Privatsektors kurzfristig, das hei\u00dft innerhalb von 12 Monaten umzuw\u00e4lzen sind.</p><p>Die zu erwartende Explosion der <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/bankalarin-batik-kredileri-hakkinda-gec-olmadan-konusmamiz-lazim,31117\">Rate notleidender Kredite</a> (<i>non-performing loans</i>, NPL) konnte nur mittels tempor\u00e4rer Ma\u00dfnahmen verdeckt werden: Wurden fr\u00fcher 90 Tage \u00dcberziehung von Kreditratenr\u00fcckzahlungen als notleidende Kredite klassifiziert, so erlaubte die Regierung w\u00e4hrend der Pandemie eine Ausweitung auf 180 Tage. Daher betr\u00e4gt derzeit der Anteil der NPL an allen Krediten offiziell 3,79%; nach fr\u00fcherer Darstellung berechnet jedoch 4,43%. Rechnet man alle Kredite hinzu, die in irgendeiner Weise R\u00fcckzahlungsschwierigkeiten aufweisen, kommt man auf einen Anteil problematischer Darlehen von 15% an allen Krediten. Zudem wurden Darlehen in Milliardenh\u00f6he umstrukturiert; das hei\u00dft, es wurden R\u00fcckzahlungskonditionen von bestehenden Krediten im Sinne der Schuldner ver\u00e4ndert (beispielsweise mittels Ratenaufschub, oder blo\u00dfer Zinszahlung f\u00fcr eine bestimmte Zeit). So wurden <a href=\"https://www.dunya.com/finans/haberler/178-firmanin-38-milyar-lira-borcuna-yapilandirma-haberi-619418\">beispielsweise</a> zwischen Oktober 2019 und M\u00e4rz 2021 Kredite von 178 Unternehmen in H\u00f6he von 38 Milliarden TL umstrukturiert. Anfang Juli dieses Jahres kam es zur bislang <a href=\"https://www.bloomberght.com/istanbul-havalimani-isletmecisinden-turkiye-tarihinin-en-buyuk-refinansmani-2284223\">gr\u00f6\u00dften Refinanzierungsaktion</a> der t\u00fcrkischen Geschichte: Bezeichnenderweise war es die den dritten Istanbuler Flughafen bedienende Operateurin IGA, die ganze 6,9 Milliarden $ Schulden refinanzieren lie\u00df. <a href=\"https://www.academia.edu/44607632/Turkeys_Public_Banks_Amid_the_Covid_19_Pandemic\">Schon 2018</a> betrug die H\u00f6he der Kreditrestrukturierungen f\u00fcr Unternehmen 30 Milliarden $. Aber darauf zu spekulieren, dass Unternehmen, die heute Kredite nicht mehr zur\u00fcckzahlen k\u00f6nnen, morgen pl\u00f6tzlich wieder in der Lage hierzu sind, stellt eine sehr riskante Flucht in die Zukunft dar. Man denke an das an sich unbedeutende Unternehmen Diriteks Tekstil, dessen B\u00f6rsenwert im Jahr 2020 um ganze 246% zulegte. Diriteks Tekstil musste Anfang des Jahres schon Schulden von \u00fcber einer Million TL restrukturieren, konnte die erste R\u00fcckzahlungsrate trotz g\u00fcnstiger Konditionen dennoch nicht zahlen und sah sich folgerecht einem Vollstreckungsverfahren seitens des Gl\u00e4ubigers, der \u00f6ffentlichen Halk Bank, <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/zombilerin-yukselisi-makale-1502135\">ausgesetzt</a>. Ein \u00d6konom der Europ\u00e4ischen Bank f\u00fcr Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) spricht mit Bezug auf die notleidenden Kredite in der T\u00fcrkei treffend vom \u201e<a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-12/turkey-s-credit-boom-seen-at-risk-of-backfiring-into-bad-loans\">elefant-in-the-room</a>\u201c. Und nicht ohne Grund sind die Profite der \u00f6ffentlichen Banken \u2013 die ja zu jener Kreditschwemme zu realen Negativzinsen politisch forciert wurden \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kamu-bankalarinin-karinda-sert-dusus-vakifbank-in-kari-yuzde-56-halkbank-in-yuzde-92-azaldi,951544\">ins Bodenlose gefallen</a> und gehen mittlerweile <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/ekonomi/kamu-bankalarindan-iki-ayda-11-milyar-tllik-zarar-iki-nedeni-var-6512170/\">ins Minus</a>.</p><p>Der Wert der Lira f\u00e4llt indes weiter. Die Dollarisierung der Einlagen, also der Anteil von $-Bankeinlagen an allen Bankeinlagen, als Schutz vor W\u00e4hrungsverfall und Inflation betr\u00e4gt weiterhin <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/05/further-depreciation-turkish-lira-appears-inevitable\">fast 60%</a>, die Inflation ist mit <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/turkish-inflation-climbs-two-year-high-likely-delaying-interest-rate-cut\">mittlerweile 18,95%</a> (Juli) erneut stark gestiegen und die Schere zwischen der Inflation der Produzentenpreise und der Verbraucherpreise <b>[8]</b> hat mit fast 26% mittlerweile einen <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/fiyatlara-uretici-farki-sonbaharda-geliyor-haberi-627126\">historischen H\u00f6chststand</a> erreicht. Diese Entwicklung wird sich sehr sicher in kurzer Zeit auf die Verbraucherpreise niederschlagen. Kaum jemand glaubt mehr den erw\u00e4hnten Inflationszahlen des T\u00dcIK; alternative Berechnungen der Untersuchungsgruppe Inflation (<i>Enflasyon Ara\u015ft\u0131rma Grubu</i>, ENAG) gehen von einer fast dreifachen Inflationsrate (<a href=\"https://twitter.com/ENAGRUP/status/1345997008117649408\">36%</a> f\u00fcr 2020) als der offiziell angegebenen aus. Es verwundert nicht, dass die ENAG wegen \u201egezielter Verleumdung\u201c und \u201eIrref\u00fchrung der \u00d6ffentlichkeit\u201c <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-05-08/turkish-researchers-face-fines-for-publishing-own-inflation-data\">prompt</a> seitens des T\u00dcIK und des Finanzministers angezeigt und vom Staatsanwalt vorgeladen wurde.</p><h4><i>Lange Rede, kurzer Sinn: Die kr\u00e4ftigen Wachstumszahlen verdecken nicht nur die Ausma\u00dfe der sozialen Depravation, sondern \u00fcberhaupt die fundamentale Instabilit\u00e4t des Akkumulationsregimes und des Krisenmanagements.</i></h4><p>Diese werden seit Jahren palliativ behandelt, wobei sich Instabilit\u00e4t und Krisen Jahr um Jahr versch\u00e4rfen. Ob und wann sich diese Instabilit\u00e4t erneut als manifeste Krise Bahn bricht, steht in den Sternen geschrieben. Fest steht jedoch: Umso mehr sie sich versch\u00e4rft, umso heftiger bricht sie hervor, wenn es soweit ist. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt: Das ist immer wieder der Fall. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der stets wiederkehrende Zyklus aus struktureller Instabilit\u00e4t \u2013 Krise \u2013 palliatives Krisenmanagement beendet wird, solange das derzeitige politische und Akkumulationsregime bestehen bleibt.</p><h2><b>Das Unbehagen im Akkumulationsregime</b></h2><p>Im Unterschied zu den untergeordneten Kapitalfraktionen geht es dem Gro\u00dfkapital unmittelbar ganz pr\u00e4chtig: Die gr\u00f6\u00dften Kapitalgruppen und Privatbanken der T\u00fcrkei wie <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/koc-holding-2020de-927-milyar-tl-kar-etti-1814053\">Ko\u00e7</a>, Sabanc\u0131, \u0130\u015f Bankas\u0131 und so weiter legten <a href=\"https://www.birgun.net/haber/ulkede-kriz-yasanirken-koc-ve-sabanci-net-karini-ikiye-katladi-321976\">2020</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/koc-holding-in-konsolide-cirosu-ilk-ceyrekte-5-kat-artti-ceo-cakiroglu-son-5-yilda-43-3-milyar-tl-yatirim-yaptik,951019\">wie auch</a> <a href=\"https://www.bloomberght.com/sabanci-ilk-ceyrekte-krini-47-artirdi-2279847\">bisher</a> im Jahr 2021 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/is-bankasi-ilk-ceyrek-karini-yillik-bazda-yuzde-27-artirdi,952180\">kr\u00e4ftig zu</a>, an Ums\u00e4tzen so sehr wie an Profiten. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/iso-500-aciklandi-iste-pandemi-yilinda-sanayinin-devleri-haberi-622485\">gr\u00f6\u00dften 500 Industrieunternehmen</a> der T\u00fcrkei, deren gr\u00f6\u00dfte zu ebenen jenen Kapitalgruppen geh\u00f6ren \u2013 auch wenn ihre Verschuldung und Schuldenr\u00fcckzahlungen ebenfalls zunahmen und sich ihre kr\u00e4ftigen Profitsteigerungen haupts\u00e4chlich aus dem nicht-operativen Gesch\u00e4ft ergaben (also au\u00dferhalb ihres industriellen Kerngesch\u00e4fts liegend, z.B. im Finanzwesen). Woher kommt also das Unbehagen der f\u00fchrenden \u00f6konomischen Akteure im Akkumulationsregime? Warum beschwert sich der T\u00dcSIAD fast durchgehend \u00fcber das derzeitige Regime (au\u00dfer es legt mal wieder eine orthodox-neoliberale Wende hin)?</p><h4><i>Marxistische Theoretiker*innen und Kritiker*innen haben \u00fcberzeugend dargestellt, dass Erdo\u011fans weiter oben dargestellten permanenten \u201eZigzag\u2019s\u201c nicht einer pers\u00f6nlichen Schrulle des Pr\u00e4sidenten entspringen oder gar einer islamistischen Ideologie, wie es \u00f6fter aus (links-)liberalen Kreisen zu h\u00f6ren ist.</i></h4><p>Es handelt sich vielmehr um einen immer prek\u00e4rer werdenden Balanceakt des Regimes zwischen den \u00f6konomischen Interessen des Gro\u00dfkapitals und denen der KMU, wobei die letzteren gemeinsam mit ihren Besch\u00e4ftigten zur Hauptw\u00e4hler*innenbasis des derzeitigen Regimes geh\u00f6ren. In Abgrenzung zu liberalen Analyseans\u00e4tzen tendieren die marxistischen dennoch oft in eine allzu rigide strukturalistische Richtung: Die These vom \u201e<a href=\"https://www.taylorfrancis.com/chapters/edit/10.4324/9781003098638-5/making-new-neoliberal-state-turkey-melehat-kutun\">neuen Neoliberalismus</a>\u201c legt beispielsweise nahe, dass der Autoritarismus Erdo\u011fans eine geradezu notwendige Folge der Krise des finanzialisierten Neoliberalismus (in der T\u00fcrkei) darstellt. Dabei streben doch gerade die b\u00fcrgerliche Opposition in der T\u00fcrkei und die \u00f6konomisch dominanten Akteure, das Gro\u00dfkapital, eine Perspektive der Restauration des Neoliberalismus anstelle des derzeitigen dezisionistischen Regimes an. Der Marxist \u00dcmit Ak\u00e7ay <a href=\"https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13569775.2020.1845920\">hebt zwar hervor</a>, dass die bisher gr\u00f6\u00dfte Krise des Regimes, die sich durch den Gezi-Aufstand 2013 manifestierte, nicht unmittelbar aus einer Krise des Akkumulationsregimes folgte. Er f\u00fchrt aus, dass es so etwas wie \u201e[t]he political elite\u2019s survival strategies\u201c (S. 10) gab, die zu einer Staatskrise und dann zum Wandel des politischen Regimes hin zur pr\u00e4sidialen Diktatur f\u00fchrten \u2013 sprich, sich politische K\u00e4mpfe nicht eins zu eins auf die Verh\u00e4ltnisse im Akkumulationsregime zur\u00fcckf\u00fchren lassen. Gleichzeitig bleiben sie davon auch nicht g\u00e4nzlich unabh\u00e4ngig, da beispielsweise im betreffenden Fall die Akkumulationskrise die Staatskrise versch\u00e4rfte. Dann aber ordnet Ak\u00e7ay den politischen Autoritarismus in der T\u00fcrkei dem allgemeinen globalen Trend zum Autoritarismus angesichts wirtschaftlicher Stagnation zu und identifiziert \u00fcberhaupt politischen Autoritarismus mit Neoliberalismus, den er als \u2013 ausschlie\u00dfliche? \u2013 <a href=\"https://newleftreview.org/sidecar/posts/erdogans-zigzags\">Ursache</a> f\u00fcr jenen Autoritarismus betrachtet \u2013 als ob das eine zwangsl\u00e4ufig aus dem anderen folgte. Auch historisch betrachtet ist dies ungen\u00fcgend: Als sei es nach Thatcher und Reagan nicht zur Formation eines \u201eprogressiven Neoliberalismus\u201c gekommen; als g\u00e4be es aktuell nicht Biden in den USA, den Aufschwung des Gr\u00fcnen Kapitalismus in Europa und die neoliberale Restaurationsperspektive in der T\u00fcrkei als reale Alternativen f\u00fcr die dominanten Fraktionen des Kapitals.</p><p>Der Marxist Ali R\u0131za G\u00fcrgen hebt gegen liberale Ans\u00e4tze <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/sermayeyi-agirlamak-makale-1509511\">hervor</a>, dass nicht der Autoritarismus von Erdo\u011fan f\u00fcr die prek\u00e4re Situation der internationalen Kapitalfl\u00fcsse in die T\u00fcrkei verantwortlich sei, sondern \u2013 so legt es sein Artikel nahe \u2013<i> ausschlie\u00dflich</i> der globale Kontext, das hei\u00dft die globale Krise des Kapitalismus im Zuge der Coronapandemie, die ein Versiegen der Kapitalstr\u00f6me in die Peripherie mit sich brachte. Es stimmt nat\u00fcrlich, dass die t\u00fcrkische Wirtschaft wegen ihrer abh\u00e4ngigen Finanzialisierung auf internationale Kapitalstr\u00f6me besonders sensibel reagiert. Warum dann aber beispielsweise letztes Jahr die Lira derjenigen W\u00e4hrung der Schwellenl\u00e4nder wurde, die am st\u00e4rksten abwertete, obwohl alle Schwellenl\u00e4nder mehr oder minder im selben globalen Kontext operieren und alle mehr oder minder von internationalen Kapitalfl\u00fcssen abh\u00e4ngen, l\u00e4sst sich nicht allein damit erkl\u00e4ren.</p><h4><i>Selbstverst\u00e4ndlich hat die Politik und damit auch die unvorhersehbare \u2013 oder eigentlich: vorhersehbar im Zickzackkurs prozessierende \u2013 Wirtschaftspolitik des Regimes unmittelbare Auswirkungen auf die Kapitalkreisl\u00e4ufe: Die offensichtlich politisch herbeigef\u00fchrte Negativzinspolitik der TCMB letzten Jahres f\u00fchrte sehr unmittelbar zu einem Versiegen der internationalen Kapitalstr\u00f6me und versch\u00e4rfte die Krise.</i></h4><p>Die erneute \u201eUnberechenbarkeit\u201c und Politisierung der Wirtschaftspolitik seit M\u00e4rz dieses Jahres nach einem kurzen orthodox-neoliberalen Intermezzo f\u00fchrt weiterhin zu einem Fall des Wertes der Lira, damit zu einer Steigerung der Inflation und so weiter, die sich nicht allein aus der strukturellen Akkumulationskrise erkl\u00e4ren lassen, sondern wesentlich durch die Wirtschaftspolitik des Regimes versch\u00e4rft werden. Politik und Wirtschaftspolitik gehen somit selbst nicht unmittelbar oder ausschlie\u00dflich auf in ihren Funktionen f\u00fcr die Erf\u00fcllung der Interessen der dominanten \u00f6konomischen Akteure. Sie funktionieren ebenso im Sinne des politischen Machterhalts, was sich nicht immer oder nicht in jeder Hinsicht mit den Interessen der dominanten \u00f6konomischen Akteure deckt und zugleich unmittelbare Auswirkungen auf die Akkumulation hat. Umgekehrt sind die dominanten Fraktionen des Kapitals nicht nur am weitestgehend reibungslosen Funktionieren der Kapitalkreisl\u00e4ufe interessiert, sondern ebenso am gesamtgesellschaftlichen Kontext, in dem die Kapitalkreisl\u00e4ufe eingebettet sind, sprich an der Stabilit\u00e4t gesellschaftlicher Hegemonie.</p><p>Die marxistischen Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze zur derzeitigen Situation in der T\u00fcrkei leiden meines Ermessens daran, dass sie bestimmte \u00f6konomische Zusammenh\u00e4nge als gegeben und als ausschlie\u00dflich oder haupts\u00e4chlich determinativ f\u00fcr gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse ansehen, dabei aber die gesellschaftlichen und hegemonialen Aspekte von Vergesellschaftung sowie den (Klassen-)Kampf um hegemoniale (\u00f6konomische) Strategien essentialistisch oder funktionalistisch relativieren und ihnen keine wesentliche Determinationskraft zuordnen. Wie schon hervorgehoben, hat das Wirtschaftsmanagement unter Erdo\u011fan den wirtschaftspolitischen Spielraum der \u201egoldenen Jahre\u201c (2002-10) dazu genutzt, klientelkapitalistische Beziehungen aufzubauen und zu st\u00e4rken, anstatt diesen f\u00fcr ein Upgrade der kapitalistischen Struktur der t\u00fcrkischen Wirtschaft insgesamt zu verwenden. Diese klientelkapitalistischen Beziehungen sind zwar, gesamtwirtschaftlich gesprochen, nebens\u00e4chlich: Der linke Analytiker Bahad\u0131r \u00d6zg\u00fcr <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/baskan-ve-milli-oligarklari-makale-1501497\">skandalisiert</a> zwar zurecht, dass die gr\u00f6\u00dften 10 Unternehmen, die die gr\u00f6\u00dften Staatsauftr\u00e4ge erhalten, 2002-19 Auftr\u00e4ge in H\u00f6he von 203,9 Milliarden $ oder Auftr\u00e4ge von einem Volumen von 26%/BIP zugesprochen bekommen haben. Damit ist laut WB die T\u00fcrkei das Land, in dem die gr\u00f6\u00dften 10 Unternehmen am meisten Staatsauftr\u00e4ge relativ zum BIP bekommen, noch vor Brasilien mit 9,8%/BIP. Aber diese Relationen verblassen im Vergleich zum Gro\u00dfkapital, was \u00d6zg\u00fcr und viele andere linke Analytiker*innen nicht betonen und daher ein verzerrtes Bild reproduzieren: Allein die gr\u00f6\u00dfte Kapitalgruppe der T\u00fcrkei, die <a href=\"https://www.koc.com.tr/hakkinda/biz-kimiz\">Ko\u00e7 Holding</a>, hat einen j\u00e4hrlichen Umsatz von 6%/BIP; die <a href=\"https://tusiad.org/tr/tusiad/hakkinda\">T\u00dcSIAD</a> als Ganze hingegen produziert 50%/BNP ausschlie\u00dflich des \u00f6ffentlichen Sektors. Weder Ko\u00e7 noch die T\u00dcSIAD als Ganze z\u00e4hlen zum klientelkapitalistischen Netzwerk im engeren Sinne, sondern bilden den Hauptmotor des t\u00fcrkischen Kapitalismus. Aufgrund dieser vergleichbar untergeordneten Rolle des Klientelkapitalismus war daher die Gro\u00dfbourgeoisie diesen Beziehungen gegen\u00fcber lange Zeit auch mehr oder minder gleichg\u00fcltig eingestellt, oder hielt sie f\u00fcr einen Preis, den man f\u00fcr die im Sinne des Gro\u00dfkapitals umgesetzten neoliberalen Reformen seitens der AKP zahlen musste. Sie sind aber f\u00fcr den politischen Machterhalt des Regimes unerl\u00e4sslich, so sehr, wie sie im derzeitigen dezisionistisch-polykratischen Politikgef\u00fcge gleichzeitig auch zu einer Last werden f\u00fcr das Regime, da ein \u201eSkandal\u201c nach dem anderen auffliegt (ich f\u00fchre dies sp\u00e4ter aus). Zum anderen: Auch das wirtschaftliche Krisenmanagement des Regimes zielt ganz offensichtlich darauf, durch St\u00fctzung der KMU das politische \u00dcberleben des Regimes zu sichern. Wegen der \u00f6konomischen Subordination der KMU und wegen des Realit\u00e4tssinnes der AKP wird dabei stets der prek\u00e4re Balanceakt mit dem Gro\u00dfkapital gesucht, woraus sich der schon beschriebene Zickzack-Kurs herleitet, der aber zugleich die fundamentale wirtschaftliche Instabilit\u00e4t versch\u00e4rft.</p><h2><b>Der Kampf um die Krise des Neoliberalismus</b></h2><h4><i>Gesellschaftliche Hegemonie besteht nicht allein aus und dient nicht allein der \u00f6konomischen Dominanz beziehungsweise Hegemonie der f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals, wie sich umgekehrt \u00f6konomisch hegemoniale Akteure nicht allein um (ihre) \u00f6konomische Dominanz und Hegemonie k\u00fcmmern, sondern auf umfassende gesellschaftliche Hegemonie visieren.</i></h4><p>In der Organisation gesellschaftlicher Hegemonie werden nicht nur die Interessen der \u00f6konomisch relevanten Akteur*innen prozessiert, sondern auch derer, die im Politischen, Kulturellen und Sozialen Deutungsmuster, Ideologien, Vermittlungsformen usw. im Sinne gesellschaftlicher Hegemonie und damit ebenfalls politische, kulturelle (und andere) Hegemonie(n) organisieren. Militarismus, Chauvinismus, gesellschaftliche Polarisierung, Dezisionismus und dergleichen sind hierbei ebenso Mittel, mit denen das derzeitige Regime in der T\u00fcrkei versucht, sich teils mit nicht unmittelbar \u00f6konomischen Methoden eine neue Legitimationsbasis zu schaffen und daher nicht allein als Funktionen f\u00fcr die kapitalistische Akkumulation zu betrachten. Daher funktioniert der politische Machterhalt des Regimes beziehungsweise die Sicherung seines \u00dcberlebens trotz aller Krisen im Land weiterhin, auch wenn seit l\u00e4ngerem die Legitimation des Regimes schleichend untergraben wird. Der immer <a href=\"https://tr.euronews.com/2020/11/09/metropoll-turkiye-nin-nabz-anketi-ak-parti-oylar-ilk-kez-yuzde-30-un-alt-nda\">noch verbreitete Unglaube</a> der Bev\u00f6lkerung, dass die Opposition es <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halkin-yarisindan-fazlasi-muhalefet-partilerinin-iktidara-karsi-alternatif-cozum-onerileri-sunamadigini-dusunuyor,938203\">besser</a> machen k\u00f6nne (bzw. dass es tragf\u00e4hige <a href=\"https://t24.com.tr/haber/arastirma-muhafazakar-secmen-sosyal-demokrat-secmene-kiyasla-daha-karasiz-secmenin-stratejik-oy-verme-egilimi-guclu,921725\">alternative Parteien</a> g\u00e4be), der weiterhin fest verankerte Glaube von fast 80% der AKP-W\u00e4hler*innen an eine <a href=\"https://www.turkuazlab.org/wp-content/uploads/2020/12/Turkiyede-Kutuplasmanin-Boyutlari-2020-Arastirmasi-Sunumu.pdf\">ausl\u00e4ndische Verschw\u00f6rung</a> hinter dem Gezi-Aufstand 2013, und die damit im Zusammenhang stehende viel st\u00e4rkere Zunahme der wahltechnisch betrachtet <a href=\"https://t24.com.tr/haber/arastirma-muhafazakar-secmen-sosyal-demokrat-secmene-kiyasla-daha-karasiz-secmenin-stratejik-oy-verme-egilimi-guclu,921725\">Unsicheren/Schwankenden</a> als derer, die statt den Regimeparteien nun die Oppositionsparteien w\u00e4hlen wollen, bezeugt das Gewicht der relativen Autonomie politischer und sozialer Muster von Macht und Identit\u00e4tsbildung auch inmitten einer Hegemoniekrise.</p><p>Weder die Krise des Akkumulationsregimes, noch die allgemeinere Legitimationskrise haben unmittelbar und unvermittelt soziale und politische Effekte. Sie haben nur vermittelt durch die Formen des Politischen und des Sozialen Effekte, die somit co-determinativ sind und deren Eigenheiten daher nicht einfach funktionalistisch entkernt werden k\u00f6nnen. Umgekehrt gef\u00e4hrden insbesondere gesellschaftliche Polarisierung und Dezisionismus aus der Perspektive des orthodox-neoliberalen b\u00fcrgerlichen Lagers \u2013 wegen der durch sie teils induzierten, teils versch\u00e4rften Hegemoniekrise \u2013 die Stabilit\u00e4t des gesamten gesellschaftlichen Systems ungleicher und ausbeuterischer gesellschaftlicher Beziehungen (nicht nur der \u00f6konomischen) grundlegend, weshalb sie, zumindest in ihrer eigenen diskursiven Repr\u00e4sentation, f\u00fcr eine stabilere Form der Regulation<i> aller</i> gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse streiten. <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/iktidar-bloku-icinde-arayislar-makale-1507278\">Das regulationstheoretische Argument</a>, dass das (hegemoniale) Projekt politischer Akteure die Interessen der Bourgeoisie im weitesten Sinne mit einbeziehen muss, und dass erst die Synchronisation von politischem Projekt mit diesen Interessen die Kontinuit\u00e4t des Machtblocks gew\u00e4hrleistet, ist zwar so allgemein gehalten richtig, weicht der Bearbeitung dieser Felder aber letztlich aus und zieht sich auf eine deskriptive Position zur\u00fcck (Feststellung von Synchronit\u00e4t oder Asynchronit\u00e4t/Krise). Es ist daher auch zugleich nicht richtig: Zum einen aufgrund der Bandbreite an M\u00f6glichkeiten, die zwischen vollst\u00e4ndiger Synchronisation und vollst\u00e4ndiger Asynchronit\u00e4t liegen. Es fehlt die Antwort auf die Frage nach den Faktoren, die festlegen, welche Position genau zwischen vollst\u00e4ndiger Synchronisation und vollst\u00e4ndiger Asynchronit\u00e4t eingenommen wird und damit nach Akteur*innen, Funktionsweisen und Interessen (innerhalb) derjenigen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, die miteinander synchronisieren oder asynchron sind. Damit im Zusammenhang l\u00e4sst es zum anderen die Frage nach der Eigenheit nicht-\u00f6konomischer Sph\u00e4ren und somit nicht-\u00f6konomischer Interessen, Akteure, Hegemonien usw. im Ensemble der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse unbeantwortet und legt einen Funktionalismus \u201ein letzter Instanz\u201c nahe (in letzter Instanz m\u00fcssen diese anderen Verh\u00e4ltnisse n\u00e4mlich mit den \u00f6konomischen synchronisieren). Aus dieser unzureichenden theoretischen Bearbeitung folgt aber die unzureichende Analyse hegemonietheoretisch ausschlaggebender Prozesse, was der theorie- und analyseimmanente Grund f\u00fcr die Attraktivit\u00e4t nicht-marxistischer Ans\u00e4tze ist.</p><p>Liest man die Verlautbarungen des T\u00dcSIAD genauer, kann man eine ineinander verschr\u00e4nkte \u00f6konomische wie politisch-regulative, in jeder Hinsicht jedoch <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/kavga-turkiye-kapitalizmini-kim-nasil-yonetecek-makale-1517988\">sehr umfassende</a> Kritik am derzeitigen Regime herauslesen: <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/tusiad-yik-baskani-ozilhan-ekonomi-yonetimini-elestirdi-1824292\">\u00d6konomisch</a> wird ganz offen f\u00fcr eine neoliberale Restauration auf erweiterter Grundlage optiert. Politisierung der regulativen Institutionen, Unvorhersehbarkeit, Unf\u00e4higkeit in der Inflations- und W\u00e4hrungsverfallsbek\u00e4mpfung und somit palliatives statt transformatives Krisenmanagement werden darin scharf kritisiert. Im Gegenzug werden eine neoliberale Geldpolitik, depolitisierte regulative Institutionen, ein Krisenmanagement und eine Wirtschaftspolitik eingefordert, die die industrielle Produktionsbasis des t\u00fcrkischen Kapitalismus eine Stufe h\u00f6her heben kann, statt mit Kreditschwemmen bankrotte Gesch\u00e4ftsmodelle am Leben zu halten. Das Kalk\u00fcl ist, in den globalen Lieferketten aufzusteigen und China partiell abzul\u00f6sen. <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/catismanin-alternatif-bir-yuzu-tusiad-ve-mhp-makale-1526777\">Politisch-regulativ</a> betrachtet kritisiert der T\u00dcSIAD fast alle wichtigen politischen Entscheidungen des Regimes: Ob nun den Austritt aus der Istanbuler Konvention, das HDP-Verbotsverfahren, die Berufung des neuen Rektors der Bo\u011fazi\u00e7i-Universit\u00e4t wider den Willen der Studierenden und Lehrenden, die Bildungspolitik, die Infragestellung des Laizismus, die Repression der Medien, die diplomatische Isolation des Landes oder die politisierte Justiz \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tusiad-yuksek-istisare-konseyi-baskani-ozilhan-dan-sedat-peker-aciklamasi-kamuoyu-nezdinde-dile-gelen-bu-suphelerin-giderilmesi-gerekiyor,959760\">nicht zuletzt</a> die durch Sedat Pekers \u201eOffenbarungen\u201c publik gemachte Versumpfung des Staates. All dies wird kritisiert aus der Angst heraus, dass ansonsten gesellschaftliche Polarisierung und Legitimationseinbruch die Hegemoniekrise so sehr versch\u00e4rfen k\u00f6nnten, dass sie nicht mehr nur die derzeitige Regierung und das derzeitige politische Regime gef\u00e4hrden. Aus demselben Grund bezieht sich der Vorsitzende des T\u00dcSIAD, Simone Kaslowski, positiv-wohlwollend auf Bidens Krisenpaket, das er als \u201e<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/kavga-turkiye-kapitalizmini-kim-nasil-yonetecek-makale-1517988\">sozialdemokratisch gef\u00e4rbt</a>\u201c charakterisiert. Bez\u00fcglich des Krisenmanagements in der T\u00fcrkei \u00e4u\u00dfert er, wie oben hervorgehoben, Sorge wegen Inflation und Arbeitslosigkeit.</p><p>Inwiefern die Vorschl\u00e4ge der restaurativen Akteure \u00fcberhaupt f\u00fcr die popularen Klassen von Nutzen sind, diskutiere ich am Ende des Artikels genauer. F\u00fcr diesen Abschnitt m\u00f6chte ich allerdings Folgendes hervorheben: Nat\u00fcrlich w\u00e4re Erdo\u011fan ohne den Neoliberalismus nicht m\u00f6glich gewesen. Dessen krisenhafte Umsetzung in den 1990ern delegitimierte fast alle Parteien au\u00dferhalb der AKP, vor allem die sozialdemokratische Linke; zudem zerschlug die Privatisierungswelle der 2000er die organisiertesten Teile der Arbeiter*innenklasse, wie \u00fcberhaupt der Neoliberalismus f\u00fcr einen <a href=\"http://arastirma.disk.org.tr/wp-content/uploads/2020/09/D%C4%B0SK-AR-12-Eyl%C3%BCl-RAPOR-SON.pdf\">grundlegenden Positionsverlust</a> der Arbeiter*innenklasse sorgte (Entrechtung, stagnierende Reall\u00f6hne, klaffende Produktivit\u00e4ts-Lohn-Schere, finanzielle Abh\u00e4ngigkeit usw.).</p><h4><i>Eine desorientierte, zunehmend sozial depravierte Arbeiter*innenklasse bei gleichzeitiger (partieller) Delegitimation der b\u00fcrgerlichen Linken ist eine der wichtigsten Bedingungen f\u00fcr den Aufstieg der autorit\u00e4ren Rechten, die so einerseits das Vakuum f\u00fcllen, andererseits den sozialen Unmut auf ihre Art und Weise prozessieren kann.</i></h4><p>Marxist*innen wie Korkut Boratav, Galip Yalman, P\u0131nar Bedirhano\u011flu oder \u00dcmit Ak\u00e7ay haben diese Entwicklungen exzellent aufgearbeitet. Es sind dies aber nicht die einzigen und hinreichenden Gr\u00fcnde f\u00fcr den Aufstieg der autorit\u00e4ren Rechten \u2013 im Fall der T\u00fcrkei: f\u00fcr die Errichtung einer pr\u00e4sidialen Diktatur unter F\u00fchrung von Erdo\u011fan. Es bedarf auch einer autorit\u00e4ren Rechten, die, um der eigenen politischen Macht willen, einen erfolgreichen sozialen und politischen Kampf mit politischen Kontrahent*innen und den relevanten sozialen Akteuren um politische und soziale F\u00fchrung ausficht. Eine autorit\u00e4re Rechte, die zudem in der Lage ist, eine gewisse aktive oder passive Massenbasis zu schaffen. Einmal an der Macht, ist diese auch seitens der Gro\u00dfbourgeoisie nicht mehr ohne weiteres kontrollierbar und deshalb \u2013 au\u00dfer in au\u00dferordentlichen Krisenzeiten \u2013 selten von ihr erw\u00fcnscht. Daher \u00e4hnelt der T\u00dcSIAD heute dem Zauberlehrling, der die Geister nicht mehr kontrollieren kann, die er selbst herbeirief (oder zumindest stark in ihrer Genese unterst\u00fctzte). Es gibt aber auch keinen Zaubermeister, der helfen kann. Insofern ist es richtiger, den derzeitigen Autoritarismus nicht als \u201eneuen Neoliberalismus\u201c zu bezeichnen, <a href=\"https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Studien/Studien_6-19_Globalisierung.pdf\">sondern als</a> \u201eErgebnis einer mit zunehmender H\u00e4rte gef\u00fchrten Auseinandersetzung<i> um</i> Neoliberalismus\u201c (S. 59) seitens diverser im engeren Sinne \u00f6konomischer und nicht-\u00f6konomischer Akteur*innen. Erdo\u011fan bleibt an das Gro\u00dfkapital gebunden, das die \u00f6konomische Hauptkraft in der T\u00fcrkei ist. Und ebenso bleibt das Gro\u00dfkapital an Erdo\u011fan gebunden: Denn seine Regierung h\u00e4lt, wenn auch krisenhaft, die Profite des Kapitals und neoliberale Arbeitsverh\u00e4ltnisse aufrecht. Eine allzu antagonistische Opposition gegen Erdo\u011fan zu betreiben, vergr\u00f6\u00dfert die Gefahr, ganz andere Geister, n\u00e4mlich die popularen, zu entfachen, was wiederum aus Sicht des Gro\u00dfkapitals und der b\u00fcrgerlichen Opposition ganz andere Risiken birgt. Daher befinden sich Erdo\u011fan und Gro\u00dfkapital in einem instrumentellen Zweckverh\u00e4ltnis miteinander, das sie bei erstbester Gelegenheit \u00fcber den Haufen schmei\u00dfen w\u00fcrden \u2013 w\u00e4re dies nur m\u00f6glich, ohne gro\u00dfe Krisen zu riskieren!</p><h2><b>Autorit\u00e4re Konsolidierungsversuche</b></h2><h4><i>Die schon bekannten autorit\u00e4ren Konsolidierungsversuche des Regimes setzen sich derweil ununterbrochen fort. Sie setzen sich zusammen aus Unterdr\u00fcckung (erstens und zweitens), sowie Einbindung und Spaltung zugleich der Opposition (zweitens und drittens). Au\u00dferdem findet der Versuch der Festigung eines autorit\u00e4ren, dezisionistischen Regimes inklusive einer ihm entsprechenden neuen Legitimationsbasis statt (viertens).</i></h4><p><i>Erstens</i> wird der Kampf um die entscheidenden oppositionsgef\u00fchrten Gro\u00dfst\u00e4dte weitergef\u00fchrt. Wie schon dargelegt, bilden die oppositionsgef\u00fchrten Gro\u00dfst\u00e4dte \u2013 insbesondere Ankara und Istanbul \u2013 die politische Hauptschlagkraft der b\u00fcrgerlichen Opposition gegen das Regime, wie sie selbst Ergebnis eines erfolgreichen Kampfes der Opposition sind. Seit den Kommunalwahlen 2019, also seitdem Ankara und Istanbul nach Jahrzehnten von der AKP (oder Vorg\u00e4ngerparteien der AKP) an die Opposition \u00fcbergingen, decken deren neugew\u00e4hlte B\u00fcrgermeister <a href=\"https://t24.com.tr/haber/yavas-in-aktardigi-3-katrilyonluk-yolsuzluk-iddiasinin-bilancosu-sus-bitkileri-de-var-osmanlispor-da,919238\">einen Korruptions- oder Misswirtschaftsfall</a> <a href=\"https://www.birgun.net/haber/35-milyon-dolarlik-kamu-zarari-310611\">nach</a> <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/gundem/akp-doneminde-ibbde-paralari-odenen-isler-ortada-yok-6158045/\">dem anderen</a> aus der AKP-\u00c4ra auf. Zugleich nutzen sie die Mittel der Stadtverwaltungen, um durch dienstleistungsorientierte Politik und milde redistributive Ma\u00dfnahmen f\u00fcr die Mittellosen eine gewisse Massenbasis f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Opposition aufzubauen. Es ist <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/chp-iktidar-icin-yerel-yonetimlere-yogunlasti-haber-1501385\">offensichtlich</a>, dass die b\u00fcrgerliche Opposition darauf abzielt, durch den Erfolg in den Kommunalverwaltungen in die Macherrolle zu kommen, Barrieren bei Regime-W\u00e4hler*innen zu brechen und ergo gen\u00fcgend Unterst\u00fctzung aufzubauen, um die n\u00e4chsten Parlaments- und Pr\u00e4sidentschaftswahlen zu gewinnen. Erdo\u011fan und das um ihn herum organisierte Regime hingegen versuchen, den Handlungsspielraum der oppositionellen Stadtverwaltungen so weit wie m\u00f6glich einzuschn\u00fcren, um diese Rechnung der Gegenseite zu vereiteln.</p><p>Mehrere Mechanismen greifen dabei ineinander: Zum einen werden zwar die B\u00fcrgermeister der betreffenden St\u00e4dte von der oppositionellen CHP gestellt, die Stadtparlamente sind aber immer noch von AKP und MHP dominiert. Das bedeutet, die Parteien des Regimes nutzen ihre Parlamentsmehrheiten, um die Legislative und Exekutive auf Munizipalebene zu blockieren. Zudem nutzt Erdo\u011fan die Mittel des Zentralstaates, um die Ressourcen der St\u00e4dte so weit wie m\u00f6glich zum Versiegen zu bringen: So bekommen oppositionsgef\u00fchrte St\u00e4dte (und Unternehmen) unterdurchschnittlich wenig zentralstaatliche Gelder und <a href=\"https://2020.tr-ebrd.com/state-banks-on-the-rise/\">\u00f6ffentliche Kredite</a>, weshalb sie sich <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-4-metro-hatti-icin-eurobond-la-580-milyon-dolar-borclandi-imamoglu-kamu-bankalari-garabet-tavri-birakmali,918696\">internationale</a> Partner oder Kreditgeber wie die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-eminonu-alibeykoy-tramvay-hatti-projesi-icin-fransiz-kalkinma-bankasi-ndan-93-milyon-euro-luk-finansman-destegi-alacak,961088\">franz\u00f6sische</a> oder <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-ile-avrupa-imar-ve-kalkinma-bankasi-arasinda-mutabakat-metni-imzalandi-ilk-proje-incirli-beylikduzu-metro-hatti-olacak,950060\">europ\u00e4ische</a> Entwicklungsbank suchen. Es werden aber auch historische St\u00e4tten wie etwa der <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/ibbden-gezi-parki-alaninin-sultan-beyazit-hani-veli-hazretleri-vakfina-devredilmesine-iliskin-aciklama-1821921\">Gezi Park</a> oder der Galata-Turm (beides Istanbul), die sich eigentlich im Eigentum der Gro\u00dfst\u00e4dte befinden, an zentralstaatliche Ministerien \u00fcbertragen und somit aus den H\u00e4nden der Stadtverwaltungen genommen. Nicht zuletzt interveniert die Zentralregierung permanent in die Angelegenheiten der St\u00e4dte: Spendensammlungen der Munizipalit\u00e4ten, um von der Corona-Pandemie Betroffenen zu helfen (und nat\u00fcrlich gesellschaftliche Legitimation aufzubauen), wurden etwa der \u201eParallelstaatlichkeit\u201c und des Terrorismus bezichtigt und seitens des Innenministeriums unter einem juristischen Vorwand verboten. Die oppositionellen Munizipalit\u00e4ten <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-2020-de-ihtiyac-sahiplerine-618-milyon-890-bin-lira-destek-saglandi,937437\">wussten</a> dies aber mehr oder minder <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-duyurdu-6-milyon-tek-yurek-kampanyasi-ikinci-kez-basladi,942920\">zu umgehen</a>. Die Auseinandersetzung um das Spendensammeln und -verteilen der oppositionellen Munizipalit\u00e4ten setzt sich <a href=\"https://t24.com.tr/video/imamoglu-ndan-bagis-kampanyasina-izin-vermeyen-bakan-soylu-ya-tepki-132-bin-ailenin-bayramda-yuzlerinin-gulmesini-istemeyen-bir-kisi-var-o-da-icisleri-bakani,40154\">bis heute</a> fort, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tunc-soyer-tv-ler-bizi-yok-saydi-ama-48-saatte-ankara-nin-gonderdiginden-daha-fazla-yardim-topladik,913291\">ebenso</a> wie das Bem\u00fchen derselben, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-bayram-oncesinde-100-milyon-lira-tutarinda-yeni-destek-paketi-hazirladik-185-bin-ailemizin-kartlarina-500-lira-yatirdik,964909\">alternative</a> Methoden der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-duyurdu-kampanyamiz-bir-ayda-20-milyon-tl-destek-aldi,950661\">Redistribution</a> zur Anwendung zu bringen und somit der Repressionskeule des Regimes zu entgehen. Auch <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/ibbdeki-akp-yolsuzluklarini-acikliyoruz-her-yol-tugvaya-1843746\">beschlagnahmte</a> das Innenministerium einen Gro\u00dfteil der \u201eAntikorruptionsdossiers\u201c der Istanbuler Stadtverwaltung, bevor diese die Dossiers finalisieren und der Justiz \u00fcbergeben konnte.</p><p>Der derzeit gr\u00f6\u00dfte Konfliktpunkt, der mehrere dieser Mechanismen zusammenf\u00fchrt und daher symptomatisch ist, ist der Konflikt um <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/405297.megaprojekt-istanbuls-untergang.html\"><i>Kanal Istanbul</i></a>, ein megalomanes, mehrere Dutzend Milliarden Dollar teures Projekt zur Anlage eines k\u00fcnstlichen zweiten Wasserkanals parallel zum Bosporus. Von den \u00f6kologisch potenziell desastr\u00f6sen Folgen dieses Projekts abgesehen, ist offensichtlich, dass es sich hier \u00f6konomisch betrachtet um ein klassisches Klientelprojekt handelt \u2013 die Bauauftr\u00e4ge gehen nat\u00fcrlich an Erdo\u011fan-nahe Unternehmer. Zugleich ist es ein Prestigeprojekt Erdo\u011fans, mit dem er sich erneut als Vision\u00e4r und \u201eMacher\u201c pr\u00e4sentieren will. Und nicht zuletzt ist es ein Armdr\u00fccken zwischen Erdo\u011fan und der Istanbuler Munizipalit\u00e4t darum, wer eigentlich in Istanbul das Sagen hat.</p><p><i>Zweitens</i> geht die umfassende Repression gegen Oppositionelle und Dissidenten ununterbrochen weiter. Demonstrationen oder Kundgebungen sind, wenn sie nicht regierungsnah sind, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tihv-2020-yilindaki-hak-ihlallerini-paylasti-hak-savunucularina-24-yil-hapis-cezasi-90-tutuklama-1079-haber-ile-97-internet-sitesine-erisim-engeli,958235\">fast unm\u00f6glich</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/chp-den-adalet-raporu-804-gun-eylem-yasagi-6-bin-322-gozalti-761-is-cinayeti-349-habere-erisim-engeli,959513\">geworden</a>, Folter und Gewalt seitens Beamt*innen nimmt zu. Unabh\u00e4ngige oder nicht regierungskonforme Fernsehsender werden im Gegensatz zu regimetreuen mit <a href=\"https://www.hrw.org/news/2020/12/15/turkey-crackdown-independent-tv-channels\">horrenden Strafzahlungen</a> des Obersten Rundfunk- und Fernsehrates (<i>Radyo ve Televizyon \u00dcst Kurulu</i>, RT\u00dcK) \u00fcberzogen, dessen Chef laut Eigenaussage zudem Erdo\u011fans \u201eEmpfehlungen und Vorschl\u00e4ge\u201c als Befehle ansieht. Der letztes Jahr neu gegr\u00fcndete Fernsehsender <i>Olay TV</i> musste innerhalb k\u00fcrzester Zeit <a href=\"https://t24.com.tr/haber/nevsin-mengu-ne-izmir-marsi-ne-mehter-marsi-caldik-haber-yaptik-cavit-caglar-hdp-yanlisi-diyerek-baskiyi-mesrulastiriyor,923135\">schlie\u00dfen</a> \u2013 mutma\u00dflich wegen gro\u00dfem politischem Druck, da der Sender auch \u00fcber die pro-kurdische, linke HDP berichtete. Nat\u00fcrlich gehen <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/mhp-medyasi-kaynak-aktariminda-akp-medyasini-geride-birakti-ulkeyi-bahceli-yonetiyor-1848890\">fast alle</a> \u00f6ffentlichen Reklameschaltungen und damit Unsummen an Geldern <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/iktidar-destekcisi-medyaya-akan-kamu-kaynagi-3-adaletsizlikten-cok-daha-buyuk-bir-sorun-var-haber-1528410\">an regimetreue Sender und Zeitungen</a>, kaum welche an oppositionelle. <a href=\"https://ifade.org.tr/reports/EngelliWeb_2019_Eng.pdf\">Nicht nur</a> werden Hunderttausende Webseiten blockiert und Tausende Social Media-Accounts juristisch verfolgt; die Regierung \u00fcberzog auch Facebook, Youtube, Instagram, TikTok und Twitter mit <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-11-04/biggest-social-media-companies-are-fined-by-turkey-under-new-law\">Strafen</a> in H\u00f6he von insgesamt 1,2 Millionen \u20ac, weil sie keine der Regierung gegen\u00fcber f\u00fcr das Unternehmen verantwortlichen lokalen Repr\u00e4sentanten ernannt hatten. Das Gesetz, das dies erfordert, wie auch die Strafzahlungen stehen im Zusammenhang mit dem Versuch des Regimes, mehr direkte Kontrolle auf die Social Media-Unternehmen auszu\u00fcben. Eine <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/turkey-plans-further-clampdown-independent-media\">weitere Versch\u00e4rfung</a> des Medienrechts, wonach die Kontrolle der Regierung \u00fcber Nachrichtenplattformen, die Gelder aus dem Ausland beziehen (also im Prinzip die gesamte alternative Onlinepresse), wurde schon angek\u00fcndigt als \u201eKampf gegen die f\u00fcnfte Kolonne\u201c. Zudem wurden seit 2018 etwa 40 (oft oppositionelle) Journalist*innen <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/05/erdogan-endorses-mob-attack-opposition-leader-warning-more-come\">t\u00e4tlich angegriffen</a>. Der oppositionelle, nationalistisch orientierte Sender<i> Halk TV</i> wurde w\u00e4hrend einer Live\u00fcbertragung aus den Waldbrandgebieten Anfang August von einem regierungsnahen Mob <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/08/06/tv-yayinina-baskin-bakan-istifasi-ve-bir-asker-videosu/\">angegriffen</a>, nachdem zuvor der RT\u00dcK Sender, die nicht regierungskonform \u00fcber die Waldbr\u00e4nde berichteten, mit \u201eden heftigsten Sanktionen\u201c bedroht (und diese dann <a href=\"https://bianet.org/bianet/medya/248607-rtuk-once-tehdit-etti-sonra-ceza-kesti?bia_source=mailchimp&amp;ct=t(RSS_EMAIL_CAMPAIGN+-+Bianet+T%C3%BCrk%C3%A7e+G%C3%BCnl%C3%BCk)&amp;mc_cid=bee6f913c5&amp;mc_eid=4504c19f40\">umgesetzt</a>) und der millionenfach auf Twitter geteilte #HelpTurkey-Hashtag \u00f6ffentlich und juristisch <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/turkish-prosecutor-investigates-tweets-calling-help-wildfires\">angeprangert und verfolgt</a> wurde, weil er die T\u00fcrkei als \u201eschwach\u201c darstelle.</p><p>Die Verfolgung geschieht auch au\u00dferhalb der T\u00fcrkei, <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/exiled-turkish-journalist-attacked-outside-home-germany\">wie j\u00fcngst der Angriff</a> auf den kritischen Investigativjournalisten Erk Acarer in Berlin und die Existenz von <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/407199.gefahr-f%C3%BCr-t%C3%BCrkische-oppositionelle-im-fadenkreuz.html\">Todeslisten</a> mit Namen von t\u00fcrkeist\u00e4mmigen Oppositionellen und Dissidenten in Deutschland gezeigt hat. Das Vorgehen beschr\u00e4nkt sich nicht allein auf Journalist*innen, sondern hat System. Erst neulich wurde die Chefin der rechten Oppositionspartei IYI, Meral Ak\u015fener, bei einem Besuch in Rize am Schwarzen Meer von einem aufgestachelten Mob empfangen und musste die Stadt fr\u00fchzeitig verlassen. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-erdogan-salgin-surecinde-milletimizin-hem-sagligini-guvenligini-asini-ve-isini-korumak-icin-devletimizin-tum-imkanlarini-seferber-ettik,954704\">Erdo\u011fans Kommentar</a>, an Ak\u015fener gerichtet: \u201eDanke Gott daf\u00fcr, dass sie nicht zu weit gegangen sind, und dir [nur, A. K.] eine Lehre erteilt haben. Das sind noch die guten Tage, wartet mal ab, was da noch kommt\u201c, ist paradigmatisch f\u00fcr die drohende, Gewalt relativierende oder <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/siddetin-tarihcesi-daha-neler-olacak-neler-galeri-1525820\">zur Gewalt anstachelnde Sprache</a>, die zentrale Personen des Regimes seit Jahren gegen oppositionelle Politiker*innen, Journalist*innen, Akademiker*innen und andere nutzen. Dabei ist MHP-Chef <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-bu-kez-ahmet-sik-i-hedef-gosterdi-mhp-nin-hedef-gosterdigi-kimler-saldiriya-ugramisti,957623\">Bah\u00e7eli</a> oft viel direkter als Erdo\u011fan. So bezeichnete er Protestierende an der Eliteuniversit\u00e4t Bo\u011fazi\u00e7i als \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-bogazici-universitesi-nde-turkiye-nin-sinir-uclariyla-oynaniyor-eskiyalar-bogazici-ne-tutunarak-ulkemize-meydan-okuyor,930788\">giftige Schlangen, deren K\u00f6pfe wir zerquetschen m\u00fcssen</a>\u201c.</p><p>Die Repressionswelle gegen die HDP wurde in der vergangenen Zeit immer intensiver. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hdp-nin-hak-ihlalleri-raporu-son-5-yilda-16-binden-fazla-hdp-li-gozaltina-alindi-4-bine-yakin-hdp-li-tutuklandi,919835\">Tausende</a> ihrer Mitglieder, Funktionstr\u00e4ger*innen und sogar Parlamentarier*innen wurden in den letzten Jahren in Untersuchungshaft genommen, etwa 1000 <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/2990310-iki-bucuk-yilda-1336-dosya\">Immunit\u00e4tsaufhebungsantr\u00e4ge</a> liegen f\u00fcr HDP-Parlamentarier*innen im Parlament vor und fortlaufend finden Razzien gegen sie statt. Mittlerweile l\u00e4uft auch das sogenannte \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/3530-sayfalik-kobani-iddianamesinden-kapatilmasi-icin-cagri-yapilan-hdp-ile-ilgili-iddialar-cikti-myk-toplantisina-kck-lilar-katildi-hdp-liler-de-orgut-yoneticisi,925222\">Kobane-Verfahren</a>\u201c auf Grundlage einer <a href=\"https://t24.com.tr/haber/demirtas-in-avukatlari-suclamalara-20-ayri-baslikla-yanit-verdi-gizli-tanik-aslinda-yok-twitter-hesabi-sahte,929051\">haneb\u00fcchenen</a> Anklageschrift gegen insgesamt 108 \u00e4ltere F\u00fchrungspersonen der HDP. Gegen die Partei ist mittlerweile auch ein umfassendes Verbotsverfahren beim Verfassungsgericht anh\u00e4ngig (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/hdp-nin-kapatilmasi-istemine-cozum-sureci-gerekce-gosterildi-hdp-kapatilir-mi-hangi-secenekler-soz-konusu,960815\">ebenfalls</a> auf Grundlage einer haneb\u00fcchenen Anklageschrift), das auch eine Politikverbotsforderung f\u00fcr Hunderte HDP-Politiker*innen enth\u00e4lt; beide Anklagen mit dem Hauptvorwurf der Spaltung von Staat und Nation beziehungsweise der Zuarbeit zu einer \u201eTerrororganisation\u201c (also der PKK).</p><p>Auch hier gilt: Was von oben abgesegnet wurde, findet von unten seine Entsprechung. Am 15. Juni 2021 ermordete ein \u00fcberzeugter Faschist in Izmir Deniz Poyraz, eine Mitarbeiterin im dortigen B\u00fcro der HDP am 15. Juni 2021. Die Tat, begangen von einem, der <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/hdpli-ertugrul-kurkcu-saldirganlari-acikladi-3-silahli-iceri-giriyor-1845160\">in Syrien gek\u00e4mpft</a> und sich <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/gokcer-tahincioglu-yuzlesme/deniz-poyraz-in-katili-onur-gencer-icimi-soguttum-beni-serbest-birakin,31464\">laut Eigenaussage</a> vorgenommen hatte, so viele HDP\u2019ler wie er konnte zu ermorden, ist \u2013 egal ob es ein <a href=\"https://ilerihaber.org/icerik/deniz-poyrazin-katili-onur-gencerin-izmir-valiliginin-yonetiminde-oldugu-balcova-termal-oteli-sik-sik-ziyaret-ettigi-ortaya-cikti-127333.html\">geplantes Attentat</a> oder ein Selbstl\u00e4ufer war \u2013 direkte Folge einer von oben gezielt betriebenen Politik der <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/gundem/turkiye-cok-gergin-dil-mutlaka-degismeli-6531109/\">gewaltt\u00e4tigen Polarisierung</a> im Sinne des Machterhalts. <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/erdogans-game-plan-next-election-involves-kurdish-vote\">Es folgten</a> weitere auch bewaffnete Attacken auf HDP-B\u00fcros und ein <a href=\"https://bianet.org/english/human-rights/247964-seven-people-from-kurdish-family-shot-dead-at-home-in-racist-assault\">Massenmord</a> an einer kurdischen Familie in Konya, bei der sieben Mitglieder der Familie von einem t\u00fcrkischen Faschisten ermordet wurden, kaum ein paar Wochen nachdem sie von einem aufgestachelten Mob, an dem auch der sp\u00e4tere Massenm\u00f6rder teilnahm, angegriffen wurden. <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1155265.kurdische-familie-dedeo%C4%9Fullar%C4%B1-tuerkei-grosse-feuer-ueberall.html\">Einen Tag darauf</a> griff ein faschistischer Mob von 300 Personen kurdische Landarbeiter*innen in Elmal\u0131 an und forderte sie dazu auf, das Land zu verlassen.</p><h4><i>Offensichtlich dient die Entfesselung der Repression im Allgemeinen (wie im Besonderen gegen die HDP) dazu, Teile der Opposition zu demobilisieren und zu zerm\u00fcrben sowie, bez\u00fcglich der Medien, zu Regimediskursen massenwirksame alternative Diskurse zu verhindern. Au\u00dferdem dient sie dazu, eine autorit\u00e4r-faschistoide Massenbasis aufzubauen.</i></h4><p>Beim angestrebten HDP-Verbot k\u00f6nnte die Rechnung der Regierung weniger die sein, die Formation einer alternativen, mitte-links orientierten pro-kurdischen Partei in der T\u00fcrkei <i>\u00fcberhaupt</i> zu verhindern. Wichtigen politischen Akteur*innen in der T\u00fcrkei ist klar, dass dies eher unwahrscheinlich ist und auch, dass sich pro-kurdische Parteien in der Vergangenheit immer st\u00e4rker reformierten, nachdem sie verboten wurden. Das Kalk\u00fcl ist vermutlich eher, dass eine Schlie\u00dfung der HDP (oder eine Kappung der ihr zustehenden staatlichen Zusch\u00fcsse) <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/3112432-butun-hesaplar-eylule-odakli\">kurz vor den n\u00e4chsten Wahlen</a> zu einer gleichm\u00e4\u00dfigen Verteilung des W\u00e4hler*innenpotenzials der HDP auf Regime- wie restlichen Oppositionsparteien f\u00fchrt (oder die Effizienz der HDP weiter reduziert) und somit den Regimeparteien den Sieg erm\u00f6glicht. Es ist aber bislang nicht abzusehen, in welche Richtung sich das Verbotsverfahren entwickelt, da sein Ausgang wesentlich von den derzeitig laufenden Machtk\u00e4mpfen abh\u00e4ngt und nicht von juristischen Prozessen (w\u00e4ren Recht und Gesetz Ma\u00dfstab des Verfahrens, w\u00e4re es gar nicht erst zu einem Verbotsverfahren gekommen).</p><p>Die in diesem Artikel wegen einem innenpolitischen Fokus stiefm\u00fctterlich behandelte Au\u00dfenpolitik, in diesem Fall das Verh\u00e4ltnis zur USA und zur EU, hat diese Repressionsorgie im Allgemeinen und das Verbotsverfahren gegen die HDP im Besonderen nicht nachteilig affiziert, <a href=\"https://jacobinmag.com/2021/03/turkey-erdogan-hdp-peoples-democratic-party-pro-kurdish-socialism\">im Gegenteil</a>. Die durch die politische wie \u00f6konomische Integration der T\u00fcrkei in den euro-transatlantischen Kapitalismus sowie durch Druck ihrer Hauptakteure (USA, EU) erzeugte Wiederann\u00e4herung der T\u00fcrkei an die au\u00dfenpolitischen Interessen der NATO war Grund genug f\u00fcr diese, keine weiteren Sanktionen gegen die T\u00fcrkei zu erheben \u2013 <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-turkey-eu-exclusive-idUSKBN2BA1KP\">mit explizitem Verweis</a> darauf, dass auch ein drohendes HDP-Verbot daran nichts \u00e4ndern w\u00fcrde. Dies steht <a href=\"https://revoltmag.org/articles/deutsch-t%C3%BCrkische-untiefen/\">in Kontinuit\u00e4t</a> zur Au\u00dfenpolitik des euro-transatlantischen Blocks gegen\u00fcber der T\u00fcrkei der letzten Jahre, wonach die wirtschaftliche und geheimdienstliche Zusammenarbeit sowie R\u00fcstungsexporte weiter Bl\u00fcten trieben, w\u00e4hrend gelegentliche Skandalisierungen der Menschenrechtslage in der T\u00fcrkei als disziplinierende Hebel genutzt wurden, um die T\u00fcrkei \u00f6konomisch wie au\u00dfenpolitisch auf Linie zu halten. Jedenfalls folgten niemals auch nur ann\u00e4hernd so harte Sanktionen gegen\u00fcber der T\u00fcrkei wie gegen\u00fcber Russland, China oder seit neuestem Belarus. <a href=\"https://www.swp-berlin.org/en/publication/customs-union-old-instrument-new-function-in-eu-turkey-relations/\">Seit geraumer Zeit</a> verweisen bundesdeutsche Think Tanks zudem <a href=\"https://www.dw.com/tr/almanyadan-%C3%A7arp%C4%B1c%C4%B1-t%C3%BCrkiye-raporu-kurumlar-felce-u%C4%9Frat%C4%B1ld%C4%B1/a-57127795\">ganz offen</a> und unverbl\u00fcmt darauf hin, dass sich die EU ihrer mangelnden \u201enormativen Kraft\u201c bewusst werden und sich daher darauf beschr\u00e4nken sollte, wirtschaftliche Druckmechanismen daf\u00fcr zu nutzen, die T\u00fcrkei ausschlie\u00dflich in au\u00dfenpolitischen Angelegenheiten auf Linie zu bringen.<i> Hic Rhodus, hic salta</i> \u2013 zeige hier und jetzt, was du kannst! Das HDP-Verbotsverfahren ist das Rhodos der Fabel, und <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57611741\">die EU sprang</a>: Es wurde eine Vertiefung der f\u00fcr die T\u00fcrkei sehr wichtigen Zollunion und eine Verl\u00e4ngerung des \u201eFl\u00fcchtlingsdeals\u201c vereinbart statt neuen Sanktionen. Insofern ist der EU keine Inkonsequenz vorzuwerfen \u2013 au\u00dfer freilich derjenigen, \u201eMenschenrechte\u201c ganz nach gusto hochtrabend im Munde zu f\u00fchren aber sich nur dann f\u00fcr sie zu interessieren, wenn es gegen Russland, China, Belarus, Venezuela oder Kuba geht.</p><p>Aber die Repression gegen die HDP ist,<i> drittens</i>, auch ein integrales Element der Spaltung und Einbindung von Teilen der Opposition.</p><h4><i>Die (Nicht-)Thematisierung der \u201ekurdischen Frage\u201c auf Grundlage eines assimilatorischen t\u00fcrkischen Nationalismus und die Normalisierung eines rasenden militaristisch-nationalistischen \u201eAntiterrordiskurses\u201c hat den antikurdischen t\u00fcrkischen Nationalismus zu einer wichtigen Mobilisierungs- und Legitimationsquelle f\u00fcr politische Akteur*innen gemacht.</i></h4><p>Sogar der klassisch progressiv-neoliberale Ali Babacan, ehemals Wirtschaftsminister unter der AKP, nun Chef der kleinen Oppositionspartei DEVA, der sonst einen sehr starken Fokus auf \u201eRechtsstaatlichkeit und Menschenrechte\u201c hat, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/murat-sabuncu/ali-babacan-cozum-surecinde-hukumet-bir-adim-atacak-orgut-bir-adim-atacak-tavri-orgutu-guclendirdi,28323\">kritisiert</a> den in der Vergangenheit liegenden \u201eFriedensprozess\u201c mit der PKK, weil er die PKK gest\u00e4rkt habe. Abdullah G\u00fcl, der letzte Pr\u00e4sident vor Erdo\u011fan, der tendenziell Babacan-nah ist und die Polarisierung im Land wie auch das Pr\u00e4sidialsystem (wenn auch oft in sehr diplomatischen Worten) ablehnt, lehnt zwar den Verbotsantrag gegen die HDP ab \u2013 allerdings mit der <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/murat-sabuncu/11-cumhurbaskani-gul-t-24-e-konustu-hdp-ye-kapatma-davasi-acilmasini-ve-gergerlioglu-nun-milletvekilliginin-dusurulmesini-cok-yanlis-buluyorum,30262\">Begr\u00fcndung</a>, dass eine Schlie\u00dfung der HDP \u201eTerrororganisationen\u201c (also die PKK) st\u00e4rken w\u00fcrde und nicht etwa, weil ein solches Verbot gegen jede Minimalvorstellung von Rechtsstaatlichkeit geht. Sogar Babacan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ali-babacan-dan-anayasa-nin-ilk-dort-maddesi-sorusuna-uygun-iklim-yaniti,932645\">dr\u00fcckt sich darum</a>, die Pr\u00e4ambel und die ersten vier Paragraphen der <a href=\"https://www.tbmm.gov.tr/anayasa/anayasa_2018.pdf?TSPD_101_R0=08ffcef486ab2000ff259786418a411d0b908f239414891a82ca1e70fb157d3ec257397cacea6e8a08eee612741430007014cc9d5900a144826ec0c4b95c00ba5e6519cb6a8fb620e0367c3e8ace91d2b73f56888936220fa477a70f4a0c573f\">Verfassung</a>, die unter anderem einen rasenden geschichtsmetaphysischen t\u00fcrkischen Nationalismus und einen staatsverherrlichenden \u201eAtat\u00fcrkismus\u201c auf Verfassungsrang erheben, infrage zu stellen. Daher und weil sich die b\u00fcrgerliche Opposition weitestgehend mit dieser Normalisierung arrangiert und diese teilweise auch f\u00fcr ihre eigenen Zwecke nutzt, wird der antikurdische t\u00fcrkische Nationalismus von Regime- wie von Oppositionsparteien mehr oder minder stark geteilt.</p><p>Die Regimeparteien waren, machiavellianisch betrachtet, sehr geschickt darin, diesen militaristisch-nationalistischen \u201eAntiterrordiskurs\u201c auch auf die HDP auszuweiten und diese mit der PKK in eins zu setzen. <a href=\"https://www.turkuazlab.org/wp-content/uploads/2020/12/Turkiyede-Kutuplasmanin-Boyutlari-2020-Arastirmasi-Sunumu.pdf\">Mittlerweile</a> ist die HDP \u2013 neben der AKP \u2013 die <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/galeri/metropoll-arastirma-akp-yuzde-277-ile-secmenin-asla-oy-vermem-dedigi-ilk-parti-1852570/2\">am st\u00e4rksten abgelehnte</a> Partei in der Bev\u00f6lkerung, auch eine politische Zusammenarbeit mit ihr wird <a href=\"https://t24.com.tr/haber/area-arastirma-olasi-cumhurbaskanligi-secimlerinde-mansur-yavas-muharrem-ince-ile-abdullah-gul-e-fark-atiyor,899856\">mehrheitlich abgelehnt</a>. Mit der intensivierten Repression gegen die HDP man\u00f6vriert das Regime daher auch die b\u00fcrgerliche Opposition in eine schwierige Position. Diese wissen ja: Ohne die HDP, die bei landesweiten Wahlumfragen bei etwa 10% der Stimmen liegt, und somit auch ohne politische Zugest\u00e4ndnisse an die HDP scheint ein Sieg gegen die Regimeparteien und Erdo\u011fan unm\u00f6glich. Beispielsweise waren die HDP-W\u00e4hler*innen die <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkischer-fr%C3%BChling/\">K\u00f6nigsmacher</a> bei den Kommunalwahlen in Istanbul 2019. Andererseits ist die Ablehnung von PKK und HDP insbesondere bei der oppositionellen MHP-Abspaltung IYI und innerhalb ihrer W\u00e4hler*innenbasis sehr stark. Orientiert sich die Hauptoppositionspartei CHP also allzu offen auf eine Zusammenarbeit auch mit der HDP, dann riskiert sie einen Bruch mit der IYI und anderen kleineren Oppositionsparteien, was die Aussichten auf einen Sieg gegen Erdo\u011fan bei Wahlen ebenso unwahrscheinlich macht. Regimeakteure konzentrieren daher ihre verbalen Attacken und \u201eTerrorismusvorw\u00fcrfe\u201c auch <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-gayemiz-daha-guclu-bir-turkiye,942434\">ganz besonders</a> auf die CHP und <a href=\"https://www.birgun.net/haber/siyasette-ittifak-savaslari-332225\">versuchen</a> \u2013 teils mit <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-den-iyi-parti-lideri-meral-aksener-e-onerimiz-gecerliligini-korumakta-don-evine-bitsin-bu-cile,922602\">expliziten Einladungen</a> \u2013, die IYI und andere kleinere Oppositionsparteien auf ihre Seite zu ziehen. Ganz davon abgesehen gibt es auch innerhalb der CHP und den CHP-W\u00e4hler*innenschaft starke anti-kurdische und anti-HDP Tendenzen.</p><p>Es ist also ein best\u00e4ndiges Schwanken der b\u00fcrgerlichen Hauptoppositionsparteien hinsichtlich der HDP zu sehen: <a href=\"https://t24.com.tr/haber/iyi-parti-genel-baskan-yardimcisi-hdp-yi-problemli-goruyoruz-fezlekeler-geldiginde-evet-diyecegiz,935268\">Bekundete</a> der stellvertretende Chef der IYI, Yavuz A\u011f\u0131ralio\u011flu, dass sie die Aufhebung der Immunit\u00e4ten von HDP-Parlamentar*iennen unterst\u00fctzen werden (weil Terror!), <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-den-iktidara-1994-ruhu-dedikleri-iste-o-yirtip-attiklari-gomlegin-ta-kendisi,936623\">ruderte</a> gleich darauf die Chefin der IYI, Meral Ak\u015fener, zur\u00fcck und betonte, man w\u00fcrde nicht einfach so, ohne genauere Pr\u00fcfung, die Immunit\u00e4tsaufhebungsantr\u00e4ge abnicken. Dieselbe Ak\u015fener sagte <a href=\"https://www.diken.com.tr/hdpyle-ittifak-yapmayiz-diyen-aksenerden-demirtasa-terorle-ic-ice-oldugu-gercek/\">aber auch</a> noch kurz zuvor im Februar 2021, Selahattin Demirta\u015f (der ehemalige Co-Vorsitzende der HDP, der seit mehreren Jahren im Gef\u00e4ngnis sitzt) sei organisch mit dem \u201eTerror\u201c verbunden und sie suche kein B\u00fcndnis mit der HDP. Zur Verbotsdrohung gegen die HDP blieb und bleibt sie allerdings <a href=\"http://www.diken.com.tr/hdpyle-ittifak-yapmayiz-diyen-aksenerden-demirtasa-terorle-ic-ice-oldugu-gercek/\">gezielt vage</a> und h\u00e4lt sogar eine Unterst\u00fctzung daf\u00fcr von Teilen ihrer Partei f\u00fcr m\u00f6glich. Innerhalb der IYI wird <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/iyi-parti-once-icerige-bakacak-1817197\">diskutiert</a>, wie es zu bewerkstelligen ist, sich so scharf wie m\u00f6glich von der HDP abzugrenzen, zugleich aber auch nicht dem Regime zuzuarbeiten; etwa, indem man beispielsweise durch Akzeptanz der Immunit\u00e4tsaufhebungen auch die Ausweitung der Repression auf die restliche Opposition erm\u00f6glicht. Die IYI denkt <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/iyi-parti-cephesi-demirtasin-onerisinin-milleti-baltalayacagini-dusunuyor-1825490\">offensichtlich auch</a> \u00fcber die Gr\u00fcndung eines dritten Wahlb\u00fcndnisses nach, sollten CHP und HDP offen miteinander koalieren. Einige <a href=\"https://t24.com.tr/amp/haber/iyi-parti-toplu-istifa-aksener-e-guvenimiz-sarsildi,916591\">wenige Austritte</a> aus der IYI wegen der \u201eN\u00e4he zur HDP\u201c hat es ebenfalls schon gegeben. CHP-Chef K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu hingegen weicht zwar vom Ultranationalismus seines Vorg\u00e4ngers Deniz Baykal betreffs der \u201ekurdischen Frage\u201c ab, <a href=\"http://www.aljazeera.com.tr/gorus/cozum-surecinde-chp-ucuncu-yol-mumkun-mu\">lehnte aber</a> den \u201eFriedensprozess\u201c mit der PKK ab 2009/2010 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglundan-cozum-sureci-aciklamasi,229601\">dennoch ab</a> \u2013 mit der Begr\u00fcndung, dieser nutze der PKK und \u00d6calan. In den letzten Jahren <a href=\"https://www.jacobinmag.com/2016/11/turkey-erdogan-coup-hdp-pkk-syria-gulen-ypg\">stach er damit hervor</a>, dass er milit\u00e4rische Invasionen der t\u00fcrkischen Armee gegen die PKK und kurdische Gebiete in Syrien unterst\u00fctzte und zudem denjenigen Immunit\u00e4tsaufhebungsantr\u00e4gen zustimmte, die \u00fcberhaupt erst zur Inhaftierung der ehemaligen Co-Vorsitzenden der HDP (und sp\u00e4ter auch zur Inhaftierung eines CHP-Parlamentariers) f\u00fchrten. Auch aktuell lehnt er die offensichtlich zur Schw\u00e4chung und Spaltung der Opposition eingesetzten Immunit\u00e4tsaufhebungsantr\u00e4ge nicht rigoros ab, sondern bekundet, man m\u00fcsse erst mal deren Inhalte \u201e<a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/chp-genel-baskan-kemal-kilicdaroglu-yasalarla-oynayan-iktidar-gidicidir-1815708\">pr\u00fcfen</a>\u201c.</p><p>Ein wirkliches Novum war allerdings die Reaktion der b\u00fcrgerlichen Opposition auf eine in ihrer Zielsetzung und Umsetzung <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/02/16/13-sehit-sorulari-harekatin-amaci-neydi-sorumlusu-kim/\">bis heute</a> <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/sedat-ergin/o-magarada-saat-saat-ne-oldu-41743108\">nicht ganz aufgekl\u00e4rten</a> Milit\u00e4roperation des t\u00fcrkischen Staates im irakisch-kurdischen Gebirge von Gara im Februar 2021. W\u00e4hrend der Operation kamen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/milli-savunma-bakani-akar-gara-da-13-vatandasimizin-naasina-ulasildi,932974\">13 t\u00fcrkische Geiseln</a> in der Hand der PKK um, wof\u00fcr sich der t\u00fcrkische Staat und die PKK gegenseitig beschuldigten. W\u00e4hrend die b\u00fcrgerlichen Oppositionsparteien bei solchen Operationen \u2013 insbesondere mit so hohen Verlusten \u2013 \u00fcblicherweise sofort an der Seite der Regierung stehen, blieben sie diesmal kritisch-distanziert und <a href=\"https://www.kisadalga.net/yazar/garede-cuvallayan-iktidar-ve-muhalefetin-soru-sorma-basarisi_2608\">stellten viele Fragen</a> bez\u00fcglich des Zwecks und des genauen Ablaufs der Operation. Das versetze <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/aksener-tarzi-muhalefet-41743103\">nat\u00fcrlich</a> das Regime <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-hicbir-sey-adina-terore-goz-yumulamaz-tarafsiz-ve-hareketsiz-kalinamaz,933916\">in Rage</a>. In diesem Fall durchschauten also die b\u00fcrgerlichen Oppositionsparteien die politische Inszenierung des Operationsablaufs als Methode des Regimes, sich Legitimation auch im oppositionellen Lager zu organisieren. Das Verbotsverfahren gegen die HDP ist in dieser Hinsicht nat\u00fcrlich auch eine Initiative des Regimes, um die b\u00fcrgerliche Opposition dazu zu zwingen, sich nicht mehr schwankend angesichts der \u201ekurdischen Frage\u201c beziehungsweise der HDP zu verhalten, <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/gundemi-hdpye-odaklayan-iktidar-anayasa-degisikligiyle-bir-daha-acilmamasinin-pesinde-1815713\">sondern sich eindeutig zu positionieren</a> \u2013 und daf\u00fcr den Preis bezahlen (n\u00e4mlich entweder die Unterst\u00fctzung der Kurd*innen oder die der Nationalist*innen zu verlieren).</p><p>Die Versuche zur Spaltung und Einbindung der Opposition erfolgen indes nicht ausschlie\u00dflich \u00fcber die \u201ekurdische Frage\u201c. Zum einen f\u00e4llt die wohlwollende Berichterstattung \u00fcber Spaltungen innerhalb der Oppositionsparteien ins Auge. Eine <a href=\"https://t24.com.tr/haber/umit-ozdag-iyi-parti-yi-chp-nin-uydu-partisi-haline-getirmislerdir,936900\">offiziell</a> mit Verweis auf die \u201ekurdische Frage\u201c und N\u00e4he zur G\u00fclen-Gemeinde erfolgte Abspaltung von der IYI wurde seitens der Regimepresse gut aufgenommen. Auch der Pr\u00e4sidentschaftskandidat der CHP von 2018, Muharrem Ince, trat aus der CHP aus und hat mittlerweile eine eigene Partei gegr\u00fcndet. Auch \u00fcber ihn wurde in der Regimepresse <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/erdoganin-anayasa-hamlesinin-puf-noktalari-41730444\">sehr wohlwollend</a> berichtet und das Vorgehen der CHP gegen\u00fcber Ince skandalisiert. Aber es wird unter Umst\u00e4nden auch direkter interveniert: So <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/trumptan-once-trumptan-sonra-41709165\">besuchte</a> Erdo\u011fan im Januar 2021 ein wichtiges Mitglied der kleinen oppositionellen Partei der Gl\u00fcckseligkeit (<i>Saadet Partisi</i>, SP), die aus der Tradition des politischen Islams in der T\u00fcrkei kommt und von deren Vorg\u00e4ngerin sich die AKP als Abspaltung gegr\u00fcndet hat. Offensichtlich konnte Erdo\u011fan diese Pers\u00f6nlichkeit (O\u011fuzhan Asilt\u00fcrk) von einer Wiederann\u00e4herung an die AKP \u00fcberzeugen. Seit kurzem pl\u00e4diert Asilt\u00fcrk offen daf\u00fcr, dass sich die SP der Wahlallianz des Regimes, der Volksallianz (<i>Cumhur \u0130ttifak\u0131</i>) anschlie\u00dft und ihre oppositionelle Rolle aufgibt. Er <a href=\"https://t24.com.tr/haber/saadet-partisi-nden-oguzhan-asilturk-e-yanit-partinin-yetkili-kurullari-ve-karar-organlari-bellidir,959353\">versucht</a> mittlerweile zunehmend aggressiv, die Macht innerhalb der SP zu \u00fcbernehmen, wobei auch die derzeitige SP-F\u00fchrung selbst in ihrer Opposition zur AKP <a href=\"https://t24.com.tr/haber/karamollaoglu-dogru-bulmadigimiz-politikalarini-degistirmesi-sartiyla-ak-parti-yle-ittifak-yapilabilir,928502\">nicht immer klar</a> positioniert ist. Offensichtlich zielen diese Taktiken darauf ab, eine Demobilisierung, Demoralisierung und/oder sogar ein \u00dcberlaufen von Teilen der Opposition herbeizuf\u00fchren.</p><p>Nicht zuletzt erfolgen Einbindungsversuche der Opposition auch \u00fcber die k\u00fcmmerlichen Reste gemeinschaftlicher oder konsultativer Verfahren sowie einer angeblich an Rechtsstaatlichkeit orientierten Reformagenda. Bei der <a href=\"https://www.haberturk.com/adalet-bakani-gul-den-hsk-secimi-mesaji-uzlasmayla-secilmesi-cok-onemli-3077728\">Besetzung</a> von sieben neuen Mitgliedern des f\u00fcr die Ernennung aller wichtigen Richter*innen und Staatsanw\u00e4lt*innen zust\u00e4ndigen Rats f\u00fcr Richter und Staatsanw\u00e4lte (<i>Hakim ve Savc\u0131lar Kurulu</i>, HSK) erlaubte das Regime der CHP und IYI, zwei der Mitglieder zu ernennen und somit so etwas wie eine \u201egemeinsame Verantwortung in der Staatsf\u00fchrung\u201c zu evozieren. Auch wurde <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/erdoganin-asilturk-ile-gorusmesinde-yeni-anayasanin-da-gundeme-geldigi-belirtiliyor-1811157\">zeitweise</a> dar\u00fcber gemunkelt, das Regime k\u00f6nne einige wenige Zugest\u00e4ndnisse an die rechten Oppositionsparteien machen bei der Ausarbeitung einer neuen Verfassung \u2013 und selbstredend im Gegenzug Unterst\u00fctzung f\u00fcr die neue Verfassung erhalten. Und wie schon vor zwei Jahren wurde mit gro\u00dfem Tamtam ein <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-erdogan-insan-haklari-eylem-plani-ni-acikliyor,936450\">Menschenrechtsaktionsplan</a> verk\u00fcndet, das angeblich Menschenrechte sch\u00fctzen und willk\u00fcrlichen Haftstrafen vorbeugen und dadurch als Schein einer Teilliberalisierung die oppositionelle Energie d\u00e4mpfen sollte. Letztlich tragen die Zugest\u00e4ndnisse an gemeinschaftliche Verfahrensweisen und die Reformagenda allerdings nicht weit, da sie schon von Anfang an weitestgehend Makulatur waren.</p><p>Denn gemeinschaftliche Verfahren und Rechtsstaatlichkeit vertragen sich,<i> viertens</i>, nicht mit dem andauernden Faschisierungsprozess als Krisenbearbeitungsmodus, der daher auch einer anderen Legitimationsbasis, namentlich einer autorit\u00e4ren bedarf. In dieser Hinsicht erfolgte zuz\u00fcglich der in diesem Artikel schon beschriebenen repressiven Ma\u00dfnahmen und zur Gewalt anstachelnden Reden seitens des Regimes auch eine erneute Diskussion um die Wiedereinf\u00fchrung der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-bahceli-nin-aym-cagrisina-destek-tbmm-bir-adim-atarsa-seve-seve-ben-de-buna-katilirim,906649\">Todesstrafe</a> sowie <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-anayasa-mahkemesi-aciklamasi-aym-baskani-ve-uyeleri-ayni-dusuncede-degilse-geregini-yapmali,909193\">mehrmalige</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/04/01/bahceli-istedi-diye-erdogan-aym-duzenine-son-verir-mi/\">Forderungen</a> nach der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-anayasa-mahkemesi-tekrar-yapilandirilmali-yeni-anayasa-surecinde-yuksek-mahkemenin-mevcut-durumu-mutlaka-ele-alinmali,932241\">institutionellen Entmachtung</a> oder gar <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-aym-milletin-mahkemesi-olmayacaksa-derhal-kendisini-feshetsin-basindaki-zat-da-gecikmeden-istifa-etsin,933415\">Abschaffung</a> des Verfassungsgerichtes, da es in einigen wichtigen politischen Verfahren nicht nach dem Gefallen des Regimes entschied. Als Zementierung konservativ-autorit\u00e4ren Lebensstils wurden <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hafta-sonu-tekel-bayileri-kapatilacak-mi-marketlerde-icki-satisi-olmayacak-mi-genelgede-acik-hukum-yok-fiili-yasak-mi-gundemde,919504\">Alkoholverkaufsverbote</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/icisleri-bakani-soylu-dan-tam-kapanma-aciklamasi-denetimleri-en-ust-seviyede-tutmaliyiz,948802\">w\u00e4hrend</a> pandemiebedingten Lockdowns verh\u00e4ngt, <a href=\"https://t24.com.tr/video/erdogan-muzik-yasagini-saat-24-00-e-cekiyoruz-kusura-bakmasinlar-gece-kimsenin-kimseyi-rahatsiz-etmeye-hakki-yok,39860\">Musik und Unterhaltung</a> m\u00fcssen aktuell trotz vollst\u00e4ndiger \u00d6ffnungen um Mitternacht beendet werden. Und es erfolgte die lang angek\u00fcndigte Aufk\u00fcndigung der Istanbuler Konvention zum Schutz vor h\u00e4uslicher Gewalt seitens des t\u00fcrkischen Staates. Der Austritt aus diesem Abkommen war schon letztes Jahr versucht worden, traf aber auch innerhalb des Regimes auf gro\u00dfen Widerstand. Dieses Jahr war das Regime <a href=\"https://www.duvarenglish.com/turkeys-erdogan-quits-istanbul-convention-with-a-midnight-presidential-decree-news-56713\">erfol</a><a href=\"https://www.duvarenglish.com/turkeys-erdogan-quits-istanbul-convention-with-a-midnight-presidential-decree-news-56713\">greich darin</a>, die K\u00fcndigung der Istanbuler Konvention durchzudr\u00fccken \u2013 mit dem <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskanligi-iletisim-baskanligi-ndan-istanbul-sozlesmesi-aciklamasi,940584\">Argument</a>, diese legitimiere mit dem Begriff \u201egesellschaftliches Geschlecht\u201c \u201ewidernat\u00fcrliche\u201c (also nicht-heteronormative) Sexualit\u00e4ten, was \u201eunserem\u201c Moralverst\u00e4ndnis <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56492232\">wi</a><a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56492232\">derspr\u00e4che</a>. Die restriktive und homophobe Sexualit\u00e4ts- und Alltagsmoral zielt damit aber nicht nur auf die Unterdr\u00fcckung und Demoralisierung alternativer Lebensentw\u00fcrfe und Sexualit\u00e4ten, sondern vor allem auch auf die Schaffung (oder St\u00e4rkung) von und Legitimation durch konservativ-autorit\u00e4re Sozialcharaktere. Warum sonst kommt eine Familien- und Sozialministerin auf die Idee, den Anstieg von Gewalt an Frauen f\u00fcr \u201e<a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/05/why-women-are-calling-turkeys-only-female-cabinet-member-resign\">tolerabel</a>\u201c zu halten, da sie einen (noch) st\u00e4rkeren Anstieg mit der Pandemie erwartet h\u00e4tte? Zugleich erdreistete sich aber das Tourismusministerium Ende Juli 2021 ernsthaft und ohne Scham ein Promotionsvideo \u00fcber Istanbul mit dem Titel \u201e<a href=\"https://twitter.com/TCKulturTurizm/status/1419764679019278336?s=19\">Istanbul is the new cool</a>\u201c zu drehen und zu ver\u00f6ffentlichen, das Istanbul als eine s\u00e4kulare, liberale, offene, lebensfreudige, unbeschwerte, potenziell queere und hippe Stadt darstellte, um irgendwie noch westliche Tourist*innen anzuziehen. Als ob \u201eEnjoy, I\u2019m vaccinated\u201c nicht gereicht h\u00e4tte. Die <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/secular-turks-mock-governments-appropriation-care-free-lifestyles-istanbul-promo\">zynischen Kommentare</a> auf Twitter reichten von \u201edas war/ist Istanbul vor/nach der AKP\u201c bis hin zu \u201eFrauen tanzen, Ballett auf den Stra\u00dfen, wilde N\u00e4chte, Getr\u00e4nke, Tische... Es ist so sch\u00f6n, ich frage mich welches Land das wohl sein mag\u201c.</p><p>Nicht zuletzt gab es einige institutionelle Ver\u00e4nderungen zur St\u00e4rkung der repressiven Apparate. Die Ver\u00e4nderungen zielen auf die Festigung eines autorit\u00e4ren Staatsaufbaus: <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2021/01/turkey-gives-police-access-military-alarming-human-rights.html\">Beispielsweise</a> ist es mittlerweile dem Geheimdienst (MIT) und der Polizei erlaubt, bei \u201eterroristischen oder gesellschaftsbezogenen Ereignissen\u201c auf Waffenbest\u00e4nde des Milit\u00e4rs zuzugreifen. Zudem ist es mittlerweile <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bakan-soylu-toplumsal-olaylarda-kayit-yasagina-dair-emniyet-genelgesi-anayasa-ya-aykiri-degil-basini-engellemez,949777\">verboten</a>, mit Handys Aufnahmen von polizeilichen Ma\u00dfnahmen zu t\u00e4tigen. Auch wurde die <a href=\"https://www.hrw.org/news/2020/12/24/turkey-draft-law-threatens-civil-society\">Kontroll- und Interventionsmacht</a> des Innenministeriums \u00fcber die Vorst\u00e4nde von NGOs <a href=\"https://media-cdn.t24.com.tr/files/Venedik_Komisyonu_Turkiye_raporu.pdf\">bedeutend gest\u00e4rkt</a>. Und es wird seitens des Regimes die Einf\u00fchrung einer <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/2958771-yeni-anayasanin-olmazsa-olmaz-iki-sarti-1-cumhurbaskanligi-hukumet-sistemi-2-uniter-yapi\">neuen Verfassung</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/02/03/yeni-anayasadan-ilk-haberler-daha-guclu-baskanlik/\">diskutiert</a>, die <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/yeniden-kurulus-anayasasi-41737612\">offensichtlich</a> eine verfassungsrechtliche St\u00e4rkung der Pr\u00e4sidialdiktatur parallel mit einer St\u00e4rkung der t\u00fcrkisch-nationalistischen und islamistischen Elemente der Verfassung zum Ziel hat. Aber keine dieser Ma\u00dfnahmen konnte verhindern, dass Anatolien Ende Juli wortw\u00f6rtlich in Flammen aufging.</p><h2><b>Anatolien in Flammen</b></h2><h4><i>Seit Ende Juli w\u00fcten die vermutlich verheerendsten Waldbr\u00e4nde in der Geschichte der</i> <a href=\"https://atmosphere.copernicus.eu/copernicus-mediterranean-region-evolves-wildfire-hotspot-while-fire-intensity-reaches-new-records\"><i>modernen T\u00fcrkei</i></a><i>.</i> <a href=\"https://www.economist.com/europe/2021/08/07/turkeys-deadly-fires-raise-the-heat-for-erdogan\"><i>\u00dcber 160.000 Hektar Waldfl\u00e4che</i></a><i> verbrannten vom 28. Juli bis zum 9. August in</i> <a href=\"https://twitter.com/bekirpakdemirli/status/1424804281941733379/photo/1\"><i>\u00fcber 270 Br\u00e4nden</i></a><i>, die 53 von insgesamt 81 Provinzen in Flammenmeere verwandelten.</i></h4><p>Es ist nat\u00fcrlich einerseits Zufall, dass im selben Jahr die Corona-Pandemie auf der Welt w\u00fctet; in Texas im Februar eine historische <a href=\"https://www.nbcnews.com/news/us-news/death-toll-rises-210-february-cold-wave-texas-n1273911\">K\u00e4ltewelle</a> zum Zusammenbruch des Elektrizit\u00e4tsnetzwerkes und zu \u00fcber 200 K\u00e4ltetoten f\u00fchrte; Kanada und Teile der USA eine bisher nicht gesehen Hitzewelle von 50\u00b0 Celsius durchmach(t)en; in Rheinland-Pfalz beziehungsweise Nordrhein-Westfalen (und in Belgien, Luxemburg, der Niederlande und der nord\u00f6stlichen Schwarzmeerk\u00fcste der T\u00fcrkei) geradezu <a href=\"https://www.nationalgeographic.co.uk/environment-and-conservation/2021/07/experts-fear-germanys-deadly-floods-are-a-glimpse-into-climate-future\">diluvianische Sintfluten</a> zu immensen Zerst\u00f6rungen und zum Tod von fast 200 Menschen f\u00fchrten; weitere Regionen rund um das <a href=\"https://www.vice.com/en/article/n7bk9d/a-heatwave-has-triggered-a-massive-melting-event-in-greenland\">Mittelmeer in Flammen</a> stehen (Waldbr\u00e4nde in Italien, Griechenland, dem Balkan, Algerien...); auch Kalifornien mit dem gr\u00f6\u00dften Waldbrand seiner Geschichte k\u00e4mpft; es sogar in Sibirien zu weitfl\u00e4chigen Waldbr\u00e4nden kommt, w\u00e4hrend in Gr\u00f6nland die Eiskappen wegen einer Hitzewelle <a href=\"https://www.vice.com/en/article/n7bk9d/a-heatwave-has-triggered-a-massive-melting-event-in-greenland\">massiv schmelzen</a> und so weiter. Aber es ist zugleich \u00fcberhaupt kein Zufall, sondern diese Extremwetterereignisse sind eine logische Konsequenz von geradezu eiserner Notwendigkeit. Sie folgen aus dem menschengemachten Klimawandel, wie der <a href=\"https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2021-08/klimawandel-ipcc-bericht-weltklimarat-erderwaermung-extremwetter/komplettansicht\">aktuell ver\u00f6ffentlichte</a> Weltklimabericht des<i> Intergovernmental Panel on Climate Change</i> (IPCC) in aller Ausf\u00fchrlichkeit und wissenschaftlich fundiert festh\u00e4lt. Extremwetterereignisse werden daher unausweichlich zunehmen, einzig die Frage nach dem <i>wann</i> und <i>wo</i> beherbergt eine Prise Zufall. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit dem zumindest stark durch menschliche Handlungen beg\u00fcnstigten Ausbruch und der Verbreitung von Epidemien und Pandemien. Vielleicht wird dieses Jahr irgendwann als das erste \u00f6kologische Katastrophenjahr bezeichnet werden, in dem sich die mit apodiktischer Notwendigkeit aus dem Klimawandel und den spezifischen Formen menschlicher Landwirtschaft folgenden Extremwetterereignisse und Pandemien in einem bislang noch nicht gekannten Ausma\u00df akkumulierten \u2013 und damit auch den Menschen in den imperialistischen Zentren die Klimakrise fassbar vor Augen f\u00fchrten. Die UN spricht schon davon, dass wir auf einen Planet hinsteuern, der zu einer \u201e<a href=\"https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/Human%20Cost%20of%20Disasters%202000-2019%20Report%20-%20UN%20Office%20for%20Disaster%20Risk%20Reduction.pdf\">uninhabitable hell</a>\u201c (S. 3) wird und Leo Panitch bl\u00e4ut uns, etwas arg pessimistisch, schon seit Jahren ein, dass wir uns <a href=\"https://catalyst-journal.com/2020/06/class-theory-for-our-time\">darauf vorbereiten m\u00fcssen</a>, den Sozialismus unter Umst\u00e4nden aufzubauen, die denen von<i> Blade Runner</i> \u00e4hneln.</p><h4><i>Das derzeitige Inferno in Anatolien ist allerdings nicht nur eine Geschichte des menschengemachten Klimawandels. Es f\u00fchrt \u2013 wie in einem Brennglas \u2013 alle in diesem Artikel bereits angesprochenen sozialen Entwicklungen und Antagonismen konzentriert zusammen und versch\u00e4rft sie: den neronischen Hochmut des Regimes, das Desinteresse des neoliberalen Staates an Mensch und Natur, die Faschisierung, den Lynchmob, die antikurdische Hetze \u2013 aber auch das Potenzial umfassender Solidarit\u00e4t.</i></h4><p>An erster Stelle ist das Totalversagen des neoliberalen Staates zu nennen, wo es um Schutz und \u00dcberleben von Mensch und Natur geht: Angesichts der v\u00f6llig unzureichenden Ausstattung von Feuerwehr und Feuerl\u00f6schflugzeugen versuchten Dorfbewohner*innen, Polizist*innen und Gendarmen individuell mit eigenen H\u00e4nden, kleinen Wasserk\u00fcbeln, Decken und dergleichen den Fl\u00e4chenbrand zu bes\u00e4nftigen; die Evakuation von Tausenden von Menschen aus K\u00fcstenorten und Tourismusressorts wurde teils mit <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=Pk2NZ9Q2_o8\">privaten Mitteln</a>, das hei\u00dft mit Privatjachten, Jetskies und kleinen Booten organisiert. Ganze D\u00f6rfer und St\u00e4dte mussten evakuiert werden; auch das <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=1IP3j2NrQVY\">Kohlekraftwerk \u00d6ren</a> bei Milas/Mu\u011fla, das in letzter Sekunde abgeschaltet und gemeinsam mit der ganzen Umgebung von den Seestreitkr\u00e4ften des t\u00fcrkischen Milit\u00e4rs evakuiert wurde. Es war eine der wenigen Situationen, in denen die Regierung das Milit\u00e4r, das seit dem Putschversuch 2016 direkt dem Gouverneur und der Regierung mit Ausnahme des milit\u00e4rischen Verteidigungsfalles weisungsgebunden untersteht, zu Hilfe rief. Die Furcht vor einer (eher fiktiven denn wahrscheinlichen) kemalistischen \u201eVereinigung von Volk und Armee\u201c durch gemeinsame Aktion sitzt tief. Viele <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=6Fs8YITtkwo\">freiwillige Brandbek\u00e4mpfer*innen</a> aus allen Landesteilen, oft politisch links eingestellt, und Dorfbewohner*innen <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=QgN7tnoEkZ4\">berichten</a> <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=rCcHGmm6Uaw\">davon</a>, dass lange Zeit gar keine oder kaum Flugzeuge/Helikopter eingesetzt wurden \u2013 oder sie, von Staat und Regierung in Stich gelassen, die Br\u00e4nde selbst bek\u00e4mpfen mussten. \u201eIch wei\u00df nicht, wer uns helfen wird\u201c, ruft \u2013 verzweifelt und w\u00fctend zugleich \u2013 Ismail \u00d6zt\u00fcrk, ein Dorfbewohner bei Manavgat/Antalya, dessen gesamtes Dorf niederbrannte.</p><p>Im Zentrum der Debatte um Staatsversagen steht die beizeiten von Atat\u00fcrk gegr\u00fcndete gemeinn\u00fctzige Institution der T\u00fcrkischen Luftfahrtgesellschaft (<i>T\u00fcrk Hava Kurumu</i>, THK) und nat\u00fcrlich das Forst- und Landwirtschaftsministerium. Die THK diente historisch nicht nur der Verbreitung und Ausbildung der Luftfahrt, sondern auch der Bek\u00e4mpfung von Br\u00e4nden. Noch 2002 besa\u00df sie 19 L\u00f6schflugzeuge, die in den 2000er-Jahren im In- wie im internationalen Ausland zum Einsatz kamen. Ab etwa 2010 wurde sie <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-08-06/grounded-firefighting-aircraft-haunt-erdogan-as-blazes-rage\">zunehmend heruntergewirtschaftet</a>, indem ihr bestimmte privilegierte Einkommensquellen staatlicherseits gekappt und islamistischen Organisationen \u00fcbergeben wurden. Seit 2019 wird sie von einem regimetreuen Zwangsverwalter gef\u00fchrt, der 2015 kurzfristig einen Ministerposten innehatte (den f\u00fcr Handel und Z\u00f6lle), und die THK gemeinsam mit dem Forst- und Landwirtschaftsministerium ganz aus der Brandbek\u00e4mpfung <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/tuncay-mollaveisoglu/bu-bir-yonetim-krizi-goz-gore-gore-yandik-1857732\">herauszog</a>. Das Herunterwirtschaften der THK ist dabei nicht nur (aber auch) Teil des antikemalistischen Kulturkampfes der AKP: Die THK steht immer noch f\u00fcr ein \u201eErbe Atat\u00fcrks\u201c und galt als kemalistische Bastion. Das Kaputtsparen der de facto halbstaatlichen, aber nach Privatrecht operierenden THK ist aber auch ganz simpel Teil einer neoliberalen Austerit\u00e4tspolitik, die an allen haupts\u00e4chlich sozialen und infrastrukturellen Ausgaben spart, die als \u201e\u00fcberfl\u00fcssig\u201c gelten. <a href=\"https://griechenlandsoli.com/2021/08/07/polizisten-im-uberfluss-aber-keine-feuerwehrleute/\">Ein Blick</a> auf das Nachbarland Griechenland, in dem die <a href=\"https://www.heise.de/tp/features/Griechenland-Verheerende-Waldbraende-bedrohen-auch-die-Hauptstadt-6156901.html\">durch Austerit\u00e4t</a> fast handlungsunf\u00e4hige Feuerwehr verzweifelt mit dem <a href=\"https://www.independent.co.uk/climate-change/greece-fires-news-live-wildfires-weather-b1898720.html\">wenigen Personal</a>, das ihr zur Verf\u00fcgung steht, versucht, die Br\u00e4nde zu bek\u00e4mpfen \u2013 w\u00e4hrend zugleich die Polizei massiv aufgestockt wurde und wird \u2013, macht deutlich, <a href=\"https://www.heise.de/tp/features/Griechenland-erst-saniert-dann-verbrannt-6158465.html?seite=all\">wie \u00e4hnlich</a> sich zwei neoliberale Staaten an der euro-transatlantischen Peripherie bei allen ideologischen und kulturellen Differenzen sind.</p><p>Anstatt die durchaus vorhandenen <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58029855\">funktionsf\u00e4higen Teile</a> der Flotte der THK sofort zu nutzen \u2013 <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=ZW88UT6Ol_U\">sieben Flieger</a> standen die ganze Zeit flugbereit bei Etimesgut/Ankara auf dem Flugfeld \u2013 und die reparaturbed\u00fcrftigen schnellstm\u00f6glich auf Vordermann zu bringen, regnete es <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58029855\">Schm\u00e4hungen und Drohungen</a> auf die THK und alle, die den Einsatz der THK einforderten. Dabei plapperte der Forst- und Landwirtschaftsminister Bekir Pakdemirli nat\u00fcrlich heraus, dass dem Ministerium selbst <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58029855\">keine Feuerl\u00f6schflugzeuge</a> zur Verf\u00fcgung st\u00fcnden. Und der derzeitige Zwangsverwalter der THK gab zu, dass er sich \u201eauf einer Hochzeit\u201c befand, als ihn CHP-Chef Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu verzweifelt versuchte, per Telefon zu erreichen. Dieser wollte ihm das Angebot der am heftigsten vom Feuer betroffenen Gebiete (alle CHP-gef\u00fchrt) \u00fcberreichen, wonach die betreffenden Munizipalit\u00e4ten vorschlugen, die Wartungskosten der THK-Feuerl\u00f6schflugzeuge zu \u00fcbernehmen, damit diese schnellstm\u00f6glich in den Einsatz geschickt werden k\u00f6nnten. Bis Feuerl\u00f6schflugzeuge und -helikopter von Russland, der Ukraine, Israel und Aserbaidschan und anderen L\u00e4ndern \u2013 \u00fcbrigens zu vermutlich bedeutend <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/tuncay-mollaveisoglu/ormanlar-yansin-diye-her-sey-yapildi-1848468\">h\u00f6heren Kosten</a> als eine <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58029855\">Wartung</a> der THK-Flotte \u2013 angemietet wurden und die EU Hilfe schickte, waren die Br\u00e4nde schon zu einem Fl\u00e4chenbrand ausgewachsen.</p><h4><i>Sehenden Auges also lie\u00df das Regime die Provinzen in Flammen aufgehen \u2013 genauso, wie der r\u00f6mische Geschichtsschreiber Sueton Kaiser Nero beschreibt, der dem Gro\u00dfen Brand von Rom unt\u00e4tig zugeschaut haben soll.</i></h4><p>Wie der Nero der Erz\u00e4hlungen Suetons, so verfolgt \u2013 abgesehen von der neoliberalen Inkompetenz \u2013 auch das Regime in der T\u00fcrkei offensichtlich mehrere Kalk\u00fcle mit dem laxen Vorgehen gegen die Br\u00e4nde. Ein Faktor ist vermutlich ein polit\u00f6konomischer: <a href=\"https://www.tema.org.tr/basin-odasi/basin-bultenleri/canakkale-icin-kader-ani\">Bis zu</a> 70% <a href=\"https://www.tema.org.tr/basin-odasi/basin-bultenleri/yasalarla-madencilikten-korunan-alanlar-belirlenmeli\">einiger</a> betroffener Provinzen sind mit Bergbaulizenzen versehen. Das Abbrennen der W\u00e4lder \u201evereinfacht\u201c da nat\u00fcrlich den Bergbau, zumal \u2013 zuf\u00e4lligerweise? \u2013 unmittelbar zu Beginn der Br\u00e4nde <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/07/31/yanginlar-sonmeden-orman-ve-kiyilar-yeni-yagmaya-aciliyor/\">ein Gesetz</a> verabschiedet wurde, das im Prinzip dem Pr\u00e4sidenten das Recht zuspricht, nach Gutd\u00fcnken Waldgebiete als Bergbaugebiet zu deklarieren. Obwohl der Schutz der W\u00e4lder auf Verfassungsrang verbindlich festgelegt ist, wurde dieses Verfassungsprinzip w\u00e4hrend der AKP-\u00c4ra <a href=\"https://monde-diplomatique.de/artikel/!5761209\">kontinuierlich untergraben</a>. Der Bergbau (Gold, Metalle, usw.) stellt nun mal eines der lukrativsten Investitionsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr AKP-nahe Kapitalgruppen dar. Auch jetzt wird zwar versprochen und versichert, dass alle niedergebrannten W\u00e4lder aufgeforstet werden. \u00c4hnliche hochheilige Versprechungen haben sich allerdings in der Vergangenheit als <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1155310.waldbraende-in-tuerkei-grosse-waldgebiete-zerstoert.html\">blanke L\u00fcgen</a> erwiesen.</p><p>Ein weiterer Faktor ist ein gedoppelter politischer. Zum einen wird die Unf\u00e4higkeit, die Br\u00e4nde zu bek\u00e4mpfen \u2013 auch von Erdo\u011fan selbst \u2013 <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/erdogan-struggles-contain-political-fallout-turkeys-wildfires\">der Opposition zugeschrieben</a>. Alle Kommunalverwaltungen der am heftigsten von den Br\u00e4nden betroffenen Provinzen an der West- und S\u00fcdk\u00fcste der T\u00fcrkei sind n\u00e4mlich unter Kontrolle der CHP. Das ist nat\u00fcrlich Teil des allgemeinen Kampfes um die Hegemonie zwischen Regime und Opposition um die Gunst der Bev\u00f6lkerung. Zugleich aber soll und darf aus Regimeperspektive brennen, was zum verhassten West- und S\u00fcdk\u00fcstenstreifen der T\u00fcrkei geh\u00f6rt \u2013 das hei\u00dft diejenigen Teile des Landes, die w\u00e4hrend der AKP-\u00c4ra durchgehend in der Hand der kemalistischen CHP (oder, wenn auch etwas weniger stabil, der MHP) blieben und daher nun in neronischer Verachtung dem Brand ausgeliefert wurden. Und inmitten dieses Infernos sang <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/erdogandan-yangin-aciklamasi-suikast-iddiasi-yogun-sekilde-sorusturuluyor-1856606\">das Regime</a> und <a href=\"https://onedio.com/haber/yandas-medyanin-turkiye-nin-yangin-basarisi-hakkinda-yaptigi-gecmis-haberleri-okuyunca-saskina-doneceksiniz-996006\">die Regimepresse</a> <a href=\"https://www.sabah.com.tr/gundem/2021/08/10/son-dakika-yanginlarda-buyuk-basari-tarihe-gecen-anlar\">eine Ode</a> auf die angeblich unvergleichlich effektive Brandbek\u00e4mpfung(sinfrastruktur) des t\u00fcrkischen Staates und <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/turkish-prosecutor-investigates-tweets-calling-help-wildfires\">schwang die Repressionskeule</a> gegen den millionenfach geteilten #HelpTurkey-Hashtag auf Twitter.</p><p>Der andere Teil des politischen Kalk\u00fcls ist die Nutzbarmachung der Br\u00e4nde f\u00fcr die Entfachung des antikurdischen Rassismus und der faschistischen Massenmobilisierung zwecks Legitimationserhalt. <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/407845.waldbr%C3%A4nde-in-der-t%C3%BCrkei-schuld-sind-die-anderen.html\">Erdo\u011fan h\u00f6chstpers\u00f6nlich</a> legte eine Verursachung der Br\u00e4nde durch die PKK nahe. Er bezeichnete die Opposition erneut als \u201eTerroristen\u201c und <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58075222\">drohte</a> durch die Blume mit Gewalt im Falle eines solchen \u201eVaterlandsverrats\u201c, was die dann nat\u00fcrlich tats\u00e4chlich stattfindenden \u00dcbergriffe legitimierte und anfachte. Nat\u00fcrlich gibt es bis heute keine Beweise daf\u00fcr, dass \u201eSaboteure\u201c oder die PKK die Feuer gelegt haben. Der t\u00fcrkische Staat m\u00fcsste sich grundlegend Gedanken \u00fcber seinen Existenzgrund machen, wenn Saboteure und/oder die PKK so f\u00e4hig w\u00e4ren, dass sie fast die H\u00e4lfte des Landes in ein Flammenmeer verwandeln k\u00f6nnen. <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1155310.waldbraende-in-tuerkei-grosse-waldgebiete-zerstoert.html\">Unter F\u00fchrung</a> vermutlich der MHP (aber auch Teilen der oppositionellen MHP-Abspaltung <a href=\"https://twitter.com/alibaydas/status/1422198847305129988\">IYI</a>) und mit tatkr\u00e4ftiger Unterst\u00fctzung der regimetreuen <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/407468.hasskampagne-massaker-an-kurden.html\">Revolverpresse</a> wurden \u00fcber <a href=\"https://sendika.org/2021/07/kim-yakti-627226/\">Social Media-Accounts</a> und <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yalan-yangini-provokasyon-linc-hedef-gosterme-haber-1530516\">Internetseiten</a> Hetze gegen angebliche \u201ePKK-Terroristen\u201c und andere \u201eB\u00f6sewichte\u201c betrieben und bewaffnete rechte Volkswehren zum \u201eSchutze des Vaterlandes\u201c gegr\u00fcndet. Anstelle die Feuer zu bek\u00e4mpfen und die Regeneration von Mensch und Natur zu f\u00f6rdern, wie linke Freiwillige es taten, konzentrierten sich diese Volkswehren darauf, Lynchmobs und sogar <a href=\"https://twitter.com/svendscha/status/1422498595547271168\">Passkontrollen</a> auf viel befahrenen Stra\u00dfen zu organisieren. Alle, die \u201eausl\u00e4ndisch\u201c, \u201esuspekt\u201c oder, noch schlimmer, wie Kurd*innen aussahen beziehungsweise per Geburtsort als \u201eKurde\u201c identifiziert werden konnten, wurden <a href=\"https://www.zeit.de/zett/politik/2021-08/rassismus-tuerkei-waldbraende-kurdische-bevoelkerung\">angegriffen</a> und regelrecht zum Abschuss freigegeben. Die Aufwiegelung ging so weit, dass ein <a href=\"https://twitter.com/kazdaglariist/status/1422173374822944770\">Gendarmerie-Kommandant intervenierte</a> und organisierte Zivilist*innen in scharfen Worten mahnte, nicht auf Falschinformationen bez\u00fcglich angeblicher \u201eTerroristen\u201c und Sabotageakten reinzufallen. Die Gendarmerie h\u00e4tte eine Reihe an solchen anonymen Meldungen gepr\u00fcft; alle seien falsch gewesen und h\u00e4tten Unschuldige bewusst zur Zielscheibe erkoren. Der Kommandant hob explizit hervor, dass solcher Art Informationen der wechselseitigen Aufhetzung und der Lynchjustiz dienten. Offensichtlich bef\u00fcrchten auch Teile des Staates, dass die betriebene Hetze zu einem unkontrollierbaren Chaos und zur weiteren Destabilisierung des Landes f\u00fchrt.</p><h2><b>Alle gegen alle \u2013 im Namen von Staat und Erdo\u011fan!</b></h2><p>Denn inmitten der autorit\u00e4ren Konsolidierungsversuche versch\u00e4rft sich mit dem sich einengenden \u00f6konomischen Spielraum und der allgemeinen Krisenhaftigkeit der konflikthafte Charakter der Polykratie. <a href=\"https://www.jstor.org/stable/40185021\"><i>Polykratie</i></a> bezeichnet ein \u201e\u00e4u\u00dferst komplizierte[s] Herrschaftsgef\u00fcge[], aufgebaut aus mehreren, sich gegenseitig nicht selten bek\u00e4mpfenden und blockierenden Zentren, die allerdings in der Regel [\u2026] dem allm\u00e4chtigen F\u00fchrer\u201c (S. 417) untergeordnet bleiben. Zu so einer Situation kommt es \u00fcblicherweise mit der schrittweisen Ersetzung konstitutionell-institutioneller Vermittlungs- und Politikformen durch dezisionistische Politik- und Staatsformen. <i>Dezisionismus</i> hei\u00dft in diesem Fall, dass das politische Handeln nicht prim\u00e4r mittels rechtsstaatlich-konstitutionell abgesicherten und f\u00fcr alle relevanten Machtakteur*innen verbindlichen Regeln, Normen und gemeinschaftlichen Vermittlungsformen stattfindet. Vielmehr sind es unmittelbare Entscheidungen von potenten Machtakteur*innen, aus deren Handlungen auch Gesetz und Norm folgen oder zumindest nach gusto interpretiert/angewandt werden (k\u00f6nnen). <b>[9]</b></p><p>Die grundlegende dezisionistische Fiktion ist nat\u00fcrlich diejenige, dass es in einem politischen Zustand, in dem der Dezisionismus dominant ist oder eine wichtige Rolle spielt, nur<i> einen</i> Souver\u00e4n gibt, aus dessen Entscheidung dann alles Relevante folgt beziehungsweise dem alle anderen politischen Organe untergeordnet sind. Stattdessen tun sich unter dem einen offiziellen (dezisionistisch agierenden) Souver\u00e4n (in diesem Fall Erdo\u011fan), der sich auch in das Gesch\u00e4ft anderer staatlicher Institutionen <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/erdal-saglam/fiyat-istikrari-komite-kurarak-saglanamaz-1848776\">einmischt</a>, lauter kleinere (M\u00f6chtegern-)Souver\u00e4ne und Machtbl\u00f6cke hervor, die miteinander konkurrieren um Macht und Einfluss, eben eine Polykratie. Da aber konstitutionell-institutionelle Vermittlungsformen politischer Konflikte fehlen oder den dominanten dezisionistischen stark untergeordnet sind, werden diese Konflikte oft hinter den Kulissen gef\u00fchrt. B\u00fcndnisse und Kooperationen werden ad hoc und institutionell nicht abgesichert geschlossen \u2013 und genauso abrupt wieder aufgek\u00fcndigt. Dabei nehmen alle untergeordneten, aber dennoch entscheidenden, Akteur*innen f\u00fcr sich in Anspruch, ganz und gar im Sinne des offiziellen Souver\u00e4ns (Erdo\u011fan) oder des Staatswohls zu handeln, da diese Elemente das Einzige sind, worauf sich die dezisionistischen Akteure als \u00fcbergeordnete Institutionen einigen k\u00f6nnen. Da diese selbst aber durch den Dezisionismus entweder fast jedweder Verbindlichkeit und objektivierter Institutionalisierung beraubt sind oder aber selbst wesentlich dezisionistisch agieren, wird der politische Konflikt innerhalb des polykratischen Gef\u00fcges zunehmend eruptiv und agonal ausgetragen, insbesondere, wenn der politische und \u00f6konomische Verteilungsspielraum durch die andauernde Krisenhaftigkeit kleiner wird.</p><h4><i>Erdo\u011fan thront als Schiedsrichter letzter Instanz \u00fcber dem polykratischen Kampfplatz und versucht, dessen Volatilit\u00e4t durch ad hoc kalkulierte Balanceakte unter Kontrolle zu halten.</i></h4><p>Es macht daher auch Sinn, von einem (politischen) Regime zu sprechen, da nicht alle relevanten politischen Akteur*innen auch \u00f6ffentliche oder offen gelegte politische Funktionen \u00fcbernehmen, aber dennoch im und au\u00dferhalb des Staates politisch ma\u00dfgeblich sind. Die MHP hat beispielsweise keinen einzigen Ministerialposten inne \u2013 dennoch organisiert sie ihre Kader in bestimmten Staatsapparaten und wirkt ganz ma\u00dfgeblich mit an der Formulierung der Regierungspolitik.</p><p>\u00dcber die Ausma\u00dfe dieses polykratischen Zustandes habe ich <a href=\"https://revoltmag.org/articles/zwischen-faschisierung-elitenzwist-und-widerstand-die-t%C3%BCrkei/\">anderorts</a> ausf\u00fchrlich <a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">geschrieben</a>. Ich m\u00f6chte hier auf die aktuellen Entwicklungen eingehen. Zum einen hat sich der Machtkampf zwischen dem \u2013 von den Nationalisten der MHP unterst\u00fctzten \u2013 Innenminister S\u00fcleyman Soylu, der nicht aus der Tradition des politischen Islams stammt, und dem aus der Tradition des politischen Islams kommenden Schwiegersohn von Erdo\u011fan, Berat Albayrak (ehemals Finanz- und Wirtschaftsminister), durch den weiter oben diskutierten R\u00fccktritt von Albayrak Ende letzten Jahres vorerst im Sinne von Soylu \u2013 und daher im Sinne des nationalistischen Lagers beziehungsweise eines nationalistischen Kr\u00e4ftenetzwerkes im derzeitigen Regime \u2013 entschieden.</p><p>Dieses Netzwerk befindet sich mit dem erneut eskalierten Krieg gegen die Kurd*innen ab 2015 und der, politisch betrachtet lebenserhaltenden, Unterst\u00fctzung der MHP f\u00fcr die AKP schon seit geraumer Zeit im Aufwind. Auch in diesem Jahr \u00fcbernahm der MHP-Chef Bah\u00e7eli wie in den Jahren zuvor die Initiative im Faschisierungsprozess der T\u00fcrkei, indem er die Wiedereinf\u00fchrung der Todesstrafe, mehrmals die Entmachtung und/oder Abschaffung des Verfassungsgerichtshofes und letztlich eine neue Verfassung vorschlug. An letzterem <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/mhpnin-hazirladigi-yeni-anayasa-calismasinin-ayrintilari-belli-olmaya-basladi-1833808\">entfacht</a>e sich ein bisher nicht weiter hochgekochter Konflikt mit der AKP, da Bah\u00e7elis Vorschlag zwar auf ein autorit\u00e4res Staatssystem ausgerichtet ist, aber auch explizite Kontrollmechanismen des Pr\u00e4sidenten, beispielsweise durch ebenfalls direkt gew\u00e4hlte Pr\u00e4sidentenberater (sozusagen durch faschistische Tribune) vorsieht. Auch bei der Verbotsforderung gegen\u00fcber der HDP war Bah\u00e7eli lautstark vorne dabei \u2013 mit Sicherheit auch deswegen, um der M\u00f6glichkeit einer taktisch-instrumentellen Ann\u00e4herung der AKP an die HDP oder einem erneuten \u201eFriedensprozess\u201c zuvorzukommen, da die MHP selbst Haupttreiberin und eine der Hauptprofiteurinnen des militaristischen Kurses ist. Demgegen\u00fcber k\u00f6nnte die AKP unter Umst\u00e4nden auch wegen ihrer Geschichte zu einem taktisch-instrumentell verstandenen \u201eFriedensprozess\u201c mit der kurdischen Bewegung zur\u00fcckkehren oder eine R\u00fcckkehr wahltaktisch in Aussicht stellen, auch wenn dies aufgrund der Entwicklungen immer unwahrscheinlicher wird. \u00c4hnliches, wenn auch auf einem viel niedrigeren Niveau, wurde schon bei den Kommunalwahlen 2019 versucht. <b>[10]</b> Dass Erdo\u011fan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-sizler-baskalarinin-evlatlarini-daga-olume-gonderenlerin-kendi-evlatlarini-yurt-disinda-nasil-ihtimamla-buyuttuklerini-yasattiklarini-da-gayet-iyi-biliyorsunuz,964882\">vor Kurzem</a> die mehrheitlich kurdische Gro\u00dfstadt Diyarbak\u0131r besuchte und betonte, es sei nicht die AKP gewesen, die den \u201eFriedensprozess\u201c beendet habe (sondern nat\u00fcrlich PKK und HDP), war f\u00fcr die t\u00fcrkischen Verh\u00e4ltnisse seit 2015 ein Novum, weil es den Friedensprozess zumindest wieder zum Thema machte. <a href=\"https://www.trthaber.com/haber/gundem/cumhurbaskani-erdogan-yangin-mahalline-gorevli-olmayanlar-giremeyecek-600203.html\">Erst k\u00fcrzlich</a> hob er kontrafaktisch hervor, dass es der t\u00fcrkische Staat gewesen sei, der die Kurd*innen in Kob\u00e2ne vor dem IS gesch\u00fctzt habe. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-cumhur-ittifaki-dunden-daha-guclu-bir-sekilde-ayaktadir,965572\">Prompt intervenierte</a> Bah\u00e7eli und gab \u00f6ffentlich zu verstehen, dass niemand irgendwelche \u201eAbsichten\u201c (sprich, auf einen erneuten Friedensprozess) herauslesen sollte.</p><h4><i>Im Zuge der Erstarkung des nationalistischen Lagers in seiner Breite sowie der erneuten offenen Militarisierung der T\u00fcrkei sind auch zentrale Akteur*innen des</i> <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57257229\"><i>Tiefen Staates der 1990er</i></a><i> als wirkm\u00e4chtige Akteur*innen erneut in die \u00d6ffentlichkeit ger\u00fcckt.</i></h4><p>Ryan Gingeras <a href=\"https://www.jstor.org/stable/40586942\">h\u00e4lt fest</a>, dass der Begriff des Tiefen Staates genutzt wird, um</p><p><i>to explain why and how agents employed by the state execute policies that directly contravene the letter and spirit of the law. It is a phrase that generally refers to a kind of shadow or parallel system of government in which unofficial or publicly unacknowledged individuals play important roles in defining and implementing state policy. Although military officers are often seen as ringleaders in administering the Turkish deep state, the participation of narcotics traffickers, paramilitaries, terrorists and other criminals is also deemed essential in constructing the deep state. [\u2026] Paramount to the operation and survival of the deep state is the extreme emphasis placed upon state security[.]</i> (S. 152-54, 173)</p><p>Im Tiefen Staat spielen also Pers\u00f6nlichkeiten innerhalb und au\u00dferhalb des Staates eine zentrale Rolle in der Formulierung und Umsetzung legaler wie vor allem illegaler Sicherheitspolitik im Namen der \u201eStaatssicherheit\u201c. Die ehemalige Premierministerin <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/gokcer-tahincioglu-yuzlesme/cinayetler-kasetler-yalanlar-ve-sorusturulmayan-suclar,31087\">Tansu \u00c7iller</a>, die alle (das hei\u00dft vor allem auch rechtswidrig vorgehende Paramilit\u00e4rs) als \u201eHelden\u201c bezeichnete, die f\u00fcr den Staat t\u00f6ten und get\u00f6tet werden; der ehemalige Polizeichef und Innenminister <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57235924\">Mehmet A\u011far</a>, der f\u00fcr den Aufbau der Sondereinsatzkr\u00e4fte der Polizei und ihrer semi- bis illegalen Kriegsf\u00fchrung in den kurdischen Gebieten in den 1990er ma\u00dfgeblich verantwortlich war (und wegen der Bildung einer kriminellen Organisation w\u00e4hrend seiner Amtszeit ins Gef\u00e4ngnis musste); sowie nationalistische Mafiabosse, darunter auch Sedat Peker, wurden seit 2015/16 juristisch wie politisch rehabilitiert und unterst\u00fctz(t)en seitdem die AKP. Auch Innenminister S\u00fcleyman Soylu kommt aus der politischen Tradition, aus der auch Mehmet A\u011far kommt. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/susurluk-u-hatirlatan-o-fotografi-gozaltinda-kaybedilenlerin-yakinlari-yorumladi-onlar-icin-adalet-hic-islemedi,909907\">Ein</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/susurluk-u-hatirlatan-o-fotografi-gozaltinda-kaybedilenlerin-yakinlari-yorumladi-onlar-icin-adalet-hic-islemedi,909907\">Fot</a>o aus dem letzten Jahr, auf dem besagter Mehmet A\u011far, ein ultranationalistischer Mafiaboss und zwei <a href=\"https://www.dw.com/tr/faili-me%C3%A7hullerle-an%C4%B1lan-isim-korkut-eken/a-57694554\">ehemalige hochrangige Milit\u00e4rs</a> aus dem Gebiet der \u201espeziellen Kriegsf\u00fchrung\u201c in einem Luxusyachthafen posieren, zeigt deutlicher als alle Worte, was Tiefer Staat in der T\u00fcrkei ist.</p><p>Aber die Konflikte innerhalb dieses polykratischen Regimes nehmen nicht ab, sondern eher zu. So kam es zu einem gr\u00f6\u00dferen Machtkonflikt mit einer spezifischen nationalistischen Fraktion, die wegen ihrer au\u00dfenpolitischen Perspektive einer zu erschaffenden Balance zwischen USA und Russland als Eurasier bezeichnet werden. <a href=\"https://warontherocks.com/2021/04/turkeys-talk-show-nationalists/\">Diese Fraktion</a> war ebenfalls nach dem Bruch zwischen AKP und G\u00fclen-Gemeinde 2012-13, sp\u00e4testens jedoch ab 2016 juristisch wie politisch rehabilitiert worden. Sie konnte sogar eine starke mediale Pr\u00e4senz entwickeln und in Diplomatie und au\u00dfenpolitischer Sicherheitsdoktrin partiell den Ton angeben, trotz fehlender elektoraler Verankerung. Der vorgeschobene Grund f\u00fcr den jetzt aufbrechenden Machtkonflikt war eine eher spielerische denn ernsthafte Infragestellung des Vertrages von Montreux (1936), der die Hoheit der T\u00fcrkei \u00fcber die Bosporus-Meerenge und die Freiheit der Handelsschifffahrt garantiert, dabei aber zugleich den internationalen milit\u00e4rischen Schiffsverkehr stark einschr\u00e4nkt. Diese Infragestellung ist jedoch ein Symptom der <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/akp-bu-kumpasin-neresinde-makale-1518245\">au\u00dfenpolitischen Reorientierung</a> des Regimes in Richtung einer engeren Zusammenarbeit mit den USA und dem Westen im Allgemeinen: Vor allem Staaten, die nicht Anrainer des Schwarzen Meeres sind, sind von den milit\u00e4rischen Beschr\u00e4nkungen des Vertrages betroffen. <a href=\"https://www.zeitschrift-luxemburg.de/die-tuerkei-zwischen-neuer-eu-annaeherung-geopolitischen-verwicklungen-und-putschbedatte/\">Daher</a> ver\u00f6ffentlichten unter anderem mehr als 100 ehemalige Admir\u00e4le aus besagter eurasischer Fraktion eine Erkl\u00e4rung, die zur Einhaltung des Vertrages mahnte, da sie eine Besch\u00e4digung des Verh\u00e4ltnisses zu Russland bef\u00fcrchteten. Es war zugleich ein Man\u00f6ver, um ihrer offensichtlich anstehenden politischen Liquidation <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/metin-gurcan/bir-amiral-bildirisi-analizi-gercekler-dogrular-yanlislar-senaryolar,30491\">zuvorzukommen</a>. AKP und MHP reagierten umgehend und verurteilten die Erkl\u00e4rung als \u201ePutschversuch\u201c; es folgte eine riesige Razzia gegen die Admir\u00e4le. Ein hochrangiger AKP\u2019ler bezeichnete die Erkl\u00e4rung als \u201e<a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56658215\">Gottes Segen</a>\u201c \u2013 so wie Erdo\u011fan den Milit\u00e4rputsch 2016 als Gottes Segen bezeichnet hatte \u2013, der ihnen die S\u00e4uberung der eurasischen Elemente erm\u00f6gliche. Der intellektuelle Kopf der Eurasier, der ehemalige Admiral Cem G\u00fcrdeniz, war gemeinsam mit anderen wichtigen eurasischen Milit\u00e4rs nach Jahren der teils \u00f6ffentlichen Lobpreisung seitens des Regimes im Handumdrehen zur<i> persona non grata</i> geworden \u2013 eine typische Entwicklung in dezisionistisch-polykratischen B\u00fcndniskonstellationen.</p><p>Auch mit dem Hauptb\u00fcndnispartner MHP und der um sie und in ihr organisierten nationalistischen Fraktion kommt es zu Konflikten. Die \u201ekurdische Frage\u201c und die Kontrolle \u00fcber das Pr\u00e4sidialamt beziehungsweise die Debatte um die neue Verfassung habe ich schon erw\u00e4hnt. Es gibt aber auch einen Kampf um die ideologische Deutungshoheit im Allgemeinen. Eine Wiederann\u00e4herung Erdo\u011fans und der AKP an Parteien sowie an Kultur- und Symbolpolitik des politischen Islams ist klar erkennbar. Nach 2015-2016 hatte eine t\u00fcrkisch-nationalistische und staatsverherrlichende Wende stattgefunden, da die AKP angesichts der Hegemoniekrise und des Bruchs mit ihrem ehemaligen B\u00fcndnispartner, der Gemeinde des Predigers Fetullah G\u00fclen, das B\u00fcndnis mit unterschiedlichen nationalistischen Fraktionen in Staat und Gesellschaft suchte. Jetzt aber versucht die AKP wieder umzuschwenken. Ihr geht es dabei wie bei der instrumentellen Tuchf\u00fchlung an die Kurd*innen zum einen darum, das eigene B\u00fcndnisnetzwerk ausweiten und damit zugleich die Opposition zu schw\u00e4chen. Das habe ich weiter oben bez\u00fcglich der Ann\u00e4herungen an die<i> Saadet Partisi</i> (SP) ausgef\u00fchrt. Die AKP nahm hierf\u00fcr auch eine <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56505590\">innere Erneuerung</a> ihrer Kaderstruktur vor und versetzte erneut viele Pers\u00f6nlichkeiten aus der Tradition des politischen Islams in entscheidende Stellen der Parteistruktur. Andererseits geht es ihr aber auch darum, im Ideologischen und Kulturellen daf\u00fcr zu sorgen, dass ihr die F\u00fchrung nicht zugunsten der nationalistischen Fraktionen entgleitet. Schon fr\u00fcher gab es darum Konflikte. Wegen der Abschaffung eines <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-den-andimiz-kararina-sert-tepki-danistay-skandal-bir-karara-imza-atmis-milli-gerceklerle-catismistir,939250\">erznationalistischen Eidspruchs</a> in Schulen oder bestimmter <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/harp-okullarina-giris-kosullarini-belirleyen-yonetmeliklerde-kritik-degisiklik-irticai-faaliyet-cikarildi-1822750\">anti-islamistischer Regularien</a> bei den Rekrutierungsmechanismen des Milit\u00e4rs gab es j\u00fcngst einen \u00e4hnlichen Konflikt zwischen AKP und nationalistischen Fraktionen.</p><p>Dabei treten auch in der Reorientierung der AKP auf einen <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/erdogan-erken-secime-mi-hazirlaniyor-41851386\">islamistischen Kulturkampf</a> dezisionistische Elemente zutage: Der Imam der erst j\u00fcngst wieder in eine Moschee konvertierten Hagia Sophia, Boynukal\u0131n, trat mehrmals initiativ ins Rampenlicht, indem er <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56434283\">lautstark</a> gegen hohe Zinsen, den Laizismus, LGBTQI*, die Nutzung des Begriffs \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/ayasofya-nin-bas-imami-prof-boynukalin-kadin-cinayetleri-vurgusu-kadini-erkege-dusman-etmeye-calisan-bir-sloganik-medya-propagandasidir,937665\">Femizid</a>\u201c sowie die Istanbuler Konvention Stellung bezog und das seiner Interpretation nach vom Quran <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mehmet-boynukalin-dan-tepki-toplayan-aciklamalar-bana-dusen-hisseden-hepinize-kaliteli-pamuk-aldim-alayinizin-cehenneme-kadar-yolu-var,949592\">verb\u00fcrgte Recht</a> des Mannes \u00fcber die Familie zu herrschen verteidigte. Er \u00fcbersch\u00e4tzte sich allerdings. Nach gro\u00dfem \u00f6ffentlichen Druck trat er im April diesen Jahres <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ayasofya-daki-bas-imamlik-gorevinden-ayrilan-boynukalin-kararimin-bir-sebebi-de-ayasofya-imami-konusuyor-da-biz-niye-konusmayalim-hezeyanlarina-meydan-vermemektir,944470\">zur\u00fcck</a>. An seiner Statt ergriff gleich der n\u00e4chste Imam die Initiative: Bei einem Gebet, bei dem auch Erdo\u011fan zugegen war, bezeichnete er den Staatsgr\u00fcnder Atat\u00fcrk als \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-in-katildigi-programda-ataturk-e-atfen-zalim-ve-kafir-diyen-imama-tepki-yagdi,955487\">Unterdr\u00fccker und Ungl\u00e4ubige</a>n\u201c, was nat\u00fcrlich ebenfalls zu einem gro\u00dfen Skandal wurde. Ein anderer AKP-Parlamentarier war der Meinung, dass \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/meclis-teki-butce-gorusmelerinde-akp-li-aydogdu-nun-seriat-bizim-hukukumuzdur-sozleri-tutanaklara-gecti,919767\">die Scharia unser Gesetz</a>\u201c ist, w\u00e4hrend ein stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AKP die Perspektive vertrat, dass die geplante neue Verfassung eine \u201e<a href=\"https://www.birgun.net/haber/akp-den-akp-ye-yanit-kurulus-anayasasi-soz-konusu-degil-334242\">Verfassung der Neubegr\u00fcndung</a>\u201c der Republik anstrebe. Der eigentliche Fraktionsvorsitzende der AKP ruderte prompt zur\u00fcck und versicherte, dass man an der Republik von 1923 festhalten werde.</p><p>Der Kampf um die Justiz setzt sich ebenfalls fort. Wie gehabt beschweren sich zentrale Figuren des Verfassungsgerichtshofs regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber unterschiedliche Aspekte mangelhafter Rechtsstaatlichkeit im Land; etwa \u00fcber die mangelhafte Umsetzung von Urteilsspr\u00fcchen des Verfassungsgerichtes. Dabei h\u00e4lt sich das Verfassungsgericht selber \u201enach oben hin\u201c, also hinsichtlich der Umsetzung von Urteilen des Europ\u00e4ischen Menschengerichtshofes, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/berberoglu-karari-ilk-degil-turkiye-yargisinda-anayasa-muhim-degil-parasi-neyse-oderiz-donemi,909009\">nicht immer</a> an dessen Beschl\u00fcsse. Es handelt also selbst nicht rechtsstaatlich und ist intern politisch <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/sedat-ergin/anayasa-mahkemesinin-hassas-dengeleri-41636492\">grob in zwei Lager</a> gespalten. Erdo\u011fan versucht, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-da-eski-istanbul-bassavcisi-ni-secti-fidan-27-kasim-da-yargitay-a-23-ocak-ta-anayasa-mahkemesi-uyeligine-secildi,928355\">eigene Leute</a> in diese Institution zu platzieren, die noch nicht vollst\u00e4ndig unter seiner Kontrolle ist. Innerhalb des polykratischen Herrschaftsgef\u00fcges hat sich das Verfassungsgericht den \u00c4rger f\u00fchrender Vertreter des Regimes zugezogen, da es in einigen besonders krassen rechtswidrigen F\u00e4llen nicht im Sinne des Regimes entschied: Beispielsweise beim <a href=\"https://t24.com.tr/haber/karayollarinda-yuruyusu-engelleyen-kurala-iptal-demokratik-protesto-hakkina-iptal-karari-baskanin-oyuyla-verilebildi,915544\">Demonstrationsrecht</a>, dem ersten Verbotsantrag gegen die HDP (das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aym-hdp-iddianamesini-iade-kararini-gerekcesiyle-yargitay-a-gonderdi,946185\">mangels</a> \u00fcberzeugender Begr\u00fcndung einstimmig zur\u00fcckgewiesen wurde!) und bei der offensichtlich rechtswidrigen und rein politisch motivierten <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57679999\">Inhaftierung</a> eines HDP-Parlamentariers (\u00d6mer Faruk Gergerlio\u011flu). Es kam sogar zu einem <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/aym-uyesiyle-icisleri-arasinda-isik-atismasi-haber-1501618\">sehr heftigen \u00f6ffentlichen Schlagabtausch</a> zwischen einem vermutlich linksnationalistischen Richter des Gerichts und dem Innenminister Soylu. Aus diesen Gr\u00fcnden speist sich die mehrfach erfolgte Forderung nach der Abschaffung des Verfassungsgerichtes, allen voran seitens der MHP. Das Verfassungsgericht bef\u00fcrchtet, dass der Vertrauenseinbruch in das Justizsystem zu gro\u00df wird und es \u201enotwendigerweise zu Suchbewegungen au\u00dferhalb des Justizsystems\u201c (AYM-Vorsitzender Arslan) <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aym-baskani-mahkemelerin-yargilama-ilkelerine-uygun-bir-sekilde-uyusmazliklara-cozum-uretemedigi-bir-yerde-hukuk-disi-arayislarin-ortaya-cikmasi-kacinilmaz,962130\">kommt</a>; dass also die staatliche Ordnung aktiv in Frage gestellt und Gerechtigkeit au\u00dferstaatlich gesucht wird. \u00c4hnlich argumentiert auch der Justizminister Abd\u00fclhamit G\u00fcl, der deshalb mit Innenminister Soylu <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-55769361\">seit l\u00e4ngerem</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/akpden-suleyman-soyluya-bir-tepki-daha-1807819\">im Clinch</a> liegt. Soylu fordert <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/adalet-bakani-gulun-karsi-ciktigi-bazi-duzenlemeleri-iceren-torba-teklif-mecliste-1851289\">beispielsweise</a> im Gegensatz zu Justizminister G\u00fcl die Fortf\u00fchrung von Elementen des Ausnahmezustandes; diese seien n\u00fctzlich im \u201eKampf gegen den Terror\u201c (Soylu hat sich in dieser Angelegenheit mittlerweile durchgesetzt). Aber letztlich bilden die Gegens\u00e4tze Verfassungsgericht-Lokalgerichte oder (Abd\u00fclhamit) G\u00fcl-Soylu nur unterschiedliche Nuancen desselben dezisionistisch-polykratischen Herrschaftsgef\u00fcges im Justizsystem. Die Justiz als solche ist in hohem Ma\u00dfe durchpolitisiert und so zu \u201eunabh\u00e4ngigen\u201c Entscheidungen nicht f\u00e4hig. Sichtbar wird dies etwa aus einer Untersuchung von Reuters auf Grundlage von Daten des Justizministeriums, nach der 45% der 21.000 Richter*innen und Staatsanw\u00e4lt*innen drei oder <a href=\"https://www.reuters.com/investigates/special-report/turkey-judges/\">weniger als drei Jahre Erfahrung</a> im Amt haben.</p><h2><b>\u201eDer Staat ist heilig, nicht aber das Wort eines jeden, der ihm dient\u201c</b></h2><p>Zur\u00fcck zum Aufh\u00e4nger des Essays, dem ber\u00fcchtigten Mafiaboss, Sto\u00dftruppler des tiefen Staates und mittlerweile Social Media Star Sedat Peker.</p><h4><i>Peker ist MHP\u2019ler und tritt ein f\u00fcr die Schaffung eines gro\u00dft\u00fcrkischen Reiches \u2013 er ist also ein typischer ultranationalistischer Faschist, genauer gesagt ein</i> <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56695017\"><i>Pant\u00fcrkist</i></a><i>. Als Mafiaboss \u00fcbernahm er</i> <a href=\"https://warontherocks.com/2021/06/the-state-stays-dark-mafia-politics-return-to-turkey/\"><i>laut seinen eigenen Aussagen</i></a><i> auch bewaffnete Aufgaben f\u00fcr den Staat im Kampf gegen die PKK.</i></h4><p>In Geheimdienstberichten der 1990er wird er namentlich genannt als Akteur innerhalb der mit dem Geheimdienst konkurrierenden staatlichen Elemente des Tiefen Staates. In den sp\u00e4ten 1990ern und fr\u00fchen 2000ern erlosch sein Glanz \u2013 wie der der anderen nicht-staatlichen Elemente des Tiefen Staates. Innerhalb der staatlichen Elemente des Tiefen Staates setzte sich die \u00dcberzeugung durch, nach der Inhaftierung von Abdullah \u00d6calan seien diese schwer kontrollierbaren und relativ autonomen Akteure nicht mehr n\u00fctzlich genug f\u00fcr den Staat. Ein Mafiaboss nach dem anderen landete im Gef\u00e4ngnis oder musste ins Ausland fliehen, die kurdische Hizbullah wurde dezimiert. Aber wie schon erw\u00e4hnt: Sp\u00e4testens mit der offen militaristisch-nationalistischen Wende der AKP ab 2015 krochen diese Kreaturen wieder hervor. Auch Sedat Peker, der 2016 wieder zu fragw\u00fcrdigem \u201eRuhm\u201c gelangte: Er bedrohte die Akademiker*innen f\u00fcr den Frieden (BAK) damit, dass er in ihrem Blut duschen werde. Seitdem wurde er wieder zu einer angesehenen und f\u00fcr das Regime mobilisierenden Pers\u00f6nlichkeit \u2013 bis er sich 2020 ins Ausland absetzte. Einige Monate sp\u00e4ter, im April 2021 kam es dann zu einer gro\u00dfen Razzia gegen seine Familie und seine Mafiastrukturen.</p><p>Laut eigener Aussage hatte ihn der Innenminister Soylu vor dieser m\u00f6glichen Razzia gewarnt und Peker deshalb empfohlen, f\u00fcr einige Zeit ins Ausland zu verschwinden, bis sich die Lage beruhige. Es ist bisher nicht wirklich ersichtlich, warum genau Soylu Peker fallen lie\u00df; auch Peker \u00e4u\u00dfert in seinen ersten Videos Verwunderung und vor allem Entr\u00fcstung \u00fcber den Innenminister: Peker habe doch auch aus dem Ausland so sehr f\u00fcr Soylu im Kampf gegen Albayrak Position bezogen. \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-besinci-video-devletin-bilgisi-dahilinde-fethullah-gulen-le-gorusmeye-gittigini-soyleyen-mehmet-agar-in-elinde-yazili-emir-var-midir-yoksa-devlet-geleneginde-teror-orgutu-liderine-sozlu-talimatla-insan-yollanir-mi,38886\">Du warst doch mein R\u00fcckkehrticket</a>\u201c, bricht er an einer Stelle in seinem f\u00fcnften Video ehrlich entr\u00fcstet hervor, als er sich direkt an Soylu wendet. Im Endeffekt ist dieses Detail vielleicht auch unwichtig. Im Allgemeinen k\u00f6nnen wir einen polit-\u00f6konomischen und vermutlich einen politischen Ursachenkomplex f\u00fcr den Zwist ausmachen, auch ohne alle Details genau zu kennen.</p><p>Polit\u00f6konomisch betrachtet handelt es sich um ein <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/peker-agar-ve-ortadaki-pamuk-sekeri-makale-1521106\">Auseinanderbrechen</a> von Teilen des unendlich komplex ausdifferenzierten milliardenschweren Klientelgeflechts der Netzwerke um und zwischen Erdo\u011fan und dem Regierungsclan der Aliyevs in Aserbaidschan, in welchem die nicht zum engen Netzwerk geh\u00f6renden Akteure geschasst wurden, als sich \u00f6konomische Probleme (prim\u00e4r Schuldenr\u00fcckzahlungsprobleme) einstellten. Peker war wohl mit einem azerischen Oligarchen alliiert, der in Bedr\u00e4ngnis geriet und unterging \u2013 das zumindest legt die verlinkte Analyse von Bahad\u0131r \u00d6zg\u00fcr nahe. Politisch betrachtet ist es ein <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ahmet-sik/sedat-peker-videolari-bize-ne-anlatiyor-ne-anlatmiyor,30964\">wahrscheinliches Szenario</a>, dass sich ein Teil des nationalistischen Machtblocks daf\u00fcr einsetzt, dass Albayrak (oder Soylu?) sich zum Nachfolger von Erdo\u011fan heraufarbeitet, um im Windschatten des schwachen Albayrak (oder Soylus?) erneut die dominante Kraft im Staat zu werden. Peker hat sich wohl Ger\u00fcchten nach relativ autonom und gegen diesen Block und Albayrak (oder Soylu?) gestellt und geriet dadurch auf die politische Abschussliste. Warum ihn dann der mit Albayrak verfeindete Soylu fallen lie\u00df, dar\u00fcber k\u00f6nnen wir, wie gesagt, derzeit nur spekulieren. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-e-erhan-tuncel-i-kim-emanet-eder-diyen-soylu-ya-peker-den-yanit-bana-bu-komployu-kuran-organize-sube-yetkilileri-feto-culukten-cezaevinde,954416\">Mittlerweile</a> r\u00fchmt sich Peker auch damit, dass er Soylus Pl\u00e4ne auf das Pr\u00e4sidialamt zerst\u00f6rt habe. Eventuell war nicht Albayrak, sondern Soylu die Person, die den Windschatten f\u00fcr die nationalistische Fraktion hervorbringen sollte. Oder aber die Person \u00e4nderte sich im Laufe der Zeit.</p><p>Was wir wissen ist, dass Soylu bisher versucht, <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/mustafa-balbay/saray-soylu-surgun-1842920\">die ganze Aff\u00e4re</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/mustafa-balbay/saray-soylu-surgun-1842920\">dahingehend</a><a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/mustafa-balbay/saray-soylu-surgun-1842920\"> auszunutzen</a>, gegen die islamistischen Fraktionen innerhalb der AKP vorzugehen und partiell auch gegen vergangene Politik der AKP wie beispielsweise den Friedensprozess zu wettern, also in die Offensive zu kommen. Dabei hat er aber einen schweren Stand: Innerhalb der <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/tolga-sardan-buyutec/emniyet-terfilerinde-serh-krizi-ve-cumhurbaskanligi-ndan-soylu-ya-gelen-mesaj,31540\">zentralen Machtstellen des Polizeiapparates</a> ist anscheinend schon ein Kampf zwischen Soylu-nahen und anti-Soylu-Fraktionen entbrannt \u2013 und auch <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/yoneylem-arastirmanin-turkiye-siyaset-paneli-haziran-verileri-cumhuriyette-1850431\">in Bev\u00f6lkerungsumfragen</a> steht Soylu <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/anket-secmenin-yuzde-75-i-sedat-peker-in-iddialarina-inaniyor,12123\">mittlerweile</a> <a href=\"https://ahvalnews.com/tr/suleyman-soylu/bahceli-savunsa-da-mhp-secmeni-de-soyludan-destegini-cekti-arastirma\">schlecht da</a>. In einem der wichtigsten Think Tanks des Regimes, SETA, hat es <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/baris-terkoglu/setanin-cocuklari-birbirini-yedi-1847859\">vermutlich</a> die zuvor Soylu unterlegene Albayrak-Fraktion geschafft, die gesamte Soylu-nahe Fraktion auszumerzen (die wiederum, typisch f\u00fcr einen polykratischen F\u00fchrerstaat, mit viel Pathos und der Ansage: \u201ewir werden weiter auf dem Weg marschieren, den der Pr\u00e4sident gezeigt hat\u201c, den Think Tank mit wehenden Fahnen verlie\u00df). <a href=\"https://www.dw.com/tr/merkez-bankas%C4%B1ndaki-siyasi-atama-furyas%C4%B1-90-ki%C5%9Fiyi-buldu/a-58056396\">Auch innerhalb</a> der B\u00fcrokratie der TCMB <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kulis-merkez-bankasi-na-eski-hsk-uyesi-yazar-in-atanmasi-ekonomi-burokrasisinde-berat-albayrak-etkisinin-surdugunun-gostergesi,965616\">scheint</a> die Albayrak-Fraktion die Oberhand gewonnen zu haben. Wie gesagt: Wo Dezisionismus und Polykratie herrschen, da k\u00f6nnen Verb\u00fcndete von gestern Feinde am n\u00e4chsten Tag sein und umgekehrt.</p><h4><i>Pekers erneuter Aufstieg und das Aufplatzen der von ihm \u201eaufgedeckten\u201c Skandale als Form politischer Abrechnung w\u00e4ren nicht m\u00f6glich gewesen ohne die ausgeuferten Verschr\u00e4nkungen von Dezisionismus, Polykratie und Klientelkapitalismus \u2013 letzterer als Mechanismus der Loyalit\u00e4tsbildung \u2013 der letzten Jahre.</i></h4><p>Anf\u00e4nglich \u2013 wie er selbst in seinen Videos betont \u2013 motiviert aus Entr\u00fcstung, Wut und Rachedurst erz\u00e4hlte Peker in einer immer wieder durch ausf\u00fchrliche Drohungen und Kampfansagen an Mehmet A\u011far, Albayrak und Soylu durchsetzten manisch-narzisstischen Inszenierung aus dem Plauderk\u00e4stchen dezisionistischer und klientelistischer Willk\u00fcr hinter den Kulissen. Bis Mitte-Ende Mai ging es in seinen Videos darum, wie sich angeblich Mehmet A\u011far im oben erw\u00e4hnten polit\u00f6konomischen t\u00fcrkisch-azerischen Geflecht den ebenfalls oben erw\u00e4hnten Luxusyachthafen mit unlauteren Mitteln krallte; sein Sohn (ein AKP-Parlamentarier) eine Frau vergewaltigt und umgebracht und sich dann durch den Staat habe decken lassen; darum, dass der Sohn des ehemaligen AKP-Premiers Binali Y\u0131ld\u0131r\u0131m, Erkam Y\u0131ld\u0131r\u0131m, angeblich den Drogenhandel zwischen Kolumbien-Venezuela-T\u00fcrkei-Zypern organisiert habe; um einen lokalen Polizeichef in Silivri, der Suizid beging, weil er anscheinend dem Druck politischer Direktiven Soylus nicht mehr standgehalten habe; um eine Hand voll erzopportunistischer Journalisten wie Hadi \u00d6z\u0131\u015f\u0131k oder Veyis Ate\u015f, die sich inmitten der Aufl\u00f6sung des Konstitutionalismus im Glanze von Macht und Geld zu Vermittlern zwischen Macht und Geld aufgespielt h\u00e4tten (unter anderem auch zwischen Peker und Soylu); um S\u00fcleyman Soylu selbst, der seine Position als Minister ausgenutzt habe, um sein Versicherungsunternehmen aufbl\u00fchen zu lassen; aber auch darum, wie Peker im Zypern der 1990er seinen Bruder dem Milit\u00e4r f\u00fcr extralegale Aktivit\u00e4ten zur Verf\u00fcgung stellte; wie er im Sinne der AKP 2015 mit Gewalt gegen Medien vorging; wie er AKP-Parlamentariern und AKP-nahen Auslandsorganisationen wie den (zwischenzeitlich verbotenen) Osmanen Germania Geld zusteckte und so weiter und so fort. Wortmeldungen seitens in den Videos genannter Personen, Leaks von Videos und Gespr\u00e4chen, einige journalistische Recherchen und sogar einige wenige R\u00fccktritte (<a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/gundem/veyis-atesle-ilgili-flas-gelisme-6491448/\">Veyis Ate\u015f</a> k\u00fcndigte von seinem Sender, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/yalikavak-marina-dan-mehmet-agar-aciklamasi-gorevinden-ayrildi,955288\">Mehmet A\u011far</a> trat von seiner CEO-Position im Luxusyachthafen zur\u00fcck) legen bei den meisten von Peker erz\u00e4hlten Geschichten nahe, dass in ihnen zumindest <a href=\"https://farukbildirici.com/sedat-peker-vakasinda-gazetecilik-bilancosu/\">ein F\u00fcnkchen Wahrheit</a> innewohnt; wie viel genau davon Realit\u00e4t, wieviel Fiktion, wie viel blo\u00df falsches Wissen oder \u00dcberheblichkeit ist, werden wir indes wohl erst dann lernen, sobald uns alle relevanten staatlichen Quellen offengelegt werden \u2013 wenn \u00fcberhaupt. Die t\u00fcrkische Justiz tut angesichts der \u201eEnth\u00fcllungen\u201c von Peker bisher jedenfalls \u2013 gar nichts.</p><p>In der partiell auch von Peker \u201eaufgedeckten\u201c Geschichte des dubiosen Gesch\u00e4ftsmannes <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ahmet-sik/a-dan-z-ye-sezgin-baran-korkmaz-olayi,29414\">Sezgin Baran Korkmaz</a> kommen alle diese F\u00e4den des Dezisionismus, der Polykratie und des Klientelkapitalismus exemplarisch zusammen. Korkmaz, ein aggressiver Investor kurdischer Abstammung, geh\u00f6rt zu den typischen Neureichen der AKP-\u00c4ra. Nach 2016 arbeitete er sich durch Anbiederung an den Staat nach oben, etwa durch Vermittlungst\u00e4tigkeiten zwischen der us-amerikanischen Gesch\u00e4ftswelt und der t\u00fcrkischen. Unter Umst\u00e4nden spielte er auch eine wichtige <a href=\"https://kronos34.news/tr/sezgin-baran-korkmazin-ucagi-40-kez-venezuelaya-gitmis/\">Vermittlerrolle</a> im Drogenhandel zwischen Venezuela und der T\u00fcrkei. F\u00fcr seine Dienste wurde er offensichtlich klientelistisch belohnt: mit Insiderinformationen zu Unternehmen in der T\u00fcrkei, die sich in Schwierigkeiten befanden. Diese kaufte er dann aggressiv und vermutlich teils mit unlauteren Mitteln auf. Zudem betrieb er Geldw\u00e4sche f\u00fcr die Kingston-Br\u00fcder, einer Betr\u00fcgerbande in den USA, die sich vom us-amerikanischen Staat rechtswidrig Milliarden von Dollar an Zusch\u00fcssen zuwenden lie\u00dfen. Korkmaz hatte offensichtlich Kontakte in alle Bereiche \u00f6konomischer, politischer und juristischer Macht in der T\u00fcrkei und lie\u00df aus all diesen Bereichen wichtige Personen in seinen Luxushotels umsonst verkehren. Aber er war eben nicht der einzige Klient der Macht: Ein t\u00fcrkischer Konkurrent, der Korkmaz auch \u00f6konomisch unterlegen war und von ihm vernichtet zu werden drohte, wandte sich vermutlich an den Innenminister Soylu (die Details der Story bleiben noch vage). Mit Appellen an Nation, Vaterland und dergleichen hochtrabende Dinge bat er diesen, Korkmaz aus dem Verkehr ziehen zu lassen. Soylu sah vermutlich die Chance gekommen, sich einen getreuen \u00f6konomischen Klienten aufzubauen. Er informierte Korkmaz, \u00e4hnlich wie sp\u00e4ter Peker, vor einer bevorstehenden Razzia und riet ihm zur Flucht. Das B\u00fcro f\u00fcr die Untersuchung von Finanzkriminalit\u00e4t (MASAK) fertigte zeitgleich einen vernichtenden Bericht \u00fcber Korkmaz an \u2013 ein paar Monate, nachdem ein vorhergehender Bericht desselben MASAK nichts gegen Korkmaz aufzudecken hatte. Und schon war Korkmaz pl\u00f6tzlich Saulus statt Paulus. Die Leser*in wei\u00df mittlerweile schon: Solche abrupten Umkehrungen sind typisch f\u00fcr dezisionistisch-polykratische Herrschaftsgef\u00fcge. Hinzu kommt nun, dass der schon genannte Journalist Veyis Ate\u015f Korkmaz telefonisch kontaktierte \u2013 Teile des Telefongespr\u00e4chs wurden im Zuge des \u201eSkandals\u201c <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ses-kaydi-var-aciklamasi-haberturk-sunucusu-veyis-ates-firari-sezgin-baran-korkmaz-dan-10-milyon-euro-istedi-mi,959129\">ver\u00f6ffentlicht</a> \u2013 und sich als Vermittler zwischen ihm und Soylu anbot; nat\u00fcrlich im Gegenzug f\u00fcr eine l\u00e4ppische Aufwandsentsch\u00e4digung von 10 Millionen Euro!</p><h4><i>Der Staat war also nicht nur tief, sondern auch sumpfig geworden, voller Kreaturen, denen noch die \u201enationalen Werte\u201c der alten Mafiosis und Paramilit\u00e4rs des Tiefen Staates zu blo\u00dfen Instrumenten ihres reinen individuellen Machtopportunismus wurden.</i></h4><p>Interessant ist, dass Peker in seinen ersten Videos stets hervorhob, nicht gegen den Staat zu sein. Im Gegenteil, er hielt bei seinen \u201eAufdeckungen\u201c und Attacken auch stets den Staatspr\u00e4sidenten Erdo\u011fan au\u00dfen vor. Mehrmals betonte er, dass er im Staate aufgewachsen und f\u00fcr ihn gedient habe. \u201e<a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/sedat-peker-1834751\">Der Staat existiert ewig</a>, er ist heilig. Es gibt aber kein Gesetz, das vorschreibt, dass das Wort eines jeden, der dem Staat dient, auch heilig ist\u201c, so Peker im dritten Video, und sp\u00e4ter im siebten Video: \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-7-video,39060\">Der Staat ist ein Geist</a> und es ist dieser Geist, der heilig ist\u201c. Deshalb, so Peker, greife er bestimmte \u00fcble oder \u201etiefe\u201c Elemente im Staat an, nicht aber den Staat als solchen. Er hob hervor, dass \u201esie\u201c \u2013 A\u011far, Soylu, Albayrak \u2026 und so weiter? \u2013 Erdo\u011fan umgarnt h\u00e4tten und rief Erdo\u011fan, den er seinen \u201egro\u00dfen Bruder\u201c nannte, dazu auf, im Sinne des Staates (und somit nat\u00fcrlich in seinem eigenen) zu intervenieren. Im vierten Video sprach er davon, dass er \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-dorduncu-video-koruma-polisimi-sen-vermedin-mi-suleyman-soylu-temiz-suleyman-in-istifa-olayi-var-ya-bir-gun-once-robot-hesaplardan-tweetler-hazirlandi,38805\">vor dem Staat in den Staat</a>\u201c fl\u00fcchtete. Das kann w\u00f6rtlich verstanden werden: Aus der T\u00fcrkei fl\u00fcchtete er nach Albanien, dann in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Es ist aber vor allem im \u00fcbertragenen Sinne zu verstehen: Geschasst im Machtkonflikt innerhalb des polykratischen Staatsgebildes seitens einer ihm feindlich gesinnten Fraktion fl\u00fcchtete er nach vorne, mitten in dieses Gebilde hinein \u2013 in der Hoffnung, das Spiel gegen die ihn verfolgenden Elemente im Staat zu wenden und sich selbst erneut als lukrativen Agent desselben pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen. Alle seine Videos sind daher ebenso viele Gespr\u00e4chsangebote an den Staat im Allgemeinen, an Erdo\u011fan im Besonderen.</p><p>Ende Mai drehte er jedoch den Hahn weiter auf. Er betrat sehr sensible Themenbereiche \u2013 vermutlich, weil seine Versuche, erneut vom Staat ernst genommen zu werden, bis dato keine Fr\u00fcchte getragen hatten. In seinem achten Video machte <a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-8-video,39238\">er \u00f6ffentlich</a>, wie seinem Wissen nach die T\u00fcrkei Waffen an Jihadisten in Syrien lieferte \u2013 unter anderem ihn selbst \u201eausnutzend\u201c, wie er es bezeichnete. Peker k\u00fcndigte an, auch in eine Abrechnung mit Erdo\u011fan h\u00f6chstpers\u00f6nlich gehen zu wollen und dessen Ged\u00e4chtnis \u201eaufzufrischen\u201c, <a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-8-video,39238\">da Erdo\u011fan leider</a> im Sinne von Soylu Partei ergriffen habe. Er fing an, die AKP im Allgemeinen anzugreifen und dar\u00fcber zu berichten, wie nicht nur Soylu Klientelismus betreibe, sondern auf welche Art und Weise in allen AKP-Munizipalit\u00e4ten Korruption und Vetternwirtschaft stattf\u00e4nde. Peker nutzte die Gelegenheit, seine Zuschauer*innen dazu aufzurufen, sich gegen die Regierung zu stellen, diese umzuw\u00e4lzen und die Ordnung zu ver\u00e4ndern, damit Korruption und Klientelismus aufh\u00f6rten. Er schlug sogar einen linkspopulistischen Ton an: Er sprach von der Pl\u00fcnderung von Ressourcen durch eine Handvoll Klientelkapitalisten, w\u00e4hrend die Bauern und das Volk in Armut dahindarbten. Er \u00e4u\u00dferte sich auch dar\u00fcber hinaus politisch und kritisierte die Kurden- und Alevitenpolitik der Regierung. Auch w\u00e4hrend der Waldbr\u00e4nde Ende Juli/Anfang August kritisierte er die Schuldzuweisungen an die HDP und <a href=\"https://sendika.org/2021/07/sedat-peker-yanginlari-hdpliler-cikariyor-demek-halkimizi-hdp-binalarina-saldirtma-amacindan-baska-ne-ise-yarayabilir-627191/\">bezeichnete</a> die Vorw\u00fcrfe als \u201eSpiel von Provokateuren im Gewande der Vaterlandsliebe\u201c. Peker vertrat damit eine politische Linie, die sich eigentlich als Mehrheitsmeinung im Staat der fr\u00fchen 2000er durchgesetzt hatte, namentlich die in diesen \u201eFragen\u201c enthaltenen sozialen Antagonismen durch milde integrative Kompromisse zu entsch\u00e4rfen und damit der PKK die soziale Basis abzugraben, ohne von den Prinzipien des t\u00fcrkischen Nationalismus g\u00e4nzlich abzuweichen. Letztlich konnte er noch so oft betonen, dass er nur einzelne Individuen im Staat angriff und der Staat heilig sei: Ende Mai/Anfang Juni befand Peker sich eindeutig auf Kriegsfu\u00df mit Regierung wie Staat.</p><p>Seine ver\u00e4nderte Strategie machte vermutlich Eindruck. In Kombination mit dem gro\u00dfen \u00f6ffentlichen \u201eErfolg\u201c seiner Videos kam es deshalb ab Anfang/Mitte Juni zu einer merklichen Ver\u00e4nderung im Vorgehen von Peker. Am Wochenende des 12./13. Juni 2021 erschien nicht wie erwartet ein neues Video. Zun\u00e4chst hie\u00df es, Peker sei von t\u00fcrkischen Kommandos entf\u00fchrt worden. Es stellte sich heraus, dass ihn <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/sedat-peker-dubaili-yetkililer-tarafindan-konutundan-alindi-iddiasi-1844197\">Beamte der VAE</a> (vermutlich des Geheimdienstes) zu einer Befragung einbestellt hatten. Wir wissen nicht genau, was dort und anderweitig besprochen wurde. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-ailemin-yanina-geldim-mit-timlerinin-yaptigi-operasyonla-yakalandigim-asla-dogru-degildir,958887\">Peker selbst</a> erz\u00e4hlt die eher unwahrscheinliche Geschichte, dass ihn die VAE-Beamten davor warnten, weitere Videos zu ver\u00f6ffentlichen, da sein Leben in h\u00f6chster Gefahr sei. Wahrscheinlicher ist, dass die VAE gegen au\u00dfenpolitische Konzessionen der T\u00fcrkei Druck auf Peker aufbauten; gleichzeitig ist es sehr wahrscheinlich, dass um diesen Zeitpunkt herum auch Verhandlungen zwischen Peker und dem t\u00fcrkischen Staat, oder besser gesagt, bestimmten Fraktionen im t\u00fcrkischen Staat stattfanden. Die Videos h\u00f6rten abrupt auf. Seitdem twittert Peker seine \u201eEnth\u00fcllungen\u201c nur mehr. Er ging auch nicht wie angek\u00fcndigt dazu \u00fcber, Erdo\u011fan ins Zentrum zu stellen. Stattdessen schoss er sich wieder vor allem auf S\u00fcleyman Soylu und dessen angebliches Klientelnetzwerk ein: Beispielsweise machte er publik, dass Soylu angeblich auch nach dem gescheiterten Milit\u00e4rputsch vom 15. Juli 2016 unter der Hand <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-den-bakan-soylu-ya-arkandaki-saibeli-organizasyonla-15-temmuz-sonrasinda-da-devlet-envanterine-kayitli-olmayan-silahlari-dagitmaya-neden-devam-ettiniz,964626\">Langfeuerwaffen an Zivilisten verteilte</a> in der Vorbereitung auf einen B\u00fcrgerkrieg (was <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/turkish-mobster-claims-akp-supporters-secretly-armed-after-putsch\">plausibel</a> ist, da eine bei der angeblichen Waffen\u00fcbergabe beteiligte Person das von Peker angef\u00fchrte \u00dcbergabetreffen best\u00e4tigt hat, ohne jedoch zu wissen was \u00fcbergeben wurde, und laut einer Analyse von Daten des Innenministeriums bis zu 100.000 Waffen aus staatlichen Inventaren fehlen). <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/06/16/pekerin-olasi-haber-kaynaklari-ve-mit-operasyonu-haberi/\">Es ist seitdem offensichtlich</a>, dass Peker seither (wenn nicht schon zuvor) unmittelbar aus dem Polizei- und Justizapparat heraus sensible Informationen auch \u00fcber <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/emniyette-dun-alinan-ifadeyi-bugun-sedat-peker-yayinladi-haber-1527661\">sehr aktuelle Ereignisse</a> erh\u00e4lt, die er sodann auch ver\u00f6ffentlicht.</p><p>Peker hat also sein subjektives Ziel, als jemandes Agent im Staat zu fungieren und darin zugleich seine eigenen Interessen zu verfolgen, vorerst erfolgreich erreicht. Ende Mai waren seine Videos schon insgesamt <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57236348\">172 Millionen mal</a> angeschaut gewesen, in den Sozialen Medien folgen ihm ebenfalls Millionen Menschen. \u00d6ffentliche Umfragen \u00fcber Kenntnis und Einsch\u00e4tzung der Inhalte von Pekers Videos seitens der Bev\u00f6lkerung der T\u00fcrkei oszillieren in ihren Ergebnissen zwar noch zu extrem, um daraus zu tragf\u00e4higen Schl\u00fcssen zu kommen; es ist aber offensichtlich, dass Peker zu einem popularen Ph\u00e4nomen geworden ist.</p><h4><i>Das von ihm wohlkomponiert inszenierte Simulacrum, die Simulation des \u201eEhrenmannes\u201c, der \u00fcberpotente M\u00e4nnlichkeit, Gewaltbereitschaft, einen exzessiv-manischen Narzissmus und ein dementsprechendes Selbstbewusstsein gekoppelt mit einer aufm\u00fcpfigen, gar politisch oppositionellen Haltung, aber im Namen von Staat (devlet), Nation (millet) und Vaterland (vatan) verk\u00f6rpert, macht den verf\u00fchrerischen Bann seiner politischen \u00c4sthetik aus.</i></h4><p>Sehr erfolgreich auf wenige Minuten ist dies in einem <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=RwJcYJylUEg\">Kunstvideo</a> des Youtubers T\u0131mar Rutherford zur Darstellung gebracht worden. Peker selbst ist nat\u00fcrlich alles andere als irgendwie \u201eoppositionell\u201c oder gar emanzipatorisch: \u201eWenn ich Dreck bin, dann nur Dreck der untersten Stufe in einem ganzen System an Dreck\u201c, hebt Peker selber <a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-9-video-yasadikca-ve-yaslandikca-degil-direndikce-buyuruz,39442\">in aller Ehrlichkeit</a> im bisher letzten seiner langen Videos hervor. Durch seine Popularit\u00e4t und seine Bef\u00e4higung, wichtige Akteur*innen der polykratischen Konfiguration ins Wanken zu bringen und \u00f6ffentlich zu demaskieren, hat er erreicht, was viele andere Machtnetzwerke im polykratischen Gef\u00fcge nicht schaffen. Darin liegt Pekers derzeitige Einzigartigkeit und Unersetzbarkeit, was ihn letztlich n\u00fctzlich gemacht hat \u2013 f\u00fcr wen auch immer innerhalb des polykratischen Gef\u00fcges. Ryan Gingeras h\u00e4lt dazu passend <a href=\"https://www.jstor.org/stable/40586942\">fest</a>, dass die nicht-staatlichen Elemente des Tiefen Staates zwar vornehmlich mit Bezug auf den Staat wirkm\u00e4chtig werden, dass sie aber nicht darin aufgehen, willenlose Instrumente f\u00fcr staatliche Akteure zu sein. Dar\u00fcber hinaus verfolgen sie auch eigene Interessen und legen sich daf\u00fcr, wo n\u00f6tig, auch mit staatlichen Akteuren an.</p><p>Was hat sich also machtpolitisch hinter den Kulissen getan Ende Mai/Anfang Juni? <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/23/peker-konustukca-erdoganin-mintika-temizligi-kolaylasiyor/\">Eine These</a> w\u00e4re, dass Erdo\u011fan durch Pekers Performance \u00fcberzeugt ist, jetzt den geeigneten Moment gefunden zu haben, sich einer nationalistischen Fraktion im Machtblock zu entledigen, dass aber Bah\u00e7eli, der auch als erster von beiden \u00f6ffentlich Soylu in Schutz genommen hat, blockt. Andererseits hat Peker vor Kurzem auch wenig subtil damit gedroht, die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-den-suleyman-soylu-ya-tum-suclarin-yaninda-bana-bilgi-sizdirdigin-icin-yuce-divana-kesin-gideceksin,965735\">Gewalt eskalieren zu lassen</a>, wenn \u201esie\u201c bei den n\u00e4chsten Wahlen, die \u201esie\u201c laut Peker offensichtlich verlieren werden, nicht von selbst die Macht abtreten. Es ist nicht ganz klar, ob Peker mit \u201esie\u201c Erdo\u011fan und die AKP meint, oder nur bestimmte Teile des derzeitigen Regimes. Letztlich k\u00f6nnen wir derzeit nur spekulieren, mit wem im Staat Peker zusammenarbeitet. Fakt ist, dass die Causa Peker beziehungsweise die vom ihm \u00f6ffentlichkeitswirksam aufgerollten Skandale eindr\u00fccklich vor Augen f\u00fchren, welches Ausma\u00df Dezisionismus, Polykratie und Klientelkapitalismus in der T\u00fcrkei mittlerweile angenommen haben.</p><h4><i>Das ganze Land schaut auf die Youtube-Videos eines gewaltaffinen, im Namen des Staates mordenden Mafiabosses</i> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/25/ikinci-perde-soylunun-yanitladigi-tek-soruyla-acildi/\"><i>anstatt</i></a><i> auf das Parlament und die Justiz f\u00fcr entscheidende Entwicklungen in Politik und Recht \u2013 kann es ein eindr\u00fccklicheres Bild f\u00fcr die Ersetzung von Konstitutionalismus durch Dezisionismus und Polykratie geben?</i></h4><p>Und zeigen nicht gerade die von ihm \u201eaufgedeckten\u201c Skandale, wie sehr Dezisionismus und Polykratie mit Korruption, Vetternwirtschaft, Gl\u00fccksrittertum, kurzum: Klientelkapitalismus zusammengewachsen sind? Zugleich zielt Pekers Vorgehen nat\u00fcrlich darauf ab, diese etablierten Mechanismen zu festigen. In der klassisch paternalistischen Manier des Rechtspopulismus entfacht er den berechtigten Unmut und die Leidenschaften der Bev\u00f6lkerung in einer tendenziell reaktion\u00e4ren Art und Weise \u2013 und dann noch in einer Form, die die Bev\u00f6lkerung passiv mobilisiert, sie also explizit nicht selbst zur Organisation und zur Aktivit\u00e4t aufruft, sondern als mobilisierte Man\u00f6vriermasse im innerpolykratischen Machtkampf zur Hand haben m\u00f6chte.</p><h2><b>Die widerst\u00e4ndige T\u00fcrkei und die etatistische Opposition</b></h2><p>Beim Versuch einer paternalistischen Mobilisierung der Bev\u00f6lkerung steht Peker nicht alleine da. Der Unmut in der Bev\u00f6lkerung und der Unglaube in die Institutionen des Staates ist, wie gezeigt, weit verbreitet. Es gibt aber dar\u00fcber hinaus auch zahlreiche Widerst\u00e4nde und K\u00e4mpfe gegen die vom Regime und vom Neoliberalismus herbeigef\u00fchrten destruktiven Zw\u00e4nge, Verbote, Entrechtungen, Depravationen. So k\u00e4mpften und k\u00e4mpfen <a href=\"https://sendika.org/2021/05/salgin-yonetiminin-on-dorduncu-ayinda-isci-sinifi-mucadelesi-617316/\">die gesamte Pandemie \u00fcber</a> Arbeiter*innen an vielen Standorten gegen Entlassungen, Nicht-Erf\u00fcllung von Corona-Ma\u00dfnahmen, fehlende Auszahlung von L\u00f6hnen und vieles mehr \u2013 <a href=\"https://sendika.org/2021/03/genel-is-genel-merkezi-kartal-belediyesi-ile-tis-imzaladi-isciler-irademiz-yok-sayildi-dedi-609945/\">auch</a> in <a href=\"https://elyazmalari.com/2021/02/23/kadikoyun-simarik-grevcileri/\">oppositionsgef\u00fchrten Kommunen</a>. Zwar waren am <a href=\"https://sendika.org/2021/05/1-mayis-2021-direnis-iradesi-sokakta-616787/\">1. Mai 2021</a> im Prinzip alle Demonstrationen verboten, Linke und Gewerkschafter*innen organisierten aber in vielen Stadtteilen und -pl\u00e4tzen kleinere Kundgebungen und lie\u00dfen sich von Gewahrsamnahmen nicht einsch\u00fcchtern. An der Bo\u011fazi\u00e7i Universit\u00e4t, einer der prestigetr\u00e4chtigsten Universit\u00e4ten des Landes, kam es seit Januar diesen Jahres zu einer riesigen Protestwelle gegen einen von Erdo\u011fan per Dekret und gegen die W\u00fcnsche der Studierenden und Lehrenden eingesetzten AKP\u2019ler als Zwangsverwalter-Rektor \u2013 mit Erfolg: Erst vor Kurzem wurde der Rektor, <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/01/05/otomatik-taslakerdogan-emaneti-ehline-bakin-nasil-veriyor/\">Melih Bulu</a>, ebenfalls per Erdo\u011fans Gnadendekret abgesetzt. Die <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1154670.der-erste-zwangsverwalter-geht.html\">Bo\u011fazi\u00e7i-Uni</a> geh\u00f6rt neben einer kleinen Handvoll anderer Eliteuniversit\u00e4ten zu den Universit\u00e4ten, die die AKP trotz 20-j\u00e4hriger Regierungszeit nicht kontrolliert bekommt. Die feministische Bewegung ist die Einzige, die wegen ihrer gro\u00dfen Legitimation immer noch Demos organisieren und teils die Polizei zum R\u00fcckzug von den Stra\u00dfen zwingen kann. Dabei hat die Mobilisierungsf\u00e4higkeit der feministischen Bewegung mit zunehmender Repression und Austritt aus der Istanbuler Konvention nicht abgenommen, sondern zugenommen. Die HDP ist zwar durch den autorit\u00e4ren Dauerbeschuss kaum mehr handlungsf\u00e4hig, bleibt aber weiterhin standhaft; auch in Wahlumfragen bleibt sie weiterhin stabil bei um die 10%. Der Kampf der Anwaltskammern gegen die regimefreundliche Reform derselben letzten Jahres wie auch der geradezu heroische Kampf der \u00c4rztekammer f\u00fcr eine populare Pandemiepolitik und gegen die Verdrehungen und Inhumanit\u00e4t des Regimes unter den widrigsten Umst\u00e4nden zeigen, dass es auch in und durch organisierte Korporationen \u2013 \u00dcberreste des fordistischen Erbes in der T\u00fcrkei \u2013 Widerstand gegen den Autoritarismus m\u00f6glich ist.</p><p>Auch angesichts dieser K\u00e4mpfe und anderen wichtigen politischen Fragen ist regelm\u00e4\u00dfig eine mehr oder minder starke beziehungsweise absolute Mehrheit der Bev\u00f6lkerung anderer Meinung als das Regime: Eine absolute Mehrheit der Bev\u00f6lkerung lehnt den Austritt aus der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-saadet-partililerin-yuzde-81-i-mhp-lilerin-yuzde-31-i-istanbul-sozlesmesi-nden-cikilmasini-onaylamiyor,942740\">Istanbuler Konvention</a> ab; eine absolute Mehrheit lehnt die staatlichen Profitgarantien f\u00fcr die zahlreichen \u201e<a href=\"https://www.turkuazlab.org/wp-content/uploads/2020/12/Turkiyede-Kutuplasmanin-Boyutlari-2020-Arastirmasi-Sunumu.pdf\">Megaprojekte</a>\u201c (Br\u00fccken, Tunnel, Flugh\u00e4fen, usw.) ab und unterst\u00fctzt deren <a href=\"http://www.metropoll.com.tr/upload/content/files/1870-ekim20-ayin5rakami.pdf\">Verstaatlichung</a>; eine Mehrheit lehnt auch den <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halk-kanal-istanbul-un-yapilmasi-hakkinda-ne-dusunuyor,962105\">Kanal Istanbul</a> ab; eine absolute Mehrheit ist der Meinung, dass es keine politische Einmischung in die <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/arastirma-millet-ittifaki-na-yakinim-diyenlerin-orani-cumhur-ittifaki-na-yakinim-diyenlerden-fazla,11090/4\">Universit\u00e4ten</a> geben und diese ihre Rektor*innen selber w\u00e4hlen sollten und unterst\u00fctzt den Protest an der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/konda-arastirmasindan-carpici-sonuc-toplumun-yuzde-67-si-bogazici-universitesi-ogrencilerini-hakli-buluyor,943200\">Bo\u011fazi\u00e7i-Universit\u00e4t</a>; ebenso eine absolute Mehrheit lehnt jedwede Beschr\u00e4nkung des <a href=\"http://www.metropoll.com.tr/upload/content/files/1870-ekim20-ayin5rakami.pdf\">Verfassungsgerichtes</a> ab; eine absolute Mehrheit bevorzugt <a href=\"https://www.milliyet.com.tr/yazarlar/guneri-civaoglu/muhafazakar-kesim-mri-6447122\">Laizismus</a> statt \u201edie Scharia\u201c (81% gg. 18%); eine Mehrheit lehnt die Enteignung des <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-arastirma-semenin-neredeyse-yarisi-markette-pazarda-gida-enflasyonunun-yuzde-40-ve-uzerinde-oldugunu-soyluyor,943359\">Gezi-Parkes</a> und seine \u00dcberf\u00fchrung in ministeriales Eigentum ab; eine absolute Mehrheit ist der Meinung, dass die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halkin-yaklasik-yuzde-60-i-emekli-amiraller-bildirisinde-darbe-imasi-oldugunu-dusunmuyor,944750\">Erkl\u00e4rung der Admir\u00e4le</a> zum Vertrag von Montreux keinen Putschversuch darstellt; und nicht zuletzt findet eine Mehrheit die von der Opposition betriebene Skandalisierung der <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/metro-poll-den-carpici-anket-millet-ittifaki-na-egilim-cumhur-ittifaki-na-egilimden-3-puan-fazla,11919/4\">Verschleuderung der TCMB-Reserven</a> richtig.</p><p>Angesichts der autorit\u00e4ren Furie, wie sie in der T\u00fcrkei w\u00fctet, ist dieses Niveau an Widerstand, K\u00e4mpfen und abweichender politischer Meinung der Bev\u00f6lkerungsmehrheit beachtlich. Der LKW-Fahrer, der bei einem Besuch der oppositionellen CHP \u00fcber die \u00f6konomische Misere seines Berufsstandes klagt und dann spontan vor laufender Kamera explodiert: \u201e<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/nakliyeciden-chpli-vekillere-abi-bir-kukreyelim-haber-1527446\">Bruder, lass\u2019 mal br\u00fcllen wie ein L\u00f6we</a>. Mein verehrter Bruder, hau doch mal die Faust auf den Tisch und br\u00fcll mal. Es geschieht Unrecht, die Menschen hier leiden, den Menschen geht es schlecht, sie sind hungrig\u201c, hat schon viel in Kauf genommen. Es bedarf viel Mut, eine solche Kampfansage in der heutigen T\u00fcrkei vor laufender Kamera abzulassen.</p><h4><i>An Kampfbereitschaft und Mut fehlt es wahrlich nicht. Aber die K\u00e4mpfe finden nur selten zu einer relativ geeinten politischen Form und Perspektive zusammen</i>.</h4><p>Das Potenzial atomisierter und demobilisierter Proteste und individueller Kampfbereitschaft bleibt aber notwendig beschr\u00e4nkt und tendenziell offen f\u00fcr eine reaktion\u00e4re Degeneration, Hoffnungslosigkeit, Kapitulation vor dem Herrschenden und/oder R\u00fcckzug. Angesichts dessen verfolgt die b\u00fcrgerliche Opposition eine sehr etatistische Form der Politik. Die N\u00e4he bis hin zu Identit\u00e4t der b\u00fcrgerlichen Opposition zur/mit der Regierung bez\u00fcglich der \u201ekurdischen Frage\u201c habe ich schon erw\u00e4hnt. Auch in allen Angelegenheiten, die als \u201estaatlich\u201c akzeptiert sind, wie beispielsweise die grunds\u00e4tzliche Vorstellung einer <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-ndan-abdulkadir-selvi-abdulkadir-selvi-benim-adima-nasil-konusuyor-yoksa-birileri-selvi-ye-yazdiriyor-mu,919825\">Substanz</a> und Einheit des Staates und die Verteidigung seiner Institutionen (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/chp-den-charlie-hebdo-tepkisi-hicbir-ulke-turkiye-cumhuriyeti-nin-cumhurbaskani-na-hakaret-edemez-ettirmeyiz,911906\">inklusive des Pr\u00e4sidialamtes</a>!) und <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/dort-partiden-abdye-caatsa-kinamasi-haber-1507401\">Interessen</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/meral-aksenerden-erdoganin-cagrisina-yanit-1757650\">nach Au\u00dfen</a>, steht die b\u00fcrgerliche Opposition <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/09/turkey-russia-erdogan-dispute-armenia-azerbaijan-nagorno.html\">Seite an Seite</a> mit dem Regime (oder fordert <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ali-babacan-ve-ahmet-davutoglu-ndan-ortak-basin-toplantisi,938443\">sogar</a> ein <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-bu-ulkede-millete-terorist-diyenler-andimiz-i-yasaklayanlar-oldu,939659\">noch h\u00e4rteres Vorgehen</a>). Sie stimmen damit de facto zu, wenn wichtige Wortf\u00fchrer*innen des Regimes die Unterscheidung machen in <a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/nedret-ersanel/mehmet-agar-bu-olaylar-neticesinde-baska-siyasi-beklentiler-var-ise-acik-soyleyeyim-o-olmaz-2057662\">Regierungsangelegenheiten</a>, bei denen man durchaus unterschiedlicher Meinung sein k\u00f6nne, und <a href=\"https://www.sabah.com.tr/yazarlar/donat/2021/05/06/kanayan-yara\">Staatsangelegenheiten</a>, bei denen Einheit gefordert sei. Dabei gibt es nat\u00fcrlich nicht einen \u201eheiligen Geist des Staates\u201c, der zeitlos durch Raum und Zeit west, wie es Peker und viele vor ihm behaupteten. Die Anrufung einer mystischen \u201eEssenz des Staates\u201c ist allerdings ein Mittel, um Zustimmung zu einer grunds\u00e4tzlich autorit\u00e4ren Vergesellschaftungsform zu generieren \u2013 etwas, worin sich in der Tat Regierende wie b\u00fcrgerliche Oppositionelle seit Gr\u00fcndung der Republik, ja seit dem sp\u00e4ten Osmanischen Reich einig sind. Insofern l\u00e4sst sich mit Fug und Recht von einer autorit\u00e4ren Staatstradition in der T\u00fcrkischen Republik sprechen.</p><h4><i>Die b\u00fcrgerliche Opposition teilt aber auch den Aspekt der paternalistischen Mobilisierung, die der autorit\u00e4ren Staatstradition zueigen ist.</i></h4><p><a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-video-ile-seslendi-buradan-siyasi-iktidara-acik-bir-cagrida-bulunuyorum-turkiye-nin-evlatlarini-serbest-birakin,930648\">Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu</a> so sehr <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-izmir-hdp-il-baskanligina-yapilan-provokasyon-amacli-saldirinin-cok-daha-buyuklerini-ne-yazik-ki-onumuzdeki-zamanlarda-yasayacagiz,959773\">wie</a> <a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-8-video,39238\">Sedat Peker</a>, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-ndan-hutbe-aciklamasi-diyanet-gencleri-ayirmayan-devlet-yoneticileri-olsun-diye-de-dua-etsin,931708\">Imamo\u011flu</a> (CHP-B\u00fcrgermeister von Istanbul) so sehr wie <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/bogazicili-ogrencilerden-bahceliye-yanit-once-terorist-demekten-vazgec-1816006\">Bah\u00e7eli</a>, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-kktc-mustakil-bir-devlettir-haddinizi-bilin,931922\">Meral Ak\u015fener</a> so sehr wie die <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/hdpye-saldiri-aydinlatilmali-41834543\">Revolverpresse</a> des Regimes sind sich einig im Aufruf, dass die Menschen \u201eja nicht auf die Stra\u00dfe\u201c gehen oder zumindest \u201eMa\u00df und Zur\u00fcckhaltung\u201c in ihrem Protest wahren sollen, weil sonst alles au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t und Chaos das Land regiert. Als disziplinierend-mobilisierendes Element werden dazu verschw\u00f6rungstheoretische Ideologiefragmente \u201e<a href=\"https://dukespace.lib.duke.edu/dspace/bitstream/handle/10161/22556/Goknar%20-%20Political%20Melodramas%20of%20Conspiracy.pdf?isAllowed=y&amp;sequence=2\">as an intentionally deployed weapon of politics</a>\u201c (S. 2) genutzt. \u201eJemand hat auf den Knopf gedr\u00fcckt\u201c <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/turkiyenin-onundeki-kritik-esik-41842003\">und</a> <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/yazarlar/ismail-saymaz/sen-suclusun-mehmet-ali-bey-6492402/\">\u00e4hnliche S\u00e4tze</a> sind politische Allgemeinpl\u00e4tze geworden, die implizieren, dass es ein \u2013 nat\u00fcrlich nie konkret zu identifizierendes \u2013 Mastermind (<i>\u00fcst ak\u0131l</i>) gibt, das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-yargimiz-nasil-15-temmuz-un-hesabini-soruyorsa-6-8-ekim-olaylarinin-hesabini-da-bolucu-orgutun-unsurlarindan-soruyor,906889\">laut Erdo\u011fan</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-son-8-yilda-partimize-yonelik-kesintisiz-saldiri-doneminden-milletimizin-destegiyle-ciktik,964513\">seit Gezi 2013</a> in den unzusammenh\u00e4ngendsten Ereignissen als das eine identische Subjekt wirkt, um die T\u00fcrkei durch wechselseitige Polarisierung und Aufhetzung der Bev\u00f6lkerung zu vernichten. <a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/ibrahim-karagul/sedat-pekere-feto-dosyalari-mi-verildi-zaafi-olan-dubaiye-kosuyor-bin-zayedin-tetikcisi-oluyor-onlarca-sedat-peker-harcanir-2058569\">Auch Sedat Peker</a> wird von der Revolverpresse in diese Verschw\u00f6rung eingeordnet.</p><p>Nat\u00fcrlich gibt es kein Mastermind. Es ist das Regime selbst, das Polarisierung und Aufhetzung betreibt, um Alternativen zu unterdr\u00fccken und sich eine autorit\u00e4re Legitimationsbasis zu schaffen. In Kombination mit anderen Krisenelementen bringt dies aber auch eine Reihe nichtintendierter Effekte mit sich, wie sich versch\u00e4rfende au\u00dfenpolitische und soziale Antagonismen, Prekarit\u00e4t, usw., die durchaus wirklich zu einer Art von Kontrollverlust f\u00fchren, n\u00e4mlich zur Hegemoniekrise an sich. Das verschw\u00f6rungstheoretische Framing versucht blo\u00df, diese Hegemoniekrise disziplinierend zu organisieren. Denn wo hinter allem Unzusammenh\u00e4ngenden und allen Verwerfungen ein b\u00f6ser Mastermind zum Schaden Aller agiert und man nie wei\u00df, ob nicht auch etwas als Gut erscheinendes eigentlich dem B\u00f6sen dient, da macht sich eine passivierende \u00c4ngstlichkeit breit. Der Glaube daran w\u00e4chst, dass es der Lenkung durch die das Volk f\u00fchrenden Elite bedarf, welche allein kompetent den Kampf gegen dieses Mastermind ausfechten kann. \u201e[C]onspiracy isn\u2019t just a symptom of authoritarian politics, [\u2026] it imagines and prefigures that authoritarianism\u201c (S. 6), fasst G\u00f6knar im eben zitierten Artikel folgerichtig zusammen. Ein erfolgreicher Kampf gegen die Taktiken des Regimes, in dem die Bev\u00f6lkerung selbst organisiert partizipiert, ist der erfolgversprechendste Weg gegen die Pr\u00e4sidialdiktatur: Die Wahrnehmung der eigenen Wirkm\u00e4chtigkeit ist das beste praktische Gegenmittel gegen die verschw\u00f6rungstheoretische Disziplinierung im Allgemeinen, aber vor allem auch gegen die in der Diffusit\u00e4t des Alltagsverstandes verankerten, jahrzehntelang von den Herrschenden gef\u00f6rderten reaktion\u00e4ren Elemente wie den antikurdischen Rassismus <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57485198\">oder</a> die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/area-arastirma-olasi-cumhurbaskanligi-secimlerinde-mansur-yavas-muharrem-ince-ile-abdullah-gul-e-fark-atiyor,899856\">Unterst\u00fctzung</a> f\u00fcr <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/son-anket-millet-ittifaki-onde-galeri-1500153?p=5\">au\u00dfenpolitischen Chauvinismus</a>.</p><p>Die b\u00fcrgerliche Opposition will dies aber offensichtlich nicht. Sie hofft darauf, durch die Exploitation reaktion\u00e4rer Sedimente im Alltagsverstand eine paternalistische Mobilisierung gegen das Regime zu organisieren, mit dem sie das Regime st\u00fcrzen und den \u00dcbergang zu einer restaurierten neoliberalen Hegemonie einleiten kann \u2013 ohne eine zu starke populare Partizipation zu riskieren, die bedeutend mehr als eine blo\u00dfe Restauration des Neoliberalismus auf die politische Agenda setzen k\u00f6nnte. Wie sehr die b\u00fcrgerliche Opposition das Regime st\u00fcrzen und wirklich abschaffen will, ist ohnehin an sich fragw\u00fcrdig. Der Chef der Hauptoppositionspartei CHP, Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, gab erneut zu verstehen, dass sie <a href=\"https://t24.com.tr/video/kilicdaroglu-kanal-istanbul-ihalesine-girecek-ulkeye-mesafe-koyacagiz-paralarini-odemeyecegiz-bizden-bir-banka-kredi-verirse-gunu-geldiginde-o-da-gorur,38698\">keine Abrechnung</a> (<i>devr-i sab\u0131k</i>) mit der AKP-\u00c4ra und ihren Verbrechen vorhaben, sollten sie an die Macht kommen. \u00c4hnlich der schon erw\u00e4hnte stellvertretende Vorsitzende der IYI, Yavuz A\u011f\u0131ralio\u011flu, der \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/iyi-partili-agiralioglu-ak-parti-deki-arkadaslarimiza-dusman-degiliz-onlarin-rakipleriyiz,941960\">unsere Freunde in der AKP</a>, inklusive Herr Erdo\u011fan\u201c explizit nicht als Feinde, sondern als Konkurrenten unter dem Banner derselben Sache, \u201eNation und Heimat\u201c bezeichnete.</p><p>Unter dem Druck der Faschisierung sind auch Teile der Linken, allen voran starke Fraktionen innerhalb der HDP, auf eine Taktik der \u201eDemokratiefront\u201c umgeschwenkt, der zufolge die Zusammenarbeit aller \u201edemokratischer Parteien\u201c zwecks Sturz des Regimes Priorit\u00e4t hat. Die Linke, auch die HDP, w\u00e4re allerdings besser beraten, sich prim\u00e4r auf das zu konzentrieren, was sie von den b\u00fcrgerlichen Parteien unterscheidet: Eine Perspektive auf die \u00dcberwindung des Neoliberalismus im Sinne der popularen Klassen und eine umfassende Demokratisierung durch populare Massenmobilisierung und -partizipation. Ansonsten bleiben nicht nur die materiellen Bedingungen der M\u00f6glichkeit einer reaktion\u00e4ren Organisierung und Mobilisierung der popularen Klassen erhalten, sondern auch die ideellen und politischen \u2013 wie der antikurdische Rassismus, der militaristische Chauvinismus und dergleichen. Erst wenn das Volk selbst an der politischen Macht aktiv partizipiert und \u00fcber sein Geschick selbst entscheidet, werden die Bedingungen der M\u00f6glichkeit des Autoritarismus aufgehoben, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/riza-turmen/akp-sonrasi-turkiye-yeni-bir-demokrasi,31141\">so</a> R\u0131za T\u00fcrmen, ehemaliger Richter der T\u00fcrkei am Europ\u00e4ischen Menschengerichtshof und linker Demokrat. Die revolution\u00e4ren Elemente innerhalb der Linken m\u00fcssen dabei zus\u00e4tzlich den Punkt stark machen, dass es nicht blo\u00df um Klientelkapitalismus und Neoliberalismus geht und dass strategisch die \u00dcberwindung der kapitalistischen Produktionsweise als solcher letztlich der einzige Weg ist, die notwendigen (wenn auch nicht allein hinreichenden) Grundlagen f\u00fcr ein gutes Leben f\u00fcr die Bev\u00f6lkerungsmehrheit zu schaffen. Dass sich Linke priorit\u00e4r auf ihre Aufgaben konzentrieren, schlie\u00dft eine taktische Wahlzusammenarbeit, so denn Wahlen stattfinden sollten, nicht aus. Im Gegenteil: Erst dann, wenn die Linke ihre Aufgaben gut macht, kann sie bei einer m\u00f6glichen Wahlallianz eine Anerkennung linker Positionen erzwingen.</p><p>Das kurz- bis mittelfristige Ziel f\u00fcr Linke sollte sein, Erdo\u011fan zu st\u00fcrzen \u2013 aber unter Umst\u00e4nden, in denen die Linke so stark wie m\u00f6glich ist. Es w\u00e4re sogar w\u00fcnschenswert, wenn sie bei den n\u00e4chsten Wahlen einen selbstbewussten und eigenst\u00e4ndigen dritten Parteienblock im Unterschied zum Regimeblock wie zum Block der b\u00fcrgerlichen Opposition bilden k\u00f6nnte, anstatt direkt oder indirekt dem b\u00fcrgerlichen Oppositionsblock zuzuarbeiten. Nur durch organisatorische und ideologische Autonomie sowie einer erfolgreichen popularen Praxis kann die Linke Positionen erk\u00e4mpfen. Zusammenschl\u00fcsse wie Einheit f\u00fcr Demokratie (<i>Demokrasi \u0130\u00e7in Birlik</i>, D\u0130B), die sich aus Parteien und Organisationen, Bewegungen und Einzelpersonen zusammensetzen, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/demokrasi-icin-birlik-ten-muhalefete-armut-pisip-kimsenin-agzina-dusmeyecek,907330\">versuchen gerade</a>, solch eine <a href=\"https://www.evrensel.net/haber/436368/demokrasi-konferansi-halkin-gercek-halk-egemenligi-kuracagi-yolculuga-katki-sunmaya\">populare Perspektive</a> zusammen mit einer popularen Mobilisierung zu entwickeln.</p><h4><i>Vielleicht sind wir derzeit an einem Punkt angelangt, an dem es nicht mehr so sehr um die Frage geht, ob Erdo\u011fan st\u00fcrzt \u2013 sondern eher darum, wie er st\u00fcrzt und wie die T\u00fcrkei nach Erdo\u011fan aussehen wird. Diesem Kampf um die Zukunft der T\u00fcrkei sollten wir uns selbstbewusst und voll Lebensfreude stellen.</i></h4><hr/><h2><b>Anmerkungen:</b></h2><p><b>[1]</b> F\u00fcr die Entwicklungen und theoretischen Einsch\u00e4tzungen zu den Entwicklungen vor/bis September 2020 verweise ich auf meinen l\u00e4ngeren Analyseartikel \u201e<a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">Virus als Katalysator</a>\u201c, ebenfalls hier im<i> re:volt magazine</i> erschienen. Ich werde die dort ausgef\u00fchrten Dinge hier nicht mehr ausf\u00fchrlich behandeln und auf permanente Verweise auf jenen Artikel verzichten; wo keine Quellen angegeben sind oder nicht weiter ausgef\u00fchrt wird, lassen sich Details in jenem Artikel nachlesen.</p><p>F\u00fcr viele wichtige inhaltliche Diskussionen und Literaturempfehlungen danke ich dem Arbeitskreis<i> Social and Political History of Turkey</i>. Besonderer Dank gilt dabei Axel Gehring und Svenja Huck f\u00fcr wichtige inhaltliche und formale Kommentare. Ganz besonderen Dank zudem an Johanna Br\u00f6se f\u00fcr eine sehr genaue inhaltliche und sprachliche Redaktion des<i> gesamten</i> Artikels. Was w\u00e4re der Artikel nur ohne dich und deine Arbeit? F\u00fcr alle Fehler, Fehleinsch\u00e4tzungen und Verr\u00fccktheiten, die weiterhin im Artikel geblieben sind, bin nat\u00fcrlich nur ich verantwortlich. Gedankt sei auch Jo aus dem <i>re:volt</i>-Kollektiv f\u00fcr die meines Ermessens sehr treffende Collage, die als Titelbild des Artikels fungiert.</p><p><b>[2]</b> Ein in der Zwischenzeit vorlegter Rechenschaftsbericht des Finanzministeriums nennt fast identische Zahlen: 2,4%/BIP direkte Ausgaben, 9,3%/BIP Kredite usw. <a href=\"https://ms.hmb.gov.tr/uploads/sites/12/2021/06/Kamu-Maliyesi-Raporu-1.pdf\">Siehe</a> T.C. Hazine ve Maliye Bakanl\u0131\u011f\u0131,<i> Kamu Maliyesi Raporu 2021-I</i>, Mai 2021, S. 30.</p><p><b>[3]</b> Minibusse sind kleinere Busse, die etwa 10-20 Sitz- und 5-10 Stehpl\u00e4tze haben und eines der meistgenutzten Fortbewegungsmittel in der T\u00fcrkei darstellen.</p><p><b>[4]</b> Sind die Zinsen niedriger als die Inflationsrate, spricht man von realem Negativzins. Das hei\u00dft die Zinsen sind \u2013 egal ob sie nominell positiv, das hei\u00dft \u00fcber 0% liegen \u2013 real negativ, da sie unterhalb des Niveaus der Preissteigerung verbleiben. Jeder, der zu realem Negativzins investiert, betreibt also im Normalfall ein Verlustgesch\u00e4ft. Im betreffenden Fall ist ein realer Negativleitzins der TCMB daher ein sehr starker negativer Investitionsimpuls f\u00fcr ausl\u00e4ndisches Kapital. Anders sieht es beispielsweise bei <a href=\"https://www.deutsche-finanzagentur.de/de/private-anleger/bundeswertpapiere/bundesanleihen/\">bundesdeutschen Staatsanleihen</a> aus, die ebenfalls einen realen Negativzins abwerfen. Da sie jedoch gemeinsam mit der deutschen Wirtschaft und im Unterschied zur T\u00fcrkei als stabil und als sicherer Hafen gelten, investieren Finanzmarktakteur*innen durchaus in sie um diese dann beispielsweise als Sicherheiten f\u00fcr weitere Finanzgesch\u00e4fte zu nutzen.</p><p><b>[5]</b> Bei einem W\u00e4hrungs- oder Devisenswap werden Mengen zweier W\u00e4hrungen wechselseitig getauscht, um in Zukunft wieder r\u00fcckgetauscht zu werden. Die TCMB beispielsweise nutzt solche Swaps, um kurzfristig an dringend notwendige Devisen heranzukommen. Damit verschiebt sich das Problem des Devisenmangels in die Zukunft.</p><p><b>[6]</b> Da die t\u00fcrkische Wirtschaft bei wesentlichen Inputs an Importe gebunden bleibt, wirkt sich nat\u00fcrlich ein Wertverfall der Lira unmittelbar auf die Inflation aus und zieht regelm\u00e4\u00dfig eine Steigerung derselben mit sich. So wurde dann zwar nach den desastr\u00f6sen 1990ern, als die TCMB noch eine Fokussierung auf einen fixen TL-Wert hatte und inmitten der Transformationskrisen zum regulierten Neoliberalismus und spekulativer Attacken im Prinzip handlungsunf\u00e4hig wurde, die Wechselkursfokussierung der TCMB aufgegeben im Sinne einer Preisstabilit\u00e4tsfokussierung. Da letzteres aber ebenfalls eine gewisse Stabilit\u00e4t des Wechselkurses voraussetzte, intervenierte die TCMB wo n\u00f6tig nat\u00fcrlich auch in den Devisenmarkt, so beispielsweise 2004-05. Aber das waren noch gute Zeiten, da war das Akkumulationsregime noch nicht fundamental krisenhaft, sondern wurde nur zyklisch negativ affiziert von volatilen internationalen Finanzstr\u00f6men.</p><p><b>[7]</b> Was Zinshebungen in den USA und daher Kapitalabfl\u00fcsse aus der Peripherie in die USA wahrscheinlich machte <a href=\"https://www.mahfiegilmez.com/2021/03/faiz-nicin-artrld-simdi-ne-olacak.html\">und daher</a> trotz orthodox-neoliberaler Geldpolitik des t\u00fcrkischen Zentralbankchefs zu einem Fall des Wertes der TL f\u00fchrte. Auch die beste Wirtschaftspolitik kann im Regelfall die strukturellen Defizite eines spezifischen Akkumulationsmodells nicht beheben, in diesem Fall die abh\u00e4ngige Finanzialisierung der t\u00fcrkischen Wirtschaft.</p><p><b>[8]</b> \u00dcblicherweise werden die Steigerungen der Verbraucherpreise als offizielle Inflationsrate angegeben. Produzentenpreise hingegen bezeichnen die Preise, die Produzenten f\u00fcr ihre Inputs bezahlen. <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/turkeys-inflation-spirals-out-control\">Wegen der Importabh\u00e4ngigkeit</a> der t\u00fcrkischen Wirtschaft und dem Fall des Wertes der Lira ins Bodenlose sind die Produzentenpreise um mehr als 40% gestiegen, weit mehr als die Verbraucherpreise. Das hei\u00dft letztlich, dass die Kosten der Unternehmen viel st\u00e4rker steigen als die Preise, zu denen sie ihre Waren verkaufen k\u00f6nnen. Auf kurz oder lang werden also Bankrotte folgen oder eine <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/wealthy-turks-drive-consumption-despite-soaring-inflation\">Anpassung</a> der beiden divergierenden Preisentwicklungen stattfinden, das hei\u00dft die sich schon <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-dakika-lpgye-zam-geldi-1848996\">beschleunigende</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/kapanmanin-faturasi-agir-oldu-1846972\">Steigerung der Verbraucherpreise</a>.</p><p><b>[9]</b> Ich nutze damit den Begriff etwas anders als Carl Schmitt, der ihn als ein metaphysisches Letztbegr\u00fcndungsprinzip jeder Rechtsordnung, egal ob liberal oder monarchisch oder sonst wie, verstanden wissen will und ihn zudem normativ positiv aufl\u00e4dt. Daher die Charakterisierung von Schmitt als proto-faschistisch. Ich nutze den Begriff als Analysetool f\u00fcr<i> eine</i> m\u00f6gliche Strukturierung eines gegebenen politischen Systems (im betreffenden Fall der T\u00fcrkei), zudem sicherlich ohne eine normative Aufwertung.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkisches-inferno/", "id": "https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkisches-inferno/", "author": {"name": "Alp Kayserilio\u011flu", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2021-08-12T08:52:03.024590+00:00", "date_modified": "2021-08-12T09:18:02.196769+00:00", "tags": ["re:think", "t\u00fcrkei", "widerstand", "antikurdischer rassismus", "corona", "autorit\u00e4re konsolidierung", "sezgin baran korkmaz", "repression", "waldbr\u00e4nde 2021", "bogazici", "istanbul konvention", "sedat peker", "krise des neoliberalismus"], "summary": "Die T\u00fcrkei steht in Flammen: Von Corona-Krise \u00fcber Wirtschaftskrise, machttrunkenem Hochmut, Chaos im Staat und verheerenden Waldbr\u00e4nden bis hin zu Widerstand gegen das politische Regime in der T\u00fcrkei der letzten Monate berichtet unser Redakteur Alp Kayserilio\u011flu in einem sehr, sehr langen Essay."}, {"title": "Italien im Aufruhr", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Italien im&nbsp;Aufruhr</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"photo_2020-11-06 19.12.09.jpeg\" height=\"420\" src=\"/media/images/photo_2020-11-06_19.12.09.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Gianmarco Rescigno</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Die am 23. Oktober ausgebrochenen Proteste in Italien haben die politische und mediale Aufmerksamkeit im In- und Ausland geweckt. In Napoli hatte eine Gruppe von Protestierenden w\u00e4hrend der n\u00e4chtlichen Demonstration die Auseinandersetzung mit der Polizei gesucht, die Medien sprachen sogleich von der Camorra [die Mafia in der Region Kampanien; Anm. d. Red.], die die Gewalt orchestriert haben soll. Offensichtlich ging es in Napoli jedoch um <a href=\"https://revoltmag.org/articles/napoli-gegen-den-lockdown/\">soziale Belange</a>. Daraufhin kam es auch in anderen St\u00e4dten, vom Norden bis in den S\u00fcden des Landes, zu sozialen Protesten gegen die Politik der Regierung angesichts der zweiten Welle der Corona-Krise.</p><p>In den Tagen darauf nahmen die Proteste nicht ab, im Gegenteil. Sie nahmen unterschiedlichste Formen an und auch in anderen St\u00e4dten kam es zu gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und Polizei. Nun mischte sich auch die italienische Regierung ein und verurteilte die Proteste. Wie Innenminister Luciana Lamorgese gegen\u00fcber der Tageszeitung <a href=\"https://www.repubblica.it/cronaca/2020/10/28/news/piazze_in_rivolta_lamorgese_studenti_disagiati_ed_extracomunitari-272172842/\">La Repubblica</a> erkl\u00e4rte, w\u00fcrde die Unzufriedenheit nur als Vorwand benutzt werden, um Gewalt auszu\u00fcben. \u201eStudierende, Unbequeme und illegale Einwanderer\u201c w\u00fcrden in den Demonstrationen mitmischen und die Gewalt provozieren. Auch wenn zwar die organisierte Kriminalit\u00e4t (Camorra) als zentrales Erkl\u00e4rungsmuster der Proteste verschwunden ist, vermieden es die Politiker*innen den tats\u00e4chlichen sozialen und politischen Problemen in die Augen zu schauen, die zu den spontanen Ausschreitungen f\u00fchrten.</p><p>Eine einheitliche Analyse der Proteste zu geben ist allerdings sehr schwierig, da sie in jeder Stadt von unterschiedlichen sozialen und politischen Gruppen ausgingen und die Polizei mit unterschiedlich starker Repression darauf reagierte. Der unterschiedliche Charakter der Proteste ist Ausdruck der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen und Kr\u00e4fte, die jeweils vor Ort vorherrschen. Wenn also rechtsextreme Gruppierungen an den Protesten in Rom, Bologna, Torino, Verona oder Firenze anwesend waren oder der Aufruf dazu sogar von ihnen ausging, dann weil sie die herrschende soziale und \u00f6konomische Krise und das politische Vakuum nutzen, um ihre Positionen und Forderungen auf die Strasse zu bringen.</p><h2><b>Der Auftakt in Napoli</b></h2><p>Die Proteste in Napoli waren eine Art Ausl\u00f6ser und Vorbild daf\u00fcr, den sozialen Unmut auf die Stra\u00dfe zu tragen. Auch in Napoli h\u00f6rten die Proteste nicht auf. Am Folgetag (24. Oktober) protestierten rund 500 Menschen vor dem regionalen Sitz des Unternehmensverbandes Confindustria gegen die fehlenden gesundheits- und sozialpolitischen Ma\u00dfnahmen, um der Corona-Krise und den sozialen Folgen eines potentiellen Lockdowns entgegenzuwirken. Der Versuch der Demonstrierenden zum regionalen Regierungsgeb\u00e4ude vorzudringen wurde von der Polizei gewaltvoll unterdr\u00fcckt.</p><p>Die polizeiliche Repression kam auch am Montag, dem 26. Oktober, zum Zug: Auf die mittels sozialen Medien beworbene Kundgebung gegen die mangelnden sozialpolitischen Ma\u00dfnahmen reagierte die Regierung mit einem massiven Polizeiaufgebot samt Wasserwerfern und M\u00e4nnern in Robocopmontur. Rund 4.000 Menschen kamen an diesem Abend zu einer Demonstration zusammen. Die soziale und politische Zusammensetzung war vielf\u00e4ltig: von prek\u00e4r und oft irregul\u00e4r arbeitenden Barkeeper*innen \u00fcber Event-Animateur*innen und Kulturschaffenden bis hin zu Betreiber*innen von Kleinbetrieben (vor allem Bars, Restaurants und Nachtclubs) waren alle m\u00f6glichen Schichten vertreten, haupts\u00e4chlich des Dienstleistungssektors. Die Kundgebung war daher auch von unterschiedlichen Forderungen gepr\u00e4gt. Als die Demonstrierenden dann begannen sich zu bewegen, positionierte sich die Polizei erneut, um den Demonstrationszug zu blockieren. Diesmal gelang es den Demonstrierenden, vor das regionale Regierungsgeb\u00e4ude zu gelangen, ohne dass es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kam.</p><p>Die Diversit\u00e4t der Teilnehmenden dr\u00fcckte sich auch in den Wortmeldungen aus: Die Betreiber*innen von Kleinbetrieben forderten keine sozialstaatliche Intervention f\u00fcr die Sicherstellung der Lohnfortzahlung im Falle einer neuen Schlie\u00dfung, sondern unterstrichen ihre Entschlossenheit, um jeden Preis und trotz Lockdown ihre L\u00e4den offen halten und weiterarbeiten zu wollen. Die Wortmeldungen, die ein staatlich garantiertes Grundeinkommen f\u00fcr die Arbeiter*innen verlangten, wurden von ihnen hingegen ausgepfiffen.</p><p>Zudem waren nicht wenige Arbeiter*innen mit Plakaten zu sehen, die einen Steuerzahlungsstopp f\u00fcr krisenbetroffene Bars und Restaurants und die Aufhebung der obligatorischen Schlie\u00dfungen der L\u00e4den ab 18 Uhr forderten. Diese Positionierung von Arbeiter*innen auf Seiten ihrer Arbeitgebenden ist Ausdruck des herrschenden Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisses und der Jobunsicherheit, die bereits vor der Corona-Krise Normalit\u00e4t war. So existiert eine korporatistische \u00dcberzeugung \u00e0 la \u201edu gibst mir zu essen, ich verteidige dich\u201c bei vielen Arbeitenden. Soziale Forderungen \u2013 von einem garantierten Einkommen f\u00fcr die Arbeiter*innen bis zu Investitionen im Gesundheitssystem, um der gesundheitlichen Corona-Krise entgegenzuwirken \u2013 wurden in erster Linie von linken politischen Gruppen und Organisationen in die Proteste hineingetragen.</p><p>In den Protesten in Napoli dr\u00fcckte sich also eine widerspr\u00fcchliche Dynamik aus: Auf der einen Seite das gemeinsame Auftreten von Arbeiter*innen und Betreiber*innen der lokalen \u00d6konomie, die vor allem dank des Tourismusbooms der letzten zehn Jahre einen Aufschwung erlebte und sich nun mit der Krise im rasanten Sturzflug befindet. Dieser Korporatismus steht im Widerspruch zu den divergierenden objektiven Interessen dieser zwei sozialen Kategorien: Arbeiter*innen und Betreiber*innen. Denn viele der Betreiber*innen von Kleinbetrieben haben gerade w\u00e4hrend dieses Tourismusbooms ihren Reichtum durch Steuerhinterziehung und Ausbeutung irregul\u00e4rer Arbeiter*innen erwirtschaftet. Die Freiheit, weiter wirtschaften zu k\u00f6nnen, w\u00fcrde konkret hei\u00dfen, die Freiheit zu haben, weiterhin Steuern zu hinterziehen und Arbeiter*innen auszubeuten. Hierin unterscheiden sich diese kleinb\u00fcrgerlichen Forderungen nicht von denjenigen des Unternehmensverbandes Confindustria und somit des Gro\u00dfkapitals.</p><h2><b>Neofaschistische Instrumentalisierungsversuche</b></h2><p>Andere Orte wiesen andere Charakteristika auf. Am 27. Oktober in Rom und am 30. Oktober in Bologna waren die Proteste von neofaschistischen Gruppen organisiert. Hier dominierten reaktion\u00e4re und rechtskonservative Positionen den Raum. Ihre Kritik richtete sich an die \u201epolitische Kaste\u201c, die sich w\u00e4hrend der Pandemie weiter bereichert habe, w\u00e4hrend \u201edas Volk\u201c Hunger erleiden musste. Gefordert wurde explizit nicht ein garantiertes Grundeinkommen f\u00fcr alle, die aufgrund eines potentiellen Lockdowns ihren Lohn verlieren w\u00fcrden, sondern \u2013 wie auch in Napoli von einigen gefordert \u2013 die Freiheit, weiterarbeiten zu k\u00f6nnen. Gerade bei den Protesten, in denen diese Positionen dominierten, mischten sich verschw\u00f6rungstheoretische und \u201eCorona-skeptische\u201c Stimmen unter die Proteste. In Bologna konnte so eine Ann\u00e4herung zwischen neofaschistischen Gruppen und \u201eWutb\u00fcrger*innen\u201c beobachtet werden. Diese werkt\u00e4tige Mittelklassen mit zuvor gutem Einkommen m\u00fcssen tats\u00e4chlich materielle Verluste hinnehmen und erleben \u00e4hnliche Probleme wie proletarisierte Gruppen; gleichzeitig tendieren sie aber auch zu einem \u201eautorit\u00e4ren Charakter\u201c und identifizieren sich oft mit konservativen und reaktion\u00e4ren Wertvorstellungen. Dank dieser Konvergenz nutzten rechtsextreme Gruppen den Krisenmoment, um ihrer ultrakonservativen und reaktion\u00e4ren Weltansicht eine \u00f6ffentliche Stimme zu verleihen. Die Beteiligung an diesen Demonstrationen blieb aber gering, die Polizei begleitete den mit milit\u00e4rischer Disziplin organisierten Demonstrationszug f\u00fcr \u00fcber zwei Stunden durch die Stadt, ohne die Demonstration aufzul\u00f6sen.</p><p>Am 30. Oktober fand auch in Firenze eine Demonstration statt. Auch hier waren rechte Gruppen mit von der Partie, jedoch in der Minderheit. Ihr separater Demonstrationszug wurde von der Polizei begleitet. Der gemischte Block hingegen, in dem sich prek\u00e4re Gastronomie-Arbeiter*innen, Menschen in schwieriger finanzieller Lage und linke Aktivist*innen wiederfanden, wurde gewaltvoll von der Polizei angegangen. Die Bilder der Demonstration zeigen eine au\u00dfer Kontrolle geratene Polizei, deren einziges Ziel es war, die friedliche Demonstration aufzul\u00f6sen. Gewisse militante Gruppen haben dann auf diese gewaltt\u00e4tige Provokation der Polizei reagiert, darunter befanden sich Gruppen von Ultras, aber auch sehr viele migrantische Jugendliche der zweiten Generation. Erstere beteiligten sich an den Protesten, weil sie in ihrem Privatleben als prek\u00e4re Arbeiter*innen einen materiellen Grund daf\u00fcr hatten und weil sie als Gruppe die Schlie\u00dfung ihrer Treffpunkte, namentlich die Fu\u00dfballstadien, kritisierten. Die migrantischen Jugendlichen hingegen, die auch in den Protesten in Mailand am 27. Oktober zahlreich vertreten waren, geh\u00f6ren zu den marginalisiertesten Gruppen in der rassistischen und klassistischen Gesellschaft Italiens. Ihre Anstrengungen, in h\u00f6here soziale Position aufzusteigen, werden in der krisengepr\u00e4gten b\u00fcrgerlichen Gesellschaft oft blockiert.</p><h2><b>Gold f\u00fcr die einen, Almosen f\u00fcr die anderen</b></h2><p>Zeitgleich mit dem Aufflammen zahlreicher Proteste \u00fcberall in Italien verabschiedete die italienische Regierung tats\u00e4chlich ein neues Dekret, das Soforthilfen f\u00fcr die sich in Schwierigkeiten befindenden Betreiber*innen von Kleingesch\u00e4ften vorsieht. Das sogenannte<i> decreto ristori</i> \u2013 w\u00f6rtlich \u201eErfrischungsdekret\u201c \u2013 wird 6,2 Milliarden Euro in die Kassen der Betriebe pumpen, davon 2,5 Milliarden ausschlie\u00dflich ins Gastronomie-Gewerbe. Laut Wirtschafts- und Finanzminister Roberto Gualtieri werden 350.000 Betriebe davon Nutzen ziehen k\u00f6nnen. Zum Vergleich: Es handelt sich um die gleiche Summe, die j\u00e4hrlich f\u00fcr das sogenannte Grundeinkommen, der Sozialhilfe f\u00fcr armutsbetroffene Menschen ausgegeben wird. Der Unterschied liegt aber darin, dass das Grundeinkommen auf rund drei Millionen Menschen verteilt wird, das jetzige Dekret aber eben auf ein paar hunderttausend Betriebe.</p><p>Auch wurde der b\u00fcrokratische Aufwand, um in den Genuss dieser Finanzhilfen zu kommen, \u00e4u\u00dferst einfach gehalten. Wer schon im M\u00e4rz eine staatliche Unterst\u00fctzung erhalten hatte, muss keinen neuen Antrag stellen, sondern ihm/ihr wird bis zum 15. November die Finanzhilfe direkt ausbezahlt. Wer im M\u00e4rz hingegen keine Unterst\u00fctzung erhalten hatte, kann einen Antrag stellen. Die H\u00f6he der jeweiligen Finanzhilfe wird auf der Basis der deklarierten Ums\u00e4tze aus dem Jahr 2019 kalkuliert und die Betriebe haben Anspruch auf bis zu 20 Prozent Entsch\u00e4digung. 20 Prozent klingt zwar nach wenig, ist es aber nicht, da bis heute Bars und Restaurants weiterhin bis 18 Uhr offen haben und bis um 23 Uhr Lieferungsdienste anbieten k\u00f6nnen. Zudem sind viele Arbeiter*innen dieser Betriebe in Kurzarbeit und daher \u00fcbernimmt der Sozialstaat einen Teil der Lohnkosten.</p><p>F\u00fcr prek\u00e4re und selbst\u00e4ndige Arbeiter*innen ist hingegen von weitaus weniger Geld die Rede. Arbeiter*innen der Kulturindustrie und des Tourismus erhalten eine Einmalzahlung von 1000 Euro, diejenigen des Sportsektors 800 Euro. F\u00fcr irregul\u00e4r Arbeitende sieht das Dekret gar nichts vor. Irregul\u00e4re und prek\u00e4re Arbeiter*innen sind auch von der Verl\u00e4ngerung der au\u00dferordentlichen Kurzarbeit und des Entlassungsverbotes bis Ende M\u00e4rz 2021 ausgeschlossen.</p><h2><b>K\u00e4mpfe zusammenf\u00fchren!</b></h2><p>Wie von den Tageszeitungen angek\u00fcndigt wurde, wird die italienische Regierung aufgrund der weiterhin wachsenden Covid-Neuinfektionen lokale Lockdowns aussprechen. Wie sich die Protesten in den sich schnell ver\u00e4ndernden Umst\u00e4nden weiter entwickeln werden, ist noch unklar. Folgende vier Punkte sollen jedoch als Orientierung dienen.</p><p>Erstens handelt es sich beim neuen Dekret um eine Antwort auf die sozialen Proteste, insbesondere auf die Forderungen der kleinb\u00fcrgerlichen Komponenten innerhalb der Proteste. Die Regierung war gezwungen, dieser sozialen Kategorie materielle Zugest\u00e4ndnisse zu machen, um den Konsens rund um die Regierung nicht in Gefahr zu bringen. Die Bereitstellung dieser hohen Summe kann also als pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahme gegen die zunehmenden Proteste gelesen werden. Es bleibt zu sehen, ob das reichen wird, insbesondere angesichts der Einf\u00fchrung von lokalen Lockdowns. Der Unmut der prek\u00e4rsten Fraktionen der Arbeiter*innenklasse wird jedoch weiter wachsen, da sie von jeglichen Regierungsma\u00dfnahmen ausgeschlossen bleiben. Ob und auf welche Weise dieser Unmut die Protesten verst\u00e4rken wird, ist noch offen.</p><p>Zweitens gehen die Proteste weiter. Am 30. Oktober fand ein italienweit koordinierter Protest der Kulturschaffenden statt; am Samstagabend, dem 31. Oktober, f\u00fcllten vor allem linke Kr\u00e4fte und Organisationen die Stra\u00dfen von Rom und Neapel. Diese Proteste wurden von einem massiven Polizeiaufgebot begleitet, jedoch berichteten die gro\u00dfen Medien nicht dar\u00fcber. Solche Proteste mit klaren sozialen Forderungen existieren f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Presse nur dann, wenn \u201eGewalt\u201c zur Anwendung kommt und Gucci-Schaufenster eingeschlagen werden. Das einzige Interesse der b\u00fcrgerlichen Medien an solchen Protesten ist es, ein m\u00f6glich schlechtes Licht auf die sozialen Proteste werfen zu k\u00f6nnen, um den popularen Klassen Angst einzufl\u00f6\u00dfen und sie davon abzuhalten, an den Protesten teilzunehmen und ihren Forderungen Geh\u00f6r zu verschaffen. Tats\u00e4chlich waren diese Demonstrationen auch weitaus weniger stark besucht als die Proteste zuvor.</p><p>Drittens hat dies auch damit zu tun, dass eine \u201esoziale Depression\u201c zu sp\u00fcren ist, die nicht zu untersch\u00e4tzen ist. Gerade f\u00fcr j\u00fcngere Generationen war es schon vor dem Ausbruch der Corona-Krise schwierig, sich eine Zukunft vorzustellen. Zurzeit ist eine berufliche Perspektive kaum vorhanden oder ausschlie\u00dflich mit prek\u00e4ren und vor\u00fcbergehenden Jobs verbunden. Die Fern-Didaktik an den Universit\u00e4ten hat zudem die Momente sozialer Interaktionen auf ein Minimum reduziert; die Einf\u00fchrung eines neuen Lockdowns und der R\u00fcckzug in die eigenen vier W\u00e4nde l\u00f6sen neue (Zukunfts-)\u00c4ngste aus. Dies wirkt sich auch auf Familien- und Freundschaftsbeziehungen aus, die fragil und prek\u00e4r werden. In diesem gesellschaftlichen Kontext ist die politische Organisierung der popularen Klassen \u00e4u\u00dferst schwierig.</p><p>Viertens sind die sozialen Proteste Italiens nicht ausschlie\u00dflich der mangelnden politischen Antwort auf die Corona-Krise zuzuordnen. In den letzten Tagen haben zahlreiche andere Arbeiter*innenkollektive f\u00fcr den Erhalt ihres Arbeitsplatzes und f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen gestreikt oder protestiert. So k\u00e4mpfen nun schon seit Monaten 420 Arbeiter*innen der Waschmaschinenfabrik Whirlpool in Napoli gegen die Fabrikschlie\u00dfung, dabei haben sie mehrmals die Autobahn blockiert. Am Freitag fand zudem ein italienweiter Streik der Arbeiter*innen der Essensauslieferungsdienste statt, weil ihnen ein Tarifvertrag vorgehalten wurde, der ohne eine legitime Vertretung der Arbeiter*innen ausgehandelt wurde und ihre Prekarit\u00e4t gesetzlich verankern soll. Auch der Unmut der Gesundheitsarbeiter*innen nimmt Tag f\u00fcr Tag zu, da sie in dieser Krisensituation \u00dcberstunden leisten m\u00fcssen, ohne dass daf\u00fcr die notwendigen gesundheitlichen und sozialen Ma\u00dfnahmen getroffen werden. Die Verbindung der Proteste der krisenbetroffenen, prek\u00e4ren Arbeiter*innen mit den Streikbewegungen der Arbeiter*innen birgt ein enormes Potential eines positiven Ausweges aus der Krise in sich. Dieses Potenzial aufzugreifen und es auszubauen, darauf m\u00fcssen wir Linke uns konzentrieren!</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Die Proteste werden getragen vom Prekariat, Mittelklassen und Kleingewerbe mit divergierenden Interessen."}, {"title": "Drei Mythen \u00fcber die Corona-Krise. Teil Drei.", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Drei Mythen \u00fcber die Corona-Krise. Teil&nbsp;Drei.</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Coronamythen.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/Coronamythen.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Flickr</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Die Corona-Pandemie bringt f\u00fcr uns konstant Ver\u00e4nderungen mit sich: Im Tages- oder im Wochentakt werden neue Bedingungen und Regeln aufgestellt. Die meisten von uns verfolgen die Entwicklungen mehr oder weniger regelm\u00e4\u00dfig und versuchen, die Ereignisse und damit auch m\u00f6gliche Szenarien der Krisenbearbeitung durch die Herrschenden einzuordnen und zu analysieren. Dabei gibt es auch Annahmen und Mystifizierungen, die es (zum aktuellen Zeitpunkt) zu hinterfragen und zu diskutieren gibt. Dieser Beitrag ist der Auftakt einer Reihe zum Thema. Obwohl sich einige der Aussagen sicher verallgemeinern lassen, beziehen sich die folgenden \u00dcberlegungen in erster Linie auf die Bundesrepublik Deutschland.</p><p></p><hr/><p><i>Mythos 3: Um die Krise zu \u00fcberwinden, m\u00fcssen wir alle den G\u00fcrtel enger schnallen. Wenn wir jetzt verzichten k\u00f6nnen, wird es uns bald wieder besser gehen.</i></p><hr/><p>Gerade in Krisenzeiten wird gern die Floskel \u201eWenn es der Wirtschaft gut geht, geht es uns allen gut\u201c in verschiedenen Ausformungen wiederholt. In der Corona-Pandemie wird das durch die Phrase erg\u00e4nzt, wir alle w\u00fcnschten uns eine baldige R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t. Diese beiden Wunschgedanken bed\u00fcrfen einer grundlegenden Kritik.</p><h3><b>Ein gutes Leben f\u00fcr alle?</b></h3><p>Was bedeutet es eigentlich, dieses \u201ees geht uns allen gut\u201c? Hei\u00dft es, dass wir alle einen Job haben, ein ausreichendes Einkommen und einigerma\u00dfen sichere Zukunftsaussichten? Dann lie\u00dfe sich konstatieren, dass diese Lebensumst\u00e4nde im Kapitalismus selbst in wirtschaftlichen Konjunkturphasen bei Weitem nicht auf alle und sp\u00e4testens seit dem Finanzcrash von 2008 und im Zuge des neoliberalen Umbaus wohl auch insgesamt f\u00fcr immer weniger Menschen zutreffen. Au\u00dferdem ignoriert diese Auffassung eines \u201eguten Lebens\u201c die massive Beschneidung unserer Freiheit im und durch das Arbeitsleben: Wir m\u00fcssen unsere Zeiteinteilung und gesamte Lebensplanung kapitalistischen Sachzw\u00e4ngen unterwerfen.</p><p>Eine freie Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung im Sinne eines guten Lebens sind kaum m\u00f6glich: Viele von uns m\u00fcssen Arbeiten verrichten, die sie nicht tun wollen, die sie k\u00f6rperlich und psychisch zerm\u00fcrben und krank machen. Wir lernen, uns und unsere Arbeitskraft im Berufsleben trotzdem zu selbst wie eine Ware zu verkaufen \u2013 vom Bewerbungsgespr\u00e4ch bis zur Profilierung vor Kolleg*innen und Chef*innen - um im Konkurrenzkampf nicht unterzugehen. W\u00e4hrend der Arbeitszeit, also einem meist erheblichen Teil unserer Lebenszeit, sind wir fremdbestimmt. Unser*e Arbeitgeber*in entscheidet, welche T\u00e4tigkeiten wir wann und wie auszuf\u00fchren haben. Demokratische Prinzipien gibt es in der Arbeitswelt kaum und auch, wenn sich manche Unternehmen gern den Anstrich flacher Hierarchien geben, bleiben Vorgesetzte doch immer Vorgesetzte, die die Grenzen unserer Selbstbestimmung von oben festlegen und sich den t\u00e4glich durch unsere Arbeit geschaffenen (Mehr.)Wert aneignen.</p><p>Der im Kapitalismus strukturell unter diesem Wert liegende Lohn, der am Ende des Monats auf unserem Konto landet, dient im Wesentlichen der Reproduktion unserer Arbeitskraft, die wir dem Unternehmen schlie\u00dflich auch noch im n\u00e4chsten Monat gewinnbringend verkaufen k\u00f6nnen sollen. All das sind nur einige der t\u00e4glichen Zumutungen des kapitalistischen Systems f\u00fcr unsere Leben. Mit anderen Worten: Im Kapitalismus geht es uns nie \u201egut\u201c. Die reale Verschlechterung unserer Lebensverh\u00e4ltnisse, etwa durch steigende Zahlen derjenigen, die \u201earbeitslos\u201c, also ohne entlohnte Arbeit sind, Kurzarbeit, steigende Lebenshaltungskosten bei gleichbleibenden Hartz4-S\u00e4tzen und sinkenden L\u00f6hnen, kommt durch die Corona-Krise nun zum bestehenden Stress noch dazu. Und wenn nun in der Pandemie darauf verwiesen wird, dass es uns allen gut geht, wenn es der Wirtschaft gut geht, d\u00fcrfen wir nicht der Illusion verfallen, das Kapital w\u00fcrde irgendwelche sozialen Interessen verfolgen.</p><p>Das liegt gar nicht in seiner Logik. Im Gegenteil: Der Kapitalismus und darin das Kapital profitiert zum Beispiel von einer gewissen Zahl an Erwerbslosen, die in relativer Verelendung leben und die schon Marx als \u201eindustrielle Reservearmee\u201c bezeichnete. Sie dienen \u2013 wie auch Hierarchisierungen von Arbeiter*innen auf dem globalen Markt (bei der Ausbeutung von migrantischen Arbeiter*innen zum Beispiel) \u2013 zugleich als abschreckendes Beispiel (\u201eSeht, wie schlecht es euch erginge, wenn ihr nicht f\u00fcgsam der f\u00fcr euch vorgesehenen Arbeit nachgeht!\u201c), der Lohndr\u00fcckerei und als tats\u00e4chliche R\u00fccklage von Arbeitskraft, auf die in Zeiten des Aufschwungs zur\u00fcckgegriffen werden kann. Sozialstaatliche Zuwendungen erf\u00fcllen dabei die Funktion, die potenziellen Arbeitskr\u00e4fte in einem einigerma\u00dfen tauglichen Zustand zu halten, damit sie bei Bedarf verwertbar sind. Eine hohe Besch\u00e4ftigungsquote und ein steigender Lebensstandard sind allenfalls Nebenprodukte der Kapitalverwertung, auf die keinerlei Verlass ist.</p><h3><b>Die Normalit\u00e4t hei\u00dft Verwertung</b></h3><p>Krisen stellen unsere sicher geglaubten Erwartungen f\u00fcr die Zukunft infrage. In so einer Situation ist nachvollziehbar, dass der Wunsch nach mehr Vorherseh- und Planbarkeit des Lebens aufkommt. Der Kapitalismus bietet uns, ganz einfach indem er seiner ihm innewohnenden Verwertungslogik folgt und uns durch immer neue Unwetter oder einfach durch den t\u00e4glichen Nieselregen peitscht, diese Sicherheit aber so oder so nicht. \u201eDas Einzige, das in diesen \u00f6konomischen St\u00fcrmen gewiss ist, ist die Ungewissheit\u201c (Heinrich 2018: 175). Zu welcher Art Normalit\u00e4t sollten wir also zur\u00fcckwollen? Wenn Politiker*innen davon sprechen, dass wir alle uns eine \u201eR\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t\u201c w\u00fcnschen, meinen sie vor allem, dass die infolge der Krise verschlechterten Kapitalverwertungsm\u00f6glichkeiten wieder verbessert werden sollen. F\u00fcr den Staat ist das wichtig, weil er vom Kapital abh\u00e4ngig ist. Staatliche Strukturen, Investitionen und Institutionen werden durch Steuergelder finanziert, welche die Unternehmen vom Reichtum, den die Lohnabh\u00e4ngigen f\u00fcr sie erarbeiten, abf\u00fchren. Staat und Kapital stehen in einer Wechselbeziehung. Insbesondere in der aktuellen Gesundheitskrise muss der Staat Leben und Gesundheit der Arbeiter*innen, die Wertbasis der kapitalistischen Demokratie, sch\u00fctzen. Aber nur insofern es dem kapitalistischen Gesamtinteresse dient.</p><p>Die Ausrichtung der Politik an kapitalistischen Interessen statt an hehren Prinzipien zeigt sich nur allzu deutlich daran, dass die Arbeitsbedingungen in gro\u00dfen Betrieben, zum Beispiel in der Fleischindustrie, als Infektionstreiber von der Politik ausgeklammert werden und aus der medialen \u00d6ffentlichkeit weitgehend verschwunden sind. Die Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens hat Vorrang \u2013 koste es, was es wolle. Corona-Einschr\u00e4nkungen werden \u2013 in der zweiten Welle noch massiver \u2013 fast ausnahmslos in den privaten, sozialen und kulturellen Bereich verlegt. Die Jugend, die als Masse durchweg egoistischer Party-Monster inszeniert wird, ist der willkommene S\u00fcndenbock, um diese Politik zu rechtfertigen. Dabei wird auf valide Belege f\u00fcr diese homogene Darstellung ebenso gern verzichtet wie auf den Hinweis, dass durchaus auch \u00e4ltere Menschen trotz Pandemie <a href=\"https://www.rnd.de/panorama/sozialpsychologe-uber-corona-partys-eine-grosse-rolle-spielen-egoistische-motive-KWNG2KXTZJDBTJLQ3FP27READA.html\">Feiern veranstalten</a> und so weiter.</p><p>Abseits des Privaten hingegen sollen wir uns in volle Bahnen quetschen, uns acht Stunden lang neben unsere Kolleg*innen an den Schreibtisch setzen, mit Dutzenden von ihnen am Flie\u00dfband stehen oder unsere Tage in schlecht gel\u00fcfteten Klassenzimmern verbringen (der Kapitalismus braucht gebildete kommende Generationen). Trotz exponentiell steigender Fallzahlen durften wir unser Geld abends noch \u00fcber viele Wochen hinweg im Restaurant lassen \u2013 auch die Gastronomie ist eine wichtige Branche, was die aktuellen Debatten und Proteste um die weitgehenden Schlie\u00dfungen nochmal deutlich machen \u2013 uns aber bitte nicht im Park treffen. Neben der erschwerten Kontrollierbarkeit von Abstandsregeln sind derlei Freizeitaktivit\u00e4ten auch einfach wirtschaftlich schlecht verwertbar und erscheinen daher aus der Perspektive der Politik am ehesten verzichtbar. Nachweislich hilft eine Reduktion der Kontakte, Infektionsketten zu unterbrechen und die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Eben dieser Argumentation folgend ist es nicht nachvollziehbar, dass das f\u00fcr die Kontakte im Arbeitsalltag nicht gelten soll. Es ist mehr als offensichtlich, dass es nicht um uns, unsere Bed\u00fcrfnisse und unsere Leben geht, sondern unsere Gesundheit n\u00fcchtern gegen Kapitalinteressen abgewogen wird.</p><h3><b>Es rettet uns kein h\u00f6h\u2019res Wesen\u2026</b></h3><p>Ziel der aktuellen Politik ist nicht, das Leid, das der Kapitalismus f\u00fcr die meisten Menschen bedeutet, zu mindern, sondern es so rasch wie m\u00f6glich auf den Pr\u00e4-Corona-Stand zu bringen. Die allt\u00e4gliche Missachtung unserer k\u00f6rperlichen und psychischen Gesundheit ist f\u00fcr uns au\u00dferhalb der Versch\u00e4rfungen in der Corona-Krise weniger f\u00fchlbar und damit auch \u201enormal\u201c geworden. Nur deshalb ist es leicht, uns vorzugaukeln, zu diesem Zustand zur\u00fcckzukehren sei w\u00fcnschenswert. Im Moment lassen sich damit sogar W\u00e4hler*innenstimmen gewinnen. Genaugenommen wird versucht, auf dieser Grundlage die Lohnabh\u00e4ngigen die Krise austragen zu lassen. Real- und Nominall\u00f6hne <a href=\"https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/09/PD20_366_623.html;jsessionid=3113DC22B27374FF3398F59C52227FD5.internet8732\">sinken</a>, w\u00e4hrend die Verm\u00f6gen der Superreichen \u2013 wie in fast jeder Krise \u2013 <a href=\"https://www.dw.com/de/reiche-werden-dank-corona-reicher/a-55184720\">weiter wachsen</a>; gro\u00dfe Konzerne werden aufw\u00e4ndig gerettet, w\u00e4hrend kleine Betriebe, Kleinselbstst\u00e4ndige und Kollektive in die R\u00f6hre schauen.</p><p>Die Profiteure einer Krise sind selten die Arbeiter*innen. Der Kapitalismus ist in seinem Wesen krisenhaft: Betrachtet man die materiellen Verh\u00e4ltnisse, die er schafft und stetig reproduziert, ist seine \u201eRettung\u201c f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Teil der Menschen keineswegs erstrebenswert. Warum sollten wir diese neuerliche Krise der kapitalistischen Warenwirtschaft ausbaden, beeintr\u00e4chtigt sie doch unsere Leben jeden Tag?! Parolen wie \u201eCapitalism is the crisis\u201c oder \u201eThe virus is capitalism\u201d haben deshalb aktuell zu Recht Hochkonjunktur, weil sie auf diesen Umstand verweisen. Bei entsprechendem politischen Willen g\u00e4be es weitaus bessere M\u00f6glichkeiten, die Krise finanziell abzufedern: zum Beispiel Verm\u00f6gens- und Erbschaftssteuern, stark progressive Einkommenssteuer oder Enteignungen. Stattdessen werden zum Beispiel durch die Senkung der Mehrwertsteuer in erster Linie weiter diejenigen bevorteilt, die ohnehin schon \u00fcber komfortablere finanzielle M\u00f6glichkeiten verf\u00fcgen. Was bringt es uns, beim Kauf eines Neuwagens soundso viel sparen zu k\u00f6nnen, wenn wir ihn uns eh nicht leisten k\u00f6nnen? Abgesehen davon, dass es den Unternehmen \u00fcberlassen ist, ob sie die Steuersenkung \u00fcberhaupt weitergeben oder sich selbst noch mehr bereichern. \u201eWir sitzen alle im selben Boot\u201c trifft also nur insofern zu, als das \u201ewir\u201c nicht die Herrschenden und die Beherrschten, die Kapitalist*innen und die Lohnabh\u00e4ngigen zusammen meint, sondern nur uns, die wir weitestgehend vom Reichtum der kapitalistische Warenwirtschaft ausgeschlossen sind.</p><p>Die Krise gemeinsam zu schultern, kann nicht hei\u00dfen, dass wir uns noch mehr vom Mund abzusparen m\u00fcssen. Vielmehr hei\u00dft es, gemeinsame soziale Proteste gegen die Belastungen, die auf uns abgew\u00e4lzt werden, zu organisieren, uns in Arbeitsk\u00e4mpfen nicht gegeneinander ausspielen zu lassen und die Reichen und Kapitalist*innen zur Kasse zu bitten. Wenn jemand den G\u00fcrtel enger schnallen muss, dann sie! Diese Form der Politik wird uns nicht von oben geschenkt, wir m\u00fcssen sie von unten erk\u00e4mpfen. Auch in Zeiten von Corona.</p><p></p><hr/><h3><b>Weiterf\u00fchrende Literatur:</b></h3><p>Heinrich, Michael (2018): Kritik der politischen \u00d6konomie: eine Einf\u00fchrung in \u201eDas Kapital\u201c von Karl Marx. Reihe Theorie.org. Stuttgart: Schmetterling Verlag.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Teil&nbsp;Zwei.</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Cronakrise\" height=\"420\" src=\"/media/images/lvp5xvp1c1r7.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Flickr |  Lost in Transliteration</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Die Corona-Pandemie bringt f\u00fcr uns konstant Ver\u00e4nderungen mit sich: Im Tages- oder im Wochentakt werden neue Bedingungen und Regeln aufgestellt. Die meisten von uns verfolgen die Entwicklungen mehr oder weniger regelm\u00e4\u00dfig und versuchen, die Ereignisse und damit auch m\u00f6gliche Szenarien der Krisenbearbeitung durch die Herrschenden einzuordnen und zu analysieren. Dabei gibt es auch Annahmen und Mystifizierungen, die es (zum aktuellen Zeitpunkt) zu hinterfragen und zu diskutieren gibt. Dieser Beitrag ist der Auftakt einer Reihe zum Thema. Obwohl sich einige der Aussagen sicher verallgemeinern lassen, beziehen sich die folgenden \u00dcberlegungen in erster Linie auf die Bundesrepublik Deutschland.</p><p></p><hr/><p><i>Mythos 2: Wir befinden uns in einer pandemiebedingten Krise.</i></p><p></p><hr/><p></p><p>Nat\u00fcrlich befinden wir uns in einer krisenhaften Zeit. Zum einen ist da die Gesundheitskrise: Gesundheit und Leben der weltweiten Bev\u00f6lkerung sind durch das Virus und seine Ausbreitung tats\u00e4chlich bedroht. Ist von einer pandemiebedingten Krise die Rede, so ist aber zumeist eine wirtschaftliche Krise gemeint, die durch die Pandemie verursacht wird. Diese Schlussfolgerung l\u00e4sst sich von zwei Seiten aus kritisieren.</p><h3><b>Kapitalistische Krisen</b></h3><p>Es wird zum einen ausgeblendet, dass der Kapitalismus <i>an sich</i> krisenhaft ist. Seine funktionellen Mechanismen haben zerst\u00f6rerische Wirkung, was sich auf grunds\u00e4tzlich widerspr\u00fcchliche Verh\u00e4ltnisse dieser Wirtschaftsordnung zur\u00fcckf\u00fchren l\u00e4sst. Der Kapitalismus ist auf die Naturkr\u00e4fte und die Naturprodukte beziehungsweise nat\u00fcrlichen Ressourcen angewiesen. Sie bilden die Grundlage der Warenproduktion. Ungeachtet dessen strebt das Kapital nach immer besseren und umfassenderen Verwertungsm\u00f6glichkeiten, sprich mehr Profit \u2013 und das ohne R\u00fccksicht auf die reproduktiven Grenzen der Natur. Es entzieht sich St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck die eigene Funktionsgrundlage.</p><p>Der Kapitalismus tritt damit in Widerspruch zu sich selbst. Zudem befindet sich der Mensch in einem dialektischen Verh\u00e4ltnis zur Natur, \u201e<i>insofern sie 1. ein unmittelbares Lebensmittel, als inwiefern sie [2.] die Materie, der Gegenstand und das Werkzeug seiner Lebenst\u00e4tigkeit ist. [\u2026] Da\u00df das physische und geistige Leben des Menschen mit der Natur zusammenh\u00e4ngt, hat keinen andren Sinn, als da\u00df die Natur mit sich selbst zusammenh\u00e4ngt, denn der Mensch ist ein Teil der Natur\u201c</i> (MEW 40: 516). Der Mensch ist also selbst Natur und steht ihr zugleich gegen\u00fcber, indem er sie durch seine produktive T\u00e4tigkeit ver\u00e4ndert. Durch die kapitalistische Entfremdung von der Natur, die zu einer immer st\u00e4rkeren Ausbeutung ihrer Kr\u00e4fte und Ressourcen durch die menschliche Arbeit f\u00fchrt, tritt der Mensch also letztlich in Widerspruch zu sich selbst, indem er Lebensmittel und Gegenstand seiner Arbeit zerst\u00f6rt. Worum es im Kapitalismus geht, ist Kapitalverwertung und die Produktion von Mehrwert.</p><p>Es geht nicht darum, das Leben der Menschen durch Fortschritt zu verbessern, es geht nicht um Wohlstand f\u00fcr die breite Bev\u00f6lkerung, es geht nicht um Nachhaltigkeit durch verbesserte Technologien, sondern um eines: m\u00f6glichst effiziente Kapitalverwertung und den sich daraus ergebenden Unternehmensprofit. Das Argument des Fortschritts durch Innovationsdruck in der unternehmerischen Konkurrenz ist letztlich eine ideologische \u00dcberblendung dieser n\u00fcchternen Profitlogik. Der Kapitalismus mag gewaltige Produktivkr\u00e4fte hervorbringen, aber eben darum wirkt er zerst\u00f6rerisch auf den Menschen und die Natur. Die Form eines \u201eGreen New Deal\u201c, wie ihn etwa EU-Kommissions-Pr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen <a href=\"https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-12/green-new-deal-umweltschutz-ursula-von-der-leyen\">propagiert</a>, ist auch deshalb eine Farce: Effizientere Technologien, die sich in einer nicht-kapitalistischen Ordnung wahrscheinlich tats\u00e4chlich im Sinne einer nachhaltigeren Produktion nutzen lie\u00dfen, f\u00fchren durch die Triebkr\u00e4fte des Kapitals stattdessen zu Rebound-Effekten, das hei\u00dft, zu Mehrproduktion oder Mehrkonsumtion durch frei werdende Ressourcen, anstatt sie einzusparen. Einen gr\u00fcnen Kapitalismus gibt es nicht, da die ihm innewohnenden Mechanismen zwangsl\u00e4ufig die \u00dcbernutzung von Ressourcen nach sich ziehen.</p><h3><b>Krisen ins Innere verlagern</b></h3><p>Zur Zerst\u00f6rung der Natur kommt die Zerst\u00f6rung der einzelnen Menschen durch physische und psychische Belastung. Im Zuge der Neoliberalisierung haben sich dabei der Druck und Zwang auf die Arbeiter*innen zum gro\u00dfen Teil von au\u00dfen nach innen verlagert. Selbstoptimierung und -Management werden zu Leitbegriffen immer gr\u00f6\u00dferer Teile der Bev\u00f6lkerung. Sie sind die Prinzipien der neuen Arbeits- und Ausbeutungsmodelle. Die schlimmsten Ausw\u00fcchse der Exploitation, wie sie noch im 19. Jahrhundert vorherrschten, sind nur scheinbar \u00fcberwunden. Nach wie vor sind Kapitalismus und Ausbeutung eins: \u201eSt\u00f6\u00dft die Verl\u00e4ngerung der Arbeitszeit aufgrund gesetzlicher oder tariflicher Beschr\u00e4nkungen an Grenzen, dann versucht der Kapitalist in der Regel eine Intensivierung der Arbeit durchzusetzen, etwa durch ein h\u00f6heres Tempo der Maschinen\u201c (Heinrich 2018: 114). In diese Kerbe schl\u00e4gt beispielsweise der k\u00fcrzliche <a href=\"https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2020-10/konjunkturkrise-mehrarbeit-ohne-lohnausgleich-gesamtmetall-chef-stefan-wolf\">Vorsto\u00df</a> des Gesamtmetall-Chefs und Multimillion\u00e4rs Stefan Wolf, Pausenregelungen aufzuweichen, sowie Mehrarbeit ohne Lohnzuschlag ableisten zu lassen.</p><p>Ungehindert w\u00fcrde sich das Kapital seiner einzigen wirklichen wertschaffenden Grundlage berauben: der menschlichen Arbeitskraft. Allein politische Reglements und der Staat, die die \u00dcberbelastung der Arbeiter*innen begrenzen und die Reproduzierbarkeit der Arbeitskraft garantierten, verhindern diese Entwicklung \u2013 allerdings nicht prim\u00e4r zugunsten der Arbeiter*innen, sondern zugunsten der Sicherung des Kapitalismus selbst. In kapitalistischen Demokratien ist die grundlegende Aufgabe der Politik, die Gesundheit und Arbeitskraft der Bev\u00f6lkerung so weit zu erhalten, dass sie f\u00fcr das Kapital produktiv bleibt. Die realen Lebensumst\u00e4nde einiger Menschen m\u00f6gen dadurch an verschiedenen Punkten tats\u00e4chlich verbessert werden, was aber nichts an der zerst\u00f6rerischen Tendenz des Kapitalismus \u00e4ndert und schon gar nicht etwas \u00fcber die Qualit\u00e4t dieses staatlichen Modells aussagt. In einem solchen System bleiben dennoch all jene auf der Strecke, die sich nicht standardisiert verwerten lassen oder aufgrund struktureller Benachteiligung und Ausschl\u00fcsse von vornherein schlechtere Chancen haben.</p><h3><b>Krise der Wirtschaft?</b></h3><p>Des Weiteren m\u00fcssen wir nun genauer betrachten, was eine <i>Wirtschaftskrise</i> im kapitalistischen Kontext \u00fcberhaupt bedeutet. In eine Krise ger\u00e4t die kapitalistische Wirtschaft, wenn ein gro\u00dfer Teil der produzierten Waren wegen zur\u00fcckgehender Zahlungsf\u00e4higkeit nicht mehr absetzbar ist. Historisch betrachtet verlief die Entwicklung des Kapitalismus seit seinen Anf\u00e4ngen in immer wiederkehrenden Krisen. Die unternehmerische Konkurrenz und der Zwang, Profit zu machen, bedingen den Wachstumszwang im Kapitalismus. Er dr\u00e4ngt das Kapital zu einer immer weiter getriebenen Verwertung, was in einer Situation begrenzter Ressourcen und Konsumtionsf\u00e4higkeit zwangsl\u00e4ufig an materielle Grenzen sto\u00dfen muss. Das f\u00fchrt zu zyklischen Krisen, in denen die produzierte Warenmenge abnimmt. Wachstumshemmend sind diese nur geringf\u00fcgig.</p><p>Nach einem jahrelangen kontinuierlichen Anstieg nahm in Deutschland selbst in der letzten gro\u00dfen Wirtschaftskrise nur im Jahr 2009 die Wirtschaftsleistung <a href=\"https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1251/umfrage/entwicklung-des-bruttoinlandsprodukts-seit-dem-jahr-1991/\">um einige Prozent ab</a> und stieg ab 2010 weiter an. Auch inmitten der Pandemie schreitet die wirtschaftliche Erholung weltweit (und insbesondere in Deutschland, dank umfangreicher finanzieller Konjunkturst\u00fctzungsma\u00dfnahmen der Bundesregierung) immer weiter <a href=\"https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/Wirtschaftliche-Lage/2020/20201014-die-wirtschaftliche-lage-in-deutschland-im-oktober-2020.html\">voran</a>. Entsprechend nimmt der Ressourcenverbrauch auch trotz Krisen konstant zu und hat dementsprechend das Potential zu immer versch\u00e4rfteren Krisen. Damit ist nicht gesagt, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise zusammenbrechen muss. Krisen haben f\u00fcr den Kapitalismus sogar nutzenbringende Wirkungen. So sind Unternehmen durch die nachlassende Kaufkraft gezwungen, ihre Produktion wieder enger an die Nachfrage bzw. Zahlungsf\u00e4higkeit der Warenkonsument*innen zu koppeln und sie durch technische Neuerungen den ver\u00e4nderten Bedingungen anzupassen.</p><p>In der Krise k\u00f6nnen neue Industriezweige oder Branchen entstehen und wenig profitable Unternehmen werden durch Bankrott ausgesiebt. Damit werden die Bedingungen f\u00fcr den n\u00e4chsten Aufschwung geschaffen. Krisen sind dem Kapitalismus also nicht nur aufgrund der sachlich bedingten Kapitalbewegung inh\u00e4rent, sondern er kann sie funktionell integrieren. Obwohl sie f\u00fcr einzelne Unternehmer*innen nachteilig sind, k\u00f6nnen sie insgesamt die Wirtschaftsordnung am Laufen halten.</p><h3><b>Krise der Krisenerz\u00e4hlung</b></h3><p>Auch die aktuelle (wirtschaftliche) Krise ist keineswegs rein pandemiebedingt. Vielmehr ist der Kapitalismus in seinem Wesen widerspr\u00fcchlich und somit krisenhaft und f\u00fchrt zyklisch zu wirtschaftlichen Einbr\u00fcchen. Darin ist die Pandemie ein besonderer Anlass der Krise, wobei sie einen kapitalistischen Charakter hat und im Wesentlichen kapitalistisch bedingt ist. Krisen bedeuten im Kapitalismus nachlassendes Wachstum. Um die Herrschenden diese momentane Krise der kapitalistischen Warenproduktion nicht auf unserem R\u00fccken austragen lassen, m\u00fcssen wir den kapitalistischen Wachstumszwang selbst als die Krise und den Grund f\u00fcr Ausbeutung und Gef\u00e4hrdung unserer Leben, unseres Planeten und die ungerechte Ordnung unserer Gesellschaft erkennen.</p><p>Letztlich zielt die bedrohliche Rhetorik der Politik in Bezug auf die Wirtschaftskrise darauf ab, die Akzeptanz daf\u00fcr zu st\u00e4rken, dass eine schlecht laufende Wirtschaft vor allem unsere pers\u00f6nlichen Leben beeintr\u00e4chtigt und das angestrebte Wirtschaftswachstum (das uns gern widerspr\u00fcchlich als \u201ewirtschaftliche Stabilit\u00e4t\u201c verkauft wird) unser ganz individuelles wie vordringlichstes gesellschaftliches Interesse sei. Doch wer profitiert am Ende am meisten von den staatlichen Konjunktur-Ma\u00dfnahmen? Schlechte Kapitalverwertungsm\u00f6glichkeiten f\u00fchren durch die nachlassende Nachfrage nach Arbeitskraft zu Arbeitslosigkeit und damit zu einer realen Verschlechterung der Lebensbedingungen der Lohnabh\u00e4ngigen durch Mangel an Einkommen zur Existenzsicherung.</p><p>Das hat mit den Lebensbedingungen der Arbeiter*innen im Kapitalismus generell zu tun. Indem man jede*n Einzelnen in die Pflicht nimmt, sich dem \u201ekapitalistischen Gemeinwohl\u201c verpflichtet zu f\u00fchlen, suggeriert man, dass sich Kapitalinteressen mit sozialen Interessen decken w\u00fcrden. Das ist der Mythos, der in Teil drei dieser Reihe untersucht wird.</p><p></p><hr/><h3><b>Weiterf\u00fchrende Literatur:</b></h3><p>Heinrich, Michael (2018): Kritik der politischen \u00d6konomie: eine Einf\u00fchrung in \u201eDas Kapital\u201c von Karl Marx. Reihe Theorie.org. Stuttgart: Schmetterling Verlag.</p><p>Marx, Karl (1968): \u00d6konomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844. In: Karl Marx Friedrich Engels Erg\u00e4nzungsband, MEW 40. Berlin: Dietz Verlag, S. 465\u2013588.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/drei-mythen-%C3%BCber-die-corona-krise-teil-zwei/", "id": "https://revoltmag.org/articles/drei-mythen-%C3%BCber-die-corona-krise-teil-zwei/", "author": {"name": "Laura M\u00fcller", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-10-31T12:31:07.446411+00:00", "date_modified": "2021-09-01T20:15:26.475261+00:00", "tags": ["re:think", "coronakrise", "\u00f6konomie", "corona", "autoritarismus", "krise", "kapitalismus", "pandemie"], "summary": "Die Schlussfolgerung, wir bef\u00e4nden uns in einer pandemiebedingten Krise, greift zu kurz. Sie ignoriert die zerst\u00f6rerischen Kr\u00e4fte, die der Kapitalismus zwangsl\u00e4ufig entfaltet. Es handelt sich vielmehr um eine Dauerkrise, die sich nicht innerhalb des Systems \u00fcberwinden l\u00e4sst."}, {"title": "Drei Mythen \u00fcber die Corona-Krise. 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Teil&nbsp;Eins.</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"coronamythen1.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/Beitragsbild_WObWiJG.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Flickr</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Die Corona-Pandemie bringt f\u00fcr uns konstant Ver\u00e4nderungen mit sich: Im Tages- oder im Wochentakt werden neue Bedingungen und Regeln aufgestellt. Die meisten von uns verfolgen die Entwicklungen mehr oder weniger regelm\u00e4\u00dfig und versuchen, die Ereignisse und damit auch m\u00f6gliche Szenarien der Krisenbearbeitung durch die Herrschenden einzuordnen und zu analysieren. Dabei gibt es auch Annahmen und Mystifizierungen, die es (zum aktuellen Zeitpunkt) zu hinterfragen und zu diskutieren gibt. Dieser Beitrag ist der Auftakt einer Reihe zum Thema. Obwohl sich einige der Aussagen sicher verallgemeinern lassen, beziehen sich die folgenden \u00dcberlegungen in erster Linie auf die Bundesrepublik Deutschland.</p><hr/><p><i>Mythos 1: Unsere Freiheit wird zunehmend eingeschr\u00e4nkt. Die Politik schl\u00e4gt einen autorit\u00e4ren oder gar totalit\u00e4ren Kurs ein.</i></p><hr/><p>Ob sich die Machtapparate beziehungsweise die Herrschaftsstrukturen im Zuge der Pandemie in eine autorit\u00e4re oder totalit\u00e4re Richtung bewegen, h\u00e4ngt mit der Art der staatlichen Machtaus\u00fcbung zusammen, mit der wir es zu tun haben. Der franz\u00f6sische Machtanalytiker Michel Foucault hat \u00fcber mehrere Werke hinweg verschiedene Machtmodelle entwickelt und untersucht, die dazu hilfreich sein k\u00f6nnen. Interessanterweise legte er diese anhand des Umgangs mit verschiedenen Infektionskrankheiten dar. Sie lassen sich also gut auf das politische Handeln in der aktuellen Corona-Pandemie \u00fcbertragen.Insgesamt finden sich in Foucaults Schriften drei Machtmodelle mit epidemiologischem Bezug, von denen vor allem das disziplinierende Pest-Modell und das liberale Pocken-Modell f\u00fcr die Analyse der heutigen Situation interessant und relevant sind.<br/></p><h2><b>Disziplinierung und Kontrolle</b></h2><p>Das Pest-Modell der Machtaus\u00fcbung setzt auf umfassende Disziplinierung und Kontrolle der Bev\u00f6lkerung. Die Pestst\u00e4dte des 17. und 18. Jahrhunderts wurden gerastert und parzelliert, verh\u00e4ngten eine strenge Quarant\u00e4ne und lie\u00dfen alle Parzellen-\u00dcberg\u00e4nge kontrollieren. Die Beh\u00f6rden pr\u00fcften und erfassten permanent den Gesundheitszustand der Bev\u00f6lkerungsmitglieder: \u201eDer Raum erstarrt zu einem Netz von undurchl\u00e4ssigen Zellen. Jeder ist an seinen Platz gebunden. Wer sich r\u00fchrt, riskiert sein Leben: Ansteckung oder Bestrafung. Die \u00dcberwachung ist l\u00fcckenlos\u201c (Foucault 1994: 251 f.). Das Pest-Modell beschreibt eine totalit\u00e4re Machtaus\u00fcbung.</p><p>F\u00fcr die Annahme, dass sich die Corona-Politik in Deutschland in Richtung dieses Modells entwickelt, finden sich nur wenige Anhaltspunkte. Streng genommen kann die Quarant\u00e4ne, die f\u00fcr Infizierte, enge Kontaktpersonen oder Reisende angeordnet wird, diesem Modell zugeordnet werden. Allerdings wird diese Ma\u00dfnahme anlassbezogen sowie zeitlich begrenzt angewandt und betrifft entsprechend nur einen kleinen Teil der Bev\u00f6lkerung. Verst\u00f6\u00dfe gegen die Quarant\u00e4ne-Anordnungen werden zwar geahndet, aber weitaus weniger drastisch sanktioniert als w\u00e4hrend der Pest-Epidemien. Einzelne F\u00e4lle, wie die infektionsbedingte <a href=\"https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/Goettingen-700-Bewohner-in-Massen-Quarantaene,corona3508.html\">Abriegelung</a> eines Hochhauskomplexes in G\u00f6ttingen, sowie die fl\u00e4chendeckende Schlie\u00dfung von Gesch\u00e4ften und \u00f6ffentlichen Einrichtungen, entsprechen am ehesten diesem disziplinierenden Modell. Dar\u00fcber hinaus gibt es auch Versuche, Ma\u00dfnahmen durchzusetzen, die auf eine umfassende Disziplinierung und Kontrolle abzielen. Dazu geh\u00f6ren die Bestrebungen der ersten Pandemie-Wochen, eine verpflichtende Corona-App inklusive Preisgabe zahlreicher sensibler Daten einzuf\u00fchren und ebenso die j\u00fcngsten \u00c4u\u00dferungen des RKI-Chefs Lothar Wieler, der von <a href=\"https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-10/lothar-wieler-rki-corona-risikogebiete-abriegelung\">der milit\u00e4rischen Abriegelung</a> von Bezirken oder ganzen St\u00e4dten fabuliert.</p><p>In der Regel haben kapitalistische Demokratien jedoch wenig Interesse an einem autorit\u00e4ren Wandel. Das hei\u00dft nicht, dass er ausgeschlossen w\u00e4re, wie die genannten Beispiele verdeutlichen. Derlei Ma\u00dfnahmen sollten denn auch stets Gegenstand unserer Kritik und gegebenenfalls unseres Widerstands sein. Bevor wir aber voreilige Schl\u00fcsse \u00fcber die Corona-Politik ziehen, sollten wir zur Kenntnis nehmen, dass diese Form der Machtaus\u00fcbung f\u00fcr den Kapitalismus, insbesondere in seiner neoliberalen Ausformung, allgemein wenig nutzbringend erscheint. Im Gegenteil, er profitiert sogar von liberal-demokratischen Ordnungen.</p><h2><b>Statistische Kontrolle und Eigenverantwortung</b></h2><p>Diesen Umstand greift Foucaults liberales Pocken-Modell auf. Die liberale Infektionsbek\u00e4mpfungsstrategie, deren Modell sich vom administrativen Umgang mit den Pocken gegen Ende des 18. Jahrhunderts herleitet, besteht haupts\u00e4chlich in der statistischen Kontrolle ihrer Ausbreitung. Es werden vorbeugende Ma\u00dfnahmen wie Impfungen und Aufkl\u00e4rungskampagnen angewandt und auf die Eigenverantwortung der Individuen gesetzt, denen entsprechende Freiheitsr\u00e4ume gelassen werden. Ziel dieser Strategie ist die Senkung der Infektionsrate, um die mit der Epidemie einhergehenden Risiken, insbesondere f\u00fcr die Wirtschaft, zu minimieren. Paradebeispiele f\u00fcr dieses Vorgehen in der aktuellen Pandemie sind das im Fr\u00fchjahr von Regierung und Medien verbreitete \u201eflatten the curve\u201c-<a href=\"https://www.flattenthecurve.com/\">Modell</a>, demzufolge die Neuinfektionen in kleineren Raten \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum gestreckt werden m\u00fcssten, um das Gesundheitssystem nicht zu \u00fcberlasten. Dar\u00fcber hinaus gibt es die Festlegung von Grenzwerten f\u00fcr Regionen, unterhalb derer es nur wenige Einschr\u00e4nkungsma\u00dfnahmen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung gibt. Selbst die Ausgangbeschr\u00e4nkungen zur Peak-Phase der ersten Welle in der Bundesrepublik entsprechen dem liberalen Modell, da es sich keineswegs um Ausgangssperren handelte und die individuelle Bewegungsfreiheit unter bestimmten Bedingungen erhalten blieb.</p><p>Gibt es also \u00fcberhaupt einen Grund zur Beunruhigung angesichts dieses liberalen Vorgehens? Durchaus. In seinen Vorlesungsunterlagen vom Coll\u00e8ge de France schrieb Foucault 1978/79: \u201eMan kann sagen, dass es die Devise des Liberalismus ist, gef\u00e4hrlich zu leben.\u201c (Foucault 2004: 101). Das hei\u00dft, dass das Risiko nicht ausgeschaltet, sondern strategisch integriert wird. Die Frage ist dann aber: Auf wessen Kosten wird gef\u00e4hrlich gelebt? Freiheit bedeutet im Liberalismus vor allem wirtschaftliche Freiheit. Individuelle Freiheit untersteht dabei der Freiheit, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen und die kapitalistisch produzierten Waren zu konsumieren.</p><h2><b>Neoliberale Pandemiebek\u00e4mpfung</b></h2><p>Die Aufgabe der Politik ist in liberalen Demokratien, die Rahmenbedingungen f\u00fcr einen funktionierenden freien Markt zu schaffen und zu erhalten. Herrschaft wird rationalisiert und folglich \u2013 garniert mit den b\u00fcrgerlichen Werten der Aufkl\u00e4rung \u2013 die Reichweite der staatlichen Macht begrenzt. Individuen, denen bestimmte, wohlkalkulierte Freiheitsr\u00e4ume zugestanden werden, lassen sich effizienter verwalten. Dabei ist Effizienz der Leitstern des Neoliberalismus. Zwang wird weniger vertikal von oben, sondern ma\u00dfgeblich durch die alles durchdringenden Sachzw\u00e4nge des Kapitalismus ausge\u00fcbt. Auch die Bek\u00e4mpfung der Corona-Pandemie basiert auf einem Risiko-Management, das von einer bestimmten Infektions- und Sterberate ausgeht, sie als vertretbar hinnimmt und erst einschreitet, wenn wirtschaftliche Sch\u00e4den abzusehen sind. Das hei\u00dft also auch, wenn zu vielen der im kapitalistischen Verwertungsprozess ben\u00f6tigten Arbeitskr\u00e4fte gesundheitliche Risiken drohen.</p><p>Das liberale Macht-Modell impliziert eine zynische Abw\u00e4gung der Gesundheit und des Lebens von Menschen gegen wirtschaftliche Risiken. Um die Rettung und den Schutz jeder Einzelnen, wie zum Beispiel Angela Merkel noch in ihrer Fernsehansprache im M\u00e4rz behauptete, geht es dabei nicht. Das Leid der Einzelnen, die Kranken und Toten verschwinden hinter den nackten Zahlen. Allein die Infektionsrate entscheidet, ob ihr Leid politisch zu verschmerzen ist oder politischen Handlungsbedarf ausl\u00f6st. Alles zum Schutz der Wirtschaft! Die Verlagerung der Corona-Beschr\u00e4nkungen \u2013 vor allem auch in der zweiten Welle und selbst im \u201eLockdown-Light\u201c \u2013 ins Private und die Hervorhebung der Eigenverantwortung im Alltag sind paradigmatisch daf\u00fcr. Politiker*innen \u00e4u\u00dfern inzwischen ganz unverhohlen, dass \u201ewir\u201c uns einen zweiten Lockdown wie im Fr\u00fchjahr nicht leisten k\u00f6nnen.</p><p>\u201eWir\u201c meint dabei nat\u00fcrlich die kapitalistische Unternehmerklasse, zu der sich freilich sowohl die Lohnabh\u00e4ngigen als auch die Politik in einem Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis befinden. Es soll Akzeptanz f\u00fcr die Priorisierung der Wirtschaft in der Bek\u00e4mpfung der Pandemie-Folgen geschaffen werden. Dahinter steht zum einen die Behauptung, die Krise sei rein pandemie-bedingt: die Verantwortung f\u00fcr sie wird nach au\u00dfen verlagert, auf eine h\u00f6here Gewalt, die da \u00fcber uns kommt (f\u00fcr ein Virus kann ja keine*r was). Und zum anderen wird so das Narrativ gest\u00e4rkt, dass eine gut funktionierende kapitalistische Wirtschaft gut f\u00fcr uns alle w\u00e4re. Privat sollen wir uns isolieren und zum Wohle der Wirtschaft auf vieles verzichten: Freund*innen, Soziale Kontakte, Kultur, Entspannungsm\u00f6glichkeiten \u2013 vieles, was dem Leben Freude und Sinn gibt (und zus\u00e4tzlich oft Funktionen der Reproduktion der Arbeitskraft erf\u00fcllt). Und das mag aus gesundheitlicher Sicht notwendig sein; aber im krassen Gegensatz dazu sollen wir uns zugleich an unseren Arbeitspl\u00e4tzen, auf dem Weg dorthin und zur\u00fcck, t\u00e4glich einem Ansteckungsrisiko aussetzen, die Gefahr von Krankheit und Tod hinnehmen, um f\u00fcrs Kapital weiterhin produktiv zu sein.</p><p>W\u00e4hrend derzeit wenig auf einen autorit\u00e4ren Umschwung unter dem Deckmantel der Notstandsbek\u00e4mpfung hindeutet, sollten uns eben dieser Zynismus und die kalte Sachlichkeit des Kapitalismus Sorgen machen, die unser Leben vor, w\u00e4hrend und nach der Pandemie bedrohen. Die Pandemie ist lediglich ein Vergr\u00f6\u00dferungsglas des Umgangs mit Leben im Kapitalismus. Diese Einsicht muss insbesondere in Zeiten der Krise, aber auch dar\u00fcber hinaus, Triebfeder unserer linken und antikapitalistischen K\u00e4mpfe sein.</p><p></p><hr/><h2>Weiterf\u00fchrende Literatur:</h2><p>Foucault, Michel (1994): \u00dcberwachen und Strafen. Die Geburt des Gef\u00e4ngnisses. Frankfurt am Main: Suhrkamp.</p><p>Foucault, Michel (2004): Die Geburt der Biopolitik. Vorlesung am Coll\u00e8ge de France 1978 - 1979. Geschichte der Gouvernementalit\u00e4t 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/drei-mythen-%C3%BCber-die-corona-krise-teil-eins/", "id": "https://revoltmag.org/articles/drei-mythen-%C3%BCber-die-corona-krise-teil-eins/", "author": {"name": "Laura M\u00fcller", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-10-30T10:09:06.106885+00:00", "date_modified": "2021-09-01T20:17:40.568127+00:00", "tags": ["re:think", "coronakrise", "autorit\u00e4rer umbau", "gesundheitspolitik", "neoliberalismus", "corona", "autoritarismus", "kapitalismus", "ausnahmezustand"], "summary": "Die Erkl\u00e4rung des Ausnahmezustands durch die Herrschenden in Zeiten der Krise kann einen autorit\u00e4ren Umbau der politischen Ordnung nach sich ziehen. Obwohl auch die Corona-Krise einen potenziellen Anlass daf\u00fcr bietet, verbleibt er bisher ein Mythos. Laura M\u00fcller legt dar, warum."}, {"title": "Napoli gegen den Lockdown", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Napoli gegen den&nbsp;Lockdown</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"cx2ahhl1plp8.jpeg\" height=\"420\" src=\"/media/images/cx2ahhl1plp8.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">ilmanifesto.it</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Am letzten Freitag Abend, dem 23. Oktober 2020, kam es in Napoli wegen der Androhung eines neuen Lockdowns und den Folgen der tiefen sozialen Krise, die die Arbeiter*innenklasse in Italien gerade erleidet, zu Protesten. Ein zweiter Lockdown wurde am selben Nachmittag vom regionalen Gouverneur Vincenzo De Luca in einer Liveschaltung auf Facebook in Erw\u00e4gung gezogen. An den spontanen Demonstrationen versammelten sich tausende von Menschen, die daf\u00fcr die Ausgangssperre (23:00 Uhr) missachteten und nicht davor zur\u00fcckschreckten, mit den Ordnungskr\u00e4ften in Konflikt zu geraten. Die Demonstration schaffte es nicht nur in Italien auf die Titelseiten der Zeitungen, sondern auch im <a href=\"https://www.nzz.ch/international/italien-teil-lockdown-gegen-covid-epidemie-ld.1583529\">Ausland</a>. Im Zentrum der Berichterstattung standen vor allem die Gewaltszenen und das nicht sogleich identifizierbare soziale Subjekt, das sich am Freitag Nacht die Stra\u00dfe nahm. Bei den Protesten von Freitag handelte es sich nicht um die erste Demonstrationen seit der Aufhebung des ersten Lockdowns am 4. Mai 2020. Warum haben aber gerade sie f\u00fcr so viel Aufruhr gesorgt? Was steckt hinter diesen \u201egewaltt\u00e4tigen\u201c Massenaufst\u00e4nden inmitten der zweiten Welle der Corona-Krise? Und was k\u00f6nnen wir daraus lernen?</p><h2><b>Von der gesundheitlichen zur sozialen Pandemie</b></h2><p>Schon Anfang Juli 2020 hatte Innenministerin <a href=\"https://www.repubblica.it/politica/2020/07/09/news/luciana_lamorgese_election_day_autunno_caldo_decreti_sicurezza-261412143/\">Luciana Lamorgese</a> im nationalen TV ihre Sorgen bez\u00fcglich den Auswirkungen der \u00f6konomischen und sozialen Krise Italiens nach der ersten Welle der Corona-Krise zum Ausdruck gebracht: \u201eDie Gefahr eines hei\u00dfen Herbstes ist real, denn im September werden wir die Auswirkungen dieser schweren Wirtschaftskrise sehen, die die Unternehmen getroffen hat. Die Gesch\u00e4fte werden schlie\u00dfen, die B\u00fcrger werden keine M\u00f6glichkeiten mehr haben f\u00fcr ihre t\u00e4glichen Bed\u00fcrfnisse zu sorgen. Die Regierung hat versucht, diesen Bed\u00fcrfnissen und Forderungen nachzukommen, aber die Gefahr eines hei\u00dfen Herbstes ist real.\u201c Tats\u00e4chlich best\u00e4tigen die in Napoli ausgebrochenen Proteste zumindest teilweise die \u00c4ngste von Ministerin Lamorgese, denn sie finden in einem spezifischen sozialen Kontext statt.</p><p>Die erste Welle der Corona-Krise hat die tiefgreifenden \u00f6konomischen, sozialen und politischen Widerspr\u00fcche Italiens und die Unf\u00e4higkeit der Regierung ans Tageslicht gebracht, auf die elementarsten gesundheitlichen und sozialen Bed\u00fcrfnisse einzugehen. Die Besonderheit der Produktionsstruktur Italiens \u2013 hoher Bestandteil von selbst\u00e4ndig Arbeitenden, weit verbreitete irregul\u00e4re Arbeit vor allem im S\u00fcden des Landes, niedriger Besch\u00e4ftigungsgrad von Frauen und Jugendlichen \u2013 hat dazu beigetragen, dass ein Grossteil der Arbeiter*innenklasse von den sozialen Ma\u00dfnahmen der Regierung ausgeschlossen blieb oder diese f\u00fcr sie unzureichend waren. Somit hat der w\u00e4hrend den ersten drei Monaten der Krise eingef\u00fchrte Lockdown eine Verarmung breiter Bev\u00f6lkerungsschichten verursacht. Laut <a href=\"http://www.coldiretti.it/economia/un-milione-di-poveri-in-piu-nel-2020-per-leffetto-covid\">Sch\u00e4tzungen</a> wird die Corona-Krise im Jahr 2020 eine Million neue Arme hervorbringen. Das gr\u00f6\u00dfte Wachstum dieser neuen Armut hat S\u00fcditalien zu verzeichnen (plus 20 Prozent in Kampanien, plus 14 Prozent in Kalabrien, plus 11 Prozent in Sizilien). Laut europ\u00e4ischem Statistikamt <a href=\"https://ec.europa.eu/eurostat/en/web/products-statistical-books/-/KS-HA-20-001\">Eurostat</a> geh\u00f6rt der <i>mezzogiorno</i> [S\u00fcditalien, Anm. d. Red.] heute zu den \u00e4rmsten Regionen Europas.</p><p>Dass die Region Kampanien ein soziales Pulverfass ist, war auch schon vor dem Ausbruch der Corona-Krise bekannt. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei rund 50 Prozent und 700.000 Menschen beziehen das sogenannte Grundeinkommen (eine Art Sozialhilfe f\u00fcr armutsbetroffene Menschen). Kampanien steht zudem auf Platz 1 der Rangliste der irregul\u00e4ren Arbeit. Diese macht hier rund 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus, und 7 von 10 vom Arbeitsinspektorat kontrollierten Unternehmen weisen Verst\u00f6\u00dfe gegen Arbeiter*innenrechte auf. Durch die Corona-Krise versch\u00e4rfen sich diese Probleme, infolgedessen wandelt sich das soziale Gef\u00fcge. Ohne garantierte Einkommen und sozialen Ma\u00dfnahmen f\u00fcr alle, k\u00f6nnen pauperisierte Teile der Arbeiter*innenklasse oft nur auf die solidarischen Netzwerke gegenseitiger Hilfe (Stichwort \u201e<a href=\"https://www.rosalux.eu/en/article/1375.manuale-del-mutualismo.html?print=1\">Mutualismus</a>\u201c) z\u00e4hlen.</p><h2><b>Die zweite Welle</b></h2><p>Es war allen klar, dass sich die Pandemie nach der ersten Welle weiter verbreiten w\u00fcrde und Expert*innen hatten schon fr\u00fch empfohlen, sich auf eine Zunahme der Corona-Ansteckungen Ende Sommer, also auf die sogenannte zweite Welle vorzubereiten. Die Regierung h\u00e4tte die Finanzierung des \u00f6ffentlichen Gesundheitssystems priorisieren, die Gesundheitseinrichtungen mit dem n\u00f6tigen Personal ausstatten und die Intensivstationen ausbauen m\u00fcssen. Dies ist aber nicht geschehen. Die massive Zunahme der t\u00e4glichen Neuansteckungen im f\u00fcnfstelligen Bereich (21.273 allein am Sonntag, dem 25. Oktober) stellt die Stabilit\u00e4t des gesamten nationalen Gesundheitssystems in Frage. Die meisten Probleme treten vor allem in denjenigen Regionen auf, wo in den letzten Jahren massiv gespart und privatisiert wurde, was zur Schlie\u00dfung ganzer Krankenh\u00e4user und Notfallstationen f\u00fchrte. Gesundheitspolitisch sind vor allem die Zunahme der t\u00e4glich hospitalisierten F\u00e4lle (plus 719 am 25. Oktober), der F\u00e4lle in Intensivtherapie (plus 80 am 25. Oktober; insgesamt 1.208) und die Ersch\u00f6pfung der zur Verf\u00fcgung stehenden Pl\u00e4tze besorgniserregend.</p><p>Kampanien geh\u00f6rt zu der vom Virus am st\u00e4rksten betroffenen Region der zweiten Welle. Die t\u00e4glichen Neuerkrankungen belaufen sich hier auf rund 2.000 F\u00e4lle. Es handelt sich um Zahlen, die w\u00e4hrend der ersten Phase nie erreicht wurden. Darum hat der regionale Gouverneur Vincenzo De Luca w\u00e4hrend seinen \u00fcblichen Facebook-Auftritten drastische Ma\u00dfnahmen angek\u00fcndigt: Ausgangssperre ab 23 Uhr in der ganzen Region, Beschr\u00e4nkung der interprovinziellen Bewegungsfreiheit, Appell an die Zentralregierung f\u00fcr die sofortige Einf\u00fchrung eines einmonatigen Lockdowns. Was aber ausblieb: Ideen und Vorschl\u00e4ge zur Absicherung der \u00f6konomischen Bed\u00fcrfnisse von tausenden von Arbeiter*innen, Kleinh\u00e4ndler*innen, Selbst\u00e4ndigen und Prekarisierten, die mit einem Lockdown innerhalb von wenigen Monaten zum zweiten Mal ihr Einkommen oder ihre Existenzgrundlage verlieren werden. Die katholische karitative Organisation <a href=\"http://s2ew.caritasitaliana.it/materiali/Rapporto_Caritas_2020/Report_CaritasITA_2020.pdf\">Caritas</a> hatte noch vor einigen Tagen eine Studie zur Zunahme der Armut ver\u00f6ffentlich. Darin wird erkl\u00e4rt, dass das gemeinsame Merkmal der \u201eneuen Armut\u201c die Tatsache ist, auf keine Ersparnisse zur\u00fcckgreifen zu k\u00f6nnen, wenn die Betroffenen gezwungen sind, l\u00e4nger als drei Monate ohne Einkommen auszukommen. Die Ank\u00fcndigung von De Luca war also nur der Tropfen, der in Napoli das Fass zum \u00dcberlaufen brachte: Die Wut von tausenden von B\u00fcrger*innen explodierte in der Nacht vom 23. Oktober.</p><h2><b>Wer steckt hinter den sozialen Protesten?</b></h2><p>Die Wut, die sich in den Protesten ausdr\u00fcckt, hat dazu gef\u00fchrt, dass sogar ausl\u00e4ndische Medien dar\u00fcber berichtet haben. Vom B\u00fcrgermeister von Napoli, Luigi De Magistris, \u00fcber Regionspr\u00e4sident Vincenzo De Luca bis hin zu Exponent*innen der Zentralregierung \u2013 alle haben die Ereignisse unisono als \u201egeplante, kriminelle Aktionen von Ultras, Camorra und Faschisten\u201c degradiert. Die Politiker*innen und nationalen Medien verhielten sich also nicht besser als irgendwelche Verschw\u00f6rungstheoretiker*innen, die die sozialen Gr\u00fcnde der Proteste mittels alter und herabw\u00fcrdigender Stereotypen der Menschen des S\u00fcdens (Stichwort \u201eantineapolitanischer Meridionalismus\u201c <b>[1]</b>) verschleiern und delegitimieren.</p><p>Die Zusammensetzung der Proteste war tats\u00e4chlich vielf\u00e4ltig und komplex. Auf die Stra\u00dfe gingen Kleinh\u00e4ndler*innen, Selbstst\u00e4ndige und informelle Arbeiter*innen. Sie haben sich mobilisiert, weil sie zu den sozialen Gruppen geh\u00f6ren, die in den letzten Jahren wegen der \u00f6konomischen Krise bereits Schulden gemacht haben, f\u00fcr die soziale Dienste schlecht funktionieren und die den \u00f6ffentlichen Institutionen daher kaum mehr trauen. Gerade in Napoli besteht zudem eine besondere N\u00e4he zwischen Subproletarier*innen (also denjenigen, die am Rande der Gesellschaft leben oder in kleinkriminellen Kreisen verkehren) und Kleinb\u00fcrgertum (denjenigen, die eigene Produktionsmittel besitzen: Handwerker*innen, Ladenbesitzer*innen usw.). Die Grenzen zwischen diesen sozialen Kategorien sind flie\u00dfend, doch das soziale Milieu bleibt konstant und die Bereitschaft zum Konflikt gro\u00df. Mit der aktuellen Krise haben diese sozialen Gruppen einen \u00f6konomischen und sozialen Statusverlust erlebt, was angesichts des Tourismusbooms in den letzten zehn Jahren besonders hart ist.</p><p>Das Kleinb\u00fcrgertum ist eine komplexe soziale Kategorie, die von der \u201eehrlichen\u201c Kleinh\u00e4ndlerin reicht, die nur einen bescheidenen Lohn verdient und Schwierigkeiten hat, die Familie zu ern\u00e4hren, bis zum Unternehmer, der jeden Abend 15.000 Euro einkassiert und seine Angestellten ohne Vertrag arbeiten l\u00e4sst. Diese Personen waren am Freitag auf der Stra\u00dfe. Aber es protestierten auch ihre informellen Arbeiter*innen, Menschen, die einen Familienbetrieb f\u00fchren und ihre arbeitslosen Freund*innen in der Nachbarschaft, die t\u00e4glich mit tausenden Schwierigkeiten konfrontiert werden.</p><p>Der Gro\u00dfteil dieser Menschen hatte gute Gr\u00fcnde, auf die Stra\u00dfe zu gehen. Obwohl sich alle im Klaren waren, dass die zweite Welle stark einschlagen w\u00fcrde, haben De Luca und die Zentralregierung nichts unternommen, um eine Vertiefung der gesundheitlichen und sozialen Krise zu vermeiden. Die Proteste sind also vor allem darum ausgebrochen, weil in diesen Monaten die Ersparnisse aufgebraucht wurden und der Hunger und die psychologische Verzweiflung stark zugenommen haben. Heute haben die Menschen nicht mehr die gleiche Bereitschaft wie noch am 9. M\u00e4rz 2020, einen Lockdown zu akzeptieren. Breite Teile der Gesellschaft sind nicht mehr bereit, neue Einschr\u00e4nkungen zu tolerieren. Zumal sie auf die Ineffizienz und Unf\u00e4higkeit einer politischen Klasse zur\u00fcckgehen, die unf\u00e4hig ist, das gesundheitliche und soziale Desaster zu vermeiden oder ad\u00e4quat anzugehen. Im M\u00e4rz hatte die nationale Regierung noch Gelder f\u00fcr soziale Ma\u00dfnahmen gesprochen. Nun hat sie erkl\u00e4rt, dass kein Geld mehr zur Verf\u00fcgung steht. Und w\u00e4hrend der regionale Gouverneur De Luca noch kurz vor den Regionalwahlen Ende September Gelder nach dem Gie\u00dfkannenprinzip verteilt hatte, hat er diesmal nichts mehr anzubieten. Folglich k\u00f6nnen die Forderungen der Proteste so zusammengefasst werden: \u201eWenn du uns einschlie\u00dft, musst du uns bezahlen\u201c.</p><h2><b>Weder Pest, noch Cholera</b></h2><p>Die an den Tag gelegte Gewalt w\u00e4hrend der Proteste ist ein Ausdruck sowohl der tiefen Krise als auch der widerspr\u00fcchlichen sozialen Zusammensetzung der Menschen, die sich an den Protesten beteiligt haben. In den letzten Krisenmonaten hat sich eine soziale Spannung aufgebaut, die sich angesichts der Drohung eines neuen Lockdowns entladen hat. W\u00e4hrend nicht nur konservative, sondern auch einige linke Kommentator*innen die Gewalttaten verurteilen, w\u00e4re es angebrachter, die Stimmen des Protests zu h\u00f6ren und sich f\u00fcr eine tiefgreifende Restrukturierung des \u00f6ffentlichen Gesundheitssystems einzusetzen, die sich auf seri\u00f6se Pr\u00e4ventionsprogramme und auf die territoriale Verankerung st\u00fctzt. Zudem br\u00e4uchte es Ma\u00dfnahmen zur \u00f6konomischen Absicherung von Arbeiter*innen und denjenigen gesellschaftlichen Gruppen, die am st\u00e4rksten von restriktiven Corona-Regeln betroffen sind.</p><p>Die Drohung eines neuen Lockdowns zeigt, dass die Einf\u00fchrung pr\u00e4ventiver Ma\u00dfnahmen der Regierenden zu sp\u00e4t kommen. Die zahlreichen Warnungen des Gesundheitspersonals best\u00e4tigen zudem, dass wir kurz vor der einer gesundheitlichen Katastrophe stehen. Wenn es so weiter geht, sterben wir in aufgrund von COVID-19 \u00fcberf\u00fcllten Krankenh\u00e4usern mit \u00fcberarbeiteten Gesundheitsarbeiter*innen oder aufgrund des politisch produzierten sozialen und \u00f6konomischen Elends. Es liegt an uns, uns dieser zynischen Wahl zwischen Pest und Cholera entgegenzustellen.</p><hr/><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> \u201eAntineapolitanischer Meridionalismus\u201c bezeichnet die Vorurteile gegen die Leute des als \u201everwahrlost\u201c diffamierten S\u00fcdens Italiens als kriminell, chaotisch, ungehobelt, unkultiviert und so weiter.</p><p></p><p><i>Die Autor*innen sind Mitglieder der linken Organisation</i> <a href=\"https://poterealpopolo.org/\"><i>Potere al Popolo</i></a><i> und wohnen und k\u00e4mpfen in Neapel.</i></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Die Regierung droht mit einem neuen Lockdown, doch unterst\u00fctzende Ma\u00dfnahmen f\u00fcr Arbeiter*innen sind nicht mehr vorgesehen. In Napoli kam es deshalb am 23. Oktober zu Protesten. Was sagt das \u00fcber die Situation in Italien aus?"}, {"title": "Um welche Freiheit geht es eigentlich?", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Um welche Freiheit geht es&nbsp;eigentlich?</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"arti_wess_freiheit.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/arti_wess_freiheit.936d8e81.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Johanna Br\u00f6se</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Berlin, 29. August 2020. Ein junger Mann mit blonden Locken und offenem buntem Hemd steht inmitten einer demonstrierenden Menschenmenge. Sein Blick ist ernst, zur Seite gewandt, fast ikonografisch. Er reckt mit der rechten Hand einen kleinen Blumenstrau\u00df in die Luft. Dahinter ist ein schwarz-rot-wei\u00dfes Meer an Fahnen zu sehen. Neben dem Blumenstrau\u00df-Mann geht ein weiterer Demonstrant vorbei: Er tr\u00e4gt auf seinem Shirt die schwarz-rot-goldene Deutschlandflagge samt Bundesadler. Direkt hinter ihm: Zwei Personen, auf deren Fahne in schwarz-wei\u00df-rot noch \u201eTrump 2020\u201c und \u201eWWG1WGA\u201c (\u201eWhere we go one, we go all\u201c, ein zentraler Slogan der QAnon-Anh\u00e4nger*innenschaft) gekritzelt wurde \u2013 dasselbe Akronym findet sich auch auf ihren T-Shirts. Im Hintergrund ist das Brandenburger Tor zu sehen, viele weitere Menschen mit Fahnen und Schildern, die meisten von ihnen sind M\u00e4nner. Sie sind mittleren Alters, aber auch j\u00fcnger. Eine sitzende Person mit \u201ePuma\u201c-Shirt hat sich bei einem ebenfalls j\u00fcngeren Menschen eingehakt, der wiederum bei einer \u00e4lteren Person mit Warnweste und Wutb\u00fcrger-Hut. Direkt daneben: lange rot gef\u00e4rbte Haare, Sonnenbrille. Sie alle schauen entschlossen. Keiner tr\u00e4gt eine Maske. Mit diesem Bild titelt <i>DIE ZEIT</i> Anfang September fragend: \u201eSind das jetzt alles Nazis?\u201c</p><p>An diesem Tag wurden pr\u00e4gnante Bilder geschaffen. Tausende Menschen sind nach Berlin gereist, um ihren Protest gegen die Einschr\u00e4nkungen durch die staatlichen Pandemie-Ma\u00dfnahmen auf die Stra\u00dfe zu bringen und erreichten damit sogar die Stufen des Reichstags. Rechte Parolen und verschw\u00f6rungstheoretische Symboliken dominieren in einer b\u00fcrgerlichen Masse \u2013 und f\u00fcgen sich dort wunderbar ein, weil sie f\u00fcr die Beteiligten insgesamt kein Problem darstellen. Und eine konsternierte Linke steht z\u00e4hneknirschend und verstreut am Rande des Geschehens und hat dem Ganzen kaum etwas entgegenzusetzen. Es war wirklich ein erfolgreicher Tag f\u00fcr die Rechte in Deutschland.</p><h2><b>Wo Impfgegner drauf steht\u2026</b></h2><p>Trotz gro\u00dfer Diskussion im Nachhinein: Noch immer h\u00f6rt man die Frage, wie das passieren konnte. Als sei das, was sich da als Gemengelage von Zigtausenden zusammentat, pl\u00f6tzlich vom Himmel gefallen: Wie kann das sein, die Heilpraktikerin aus der Eifel neben dem Stiernacken mit Reichskriegsflagge? Schwei\u00dft der Zorn gegen die staatlich verordneten Corona-Ma\u00dfnahmen pl\u00f6tzlich zusammen, was nie zusammen war? Treffen auf den \u201eQuerdenken\u201c-, \u201eHygiene\u201c- undsoweiter-Demos eingefleischte Verschw\u00f6rungsschwurbler*innen auf neuerdings besorgte B\u00fcrger*innen ohne sonstige politische Vorgeschichte? Oder ist der Schulterschluss eigentlich gar nicht so unverst\u00e4ndlich, sondern vielmehr konsequent?</p><p>Sicher, es gehen auch Menschen auf die Stra\u00dfe, denen wirklich etwas an der Wahrung der Grundrechte, der Demokratie und der Freiheit liegt, die um diese besorgt sind und die korrupte Politik kritisieren und dagegen protestieren. Linke machen das seit jeher, die Notwendigkeit dazu steht au\u00dfer Frage. Und nat\u00fcrlich sind nicht alle \u201eQuerdenker\u201c fanatische Verschw\u00f6rungstheorist*innen, manche bewegen vor allem berechtigte Sorgen. Warum stehen aber die T\u00fcren gerade sperrangelweit offen f\u00fcr konspirationistische Ideen, die statt Realpolitik und real regierendem Kapitalismus eine Art Marionettenspiel der M\u00e4chtigen als Feindbild ausmachen?</p><p>Es wird in der \u00f6ffentlichen Debatte oft davor gewarnt, alle \u00fcber einen Kamm zu scheren: die Chemtrail-Hardliner mit den Verschw\u00f6rungstheorie-light-Menschen, die strammen Nazis mit den impfskeptischen Yoga-Hippies. Das ist sicherlich richtig, vor allem, wenn wir diskursiv noch was rausholen wollen. Aber ebenso wichtig ist es, nicht naiv an die Sache heranzugehen. Dass Letztere wissentlich mit Rechten demonstrieren, macht sie noch nicht unwiderruflich selbst zu Rechten, sondern auf den ersten Blick \u201enur\u201c zu Ignorant*innen. Allerdings: \u00dcberschneidungen zu erkennen (und die gibt es viele zwischen den hier scheinbar nebeneinander auftretenden Gruppierungen), ist viel wichtiger als nach Trennlinien zu suchen. Nur so l\u00e4sst sich das Ph\u00e4nomen verstehen. Das ist die eine wichtige Aufgabe, denn so wird die absurde Mitte-Rechts-Trennung vermieden, die nicht nur naiv, sondern vor allem gef\u00e4hrlich ist.</p><p>Die zweite Aufgabe ist es, anzuerkennen, welche Funktion Verschw\u00f6rungsnarrative f\u00fcr die Beteiligung der Menschen an den Demos haben. Verschw\u00f6rungsglauben eint sie als gemeinsame Klammer, und die konspirationistischen Erz\u00e4hlungen m\u00fcssen dabei noch nicht einmal dieselben sein. Sie k\u00f6nnen sich sogar widersprechen, und doch funktionieren sie wie ein Klebstoff: \u201eDu glaubst auch an irgendeine gro\u00dfe antisemitische Verschw\u00f6rung? Ja, prima, dann sind wir auf einer Seite\u201c. Die Struktur ist weit wichtiger als der Inhalt. Und damit entwickelt die zun\u00e4chst h\u00f6chst heterogene Truppe derjenigen, die zum Beispiel bei den Querdenken-Demos gemeinsam laufen, erst ihre gef\u00e4hrliche Schlagkraft. Wenn man sich dagegen die bundesweiten Linken (nicht nur die Partei) anschaut, die sich erst m\u00fchsam, nach vielen Diskussionen um Inhalt und Strategie, f\u00fcr gemeinsame B\u00fcndnisarbeit aufstellen k\u00f6nnen, gewinnt der Umstand der scheinbar m\u00fchelosen Verschmelzung von b\u00fcrgerlichen Verschw\u00f6rungsschwurbler*innen und organisierten Nazis nochmal an Brisanz.</p><p>Leicht wird es auch deshalb nicht, Strategien gegen die weltverschw\u00f6rerischen Erkl\u00e4rungen zu entwickeln, weil sie eben nicht nur ein bisschen Aufregung verursachen, sondern oft genug brandgef\u00e4hrlich sind. Doch was hat es mit Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen, realen Verschw\u00f6rungen und den politischen Implikationen von beidem auf sich, und weshalb ist eine Differenzierung dringend notwendig? Und, nat\u00fcrlich: Wie verhalten wir uns, als Linke, dazu?</p><h2><b>\u2026ist oft nur Geschwurbel drin</b></h2><p>Zugegeben, es ist auf den ersten Blick nicht ganz leicht, reale Verschw\u00f6rungen von Verschw\u00f6rungsgeschwurbel zu unterscheiden. Reale Verschw\u00f6rungen sind vor allem ein zentraler Bestandteil von Politik im globalen kapitalistischen Machtgef\u00fcge und damit wichtige Triebkr\u00e4fte, vor denen wir die Augen nicht verschlie\u00dfen d\u00fcrfen. Alle Verschw\u00f6rungstheorien gleich als \u201eIdiotie\u201c oder \u201eWahn\u201c (was sowieso f\u00fcrchterlich schwierige und pathologisierende Begriffe sind) abzutun, wom\u00f6glich auch aus Angst, in die gleiche Ecke gedr\u00e4ngt zu werden, ist deshalb nicht zielf\u00fchrend. Michael Butter lieferte 2018 in \u201e\u201aNichts ist, wie es scheint\u2018\u201c eine einfache und dennoch plausible L\u00f6sung. Verschw\u00f6rungstheorien lassen sich in zwei Kategorien unterteilen: in richtige und falsche. Zumeist setzen Verschw\u00f6rungstheorien entweder die Bedeutung Einzelner oder kleiner Gruppen f\u00fcr den Lauf von Ereignissen viel zu hoch an; oder sie setzen eine viel zu gro\u00dfe Menge an Mitwissenden und Beteiligten voraus, als dass dies tats\u00e4chlich in dem Ausma\u00df an Geheimhaltung m\u00f6glich w\u00e4re, die ja ebenfalls konstituierend f\u00fcr eine Verschw\u00f6rung ist.</p><p>Vom antiken Plot gegen den r\u00f6mischen Imperator C\u00e4sar, \u00fcber die t\u00f6dlichen Stay-Behind-Strukturen wie Gladio bis zu den Mitteln, mit denen gro\u00dfe Tabakkonzerne jahrzehntelang das Suchtpotenzial ihrer Produkte gesteigert und dies wissentlich verharmlost haben. Verschw\u00f6rungen sind ein wichtiges Instrument zur Sicherung der politischen und gesellschaftlichen Macht in der Klassengesellschaft, aber auch bei Machtk\u00e4mpfen unterschiedlicher Interessensgruppen untereinander oder im Kampf gegen Systemalternativen. Viele jener Verschw\u00f6rungen, die es wirklich gegeben hat, wurden fr\u00fcher oder sp\u00e4ter aufgedeckt \u2013 durch kritische Journalist*innen, Forscher*innen, Aktivist*innen. Wiederum andere Verschw\u00f6rungstheorien \u2013 wie die, die Mondlandung sei ein Fake gewesen \u2013 konnten nie bewiesen werden. Warum? Weil sie schlicht und ergreifend falsch sind.</p><h2><b>Beim Barte des Methusalem</b></h2><p>Auch neu sind Verschw\u00f6rungstheorien bei weitem nicht. Schon im Mittelalter wurden Frauen wegen angeblicher Hexenkr\u00e4fte stigmatisiert und verfolgt, Juden und J\u00fcd*innen wurde die Verbreitung der Pestepidemie angelastet und sie wurden schon ebenso lange als \u201eStrippenzieher\u201c und gierige Verschw\u00f6rer diskriminiert. Sp\u00e4testens die gef\u00e4lschten \u201eProtokolle der Weisen von Zion\u201c, die 1901 erschienen, machten eine vermeintlich j\u00fcdisch-bolschewistische Weltverschw\u00f6rungserz\u00e4hlung virulent, was diskursiv die Shoa mit vorbereitete. Womit wir es bei vielen systemischen Verschw\u00f6rungstheorien im Kern zu tun haben, ist der Glaube daran, dass versteckt agierende M\u00e4chte einen geheimen Plan ausf\u00fchren, um das Volk zu entm\u00fcndigen, die Menschen in ihrer Freiheit einzuschr\u00e4nken, sie willenlos und gef\u00fcgig zu machen.</p><p>Diese Verschw\u00f6rungsideen gibt es zuhauf mit verschiedensten Narrativen und in unterschiedlichem Absurdit\u00e4tsgrad. Zum Beispiel die so genannten Deep-State-Theorien, die fast messianischen Charakter haben und sehr einflussreich sind. Ein bekanntes Netzwerk dieser Glaubensvariante sind die Anh\u00e4nger*innen von QAnon, dessen Verschw\u00f6rungsnarrative auf zahlreichen Plattformen verbreitet werden. In den USA hat das Netzwerk eine enorme Reichweite und zahlreiche politische Unterst\u00fctzer*innen, vor allem im Umfeld von Donald Trump, der als Heilsbringer gilt. Einer aktuellen Umfrage des us-amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Civiqs nach glaubt ein Drittel der befragten republikanischen W\u00e4hler*innenschaft, dass die QAnon-Theorien zumeist wahr sind, weitere 23 Prozent glauben an Teile davon. Besonderen Einfluss hat dabei das Narrativ rund um einen Ring aus Eliten (darunter viele Politiker*innen der Demokratischen Partei), Celebrities und sonstigen bekannten Pers\u00f6nlichkeiten, der nach Vorstellung der QAnon-Anh\u00e4nger*innenschaft Kinder entf\u00fchrt, sexuell ausbeutet und ihnen das Verj\u00fcngungsmittel Adrenochrom auspresst. Lange verlacht und ignoriert, wird nun von Expert*innen \u00f6ffentlich vor dem Gewaltpotenzial dieser Verschw\u00f6rungsideologie gewarnt; das FBI setzte das Netzwerk k\u00fcrzlich auf die Liste der \u201eDomestic Terror Threats\u201c, ihrer (insgesamt fragw\u00fcrdigen, weil politisch motivierten) Zusammenstellung nationaler terroristischer Bedrohungen. Zu ihrer wachsenden deutschsprachigen Anh\u00e4nger*innenschaft geh\u00f6rt unter anderem Xavier Naidoo, der seine ersch\u00fctternden Erkenntnisse tr\u00e4nenreich, aber mit beachtlicher Reichweite \u00fcber s\u00e4mtliche Kan\u00e4le streut.</p><p>Was die Verbreitung der Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen heute angeht, gehen manche Forscher*innen davon aus, dass es sich zwar durch das Internet schneller bewerkstelligen l\u00e4sst, gro\u00dfe Mengen an Menschen zu erreichen; allerdings seien die Narrative weniger ausgearbeitet. Waren fr\u00fchere Verschw\u00f6rungstheorien noch sehr auf (verdrehte) Logik bedacht und in ihrer Argumentation oft in sich schl\u00fcssig, sind sie heute weit fragmentarischer. Twitter und Messengerdienste haben, so machen Forscher*innen deutlich,</p><p><i>\u201ezu einer Verschiebung von Verschw\u00f6rungstheorien zu Verschw\u00f6rungsger\u00fcchten gef\u00fchrt, da Verschw\u00f6rungsspekulationen zunehmend ohne die Art von Beweisen und verworrenen Formulierungen in den Umlauf gebracht werden, die \u00fcber Jahrhunderte \u2013 und in anderen Medien noch immer \u2013 so charakteristisch f\u00fcr sie sind\u201c</i> (COMPACT Education Group 2020).</p><p>Oft stehen Narrative einer Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlung auch in direktem Widerspruch mit einer anderen. Bei den sogenannten Klimaleugnern beispielsweise stehen die \u00dcberzeugungen nebeneinander, dass man Klimaerw\u00e4rmung mit den Instrumenten, mit denen dies weltweit anerkannt und wissenschaftlich durchgef\u00fchrt wird, gar nicht messen <i>k\u00f6nne</i>; und gleichzeitig, dass sich das Klima \u00fcberhaupt nicht erh\u00f6ht habe. F\u00fcr letztere Behauptung br\u00e4uchte man allerdings rein logisch valide Messungen, aber\u2026nun ja.</p><p>Die \u201econspiracy without theory\u201c, also die Verschw\u00f6rungsbehauptung ohne Theorie, wie es Nancy L. Rosenblum und Russell Muirhead in ihrem Buch \u201eA Lot of People Are Saying\u201c ausdr\u00fccken, macht eine politische Instrumentalisierung noch leichter. Es gibt keine Nachfrage nach Beweisen, keine Punkte, die ein Muster bilden, keine genaue Untersuchung von denjenigen, die des Verschw\u00f6rens bezichtigt werden. Vielmehr wird auf die Last einer Erkl\u00e4rung verzichtet, die Verschw\u00f6rungsanh\u00e4nger*innen erzwingen ihre eigene Realit\u00e4t durch Wiederholung (etwa Trumps \u201eviele Leute sagen\u2026!\u201c) und blo\u00dfe Behauptung.</p><h2><b>Die M\u00e4r vom rechten Randph\u00e4nomen</b></h2><p>Zur\u00fcck zum Schulterschluss. Was so wahrgenommen wird, als w\u00fcrden die Rechten sich unters \u201enormale Volk\u201c mischen, funktioniert in Wirklichkeit anders herum. Was wir in den letzten Jahren erlebt haben, ist ein massiver und vor allem medial wirksamer Aufschwung rechter Bewegungen und des Rechtspopulismus. Damit einher ging und geht eine drastische Verschiebung des Sagbaren. Die Normalisierung rechter Haltungen, die \u201eKritik\u201c an den Eliten, an der Regierung, der L\u00fcgenpresse, all das wird seit mindestens einem Jahrzehnt verst\u00e4rkt von rechts vorbereitet. In der \u00f6ffentlichen Debatte wird dabei immer noch \u2013 und immer wieder \u2013 der Fehler gemacht, entweder rechten Populismus am Rande der Gesellschaft zu verorten oder ernsthaft den inhaltlichen Dialog zu suchen. So wird rechten Ideen eine B\u00fchne geboten, die das \u201eNazipositive Milieu\u201c (Hengameh Yaghoobifarah) konsumieren, sich aber gleichzeitig sch\u00f6n von einer Zugeh\u00f6rigkeit zu rechten Formierungen abgrenzen kann. Verschw\u00f6rungsgeschwurbel ist dem rechten Projekt inh\u00e4rent: Die Regierung wird von Kommunisten gelenkt, die Presse ist gleichgeschaltet, Fl\u00fcchtlinge werden gezielt ins Land gelassen, um die deutsche Nation zu zersetzen, et cetera. Und ganz nah dran, auch schon l\u00e4nger: Esoterik, Spiritualismus, Okkultismus, v\u00f6lkische Siedlerbewegungen, Reichsb\u00fcrger und noch so vieles mehr. Wer also glauben m\u00f6chte, auf der \u201eQuerdenken\u201c-Demo in Berlin hingen Rechte mit B\u00fcrger*innen ab, der sollte sich vielleicht die Ringelreihen und Birkenstock-Reisegruppen nochmal genauer anschauen. Da hingen rechte B\u00fcrger*innen ab. Normalos trafen auf normalisierte Rechte und der ideologische Hintergrund zeigt sich als gar nicht so verschieden.</p><p>So weit, so gut in Sachen Gegnerbestimmung. Was machen wir jetzt damit? Ein linker Umgang mit solchen Entwicklungen ist, dass sich intensiv mit Inhalten und Abwehr auseinandergesetzt wird. Das ist gleichzeitig leider auch ein Problem: Wir schauen uns die Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen immer wieder an, kneifen die Augen zusammen (oder lachen einmal herzlich) und nehmen sie argumentativ auseinander. Und das ist nat\u00fcrlich gut so. Aber es reicht nicht aus, weil daran keine richtige Strategie anschlie\u00dfen kann. Ein weiteres Problem ist, dass wir manchmal gar nicht wissen, wie wir uns zwischen tats\u00e4chlicher autorit\u00e4rer Formierung des Staates und dem Grundrechtegeheul der Schwurbler verhalten sollen, ohne zu argumentativen Gehilfen des einen oder der anderen zu werden. Der erste Schritt zur L\u00f6sung muss sein, sich das Ganze aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen und zu verstehen, was da passiert.</p><h2><b>Die Verschw\u00f6rung ist die Verschw\u00f6rung ist die Verschw\u00f6rung</b></h2><p>Was treibt Menschen dazu, ihren Glauben solcherlei Ideen zu schenken? Es hat, auch was die Tiefe der \u00dcberzeugung angeht, fast einen religi\u00f6sen Charakter. Das Weltliche kann mit dem Erfahrungshorizont und dem aufgekl\u00e4rten Wissen nicht erkl\u00e4rt werden, also muss die L\u00f6sung in etwas Mystischem, Geheimem liegen. Dass diese Erkl\u00e4rung so greifen kann, h\u00e4ngt mit dem messianischen Charakter zusammen, der den Gl\u00e4ubigen gleichzeitig von der Masse der Ungl\u00e4ubigen abhebt: Du hast es erfasst! Und \u2013 und das ist das perfide daran \u2013 es l\u00e4sst das zutiefst neoliberale Mantra \u201eDu alleine bist f\u00fcr deinen Erfolg verantwortlich\u201c unter anderen Vorzeichen einfach weiterreichen: Es sind weder du selbst noch die (kapitalistischen) gesellschaftlichen Umst\u00e4nde, die dein Leben so miserabel, chaotisch, unplanbar scheinen lassen, sondern es gibt Verantwortliche f\u00fcr alles. Gleichzeitig ahmt der Verschw\u00f6rungsglaube auch eine Art aufkl\u00e4rerischen Prozess nach, in dem der Einzelne eine Neubest\u00e4tigung der eigenen Individualit\u00e4t erf\u00e4hrt: Das Gemeinschaftsgef\u00fchl resultiert daraus, dass sich jede*r als Aufkl\u00e4rer*in wahrnimmt \u2013 diesen individuellen Erfolg aber sofort von anderen best\u00e4tigt sehen m\u00f6chte. Nicht zuletzt f\u00fchrt dies zu einer Spirale, die immer noch gr\u00f6\u00dfere Superverschw\u00f6rung hinter der Verschw\u00f6rung aufzudecken.</p><p>Verschw\u00f6rungstheorien sind ein wichtiges Instrument daf\u00fcr, was in den Sozialwissenschaften \u201eOthering\u201c, das \u201ezum Anderen machen\u201c, genannt wird. Damit k\u00f6nnen ihre Anh\u00e4nger*innen Schuldige suchen und in einem zweiten Schritt deutlich zwischen einem \u201euns\u201c \u2013 den Leidtragenden der Verschw\u00f6rung \u2013 und einem \u201eihr\u201c \u2013 die Verschw\u00f6rer selbst \u2013 eine Grenze ziehen. Dies f\u00fchrt, \u00e4hnlich wie andere rechte und rassistische Mechanismen, zu einer Erh\u00f6hung der eigenen Position \u2013 \u201eaber ich hab\u2018 es durchschaut, mich kriegen sie nicht!\u201c \u2013 und einem starken Gemeinschaftsgef\u00fchl mit den anderen Verschw\u00f6rungs\u00fcberzeugten.</p><p>Was wir derzeit \u2013 vor allem mit der Pandemie \u2013 erleben, ist eine neue Zuspitzung der permanenten Krise des Kapitalismus, deren letzten Ausbruch mit der Wirtschaftskrise 2007ff. wir noch gar nicht verdaut haben. Krisen und Verschw\u00f6rungstheorien laufen Hand in Hand: \u201eKriege, politische, wirtschaftliche oder ideologische Umw\u00e4lzungen, Naturkatastrophen und solche, die von Menschen selbst verursacht wurden, sind der Boden, auf dem sie gedeihen\u201c (Hepfer 2015, S. 17).</p><p>Hinzu kommt in gro\u00dfen Teilen der industriell hochentwickelten L\u00e4nder der sukzessive Abbau des Sozialstaats und die Zerst\u00f6rung sozialer Gewissheiten in den letzten Jahrzehnten. Der individualisierende Neoliberalismus mit der alle Lebensbereiche durchziehenden Selbstverantwortlichkeitsmoral und in Mode gekommene chauvinistische Diskurse verst\u00e4rken den Klassenwiderspruch. Auch der Evergreen Rassismus tr\u00e4gt zu einem Bedrohungsszenario bei und befeuert die soziale K\u00e4lte. Viele Menschen befinden sich in einer Wirklichkeit, die sie als bedrohlich empfinden und die es vor allem auch ist. Das Vertrauen in Staat, Regierung, Wohlstandsversprechen br\u00f6ckelt massiv, neue Gewissheiten m\u00fcssen geschaffen werden.</p><p>Der Kapitalismus als Klassengesellschaft ist darauf angewiesen, den Antagonismus zwischen Kapitalisten und Lohnabh\u00e4ngigen aufrecht zu erhalten, und die Arbeiter*innenklasse auch durch Strategien der Verschleierung der Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse von einer weitreichenden Organisierung abzuhalten. Die kapitalistische Erz\u00e4hlung eines guten Lebens f\u00fcr alle, wenn man sich nur kr\u00e4ftig genug bem\u00fcht, ist damit eine der wenigen \u2013 vielleicht die einzige? \u2013 Superverschw\u00f6rungstheorien, die tats\u00e4chlich existiert.</p><p>Statt diese Wirklichkeit begreifen zu wollen \u2013 oder zu k\u00f6nnen \u2013 werden Erkl\u00e4rungen gesucht, die das eigene Schicksal verst\u00e4ndlich machen und vor allem die Verantwortung externalisieren, was im neoliberalen Zeitalter nachvollziehbar ist. Verschw\u00f6rungstheorien bieten eine Entlastungsfunktion: Da sie von au\u00dfen von den dunklen M\u00e4chten gelenkt wurden, konnten die Anh\u00e4nger*innen selbst keinerlei Einfluss auf bisherige Ereignisse und Entwicklungen haben.</p><p>Anstatt sich gegen die Zw\u00e4nge des Kapitalismus zu wehren, wird dieser Wirklichkeit eine Wahrheit entgegengesetzt, die es ertr\u00e4glich macht, in ihr zu leben. Eine Wahrheit voll falscher Fakten und kruder Ideen, die das Unverst\u00e4ndnis spiegelt, mit dem die Menschen ihren eigenen Bedingungen und denen anderer begegnen. Eine Wahrheit, die schwer zu widerlegen ist, weil sie sich in Logik und Form einer \u00dcberpr\u00fcfung entzieht. Eine Wahrheit, die den Menschen, die an sie glauben, die eigene \u00dcberlegenheit vorgaukelt.</p><p>Gef\u00e4hrlich wird es sp\u00e4testens dann, wenn diese Wahrheit reale politische Macht erh\u00e4lt. Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen dies: In vielen Staaten, von den USA, Brasilien, der T\u00fcrkei bis Ungarn, ist der rechte Staatsumbau weit fortgeschritten, viele andere Staaten, darunter auch Deutschland, forcieren einen autorit\u00e4ren Umbau. Die globale Rechte sichert sich immer gr\u00f6\u00dfere Machtr\u00e4ume. Das rechte Hegemonieprojekt n\u00e4hrt sich auch aus den Verschw\u00f6rungsnarrativen. Mit Trump gibt es etwa aktuell (noch) einen Pr\u00e4sidenten, der als einer der einflussreichsten Verschw\u00f6rungstweeter gelten kann. Trump und Konsorten haben die konspirationistische Form des politischen \u201eWissens\u201c wieder salonf\u00e4hig gemacht und nutzen hierbei Verschw\u00f6rungsideologien strategisch zur Mobilisierung ihrer Anh\u00e4nger*innenschaft.</p><h2><b>Der m\u00e4nnliche Schwurbler</b></h2><p>Trotz historisch unterschiedlicher Reichweite waren rechte Diskurse seit je her voller Fake Facts und Verschw\u00f6rungsschwurbeleien. Hier reihen sich aktuelle Verschw\u00f6rungsapologeten \u00e0 la Attila Hildmann, Ken Jebsen und Konsorten wunderbar ein. Die Kritiker, die Aufkl\u00e4rer, die Ungem\u00fctlichen, die Verk\u00fcnder: Sie haben es gerafft und sie werden das Volk befreien. Die Freiheit des einfachen Mannes, das ist ihre Parole. Und so wird unter dem fast schon zum Kampfbegriff avancierten Deckmantel der Demokratie das Erfolgskonzept rechter Normalisierung. Ein Konzept, das sehr erfolgreich darin ist, ein verunsichertes Naziaffines Milieu abzuholen.</p><p>Augenf\u00e4llig ist, wer sich da vornehmlich als Befreier, als Messias aufspielt: Der wei\u00dfe Mann. Damit wird auch deutlich, wer oder was gerettet werden soll, n\u00e4mlich die m\u00e4nnlichen Privilegien. Im \u201eLeitfaden Verschw\u00f6rungstheorien\u201c einer internationalen Forschungsgruppe wird zwar von einem generellen Forschungskonsens berichtet, dass sich keine besonderen Merkmale hinsichtlich Klasse, Geschlecht, Herkunft et cetera bei Verschw\u00f6rungsaffinen ausmachen lie\u00dfe. Allerdings:</p><p><i>\u201em\u00e4nnliche Verschw\u00f6rungstheoretiker (sind) oftmals in der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4senter und treten unverhohlener auf. Der Grund hierf\u00fcr ist m\u00f6glicherweise, dass Verschw\u00f6rungstheorien eine Strategie sind, mit der weit verbreiteten Krise der M\u00e4nnlichkeit in der westlichen Welt umzugehen\u201c (COMPACT Education Group 2020).</i></p><p>Was da in der Krise steckt, ist jene toxische M\u00e4nnlichkeit, die den patriarchalen ausbeuterischen Zugriff auf Frauen* legitimieren soll. Der Mann, der Chef im Haus und in der Gesellschaft, diese Gewissheit br\u00f6ckelt massiv. Schuld daran ist: Die Frau, die sich der Macht des Mannes entzieht, sich nicht (mehr) unterordnet, nicht mit ihm Sex haben m\u00f6chte. Die Wut darauf entl\u00e4dt sich auch gewaltvoll: Der Attent\u00e4ter von Halle 2019 machte beispielsweise in den Videoaufnahmen w\u00e4hrend seiner Angriffe \u201eden Feminismus\u201c daf\u00fcr verantwortlich, dass die Geburtenrate sinke und so das Volk der Zersetzung preisgegeben werde.</p><p>Antifeminismus und Verschw\u00f6rungsschwurbeleien h\u00e4ngen auch an vielen anderen Stellen sehr eng miteinander zusammen. Es zeigt sich eine fragile M\u00e4nnlichkeit, die versucht, ihre Bedeutsamkeit durch das messianische Rumgeprotze wiederherzustellen. Die Attit\u00fcde des m\u00e4nnlichen Aufkl\u00e4rers, der opferbereit und mutig ist, dient der Selbstinszenierung als Held, so der Sozialpsychologe Rolf Pohl im Interview mit <i>Zeit Online</i>. In diesem Gebaren, gepaart mit einem Erstarken des Antifeminismus, steckt viel Gewaltpotential, was bei der Auseinandersetzung mit Verschw\u00f6rungstheorien nicht au\u00dfer Acht gelassen werden darf.</p><h2><b>Und nun?</b></h2><p>Stellt euch einmal die Entt\u00e4uschung eines ausgemachten QAnon-Truthers vor, wenn die Welt gerade tats\u00e4chlich einfach von einem (aus biologischer Sicht) recht normalen, aber dennoch in seinen Auswirkungen noch lange nicht erforschten Virus getroffen wurde, statt von einer ausgemacht diabolischen Bev\u00f6lkerungsdezimierungsstrategie von miesen Milliard\u00e4ren \u2013 wo bliebe denn da die ganze Aufregung, das ganze Entertainment?</p><p>Verschw\u00f6rungstheorien sind f\u00fcr eine seri\u00f6se Auseinandersetzung irgendwie eine eigenartige Sache; sie ernst zu nehmen, f\u00e4llt nicht leicht. Die bizarren Kapriolen, die Verschw\u00f6rungstheorien mit der Realit\u00e4t drehen, ja, wie sie diese verdrehen, machen gerade ihren Reiz, ihre Lust, ihre Anziehungskraft f\u00fcr viele aus. Der Erfolg der \u201eIlluminati\u201c-Reihe von Dan Brown, \u201eDas Foucaultsche Pendel\u201c oder \u201eDer Friedhof in Prag\u201c von Umberto Eco f\u00fcr die etwas kritischeren Leser*innen; Verschw\u00f6rungen in Detektiv- und Heldengeschichten von Sherlock Holmes bis Matrix \u2013 im Kontext der popkulturellen Verarbeitung boomt das Genre. Es macht deutlich, wie viel Lust es Leuten machen kann, \u00fcber Verschw\u00f6rungstheorien nachzudenken. Der kritische Punkt besteht darin, harmlose und gef\u00e4hrliche Angebote zu unterscheiden und ganz generell: Fiktion nicht mit der Sehnsucht nach Relevanz f\u00fcr das eigene Leben aufzuladen.</p><p>Und mal ehrlich: Wer von uns zum Beispiel hat kein Problem damit, was mit unseren Daten auf internationalen Servern eigentlich passiert? Statt eine politische Analyse der Warenf\u00f6rmigkeit unserer Lebensinformationen und Daten und eine Kritik an diesen Verwertungsprozessen zu formulieren, sind es nur wenige Schritte dahin, \u201ehinter dem Internet\u201c eine Instanz der Kontrolle und der absichtsvollen \u201eF\u00fchrung\u201c zu vermuten. Diese dann antisemitisch zu framen oder ihnen eine bolschewistische Agenda zu unterstellen, schlie\u00dft daran an. Hier sind wir wieder bei der dringenden Notwenigkeit, die wirklichen Verschw\u00f6rungen von den falschen Verschw\u00f6rungsschwurbeleien zu unterscheiden. Doch was ben\u00f6tigen wir dar\u00fcber hinaus, damit wir nicht nur in Abwehrk\u00e4mpfen gegen Rechte Formierungen und ihre Verschw\u00f6rungstheorien agieren, sondern der ideologischen Nutzung von Verschw\u00f6rungstheorien als politischer Agenda etwas entgegensetzen?</p><p>Wir brauchen auch als Linke einen klaren Standpunkt, der deutlich macht, dass die rechte Verschw\u00f6rungsbewegung insgesamt keine Perspektiven f\u00fcr ein besseres Leben, eine andere Gesellschaft bietet und diese auch nicht bieten kann. Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen gaukeln vor, dass Ereignisse immer das Ergebnis von absichtsvollem Handeln Einzelner \u2013 und nicht das Produkt von politischen Herrschaftsverh\u00e4ltnissen und strukturellen Effekten des Kapitalismus sind. Sie sind notwendig r\u00fcckschrittlich, h\u00f6chstens in Gewalt gegen Einzelne oder eben rassistisch gegen \u201eAndere\u201c gerichtet. Sie sind Katalysatoren f\u00fcr Gewalt und Polarisierung. Personen, die tief in diese Erz\u00e4hlungen verstrickt sind, wollen den Status Quo der Gesellschaft als solches nicht \u00e4ndern, h\u00f6chstens ihren eigenen Einfluss darin.</p><p>Und auf der anderen Seite: Was ist mit den Leuten, die nah dran sind, die Schwurbelaffinen, bei denen aber noch nicht alle Hoffnung verloren ist? Kann man den Menschen die Erfahrungen von Kontrollverlust anders verst\u00e4ndlich machen? Politische \u00dcberlegungen dazu m\u00fcssen \u00fcber eine psychologische oder pathologisierende Untersuchung des Verschw\u00f6rungsdenkens hinausweisen. Auch die Analyse der Funktion von Verschw\u00f6rungstheorien f\u00fcr den*die Einzelne*n reicht nicht aus. Damit w\u00fcrden solidarische und gemeinsame K\u00e4mpfe ausgehebelt werden. Verschw\u00f6rungstheorien sind und waren politische Instrumente gegen emanzipatorische Perspektiven, auch wenn sie nach Ver\u00e4nderung schreien. Hier m\u00fcssen wir ansetzen f\u00fcr eine fundamentale Kritik an den Verh\u00e4ltnissen. Die wirkliche Ver\u00e4nderung voranzutreiben und nicht falschen G\u00f6ttern hinterherzulaufen, das ist unsere, das ist die linke Aufgabe.</p><hr/><p>Dieser Essay ist ein Cross-Post. Er ist ebenfalls in der aktuellen Ausgabe von kritisch-lesen.de <a href=\"https://kritisch-lesen.de/ausgabe/richtig-schwurbeln-verschworungserzahlungen-und-rechte-kontinuitaten\">\u201eRichtig schwurbeln! Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen und rechte Kontinuit\u00e4ten\u201c</a> vom 13. Oktober 2020 zu finden.</p><hr/><h2><b>Weiterf\u00fchrende Literatur:</b></h2><p>COMPACT Education Group 2020: Leitfaden Verschw\u00f6rungstheorien, Compact Forschungsgruppe (Comparative Analysis of Conspiracy Theories), online <a href=\"https://conspiracytheories.eu/_wpx/wp-content/uploads/2020/04/COMPACT_Guide_Deutsch-2.pdf\">hier</a>.<br/> Karl Hepfer 2015: Verschw\u00f6rungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft. Bielefeld, Transcript.<br/> Nancy L. Rosenblum und Russell Muirhead 2019: A Lot of People Are Saying: The New Conspiracism and the Assault on Democracy. Princeton University Press.<br/> Zeit Online 2020: Vom Loser zum Messias. Video online <a href=\"https://www.zeit.de/video/2020-10/6196464941001/verschwoerungstheorien-vom-loser-zum-messias?utm_referrer=https%3A%2F%2Fforum.kritisch-lesen.de%2Findex.php%3Fp%3D%2Fdiscussion%2F1885%2Fessay\">hier</a>.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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M\u00e4rz 2020, als offiziell die erste Corona-Infektion in der T\u00fcrkei registriert wurde, t\u00f6nte Staatspr\u00e4sident Erdo\u011fan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-erdogan-dan-koronavirus-aciklamasi,865821\">ganz gro\u00df</a>: \u00bbKein Virus ist st\u00e4rker als unsere Vorkehrungen.\u00ab Am Tenor ideologischer Selbstdarstellung hat sich seitdem wenig ge\u00e4ndert: In v\u00f6lliger Verkehrung der Tatsachen wird die T\u00fcrkei als Weltspitze der Corona-Bek\u00e4mpfung pr\u00e4sentiert, w\u00e4hrend der entwickelte Westen den Bach runtergehe \u2013 autorit\u00e4re Hybris <i>at its best</i>. Diese Hybris und ihr Versprechen der Gr\u00f6\u00dfe haben Staatspr\u00e4sident Erdo\u011fan und das unter seiner F\u00fchrung organisierte national-autorit\u00e4re Regime auch bitter n\u00f6tig, wo doch die Realit\u00e4t ganz anders aussieht: eine teils katastrophale Pandemiebek\u00e4mpfung, <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkey-executive-presidency-proved-to-be-fail-in-two-years.html\">einbrechende Umfragewerte</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-15-ayda-yapilan-57-anketin-ortalamasi-erdogan-ve-cumhur-ittifaki-gidici-diyor-1768312\">f\u00fcr</a> das Regime, eine schwere Wirtschaftskrise insbesondere f\u00fcr die unteren und Mittelklassen und eine <a href=\"https://t24.com.tr/haber/area-arastirma-olasi-cumhurbaskanligi-secimlerinde-mansur-yavas-muharrem-ince-ile-abdullah-gul-e-fark-atiyor,899856\">erstarkende Opposition</a> <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/avrasya-arastirma-dan-anket-secimler-yenilense-mevcut-buyuksehir-belediye-baskanina-oy-verir-misiniz,9966\">vor allem</a> in den (oppositionsgef\u00fchrten) Gro\u00dfst\u00e4dten. Das entgeht nat\u00fcrlich weder Erdo\u011fan noch seinen Verb\u00fcndeten. Deshalb radikalisieren sie ihre bisherigen Hauptmechanismen der <a href=\"https://www.researchgate.net/publication/256039501_Authoritarian_Consolidation\">autorit\u00e4ren Konsolidierung</a>: milit\u00e4rische Auslandseins\u00e4tze, Inhaftierung von Oppositionellen, Repression gegen Dissident*innen, Gesetze zur Schw\u00e4chung der Zivilgesellschaft, Einschr\u00e4nkung der Handlungsf\u00e4higkeit oppositioneller B\u00fcrgermeister*innen, chauvinistische und sexistische Propaganda und so weiter. Dabei versch\u00e4rfen sich auch die internen Fraktionsk\u00e4mpfe des Regimes. SARS-CoV-2 ist somit ein Katalysator gesellschaftlicher Antagonismen in der T\u00fcrkei.<b> [1]</b></p><h2><b>Hybris und Realit\u00e4t</b></h2><p>Im Prinzip handelt die T\u00fcrkei in der Bek\u00e4mpfung des Virus nach <a href=\"https://revoltmag.org/articles/der-zug-f%C3%A4hrt-ab/\">denselben</a> Handlungsmaximen wie alle entwickelten kapitalistischen L\u00e4nder des Westens: Das Regime versucht eine Strategie umzusetzen, die abw\u00e4gt zwischen kurzfristigen Stabilit\u00e4ts- und Wirtschaftsinteressen und langfristigen Interessen kapitalistischer Akkumulation. Sterben zu schnell zu viele Menschen, kann es zur Destabilisierung kommen; werden zu viele beschr\u00e4nkende Ma\u00dfnahmen verh\u00e4ngt, fallen die Profite zu stark. Eine konsequente Eind\u00e4mmungspolitik des Virus wird deshalb, wie auch in Deutschland, explizit nicht verfolgt. Der Pr\u00e4sidentensprecher Ibrahim Kal\u0131n brachte das sehr direkt auf den Punkt, als er <a href=\"https://www.birgun.net/haber/saray-dan-sokaga-cikma-yasagi-aciklamasi-ekonomik-maliyeti-buyuk-olur-296875\">festhielt</a>: \u00bbDie wirtschaftlichen Kosten einer allgemeinen Ausgangssperre w\u00e4ren hoch.\u00ab Auch dem Gesundheitsminister Fahrettin Koca war <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/ahmet-hakan/saglik-bakani-kocaya-sordum-salginda-son-durum-nedir-41600122\">klar</a>, dass die Eind\u00e4mmungsperspektive durchaus m\u00f6glich ist; er wischte sie allerdings allzumenschlich beiseite: \u00bbUm dieses Problem vollst\u00e4ndig zu l\u00f6sen, m\u00fcsste man eine vollst\u00e4ndige Isolation implementieren. Aber kein Land der Welt will das. Auch die T\u00fcrkei will das nicht. Aus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden wird nirgends auf der Welt und auch in der T\u00fcrkei nicht auf vollst\u00e4ndige Isolation gesetzt.\u00ab</p><p>Im Unterschied allerdings zu L\u00e4ndern wie der BRD verf\u00fcgt die krisengebeutelte T\u00fcrkei nicht \u00fcber genug Ressourcen und vor allem das politische Regime nicht \u00fcber genug Stabilit\u00e4t, um eine Kontrolle der Epidemie im Rahmen jener Handlungsmaximen effektiv zu betreiben. Zwar wurden nach und nach alle gr\u00f6\u00dferen Gesch\u00e4fte und gastronomischen L\u00e4den geschlossen, es gab aber im Prinzip nie effektive Kontaktbeschr\u00e4nkungsma\u00dfnahmen, und die <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/04/03/devletin-korona-gunlugu-hangi-kurum-ne-zaman-ne-yapti/\">meisten Ma\u00dfnahmen</a> wurden nur sehr z\u00f6gerlich und dann f\u00fcr vergleichsweise kurze Zeit eingef\u00fchrt. Wie die t\u00fcrkische \u00c4rztekammer (TTB) <a href=\"https://www.ttb.org.tr/haber_goster.php?Guid=11be613e-de25-11ea-a538-cd82211f39c1\">ganz richtig</a> festh\u00e4lt, w\u00e4lzte der Staat die gesamte Verantwortung auf die einzelnen B\u00fcrger*innen ab und sorgte selbst f\u00fcr die Verbreitung einer Aura der Sorglosigkeit mittels einer sogenannten \u00bbR\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t\u00ab ab dem 1. Juni, inklusive <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/09/turkey-akp-govt-weaponizes-covid19-to-disarm-opposition.html\">propagandistischer Gro\u00dfveranstaltungen</a> wie die Einweihung der Hagia Sophia mit Hunderttausenden Beteiligten. Auf dem bisherigen H\u00f6hepunkt der Virusverbreitung wurden zwar wiederholt komplette Ausgangssperren in mehreren Gro\u00dfst\u00e4dten verh\u00e4ngt. Dies aber bewusst nur an Wochenenden oder Feiertagen, also an Tagen, an denen Arbeiter*innen sowieso am ehesten frei haben und deshalb am wenigsten Profite zu entfallen drohen.</p><p>Das halbherzige Vorgehen in der Pandemiebek\u00e4mpfung schl\u00e4gt sich auch nur bedingt in verl\u00e4sslichen Zahlen nieder. Mit Stand vom 22. September 2020 sind <a href=\"https://covid19.who.int/region/euro/country/tr\">offiziell</a> 302.867 Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert gewesen und 7.506 Personen daran verstorben. Aber noch Monate nach der ersten offiziellen Corona-Infektion gab es kaum eine genaue Aufteilung der Infizierten und Toten nach Regionen, Alter und Vorerkrankungen, so dass sich die \u00c4rztekammer \u00fcber l\u00e4ngeren Zeitraum <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/saglik/2020/06/12/ttb-salgin-sirlarla-yurutuluyor/\">nicht in der Lage</a> sah, eine angemessene epidemiologische Analyse vorzunehmen. Erst am 1. Juli, also 112 Tage nach dem ersten registrierten Infektionsfall, fing das Gesundheitsministerium an, regelm\u00e4\u00dfige Berichte und Daten zu ver\u00f6ffentlichen. Aber bis zum heutigen Tage <a href=\"https://www.ttb.org.tr/kutuphane/covid19-rapor_6.pdf\">beschwert</a> sich die \u00c4rztekammer \u00fcber intransparente und unzul\u00e4ngliche Daten. Irregularit\u00e4ten in den zur Verf\u00fcgung gestellten Daten sowie prohibitive Interventionen des Gesundheitsministeriums in die Forschung wurden in einem offenen Brief vom 15. August in der internationalen Fachzeitschrift<i> The Lancet</i> von praktizierenden \u00c4rzten <a href=\"https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)31691-3/fulltext\">gebrandmarkt</a> und vom Gesundheitsminister nat\u00fcrlich sofort in derselben Zeitschrift <a href=\"https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)31864-X/fulltext\">dementiert</a>. \u00c4rztekammer wie Gewerkschaften des Gesundheitssektors weisen <a href=\"https://birartibir.org/siyaset/825-salgina-korukle-gitmek\">seit geraumer Zeit</a> darauf hin, dass die <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/01/ses-ankarada-gunluk-vaka-sayisi-2-bin-civarinda/\">echten Infektionsf\u00e4lle</a> <a href=\"https://ato.org.tr/news/show/840\">weit</a> <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-health-coronavirus-turkey/doctors-say-turkish-covid-19-outbreak-worse-than-reported-as-hospitalisations-swell-idUSKCN251231\">\u00fcber</a> den offiziellen Zahlen liegen und dass sie Todesf\u00e4lle registrieren, die COVID-19 <a href=\"https://www.birgun.net/haber/kecioren-gercegi-covid-19-olumleri-resmi-kaydin-5-kati-313942\">zuzuordnen sind</a>, aber <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-bilim-kurulu-uyesi-prof-dr-kilicaslan-koronavirus-kaynakli-cok-sayida-olum-kayitlara-bulasici-hastalik-olarak-gecti-istanbul-da-60-bin-civarinda-vaka-var,873846\">anders klassifiziert</a> werden, um die Statistik zu besch\u00f6nigen. Der Istanbuler B\u00fcrgermeister Imamo\u011flu meinte <a href=\"https://www.voanews.com/covid-19-pandemic/turkey-accused-coronavirus-cover-cases-rise\">k\u00fcrzlich</a>, dass laut den ihm vorliegenden Zahlen allein Istanbul so viele Neuinfektionen am Tag registriert wie das Gesundheitsministerium f\u00fcr die ganze T\u00fcrkei angibt (also grob \u00fcber 1500); \u00e4hnliches meinte der B\u00fcrgermeister von Ankara, Mansur Yava\u015f. Aus vielen St\u00e4dten wurde zumindest zeitweise dar\u00fcber berichtet, dass die Intensivstationen in Krankenh\u00e4usern <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-health-coronavirus-turkey/doctors-say-turkish-covid-19-outbreak-worse-than-reported-as-hospitalisations-swell-idUSKCN251231\">\u00fcberf\u00fcllt</a> waren, was sogar der Gesundheitsminister <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/02/fahrettin-koca-birinci-dalganin-ikinci-pikini-yasiyoruz/\">nachtr\u00e4glich zugeben</a> musste. Eine <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/avrasya-arastirma-dan-anket-secimler-yenilense-mevcut-buyuksehir-belediye-baskanina-oy-verir-misiniz,9966\">\u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit</a> der Bev\u00f6lkerung der Gro\u00dfst\u00e4dte \u2013 etwa 70 Prozent \u2013 glaubt laut einer Umfrage den Zahlen des Gesundheitsministeriums nicht. Aber auch schon die offiziellen Zahlen zeigen, dass die T\u00fcrkei in eine Phase der Lockerungen eintrat, als die erste Welle noch gar nicht abgeklungen war, <a href=\"https://www.toraks.org.tr/site/news/10005\">weshalb</a> Expert*innen wie die T\u00fcrkische Thorax-Vereinigung <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/ahmet-hakan/saglik-bakani-kocaya-sordum-salginda-son-durum-nedir-41600122\">schon l\u00e4ngst vor dem</a> Gesundheitsminister von einem \u00bbzweiten Peak der ersten Welle\u00ab sprachen. Unter den Umst\u00e4nden einer intransparenten und relativierenden Vorgehensweise der Regierung, \u00fcberrannter Krankenh\u00e4user, steigender Infektions- und Todesf\u00e4lle unter Krankenhausbesch\u00e4ftigten und fehlenden Schutzma\u00dfnahmen haben <a href=\"https://jurnaltr.com/salgin-boyunca-900-hekim-istifa-etti-30-bin-saglik-calisani-koronaviruse-yakalandi/\">mittlerweile</a> Hunderte Gesundheitsarbeitende ihre <a href=\"https://www.ttb.org.tr/haber_goster.php?Guid=11be613e-de25-11ea-a538-cd82211f39c1\">K\u00fcndigung</a> <a href=\"https://www.toraks.org.tr/site/news/10005\">eingereicht</a>.</p><p><a href=\"https://www.ttb.org.tr/kutuphane/covid19-rapor_4.pdf\">Als Folge</a> der unentschlossenen Pandemiebek\u00e4mpfung erreichte die effektive Reproduktionszahl <b>[2]</b> in <a href=\"https://www.milliyet.com.tr/gundem/son-dakika-haberi-corona-viruste-son-durum-bakan-koca-toplam-can-kaybi-425-vaka-sayisi-20-921e-yukseldi-6180754\">Istanbul</a> kurzzeitig (Anfang April) den sagenhaften Wert von 16 und t\u00fcrkeiweit (Ende M\u00e4rz) den Wert von neun, was im weltweiten Vergleich sehr hoch ist. Laut \u00c4rztekammer schneidet die T\u00fcrkei im Vergleich zu \u00e4hnlich situierten L\u00e4ndern auch in anderen Hinsichten (Tote pro 1000 Einwohner*innen, Neuinfektionen gerechnet auf Tage nach dem ersten Infektionsfall, usw.) eher schlechter ab. Dabei zeigen erste vorl\u00e4ufige Studien, dass mit 0,81 Prozent Seropr\u00e4valenz von Coronavirus-Antik\u00f6rpern in der Bev\u00f6lkerung auch die T\u00fcrkei weit entfernt ist von einer Herdenimmunit\u00e4t, f\u00fcr die ja grob 60 Prozent notwendig w\u00e4ren (Stand: Ende Juni).</p><p>Dabei trifft SARS-CoV-2 <a href=\"https://www.cambridge.org/core/journals/new-perspectives-on-turkey/article/new-perspectives-on-turkey-roundtable-on-the-covid19-pandemic-prospects-for-the-international-political-economic-order-in-the-postpandemic-world/3B8003A8F0A071F2EA4126A61EC37F6A\">wie in den meisten L\u00e4ndern</a> so auch in der T\u00fcrkei die Schw\u00e4chsten: Von den Fabriken \u00fcber die Textilbranche und den Dienstleistungssektor bis hin zum Bausektor hatten viele oft informell besch\u00e4ftigte Arbeiter*innen, die nicht zum Management geh\u00f6ren, keine andere Wahl, als auch in Hochzeiten der ersten Welle zu arbeiten, oft ohne ausreichende Schutzbestimmungen, gefangen zwischen der Skylla der Infektion und der Charybdis des Hungers. <b>[3]</b> Besonders <a href=\"https://www.tr.undp.org/content/turkey/en/home/library/corporatereports/COVID-gender-survey-report.html\">negativ betroffen</a> sind Frauen, insofern sie viel h\u00e4ufiger als M\u00e4nner ihre Jobs verloren und zudem den Gro\u00dfteil der zus\u00e4tzlich anfallenden Reproduktionsarbeiten im Haushalt \u00fcbernahmen, wie eine UN-Studie festh\u00e4lt. Auch in der T\u00fcrkei brachen gr\u00f6\u00dfere Infektionsgeschehen an Produktionsstandorten aus, so bei SuperFresh (Lebensmittel) und \u00dclker (Geb\u00e4ck) in Bursa, Eti G\u0131da (Geb\u00e4ck) in Eski\u015fehir oder Gedik Pili\u00e7 (Gefl\u00fcgelfabrik) in U\u015fak und BMC (Automobil) in Izmir. In einer der gr\u00f6\u00dften Fabriken des Landes, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kapali-devre-calisma-modelinin-uygulandigi-dardanel-den-aciklama-sadece-gonullu-calisanlar-katildi,895774\">Dardanel</a> (Dosenfisch) bei \u00c7anakkale, wandten Manager ein sogenanntes \u00bbgeschlossenes Arbeitssystem\u00ab an, um die Produktion trotz eines gro\u00dfen Infektionsgeschehens fortzusetzen. \u00bbGeschlossenes Arbeitssystem\u00ab hie\u00df in diesem Fall, dass die Infizierten nur mehr miteinander auf Schicht arbeiten und auf dem Betriebsgel\u00e4nde isoliert von Kontakt nach au\u00dfen leben sollten \u2013 um niemanden sonst mehr anzustecken! Bei <a href=\"https://www.birgun.net/haber/yusufeli-nde-santiyeden-cikmak-yasak-iscileri-esir-aldilar-313312\">Vestel</a> (Haushaltsger\u00e4te), einer anderen gro\u00dfen Fabrik mit Tausenden Arbeiter*innen, ignorierten Manager*innen nicht nur Sicherheitsbestimmungen und versuchten ein gro\u00dfes Infektionsgeschehen zu verdecken, sondern sie exponierten die Arbeiter*innen willentlich und wissentlich einem gro\u00dfen Infektionsrisiko. In Yusufeli bei Artvin hingegen wurden Arbeiter*innen eines <a href=\"https://www.birgun.net/haber/yusufeli-nde-santiyeden-cikmak-yasak-iscileri-esir-aldilar-313312\">Staudamms</a> de facto vom Gouverneur dazu gezwungen weiter auf der Baustelle zu verbleiben und zu arbeiten trotz eines laufenden Infektionsgeschehens. Au\u00dfer BMC bei Izmir wurden aber bisher keine der betroffenen Fabriken geschlossen. Bei einer solchen Sorglosigkeit ist es kein Wunder, dass in Istanbul \u2013 dem \u00bb<a href=\"https://www.cnnturk.com/turkiye/saglik-bakani-kocadan-koronavirus-aciklamasi-istanbul-turkiyenin-wuhani-oldu\">Wuhan der</a> <a href=\"https://www.cnnturk.com/turkiye/saglik-bakani-kocadan-koronavirus-aciklamasi-istanbul-turkiyenin-wuhani-oldu\">T\u00fcrkei</a>\u00ab laut dem Gesundheitsminister \u2013 die \u00e4rmsten Viertel wie Ba\u011fc\u0131lar, Esenler und Bayrampa\u015fa am heftigsten von der Epidemie betroffen sind.</p><p>Um die tats\u00e4chlichen Ausma\u00dfe der Pandemie einzusch\u00e4tzen, k\u00f6nnte man nun einen Blick auf die Exzessmortalit\u00e4t (eine im Verh\u00e4ltnis zu einem Vergleichszeitraum feststellbare erh\u00f6hte Sterblichkeit) werfen, wie dies in Europa \u00fcblich ist. Das ist allerdings f\u00fcr die T\u00fcrkei wegen der mangelhaften Datenlage schwierig. Die<i> New York Times</i> und der<i> Economist</i> haben weltweit die \u00dcbersterblichkeit untersucht. Der<i> Economist</i> kommt dabei zum <a href=\"https://www.economist.com/graphic-detail/2020/04/16/tracking-covid-19-excess-deaths-across-countries\">Ergebnis</a>, dass sich die Exzessmortalit\u00e4t in Istanbul auf der H\u00f6he des ersten Peaks zwischen M\u00e4rz und Mai auf grob 50 Prozent belief, w\u00e4hrend die Anzahl der Exzess-Toten fast doppelt so gro\u00df war wie die offiziell festgestellten COVID-19-Toten. Die<i> New York Times</i> <a href=\"https://www.nytimes.com/interactive/2020/04/21/world/coronavirus-missing-deaths.html\">hingegen</a> sch\u00e4tzt die Exzessmortalit\u00e4t in Istanbul im Vergleich zu 2017-19 auf grob 20 Prozent, allerdings f\u00fcr den Zeitraum von M\u00e4rz bis Ende Juni. Da es aber keine genauen Zahlen zu allen Todesf\u00e4llen geschweige denn zu COVID-19-Toten in Istanbul gibt, ist dies nur eine grobe Sch\u00e4tzung und zudem nicht auf das ganze Land \u00fcbertragbar. Prof. Steve Hanke von der Johns Hopkins Universit\u00e4t ordnete die T\u00fcrkei wegen all dieser Ungenauigkeiten und Intransparenz denjenigen L\u00e4ndern zu, deren Zahlen zu COVID-19 <a href=\"https://e.vnexpress.net/news/news/us-economist-says-vietnam-lacks-coronavirus-statistics-prompts-retraction-demand-4117553.html\">sehr unzuverl\u00e4ssig</a> seien.</p><h2><b>Der Einbruch</b></h2><p><a href=\"https://www.cambridge.org/core/services/aop-cambridge-core/content/view/3B8003A8F0A071F2EA4126A61EC37F6A/S0896634620000230a.pdf/new_perspectives_on_turkey_roundtable_on_the_covid19_pandemic_prospects_for_the_international_political_economic_order_in_the_postpandemic_world.pdf\">Wie \u00fcberall sonst</a> auf der Welt, f\u00fchrte die Corona-Krise auch in der T\u00fcrkei trotz Besch\u00f6nigungsversuchen des Regimes zu einem massiven Wirtschaftseinbruch, der die unteren und mittleren Klassen ungleich h\u00e4rter trifft. Dabei traf aber die Corona induzierte Krise auf eine sowieso schon angeschlagene Wirtschaft, was zu einem W\u00e4hrungsschock wie im Sommer 2018 f\u00fchrte und das Potenzial f\u00fcr eine ausgewachsene Wirtschaftskrise hat. Die <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-30/turkey-likely-spared-worst-of-economic-damage-inflicted-by-virus\">Industrieproduktion</a> brach zwischen Februar und Mai durchgehend ein und wuchs erst im Juni wieder; die Nettokapitalinvestitionen gingen, wie durchgehend seit Mitte 2018, zur\u00fcck so wie auch das gesamte <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-30/turkey-likely-spared-worst-of-economic-damage-inflicted-by-virus\">Wirtschaftswachstum</a> im zweiten Quartal 2020 um 9,9% gegen\u00fcber dem Vorjahresquartal zur\u00fcckging. Besonders stark waren Exporte und Tourismus, die Hauptdeviseneinnahmenquellen der t\u00fcrkischen Wirtschaft, betroffen: W\u00e4hrend <a href=\"https://www.bloomberght.com/turkiye-2-ceyrekte-yillik-yuzde-99-kuculdu-uzmanlar-rakamlari-degerlendirdi-2263267\">Exporte</a> um grob 35 Prozent im zweiten Quartal gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum einbrachen, <a href=\"https://salaamgateway.com/story/how-much-was-turkeys-tourism-impacted-by-covid-19-jan-to-jun-2020\">besuchten</a> 75 Prozent weniger Besucher*innen die T\u00fcrkei im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. <a href=\"https://www.dailysabah.com/business/tourism/turkeys-tourism-revenues-could-hit-15b-in-2020-despite-pandemic\">Optimistische Hochrechnungen</a> gehen davon aus, dass die Einnahmen aus dem Tourismus im gesamten laufenden Jahr um mehr als 50 Prozent gegen\u00fcber 2019 einbrechen k\u00f6nnten. Der <a href=\"https://www.imf.org/en/Countries/TUR\">IWF</a> rechnet mit einem Einbruch des Bruttoinlandproduktes von f\u00fcnf Prozent \u00fcber das gesamte Jahr, die <a href=\"https://www.bloomberght.com/oecd-turkiye-nin-2020-de-yuzde-29-daralmasini-bekliyor-2264456\">OECD</a> hingegen von 2,9 Prozent, w\u00e4hrend die <a href=\"https://www.birgun.net/haber/covid-19-doneminde-issizlik-ve-is-kaybi-tuik-in-bildigi-ama-soyle-ye-medigi-gercekler-308063\">echte Arbeitslosenquote</a> <b>[4]</b> schon jetzt um die 25 Prozent betr\u00e4gt und bei <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anar-dan-anket-vatandaslarin-yuzde-77-6-si-salgindan-sonraki-en-buyuk-sorunu-ekonomi-olarak-goruyor,880458\">Umfragen</a> mindestens die H\u00e4lfte aller Beteiligten \u00fcber <a href=\"https://sendika63.org/2020/05/bisam-iscilerin-yuzde-92si-borclu-her-uc-isciden-ikisinin-tuketici-kredisi-borcu-var-588761/#more\">finanzielle Einbu\u00dfen</a>, <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/05/turkey-manufacturing-demand-inflation-virus.html\">N\u00f6te</a> und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/istanbul-universitesi-nden-koronavirus-arastirmasi-calisani-issizlik-korkusu-sardi-vatandas-hayatina-yonelik-kontrol-duygusunu-kaybetti-huzursuz,880015\">Zukunfts\u00e4ngste</a> im Zuge der Pandemie klagt. Bis zu 20 Millionen Menschen k\u00f6nnten in die <a href=\"https://ca.reuters.com/article/us-health-coronavirus-turkey-poverty-ana-idCAKBN2611BD\">Armut</a> rutschen, doppelt so viele wie bisher.</p><p>Dem Regime stehen dabei nur sehr begrenzte Mittel zur Verf\u00fcgung, um die aktuelle Krise zu bek\u00e4mpfen. Wegen der <a href=\"https://jacobinmag.com/2019/03/erdogan-akp-turkey-local-elections\">strukturellen Schw\u00e4chen</a> des Neoliberalismus in der T\u00fcrkei (hohe Abh\u00e4ngigkeit von ausl\u00e4ndischen Kapitalfl\u00fcssen, Devisen, Importen f\u00fcr Binnen- wie Exportproduktion und so weiter) kam die t\u00fcrkische Wirtschaft schon 2013 ins Straucheln, als die us-amerikanische Zentralbank (US Fed) das Ende ihres zwecks Bek\u00e4mpfung der Krise 2007ff. implementierten Anleihekauf- und Geldexpansionsprogramms (<i>quantitative easing</i>) verk\u00fcndete. Die teilweise Abwendung des Regimes vom neoliberaliberalen Konstitutionalismus wie die Abl\u00f6sung nichtpolitischer Institutionen und Wirtschaftspolitiken durch die Re-Politisierung des Wirtschaftsmanagements sowie Erdo\u011fans dezisionistische Politikgestaltung kamen erschwerend hinzu, so dass es seit 2013 zu mehreren Einbr\u00fcchen der Wirtschaft und einer Instabilit\u00e4t derselben kam. Als diese Instabilit\u00e4t im Sommer 2018 ausgel\u00f6st durch einen diplomatischen Konflikt mit den USA zu einem <a href=\"https://www.researchgate.net/publication/333951280_The_Making_of_Turkey&#x27;s_2018-2019_Economic_Crisis\">schweren W\u00e4hrungsschock</a> f\u00fchrte, explodierten die Importkosten und Auslandsschulden des Privatsektors, was wiederum zu R\u00fcckzahlungsproblemen, Schuldenumstrukturierungen im Milliardengr\u00f6\u00dfe, einer Explosion der Inflation und zu einem Inflations-induzierten Konsumtionseinbruch f\u00fchrte.</p><p>Als die Corona-induzierte Wirtschaftskrise unter diesen Umst\u00e4nden einsetzte, intervenierte die Regierung zuerst in dreierlei Art und Weise, um Unternehmen zu st\u00fctzen. Zum einen wurde im M\u00e4rz ein <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/03/19/saraylara-milyarlik-koruma-kulubelere-kolonya/\">Konjunkturpaket</a> im Umfang von 100 Milliarden T\u00fcrkischen Lira (TL) (derzeit etwas weniger als 11,5 Milliarden Euro) verabschiedet, das haupts\u00e4chlich aus Steuererleichterungen und Lohnnebenkostenhilfen bestand, aber fast nichts f\u00fcr die Werkt\u00e4tigen selbst beinhaltete. Zum zweiten intervenierte die Regierung mittels Zentralbank (TCMB) und anderen \u00f6ffentlichen Banken massiv in den Finanzmarkt und den Au\u00dfenhandel, um einen weiteren Fall der Lira angesichts der sich tr\u00fcbenden Weltwirtschaftslage und der <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-market-volatility-lira.html\">einsetzenden Kapitalflucht</a> von etwas mehr als 11 Milliarden US-Dollar in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres zu verhindern. Das beinhaltete den <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-04/turkish-lira-rates-blow-out-to-1000-after-currency-intervention\">Verkauf von Devisenreserven</a> der Zentralbank in einer Gr\u00f6\u00dfenordnung von grob 65 Milliarden US-Dollar von Anfang des Jahres bis Ende Juli, aber auch die Einf\u00fchrung von leichten Kapitalverkehrskontrollen und Handelsbeschr\u00e4nkungen <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/05/13/turkiyede-rejim-sorunu-ile-ilgili-bir-tartisma/\">wie</a> die Beschr\u00e4nkung des Devisenhandels und die Erh\u00f6hung von <a href=\"https://ahval.me/turkey-imports/turkeys-finance-minister-vows-press-measures-curb-imports\">Importz\u00f6llen</a> auf <a href=\"https://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/arbeitspapiere/CATS_Working_Paper_Nr_5_Doruk_Arbay.pdf\">mittlerweile</a> fast 5000 Waren. Drittens stieg die Kreditvergabe an angeschlagene Unternehmen zu <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-06-16/post-lockdown-turkey-snapshot-shows-economic-damage-hard-to-undo\">realen Negativzinsen</a> \u00fcber \u00f6ffentliche Banken <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-17/turkey-s-homemade-economic-pain-won-t-cost-traders-any-sleep\">explosionsartig</a>.</p><p>Inmitten dieses Corona-Einbruchs und der Krisenma\u00dfnahmen setzte pl\u00f6tzlich erneut ein <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkish-lira-falls-two-percent.html\">schwerer W\u00e4hrungsschock</a> im August ein. Als der Tagessatz f\u00fcr TL-Swaps<b> [5]</b> in London in der <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-04/turkish-lira-rates-blow-out-to-1000-after-currency-intervention\">Nacht des 4. August</a> auf unglaubliche 1050 Prozent sprang \u2013 weil die schon erw\u00e4hnten <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/swap-yabanci-banka-yasagi-ve-ekonomi-yonetiminin-buyuk-acmazi,26692\">Kapitalrestriktionen</a> f\u00fcr ausl\u00e4ndische Banken und Restriktionen von <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/05/albayrak-reassures-investors-turkish-lira-falls.html\">TL-Swaps</a> zu einer TL-Krise von Anlegern und daran anschlie\u00dfend zu einem Panikverkauf von TL-dotierten Aktien und Wertpapieren zwecks Beschaffung von Liquidit\u00e4t in TL f\u00fchrte \u2013 fiel der Wert der Lira ins Bodenlose: Seit Anfang des Jahres bis zum 17. September verlor die Lira fast 27 Prozent gegen den <a href=\"https://www.dunya.com/finans/doviz/SUSD/abd-dolari\">US-Dollar</a> und 32 Prozent gegen\u00fcber dem <a href=\"https://www.dunya.com/finans/doviz/SEUR/euro\">Euro</a>, den zwei f\u00fcr die t\u00fcrkische Wirtschaft wichtigsten Auslandsw\u00e4hrungen. Relativ schnell gingen die <a href=\"https://www.ft.com/content/cb70275f-8b7d-453c-9184-6d65815a8b10\">Nettoreserven</a> der TCMB \u2013 ausschlie\u00dflich Swaps \u2013 ins Negative und die TCMB musste <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/07/turkey-central-bank-peg-legged-foreign-currency-reserves.html\">Swapdeals</a> mit Qatar, China und den Privatbanken der T\u00fcrkei abschlie\u00dfen, um die Lage zu retten \u2013 was nicht viel brachte, da nun die negativen Nettoreserven exklusive Swaps der TCMB die Situation versch\u00e4rften. Weil Erdo\u011fan seit Jahren gegen die Erh\u00f6hung des Leitzinses ist \u2013 und zwar nicht, weil er ein Idiot ist oder an eine \u00bbheterodoxe Wirtschaftstheorie\u00ab glaubt, sondern weil er zurecht die Vernichtung der kleinen und mittleren Unternehmen, eines wichtigen Elements seiner popularen Basis durch h\u00f6here Zinsraten bef\u00fcrchtet \u2013, blieb der TCMB nichts anderes \u00fcbrig als im Prinzip eine <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-turkish-lira-usd-policy-reversal-pose-erdogan-risks.html\">180\u00b0-Wendung</a> in der Krisenbek\u00e4mpfung hinzulegen: Der massiven Kreditexpansion folgte eine ebenso massive <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-economy-external-debt-crunch-family-silver-will-next.html\">Kreditkontraktion</a> und die TCMB fing an durch die <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-08-17/pressure-mounts-on-central-bank-as-lira-declines-inside-turkey\">Hintert\u00fcr</a> die Zinsraten zu erh\u00f6hen, obzwar der Leitzins unver\u00e4ndert blieb.</p><p>Vergeblich die Tausend Bem\u00fchungen der Sterblichen: Die Lira st\u00fcrzt weiter und Expert*innen gehen davon aus, dass der TCMB <a href=\"https://www.bloomberght.com/yurt-disi-ve-yurt-icinden-ekonomistler-tcmb-faiz-kararini-degerlendirdi-2262661\">so langsam</a> die Alternativen zur Erh\u00f6hung des Leitzines ausgehen, <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-central-bank-keeps-interest-rates.html\">da</a> die negativen Realzinsen Investitionen behindern und Druck auf Bankeinlagen erzeugen, weil Konsument*innen wegen Furcht vor Kaufkraftverlust ihr Geld abziehen und in sicherere Anlagen wie Immobilien oder Wertmetalle deponieren. <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/09/turkey-drastic-tax-hike-on-car-imports-to-suppress-demand.html\">Goldimporte</a> belegen mittlerweile mit einem Anstieg von 119 Prozent in den ersten acht Monaten des Jahres gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum Platz eins im Leistungsbilanzdefizit der T\u00fcrkei und die Regierung zerbricht sich den Kopf dar\u00fcber, wie sie all die Sch\u00e4tze, die <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-09-11/turkey-has-new-plan-to-crack-open-under-the-mattress-gold-hoard\">unter den Matratzen</a> versteckt werden und fast halb so viel wert sind wie das Bruttoinlandsprodukt der T\u00fcrkei, in das Finanzsystem \u00fcberf\u00fchren kann. Gleichzeitig <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-09-17/turkish-bank-stocks-dumped-by-foreigners-sink-to-record-discount\">fallen</a> die Aktienpreise t\u00fcrkischer Banken stark wegen sinkender Profitaussichten (da realer Negativzins) und private Haushalte investieren immer mehr nicht mehr nur in ausl\u00e4ndische W\u00e4hrungen, die <a href=\"https://www.tcmb.gov.tr/wps/wcm/connect/122c325c-6afd-4718-8573-49f75964ff34/Money_Bank.pdf?MOD=AJPERES&amp;CACHEID=ROOTWORKSPACE-122c325c-6afd-4718-8573-49f75964ff34-nirR1xf\">mittlerweile</a> \u00fcber 50 Prozent aller Bankeinlagen ausmachen, sondern in <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-09-15/turks-are-yield-hunting-as-lira-s-woes-deepen-love-for-dollars\">Eurobonds</a> (Wertpapiere in ausl\u00e4ndischer W\u00e4hrung), weil diese h\u00f6here Profite versprechen als W\u00e4hrungseinlagen. Ob die von der TCMB am 24. September vorgenommene <a href=\"https://www.tcmb.gov.tr/wps/wcm/connect/en/tcmb+en/main+menu/announcements/press+releases/2020/ano2020-58\">Erh\u00f6hung des Leitzinses</a> um 200 Basispunkte von 8,25 Prozent auf 10,25 Prozent einen wirklichen Trendwechsel im Krisenmanagement markiert, wird sich noch zeigen, <a href=\"https://www.bloomberght.com/uzmanlar-merkez-in-surpriz-faiz-artirimini-degerlendirdi-2265168\">vor allem</a> da der de facto Zins wegen den Hintert\u00fcr-Ma\u00dfnahmen schon h\u00f6her liegt und 10,25 Prozent immer noch einen realen Negativzins darstellen. Berat Albayrak hingegen ist weiterhin erpicht darauf, seine k\u00fcnstlerische Dauerperformance mit dem Titel \u00bbFinanzminister der T\u00fcrkei\u00ab weiter aufzuf\u00fchren: <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-09-09/q-a-turkey-s-finance-minister-comments-on-economy-lira-energy\">Seiner Ansicht nach</a> werde \u00bbdynamisch\u00ab mit der Situation umgegangen und gewinne die T\u00fcrkei wegen einer \u00bbkompetetiven W\u00e4hrung\u00ab, was zu einem H\u00f6henflug f\u00fchren werde.</p><p>Fast alle diese Ma\u00dfnahmen der Regierung <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/06/12/buyurun-yatirima/\">widersprechen</a> strengen Dogmen des Neoliberalismus. Es scheint aber zu fr\u00fch, um deshalb schon von einem <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/05/13/turkiyede-rejim-sorunu-ile-ilgili-bir-tartisma/\">Post-Neoliberalismus</a> in der T\u00fcrkei als eines eigenen Akkumulationsregimes zu sprechen, wie es der marxistische Wirtschaftswissenschaftler \u00dcmit Ak\u00e7ay zu tun scheint. Ebenso verkehrt ist es, von einem <a href=\"https://www.zedbooks.net/shop/book/turkeys-new-state-in-the-making/\">neuen Neoliberalismus</a> in der T\u00fcrkei zu sprechen, wie es die Marxistin P\u0131nar Bedirhano\u011flu schon seit l\u00e4ngerem tut. Neoliberalismus l\u00e4sst sich nicht allein verstehen mittels eines Blicks auf das Verh\u00e4ltnis von Kapital und Arbeit; es muss auch noch das Verh\u00e4ltnis von Staat und Kapital und letztlich die Gesellschaftsformation als Ganze in Betracht gezogen werden. Die <a href=\"https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Studien/Studien_6-19_Globalisierung.pdf\">schwierige</a>, teils <a href=\"https://emedien.arbeiterkammer.at/viewer/image/AC15181468/1/LOG_0003/\">widerspr\u00fcchliche</a> Beziehung zwischen autorit\u00e4ren Populisten an der Macht, dem Neoliberalismus und den f\u00fchrenden Fraktionen des Gro\u00dfkapitals wurde von kritischen Forscher*innen global vergleichend herausgearbeitet. Ob es sich in der T\u00fcrkei bez\u00fcglich der politischen \u00d6konomie derzeit um einen \u00dcbergang zu einer anderen Akkumulationsweise oder gar zu einem neuen Neoliberalismus handelt, l\u00e4sst sich gar nicht so genau angeben, da sich die T\u00fcrkei in dieser Hinsicht derzeit eher in einem instabilen Krisenregime befindet, um dessen Stabilisierung unterschiedliche Akteure auf Grundlage unterschiedlicher Interessen und strategischen Vorstellungen miteinander fechten. Re-Politisierung des Wirtschaftsmanagements, eine viel zu starke und unkontrollierte Autonomie der Exekutive, Isolation in der Au\u00dfenpolitik und gesellschaftliche Polarisierung beschr\u00e4nken und behindern auch in der T\u00fcrkei die Mobilit\u00e4t, Stabilit\u00e4tsinteressen und Kontrolle der f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals, weswegen sich der gr\u00f6\u00dfte Interessenverband des Gro\u00dfkapitals, T\u00dcSIAD, seit 2013 durchgehend diesbez\u00fcglich beschwert.</p><p>Auch w\u00e4hrend der Corona-Pandemie betonte der T\u00dcSIAD, dass <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/05/turkey-reopens-coronavirus-curfew.html\">zu fr\u00fche Lockerungen</a> gef\u00e4hrlich sind, eine <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/05/27/tusiad-ve-musiad-firsati-nasil-goruyor/\">Importsubstitution</a> gro\u00dfe Sch\u00e4den verursacht, dass Frauenrechte <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tusiad-istanbul-sozlesmesi-yasatir,891479\">zu achten</a> sind und <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/tusiad-baskani-kaslowski-algi-yonetimi-yetmez-piyasayla-barisilmali-haberi-480401\">letztlich</a> dass ein politisiertes und Kredit-basiertes Wirtschaftsmanagement nicht funktioniert und stattdessen ein produktives Update des t\u00fcrkischen Kapitalismus vonn\u00f6ten ist. Selbstverst\u00e4ndlich sind es aber zugleich die f\u00fchrenden Fraktionen des Gro\u00dfkapitals in der T\u00fcrkei, die am meisten von der Wirtschaftspolitik der Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) profitierten \u2013 sei es durch Privatisierungen, Flexibilisierung der Arbeitsverh\u00e4ltnisse oder dem Zufluss von ausl\u00e4ndischem Kapital. Daher sehen sie die derzeitige Krise auch als <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/05/27/tusiad-ve-musiad-firsati-nasil-goruyor/\">gro\u00dfe Chance</a>: Die Interessenverb\u00e4nde des Gro\u00dfkapitals, ob nun eher islamisch-konservativ (M\u00dcSIAD) oder westlich-laizistisch (T\u00dcSIAD) orientiert, reden davon, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen sei, China in der globalen Wertsch\u00f6pfungskette zu ersetzen. Die vorgeschlagenen Mittel sind dystopisch: Die Rede ist von riesigen, abgeschotteten Industrie-St\u00e4dten mit rechtlosen Arbeitskr\u00e4ften und einem elektronischen \u00dcberwachungspanopticon unter dem Deckmantel der Pandemiebek\u00e4mpfung. Gleichzeitig arbeitet die Regierung auf Anweisung von Erdo\u011fan an Gesetzen, um das Abfindungsrecht massiv einzuschr\u00e4nken und Teilzeitarbeit zu normalisieren. Der linke Gewerkschafter Aziz \u00c7elik warnt, auf dem Hintergrund der oben erw\u00e4hnten Erfahrung mit dem \u00bbgeschlossenen Arbeitssystem\u00ab bei Vestel, zu Recht vor \u00bb<a href=\"https://www.birgun.net/haber/covid-19-covid-1984-olmasin-salgin-ve-calismanin-gelecegi-301297\">Covid-1984</a>\u00ab.</p><p>F\u00fcr die Armen und Mittellosen hat der Staat jedenfalls so gut wie nichts \u00fcbrig. Das Kurzarbeitergeld f\u00fcr formell Besch\u00e4ftigte beschr\u00e4nkt sich auf etwas weniger als f\u00fcnf Euro pro Tag. <a href=\"https://www.birgun.net/haber/salgin-doneminde-yoksula-ve-isciye-verilen-destek-yeterli-mi-sosyal-koruma-kalkani-gercekleri-310519\">Davon</a> und von \u00e4hnlichen Zuwendungen profitierten zwar grob sechs Millionen Arbeiter*innen bis Anfang August. Aber allein die Unterst\u00fctzungszahlungen des staatlichen Arbeitslosenfonds <a href=\"https://www.birgun.net/haber/salgin-doneminde-yoksula-ve-isciye-verilen-destek-yeterli-mi-sosyal-koruma-kalkani-gercekleri-310519\">an Unternehmen</a> (!) seit 2019 bis heute sind h\u00f6her als die Gesamtsumme an Kurzarbeitergeldern, die der Fonds im Zuge der Corona-Pandemie an Werkt\u00e4tige und Arbeitslose auszahlte. Auch die <a href=\"https://bizbizeyeteriz.gov.tr/\">offiziellen Zahlen</a> des Pr\u00e4sidialamtes zeigen auf, dass alle Unterst\u00fctzungszahlungen f\u00fcr Werkt\u00e4tige bis Anfang September grob ein Drittel so gro\u00df waren wie das unternehmensfreundliche Hilfspaket vom M\u00e4rz. Also appellierte der Staat an die Bev\u00f6lkerung das zu tun, was eigentlich Aufgabe des Staates ist, n\u00e4mlich sich um Menschen in Notlagen zu k\u00fcmmern: Fast zeitgleich riefen Erdo\u011fan wie die von der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP) gef\u00fchrten Stadtregierungen separat zu Spendenkampagnen f\u00fcr Bed\u00fcrftige auf. Die offizielle Kampagne von Erdo\u011fan konnte nach eigenen Angaben bis zum 30. Juni etwas weniger als 280 Millionen Euro zusammentragen. Die ganze Misere macht sich allerdings erst auf lokaler Ebene fest: Zur bisherigen Hochzeit der Pandemie im Mai beantragten <a href=\"https://t24.com.tr/haber/istanbul-da-her-7-haneden-biri-belediyeden-yardim-istedi-en-fazla-destek-alan-ilceler-esenyurt-bagcilar-sultangazi,877743\">ein Siebtel</a> aller Istanbuler Haushalte, mehrheitlich aus den \u00e4rmsten Vierteln, individuelle Hilfsleistungen bei der Stadtregierung; in Ankara wurden bis Ende Mai G\u00fcter im Wert von \u00fcber 30 Millionen TL (grob 3,4 Millionen Euro) durch die Vermittlung der Stadtregierung an Bed\u00fcrftige gespendet. Laut eigenen Angaben <a href=\"https://www.birgun.net/haber/chp-li-torun-uyardi-belediyelerimiz-kapisina-kilit-vurmak-zorunda-kalabilir-300761\">versorgten</a> CHP-gef\u00fchrte Kommunen bis Ende Mai insgesamt mehr als vier Millionen Familien mit Hilfen. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-baskani-istanbul-vakfi-na-yapilan-bagislar-hedefinin-ustune-cikti-130-bin-ihtiyac-sahibi-ailemizin-evine-kurban-eti-ulasacak,894341\">Diese</a> und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-in-afiyet-ver-kampanyasina-24-saatte-1-milyon-650-bini-askin-lira-destek,893007\">\u00e4hnliche</a> Kampagnen gingen weiter bis zum Opferfest (<i>kurban bayram\u0131</i>). Das war dem Regime ein Dorn im Auge.</p><h2><b>Versuche autorit\u00e4rer Konsolidierung</b></h2><p>Die Corona-Pandemie und ihre Bek\u00e4mpfung leiteten Akt Zwei im Kampf um die Gro\u00dfst\u00e4dte ein. Nachdem das Regime bei den <a href=\"https://revoltmag.org/articles/politisches-erdbeben-istanbul/\">Kommunalwahlen letzten Jahres</a> fast alle wichtigen Gro\u00dfst\u00e4dte inklusive Istanbul und Ankara verlor, wurde es seine Leitlinie, die oppositionellen CHP-B\u00fcrgermeister finanziell lahmzulegen und ihren Handlungsspielraum \u00fcber die noch von den Regime-Parteien dominierten Stadtparlamente zu <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-akp-grabs-authority-of-mayors-with-chp-istanbul-chora.html\">blockieren</a>. So sollte verhindert werden, dass die Opposition \u00fcber erfolgreiche Lokalpolitik an Fahrt aufnimmt. Als nun die CHP-B\u00fcrgermeister ihre eigenen lokalen Spendenkampagnen ins Leben riefen, <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-52127212\">intervenierte</a> das Innenministerium sofort und verbot die Annahme von monet\u00e4ren Spenden seitens der Stadtregierungen. Erdo\u011fan sprach vom Versuch, einen <a href=\"https://www.dw.com/tr/erdo%C4%9Fan-devlet-i%C3%A7inde-devlet-olman%C4%B1n-bir-anlam%C4%B1-yoktur/a-52982162\">Parallelstaat</a> aufzubauen, und verglich das Vorgehen der B\u00fcrgermeister mit <a href=\"https://medyascope.tv/2020/04/20/cumhurbaskani-erdogandan-chpli-belediyelere-bu-tur-tesebbusler-gecmiste-feto-ve-pkk-gibi-orgutler-tarafindan-da-denenmisti/\">Terrorismus</a>.</p><p>Daraufhin wichen die Stadtregierungen auf Naturalhilfen und die Vermittlungst\u00e4tigkeit von Spenden aus. Die Rechnung der Regierung ging somit nicht auf: Die <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/avrasya-arastirma-dan-anket-secimler-yenilense-mevcut-buyuksehir-belediye-baskanina-oy-verir-misiniz,9966\">Zustimmungswerte</a> f\u00fcr die oppositionellen B\u00fcrgermeister*innen und ihre Parteien steigen kontinuierlich; Opposition und AKP beziehungsweise Erdo\u011fan nehmen sich in Umfragen nicht mehr viel. Gleichzeitig brechen aber die Einnahmen der St\u00e4dte ein, und die Regimeparteien reduzieren oder blockieren Finanzmittel und Kreditaufnahme. Schon jetzt k\u00fcndigt der Istanbuler B\u00fcrgermeister Imamo\u011flu (CHP) ein <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/ibbden-ek-tasarruf-hamlesi-tum-birimlere-yazi-gitti-1745673\">K\u00fcrzungsprogramm</a> von 35 Prozent in allen Ressorts an. Wie lange die Ressourcen der oppositionellen B\u00fcrgermeister reichen, ist ungewiss.</p><p>Um die schwindende Legitimation auszugleichen, griff das Regime auf seine altbekannten Taktiken autorit\u00e4rer Konsolidierung zur\u00fcck. Zum einen ging die Repression, insbesondere gegen die linke, pro-kurdische Demokratische Partei der V\u00f6lker (HDP), nahtlos weiter: <a href=\"https://pomed.org/snapshot-democracy-denied-unfair-elections-and-overturned-results-for-turkeys-kurds/\">Mittlerweile</a> sind fast alle HDP-B\u00fcrgermeister*innen wegen \u00bbTerrorverdachtes\u00ab abgesetzt, drei <a href=\"https://yetkinreport.com/2020/06/05/uc-vekil-daha-hapiste-meclis-vesayet-altinda/\">Parlamentarier*innen</a> (zwei von der HDP, einer von der CHP) wurden teils zeitweise inhaftiert, missliebige Richter*innen wie die Vorsitzende der Richter*innengewerkschaft Ay\u015fe Sar\u0131su Pehlivan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/izmir-hakimi-orhan-gazi-ertekin-e-grup-yorum-paylasimi-sorusturmasi,878748\">strafversetzt</a> oder vom Dienst <a href=\"http://www.cumhuriyet.com.tr/haber/hakim-ayse-sarisu-pehlivan-gorevden-uzaklastirildi-1738967\">suspendiert</a>. Erst <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/09/25/kars-belediyesi-es-baskani-sevin-alaca-ayhan-bilgenin-evi-araniyor/\">heute</a> wurde wieder zu einem gro\u00dfen Schlag gegen HDP und andere Linke in mehrere St\u00e4dten ausgeholt: 82 Personen, darunter ehemalige Parlamentarier*innen wie S\u0131rr\u0131 S\u00fcrreyya \u00d6nder oder Altan Tan, wurden festgenommen unter den abstrusesten Terrorvorw\u00fcrfen.</p><p>Aber Repression und Autoritarismus sind auch ein mobilisierendes Mittel der Herrschaftssicherung, sofern sie in der Lage sind, eine autorit\u00e4re Basis aufzubauen, die den autorit\u00e4ren Staat st\u00fctzt und selbst wiederum von ihm gest\u00fctzt und aufgewertet wird. Das funktioniert partiell. <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkey-minorities-threats-attacks.html\">Drei armenische Kirchen</a> wurden innerhalb eines Monats angegriffen, die Hrant-Dink-Stiftung hat Todesdrohungen bekommen, die <a href=\"https://sendika63.org/2020/05/beldeki-silah-kanun-olunca-polis-siddeti-dur-durak-bilmedi-darp-tehdit-kufur-ve-ters-kelepce-588411/\">allt\u00e4gliche Polizeigewalt</a> hat zugenommen, ebenso anti-kurdische \u00dcbergriffe. Eine AKP-Anh\u00e4ngerin konnte live im Fernsehen dar\u00fcber <a href=\"https://t24.com.tr/haber/15-temmuz-boslugumuza-geldi-istediklerimizi-yapamadik-diyen-sevda-noyan-ifadesinde-geri-adim-atti-bos-bulunarak-soyledim-ozur-dilerim,881744\">fantasieren</a>, dass ihre Familie mindestens ein paar Dutzend Oppositionelle umbringen kann. Kein Wunder, dass unz\u00e4hlige kleine Despot*innen wie Pilze aus dem Boden schie\u00dfen, wenn der Staatspr\u00e4sident gegen die \u00bbarmenische und griechische Lobby\u00ab wettert, das Innenministerium Folter durch die Polizei verteidigt und generell von den h\u00f6chsten Staatsspitzen aus eine extrem polarisierende und chauvinistische Rhetorik gegen Oppositionelle und Minderheiten gefahren wird. Die R\u00fcckwandlung der <a href=\"https://www.jadaliyya.com/Details/41518/What-Is-in-a-Place-Hagia-Sophia-in-the-Affective-Topography-of-Populism-in-Turkey-41518\">Hagia Sophia</a> in eine Moschee mit bis zu 300.000 Beteiligten beim ersten Freitagsgebet vom 24. Juli diente demselben Ziel der Konsolidierung der Regimebasis durch einen rasenden nationalistisch-islamistischen Chauvinismus.</p><p>Gleichzeitig wurde ein <a href=\"https://t24.com.tr/haber/infaz-sureleri-yariya-iniyor-cinsel-dokunulmazliga-karsi-suclarda-indirim-yok,869946\">Gesetz</a> verabschiedet, das die Entlassung von bis zu 90.000 Straft\u00e4tern aus den Gef\u00e4ngnissen erm\u00f6glichte \u2013 politische Gefangene ausgenommen. Frauenorganisationen f\u00fchren unter anderem darauf den <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/04/turkey-domestic-violence-rises-coronavirus.html\">Anstieg von Gewalt an Frauen</a> zur\u00fcck. Mittlerweile wird offen \u00fcber einen Austritt aus der Istanbul-Konvention debattiert, die der Pr\u00e4vention von h\u00e4uslicher Gewalt und Gewalt gegen Frauen dient. Als der oberste Religionsgelehrte des Landes seitens der Anwaltskammer von Ankara stark kritisiert wurde, weil er \u00f6ffentlich \u00e4u\u00dferte Homosexuelle w\u00fcrden Krankheiten verbreiten und zur Degeneration beitragen, stellte sich Erdo\u011fan hinter den Religionsgelehrten und sah die \u00bb<a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-ankara-barosu-na-diyanet-isleri-baskani-miza-kullanilan-uslup-devletimize-yapilan-bir-saldiridir,875302\">nationalen Werte</a>\u00ab in Gefahr. \u00c4hnlich <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkey-lgbt-propaganda-red-crescent.html\">ausfallend</a> \u00fcber LGBTI+ \u00e4u\u00dferten sich der Vorsitzende des Roten Halbmondes in der T\u00fcrkei und der Pr\u00e4sidentensprecher, w\u00e4hrend seitens der AKP als eines der <a href=\"https://www.turkiyegazetesi.com.tr/gundem/726030.aspx\">Hauptargumente</a><i> gegen</i> (!) die Istanbul-Konvention die angebliche F\u00f6rderung von LGBT-Identit\u00e4ten durch dieselbe angef\u00fchrt wird. War die Anrufung einer autorit\u00e4ren, patriarchalen Heteronormativit\u00e4t <a href=\"https://www.advocate.com/commentary/2020/9/01/turkeys-government-using-antigay-hate-retain-power\">stets ein beliebtes Mittel</a> der AKP, so <a href=\"https://www.theguardian.com/world/2020/aug/29/grumpy-virgin-bows-out-drag-becomes-political-act-turkey\">radikalisiert</a> sich diese angesichts von Corona und gender-basierter<i> hate speech</i> von oben f\u00fchrt zu gender-basierter Gewalt von unten: Die LGBTI+-Organisation SPoD berichtet von einer Verdopplung von <a href=\"http://spod.org.tr/SourceFiles/pdf-2020623151720.pdf\">Hilfegesuchen</a> wegen gender-basierter Diskriminierung und Gewalt in den 45 Tagen seit jenen \u00c4u\u00dferungen des obersten Religionsgelehrten.</p><p>Auch institutionell wurden Schritte zur autorit\u00e4ren Verankerung unternommen: Ein Gesetzespaket gab der zus\u00e4tzlich zur Polizei neu gegr\u00fcndeten und \u00fcber 20.000 Mann starken Sicherheitsstruktur der Nachtw\u00e4chter (<i>bek\u00e7i</i>) das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tbmm-de-kabul-edildi-bekciler-zor-ve-silah-kullanma-yetkisine-sahip-olacak,883391\">Recht zur Waffennutzung</a>. Diese steht mutma\u00dflich der Regierung nahe und f\u00e4llt durch <a href=\"https://newhumanist.org.uk/articles/5678/watching-the-watchmen\">brutale \u00dcbergriffe</a> auf. Eine andere relativ autonome und haupts\u00e4chlich dem hohen Staatspersonal zugeordnete Sicherheitsstruktur innerhalb der bestehenden Polizei, die Hilfseinsatzkr\u00e4fte der Polizei (<i>Takviye Haz\u0131r Kuvvet Polis Birimi</i>), wurde <a href=\"https://t24.com.tr/haber/emniyet-istanbul-a-takviye-birlik-kuruyor,898229\">verst\u00e4rkt</a>. Zudem <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/akp-chp-ve-iyi-parti-gruplarini-ziyaret-ederek-uzlasi-aradi-1747282\">verabschiedeten</a> die Regimeparteien ein Gesetz, das die Macht der oppositionellen und mitgliedsst\u00e4rksten Anwaltskammern (Istanbul, Izmir und Ankara) <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/07/turkey-lawyers-bar-association-bill-parliament.html\">bricht</a> und die regimetreuen und mitgliedsschwachen anatolischen Anwaltskammern st\u00e4rkt. Angek\u00fcndigt ist ein \u00e4hnliches Vorgehen gegen fast alle restlichen relativ autonomen und regimekritischen Kammern (\u00c4rztekammer, Ingenieurskammer), w\u00e4hrend Erdo\u011fans Hauptb\u00fcndnispartner, der Chef der faschistischen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) Devlet Bah\u00e7eli gar gleich ganz die <a href=\"https://www.dw.com/tr/bah%C3%A7eli-ttbyi-incelemek-i%C3%A7in-heyet-kurduk/a-54981255\">Schlie\u00dfung der \u00c4rztekammer</a> fordert. Aus der Perspektive legislativer Macht ist das Parlament de facto dysfunktional geworden, da Erdo\u011fan in den zwei Jahren seiner Pr\u00e4sidentschaft nach dem neuen Pr\u00e4sidentschaftssystem mehrere Dutzend <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/08/20/aymden-2-yil-denetimi-91-basvuru-11-karar-6-ret/\">Gesetze</a> und Tausende von <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkey-executive-presidency-proved-to-be-fail-in-two-years.html\">Gesetzes\u00e4nderungen</a> in Form von Pr\u00e4sidialdekreten ohne Beteiligung des Parlaments und noch nicht einmal seiner eigenen Partei erlassen hat.</p><p>Nicht zuletzt nimmt das milit\u00e4rische Engagement der T\u00fcrkei zu. Nach mehreren Invasionen in die mehrheitlich kurdisch kontrollierten Teile Nord- und Nordwestsyriens (auch Rojava genannt) in den letzten Jahren, legte sich die T\u00fcrkei kurz vor Ausbruch der Pandemie mit dem syrischen Regime im letzten gr\u00f6\u00dferen, mehrheitlich von Jihadisten kontrollierten Gebiet in Nordwestsyrien, Idlip, an. Noch mitten in der Pandemie intervenierte die T\u00fcrkei zus\u00e4tzlich in Libyen zugunsten der \u00dcbergangsregierung (GNA) von as-Sarraj und konnte nicht nur deren totale Niederlage gegen General Hafter abwenden, sondern ihr sogar zu einer <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/05/turkey-libya-fall-of-wattiya-plays-into-hands-of-erdogan.html\">Offensive</a> verhelfen. Parallel dazu begann die T\u00fcrkei im Juni wieder mit mehreren Milit\u00e4roperationen im Irak, um logistische Strukturen der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zu zerschlagen. Zielt der Libyeneinsatz auf eine Gro\u00dfraumkontrolle im <a href=\"https://foreignpolicy.com/2020/08/18/eastern-mediterranean-greece-turkey-warship-geopolitical-showdown/\">\u00f6stlichen Mittelmeer</a> zwecks Zugriff auf Energieressourcen, so geht es in Syrien und im Irak eher um die Hegemonie im Nachkriegssyrien und die Zerschlagung kurdischer Autonomie. Und nat\u00fcrlich dient der Militarismus auch der Aufrechterhaltung des autorit\u00e4ren Regimes im Inneren.</p><p>Das in der Geschichte der T\u00fcrkischen Republik bisher einmalig breit aufgef\u00e4cherte au\u00dfenpolitische und milit\u00e4rische Auftreten entspricht zwar dem Aktionspotenzial des t\u00fcrkischen Kapitalismus und ist nur auf dem geschichtlichen Hintergrund <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/06/15/mavi-vatan-ve-turkiyenin-yeni-guvenlik-doktrini/\">neuer</a> <a href=\"https://www.iai.it/sites/default/files/iaip2017.pdf\">strategischer Perspektiven</a> und <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/08/turkey-africa-opening-fuels-cloud-wars-libya-somalia-niger.html\">Praktiken</a> zu verstehen, die unterschiedliche politische Eliten der T\u00fcrkei seit Ende der Sowjetunion <a href=\"https://warontherocks.com/2020/06/blue-homeland-the-heated-politics-behind-turkeys-new-maritime-strategy/\">entwickelten</a> und die wiederum einem <a href=\"https://www.washingtonpost.com/world/2020/08/10/treaty-sevres-erdogan-turkey/\">globalen Trend</a> zur Multipolarisierung entsprechen. Aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Schwerpunkten formuliert besteht der gemeinschaftliche Kern jener neuen strategischen Perspektiven darin, der T\u00fcrkei mehr Autonomie und Weltgeltung zu verschaffen mit dem Fokus auf die unmittelbare geographisch-kulturelle Umgebung der T\u00fcrkei beziehungsweise auf die sunnitisch-islamische Welt im Allgemeinen. Aber das derzeitige aggressive Vorgehen der Regierung bei der Umsetzung dieser Strategie erh\u00f6ht gleichzeitig die au\u00dfen- und innenpolitischen Risiken des Regimes. Nicht nur nimmt der Ertrag von \u00bb<a href=\"https://www.gmfus.org/publications/understanding-turkeys-coercive-diplomacy\">coercive diplomacy</a>\u00ab rapide ab, da ein einseitiger Fokus auf diese Taktik es der T\u00fcrkei verunm\u00f6glicht Demonstration milit\u00e4rischer St\u00e4rke in diplomatische Siege <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkey-libya-egypt-sirte-military-challenge-awaits-ankara.html\">umzuwandeln</a>. Zugleich muss die T\u00fcrkei nun aktiv gegen andere <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/09/14/dogu-akdenizde-u-donusu-mu/\">etablierte Interessen</a> wie die Russlands, \u00c4gyptens oder der Vereinigten Arabischen Emirate Politik machen. Die derzeitige exzessive Militarismus der T\u00fcrkei hat zu einer beispiellosen Isolation der T\u00fcrkei insbesondere in der arabischen Welt gef\u00fchrt: L\u00e4nder wie Bahrein, die Vereinigten Arabischen Emirate, \u00c4gypten und Israel, die bisher aus historischen Gr\u00fcnden nicht die besten Beziehungen miteinander unterhielten, haben sich <a href=\"https://www.middleeasteye.net/opinion/new-message-resounds-arab-world-get-ankara\">de facto</a> zu einem <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/09/turkey-israel-uae-deal-ankara-became-bane-of-arab-regimes.html\">Block gegen</a> die t\u00fcrkisch-imperialistischen Ambitionen zusammengeschlossen. Gleichzeitig bringt sich das Regime wegen der militarisierten Politik immer mehr um eine integrative L\u00f6sung der sogenannten \u00bbKurdischen Frage\u00ab nicht nur im Inneren der T\u00fcrkei.</p><h2><b>W\u00f6lfe unter sich</b></h2><p>Erdo\u011fan ist zwar als Staatspr\u00e4sident de jure die h\u00f6chste Macht im Staate, aber wie in allen autorit\u00e4ren Staaten regiert auch in der T\u00fcrkei kein Mann allein, sondern die W\u00f6lfe sind unter sich. Umso mehr Dezisionismus Konstitutionalismus ersetzt, umso mehr kristallisiert sich ein <a href=\"https://www.jstor.org/stable/pdf/40185021.pdf\">polykratischer F\u00fchrerstaat</a> heraus, in dem Machtgruppen miteinander ebenfalls dezisionistisch und unter Anrufung Erdo\u011fans als letzten Richter und gro\u00dfen Vermittler um Einfluss und Status konkurrieren. W\u00e4hrend sich die nationalistischen Fraktionen im Machtblock zunehmend durchsetzen, tun sich unterhalb Erdo\u011fans eine Reihe starker M\u00e4nner hervor, die nicht aus der Tradition des politischen Islams stammen. So der Innenminister Soylu, dessen von Erdo\u011fan abgelehnter R\u00fccktritt wegen des desastr\u00f6sen Vorgehens bei der ersten Ausgangssperre im Land \u2013 sie wurde vom Innenministerium zwei Stunden vor Inkrafttreten verk\u00fcndet, was zu einer <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sokaga-cikma-yasagi-aciklandiginda-panikle-disari-cikanlar-ne-aldi,873310%20\">Massenpanik</a> f\u00fchrte und Millionen auf die Stra\u00dfe zwecks Panikk\u00e4ufen trieb \u2013 weitestgehend als <a href=\"https://www.birartibir.org/siyaset/673-al-takke-yok-kulah\">erfolgreiches Machtman\u00f6ver</a> der nationalistischen Fraktion um Soylu gegen AKP-interne Kontrahent*innen gedeutet wird. Soylu ist mittlerweile einer der <a href=\"https://yetkinreport.com/2020/08/24/erdogana-halef-kim-albayrak-mi-soylu-mu-baskasi-mi/\">beliebtesten Politiker</a> im Land, insbesondere bei der Basis des Regimes, und wird als derjenige angesehen, der am besten dazu geeignet ist Erdo\u011fan zu ersetzen, sollte dieser den Vorsitz der AKP abgeben. Der Dezisionismus der unteren Ebenen kann dabei jederzeit vom Dezisionismus Erdo\u011fans gebrochen werden: Obwohl Innenministerium und Gesundheitsministerium \u2013 die beiden f\u00fcr die Pandemiebek\u00e4mpfung zentralen Ministerien \u2013 mit Zustimmung Erdo\u011fans am ersten Juniwochenende, als die \u00bbNormalisierung\u00ab eigentlich schon angefangen hatte, erneut eine Ausgangssperre f\u00fcr 15 St\u00e4dte beschlossen, <a href=\"https://odatv4.com/ikinci-soylu--koca-krizi-mi-05062043.html\">hob</a> Erdo\u011fan diesen Beschluss <a href=\"https://www.dw.com/tr/erdo%C4%9Fan-soka%C4%9Fa-%C3%A7%C4%B1kma-yasa%C4%9F%C4%B1n%C4%B1-iptal-etti/a-53694617\">nachtr\u00e4glich</a> auf, da er so etwas mit seinem \u00bbGewissen nicht vereinbaren\u00ab konnte. Als der Finanzminister Berat Albayrak 2018 im Zuge einer Offensive zur Rehabilitierung des Ansehens der t\u00fcrkischen Wirtschaftspolitik im Ausland ein B\u00fcro erschuf, das unter wesentlicher Beteiligung des internationalen Beratungsunternehmens McKinsey &amp; Company die Wirtschaftspolitik der t\u00fcrkischen Regierung \u00fcberpr\u00fcfen und bewerten sollte, <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2018/10/turkey-pins-hope-on-time-buying-measures-for-economy.html\">intervenierte</a> Erdo\u011fan innerhalb einer Woche und l\u00f6ste die Vereinbarung auf.</p><p>Auch das institutionelle Geflecht der Staatsapparate franst aus: Die Aufgabenteilung innerhalb der Exekutive ist mittlerweile unklar, da dem Pr\u00e4sidenten unterstehende Beratungsgremien und B\u00fcros <a href=\"https://www.academia.edu/38645550/Cumhurba%C5%9Fkanl%C4%B1%C4%9F%C4%B1_H%C3%BCk%C3%BCmet_Sistemi_ve_T%C3%BCrkiyede_Ekonomi_Y%C3%B6netiminin_D%C3%B6n%C3%BC%C5%9F%C3%BCm%C3%BC\">exekutive Arbeiten</a> wie die Planung des nationalen Wirtschaftsprogramms \u00fcbernehmen, die eigentlich jeweiligen Fachministerien wie dem Finanzministerium zugeordnet sein m\u00fcssten. Das f\u00fchrt zu einer <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/09/turkey-libya-syria-six-problems-aggressive-foreign-policy.html\">Erosion</a> des institutionellen Eigengewichts der jeweiligen Ministerien und ihrer relativ autonomen Traditionen und Operationsweisen wie beispielsweise des Au\u00dfenministeriums, das sich laut eines sich anonym \u00e4u\u00dfernden Diplomaten in einer \u00bb<a href=\"https://www.brookings.edu/wp-content/uploads/2019/01/20190111_turkey_presidential_system.pdf\">state of paralysis</a>\u00ab befindet. Politisierung und Klientelismus angef\u00fchrt durch den Pr\u00e4sidialapparat ersetzen so zunehmend auch die exekutive Arbeitsteilung in Ministerien, die selber immer mehr zu uneigenst\u00e4ndigen technokratischen Anh\u00e4ngseln des Pr\u00e4sidialapparats werden statt politische Entscheidungstr\u00e4ger zu sein. Wo Ministerien mal <a href=\"https://www.duvarenglish.com/columns/2020/09/16/two-names-to-watch-in-turkish-politics/\">initiativ hervorstechen</a> wie das Wirtschaftsministerium oder das Innenministerium, dann wegen ihrer jeweiligen Minister (Berat Albayrak beziehungsweise S\u00fcleyman Soylu), die im Kampf um Einfluss und Status Risikobereitschaft zeigen und eigenst\u00e4ndige Initiativen \u00fcbernehmen in der Hoffnung, dass Erdo\u011fan ihr Vorgehen absegnet.</p><p>Andererseits st\u00e4rkt der milit\u00e4rische Kurs den ehemaligen Generalstabschef und derzeitigen Verteidigungsminister Hulusi Akar, der zum wiederholten Male konkurrierende Gener\u00e4le strafversetzen lie\u00df oder zum <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/05/18/cihat-yayci-bahriyenin-onurunu-ezdirmek-istemedim/\">R\u00fccktritt</a> zwang. Nicht zuletzt gibt der Hauptb\u00fcndnispartner der AKP, die MHP, immer mehr den Ton in der Regierungspolitik an. Als ein gro\u00dfer Erfolg der MHP in Pandemiezeiten kann gewertet werden, dass der faschistische Auftragsm\u00f6rder Alaattin \u00c7ak\u0131c\u0131, ein gl\u00fchender MHP-Anh\u00e4nger, nach 16 Jahren Haft wegen Mordes <a href=\"https://t24.com.tr/haber/yeni-infaz-yasasi-yla-tahliye-edilen-organize-suc-orgutu-lideri-alaattin-cakici-dan-erdogan-ve-bahceli-ye-tesekkur-mektubu,873273\">fr\u00fchzeitig freigelassen</a> wurde. Erdo\u011fan sperrte sich bis zuletzt gegen eine Amnestie, mutma\u00dflich weil er eine zu starke MHP f\u00fcrchtete. Offensichtlich haben sich die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse innerhalb des Regimes verschoben. \u00c4hnlich der Fall des nationalistisch-islamistischen Intellektuellen <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/24/mumtazer-turkone-tahliye-edildi/\">M\u00fcmtaz\u2019er T\u00fcrk\u00f6ne</a>: Seit 2016 inhaftiert \u2013 absurderweise wegen G\u00fclen-N\u00e4he \u2013, verlangte Bah\u00e7eli im Fr\u00fchjahr 2020 dessen Freilassung, was gestern vom Kassationshof tats\u00e4chlich vollzogen wurde.</p><p>Was die hohe Justiz angeht, dringt genug durch, dass wir feststellen k\u00f6nnen, dass es einen <a href=\"http://www.diken.com.tr/post-cemaat-doneminde-yargida-savas-dost-ve-dusman-yeniden-belirlenirken/\">intensiven Machtkampf</a> gibt zwischen unterschiedlichen islamistischen Gruppierungen, die zusammen genommen Weg der Rechtschaffenheit (<i>Hakyol</i>) genannt werden und dem Justizminister Abd\u00fclhamit G\u00fcl nahestehen, der sogenannten <a href=\"https://tele1.com.tr/pelikanin-yeni-hedefi-hskdaki-istanbul-grubu-95071/\">Istanbuler Gruppe</a> mit N\u00e4he zu Albayrak und den \u00dcberresten einer nationalistisch-alevitisch-partiell linken Koalition, die sich organisiert in der Vereinigung f\u00fcr Einheit in der Judikative (<i>Yarg\u0131da Birlik Platformu</i>). W\u00e4hrend letztere <a href=\"https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/03932729.2015.1020651\">nach 2014</a> in die hohe Justiz aufgenommen wurden, um beim Kampf gegen den Einfluss der G\u00fclenisten zu helfen, werden sie jetzt sukzessive wieder aus den h\u00f6heren Posten verdr\u00e4ngt. Andererseits leistet die Istanbuler Gruppe Widerstand gegen Reformen des Justizministeriums, die eine oberfl\u00e4chliche Teilliberalisierung der politisierten Justiz beabsichtigen, weil diese au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t. Unter anderem daraus l\u00e4sst sich erkl\u00e4ren, warum einige Lokalgerichte weiterhin verbindliche Entscheidungen des Verfassungsgerichtes (AYM) <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tablo-anayasa-mahkemesi-baskani-nin-acikladigindan-da-vahim-ihlal-kararlari-da-ihlal-ediliyor,883719\">ignorieren</a> wie im Fall der Altan Br\u00fcder, und warum die Anzahl von Urteilen von unteren Gerichten, die das AYM wegen Verletzung des Rechts auf freies und faires Verfahren aufhob, <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/23/anayasa-mahkemesi-baskani-arslandan-soyluya-okumadan-anlamadan-elestirme/\">in die H\u00f6he</a> geschossen sind und mittlerweile \u00fcber 50 Prozent aller vom AYM revidierten Urteile ausmachen. <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/15/aym-uyesinden-soyluya-anayasali-yanit/\">Seit einigen Tagen</a> findet wieder ein haupts\u00e4chlich \u00fcber Medien ausgetragenes Wortgefecht zwischen Innenminister Soylu und dem Vorsitzendem des AYM, Z\u00fcht\u00fc Arslan statt, wobei <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/24/soylu-arslanin-aldiklarinin-yuzde-41ini-fetoden-ihrac-ettim/\">jener</a> das AYM daf\u00fcr kritisiert viel zu lax vorzugehen angesichts \u00bbterroristischer Gefahr\u00ab f\u00fcr die \u00bbnationale Sicherheit\u00ab, <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/gundem/2020/09/23/anayasa-mahkemesi-baskani-arslandan-soyluya-okumadan-anlamadan-elestirme/\">w\u00e4hrend</a> sich das AYM gegen eine Einmischung in die Unabh\u00e4ngigkeit der Justiz wehrt.</p><p>Aber da der Dezisionismus auf allen Ebenen des Staates Konstitutionalismus ersetzt, ist auch das AYM durchpolitisiert: Nicht nur spaltet es sich regelm\u00e4\u00dfig in zwei etwa gleich starke Lager bei Entscheidungen, bei denen es um politisch sensible Inhalte geht, wobei dann die eine H\u00e4lfte die Grundreiheiten, die andere die nationale Sicherheit hochh\u00e4lt. W\u00e4hrend erstere letztes Jahr mit einer Stimmenmehrheit von nur einer Stimme die Akademiker*innen f\u00fcr Frieden von allen Vorw\u00fcrfen <a href=\"http://bianet.org/english/law/210934-constitutional-court-freedom-of-expression-of-academics-for-peace-violated\">freisprach</a> und daf\u00fcr vom anderen Lager gebrandmarkt wurde, konnte letztere ebenfalls mit nur einer Stimme Mehrheit <a href=\"https://www.haberturk.com/aym-baskani-zuhtu-arslan-dan-osman-kavala-aciklamasi-2499520\">durchsetzen</a>, dass der liberale M\u00e4zen Osman Kavala wegen Gef\u00e4hrdung der nationalen Sicherheit nicht freigesprochen wurde, wogegen wiederum der Vorsitzende des AYM heftig protestierte. Die k\u00fcrzlich erfolgte <a href=\"https://jurnaltr.com/salgin-boyunca-900-hekim-istifa-etti-30-bin-saglik-calisani-koronaviruse-yakalandi/\">Aufhebung</a> des vom Innenministerium erlassenen Gesetzes zum Verbot von Versammlungen auf Autobahnen \u2013 diese Entscheidung f\u00fchrte zum Zwist zwischen AYM und Soylu \u2013 wurde ebenfalls mit nur einer Stimme Mehrheit, und zwar mit der des Vorsitzenden Z\u00fcht\u00fc Arslan beschlossen. Zugleich reproduziert aber das AYM im Gro\u00dfen die anti-konstitutionalistische Herangehensweise, die Lokalgerichte gegen das AYM bezeugen, namentlich wenn es aktiv ablehnt, sich bindenden Entscheidungen des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs f\u00fcr Menschenrechte <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/riza-turmen/aym-aihm-e-karsi,27568\">zu beugen</a>.</p><p>Moderatere Stimmen wie die B\u00fcrgermeisterin von Gaziantep, Fatma \u015eahin (AKP), die die Bezeichnung der Opposition als Terroristen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/fatma-sahin-cumhurbaskanimizin-belirledigi-politikalara-aykiri-beyanda-bulunmamiz-soz-konusu-olamaz,875008\">ablehnte</a>, sind mittlerweile innerhalb des regierenden Parteienblocks eine Rarit\u00e4t geworden. Die meisten gem\u00e4\u00dfigten Politiker*innen haben mittlerweile bei zwei AKP-Abspaltungen Zuflucht gefunden, der Partei f\u00fcr Demokratie und Fortschritt (DEVA) des ehemaligen Finanzministers der AKP, Ali Babacan und bei der Zukunftspartei (GP) des ehemaligen Au\u00dfen- und Premierministers der AKP, Ahmet Davuto\u011flu. Vertritt Davuto\u011flu eher den islamisch-konservativen Fl\u00fcgel ehemaliger AKPler, so Babacan eher den liberal-konservativen Fl\u00fcgel. F\u00fcr beide ist allerdings klar, dass die Anfangsjahre der AKP bis 2013 eine Erfolgsstory waren, die zu wiederholen ist. Eine grundlegende Infragestellung des neoliberalen Akkumulationsregimes, das die AKP errichtete und das sich derzeit in einer tiefen Krise befindet, ist von diesen Parteien nicht zu erwarten. F\u00fcr die Regimeparteien ist die Formation dieser neuen Parteien aber trotzdem eine solche Gefahr, dass eine Zeit lang offen \u00fcber vorgezogene Neuwahlen diskutiert wurde um einem potenziellen Erstarken der neuen Parteien zuvorzukommen und <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/gundem/online-secim-gundemde-41611424\">derzeit</a> ein <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/08/27/mhpli-yildizdan-parti-kurmayi-zorlastiracak-teklif-hazirligi/\">Gesetzespaket</a> in Arbeit ist, das einerseits <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/mevcutta-5-ayri-yasaya-bagli-yapilan-secimlerle-ilgili-tek-yasa-cikarilmasi-gundemde-1741450\">gegen kleine Parteien</a> gerichtet ist und andererseits den Parteienwechsel von Parlamentarier*innen erschweren soll.</p><h2><b>Die andere T\u00fcrkei</b></h2><p>Es gibt aber auch eine andere T\u00fcrkei, die nicht so tickt wie das Wolfsrudel. Eine von der linken Konf\u00f6deration der Revolution\u00e4ren Arbeitergewerkschaften der T\u00fcrkei (DISK) <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-koronavirus-le-mucadelede-isciler-gozden-cikarildi,871051\">angek\u00fcndigte</a> organisierte Aus\u00fcbung des Rechts auf Arbeitsniederlegung wegen unmittelbar drohender Gefahr (Gesetz Nr. 6331 \u00fcber den Arbeitsschutz) durch Corona wurde zwar nie fl\u00e4chenweit umgesetzt; dennoch streikten Arbeiter*innen von sich aus beispielsweise in Dar\u0131ca/Kocaeli (Sarkuysan Elektronik Bak\u0131r), Diyarbak\u0131r (Diyarbak\u0131r Organize Sanayi B\u00f6lgesi), Istanbul (AKM Taksim) und Izmir (Akar Tekstil) wegen Infektionsf\u00e4llen und fehlendem Gesundheitsschutz. In Izmir demonstrierten Gesundheitsarbeiter*innen gegen Gehaltsk\u00fcrzungen und ausstehende Zusatzzahlungen, in Istanbul Bauarbeiter*innen bei Ofton Construction f\u00fcr die Auszahlung von zur\u00fcckgehaltenen L\u00f6hnen (mit Erfolg). In gr\u00f6\u00dferen Fabriken in Izmir und Istanbul wird neuerdings gegen ein geplantes Gesetz zur Zerschlagung des <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/turkish-unions-threaten-strike-severance-cuts.html\">Abfindungsrechts</a> protestiert, w\u00e4hrend K\u00e4mpfe gegen klassische<i> union busting</i>-Methoden wie die fristlose K\u00fcndigung von gewerkschaftlich organisierten Arbeiter*innen ebenfalls weiter gef\u00fchrt werden.<b> [6]</b></p><p>Auf der politischen Ebene stechen neben der erfolgreichen Anti-Korruptions- und Sozialpolitik der CHP-B\u00fcrgermeister die zwei gro\u00dfen Protestm\u00e4rsche der Anwaltskammern und der HDP im Juni sowie die Proteste von Fraueorganisationen gegen eine m\u00f6gliche Abschaffung der Istanbuler Konvention hervor. Die HDP hielt trotz aller Polizeirepression einen <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/06/hdp-turkey-democracy-rally-pressure-kurdish-parliament.html\">Demokratiemarsch</a> ab gegen die Absetzung ihrer B\u00fcrgermeister*innen und die Inhaftierung ihrer Parlamentarier*innen; die Anwaltskammern organisierten einen \u00bb<a href=\"https://t24.com.tr/haber/savunma-yuruyusu-ne-polis-engeli-ikinci-gunde-devam-ediyor-bilecik-barosu-baskanvekili-gozaltina-alindi,885999\">Verteidigungsmarsch</a>\u00ab gegen das Gesetzespaket zur Schw\u00e4chung der Anwaltskammern.</p><p>Ein Gro\u00dfteil des Dissens und des abweichenden Potenzials ist zwar nicht greifbar, offenbart sich aber in anonymisierten Umfragen. Deren Ergebnisse zeigen, dass <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/gundem/gezici-arastirma-merkezi-baskani-murat-gezici-sozcuye-acikladi-turkiyenin-kaderi-z-kusaginin-elinde-5867771/\">junge Menschen</a>, die 2018 zum ersten Mal w\u00e4hlen durften und bei den 2023 anstehenden Wahlen etwa 20 Prozent aller W\u00e4hler*innen ausmachen werden, in \u00fcberw\u00e4ltigender Mehrheit (\u00fcber 70 Prozent) nicht die Regimeparteien w\u00e4hlten und sich f\u00fcr Demokratie und Gerechtigkeit aussprechen. Ein <a href=\"https://t24.com.tr/haber/genclerin-yuzde-76-si-yurt-disinda-yasamak-istiyor-her-iki-gencten-biri-mutlu-degil,900749\">Gro\u00dfteil der Jugendlichen</a> f\u00fchlt sich von den in der Gesellschaft dominanten Werten wie Nationalismus oder Konservatismus nicht mehr angesprochen, ebenso wenig von den bestehenden Parteien. Bev\u00f6lkerungsrepr\u00e4sentative Umfragen ergeben ebenso, dass dieselben <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-deva-ve-gelecek-in-iktidara-karsi-el-yukseltmesi-ne-anlama-geliyor,881222\">demokratiefreundlichen Tendenzen</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-konda-demokrasi-raporu-nu-acikliyor,879984\">vorherrschen</a>, wenn auch abgeschw\u00e4chter und weit weniger ausgepr\u00e4gt, sobald spezifischer nach Rechten der Kurd*innen und Alevit*innen gefragt wird. Zudem <a href=\"https://www.karar.com/yeni-secmen-iktidara-soguk-1549800\">steigt</a> die Zustimmung zu <a href=\"https://t24.com.tr/haber/toplumun-yuzde-66-si-kadinlarin-yasadigi-en-buyuk-sorun-siddet-diyor,865730\">feministischen Themen</a> und nimmt die Entgegensetzung von Religi\u00f6sit\u00e4t und linker Politik ab. Ein <a href=\"https://t24.com.tr/haber/arastirma-akp-lilerin-yuzde-27-si-istanbul-sozlesmesi-nden-cekilmesini-onaylarken-yuzde-50-si-onaylamiyor,892925\">Gro\u00dfteil</a> der Bev\u00f6lkerung inklusive der AKP-Basis lehnt eine Abschaffung der Istanbuler Konvention ab. Sogar die Frauenorganisation der AKP <a href=\"https://yetkinreport.com/2020/08/03/ak-parti-zemininde-beliren-uc-fay-hatti/\">protestierte</a> vehement gegen eine m\u00f6gliche Abschaffung der Istanbuler Konvention (w\u00e4hrend sie sich allerdings zugleich sehr stark anti-LGBTQI+ positionierte), was zu <a href=\"https://bianet.org/1/8/228812-akp-li-kadinlar-dilipak-tan-sikayetci-oldu\">\u00dcberwerfungen</a> im Regimelager f\u00fchrte. Die \u00f6konomische Situation ist zum Hauptproblem der Bev\u00f6lkerung weit vor \u00bbTerror\u00ab, Au\u00dfenpolitik oder andere Themen ger\u00fcckt. Auch die Rekonversion der Hagia Sophia hat <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/avrasya-arastirma-son-anketini-acikladi-erdoganin-ve-akpnin-oylari-erimeye-devam-ediyor-1755335\">keinen Einfluss</a> auf potenzielles Wahlverhalten gehabt, da ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung glaubt, dass die Rekonversion vollzogen wurde um von \u00f6konomischen Schwierigkeiten <a href=\"https://themedialine.org/by-region/most-turks-believe-hagia-sophia-debate-politically-driven-poll-says/\">abzulenken</a>. Gleichzeitig mit einem demokratischen Grundkonsens in der breiten Bev\u00f6lkerung artikuliert sich allerdings auch ein <a href=\"https://www.americanprogress.org/issues/security/reports/2018/02/11/445620/turkey-experiencing-new-nationalism/\">aggressiver Nationalismus</a>, der nur m\u00e4\u00dfig bis gar nicht religi\u00f6s motiviert ist.</p><p>Auch in der weithin konservativen W\u00e4hler*innenbasis von AKP und MHP zeigen sich, wie <a href=\"https://www.hurriyetdailynews.com/akp-surveys-voters-amid-party-restructuring-116785\">schon</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mak-danismanlik-akp-tabaninda-koalisyona-hos-bakilmiyor-tek-adamlik-kaygisi-var,563070\">seit l\u00e4ngerem</a>, \u00e4hnliche Tendenzen auf: Wie eine neuere <a href=\"https://www.americanprogress.org/issues/security/reports/2020/08/24/489727/turkeys-president-erdogan-losing-ground-home/\">ausf\u00fchrliche Analyse</a> von Max Hoffman mittels Interviews in der urbanen Basis von AKP und MHP aufzeigen konnte, beschweren sich diese \u2013 und hierin insbesondere die Jugendlichen \u2013 weiterhin \u00fcber Korruption, Klientelismus, eine zu stark aufoktroyierte Religi\u00f6sit\u00e4t und unbrauchbare Medien und sprechen sich f\u00fcr Toleranz aus. Das zeigt, wie stark transformierte \u00dcberreste von \u00dcberzeugungen redistributiver, kommunaler Gerechtigkeit im islamisch-national-konservativen Milieu weiter existieren, auch wenn sie zugleich gekreuzt werden von reaktion\u00e4ren \u00dcberzeugungen. Denn die Studie von Hoffman zeigt zugleich auf, wie die AKP-MHP-Basis Erdo\u011fan mystifiziert \u00fcberh\u00f6ht und teils stark nationalistisch gepr\u00e4gt ist. Dieses widerspr\u00fcchliche Amalgam aus reaktion\u00e4ren und (potenziell) fortschrittlichen Elementen entspricht recht genau dem, was sich mit Gramsci als \u00bbWiderspr\u00fcchlichkeit des Alltagsbewusstseins\u00ab bezeichnen l\u00e4sst und das sich dann einstellt, wo es kein organisiertes Klassenbewusstsein oder gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse gibt, innerhalb derer die Menschen selber erm\u00e4chtigt sind.</p><p>Wie die Widerst\u00e4nde gegen den Autoritarismus und der starke demokratische Grundkonsens neben reaktion\u00e4ren Elementen innerhalb eines gro\u00dfen Teils der Bev\u00f6lkerung aufzeigen, gibt es mehr als genug Ansatzpunkte f\u00fcr eine andere T\u00fcrkei. Dass diese (noch?) nicht erbl\u00fcht, hat nicht nur mit der Repressionsfuror des autorit\u00e4ren Regimes zu tun. Einige der wichtigsten Oppositionsparteien tun sich weiterhin schwer damit, ernsthaft f\u00fcr diese andere T\u00fcrkei zu streiten. Zwei Gr\u00fcnde sind hier zentral: Einmal das Verh\u00e4ltnis zur \u00bbKurdischen Frage\u00ab, zum anderen die allgemeine Staatsr\u00e4son. Die CHP hat die HDP w\u00e4hrend der gesamten Phase bis auf Lippenbekenntnisse mehr oder minder alleine gelassen, ja CHP-Chef K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/gundem/vekil-adaylarini-halk-secsin-5847455\">lehnte mehrmals ab</a>, auf die Stra\u00dfen zu mobilisieren, weil er meinte, dies sei eine Einladung f\u00fcr die AKP, den Ausnahmezustand wieder einzuf\u00fchren. Als ob ein den W\u00fcnschen und Dekreten des Pr\u00e4sidenten unterstehender Staat mit einer durch und durch <a href=\"https://rm.coe.int/report-on-the-visit-to-turkey-by-dunja-mijatovic-council-of-europe-com/168099823e\">politisierten Justiz</a> und polizeistaatlicher Willk\u00fcr nicht schon ein Staat des Ausnahmezustands w\u00e4re; als ob sich ein solches System ohne<i> auch</i> die Macht der Stra\u00dfe umw\u00e4lzen lie\u00dfe. Ak\u015fener, Chefin der oppositionellen MHP-Abspaltung Gute Partei (IYI), ist da unverbl\u00fcmter: Sie <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/04/24/meral-aksener-hdp-pkknin-yaninda/\">identifiziert</a> regelm\u00e4\u00dfig die HDP mit der verbotenen PKK, verweigert offen die Solidarit\u00e4t mit der HDP angesichts von Repressionen und rief Erdo\u011fan sogar zur \u00bb<a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-den-liderlere-cagri-memleket-masasi-etrafinda-toplanalim-ortak-akli-isletmemiz-lazim,877657\">Nationalen Einheit</a>\u00ab auf, um der Pandemie zu begegnen. Ihrer Ansicht nach sind Regierung und Opposition <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/meral-aksenerden-erdoganin-cagrisina-yanit-1757650\">schon geeint</a> in au\u00dfenpolitischen Dingen, das hei\u00dft im chauvinistischen Militarismus, wie auch die CHP oder Davuto\u011flus GP die Regierung daf\u00fcr <a href=\"https://t24.com.tr/haber/muhalefet-turkiye-nin-dogu-akdeniz-politikasini-nasil-degerlendiriyor-neleri-farkli-yapardi,904885\">kritisierten</a>, zu viele Zugest\u00e4ndnisse zu machen und <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/09/13/chp-myk-oruc-reisin-geri-donmesi-taviz/\">nicht</a><a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/politika/2020/09/13/chp-myk-oruc-reisin-geri-donmesi-taviz/\"> genug</a> die Rechte der T\u00fcrke im \u00f6stlichen Mittelmeer zu wahren, sprich nicht gen\u00fcgend chauvinistisch und militaristisch zu agieren. <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/meral-aksenerden-erdoganin-cagrisina-yanit-1757650\">Bezeichnenderweise</a> dauerte es Tage, bis Ak\u015fener ein gemeinsames Angebot von Erdo\u011fan und Bah\u00e7eli das Oppositionslager zu verlassen und sich auf Regimeseite zu schlagen ablehnte.</p><p>Die \u00bbKurdische Frage\u00ab ist nicht das einzige demokratische Problem der T\u00fcrkei, sie ist aber zur Chiffre aller demokratischen Probleme der heutigen T\u00fcrkei geworden. Und das ist zugleich auch in der allgemeinen Staatsr\u00e4son begr\u00fcndet: Staat und Kapital in der T\u00fcrkei bef\u00fcrchten, dass mit der unkontrollierten Partizipation des Gro\u00dfteils des Bev\u00f6lkerung am politischen Prozess wie w\u00e4hrend des Gezi-Aufstandes 2013 auch Forderungen nach einer grundlegend anderen, demokratischen und sozialen Republik stark werden, in der die starken M\u00e4nner und die staatstreue Opposition von heute keinen Platz mehr haben. Das ist vielleicht auch der Hauptgrund daf\u00fcr, warum die Hauptoppositionsparteien unf\u00e4hig und vor allem nicht gewillt sind, Erdo\u011fan grundlegend herauszufordern, der wiederum Tag um Tag seine relative Autonomie weiter ausbaut und die T\u00fcrkei immer mehr in eine Sackgasse aus Wirtschaftskrise und Instabilit\u00e4t man\u00f6vriert \u2013 wobei letzteres offensichtlich nicht den Interessen der f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals und der b\u00fcrgerlichen Opposition entspricht.</p><p>In eing\u00e4ngigeren Analysen der Erfolge der Opposition in den letzten Jahren, die diese Erfolge an einer <a href=\"https://www.journalofdemocracy.org/articles/the-pushback-against-populism-running-on-radical-love-in-turkey/\">anti-populistischen Inklusivit\u00e4t</a> und der <a href=\"https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/13510347.2020.1803841\">Koordination</a> der Opposition auf Grundlage einer demokratischen Perspektive im Antagonismus zum Autoritarismus festmachen, wird \u00fcblicherweise fast vollst\u00e4ndig unterschlagen, wie ineffektiv oder gar unterst\u00fctzend die Hauptoppositionsparteien gegen\u00fcber der Politik des Regimes <a href=\"https://www.criticatac.ro/lefteast/communal-elections-tr2019/\">\u00fcber Jahre hinweg</a> blieben, insbesondere hinsichtlich des Militarismus und Chauvinismus. Auch als das Regime die Rekonversion der Hagia Sophia in eine Moschee in ein regelrechtes <a href=\"https://www.jadaliyya.com/Details/41518/What-Is-in-a-Place-Hagia-Sophia-in-the-Affective-Topography-of-Populism-in-Turkey-41518\">nationalistisch-islamistisches Festival</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-erdogan-aciklama-yapiyor,893500\">verwandelte</a>, kam \u2013 au\u00dfer von der HDP \u2013 nichts von den Oppositionsparteien, um ja nicht muslimische W\u00e4hler*innen abzuschrecken. Ja, wichtige Oppositionspolitiker*innen wie Muharrem Ince (republikanischer Kontrahent Erdo\u011fans im Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf 2018) oder Meral Ak\u015fener <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/ince-kurultaydan-sonra-cok-talep-aliyorum-41578581\">begr\u00fc\u00dften</a> sogar die Rekonversion \u2013 daher die Einladung von Erdo\u011fan und Bah\u00e7eli an Ak\u015fener und die sehr freundliche Berichterstattung der pro-Regime-Medien \u00fcber Ince, der derzeit an einer Abspaltungsbewegung von der CHP arbeitet.</p><p>Es gibt einen feinen, aber dennoch sehr klaren Unterschied zwischen einem inklusiven Vorgehen, das versucht auch W\u00e4hler*innen von AKP und MHP zu gewinnen, und einer Appeasementpolitik, die noch den reaktion\u00e4rsten Befindlichkeiten opportunistisch oder, noch schlimmer, aus \u00dcberzeugung nachgibt. Letzteres st\u00e4rkt nicht nur das Regime. Es erschwert zudem die M\u00f6glichkeit einer demokratischen und sozialen Zukunft der T\u00fcrkei dadurch, dass es der Dispersion und Verankerung autorit\u00e4rer Attit\u00fcden und Subjektivit\u00e4ten Vorschub leistet, die wiederum einer solchen Zukunft abtr\u00e4glich sind auch in einer Zeit nach Erdo\u011fan.</p><p>Die Hauptpole des derzeitigen politischen Kampfes in der T\u00fcrkei sind nicht die zwischen Autoritarismus und Demokratie, sondern die zwischen einer krisenhaften autorit\u00e4ren Konsolidierung und einer neoliberalen Restauration. Teile der liberalen und tats\u00e4chlich auch republikanischen und marxistischen Intelligenz tappen gerade <a href=\"https://t24.com.tr/video/aksaclilar-dan-iktidar-ve-muhalefete-uyari-cumhuriyetin-teminati-butun-kurumlar-tek-tek-islemez-hale-getiriliyor,30821\">erneut</a> ungewollt in die Falle einer Unterst\u00fctzung f\u00fcr ein neoliberales Restaurationsprojekt gegen ein autorit\u00e4res Projekt so wie sie es beim Aufstieg der AKP in den fr\u00fchen 2000er-Jahren taten. Auch der inhaftierte ehemalige Co-Vorsitzende der HDP, Selahattin Demirta\u015f, tappt in diese Falle, wenn er f\u00fcr die Illusion einer \u00bb<a href=\"https://t24.com.tr/haber/selahattin-demirtas-tan-genis-tabanli-demokrasi-ittifaki-icin-9-maddelik-ilkeler-onerisi,898052\">demokratischen</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/selahattin-demirtas-tan-genis-tabanli-demokrasi-ittifaki-icin-9-maddelik-ilkeler-onerisi,898052\">Allianz</a>\u00ab inklusive aller Oppositionsparteien wirbt anstatt das demokratisch-soziale Profil der HDP gegen beide Pole zu sch\u00e4rfen, wie er das <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/selahattin-demirtas-akp-secmeni-bile-oteki-1752855\">noch vor einigen Monaten</a> tat. Es gibt aber eine gangbare Alternative zu beiden Polen und einen Ausweg aus der ewigen Wiederkunft des Gleichen. Eine solche Alternative, den \u00bb<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/09/14/hdpsiz-olmaz-ama-sadece-hdpyle-de-olmaz/\">dritten Block</a>\u00ab zu organisieren und von den beiden anderen b\u00fcrgerlichen Polen abzugrenzen war ja der Grund f\u00fcr die Gr\u00fcndung der HDP im Jahre 2012. Wenn die wirkliche demokratische und soziale Opposition in der politischen Arena erstarkt und die Menschen der anderen T\u00fcrkei ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, dann k\u00f6nnen sie nicht nur die Macht von Erdo\u011fan brechen, sondern auch daf\u00fcr sorgen, dass die dystopischen Pl\u00e4ne des Kapitals nicht aufgehen und sich das politische System grundlegend \u00e4ndert \u2013 oder zumindest gezwungen ist, viel mehr Zugest\u00e4ndnisse und Kompromisse in Richtung der popularen Kr\u00e4fte zu t\u00e4tigen als wenn eine neoliberale Restauration einfach so, das hei\u00dft ohne oder fatalerweise sogar mit Unterst\u00fctzung des demokratisch-sozialen Lagers durchregiert.</p><p></p><hr/><p>Dieser Aufsatz ist eine l\u00e4ngere und etwas andere Version eines Essays, der im Oktober erscheinen wird in: Dieter F. Bertz (Hrsg.),<i> Die Welt nach Corona. Von den Risiken des Kapitalismus, den Nebenwirkungen des Ausnahmezustands und der kommenden Gesellschaft</i></p><hr/><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Ich danke meinem Freund und Genossen Hasan Durkal, Redakteur beim linken Onlinemagazin <a href=\"https://elyazmalari.com/\"><i>El Yazmalar\u0131</i></a>, f\u00fcr seine Unterst\u00fctzung bei diesem Artikel.</p><p><b>[2]</b> Die (effektive) Reproduktionszahl gibt an, wie viele nicht-immune Menschen von einer infekti\u00f6sen Person zu einem bestimmten Zeitpunkt durchschnittlich angesteckt werden.</p><p><b>[3]</b> In der linken Tageszeitung <i>Bir G\u00fcn</i> ist eine <a href=\"https://www.birgun.net/haber/korona-gunlerinde-en-alttakiler-302285\">exzellente</a>, mehrteilige Serie \u00fcber Arbeiter*innen und Arbeitsbedingungen w\u00e4hrend der Pandemie erschienen. Die Veteranjournalistin <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yazarlar/2020/03/22/alti-bin-calisanin-hepsi-evde-su-an-ne-olacak-bilmiyor/\">P\u0131nar \u00d6\u011f\u00fcn\u00e7</a> hat f\u00fcr<i> Gazete Duvar</i> eine bewundernswerte 35-teilige Reportage \u00fcber Arbeiter*innen in den unterschiedlichsten Sektoren und ihre Sorgen und Hoffnungen verfasst, in der die Arbeiter*innen und ihre Geschichten im Vordergrund stehen. Wissenschaftlich betrachtet ist die Metastudie von Dr. Necati \u00c7\u0131tak im <a href=\"https://www.ttb.org.tr/kutuphane/covid19-rapor_6.pdf\">TTB-Bericht</a> f\u00fcr den sechsten Monat der Corona-Krise in der T\u00fcrkei zu empfehlen, der akademische Studien aus den USA, Gro\u00dfbritannien und der T\u00fcrkei zusammenfasst und dabei die ungleichen Auswirkungen der Pandemie entlang Klassenlinien festmacht. \u00c4hnlich geht Dr. Arzu \u00c7erkezo\u011flu, zugleich Vorsitzende der linken Gewerkschaftskonf\u00f6deration DISK, vor in ihrer Analyse f\u00fcr denselben Bericht.</p><p><b>[4]</b> Also die offizielle Arbeitslosenquote plus die mit statistischen Tricks herausgerechneten Arbeitslosen im Verh\u00e4ltnis zu allen potenziellen Erwerbst\u00e4tigen. Vor allem w\u00e4hrend der Corona-Krise klaff(t)en offizielle und echte Arbeitslosenquote auseinander: W\u00e4hrend Millionen von Menschen aus der Erwerbst\u00e4tigkeit rausgefallen sind, steigt die Arbeitslosenquote kaum. Sogar Wirtschaftsmedien des Mainstreams wie <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/isgucu-verileri-masaya-yatirildi-issizligin-izlenmesinde-yeni-ve-yaratici-cozumler-gerekli-haberi-481463\"><i>D\u00fcnya</i></a> verweisen deshalb mittlerweile auf die Sinnlosigkeit der offiziellen Arbeitslosenzahlen hin. Einen <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/07/turkey-statistics-controversial-unemployment-rates-pandemic.html\">guten \u00dcberblick</a> \u00fcber die unterschiedlichen Berechnungsmethoden und somit Quoten der Arbeitslosigkeit liefert Mustafa S\u00f6nmez in einer Analyse f\u00fcr<i> Al-Monitor</i>.</p><p><b>[5]</b> Bei W\u00e4hrungsswaps (also W\u00e4hrungstausch/wechsel) tauschen zwei Vertragspartner*innen unterschiedliche W\u00e4hrungen miteinander f\u00fcr eine bestimmte Zeit aus, wobei ein bestimmter Zins beim Zeitpunkt des R\u00fccktausches zu zahlen ist. Swaps werden oft genutzt, um kurzfristig anstehende Zahlungen in einer W\u00e4hrung, die die involvierten Seiten nicht oder nicht ausreichend besitzen, zu begleichen. Als Tagessatz (im Englischen<i> overnight interest rate</i>) bezeichnet man \u00fcblicherweise den Zins auf ein Wertpapier oder einen Kredit, das/der eine Laufzeit von maximal einem Tag besitzt.</p><p><b>[6]</b> Unterschiedliche linke Kollektive und Arbeiter*innenvereine berichten auf ihren Social-Media-Accounts regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber kleine wie gro\u00dfe Arbeitsk\u00e4mpfe in der T\u00fcrkei. Ich habe w\u00e4hrend meiner Recherche zu diesem Absatz auf Informationen des Arbeiter*innenkollektivs <a href=\"https://www.facebook.com/guvencesizlersendikasi\"><i>Umut-Sen</i></a> (Gewerkschaft der Hoffnung) und des Arbeiter*innenvereins <a href=\"https://www.facebook.com/EKMEKveONUR\"><i>Ekmek ve Onur</i></a> (Brot und W\u00fcrde) zur\u00fcckgegriffen.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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W\u00e4hrend sich die staatlichen Restriktionsma\u00dfnahmen auf allen gesellschaftlichen Ebenen \u00fcberschlugen, wirkten gro\u00dfe Teile der revolution\u00e4ren Linken hierzulande gel\u00e4hmt und handlungsunf\u00e4hig. Die Dynamik und Rigorosit\u00e4t staatlicher Ma\u00dfnahmen sorgten in linken Gruppen angesichts der \u00fcberwiegend autonomen Organisationsformen f\u00fcr Ratlosigkeit. Kommunikationskan\u00e4le und ritualisierte Plena wurden \u00fcber Nacht weitestgehend lahmgelegt. Klassische Aktionsformen waren pl\u00f6tzlich nicht mehr m\u00f6glich und revolution\u00e4r-linke Inhalte waren dadurch noch weniger wahrnehmbar. Es fehlten handlungs- und entscheidungsf\u00e4hige Strukturen, die trotz der Ausnahmesituation in der Lage waren, die Corona-Krise politisch daf\u00fcr zu nutzen, Alternativen und Perspektiven aufzuzeigen. Die radikale Linke hat damit ihre Handlungsunf\u00e4higkeit in Krisensituationen gezeigt. Angesichts des neonazistischen Terrors von NSU 2.0, rechter Prepper-Gruppen und der gr\u00f6\u00dferen Anzahl aufgedeckter rechter Terrorzellen sowie des Versuchs der AfD, parlamentarische Macht zu gewinnen, eine schaurige Erkenntnis. Vor allem wenn wir uns vor Augen f\u00fchren, dass der Staat mit seinen Institutionen nicht selten eine st\u00fctzende Rolle im Aufbau dieser Terrorzellen spielt.</p><p></p><h3><b>Die Rolle revolution\u00e4rer Kr\u00e4fte</b></h3><p>Dabei sind Krisen eigentlich das ureigene Feld revolution\u00e4rer Kr\u00e4fte. Ihre Aufgabe ist es, Klassenk\u00e4mpfe \u00fcber den Umweg praktischer Solidarit\u00e4t und theoretischer Analyse zu st\u00e4rken. In Zeiten gro\u00dfer gesellschaftlicher Umbr\u00fcche und Ver\u00e4nderungen politisieren sich viele Menschen und suchen nach handlungsf\u00e4higen Organisierungen, um soziale Forderungen auch wirkm\u00e4chtig artikulieren zu k\u00f6nnen. Beispiele daf\u00fcr sind die \u201eHartzIV-Proteste&quot; (2004), die \u201eBankenkrise\u201c (2008/2009) oder der \u201eSommer der Migration&quot; (2015) und die antirassistischen Proteste gegen die zahlreichen rassistischen Mobilisierungen (beispielsweise gegen die von der NPD initiierten \u201eNein-zum-Heim-Demonstrationen\u201c). Es ist die Aufgabe revolution\u00e4rer Kr\u00e4fte, die von der Krise betroffenen Lohnabh\u00e4ngigen anzusprechen und sie nachhaltig und langfristig f\u00fcr eine klassenk\u00e4mpferische Praxis zu gewinnen.<br/></p><h3><b>Solidarit\u00e4t aufbauen</b></h3><p>Zu Beginn des Lockdowns riefen linksliberale Akteur*innen oder Tr\u00e4ger*innen der sozialen Daseinsf\u00fcrsorge bundesweit dazu auf, sich in den von ihnen initiierten Solidarit\u00e4tsnetzwerken ehrenamtlich zu engagieren. Auch linke Gruppen initiierten Netzwerke, z.B. in Hamburg, Stuttgart oder Berlin. Im Berliner Stadtteil Wedding wurden das Label und die Arbeitsgruppe \u201eWedding solidarisch&quot; von uns als \u201eH\u00e4nde weg vom Wedding&quot; gegr\u00fcndet. Dies fungierte als Klammer f\u00fcr eine linke, klassenk\u00e4mpferische Perspektive auf die Krise (\u201eKlassenkampf statt Klatschen!\u201c). F\u00fcr uns bedeutete der Aufbau einer themenbezogenen Arbeitsgruppe sowohl das ideologische Besetzen der Krisenthemen, als auch die Schaffung einer Struktur, die kontinuierlich in der Lage ist, Interessierte in die politische Diskussion und Praxis einzubinden. Wie auch andere Initiativen gr\u00fcndeten wir zuerst moderierte Telegram- und Facebook-Gruppen, die schnell auf tausende Follower*innen anwuchsen. Neben der Vernetzungsm\u00f6glichkeit praktischer Unterst\u00fctzungsangebote stellten sie auch wichtige Kan\u00e4le f\u00fcr die Bereitstellung linker, <a href=\"https://www.unverwertbar.org/corona/\">antikapitalistischer Analysen</a> und Angebote dar. Diese bilden einen wichtigen Gegenpol zu den rechten Kr\u00e4ften, welche die Krise f\u00fcr das Propagieren von Rassismus, Antisemitismus und Verschw\u00f6rungsmythen nutzten und weiterhin nutzen.<br/><br/> W\u00e4hrend die Bundesregierung Milliarden von Hilfsgeldern zur Absicherung der Profite gro\u00dfer deutscher Unternehmen verschleuderte, konnten wir in unseren eigenen Kan\u00e4len die Corona-Krise als das benennen, was sie ist: eine kapitalistische Krise. Die Schaffung von virtuellen wie praktischen Solidarit\u00e4tsnetzwerken sind eine weiterzuentwickelnde Perspektive von Klassenpolitik. Besondere Abgrenzung braucht es in Bezug auf Netzwerke, mit denen staatliches Versagen durch sozialliberale Hilfsangebote kaschiert werden soll. In Berlin zeigte sich, dass der Senat und die Bezirke schnell in der Lage sind, Solidarit\u00e4t und praktische Unterst\u00fctzung mittels gef\u00f6rderten Freiwilligenagenturen zu vereinnahmen. Innerhalb kurzer Zeit wurden zus\u00e4tzliche Gelder bewilligt, um staatliche und staatsnahe Netzwerke zu gr\u00fcnden.<br/><br/> Die ideologische Distanz zum Staat, der politische Entscheidungen vor allem zugunsten der herrschenden Kapitalfraktionen trifft, muss daher aus radikal-linker Perspektive immer wieder herausgearbeitet werden. Andernfalls droht eine Vermischung der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung von linken Kriseninterventionen und staatlichem Krisenmanagement. Revolution\u00e4re Krisenanalysen und -erz\u00e4hlungen bleiben dann auf der Strecke.</p><p></p><h3><b>Das Virus hei\u00dft Kapitalismus</b></h3><p>Mit der gegr\u00fcndeten Arbeitsgruppe \u201eWedding solidarisch&quot; wurde auf den Klassencharakter der (t\u00f6dlichen) Auswirkungen der Pandemie hingewiesen. Denn das Virus ist kein von den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen und Verwerfungen entkoppeltes Gesundheitsproblem. Obwohl es zwar alle betreffen kann, betrifft es nicht alle gleich. Die sozialen Fragen um Arbeitsbedingungen, Wohnraum, patriarchale Gewalt und Rassismus haben sich schon vor der Pandemie gestellt und wurden durch die Krise noch versch\u00e4rft und sichtbarer gemacht. Das Problem liegt im System und es ist unsere Aufgabe, gesellschaftliche Gegenentw\u00fcrfe zu formulieren und auf die Stra\u00dfe zu tragen. Die im Rahmen der Pandemie dr\u00e4ngendere Gesundheitsfrage versetzte uns in die Lage, \u00fcber dieses Thema unsere Kampffelder Antifaschismus/Antirassismus, Mietenk\u00e4mpfe, Arbeitsk\u00e4mpfe und Feminismus zu verkn\u00fcpfen.</p><p>Angesichts der verst\u00e4rkten Repressionen durch omnipr\u00e4sente Polizeikr\u00e4fte, versch\u00e4rfte Bu\u00dfgeldkataloge, die Aushebelung von Freiheitsrechten wie der Versammlungsfreiheit und vieles mehr, musste die Linke (wieder) lernen, unter repressiveren politischen Umst\u00e4nden zu arbeiten. Tausende <a href=\"https://www.unverwertbar.org/aktuell/2020/4805/\">Forderungskataloge</a> (\u201eF\u00fcr eine soziale und demokratische L\u00f6sung der Krise&quot;), Plakate und Aufkleber wurden ausgegeben, im \u00f6ffentlichen Raum verteilt und verklebt - auch mithilfe \u00f6ffentlich beworbener Materialausgabestellen im Stadtteil. Das Ziel, mit radikal-linken Inhalten \u00f6ffentliche R\u00e4ume zu dominieren und die Krise zu deuten, konnte stellenweise erreicht werden. Das geschah plakativ wie praktisch durch konkrete Aktionen und Gespr\u00e4che am Rande der Kundgebungen und im Kiez. Im Wedding organisierten wir von April bis Juli sechs Kundgebungen an zentralen Orten und zwei symbolische Aktionen vor den drei Weddinger Krankenh\u00e4usern. Dabei reihten wir uns in bestehende Aktionsnetzwerke ein, um unsere Themen gesamtgesellschaftlich einbetten zu k\u00f6nnen.<br/></p><p>Neben einem feministischen und antirassistischem Aktionstag galt und gilt dies auch f\u00fcr die bundesweite Plattform <a href=\"https://nichtaufunseremruecken.noblogs.org/\">#NichtaufunseremR\u00fccken</a>. Regionale und \u00fcberregionale Vernetzungen sind jetzt umso wichtiger, um nicht im beschr\u00e4nkten Lokalismus zu verharren. Das gegenseitige \u00fcberregionale Aufeinanderbeziehen unterst\u00fctzt eine organisatorische Kraft im Lokalen, die in der Lage ist, sich krisenfest aufzustellen. Im Rahmen unseres <a href=\"https://www.unverwertbar.org/ueber-uns/struktur/\">r\u00e4tekommunistischen Umstrukturierungsprozesses</a> konnten wir erneut feststellen, dass themenbezogene Diskussionen in Kommissionen, klare Verantwortlichkeiten und transparente Entscheidungswege dabei helfen, auch unter widrigen Bedingungen zu arbeiten.</p><p></p><h3><b>Linke Krisenfestigkeit!</b></h3><p></p><p>Mit der Arbeitsgruppe \u201eWedding solidarisch&quot; wurde Handlungsf\u00e4higkeit in einer politischen Ausnahmesituation hergestellt. Die Agitation mit spezifischen Materialien auf der Stra\u00dfe hat linken, antikapitalistischen Krisenerz\u00e4hlungen und Analysen viel Raum und eine breite Wahrnehmung verschafft, auf die wir weiterhin aufbauen.<br/> Dabei sind diese Inhalte im alten Arbeiter*innenstadtteil Wedding auch vermittelbarer, da hier viele Menschen aufgrund von Armut, Arbeitslosigkeit und beengten Wohnverh\u00e4ltnissen von den kapitalistischen Ausbeutungsmechanismen betroffen sind. Au\u00dferdem sind - abgesehen von t\u00fcrkischen-faschistischen Strukturen - nur sehr wenige rechte Kr\u00e4fte im Alltag pr\u00e4sent.<br/> Selbstkritisch m\u00fcssen wir anmerken, dass die Struktur der Arbeitsgruppe Wedding Solidarisch (z.B. Online-Plena) klassischen linken Praktiken folgte und damit das Potential in der Organisierung von interessierten, nicht-organisierten Menschen auf diesem Wege relativ gering war. Das Beteiligungsmoment in der Praxis von Wedding Solidarisch war dadurch begrenzt. Direkte Gespr\u00e4che am Rande der Kundgebungen waren die haupts\u00e4chliche M\u00f6glichkeit, mit Leuten au\u00dferhalb der gewohnten Kontexte in Kontakt zu treten, insbesondere nach Lockerung der Beschr\u00e4nkungen des \u00f6ffentlichen Lebens. Positive Momente ergaben sich oft bei Gespr\u00e4chen \u00fcber die konkrete Praxis von \u201eH\u00e4nde weg vom Wedding\u201c. Dabei stellt das Stadtteilmagazin <a href=\"https://plumpe.noblogs.org/\">\u201ePlumpe\u201c</a> eine gute Basis dar, um radikal-linke Stadtteilarbeit zu diskutieren und linke Schwerpunkte weiter zu popularisieren.<br/></p><p>Eine Herausforderung bleibt: die in der Corona-Pandemie geschaffenen Solidarit\u00e4tsnetzwerke und Arbeitsgruppen mit der \u00dcberf\u00fchrung in unsere Struktur zu verstetigen. Es zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen der geleisteten Agitation und der Anzahl von Interessierten, die in den folgenden Wochen als neue Gesichter zu unserer Gruppe stie\u00dfen. Dabei kommt der Organisation eine besondere Verantwortung zu, wenn sie Interessierte organisatorisch wie auch ideologisch nachhaltig binden m\u00f6chte. Dabei ist klar, dass die gesellschaftliche Mobilisierung f\u00fcr die antikapitalistische Krisenerz\u00e4hlung unbedingt klare Organisationsformen und ideologische Leitplanken braucht, um auch in Zeiten sich vermeintlich normalisierender Verh\u00e4ltnisse und nachlassender Wut politisch wahrnehmbar zu bleiben.<br/> Thematisch arbeitende Kommissionen mit vorgelagerten Vorfeldstrukturen schaffen dabei niedrigschwellige Angebote, um Menschen den Einstieg in unsere Gruppe zu erleichtern. Wir haben \u201eWedding Solidarisch\u201c in unsere bestehenden Angebote \u00fcberf\u00fchrt, um mit weiteren Aktiven entlang der Kampffelder praktisch weiterzuarbeiten. Ob wir als revolution\u00e4re Linke aus der Coronakrise politisch wie personell gest\u00e4rkt herausgehen k\u00f6nnen, werden wir im Zuge der kommenden Debatten im nationalen wie globalen Kontext sehen.</p><p></p><h3><b>Klassenkampf und Solidarit\u00e4t</b><br/></h3><p>Die Notwendigkeit der klassenbewussten, k\u00e4mpferischen Solidarit\u00e4t ist dr\u00e4ngender denn je. Die \u00f6konomischen Auswirkungen der jetzigen, sich ausweitenden Krise sind kaum zu untersch\u00e4tzen. Diese Krise bietet der herrschenden Klasse einen guten Vorwand, Angriffe auf Arbeitsverh\u00e4ltnisse mit drohender Pleite zu legitimieren: genannt seien hier z.B. eine staatliche Sparpolitik, Versch\u00e4rfung der Arbeitsbedingungen durch Entlassungen, Verhinderung gewerkschaftlicher Arbeit (Union Busting), Outsourcing oder der (gewerkschaftliche) Verzicht auf Gehaltserh\u00f6hungen und Arbeitsk\u00e4mpfe.<br/> Au\u00dferdem steht eine Explosion privater Schulden durch Arbeitslosigkeit f\u00fcr viele Menschen bevor, die sich wiederum in einem dramatischen Anstieg der Zahl von Zwangsr\u00e4umungen und drohender Wohnungslosigkeit zeigen wird. Gerade jetzt braucht es politische Kr\u00e4fte, die diese komplexen, zusammenh\u00e4ngenden Widerspr\u00fcche im Kapitalismus aufzeigen und erkl\u00e4ren.</p><p>Dies verdeutlicht die Dringlichkeit, linke und revolution\u00e4re Organisationen entlang von krisenfesten, planvollen und kontinuierlichen Formen auszurichten. Unsere <a href=\"https://revoltmag.org/articles/bau-auf-bau-auf-revolution%C3%A4re-stadtteilarbeit-neu-organisieren/\">Organisationsformen</a> m\u00fcssen sich an dieser Notwendigkeit orientieren und in der Lage sein, die Fallstricke autonomer und individualistischer Praxis zu \u00fcberwinden. Es muss uns gelingen, den breiten Massen der Lohnabh\u00e4ngigen zu vermitteln, wie sozialistische (Waren-)Produktion, die gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums und politische Partizipation im Sinne einer solidarischen Gesellschaft gerecht zu organisieren sind. Dies sind erste grobe Schlaglichter revolution\u00e4rer Ver\u00e4nderungen. So kann die revolution\u00e4re Linke politisch wie personell aus den Krisen gest\u00e4rkt hervorgehen.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Die Genoss*innen von Kritik &amp; Praxis Frankfurt (im Folgenden K&amp;P) blicken in ihrem</i> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/die-selektive-solidarit%C3%A4t-durchbrechen/\"><i>Beitrag von Mitte April</i></a><i> weise voraus und schreiben: \u201eEs wird nicht reichen, Transparente aus den Fenstern zu h\u00e4ngen oder Online-Demonstrationen zu veranstalten. Ohne eine Praxis des zivilen Ungehorsams ist die Ethik der F\u00fcrsorge im Kleinen auch in Zukunft wenig wert. Wir fangen besser heute als morgen damit an, \u00fcber das \u201awie\u2018 nachzudenken.\u201c Dem entgegnet ein zweiter</i> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/bereiten-wir-uns-auf-eine-widerst%C3%A4ndige-zeit-vor/\"><i>Debattenbeitrag von \u00d6kologisch Radikal Links</i></a><i> (im Folgenden \u00d6RL), \u201edass eine politische Praxis nicht nur in unseren K\u00f6pfen, sondern allein durch aktives Agieren und Ausprobieren entsteht\u201c. Es wird gefordert, neue politische Wege zu gehen, um aus der Schockstarre herauszukommen.</i> <i>In diesem Text wollen wir die Frage des \u201ewie\u201c, die von K&amp;P aufgeworfen wurde, den Entwicklungen angepasst weiterdenken und konkretisieren. Dabei darf es zu keiner falschen Dichotomie von Theorie und Praxis und zu keiner verzweifelten Suche nach dem heilbringenden Novum revolution\u00e4ren Handelns kommen.</i></p><p></p><h3><b>Kapitalistische Pandemiebek\u00e4mpfung</b></h3><p>Die Corona-Pandemie ist eine Gesundheitskrise historischen Ausma\u00dfes. Hunderttausende Infizierte, tausende Tote, ungekl\u00e4rte Folgen f\u00fcr Geheilte und so weiter. Der Staat hat darauf zun\u00e4chst mit so genannten Kontaktbeschr\u00e4nkungen reagiert. In der Folge vermeldet die Bundesagentur f\u00fcr Arbeit 10,1 Millionen Meldungen zur Kurzarbeit. Nichtsdestotrotz werden Millionen von Arbeiter*innen weiterhin in ihre Lohnarbeitsst\u00e4tten gezwungen und irrsinnigen gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt. Trotz der umfangreichen Sicherungs- und Auffangma\u00dfnahmen des Staats f\u00fcr die Industrien, lief das Kapital gegen diese Mindestbeschr\u00e4nkungen Sturm und geb\u00e4rt sich dabei als vermeintliche \u201eFreiheitsrechtlerin\u201c. Bei dieser Strategie wird \u2013 nicht unbedacht \u2013 mit Rufen nach Bewegungsfreiheit und Versammlungsrecht ein \u00fcber die Grenzen der jeweiligen Klassen hinaus gemeinsames Interesse, n\u00e4mlich das nach \u201eFreiheit\u201c, imaginiert. Dieses gemeinsame Interesse existiert aber nicht. Was <a href=\"https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/christian-lindner-kontakte-trotz-corona-wieder-smart-ermoeglichen-16720150.html\">Christian Lindner</a> stellvertretend f\u00fcr das deutsche Kapital formulierte, ist die Forderung der totalen Freiheit des Warenaustauschs. Der b\u00fcrgerliche Staat ist diesem Druck naturgem\u00e4\u00df nachgekommen und baut die Lockdown-Ma\u00dfnahmen sukzessive ab. So kann man nun wieder bei T\u20acDI f\u00fcr 1\u20ac-Unterhosen auf Corona-Partys gehen, oder im Fitnessstudio Viren verschleudern. F\u00fcr Arbeiter*innen in diesen Bereichen ist das aber, anders als f\u00fcr andere, keine optionale Angelegenheit. Sie werden dort hin gezwungen. Diesen Lockerungen gegen\u00fcber \u00e4u\u00dfern ernstzunehmende Virolog*innen erhebliche Bedenken.</p><p>K&amp;P liegt also unserer Meinung nach gleichzeitig richtig und falsch, wenn sie die Rolle des \u201eepidemiologischen Wissens und seiner Tr\u00e4ger*innen\u201c zur Antriebsfeder der Lockdown-Ma\u00dfnahmen mit all ihren Folgen erkl\u00e4ren. Richtig, weil die wissenschaftliche Expertise zun\u00e4chst nat\u00fcrlich handlungsanweisend f\u00fcr den Staat gewirkt hat. Falsch, weil sich diese wissenschaftliche Vernunft nicht gegen die Logik des Kapitals durchsetzen konnte, um neue Infektionsherde zu unterdr\u00fccken. Folglich sind es nicht vern\u00fcnftige Gesundheitsma\u00dfnahmen, die die Lebensbedingungen des Proletariats grunds\u00e4tzlich verschlimmern, sondern die aggressiven Angriffe des Kapitals auf das Arbeitsrecht.</p><p>Fast im Stillen wurde der 12-Stunden-Tag in einigen Branchen wiedereingef\u00fchrt, die Ruhezeiten verk\u00fcrzt und die Lohnkosten auf den Staat umverteilt. Mancherorts kam es zudem zu Urlaubssperren. Dabei ist zu erkennen, dass die Phase des Neoliberalismus des sp\u00e4ten 20. Jahrhunderts, in dem es zur relativen Befriedung der Arbeiter*innenklasse (bezogen auf Arbeitsverh\u00e4ltnisse und Lohn) kam, einen Kurswechsel erf\u00e4hrt. Das zeigt sich w\u00e4hrend Corona ganz besonders. Einerseits lassen sich keynesianische Regulierungsprogramme in den USA, der EU und anderswo beobachten, die der Beruhigung des Marktes dienen sollen. Das ist in Krisenzeiten ein ganz normaler Vorgang. Andererseits wird in Deutschland und dar\u00fcber hinaus in ungekannter Intensit\u00e4t an den Arbeitsrechten und -verh\u00e4ltnissen ger\u00fcttelt. Diese Angriffe belegen, dass die aufkommende Krise nicht eine zyklische, \u00e4hnlich der von 2008 ff. ist, sondern eine von historischem Ausma\u00df, vergleichbar mit der von 1929 ff., sein wird.</p><p></p><h3><b>Wo stehen wir?</b></h3><p>Diese Versch\u00e4rfungen der Lohnarbeitsverh\u00e4ltnisse, sowie die l\u00e4cherlich geringen Ma\u00dfnahmen zum Infektionsschutz in den Arbeitsst\u00e4tten, stellen genau jene \u201esozialdarwinistische Logik der Auslese\u201c dar, die K&amp;P beschreibt. Eine nicht beherrschbare Zirkulation des Virus ist schon jetzt, kurz nach den R\u00fccknahmen der Beschr\u00e4nkungen, zu verzeichnen. So \u00e4ndert das Robert-Koch-Institut st\u00e4ndig seine Angaben dazu, ob die effektive Reproduktionszahl des Virus nun unter oder \u00fcber 1,0 liegt. Weiterhin wurde bereits eingestanden, dass die scheinbar sinkenden Neuinfektionen vielleicht auch mit weniger durchgef\u00fchrten Tests zu erkl\u00e4ren sind. Die fehlende Kontrolle ist deutlich erkennbar.</p><p>Und trotzdem: Zwanghaft versuchen sich die Virolog*innen des RKI in Sch\u00f6nf\u00e4rberei der Situation und geben dabei nicht mal \u00fcberzeugend vor, das gesundheitliche Wohl der Menschen im Fokus zu haben. \u201eVerreckt f\u00fcr die Wirtschaft oder verreckt am Hunger\u201c, schreien sie den Arbeiter*innen entgegen, die sie (nun wieder) in den normalen Arbeitsalltag zwingen. Dabei zeigen \u00fcberf\u00fcllte Gesch\u00e4fte und S-Bahnen, erneute Schulschlie\u00dfungen und die Corona-Ausbr\u00fcche in Gro\u00dfbetrieben die Infektionstendenz an. Leben und Gesundheit der Arbeiter*innen werden geflissentlich aufs Spiel gesetzt, um die nationale Wirtschaft gerade auch im Hinblick auf die internationale Konkurrenz zu st\u00e4rken. Die Arbeit des RKI ist folglich nicht einfach eine neutrale, ideologiefreie Darlegung von Fakten, keine einfache epidemiologische Gewissheit.</p><p>Die Frage, die K&amp;P aufwirft, wie nun mit dem ganzen Schlamassel umzugehen sei, erfordert eine strukturelle Analyse des Bestehenden und eine langfristig angelegte Strategie im Sinne der kommunistischen Sache, statt einer nur scheinbar konkreten Widerst\u00e4ndigkeit. Wenn K&amp;P also schreibt: \u201eDie gegenw\u00e4rtige Situation l\u00e4sst sich nicht in der bin\u00e4ren Logik einer einseitigen Parteinahme aufl\u00f6sen: Es gibt nicht einfach ein daf\u00fcr und dagegen\u201c, dann liegen sie nat\u00fcrlich nicht falsch. Dennoch ist das unbefriedigend. Wenn es n\u00e4mlich kein einfaches \u201adaf\u00fcr\u2018 oder \u201adagegen\u2018 gibt, dann muss auch eine ausdifferenzierte Position formuliert werden. Einen Monat nach dem Beitrag von K&amp;P, der eine solche Position gerade nicht ausformulierte, halten wir das f\u00fcr eine dringliche Aufgabe.</p><p></p><h3><b>Alter Wein in neuen Schl\u00e4uchen</b></h3><p>Kritisieren wir also am Beitrag von K&amp;P die fehlende Konkretisierung einer grunds\u00e4tzlich richtigen Initiative, so weisen wir dagegen die Vorschl\u00e4ge von \u00d6RL entschieden zur\u00fcck. Die Bem\u00fchungen und selbstgesteckten Ziele von \u00d6RL nach Aufkl\u00e4rung der Gesellschaft \u00fcber besonders marginalisierte und prekarisierte Gruppen, nach neuen Formen politischer Praxis und nach einer Learning by Doing-Strategie sind weder neu, noch haben sie Konsistenz. Das merkt man auch schon bei der Lekt\u00fcre des Debattenbeitrags.</p><p>In v\u00f6lligem Tunnelblick darauf, \u201espontan\u201c und \u201ewiderst\u00e4ndig\u201c zu werden, attestiert \u00d6RL mehrfach ein Totdiskutieren der Praxis, w\u00e4hrend diese doch angeblich \u201eallein durch aktives Agieren und Ausprobieren entsteht\u201c. Im Widerspruch dazu steht die eigene angebotene Bildungsarbeit. Generell f\u00fchrt die Fetischisierung der Spontaneit\u00e4t nach dem Motto: spontane Bewegungen hier, wenig spontane Organisationsformen dort, zu einigen weiteren Widerspr\u00fcchen. Wird der radikalen Linken zuerst noch die totale Ohnmacht bescheinigt (aus der aufzuwachen sei), wird dann im Weiteren gefordert, die eigene Handlungsmacht auf die Probe zu stellen. M\u00fcssen wir nun erst geweckt werden, oder sollen wir schon losschlagen? Wird auf der einen Seite eine \u201eneue politische Praxis\u201c gefordert, so wird im n\u00e4chsten Zug erkl\u00e4rt, dass Nachbarschaftshilfen \u201ekeine neue Bewegung\u201c ersetzen. Sie seien zwar \u201eAusdruck eines neuen gesellschaftlichen Zusammenhalts\u201c, werden dann aber instrumentell herabgew\u00fcrdigt als \u201eeine Plattform, um lokal mehr Menschen als \u00fcblich zu erreichen\u201c. Stattdessen wird dann an Menschenketten und \u201ewiderst\u00e4ndigeren Aktionen\u201c, mit Graffitis, Kundgebungen und (Online)-Demonstrationen die \u201eneue politische Praxis\u201c ausgemacht.</p><p>Schon Lenin schrieb: \u201eAber es gibt Spontaneit\u00e4t und Spontaneit\u00e4t\u201c, und hielt fest:</p><p><i>\u201eDarum bedeutet jede Herabminderung der sozialistischen Ideologie, jedes Abschwenken von ihr zugleich eine St\u00e4rkung der b\u00fcrgerlichen Ideo1ogie. Man redet von Spontaneit\u00e4t. Aber die spontane Entwicklung der Arbeiterbewegung f\u00fchrt eben zu ihrer Unterordnung unter die b\u00fcrgerliche Ideologie, sie verl\u00e4uft eben nach dem Programm des Credo, denn spontane Arbeiterbewegung ist Trade-Unionismus, ist Nur-Gewerkschaftlerei. Trade-Unionismus aber bedeutet eben ideologische Versklavung der Arbeiter durch die Bourgeoisie.\u201c</i> <b>[1]</b></p><p>\u00c4hnliches geschieht im Text von \u00d6RL auch, die die \u201eintellektuelle Distanz\u201c verfluchen, und damit eben die genaue Analyse meinen. Sie rufen zur spontanen Erprobung der Handlungsmacht auf, fordern aber zugleich maximal reformistische Etappenziele ein, n\u00e4mlich die Wiedereinf\u00fchrung der \u201edemokratischen Freiheitsrechte\u201c, das Demonstrieren und aktionistisch sein. Die wirklich ernsten Fragen, also die nach dem Verlauf der Corona-Krise und der sich zuspitzenden Kapitalkrise, werden zum \u201eschwierigen Dilemma f\u00fcr die radikale Linke\u201c erkl\u00e4rt, und damit nicht angegangen. \u201eAktiv werden!\u201c, scheint da wichtiger.</p><p></p><h3><b>Was tun?</b></h3><p>Statt der konfusen Spontaneit\u00e4t bedarf es einer planvollen kommunistischen Organisation der Arbeiter*innenklasse. Da die autorit\u00e4re Zuspitzung der Lebensverh\u00e4ltnisse unseres Ermessens nach einerseits an den Angriffen der Kapitalist*innenenklasse auf die Lohnarbeitsverh\u00e4ltnisse und andererseits nat\u00fcrlich auch an den Einschr\u00e4nkungen des \u00f6ffentlichen und vor allem privaten Lebens festzumachen ist, m\u00fcssen diese Kampffelder zentraler Gegenstand von Theorie und Praxis sein. Das hei\u00dft im Konkreten:</p><ul><li>Die Kommunist*innen als Teil der Arbeiter*innenklasse m\u00fcssen den Angriff auf das Arbeitsrecht und auf die Lohnarbeitsverh\u00e4ltnisse in den Betrieben und Fabriken beantworten und bek\u00e4mpfen. Unter strategischer Leitung der zu errichtenden Kommunistischen Partei m\u00fcssen wir in die Betriebsr\u00e4te dr\u00e4ngen und zus\u00e4tzlich Arbeiter*innenr\u00e4te in Unternehmen und Abteilungen etablieren. Nicht um die schlechte Reformpolitik der Gewerkschaften vermeintlich besser zu machen, sondern um die St\u00e4rkung der \u201esozialistischen Ideologie\u201c in der Arbeiter*innenklasse voranzutreiben. Reformorientierte Auseinandersetzungen wie beispielsweise Lohnerh\u00f6hungen oder Corona-Schutzma\u00dfnahmen sind dabei nat\u00fcrlich nicht au\u00dfen vor zu lassen, sondern im Gegenteil zu forcieren. Das kann jedoch nicht das Ziel, sondern allenfalls Etappe des Kampfes der Partei, im Gegensatz zu dem von \u201eWiderstandsgruppen\u201c, sein. Wichtiger ist die Verankerung im Proletariat, die Errichtung einer Massenbasis f\u00fcr kommunistische Politik und Organisation.</li></ul><p></p><ul><li>Die in beiden Texten gelobten Nachbarschafts- und Solidarit\u00e4tsnetzwerke sind ein weiterer sehr wichtiger Arm kommunistischer Organisation. Hier in Frankfurt am Main, und auch anderswo, l\u00e4sst sich deutlich erkennen, dass es sich um erfolgreiche Aufbauversuche handelt. So platzen schon die Tafeln, auch ohne Corona, in vielen St\u00e4dten aus allen N\u00e4hten. Die Gabenz\u00e4une, die vielerorts installiert wurden, werden viel genutzt. Wir m\u00fcssen diese Angebote dauerhaft ausbauen, mit hydroponischen Systemen <b>[2]</b>, Gartenkollektiven und so weiter die Versorgung, auch f\u00fcr das Prekariat, stabilisieren und somit verdeutlichen, dass trotz aller \u00f6konomischer und pandemischer Krisen nur die Kommunist*innen es sind, die die materielle Grundsicherung der Arbeiter*innen auf lange Sicht gew\u00e4hrleisten wollen und auch k\u00f6nnen. Somit, oder auch mit den solidarischen Einkaufssystemen f\u00fcr Risikogruppen, werden Beziehungen in der Arbeiter*innenklasse aufgebaut. Gerade in Zeiten der massenhaften Kurzarbeit und den zu erwartenden Krisen auf dem Arbeitsmarkt werden auf diese Solidarit\u00e4tsnetzwerke immer mehr Arbeiter*innen angewiesen sein.</li></ul><p></p><ul><li>Die entstehenden Beziehungen, sowie die kommunistische Organisation der Arbeiter*innen in Partei und R\u00e4te stellen \u00fcberhaupt erst die Voraussetzungen dar, um marginalisierten Menschen Unterst\u00fctzung zu bieten. Diese wurden in beiden Debattenbeitr\u00e4gen zu Recht als die am st\u00e4rksten Betroffenen des kapitalistischen Vollzugs in der Corona-Krise identifiziert. Das zeigt sich gut an der Frankfurter Drogenhilfe, wo sich Arbeiter*innen aus verschiedenen Einrichtungen zusammen getan haben, um die menschenunw\u00fcrdigen Zust\u00e4nde der Szene im Bahnhofsviertel zu kritisieren und <a href=\"https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/corona-in-frankfurt-drogenhilfe-beklagtunhaltbare-\">die Stadt zum Handeln aufzufordern</a>. \u00c4hnlich und in gr\u00f6\u00dferem Umfang muss dies auch bezogen auf die Lage der Gefl\u00fcchteten getan werden. Auch Problemen der immer mehr zunehmenden h\u00e4uslichen Gewalt kann, solidarisch, erst durch einen Ausbau dieser Beziehungsweisen entgegengewirkt werden. So k\u00f6nnen sich Frauen ja erst an Strukturen oder Netzwerke wenden, wenn diese existieren.</li></ul><p></p><ul><li>Die ersten drei Punkte stellen Eckpfeiler der theoretischen und praktischen Arbeit einer Kommunistischen Partei \u2013 auf H\u00f6he der Corona-Zeit \u2013 dar. Dabei ist die Darstellung verschiedener Betroffenheitsgrade von Lohnarbeiter*innen, Prekariat und so weiter nicht als Einbettung in irgendwelche Milieutheorien zu verstehen. Das ist kein Aufruf, sich jetzt auf dieses oder jenes Milieu, welches ob seiner Lage vermeintlich besonders ansprechbar f\u00fcr unsere Politik sei, zu st\u00fcrzen. Die Kommunistische Partei hat sich an der marxistischen Klassenanalyse zu orientieren, und somit den Klassenantagonismus zwischen Proletariat und Bourgeoisie auf die Spitze zu treiben.</li></ul><p>Das bedeutet in diesen Pandemie-Zeiten vor allem auch die Gesundheit der Arbeiter*innen gegen die Profitinteressen der Kapitalist*innen zu verteidigen. Gro\u00dffl\u00e4chige Desinfektionsstationen m\u00fcssen \u00fcberall im \u00f6ffentlichen Raum angebracht werden, gerade vor dem Eintritt in \u00d6PNV oder Supermarkt. Weiterhin muss der Bek\u00e4mpfung der Pandemie alle Unterst\u00fctzung zugetragen werden, die Verharmlosungen und Lockerungsforderungen, seien sie nun vom Kapital oder irgendwelchen Verschw\u00f6rungstheoretiker*innen, rigoros zur\u00fcckgeschlagen werden, beispielsweise durch koordinierte Propaganda- und Medienkampagnen, oder die benannte Beziehungsarbeit.</p><p>Die \u201eHygienedemos\u201c k\u00f6nnen dabei eine n\u00fctzliche Funktion einnehmen. Nicht um \u201eantifaschistischem Widerstand\u201c eine B\u00fchne zu liefern, sondern als Sprungbrett f\u00fcr die eigenen Positionen. So ist die \u00f6ffentliche Meinung einhellig dahingehend, dass es sich bei den Corona-\u201eSkeptiker*innen\u201c um \u201eVerr\u00fcckte\u201c handelt, die unser aller Gesundheit aufs Spiel setzen. Wir m\u00fcssen als radikale Linke diese gesellschaftliche Stimmung zuspitzen und sagen: \u201eGenauso skrupellos ist die Bourgeoisie, die euch in Fabrikhallen quetscht, die euch in engen Z\u00fcgen Fahrkarten kontrollieren l\u00e4sst und allerhand weitere Angriffe auf die Gesundheit organisiert.\u201c</p><p>Das hei\u00dft der Aufbau der Kommunistischen Partei ist die Organisation der Vernunft gegen jeden Angriff auf die Gesundheits- und Lebensverh\u00e4ltnisse der Arbeiter*innen. Diese Vernunft gebietet es, nicht spontan und reaktiv jeder Eintagsfliege hinterher zu jagen, sondern den Aufbau langfristiger Strukturen zu betreiben. Die Corona-Krise ist schon jetzt eine umfassende Kapital- und Gesellschaftskrise, der nur beizukommen ist, wenn die essenzielle Funktion der Kommunistischen Partei mit ihren hier konkretisierten Teilaufgaben erkannt und danach gehandelt wird.</p><p></p><hr/><p></p><h3>Anmerkungen:</h3><p><b>[1]</b> Lenin, <i>Was tun?</i>, Kapitel II \u201eSpontaneit\u00e4t der Massen und Bewusstheit der Sozialdemokratie\u201c.</p><p><b>[2]</b> Hydroponik ist eine Untergruppe der Hydrokultur, bei der Pflanzen ohne Boden gez\u00fcchtet werden, indem stattdessen mineralische N\u00e4hrl\u00f6sungen in einem Wasserl\u00f6sungsmittel verwendet werden.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/kommunistische-organisation-statt-aktionismus/", "id": "https://revoltmag.org/articles/kommunistische-organisation-statt-aktionismus/", "author": {"name": "Kommunistische ArbeiterInnen Organisation (KAO)", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-06-14T08:17:17.778594+00:00", "date_modified": "2020-06-18T17:01:09.762914+00:00", "tags": ["re:think", "frankfurt", "strategiedebatte", "corona", "pandemie", "ausnahmezustand", "klassenkampf"], "summary": "In der bisherigen Corona-Debatte im re:volt wurde laut Kommunistischer ArbeiterInnen Organisation (KAO) Ungehorsam und Widerstand diskutiert. Das seien falsche Pr\u00e4missen. Ein Debattenbeitrag f\u00fcr eine strukturelle Analyse und eine langfristig angelegte Strategie im Sinne der kommunistischen Sache."}, {"title": "Das Ende der Normalit\u00e4t", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Das Ende der&nbsp;Normalit\u00e4t</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"berny-steiner-krise-workshop.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/berny-steiner-krise-workshop.1528506a.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Berny Steiner | Unsplash</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p> Man m\u00f6chte dieser Tage kein*e Konjunkturforscher*in sein: Ihre Hauptbesch\u00e4ftigung besteht derzeit darin, die eigenen Prognosen nach unten zu korrigieren. Das hat zwar auch damit zu tun, dass sie den Zyklus nur beschreiben, statt zu erkl\u00e4ren. Ihr Problem ist aber vor allem, dass die Entwicklung der Pandemie nur schwer vorherzusehen ist. Und dennoch will gerade jetzt alle Welt Prognosen \u00fcber Verlauf und Tiefe des \u00f6konomischen Einbruchs. Auf welche Entwicklungen m\u00fcssen wir dabei achten?</p><p>Die neuesten Zahlen des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) besagen, dass die Weltwirtschaft dieses Jahr um drei Prozent schrumpfen wird, wobei die Rezession in den hochentwickelten L\u00e4ndern mit \u00fcber sechs Prozent besonders hart ausf\u00e4llt. Zur Erinnerung: Im Jahr nach dem gro\u00dfen Finanz-Crash von 2008 schrumpft das globale Bruttoinlandprodukt (BIP) um 0,1 Prozent. In der Folge erlebten wir die Verelendung der europ\u00e4ischen S\u00fcdperipherie, die Eskalation eines Krieges in der Ukraine und das Erstarken des Nationalismus in vielen L\u00e4ndern.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"IMF-Growth Projection 04-2020.png\" height=\"824\" src=\"/media/images/IMF-Groth_Projection_04-2020.original.png\" width=\"1222\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Die Prognosen des IWF vom April 2020.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Die Zahlen des IWF sind nicht nur darum hoch spekulativ, weil die Entwicklung der Pandemie schwer vorherzusagen ist, sondern auch, weil es weitere Variablen gibt: Das Wirtschaftswachstum hatte sich bereits letztes Jahr deutlich abgeschw\u00e4cht und wurde f\u00fcr 2020 wieder tief veranschlagt. </p><h2><b>Eine Konkurswelle w\u00fcrde das Finanzsystem hart treffen</b></h2><p>Auch im Finanzsystem ticken einige Zeitbomben. Der Markt f\u00fcr riskante Anlagen war im Fr\u00fchling dieses Jahrs erheblich eingebrochen. Massiv betroffen war hier etwa der gro\u00dfe Markt f\u00fcr Kredite an erheblich verschuldete Unternehmen. Die Zentralbanken gr\u00e4tschten dazwischen und stabilisierten das System mit immensen Summen \u2013 vorerst. Fraglich ist, was passiert, wenn die staatliche \u00dcberbr\u00fcckung ausl\u00e4uft.</p><p>\u201eWir werden leider Konkurse sehen\u201c, sagte UBS-Schweiz-Chef Axel Lehmann <a href=\"https://nzzas.nzz.ch/wirtschaft/regular-es-wird-kreditausfaelle-geben-und-wir-werden-leider-auch-konkurse-sehen-sagt-der-ubs-schweiz-chef-ld.1549042\">k\u00fcrzlich</a> zur <i>Neuen Z\u00fcrcher Zeitung.</i> Das d\u00fcrfte noch vorsichtig ausgedr\u00fcckt sein. Die Forschungsabteilung der Credit Suisse hatte schon 2019 <a href=\"https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;ved=2ahUKEwjD2vaK2_LpAhXR_KQKHeGyAAIQFjAAegQIARAB&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.credit-suisse.com%2Fmedia%2Fassets%2Fcorporate%2Fdocs%2Fabout-us%2Fresearch%2Fpublications%2Fresearch-institute-assessing-global-debt.pdf\">prognostiziert</a>: \u201eZahlungsausf\u00e4lle d\u00fcrften in den Segmenten der Firmenanleihenm\u00e4rkte steigen, sobald das Wirtschaftswachstum st\u00e4rker abflacht\u201c. </p><p>Das Wachstum flachte sich indes bereits letztes Jahr ab; derzeit ist die Wirtschaft im freien Fall. Eine Welle von Zahlungsausf\u00e4llen von Unternehmen w\u00fcrde weitere Schockwellen durch die bereits nerv\u00f6sen Finanzm\u00e4rkte senden und k\u00f6nnte so ein Katalysator f\u00fcr einen umfassenderen Zusammenbruch sein.</p><p>Ein m\u00f6glicher Transmissionsmechanismus daf\u00fcr sind sogenannte CLOs: Collateralized Loan Obligations. Das sind komplexe Finanzprodukte, in denen Kredite an verschuldete Unternehmen stecken. CLO sind nach demselben Prinzip aufgebaut wie jene Finanzprodukte, die 2008 das Finanzsystem an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hatten. Auch die CLOs versprechen hohe Renditen in einer Welt der tiefen Zinsen und der schw\u00e4chelnden Profitraten des produzierenden Kapitals.</p><p>Bereits 2019 <a href=\"https://www.bis.org/publ/qtrpdf/r_qt1909w.htm\">warnte</a> die Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die Dachorganisation der Zentralbanken, eindringlich vor systemischen Risiken dieser Finanzprodukte. Aufgrund des undurchsichtigen Marktes wei\u00df man nicht genau, an welcher Stelle die CLOs L\u00f6cher in die Bilanzen schlagen und eine Kettenreaktion ausl\u00f6sen k\u00f6nnten. Die Produkte sind zudem ein Mittel, wie Banken die Risiken von Krediten auslagern k\u00f6nnen: Sie b\u00fcndeln diese und verkaufen sie weiter. Solche Kredite werden seltener vergeben oder zumindest deutlich teurer, wenn sie nicht mehr profitabel verbrieft oder halbwegs g\u00fcnstig abgesichert werden k\u00f6nnen.</p><p>Die Kriterien f\u00fcr die Kreditvergabe wurden im ersten Quartal 2020 deutlich strenger als zuvor. Die Standards versch\u00e4rften sich so schnell wie seit der Finanzkrise 2008f. nicht mehr, wie die US-Zentralbank k\u00fcrzlich mitteilte. Das hei\u00dft, dass es f\u00fcr Unternehmen schwieriger wird, an Gelder zu kommen. Es k\u00f6nnte ein Teufelskreis drohen.</p><h2><b>Die \u201egewaltsame Ausgleichung aller Widerspr\u00fcche\u201c</b></h2><p>Die Zentralbanken sprangen also nun erst mal mit solch immensen Summen ein, dass sie damit die hektische Aktivit\u00e4t nach der Krise von 2008 weit in den Schatten stellen. Die Notenbanken der USA, der Euro-Zone, Japans und Chinas haben ihre Bilanzsumme auf mittlerweile \u00fcber 22 Billionen Dollar ausgeweitet. Sie k\u00f6nnen nun zwar tats\u00e4chlich erst mal Unmengen an Geld sch\u00f6pfen, aber sie k\u00f6nnen damit keine Produktion von Mehrwert erzwingen. Und sie k\u00f6nnen auch nicht bestimmen, in welchem Masse das Geld gegen Waren getauscht wird; sprich: ob etwa eine Inflation oder eine Deflation eskaliert.</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"FED_Bilanz.png\" height=\"603\" src=\"/media/images/FED_Bilanz.original.png\" width=\"1749\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>Die Bilanzsumme der FED. Man sieht, dass die Ma\u00dfnahmen, jene in der Krise nach 2008 deutlich in den Schatten stellen.</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Sollten die Widerspr\u00fcche eskalieren, werden die Konjunkturforscher*innen erneut die B\u00fccher w\u00e4lzen m\u00fcssen. Auch die International Labour Organisation (ILO) m\u00fcsste ihre ohnehin d\u00fcsteren Prognosen korrigieren. Die UN-Sonderorganisation <a href=\"https://www.ilo.org/global/about-the-ilo/newsroom/news/WCMS_743036/lang--en/index.htm\">schrieb</a> Ende April: \u201eEs wird erwartet, dass die weltweite Arbeitszeit im zweiten Quartal um 10,5 Prozent niedriger sein wird als im letzten Vorkrisenquartal. Dies entspricht 305 Millionen Vollzeitarbeitspl\u00e4tzen\u201c. 1,6 Milliarden Menschen im informellen Sektor, ohne soziale Absicherung mit schlechtem Zugang zu medizinischer Versorgung und ohne Erwerbsersatz, drohten laut ILO ihren Unterhalt zu verlieren. ILO-Generaldirektor Guy Ryder macht <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/377672.ilo-1-6-milliarden-arbeitern-droht-verlust-der-lebensgrundlage.html\">deutlich</a>, was dies f\u00fcr Millionen von Arbeitenden bedeutet: \u201eKein Einkommen, keine Nahrung, keine Sicherheit und keine Zukunft.\u201c </p><p>Wir stehen am Anfang eines \u00f6konomischen Einbruchs, wie wir ihn noch nicht gesehen haben \u2013 und damit auch vor harten Angriffen auf das Lebensniveau vieler Menschen. Mit den staatlichen Ma\u00dfnahmen wurde derweil nicht nur die Wirtschaft ausgebremst, sondern auch eine veritable Welle von sozialen K\u00e4mpfen, die 2019 um den Globus schwappte. Aber die k\u00f6nnte nun \u2013 auch mit den breiten Protesten nach der Ermordung von George Floyd in den USA \u2013 wieder anrollen. Zugleich sehen sich mancherorts Nationalist*innen im Aufwind. Der historische Kurs ist noch nicht ausgemacht. Was aber sicher ist: Wir werden in den n\u00e4chsten Jahren in deutlich instabileren Zeiten leben.</p><h2><b>Anmerkung</b></h2><p>Dieser Beitrag von Klaus Klamm ist Teil einer Kooperation mit dem <a href=\"https://www.ajourmag.ch/\">ajour magazin</a> und wird im Kontext des gemeinsamen Workshops \u201eCoronakrise: Analyse des \u00f6konomischen Einbruchs\u201c vom 26. Mai 2020 ver\u00f6ffentlicht. Die Veranstaltung mit Klaus Klamm (Z\u00fcrich, ajour magazin), Christian Frings (K\u00f6ln, Autor und \u00dcbersetzer) und Maja Tschumi (Berlin, re:volt magazine) kann <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=KNP8W6EhJeU\">hier</a> nachgeschaut werden. In K\u00fcrze folgt auch ein zweiter Beitrag von Christian Frings.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/das-ende-der-normalit%C3%A4t/", "id": "https://revoltmag.org/articles/das-ende-der-normalit%C3%A4t/", "author": {"name": "Klaus Klamm", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-06-10T12:33:19.224291+00:00", "date_modified": "2020-06-10T12:33:19.224291+00:00", "tags": ["re:search", "pandemie", "corona", "inflation", "iwf", "deflation", "clo", "wirtschaftskrise", "imf"], "summary": "W\u00e4hrend in einigen L\u00e4ndern die erste Welle der Pandemie \u00fcberstanden scheint, ist der \u00f6konomische Einbruch im vollen Gange. Welche Prognosen gibt es in Bezug auf die wirtschaftlichen Konsequenzen, aber auch auf die sozialen K\u00e4mpfe in Folge der Krisenbearbeitung?"}, {"title": "Wirtschaftskrise? #NichtaufunseremR\u00fccken", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Wirtschaftskrise? #NichtaufunseremR\u00fccken</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Aktionstag-Freiheitsrechte-25.-April-2020-09.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/Aktionstag-Freiheitsrechte-25.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Perspektive Kommunismus</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><br/>Wir befinden uns am Anfang einer Weltwirtschaftskrise, die uns ArbeiterInnen hart treffen wird \u2013 und die schon vor Corona begonnen hat. Doch wie ist sie entstanden? Was f\u00fcr Folgen kommen auf uns zu und wie k\u00f6nnen wir unseren Widerstand organisieren? Ein Positionspapier zur Wirtschaftskrise vom B\u00fcndnis #NichtaufunseremR\u00fccken.</p><p>Wir stehen am Beginn einer der sch\u00e4rfsten Wirtschaftskrisen aller Zeiten. In Deutschland ist die Zahl der KurzarbeiterInnen in wenigen Wochen auf 10 Millionen geklettert \u2013 und damit fast zehnmal so hoch wie in der Krise ab 2007. Hinzu kommen unz\u00e4hlige LeiharbeiterInnen, befristet Besch\u00e4ftigte und MinijobberInnen, die ihre Jobs bereits verloren haben. In den USA sind im April offiziell 20,5 Millionen Arbeitspl\u00e4tze weggefallen. In zahlreichen L\u00e4ndern Europas sieht es nicht anders aus. Der Internationale W\u00e4hrungsfonds erwartet die schlimmste Wirtschaftskrise seit der Gro\u00dfen Depression 1929, die Bank von England prophezeit f\u00fcr das eigene Land die schwerste Rezession seit 325 Jahren. Quer \u00fcber den Globus schn\u00fcren die Regierungen Wirtschaftspakete wie sonst nur zu Kriegszeiten. Die Rechnung hierf\u00fcr werden sie am Ende den ArbeiterInnen pr\u00e4sentieren. Es stehen Angriffe auf unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen bevor, die wir teilweise noch gar nicht absehen k\u00f6nnen. Umso notwendiger ist es, dass wir uns jetzt auf entschiedene Gegenwehr vorbereiten!</p><h3><b>Woher kommt die Wirtschaftskrise?</b></h3><p>Auch wenn es auf den ersten Blick so erscheinen mag \u2013 die Ursache der Krise ist nicht die Covid-19-Pandemie! Die Pandemie versch\u00e4rft vielmehr die Wirtschaftskrise, die sich bereits seit dem Winter 2018/19 entwickelt hat. Dabei handelt es sich um eine \u00dcberproduktionskrise, wie sie der Kapitalismus gesetzm\u00e4\u00dfig und regelm\u00e4\u00dfig hervorbringt. \u00dcberproduktionskrisen entstehen, weil die Unternehmen ihre Produktion immer weiter ausdehnen, mit dem Ziel sich in der Konkurrenz durchzusetzen und ihre Profite zu steigern; w\u00e4hrend sie zugleich jedoch die Einkommen ihrer ArbeiterInnen, die einen Teil der Produktion kaufen m\u00fcssen, m\u00f6glichst gering halten.</p><p>Die aktuelle \u00dcberproduktionskrise ist besonders, weil sich jetzt jahrzehntelang aufgestaute Widerspr\u00fcche und Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft zu entladen drohen:</p><ul><li>Die f\u00fchrenden kapitalistischen Konzerne haben eine solche Gr\u00f6\u00dfe und Macht erreicht, dass sie die Krisenfolgen der letzten Jahrzehnte auf alle anderen Teile der Gesellschaft, allen voran die ArbeiterInnen, abw\u00e4lzen konnten. Stagnierende L\u00f6hne, gek\u00fcrzte Sozialleistungen und steigende Steuern haben das Problem der \u00dcberproduktion weiter versch\u00e4rft.</li><li>Die Konzerne und die Staaten haben die Krisen der letzten Jahrzehnte gleichzeitig mit immer mehr Krediten und Notenbankgeld behelfsm\u00e4\u00dfig abgemildert und ihre schlimmsten Auswirkungen damit hinausgez\u00f6gert. Im Ergebnis ist die Verschuldung von Unternehmen, Privatpersonen und Staaten heute etwa dreimal so hoch wie die j\u00e4hrliche weltweite Wirtschaftsleistung. Viele Unternehmen sind bisher nur durch enorm niedrige Zinsen vor der Insolvenz bewahrt worden, sie gelten als Zombieunternehmen. In einer Studie aus dem Jahr 2017 kommt die Bank of America (BoA) zu dem Ergebnis, dass rund neun Prozent der 600 gr\u00f6\u00dften b\u00f6rsennotierten Unternehmen in Europa in diese Kategorie fallen. Dies wird nicht ewig so weitergehen k\u00f6nnen. In dieser Krise drohen daher massenweise Unternehemenspleiten. Wirtschaftsexperten sprechen schon seit Jahren von \u201etickenden Zeitbomben\u201c in den Bilanzen der Banken.</li><li>Nach einer jahrzehntelangen Phase einer zunehmenden weltweiten Verflechtung von Produktion und Handel haben Kapital und Staaten in den letzten Jahren auf teilweise Entkoppelung und wirtschaftliche Konfrontation umgestellt. Ein erbitterter Konkurrenzkampf um Wirtschaftsr\u00e4ume entwickelt sich \u2013 allen voran zwischen den USA und China. Eine gemeinsame Krisenbew\u00e4ltigungspolitik wie 2007 ist damit unwahrscheinlicher geworden, der Wirtschaftskrieg droht zum neuen Normalzustand zu werden. Dies \u00e4u\u00dfert sich beispielsweise im Kampf um den \u00d6lpreis zwischen den OPEC-Staaten, den USA und Russland, aber auch in den in den vergangenen zehn Jahren massiv gestiegenen Z\u00f6llen.</li></ul><p>Die Covid-19-Pandemie hat durch die weltweiten Shutdowns des \u00f6ffentlichen Lebens und damit einhergehenden einbrechenden Einkommen die \u00dcberproduktionskrise massiv versch\u00e4rft. Zeitweise waren die weltweiten Lieferketten der Industrie unterbrochen. Die Pandemie beschleunigt und verst\u00e4rkt damit die beschriebenen Entwicklungen. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass diese Krise uns einen noch viel aggressiveren Kapitalismus bescheren wird.</p><p></p><h3><b>Folgen der Wirtschaftskrise</b></h3><p>In der aktuellen Krise zeigt der Kapitalismus sein h\u00e4ssliches Gesicht besonders deutlich: Millionen ArbeiterInnen in Deutschland sind bereits jetzt von Jobverlusten und Kurzarbeit betroffen. Daneben stehen hunderttausende ArbeiterInnen, die ihre Gesundheit in der Pandemie aufs Spiel setzen m\u00fcssen, um zu schlechten L\u00f6hnen und miesen Bedingungen in Krankenh\u00e4usern, Altersheimen und Superm\u00e4rkten die \u00f6ffentliche Versorgung am Laufen zu halten. Weitere hunderttausende ArbeiterInnen, viele davon aus Osteuropa, schuften teils unter sklavereim\u00e4\u00dfigen Verh\u00e4ltnissen in Schlachth\u00f6fen, in der Landwirtschaft, in Logistikzentren oder im Transportgewerbe. Dort wird ihre Infektion mit Covid-19 von den Unternehmen und dem Staat billigend in Kauf genommen.<br/><br/>Die genannten ArbeiterInnen in schlecht bezahlten und unsicheren Jobs sind heute von Corona und der Krise am meisten betroffen. Doch sie werden nicht die einzigen bleiben. Die Krise wird eine Welle schwerer Angriffe auf alle Teile der ArbeiterInnen, auf Arbeitslose, Studierende, Selbstst\u00e4ndige und RentnerInnen nach sich ziehen. Wir m\u00fcssen davon ausgehen, dass diese Angriffe zeitversetzt und in Sch\u00fcben geschehen werden:<br/></p><ul><li>Die Bundesregierung hat historische 1,2 Billionen Euro f\u00fcr die Stabilisierung der Wirtschaft bereitgestellt. 156 Milliarden Euro Neuverschuldung sind bereits aufgenommen. Am Ende wird jemand f\u00fcr diese Summen zur Kasse gebeten werden \u2013 n\u00e4mlich diejenigen, die durch ihre Lohnsteuern den Staatshaushalt tragen: Das sind die Arbeiterinnen und Arbeiter. In bisherigen Krisen war daf\u00fcr ein g\u00e4ngiges Instrument der Staaten, vor allem Massensteuern, wie die Mehrwertsteuer, zu erh\u00f6hen.</li><li>Absehbar ist auch, dass der Staat seine Ausgaben zusammenstreichen wird, und damit K\u00fcrzungen im Gesundheits- und Sozialwesen, bei der Bildung, im \u00d6ffentlichen Dienst und anderen Bereichen auf uns zukommen.</li><li>Zur Kasse gebeten werden au\u00dferdem all diejenigen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind. So fordert die CDU bereits jetzt, die vereinbarte Grundrente gar nicht erst zu beschlie\u00dfen. Der n\u00e4chste Schritt ist dann die K\u00fcrzung bestehender Leistungen.</li><li>Parallel zu den staatlichen Ma\u00dfnahmen steigen auch die Notenbanken direkt in die Krisenrettung ein und kaufen Unternehmensanleihen auf. Zu erwarten ist, dass die Kosten hierf\u00fcr ebenfalls an die ArbeiterInnen weiter gereicht werden, n\u00e4mlich in Form der Geldentwertung (Inflation). Das bedeutet vor allem: Preissteigerungen im Alltag.</li><li>Schlie\u00dflich ist das \u00dcberleben vieler Firmen nur noch eine Frage der Zeit, auch wenn der Shutdown in Deutschland auf Druck von Unternehmerkreisen wieder etwas gelockert wird. Die Auto-Zulieferindustrie etwa stand schon vor der Pandemie mit dem R\u00fccken zur Wand. Es spricht B\u00e4nde, dass die Bundesregierung jetzt die Pflicht f\u00fcr Firmen ausgesetzt hat, im Falle ihrer Zahlungsunf\u00e4higkeit Insolvenz anzumelden. Hierdurch k\u00f6nnen sich bankrotte Firmen mit Staatshilfen durch die Krise hangeln und die Insolvenz auf Kosten der ArbeiterInnen noch einige Monate hinausschieben. Das bedeutet, dass auch die zu erwartenden Entlassungen zeitversetzt geschehen werden. Am Ende werden auch viele ArbeiterInnen betroffen sein, die heute noch bei vollem Lohn im Homeoffice arbeiten.</li><li>Traditionell betrachten Faschisten Krisen als Gelegenheiten, die Gesellschaft noch st\u00e4rker als sonst mit Rassismus und anderen reaktion\u00e4ren Gedanken zu vergiften. Auch in dieser Krise m\u00fcssen wir damit rechnen, dass die ohnehin schon allt\u00e4gliche rassistische Gewalt noch zunehmen wird.</li></ul><p>Dies ist nur eine Auswahl naheliegender Angriffe, die uns in den n\u00e4chsten Monaten und Jahren bevorstehen. Wir gehen davon aus, dass Kapital und Staaten in der Krise einen v\u00f6llig neuen Standard in der Ausbeutung von Lohnarbeit durchsetzen wollen, und dass wir deshalb mit vielen weiteren Ma\u00dfnahmen rechnen m\u00fcssen, die heute teilweise noch \u00fcber unsere Vorstellungskraft hinaus gehen.</p><h3><b>Was tun?</b></h3><p></p><p>Welche Angriffe auf unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen tats\u00e4chlich durchgezogen werden, wird vor allem davon abh\u00e4ngen, welchen Widerstand wir dem entgegensetzen. Hier kommt es entscheidend auf uns selbst an. Wir d\u00fcrfen nicht passiv auf die n\u00e4chsten Angriffe warten, sondern m\u00fcssen schon jetzt beginnen, die Gegenwehr zu organisieren und sie auf die Stra\u00dfe und in die Betriebe zu tragen.</p><p>Aber auch hierbei d\u00fcrfen wir nicht stehen bleiben, sondern m\u00fcssen das kapitalistische System als Ursache dieser Krise ins Visier nehmen. Es ist die anarchische Natur des Kapitalismus, die die Krisen hervorbringt. Nur eine geplante und demokratisch geleitete Wirtschaft kann ihnen ein Ende machen. Das setzt die Vergesellschaftung aller Produktionsmittel voraus. Unser Ziel muss eine Gesellschaft sein, die sich mit dem Ziel organisiert, die Bed\u00fcrfnisse der Menschen bestm\u00f6glich zu befriedigen, statt gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Profite f\u00fcr eine kleine Minderheit zu erwirtschaften. Eine Gesellschaft, in der Solidarit\u00e4t die Grundlage darstellt anstatt leerer Floskeln.</p><p>Die Krise kann also viel mehr bedeuten als eine Reihe scharfer Angriffe auf unseren Lebensstandard, sie kann auch der Ausgangspunkt f\u00fcr eine klassenk\u00e4mpferische Bewegung sein, die den bisherigen Rahmen des kapitalistischen Wahnsinns in Frage stellt. Der Staat hat Vorkehrungen getroffen, unseren Widerstand kleinzuhalten und im Zuge des Corona-Shutdowns massive Eingriffe in unsere Freiheitsrechte vorgenommen. Es kommt jetzt darauf an, dass wir uns nicht weiter in die Enge treiben lassen, dass wir uns unsere Rechte nicht nehmen lassen und uns den Raum f\u00fcr Widerstand zur\u00fcckholen. Die Demonstrationen am 1. Mai waren ein sehr wichtiger Schritt in diese Richtung, und wir m\u00fcssen entschlossen und ohne Z\u00f6gern auf diesem Weg weitergehen. Verschiedene Aktionen haben bereits gezeigt, dass es kein Gegensatz ist, das Virus und den Infektionsschutz ernst zu nehmen und Widerstand auf die Stra\u00dfe zu tragen.</p><p>Wir erwarten, dass die Angriffe in dieser historischen Krise von Versuchen begleitet sein werden, die betroffenen ArbeiterInnen zu spalten und gegeneinander aufzuhetzen \u2013 etwa in Junge gegen Alte, LeiharbeiterInnen gegen Festangestellte, Deutsche gegen MigrantInnen u.v.m. Diesen Spaltungsversuchen m\u00fcssen wir entschieden entgegentreten und eine solidarische Bewegung von ArbeiterInnen aus allen Berufen, Schichten und Herkunftsl\u00e4ndern, ob jung oder alt, aufbauen. Da alle bedeutenden Konzerne nicht nur in einem Land agieren, gilt es den Widerstand auch auf internationaler Ebene aufzubauen.</p><p>Wenn wir nicht wollen, dass diese Krise auf unserem R\u00fccken ausgetragen wird, m\u00fcssen wir uns organisieren und wehren. Es ist an der Zeit, Kontakt zu den eigenen KollegInnen und NachbarInnen aufzunehmen, um festzustellen, dass wir alle unter dieser Krise zu leiden haben. Es ist auch an der Zeit, Angriffe, die auf Betriebsebene oft schon jetzt beginnen (wie h\u00f6here Arbeitsintensit\u00e4t, ausgesetzte Lohnerh\u00f6hungen oder Entlassungen) und von der Bundesregierung gerade vorbereitet werden, nicht einfach hinzunehmen. Wie sehr diese Krise auf unserem R\u00fccken ausgetragen wird, liegt an uns!</p><p></p><hr/><h3><br/>Anmerkungen</h3><p>Das hier erstver\u00f6ffentlichte Positionspapier des B\u00fcndnisses <a href=\"https://nichtaufunseremruecken.noblogs.org/\">#NichtaufunseremR\u00fccken</a> zur kommenden Wirtschaftskrise, ist von zahlreichen lokalen politischen Gruppen und Initiativen unterzeichnet worden. Das B\u00fcndnis vereint verschiedene Aktionen unter dem gemeinsamen Hashtag und macht solidarische sowie antikapitalistische Antworten auf die Coronakrise und ihre Folgen sichtbar. In den sozialen Netzwerken sowie im \u00f6ffentlichen Raum schafft der Hashtag \u00fcberregionale Bezugnahmen linker Perspektiven und gibt den Aktionen einen gemeinsamen Rahmen.<br/><br/><br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Das B\u00fcndnis #NichtaufunseremR\u00fccken gibt mit ihrem Positionspapier eine Einsch\u00e4tzung, wie sich die Krise konkreter \u00e4u\u00dfern wird und was schon jetzt die Aufgaben der revolution\u00e4ren Linken sind."}, {"title": "Bereiten wir uns auf eine widerst\u00e4ndige Zeit vor!", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Bereiten wir uns auf eine widerst\u00e4ndige Zeit&nbsp;vor!</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"planet over profit.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/planet_over_profit.0ddde28a.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Joe Brusky | Flickr</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Der folgende Debattenbeitrag von</i> <a href=\"https://oekoradikallinks.noblogs.org/\"><i>\u00d6kologisch Radikal Links</i></a><i> ist eine Antwort auf den im April ver\u00f6ffentlichten Beitrag von</i> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/die-selektive-solidarit%C3%A4t-durchbrechen/\"><i>Kritik &amp; Praxis Frankfurt</i></a><i>. Wir rufen weiterhin alle antikapitalistischen Zusammenh\u00e4nge und Organisationen dazu auf, sich an dieser Debatte zu beteiligen, Beitr\u00e4ge einzureichen und gerne auch Widerspruch und Kritik zu leisten. Selbstverst\u00e4ndlich sind auch antifaschistische Beitr\u00e4ge gew\u00fcnscht, wie auf die derzeit gr\u00f6\u00dferen Mobilisierungen rechter und verschw\u00f6rungsmythischer Akteur*innen Widerstand von links geleistet werden kann.</i></p><p></p><hr/><p></p><p>Mit dem Ausbruch des Virus SARS-CoV-2 in Deutschland und weltweit, und dem damit verbundenen Lockdown, wurde die Form unserer politischen Arbeit vor weitreichende Probleme gestellt. Nicht nur mussten wir von pers\u00f6nlichen Treffen auf Videokonferenzen umsteigen, auch musste unser gesamtes geplantes Konzept umgearbeitet werden. Was urspr\u00fcnglich als eine Plattform zur Mobilisierung f\u00fcr den Global Climate Strike am 24. April 2020 geplant war, hat sich nun der Bildungsarbeit verschrieben. Wir machen eine Social-Media-Kampagne zur Geschichte und Gegenwart \u00f6kosozialer K\u00e4mpfe und der letzte Vortrag unserer Online-Veranstaltungsreihe hat bereits stattgefunden. Au\u00dferdem wurden mehrere Aktionen im physischen und virtuellen Raum durchgef\u00fchrt.</p><p>So geht es nicht nur uns. Viele Gruppen und Organisationen versuchen neue Wege der Kommunikation und Organisation zu finden. Die aktuellen Ereignisse zeigen jedoch, wie starr und unvorbereitet die Strukturen gro\u00dfer Teile der radikalen Linken sind, wie schwer sie sich tun, in dieser pl\u00f6tzlichen Krisensituationen agieren zu k\u00f6nnen, in der wir wegen \u201esocial distancing\u201c weitgehend aus dem privaten Raum heraus agieren m\u00fcssen und auf das Internet zur\u00fcckgeworfen sind.</p><p>Die Genoss*innen von Kritik &amp; Praxis Frankfurt kommen <a href=\"https://revoltmag.org/articles/die-selektive-solidarit%C3%A4t-durchbrechen/\">in ihrem Debattenbeitrag</a> zu dem \u2013trivialen, aber nat\u00fcrlich richtigen Ergebnis, dass es f\u00fcr eine politische Praxis auch in Zeiten von Corona nicht reicht \u201eTransparente aus dem Fenster zu h\u00e4ngen oder Online-Demonstrationen zu veranstalten\u201c. Der Beitrag schlie\u00dft mit der Forderung, mehr \u00fcber die Art und Weise einer politischen Praxis in Zeiten der Pandemie nachzudenken. Das ist richtig, geht allerdings nicht weit genug. Uns muss klar sein, dass eine politische Praxis nicht nur in unseren K\u00f6pfen, sondern allein durch aktives Agieren und Ausprobieren entsteht, und dann auch ausgehandelt werden kann. Das zeigt uns die Corona-Krise deutlich auf. Die radikale Linke muss also schnell aus ihrer Ohnmacht erwachen. \u00dcber die Art und Weise politischer Praxis <i>nachzudenken</i> ist erst die halbe Miete: wir m\u00fcssen das Wissen, die Erfahrungen und die Handlungsbasis f\u00fcr neue Formen von politischer Praxis f\u00fcr die Zeit des Lockdowns und danach schaffen, und zwar eigentlich schon vorgestern und nicht erst \u00fcbermorgen. Das gilt f\u00fcr eine Praxis im Ausnahmezustand, wie auch f\u00fcr die Zeit danach.</p><h2><b>Aus Fehlern lernen</b></h2><p>Als radikale Linke sind wir in unseren Aktions- und Organisierungsformen oft wenig spontan. Das war auch schon vor Corona so, tritt nun aber viel st\u00e4rker zutage. Bei unvorhersehbaren, sich \u00fcberschlagenden Ereignissen k\u00f6nnen weite Teile der Bewegung oft nur schwerf\u00e4llig, oder gar nicht agieren und reagieren. Immer wieder treten Situationen ein, in denen wir mit unserer einstudierten Praxis an die Grenzen unserer \u00fcblichen Strukturen von w\u00f6chentlichem Plenum und choreographierten Demonstrationen geraten. Selbst im Falle positiver Ereignisse - zum Beispiel spontan entstehender Bewegungen wie Fridays for Future oder den Protesten der Gelbwesten in Frankreich - versteigt sich ein gro\u00dfer Teil der Linken regelm\u00e4\u00dfig in Diskussionen \u00fcber ein F\u00fcr und Wider, ohne daraus eine Praxis zu entwickeln. Letztere ist aber dringend n\u00f6tig. In der konkreten Auseinandersetzung muss ein aktiver Umgang mit neuen, spontanen Bewegungen gefunden werden - und zwar, indem versucht wird, gemeinsame K\u00e4mpfe aufzubauen, zu unterst\u00fctzen und sie mitzugestalten. Nur so k\u00f6nnen wir neue Erkenntnisse und Erfahrungen \u00fcber soziale Ph\u00e4nomene und eine politische Praxis gewinnen, die sich aus rein intellektueller Distanz nicht verstehen lassen.</p><p>Auf negative soziale Ereignisse k\u00f6nnen wir als radikale Linke in weiten Teilen noch schlechter reagieren. Diese scheinen, wenn sie \u00fcber uns hereinbrechen, zu einer Art L\u00e4hmung zu f\u00fchren. Es wirkt fast unm\u00f6glich, in solchen Situationen selbstbewusst aus der Defensive wieder herauszutreten und zu agieren. Bis heute sind wir als radikale Linke zum Beispiel nicht aus der Schockstarre erwacht, die durch den Rechtsruck in der Gesellschaft und den Rechtspopulismus des Gr\u00fcnen-Politikers Boris Palmer, bis hin zur AfD, ausgel\u00f6st wurde. Die Sehnsucht eines Gro\u00dfteils der Menschen nach autorit\u00e4ren Krisenl\u00f6sungen offenbart sich etwa im Erstarken der CDU/CSU, oder dem grassierenden Denunziantentum in der Gesellschaft. Immer wieder etwa gab es in j\u00fcngster Zeit Meldungen, Nachbar*innen h\u00e4tte die Polizei zugerufen, da sich im Nebengarten/-haus mehr Menschen aufhalten w\u00fcrden, als nach Infektionsschutzverordnung erlaubt. Wir haben es nicht geschafft, eine wirkm\u00e4chtige Strategie und Bewegung gegen das Erstarken rechter Diskurse und deren Geltungsmacht aufzubauen. Sowohl die konkreten Interventionen von \u201eNationalismus ist keine Alternative\u201c, als auch die breit angelegten gesellschaftlichen B\u00fcndnisse von \u201eUnteilbar\u201c m\u00fcssen als wichtige und richtige Versuche gewertet werden. Jedoch sind auch sie nicht \u00fcber eine symbolische Wirkung hinausgegangen. Warum nicht?</p><p>Diese Erkenntnisse m\u00fcssen vor allem jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie f\u00fcr unsere linksradikale Politik eine wichtige Rolle spielen. Wir m\u00fcssen aus diesen Fehlern lernen. In der aktuellen Situation ist es notwendig, staatliche Einschr\u00e4nkungen des Lebens und der politischen Handlungsf\u00e4higkeit mit ihren autorit\u00e4ren Phantasien zu hinterfragen. Darunter f\u00e4llt etwa das faktische Versammlungsverbot. Insbesondere mit Blick auf die \u00d6konomie zeigt sich die Willk\u00fcr der Durchsetzung des Infektionsschutzes: so werden hier Arbeitsschutzrechte nur mangelhaft durchgesetzt, um die Profite des Kapitals weiterhin zu erm\u00f6glichen. Ziel muss es jedoch auch sein, die Infektionskette kurz, die Infektionsrate niedrig und die Infektionskurve flach zu halten \u2013 damit die durch die neoliberalen Einsparungen im Gesundheitssystem eingeschr\u00e4nkten Kapazit\u00e4ten nicht \u00fcberfordert werden. Nur so kann auch die Sterberate so gering wie m\u00f6glich gehalten werden. Ein schwieriges Dilemma f\u00fcr die radikale Linke - dennoch m\u00fcssen wir jetzt proaktiv werden!<br/> Die Gesamtheit der Folgen der Corona-Krise ist nicht absehbar. Wir m\u00fcssen uns aber in jedem Fall auf eine sich zuspitzende Krise des Kapitalismus vorbereiten. Hinzu kommen eine Fortsetzung und Versch\u00e4rfung der autorit\u00e4ren Formierung, die sich schon jetzt durch das Vorgehen der Polizei offenbart. So werden bei Aktionen und Demonstrationen vermehrt die Identit\u00e4ten der Aktivist*innen aufgenommen und ihnen Platzverweise erteilt, auch wenn Abstand gehalten wird und Masken getragen werden. Das autorit\u00e4re Verhalten gipfelt in der Aussage, Demonstrant*innen m\u00fcssten nur ihre Schilder ablegen, dann d\u00fcrften sie am selben Ort stehen bleiben. Es n\u00fctzt also nichts, mit der Vorbereitung auf diese Zust\u00e4nde anzufangen, wenn es bereits zu sp\u00e4t ist.</p><p>Einen Masterplan, wie wir jetzt aktiv werden und uns auf das Kommende vorbereiten k\u00f6nnen, kann es dabei nicht geben. Wir m\u00fcssen L\u00fccken und neue Wege finden, in denen wir handlungsf\u00e4hig sind, und diese nutzen! Daf\u00fcr ist es n\u00f6tig, dass wir uns Wissen aneignen und in dieser praktischen Auseinandersetzung l\u00e4ngerfristige Strategien finden. So \u00f6ffnen Online-Formate etwa neue M\u00f6glichkeiten internationaler Solidarit\u00e4t. Diese neuen Erfahrungen k\u00f6nnen auch f\u00fcr die Zeit nach der Pandemie wichtig sein.</p><h2><b>Fragend schreiten wir voran</b></h2><p>Unser Anspruch als Organisierung war von Anfang an, zur Vorbereitung auf eine widerst\u00e4ndige Zeit anzuregen. Das bedeutet f\u00fcr uns, dass wir versuchen, uns und andere weiterzubilden und uns gegenseitig f\u00fcr die Aneignung widerst\u00e4ndiger Aktionsformen zu inspirieren. Bildung, die nicht von unserer Praxis losgel\u00f6st ist, sollte momentan, da wir aktionistisch eingeschr\u00e4nkt sind, eine zentrale Rolle einnehmen. Die von uns kurz <a href=\"https://oekoradikallinks.noblogs.org/oeko-soziale-kaempfe/\">aufbereiteten Texte zu \u00f6kosozialen K\u00e4mpfen</a> oder auch Videos von Aktionen mit Forderungen k\u00f6nnen hier beispielhaft genannt werden. Wir werden in der kommenden Zeit dem Themenfeld der Enteignung mehr und mehr Aufmerksamkeit schenken. Es m\u00fcssen konkrete Forderungen aufgestellt werden, die f\u00fcr eine Gesellschaft abseits der kapitalistischen Verwertung erk\u00e4mpft werden m\u00fcssen. Die M\u00f6glichkeiten der virtuellen Vernetzung und Bildung, zum Beispiel eine \u00fcbergreifende und h\u00f6here Reichweite, wollen wir dabei nicht ungenutzt lassen. Dabei schaffen Nachbarschaftsinitiativen, die \u00fcber Chats laufen, eine Plattform, um lokal mehr Menschen als \u00fcblich zu erreichen. Online-Veranstaltungen er\u00f6ffnen M\u00f6glichkeiten zur internationalen Vernetzung und Solidarit\u00e4t.</p><p>Die im Zuge der Corona-Krise entstandenen Nachbarschaftsinitiativen, in der auch der Gro\u00dfteil von uns, wie auch der restlichen radikalen Linken, in vielen Gro\u00dfst\u00e4dten aktiv ist, sind Ausdruck eines neuen gesellschaftlichen Zusammenhalts. Das Bewusstsein f\u00fcr gesellschaftliche Probleme und die damit zusammenh\u00e4ngende Notwendigkeit solidarischen Zusammenwirkens, auf die die radikale Linke und andere Akteur*innen seit Jahren versuchen aufmerksam zu machen, scheint in der breiteren Gesellschaft zu steigen. Gleichzeitig sind und ersetzen die entstehenden Nachbarschaftsnetzwerke keine neue Bewegung. Vielmehr m\u00fcssen wir diese Entwicklungen als Chance begreifen, um unsere Themen auch in der breiteren Gesellschaft zu platzieren und die entstandenen Netzwerke \u00fcber den Lockdown hinaus als Strukturen beizubehalten. Unsere Politik muss \u00fcber solidarische Nachbarschaftshilfe hinausgehen. So markieren die Proteste und Aktionen bez\u00fcglich der EU-Au\u00dfengrenzen einen Versuch, das gerade zumindest teilweise entstehende solidarische Bewusstsein aufzugreifen und auszuweiten. Unsere Solidarit\u00e4t macht weder vor nachbarschaftlichen Grenzen Halt, noch vor nationalstaatlich gesetzten Grenzen.<br/> Konkrete Beispiele einer bereits bestehenden Praxis, die sich partiell Handlungs-m\u00f6glichkeiten zur\u00fcckerk\u00e4mpft, lassen sich an verschiedenen Stellen alleine schon in unserem direkten Umfeld finden: die Menschenkette der Seebr\u00fccke Frankfurt am 5. April, widerst\u00e4ndigere Aktionen wie von Riseup4Solidarity, im Zuge derer ganz Frankfurt mit Bannern, Graffitis und Tags versch\u00f6nert wurde und vieles mehr. Bundesweit zeigen etwa die Aktionen von #besetzen mit Livestream aus Berlin am 28. M\u00e4rz oder die zahlreichen Aktionen in vielen St\u00e4dten anl\u00e4sslich des 1. Mai, wohin die Reise gehen kann. Verschiedene Initiativen versuchen auch mit Online-Demos den Charakter physischer Kundgebungen auf den digitalen Raum zu \u00fcbertragen. Daran m\u00fcssen wir ankn\u00fcpfen und uns Wissen zu ungehorsamen Aktionsformen im digitalen Raum aneignen, beziehungsweise diese praktisch erproben.</p><p>Wieder einmal trifft es in dieser Krise die ohnehin Prekarisierten der Gesellschaft am st\u00e4rksten: Kranken- und Altenpfleger*innen, prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte, Wohnungslose, Alleinerziehende, Migrant*innen, Frauen und Queers. Dass diese auch in digitalen R\u00e4umen unterrepr\u00e4sentiert sind, erschwert unsere Handlungsm\u00f6glichkeiten noch zus\u00e4tzlich. Es ist notwendig, dass wir auch im \u00f6ffentlichen Raum, beispielsweise durch Aktionen, Banner oder Plakate, Aufmerksamkeit schaffen. Hier m\u00fcssen K\u00e4mpfe gef\u00fchrt, weitergef\u00fchrt und verst\u00e4rkt werden. Dabei d\u00fcrfen allerdings die brennenden Probleme unserer Zeit - die Krise von \u00d6kologie und Kapital - nicht hintenanstehen. Denn sie sind die Grundlage vieler anderer Krisen. Es geht darum, Versuche zu starten - wie es schon einige vorgemacht haben - unsere Handlungsmacht auf die Probe zu stellen. Diese Aufgabe geht \u00fcber die Zeit der Pandemie hinaus. Wir sollten auch jetzt schon die Situation nach Corona mitdenken, ohne uns aber, bedingt durch die schnellen Ver\u00e4nderungen, in st\u00e4ndigen Prognosen zu verlieren. Aber so oder so: Lasst uns f\u00fcr die jetzige und die kommende Zeit Netzwerke schaffen, uns organisieren und Aktionserfahrungen sammeln!</p><p>In den kommenden Tagen und Wochen gibt es einige Anl\u00e4sse, die dazu einladen, kollektiv neue Wege auszuprobieren, sich auszutauschen und neue Erfahrungen zu gewinnen, um uns im Agieren f\u00fcr eine rebellische Politik weiterzuentwickeln. Wir m\u00fcssen jetzt anfangen, die vorherrschenden gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse zum Wanken zu bringen. Fangen wir jetzt damit an: Mutig, auf neuen Wegen, mit kreativen Aktionen, ob verdeckt oder offen! Die N\u00e4chte sind lang! Lasst sie uns nutzen.</p><hr/><h2>Anmerkung</h2><p><i>\u00d6kologisch Radikal Links. Unter diesem Namen wurde in Frankfurt f\u00fcr den 24. April 2020 eine antikapitalistische Mobilisierung f\u00fcr den Global Climate Strike geplant. Aufgrund der ver\u00e4nderten Situation konnte diese nicht wie geplant stattgefunden. Seitdem hat sich \u00d6kologisch Radikal Links der Bildungsarbeit verschrieben und veranstaltet unter anderem einem eine Online-Veranstaltungsreihe und eine Social-Media-Kampagne zu Geschichte und Gegenwart \u00f6kosozialer K\u00e4mpfe. Zudem wurden Banneraktionen durchgef\u00fchrt.</i><br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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M\u00e4rz 2020 befinden wir uns in Italien nun im \u00dcbergang zur sogenannten \u201ePhase 2\u201c, also der (schrittweisen) Wiederer\u00f6ffnung der industriellen Produktion und des gesellschaftlichen Lebens. Seit dem 27. April nehmen rund drei Millionen Arbeiter*innen ihre Arbeit wieder auf. Sie erg\u00e4nzen nun all jene Arbeiter*innen, die w\u00e4hrend des Lockdowns trotz gesundheitlichen Risiken nie aufgeh\u00f6rt hatten zu arbeiten. Anfang Mai wurden die meisten industriellen Aktivit\u00e4ten wieder gestartet. F\u00fcr einen Teil der Dienstleistungen und des Handels ist der Zeitplan, den Premierminister Giuseppe Conte am 26. April angek\u00fcndigt hatte, etwas gestreckter: Bis zum 1. Juni soll Italien zur \u201eNormalit\u00e4t\u201c zur\u00fcckkehren \u2013 falls die Zahl der Erkrankungen und der Todesopfer von Covid-19 nicht wieder zu steigen beginnt.</p><p>W\u00e4hrend f\u00fcr die Lohnabh\u00e4ngigen vielerorts die \u201ePhase 2\u201c eine zunehmende <a href=\"https://twitter.com/Mau_Ri_83/status/1257720339976671233?s=20\">Gefahr f\u00fcr Leib und Leben</a> bedeutet, gibt es an anderen Orten dennoch Bewegung: In den letzten zwei Monate der Pandemie haben die Arbeiter*innenk\u00e4mpfe bereits zwei verschiedene Phasen erlebt und in K\u00fcrze werden wir in die dritte Phase eintreten.</p><h2><b>Phase 1: Die Arbeiter*innen mobilisieren sich f\u00fcr das Recht auf Leben</b></h2><p>In den ersten beiden M\u00e4rzwochen erlebten wir eine kurze, aber intensive Phase der Arbeiter*innenmobilisierung: wilde Streiks, Streiks, die von den konfliktorientierten Basisgewerkschaften USB, S.I. Cobas und CUB und teilweise von der FIOM (die gr\u00f6\u00dfte Metallarbeiter*innengewerkschaft, die zum linken Gewerkschaftsbund CGIL geh\u00f6rt) organisiert wurden, oder auch Arbeitsniederlegungen durch Inanspruchnahme von Krankheitstagen, Urlaub und Spezialabsenzen. F\u00fcr einen Teil der Klasse handelte es sich zudem um einen Kampf f\u00fcr die Einf\u00fchrung von<i> smart working</i>, also von der computergest\u00fctzten Heimarbeit. Dabei ging es aber nicht darum, diese Form der Arbeit grunds\u00e4tzlich als besseres Arbeitsverh\u00e4ltnis zu sehen, sondern darum, unmittelbar das Ansteckungsrisiko zu minimieren.</p><p>Die gro\u00dfen Gewerkschaften CGIL, CISL und UIL hinkten diesen Streiks oft hinterher, was auf ihre abnehmende Verankerung in den Betrieben zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Sie begannen die Belegschaften erst dann zu verteidigen, als die Streiks schon in vollem Gange waren. Ein Beispiel f\u00fcr dieses Vers\u00e4umnis sind die Arbeiter*innenproteste bei FIAT-FCA in Pomigliano d\u2019Arco bei Neapel. Hier hatten die Arbeiter*innen die Arbeit aufgrund der fehlenden gesundheitlichen Schutzma\u00dfnahmen niedergelegt. Erst infolge dieser Streiks unterzeichneten die Unternehmensleitung und die Gewerkschaften ein betriebliches Abkommen zur Sicherstellung der gesundheitlichen Schutzma\u00dfnahmen, was wiederum zur vor\u00fcbergehenden Schlie\u00dfung der Fiat-Werke italienweit \u2013 und sp\u00e4ter gar europaweit \u2013 f\u00fchrte.</p><p>Durch die gewichtige <a href=\"https://duepublico2.uni-due.de/servlets/MCRFileNodeServlet/duepublico_derivate_00026914/07_Coppola_Italien.pdf\">Rolle von FIAT-FCA im italienischen Kapitalismus</a> hatte dieser Protest einen starken Beispielcharakter auch f\u00fcr andere Sektoren. So mussten auch einige andere Unternehmen aufgrund der als Protestform gew\u00e4hlten hohen krankheitsbedingten Abwesenheitsquote \u201eschlie\u00dfen\u201c. Daraufhin reagierte der Staat: Das nationale Sozialversicherungsamt INPS \u00fcbte Druck auf die Haus\u00e4rzt*innen aus und erteilte ihnen die Weisung, die Arbeiter*innen nicht mehr so leichtfertig krankzuschreiben, um die Arbeitsabsenzen zu beschr\u00e4nken.</p><p>In diesen ersten Wochen des Lockdowns erlebte Italien also \u00fcber das gesamte Territorium verteilt einen weitreichenden und diffusen Ungehorsam. Es handelte sich nicht um offensive K\u00e4mpfe, sondern vielmehr um einem Widerstand der Arbeiter*innen gegen den neuen Druck einer <a href=\"https://revoltmag.org/articles/arbeiten-zeiten-des-coronavirus/\">Arbeit in Zeiten des Coronavirus</a>. In den K\u00e4mpfen stand der Schutz des Lebens der Arbeiter*innen vor jedem anderen (\u00f6konomischen) Bed\u00fcrfnis. Innerhalb weniger Stunden wurde den Arbeiter*innen bewusst: Die Unternehmen behandelten die Arbeiter*innen schlicht als stets zur Verf\u00fcgung stehende \u201eWaren\u201c; f\u00fcr sie waren die Wirtschaftszahlen wichtiger als die Leben \u201eihrer\u201c Arbeiter*innen; und sie waren weiterhin bereit, eine Wirtschaftsentwicklung zu verteidigen, die f\u00fcr die Unternehmen volle Taschen, f\u00fcr die Menschen jedoch \u2013 letztlich \u2013 den Tod bedeutete.</p><p>Eine m\u00f6gliche Wiederaufnahme dieses Widerstands der Arbeiter*innen in Form von \u00f6ffentlich ausgetragenen K\u00e4mpfen oder mittels versteckter Formen des Widerstands als \u201eweapons of the weak\u201c, wie es die amerikanische Soziologin Beverly Silver in ihrem Werk <a href=\"https://libcom.org/files/Beverly_J._Silver-Forces_of_Labor__Workers&#x27;_Movements_and_Globalization_Since_1870_(Cambridge_Studies_in_Comparative_Politics)__-Cambridge_University_Press(2003).pdf\"><i>Forces of Labor</i></a> (2003) beschrieben hat, pr\u00e4gte die politische Debatte dar\u00fcber, welche Sektoren als essentiell und lebensnotwendig zu bezeichnen sind und welche nicht.</p><p>Obwohl die Regierung zun\u00e4chst nicht auf die Forderungen nach einer unmittelbaren Wiederer\u00f6ffnung der industriellen Produktion des Unternehmensverbandes Confindustria einging, lenkte sie jetzt in vielen Punkten dennoch ein. So bedeutet die von der Regierung angek\u00fcndigte Phase 2 eine Wiederaufnahme der industriellen T\u00e4tigkeiten und gleichzeitig eine Fortsetzung des Lockdowns \u2013 auch wenn in gelockerter Form \u2013 f\u00fcr die Menschen im Alltag.</p><h2><b>Phase 2: Weiterf\u00fchrung der Produktion und R\u00fcckgriff auf soziale Sicherungsnetze</b></h2><p>Nach den ersten zwei Wochen im Lockdown \u00e4nderte sich die Situation. Die Streiks nahmen rasant ab. Grund daf\u00fcr war in erster Linie ein infames <a href=\"http://www.governo.it/it/articolo/il-presidente-conte-videoconferenza-con-le-parti-sociali/14304\">\u201eProtokoll \u00fcber die Sicherheit an den Arbeitspl\u00e4tzen\u201c</a>, das Regierung, Unternehmensverband und Gewerkschaften am 14. M\u00e4rz unterzeichneten. Mit diesem \u201esozialpartnerschaftlich\u201c unterzeichneten Protokoll gab die Regierung in dem Moment, in dem Millionen von Arbeiter*innen f\u00fcr die vor\u00fcbergehende Schlie\u00dfung der Produktion k\u00e4mpften, den Unternehmen die M\u00f6glichkeit, sie auf Kosten der Gesundheit der Arbeiter*innen weiter laufen zu lassen. Den Arbeiter*innen blieb also nichts anderes \u00fcbrig, als weiterhin den individuellen Weg der Arbeitsabwesenheit (Krankheit, Urlaub, Spezialabsenzen) zu w\u00e4hlen. Darauf wurde vor allem dort zur\u00fcckgegriffen, wo die kollektiven und \u00f6ffentlich ausgetragenen K\u00e4mpfe verloren wurden und die Produktion weiter lief, wo nicht auf<i> smart working</i> zur\u00fcckgegriffen werden konnte und wo die n\u00f6tigen Schutzdispositive (Schutzmasken, Handschuhe, Desinfizierung der Arbeitspl\u00e4tze und so weiter) nicht eingef\u00fchrt wurden. Auch wenn der Handlungsspielraum der Arbeiter*innen dadurch wesentlich eingeschr\u00e4nkt war, stellte diese Kampfform der Arbeitsabwesenheit weiterhin ein starkes Signal dar: Sie legte die kapitalistische Logik offen, in der die Garantie von Profit in Antithese zur Verteidigung des Lebens steht.</p><p>Viele Unternehmen wurden durch die Bedrohung der Arbeitsk\u00e4mpfe und den gesellschaftlichen Druck dazu gezwungen, gesundheitliche Schutzdispositive einzuf\u00fchren; andere Unternehmen argumentierten jedoch mit der M\u00f6glichkeit des Arbeitsplatzverlusts f\u00fcr die Lohnabh\u00e4ngigen. Sie nutzten damit die Angst vor Arbeitslosigkeit aus, um die Produktion weiterzuf\u00fchren; ganz so, als ob nichts w\u00e4re. Viele Arbeiter*innen berichteten \u00fcber das <a href=\"https://poterealpopolo.org/faq-emergenza-covid-19-per-lavoratori-e-lavoratrici/\">\u201erote Telefon\u201c</a> von <i>Potere al Popolo</i>, dass sie gezwungen waren, gegen\u00fcber der Polizei Falschaussagen zu machen, um zum Arbeitsplatz zu gelangen. Dies war beispielsweise oft bei irregul\u00e4r Arbeitenden der Fall, die \u00fcber keinen Arbeitsvertrag verf\u00fcgen und daher rechtlich betrachtet gar nicht zur Arbeit fahren durften.</p><p>Ein weiteres seit Beginn der Pandemie m\u00f6gliches Instrument zur Weiterf\u00fchrung der Produktion seitens der Unternehmen war die Beantragung einer Spezialbewilligung bei den Pr\u00e4fekturen \u2013 also den Vertretungen des Innenministeriums in den Provinzen. Diese Ausnahmeregelungen wurden so offen formuliert und die Kontrollen in den Betrieben so unzureichend durchgef\u00fchrt, dass es de facto f\u00fcr die Unternehmen einfach war, straffrei weiter zu produzieren.</p><p>Von dieser M\u00f6glichkeit der Ausnahmeregelung machten bis Ende April \u00fcber 196.000 Unternehmen Gebrauch, wobei nur in sechs Prozent der F\u00e4lle die Anfrage abgelehnt wurde. Den Unternehmen wurde gestattet, in der Zeit zwischen der Einreichung und der Pr\u00fcfung des Antrages wieder zu \u00f6ffnen. Es handelte sich dabei um eine lange Zeitdauer wenn man bedenkt, dass die Pr\u00e4fekturen bisher weniger als 50 Prozent der Gesuche bearbeitet haben.</p><p>In dieser zweiten Phase versuchten diejenigen Arbeiter*innen, die tats\u00e4chlich nicht zur Arbeit fahren konnten, sozialstaatliche Unterst\u00fctzungsleistungen zu erhalten. Es gab einen regelrechten Ansturm auf das Kurzarbeitsgeld und auf den Bonus von 600 Euro f\u00fcr Selbst\u00e4ndige. Im Wesentlichen formulierten die Arbeiter*innen zwei Forderungen: Erstens die Integration derjenigen Klassensegmente in die sozialstaatlichen Hilfsleistungen, die von den bestehenden Versicherungen ausgeschlossen sind. Zweitens die Entwicklung neuer sozialstaatlicher Instrumente f\u00fcr die Ausgeschlossenen; dazu geh\u00f6ren vor allem die Forderungen nach einem Notlage-Grundeinkommen (<i>reddito d&#x27;emergenza</i>), die kollektive Regularisierung von papierlosen Arbeitsmigrant*innen, die zeitliche Ausdehnung der Arbeitslosenentsch\u00e4digung und Spezialzahlungen f\u00fcr Care-Arbeiter*innen.</p><p>Die Ma\u00dfnahmen der italienischen Zentralregierung wurden erg\u00e4nzt durch Ma\u00dfnahmen der einzelnen Regionen, doch noch heute warten aufgrund der Tr\u00e4gheit der institutionellen Prozesse Millionen von Arbeiter*innen auf den Zugang zu ihren Rechten. Dabei geht es nicht um ein blindes Hoffen auf die Gutm\u00fctigkeit der Regierung. Es geht darum, dass die Ma\u00dfnahmen zur Unterst\u00fctzung der Arbeiter*innen tats\u00e4chlich beschlossen wurden und also alle Arbeiter*innen ein Recht darauf haben, auch wenn die Ma\u00dfnahmen letztlich ungen\u00fcgend bleiben werden.</p><p>Obwohl die Regierung stets verspricht, \u201eschnell zu handeln\u201c, spielt sie auf Zeit. Das angek\u00fcndigte April-Dekret, das die L\u00fccken der vorherigen Dekrete schlie\u00dfen sollte und sowohl Liquidit\u00e4tshilfen f\u00fcr Unternehmen als auch die Aufstockung der sozialstaatlichen Hilfeleistungen vorsah, wird nun doch erst Anfang Mai verabschiedet. Die wachsende Wartezeit schr\u00e4nkt aber die M\u00f6glichkeit gr\u00f6\u00dferer Mobilisierungen ein, die Arbeiter*innen beschr\u00e4nken ihre Forderungen fast ausschlie\u00dflich auf ihre jeweiligen Berufskategorien.</p><h2><b>Phase 3: Die Unternehmen nehmen die Produktion wieder auf \u2013 und die Arbeiter*innen ihren Kampf?</b></h2><p>Mit der letzten April-Woche fand auch die \u201eGeneralprobe\u201c auf die Wiederer\u00f6ffnung der Produktion statt. Der Wiederaufnahme zahlreicher bis dahin noch geschlossener T\u00e4tigkeiten gingen nationale und/oder lokale Abkommen zwischen Unternehmen und Gewerkschaften \u00fcber die Notwendigkeit der Umsetzung wichtiger Sicherheitsma\u00dfnahmen voraus.</p><p>Viele dieser Abkommen wurden von den Medien hoch gelobt. So konnte der Widerspruch zwischen Profit der Unternehmen und der Gesundheit der Arbeiter*innen, welcher in den ersten Wochen des Pandemieausbruchs mit beispielloser Klarheit zutage getreten war, wieder verschleiert werden. FIAT-FCA, Electrolux, Whirlpool und viele andere Gro\u00dfunternehmen wurden als Vorbilder pr\u00e4sentiert: Die Unternehmen k\u00fcmmerten sich um die Gesundheit der Arbeiter*innen! Oder gar noch zynischer: sei sei sogar eine absolute Priorit\u00e4t des \u201eitalienischen Gesch\u00e4ftsmodells\u201c!</p><p>Viel wahrscheinlicher, als diese Heilsbotschaft suggeriert, ist jedoch eine Intensivierung des Klassenwiderspruchs in dieser dritten Phase. Sie ist ein neuer Kampfzyklus zur Verteidigung der Gesundheit, der die Logik des Lebens vor die Logik des Profits stellen wird. Es wird sich aber nicht um ein \u201ezur\u00fcck zur Phase 1\u201c handeln: Zum einen, weil die pr\u00e4ventive Repression es schwierig gemacht hat, die k\u00e4mpfenden Arbeiter*innen materiell zu unterst\u00fctzen (ein Streik kann zwar ausgerufen und praktiziert werden, doch ihn mit einem Streikposten oder gar mit einer Demonstration zu unterst\u00fctzen ist nach wie vor sehr schwierig). Andererseits auch deshalb nicht, weil die \u00f6konomische Krise immer sp\u00fcrbarer wird und seit rund einem Monat die Angst um die Zukunft f\u00fcr viele Menschen real und immer erdr\u00fcckender geworden ist.</p><p>Die im Protokoll vom 14. M\u00e4rz vorgesehenen Organe, die sogenannten \u201eKontrollaussch\u00fcsse\u201c f\u00fcr die Durchsetzung von Ma\u00dfnahmen, haben ihre Arbeit in den einzelnen Unternehmen de facto nicht fl\u00e4chendeckend aufgenommen; in nur 40 Prozent aller Unternehmen wurden sie tats\u00e4chlich gegr\u00fcndet. Dort, wo sie existieren, bleiben sie aber nach wie vor unt\u00e4tig. Dar\u00fcber hinaus besteht die Gefahr, dass die gewerkschaftlichen und sicherheitstechnischen Vertretungen der Arbeiter*innen in den Betrieben \u2013 <i>rappresentanze sindacali unitarie</i> (RSU),<i> rappresentanza sindacale aziendale</i> (RSA), <i>rappresentante dei lavoratori per la sicurezza</i> (RLS) sind drei betriebliche Arbeiter*innenorgane, die mit den deutschen Betriebsr\u00e4ten verglichen werden k\u00f6nnen \u2013 zur Zielscheibe nicht nur der Unternehmensleitungen werden k\u00f6nnten, sondern auch der Arbeiter*innen selbst. Und zwar deshalb, weil viele Arbeiter*innen aufgrund der Angst vor einer schweren \u00f6konomischen Krise und einem allf\u00e4lligen Jobverlust trotz der gesundheitlichen Risiken dem Motto des Unternehmensverbandes Confindustria \u2013 \u201eArbeit um jeden Preis\u201c \u2013 Folge leisten k\u00f6nnten. Dies wird insbesondere in denjenigen Betrieben passieren, in denen die Arbeiter*innenvertretungen die Stimme der Unternehmensleitung repr\u00e4sentieren und dort, wo die Gewerkschaften ganz abwesend sind.</p><p>Das Risiko besteht darin, dass in den Unternehmen Bedingungen stillschweigend akzeptiert werden, die sch\u00e4dlich sind f\u00fcr die Gesundheit der Arbeiter*innen. Die Repressions- und Erpressungsm\u00f6glichkeiten der Unternehmen haben sich vervielfacht: die Drohung der Betriebsschlie\u00dfung oder der Verringerung des Arbeitsvolumens, der Verlust von Marktanteilen, die Verwendung einer selektiven Kurzarbeit, die sogenannten \u201eSt\u00f6renfrieden\u201c oder den als nicht funktional definierten Arbeiter*innen auferlegt werden; die Verweigerung von<i> smart working</i> aus nicht objektiven Gr\u00fcnden, sondern als \u201eStrafe\u201c; und nicht zuletzt die Androhung von Entlassungen, sobald den Unternehmen das Recht dazu wieder einger\u00e4umt wird (im Dekret \u201eCura Italia\u201c wurde ein K\u00fcndigungsverbot bis Mitte Mai verabschiedet, das im April-Dekret bis zum Ende der Pandemie verl\u00e4ngert werden soll). Es ist also von wesentlicher Bedeutung, dass im April-Dekret das K\u00fcndigungsverbot erneuert und die staatliche Unterst\u00fctzung von Unternehmen an Bedingungen gekn\u00fcpft wird. Ansonsten werden sie \u2013 wie schon so oft \u2013 neue finanzielle Unterst\u00fctzungsleistungen dazu nutzen, um zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt K\u00fcndigungen auszusprechen oder \u201eRestrukturierungen\u201c vorzunehmen.</p><h2><b>Was tun in der offiziellen \u201ePhase 2\u201c?</b></h2><p>Aufgrund des gezeichneten Szenarios m\u00fcssen wir davon ausgehen, dass die Konflikte, die an den Arbeitspl\u00e4tzen ausbrechen werden, entscheidend sein werden f\u00fcr die Zukunft unserer Klasse. Dabei spielt es keine Rolle, ob es diese Arbeitsk\u00e4mpfe an die \u00d6ffentlichkeit schaffen oder ob sie mehrheitlich eher \u201eunterirdisch\u201c verlaufen \u2013 sie werden auf jeden Fall sp\u00fcrbar sein. Was sind nun unsere Aufgaben als linke Organisationen angesichts dieser neuen Phase? Was ist \u201eunsere\u201c Phase 3, die wir ihr vorausschicken?</p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-photo\">\n        \n  \n\n\n  <figure class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img alt=\"potere al popolo-phase2.jpg\" height=\"628\" src=\"/media/images/potere_al_popolo-phase2.original.jpg\" width=\"1140\">\n      \n      \n    </div>\n    <figcaption>\n      <p>&quot;Pandemie, Arbeit und Phase 2 - Drei konkrete Vorschl\u00e4ge&quot;</p>\n    </figcaption>\n  </figure>\n\n\n\n\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h4><i>1) Die Produktion und ihre K\u00e4mpfe sichtbar machen!</i></h4><p>Zun\u00e4chst einmal geht es darum, der \u201eAu\u00dfenwelt\u201c mitzuteilen, was in den Betrieben geschieht. Daf\u00fcr sind alle Kan\u00e4le, Strukturen und Netzwerke unentbehrlich, die uns heute zur Verf\u00fcgung stehen: Einzelne Aktivist*innen, Arbeiter*innen, denen wir im Laufe der letzten Jahre begegnet sind, gewerkschaftliche Strukturen jeglicher Art. Es ist notwendig, eine gemeinsame Anstrengung auf uns zu nehmen, um das sichtbar zu machen, was in den \u201everborgenen St\u00e4tten der Produktion\u201c (Marx) vor sich geht. Denn dabei handelt es sich nicht um eine private Angelegenheit von Unternehmen, es ist das Interesse der Allgemeinheit, zu wissen, was an den Arbeitspl\u00e4tzen passiert.</p><h4><i>2) Populare Komitees bilden!</i></h4><p>Wir k\u00f6nnen die Verteidigung der Gesundheit in den Betrieben dabei nicht allein den direkt betroffenen Arbeiter*innen \u00fcberlassen. Aus den oben dargelegten Gr\u00fcnden besteht die Gefahr, dass die (\u00f6konomische) Erpressung, der wir alle ausgesetzt sind, eine angemessene Verteidigung erschwert.</p><p>Es ist notwendig, die Schaffung von popularen Komitees zur Verteidigung der Arbeiter*innen in die Wege zu leiten, die auf territorialer Basis von Aktivist*innen, aber auch von Gewerkschaften, Kollektiven, sozialen und politischen Organisationen gebildet werden. Ihre Aufgabe w\u00e4re es, als Werkzeug in den H\u00e4nden jene*r Arbeiter*innen zu fungieren, die an den einzelnen Arbeitspl\u00e4tzen nicht \u00fcber das angemessene Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis verf\u00fcgen.</p><p>Gleichzeitig m\u00fcssen wir fordern, dass die f\u00fcr die Kontrolle zust\u00e4ndigen Institutionen, wenn nicht ausschlie\u00dflich, so doch zumindest vorrangig auf die Kontrolle der Unternehmen hinarbeiten: Das nationale Arbeitsinspektorat, die Finanzpolizei, die lokale Polizei und die lokalen Gesundheitsinstitutionen m\u00fcssen aufh\u00f6ren, alle 100 Meter Posten zu errichten, um die Menschen zu kontrollieren, ob sie individuell die Sicherheitsvorschriften einhalten; vielmehr m\u00fcssen sie sich auf die Kontrolle der Arbeits- und Gesundheitsbedingungen in den Betrieben konzentrieren und sich so f\u00fcr das Recht auf das Leben von Millionen von Menschen in den Produktionsst\u00e4tten einsetzen. Auch in diesem Fall schlagen wir die Einrichtung von popularen Komitees vor, die die Koordinierung dieser T\u00e4tigkeiten organisieren. Dies muss mit der Beteiligung der Gewerkschaften, aber unter Ausschluss der Unternehmensvertretungen geschehen, denn in einem popularen Kontrollorgan darf niemand vertreten sein, der \u201ekontrolliert\u201c werden muss.</p><h4><i>3) Auf die \u00f6kologische Transformation hinarbeiten!</i></h4><p>Auf einer allgemeineren politischen Ebene besteht die Notwendigkeit, \u00fcber die Einrichtung einer \u201eAgentur f\u00fcr die \u00f6kologische Transition\u201c nachzudenken. In naher Zukunft werden zahlreiche Betriebe schlie\u00dfen und viele Unternehmen werden enorme staatliche finanzielle Unterst\u00fctzung anfordern. Im Kontext der aktuellen Ausweitung der \u201estaatlichen Hilfen\u201c, des <i>common sense</i> \u00fcber die N\u00fctzlichkeit staatlicher Interventionen und der ersten Verstaatlichungsprozesse bestimmter Unternehmen, muss der Staat die Rolle eines intervenierenden Akteurs der Industrie- und Wirtschaftspolitik werden und auf die Entwicklung eines Plans f\u00fcr die Zukunft hinarbeiten. Einige Unternehmen m\u00fcssen vom Staat \u00fcbernommen und mit R\u00fccksicht auf eine gesundheitliche und \u00f6kologische Produktion weiterentwickelt werden. W\u00e4hrend dieses \u00dcbergangs muss den Arbeiter*innen der n\u00f6tige sozialstaatliche Schutz und die berufliche Weiterbildung garantiert werden.</p><p>Das sind in keinster Weise unrealistische Forderungen. Es fehlt oft einzig der politische Wille und die politische Kraft dazu, einen solchen \u00dcbergang zu organisieren. Die Regierung hat in diesen Tagen enschieden, die Einf\u00fchrung der <i>plastic tax</i> und der <i>sugar tax</i> hinauszuz\u00f6gern. Dieses Hinausz\u00f6gern steht unseren Interessen nicht aufgrund der fehlenden Staatseinnahmen entgegen \u2013 die tats\u00e4chlichen Einnahmen w\u00e4ren laut den Pl\u00e4nen der Regierung sowieso sehr niedrig \u2013, sondern aufgrund des politischen Signals, das mit dieser Entscheidung ausgesendet wird: die \u00f6kologische Frage \u2013 und somit diejenige des Lebens der Arbeiter*innen \u2013 ist f\u00fcr die Regierung zweitrangig im Vergleich zu den Profitbed\u00fcrfnissen der Unternehmen.</p><p>Die Welt von morgen wird nicht aus einem sowieso unm\u00f6glichen Zur\u00fcck in die Vergangenheit hervorgehen. Eine Vergangenheit, die f\u00fcr viele von uns bereits die \u201eKrankheit\u201c war. Es liegt an uns, daf\u00fcr zu sorgen, dass wir in die f\u00fcr uns richtige Richtung gehen.</p><hr/><p><i>Giuliano Granato ist ein Arbeiter, der aufgrund seines gewerkschaftlichen Aktivismus entlassen wurde. Er ist zudem Mitglied der nationalen Koordination der linken Organisation</i> <a href=\"http://www.poterealpopolo.org/\"><i>Potere al Popolo</i></a><i>.</i></p><p></p><p><i>\u00dcbersetzung von Maurizio Coppola.</i></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Diese Parole, die immer noch gerne bei fast jeder Antifa-Demo gerufen wird, trifft bei der Alternative f\u00fcr Deutschland (AfD) (bisher zumindest) nicht zu. Nur f\u00fcr Betonkopf-Kommunistinnen und -Kommunisten ist auch die AfD im Sinne Georgi Dimitroffs Ausdruck der \u201ereaktion\u00e4rsten Elemente des Finanzkapitals\u201c. In der Realit\u00e4t dagegen unterst\u00fctzten nur vereinzelte Unternehmerinnen und Unternehmer, vorwiegend mittelst\u00e4ndischer Firmen, die Partei, die sich unter anderem f\u00fcr einen neuen Nationalismus stark macht. Denn das deutsche Kapital profitiert von einer globalisierten \u00d6konomie und ben\u00f6tigt Arbeitskr\u00e4fte aus dem Ausland. Sowohl gut ausgebildete Fachkr\u00e4fte als auch billige Arbeiterinnen und Arbeiter sind deshalb sehr gefragt. Abschottung, Protektionismus und Rassismus, wie von der AfD propagiert, wird deshalb von diesem als gesch\u00e4ftssch\u00e4digend angesehen.</p><h2><b>Das Image z\u00e4hlt</b></h2><p>Das schwierige Verh\u00e4ltnis vieler Wirtschaftsfraktionen zur AfD wird etwa im Fall des Unternehmers Hans Wall augenscheinlich. Wall war der Gr\u00fcnder und erster Aufsichtsratsvorsitzender der Au\u00dfenwerbungsfirma Wall AG. Im Jahr 2013 trat er aus seiner bisherigen Partei, der FDP aus und in die AfD ein. Er unterst\u00fctzte die Partei im Wahlkampf mit einer Spende \u00fcber 10.000 Euro. F\u00fcr ihn sei die AfD \u201edie Partei des deutschen Mittelstands\u201c, <a href=\"https://www.morgenpost.de/berlin/article133332066/Unternehmer-Hans-Wall-unterstuetzt-die-AfD.html\">so Wall</a>. Nachdem die Parteimitgliedschaft Walls \u00f6ffentlich bekannt wurde, distanzierte sich seine eigene Firma von ihm und von der AfD: \u201eWir wollen mit dieser rechtspopulistischen Partei nichts am Hut haben\u201c, <a href=\"https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/wall-streit-um-spenden-wie-die-afd-eine-berliner-unternehmensfamilie-entzweit-li.52782\">so Wall-AG-Sprecher Daniel Abbou</a>.</p><p>Die Haltung dieserFirma ist ein Beispiel f\u00fcr eine verbreitete Haltung in der deutschen Wirtschaft gegen\u00fcber der Rechtsau\u00dfenpartei. Und so verwundern auch Aussagen wie die des Pr\u00e4sidenten des Bundesverbandes der deutschen Industrie, Dieter Kempf nicht, der <a href=\"https://bdi.eu/artikel/news/erfolge-der-afd-schaden-dem-image-unseres-landes/\">im August 2019</a>, vor den Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Th\u00fcringen, den Zeitungen der Funke Mediengruppe diktierte: \u201eErfolge der AfD schaden dem Image unseres Landes\u201c und \u201eAusl\u00e4nderfeindlichkeit und Nationalismus passen nicht zu einer international erfolgreichen deutschen Wirtschaft.\u201c Diese Aussagen machen deutlich, dass das Gros der deutschen Industrie auf die Exportwirtschaft und die internationale Vernetzung setzt. Erfolge rassistischer Parteien sind daf\u00fcr kontraproduktiv, da sie einen Imageschaden ausl\u00f6sen k\u00f6nnen, der dann zu weniger Investitionen f\u00fchren kann.</p><p>Wollten also Linke die Wahlerfolge der AfD marxistisch begr\u00fcnden, konnten sie bisher kaum auf die historischen Erkl\u00e4rungsmuster des Traditionsmarxismus zur\u00fcckgreifen. Die materielle Basis des deutschen Kapitalismus aus Exportorientierung und weltweiter \u00f6konomischer Verflechtung anhand globaler Lieferketten und billiger Arbeitskr\u00e4fte stand dem entgegen. F\u00fcr eine an Marx orientierte Analyse des rasanten rechten Aufstiegs der letzten Jahre musste also auf dissidente Str\u00f6mungen der Arbeiterinnenbewegung zur\u00fcckgegriffen werden, etwa auf das <a href=\"https://dietzberlin.de/Beck-Stuetzle-Hrsg-Die-neuen-Bonapartisten\">Bonapartismus-Konzept</a> August Thalheimers oder die <a href=\"https://www.verbrecherverlag.de/book/detail/1025\">Theorie des autorit\u00e4ren Charakters</a> der Kritischen Theorie. Doch k\u00f6nnte die \u00f6konomische Entwicklung seit der Krise 2007/2008 auch Erkl\u00e4rungsmuster rehabilitieren, die auf einen engen Zusammenhang von Faschismus, Kapital und Staat rekurrieren.</p><h2><b>Nationalistische Tendenzen vor Corona</b></h2><p>Denn seit ein paar Jahren gibt es globale Tendenzen hin zu einer Schw\u00e4chung internationaler Vernetzung und Globalisierung beziehungsweise eine R\u00fcckbesinnung auf nationale M\u00e4rkte. Nach dem weltweiten Kriseneinbruch 2007ff. bem\u00fchten sich die Staatenlenkerinnen und Staatenlenker auf Konferenzen wie den G 20-Gipfeln noch um die Priorisierung der internationalen Kooperation. Doch durch die langandauernde Phase der Krise, des schwachen Wachstums und nun der durch die Corona-Pandemie verursachten <a href=\"https://revoltmag.org/articles/infektion-der-%C3%B6konomie/\">erneuten Wirtschaftskrise</a>, erleben vielerorts nationalistische und autorit\u00e4re Parteien und Gruppierungen einen Aufschwung. Dieser wurde auch durch die Niederlage der Protestbewegungen vom Arabischen Fr\u00fchling \u00fcber die Platzbewegungen in den s\u00fcdeurop\u00e4ischen Krisenstaaten bis zur Occupy-Bewegung befeuert. Die Rechte propagiert statt internationaler Zusammenarbeit und weltweiter Wirtschaftsverflechtungen, Protektionismus und die F\u00f6rderung der heimischen \u00d6konomie. Allen voran die USA unter Trumps Credo \u201eAmerica first!\u201c</p><p>Zwar sind die USA nach wie vor die hegemoniale Macht innerhalb des Weltsystems, stemmen sich aber seit den 1970er-Jahren gegen den eigenen Abstieg und gegen den Aufstieg zahlreicher Konkurrenten. Die Corona-Krise scheint diese Entwicklung zu besiegeln. Allen Erwartungen zufolge wird China \u00f6konomisch und moralisch gest\u00e4rkt aus der Krise hervorgehen. Die von Trump vom Zaun gebrochenen Handelskriege, vor allem gegen den Hauptkonkurrenten China, und die aufgek\u00fcndigten Freihandelsabkommen markieren einen Kurswechsel in der Politik der USA, die bisher zu den lautesten Verfechtern freier M\u00e4rkte und der Globalisierung geh\u00f6rten, und in der globalen \u00d6konomie. Weitere Beispiele dieser Entwicklung sind die aggressive Durchsetzung deutscher Interessen in der Eurokrise zu Ungunsten s\u00fcdeurop\u00e4ischer Krisenstaaten und der Brexit. Was damit schon angedeutet wurde, zeigt es sich dann in der Corona-Krise klar: die EU ist zur Farce geworden. In ihren Reaktionen auf den Virus zeigt sich, wie weit eine gemeinsame europaweite Krisenbew\u00e4ltigung von der aktuellen Politik weg ist. Politisch wie \u00f6konomisch ziehen die Staaten die Nation des Staatenbundes vor. Auch in Fragen der europ\u00e4ischen Migrationspolitik kann sich die EU in erster Linie nur auf <a href=\"https://revoltmag.org/articles/das-gesch%C3%A4ft-mit-der-flucht/\">die gemeinsame Migrationsabwehr</a> einigen. Innerhalb Europas gibt es diesbez\u00fcglich kaum Einigkeit und die Menschen, die es nach Europa schaffen, werden auf Kosten der jeweiligen anderen (Mitglieds)Staaten zu verschieben oder vom eigenen Territorium fernzuhalten versucht.</p><h2><b>Corona als Katalysator einer Entglobalisierung?</b></h2><p>Durch die Corona-Krise d\u00fcrfte sich diese Tendenz hin zu Protektionismus und dem R\u00fcckbezug auf die eigene Nation noch verst\u00e4rken. Die Pandemie zeigt, wie verwundbar ein Kapitalismus ist, der sich auf globale Lieferketten st\u00fctzt. Wenn in China St\u00e4dte abgeriegelt werden, brechen auch hier ganze Produktionszweige zusammen. Diese Erfahrung beg\u00fcnstigt die bereits vor Corona eingesetzte Entwicklung. So wurden schon vor dem Ausbruch der Pandemie einige Zulieferbetriebe der US-amerikanischen Autoindustrie von Ostasien nach Mexiko geholt, um diese n\u00e4her an den Stammwerken zu haben.</p><p>Bei dieser Strategie geht es darum die Lieferketten der Zukunft etwas weniger effizient, daf\u00fcr aber widerstandsf\u00e4higer zu machen; unddies bedeutet eben auch eine st\u00e4rkere Anbindung an die Heimatm\u00e4rkte. Die Zulieferindustrie wird n\u00e4her an die Heimatproduktion gebracht und f\u00fchrt damit erstmals seit Jahrzehnten zu ersten Formen der Entkopplung der internationalen Arbeitsteilung. Es wird dadurch eine Regionalisierung anstelle der Globalisierung gef\u00f6rdert.</p><p>Vor allem die beiden wichtigsten Wirtschaftsnationen der Welt \u2013 USA und China \u2013 sind davon im Rahmen des so genannten Handelsstreits betroffen. Konkret l\u00e4sst sich dieses so genannte Decoupling unter anderem an den Auseinandersetzungen um den chinesischen Telekommunikationsausr\u00fcster Huawei ablesen. Als Reaktion auf US-Sanktionen gegen die Firma plant Huawei nun die Entwicklung eines <a href=\"https://www.heise.de/hintergrund/Smartphones-Gelingt-die-Unabhaengigkeit-von-Huawei-durch-eigenes-Betriebssystem-4704104.html\">eigenen Betriebssystems</a> f\u00fcr Smartphones. Wirtschaftskolumnistinnen, wie die Financial Times Mitarbeiterin <a href=\"https://www.ft.com/rana-foroohar\">Rana Foroohar</a>, bef\u00fcrchten, schon dass in Zukunft die einzelnen Wirtschaftsbl\u00f6cke eigenst\u00e4ndige technische Systeme f\u00fcr ihre Produkte entwickeln k\u00f6nnten und damit die Welt auch technisch von einem globalen System zu territorialen Systemen wechseln k\u00f6nnte. Dies h\u00e4tte gravierende Auswirkungen sowohl auf die Industrie als auch f\u00fcr die Konsumentinnen und Konsumenten und nat\u00fcrlich auch auf eine globale Wirtschaft. Es w\u00e4re eine Paradigmenwechsel, der die bisher fast symbiotischen Beziehungen zwischen den USA und China, plastisch gefasst im Begriff \u201eChimerika\u201c, auf denen die Weltwirtschaft noch basiert, beenden w\u00fcrde.</p><p>Die Reaktionen der in der EU zusammengeschlossenen Nationalstaaten auf die Corona-Pandemie zeigen ebenfalls diese auseinanderdriftenden Tendenzen. Statt gegenseitiger Unterst\u00fctzung gab es Grenzschlie\u00dfungen. Diese wurden von allen Staaten einseitig beschlossen \u2013 ohne die EU-Kommission auch nur dar\u00fcber zu informieren. Auch die Versuche, sich gegenseitig medizinisches Material streitig zu machen oder wegzuschnappen zeugt von einer Priorisierung nationaler Interessen, komme was wolle. In Italien und Spanien lieferten inzwischen Russland und China Hilfsg\u00fcter und inszenierten sich dabei als die gro\u00dfen Helfer dort, wo die EU versagt. So hatte sich wohl niemand in der EU das 25-j\u00e4hrige Jubil\u00e4um des Schengen-Raumes vorgestellt.</p><h2><b>Nationalismus und Gro\u00dfmachtpolitik</b></h2><p>Bereits die Finanzkrise von 2008 und die folgenden Austerit\u00e4tsprogramm f\u00fcr s\u00fcdeurop\u00e4ische Staaten legte das politische und \u00f6konomische Ungleichgewicht der EU offen. Nicht anders verh\u00e4lt es sich nun in der Corona-Krise. Besonders betroffenen s\u00fcdlichen EU-L\u00e4nder fordern die Einrichtung gemeinsamer europ\u00e4ischer Anleihen (Corona-Bonds), um gemeinsam Schulden am Kapitalmarkt aufnehmen zu k\u00f6nnen. Durch die wirtschaftliche St\u00e4rke der n\u00f6rdlichen EU-Staaten w\u00fcrden diese Bonds dazu f\u00fchren, dass die Schuldenaufnahme f\u00fcr die Krisenstaaten deutlich g\u00fcnstiger ausfallen w\u00fcrde. Doch allen voran die deutsche Regierung lehnt diese Programme kategorisch ab. Bereits 2012 stellte sich Bundeskanzlerin Merkel auf den Standpunkt, es werde keine gesamtschuldnerische Haftung \u2013 zum Beispiel \u00fcber Euro-Bonds \u2013 geben, <a href=\"https://www.spiegel.de/politik/ausland/kanzlerin-merkel-schliesst-euro-bonds-aus-a-841115.html\">\u201eso lange ich lebe\u201c.</a></p><p>Vor diesem Hintergrund ist es zu erwarten, dass die nationalen Krisenprogramme gegen die \u00f6konomischen Auswirkungen der Corona-Pandemie sich noch verst\u00e4rkt auf die Interessen der Nationalstaaten konzentrieren werden. Wie stark die Staaten daf\u00fcr bereit, sind im Rahmen des Ausnahmezustands auch in die Interessen selbst global agierender Konzerne einzugreifen, zeigt sich momentan. In zahlreichen L\u00e4ndern sind alle Wirtschaftsaktivit\u00e4ten, die nicht \u201elebensnotwendig\u201c sind, gestoppt oder zumindest stark eingeschr\u00e4nkt.</p><p>Regierungen nutzen zudem die aktuellen Einschr\u00e4nkungen von Rechten dazu, ihre Macht zu festigen. Am offensichtlichsten geschieht dies momentan in Ungarn, wo Orban das Parlament ausgeschaltet hat. Zu einer weiteren St\u00e4rkung des Staates wird auch die \u00f6konomische Krisenreaktion f\u00fchren. Fast in allen L\u00e4ndern wurden bereits Verstaatlichungen kriselnder Unternehmen angek\u00fcndigt und die Schaffung staatlich gef\u00f6rderter Produktion von als lebenswichtig angesehener Produkte. Mit diesen Ma\u00dfnahmen fallen dann die wirtschaftlichen Interessen dieser Konzerne mit den nationalen Interessen in eins. Die Hoffnungen einer staatsfixierten Linken in die M\u00f6glichkeiten einer neuen keynesianischen Politik gegen die Macht transnationaler Konzerne werden nur zu mehr Nationalismus und aggressiven Gro\u00dfmachtpolitik f\u00fchren.</p><p>Es steht zu bef\u00fcrchten, dass die aktuelle Entwicklungen dazu f\u00fchren, dass das jeweilige Kapital eines Landes ein materielles Interesse an einer politischen Vertretung gewinnt, die aggressiv die eigenen Vorteile gegen alle anderen vertritt. Ansatzweise ist dies jetzt schon zu beobachten, wenn etwa AfD und Wirtschaftsverb\u00e4nde ein schnelles Ende der Corona-Beschr\u00e4nkungen fordern. Denn l\u00e4ngst steht hinter den rechten Formierungen nicht mehr nur der fr\u00fchere Chef einer Firma, die Plakate aufh\u00e4ngt. Die Erkl\u00e4rungen des Traditionsmarxismus scheinen so doch wieder aktuell zu werden.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/risiken-und-nebenwirkungen-der-corona-pandemie/", "id": "https://revoltmag.org/articles/risiken-und-nebenwirkungen-der-corona-pandemie/", "author": {"name": "Jens Benicke", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-05-05T23:19:49.049202+00:00", "date_modified": "2020-05-05T23:19:49.049202+00:00", "tags": ["re:search", "nationalismus", "wirtschaftskrise", "rechtsruck", "corona", "krise", "afd", "autoritarismus", "rechte formierungen", "coronadebatte"], "summary": "Nationalistische und protektionistische Tendenzen nehmen vielerorts zu. Mit Blick auf die \u00f6konomische Bearbeitung der Krise fragt sich Jens Benicke: Welchen Zuwachs erh\u00e4lt die autorit\u00e4re Rechte derzeit \u2013 und was bedeuten diese Entwicklungen f\u00fcr den Zusammenhang von Nationalismus, Kapital und Staat?"}, {"title": "Wir sind keine Konjunkturpuffer!", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Wir sind keine&nbsp;Konjunkturpuffer!</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"rota 3.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/rota_3.dae09c15.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">ROTA - Migrantische Selbstorganisation</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Der Beitrag wurde eingesprochen von Maja Tschumi.</i></p><hr/><p></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-html\">\n        <iframe width=\"100%\" height=\"60\" src=\"https://www.mixcloud.com/widget/iframe/?hide_cover=1&mini=1&light=1&feed=%2Frevolt_mag%2Faudio-wir-sind-keine-konjunkturpuffer%2F\" frameborder=\"0\" ></iframe>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><hr/><p>Mit dem Ausbruch der \u201eCorona-Pandemie\u201c seit Anfang dieses Jahres und den entsprechenden politischen Ma\u00dfnahmen hat sich die seit l\u00e4ngerem schwelende Wirtschaftskrise konkretisiert und versch\u00e4rft. Unl\u00e4ngst ist von einer globalen Rezession die Rede, deren Ausma\u00df jener der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre gleicht und global bis zu 200 Millionen Arbeitspl\u00e4tze zu vernichten droht.</p><p>In der Schweiz geht das <a href=\"https://www.seco.admin.ch/seco/de/home/seco/nsb-news.msg-id-78887.html\">Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft</a> von einem R\u00fcckgang des Bruttoinlandsproduktes von etwa sieben Prozent aus. Einen derartigen Einbruch gab es das letzte Mal Mitte der 1970er Jahre w\u00e4hrend des \u201eErd\u00f6lschocks\u201c, in dessen Folge 340.000 hiesige Arbeitspl\u00e4tze vernichtet wurden. Zum Gro\u00dfteil davon betroffen waren migrantische Arbeiter*innen, die sogenannten Saisoniers oder Gastarbeiter*innen und schweizerische Frauen*. 250.000 Gastarbeiter*innen mussten als sogenannte \u201eKonjunkturpuffer\u201c die Schweiz verlassen, da ihnen die befristete Aufenthaltserlaubnis nicht verl\u00e4ngert wurde. Und die schweizerischen Frauen* wurden in die unbezahlte Hausarbeit zur\u00fcck gedr\u00e4ngt.</p><p>Heute nimmt der Bundesrat \u2013 also die Bundesregierung der Schweiz \u2013 65 Milliarden Franken in die Hand und versucht damit alle Spalten zu stopfen, die \u201eder Virus\u201c ins Gef\u00fcge der Gesellschaft rei\u00dft, um die \u00f6konomischen und sozialen Folgen der derzeitigen Krise zu bek\u00e4mpfen.</p><h2><b>Ihr Krisenmanagement \u2013 unsere Forderungen!</b></h2><p>Schweizweit sind bereits 40 Prozent der Arbeiter*innen in Kurzarbeit, w\u00e4hrend weiterhin 2.000 Arbeiter*innen t\u00e4glich ihren Job verlieren. Die offizielle Arbeitslosenquote von 2,5 Prozent vor der Pandemie k\u00f6nnte auf bis zu sieben Prozent ansteigen. Um einen allf\u00e4lligen Einkommensverlust auszugleichen, kann teilweise Anspruch auf Arbeitslosengeld geltend gemacht werden, doch das gilt lange nicht f\u00fcr alle. Die Explosion der Antr\u00e4ge f\u00fcr Sozialhilfe verdeutlichen das: Die Zahl der Neuanmeldungen hat sich in der Deutschschweiz insgesamt <a href=\"https://digitalcollection.zhaw.ch/bitstream/11475/19947/3/2020_Laetsch-Eberitzsch-Brink_Coronastudie-ZHAW.pdf\">vervierfacht</a>. Besonders betroffen sind Arbeiter*innen in prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen wie Stundenl\u00f6hner*innen und Teilzeitangestellte, Alleinerziehende,<i> Working Poor</i>, aber auch Selbstst\u00e4ndigerwerbende. Derweil halten sich migrantische Menschen ohne Arbeitslosenversicherung (ALV) mit der Anmeldung bei den Sozialwerken zur\u00fcck, weil der Bezug von Sozialhilfe durch eine Reihe von Gesetzesrevisionen eine negative Auswirkung auf den Aufenthaltsstatus hat. Die Folge ist, dass Migrant*innen oft in noch prek\u00e4rere Arbeits- und Lebensverh\u00e4ltnisse abdriften und effektiv zu Tagel\u00f6hnern werden, die von der Hand in den Mund leben.</p><ol><li><i>Deshalb ist es jetzt in der Krise von gr\u00f6\u00dfter Dringlichkeit, diese negative Kopplung zwischen Sozialhilfebezug und Aufenthaltsrecht aufzuheben und eine weitere Verelendung der untersten Schichten der Arbeiter*innenklasse zu verhindern!</i></li></ol><p>Teil des Ma\u00dfnahmenpaketes des Bundesrates ist es, der ALV gen\u00fcgend Geld zur Verf\u00fcgung zu stellen, um Kurzarbeitsentsch\u00e4digung (KAE) auszahlen zu k\u00f6nnen. Das ist sehr wichtig. Nur ist dieses Geld eigentlich f\u00fcr die 80-prozentige Lohnfortzahlung der Arbeiter*innen gedacht, die aufgrund der Ma\u00dfnahmen nicht oder nur reduziert arbeiten k\u00f6nnen und nicht daf\u00fcr, dass Firmen, die diese Gelder beantragen, weiterhin Dividenden auszahlen k\u00f6nnen \u2013 was sie aber faktisch tun!</p><ol><li><i>Deshalb braucht es ein Verbot von Dividendenzahlungen f\u00fcr diejenigen Firmen, die Ersatzgelder f\u00fcr Arbeiter*innen von der ALV beziehen!</i></li></ol><p>Au\u00dferdem muss gew\u00e4hrleistet werden, dass diese Gelder dort hinflie\u00dfen, wo es wirklich ben\u00f6tigt wird. Das Problem ist einerseits, dass viele Arbeitgeber*innen sich quer stellen, um keine Pr\u00e4zedenzf\u00e4lle und Verbindlichkeiten f\u00fcr prek\u00e4r angestellte Arbeiter*innen zu schaffen, obwohl die bundesr\u00e4tliche Bestimmung den Anspruch dieser Schichten angesichts der Notlage explizit gew\u00e4hrleistet. Andererseits ist es teilweise f\u00fcr Spitzenverdiener*innen m\u00f6glich, KAE zu beantragen, da der Verdienstausfall f\u00fcr Einkommen von bis zu 148.200 Franken gilt.</p><ol><li><i>Deshalb muss eine effektive Kontrollstelle geschaffen werden, an die sich Arbeiter*innen f\u00fcr den Fall der Verweigerung ihres Anspruchs seitens ihrer Arbeitgeber*innen wenden k\u00f6nnen! Die Einkommensgrenze, bis zu der ein Anspruch wegen Verdienstausfall besteht, muss herabgesetzt werden!</i></li></ol><p>Das reduzierte Einkommen \u2013 wenn es ausgezahlt wird \u2013 bringt gering verdienende Arbeiter*innen in finanzielle Schwierigkeiten, da Mieten und Krankenversicherungspr\u00e4mien weiterhin wie gewohnt gezahlt werden m\u00fcssen. Bisher hat der Bundesrat diesbez\u00fcglich noch nicht interveniert und so die Renten der gr\u00f6\u00dften Immobilienbesitzer*innen der Schweiz garantiert.</p><ol><li><i>Deshalb muss der Bundesrat einen Mietzins- und Pr\u00e4mienerlass f\u00fcr Arbeiter*innen an der unteren Einkommensgrenze erwirken und ein minimales Einkommen f\u00fcr alle Menschen garantieren, die sich in der Schweiz befinden!</i></li></ol><p>Aufgrund der Ma\u00dfnahmen ist von einem Anstieg der Schuldlast im Staatshaushalt die Rede. Das stimmt. Nur muss klar sein, dass der Gro\u00dfteil dieser Schulden auf Liquidit\u00e4ts- und Kreditgarantien f\u00fcr Gro\u00dfunternehmen und Banken entf\u00e4llt, die davon haupts\u00e4chlich <a href=\"https://www.woz.ch/2018/wer-zahlt-die-krise/ein-staat-fuer-die-vermoegenden\">profitieren</a>! Es kommt hinzu, dass der Internationale W\u00e4hrungsfonds (IWF) mit einem Anstieg der Verschuldungsquote in der Schweiz bis Ende 2021 um lediglich sechs Prozent rechnet, das hei\u00dft von einem Anstieg des Staatsdefizits von 40 Prozent auf 46 Prozent ausgeht, was in keinster Weise ein finanzielles Problem darstellt. Nur ein kleiner Teil der 65 Milliarden Franken, n\u00e4mlich 14 Milliarden Franken, wird f\u00fcr die Finanzierung der ALV aufgewendet.</p><ol><li><i>Deshalb muss die Liquidit\u00e4t der ALV unbedingt weiterhin gesichert werden, da sie die juristisch festgelegte j\u00e4hrliche Verschuldungsgrenze von knapp acht Milliarden Franken schon erreicht hat \u2013 statt noch mehr Geld f\u00fcr Banken und Konzerne auszugeben!</i></li></ol><p>Dann steht die Frage im Raum, wem diese Schuldenlast am Ende aufgeb\u00fcrdet werden wird. H\u00f6here Lohnabgaben der Arbeiter*innen an die ALV seien unvermeidbar, sagen die Wirtschaftseliten und warnen gleichzeitig vor den fatalen Folgen allf\u00e4lliger Steuererh\u00f6hungen. Stattdessen m\u00fcsse man jetzt mutig genug sein, um die Diskussion der allgemeinen Erh\u00f6hung des Rentenalters \u201eanzupacken\u201c. Damit machen sie unmissverst\u00e4ndlich klar, wen sie f\u00fcr die Begleichung der Ausgaben zur Kasse beten werden: Den Scherbenhaufen sollen wieder wir Arbeiter*innen zusammenzukehren!</p><p>Und noch zynischer wird es, wenn man sich anschaut, wie seit Wochen alle Wirtschaftsverb\u00e4nde und rechten Kr\u00e4fte den Bundesrat mit der Forderung bombardieren, die Ma\u00dfnahmen aufzuheben und zum gewohnten Alltag zur\u00fcckzukehren. Bezahlen kann man also diesen Verb\u00e4nden nach auch mit der Gesundheit der Arbeiter*innen. Um die r\u00fcckl\u00e4ufigen Profite zu kompensieren, sollen Arbeiter*innen herhalten und zum Ausl\u00f6ser einer zweiten Infektionswelle gemacht werden, die die ohnehin massiv belastete \u00f6ffentliche Gesundheitsstruktur vollends an die Wand fahren w\u00fcrde. Auch hier sollen wieder die Arbeiter*innen die Misere ausbaden.</p><ol><li><i>Deshalb braucht es eine vorsichtige und schrittweise Aufhebung des Lockdowns und eine Verteilung der Schuldenlast auf jene, die von der Krise profitieren!</i></li></ol><p>Dadurch, dass sich das Parlament zu Beginn der Pandemie in der Schweiz Mitte M\u00e4rz selbst in den Lockdown geschickt hat und es den Kommissionen verboten wurde, zu tagen, regiert der Bundesrat seit nun schon sieben Wochen per Dekret. Die einzigen Kr\u00e4fte, die ihn derzeit ma\u00dfgeblich beeinflussen k\u00f6nnen, sind die Lobbyisten der Wirtschaftsverb\u00e4nde. So hat nun also der Bundesrat eine z\u00fcgige Aufhebung des Lockdowns entschlossen und riskiert damit eine zweite Imfektionswelle. Im schlimmsten Fall wird diese zu einem neuen Lockdown und zu noch tiefgreifenderen \u00f6konomischen und sozialen Versch\u00e4rfungen f\u00fchren, als der jetzige. Wenn es um die Wurst geht, dann steht auch in der Schweiz der Kapitalismus \u00fcber der Demokratie.</p><ol><li><i>Deshalb muss das Parlament wieder tagen! Der ma\u00dflosen Lobbypolitik muss im Sinne der Demokratie Einhalt geboten werden!</i></li></ol><p>Im Rahmen der Zweiten Phase der Lockerung wurde am 29. April auch die Grenze f\u00fcr den Familiennachzug von EU-B\u00fcrgern wieder ge\u00f6ffnet \u2013 nicht aber f\u00fcr \u201eAngeh\u00f6rige von Drittstaaten\u201c. Au\u00dferdem bleiben die Schengengrenzen zu, womit es im Moment keine M\u00f6glichkeit gibt, Asyl in der Schweiz zu beantragen. Man kann die Ungleichheit in dieser Situation also schlicht auch dadurch versch\u00e4rfen, indem einfach nichts getan wird!</p><ol><li><i>Darum m\u00fcssen wir die Situation der ohnehin entrechteten Menschen mit besonders kritischem Blick pr\u00fcfen und ihre Ungleichbehandlung bek\u00e4mpfen!</i></li></ol><h2><b>Nicht auf unserem R\u00fccken!</b></h2><p>\u201eGewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die St\u00e4rke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen\u201c, hei\u00dft es in der Pr\u00e4ambel der Verfassung der Schweiz. Wir machen uns nichts vor, denn angesichts der herrschenden Krise ist es klarer denn je: Wir migrantischen Arbeiter*innen k\u00f6nnen als schw\u00e4chstes Glied der Arbeiter*innenklasse von unserer Freiheit keinen Gebrauch machen, denn niemand braucht unsere Arbeitskraft.</p><p>Wir arbeiten in denjenigen Branchen, in denen die prek\u00e4rsten Verh\u00e4ltnisse herrschen und die von der Krise am st\u00e4rksten betroffen sind. Wir fallen als Erste. Arbeitslosigkeit betrifft uns bis zu f\u00fcnf Mal so stark wie nicht-migrantische Arbeiter*innen, weil wir oft die Arbeit verrichten, die sonst niemand unter den herrschenden Bedingungen verrichten will. Wir wissen, dass die Arbeitgeber*innen uns benutzen, um die L\u00f6hne, trotz der von Jahr zu Jahr steigenden Profite, zu dr\u00fccken und niedriger zu halten, als sie eigentlich sein k\u00f6nnten und sollten. Wir wissen, dass sie uns Arbeiter*innen spalten und unseren migrantischen Teil als Abschreckung f\u00fcr den Rest benutzen, dass sie auf uns zeigen und sagen: \u201eDa k\u00f6nnt ihr sehen, was aus euch wird, wenn ihr euch nicht f\u00fcgt!\u201c. Wir sind das Ende der Fahnenstange: Unsere Sozialrechte sind eingeschr\u00e4nkt, und erst recht unsere politischen Rechte; heute m\u00fcssen wir mehr denn je um unser Aufenthaltsrecht bangen.</p><p>Und was ist mit den tausenden illegalen Arbeiter*innen, die auf dem schweizerischen Arbeitsmarkt effektiv ihren Platz haben, die unter den schlechtesten Bedingungen arbeiten, aber keinen Arbeitsvertrag bekommen und keinen ordentlichen Aufenthalt beantragen k\u00f6nnen? Was ist mit den vielen illegalisierten migrantischen Arbeiterinnen in den Privathaushalten, die Betreuungsarbeit unter prek\u00e4rsten Umst\u00e4nden leisten? Was ist mit dem Gesetz, dass gleiche Arbeit gleich entlohnt werden muss? Was passiert mit diesen Frauen*, deren ohnehin unsicheres Einkommen angesichts der Krise nun ganz und gar auf der Kippe steht?</p><p>Was ist mit den vielen Gefl\u00fcchteten, die noch nicht einmal so frei sind, ihre Arbeitskraft unter normalen Verh\u00e4ltnissen verkaufen zu k\u00f6nnen? Sie werden zu Zeiten der Pandemie in den Kollektivunterk\u00fcnften ihrem Schicksal \u00fcberlassen, ohne dass auch nur im Ansatz f\u00fcr die hygienischen Minimalstandards gesorgt w\u00e4re.</p><p>Angesichts der herrschenden Lage sagen wir: Wir sind keine Konjunkturpuffer! Wir bezahlen die Kosten der Krise nicht, indem wir uns abschieben lassen, um die Arbeitslosenzahlen zu senken; indem wir auf unseren Lohn verzichten oder mit unserer Gesundheit herhalten! Wir Frauen* ziehen uns nicht wieder in die unentgeltliche Hausarbeit zur\u00fcck, um den Arbeitsmarkt zu entlasten; wir stemmen die ganze Betreuungs- und Pflegearbeit nicht wieder allein! Wir entrechteten migrantischen Arbeiter*innen und Gefl\u00fcchtete verharren nicht im Schatten der Illegalit\u00e4t, sondern fordern unsere legitimen Rechte!</p><p>Mit Brecht gr\u00fc\u00dfen wir den Kampf aller Arbeiter*innen und sagen: \u201eUnsere Herren, wer sie auch seien, sehen unsre Zwietracht gern. Denn solang sie uns entzweien, bleiben sie doch unsre Herrn\u201c.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/wir-sind-keine-konjunkturpuffer/", "id": "https://revoltmag.org/articles/wir-sind-keine-konjunkturpuffer/", "author": {"name": "ROTA - Migrantische Selbstorganisation", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-05-01T11:14:47.805986+00:00", "date_modified": "2020-05-13T12:40:32.467154+00:00", "tags": ["re:claim", "re:wire", "corona", "antirassismus", "migrantische k\u00e4mpfe", "krise", "1. Mai", "kapitalismus", "schweiz", "migrantische selbstorganisation", "krisenmanagement"], "summary": "Aus der Quarant\u00e4ne meldet sich das ROTA-Kollektiv als migrantische Selbstorganisation in der Schweiz und ruft trotz und vor allem aufgrund des Lockdowns dazu auf, an diesem 1. Mai geeint gegen Rassismus und Ausbeutung zu stehen. Eine Analyse und acht Forderungen."}, {"title": "Video-Reihe: Viraler Kapitalismus? Was Tun!", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Video-Reihe: Viraler Kapitalismus? Was&nbsp;Tun!</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Beitragsbild_WasTun.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/Beitragsbild_WasTun.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">re:volt magazine</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Die Corona-Pandemie stellt unser Leben auf den Kopf. Sich immer wieder stark \u00e4ndernde politische Ma\u00dfnahmen werfen uns im Alltag und auch in unserer politischen Arbeit aus bislang festgefahrenen Bahnen und stellen uns vor viele Fragen. Wir haben mit unterschiedlichen politischen Solidarit\u00e4tsstrukturen in Deutschland gesprochen, was der \u201eAusnahmezustand\u201c f\u00fcr sie und ihre Arbeit bedeutet: Wer wird die Last dieser Krise zu schultern haben? Welche Formen der Solidarit\u00e4t gibt es angesichts sich versch\u00e4rfender sozialer Ungleichheit - und was ist jetzt die Aufgabe einer radikalen Linken?</p><p>Wir ver\u00f6ffentlichen die Beitr\u00e4ge, die wir dazu erhalten haben, im Kontext der Mobilisierung zum Ersten Mai, dem internationalen Arbeiter*innenkampftag.</p><hr/><p></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h2>Teil 1 unserer Video-Reihe \u201eViraler Kapitalismus? Was Tun!\u201c</h2><p><b>\u201eUnsere Form der Organisierung so ausrichten, dass wir jederzeit k\u00e4mpfen k\u00f6nnen\u201c</b></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-html\">\n        <div style=\"padding:56.25% 0 0 0;position:relative;\"><iframe src=\"https://player.vimeo.com/video/412465549?title=0&byline=0&portrait=0\" style=\"position:absolute;top:0;left:0;width:100%;height:100%;\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen\" allowfullscreen></iframe></div><script src=\"https://player.vimeo.com/api/player.js\"></script>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><hr/><p><i>&quot;Nat\u00fcrlich erfordert die jetzige Situation einen bewussten Umgang oder auch Einschr\u00e4nkungen, aber eben keine Handlungsunf\u00e4higkeit oder Passivit\u00e4t, gerade nicht f\u00fcr uns als Linke. Gerade jetzt ist es f\u00fcr uns wichtig, dass wir aktiv sind, wiederst\u00e4ndig und k\u00e4mpferisch, und vor allem auch unsere Strukturen so aufstellen und unsere Form der Organisierung so ausrichten, dass wir jederzeit k\u00e4mpfen k\u00f6nnen. Denn eines ist klar, dass die kommenden Auseinandersetzungen knallharte Verteilungsk\u00e4mpfe werden, und nicht irgend ein Kaffeekr\u00e4nzchen. Es gibt keine Pause im Klassenkampf.&quot;</i></p><p><b>Solidarisches Stuttgart</b> <a href=\"https://solidarisches-stuttgart.org\">solidarisches-stuttgart.org</a></p><p></p><hr/><p></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h2>Teil 2 unserer Video-Reihe \u201eViraler Kapitalismus? Was Tun!\u201c</h2><p><b>\u201eDie Krise kann nicht auf unserem R\u00fccken ausgetragen werden. Die Reichen m\u00fcssen zahlen\u201c</b></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-html\">\n        <div style=\"padding:56.25% 0 0 0;position:relative;\"><iframe src=\"https://player.vimeo.com/video/413008265?title=0&byline=0&portrait=0\" style=\"position:absolute;top:0;left:0;width:100%;height:100%;\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen\" allowfullscreen></iframe></div><script src=\"https://player.vimeo.com/api/player.js\"></script>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><hr/><p><i>\u201eMenschen werden zunehmend in systemrelevant und verzichtbar, in n\u00fctzlich und unn\u00fctz eingeteilt. das ist gef\u00e4hrlich, denn es unterst\u00fctzt sozialchauvinistische Denkweisen. Es liegt an uns, aufeinander zu achten. Denn gleichzeitig zeigt uns der b\u00fcrgerlich-kapitalistische Staat aktuell, dass er kein Interesse am Schutz von Menschenleben hat, sondern lediglich den Kollaps eines sowieso schon kaputten Systems verhindern m\u00f6chte. Was aus der Krise zu lernen ist, m\u00fcssen wir von links deutlich machen.\u201c</i></p><p><b>H\u00e4nde weg vom Wedding</b> <a href=\"https://www.unverwertbar.org\">www.unverwertbar.org</a></p><p></p><hr/><p></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <h2>Teil 3 unserer Video-Reihe \u201eViraler Kapitalismus? Was Tun!\u201c</h2><p><b>&quot;Wir m\u00fcssen uns zusammenschlie\u00dfen und zusammen k\u00e4mpfen, solidarisch und entschlossen&quot;</b></p>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content-section content-type-html\">\n        <div style=\"padding:56.25% 0 0 0;position:relative;\"><iframe src=\"https://player.vimeo.com/video/413237447?color=556B2F&title=0&byline=0&portrait=0\" style=\"position:absolute;top:0;left:0;width:100%;height:100%;\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen\" allowfullscreen></iframe></div><script src=\"https://player.vimeo.com/api/player.js\"></script>\n      </section>\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><hr/><p><i>\u201eDer Ausnahmezustand zeigt sich daran, dass hundert Menschen eng zusammen in einem Versandzentrum arbeiten m\u00fcssen, es aber verboten ist, drau\u00dfen dagegen zu protestieren. [\u2026] Ausnahmezustand hei\u00dft, dass wir erstens f\u00fcr die Krise der Reichen bezahlen und das zweitens das auch noch still und leise hinnehmen sollen. Normal ist, dass wir uns dagegen wehren, zusammen auf der Stra\u00dfe.&quot;</i></p><p><b>Solidarit\u00e4tsnetzwerk (Freiburg [ K\u00f6ln | Cottbus)</b> <a href=\"https://soli-net.de\">soli-net.de</a></p><p></p><hr/><p></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Viele Aktivist*innen hatten den Termin bereits im Kalender freigehalten und sich \u00fcber den Themenkomplex der fossilen Industrie informiert. Das l\u00e4sst sich nun nutzen.</i></p><p></p><p>Inmitten der Corona-Pandemie erleben wir eine Welle des aufkommenden Online-\u201eAktivismus\u201d. F\u00fcr viele Menschen ist damit die Hoffnung verbunden, sich dabei politisch sinnvoll bet\u00e4tigen zu k\u00f6nnen. Dies f\u00fchrt bei einigen zu einem R\u00fcckzug ins Internet, da das Netz in vielen L\u00e4ndern einen der letzten verbleibenden \u00f6ffentlichen R\u00e4ume darstellt. Die virtuellen Initiativen zeigen: Auch in diesen schwierigen Zeiten sind viele Menschen willens, sich f\u00fcr soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Dennoch sind die Online-Kampagnen unzul\u00e4nglich. Vielen Aktivist*innen sind sich der Problematik bewusst, dass es sich, allein historisch betrachtet, als viel erfolgreicher erweist, Unterdr\u00fcckung auf anderen Wegen zu bek\u00e4mpfen, als es alle Online-Likes, Shares und Views zusammen verm\u00f6gen. Mit Blick vor allem auf den Bereich der niederl\u00e4ndischen Klimabewegung, auf die Appelle an Vernunft und Gewissen, oder die offensive Verteidigung: Wie sehen Umgang und Strategien von Aktivist*innen derzeit aus?</p><h2>Fossile Brennstoffe verursachen die Klimakrise, nicht ein Mangel an Likes</h2><p>In den Umweltgruppen sind viele Aktivist*innen verunsichert, was w\u00e4hrend der Corona-Ausgangssperren zu tun sei. Dies f\u00fchrt bei einigen zu einem R\u00fcckzug ins Internet, da dieses in vielen L\u00e4ndern einer der letzten verbleibenden \u00f6ffentlichen R\u00e4ume darstellt. Infolgedessen beobachten wir auch in diesem Bereich eine starke Zunahme von Online-Aktivit\u00e4ten der Aktivist*innen. Diese fallen recht unterschiedlich in Form und Inhalt aus. Die niederl\u00e4ndische Sektion von <i>FridaysForFuture</i> beschloss beispielsweise, ihren Streik am 3. April online durchzuf\u00fchren. Die Aktivist*innen riefen <a href=\"https://fridaysforfuture.nl/digital-strike/\">dazu auf</a>, Selfies mit Protestschildern in den sozialen Medien zu ver\u00f6ffentlichen, um damit das Bewusstsein f\u00fcr die Klimakrise zu erh\u00f6hen. Die Sektion von <i>Extinction Rebellion</i> und die niederl\u00e4ndische progressive NGO <i>De Goede Zaak</i> (\u201eDie Gute Sache\u201d, Anm. Red.) starteten eine Petition namens \u201eGeen Poen Zonder Plan\u201c (\u201eKein Geld ohne Plan\u201d). <a href=\"https://actie.degoedezaak.org/petitions/geen-poen-zonder-plan\">Sie fordern von der Regierung</a> unter anderem, Unternehmen nur dann finanziell zu unterst\u00fctzen, wenn sie konkrete Pl\u00e4ne vorweisen, ihre Auswirkungen auf das globale Klima zu senken \u2013 etwa, indem sie ihre Investitionen in fossile Brennstoffe beenden, ihre Belegschaften sch\u00fctzen und in eine Green Economy investieren.</p><p>Die Initiativen zeigen: Auch in diesen schwierigen Zeiten sind viele Menschen willens, sich f\u00fcr soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Dennoch sind diese Online-Kampagnen unzul\u00e4nglich. Das die Aktionen dennoch unzul\u00e4nglich sind, liegt an der zugrunde liegenden Strategie. Zumeist basieren sie n\u00e4mlich auf der liberalen Idee des \u00fcberlegenen Arguments <b>[1]</b>, nach dem die Welt durch das \u00fcberzeugendere Argument zu ver\u00e4ndern sei. Es handelt sich um einen sehr dominanten politischen Ansatz \u2013 zumindest unter Aktivist*innen mit Universit\u00e4tsabschl\u00fcssen, die nicht direkt von unertr\u00e4glicher Ungerechtigkeit betroffen sind. Liberale erkennen zwar an, dass es in unserer Gesellschaft Zust\u00e4nde gibt, welche ge\u00e4ndert werden m\u00fcssen. Ihrer Ansicht nach brennen auch Politiker*innen, Konzerne und die Machthaber*innen nur darauf, Informationen \u00fcber diese Ungerechtigkeiten zu erhalten. Wenn diese Informationen nur ihr Geh\u00f6r f\u00e4nden, so die \u00dcberzeugung, w\u00fcrden die Herrschenden eifrig zuh\u00f6ren und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter alles in ihrer Macht Stehende zur Verbesserung der Lage tun.</p><p>Es ist keine \u00dcberraschung, dass dieser Ansatz nicht funktioniert. Obwohl der Treibhausgaseffekt in der akademischen Welt und dar\u00fcber hinaus seit 1896 <b>[2]</b> bekannt und sehr gut nachgewiesen ist, f\u00fchrte dies nicht dazu, fossile Brennstoffe im Boden zu lassen. Auch hat es beispielsweise den \u00d6l-Multi Shell nicht daran gehindert, ganze L\u00e4nder zu kolonisieren, um mit dem globalen Export fossiler Brennstoffe Milliarden zu verdienen. Shell wird nicht aufh\u00f6ren, nur weil wir sagen, dass der Multi auf einem Irrweg ist. Er wird dann damit aufh\u00f6ren, wenn er von uns gestoppt wird. Hierbei bleiben aber die meisten Onlinekampagnen zahnlose Tiger.</p><p>Im Gegensatz zu dieser liberalen Auffassung von Politik besteht eine lange Tradition verschiedener radikaler Ans\u00e4tze. In diesen wird vorausgesetzt, dass die Reichen und M\u00e4chtigen ihre Privilegien nicht freiwillig aufgeben werden. In jenen Ans\u00e4tzen wird die gesellschaftliche Verfassung im st\u00e4ndigen Wandel gesehen. Die gesellschaftliche Entwicklung entfaltet sich aus Konflikten zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Akteur*innen (marxistisch: antagonistische Klassenverh\u00e4ltnisse). Aus den Konflikten gehen auch (unterdr\u00fcckerische) soziale Strukturen hervor; zum Beispiel das Patriarchat, White Supremacy, Ableism und so weiter. Radikale streben an, diese unterdr\u00fcckerischen Strukturen abzubauen, statt sie zu reformieren. Wir werden nicht auf eine bessere Behandlung warten.</p><h2><b>Es ist ein Marathon, kein Sprint</b></h2><p>Wir m\u00fcssen demokratische Gegenmacht aufbauen, um Ungerechtigkeiten gemeinsam zu stoppen. Gegenmacht aber entsteht dann, wenn Menschen, die sich dem Kampf f\u00fcr ihre Befreiung verschrieben haben, zusammenkommen und untereinander verl\u00e4ssliche Bindungen und Beziehungen aufbauen <b>[3]</b>. Am Arbeitsplatz praktische Solidarit\u00e4t zu \u00fcben, oder ein Frauen*haus am Laufen zu halten, erfordert ganz andere F\u00e4higkeiten als eine Onlinekampagne. Das Engagement hat damit einen l\u00e4nger anhaltenden Einfluss, als die Arbeit daran, einen Flashmob viral werden zu lassen.</p><p>Gegenmacht aufzubauen dauert mitunter l\u00e4nger als ein Bachelor-Abschluss. Es handelt sich um keinen zeitlichen Sprint, sondern um einen Marathonlauf. Um nur einige internationale Beispiele zu nennen: Die s\u00fcdmexikanischen Zapatistas bereiteten sich zehn Jahre lang versteckt im lakadonischen Urwald vor, ehe sie am Neujahrestag 1994 den offenen Aufstand begannen <b>[4]</b>. Der Revolution in der nordsyrischen Region Rojava ging jahrzehntelange Aufbauarbeit in D\u00f6rfern voraus <b>[5]</b>. Ganz gleich also, wie dr\u00e4ngend der Kampf gegen Klimaungerechtigkeiten auch ist; die systematische Unterdr\u00fcckung durch Patriarchat, Kolonialismus, Kapitalismus und Rassismus dauert schon seit vielen Jahrhunderten an. Es hat Ewigkeiten gedauert, diese Unterdr\u00fcckungssysteme zu entwickeln. F\u00fcr ihre Abschaffung ben\u00f6tigen wir einen wahrscheinlich ebenso langen Atem <b>[6]</b>.</p><p>Gegenmacht aufzubauen hei\u00dft, langfristige <a href=\"https://revoltmag.org/articles/eine-kurze-geschichte-der-klimagerechtigkeit/\">tragf\u00e4hige Strukturen des Widerstands</a> zu schaffen. W\u00e4hrend wir diesen \u201eradikalen\u201d Artikel \u00fcber radikale Politik schreiben, bek\u00e4mpft die <i>Gulabi Gang</i> seit \u00fcber einem Jahrzehnt Missbrauch und h\u00e4usliche Gewalt in Indien. Hierzu bilden Frauen Selbstverteidigungskommandos. Sie trainieren Stockkampf und gr\u00fcnden Nachbarschaftsgerichte, um so zugunsten der Opfer direkt gegen h\u00e4usliche Gewalt vorzugehen <b>[7]</b>. Ein lokaleres, im Allgemeinen weithin unbekanntes Beispiel f\u00fcr Gegenmacht ist die <i>Rode Hulp</i> der 1930er Jahre in Groningen. Die Organisation half Tausenden von Kommunist*innen und Antifaschist*innen, der Verfolgung in Nazi-Deutschland zu entkommen. In Zusammenarbeit mit dem kommunistischen Untergrund in Deutschland wurde internationale Solidarit\u00e4t so zu einer lebensrettenden Praxis <b>[8]</b>. Diese Beispiele beweisen, dass selbst unter den widrigsten Bedingungen gew\u00f6hnliche Menschen Unterdr\u00fcckung wirksam bek\u00e4mpfen k\u00f6nnen. Was bedeuten die Beispiele aus der weltweiten Geschichte f\u00fcr unsere aktuelle Situation \u2013 oder anders: Was ist zu tun?</p><h2><b>Radikal anders</b></h2><p>Radikale Graswurzelpolitik kann nicht durch Online-Kampagnen oder Petitionen ersetzt werden. Selbstverst\u00e4ndlich brauchen wir schriftliche und theoretische Arbeit, und diese Arbeit kann auch online entstehen oder verbreitet werden. Um uns zu organisieren, brauchen wir Infoabende, Leserunden, Texte und Debatten, online oder offline. Auch m\u00fcssen Informationen \u00fcber unsere Vorhaben \u00fcber unsere direkten Netzwerke hinaus verbreitet werden. F\u00fcr verschiedene Anl\u00e4sse und Zielgruppen eignen sich dabei verschiedene Mittel und Wege \u2013 Flyer, Graffiti, Kunst, B\u00fccher, Blogs und so weiter. Unz\u00e4hlige Dinge k\u00f6nnen wir auch jetzt tun, ohne eine gro\u00dfe Menschenmenge auf einmal versammeln zu m\u00fcssen. Seien wir kreativ!</p><p>In anderen politischen K\u00e4mpfen wird hier bereits mit viel Kraft vorgelegt: Im norditalienischen Mailand <a href=\"https://revoltmag.org/articles/ausz%C3%BCge-einer-chronik-aus-mailand-in-zeiten-von-corona/\">initiierten Militante</a> die <i>Brigade Volontarie per l&#x27;emergenza</i>, die armen Menschen angesichts des sozialen Zusammenbruchs, der mit der Corona-Krise und einer gleichg\u00fcltigen Regierung einherging, Unterst\u00fctzung anbietet. Unterdessen streiken Erwerbst\u00e4tige in ganz Italien f\u00fcr Gesundheitsschutz und soziale Sicherheit, und es kommt zu einer Welle von Gef\u00e4ngnisrevolten. Radikale in Venedig und vielen anderen St\u00e4dten organisieren <a href=\"https://revoltmag.org/articles/ein-brief-aus-italien/\">Netzwerke gegenseitiger Hilfe</a>, die sich vor allem auf prek\u00e4re Arbeitnehmer*innen im Logistiksektor, in Callcentern und der Landwirtschaft konzentrieren. In Frankfurt am Main und an vielen anderen Orten wurden <a href=\"https://revoltmag.org/articles/solidarit%C3%A4t-hei%C3%9Ft-solidarit%C3%A4t-f%C3%BCr-alle/\">Kundgebung</a>en, mit der Forderung, die Festung Europa zu \u00f6ffnen, organisiert: #LeaveNoOneBehind im Mittelmeer. Die Demonstrant*innen standen dabei im \u00f6ffentlichen Raum im Abstand von jeweils 2,50 Metern. Gefl\u00fcchtete Frauen*, die in einem \u00fcberf\u00fcllten Lager auf der griechischen Insel Lesbos festsitzen, begannen damit, <a href=\"https://wirkommen.akweb.de/2020/03/wie-die-bewohnerinnen-des-fluechtlingslagers-moria-gegen-das-corona-risiko-kaempfen/\">Gesichtsmasken zu n\u00e4hen</a>. Gleicherma\u00dfen f\u00fcr Gefl\u00fcchtete, wie auch f\u00fcr die griechischen Inselbewohner*innen.</p><p>Unsere Erkenntnis: Diese Aktivit\u00e4ten basieren auf bereits bestehenden Beziehungen und Strukturen und erreichen deshalb weit mehr als reine Internetagitation. Solange das gegenw\u00e4rtige Onlinefieber zudem auf liberalen Ideen gr\u00fcndet, werden wir damit keine Klimagerechtigkeit erreichen. Als Radikale wollen wir Gegenmacht aufbauen, die in den Communities verankert ist, um Unterdr\u00fcckung zu beenden. Onlinetools k\u00f6nnen bei radikalen Bildungs-, Organisations- und Mobilisierungsstrategien helfen, aber sie sind kein Selbstzweck.</p><h2><b>Was ist radikale Klimapolitik?</b></h2><p>Im Herbst 2018 hatte die deutsche Polizei enorme Schwierigkeiten bei der R\u00e4umung des Hambacher Forsts. Nachdem Hebeb\u00fchnen, gl\u00fccklicherweise ohne Personenschaden, abgebrannt waren, trauten sich Leihfirmen in Deutschland nicht mehr, der Polizei Hebeb\u00fchnen f\u00fcr die R\u00e4umung der Baumh\u00e4user zu vermieten. Schlie\u00dflich konnte die deutsche Polizei dann doch noch, in den Niederlanden bei der Firma Boels, Hebeb\u00fchnen mieten \u2013 offensichtlich au\u00dferhalb der Reichweite von deutschen Umweltautonomen. Beispielhaft lie\u00dfe sich der Radius dieser Form von autonomer Gegenmacht \u00fcber Landesgrenzen hinweg deutlich durch den Aufbau von internationalen und vertrauensvollen Beziehungen der Klimabewegung im Stil der historischen <i>Roden Hulp</i> erweitern. Au\u00dferdem wird hier deutlich, dass selbst fossile Gro\u00dfkonzerne wie RWE oder Shell sehr verwundbar sind. Ohne kooperationswillige Gesch\u00e4ftspartner*innen k\u00f6nnen die Multis offensichtlich noch nicht einmal eine Hebeb\u00fchne zum Fensterputzen ausleihen. Auch in Corona-Zeiten lassen sich derartige Zusammenh\u00e4nge recherchieren und m\u00f6gliche Aktionen vorbereiten.</p><p>Zahllose weitere Beispiele bietet die Geschichte und Gegenwart der Anti-Atombewegung. So gaben Wendlandveteran*innen 2017 auf einem Klimacamp Gleisblockade-Workshops. Aus pers\u00f6nlichen Beziehungen erwuchsen so Strukturen von Gegenmacht. Diese Beziehungen m\u00fcssen auch in Corona-Zeiten gepflegt und ausgeweitet werden. Warum nicht in Corona-Zeiten als Erntehelfer*in auf den Feldern um die Kohlekraftwerke herum anheuern und so die Gegend besser kennenlernen?</p><p>Mittelfristig versprechen gemeinsame K\u00e4mpfe von Klimaaktivist*innen und den wohlwollenden Teilen der Belegschaften von Shell (und Konsorten) Erfolge. Hierzu braucht es konkrete, ausgearbeitete Entw\u00fcrfe f\u00fcr eine radikale Abwicklung fossiler Industrien und die zeitgleiche Entwicklung attraktiverer, interessanterer und sinnvollerer Arbeitspl\u00e4tze, welche auf eine sozial und \u00f6kologisch w\u00fcnschenswerte Zukunft hinwirken. Die Ausarbeitung solcher Projekte und die n\u00f6tige Recherchearbeit sind auch in Coronazeiten sehr gut m\u00f6glich \u2013 jetzt vielleicht hier und da sogar mehr denn je. Letzten Endes liegt die Macht in jedem Unternehmen bei den Arbeitenden: Sollten mal die Kohlebaggerfahrer*innen streiken, ist <i>Ende Gel\u00e4nde!</i> auch ohne Massenaktion m\u00f6glich. Doch die Lohnabh\u00e4ngigen im Bergbau werden sich erst auf die Klimabewegung einlassen, wenn diese ihnen eine bessere Zukunftsstrategie bieten kann (als die fossilen Konzerne). Lokf\u00fchrer*innen, die Kohlez\u00fcge fahren, k\u00f6nnen genauso gut andere G\u00fcter- oder Personenz\u00fcge fahren. Mechaniker*innen oder Techniker*innen aus den fossilen Industrien k\u00f6nnten stattdessen Stra\u00dfenbahnen, Fahrr\u00e4der oder landwirtschaftliche Ger\u00e4te instandhalten. Ingenieur*innen k\u00f6nnten anstatt neuer Projekte, den R\u00fcckbau fossiler Infrastruktur und deren Entsorgung und Recycling planen und \u00fcberwachen. Wie die Coronakrise zeigt, hat auch der Staat genug Geld f\u00fcr alle m\u00f6glichen Transformationsprozesse, solange der politische Druck vorhanden ist. Warum nicht eigentlich f\u00fcr die Abwicklung von Shell und Co.?</p><h2><b>Handlungs-Perspektiven in Zeiten von Corona</b></h2><p>Wir m\u00fcssen uns zusammen auf die Seite der Unterdr\u00fcckten stellen und eine umfassende Analyse der politischen Situation leisten. Diese wird uns schlie\u00dflich helfen, erfolgreiche Strategien zu entwickeln, um den Status Quo anzugehen \u2013 und zwar w\u00e4hrend, wie auch nach Corona \u2013 oder vor dem n\u00e4chsten Ausnahmezustand. Die Ausbeutung von Communities und nat\u00fcrlichen Ressourcen zwecks Profit durch den globalen Neoliberalismus geht weiter. Shell und Konsorten etwa werden weiterhin in der Erde herumbohren, ganz gleich, ob wir bestens informiert allein zu Haus sitzen oder nicht.</p><p>Da Versammlungen und Massenaktionen in den bisherigen Formaten gerade nicht durchsetzbar sind, scheint die Stunde der Kleingruppenaktionen geschlagen zu haben: Aus Freundeskreisen k\u00f6nnen in den eigenen vier W\u00e4nden Bezugsgruppen geformt, je nach Wollen und K\u00f6nnen vielseitige Aktionen vorbereitet und durchgef\u00fchrt werden. Auch in Corona-Zeiten sind Spazierg\u00e4nge m\u00f6glich. Die perfekte Gelegenheit, um fossile Infrastruktur auszukundschaften. Davon gibt es n\u00e4mlich sehr viel in Stadt und Land. Nicht nur die Aktion\u00e4r*innenversammlung macht Shell als Konzern aus, sondern auch jede Menge andere Geb\u00e4ude, Anlagen, Verladestationen und so weiter. Scouting, Recherche und Vorbereitung lassen sich gut direkt heute noch angehen. Die Umsetzung von Kleingruppenaktionen gelingt derzeit vielleicht noch besser als sonst \u2013 und auch k\u00fcnftige gr\u00f6\u00dfere Aktionen k\u00f6nnen schon jetzt vorbereitet werden.</p><p>Bislang ungeschlagene Champions in der praktischen Abwicklung fossiler Industrie sind die seit 2016 aktiven <i>Niger Delta Avengers</i> (NDA). Die Avengers sind eine klandestine, gut (aus-)gebildete Guerillaeinheit, welche organisiert und systematisch vorgeht: Mittels leichter Waffen und Schnellboote zerst\u00f6ren sie die Erd\u00f6linfrastruktur von Shell und Chevron in Nigeria. Ihr Ziel ist es, den Export von Erd\u00f6l aus Nigeria g\u00e4nzlich zu stoppen und Kompensationen f\u00fcr die jahrzehntelangen Zerst\u00f6rungen durch die Erd\u00f6lf\u00f6rderung zu erzwingen. Aufgrund ihrer Angriffe sank der Erd\u00f6lexport Nigerias so tief wie seit 20 Jahren nicht mehr \u2013 zeitweise um \u00fcber 40 Prozent <b>[9]</b>. Es ist auch in unseren Breitengraden unm\u00f6glich, s\u00e4mtliche fossile Infrastruktur l\u00fcckenlos vor Angriffen der Klimabewegung zu sch\u00fctzen. Wer lange genug sucht, wird Schwachpunkte finden: Online oder offline.</p><p>Weltweit sind tagt\u00e4glich Menschen auf unterschiedliche Weise im Kampf gegen die Zerst\u00f6rung von Natur- und Lebensgrundlagen, sowie die Klimakrise aktiv. Was wird erst m\u00f6glich werden, wenn sich all diese K\u00e4mpfe besser miteinander verkn\u00fcpfen, um gegen das fossile Kapital und dessen Verbrennen fossiler Ressourcen vorzugehen? Von der Dakota-Access-Pipeline in Nordamerika zu den Anti-Steinkohle-K\u00e4mpfen von Indigenen in Kolumbien oder Australien, bis hin zur Erd\u00f6lf\u00f6rderung in Nigeria, den Raffinerien in den Niederlanden, oder deutschen Tagebauen und Kraftwerken? Den Plan f\u00fcr die neue Klima-Internationale k\u00f6nnen wir schon mal zu Hause aushecken; und ebenso die Vernetzung mit Mitstreiter*innen und Genoss*innen weltweit.</p><p>Wir bereiten uns vor. Wir organisieren uns<b> [10]</b>. Wir werden versuchen, scheitern, reflektieren, weiter versuchen...und k\u00e4mpfen, bis wir gewinnen!</p><p></p><hr/><p><i>Merel ist seit Jahren in der niederl\u00e4ndischen Klimabewegung aktiv. Jakobus arbeitet in der \u00f6kologischen Landwirtschaft und nimmt an Aktionen der Klimabewegung teil. Eine Version ihres Artikels erschien unter</i> <a href=\"https://code-rood.org/en/2020/04/13/corona-clicktivism-does-not-bring-climate-justice/\"><i>\u201eCorona Clicktivism Does Not Bring Climate Justice\u201d</i></a><i> auf der Seite des B\u00fcndnisses Code Rood.</i></p><hr/><h2><b>Anmerkungen</b></h2><p><b>[1]</b> Im gesamten Text beziehen wir uns auf das Gegensatzpaar <i>liberal / radical,</i> welches im Englischen weiterverbreitet ist als im Deutschen. Die Begriffe reformistisch / revolution\u00e4r, oder linksliberal / linksradikal sind m\u00f6gliche Ann\u00e4herungen. Das Gegensatzpaar Liberal / Radikal wird ausf\u00fchrlich von Lierre Keith im Buch \u201eDeep Green Resistance\u201c dargestellt: S.61-112 (2011) von Aric McBay, Lierre Keith und Derrick Jensen. Seven Stories Press. New York. Das Buch ist auch online <a href=\"https://deepgreenresistance.net/en/resistance/civilization/civilization-irredeemable/%20inklusive%20%C3%9Cbersichtstabelle%20zum%20Liberal/RadikalSplit\">vollst\u00e4ndig einsehbar</a>. Eine k\u00fcrzere Zusammenfassung auf Deutsch findet sich auf S.150ff. in \u201eNachhaltig aktiv sein und bleiben\u201c (2019) von Timo Luthmann. Unrast Verlag. M\u00fcnster.</p><p><b>[2]</b> Der schwedische Wissenschaftler Svente Arrhenius publizierte als Erster 1896 einen <a href=\"https://www.rsc.org/images/Arrhenius1896_tcm18-173546.pdf\">wissenschaftlichen Artikel</a>, in dem er den Einfluss von industriell ausgesto\u00dfenem CO2 auf die Erdatmosph\u00e4re berechnete: \u201eOn the Influence of Carbonic Acid in the Air upon the Temperature of the Ground\u201c. In: Philosophical Magazine and Journal of Science Series 5, Volume 41, April 1896, pages 237-276. Die deutschen und englischen <a href=\"https://de.wikipedia.org/wiki/Svante_Arrhenius\">Wikipedia-Artikel</a> geben einen \u00dcberblick \u00fcber sein Leben.</p><p><b>[3]</b> Die \u201e11 Thesen\u201c vom <i>Kollektiv! Bremen</i> bieten einen <a href=\"https://de.indymedia.org/node/9708\">inspirierenden Vorschlag</a> f\u00fcr eine revolution\u00e4re Organisierung in der Gegenwart. Mit dem Fokus auf Bewegungen f\u00fcr Klimagerechtigkeit bietet das auch das Brosch\u00fcrenprojekt <a href=\"https://organizingcoolstheplanet.wordpress.com/about-organizing-cools-the-planet/\">Organizing Cools the Planet</a> aus Nordamerika und die deutsche Adaption <a href=\"http://www.wurzelnimtreibsand.de/\">Wurzeln im Treibsand</a> von ausgeco2hlt.</p><p><b>[4]</b> Die Website der EZLN in <a href=\"http://enlacezapatista.ezln.org.mx/\">mexikanischem Spanisch</a> und ihr mehrsprachiger <a href=\"https://radiozapatista.org/?page_id=3365&amp;lang=en\">Radiosender</a>.</p><p><b>[5]</b> Zur Geschichte der kurdischen Freiheitsbewegung in Rojava ein Artikel des kurdischen <a href=\"https://www.yxkonline.org/2019/07/21/7-jahre-rojava-revolution/\">Studierendenverbandes YXK</a>.</p><p><b>[6]</b> Bereits 2009 ver\u00f6ffentlichte die <i>Bundeskoordination Internationalismus</i> (Buko) hierzu den Artikel \u201e<a href=\"https://www.buko.info/fileadmin/user_upload/doc/projekte/klima_assoe_09.pdf\">Vergesst Kopenhagen, die Katastrophe ist l\u00e4ngst da</a>\u201c. Darin wird ein vorschneller \u201eKatastrophismus\u201d kritisch hinterfragt.</p><p><b>[7]</b> Zur <a href=\"https://gulabigang.in/history.php\">Website</a> und <a href=\"https://gulabigang.in/videos.php\">Videos</a> der <i>Gulabi Gang</i>.</p><p><b>[8]</b> <i>Rode Hulp</i> \u2013 De opvang van Duitse Vluchtelingen in Groningerland 1933-1940 von IPSO-geschiednisgroep Groningen (Redaktion: Ruud Weijdeveld). 1986. Groningen. Seit letztem Jahr ist auch eine deutsche \u00dcbersetzung erh\u00e4ltlich: IPSO-Geschichtsgruppe Groningen. Rode Hulp (Rote Hilfe) Die Aufnahme deutscher Fl\u00fcchtlinge im Groningerland 1933-1940. 2018. Hans-Gerd Wendt.</p><p><b>[9]</b> Mehr Infos dazu auf <a href=\"http://www.nigerdeltaavengers.org/\">deren Homepage</a>, sowie beim britischen <a href=\"https://guardian.ng/opinion/the-threat-by-niger-delta-avengers/\"><i>Guardian</i></a><i>,</i> oder der <a href=\"https://www.bbc.com/news/world-africa-36414036\"><i>BBC</i></a><i>.</i></p><p><b>[10]</b> F\u00fcr konkrete erste Schritte zur Gr\u00fcndung einer Klimagruppe empfehlen die Autor*innen die entsprechende <a href=\"https://interventionistische-linke.org/solidarity-will-win\">Brosch\u00fcre der <i>interventionistischen Linken</i> (iL)</a>. Und zur weiteren Organisierung unter dem Ausnahmezustand einer Pandemie <a href=\"https://www.stroomversnellers.org/campagne-voeren-in-een-pandemie/\">diesen Artikel</a> (<i>Stromversnellers</i>, Campagne voeren in een Pandemie).</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Dieses Mal ist es eine Pandemie, die alles ins Trudeln bringt, und damit den Ausbruch der Krise vorwegnimmt. Doch was auch immer die Ausl\u00f6ser nun sein m\u00f6gen \u2013 ob nun partiell oder wie bereits 2008 allgemein, ob territorial einigerma\u00dfen begrenzt oder global: \u00d6konomische Krisen sind offensichtlich ein fester Bestandteil der auf Profit und Markt ausgerichteten Gesellschaftsordnung.</p><p>Die Besonderheiten der jeweiligen Krisenverl\u00e4ufe einmal au\u00dfen vorgelassen, sind die allgemeinen Muster von verbl\u00fcffender \u00c4hnlichkeit. Zun\u00e4chst wirtschaftliche Erholung mit Krediten zur Finanzierung des Aufschwungs. Dann folgt beschleunigtes Wachstum und Euphorie. Schlie\u00dflich Kursst\u00fcrze, Panikverk\u00e4ufe, Zusammenbruch und massenhafte Insolvenzen. W\u00e4hrend in den zyklischen Wachstumsperioden die Wirtschaftsliberalen die gefragten Talkshowg\u00e4ste sind, schl\u00e4gt in der Krise stets die Stunde der Protektionist*innen und Keynesianer*innen. T\u00e4glich gr\u00fc\u00dft das Murmeltier!</p><h2><b>Funke \u2026</b></h2><p>Auch jetzt rufen alle wieder nach Staatshilfen. Von den (Solo-)Selbstst\u00e4ndigen \u00fcber den Mittelstand bis zum transnationalen Unternehmen, von der Szenekneipe bis zu Apple und VW: Unternehmen drosseln die Produktion oder stellen sie ganz ein. L\u00f6hne werden gek\u00fcrzt, massenhaft Erwerbst\u00e4tige auf die Stra\u00dfe gesetzt. Das Bruttosozialprodukt und der \u00d6lpreis st\u00fcrzen ab, Pleitewellen sind im Anmarsch. Der IWF rechnet mit der gr\u00f6\u00dften Krise seit der Gro\u00dfen Depression und die Konjunktur- und Rettungsprogramme \u00fcbersteigen in ihrem Umfang bereits jetzt alle bis hierher bekannten.</p><p>Dass der Krisenausl\u00f6ser dieses Mal eine Pandemie ist, bringt neben diesen allgemeinen Mustern nat\u00fcrlich Besonderheiten (hierzulande) unbekannten Ausma\u00dfes mit sich: Ausgangssperren, Quarant\u00e4ne, Mobilmachung der Armee. Erh\u00f6hte Repressionsma\u00dfnahmen des Staates und drastische Einschnitte in die Rechte der Lohnabh\u00e4ngigen sind zwar oft Begleiterscheinungen \u00f6konomischer Krisen \u2013 aber wer sollte sich trauen, diese im Zeichen des grassierenden Virus in Frage zu stellen? Der herrschenden Politik ist es zuvor schon gelungen den Gesundheitssektor und die Krankenh\u00e4user ohne st\u00e4rkeren politischen Gegenwind kaputt zu sparen. Die (Sp\u00e4t)folgen der letzten Krisenbew\u00e4ltigung werden nun schmerzlich sp\u00fcrbar und die sozialen Abwehrk\u00e4mpfe m\u00fcssen wohl oder \u00fcbel auf die Tage nach der Ausbreitung des Virus verschoben werden.</p><p>Doch eine Frage dr\u00e4ngt nach Beantwortung: Sollten wir \u00fcberhaupt noch von g\u00e4ngigen zyklischen Krisen sprechen? Oder m\u00fcssen wir nicht vielmehr, was die derzeitige gesellschaftliche Entwicklung betrifft, bereits von einer allgemeinen Krise, einer Krise in Permanenz reden? Denn auch wenn die mediale \u00d6ffentlichkeit allem Anschein nach immer nur ein Thema zur selben Zeit behandeln kann, sollten wir nicht vergessen, dass wir gerade erst damit angefangen hatten, endlich \u00fcber die Klimakrise und ihre dramatischen Auswirkungen zu debattieren. Nicht nur die Rekordwerte unserer \u201ewinterlichen\u201c Temperaturen sollten daran erinnern, dass die Klimakrise eben kein mediales Intermezzo war. Vielmehr gehen wir unentwegt und mit Siebenmeilenstiefeln auf irreversible Kipppunkte des \u00d6kosystems zu. Ab diesen werden verst\u00e4rkende R\u00fcckkopplungen einsetzen, die zu einem Lawineneffekt werden d\u00fcrften. Erinnert sei hier nur kurz an das arktische Meereis, den gr\u00f6nl\u00e4ndischen Eisschild oder die tauenden Permafrostgebiete. Sind unsere derzeitigen Notstandsgesetze vielleicht nur ein Vorgeschmack auf das, was uns erwartet, wenn die Wetterextreme \u00fcber uns hereinbrechen und die Reichen und Sch\u00f6nen sich in ihren wetterfesten Luxusbunkern verschanzen werden? Vor uns die Sintflut, nur leider \u201erettet uns kein h\u00f6heres Wesen\u201c...</p><h2><b>\u2026und Pulverfass</b></h2><p>Wirtschaftskrise, nicht bew\u00e4ltigte Staatsschuldenkrise, Klimakrise, riesige Migrations- und Fluchtbewegungen, deren sozialen Ursachen oft schon durch klimatische Ver\u00e4nderungen befl\u00fcgelt wurden, und nun also eine Pandemie unerwarteten Ausma\u00dfes. Der gemeinsame Nenner dieser Krisen ist ein globales Wirtschaftssystem, in welchem dem Streben nach maximalem Profit alles andere untergeordnet werden muss. Wir befinden uns in einer Situation, bei der Mensch und Natur auf kurz oder lang zwangsl\u00e4ufig unter die R\u00e4der kommen m\u00fcssen. Unendliches profitgesteuertes Wachstum ist n\u00e4mlich nicht vereinbar mit den planetaren Grenzen, die gerade \u00fcberschritten werden.</p><p>Aber profitgeleitetes Wachstum l\u00e4sst sich unter Marktbedingungen nicht einfach abschalten, denn Unternehmer*innen, die bei dem Streben nach Profitmaximierung nicht mitmachen, k\u00f6nnen auf dem Markt nicht bestehen und gehen unter. Dieser Mechanismus ist die objektive Ursache f\u00fcr den grenzenlosen Drang nach Profit und dem Streben nach stetigem Wachstum. &#x27;Profite first!&#x27; \u2013 \u00d6kologie- und Gesundheitssysteme bestenfalls &#x27;second&#x27; \u2013 und auch dann nur, soweit die Absicherung des Profits das erfordert. Denn Produktion fu\u0308r einen Markt hei\u00dft immer und zwangsl\u00e4ufig durch Konkurrenz vermittelte, unkontrollierte, unkoordinierte, also letztlich planlose Produktion und deren r\u00fccksichtslose Erweiterung. Selbst wenn der Markt \u00fcberschaubar w\u00e4re, w\u00fcrde weiterhin jedes Unternehmen versuchen, seine Konkurrent*innen aus dem Feld zu schlagen. Sowohl das \u00d6kosystem, als auch die Gesundheit und das Leben der Lohnabh\u00e4ngigen sind dem zwangsl\u00e4ufig untergeordnet.</p><p>Die kapitalistische Dynamik hat die Produktivkr\u00e4fte bis zu einem Punkt nie gekannter Entwicklungen und M\u00f6glichkeiten entwickelt. Von der Globalit\u00e4t, der Vernetzung und der Digitalisierung bis hin zur Automatisierung. Andererseits stehen wir gerade kurz vor dem Abgrund. Aber gibt es tats\u00e4chlich keine Alternativen zu einem Hineingeworfen oder -gesto\u00dfen werden? Auch wenn Geschichte sich nicht wiederholt, so kann ihre Betrachtung doch die Blicke f\u00fcr heutige M\u00f6glichkeiten sch\u00e4rfen. Von Interesse sollte in diesem Zusammenhang sein, was Karl Marx und Friedrich Engels bereits in jungen Jahren \u00fcber das Aufkommen und den Durchbruch des B\u00fcrgertums, der Bourgeoisie, gegen das feudale Mittelalter schilderten:</p><p><i>\u201eDie Produktions- und Verkehrsmittel, auf deren Grundlage sich die Bourgeoisie heranbildete, wurden in der feudalen Gesellschaft erzeugt. Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung dieser Produktions- und Verkehrsmittel entsprachen die Verh\u00e4ltnisse, worin die feudale Gesellschaft produzierte und austauschte, die feudale Organisation der Agrikultur und Manufaktur, mit einem Wort die feudalen Eigentumsverh\u00e4ltnisse den schon entwickelten Produktivkr\u00e4ften nicht mehr. Sie hemmten die Produktion, statt sie zu f\u00f6rdern. Sie verwandelten sich in ebenso viele Fesseln. Sie mu\u00dften gesprengt werden, sie wurden gesprengt.\u201c</i></p><p>Was damals die feudalen, sind heute die b\u00fcrgerlichen Eigentumsverh\u00e4ltnisse. Sie sind zu Fesseln geworden, was die weit hinter dem Entwicklungsstand zur\u00fcckbleibende Pharmaforschung und die unzureichende Versorgung mit Medikamenten schlagend beweisen. Erst wenn diese Fesseln und mit ihnen der Zwang zur Profitakkumulation aufgehoben wird, besteht die M\u00f6glichkeit, mit den notwendigen und den zur Verf\u00fcgung stehenden Arbeiten und Arbeitskr\u00e4ften, sowie den nat\u00fcrlichen und menschengemachten Ressourcen zu rechnen und zu planen. W\u00fcrden die Produktionsmittel der gesamten Gesellschaft geh\u00f6ren, k\u00f6nnte so geplant werden, dass alle arbeiten, daf\u00fcr aber weniger. Es k\u00f6nnte so gewirtschaftet werden, dass die Grenzen des \u00d6kosystems ganz oben auf der Priorit\u00e4tenliste st\u00e4nden - denn Profit und Markt w\u00e4ren beseitigt. Auch der Gesundheitssektor k\u00f6nnte endlich den Stellenwert bekommen, der ihm geb\u00fchrt. Pandemien und schreckliche Krankheiten lie\u00dfen sich mit voller Kraft erforschen und bek\u00e4mpfen. W\u00fcrden sie dann \u00fcberhaupt noch auftreten? Die neueren Infektionskrankheiten haben ihre Wurzel fast ausnahmslos im Niedergang der Artenvielfalt und der kapitalistischen Form der Landnutzung, also Monokulturen, r\u00fccksichtslose Rodung der W\u00e4lder und \u00fcberbeanspruchte B\u00f6den.</p><p>Tats\u00e4chlich m\u00fcssten auch bei assoziierter Produktion im Falle einer Pandemie alle eine Weile zu Hause bleiben. Aber niemand m\u00fcsste zum Beispiel darum f\u00fcrchten, nach dieser Zeit seinen Job zu verlieren. Denn wo nicht der Profit Sinn und Ma\u00dfstab der Produktion ist, sondern das Erzeugen n\u00fctzlicher Gebrauchsg\u00fcter, gibt es keinen Grund Produktionsst\u00e4tten zu schlie\u00dfen, auch wenn diese eine Zwangspause einlegen m\u00fcssten.</p><p>Wir k\u00f6nnen es drehen und wenden wie wir wollen. Was auch immer die Leistungen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft waren, die \u201eEigentumsverh\u00e4ltnisse entspr[e]chen [\u2026] den schon entwickelten Produktivkr\u00e4ften nicht mehr\u201c. Ergo m\u00fcssen sie gesprengt werden!</p><h2><b>Wer nicht k\u00e4mpft, hat schon verloren</b></h2><p>Die gute Nachricht: Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses ist objektiv soweit fortgeschritten, dass zumindest theoretisch ein gutes Leben f\u00fcr alle m\u00f6glich w\u00e4re. Und die Schlechte? Anders als von Kautsky bis Ulbricht vermutet, gibt es kein heimliches Drehbuch f\u00fcr geschichtliche Entwicklungen und keine Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten im menschlichen Handeln. Die wichtigste Produktivkraft aber ist, und genau das haben die genannten deutschen Sozialisten str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigt, der Mensch. Anders gesprochen: Nur wenn in und durch die Krise das massenhafte Bewusstsein entsteht, das eine andere Welt nicht nur m\u00f6glich, sondern mittlerweile dringend n\u00f6tig ist, kann der Durchbruch zu assoziierten Gesellschaft gelingen.</p><p>Im Zeichen der Corona-Bek\u00e4mpfung hat Angela Merkel vermeintlich ein Paradoxon entdeckt: Nur durch Abstand zu Anderen k\u00f6nnten wir heute unsere Solidarit\u00e4t unter Beweis stellen. Was tiefgr\u00fcndig daherkommt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung bez\u00fcglich eines grassierenden Virus als banale empirische Beschreibung des Offensichtlichen. Der eigentliche Widerspruch dagegen sitzt tiefer. Die Gesellschaft, deren erstes Wort die Konkurrenz ist, ruft pl\u00f6tzlich nach Solidarit\u00e4t. Dabei haben wir alle, die wir in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind, zun\u00e4chst einmal nur gelernt, uns um den eigenen Arsch zu k\u00fcmmern. Beim Kampf ums Klopapier ist dieses Credo dieser Tage recht eindr\u00fccklich zu beobachten. Was dem ein oder anderen diesbez\u00fcglich noch ein Schmunzeln \u00fcber die Lippen jagt, ist in anderen Weltgegenden schon bedrohlicher geworden. Hier schnellen bereits, bedingt durch die Coronapanik, Waffenk\u00e4ufe in die H\u00f6he: Ein Schalk, wer B\u00f6ses dabei denkt.</p><p>Also \u201eGame Over\u201c? Wenn wir der b\u00fcrgerlichen Apologetik vertrauen, die in ihrer grenzenlosen Ignoranz den <i>homo economicus</i>, also den Menschen, wie er sich in der von ihr vertretenden Gesellschaftsordnung entwickelt hat, mit dem <i>homo sapiens</i> gleichsetzt, dann unbedingt. Gehen wir diesen Trugschluss nicht mit, sehen wir \u2013 neben den ungeahnten neuen technischen M\u00f6glichkeiten \u2013 auch gesellschaftliche Entwicklungen, die durchaus hoffen lassen: Massive sozialen K\u00e4mpfe in Frankreich und Chile, die globale Klimabewegung, die K\u00e4mpfe von Mieter*innen, oder die beginnenden Corona-Streiks f\u00fcr tempor\u00e4re Betriebsschlie\u00dfungen und bessere Sicherheitsstandards. \u00dcberall stehen, mal mehr mal weniger hervorgehoben, das b\u00fcrgerliche Eigentum und die blind w\u00fctenden Marktgesetze zur Debatte.</p><p>Wie also werden sich die Menschen in der Krisenentwicklung verhalten? Welche Strukturen schaffen und aufbauen? Welche K\u00e4mpfe f\u00fchren, welche Niederlagen erleiden und welche Schl\u00fcsse daraus ziehen? Wir wissen es nicht. Aber dass mittlerweile alle Varianten von halbherzigen &#x27;L\u00f6sungen&#x27; und national beschr\u00e4nkten &#x27;Kompromissen&#x27; dahin schmelzen, wie das Polareis, stellt zumindest eine Chance dar. Ebenso der Aspekt, dass in der Krise offensichtlich wird, wie unf\u00e4hig die Marktprinzipien sind, die anstehenden Probleme zu l\u00f6sen und zu koordinieren: Ob bei der Entwicklung von Medikamenten, oder der Versorgung mit Krankenhausbetten. Zumindest nach \u201emehr Markt\u201c oder der \u201eunsichtbaren Hand\u201c kr\u00e4ht pl\u00f6tzlich niemand mehr.</p><p>\u201eDie Alternative zu globaler Freiheit und Gerechtigkeit ist die weltweite H\u00f6lle\u201c haben Dietmar Dath und Barbara Kirchner vor einigen Jahren mit so viel Berechtigung wie Pathos formuliert. Verbl\u00fcffend ist lediglich, wie schnell die Wirklichkeit dazu dr\u00e4ngt, sich zwischen diesen beiden M\u00f6glichkeiten entscheiden zu m\u00fcssen. Aber wie hei\u00dft es doch so sch\u00f6n; nur wer nicht k\u00e4mpft hat schon verloren. In diesem Sinne: The future is unwritten!</p><p></p><hr/><p><i>Christian Hofmann und Philip Broistedt schreiben auf</i> <a href=\"https://assoziation.info\">assoziation.info</a>. <i>Im September 2020 erscheint ihr Buch \u201eGoodbye Kapital\u201c im Papy Rossa Verlag.</i></p><p></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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