{"version": "https://jsonfeed.org/version/1", "title": "re:volt magazine Archiv", "home_page_url": "http://revoltmag.org/articles/?category=1", "description": "Zeige Artikel in der Kategorie re:think", "feed_url": "http://revoltmag.org/feeds/articles.json?category=1", "language": "en", "icon": "http://revoltmag.org/static/logos/logo_192.png", "favicon": "http://revoltmag.org/static/favicon.png", "items": [{"title": "Hegemoniekampf oder selbstgew\u00e4hlte Isolation?", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Hegemoniekampf oder selbstgew\u00e4hlte&nbsp;Isolation?</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"omar ramadan_free palestine GER demo (28.10.23).jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/omar_ramadan_free_palestine_G.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Omar Ramadad</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Seit dem Angriff der pal\u00e4stinensischen Nationalbewegung vom 7. Oktober 2023 und den sich darum entwickelnden Blutb\u00e4dern mobilisieren die Herrschenden in Deutschland auf allen Ebenen gegen eine sich zun\u00e4chst zaghaft und dann immer dynamischer entwickelnde Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4tsbewegung. Die Repression reicht von offener Gewalt auf den Stra\u00dfen durch BFE-Einheiten, \u00fcber Streichung und Canceln von Projektmitteln, Demoverboten, psychische Gewaltaus\u00fcbung durch Schikanen, Stafverfahren, Entzug von Aufenthaltstiteln, bis hin zu emotionaler Gewaltaus\u00fcbung durch konstante Hetze, Verzerrung und Blo\u00dfstellung von Aktiven. Diese umfassende Repressionskampagne kann als Form des politischen Terrors gegen eine Minderheit verstanden werden. N\u00e4mlich dann, wenn wir darunter verstehen, dass es bei politischem Terror darum geht, durch Gewaltaus\u00fcbung auf allen Ebenen und der Schaffung einer Kultur der Angst Menschen davon abzuhalten, weiter Teil der Bewegung zu sein oder sich mit der Bewegung auch nur niederschwellig einzulassen. Trotzdem wuchs die pal\u00e4stinasolidarische Bewegung und so gingen im Laufe des Jahres 2024 immer gr\u00f6\u00dfere Teile der Linken f\u00fcr ein Ende des Genozids in Gaza auf die Stra\u00dfe, politisierten sich Studierende und Sch\u00fcler:innen, mobilisierten sich migrantische Communities und Refugees.</p><p>Wie verhielt sich die pal\u00e4stinasolidarische Linke dabei zu der wachsenden Bewegung? Welche Probleme charakterisieren die Bewegung aus einer Linken Perspektive? Das folgende ist prim\u00e4r eine Reflexion der Situation in Berlin. Die daraus gezogenen Lehren sind aber auch \u00fcber Berlin hinaus von Bedeutung.</p><h2><b>Die objektiven Faktoren des wachsenden Erfolgs</b></h2><p>Zum Erfolg der Bewegung trugen einige ma\u00dfgebliche politische Entwicklungen bei, die zunehmenden Widerstand hervorbrachten und damit den N\u00e4hrboden bereitstellten, auf dem bereits vor dem 7. Oktober 2023 aktive Gruppen und Zusammenh\u00e4nge aufbauten.</p><p>Zum einen wurde immer offensichtlicher, dass das Narrativ der Selbstverteidigung Israels angesichts der offensichtlichen Kriegsverbrechen der israelischen Armee nicht aufrecht zu erhalten ist. Zu offensichtlich die genozidalen \u00c4u\u00dferungen israelischer Offizieller, zu hoch die zivilen Todeszahlen durch israelische Bombenangriffe, zu offensichtlich die deutsche Komplizenschaft und das Schweigen der Bundesregierung zu der immensen Zerst\u00f6rung und Vertreibung in Gaza. Diese Tatsache mobilisierte bereits fr\u00fch migrantische Communities, aber auch die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen der Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t auf die Stra\u00dfe.</p><p>Zum anderen gilt auch in puncto Staatsr\u00e4son: Da, wo Herrschaft, das hei\u00dft die macht- und gewaltf\u00f6rmige Durchsetzung eines politischen Willens, wirkt, da wirkt auch immer der Widerstand in passiver, unsichtbarer oder aktiver und organisierter Form. Der von der Bundesregierung entfesselte und von zivilgesellschaftlichen Proxies, den Medien, der Polizei und den Geheimdiensten exekutierte Staatsterror gegen alles und jeden, der/die sich gegen ihre Komplizenschaft mit Israel positionierte, schreckte sicher einige Menschen ab, sich in der Bewegung zu organisieren. Das Vorgehen zog aber auch eine ganze Reihe an Menschen an, darunter jene, die diese Form des Umgangs mit Minderheiten bereits angesichts des Ukraine-Kriegs oder der Corona-Pandemie emp\u00f6rend fanden, aber auch solche, die aufgrund ihrer Migrationsgeschichte, also aus emotionalen oder famili\u00e4ren Bez\u00fcgen heraus, mit der \u201eStaatsr\u00e4son\u201c \u00fcber Kreuz liegen m\u00fcssen.</p><p>Zuletzt d\u00fcrfte der offen rassistische Diskurs der Ampel-Koalition und ihrer Sidekicks von CDU und AfD daf\u00fcr gesorgt haben, dass auch die sorgsam gehegte und gepflegte Mauer des Schweigens in der deutschen Mehrheitslinken Risse bekommen hat und hier immer mehr prozionistisch eingehegte Kr\u00e4fte sich zu l\u00f6sen beginnen. Ein gutes Beispiel hierf\u00fcr ist die Debatte in der Linkspartei, die seit vielen Jahren jede neue Weisung zum Staatsterror gegen Minderheiten aus den R\u00e4ngen der Herrschenden mittr\u00e4gt und nun wohl auch gegen ihre eigenen Mitglieder aus\u00fcbt. <b>[1]</b> Andererseits ist die Tatsache, dass hier eine gr\u00f6\u00dfere Diskussion entsteht und sich immer mehr Mitglieder an der Seite der Pal\u00e4stina-Bewegung w\u00e4hnen, an sich bereits ein Erfolg.</p><h2><b>Von der Taktik der</b> <b><i>prinzipiellen Offenheit</i></b></h2><p>Nun erkl\u00e4ren diese objektiven Faktoren zwar, warum eine ganze Reihe an Menschen in den individuellen Widerstand gegangen ist. Jedoch nicht, warum die Bewegung in der Lage war, dauerhafte kollektive Pr\u00e4senz auf den Stra\u00dfen zu entwickeln und in verschiedene gesellschaftliche Institutionen hinein Wirkung zu entfalten beziehungsweise die Politik unter Druck zu setzen. Dass der politische Gegner \u00fcber die vergangenen Monate immer schreckhafter agiert und teilweise ausschweifend \u00fcber einen wachsenden Einfluss der Bewegung herumjammert <b>[2]</b> sollte aufhorchen lassen \u2013 verweist es doch darauf, dass die Strategie des Staatsterrors angesichts der objektiven Entwicklungen und der subjektiven Widerstandskraft der Bewegung zumindest an Offensivkraft verliert, weshalb der Staat versucht, seine Offensive umzugestalten.</p><p>Tats\u00e4chlich passiert anhand der Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t etwas in der Linken, das einen relevanten Kulturbruch in der Bewegungspraxis markiert und damit auch neue Herausforderungen aufwirft, die so bislang nicht vorhanden sein konnten. Zwar wurde in der Linken seit 2015 im Rahmen der Stadtteilarbeits-Debatte <b>[3]</b> oder daran anschlie\u00dfend der Debatte um Neue Klassenpolitik <b>[4]</b> oder auch in der Debatte um Linkspopulismus <b>[5]</b> immer wieder der Anspruch formuliert, eine populare Linke in Abgrenzung zu einer als gesellschaftlich isoliert wahrgenommenen Linken zu entwickeln.</p><p>Aber die Herausbildung einer popularen Linken verlangt nach einer <i>Taktik der prinzipiellen Offenheit</i> <b>[6]</b> in der Bewegung beziehungsweise in dem Kampffeld, in dem man sich bewegen will. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass nicht mit einer fertigen linken Agenda und einer abgefertigten linken Analyse von Allem in den Kampf getreten wird, sondern anhand linker realpolitischer und ankn\u00fcpfungsf\u00e4higer Forderungen im Rahmen von Minimalkonsensen in Kontakt mit der gesamten Pluralit\u00e4t der Bewegung gearbeitet wird mit dem <i>strategischen Ziel der Herausbildung oder Festigung der linken Hegemonie</i> in dieser. Das bedeutet, dass man sich auch vorhandenen rechten Kr\u00e4ften und Einzelpersonen auf Bewegungsebene stellt und diese auf Bewegungsebene bek\u00e4mpft statt von Au\u00dfen mit zum Beispiel Gegendemonstrationen. In der Praxis bedeutet das viel <i>aushalten</i>, viel argumentativ <i>\u00fcberzeugen</i> und anders als in den 2010er Jahren weniger <i>ausschlie\u00dfen</i>.</p><p>Bei welchen Akteuren der Pal\u00e4stinasolidarit\u00e4t dieser Kulturbruch bewusst konzeptionell vollzogen wird und wer sich umgekehrt eher opportunistisch den Notwendigkeiten der Bewegung unterwirft, ist ohne einen inneren Einblick in die jeweiligen Organisationen schwierig zu sagen. Dennoch l\u00e4sst sich der Wandel in der Bewegungspraxis organisations- und spektren\u00fcbergreifend beobachten. Real umgesetzt wurde dieser Kulturbruch bei allen Debatten seit den 2010er-Jahren bisher nicht \u2013 wohl auch bedingt durch die Paukenschl\u00e4ge Corona-Pandemie, \u201eZeitenwende\u201c und Aufstieg der AfD.</p><p>Aber auch weil die Herausforderung bei einer solchen Bewegungspraxis bleibt, dass die herrschende Politik des Staatsterrors nun in der Pal\u00e4stina-Frage, aber zuvor eben auch schon in der Corona-Zeit und danach in puncto Ukraine-Krieg nicht unbedingt nur Linke oder mit der Linken sympathisierende Menschen in den Widerstand gef\u00fchrt hat, sondern von linksliberal bis rechts so ziemlich alles. In diesem Sinne ist eine <i>Taktik der prinzipiellen Offenheit</i> eine sehr unbequeme antifaschistische Angelegenheit und ihr Erfolg zum einen abh\u00e4ngig vom Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis innerhalb der Bewegung, dann aber auch verbunden mit heftigen Hegemoniek\u00e4mpfen mit rechten Kr\u00e4ften mit dem Ziel, diese schlie\u00dflich zu isolieren oder auszuschlie\u00dfen.</p><p>Das Versuchsfeld dieser f\u00fcr gro\u00dfe Teile der deutschen au\u00dferparlamentarischen Linken <i>neuen</i> Form politischer Taktik <b>[7]</b>, die signifikant mit der hegemonialen linken Standpunktpolitik der 2010er-Jahre bricht, ist also nun die Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t. Hier ist die Klammer der Bewegung sehr breit, wobei eine linksliberal-dissidente, postkoloniale Str\u00f6mung dominiert. Neben dieser hegemonialen Str\u00f6mung gibt es noch die Traditionslinken und auch rechte Kr\u00e4fte, die eher nationalistisch-ethnisch und/oder religi\u00f6s motiviert sind. Es ist dar\u00fcber hinaus davon auszugehen, dass die pal\u00e4stinensischen Widerstandsfraktionen und auch t\u00fcrkische beziehungsweise iranische Proxies auf den Protesten pr\u00e4sent sind ohne sich transparent zu machen.</p><p>Wenn man es nun schlecht meint, k\u00f6nnte man sagen, dass die Tatsache, dass man es hier nicht mit deutschen, sondern migrantischen Rechten in einer Bewegung zu tun bekommt, die H\u00fcrde f\u00fcr eine pal\u00e4stinasolidarische deutsche Linke niedriger gesteckt hat, zur <i>Taktik der prinzipiellen Offenheit</i> \u00fcberzugehen. Tats\u00e4chlich d\u00fcrfte aber etwas anderes deutlich ausschlaggebender gewesen sein. Die genannten rechten Kr\u00e4fte, ihre Organisationen und Einzelpersonen haben kein Interesse an der Politik in Deutschland und formulieren ein Ziel, das erst mal ankn\u00fcpfungsf\u00e4hig f\u00fcr die gesamte Breite der Bewegung ist: Nationale Selbstbestimmung, V\u00f6lkerrecht, Ende der Besatzung und des Kriegs, Ende der rassistischen Diskriminierung in Pal\u00e4stina. Und bez\u00fcglich der Situation hierzulande: Ende der Repression und Gewalt. Wer der anderen Akteure der Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t von liberal bis links kann dazu schon <i>Nein</i> sagen? Eben dieses Moment der taktischen Interessengleichheit bei unterschiedlicher weltanschaulicher Grundlage h\u00e4lt die Kr\u00e4fte der Bewegung aufrecht und weiterhin in Dynamik. Dennoch ger\u00e4t die <i>Taktik der prinzipiellen Offenheit</i> seitens der pal\u00e4stinasolidarischen linken Kr\u00e4fte zunehmend in die Krise und droht in Opportunismus gegen\u00fcber den rechten Kr\u00e4ften innerhalb der Bewegung \u00fcberzugehen. Auch deshalb, weil die Rechte selbst diese Taktik und zwar konsequenter betreibt als die Linke.</p><h2><b>Von der Gefahr der radikalisierten Selbstisolation</b></h2><p>Die rechten Kr\u00e4fte in der Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4tsbewegung sind n\u00e4mlich alles andere als unt\u00e4tig, nur weil sie selten offen auftreten. Zwar verfolgen auch sie <i>von rechts</i> die Taktik der prinzipiellen Offenheit \u2013 denn sie wissen genau, dass sich abseits ihres eigenen Klientel nur die liberale oder radikale Linke in Deutschland und Israel f\u00fcr ihr Anliegen interessiert. Aber sie sind klug und erfahren genug, eine Taktik eben als eine Taktik zu betreiben, das hei\u00dft, als eine tempor\u00e4re B\u00fcndelung von Kampfkr\u00e4ften an einer von ihnen gew\u00e4hlten Hauptkampflinie. Sie verfolgen aus ihrem Selbstverst\u00e4ndnis heraus eben keine offene, internationalistische und solidarische Politik, sondern eine ethnozentristisch-nationalistische und/oder religi\u00f6se Politik in Abgrenzung zum israelischen Staat. Und dieses Selbstverst\u00e4ndnis bringen sie mittelfristig strategisch in die Bewegung ein mit dem Ziel, ihre jeweiligen reaktion\u00e4ren Projekte vor allem in den migrantischen Communities zu promoten und ihre Basis damit auszubauen. Das langfristige strategische Ziel ist nicht progressive gesellschaftliche Ver\u00e4nderung hier in Deutschland, sondern reaktion\u00e4re Ver\u00e4nderung woanders in der Welt, eben in Nahost.</p><p>Woran erkennen wir, dass rechte Kr\u00e4fte immer st\u00e4rker versuchen dieses Selbstverst\u00e4ndnis in die Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t einzubringen?</p><p>Erstens: an einer politischen Praxis der identit\u00e4ren Schlie\u00dfung der Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t durch ihr religi\u00f6ses und nationalistisches Framing, zum Beispiel durch pauschal antisemitische Positionen oder aber auch durch sektiererische Adressierung der gesamten deutschen Mehrheitsbev\u00f6lkerung und darunter vor allem dem wei\u00dfen Teil als vermeintliche kollektive Mitt\u00e4ter:innen statt als gewinnbare Verb\u00fcndete. Zur Praxis des Schlie\u00dfens geh\u00f6rt auch das forcierte Einbringen religi\u00f6ser Bekundungen und Ansprachen an nur eine Religionsgemeinschaft durch Anh\u00e4nger und Redner rechter Gruppierungen und Str\u00f6mungen.</p><p>Zweitens: an der Unterordnung ihres politischen Handelns unter ihre reaktion\u00e4re Gesamtvision, die als Teil einer vermeintlichen \u201eAchse des Widerstands\u201c und als alternativlos verstanden wird. Dazu geh\u00f6rt symptomatisch auch die teilweise hochproblematische positive Reaktion von Aktiven in den sozialen Medien oder auf den Stra\u00dfen auf den Angriff des Irans auf Israel am Abend des 1. Oktobers 2024. Dazu geh\u00f6rt aber auch die bis heute leider nur d\u00fcrftig ausfallende Kritik beziehungsweise sogar Legitimierung der problematischen wie erfolglosen Strategie der pal\u00e4stinensischen Nationalbewegung zur nationalen Befreiung, die der Milit\u00e4raktion am 07. Oktober 2023 zugrunde lag und abseits der verurteilenswerten Massaker an zivilen israelischen Opfern auch ihr selbst massiv geschadet hat.</p><p>Drittens: an der monothematischen Hinwendung zum politischen Kampf im Kontext von Pal\u00e4stina und weg vom Denken im politischen Kontext in Deutschland. Das geht nicht nur damit einher, dass eine Verschr\u00e4nkung von K\u00e4mpfen hierzulande nicht versucht und breitere B\u00fcndnisse nicht geschlossen werden, sondern auch damit, dass realpolitische Forderungen nicht mehr gestellt und gewinnbare K\u00e4mpfe nicht mehr gef\u00fchrt werden. An ihre Stelle treten plakative, radikale wie unrealistische Maximalforderungen und ein zunehmend militantes, abschreckendes Auftreten.</p><p>Viertens: an dem pauschalen Silencen von jeder Kritik im Rahmen dieser Problemstellungen innerhalb der Bewegung, die durch rechte und rechtsoffene Kr\u00e4fte aufgemacht werden mit dem Argument der vermeintlichen Spaltung. \u00dcblich ist auch der Vorwurf der <i>Instrumentalisierung</i> durch die Linke \u2013 als ob allein die rechten Teile der Bewegung nichtinstrumentelles Interesse an der Sache h\u00e4tten. Hier wird bewusst die rechts dominierte Volksfront der pal\u00e4stinensischen Nationalbewegung als Beispiel herangezogen, um eine solche Art der Einheit und des Vorgehens auch hier in der Bewegung festzuschreiben.</p><p>Problematisch ist, dass vor allem die linksliberale-dissidente, postkoloniale Mehrheitsstr\u00f6mung in der Pal\u00e4stina-Bewegung diese Momente nicht als das wahrnimmt, was sie sind: Der Aufstieg einer b\u00fcrgerlich-konservativen bis rechten Hegemonie in der Bewegung und die Schw\u00e4chung der klassenk\u00e4mpferischen, linksoffenen Elemente. Stattdessen wird die <i>Taktik der prinzipiellen Offenheit</i> zum <i>Dogma der prinzipiellen Offenheit</i> verkehrt und dadurch vom hegemoniepolitischen Instrument der Linken zum hegemoniepolitischen Instrument der Rechten<i>.</i> Hier wird zum Beispiel der identit\u00e4tspolitischen, postkolonialen Mehrheitsstr\u00f6mung ihr Hang zum kulturrelativistischen Essentialismus <b>[8]</b> genauso zum Verh\u00e4ngnis wie der Traditionslinken ihr Verharren in Konzepten der Volksfront beziehungsweise der nationalen Befreiung <b>[9]</b> aus der sp\u00e4ten Stalin-Zeit. Wenn die Raumnahme rechter Kr\u00e4fte und die Bedrohung, die damit f\u00fcr eine progressive Perspektive im Kampffeld Pal\u00e4stina verbunden ist, nicht gesehen wird, droht aber eine sektiererische Integration in die nationalistische/religi\u00f6se, identit\u00e4re Hegemonie und damit schlie\u00dflich Selbstisolation und Zerfall der Bewegung in Deutschland.</p><h2><b>R\u00fcckfall oder Schritte voran f\u00fcr eine populare Linke?</b></h2><p>Fakt ist, dass die Pal\u00e4stina-Bewegung ein politischer Erfolg f\u00fcr die Linke in Zeiten des Rechtsrucks ist. Die pal\u00e4stinasolidarische Linke konnte hier erstmalig effektiv Widerstand gegen einen Grundpfeiler der Staatsr\u00e4son und damit gegen den deutschen Imperialismus mobilisieren. Durch ihren Widerstand gegen den Staatsterror ist sie eine fundamental demokratische Bewegung gegen den weiteren Abbau unserer Grundrechte. Ein Fakt, den sich mehr Linke, die sich noch unsicher sind, wie sie sich verhalten wollen, vergegenw\u00e4rtigen sollten. Zudem war die pal\u00e4stinasolidarische Linke nicht nur in der Lage, in eine neue Form der Bewegungspolitik einzutreten, sondern auch die Black Lives Matter- und Migrantifabewegung in eine weitere deutsch-migrantische Bewegung zu \u00fcberf\u00fchren. Diese wird von einer eine sehr breiten Klassenbasis getragen, darunter aber eben auch besonders von migrantischen Arbeiter:innenklasse-Elementen, die mehrfach unterdr\u00fcckt werden. Das ist viel in Zeiten, in denen die Repression st\u00e4rker wird, die Kriegsgefahr w\u00e4chst und Faschisten vor Regierungsbeteiligungen stehen.</p><p>Die pal\u00e4stinasolidarische Linke sollte ihre Erfolge aber nun nicht verspielen. Je st\u00e4rker das Moment der Selbstisolation der Bewegung wird, desto mehr ger\u00e4t die Bewegung in die F\u00e4nge jener Kr\u00e4fte, die einem internationalistischen und solidarischen Projekt gegen\u00fcber verschlossen sind. Sie t\u00e4te gut daran, den Fehdehandschuh der rechten Kr\u00e4fte aufzunehmen und sie argumentativ zu enttarnen und zu stellen. Und zwar ganz praktisch und konstruktiv indem alternative Positionen in der Innen- und Au\u00dfenpolitik platziert werden, der Schlie\u00dfung die \u00d6ffnung gegen\u00fcber breiteren Gesellschaftsbereichen in Richtung breiterer Klassenb\u00fcndnisse entgegengesetzt wird, die Hinwendung und Verbindung zu kommenden K\u00e4mpfen in Deutschland gesucht wird und Kritik an bedenklichen Positionen Raum erh\u00e4lt. Das eben w\u00e4re ein Zeichen daf\u00fcr, dass die <i>Taktik der prinzipiellen Offenheit</i> nicht zum Opportunismus verkommt und im Rahmen einer <i>Strategie der linken Hegemonie</i> genutzt wird. Die Einsicht in die Notwendigkeit, dass auch Bewegungspolitik eben Politik ist und damit ganz nach deren Regeln des Machtkampfs um Deutung funktioniert, w\u00e4re \u00fcberhaupt die Basis f\u00fcr den n\u00e4chsten Schritt, denn: <i>Den Willigen f\u00fchrt das Schicksal, den Widerstrebenden schleppt es mit</i>.</p><hr/><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Sehr unr\u00fchmlich ist hier zum Beispiel der parteiinterne Umgang mit dem durchaus streitbaren Genossen Ramsis Kilani (Sozialismus von unten), der vermutlich Startschuss f\u00fcr \u00e4hnlich geartete Prozesse gegen\u00fcber anderen ist. Sein Statement zum Parteiausschluss findet sich <a href=\"https://www.theleftberlin.com/ramsis-kilani-expulsion-die-linke-palestine/\">hier</a>.</p><p><b>[2]</b> Der Tagesspiegel-Autor Sebastian Leber etwa <a href=\"https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/antisemitismus-in-der-linken-wie-schlimm-ist-es-wirklich-12822932.html\">versucht sich</a> in der Ehrenrettung dessen, was er die \u201eLinke\u201c nennt.</p><p><b>[3]</b> Vor allem gef\u00fchrt im <a href=\"https://lowerclassmag.com/?s=Stadtteilarbeit\">Lower Class Magazine</a>.</p><p><b>[4]</b> <a href=\"https://www.sebastian-friedrich.net/neue-klassenpolitik/\">Eine Sammlung</a> zu dieser Debatte findet sich beim Journalisten Sebastian Friedrich.</p><p><b>[5]</b> Konzeptionell aufbereitet <a href=\"https://www.labournet.de/wp-content/uploads/2017/06/linker_populismus.pdf\">beispielsweise</a> von Violetta Bock und Thomas E. Goes.</p><p><b>[6]</b> Diese Konzeptionalisierung stellt den Versuch des Autors dar, die von ihm beobachtete spektren\u00fcbergreifende Herangehensweise begrifflich zu fassen. Der <i>Taktik der prinzipiellen Offenheit</i> gegen\u00fcber steht eine Bewegungs- und Politikpraxis, die mit unver\u00e4nderlichen Positionen von Au\u00dfen versucht auf Bewegungen einzuwirken und mit harten Ein- und Ausschlusslogiken und/oder Repression arbeitet. Viele traditionslinke Parteien und Gruppen, etwa die MLPD mit ihrem missgl\u00fcckten Versuch bei <i>Fridays for Future</i>, arbeiteten so. Aber auch Teile der Autonomen Antifa, sowie an sie angeschlossenen Teilen der radikalen Linken arbeiten so und bek\u00e4mpfen deshalb andere Bewegungen und Linke mit dem Vorwurf der vermeintlichen Querfront.</p><p><b>[7]</b> Dem Autor ist bewusst, dass der beobachtete Ansatz an sich keineswegs <i>neu</i> und international <i>mehr als \u00fcblich</i> ist. <i>Neu</i>bedeutet in diesem Kontext also gemessen an der durchschnittlichen Performance der Linken in Deutschland in den letzten Jahren. Der Vorl\u00e4ufer waren zum Beispiel die Versuche von Linken in den 2010er-Jahren die Occupy- und die Mahnwachen-Bewegung nach links zu ziehen, was in erstem Fall gut gelang und in die Blockupy Proteste m\u00fcndete. In letzterem Fall untersch\u00e4tzte man, dass rechte Kr\u00e4fte hier bereits die gesamte Bewegungsinfrastruktur in der Hand hatten. Die Frage, in welcher Gewichtung die Kr\u00e4fte in der Bewegung stehen und wie sehr man bereit ist, den Kampf zu f\u00fchren, sind wohl ausschlaggebende Faktoren f\u00fcr den Erfolg im Kampf um die Hegemonie in politisch durchmischten K\u00e4mpfen.</p><p><b>[8]</b> In der postkolonialen Theorie gibt es neben vielen bereichernden Erkenntnissen auch die eher problematische Tendenz, die Kultur insbesondere von unterdr\u00fcckten und/oder kolonisierten Nationen usw. als politische Identit\u00e4t homogen, das hei\u00dft unter Ausklammerung beispielsweise von Klassenverh\u00e4ltnissen und Str\u00f6mungsunterschieden zu mobilisieren und zum alleinig positiven Ausgangspunkt ihres Kampfes zu machen.</p><p><b>[9]</b> Die Gefahr einer rechts dominierten Volksfront zeigt Alp Kayserilio\u011flu <a href=\"https://revoltmag.org/articles/lektionen-katastrophalen-zeiten/\">auf den Seiten dieses Magazins</a> auf.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Unter steigender Repression des Staates stellt sich ihr zunehmend die Frage: Hegemoniekampf oder selbstgew\u00e4hlte Isolation?"}, {"title": "Lektionen in katastrophalen Zeiten", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Lektionen in katastrophalen&nbsp;Zeiten</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"nicolas-hoizey-u7r80XS7KoA-unsplash.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/nicolas-hoizey-u7r80XS7KoA-un.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Nicolas Hoizey</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Der Sturz des blutigen Diktators Bashar Assad in wenigen Tagen reiht sich ein in eine Ereigniskette, die sich nicht nur mit Pauken und Trompeten angek\u00fcndigt hat, sondern sich seit \u00fcber einem Jahr vor unseren Augen Tag um Tag, Monat um Monat vollzieht: Die partielle Demontage der vom Iran gef\u00fchrten \u201eAchse des Widerstands\u201c im Nahen Osten seitens des entfesselten Terrors von NATO, Israel und ihrer Verb\u00fcndeten. All dies wurde beg\u00fcnstigt durch die Fehlkalkulationen des Iran und seiner Allies. Weil nationale Widerstands- und Befreiungsbewegungen gegen den transatlantisch-imperialistischen Block in Nahost seit geraumer Zeit und vor allem seit dem 7. Oktober 2023 immer st\u00e4rker in das vom Iran gef\u00fchrte regionalimperialistische Hegemonieprojekt integriert wurden, geht damit auch partiell eine Schw\u00e4chung emanzipatorischer Perspektiven in Nahost einher.</p><p>Diese k\u00f6nnen sich zwar mittel- bis langfristig \u00fcberhaupt nicht im Rahmen des iranischen Regionalimperialismus entfalten. Denn das iranische Hegemonieprojekt stellt als Gesamtpaket nur eine anti-emanzipatorische Alternative zur transatlantisch-zionistischen Vernichtungspolitik dar. Von der klassischen marxistischen Trias der nationalen, demokratischen und sozialen Befreiung kann und will das iranische Hegemonieprojekt im besten Fall nur das erstere bis zu einem gewissen Punkt st\u00fctzen und st\u00e4rken, n\u00e4mlich, insofern es den Iran im Machtkonflikt mit Israel, Saudi Arabien und den USA st\u00e4rkt. Syrien unter Assad war da um keinen Deut besser. Im Gegenteil. Auch deshalb feiern Araber*innen weltweit ganz zurecht den Sturz der brutalen Diktatorendynastie Assad, selbst wenn die Aussichten im Land sehr prek\u00e4r sind \u2013 schlie\u00dflich wurde das Land von einer Koalition unter F\u00fchrung NATO-gest\u00fctzter jihadistischer Kr\u00e4fte von Assad befreit.</p><p>Aber die instabile milit\u00e4rische Balance, die Iran, Syrien, Hamas, Hizbullah und partiell Russland gegen Israel und den transatlantischen imperialistischen Block in den letzten Jahren und Jahrzehnten in Nahost errichtet haben, hat insgesamt schweren Schaden genommen. Die Syrische Arabische Armee (SAA) ist zerschlagen, die Hamas und Hizbullah haben schwere Sch\u00e4den genommen, der Iran konnte seinen militaristischen Worten kaum Taten folgen lassen. Und das ist gleichzeitig die Crux: Ohne eine wie auch immer prek\u00e4re milit\u00e4rische Balance, die den Terror des transatlantischen Imperialismus und seiner Verb\u00fcndeten so gut es geht in Grenzen h\u00e4lt, wird es auch keine emanzipatorischen Potenziale in Nahost geben. Und diese Balance wurde (und wird aktuell auch weiterhin) in den letzten Jahren nicht in erster Linie von emanzipatorischen, linken Kr\u00e4fte errichtet, sondern von b\u00fcrgerlichen und/oder reaktion\u00e4ren.</p><h3><b>Die Bilanz der Katastrophe</b></h3><p>Denn was passiert, wenn eine Balance gegen den transatlantischen Machtblock und Israel in Nahost nicht mehr gehalten kann, das sieht man jetzt: Gaza wurde im Rahmen eines <a href=\"https://www.972mag.com/exterminate-expel-resettle-israel-northern-gaza/\">dezidiert kalkulierten</a>, begrenzten <a href=\"https://www.amnesty.org/en/documents/mde15/8668/2024/en/\">Genozids</a> seitens eines von rechtsextremistisch-faschistischen Kr\u00e4ften dominierten Israels mit Sch\u00fctzenhilfe durch Deutschland, den USA und so weiter fast vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt. In Syrien kommt die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-erdogan-idlib-hama-humus-ve-hedef-tabii-sam-muhaliflerin-suriye-deki-yuruyusu-kazasiz-belasiz-devam-etsin,1201339\">ganz offen von der T\u00fcrkei unterst\u00fctzte</a> <a href=\"https://www.csis.org/blogs/examining-extremism/examining-extremism-hayat-tahrir-al-sham-hts\">jihadistische</a> Hayat Tahrir al-Sham (HTS) an die Macht. Dessen F\u00fchrer Jolani hat sich dezidiert <a href=\"https://newlinesmag.com/reportage/the-backstory-behind-the-fall-of-aleppo/\">von den Taliban in Afghanistan abgeschaut</a>, wie man ein islamistisches Regime so verpackt und verkauft, dass es keine ausl\u00e4ndischen Interventionen mehr provoziert und im Inneren potenzielle organisierte Opposition durch vor\u00fcbergehende Beschwichtigungen demobilisiert. Zwischen den Zeilen entschl\u00fcpft ihm aber dennoch, was er den Menschen in Syrien unter der F\u00fchrung der HTS in Aussicht stellt: n\u00e4mlich eine korrekt implementierte \u201e<a href=\"https://edition.cnn.com/2024/12/06/middleeast/syria-rebel-forces-hayat-tahrir-al-sham-al-jolani-intl-latam/index.html\">Islamic governance</a>\u201c. Die ebenfalls von der T\u00fcrkei unterst\u00fctzte jihadistische Syrische Nationalarmee (SNA) greift derzeit massiv mit tatkr\u00e4ftiger Unterst\u00fctzung der t\u00fcrkischen Armee das von den Syrischen Demokratischen Kr\u00e4ften (SDF) gehaltene Rojava im Nordosten Syriens von mehreren Fronten aus an. Auch Israel bombardiert gerade Syrien fl\u00e4chendeckend und besetzt dort ganze Gebiete. Die \u201einternationale Staaten- und Wertegemeinschaft\u201c schweigt nat\u00fcrlich dazu, denn nur Putin oder Assad oder die Hamas sind aus der transatlantischen Perspektive Kriegsverbrecher. Israels \u201elegitimes Selbstverteidigungsrecht\u201c hingegen scheint nun, neben genozidalem Vorgehen in Gaza und Zerst\u00f6rungsfurie im Libanon, auch landesweites Bombardement und Besatzung in Syrien zu beinhalten. Es gibt derzeit kaum eine milit\u00e4rische Balance mehr, die diesen entfesselten Terror begrenzen k\u00f6nnte.</p><p>Es ist im Rahmen dieser Ereigniskette einzig die immense populare Euphorie, die durch den Sturz Assads losgetreten wurde, die darauf hoffen l\u00e4sst, dass sich eine (von den Jihadisten ungewollte und unkontrollierte) populare Dynamik in und nach Syrien ergibt, die die Hegemonie der Jihadisten beschr\u00e4nkt und den Horizont der sozialen Emanzipation in Nahost erneut \u00f6ffnet. Das ist allerdings eine sehr vage Hoffnung. Die bisherige historische Erfahrung steht dem entgegen. Man denke nur daran, was passiert ist, nachdem die Diktatoren im Irak und Libyen mithilfe oder aufgrund westlicher Unterst\u00fctzung/Intervention gest\u00fcrzt wurden.</p><h3><b>Notwendige Selbstreflexion</b></h3><p>Sp\u00e4testens jetzt w\u00e4re es deshalb an der Zeit, sich noch einmal grundlegende Gedanken zu Antikolonialismus und Antiimperialismus aus linker, revolution\u00e4rer Perspektive in Nahost zu machen, besonders zu der seit dem 7. Oktober 2023. Ich m\u00f6chte dazu im Folgenden einige wie mir scheint wichtige strategische Punkte debattieren. Ich gehe auf einzelne F\u00e4lle, Akteur*innen und Ereignisketten daher auch nur als Beispiele im Rahmen dieser allgemeinen Strategiedebatten ein.</p><p>Die Analyse der einzelnen Angelegenheiten und die unterschiedliche Gewichtung von einzelnen Akteur*innen ist daher nat\u00fcrlich auch notwendig, um konkrete Handlungsanleitungen und Vorschl\u00e4ge zur B\u00fcndnispolitik herauszudestillieren. Schlie\u00dflich hat der Artikel aber auch explizit nicht den Anspruch, konkrete Handlungsoptionen zu diskutieren. Er soll vielmehr als Anregung verstanden werden, wie \u00fcber linke Handlungsoptionen nachgedacht wird, auch \u00fcber den Umgang linker Solidarit\u00e4t mit dem Kampf der Kolonisierten und Unterdr\u00fcckten.</p><p>In aller Deutlichkeit kondensiert sich die aktuelle Schwierigkeit darin, dass es schlicht nicht gen\u00fcgt, Israels Genozid und die Komplizenschaft des Westens mit Israel anzuprangern und Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t darauf zu reduzieren. Man muss auch Fehler und politische Alternativen debattieren.</p><p>Fakt ist und bleibt, dass die Hamas mit der von ihr angef\u00fchrten Aktion vom 7. Oktober 2023 Israel den lang ersehnten Vorwand gegeben hat, eine offene Vernichtungspolitik gegen Pal\u00e4stina umzusetzen. Denn der 7. Oktober war nicht nur ein Befreiungsschlag, sondern einer in Form eines unterschiedslosen Massenmords an Menschen in Israel, der Gro\u00dfteil davon J\u00fcd*innen. Das ist zum einen grundlegend abzulehnen aus der Perspektive der \u00dcberzeugungen und Inhalte, f\u00fcr die eine revolution\u00e4re Linke steht: N\u00e4mlich f\u00fcr ein Zusammenleben der V\u00f6lker in Frieden und Freundschaft, die durch blinde, fanatische Massaker schlicht nicht hergestellt werden kann. Und er ist zudem auch politisch absolut fehlkalkuliert gewesen, weil durch die spezifische Form der Aktion \u2013 nicht durch die Aktion <i>an sich</i> \u2013 vorhersehbar die Kr\u00e4fte enorm gest\u00e4rkt wurden, die der Befreiung Pal\u00e4stinas mit allen Mitteln entgegenstehen und gewillt sind, ihre Feindschaft gegen Pal\u00e4stina auch mit den brutalsten Mitteln umzusetzen. Vor dem 7. Oktober 2023 war die israelische Gesellschaft gespalten wegen Netanyahus faschistischen Staatsumbaupl\u00e4nen. Der 7. Oktober 2023 einte sie angesichts des Grauens am 7. Oktober wieder, und zwar in der chauvinistischsten Art und Weise, die m\u00f6glich ist: als blutr\u00fcnstige Kriegsgemeinschaft. Dies zu benennen und aufs sch\u00e4rfste zu kritisieren ist nicht Verrat an der pal\u00e4stinensischen Sache, im Gegenteil: Gerade sie dient dieser, weil sie die eigentlich unverantwortlichen Kr\u00e4fte anprangert, die unter Ausschlachtung der legitimen emanzipatorischen Forderungen und Anspr\u00fcche der Pal\u00e4stinenser*innen diese in einer totalen Fehlkalkulation der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und mithilfe moralisch wie politisch falscher Mittel f\u00fcr das eigene Macht- und Hegemoniekalk\u00fcl aufopferten.</p><p>Was f\u00fcr die Hamas gilt, gilt f\u00fcr die Hizbullah und den Iran seit dem 7. Oktober 2023 ebenso wie schlie\u00dflich auch f\u00fcr das Assad-Regime in Syrien. In einer Auseinandersetzung nach der anderen haben insbesondere die Hizbullah und der Iran schwere Niederlagen einb\u00fc\u00dfen m\u00fcssen, wovon der Fall Assads nur der neueste ist. Es waren nicht nur die <a href=\"https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9792\">internationalen Sanktionen</a> oder <a href=\"https://edition.cnn.com/2024/12/07/middleeast/analysis-damascus-syria-intl-latam/index.html\">die Schw\u00e4che</a> von Russland und Iran, die zu letzterem f\u00fchrte. Es war auch schlicht die Brutalit\u00e4t des Regimes, die die sowieso nur sehr begrenzte populare Legitimit\u00e4t Assads endg\u00fcltig untergrub, weshalb das ganze Regime auch bei der erstbesten ernsten milit\u00e4rischen Herausforderung seit Jahren wie ein Kartenhaus zusammenbrach.</p><p>Israel indes hat offensichtlich aus fr\u00fcheren taktischen Fehlern und Niederlagen gelernt und konnte den Waffengang viel besser leiten als zuvor. Der Staat geht daher machtpolitisch gesprochen auch mit gro\u00dfen Siegen aus den bisherigen Auseinandersetzungen heraus \u2013 mit enorm zerst\u00f6rerischen Folgen f\u00fcr Pal\u00e4stina und den Libanon, partiell f\u00fcr den Iran und Syrien. Israels reaktion\u00e4re Kontrahenten hingegen ruhten sich auf vergangenen (partiellen) Siegen aus und gingen davon aus, Israel erneut schlagen oder im Zaum halten zu k\u00f6nnen. Genau dasselbe gilt im Verh\u00e4ltnis von jihadistischen Rebellen und Assad-Regime. W\u00e4hrend erstere die in der Ukraine entwickelte tagesaktuelle Form des Kampfs der verbundenen Waffensysteme fraglos mit Hilfe des NATO-Partners T\u00fcrkei (und vielleicht sogar <a href=\"https://www.n-tv.de/politik/Spielt-die-Ukraine-in-Syrien-ein-gefaehrliches-Spiel-article25410212.html\">mithilfe der Ukraine</a>) perfektionierten, <a href=\"https://foreignpolicy.com/2024/12/05/syria-assad-regime-collapsing-quickly/\">versank</a> die SAA aufgrund des Glaubens von Assad und der Armeef\u00fchrung an die eigene \u00dcbermacht in Ineffizienz, Korruption und inneren Zerfall. Die Armee hatte schlie\u00dflich den Drohnenflotten des HTS \u00fcberhaupt nichts entgegenzusetzen und l\u00f6ste sich auf.</p><p>Es l\u00e4sst sich festhalten: Keiner der wichtigen Akteure im Orbit des iranischen Hegemonialprojekts bietet eine emanzipatorische Perspektive f\u00fcr die Region oder f\u00fcr die jeweiligen L\u00e4nder an, auch wenn es wichtige Unterschiede zwischen diese Akteuren gibt. Und insgesamt war das Vorgehen der vom Iran gef\u00fchrten \u201eAchse des Widerstands\u201c nicht in der Lage, den transatlantisch gest\u00fctzten (zionistischen) Terror einzud\u00e4mmen, im Gegenteil. Sich explizit oder implizit auf sie zu verlassen, wie manche Antiimperialist*innen es tun, bringt den Menschen und einer linken Perspektive im Nahen Osten in politischer wie moralischer Hinsicht also nichts.</p><h3><b>Politik und Moral</b></h3><p>Wer den Gegner st\u00e4ndig ganz laut herausfordert und provoziert, der sollte auch in der Lage sein, sich diesem im Kampf zu stellen. Wer das nicht oder nur schlecht kann und trotzdem zum Waffengang ruft, der hat sich nicht nur ganz grunds\u00e4tzlich versch\u00e4tzt, sondern begeht schlicht massive politische Fehler, handelt also politisch verantwortungslos. Denn Politik besteht nicht ausschlie\u00dflich aus Moral. Die Moral und die Moralphilosophie drehen sich um Fragen des Richtigen und Guten. Zum Beispiel ist es richtig und gut, dass Pal\u00e4stina vom Joch des Zionismus befreit und vor Genozid gesch\u00fctzt wird. Politik hingegen besch\u00e4ftigt sich ganz grundlegend mit Fragen der Macht, Taktik und Strategie, um bestimmte Ziele umsetzen, darunter auch solche, die Gegenstand von Moral und Moralphilosophie sind. Zum Beispiel die Frage, welche Taktiken und Strategien in den gegebenen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen die richtigen sind, um eine Befreiung Pal\u00e4stinas zu erlangen.</p><p>Betreibt man Politik ganz ohne Moral, stellt sich die bekannte Zweck-Mittel-Umkehrung ein: Vor lauter Taktiererei gehen die Ziele verloren und werden durch das bestehende kapitalistisch-imperialistische System und den darin dominierenden Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen umgekehrt, die schlie\u00dflich ihre eigenen Inhalte und Ziele aufpr\u00e4gen. Aber auch umgekehrt wird ein Schuh daraus: Betreibt man Politik nur nach Ma\u00dfst\u00e4ben des Moralischen, wird man einen schweren Fehler nach dem anderen begehen, weil man seine Taktiken und Strategien nicht auf Grundlage der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse entwirft und entwickelt, sondern ausschlie\u00dflich auf Grundlage des eigenen Gewissens und der eigenen \u00dcberzeugungen.</p><h3><b>Linke Solidarit\u00e4ten nach dem 7. Oktober 2023</b></h3><p>Ein wichtiger Teil der antikolonialen, antiimperialistischen Linken, hat, so scheint mir, diese Lektionen nicht gezogen und seit dem 7. Oktober eine ungen\u00fcgende Politik der Solidarit\u00e4t verfolgt. Nat\u00fcrlich werden die Ereignisse seit dem 7. Oktober 2023 nicht ausschlie\u00dflich oder gar haupts\u00e4chlich von der richtigen oder falschen Politik der linken, revolution\u00e4ren Solidarit\u00e4t determiniert. Diese ist zu schwach, um einen nennenswerten Einfluss auf die Geschehnisse auszu\u00fcben. Zudem spielen nat\u00fcrlich die internationalen und regionalen Kr\u00e4fteverschiebungen eine viel wichtigere Rolle. Im Fall Assads etwa die stark reduzierten Kapazit\u00e4ten Russlands, das sukzessive alle Ressourcen auf den Eroberungskrieg in der Ukraine konzentrierte und dem syrischen Regime nicht ausreichend zur Seite stehen konnte. Aber dennoch muss man sich als Linke eben auch \u00dcberlegungen zu den eigenen Haltungen und Fehlern machen und richtige Schlussfolgerungen daraus ziehen, um in der Zukunft politisch und moralisch gewappneter zu sein.</p><p>Und sp\u00e4testens jetzt w\u00e4ren dringende Lektionen zu ziehen und die bestehen meines Ermessens in der Restaurierung einiger alter linker Binsenweisheiten:</p><p>1. Da ist, <i>erstens</i>, die ganz grundlegende Einsicht, dass revolution\u00e4re Linke in nationalen Befreiungsk\u00e4mpfen politisch wie moralisch einen eigenst\u00e4ndigen Pol entwickeln m\u00fcssen, weil sonst die nationale Befreiung, wenn sie denn dann stattfindet, von ganz anderen Kr\u00e4fte und Zielen angeleitet wird als das, wof\u00fcr die revolution\u00e4re Linke einsteht. Der Iran selbst ist da ein Paradebeispiel, weil sich die Islamisten 1979 schlie\u00dflich im Kampf gegen den illegitimen, diktatorialen Schah durchsetzten, die Linken dezimierten und das bis heute herrschende theokratische Regime installierten. Ein anderes denkw\u00fcrdiges Beispiel ist Algerien. Die Brutalit\u00e4t, mit der die Nationale Befreiungsfront (FLN) den Befreiungskampf f\u00fchrte, bereitete den Boden f\u00fcr das diktatoriale postkoloniale Algerien. Die opportunistische Ausschlachtung des Islams seitens der marxistisch-s\u00e4kularen FLN zu Mobilisierungszwecken im und nach dem Befreiungskampf bereitete schlie\u00dflich den Boden f\u00fcr die Erstarkung des politischen Islams in Algerien. \u00c4hnlich lief es \u00fcbrigens im Befreiungskrieg der T\u00fcrkei unter Mustafa Kemal: Die Linken ordneten sich der von den Kemalisten gef\u00fchrten nationalistischen Befreiungsperspektive unter, wurden noch im Zuge des Krieges von den Kemalisten vernichtet, die schlie\u00dflich den Islam auch in den Staatsapparaten teilweise restaurierten, was den Boden schuf f\u00fcr den zuk\u00fcnftigen Aufstieg des politischen Islams in der T\u00fcrkei \u2013 ganz zu schweigen von der Kolonialisierung Kurdistans und der Normalisierung des Genozids an den Armenier*innen, der durch die kemalistische F\u00fchrung des Befreiungskrieges zementiert wurde.</p><p>Man kann also nicht einfach zuerst eine nationale Befreiung erk\u00e4mpfen mit der \u00dcberzeugung, dass man sich erst sp\u00e4ter um die demokratischen und sozialen Angelegenheiten k\u00fcmmert. Nationale Befreiung schlie\u00dft immer auch eine Bearbeitung aller tragenden gesellschaftlichen Angelegenheiten mit ein. Und wenn die Linke diese nicht explizit demokratisch und sozial bearbeitet, dann besetzen andere, unter Umst\u00e4nden autorit\u00e4re Kr\u00e4fte innerhalb eines Kampfes um nationale Befreiung, diese Themen oder diese Themen werden schlicht nicht demokratisch oder sozial bearbeitet.</p><p>2. Unter diese Generallinie untergeordnet sind, <i>zweitens</i>, im Besonderen die Fragen nach den Zielen und Zwecken, die durch eine Befreiungsbewegung hergestellt werden sollen. Also die Moral, wenn man so will. Ich habe an einem anderen Ort ausf\u00fchrlicher er\u00f6rtert, dass die Umsetzung des 7. Oktobers in dieser Hinsicht richtiges (mobilisierender und erm\u00e4chtigender Befreiungsschlag aus der israelischen Umklammerung) mit sehr viel falschem (wahllose Massaker an Menschen) vermischte, und dass dies f\u00fcr eine emanzipatorische Perspektive auf Pal\u00e4stina insgesamt negativ wirkt. Diese muss schlie\u00dflich auf die eine oder andere Art und Weise eine Vers\u00f6hnung mit der israelischen Bev\u00f6lkerung mit herbeif\u00fchren. Nicht nur w\u00e4re die Perspektive einer umgekehrten ethnischen S\u00e4uberung Israels aus linker Perspektive ganz grundlegend zu verwerfen: linke, revolution\u00e4re Bewegungen visieren immer nationale, demokratische und soziale Freiheit/Befreiung an. Eine ethnische S\u00e4uberung Israels ist aber auch einfach nicht m\u00f6glich.</p><p>3. Denn schlie\u00dflich ist, <i>drittens</i> und ebenfalls jener Generallinie untergeordnet, die Frage zu stellen, was die abtr\u00e4glichen und zutr\u00e4glichen Bedingungen f\u00fcr jene Ziele und Zwecke sind und was daraus f\u00fcr Taktiken und Strategien abzuleiten sind. Das algerische Szenario beispielsweise, also die Befreiung einer Kolonie durch einen auch vonseiten der legitimen Aufst\u00e4ndischen sehr brutal gef\u00fchrten Befreiungskrieg, ist in Bezug auf Pal\u00e4stina schlicht nicht reproduzierbar. Es gibt proportional gesehen sehr viel mehr Israelis/israelische J\u00fcd*innen im Raum Israel/Pal\u00e4stina als es franz\u00f6sische Kolonist*innen in Algerien gab. Zudem war Frankreich damals mehr oder minder isoliert mit seinen Kolonien, nicht wie Israel im Rahmen einer transatlantischen institutionellen Ordnung diplomatisch, \u00f6konomisch und milit\u00e4risch gedeckt und gest\u00fctzt. Vermutlich l\u00e4sst sich nur sehr selten oder nie eine Befreiung und eine Emanzipation durch einen Krieg <i>zwischen</i> Nationen und Gesellschaftsformationen erreichen, die wesentlich r\u00e4umlich voneinander getrennt (worden) sind, wie eben Israel, Gaza/Westbank, Libanon, Iran. Im Fall Pal\u00e4stinas jedenfalls ist dies mittlerweile, im Unterschied zu 1948 oder vielleicht gar noch 1967, einfach \u00fcberhaupt nicht mehr realistisch. Im Gegenteil f\u00fchrt die brutale Polarisierung zwischen Nationen und Gesellschaften in diesem Fall mittlerweile eher zu einer Schw\u00e4chung emanzipatorischer Perspektiven, weil durch diese Polarisierung reaktion\u00e4re, imperialistische und/oder massenmordende Kr\u00e4fte auf allen Seiten gest\u00e4rkt werden. Und sie f\u00fchrt zu enorm viel Zerst\u00f6rung.</p><p>Der Iran und die mit ihm verb\u00fcndeten Kr\u00e4fte halten aber daran fest, Israel ausschlie\u00dflich von au\u00dfen mit milit\u00e4rischen Mitteln zu bek\u00e4mpfen und zu besiegen. Dieser ausschlie\u00dfliche Fokus ist nebst den moralischen-inhaltlichen Fragen aber auch rein politisch-taktisch desastr\u00f6s nach hinten losgegangen, wie das letzte Jahr zeigt. Die revolution\u00e4re Linke muss hier auch rein politisch-taktisch Alternativen diskutieren und organisieren, sonst droht Fortsetzung oder gar zuk\u00fcnftige Wiederholung der Katastrophe.</p><h3><b>Raus aus der Sackgasse Volksfrontpolitik/Kampismus</b></h3><p>Seit dem 7. Oktober 2023 nehme ich statt einer kritischen Bearbeitung dieser drei Dimensionen durch die Solidarit\u00e4t der revolution\u00e4ren Linken mit Pal\u00e4stina, dem Libanon und gegen Israel vermehrt ein identit\u00e4tspolitisches Lagerdenken wahr. Dieses beschr\u00e4nkt sich darauf, Solidarit\u00e4t mit Pal\u00e4stina zu bekunden und Israel sowie die westliche Sch\u00fctzenhilfe f\u00fcr Israel anzuprangern. Dies ist zweifellos eine notwendige Grundlage linker, antikolonialer Solidarit\u00e4t und angesichts der westlichen, teilweise auch linken Komplizenschaft mit den brutalen Vernichtungsfeldz\u00fcgen Israels durchaus nachvollziehbar. Aber es ist eben dennoch nicht ausreichend.</p><p>Viele revolution\u00e4re Linke, die ich kenne und die so oder so \u00e4hnlich vorgehen, tun das gar nicht aus der \u00dcberzeugung, die Hamas (oder Assad im aktuellen syrischen Kontext) sei eine aus linker Perspektive gute Option oder biete eine Perspektive an. Im Gegenteil: Den meisten ist mehr oder minder klar, dass mit Hamas, Assad oder Iran keine progressiven Ans\u00e4tze zu erwarten sind. Allerdings wird der Unterschied zu diesen Organisationen, ihren Zielen und Mitteln nicht explizit gemacht. Der Grund: Um nicht in \u201eZeiten schwerer Not\u201c die Einheit der Front im Kampf gegen den zionistischen oder jihadistischen Terror zu gef\u00e4hrden.</p><p>In Analogie zu \u00e4lteren Debatten aus dem 20. Jh. l\u00e4sst sich dies als eine \u201erechte Volksfrontpolitik\u201c bezeichnen: Um einen gr\u00f6\u00dferen und schlimmeren Gegner zu besiegen, wird explizit oder implizit ein lager\u00fcbergreifendes B\u00fcndnis geschlossen, mit unter anderen Umst\u00e4nden mit der revolution\u00e4ren Linken befeindeten Fraktionen. Wo sogar die grundlegenden Unterschiede in einem solchen B\u00fcndnis verschwiegen oder v\u00f6llig runtergespielt werden, da spricht man heutzutage vor allem im anglos\u00e4chsischen Raum von <i>campism</i> (Kampismus), also Lagerdenken und -handeln.</p><p>Diese Form der Volksfrontpolitik ging eigentlich niemals gut. Sie hat historisch zu einer St\u00e4rkung der rechten Kr\u00e4fte gef\u00fchrt. Auch die gegenw\u00e4rtigen Entwicklungen deuten in dieselbe Richtung. Das eklatanteste Beispiel daf\u00fcr ist der Sturz des brutalen Assad-Regimes. Dieser f\u00fchrte zumindest zun\u00e4chst dazu, dass jetzt genau jene Kr\u00e4fte an Einfluss gewinnen, die gem\u00e4\u00df der Logik linker Unterst\u00fctzung oder Duldung Assads als schlimmer galten als Assad selbst \u2013 allen voran jene jihadistischen Kr\u00e4fte, die durch ein offenes oder stillschweigendes Paktieren mit Assad eigentlich h\u00e4tten vernichtet werden sollen. Es war aber die blutr\u00fcnstige Herrschaft des Assad-Regimes, die neben den transatlantischen Sanktionen, der NATO, israelischen Angriffen und der Schw\u00e4che Russlands und Irans intern die sowieso schwache Legitimit\u00e4t des Assad-Regimes noch weiter untergrub und somit den Boden f\u00fcr die populare Legitimit\u00e4t <i>jeglicher</i> Opposition gegen Assad bereitete \u2013 darunter auch die Opposition jihadistischer Art. Das sollte man sp\u00e4testens jetzt begreifen.</p><p>Wenn sich die revolution\u00e4re Linke nicht aus dieser \u201erechten Volksfrontpolitik\u201c l\u00f6st \u2013 einer Strategie, in die sie sich entweder aus einer spezifischen marxistischen \u00dcberzeugung heraus oder wegen eines verk\u00fcrzten Verst\u00e4ndnis von Anti- oder Postkolonialismus hineinman\u00f6vriert hat \u2013 wird sie weiterhin, gegen ihren eigenen Willen, aktiv daran mitwirken, sich den reaktion\u00e4ren Kr\u00e4ften unterzuordnen, die derzeit den Widerstand und Kampf gegen den transatlantischen Imperialismus und seinen Verb\u00fcndeten anf\u00fchren, und diese hegemonial st\u00fctzen.</p><h3><b>Die schwierige Realdialektik linker Positionierungen</b></h3><p>Wohlgemerkt ist es nicht unbedingt verkehrt, <i>auch</i> \u201erechte Volksfrontpolitik\u201c zu betreiben: Auf Demos und in K\u00e4mpfen f\u00fcr Pal\u00e4stina engagieren sich viele Menschen, die im ersten Schritt unmittelbar vom oft fraglos dominierenden transatlantischen/zionistischen Terror mobilisiert werden. Die Massenmobilisierungen bilden, neben den Organisationen und sonstigen politischen Praktiken, die zentrale S\u00e4ulen linker Politik: Man muss sie f\u00f6rdern und st\u00fctzen, anstatt sie durch strategische Grundsatzdebatten im Keim zu ersticken. Gleichzeitig ist es eine Realit\u00e4t, dass sich Gaza oder der Libanon gar nicht gegen die zionistische \u00dcbermacht verteidigen lassen, wenn nicht alle oder viele bewaffnete Kr\u00e4fte gemeinsam zusammenarbeiten. Die milit\u00e4rische Balance gegen Israel und die NATO wird gerade von reaktion\u00e4ren und/oder b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften getragen \u2013 ein Umstand, der sich nicht von heute auf morgen \u00e4ndern l\u00e4sst. Dabei kommen einige Akteure des Widerstands f\u00fcr linke Perspektiven und B\u00fcndnisse st\u00e4rker in Frage als andere. Die libanesische Hizbullah beispielsweise, die keinen repressive Staat oder eine autorit\u00e4re Regierung stellt und sich der Multikonfessionalit\u00e4t des Libanons mehr oder minder anpasst, weist in dieser Hinsicht also ein demokratisches Moment auf. Dar\u00fcber hinaus lassen sich Anh\u00e4nger*innen der einen oder anderen nicht-revolution\u00e4ren/nicht-linken Organisation f\u00fcr revolution\u00e4re, linke Perspektiven gewinnen, wenn Linke in der Lage sind, \u00fcberzeugende Alternativen zu entwerfen und umzusetzen. Es ist daher nicht zielf\u00fchrend, stets <i>die</i> richtige Generallinie zum Motto oder zur Bedingung der Mobilisierung und des Handelns machen.</p><p>Eine solche Haltung w\u00e4re wieder eine andere Form der falschen Moralisierung von Politik wie sie meines Ermessens in <a href=\"https://tempestmag.org/2024/12/understanding-the-rebellion-in-syria/\">trotzkistischen</a> und <a href=\"https://leftrenewal.net/\">autonomen</a> Perspektiven \u00f6fter durchscheint. Das klingt dann zwar oft sch\u00f6ner und revolution\u00e4rer, tendiert aber zu einer ultralinken Abgehobenheit und Isolation von sozialen Realit\u00e4ten \u2013 und daher letzlich zu politischer Bedeutungslosigkeit. Effektive revolution\u00e4re Politik besteht eben genau darin, die st\u00e4ndig kritisch reflektierte Autonomie revolution\u00e4rer Organisationen, Praktiken, Strategien und Ziele mit der oft schmutzigen oder mehrdeutigen Realit\u00e4t von (popularen) Mobilisierungen und schwierigen hegemonialen Konstellationen zusammen zu bringen und zu vermitteln.</p><p><i>Im Kern</i> aber sollte revolution\u00e4ren Linken klar sein, warum und wo genau sie sich aus welchen Gr\u00fcnden zurecht von reaktion\u00e4ren und/oder b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften unterscheiden, die derzeit die K\u00e4mpfe gegen den transatlantischen Imperialismus und seiner Verb\u00fcndeten in Nahost anf\u00fchren. Nur so l\u00e4sst sich wo n\u00f6tig \u201erechte Volksfrontpolitik\u201c so gestalten, dass sie potenziell linken Perspektiven mehr n\u00fctzt statt rechten Kr\u00e4fte in die H\u00e4nde zu spielen. Diese Differenzierung sollte explizit ausgearbeitet und \u00f6ffentlich gemacht werden, anstatt beispielsweise \u2013 wie etwa die Marxistin Jodi Dean <a href=\"https://www.bostonreview.net/articles/leadership-and-liberation-an-exchange/\">argumentiert</a> \u2013 prim\u00e4r eine Unterordnung der Linken unter die F\u00fchrung der Hamas zu bef\u00fcrworten, nur weil diese nun einmal gerade den pal\u00e4stinensischen Befreiungskampf anf\u00fchrt und sich auch die marxistische PFLP an die Hamas rangeh\u00e4ngt hat.</p><p>Nach dieser Logik ist es n\u00e4mlich nie die richtige Zeit, Kritik und Ablehnung an K\u00e4mpfen und ihren F\u00fchrungen zu \u00fcben und Alternativen dagegen zu setzen \u2013 schlie\u00dflich herrscht auf der Welt mittlerweile immer eine \u201eZeit schwerer Not\u201c. Es wird dann niemals eine revolution\u00e4re linke Alternative herausgebildet werden, denn nur was zu Bewusstsein und Organisation kommt, hat auch Realit\u00e4t. Stattdessen dominieren dann die b\u00fcrgerlichen und/oder reaktion\u00e4ren Kr\u00e4fte, die ihre eigenen Praktiken, Strategien und Ziele offen artikulieren. Die vom Iran dominierte \u201eAchse des Widerstands\u201c befindet sich gerade in einer Krise, da sie bei der Erreichung ihrer selbst gesteckten Ziele schwere Niederlagen hinnehmen musste. Diese Krise k\u00f6nnte auch eine Chance sein, bestehende populare Identifikationen mit der \u201eAchse des Widerstands\u201c partiell zu brechen und durch linke Alternativen zu ersetzen.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Er verbrachte aber seine fr\u00fche Kindheit in Libyen und kehrte erst mit zehn Jahren nach Syrien zur\u00fcck. Dort war er politisch aktiv und fl\u00fcchtete mit seiner Familie in die T\u00fcrkei, um sp\u00e4ter \u00fcber die Balkanroute im M\u00e4rz 2016 Deutschland zu <a href=\"https://www.kurdistan-report.de/index.php/archiv/2021/91-kr-218-november-dezember/1191-amed-ahmad-das-war-mord\">erreichen</a>. Haft- und Foltererfahrungen in Syrien f\u00fchrten bei ihm zu psychischen Problemen und zu post-traumatischen Belastungsst\u00f6rungen, die auch seinem Umfeld bekannt waren. Ende 2016 wird er aber nach Ungarn abgeschoben und auch dort w\u00e4hrend der Haft misshandelt. Anfang 2017 wird die Abschiebung revidiert und er kann nochmals im Kreis Kleve Asyl <a href=\"https://www.kurdistan-report.de/index.php/archiv/2021/91-kr-218-november-dezember/1191-amed-ahmad-das-war-mord\">beantragen</a>. Aufgrund fehlender Ausweisdokumente, die in Ungarn abhandenkamen, erh\u00e4lt er in Deutschland auch keine Asylbewerberleistungen oder finanzielle Hilfen. Er muss sich allein durchschlagen und lebt teilweise in Obdachlosigkeit.</p><p>Bei einem Badeseeaufenthalt im nordrhein-westf\u00e4lischen Geldern am 06.07.2018 n\u00e4herte er sich einer Gruppe junger Frauen. Er legte sich nach einem Gespr\u00e4ch in ihre N\u00e4he und soll laut den Zeug:innen anz\u00fcgliche Bemerkungen gemacht haben. Der junge Mann wirkte jedoch laut einem <a href=\"https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD17-16940.pdf\">sp\u00e4teren PUA-Bericht</a> (Parlamentarischer Untersuchungsausschuss, im Folgenden wird daraus mit PUA Kleve zitiert; Anm. Red) relativ hilflos auf die Gruppe und aufgrund seiner schm\u00e4chtigen Figur nicht bedrohlich. Den jungen Frauen fielen auch die k\u00f6rperlichen Wunden und Narben an Ameds K\u00f6rper auf; Resultate seiner Hafterfahrungen in Syrien. Nach einiger Zeit wollten sie, dass er geht und warnten ihn, dass sie ansonsten die Polizei rufen werden. Amed entfernte sich auch. Dennoch rief eine Frau aus der Gruppe ihren Vater an, einen Polizisten, der wiederum seine im Dienst befindlichen Kollegen verst\u00e4ndigte, die mit zwei Streifenwagen zum See fuhren. Sie nahmen Amed mit auf die Polizeiwache, da er sich nicht ausweisen konnte. Doch dabei blieb es nicht: Er kam nicht nur aufs Revier, sondern von dort aus direkt in die JVA Kleve, da die Polizisten einen mutma\u00dflichen Straft\u00e4ter in ihm zu erkennen glaubten. Das ihm unterstellte Sexualdelikt stellte sich bereits vier Tage danach, am 10.07.2018, als <a href=\"https://taz.de/Tod-von-Amad-Ahmad-in-der-JVA-Kleve/!5690973/#:~:text=Andreas%20Wyputta&amp;text=Am%2017.,die%20Eingeschlossenen%20gegen%20ihre%20Zellent%C3%BCren.\">erfunden</a> heraus. F\u00fcr den bereits Inhaftierten blieb dies jedoch <a href=\"https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/kleve-verwechslungsopfer-haette-gefaengnis-fuer-285-euro-verlassen-koennen-a-1236434.html\">ohne positive Folgen</a>.</p><h2><b>Wegsperren und Vergessenmachen</b></h2><p>Amed wurde angeblich auch aufgrund eines fehlerhaften Abgleichs und einer Namens\u00e4hnlichkeit mit einem mittels Haftbefehl gesuchten malischen Gefl\u00fcchteten, Amedy G., in die Justizvollzugsanstalt (JVA) Kleve transportiert. Die vorhandenen Bilder in der Landesdatenbank ViVa und auf INPOL wurden nicht abgeglichen, aber seine Daten mit denen Amedy G.\u2018s zusammengef\u00fchrt. In der ViVa Datenbank war er nunmehr als Amedy G. abgespeichert, der wegen kleinerer Delikte polizeilich gesucht wurde. Ein Blick in die Akte und die dort gespeicherten Bilder h\u00e4tten gezeigt, dass zwischen beiden Personen keinerlei \u00c4hnlichkeit bestand. Aber die kurze M\u00fche machte sich im Polizeirevier oder in der JVA Kleve niemand.</p><p>Amed verblieb zwei Monate in der JVA, obwohl schon nach drei Wochen jede:r von der Anstaltspsychologin bis zur Polizei Kleve wusste, dass es sich bei Amed nicht um Amedy G. handelte.</p><p>Ginge man davon aus, dass die Sicherheitsbeh\u00f6rden tats\u00e4chlich dachten, Amedy G. vor sich haben, dann h\u00e4tte Amed <a href=\"https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/kleve-verwechslungsopfer-haette-gefaengnis-fuer-285-euro-verlassen-koennen-a-1236434.html\">nach Zahlung von 285,- Euro</a> die JVA jederzeit verlassen k\u00f6nnen, wobei es<a href=\"https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama3/Kleve-Fehlerkette-bei-Tod-eines-Haeftlings,kleve108.html#:~:text=Das%20Opfer%20ist%20ein%2026,des%20nordrhein%2Dwestf%C3%A4lischen%20Landtages%20kl%C3%A4ren.\"> unklar blieb</a>, ob er darauf hingewiesen wurde. Gegen Amedy G. liefen zwei Verfahren wegen Diebstahlsdelikten in Hamburg f\u00fcr die er zu einer Geldstrafe von 285,- Euro verurteilt wurde, die als Ersatzfreiheitsstrafe zu vollstrecken war. Insgesamt 20 Beamt:innen waren mitunter mit dem Fall befasst, doch keine:r gab sich die M\u00fche, Fotos abzugleichen, auf Ungereimtheiten oder auf den Fehler beim Namensabgleich hinzuweisen.</p><p>Nach zwei Monaten verbrannte Amed in seiner Zelle.</p><p>Der Bericht des Untersuchungsausschusses best\u00e4tigt, dass Amed am Tag des Brandes am 17.09.2018 dreimal unproblematisch die Rufanlage in seinem Haftraum bet\u00e4tigt hatte, um zu duschen und am Abend zu essen. Zuletzt wollte er wohl noch Feuer f\u00fcr eine Zigarette. Gegen 19:00 Uhr soll er laut Abschlussbericht seine Laken, die Matratze und Toilettenpapier angez\u00fcndet haben. Um 19:19 Uhr soll die Notrufanlage (Lichtruf) mehrfach bet\u00e4tigt worden sein, worauf sich aber nach Aussagen der JVA niemand aus der Zelle gemeldet haben soll. Nachdem Amed das Fenster seiner Zelle \u00f6ffnete und der Rauch nach drau\u00dfen str\u00f6mte, meldeten sich die anderen Gefangenen und es entstand ein Tumult. Die Beamten begannen ihre Suche nach dem Brandherd allerdings zun\u00e4chst in den oberen Etagen, so dass sie erst 15 Minuten sp\u00e4ter in seiner Zelle ankamen. Die Brandmeldeanlage der JVA Kleve war zudem nicht mit der Leitstelle der Berufsfeuerwehr verbunden. Amed erlitt in seiner Zelle erhebliche Brandverletzungen und eine Rauchgasvergiftung. Rund 40 Prozent seiner Haut waren verbrannt und seine Organe innerlich kollabiert. Er verstarb an seinen inneren und \u00e4u\u00dferlichen Verletzungen knapp zwei Wochen sp\u00e4ter im Krankenhaus. Dass Amed die Sprechanlage aus seiner Zelle, w\u00e4hrend der Zeit des Brandes bet\u00e4tigt hatte, konnte erst \u00fcber die Protokolldaten des privaten Anbieters bewiesen werden. Der Justizminister und die Landesregierung NRW hatten zun\u00e4chst bestritten, dass in der JVA-Zentrale ein Hilferuf eingegangen war und dies erst dann zugestanden, als die Daten offenkundig vorlagen (PUA Kleve 2022: 1177 f.). Der Beamte in der Zentrale hatte den Anruf angenommen und behauptete, auf die mehrfache Nachfrage, was denn los sei, habe niemand geantwortet.</p><p>W\u00e4hrend dieser Aspekt im Hauptbericht des PUA Kleve vernachl\u00e4ssigt wird, geht dieser aber sehr dezidiert auf einen <a href=\"https://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/kleve-jva-100.html\">Bericht des WDR-Magazins <i>Monitor</i></a> aus dem Jahr 2019 ein, um die dortigen Bedenken \u00fcber die Ereignisse an dem Tod von Amed Ahmad als effekthascherischen und unseri\u00f6sen Journalismus darzustellen. Der Bericht st\u00fctze sich auf aus dem Zusammenhang gerissene Halbs\u00e4tze der Expert:innen, so der Befund des Ausschusses (ebd., 719 ff.).</p><h2><b>Blaming the victim</b></h2><p>Zusammenfassend kommt der Bericht des Untersuchungsausschusses zu dem Ergebnis, es habe sich um vors\u00e4tzliche Brandlegung durch Amed in seiner eigenen Zelle gehandelt, wobei die Gr\u00fcnde der Inhaftierung in den Hintergrund r\u00fccken und als tragische Verwechslung bezeichnet werden. Im Gesamtergebnis steht zudem, dass Amed sich trotz ausreichender Deutschkenntnisse nicht an die Anstaltsleitung gewendet habe, um den Fall aufzukl\u00e4ren, seinen Pflichtverteidiger h\u00e4tte er nicht besucht und seine eigenen Rechtsanwaltskontakte nicht hinzugezogen (ebd., 1111 ff.).Damit wird die Schuld auf den unschuldig in der JVA sitzenden Amed Ahmad geschoben. Und es ist obendrein eine L\u00fcge. Zeug:innen aus der JVA gaben im Gegenzug dazu an, dass Amed sich auf seine Entlassung freute und zuvor keine suizidalen \u00c4u\u00dferungen gemacht habe. Der Haftanstaltsleiter der JVA Kleve hatte erst am 19.09.2018, also zwei Tage nach dem Brand, um eine Haftunterbrechung f\u00fcr den Verletzten bei der Staatsanwaltschaft Hamburg gebeten, die am 28.09.2018 dessen unverz\u00fcgliche Entlassung aus der Strafhaft angeordnet hatte. Nur einen Tag sp\u00e4ter, am 29.09.2018, verstarb Amed im Krankenhaus (ebd., 762). Die rechtswidrige Inhaftierung in der JVA sei, so verbleibt dennoch der Befund des PUA, nur ein technisches und individuelles Versagen gewesen. Also alles nur eine Verkettung ungl\u00fccklicher Umst\u00e4nde?</p><p>Per Sondervotum kritisieren SPD und B\u00fcndnis 90/Gr\u00fcnen im Abschlussbericht, dass der Ausschussvorsitzende (CDU) nicht gen\u00fcgend Zeit f\u00fcr die Durcharbeitung der 1.400 Seiten gelassen und der Bericht sensible Daten \u00fcber Amed Ahmad offenbart habe. Zudem schreibe der Bericht die Schuld an den Ereignissen auch dem Verhalten des Toten zu, w\u00e4hrend zeitgleich f\u00fcnf verschiedene Beh\u00f6rden im Verantwortungsbereich von NRW-Innenminister Herbert Reul an den Ereignissen ma\u00dfgeblich beteiligt waren. Auch nachdem die Fahndungsdatens\u00e4tze von Amed Ahmad und Amedy G. am 23.08.2018 getrennt wurden, hinterfragte niemand die darin vermerkte Haft von Amed (ebd., 1141 ff.). Weder wurde die Unschuldsvermutung zugunsten des Inhaftierten ausgelegt, noch interessierte sich jemand in den Beh\u00f6rden f\u00fcr dessen Freiheitsrechte.</p><p>Bereits eine Nachnamen-Suche des Amedy G. im ViVA-Datensatz h\u00e4tte ein Lichtbild gezeigt, auf dem ein anderer Mann zu sehen war. Auch die Haftbefehle liefen nicht auf den Nachnamen Ahmad, sondern auf den von Amedy G. In der Datenbank tauchte Amed Ahmad aufgrund der Zusammenlegung dreimal auf: Er wurde in rassifizierende Kategorien, einmal als \u201ehellh\u00e4utig\u201c und, wegen der Zusammenlegung mit Amedy G., zweimal als \u201eschwarzh\u00e4utig\u201c sortiert. Um das dazugeh\u00f6rige Bild aufzurufen w\u00e4ren nur zwei bis drei Mausklicks erforderlich gewesen (ebd., 1158 f.). Auf der Polizeiwache Geldern wurde Amed anscheinend noch nicht mal \u00fcber seine Rechte und die Gr\u00fcnde seiner Haft belehrt, da das Dokument von den Polizist:innen nicht unterschrieben wurde. Die beteiligten Beamt:innen zeigten damit nicht einmal das Mindestma\u00df an zuverl\u00e4ssiger Diensterf\u00fcllung.</p><p>Es kommt aber noch schlimmer: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig, bei der ein Verfahren gegen Amedy G. lief, wies die Kreispolizeibeh\u00f6rde Kleve am 27.07.2018 \u2013 also mehr als eineinhalb Monate vor seinem Tod - darauf hin, dass Amed nicht der im Haftbefehl gesuchte T\u00e4ter sei. Der verantwortliche Kriminalhauptkommissar reagierte nicht auf diese Warnung, obwohl er direkt nach der Warnung eine INPOL Abfrage startete, wo die Lichtbilder zu sehen waren (ebd., 1161 ff.). Auf die augenscheinlichen Widerspr\u00fcche reagierte dieser nicht. In der JVA Geldern wurde der Namensunterschied auf dem Haftbefehl und der Festnahmeanzeige angemerkt, aber ignoriert. Die Ermittlungen gegen sechs Polizist:inen wegen Freiheitsberaubung wurden Ende 2020 eingestellt.</p><h2><b>Defacto Freiheitsstrafe ohne Urteil</b></h2><p>Einem Mitgefangenen gegen\u00fcber \u00e4u\u00dferte Amed, dass er nicht wisse, warum er inhaftiert sei; er denke, es sei wegen einem Handyvertrag, den er nicht bezahlt habe oder wegen einem Fahren ohne Bahnticket. Tats\u00e4chlich aber wurden ihm (bzw. Amedy G.) f\u00fcr das Jahr 2015 mehrere Delikte in Hamburg vorgeworfen \u2013 einer Stadt, in der er kein einziges Mal in seinem Leben war. 2015 war Amed noch nicht einmal in Deutschland (ebd., 1173). Auch vor der Anstaltspsychologin hatte Amed am 03.09.2018 erkl\u00e4rt, er wisse nicht, warum er im Gef\u00e4ngnis sei, die Urteile habe er nie gesehen, Amedy G. kenne er nicht, sein Geburtsdatum auf den Dokumenten sei falsch und er w\u00e4re erst im M\u00e4rz 2016 nach Deutschland eingereist. Amed wies damit klar darauf hin, dass er unschuldig inhaftiert wurde. Doch eine Kl\u00e4rung wurde auch von der Psychologin nicht herbeigef\u00fchrt; sie glaubte ihm nicht und meinte, er h\u00e4tte sich nicht vehement genug gegen seine Inhaftierung zur Wehr gesetzt. Eine Suizidalit\u00e4t, best\u00e4tigt die <a href=\"https://www.kurdistan-report.de/index.php/archiv/2021/91-kr-218-november-dezember/1191-amed-ahmad-das-war-mord\">Initiative Amed Ahmad 2021</a> in einem Bericht, konnte sie nicht erkennen. Amed wurde sogar in der JVA Angst davor gemacht, dass er nach Ende der Haft nach Syrien abgeschoben werde, wo er, wie gesagt, bereits gefoltert wurde (PUA Kleve 2022: 1175 f.). Der Pflichtverteidiger, von dem der Untersuchungsausschuss spricht, hatte laut dem Minderheitsvotum nie Kontakt zu ihm aufgenommen, legte aber ohne dessen Kenntnis und Einwilligung Erkl\u00e4rungen in seinem Namen ab (ebd., 1172).</p><p>Das Sondervotum der Minderheitsfraktionen geht ebenfalls von einer eigenen Brandlegung durch Amed aus, kritisiert aber das Brandgutachten vom 26.10.2018. Der Brand- und Explosionsursachengutachter und Chemieingenieur habe in sein Gutachten auch psychologische und medizinische Fragestellungen aufgenommen und gemutma\u00dft, dass die Brandlegung vors\u00e4tzlich und vermutlich in suizidaler Absicht erfolgt sei (ebd., 1185 f.). Dies habe er so in das Gutachten geschrieben, weil in den Akten die Rede davon war, dass Amed depressiv gewesen sei, wobei er komplett au\u00dferhalb seines Kompetenzbereiches Schl\u00fcsse gezogen habe. Mediziner:innen hingegen konnten eine suizidale Absicht nicht best\u00e4tigen; mehrere Gr\u00fcnde seien denkbar gewesen, wie \u201eAufmerksamkeitserregung, Spieltrieb oder ein Versehen\u201c. Trotz dieser Erkenntnisse nahm das Justizministerium die Sichtweise des Brandgutachters an und wiederholte sie im November 2018 vor dem Rechtsausschuss des Landtags NRW.</p><h2><b>Todesgrund: Staatlicher Rassismus</b></h2><p>Ameds Vater, Zaher Ahmad, wurde weder \u00fcber die Inhaftierung noch \u00fcber die Tatsache, dass sein Sohn fast zwei Wochen im Krankenhaus lag und dort verstarb, informiert. Er musste sich selbst am 04.10.2018 bei der Polizei erkundigen, ob der Tote, von dem im Internet Bilder kursierten, sein Sohn sei (ebd., 1191).</p><p>Vor allem Kriege haben in den letzten Jahren zur millionenfachen Vertreibung und Auswanderung von Menschen gef\u00fchrt. Ihre Schicksale interessieren die Dominanzgesellschaft, wie Ameds Foltererfahrungen oder Traumatisierungen, nur rudiment\u00e4r. Der Bedarf des deutschen Arbeitsmarktes nach neuen Arbeitskr\u00e4ften machte Gefl\u00fcchtete zu wichtigen Arbeitskr\u00e4ften im Niedriglohnsektor, nach denen in Deutschland bereits vor 2015 eine gro\u00dfe Nachfrage bestand. Heute werden schlecht bezahlte T\u00e4tigkeiten in der Gastronomie, dem Reinigungsgewerbe, dem Bausektor, der Paketdienste und allgemein in der Zeit- und Leiharbeit haupts\u00e4chlich von Gefl\u00fcchteten und anderen Einwanderer:innen getragen, \u00fcber deren Existenzkampf heute eher wenig zu h\u00f6ren ist. Die als nicht-n\u00fctzlich eingestuften hingegen, die die es nicht schaffen, oder die, wie Amed, das Land der Hoffnung nur traumatisiert erreichen, sollen so schnell wie m\u00f6glich wieder abgeschoben werden.</p><p>Genaue Beobachter:innen <a href=\"https://www.lotta-magazin.de/ausgabe/77/der-fall-amad-a/\">des Falles</a> schlie\u00dfen aus dem Verhalten der Sicherheitsbeh\u00f6rden und Ameds kafkaesker Inhaftierung eine <a href=\"https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama3/Kleve-Fehlerkette-bei-Tod-eines-Haeftlings,kleve108.html#:~:text=Das%20Opfer%20ist%20ein%2026,des%20nordrhein%2Dwestf%C3%A4lischen%20Landtages%20kl%C3%A4ren.\">Nachwirkung der sogenannten K\u00f6lner Silvesternacht</a> 2015/16. In deren Folge war es durch die rechtspopulistische Stimmungsmache zu einer generellen Kriminalisierung und sch\u00e4rferen Repression gegen\u00fcber Refugees gekommen. Migrant:innen und vor allem Gefl\u00fcchtete wurden im Nachgang der Ereignisse anhand der polizeilichen Benennungen (<a href=\"https://revoltmag.org/articles/doch-keine-terrornacht-der-nafris/\">Stichwort \u201eNafri\u201c),</a> mit anti-muslimischer Zuordnung, monatelang in den Medien und der Politik aber auch in der Gesellschaft skandalisiert. Neben dem chronischen gesellschaftlichen Nicht-Wahrnehmen von Rassismus wurden wir Zeug:innen eines beinahe kollektiv-akzeptierten rassifizierten Sehens und eines flankierenden Schreibens in den Medien. Die anf\u00e4ngliche Begeisterung (\u201eWillkommenskultur\u201c) war verschwunden und es konnte beobachtet werden, wie \u00e4ltere rassistische Formationen, die auch im Sarrazindiskurs dominant waren, ihr h\u00e4ssliches, b\u00fcrgerliches Gesicht in aller \u00d6ffentlichkeit zeigten.</p><p>Die hegemonial inszenierte Moralpanik zur K\u00f6lner Silvesternacht 2015/16 und die polarisierende, rassifizierende mediale Darstellung machte aus Gefl\u00fcchteten ziemlich bald \u201eFeinde der Gesellschaft\u201c, derer sich die Polizei wie auch andere Staatsapparate auf ihre Weise annahmen. Ameds Fall f\u00fchrt diesen Prozess vor Augen. Wie Vanessa E. Thompson (2022) <a href=\"https://www.akweb.de/bewegung/black-lives-matter-abolitionismus-schwarze-bewegung-protest-marxismus-george-floyd/\">schreibt</a>, sind T\u00f6tungen an armen Schwarzen, migrantischen und asylsuchenden Menschen im Staatsgewahrsam nichts Neues, so wie es u.a. die Ermordung und Verbrennung Oury Jallohs im Polizeigewahrsam in Dessau 2005 offenbarte. Es g\u00e4be immer schon Rassismus, der nur diskriminiert, und einen Rassismus, der t\u00f6tet. Teile der Gesellschaft m\u00fcssten sich st\u00e4ndig dagegen wehren, nicht get\u00f6tet, sozial isoliert, deportiert und polizeilich inhaftiert zu werden.</p><p>Institutioneller Rassismus dr\u00fcckt sich nicht nur in direkter Gewaltanwendung durch staatliches Personal aus und ist nicht abh\u00e4ngig von einer rassistischen Gesinnung der Beamt:innen. Hier zieht sich die Kette von der Polizei bis zur JVA, von der Psychologin bis zur Anstaltsleitung, und damit zum Innenministerium. Zumeist wirkt der staatliche Rassismus auf subtiler Ebene, nimmt Umwege \u00fcber neutrale Formulierung und Gesetzestexte, wie auch Verwaltungsvorschriften. Bei der Anzeigeaufnahme, vor Gerichten und Beh\u00f6rden wird den Stimmen der Betroffenen, Asylsuchenden und als kriminell Gebrandmarkten kein Geh\u00f6r geschenkt, sie werden nicht ernst genommen oder es wird ihnen ein Eigenanteil an den Verletzungen, die sie erlitten haben, zugeschrieben. Es interessierte die Beamt:innen im Gef\u00e4ngnis nicht einmal, ob die Person zu Unrecht im Gef\u00e4ngnis sa\u00df, da dieser Gefl\u00fcchteter war. Und hinter verbrannte. Der besagte Kriminalhauptkommissar (KHK) ignorierte sogar den Hinweis zur Haftentlassung Ameds durch die Staatsanwaltschaft Braunschweig. H\u00e4tte er dies bei einem Bio-Deutschen auch so getan?</p><p>Ignoranz ist ein zu schwacher Begriff, um die Umst\u00e4nde am Haftverbleib zu erkl\u00e4ren. Man muss sich beispielhaft vorstellen, wie eine Beh\u00f6rde reagiert h\u00e4tte, wenn es sich um eine Person mit deutschem Namen gehandelt h\u00e4tte und nicht um einen Asylsuchenden aus dem Nahen Osten mit geringer bis keiner Beschwerdemacht. Die Eltern, selbst Gefl\u00fcchtete ohne Deutschkenntnisse, wurden von den Beh\u00f6rden nicht einmal informiert. Die gesellschaftliche Dimension nach der Tat ist ebenso erschreckend. Eine Person verstirbt in Haft und es kommt heraus, dass sie unschuldig in Haft war, dass dessen Hilferuf aus der Zelle \u00fcber die Kommunikationsanlage so lange verheimlicht wurde, bis der private Anbieter die Daten offenbarte, w\u00e4hrend Justizvollzugsangestellte \u00fcber mehrere Monate mindestens geschwiegen und ein KHK eine staatsanwaltschaftliche Weisung ignoriert hatte. Die Initiative Amed Ahmad fasst dies wie folgt zusammen:</p><p></p><hr/><h4><i>\u201eWir klagen ein System der Entmenschlichung und der Abwehr von Verantwortung an, wir klagen diese gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse an, die so einen Tod m\u00f6glich machen und bei einem Gro\u00dfteil der Menschen nur Gleichg\u00fcltigkeit erzeugen.\u201c (Initiative Amed Ahmad 2021)</i></h4><hr/><p></p><p>Die Sicherheitsbeh\u00f6rden scheinen in Ameds Fall nicht nur ihrem repressiven Auftrag gefolgt und diesen auch Jahre nach der Silvesternacht mit undemokratischer, nicht-rechtstaatlicher Willk\u00fcr umgesetzt zu haben. Sie folgten anscheinend auch einem \u201eh\u00f6heren\u201c \u00f6ffentlichen Auftrag, die Gesellschaft vor Gefl\u00fcchteten aus dem Nahen Osten, einer Gruppe von Menschen der unteren Klasse, zu besch\u00fctzen.</p><p>Der Tod Amed Ahmads ist daher keine \u201eBlamage des Rechtsstaats\u201c oder eine \u201ebeh\u00f6rdliche Panne\u201c, sondern das Ergebnis des inh\u00e4renten institutionellen Rassismus in den Sicherheitsbeh\u00f6rden und des herrschenden Zweiklassenstrafrechts. Es liefert einen analytischen Blick in die Staatsapparate und zeigt die Gleichg\u00fcltigkeit erzeugende Macht rechtpopulistischer Diskurse in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft auf.</p><p></p><h2>Aktuelle Informationen</h2><p>Nach drei Jahren hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen jetzt eingestellt. Die Initiative Amed Ahmad plant eine Dienstaufsichtsbeschwerde beim Justizministerium in NRW und will ein juristisches Fachgutachten zum gesamten Komplex einholen. Am <b>13.10.2023 um 17:00 Uhr</b> findet vor dem Landtag Nordrhein-Westfalen in D\u00fcsseldorf eine Kundgebung zum Tod von Amed Ahmad statt.</p><p>Zudem wurde im Bundespetitionsausschuss in Berlin eine Petition auf Familienzusammenf\u00fchrung f\u00fcr Rafarin Ahmad, die Schwester von Amed, gestartet, die vom Erdbeben in der T\u00fcrkei betroffen war sowie f\u00fcr Sipan Ahmad, den Bruder von Amed, der im irakischen Kurdistan in einem UNHCR Camp lebt. Mehr Informationen sind auf der <a href=\"https://initiativeamad.blackblogs.org/\">Webseite</a> der Initiative Amed Ahmad zu finden.</p><p></p><h2><b>Im Artikel genutzte Quellen</b></h2><p>Alp Kayserilio\u011flu (2017): <a href=\"https://revoltmag.org/articles/doch-keine-terrornacht-der-nafris/\">Doch keine \u201aTerrornacht der Nafris\u2018. Ein antirassistischer Nachschlag</a>. In: <i>re:volt magazine</i> vom 24.09.2017.</p><p>Andreas Wyputta (2020): <a href=\"https://taz.de/Tod-von-Amad-Ahmad-in-der-JVA-Kleve/!5690973/#:~:text=Andreas%20Wyputta&amp;text=Am%2017.,die%20Eingeschlossenen%20gegen%20ihre%20Zellent%C3%BCren.\">Tod von Amad Ahmad in der JVA Kleve. Beh\u00f6rdenversagen mit Todesfolge</a>, in: <i>Taz Online</i> vom 21.06.2020.</p><p>B\u00fcndnis Tag der Solidarit\u00e4t \u2013 Kein Schlussstrich Dortmund (2020): <i>Trauer, Wut und Widerstand. Antirassistische Initiativen und Gedenkpolitik.</i> <a href=\"https://nrw.rosalux.de/fileadmin/ls_nrw/dokumente/Publikationen/2020/Brosch%C3%BCre_Trauer_Wut_und_Widerstand.pdf\">[Online-Dokumentation]</a></p><p>Initiative Amed Ahmad (2021): <a href=\"https://www.kurdistan-report.de/index.php/archiv/2021/91-kr-218-november-dezember/1191-amed-ahmad-das-war-mord\">F\u00fcr das Leben und die W\u00fcrde, gegen den gesellschaftlichen und institutionellen Rassismus. Amed Ahmad, das war Mord!</a> In: <i>Kurdistan Report 2021</i>.</p><p>Fanny Schneider/Maria Breczinski (NSU-Watch NRW): <a href=\"https://www.lotta-magazin.de/ausgabe/77/der-fall-amad-a/\">Der \u201eFall Amad A.\u201c - Einblicke in die Arbeit des \u201eUntersuchungsausschusses Kleve\u201c</a>. In: <i>Lotta-Magazin</i> vom 20.01.2020.</p><p>Fidelius Schmid (2018): <a href=\"https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/kleve-verwechslungsopfer-haette-gefaengnis-fuer-285-euro-verlassen-koennen-a-1236434.html\">Verwechslungsopfer h\u00e4tte Gef\u00e4ngnis f\u00fcr 285 Euro verlassen k\u00f6nnen</a>. In: <i>Spiegel-Online</i> vom 02.11.2018.</p><p>Parlamentarischer Untersuchungsausschuss NRW III (Kleve), <a href=\"https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD17-16940.pdf\">Drucksache 17/16940</a>, Schlussbericht vom 05.04.2022.</p><p>Stefan Buchen/Philipp Henning (2019): <a href=\"https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama3/Kleve-Fehlerkette-bei-Tod-eines-Haeftlings,kleve108.html#:~:text=Das%20Opfer%20ist%20ein%2026,des%20nordrhein%2Dwestf%C3%A4lischen%20Landtages%20kl%C3%A4ren.\">Kleve: Fehlerkette beim Tod eines H\u00e4ftlings</a>. In: <i>NDR</i> vom 19.01.2019.</p><p>Vanessa E. Thompson (2022): <a href=\"https://www.akweb.de/bewegung/black-lives-matter-abolitionismus-schwarze-bewegung-protest-marxismus-george-floyd/\">Von Black Lives Matter zu Abolitionismus</a>. In: <i>analyse &amp; kritik</i> (ak) vom 25.05.2022.</p><p>WDR Monitor (2019): <a href=\"https://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/kleve-jva-100.html\">Tod in der Zelle: Wurde der Syrer Amad A. Opfer von Polizeiwillk\u00fcr?</a> In: <i>WDR</i> vom 4.4.2019.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Im Mutterkonzern Charit\u00e9 arbeiten etwa 16.300 Besch\u00e4ftigte. Dazu kommen ca. 3.100 Besch\u00e4ftigte in ausgelagerten Tochterunternehmen, vor allem beim Charit\u00e9 Facility Management (CFM) mit rund 2.800 Kolleg*innen. Zum Vivantes-Konzern, der sich selbst als \u201egr\u00f6\u00dfter kommunaler Krankenhauskonzern Deutschlands\u201c r\u00fchmt, geh\u00f6ren neun Krankenh\u00e4user, 18 Pflegeheime, zwei Senior*innenenwohnh\u00e4user, eine ambulante Rehabilitation, medizinische Versorgungszentren, eine ambulante Krankenpflege, ein Hospiz sowie Tochtergesellschaften f\u00fcr Catering, Reinigung und W\u00e4sche. Vivantes selbst besch\u00e4ftigt insgesamt rund 17.900 Arbeiter*innen. In den zw\u00f6lf sogenannten \u201eTochtergesellschaften\u201c sind ca. 2.900 Menschen besch\u00e4ftigt, meist zu prek\u00e4ren Bedingungen, die wesentlich schlechter ausgestaltet sind als im Mutter-Konzern. Am Ende des Monats bedeutet das f\u00fcr die outgesourcten Kolleg*innen bis zu 25 Prozent weniger Lohn f\u00fcr die selben T\u00e4tigkeiten.</p><p>Die Charit\u00e9 ist, wie auch Vivantes, ein landeseigene Unternehmen Berlins, beide werden aber nicht nach den Prinzipien der \u00f6ffentlichen Daseinsvorsorge, sondern nach dem privatwirtschaftlichen Prinzip der Profitabilit\u00e4t gef\u00fchrt. Das hei\u00dft, dass der Erfolg des Managements sich nicht an der Bereitstellung belastbarer Gesundheits-Infrastruktur, guten Behandlungen und gesunden Arbeitsbedingungen misst, sondern an der H\u00f6he des Umsatzes und der erwirtschafteten Profite! Es verwundert dementsprechend nicht, dass nach Inanspruchnahme ber\u00fcchtigter Unternehmensberatungen viele Bereiche und damit tausende Besch\u00e4ftigte in Tochterunternehmen mit Billig-L\u00f6hnen und prek\u00e4ren Arbeitsbedingungen ausgelagert wurden. Dort gilt nirgends der f\u00fcr kommunale Arbeitgeber verbindliche Tarifvertrag f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Dienst (TV\u00f6D). Teilweise kam \u00fcberhaupt kein Tarifvertrag zur Geltung. Neben den finanziellen Einsparungen stellt dieses Vorgehen auch eine aggressive soziale Spaltung der Arbeiter*innenschaft dar, mit der Funktion, die Klassensolidarit\u00e4t erheblich zu schw\u00e4chen. Die Bonzen aus F\u00fchrungsetagen und Landespolitik hatten diese Rechnung allerdings ohne den Wirt gemacht!</p><h3>Der vereinte Kampf um bessere Arbeitsbedingungen und die Rolle der Gewerkschaftsf\u00fchrung</h3><p>Die Diktatur des Kapitals wird auch im Gesundheitssystem immer offensichtlicher, denn bei der Umsetzung ihrer Gesch\u00e4ftsziele gingen die Unternehmensf\u00fchrungen so ma\u00dflos vor, dass die Gesundheit der Besch\u00e4ftigten selbst regelrecht ruiniert wird. In einem System von \u201eimmer mehr Leistung und immer gr\u00f6\u00dferen Profiten bei immer weniger Besch\u00e4ftigten!\u201c haben Gesundheit und Erhaltung der Arbeitskraft der Arbeiter*innen selbst im \u00f6ffentlichen Gesundheitssystem kaum mehr Bedeutung.<br/>Seit 2011 setzten sich deshalb viele Besch\u00e4ftigte, in erster Linie gewerkschaftlich organisierte Kolleg*innen, unerm\u00fcdlich f\u00fcr bessere Arbeitsbedingen ein: Konkret f\u00fcr ein Ende des Outsourcing, die R\u00fcckf\u00fchrung der Tochtergesellschaften zum kommunalen Arbeitgeber und somit die Eingliederung in den TV\u00f6D. Auch bei den Stammbelegschaften von Vivantes und Charit\u00e9 wuchs das Bed\u00fcrfnis nach Vereinigung der Kr\u00e4fte mit den Kolleg*innen der Tochtergesellschaften, um bei Tarifverhandlungen bzw. Arbeitskampfma\u00dfnahmen gest\u00e4rkt aufzutreten und der Spaltung, die als Einsch\u00fcchterungs- und Disziplinierungsma\u00dfnahme eingesetzt wurde, vereint entgegenzuwirken.</p><p>\u201e<i>&#x27;Kapital&#x27;, sagt Quarterly Reviewer, &#x27;flieht Tumult und Streit und \u00e4ngstlicher Natur&#x27;. Das ist sehr wahr, aber doch nicht die ganze Wahrheit. Das Kapital hat einen Horror von Abwesenheit von Profit, oder sehr kleinen Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital k\u00fchn. Zehn Prozent sicher, und man kann es \u00fcberall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; f\u00fcr 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fu\u00df; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert; selbst auf Gefahr des Galgens.\u201c<br/> (P. J. Dunning, zitiert von Karl Marx, Das Kapital, Bd. I, S.801, Berlin 1960)</i></p><p>\u00dcber Jahre wurde diesem berechtigten Vorhaben der Besch\u00e4ftigten aus Mutter- und Tochterkonzernen seitens der Gewerkschaft ver.di allerdings nicht entsprochen. Die Planung und Durchf\u00fchrung von neuen Tarifverhandlungen sowie damit einhergehender Arbeitskampfma\u00dfnahmen fanden stets getrennt voneinander statt. So zuletzt auch im Arbeitskampf der CFM, in dem die Besch\u00e4ftigten ebenfalls den TV\u00f6D forderten. Mittels eines Schlichtungsverfahrens durch den SPD-Politiker Platzeck wurde der Streik aber von oben herab beendet, ohne den TV\u00f6D erreicht zu haben. Und das im Fr\u00fchjahr des selben Jahres in dem mit der Berliner Krankenhausbewegung im Herbst die Kolleg*innen aus Charit\u00e9 und Vivantes ihre Forderungen gemeinsam mit den Kolleg*innen der Tochterunternehmen artikulieren sollten.</p><h3>Die Illusion der Sozialpartnerschaft</h3><p>Es stellt sich also die Frage, warum ver.di die Chancen der Zusammenf\u00fchrung der Tarifverhandlungen und Arbeitskampfma\u00dfnahmen wiederholt nicht nutzte. Wie ist die Politik der ver.di-F\u00fchrung zu erkl\u00e4ren?<br/> Die Logik und die Politik der Gewerkschaftsf\u00fchrung sind durchdrungen von der Illusion, Arbeiter*innen und Chefs, Besch\u00e4ftigte und Manager*innen seien gleichberechtigte Gesch\u00e4ftspartner mit gemeinsamen Interessen. Gelegentlich w\u00fcrde diese Partnerschaft durch uneinsichtiges Vorgehen der Arbeitgeberseite gest\u00f6rt, sodass man manchmal um einen gr\u00f6\u00dferen Anteil am gemeinsam erwirtschafteten Ergebnis streiten m\u00fcsse. In dieser Logik wird die Realit\u00e4t der Klassenunterschiede ausgeblendet. Tats\u00e4chlich sind die Interessen der Unternehmensf\u00fchrungen in ihrem Streben nach Profit und die der Arbeiter*innen im System der Lohnarbeit diametral entgegengesetzt. Dennoch wird in der politischen Kultur der gro\u00dfen Gewerkschaften kontinuierlich die Sozialpartnerschaft in den K\u00f6pfen ihrer Mitglieder verankert, obwohl diese im krassen Widerspruch zur t\u00e4glichen Arbeitsrealit\u00e4t und den Erfahrungen im Betrieb steht.<br/></p><p>Daraus folgt auch eine angepasste und zahme Position der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie, wenn es um die Rolle von Tarifverhandlungen und Streiks geht. Statt im Streik das zentrale Kampfmittel zur Durchsetzung unserer Interessen als Besch\u00e4ftigte und als arbeitende Klasse gegen\u00fcber unseren Ausbeuter*innen zu erkennen, bevorzugt der ver.di-Apparat die Verhandlung auf vermeintlicher Augenh\u00f6he, setzt auf Kompromisse und Entgegenkommen der Arbeitgeberseite. Der Einsatz von Streiks ist f\u00fcr die herrschenden Gewerkschaftsf\u00fchrungen ausschlie\u00dflich in defensiver Haltung akzeptabel. Und wenn man dann z\u00e4hneknirschend zum Streik aufruft, ist die Zielsetzung nicht die unbedingte Durchsetzung aller berechtigten Forderungen der Besch\u00e4ftigten und die Erh\u00f6hung der Klassensolidarit\u00e4t - sondern, die gest\u00f6rte \u201epartnerschaftliche Beziehung\u201c wieder herzustellen.<br/><br/> Aus der Sicht der ver.di-F\u00fchrung w\u00fcrde ein konsequentes und k\u00e4mpferisches Vorgehen in Tarif- und Streikpolitik die seit langem bei Charit\u00e9 und Vivantes im Rahmen des TV\u00f6D praktizierte und vermeintlich harmonisch-sozialpartnerschaftliche Beziehung mit dem dem \u00f6ffentlichen Arbeitgeber gef\u00e4hrden. Jede*r Gewerkschaftsb\u00fcrokrat*in wei\u00df genau, dass kollektive Arbeitskampfma\u00dfnahmen auf betrieblicher und gewerkschaftlicher Ebene eine St\u00e4rkung des Klassenbewusstseins unter den Kolleg*innen mit sich bringen. Aus Sicht der B\u00fcrokratie droht dabei die Gefahr einer klassenk\u00e4mpferischen Eigendynamik unter den Besch\u00e4ftigten, die sich ihrer Kontrolle entzieht. Dies zu vermeiden, klein zu halten und schnellstm\u00f6glich zu beenden, stellt eines der \u201eehernen Gesetze\u201c der Gewerkschaftsf\u00fchrung dar und so wird jedes Angebot der Gegenseite als Chance gesehen, einen Kompromiss zu schlie\u00dfen und den \u201esozialen Frieden im Betrieb\u201c wieder herzustellen.<br/></p><h3>Die Berliner Krankenhausbewegung</h3><p>Hier\u00fcber lie\u00dfe sich auch erkl\u00e4ren, was ver.di bewogen hat, mit dem 100-t\u00e4gigen Ultimatum der Berliner Krankenhausbewegung weitere drei Monate auf die Einsetzung effektiver Arbeitskampfma\u00dfnahmen zu verzichten. Aber auch die Gewinnung neuer Mitgliedschaften wird hier eine strategische Rolle gespielt haben.<br/>Nichtsdestotrotz hat sich in diesem Zusammenhang gezeigt, wie gro\u00df der Kampfeswille der Besch\u00e4ftigten von Charit\u00e9, Vivantes und T\u00f6chtern ist. Die Berliner Krankenhausbewegung hat es geschafft, innerhalb kurzer Zeit einen hohen Organisationsgrad in den Betrieben zu erreichen und viele junge Kolleg*innen zu motivieren, f\u00fcr ihre Interessen auf die Stra\u00dfe zu gehen.<br/></p><p>Die 100 Tage wurden aktiv genutzt, um eine \u00f6ffentlichkeitswirksame Kampagne auf die Beine zu stellen mit dem Ziel, solidarische Unterst\u00fctzung durch breite Teile der arbeitenden Klasse zu erlangen. W\u00e4hrend die b\u00fcrgerliche Presse zwar lange nur verhalten berichtete, entstand eine basisnahe Vernetzung zwischen den k\u00e4mpfenden Besch\u00e4ftigten mit solidarischen Nachbarn und Arbeiter*innen aus anderen Branchen. Das gemeinsame Interesse aller Lohnabh\u00e4ngigen an einem gemeinwohlorientierten Gesundheitswesen wurde herausgestellt und das bisher h\u00e4ufig verbreitete Vorurteil, in Krankenh\u00e4usern seien Streiks nicht m\u00f6glich oder gar unsozial gegen\u00fcber den Patient*innen wurde aufgebrochen. Die Parole \u201eDer Normalzustand gef\u00e4hrdet die Gesundheit, nicht der Streik\u201c steht beispielhaft hierf\u00fcr. Die aktive Verbindung mit anderen sozialen K\u00e4mpfen wie der Kampagne \u201eDeutsche Wohnen &amp; Co enteignen!\u201c oder den streikenden Arbeiter*innen beim Lieferdienst Gorillas stellten einen wichtigen Schritt in Richtung einer geeinten Bewegung der Lohnabh\u00e4ngigen f\u00fcr unsere Interessen dar, aus der sich die M\u00f6glichkeit ergeben kann, Arbeitsk\u00e4mpfe in einem gr\u00f6\u00dferen politischen Zusammenhang zu denken.<br/></p><h3>Klassenkampf von oben und die Antwort der Kolleg*innen</h3><p>Hingegen nutzte die Gegenseite die Zeit, ihre perfiden Angriffe auf den Arbeitskampf vorzubereiten. Anhand von Einsch\u00fcchterungen der Besch\u00e4ftigten durch Vorgesetzte, Verleumdung der Streiks als Gef\u00e4hrdung der Patient*innen und letztendlich den Versuch, den Streik gerichtlich verbieten zu lassen, offenbarten die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrungen von Charit\u00e9 und Vivantes ihre Sicht auf die angeblich gleichberechtigte Sozialpartnerschaft. Fakt ist, dass von oben herab unverhohlener Klassenkampf mit allen Mitteln gef\u00fchrt wurde, die der Kapitalseite zur Verf\u00fcgung stehen.<br/>Unter dem fadenscheinigen Vorwand fehlender Notdienstvereinbarungen, deren \u201esozialpartnerschaftlicher\u201c Verhandlung sie sich verweigerten, setzte sie ein richterliches Streikverbot durch, das schon die Warnstreiks zum Ablauf des Ultimatums im Keim ersticken sollte. Die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrungen der unterschiedlichen Konzerne traten hierbei geeint auf und konnten sich auf R\u00fcckendeckung aus der Senatspolitik verlassen. Die Arbeitgeberseite verspottete damit das M\u00e4rchen der Sozialpartnerschaft.<br/></p><p>Erst auf massiven Druck durch Proteste der Streikbewegung wurde die gerichtliche Verf\u00fcgung revidiert und ein gemeinsamer Streik in den Mutter- und Tochterunternehmen wurde erm\u00f6glicht. Statt die Besch\u00e4ftigten zu spalten, trat infolgedessen das Gegenteil ein: Die Aggressivit\u00e4t der Arbeitgeber und die offensichtliche Verh\u00f6hnung der Interessen der Besch\u00e4ftigten sorgten daf\u00fcr, dass diese ihrer Wut noch mehr Ausdruck verliehen und ihren Kampf mit gro\u00dfer Entschlossenheit aufnahmen. Die Anfang September durchgef\u00fchrte Urabstimmung verdeutlichte unmissverst\u00e4ndlich die Bereitschaft der \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder, einen unbefristeten \u201eErzwingungsstreik\u201c zu f\u00fchren: An der Charit\u00e9 stimmten 97,85 Prozent, bei Vivantes 98,45 Prozent und in den Tochterunternehmen 98,82 Prozent der gewerkschaftlich organisierten Kolleg*innen f\u00fcr die Arbeitskampfma\u00dfnahme! F\u00fcr viele von ihnen stellte der Arbeitskampf eine letzte Chance dar, in ihrem Beruf weiterhin arbeiten zu k\u00f6nnen, ohne k\u00f6rperlich und psychisch auszubrennen. Die Durchsetzung der Hauptforderungen der Besch\u00e4ftigten gegen\u00fcber der Arbeitgeberseite waren dementsprechend nicht nur wichtig sondern essentiell notwendig. Sie lauteten:</p><ul><li>Tarifvertrag Entlastung bei der Charit\u00e9 und bei Vivantes mit verbindlichen Vorgaben zur Personalbesetzung und einem Belastungsausgleich bei Unterbesetzung!</li><li>Faire L\u00f6hne und TV\u00f6D f\u00fcr alle Besch\u00e4ftigten!<br/></li></ul><p>Der gemeinsame Streik nahm schnell an Fahrt auf und es gab viele Aktionen und Demonstrationen, an denen nicht nur die Streikenden, sondern auch viele solidarische Menschen aus anderen Berufen, gesundheitspolitische Unterst\u00fctzungskreise sowie linke, sozialistische Organisationen teilnahmen. Neben den Gesch\u00e4ftsf\u00fchrungen wurde auch die Senatspolitik direkt adressiert, da im Zuge des Tarifkampfes die grunds\u00e4tzliche Frage nach der politischen Ausgestaltung des \u00f6ffentlichen Gesundheitssystems aufflammte. Die zust\u00e4ndigen Politiker*innen hielten sich fernab von Lippenbekenntnissen und Wahlwerbung jedoch zur\u00fcck und der Arbeitgeber blieb hart. Immer wenn ver.di die Bereitschaft zu Verhandlungen er\u00f6ffnete, gl\u00e4nzten die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrungen von Charit\u00e9 und Vivantes mit Abwesenheiten, Desinteresse oder absurden Angeboten, die in ihrer Konsequenz sogar noch Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen bedeuteten.<br/></p><p>Die Logik der sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaftspolitik stie\u00df an ihre Grenzen und es kam zu einem der l\u00e4ngsten Krankenhausstreiks in der deutschen Geschichte. Erst nach \u00fcber einem Monat sah sich die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung der Charit\u00e9 gen\u00f6tigt, dem politischen und \u00f6konomischen Druck des Streiks nachzugeben und Verhandlungsangebote zu pr\u00e4sentieren, auf die ver.di eingehen konnte, ohne sich gegen\u00fcber der Basis der Bewegung die Bl\u00f6\u00dfe zu geben. Der Initiative folgte kurze Zeit sp\u00e4ter die Ank\u00fcndigung zur Einigung beider Seiten \u00fcber ein \u201eEckpunkte-Papier\u201c zu einem TV-Entlastung.</p><h3>Spaltung durch getrennte Verhandlungen</h3><p>Unabh\u00e4ngig von der Qualit\u00e4t des angek\u00fcndigten Kompromisses auf der Grundlage des Eckpunkte-Papiers bedeutete die Entscheidung der ver.di-Fachbereichsleitung, die Arbeitskampfma\u00dfnahmen bei Charit\u00e9 einzustellen, faktisch nichts anderes, als den Kampf der Besch\u00e4ftigten bei Vivantes und ihren Tochtergesellschaften massiv zu schw\u00e4chen und dem Tarifgegner eine willf\u00e4hrige und unsch\u00e4tzbare Unterst\u00fctzung zu leisten. Ver.di offenbarte gegen\u00fcber der Arbeitgeberseite ihren Willen, auch bei Vivantes die Arbeitskampfma\u00dfnahmen umgehend einzustellen, sobald die Arbeitgeberseite sich kompromissbereit zeigen w\u00fcrde. Es l\u00e4sst sich davon ausgehen, dass die F\u00fchrungen von Charit\u00e9 und Vivantes in regem strategischen Austausch miteinander standen, sodass ein \u00e4hnliches Eckpunkte-Papier auch f\u00fcr Vivantes schnell beschlossen wurde. Und wer blieb \u00fcbrig? Wieder einmal trifft es mit den Vivantes-Tochterunternehmen die Belegschaften, die in den prek\u00e4rsten Verh\u00e4ltnissen arbeiten und die alleine k\u00e4mpfend die geringste Macht auf ihrer Seite haben. Zwar wurde auf den letzten Demonstrationen immer wieder skandiert, dass jene in ihrem nun alleinstehenden Kampf um den TV\u00f6D nicht allein gelassen werden sollen aber die Realit\u00e4t sah anders aus. F\u00fcr die weiteren Verhandlungen um die Vivantes-T\u00f6chter wurde erneut der ehemalige Ministerpr\u00e4sident von Brandenburg, Platzeck, als Moderator einbezogen, der es schon ein Jahr zuvor erm\u00f6glichte, die R\u00fcckf\u00fchrung des Charit\u00e9 Facilitiy Managements in den TV\u00f6D zu verhindern. Mit dem demokratisch zweifelhaft abgeschlossenen Billig-Tarifvertrag der CFM war zu Anfang des Jahres auch schon die ideale Vorlage geschaffen worden, um den Besch\u00e4ftigten eine sofortige Eingliederung in den TV\u00f6D vorweg zu nehmen.</p><h3>Befriedigung der Interessen der Besch\u00e4ftigten auf niedrigstem Niveau</h3><p>Auch wenn die Tarifvertr\u00e4ge noch nicht unter Dach und Fach sind, kann man den roten Faden, der die Qualit\u00e4t der noch zu feilenden Tarifvertr\u00e4ge weitgehend bestimmen, auf der Grundlage der beiden \u201eEckpunkte-Papiere\u201c erkennen.<br/> Erstens sollen die Tarifvertr\u00e4ge einen langen Zeitraum von drei Jahren umfassen. Das bedeutet, dass die Besch\u00e4ftigten aufgrund der sogenannten \u201eFriedenspflicht\u201c f\u00fcr einen langen Zeitraum zur Passivit\u00e4t verpflichtet werden. Zweitens wird die tats\u00e4chliche Entlastung der Besch\u00e4ftigten auf einen langen Zeitraum von drei Jahren verschoben, so dass sie erst ab 2024 einen wirklich sp\u00fcrbaren Entlastungsausgleich erhalten. Auf der Grundlage von Patienten-Personal-Ratio sollen f\u00fcr die Stationen und Bereiche klare Quoten festgelegt werden. \u201eBei Unterschreitung der festgelegten Besetzungsregelungen erhalten die hiervon betroffenen Besch\u00e4ftigten\u201c, so ver.di, \u201eeinen Belastungsausgleich.\u201c \u201eDaf\u00fcr werden so genannte Vivantes-Freizeitpunkte vergeben; einen Punkt bekommt beispielsweise eine Pflegefachkraft, wenn sie eine Schicht lang in Unterbesetzung arbeiten musste. Im Jahr 2022 erhalten Besch\u00e4ftigte f\u00fcr je neun Vivantes-Freizeitpunkte eine Freischicht oder einen Entgeltausgleich von 150 Euro; im Jahr 2023 gen\u00fcgen daf\u00fcr je sieben Vivantes-Freizeitpunkte, und im Jahr 2024 je f\u00fcnf Vivantes-Freizeitpunkte. Die Anzahl der zu gew\u00e4hrenden freien Tage ist allerdings gedeckelt: im Jahr 2022 auf sechs, im Jahr 2023 auf zehn und im Jahr 2024 auf f\u00fcnfzehn freie Tage; \u00fcber die Deckelung hinausgehende Anspr\u00fcche werden in Entgelt ausgeglichen.\u201c</p><p>Bei der Charit\u00e9 sollen \u00fcber den Entlastungsausgleich hinaus in den n\u00e4chsten drei Jahren mehr als 700 zus\u00e4tzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pflege eingestellt werden, um eine Entlastung f\u00fcr die Pflegekr\u00e4fte an der Charit\u00e9 zu erreichen. Da aufgrund der hohen Belastung in der Pflege aber viele qualifizierte Arbeiter*innen die Vollzeitbesch\u00e4ftigung oder sogar das Berufsfeld an sich verlassen, bleibt die Frage offen, welche Stellen tats\u00e4chlich besetzt werden oder ob die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung sich weiterhin damit herausredet, sie f\u00e4nde nicht gen\u00fcgend Personal. Der positive Erfolg bei den Eckpunkte-Papieren ist der Durchbruch, dass die Kapitalseite zum ersten Mal \u00fcberhaupt die Forderung des Belastungsausgleichs grunds\u00e4tzlich akzeptieren muss. Dass die Besch\u00e4ftigten f\u00fcr den enormen Stress und die barbarische Arbeitsbelastung f\u00fcr ein ganzes Jahr ab 2022 nur sechs freie Ausgleichstage und 2023 nur zehn Ausgleichstage erhalten k\u00f6nnen, kann keine ernsthafte und tats\u00e4chliche Entlastung f\u00fcr die Betroffenen mit sich bringen.</p><p>F\u00fcr die Arbeitgeber werden sowohl die wenigen freie Ausgleichstage als auch der Entgeltausgleich in H\u00f6he von 150 Euro brutto eine hinnehmbare Summe sein und stellen nicht zwangsl\u00e4ufig den von ver.di erhofften \u00f6konomischen Druck dar, um strukturelle Verbesserungen zu Gunsten der Besch\u00e4ftigten in der Krankenhaus\u00f6konomie anzusto\u00dfen. Drittens blieb die Arbeitgeberseite in Bezug auf die R\u00fcckf\u00fchrung der Tochter-Besch\u00e4ftigten zum landeseigenen Betrieb und damit in den TV\u00f6D hartn\u00e4ckig. Nach \u00fcber sechs Wochen Streik steht als Verhandlungsergebnis ein Tarifvertrag fest, der zwar in Anlehnung an den TV\u00f6D einige materielle Verbesserungen f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten bedeutet, aber die eigentliche Forderung nach Rekommunalisierung nicht erf\u00fcllt. In der Konsequenz bedeutet das, dass die Kolleg*innen der verschiedenen Betriebe des \u00f6ffentlichen Gesundheitssystems weiterhin in kommunale und outgesourcte gespalten bleiben. Selbst unter den verschiedenen Tochter-Betrieben werden durch unterschiedliche Staffelungen der Lohnsteigerung weiterhin Unterschiede gemacht und das Labor Berlin ist nicht einmal enthalten.<br/></p><p>Die Besch\u00e4ftigten von Charite und Vivantes sowie der Tochterunternehmen konnten angesichts des Kampfpotentials der Belegschaften zeigen, dass entschlossene und ausdauernde Streiks auch im Gesundheitswesen m\u00f6glich sind. Mit den urspr\u00fcnglich verbindlich aneinander gekoppelten Forderungen von Mutter- und Tochterbelegschaften sowie der zeitlichen B\u00fcndelung der Kampfkraft bestand die reale Chance, alle der wichtigen Forderungen durchzusetzen und der herrschenden Klassenspaltung ein Ende zu bereiten. Diese gro\u00dfe Chance wurde leider vertan!<br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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[1] Allein aus dem Grund, weil die sozialistische \u00dcbergangsgesellschaft aus dem Kapitalismus kommend sich erst hin zu den gew\u00fcnschten Idealen entwickeln muss. Davon ausgehend wurden Strukturen etabliert, die mit den Heutigen so wenig zu tun haben, dass es einfach erscheint sie per se als undemokratisch abzutun. Die DDR wollte keine b\u00fcrgerliche parlamentarische Demokratie sein, sie h\u00e4tte damit ihren Anspruch, jedem die gleich Teilhabe am Gemeinwesen zu erm\u00f6glichen, verfehlt. Entgegen des Vorwurfes der \u201eEinparteien-Herrschaft\u201c gab es reichlich Parteien, die unterschiedliche Milieus in den Prozess des Aufbaus des Sozialismus einbinden sollten. Und zus\u00e4tzlich Massenorganisationen, die bestimmte Gro\u00dfgruppen der Bev\u00f6lkerung vertreten sollten, zum Beispiel Jugend und Frauen, deren Interessen als grunds\u00e4tzlich gesellschaftlich relevant angesehen wurden, weshalb sie eine eigene Vertretung jenseits parteipolitischer Erw\u00e4gungen haben sollten. Pseudopolitische Rituale, wie sie in der parlamentarischen Demokratie betrieben werden, die nur der Profilierung der einen oder anderen Partei dienen, Prozesse endlos in die L\u00e4nge ziehen und im Ergebnis lediglich kosmetische Ver\u00e4nderungen bringen, w\u00e4hrend sie letztlich die Ungleichheiten zementieren - die Reichen reich, die Armen arm - waren dem Realsozialismus fremd. Ziel des Gemeinwesens war dagegen die materielle Gleichheit.</p><p>Geringe Ausschl\u00e4ge nach oben oder unten sollten mit sozialpolitischen Ma\u00dfnahmen des Staates kompensiert und ausbalanciert werden. Unterst\u00fctzte man diesen anzustrebenden verfassungsm\u00e4\u00dfigen Grundsatz, und wer k\u00f6nnte als Humanist*in etwas dagegen haben, war man aufgefordert am Prozess gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung teilzunehmen und damit Teil der sozialistischen Zivilgesellschaft. Deren Arbeit sollte in schon bestehenden oder neu zu gr\u00fcndenden staatlich unterst\u00fctzten Strukturen stattfinden, so zum Beispiel die Seniorenbetreuung in der \u201e<a href=\"https://de.wikipedia.org/wiki/Volkssolidarit%C3%A4t\">Volkssolidarit\u00e4t</a>\u201c oder in vielerlei gesellschaftlichem Engagement vom Umweltschutz bis zur Interessenvertretung von Homosexuellen unter dem Dach des \u201e<a href=\"https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturbund_der_DDR\">Kulturbundes</a>\u201c. Dort musste nichts von oben angeordnet werden, niemand wartete auf irgendwelche \u201eDirektiven\u201c. Gab es dennoch solche Direktiven, die bei den proklamierten gesellschaftspolitischen Zielen nicht ungew\u00f6hnlich waren, waren sie hilfreich, sicherten sie doch den Anspruch auf Ressourcen, um die Bed\u00fcrfnisse der jeweiligen Klientel zu erf\u00fcllen. Wollte man unabh\u00e4ngig gesellschaftlich aktiv werden, wurde man argw\u00f6hnisch be\u00e4ugt und unter die Lupe genommen, um zu pr\u00fcfen, ob neben dem sozialen und kulturellen Engagement nicht auch ein politischer Zweck dahintersteckte. War dies nicht der Fall, wurde man \u201eeindringlich eingeladen\u201c, doch die etablierten Strukturen zu nutzen.</p><p>Dieses Vorgehen stie\u00df sicher manchmal auf den Unmut der Beteiligten, hatte aber dann, wenn man staatlich akzeptiert war, seine Vorteile, konnte man doch langfristig finanziell gesichert seine Arbeit nachgehen. Ist das politische G\u00e4ngelung oder Einflussnahme von oben? Nat\u00fcrlich gab es Funktion\u00e4r*innen, die in solchen Fragen dogmatisch zu Werke gingen und damit einiges an Initiative von unten kaputtmachten und Engagierte so unter das Dach vor allem der evangelischen Kirche als vermeintlichen Teil der Opposition dr\u00e4ngten, welche nicht zwangsl\u00e4ufig staatliche Repressionen nach sich zogen. Aber es gab auch die anderen, die Engagement f\u00f6rderten. Und bei aller Kritik \u00fcberwog doch das Letztere, wenn die Vielfalt der Arbeit in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Organisationen, <a href=\"https://de.wikipedia.org/wiki/Massenorganisation#Massenorganisationen_in_der_DDR\">Massenorganisationen</a>, betrachtet wird.</p><p>Die Bewegung, die 1989 den Sozialismus schlie\u00dflich besser machen wollte und heute im Westen gerne zu einer b\u00fcrgerlichen Demokratiebewegung umgedeutet wird, war nicht nur von ein paar randst\u00e4ndigen Dissident*innen getragen. Es waren Menschen, die auch schon vorher im Beruf oder dar\u00fcber hinaus Verantwortung getragen hatten. Objektiv gesehen waren die Bedingungen, unter denen B\u00fcrger*innen realsozialistischer Gesellschaften Reformen h\u00e4tten verwirklichen k\u00f6nnen, vorhanden. Die Knappheit materieller Ressourcen lie\u00df aber Vieles, was als w\u00fcnschenswert gefordert wurde, nicht zu. Die Defizite lagen dabei weniger in den daraus folgenden Priorit\u00e4tensetzungen, sondern vielmehr in der Unf\u00e4higkeit, die in Expertengremien manchmal schmerzlich getroffenen Notwendigkeiten, demokratisch breit zu kommunizieren. Dieses Manko offenbarte die mit der Zeit eintretende Distanz von Verwaltungsstrukturen und Betroffenen. H\u00e4tte man an den zur Verf\u00fcgung stehenden finanziellen Mitteln etwas Grunds\u00e4tzliches \u00e4ndern wollen, h\u00e4tte man unter den gegebenen Bedingungen, die Staatsr\u00e4son, die soziale Gleichheit, in Frage stellen m\u00fcssen. Dass dies ein Kernanliegen der Reformbewegung von 1989 gewesen sein soll, bleibt eine phantastische Erz\u00e4hlung der Leitmedien.</p><p>Tats\u00e4chlich verfuhr der realsozialistische Staat selbst ab den 80er Jahren schon sehr flexibel mit diesem Ideal. Ein Beispiel war die Befriedigung der W\u00fcnsche nach gr\u00f6\u00dferen Konsumm\u00f6glichkeiten mit Hilfe der \u201eExquisit-L\u00e4den\u201c, in denen dann aber auch teilweise Waren des t\u00e4glichen Bedarfs zu deutlich h\u00f6heren Preisen zu finden waren. Das waren Ma\u00dfnahmen, die kurzfristig Probleme angehen sollten, gleichzeitig aber wieder Unzufriedenheit ausl\u00f6sten, da sie Ungleichheiten produzierten. Die von der Bev\u00f6lkerung nie in Frage gestellte, selbstverst\u00e4ndliche Gleichheit Aller - f\u00fcr sie Gradmesser des Sozialismus - begann somit von innen heraus ausgeh\u00f6hlt zu werden.</p><h3><b>Fehlerdiskussion im sozialistischen Aufbau</b></h3><p>Die, die in der DDR gelebt haben, sind wahrscheinlich die Einzigen, die einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen, ob man dort seine Meinung sagen konnte oder eher nicht. Man konnte es, solange man den Sozialismus und seine Grundlagen \u00f6ffentlich nicht in Frage stellte. Kritik war sogar gewollt, wusste man doch um ihr Potenzial, Verbesserungen anzuregen. Doch traf diese Kritik, berechtigt oder nicht, nat\u00fcrlich nicht immer nur auf Zustimmung der Entscheidungstr\u00e4ger*innen. Grunds\u00e4tzlich ist Kritik immer unbequem und beide Seiten m\u00fcssen in der Lage sein konstruktiv mit ihr umzugehen. Das war von offizieller Seite, wenn es um die gr\u00f6\u00dferen Fragen ging, selten der Fall. Vielmehr versuchte man, vor allem f\u00fcr den Westen, ein Bild allseitiger Harmonie zu zelebrieren, das unrealistisch und f\u00fcr eine lebendige Gesellschaft auch nicht erstrebenswert ist. Eine \u201eoffene Fehlerdiskussion\u201c h\u00e4tte viel mehr Glaubw\u00fcrdigkeit bei der eigenen Bev\u00f6lkerung erzeugt und auch weniger \u201eMunition f\u00fcr den Klassenfeind\u201c hergegeben.</p><h3><b>Debattenkultur und Zensur</b></h3><p>Presse, Rundfunk und Fernsehen, und alle anderen Publikationen unterlagen einer Zensur. Wieder war der Grund, zu verhindern, dass der Sozialismus und seine Grundlagen \u00f6ffentlich in Frage gestellt werden. Es gab keine vom Staat unabh\u00e4ngigen Medien, weil alles, was ein bestimmtes Ma\u00df an \u00d6ffentlichkeit produzierte, und damit \u00fcber das Private hinausging, allen n\u00fctzlich sein sollte. Das schloss Einzelinteressen in Konkurrenz zu anderen aus, denn man war in einer Gesellschaft der Gleichberechtigten ja auf Ausgleich und Kooperation angewiesen. Um die Publikation solcher Inhalte wirksam auszuschlie\u00dfen, wurden Ver\u00f6ffentlichungen vorher gepr\u00fcft. Das war sicher kein Vertrauensbeweis der SED gegen\u00fcber dem Rest der Bev\u00f6lkerung und unterminierte das Gleichheitsideal in diesem Verh\u00e4ltnis. Die DDR-F\u00fchrung folgte damit dem, was schon der Praktiker Lenin fand: \u201eVertrauen ist gut, Kontrolle ist besser\u201c. Im heutigen real existierenden Kapitalismus sind es die Chefredaktionen und Eigent\u00fcmer*innen, die in ihrem privatkapitalistischen und marktwirtschaftlichen Interesse die politische Linie in den \u201eQualit\u00e4tsmedien\u201c festlegen. Zum ganzen Bild geh\u00f6rt auch, dass die zensierende, f\u00fchrende Staats- und Regierungspartei im Jahr 1987 \u00fcber 2 Millionen Mitglieder hatte und damit \u00fcber 15 Prozent der erwachsenen Bev\u00f6lkerung. Auch alle anderen Parteien und Massenorganisationen und damit ihre insgesamt hunderttausenden Mitglieder, hatten sich entsprechend ihrer Satzungen dem Sozialismus verpflichtet.</p><h3><b>Reisen entlang der Systemkonkurrenz</b></h3><p>Die DDR war nicht eingemauert, der Weg nach Osten stand offen und das zu den damals weltweit \u00fcblichen Bedingungen. Es gab L\u00e4nder mit und ohne Visa-Freiheit. Dies galt zun\u00e4chst nicht in Richtung Westen. In den 80er Jahren, vor der Mauer\u00f6ffnung, wurde es jedoch zunehmend auch f\u00fcr Personen im Erwerbsalter, allerdings nur in Verwandtschaftsangelegenheiten und auf Antrag, m\u00f6glich dorthin zu reisen. Neben dem nicht zu untersch\u00e4tzenden Fakt der Systemkonkurrenz und seinen unangenehmen Begleiterscheinungen, war der Grund nat\u00fcrlich, die <a href=\"https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/47253/zug-nach-westen\">Abwanderung von Fachkr\u00e4ften</a> bei vorheriger Finanzierung ihrer Ausbildung. In den 1950er Jahren, vor dem Mauerbau, sollen es ein Drittel der Akademiker gewesen sein. Als nach dem 2.Weltkrieg ein <a href=\"https://archiv.ossietzky.net/7-2008&amp;textfile=49\">gemeinsamer deutscher Staat</a> aufgrund der rigorosen Ablehnung des Westens immer unrealistischer wurde, sah man sich gezwungen die letzte Option zu ziehen und die Grenze zu schlie\u00dfen, um die Realisierbarkeit des humanistischen Ideals Sozialismus weiterhin zu gew\u00e4hrleisten.</p><p>Jenseits aller Psychologisierungen ist die Einschr\u00e4nkung der Bewegungsfreiheit f\u00fcr die B\u00fcrger*innen der DDR durch die Entscheidungstr\u00e4ger*innen bestimmt nicht leicht gefallen. Der gelungene Coup, den Westen vollkommen \u00fcberrascht zu haben, l\u00f6ste wahrscheinlich schon Genugtuung aus. In den 80er Jahren gewann die Ausreisebewegung in bestimmten kulturellen Milieus an Bedeutung, spielte aber im Alltag der Arbeiter*innenschaft weiterhin eine sehr marginale Rolle. Der Mangel an Devisen tat auch in der Reise-Frage sein \u00dcbriges. Da die W\u00e4hrung der DDR international nicht konvertibel war, um W\u00e4hrungsspekulationen und damit den Einfluss von au\u00dfen auf die Volkswirtschaft zu verhindern, musste der Staat jedem*r B\u00fcrger*in mit einem Mindestma\u00df an Reisezahlungsmitteln ausstatten, wollte er seinem Anspruch, die Alternative zum Kapitalismus zu sein, gerecht werden.</p><p>F\u00fcr Osteuropa war das kein Problem, war man doch politisch wie wirtschaftlich verbunden. Aber anstatt die m\u00fchsam im Export mit dem Westen erwirtschafteten Geldmittel individuell-touristischen Zwecken zur Verf\u00fcgung zu stellen, entschied man sich, sie in die planm\u00e4\u00dfig zu entwickelnde Gesellschaft der Gleichberechtigten zu stecken. Das ist ein weiteres Beispiel von vielen f\u00fcr die Bevorzugung des Gemeinwohls gegen\u00fcber dem Interesse Einzelner. Der Grund f\u00fcr diese Priorit\u00e4tensetzung war, dass bestimmte G\u00fcter nur auf dem Weltmarkt f\u00fcr harte Dollar oder D-Mark gekauft werden mussten, da der <a href=\"https://www.helle-panke.de/de/topic/158.publikationen.html?productId=68453\">Rat</a> f\u00fcr gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) seine Aufgabe, Arbeitsteilung unter den realsozialistischen L\u00e4ndern zu organisieren, wegen falsch verstandener Eigenst\u00e4ndigkeit einiger seiner Mitgliedsstaaten, nicht vollumf\u00e4nglich realisieren konnte. [2] Trotzdem h\u00e4tte man in Reise- und Ausreisefragen mit der Zeit L\u00f6sungen finden m\u00fcssen, um Unzufriedenheiten abzubauen. Das w\u00e4re durch eine fr\u00fchzeitigere, also nicht erst im Rentenalter und/oder periodische M\u00f6glichkeit der Entlassung aus der Staatsb\u00fcrgerschaft der DDR umzusetzen gewesen oder durch mehr kollektiven Reisen in den Kapitalismus, mit Abstechern auch in die Arbeiter:innen-Milieus, oder \u00fcber die FDJ-Freundschaftsbrigaden hinausgehende Solidarit\u00e4tsaufenthalte in die L\u00e4nder des globalen S\u00fcdens, bei denen neben personellen Ressourcen auch Sicherheitsfragen der eingesetzten Fachkr\u00e4fte eine Rolle spielten.</p><h3><b>Selbstbewusst in die Diskussion</b></h3><p>Das alles und noch viel mehr war die Deutsche Demokratische Republik \u2013 kurz: DDR. Um sich als gesellschaftliche Linke den heute dr\u00e4ngenden sozialen und sich daraus ergebenen politischen Fragen in Ostdeutschland zu widmen, muss ein ein kritischer aber gleichfalls solidarischer Blick auf die konkreten historischen Antworten eines realen, nicht theoretischen, Sozialismus gelenkt werden. Die Versuche ernsthafte soziale und wirtschaftliche L\u00f6sungen als Alternative zum Kapitalismus zu finden, sind in einer F\u00fclle von wissenschaftlich Studien, mit mehr oder weniger ideologischer Interpretation und unterschiedlichster politischer Couleur dokumentiert. Zus\u00e4tzlich kann jeder, der aus dem Osten kommt oder jemanden dort kennt, versuchen, sich \u00fcber Biografien \u201egelernter DDR-B\u00fcrger\u201c auch ein subjektiv gepr\u00e4gtes Bild zu verschaffen.</p><p>Im Zentrum einer Diskussion um eine eigenst\u00e4ndige ostdeutsche Linke sollten keine allseits bekannten Debatten und Auseinandersetzungen um theoretische Fragen realsozialistischer Bewegungen und Projekte stehen, spiegeln diese doch nur die unterschiedlichen Vorstellungen der jeweiligen Protagonist*innen \u00fcber eine postkapitalistische Gesellschaft wieder, die man auch mit dem \u201ebesseren Argument\u201c nicht endg\u00fcltig kl\u00e4ren kann. Ostdeutsche sollten selbstbestimmt, ohne Rechtfertigungszwang und vor allem selbstbewusst ihre Themen setzen, die sich aus ihrer eigenen Geschichte ergeben.</p><p>Nicht nur, aber vielleicht auch gerade wegen der gut gemeinten, g\u00f6nnerhaft wirkenden Erz\u00e4hlung eines \u201edeformierten Arbeiter- und Bauernstaates\u201c aus den unterschiedlichsten Lagern der westdeutschen Linken, halten wir mit Vehemenz an der konkreten gesellschaftlichen Erfahrung der DDR fest: Sie war ein Land, das dem Ideal der sozialen Gleichheit seiner B\u00fcrger*innen sehr nahe kam, weil diejenigen, die das gesellschaftliche Mehrprodukt erwirtschafteten, auch die Verf\u00fcgungsgewalt dar\u00fcber hatten. Und das bei allen existierenden Defiziten.</p><p><i>Im dritten und letzten Text der inzwischen dreiteiligen Artikelserie \u201e</i><a href=\"https://revoltmag.org/articles/warum-eine-ostdeutsche-linke/\"><i>Warum eine ostdeutsche Linke?\u201c</i></a><i> sollen deren politische Bewegungsform, das anzusprechende Milieu und die grunds\u00e4tzliche inhaltliche Ausrichtung, beschrieben anhand ausgew\u00e4hlter Politikfelder, andiskutiert werden.</i></p><p></p><hr/><p></p><h3>Quellen:</h3><p>[1] Lenin, Wladimir Iljitsch: Staat und Revolution, Wladimir Iljitsch Lenin Werke, Band 25, Berlin/DDR, S.393-507, 1972.<br/></p><p>[2] Roesler, J\u00f6rg: 1962.1971 - Schicksalsjahre des RGW, Reihe &quot;Pankower Vortr\u00e4ge&quot;, Heft 215, 2017.</p><p></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Er geh\u00f6rt zu der im Fr\u00fchling 2021 gestarteten Serie \u201eWarum eine ostdeutsche Linke?\u201c.</i></b></p><p></p><p>F\u00fcr Menschen die bewusst in der DDR gelebt haben ist die Frage nach deren Charakter eine einfache. Sie k\u00f6nnen sich aufgrund ihrer damals erworbenen Alltagserfahrungen eine subjektive und - durch den Filter heutiger gesellschaftlicher Zust\u00e4nde - eine auf der Erfahrung mit zwei Systemen basierende realistische Meinung bilden. Schwierig ist es f\u00fcr die Nachgeborenen, f\u00fcr die aus Westdeutschland sowieso. F\u00fcr die dritte Generation Ostdeutsche, welche die DDR nicht bewusst erlebt hat, ist die Ausgangslage diesbez\u00fcglich auf den ersten Blick besser, auf den zweiten umso verwirrender. Die \u201eLeitmedien\u201c, fest in westdeutscher Hand, zeichnen mitnichten ein realistisches Bild, denn sie verfolgen das Interesse, das heutige kapitalistische Gesamtdeutschland zu legitimieren. Im Kalten Krieg und seit der Wiedervereinigung ist eine Struktur in Kultur, Wissenschaft und Politik entstanden, die die daf\u00fcr notwendige Erz\u00e4hlung gesellschaftlichen Stimmungen immer wieder anpasst.</p><p>Auf der anderen Seite steht die ostdeutsche Halb\u00f6ffentlichkeit, vor allem das famili\u00e4re Umfeld, das ein differenzierteres Bild zeichnet.</p><p>F\u00fcr Linke wirkt sich das eigene politische Milieu nicht f\u00f6rderlich aus - selbst wenn man sich in einem marxistischen Umfeld bewegt -, denn man hat es bei der \u00fcbergro\u00dfen Mehrheit mit dem westeurop\u00e4ischen Blick auf den Realsozialismus zu tun. Der Tenor ist, der Sozialismus der DDR sei ein orthodoxer Arbeiterbewegungs/Parteien-Sozialismus gewesen, der diesen Namen eigentlich nicht verdient, oder gar Staatskapitalismus, autorit\u00e4r, deshalb anti-emanzipatorisch, \u00f6konomisch ineffizient und so weiter. Mitnichten sei er das gewesen, \u201ewas Marx beabsichtigte\u201c, und deshalb nicht der M\u00fche wert, sich mit ihm zwecks Erfahrungstransfer zu besch\u00e4ftigen. Letztlich ist dieses Urteil identisch mit dem der b\u00fcrgerlichen Presse.</p><p>Die, die etwas anderes behaupten, sind gesellschaftlich marginalisiert. So ist es leicht, sie als nicht ernstzunehmende politische Sekten abzutun, und zum gro\u00dfen Teil trifft dieses Urteil zu. Ostdeutsche ohne eigene DDR-Erfahrung tendieren dazu, diese hegemoniale Meinung anzunehmen. Die Wiedervereinigungserz\u00e4hlung in ihrer Alternativlosigkeit, die schlussendlich doch \u201ebl\u00fchende Landschaften\u201c gebracht haben soll, stellen sie hingegen eher in Frage, denn die famili\u00e4ren Erz\u00e4hlungen von Arbeitslosigkeit, sozialem Abstieg und der \u00fcberwiegende Ausschluss aus gesellschaftlichen Diskussionen aufgrund ihrer Herkunft stehen dazu kontr\u00e4r. Die \u201eLeitmedien\u201c haben diesen Trend erkannt und lassen ein wenig Dampf aus dem Kessel. Wurde die DDR die letzten 30 Jahre entweder beschwiegen oder wie zu Zeiten des Kalten Krieges denunziert, wird heute zumindest ihre kulturelle Alltagsgeschichte erz\u00e4hlt, nat\u00fcrlich immer mit dem Fingerzeig auf die \u201eSED-Diktatur\u201c.</p><p>Konzessionen machen die Medien neuerdings auch beim Thema Wiedervereinigung, die immer noch ein gro\u00dfes Geschenk f\u00fcr die Deutschen ist (vor allem aus westdeutscher Perspektive). Es wurden Fehler gemacht, sagt man heute - Stichwort Treuhand [1]. Der ostdeutsche Abwicklungsprozess, der die darauffolgende gesamtgesellschaftliche Deregulierungs\u00e4ra einleitete, l\u00e4sst sich medial mit seinen bis heute sp\u00fcrbaren Folgen nicht mehr unterschlagen. Die Liquidierung einer vermeintlich maroden Planwirtschaft und ihrer Industrien bleibt in dieser Erz\u00e4hlung jedoch weiterhin unausweichlich. Dass das Quatsch ist, wei\u00df jeder, der sich mit der Materie besch\u00e4ftigt. Selbst in der b\u00fcrgerlichen Geschichtswissenschaft kann man unter seri\u00f6sen Historiker*innen diese These nicht mehr vertreten. <a href=\"https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/38373\">Sie widerspricht den historischen Fakten</a>, was die statistischen Belege im Folgenden dokumentieren. Diese Erkenntnisse, ein Ansatzpunkt f\u00fcr eine ostdeutsche Linke, schafft es jedoch selten in die Massenmedien.</p><p></p><h2>Erst Verstehen, dann Bewerten<br/></h2><p>Schlussfolgerungen f\u00fcr eine eigenst\u00e4ndige Politik, vor allem auch aus dem linken Lager, werden aus den ostdeutschen Realit\u00e4ten aber nicht gezogen. Eine Diskussion dar\u00fcber wird trotz der un\u00fcbersehbaren und zunehmenden Distanz zu gesellschaftlichen Gro\u00df-Gruppen als \u201er\u00fcckw\u00e4rtsgewandt\u201c disqualifiziert. Die gesellschaftliche Linke k\u00fcmmert sich in ihrer Mehrheit entweder aus Mangel an Kompetenz nicht um \u00f6konomische Fragen oder schwelgt in Zeiten der Globalisierung in irrealen konservativ-romantischen Vorstellungen von Kleinteiligkeit und Dezentralisierung. Das H\u00f6chste der Gef\u00fchle sind Diskussionen \u00fcber Vergesellschaftung der \u00f6ffentlichen Daseinsf\u00fcrsorge. F\u00fcr den Rest der ressourcenverschwendenden Marktwirtschaft gibt es ein paar theoretische \u00dcberlegungen zur Wirtschaftsdemokratie - scheinradikale Ausrutscher, die niemanden weh tun, weil sie von Ans\u00e4tzen der Realisierbarkeit Lichtjahre entfernt sind.</p><p>Die Beschr\u00e4nkung auf entweder \u201eDelegitimation\u201c oder \u201eRehabilitation\u201c realsozialistischer Verh\u00e4ltnisse verunm\u00f6glicht den R\u00fcckgriff auf deren nachgewiesene anwendbare L\u00f6sungen f\u00fcr heutige gesellschaftliche Probleme. Auch linke postkapitalistische Diskussionen machen mit bei der Reduktion auf diese beiden Extrema, welche die Gegenseite vehement forciert und zu ihren Gunsten ausnutzt.</p><p>Eine <i>kritisch-solidarische Aufarbeitung</i> der DDR-Wirtschaftsgeschichte w\u00e4re f\u00fcr das zur Schau gestellte, \u00fcberbordende westdeutsche Selbstbewusstsein l\u00e4stig. Besonders dann, wenn man feststellen m\u00fcsste, dass die vielgescholtene Planwirtschaft realsozialistischer Pr\u00e4gung es geschafft hat, das Verh\u00e4ltnis zum Bruttoinlandsprodukt der BRD nach dem zweiten Weltkrieg, in 40 Jahren pro Kopf von 39 Prozent auf 55 Prozent zu verbessern [2]. Die Anfangsdifferenz hatte ihre Ursachen in historisch-strukturellen Unterschieden im Laufe der industriellen Entwicklung, vor allem aber durch die zu leistenden Reparationen an die Sowjetunion. Nebenbei erw\u00e4hnt, hatte die DDR von Mitte der 1960er bis Mitte der 80er Jahren durchg\u00e4ngig h\u00f6here wirtschaftliche Wachstumsraten als die BRD [3]. Das f\u00fchrte dazu, dass das Land 1988 beim pro Kopf Bruttoinlandsprodukt (12.197 Euro [4]) in Europa auf Platz 14 lag, knapp hinter <a href=\"http://www.economic-growth.eu/Seiten/20-Jahres-Ueberblick/BIP-pro-Kopf-20_Jahre.html\">Gro\u00dfbritannien</a><a href=\"http://www.economic-growth.eu/Seiten/20-Jahres-Ueberblick/BIP-pro-Kopf-20_Jahre.html\"> (13.700</a> <a href=\"http://www.economic-growth.eu/Seiten/20-Jahres-Ueberblick/BIP-pro-Kopf-20_Jahre.html\">Euro</a><a href=\"http://www.economic-growth.eu/Seiten/20-Jahres-Ueberblick/BIP-pro-Kopf-20_Jahre.html\">)</a> und <a href=\"http://www.economic-growth.eu/Seiten/20-Jahres-Ueberblick/BIP-pro-Kopf-20_Jahre.html\">Italien</a> <a href=\"http://www.economic-growth.eu/Seiten/20-Jahres-Ueberblick/BIP-pro-Kopf-20_Jahre.html\">(13.500</a> Euro<a href=\"http://www.economic-growth.eu/Seiten/20-Jahres-Ueberblick/BIP-pro-Kopf-20_Jahre.html\">)</a>, deren gesellschaftlicher Reichtum aufgrund kapitalistischer Verh\u00e4ltnisse nat\u00fcrlich eine immense Ungleichverteilung aufwies. Eine historische Leistung vor allem der ostdeutschen Arbeiter*innenschaft unter den Vorzeichen von Ressourcenknappheit und einer vom Westen betriebenen Embargopolitik eines immer weitergehenden Ausschlusses des Ostblocks aus der internationalen Arbeitsteilung.</p><p>Das war die Ausgangslage bei der Wiedervereingung und das Ergebnis ist bekannt: kein Aufholen oder Konsolidieren \u2013 sondern Deindustrialisierung mit all ihren Folgen. Bei der Ursachenforschung f\u00fcr den Zustand der heutigen ostdeutschen Gesellschaft kann man deshalb nicht erst beim Prozess der deutschen Einheit beginnen, sondern muss sich mit der DDR besch\u00e4ftigen, um zu verstehen, warum heute so viele Ostdeutsche, auch die Nachgeborenen, so unzufrieden mit der Lage in ihrem Teil des Landes sind.</p><h2>Einheit und sozialistischer Aufbau (im Osten)</h2><p>Die DDR war das Resultat des vom deutschen Faschismus angezettelten und verlorenen Zweiten Weltkrieges. Nicht alle Deutschen haben die Nazis unterst\u00fctzt. Der Stimmenanteil von \u00fcber 30 Prozent f\u00fcr SPD und KPD bei den letzten Reichstagswahlen am 5. M\u00e4rz 1933, schon <i>nach</i> der Machtergreifung, sind ein klares Indiz daf\u00fcr, dass der Gro\u00dfteil der Arbeiterklasse sich nicht mit den Faschisten identifizierte.</p><p>Nach der Kapitulation der Wehrmacht wurde Deutschland in Besatzungszonen der Siegerm\u00e4chte aufgeteilt. Die Sowjetunion hatte ein Interesse an einem neutralen, entmilitarisierten und ungeteilten Gesamtstaat unter alliierter \u00dcberwachung, um eine erneute aggressive Entwicklung zu verhindern. Alle Spaltungsinitiativen in den folgenden Jahren gingen historisch bewiesenerma\u00dfen von den westlichen Besatzungszonen und der sp\u00e4teren Bundesrepublik aus: W\u00e4hrungsreform [5], Staatsgr\u00fcndung [6], <a href=\"https://ifddr.org/studien/studies-on-the-ddr/auferstanden-aus-ruinen/\">Wiederbewaffnung</a>. Die Schlie\u00dfung der innerdeutschen Grenze und die Berliner Mauer waren eine Reaktion auf den Kalten Krieg zweier hochger\u00fcsteter, konkurrierender, grunds\u00e4tzlich unterschiedlicher Gesellschaftsentw\u00fcrfe.</p><p>Die ostdeutschen Kommunist*innen und Sozialdemokrat*innen hatten ihre Lehren aus dem Dritten Reich gezogen und waren der Meinung, dass nur der Aufbau des Sozialismus, schon immer Ziel der Arbeiter*innenbewegung, eine neue Trag\u00f6die verhindern k\u00f6nne. Das Verhalten der neuen <a href=\"https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_ehemaliger_NSDAP-Mitglieder,_die_nach_Mai_1945_politisch_t%C3%A4tig_waren\">Bundesrepublik mit ihren wieder in Amt und W\u00fcrden gekommenen Alt-Nazis</a> <b>[7]</b> best\u00e4tigte dies nur. Das man in solch einer Situation auf die Erfahrungen des ersten sich sozialistisch nennenden Landes, das gleichzeitig die eigene Besatzungsmacht war, setzte, ist nicht \u00fcberraschend.</p><p>Marx und seinen Analysen folgend, war die Herstellung nicht nur der politischen, sondern auch der materiellen Gleichheit vonn\u00f6ten, um das Ideal einer aus Gleichberechtigten bestehenden Gesellschaft zu erreichen. Letzteres hatte die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln und seine \u00dcberf\u00fchrung in gesellschaftliches zur Voraussetzung: Volkseigentum. Jede*r sollte und konnte am Gedeihen des Gemeinwesens teilnehmen, weshalb Arbeitslosigkeit qua definitionem ausgeschlossen war. Diese Gr\u00fcndungsmaxime war bis zum Ende der DDR nicht verhandelbare Staatsr\u00e4son und Grundlage jeglicher gesellschaftspolitischen Entscheidung.</p><h2>Die unumstrittenen Vorz\u00fcge der DDR, ein sicheres Terrain\u2026</h2><p>Der Zugang zum <i>Bildungs- und Gesundheitswesen</i> war f\u00fcr alle kostenlos.<br/>Fr\u00fchkindliche Erziehung und Bildung mit p\u00e4dagogischen Standards, eine gleiche allgemeinbildende polytechnische Schulbildung f\u00fcr alle Kinder bis zur zehnten Klasse, sehr wenige Spezialschulen f\u00fcr die wirklich Hochbegabten, nat\u00fcrlich auch aus Arbeiterfamilien, bildeten die Grundstruktur des Bildungswesens. Danach folgten entweder ein zweij\u00e4hriges Abitur oder eine Berufsausbildung, wahlweise mit Abitur. Es gab f\u00fcr jede*n Jugendliche*n eines dieser Angebote, entsprechend ihrer*seiner F\u00e4higkeiten. Nach der Hochschulreife war ein Studienplatz garantiert, nicht ausschlie\u00dflich nach den eigenen W\u00fcnschen, sondern abh\u00e4ngig von den schulischen Leistungen und dem gesellschaftlichen Bedarf. Man bildete nur so viele Fachkr\u00e4fte aus, wie die Gesellschaft ben\u00f6tigte. Das Resultat: ein gesicherter Arbeitsplatz im erlernten Beruf f\u00fcr die Absolventen und ein effizienter Umgang mit vorhandenen Ressourcen, die auch in anderen Bereichen der Gesellschaft ben\u00f6tigt wurden. Auch entfiel der Druck zum sozialen Aufstieg, denn Gleichheit war garantiert, allt\u00e4glich sp\u00fcrbar im Respekt gegen\u00fcber Hand- wie Kopfarbeit, der sich in den, im Vergleich zu heute, um ein Vielfaches geringeren Unterschieden in den L\u00f6hnen widerspiegelte.</p><p>Das <i>Gesundheitswesen</i> war effizient organisiert, um die medizinischen Bed\u00fcrfnisse der Bev\u00f6lkerung auf modernstem Niveau zu befriedigen. Es gab <b>eine</b> staatliche Krankenkasse, Polikliniken, in denen alle medizinischen Fachrichtungen einer ambulanten Betreuung ortsnah konzentriert waren. Grunds\u00e4tzlich setzte man auf Pr\u00e4vention statt auf eine Ger\u00e4temedizin, die Menschen heilen soll, die zuvor vielfach zu krankmachendem Konsum animiert wurden und mit der wieder viel Geld verdient werden kann. Nat\u00fcrlich gab es auch die hochspezialisierten Kliniken in der DDR, f\u00fcr die es aufgrund des gemeinwohlorientierten Ansatzes der Gesellschaft weniger Bedarf gab.</p><h2>\u2026mit Perspektive, Kitaplatz und Zentralheizung</h2><p>Im <i>volkseigenen Wohnungswesen</i> war die <a href=\"https://www.helle-panke.de/de/topic/158.publikationen.html?productId=62483\">W</a><a href=\"https://www.helle-panke.de/de/topic/158.publikationen.html?productId=62483\">ohnung</a><a href=\"https://www.helle-panke.de/de/topic/158.publikationen.html?productId=62483\">sfrage</a><a href=\"https://www.helle-panke.de/de/topic/158.publikationen.html?productId=62483\"> als soziales Problem</a> Ende der 80er Jahre gel\u00f6st. Kosten und Nutzen ins Verh\u00e4ltnis setzend, war es der Plattenbau am Stadtrand, weniger die Sanierung der Altbauen, sondern ihr teilweiser Abriss, der zu diesem Ergebnis f\u00fchrte - eine Methode \u00fcbrigens, die zur selben Zeit auch in Westdeutschland Anwendung fand. Dass genug gebaut wurde (und das grundsolide und langlebig), kann man heute sehr einfach daran erkennen, dass wegen des massiven Bev\u00f6lkerungsschwundes in Ostdeutschland Wohngeb\u00e4ude abgerissen, \u201ezur\u00fcckbaut\u201c werden, um einen Marktzustand herzustellen, der Rendite f\u00fcr private Wohnungsunternehmen garantiert. Um diesen eigentlich absurden Vorgang in Zeiten exorbitant steigender Wohnungsmieten zu legitimieren, ist es auch in dieser Frage dann wieder eine sich mehrheitlich als linksliberal verstehende Mittelschicht, die die daf\u00fcr notwendige Begr\u00fcndung f\u00fcr den DDR-Kontext produziert: grunds\u00e4tzliche h\u00e4ssliche Architektur, fast schon menschenunw\u00fcrdig, weil, wie man ja heute sieht, Orte der sozialen Ausgrenzung und damit Grundlage f\u00fcr Diskriminierung. Ein Argument von Gut-Situierten, die ansonsten die Architektur der Bauhaus-Moderne f\u00fcr ihr Eigenheim als Gipfel der \u00c4sthetik verstehen. Eine industrielle Gro\u00dfsiedlungsform mit viel Licht, Luft und Gr\u00fcn f\u00fcr alle ist aber eine zu beendende autorit\u00e4re Anma\u00dfung. Eine Pseudo-Kritik, die sich gesellschaftlichen Ursachen von sozialen Lagen verweigert, sie vielmehr durch eine Umkehr von Ursache und Wirkung verschleiert.</p><p>Teil der gel\u00f6sten Wohnungsfrage waren in der DDR selbstverst\u00e4ndlich die Mietpreise: eine Drei-Zimmer-100qm-Altbauwohnung mit Ofenheizung kostete kalt circa 100 DDR-Mark, die Neubauwohnung etwas mehr. Das war nat\u00fcrlich nicht kostendeckend. Das musste es auch nicht, denn sie wurde wie vieles andere vom Staat subventioniert, aus der sogenannten zweiten Lohnt\u00fcte, die nicht ausgezahlt wurde. Von allen erwirtschaftet, f\u00fcr alle.</p><h2>Die schwierigen Themen</h2><p>Bildungs-, Gesundheits-, Wohnungswesen, der Zugang zu Kunst, Kultur und Sport und so weiter, all die sozialen Errungenschaften sind Wohlf\u00fchlthemen, wenn es um eine Einsch\u00e4tzung der DDR f\u00fcr Unvoreingenommene geht. Zwar versuchen die b\u00fcrgerlichen Medien es auch hier mit dem Umdeuten offensichtlich positiver Ma\u00dfnahmen, doch die Argumentationen klingen zunehmend gewollter, und nicht nur f\u00fcr in der DDR Sozialisierte immer absurder.</p><p>Aber bei vielen Linken verf\u00e4ngt das Diktatur-Argument. Der Weg ist dann nicht weit bis zur Assoziation mit der Sozialpolitik im Dritten Reich, nur f\u00fcr Arier, das in der Kampf-Begrifflichkeit der \u201ezwei deutschen Diktaturen\u201c seine Entsprechung findet. Aber egal, ob man dem zustimmt, so demokratisch wie es heute im zwar \u201eb\u00f6sen\u201c Kapitalismus zugeht, sei es in der \u201eSED-Diktatur\u201c ja nun wahrlich nicht gewesen und in der \u00d6ffentlichkeit h\u00e4tten alle nur gefl\u00fcstert, wegen der Staatssicherheit und so. Das Ertragen der Unfreiheit h\u00e4tte sich das \u201eRegime\u201c \u00fcber soziale Zugest\u00e4ndnisse erkauft. So, oder so \u00e4hnlich, ist die Erz\u00e4hlung.</p><p>Jenseits von Sozialpolitik betritt die wohlwollende Betrachter*in von DDR-Realit\u00e4ten aber unsicheres Terrain. Themen, wie Demokratie, Zivilgesellschaft, Meinungs-, Presse- und Reisefreiheit versucht man lieber zu umgehen, weil dies zwangsl\u00e4ufig zum Hinterfragen westlich-b\u00fcrgerlich-liberaler Gesellschaften und ihrer wie eine Monstranz vor sich hergetragener \u201eWerte\u201c f\u00fchren m\u00fcsste.<br/></p><p><i>Ende des Monats erscheint die Fortsetzung, in der wir uns mit diesem unsicheren Terrain besch\u00e4ftigen.</i></p><hr/><h3><b>Anmerkungen:</b></h3><p><b>[1]</b> Zum Thema Treuhand siehe auch: <a href=\"https://www.zeroone.de/movies/goldrausch-die-geschichte-der-treuhand/\">https://www.zeroone.de/movies/goldrausch-die-geschichte-der-treuhand/</a></p><h3><b>Quellen:</b></h3><p><b>[2]</b> <a href=\"https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/38373\">Heske, Gerhard: Wertsch\u00f6pfung, Erwerbst\u00e4tigkeit und Investitionen in der Industrie Ostdeutschlands, 1950-2000. Daten, Methoden, Vergleiche. Historical Social Research, 38(4), 2013</a>, S. 29.</p><p><b>[3]</b> <a href=\"https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/38373\">Ebd.</a> S. 25.</p><p><b>[4]</b> <a href=\"https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/28587\">Heske, Gerhard</a>:<a href=\"https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/28587\"> Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung DDR 1950-1989: Daten, Methoden, Vergleiche. Historical</a> <a href=\"https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/28587\">Social Research, Supplement, 21, 2009</a>, S. 248.</p><p><b>[5]</b> Unentdecktes Land e.V.: Ausstellungskatalog \u201eUnentdecktes Land\u201c, 2019, S. 22.</p><p><b>[6]</b> Ebd. S. 6.</p><p><b>[7]</b> Nobert Podewin (Hrsg.): Braunbuch: Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Berlin (West), Berlin 1968.</p><p></p><hr/><p>Bildlizenz: <a href=\"https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/\">(CC BY-NC 2.0)</a></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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S\u00f6z verdi\u011fimiz \u00fczere, her zaman dedi\u011fimiz gibi, s\u00f6z namus</i>.</h4><p>\u201eVerehrte Br\u00fcder, gesch\u00e4tzte Freunde; hier sind wir wieder. Wie wir versprochen haben, wie wir immer gesagt haben: Die Treue zum Wort ist Ehre.\u201c Mit diesen oder \u00e4hnlichen Worten und erhobener rechter Hand mit Faustring auf der Handinnenfl\u00e4che leitete der verurteilte ultranationalistische Mafiapate und Sto\u00dftruppler des tiefen Staates in der T\u00fcrkei, Sedat Peker, fast alle seine seit Mai diesen Jahres aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) aufgenommenen und per Youtube in alle Welt verbreiteten <a href=\"https://www.youtube.com/user/pekersedsat\">Videos</a> ein. Nicht nur enth\u00fcllte Peker darin viele angeblich neue Details aus dem ekelerregenden, stinkenden Morast von Staat, Gl\u00fccksrittern, selbstverliebten und tiefkorrupten Pseudo-Journalisten, Auftragsm\u00f6rdern und der staatlich organisierten Menschenverachtung, die landl\u00e4ufig als Tiefer Staat bezeichnet wird. Nein, m\u00f6glich war der nur auf den ersten Blick individuelle Rachefeldzug Pekers einzig aufgrund der Versumpfung des Staates insgesamt, das hei\u00dft, der in alle Richtungen ausufernden wechselseitigen Verflechtung von Dezisionismus, Faschisierung und Polykratie im Politischen und des Klientelkapitalismus im \u00d6konomischen (auf diese Begriffe werde ich sp\u00e4ter noch ausf\u00fchrlicher Bezug nehmen). Peker und seine \u201eEnth\u00fcllungen\u201c sind selbst nur platzende Blasen auf der Oberfl\u00e4che dieses Sumpfes, der die gesamte T\u00fcrkei zu ersticken droht. So weit schritt die im Sinne der Regimeerhaltung betriebene Zerst\u00f6rung des sowieso schon recht \u00fcberschaubaren Mindestma\u00dfes an b\u00fcrgerlichem Konstitutionalismus in der T\u00fcrkei und seine Ersetzung durch den Sumpf voran, dass eine Kamera, ein Tripod und ein Faschist-jetzt-M\u00f6chtegern-Volksheld ausreichten, den Machtblock und das ganze Land <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57412909\">erneut in Aufruhr</a> zu versetzen. Beachtlich auch die enorme relative Autonomie dieses Sumpfes, der sich ja \u2013 wie oft vergessen wird \u2013 \u00fcber dem \u201eNormalbetrieb\u201c des neoliberalen Kapitalismus in der T\u00fcrkei erhebt und diesen \u2013 je nach Situation \u2013 so sehr bedroht, wie er ihn aufrechterh\u00e4lt.</p><p>Derzeit befindet sich die T\u00fcrkei in einer sich immer weiter versch\u00e4rfenden Spirale an Instabilit\u00e4t, \u00f6konomischen Verwerfungen, sozialer Depravation, Legitimationskrise, Gewalt, Militarismus und, seit j\u00fcngst, den vermutlich verheerendsten Waldbr\u00e4nden der Republiksgeschichte. Mitten in diesem Inferno t\u00f6nen die Stimmen der wichtigen Akteure des Regimes immer schriller: Wir waren die meisterhaftesten in der Pandemiebek\u00e4mpfung, unsere Wirtschaft ist am besten durch die Corona-Krise gekommen, es gibt keine Verarmung der Menschen, wir haben unendliche Gasvorkommen entdeckt, die T\u00fcrkei wird zum <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-amacimiz-ulkemizi-dorduncu-sanayi-devrimi-urun-ve-teknolojilerinin-ussu-haline-getirmek,919807\">Zentrum</a> der Vierten Industriellen Revolution, wir werden es <a href=\"https://www.yenisafak.com/en/columns/ibrahimkaragul/a-storm-will-strike-after-the-pandemic-turkey-will-further-shock-the-world-in-2021-2047718\">der ganzen Welt</a> zeigen, wir werden auf den Mond steigen, es gibt kaum irgendwo eine so gute Brandbek\u00e4mpfung wie in unserem Land und so weiter und so fort. Es ist eine Grundlehre der Psychoanalyse, dass die Rationalisierung einer bedr\u00fcckenden Situation, eines Traumas, umso \u00fcberbordender, schriller, zwanghafter wird, umso schwieriger die Aufrechterhaltung jener Rationalisierung angesichts der Realit\u00e4t ist.</p><h4><i>Dies ist die kafkaeske \u201eleere fr\u00f6hliche Fahrt\u201c des Regimes, das sich um nichts anderes mehr wirklich schert als um sich selbst \u2013 und dessen Akteuren im Ringen miteinander und mit der Hegemoniekrise die Kontrolle des Fahrwerks immer mehr entgleitet.</i></h4><p>Es gibt aber auch mehr als genug Potenzial in der T\u00fcrkei, um die wilde Fahrt aufzuhalten, bevor das gesamte Land mit der Kutsche in den Abgrund st\u00fcrzt. Das allerdings h\u00e4ngt davon ab, ob sich die politischen Akteure einfinden, jenes Potenzial auch zu entfesseln.<b> [1]</b></p><h2><b>Die Coronakrise in der T\u00fcrkei, oder: Stell Dir vor, Du l\u00fcgst auf Weltma\u00dfstab, und niemanden interessiert es</b></h2><p>Was sich schon im fr\u00fchen Herbst letzten Jahres abzeichnete, wurde im November dann ganz offiziell best\u00e4tigt: Die t\u00fcrkische Regierung hatte in Bezug auf die Coronakrise die vermutlich gr\u00f6\u00dfte bewusste und aktiv vorangetriebene Zahlenmanipulation weltweit betrieben. Der eigentliche Skandal daran ist allerdings, dass es kein Skandal wurde.</p><p>Man muss sich das vergegenw\u00e4rtigen: \u00dcber Monate hinweg zweifelten alle noch nicht vollst\u00e4ndig regimetreuen Institutionen in der T\u00fcrkei, allen voran die <a href=\"https://www.rosalux.de/news/id/43363/trotz-repression-den-menschen-mit-einem-laecheln-dienen\">wahrhaft heroisch</a> um Aufkl\u00e4rung und Volkswohl k\u00e4mpfende \u00c4rztekammer (<i>T\u00fcrk Tabipler Birli\u011fi</i>, TTB), die vom Gesundheitsminister durchgegebenen Zahlen zu Neuinfektionen und Todesf\u00e4llen in Bezug zu Covid an. Dabei waren schon diese <a href=\"https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(21)01098-9/fulltext\">schlimm genug</a>. Aber durch Hochrechnung von beispielsweise durch die TTB selbst kompilierten Daten konnte gesch\u00e4tzt werden, dass sich Anfang November 2020 die Zahl der Neuinfektionen zwischen <a href=\"https://www.ttb.org.tr/kollar/COVID19/haber_goster.php?Guid=19431d58-241d-11eb-a1e1-3f428dfd4b81\">20.000</a> und <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/ttb-her-10-dakikada-1-kisi-covid-19dan-oluyor-haber-1505071\">50.000</a> Personen t\u00e4glich bewegte \u2013 um ein vielfaches h\u00f6her als offiziell vom Gesundheitsministerium durchgegeben. F\u00fcr die durchgehend kritische und aufkl\u00e4rerische Haltung des TTB gegen\u00fcber den Regierungsma\u00dfnahmen wurde dieselbe \u00fcbrigens vom \u201ekleinen Partner\u201c der regierenden Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Aufschwung (<i>Adalet ve Kalk\u0131nma Partisi</i>, AKP), dem Chef der nationalistisch-faschistoiden Partei der Nationalistischen Bewegung (<i>Milliyet\u00e7i Hareket Partisi</i>, MHP) Devlet Bah\u00e7eli des Vaterlandverrates bezichtigt und mit Schlie\u00dfung und juristischer Verfolgung bedroht. Aber dann kam eins nach dem anderen: Zuerst gab der Gesundheitsminister zu, dass die vom Ministerium gemeldeten Neuinfektionen nur diejenigen beinhalteten, die gleich mehrere (!) Symptome aufwiesen \u2013 sprich, eine Minderheit der Corona-Infektionsf\u00e4lle. Kurze Zeit sp\u00e4ter sah sich der Gesundheitsminister von Erdo\u011fans Gnadentum dazu bem\u00fc\u00dfigt, auch \u201ealle anderen\u201c F\u00e4lle zu erw\u00e4hnen, sprich die wahren \u2013 oder zumindest der Wahrheit n\u00e4heren \u2013 Zahlen rauszur\u00fccken. Am 25. November 2020, von einem Tag auf den anderen, gingen daher die Neuinfektionen von grob 5.000 pro Tag auf <a href=\"https://www.bloomberght.com/bakan-koca-bugunku-vaka-sayisi-28-bin-351-vefat-sayisi-168-2269394\">fast 29.000 Neuinfektionen</a> pro Tag hinauf (was im \u00dcbrigen die Reputation und Professionalit\u00e4t der \u00c4rztekammer bewies, die durch unendlich m\u00fchevolle Kleinstarbeit und unter gro\u00dfem politischen Druck sehr nahe an diese Wahrheit rankam). Anfang Dezember \u201ekorrigierte\u201c der Gesundheitsminister dann dementsprechend auch die Gesamtinfektionszahlen nach oben: Waren im November 2020 vor der Bekanntgabe der nachjustierten Zahlen <a href=\"https://www.dw.com/de/streit-%C3%BCber-corona-zahlen-in-der-t%C3%BCrkei/a-55725636\">noch etwas weniger</a> als 30.000 in der T\u00fcrkei lebende Menschen offiziell als infiziert gemeldet, so lag die Zahl am 10. Dezember <a href=\"https://t24.com.tr/haber/saglik-bakani-koca-turkiye-de-toplam-koronavirus-vaka-sayisi-ni-acikladi-1-milyon-748-bin-567,919914\">ganz pl\u00f6tzlich</a> bei fast 1,75 Millionen Personen. Schaut man sich im Corona-Dashboard der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die <a href=\"https://covid19.who.int/region/euro/country/tr\">T\u00fcrkeiseite</a> an, erkennt man sofort die K\u00fcnstlichkeit der Daten, insbesondere die Spr\u00fcnge bei den Neuinfektionen Ende Juli und Ende November 2020. Laut der Investigativplattform<i> Total Analysis</i> befindet sich die T\u00fcrkei auf <a href=\"https://www.totalanalysis.com/Covid19/TAAlerts/179\">Platz 97</a> von 100 der auf Transparenz der Corona-Daten untersuchten L\u00e4nder. \u201eAber was sind denn schon eine Million mehr oder weniger Infektionsf\u00e4lle angesichts der schieren Unendlichkeit des Weltraums?\u201c, ist wohl die Logik, die hinter dieser nonchalanten Herangehensweise steht.</p><p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit den Angaben zu Verstorbenen w\u00e4hrend und wegen der Corona-Pandemie. Zwar hat das Statistische Institut der T\u00fcrkei (<i>T\u00fcrkiye \u0130statistik Kurumu</i>, T\u00dcIK) die t\u00fcrkeiweiten Todeszahlen und -ursachen f\u00fcr das Jahr 2020 immer noch nicht ver\u00f6ffentlicht, ja sogar die Ver\u00f6ffentlichung der Daten <a href=\"https://www.tuik.gov.tr/media/announcements/olum2020_en.pdf\">explizit ohne genaue Terminangabe</a> im Juni 2021 exakt einen Tag vor dem regul\u00e4ren Ver\u00f6ffentlichungstermin verschoben. Aber unabh\u00e4ngige Forscher und Zeitungen konnten aussagekr\u00e4ftige Berechnungen zur Exzessmortalit\u00e4t vorlegen (das hei\u00dft Anzahl oder Rate der Todesf\u00e4lle, die \u00fcber dem Durchschnitt der Todesf\u00e4lle eines Vergleichszeitraumes liegt). Die <a href=\"https://www.nytimes.com/interactive/2020/04/21/world/coronavirus-missing-deaths.html\"><i>New York Times</i></a> wie auch der Epidemiologe Mesut Erzurumo\u011flu kommen zum Beispiel zu \u00e4hnlichen Ergebnissen bez\u00fcglich der Mortalit\u00e4t in Istanbul: Beide gehen f\u00fcr die Millionenstadt von einer Exzessmortalit\u00e4t im Jahre 2020 (im Vergleich zum j\u00e4hrlichen Durchschnitt der Jahre 2015-19) von <a href=\"https://twitter.com/mesuturkiye/status/1381918089831407617\">25%</a> oder etwa 18.000 zus\u00e4tzlichen Toten aus \u2013 <a href=\"https://mesuturkey.wordpress.com/2021/01/03/excess-mortality-in-2020s-turkey/\">fast so vielen</a>, wie offiziell t\u00fcrkeiweit als Corona-Tote des Jahres gemeldet waren. Der Medieninformatiker G\u00fc\u00e7l\u00fc Yaman extrapoliert regelm\u00e4\u00dfig aus den Mortalit\u00e4tsdaten von St\u00e4dten in der T\u00fcrkei, in denen etwa die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung lebt beziehungsweise in denen etwa die H\u00e4lfte aller Todesf\u00e4lle der T\u00fcrkei stattfanden, (Exzess-)Mortalit\u00e4tszahlen und -raten f\u00fcr die gesamte T\u00fcrkei. F\u00fcr den Zeitraum vom 11. M\u00e4rz bis zum 10. November 2020 <a href=\"https://gucluyaman.com/tr/excess-deaths-in-turkey/\">errechnete er so</a> eine Exzessmortalit\u00e4t von 23% oder etwa 30.000 Exzess-Tote (im Vergleich zu den Jahren 2015-19) f\u00fcr das gesamte Land, was in etwa der doppelten Zahl der offiziellen Corona-Toten f\u00fcr den genannten Zeitraum im gesamten Land entspricht. Obzwar es nicht gesichertes Wissen ist, liegt es doch nahe, anzunehmen, dass die gesamte Exzessmortalit\u00e4t als die \u201eechte\u201c Zahl der Corona-Toten zu betrachten ist, zumal Todesf\u00e4lle durch eine Reihe anderer Gr\u00fcnde (Unf\u00e4lle, andere Infektionskrankheiten, usw.) durch die Pandemiebek\u00e4mpfungsma\u00dfnahmen \u00fcblicherweise zur\u00fcckgingen. Dass die Zahl der \u201ewirklichen\u201c Corona-Toten im weltweiten Durchschnitt <a href=\"https://www.bmj.com/content/373/bmj.n1188\">etwa doppelt so hoch</a> ist wie die offiziell gemeldeten Zahlen, wird mittlerweile als wahrscheinlich angesehen. Schaut man sich jedoch Yamans <a href=\"https://gucluyaman.com/tr/excess-deaths/excess-deaths-in-turkey-update-01-06-2021/\">neuere Berechnungen</a> an, die bis in den Juni 2021 hinein reichen, ergeben sich 146.000 Exzesstote im Verh\u00e4ltnis zu 48.000 offiziell gemeldeten Covid-Toten, also ein Verh\u00e4ltnis von etwas mehr als 3:1. Das liegt haupts\u00e4chlich daran, dass in einigen Dezemberwochen, in denen die Pandemie in der T\u00fcrkei bisher am schlimmsten w\u00fctete, Exzessmortalit\u00e4tsraten von laut Yaman unglaublichen 122% erzielt wurden.</p><h4><i>Social statistics are frozen tears \u2013 einer der ersten S\u00e4tze, die man im Studium der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte lernt. Statistiken zu manipulieren und nach Gutd\u00fcnken zu verdrehen, um das von Herrschaft geschaffene oder gef\u00f6rderte Leid der Menschen sch\u00f6nzureden, geh\u00f6rt hingegen zum Alltagsgesch\u00e4ft b\u00fcrgerlicher Politik im Kapitalismus.</i></h4><p>Nur ist es so, dass es mancherorts besonders schamlos, besonders menschenverachtend, besonders gleichg\u00fcltig gegen Wohl und Leid der Bev\u00f6lkerung betrieben wird. Die Zahlen zu Corona-Infektionen in der T\u00fcrkei sind indes nicht die einzigen wichtigen Zahlen, die \u201enach oben\u201c korrigiert wurden im Zeitraum, den diese Analyse abdeckt. Auch die Arbeitslosigkeitszahlen wurden, wie ich noch zeigen werde, nach oben korrigiert. Umgekehrt wurde, was die Inflationszahlen angeht, weiterhin staatlicherseits versucht per Repression realit\u00e4tsgerechtere Repr\u00e4sentationen zu unterbinden.</p><p>Der derzeitige Gesundheitsminister der T\u00fcrkei, Fahrettin Koca, ist indes nur ein \u2013 nat\u00fcrlich nicht unwichtiges und zur Verantwortung zu ziehendes, aber dennoch \u201enur\u201c ein \u2013 Rad im Getriebe einer (Pandemie-)Politik, deren einziges Anliegen politischer Machterhalt inklusive Fortsetzung kapitalistischer Profitakkumulation und so weit m\u00f6glich die Reproduktion der Minimalbedingungen einer sozialen Restlegitimit\u00e4t f\u00fcr jenen Machterhalt ist. Nicht mehr, nicht weniger. Und dass die Opposition in der T\u00fcrkischen Republik wie aber auch die gro\u00dfen, sch\u00f6nen, Werte-und-Normen geleiteten europ\u00e4ischen und transatlantischen Hauptverb\u00fcndeten der T\u00fcrkei die Corona-bezogene Zahlenmanipulation und die darin zum Ausdruck kommende, gezielt gegen menschliches Leid indifferente Pandemiepolitik kaum (Opposition) oder gar nicht (Europa und Co) skandalisierten, zeigt erneut in aller Deutlichkeit, dass b\u00fcrgerlicher \u201eAnti-Autoritarismus\u201c entsprechend der von ihm verfolgten Interessen recht bescheiden ist, wenn es um Wohlstand, Gesundheit und Lebensfreude der \u00fcbergro\u00dfen Mehrheit der Bev\u00f6lkerung geht. Au\u00dfer nat\u00fcrlich, es geht um Belarus, Russland oder China, also um geopolitische Antagonisten des euro-transatlantischen Kapitalismus. Da spielen dann jene Werte und Normen pl\u00f6tzlich eine ganz gro\u00dfe Rolle. Auch diese Bescheidenheit wird uns den restlichen Artikel \u00fcber als Konstante begleiten.</p><h2><b>Der Pandemie ausgeliefert</b></h2><p>Ich bin mir nicht sicher, ob man sagen kann, dass der Hochmut der Regierenden in den letzten Monaten in der T\u00fcrkei zugenommen hat. Ich meine jene Art von ma\u00dflosem selbstverherrlichendem Hochmut, der alle sogar vom Regime selbst gesetzten Regeln und Gesetze mit F\u00fc\u00dfen tritt und sich eines Besseren d\u00fcnkt, dies auch noch jeder und jedem ganz ohne Scham und \u00f6ffentlich unter die Nase reibt und damit das ganze Land verh\u00f6hnt, das unter Pandemie und Wirtschaftskrise \u00e4chzt und kr\u00e4chzt. Dieser Hochmut und die sich darin ausdr\u00fcckende schreiende Ungerechtigkeit sind aber jedenfalls viel sichtbarer und greifbarer geworden, da sie in mittlerweile krassester Diskrepanz zur Lebensrealit\u00e4t des Gro\u00dfteils der Menschen in der T\u00fcrkei inmitten der Pandemie stehen.</p><h4><i>Der Hochmut speist sich aus der Machtrunkenheit einer fast 20-j\u00e4hrigen Regierung, die zudem in den letzten zehn Jahren sukzessive konstitutionelle und b\u00fcrokratische Mechanismen in Politik und teilweise Wirtschaft ersetzt hat durch unmittelbarere Machtbeziehungen \u2013 also dezisionistischen Praktiken \u2013 und Klientelverh\u00e4ltnisse.</i></h4><p>Diese Politik sp\u00fclte damit Tausende kleine Erdo\u011fans, Neureiche, Gl\u00fccksritter, schmierige Gestalten, Menschheitsverbrecher und Opportunisten (erneut) an die Oberfl\u00e4che der \u00d6ffentlichkeit. Sinnbildlich f\u00fcr diesen Hochmut steht Erdo\u011fan h\u00f6chstpers\u00f6nlich, der auf die Frage eines Journalisten, ob er w\u00e4hrend der l\u00e4ngsten Periode der fast totalen Ausgangssperre im gesamten Lande (Mai 2021) in Istanbul bleiben werde, s\u00fcffisant und mit einem L\u00e4cheln auf den Lippen <a href=\"https://t24.com.tr/video/erdogan-dan-tam-kapanma-doneminde-istanbul-da-misiniz-sorusuna-yanit-en-kotu-ihtimalle-turkiye-deyim,38448\">antwortete</a>: \u201eIch habe mich noch nicht endg\u00fcltig entschlossen, ich werde jedenfalls hier in der Gegend sein. Im schlimmsten Fall bin ich in der T\u00fcrkei.\u201c Im schlimmsten Fall dazu verdammt, in der krisengebeutelten T\u00fcrkei inmitten einer rasenden Pandemie zwischen Not und Tod eingesperrt und ohne jegliche Perspektive zu sein \u2013 eine Realit\u00e4t f\u00fcr Viele, einen Witz wert f\u00fcr den Pr\u00e4sidenten des Landes. Aber gehen wir vom Gro\u00dfen ins Kleine. Das Ausma\u00df und die Ungerechtigkeit des Totentanzes der Macht auf das Land zeigt sich nur auf dem Hintergrund der Lebensrealit\u00e4t, zu dem der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung verdammt wurde.</p><p>Wie ich schon in \u201e<a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">Virus als Katalysator</a>\u201c hervorgehoben habe, reagierte der Staat sehr sp\u00e4t und sehr inkonsequent auf die Pandemie. Er begn\u00fcgte sich mit ideologischer Hybris, wohlgemeinten Ratschl\u00e4gen und der Abw\u00e4lzung der Verantwortung auf Individuen aus Angst vor wirtschaftlichem Schaden einerseits, weiteren Legitimationseinbr\u00fcchen durch nat\u00fcrlich kaum staatlich aufgefangene Schlie\u00dfungen und andere Ma\u00dfnahmen andererseits. Wie <a href=\"https://www.institutmolinari.org/wp-content/uploads/sites/17/2021/03/etude-zero-covid2021_en.pdf\">\u00fcberall sonst</a> <a href=\"https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(21)00978-8/fulltext\">auch</a> auf der Welt, wo dieses inkonsequente Vorgehen zwecks sehr kurzfristiger Interessen statt einer konsequenten Eind\u00e4mmungsstrategie pr\u00e4feriert wurde, hatte dies katastrophale Folgen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerungsmehrheit: Sie f\u00fchrte zu teils extrem hohen Reproduktionszahlen des Virus (bis zu 16 in Istanbul im April 2020; sprich, eine infizierte Person steckte rechnerisch 16 weitere Personen an), 2021 auch zu extrem hohen Inzidenzzahlen von \u00fcber 900 auf 100.000 Personen (<a href=\"https://www.cnnturk.com/turkiye/il-il-risk-haritasi-guncellendi-mi-19-nisan-2021-illere-gore-haftalik-koronavirus-vaka-sayilari-artan-ve-azalan-iller\">beispielsweise</a> in Istanbul und \u00c7anakkale, 10.-16. April 2021), zu t\u00fcrkeiweiten <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/2823868-turkuaz-tablonun-merkezine-girdim\">PCR-Testpositivraten</a> von <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/koronavirus-testi-turkiyede-yeterli-miktarda-test-yapiliyor-mu-1836797\">10-20%</a> und zu den zuvor angef\u00fchrten Zahlen betreffs Gesamtinfektionen und Todesf\u00e4llen. Weitergehende Ausgangssperren erfolgten nicht pr\u00e4ventiv, sondern wortw\u00f6rtlich in letzter Sekunde, um das vollst\u00e4ndige Entgleiten der Pandemie zu verhindern, etwa in Situationen, in denen die Krankenh\u00e4user in Gro\u00dfst\u00e4dten wie Izmir, Istanbul und Ankara <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/bilim-kurulunun-ilk-toplantisi-haftaya-ertelendi-1826756\">fast vollst\u00e4ndig</a> ausgelastet waren und <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/turkiye-vaka-sayisinda-avrupa-birincisi-oldu-1826754\">zu kollabieren</a> drohten (so im April und November 2020 und dann nochmal im April/Mai 2021).</p><p>Die erdr\u00fcckende Last einer au\u00dfer Rand und Band geratenen Pandemie machte sich auch in den Reaktionen des Regimes bemerkbar: Erdo\u011fan klang <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/04/turkish-health-experts-workers-call-social-support-ahead-17-day-covid-lockdown\">fast panisch</a>, als er im April 2021 feststellte, dass Europa schon zu \u00d6ffnungen \u00fcbergehe \u2013 w\u00e4hrend sich die Infektionslage in der T\u00fcrkei immer weiter zuspitze. Er erwarte heftige Folgen, wenn nichts unternommen w\u00fcrde (er dachte dabei nat\u00fcrlich ausschlie\u00dflich an den Tourismus). Auch der Gesundheitsminister wusste entgegen seiner durchgehend relativierenden Herangehensweise sehr wohl um die prek\u00e4re Situation in den Krankenh\u00e4usern. Er verh\u00e4ngte daher schon Ende Oktober 2020 ein <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-28/turkey-bars-health-workers-quitting-as-covid-deaths-near-10-000\">K\u00fcndigungsverbot</a> f\u00fcr Werkt\u00e4tige im Gesundheitssektor. Auch zum Zeitpunkt, als es zu Ausgangssperren kam, lag die Priorit\u00e4t auf der Wahrung kapitalistischer Profite vor dem gesundheitlichen Interesse der Bev\u00f6lkerung und insbesondere der Arbeiter*innen: W\u00e4hrend dem \u201etotalen Lockdown\u201c im Mai 2021 \u2013 \u00fcber Wochen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/icisleri-bakanligi-ndan-tam-kapanma-tedbirleri-genelgesi,948642\">galt eine absolute Ausgangssperre</a> im gesamten Land mit wenigen Ausnahmen \u2013 mussten immer noch 61% aller Arbeiter*innen <a href=\"http://arastirma.disk.org.tr/wp-content/uploads/2021/04/Tam-kapanma-yok-on-milyonlarca-isci-calismaya-devam-ediyor-Bulten.pdf\">normal weiter arbeiten</a>, das hei\u00dft sich dem Infektionsrisiko aussetzen. Nur 17% aller Arbeiter*innen profitierten vollumf\u00e4nglich von den Ausgangssperren, sprich ersparten sich den Arbeitsweg und den Aufenthalt am Arbeitsort \u2013 und damit die Infektionsgefahr. Was es hei\u00dft, inmitten einer Pandemie weiter arbeiten zu m\u00fcssen, das zeigt <a href=\"http://www.birlesikmetalis.org/index.php/tr/guncel/basin-aciklamasi/1603-metal-sektorunde-salgin-ciddi-boyutlara-ulasti\">ein Bericht</a> der linken Metallarbeiter*innengewerkschaft Birle\u015fik Metal-\u0130\u015f: Allein im Zeitraum zwischen M\u00e4rz und November 2020 infizierten sich 7,3% der Arbeiter*innen in Betrieben, in denen Birle\u015fik Metal-\u0130\u015f organisiert ist, offiziell mit dem Coronavirus. Einem Bericht der Gewerkschaft zufolge gab es zum Ver\u00f6ffentlichungszeitpunkt desselben in 86,75% der Betriebe, in denen Birle\u015fik Metal-\u0130\u015f organisiert ist, aktive Coronavirus-Infektionsf\u00e4lle.</p><p>Wie anderorts auch intervenierte der t\u00fcrkische Staat gegen die von Corona ausgel\u00f6ste Wirtschaftskrise. Ein Gro\u00dfteil der wirtschaftlichen St\u00fctzungshilfen gingen dabei an das Gro\u00dfkapital (Steuererleichterungen, Lohnnebenkostenhilfen, billige Kredite, Devisenverk\u00e4ufe der Zentralbank zur Stabilisierung der Lira), so gut wie nichts an den restlichen Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung. Die Ausma\u00dfe lassen sich mittlerweile etwas besser quantifizierend vergleichen. Nach Zahlen des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IMF) vergab die T\u00fcrkei w\u00e4hrend der Pandemie (bzw. im Zeitraum M\u00e4rz 2020 bis M\u00e4rz 2021) Hilfen in Form von zus\u00e4tzlichen unmittelbaren Ausgaben, Einkommensst\u00fctzen und Steuernachl\u00e4ssen und \u00c4hnlichem <a href=\"https://www.imf.org/en/Topics/imf-and-covid19/Fiscal-Policies-Database-in-Response-to-COVID-19\">in H\u00f6he von nur</a> 1,9%/BIP. Sie hat damit vor Mexiko und einigen wenigen armen L\u00e4ndern wie Nigeria, Myanmar und Bangladesch fast am wenigsten unter den vom IMF untersuchten L\u00e4ndern f\u00fcr die Breite der Bev\u00f6lkerung in der Pandemie getan (relativ zum BIP betrachtet). <b>[2]</b> Zum Vergleich: Die durchschnittlichen zus\u00e4tzlichen unmittelbaren Ausgaben der reichen L\u00e4nder betrug 16,42% ihres jeweiligen BIP, die der L\u00e4nder mit mittlerem Einkommen (worunter auch die T\u00fcrkei f\u00e4llt) 4,0% und die der armen L\u00e4nder 1,6%. Demgegen\u00fcber erreichten die indirekten Ausgaben (Kredite, Schulden und Garantien) der T\u00fcrkei mit 9,4%/BIP fast das Niveau der reichen L\u00e4nder (durchschnittlich 11,3%). Und auch nur deshalb lagen die gesamten Ausgaben (direkte + indirekte) der T\u00fcrkei im Rahmen der Pandemie mit etwa 11,3%/BIP bedeutend h\u00f6her als der Durchschnitt der L\u00e4nder mit mittlerem Einkommen (durchschnittlich 6,5%). In keinem anderen der vom IMF untersuchten L\u00e4nder machten daher die direkten Ausgaben und Einkommensst\u00fctzen mit <a href=\"http://arastirma.disk.org.tr/wp-content/uploads/2021/02/Covid-19-Harcamalar%C4%B1-Raporu-OCAK-2021.pdf\">nur 11%</a> aller Hilfen w\u00e4hrend der Pandemie 2020 einen so kleinen Anteil aus wie in der T\u00fcrkei. Daher hatte der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung und darin insbesondere die Werkt\u00e4tigen in der T\u00fcrkei nicht nur unter dem katastrophalen Pandemiemanagement des Regimes zu leiden, sondern wurde zugleich heftig gebeutelt von der durch die Pandemie versch\u00e4rften Wirtschaftskrise.</p><h4><i>Und die Wirtschaftskrise war und ist f\u00fcr die unteren und mittleren Klassen ziemlich heftig. Wer der Skylla der Infektion entkam, den verschlang die Charybdis der Arbeitslosigkeit und der Armut.</i></h4><p>Zwar verzeichneten die Daten des T\u00dcIK durchgehend eine immer weiter sinkende (!) Arbeitslosigkeitsrate. Das lag aber haupts\u00e4chlich daran, dass Hunderttausende Menschen aus Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen flogen und als dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verf\u00fcgung stehend klassifiziert oder auf \u201eunbezahlten Urlaub\u201c gesetzt wurden, so dass parallel zur \u201esinkenden\u201c Arbeitslosenquote die Erwerbsquote (Anteil der Erwerbspersonen und der Arbeitslosen, die prinzipiell dem Arbeitsmarkt zur Verf\u00fcgung stehen) laufend sank. So flogen beispielsweise <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tuik-issizlik-rakamlarini-acikladi,940653\">\u00fcber 1,5 Millionen Menschen</a> bis Februar 2021 aus der Erwerbst\u00e4tigenbev\u00f6lkerung heraus. Oder es wurden w\u00e4hrend der Pandemie trotz Entlassungsverbotes <a href=\"https://t24.com.tr/haber/disk-ar-kod-29-ile-2020-yilinda-176-bin-662-isci-isten-cikarildi,943927\">\u00fcber 175.000 Arbeiter*innen</a> mittels einer als Ausnahme vom Entlassungsverbot weiterhin g\u00fcltigen und prompt weitfl\u00e4chig missbrauchten Bestimmung des Arbeitsgesetzes namens Kod 29 (wegen \u201emoralischen Fehlverhaltens\u201c oder \u00e4hnlichem) entlassen, was einer <a href=\"https://t24.com.tr/haber/pandemide-kod-29-ile-atilanlarin-orani-%20yuzde-%2070-artti,939439\">Zunahme</a> der Entlassungen wegen jener Bestimmung um 70% entsprach. Schon l\u00e4nger besteht breite Einigkeit dar\u00fcber, dass die Arbeitslosigkeitszahlen des T\u00dcIK nicht die Realit\u00e4t abbilden, <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/isgucu-verileri-masaya-yatirildi-issizligin-izlenmesinde-yeni-ve-yaratici-cozumler-gerekli-haberi-481463\">auch</a> unter Mainstream-\u00d6konom*innen. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/disk-tuik-in-issizlik-verileri-gercekleri-yansitmiyor-genis-tanimli-issizlik-yuzde-27,925919\">W\u00e4hrend</a> beispielsweise das T\u00dcIK im Januar 2021 die Arbeitslosenquote mit 12,7% angab, berechnete die linke Gewerkschaftskonf\u00f6deration DISK die realit\u00e4tsgerechtere breitere Arbeitslosigkeitsquote auf etwa 27%. In diesem Fall wurde dem T\u00dcIK die Diskrepanz zwischen ihren Zahlen und der Realit\u00e4t zu gro\u00df: Sie passte ihre Zahlen <a href=\"https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Isgucu-Istatistikleri-Ocak-2021-37486\">im M\u00e4rz 2021</a> an und ver\u00f6ffentlicht seitdem auch eine sogenannte \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/tuik-acikladi-issiz-sayisi-4-milyon-236-bin-kisi-oldu,951533\">Inaktivenquote</a>\u201c (Arbeitslose + vor\u00fcbergehend Unterbesch\u00e4ftigte + potenziell Arbeitsf\u00e4hige). Diese entspricht in etwa den Angaben der DISK zur breiteren Arbeitslosigkeitsquote und ist dementsprechend viel h\u00f6her (bisher durchgehend zwischen 20-30% im Jahr 2021) als die offizielle Arbeitslosigkeitsquote. Noch schlimmer ist die Situation der Jugendlichen (bzw. der etwa 18-25/30-J\u00e4hrigen): Liegt die offizielle Jugendarbeitslosigkeitsquote schon bei 25%, geht sogar eine Untersuchung der Universit\u00e4t der Union der Kammern und B\u00f6rsen der T\u00fcrkei (<i>T\u00fcrkiye Odalar ve Borsalar Birli\u011fi</i>, TOBB) in Ankara davon aus, dass sie <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/02/turkey-pandemic-youth-unemployment-reaches-alarming-level.html\">real</a> bei 38,5% anzusetzen ist. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/18-22-yas-araligindaki-issiz-genclerin-yuzde-74-3-u-sadece-yol-yemek-veren-bir-yerde-calismaya-razi,919818\">Fast Dreiviertel</a> aller arbeitslosen 18-22-J\u00e4hrigen stimmen zu, dass sie einen Job annehmen w\u00fcrden, auch wenn die Entlohnung nur aus Bezahlung des Fahrtweges und Verpflegung best\u00fcnde, so das Ergebnis einer Untersuchung, an der auch der Arbeitgeberverband (<i>T\u00fcrkiye \u0130\u015fveren Sendikalar\u0131 Konfederasyonu</i>, T\u0130SK) mitarbeitete. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/genclerin-yuzde-76-si-yurt-disinda-yasamak-istiyor-her-iki-gencten-biri-mutlu-degil,900749\">Fast alle</a> (86%) Jugendlichen sind verschuldet und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/genc-issizlik-yuzde-25-3-e-yukseldi-en-buyuk-hayalleri-yurtdisinda-yasamak,953186\">wollen</a> ins Ausland (76%). Laut einer <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/ekonomi/genclerimizin-yuzde-70i-ekonomik-endise-icinde-6548984/\">OECD-Untersuchung</a> von 2021 f\u00fcrchten 70% aller Jugendlichen in der T\u00fcrkei um die eigene finanzielle Situation und die ihrer Familien, 78% sind der Meinung, dass die Regierung h\u00e4tte mehr tun k\u00f6nnen w\u00e4hrend der Pandemie. Trotz dieser also massiven, teils sogar nach geltendem Recht semi-/illegalen Zunahme von Unterbesch\u00e4ftigung und Erwerbslosigkeit und, wie gleich gezeigt wird, der damit einhergehenden weitfl\u00e4chigen Verarmung, hatte der Staat den Werkt\u00e4tigen mit 39 TL Kurzarbeitsgeld pro Tag (derzeit umgerechnet etwas weniger als 4 \u20ac) kaum etwas zu bieten. Im Gegenteil: Er <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/ekonomi/emeklilik-zorlasiyor-isten-atma-kolaylasiyor-6061987/\">f\u00f6rderte sogar</a> eine sehr kurzfristige und rechtlose Besch\u00e4ftigung von Jugendlichen und Menschen im Alter von 50 Jahren aufw\u00e4rts.</p><h4><i>Als geradezu notwendige Konsequenz aus dem Herunterfahren der Wirtschaft, einer erneut induzierten Wirtschaftskrise und fehlender Unterst\u00fctzung folgte eine grassierende Armut.</i></h4><p>Je nach Umfrage zwischen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halkin-dortte-biri-gida-ve-barinma-gibi-temel-ihtiyaclarini-karsilayamiyor,949952\">27%</a> und <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/ekonomi/gelirler-eridi-borclar-katlandi-6102430/\">38%</a> der Bev\u00f6lkerung haben mittlerweile Schwierigkeiten damit, f\u00fcr Grundbed\u00fcrfnisse wie Wohnung und Lebensmittel aufzukommen. Mindestens 30% (fr\u00fchere Umfragen: 50%) haben <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/ekonomi/gelirler-eridi-borclar-katlandi-6102430/\">Einkommenseinbu\u00dfen</a> zu verzeichnen und die Einkommensungleichheit erreicht mittlerweile <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/06/official-data-lays-bare-deepening-poverty-turkey\">fast das Niveau</a> von Brasilien, Mexiko und S\u00fcdafrika. Schon die offiziellen Inflationszahlen f\u00fcr Lebensmittel zeigen, dass deren Preiserh\u00f6hung <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2021/01/turkey-firm-fined-food-prices-high-inflation-economy-lira.html\">betr\u00e4chtlich \u00fcber</a> der durchschnittlichen Inflationsrate liegt (im Durchschnitt 20% vs. 12,28% im Jahr 2020); alternative Berechnungen gehen sogar <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-55935159\">von bis zu</a> 30-50% <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/birlesik-kamu-isin-halkin-enflasyonu-arastirmasinin-carpici-sonuclarini-acikladi-1830313\">Teuerung</a> der Grundnahrungsg\u00fcter aus. Arbeitslosigkeit und Teuerung sind so grassierend und heftig geworden, dass sogar das Gro\u00dfkapital davor mahnt, dass sie \u201e<a href=\"https://www.bloomberght.com/tusiad-baskani-kaslowski-istihdama-yonelik-destekler-devam-etmeli-2279214\">unsere Zukunft gef\u00e4hrden</a>\u201c \u2013 sprich, die stabile Zustimmung zur kapitalistischen Produktionsweise in Frage stellen k\u00f6nnen. Der ehemalige Chef des T\u00dcIK, der mittlerweile in einer kleinen Oppositionspartei ehemaliger AKP\u2019ler organisiert ist, berichtet von <a href=\"https://t24.com.tr/video/eski-tuik-baskani-berat-bey-doneminde-verilere-guvensizlik-daha-fazlaydi-gercek-enflasyon-yuzde-15-in-cok-uzerinde,36849\">kreativen Methoden</a> in den Inflationsberechnungen des T\u00dcIK, um die Zahlen so niedrig wie m\u00f6glich zu halten. Aber selbst nach Zahlen des T\u00dcIK litten 27,4% der Bev\u00f6lkerung 2020 unter \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/bunca-yoksulluga-ragmen-akp-nasil-hala-yuzde-35-aliyor-dunya-bankasi-nin-yaniti,31441\">ernstem materiellen Mangel</a>\u201c. Nach Definition der Weltbank (WB) galten 12,2% der Bev\u00f6lkerung als arm \u2013 im Gegensatz zum Jahre 2018, dem diesbez\u00fcglich bisher besten Jahr der T\u00fcrkei, in dem die Rate bei 8,5% lag. Als arm in einem Land wie der T\u00fcrkei gelten den Berechnungen der WB zufolge Personen, die mit weniger als 5,5 $ (38 TL, auf das Jahr 2020 gerechnet) pro Tag \u00fcber die Runden kommen. Ein Schelm, wer den Grund der Festsetzung des Kurzarbeitsgeldes bei extrem niedrigen 39 TL darin sucht, den Anstieg der von der WB sowieso schon sehr niedrig angesetzten Schwelle zur \u201eArmut\u201c gerade noch so etwas zu umgehen. \u00dcber 40% der Bev\u00f6lkerung ist \u2013 zumeist in Form von privaten Konsumkrediten \u2013 an Banken <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/ekonomi/34-5-milyon-kisinin-899-milyar-lira-borcu-var-6442304/\">verschuldet</a>; ihre Schuldlast stieg 2020 um 36%. Und das sind nur die \u201eoffiziellen\u201c Schulden, also solche, die institutionell stattfinden und daher objektiviert erfasst werden. Laut einer Analyse der Stadtverwaltung Istanbuls f\u00fchren mittlerweile 71% der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ekmek-yumurta-ve-sigarada-veresiye-donemi-istanbul-da-bakkallarin-yuzde-71-i-veresiye-defter-tutuyor,937170\">Sp\u00e4tis/Kioske</a> Schuldenhefte, wobei die Gesamtschuldlast der Kund*innen w\u00e4hrend der Pandemie um 54,8% und die Zahl der Kund*innen, die auf Pump beim Kiosk kaufen, um 32,2% gestiegen ist. Die drei Hauptg\u00fcter, die auf Pump gekauft wurden, sind in absteigender Reihenfolge Brot, Eier und Zigaretten. Die Kleinladenbesitzer*innen sind aber <a href=\"https://t24.com.tr/haber/esnafin-borcluluk-orani-yuzde-65-e-cikti-veresiye-dustu-kart-kullanimi-artti,947597\">mittlerweile</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/esnafin-borcluluk-orani-yuzde-65-e-cikti-veresiye-dustu-kart-kullanimi-artti,947597\">selbst</a> zu 65% verschuldet und verlangen immer mehr Kreditkartenk\u00e4ufe statt K\u00e4ufe auf Pump. Zudem k\u00f6nnen viele nicht von den Coronahilfen profitieren und halten sie f\u00fcr ungen\u00fcgend.</p><h2><b>Die Selbstverg\u00f6ttlichung der Macht</b></h2><p>Der Hunger und die Armut brechen sich mittlerweile teils mit Gewalt und gegen das Bewusstsein Bahn. Der Vorsitzende des <a href=\"https://t24.com.tr/video/erdogan-a-evimize-ekmek-goturemiyoruz-diyen-minibusculer-odasi-baskani-sozlerim-carpitildi,33542\">Minibusfahrervereins</a> in Malatya <b>[3]</b> und eine <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/erdogana-acim-diye-seslenmisti-ac-acikta-degilim-allah-benim-omrumden-alsin-onunkine-versin-1813877\">arme \u00e4ltere Frau</a> in Elaz\u0131\u011f, beide AKP-Anh\u00e4nger*innen beziehungsweise Mitglieder der AKP, flehten unabh\u00e4ngig voneinander ganz impulsiv Erdo\u011fan bei dessen Besuch in ihrer jeweiligen Stadt an: Wir hungern, wir haben kein Brot mehr im Haus! Und ruderten sp\u00e4ter \u2013 da setzte das politische Bewusstsein wieder ein \u2013 zur\u00fcck und bezeugten mehrmals dem\u00fctig ihren Respekt vor Erdo\u011fan. Aber die Hybris, der Hohn auf alle zur Armut willentlich und wissentlich Verdonnerten des Landes, ist dort grenzenlos, wo die Apotheose der Macht regiert. Erdo\u011fan reagierte auf das Flehen des Minibusfahrers mit einem <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-evimize-ekmek-goturemiyoruz-diyen-esnafa-bu-bana-abartili-geldi-al-bu-keyif-cayini-ic,911288\">lapidaren</a>: \u201eDas erscheint mir jetzt ein bisschen \u00fcbertrieben. Hier, g\u00f6nn dir einen Schwarztee zur Vergn\u00fcgung!\u201c \u2013 und reichte ihm ein Paket Schwarztee. Einige Monate sp\u00e4ter, im Juni 2021, kam Erdo\u011fan nochmals auf den Hunger zur\u00fcck und meinte <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-neymis-millet-acmis-ac-olarak-dolasanlari-buyurun-siz-de-doyuruverin,957912\">ganz ohne Schamesr\u00f6te</a> zur Opposition: \u201eWie bitte, das Volk ist hungrig? Bitte, dann s\u00e4ttigt es doch.\u201c \u00c4hnlich Emine Erdo\u011fan, die Ehefrau des Pr\u00e4sidenten, die allen Ernstes in einem Werbevideo l\u00e4chelnd und wohlmeinend die Bev\u00f6lkerung dazu aufrief \u201e<a href=\"https://haber.sol.org.tr/haber/iste-porsiyonlarinizi-kucultun-diyen-emine-erdoganin-sarayinin-mutfak-harcamasi-308327\">die Portionen kleiner</a>\u201c zu halten (um Abf\u00e4lle zu reduzieren) \u2013 wobei sie nat\u00fcrlich selber bekannt ist f\u00fcr ihnen <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/turkeys-ruling-party-elites-love-splurge-while-preaching-frugality\">ostentativen Luxuskonsum</a>. Und nicht zuletzt: Als fast die H\u00e4lfte der Provinzen der T\u00fcrkei Ende Juli-Anfang August 2021 mit den verheerendsten Waldbr\u00e4nden der letzten Jahrzehnte zu k\u00e4mpfen hatten (dazu sp\u00e4ter mehr), lie\u00df es sich Erdo\u011fan nicht nehmen, mit einem riesigen Konvoi durch die Provinzhauptstadt einer der am heftigsten betroffenen Provinzen, Marmaris, zu fahren, dabei den gesamten Verkehr inklusive der Feuerwehr lahmzulegen und Tee vom Bus aus <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=Rh_LzMR2DnI\">mit herrschaftlichen Gr\u00fc\u00dfen</a> an Umstehende zu verteilen. Suetons Kaiser Nero sang wenigstens nur Ges\u00e4nge auf das brennende Rom, Erdo\u011fan hingegen verh\u00f6hnt noch zus\u00e4tzlich das Land, die Natur und die Bev\u00f6lkerung.</p><p>Ein Kleinladenbesitzer in Denizli, der vom Gouverneur w\u00e4hrend einer PR-m\u00e4\u00dfig inszenierten Inspektionstour zur Umsetzung der Corona-Ma\u00dfnahmen gefragt wurde, warum er keine Maske trage, <a href=\"https://t24.com.tr/video/denizli-valisinin-maske-sorusuna-gebermek-istiyorum-cevabi-veren-o-esnaf-konustu-maske-benim-son-derdim,33338\">antwortete</a>: \u201eDie Maske ist mein allerletztes Problem. Ich mache keine 15 Lira am Tag, kann Mieten und Strafen nicht mehr zahlen. Ich m\u00f6chte verrecken.\u201c Der Hohn der Macht: Derselbe Gouverneur lie\u00df w\u00e4hrend derselben Inspektionstour einen D\u00f6nerimbiss schlie\u00dfen, weil die Arbeiter*innen ohne Handschuhe arbeiteten (was im \u00dcbrigen keine Corona-Auflage war) und die Maske unter der Nase trugen. Erst nachdem sein Vorgehen \u00f6ffentlich skandalisiert wurde, ruderte er zur\u00fcck. Dabei schl\u00e4gt sich die Materialit\u00e4t der um sich greifenden Armut und Depravation mitunter auch <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/iktidar-muhalefete-degil-gerceklere-yeniliyor-makale-1502872\">wider Willen</a> im Handeln des Regimes nieder: Devlet Bah\u00e7eli, Chef der MHP und <a href=\"https://www.mei.edu/publications/erdogans-two-man-rule\">Hauptb\u00fcndnispartner</a> der AKP, rief eine Kampagne ins Leben, wonach <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-den-askida-ekmek-elestirilerine-sert-tepki,910276\">Brote an Gabenz\u00e4une</a> f\u00fcr Arme aufgeh\u00e4ngt werden sollten f\u00fcr Bed\u00fcrftige \u2013 wenige Tage sp\u00e4ter meinte Erdo\u011fan, Brotlosigkeit g\u00e4be es in der T\u00fcrkei nicht. Wie eine Furie w\u00fctete Bah\u00e7eli dann allerdings, als seine Aktion ganz zurecht als unwillk\u00fcrliches Eingest\u00e4ndnis der Existenz weitfl\u00e4chiger Armut seitens eines der wichtigsten Akteure des Regimes interpretiert und skandalisiert wurde.</p><p>Hohn und Verachtung f\u00fcr das Volk h\u00f6ren hier nicht auf. W\u00e4hrend fast das gesamte Land im Mai 2021 au\u00dfer f\u00fcr Arbeit und das Notwendigste in die eigenen vier W\u00e4nde eingesperrt war, galt Narrenfreiheit f\u00fcr Tourist*innen. Geradezu auf Knien erbettelte sich das Regime von den unterschiedlichen L\u00e4ndern Tourist*innenstr\u00f6me, um die eigenen einbrechenden Devisenreserven noch zu retten. <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/ahmet-hakan/mevlut-cavusogluna-turistin-gorebilecegi-herkesi-asilayacagiz-cumlesini-sordum-41805811\">Sogar die Impfkampagne</a> sollte f\u00fcr den Tourismus passend zugeschnitten sein: Der Au\u00dfenminister Mevl\u00fct \u00c7avu\u015fo\u011flu gab Anfang Mai durch, dass sie jede Person bis Ende Mai impfen w\u00fcrden, mit der ein Tourist in Kontakt treten k\u00f6nnte, also Werkt\u00e4tige der Tourismusbranche. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Impfkampagne im Land noch nicht einmal wirklich angefangen. Ein dazugeh\u00f6riges staatliches Werbevideo verbreitete eine Aura von Sommer, Sonne, guter Laune und lauter wuseligen werkt\u00e4tigen T\u00fcrk*innen voller Lebensfreude und Gastfreundschaft, die Masken mit der Aufschrift \u201e<a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=Mz4Ps40qqRc\">Enjoy, I\u2019m vaccinated</a>\u201c trugen. <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/bulent-kilic-in-istanbul-da-kapanma-fotografi-sosyal-medyanin-gundeminde-128-milyar-dolari-eritip-3-5-dolara-bel-baglayanlar-utansin,12003\">Ein eindr\u00fcckliches Foto</a> des AFP-Korrespondenten B\u00fclent K\u0131l\u0131\u00e7, der wenig sp\u00e4ter am 26. Juni 2021 beim Istanbul Pride von durchdrehenden Polizisten <a href=\"https://t24.com.tr/haber/polisin-bogazina-bastirarak-gozaltina-aldigi-afp-foto-muhabiri-bulent-kilic-orada-bir-gazeteci-oldurulmeye-calisildi,962002\">fast umgebracht wurde</a>, brachte hingegen das reale Grauen zum Ausdruck: Eine finster und ungl\u00fccklich in die Ferne blickende t\u00fcrkische Putzkraft, neben ihr lachende Tourist*innen in Saus und Braus, inmitten des ansonsten verlassenen historischen Altstadtteils Istanbuls, Fatih. \u201eTurkey Unlimited. Now available without Turks\u201c, brachte es<a href=\"https://www.reuters.com/world/middle-east/turkey-welcomes-foreign-tourists-while-locking-down-locals-2021-05-05/\"> einer</a> der zynischen Kommentare auf Social Media auf den Punkt.</p><h4><i>Aber die wahre Apotheose der Macht auf dem R\u00fccken und in Erniedrigung des Volkes, die absolute Indifferenz gegen alles Recht und alle Norm, sogar der vom Regime selbst gesetzten, das reine Regime des Dezisionismus, stellt alles andere in den Schatten.</i></h4><p>Denn f\u00fcr das Regime galten keine Ausgangsbeschr\u00e4nkungen und keine Corona-Ma\u00dfnahmen. Seit Oktober 2020 \u2013 w\u00e4hrend die T\u00fcrkei dabei war, einen der bis dahin schlimmsten Gipfel der Pandemie zu durchleben \u2013 hielt die AKP unter F\u00fchrung von Erdo\u011fan dutzende kleinere und gr\u00f6\u00dfere Provinzkongresse in geschlossenen R\u00e4umen ab und zwar mit Tausenden (!) von Teilnehmenden, gegen alles Recht und gegen alle Ma\u00dfnahmen und in totaler Ignoranz der grassierenden Pandemie. Dabei wurde der Hochmut noch <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56177899\">schamlos</a> zur Schau gestellt. Erdo\u011fan hob etwa voller Freude (!) auf dem Kongress seiner Partei in der am Schwarzmeer gelegenen Stadt Rize am 15. Februar 2021 hervor: \u201eWir halten Kongresse ab w\u00e4hrend einer Pandemie und der Kongresssalon in Rize ist zum Bersten voll!\u201c Und alle klatschen und johlen. Nat\u00fcrlich sprechen <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56184456\">einige Indizien</a> und der gesunde Menschenverstand <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/gundem/lebaleb-kongrelerin-bilancosu-agirlasiyor-ilk-10a-girdiler-6289871/\">daf\u00fcr</a>, dass diese Kongresse die Pandemie beschleunigt haben; abschlie\u00dfend l\u00e4sst sich das jedoch nicht feststellen, <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56598812\">da nicht einmal</a> die Mitglieder des wissenschaftlichen Pandemiebeirats des Gesundheitsministers genauere Kenntnis \u00fcber Ort und Grund von Infektionen besitzen. <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-dakika-bakan-kocadan-korkutan-mutasyonlu-virus-aciklamasi-1824374\">Das Einzige</a>, was der Gesundheitsminister zur Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber allen Corona-Regeln seitens seiner Partei zu sagen hatte, war: \u201eIch finde es jetzt nicht richtig, deshalb [wegen den Kongressen, A.K.] eine Geschichte \u00fcber Privilegien zu spinnen.\u201c Der Chef der Rundfunk- und Fernsehbeh\u00f6rde (RT\u00dcK) gab eine Memo <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/televizyon-kanallarina-lebaleb-talimati-ortaya-cikan-rtuk-baskani-sahin-kendini-boyle-savundu-1832926\">an alle Fernsehsender</a> durch, dass sie nicht die Kongresse zeigen sollen, sondern leere Stra\u00dfen.</p><p>Damit nicht genug. So wurden inmitten des \u201etotalen\u201c Lockdowns mehrere \u00f6ffentliche Begr\u00e4bniszeremonien von prominenten AKP-Mitgliedern oder Staatsb\u00fcrokraten abgehalten, obwohl diese verboten waren, erneut mit <a href=\"https://t24.com.tr/video/erdogan-tam-kisitlamada-kalabalik-bir-grupla-umraniye-belediye-baskani-nin-babasinin-cenaze-namazina-katildi,38494\">Hunderten</a> bis <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/02/24/ak-partiye-her-sey-serbest-kovit-yasaklari-da-hakaret-de/\">Tausenden</a> Teilnehmenden, darunter auch Ministern, dem Pr\u00e4sidenten selber, hohen B\u00fcrokrat*innen und so weiter. Die Kr\u00f6nung in der Missachtung der Corona-Ma\u00dfnahmen leistete sich erneut Erdo\u011fan: <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-erdogan-kulliye-de-iftar-verdi,945715\">Am selben Tag</a>, an dem Erdo\u011fan weitgehende Beschr\u00e4nkungen des Lebens wegen der Pandemie verk\u00fcndete (dem 13. April 2021, zu Beginn des Fastenmonats Ramadan), darunter ein Verbot gemeinschaftlichen Fastenbrechens, hielt er selbst ein gr\u00f6\u00dferes gemeinschaftliches Fastenbrechen in seinem Pr\u00e4sidentenpalast ab. Deutlicher h\u00e4tte man nicht vorf\u00fchren k\u00f6nnen, dass Gesetze nur f\u00fcr das zertretene Volk, nicht aber f\u00fcr die Damen und Herren der Macht gelten. Vom Regime organisierte Massenveranstaltungen und Demonstrationen wie beispielsweise <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/ayasofya-da-87-yil-sonra-ilk-kez-ramazan-bayrami-namazi-kilindi-tam-kapanmaya-ragmen-binlerce-kisi-katildi,12014/2\">ein Gebet</a> mit tausenden Teilnehmenden vor der Hagia Sophia zum Zuckerfest oder <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sokaga-cikma-yasagina-ragmen-turkiye-nin-bircok-ilinde-israil-protestosu-duzenlendi-araclarla-konvoy-yapildi,951694\">pro-Jerusalem Demonstrationen</a> und Autokonvois waren inmitten des \u201etotalen\u201c Lockdowns im Mai 2021 erlaubt. Die Demos der HDP oder von Feminist*innen etwa anl\u00e4sslich des Austritts aus der Istanbul Konvention oder der Istanbul Pride waren es indes nicht. Verhaftungen auf der Istanbul Pride wurden mit dem Verweis auf Corona-Schutzma\u00dfnahmen vollzogen \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/onur-yuruyusu-nde-kafeden-gozaltina-alinan-murat-kahya-anlatti-sadece-sokakta-bulunmaktan-gozaltina-islemine-tabi-tutuldum-herkes-sussun-isteniyor,962123\">selbstverst\u00e4ndlich</a> von einem Polizeioffizier veranlasst, der selbst ohne Maske durch die Gegend schrie und verhaften lie\u00df ganz nach seinem pers\u00f6nlichen gusto. W\u00e4hrend Gastronomie und Kleinhandel wegen den Auflagen und mangelnder Unterst\u00fctzung <a href=\"https://t24.com.tr/video/koronavirus-genelgesi-sonrasi-kapatilan-esnaflar-kadikoy-de-basin-aciklamasi-yapiyor,34334\">regelrecht abstarben</a> \u2013 laut Sch\u00e4tzungen sind 20-25% der Gastronomiebetriebe <a href=\"https://www.dunya.com/sektorler/restoranlar-ve-kafelerde-iflas-orani-yuzde-25e-dayandi-haberi-617935\">Bankrott gegangen</a> \u2013, <a href=\"https://twitter.com/beyogluesnafi/status/1365194040132726786\">feierten</a> AKP\u2019ler ausgelassen in geschlossenen R\u00e4umen, mit Musik und Tanz; das tat auch und <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ahmet-hakan-erdogan-in-irak-basbakani-icin-verdigi-aksam-yemegini-yazdi-tum-restoranlar-kapaliyken-boyle-bir-yemegin-duzenlenmesinde-bir-sorun-gorulmuyor-mu,921830\">erneut Erdo\u011fan</a> in seinem Palast (ohne Tanz, daf\u00fcr mit vielen G\u00e4sten und Musik). Auf Ger\u00fcchte im Dezember 2020, wonach AKP-Mitglieder unter der Hand priorisiert geimpft wurden, wusste der Gesundheitsminister <a href=\"https://t24.com.tr/haber/koronavirus-asisi-geldi-el-altindan-akp-li-siyasiler-ve-yakinlarina-yapilmaya-baslandi-iddiasina-bakan-koca-dan-yanit,919757\">nur zu sagen</a>: \u201eSowas w\u00fcrden wir nicht begr\u00fc\u00dfen\u201c, was die Sache nicht besser machte. Genau so wenig wie der Umstand, dass Erdo\u011fan Anfang Juni 2021 ganz unverbl\u00fcmt im Fernsehen herausplapperte, dass er schon die <a href=\"https://www.dw.com/tr/erdo%C4%9Fana-3-doz-tepkisi/a-57757065\">3. Impfung</a> und zwar <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/cumhurbaskanligi-secimindeki-belirsizlikler-41827308\">vermutlich</a> mit dem sehr effizienten BioNTech/Pfizer-Vakzin bekommen hatte, w\u00e4hrend damals t\u00fcrkeiweit <a href=\"https://ourworldindata.org/covid-vaccinations?country=~TUR\">erst</a> <a href=\"https://ourworldindata.org/covid-vaccinations?country=~TUR\">etwa</a> 20% der Bev\u00f6lkerung eine Erstimpfung erhalten und davon nur etwa 15% vollst\u00e4ndig geimpft waren, dazu noch weitestgehend mit dem weitaus weniger effektiven Sinovac-Vakzin.</p><p>Nicht zuletzt noch die Zurschaustellung ma\u00dflosen Reichtums und der Verschwendung, deren Urspr\u00fcnge wie Ausw\u00fcchse niemandem mehr als legitim erscheinen, dazu noch inmitten der Pandemie. So wurde bekannt, dass <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/03/30/sadece-kovit-degil-erdoganin-turkiye-tablosu-da-dokuluyor/\">zahlreiche</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/04/21/ak-partiyi-yipratmak-icin-ak-partili-elitler-yeter-de-artar/\">wichtige</a> staatliche Funktionstr\u00e4ger sowie Berater von Erdo\u011fan gleich <a href=\"https://t24.com.tr/haber/rtuk-baskani-sahin-rtuk-baskanligi-disinda-halk-bankasi-yonetim-kurulu-uyeligimden-maas-aliyorum-bu-da-yasal-ve-etiktir,945232\">mehrere Geh\u00e4lter</a> beziehen und Unsummen an Geld verdienen. Der <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56610843\">Skandal um K\u00fcr\u015fat Ayvato\u011flu</a>, einem aufstrebenden J\u00fcngling im Hauptquartier der AKP, zeigt nur die Spitze des Eisbergs: Ayvato\u011flu war beim Koksen in einer Luxuskarosserie erwischt worden und wurde urspr\u00fcnglich laufengelassen, nachdem er sich auf der Polizeiwache mit: \u201edas war nur Puderzucker, wir haben das als Witz aufgezogen\u201c verteidigte. Im weiteren Verlauf des Skandals tauchten zahlreiche Bilder von ihm auf, in denen er mit unendlich viel Luxus und einflussreichen Leuten an seiner Seite posiert. Er ist nur einer von vielen zutiefst opportunistischen Gl\u00fccksrittern, die durch Anbiederung an die Macht zu Neureichen wurden, sich gerne mit M\u00e4chtigen ablichten lassen und im Abglanz der Macht baden, sowie ihren verschwenderischen Luxus ganz offen in Social Media-Profilen zur Schau stellen. Pers\u00f6nlichkeiten wie Ayvato\u011flu, der sich laut Eigenaussage aus purem Machtkalk\u00fcl bis ins AKP-Hauptquartier hocharbeitete, und die geldverschlingenden B\u00fcrokraten stehen nicht nur im extremen Widerspruch zum nach Au\u00dfen kommunizierten konservativ-islamischen Ethikverst\u00e4ndnis der AKP; die ostentative Verschwendungssucht, die darin schamlos expliziert wird, ist ein Hohn auf Alle, die unter Pandemie und Pandemiemanagement erdr\u00fcckt werden.</p><h4><i>Hochmut kommt vor dem Fall. Die haupts\u00e4chlich im Sinne von Herrschaft und Kapital betriebene Pandemiepolitik sowie die \u00f6ffentlich dargestellte Selbstapotheose der Macht hat zusammen mit der sozialen Depravation ganz wesentlich zu einem massiven Legitimationseinbruch gef\u00fchrt.</i></h4><p>Eine Mehrheit der Befragten in Meinungsumfragen <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/anket-iste-cumhurbaskani-erdogan-in-mansur-yavas-ve-ekrem-imamoglu-karsisinda-oy-orani,11163/2\">bevorzugt mittlerweile</a> das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metro-poll-arastirma-halkin-yuzde-57-7-si-guclendirilmis-parlamenter-sistem-e-gecmek-istiyor,928429\">Parlamentssystem</a> gegen\u00fcber dem \u201ePr\u00e4sidialsystem\u201c von Erdo\u011fans Gnaden; glaubt, dass sich <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/03/kriz-akp-tabanini-vurdu-mutlu-azinliktan-herkes-rahatsiz/\">die</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/03/kriz-akp-tabanini-vurdu-mutlu-azinliktan-herkes-rahatsiz/\">Wirtschaft</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metro-poll-un-son-anketi-vatandas-enflasyon-siyasi-gerilim-andimiz-istanbul-sozlesmesi-ve-merkez-bankasi-konularinda-hukumete-tepkili,944188\">wegen</a> <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-05-25/erdogan-s-poll-rating-hits-all-time-low-as-economic-woes-grow\">schlechtem Management</a> in einer Krise/<a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/anket-iste-cumhurbaskani-erdogan-in-mansur-yavas-ve-ekrem-imamoglu-karsisinda-oy-orani,11163/2\">in einem miserablen Zustand</a> <a href=\"https://tr.euronews.com/2020/11/09/metropoll-turkiye-nin-nabz-anketi-ak-parti-oylar-ilk-kez-yuzde-30-un-alt-nda\">befindet</a>; glaubt zu 80% <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-arastirmasi-cumhurbaskanligi-seciminde-erdogan-ve-mansur-yavas-karsilasmasinda-mansur-yavas-kazaniyor,924308\">nicht mehr</a> den offiziellen Inflationszahlen; vertraut laut einer von der AKP selbst aufgegebenen Umfrage <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/gundem/iste-pandeminin-fotografi-her-iki-kisiden-birinin-yakini-viruse-yakalandi-41735095\">nicht mehr</a> in das Pandemiemanagement der Regierung; hat das Vertrauen in das Justizsystem <a href=\"https://d4b693e1-c592-4336-bc6a-36c134d6fb5e.filesusr.com/ugd/c80586_9672fab5d7a042dd82d2c9eba95f125b.pdf\">fast vollst\u00e4ndig</a> <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/ozkiraz-akpye-yakin-sirketin-anketinde-erdogan-ilk-kez-kaybetti-galeri-1525679?p=6\">verloren</a>; <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-anketi-halkin-yuzde-79-1-i-pandemi-doneminde-duzenlenen-kongreleri-yanlis-buluyor,949353\">verurteilt sehr eindeutig</a> die AKP-Kongresse w\u00e4hrend der Pandemie (zu 79%) sowie das Beziehen mehrerer Geh\u00e4lter von B\u00fcrokrat*innen und Berater*innen (zu 70%); befindet, dass sich das Land und die Wirtschaft in eine <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/03/kriz-akp-tabanini-vurdu-mutlu-azinliktan-herkes-rahatsiz/\">schlechte Richtung</a> entwickeln und klagt <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/sosyo-politikin-anketi-uc-parti-baraji-geciyor-cumhur-ittifaki-yuzde-44te-galeri-1515701\">haupts\u00e4chlich</a> \u00fcber <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halk-turkiye-deki-en-acil-sorunun-gecim-sikintisi-ve-issizlik-oldugunu-dusunuyor,937423\">wirtschaftliche Probleme</a> und die <a href=\"https://tr.sputniknews.com/columnists/202101071043535483-arastirma-kendisini-ve-ailesini-gecindiremeyenlerin-orani-yuzde-511-sadece-yuzde-36-tasarruf/\">Coronakrise</a>. Immer mehr W\u00e4hler*innen von AKP und MHP springen entweder <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-secmenini-en-cok-kaybeden-parti-mhp,965341\">direkt ab</a> oder sind sich <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-isiklar-yaniyor-dan-darbe-tartismasina-donus,909368\">unsicher</a> \u00fcber ihre Parteipr\u00e4ferenz; der Anteil der Befragten, die keine klaren Wahlpr\u00e4ferenzen artikulieren (Protestw\u00e4hler*innen, Unsichere, keine Antwort), liegt mittlerweile <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-secim-anketi-bu-sonuc-akp-tarihinde-bir-ilk-1832823\">regelm\u00e4\u00dfig</a> bei <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-bu-pazar-milletvekili-secimi-olsa-hangi-parti-yuzde-kac-oy-alir,965664\">kr\u00e4ftigen 20%</a>. Nicht zuletzt sinkt die Zustimmung zu Erdo\u011fan als Pr\u00e4sident und befindet sich auf einem <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halkin-yarisindan-fazlasi-cumhurbaskani-erdogan-in-gorevini-yapis-tarzini-onaylamiyor,949034\">historischen Tief</a> und <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-uc-ayda-16-anket-sirketi-inceledi-iste-partilerin-oy-oranlari-1817641\">fast alle</a> Wahlumfrageinstitute berichten von Ergebnissen, wonach die Regierungskoalition bei einer anstehenden Wahl <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/9-farkli-sirketin-secim-anketlerinden-dikkat-ceken-sonuclar-ortaya-cikti-1815448\">nicht mehr</a> als Siegerin hervorgehen w\u00fcrde \u2013 darunter <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/ozkiraz-akpye-yakin-sirketin-anketinde-erdogan-ilk-kez-kaybetti-galeri-1525679?p=6\">sogar AKP-nahe</a> Wahlumfrageinstitute. AKP-intern werden mittlerweile <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/krizle-birlikte-akpnin-eriyen-oylari-anketlerle-gun-yuzune-cikti-iktidar-endiseli-1846283\">\u00c4ngste ge\u00e4u\u00dfert</a>, dass bei den n\u00e4chsten Wahlen Schluss sein k\u00f6nnte. Nur: Ein Legitimationseinbruch allein gen\u00fcgt nicht, wenn nicht eine \u00fcberzeugende Alternative da ist. Solange verbleibt der Dissens atomisiert und perspektivlos, jederzeit bereit dazu, zu verk\u00fcmmern oder doch beim Bestehenden zu bleiben. Ich greife dieses Thema und das Problem der Opposition am Ende des Artikels noch einmal auf. Jetzt erst mal zur Wirtschaftskrise.</p><h2><b>Die ewige Wiederkunft der gleichen Wirtschaftskrise</b></h2><p>Sp\u00e4testens seit 2013 hat sich ein Muster wirtschaftlicher Krisenanf\u00e4lligkeit in der T\u00fcrkei eingestellt, das sich alle paar Monate oder Jahre wiederholt und seit 2018 besonders versch\u00e4rft. Zeitgleich entwickelten sich die Debatten \u00fcber prim\u00e4re und sekund\u00e4re Ursachen dieser Krise weiter und die Fragen danach, was sich daraus f\u00fcr die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und Entwicklungsperspektiven innerhalb der t\u00fcrkischen Gesellschaftsformation ableiten l\u00e4sst.</p><p>Prinzipiell befindet sich der semi-periphere Neoliberalismus in der T\u00fcrkei wegen seiner Au\u00dfenabh\u00e4ngigkeit seit 2013 in einer strukturellen Krise. Das hei\u00dft, dass die t\u00fcrkische Wirtschaft sehr wesentlich auf den Import von Zwischen- und Kapitalg\u00fctern f\u00fcr die (Export-)Produktion sowie von finanziellem Kapital f\u00fcr die Finanzierung von Investitionen im Land sowie der Tilgung des Au\u00dfenhandelsdefizits angewiesen ist. Ihr fehlt dagegen weitestgehend eine eigenst\u00e4ndige Kapitalg\u00fcter- beziehungsweise technologieintensive Produktion, die ihre Au\u00dfenabh\u00e4ngigkeit reduzieren beziehungsweise das Au\u00dfenhandelsdefizit mindern k\u00f6nnte. Die derzeitige Lage begr\u00fcndet sich schlicht darauf, dass die AKP das schon vor ihr entstandene semi-periphere Modell des Neoliberalismus geerbt und vollst\u00e4ndig verankert hat. Und es liegt zugleich daran, dass die AKP den sich ihr bietenden Spielraum in der Wirtschaftspolitik nicht im Sinne eines produktiven Updates der t\u00fcrkischen Wirtschaft, sondern klientelkapitalistisch und politisch motiviert durch die <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/kamu-ozel-isbirlikleri-devletlestirilebilir-mi-makale-1500437\">Vergabe von Unmengen an Bauauftr\u00e4gen</a> in den Beton gesetzt hat (das hei\u00dft, in Sektoren gelenkt hat, die kein produktives Upgrade der Industrie m\u00f6glich machen und wenig bis keine Devisen generieren).<i> Quantitative Easing</i> und Anleihek\u00e4ufe der US-amerikanischen Zentralbank (Fed) sorgten zwar nach 2007-08 weiterhin daf\u00fcr, dass der Zufluss von ausl\u00e4ndischem finanziellen Kapital in die T\u00fcrkei nicht abnahm. Als die Fed 2013 jedoch ank\u00fcndigte, diese Programme zur\u00fcckzufahren, wurden die Kapitalfl\u00fcsse volatiler und der Wert der Lira gegen dem US-Dollar und dem Euro fing seitdem immer an zu fallen, wenn nicht besonders g\u00fcnstige internationale Umst\u00e4nde den Kapitalzufluss wieder ankurbelten. Da die seinerzeit zu sehr g\u00fcnstigen Konditionen aufgenommenen Auslandsschulden insbesondere des Privatsektors teils erheblich waren, nahm damit die Auslandsverschuldung und wegen der Importabh\u00e4ngigkeit der t\u00fcrkischen Industrie auch die Inflation permanent zu. Erdo\u011fans zunehmend unorthodox neoliberales und re-politisiertes Wirtschaftsmanagement, das eigenwillige au\u00dfenpolitische Agieren der t\u00fcrkischen Regierung sowie das Ersetzen konstitutioneller und institutioneller Mechanismen durch willk\u00fcrliche, kamen erschwerend hinzu. So f\u00fchrte ein diplomatischer Konflikt mit den USA im Sommer 2018 zu einem <a href=\"https://jacobinmag.com/2019/03/erdogan-akp-turkey-local-elections\">schweren W\u00e4hrungsschock</a>. Auslandsschulden und Importkosten explodierten, R\u00fcckzahlungsprobleme, Schuldenumstrukturierungen und Einbruch des Konsums waren die Folgen. Es folgten <a href=\"https://www.tcmb.gov.tr/wps/wcm/connect/EN/TCMB+EN/Main+Menu/Core+Functions/Monetary+Policy/Central+Bank+Interest+Rates/CBRT+INTEREST+RATES\">massive Zinserh\u00f6hungen</a> der t\u00fcrkischen Zentralbank (TCMB) bis zum Peak des Leitzinses von 25,50% im September 2018, die zwar die Attraktivit\u00e4t der t\u00fcrkischen Wirtschaft f\u00fcr ausl\u00e4ndisches Kapital und den Wert der TL aufrechterhalten sollten, aber wegen der H\u00f6he der Zinsen zus\u00e4tzlich kontraktiv auf den Kredit- wie allgemein den Binnenmarkt wirkten. Die W\u00e4hrungskrise entwickelte sich zu einer <a href=\"https://www.researchgate.net/publication/333951280_The_Making_of_Turkey&#x27;s_2018-2019_Economic_Crisis\">schweren Wirtschaftskrise</a>.</p><p>In Folge intervenierte Erdo\u011fan noch direkter in die Wirtschaftspolitik. Zum einen setzte er schon kurz vor jener W\u00e4hrungskrise seinen Schwiegersohn Berat Albayrak als Finanz- und Wirtschaftsminister ein, der eine st\u00e4rker binnenmarktorientierte Politik verfolgen sollte und hierf\u00fcr vor leichten Kapitalverkehrskontrollen, Handelsbeschr\u00e4nkungen und \u2013 im Gegensatz zum damaligen Zentralbankchef \u2013 einer von staatlichen Banken angef\u00fchrten Kreditexpansion nicht zur\u00fcckschreckte. Zum anderen ersetzte Erdo\u011fan prompt den unter hohem politischem Druck dennoch mehr oder minder nach orthodox-neoliberalen Regeln vorgehenden Zentralbankchef Murat \u00c7etinkaya durch Murat Uysal, der seinem Namen volle Ehre angedeihen lie\u00df (Uysal hei\u00dft f\u00fcgsam, willf\u00e4hrig auf T\u00fcrkisch). Er senkte die Zinsen wider die orthodoxen-neoliberalen Lehren schrittweise bis auf etwa 9% im Sommer 2020, <a href=\"https://www.statista.com/statistics/277044/inflation-rate-in-turkey/\">das hei\u00dft</a> weit unter die durchschnittliche Inflationsrate von 15,18% (2019) beziehungsweise 12,28% (2020) und somit auf ein reales Negativzinsniveau. <b>[4]</b> Beides und beide f\u00fchrten zu einer stetigen Erosion des Wertes der TL und zum Versiegen insbesondere der <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/12/turkey-economic-turmoil-is-far-from-over-increase-inflation.html\">kurzfristigen Kapitalzufl\u00fcsse</a>, sodass mitten in der Corona-Pandemie erneut eine <a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">schwere W\u00e4hrungskrise</a> einsetzte und die TL <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/11/turkey-inflation-lira-worst-performer.html\">am meisten</a> unter den W\u00e4hrungen der Schwellenl\u00e4nder abwertete. Milliarden an Dollar-Reserven der TCMB wurden verschleudert, um den Wert der TL ohne Zinshebungen zu verteidigen: Laut Aussagen von Erdo\u011fan selbst insgesamt immense <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-04-21/erdogan-says-turkey-used-165-billion-of-reserves-in-two-years\">165</a> <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-04-21/erdogan-says-turkey-used-165-billion-of-reserves-in-two-years\">Milliarden</a> $ zwischen 2019 und 2020, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/128-milyar-dolarin-perde-arkasi-1-rezervler-hangi-platformda-satildi-gizemli-protokol,30666\">laut Kritiker*innen</a> allein grob 128 Milliarden $ davon w\u00e4hrend der Coronakrise 2020 und dem erneuten W\u00e4hrungsschock im Sommer 2020. Umsonst alle Bem\u00fchungen der Sterblichen: Die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mahfi-egilmez-swap-haric-rezervler-eksi-54-1-milyar-dolar,917398\">Nettonegativreserven</a> der TCMB abz\u00fcglich der Swaps machten die Situation noch prek\u00e4rer (F\u00fcr alle, die es genauer wissen wollen: Die Devisenreserven der TCMB minus Schulden und Swaps in ausl\u00e4ndischer W\u00e4hrung: -54,1 Mrd. $, Ende November 2020; <a href=\"https://www.mahfiegilmez.com/2021/07/merkez-bankas-hakknda-bilmemiz.html\">immer noch</a> -45,57 Mrd. $ Ende Juni 2021). <b>[5]</b> Hinzu kamen erneut <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-07/turkish-lira-weakens-to-record-as-geopolitical-risks-mount\">au\u00dfenpolitische Spannungen</a> insbesondere mit den USA. Zus\u00e4tzlich wurden eine <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/12/turkey-erdogan-akp-alarming-surge-consumer-corporate-debt.html\">Kreditschwemme</a> staatlicherseits <a href=\"https://www.academia.edu/45165470/Turkey_s_Economy_Amid_the_COVID_19_Pandemic_Measures_and_Their_Impact\">haupts\u00e4chlich \u00fcber staatliche Banken</a> forciert \u2013 das gesamte Kreditvolumen wuchs um 40%! \u2013 und die schon erw\u00e4hnten Konjunkturpakete verk\u00fcndet, um die Wirtschaft zu st\u00fctzen. Die Kredite gingen <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/12/turkey-erdogan-akp-alarming-surge-consumer-corporate-debt.html\">haupts\u00e4chlich</a> an Privathaushalte, was nat\u00fcrlich die Binnennachfrage ankurbelte. <a href=\"https://www.academia.edu/44607632/Turkeys_Public_Banks_Amid_the_Covid_19_Pandemic\">Insgesamt</a> 7 Millionen Individuen bezogen Bedarfskredite (max. 10.000 TL, also etwas weniger als 1.000 \u20ac), \u00f6ffentliche Banken reichten Kredite an 180.000 kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie an 1,1 Millionen Ladenbesitzer*innen. Nach -9,9%/BIP im 2. Quartal 2021 gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum wuchs die t\u00fcrkische Wirtschaft kr\u00e4ftige 6,7%/BIP im 3. Quartal gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum. Die <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/tuik-ekonomi-ucuncu-ceyrekte-yuzde-67-buyudu-haber-1505934\">Komposition</a> des Wirtschaftswachstums indes war bezeichnend f\u00fcr den Charakter desselben und relativierte dessen Tragf\u00e4higkeit: der inl\u00e4ndische Konsum wuchs um 9%, die Industrie immerhin um 8%, aber das Finanz- und Versicherungswesen um ganze 41,1%. Von den niedrigen Zinsen hatten ja nicht nur die KMU und die privaten Konsument*innen profitiert, sondern nat\u00fcrlich auch die gro\u00dfen Privatbanken, die billig an TL rankamen, um diese teurer weiter zu geben oder zu handeln (wor\u00fcber sich wiederum die KMU, die weiterhin auch auf Privatbanken angewiesen blieben, <a href=\"https://www.dunya.com/finans/haberler/tobb-baskani-hisarcikliogludan-bankalara-yuksek-faiz-elestirisi-haberi-606968\">lautstark beschwerten</a>).</p><p>Schrille T\u00f6ne folgten: So sprach Erdo\u011fan von einem \u201e<a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-31/turkey-fighting-against-unholy-trinity-in-economy-erdogan-says\">wirtschaftlichen Befreiungskrieg</a>\u201c wie im sp\u00e4ten Osmanischen Reich; der Finanz- und Wirtschaftsminister Albayrak deklarierte \u00f6ffentlich, dass ihm der Wert des Dollars <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hazine-ve-maliye-bakani-berat-albayrak-dolarla-ugrasmiyoruz-istesek-dusururuz,913487\">egal sei</a>. Der willf\u00e4hrige Zentralbankchef erkl\u00e4rte Ende Oktober 2020 ebenfalls, dass die TCMB kein Ziel bez\u00fcglich des Werts der TL verfolge \u2013 was zwar strenggenommen dem Mandat der Zentralbank entspricht (keine Devisenfokussierung, sondern Preis- und ergo Inflationsfokussierung), aber mit den Zus\u00e4tzen des Zentralbankchefs: \u201eder Wert der Lira ist extrem niedrig\u201c und \u201edie Wertlosigkeit der TL ist ein Risiko f\u00fcr die Preisstabilit\u00e4t\u201c, ein sehr offen kommuniziertes <a href=\"https://t24.com.tr/haber/merkez-bankasi-yil-sonu-enflasyon-tahminini-yuzde-12-1-e-cekti,911785\">Eingest\u00e4ndnis</a> der prek\u00e4ren Situation und der Handlungsohnmacht der TCMB darstellte. Verst\u00e4ndlicherweise kollabierte der Wert der TL daraufhin nat\u00fcrlich nochmals. <b>[6]</b> Allein in jener Woche <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-28/lira-heads-for-biggest-monthly-decline-this-year-inside-turkey\">verschleuderte</a> die TCMB angeblich an die eine Milliarde Dollar an Devisenreserven, um den Wert der TL zu halten \u2013 v\u00f6llig umsonst. <a href=\"https://www.bloomberght.com/doviz/dolar\">Von etwa</a> 6 TL pro Dollar Anfang 2020 fiel der Wert der TL auf bis zu 8,5 TL pro Dollar Anfang November 2020. Aber schon im August/September 2020 hatte sich wegen der prek\u00e4ren Situation wieder eine 180\u00b0-Kehrtwende <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/ekonomide-u-donusu-demokratiklesme-degil-otoriter-konsolidasyon-getirebilir-makale-1504645\">angek\u00fcndigt</a>, die dann sukzessive vollzogen wurde: Auf die massive Kreditexpansion folgte eine massive Kreditkontraktion der \u00d6ffentlichen und die Zinsen der TCMB wurden <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/merkez-bankasi-piyasalari-ters-kose-yapti-dolar-uctu-haber-1502396\">zuerst durch die Hintert\u00fcr</a> und dann zaghaft <a href=\"https://www.tcmb.gov.tr/wps/wcm/connect/en/tcmb+en/main+menu/announcements/press+releases/2020/ano2020-58\">auch explizit</a> erh\u00f6ht, obzwar der Leitzins immer noch unter der Inflationsrate blieb. Gekr\u00f6nt wurde diese Kehrtwende erneut durch eine Ersetzung des Zentralbankchefs seitens Erdo\u011fans in einer spontanen Aktion vom 6. November 2020. Finanz- und Wirtschaftsminister Berat Albayrak reichte daraufhin seinen R\u00fccktritt ein \u2013 per Instagram, wohlgemerkt (und widerlegte damit \u00fcbrigens linksliberale Fehlvorstellungen, wonach Erdo\u011fans Politik <a href=\"https://www.ft.com/content/5ba8d28a-2550-446a-8cd5-92e33caff637\">nur mehr</a> \u201eklientelistische Familienpolitik\u201c sei). Und das Pendel der mittlerweile bekannten wirtschaftspolitischen Taktik der permanenten Kehrtwenden schlug erneut in die entgegengesetzte, orthodox-neoliberale Richtung aus: Der neue Finanzminister L\u00fctfi Elvan wie auch der neue Zentralbankchef Naci A\u011fbal k\u00fcndigten in <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/11/turkey-new-finance-minister.html\">sehr klaren Worten</a> eine <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/elvan-ortak-akilla-gerekli-duzenlemeleri-yapacagiz-haber-1504806\">neoliberale Geld- und Fiskalpolitik</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tcmb-baskani-naci-agbal-2021-yili-para-ve-kur-politikasi-ni-acikliyor,920953\">an</a> (hohe Zinsen, Kreditkontraktion, Ausgabenk\u00fcrzungen). Erdo\u011fan sprach davon, dass \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/dolar-kuru-8-liranin-altina-indi,914186\">die bittere Pille</a> geschluckt\u201c werden m\u00fcsse. Und erneut fand, diesmal schon als Farce der Farce, der x-te zweite Fr\u00fchling in der Beziehung zwischen AKP und Gro\u00dfkapital statt: Innerhalb k\u00fcrzester Zeit <a href=\"https://www.bloomberght.com/yabancilar-tcmb-nin-faiz-artirimini-olumlu-karsiladi-2269011\">stieg</a> der TCMB-Leitzins um mehr als 400 Basispunkte gerade noch so ein bisschen \u00fcber das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hazine-ve-maliye-bakani-yuksek-enflasyonun-vatandasimiz-uzerindeki-etkilerini-en-aza-indirmek-icin-tum-gucumuzle-calisiyoruz,918471\">Inflationsniveau</a> auf 15% an (die Inflation lag im November 2020 bei 14%, daher wurde der Leitzins bis <a href=\"https://www.ft.com/content/4fd66e78-3ba8-4bd9-8a31-bfbb9605284a\">Ende des Jahres</a> auch auf bis zu 17% gehoben, um einen positiven Realzins zu garantieren). Eine Welle an Kapital kam <a href=\"https://www.bloomberght.com/ekonomide-yeni-donem-mesajlarinin-verildigi-haftada-yabancilarin-alimi-3-yilin-zirvesinde-2269010\">ins Land geflossen</a>, die Lira gewann <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-02-11/turkish-corporate-debt-rallies-as-lira-rebound-adds-funding-room\">stetig an Wert</a>, der Hauptverband des Gro\u00dfkapitals, die Vereinigung t\u00fcrkischer Industrieller und Gesch\u00e4ftsleute (<i>T\u00fcrk Sanayicileri ve \u0130\u015f \u0130nsanlar\u0131 Derne\u011fi</i>, T\u00dcSIAD), und gro\u00dfe internationale Player wie die<i> Soci\u00e9t\u00e9 G\u00e9n\u00e9rale</i> <a href=\"https://www.bloomberght.com/tusiad-in-faiz-artisi-yorumu-2269022\">gratulierten</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tuncay-ozilhan-yuksek-reel-faize-dayali-sok-tedavi-uzun-sure-kullanilmamali,918501\">gleich</a> <a href=\"https://www.bloomberght.com/tusiadkaslowski-reform-adimlarinin-atilacagina-inaniyoruz-2269550\">mehrmals</a> euphorisch zur \u201eneuen\u201c Wirtschaftspolitik. Mehrere Treffen mit Verb\u00e4nden der KMU wie auch des Gro\u00dfkapitals wurden gehalten und erneut Einigkeit erzielt; ja <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/01/29/sermayenin-erdoganla-dansi-figurler-zarif-ama-muzik-sert/\">sogar ein Gremium</a> f\u00fcr die Kontrolle der stark umstrittenen Inflationsberechnungen des T\u00dcIK gegr\u00fcndet, in dem Vertreter des Gro\u00dfkapitals sa\u00dfen, um das Vertrauen kapitalistischer Akteure in die regulativen Institutionen des Staates weiter zu festigen.</p><p>Eigentlich ist das Muster dieser wirtschaftspolitischen Taktik der permanenten Kehrtwenden, \u201e<a href=\"https://newleftreview.org/sidecar/posts/erdogans-zigzags\">Erdo\u011fans Zigzag\u2019s</a>\u201c, <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yeni-ekonomi-yonetimi-eski-bir-drama-makale-1504320\">altbekannt</a> und wird seit Jahren praktiziert.</p><h4><i>Ist der Druck wegen Kapitalabfluss und W\u00e4hrungsverfall auf Inflation und Zinsen so gro\u00df, dass sie binnenmarktorientierte KMU zu stark gef\u00e4hrdet, schl\u00e4gt das Regime um Erdo\u011fan eine aus der Perspektive neoliberaler Orthodoxie heterodoxe Wirtschaftspolitik der Kreditexpansion, Niedrigzinsen, teils staatlich gest\u00fctzter Billigdevisen und \u00e4hnlicher Ma\u00dfnahmen ein.</i></h4><p>Diese Kehrwende wird dann mit reichlich nationalistisch-antiimperialistischer Rhetorik ideologisch verkleidet, zieht regelm\u00e4\u00dfig die Kritik des Gro\u00dfkapitals und der linksliberalen Antiautorit\u00e4ren auf sich und f\u00fchrt letztlich oft zu einer Versch\u00e4rfung der Krisenelemente: Fall der Lira, noch h\u00f6here Inflation, daher noch h\u00f6herer Druck auf die Zinsen, Versiegen der Kapitalfl\u00fcsse und Versch\u00e4rfung der innerkapitalistischen Antagonismen. Sobald genug Zeit erkauft wurde, um die binnenmarktorientierten Kapitale und KMU kurzfristig zu retten, und der Druck der internationalen Finanzm\u00e4rkte, in die die T\u00fcrkei ja organisch eingebettet ist, zu hoch wird, wird dann erneut eine 180\u00b0-Kehrtwende hin zu einer augenscheinlich orthodoxen neoliberalen Wirtschaftspolitik eingeschlagen. Es werden Reformen und Bekenntnisse zum freien Markt, zu makro\u00f6konomischer Stabilit\u00e4t, Berechenbarkeit, Transparenz etc. verk\u00fcndet \u2013 bis zur n\u00e4chsten Krise, in der dann wieder um 180\u00b0 gewendet wird, und so weiter bis zum J\u00fcngsten Gericht. Dass nicht nur die Gro\u00dfbourgeoisie der T\u00fcrkei, sondern auch die \u201einternationalen Finanzm\u00e4rkte\u201c jedes Mal wieder die eine Seite der 180\u00b0-Wende, n\u00e4mlich die orthodox-neoliberale, voller Gl\u00fcck empfangen wie Kinder ein frisch lackiertes Schaukelpferd, und wider besseren Wissens ignorieren, dass die n\u00e4chste Kehrtwende wieder kommt, l\u00e4sst sich vielleicht auch als Symptom des Zustands des globalen Kapitalismus lesen: Hauptsache es funktioniert jetzt, egal was sp\u00e4ter kommt, denn es gibt ja doch nichts besseres.</p><p>Auch dieses Mal zeichnete sich eigentlich recht fr\u00fch die Verg\u00e4nglichkeit der orthodox-neoliberalen Kehrtwende ab. Noch wenige Tage nach dem Wechsel in der Wirtschaftspolitik und den verantwortlichen B\u00fcrokraten sprach Erdo\u011fan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-buralara-vesayetin-parasutuyle-gelmedik-zorluklari-tecrube-ederek-buralara-geldik,915569\">schon davon</a>, dass er am liebsten wieder sehr fr\u00fch <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/erdogandan-faiz-yorumu-bazi-aci-ilaclari-icmemiz-gerekiyor-haber-1505058\">niedrigere Zinsen</a> sehen w\u00fcrde. Hardcoreberater von Erdo\u011fan wie der Ex-Marxist-jetzt-Stiefellecker Cemil Ertem oder die Speerspitzen der Revolverpresse schossen <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/naci-agbal-in-yalnizligi-bestepe-ve-akp-de-herkes-onun-politikalarina-karsi,29560\">eine Salve nach der anderen</a> auf den neuen Zentralbankchef ab. Was kam, war also schon l\u00e4ngst gewusst und zudem mit Fanfaren angek\u00fcndigt. <i>Amor fati</i> aber lautete das Lebensmotto; und allzu erwartbar war also auch die Wiederkunft der ewig selben Wirtschaftskrise. Konkretes zeichnete sich im M\u00e4rz 2021 ab: Keine zwei Monate nach Ank\u00fcndigung der Errichtung des Kontrollgremiums f\u00fcr die Inflationszahlen wurde dieses sang- und klanglos <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/tuik-te-iki-aylik-peri-masali-bitti-danisma-kurullarinin-lagvi-bakan-elvan-a-mesaj-mi,30173\">begraben</a>. Hinter den Kulissen munkelte man, der neue Finanzminister und der neue Zentralbankchef h\u00e4tten <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/elvan-ve-agbal-a-hazine-bakanligi-ve-merkez-bankasi-nda-kendi-ekiplerini-kurma-izni-neden-verilmiyor,30139\">kaum Entscheidungsmacht</a> innerhalb ihrer jeweiligen Bereiche; und ein Reformpaket f\u00fcr die Wirtschaft kam \u00fcber <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/erdal-saglam/ekonomik-reform-paketini-kim-tirpanladi-1820906\">wohlklingende Worth\u00fclsen</a> nicht hinaus. Als sich dann der Zentralbankchef angesichts der hohen Inflationsrate in den USA <b>[7]</b> trotzdem traute, die Zinsen <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-03-18/turkey-delivers-bigger-than-expected-rate-hike-to-rein-in-prices\">nochmal</a> um 2% auf 19% zu heben und \u2013 so hei\u00dft es \u2013 <a href=\"https://www.reuters.com/article/turkey-cenbank-int-idUSKBN2BN1H4\">Untersuchungen anstellte</a>, wie und warum so viele Devisenreserven der TCMB verschleudert wurden, da war dann Schluss mit lustig. Wenige Tage nach dieser Zinsentscheidung, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vom 19. auf den 20. M\u00e4rz 2021, wurde der Zentralbankchef erneut <a href=\"https://www.bloomberght.com/merkez-bankasi-baskani-naci-agbal-gorevden-alindi-2277022\">per pr\u00e4sidialem Dekret</a> ausgewechselt. Anstatt seiner wurde erneut ein ehemaliger AKP-Parlamentarier eingewechselt, \u015eahap Kavc\u0131o\u011flu, der noch einen Monat zuvor im Flaggschiff der Revolverpresse,<i> Yeni \u015eafak</i>, <a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/sahap-kavcioglu/enflasyon-faiz-ve-doviz-kuru-2057586\">ganz aggressiv</a> die Meinung vertreten hatte, dass die Zinsen zu senken seien. Und so kam dann, was kommen musste: <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-03-21/turkey-bulls-are-wrong-footed-after-central-bank-hawk-s-ouster\">Kaum</a> \u00f6ffnete die Istanbuler B\u00f6rse wieder am 21. M\u00e4rz, musste sie gleich zweimal im Laufe des Tages wegen zu gro\u00dfen Kurseinbr\u00fcchen schlie\u00dfen. Erneut kam es mit <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-dunya-56495233\">1400% Zinsen</a> auf TL-Swaps zu einer TL-Klemme im Londoner Devisenmarkt und innerhalb einer einzigen Woche waren <a href=\"https://www.bloomberght.com/doviz/dolar\">fast alle</a> die m\u00fchsamen Gewinne der TL gegen\u00fcber dem $ von \u00fcber f\u00fcnf Monaten zunichte gemacht geworden. Absurderweise senkte der neue Zentralbankchef \u2013 vermutlich \u00fcberrannt von den heftigen Reaktionen der Finanzm\u00e4rkte \u2013 <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-04-15/turkey-holds-rates-in-first-meeting-under-new-central-banker\">noch nicht einmal</a> die Zinsen und <a href=\"https://www.bloomberght.com/tcmb-baskani-kavcioglu-nun-ilk-ozel-roportaji-2277484\">gab</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/merkez-bankasi-baskani-kavcioglu-erken-gevseme-beklentisi-ortadan-kalkmali,956322\">sogar</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/merkez-bankasi-baskani-sahap-kavcioglundan-flas-mesajlar-1824350\">mehrmals durch</a>, dass er sich an die orthodox-neoliberalen Spielregeln halten w\u00fcrde. Der Zentralbank-Leitzins steht daher immer noch bei 19%, wobei die Inflationsrate mittlerweile fast ebenso hoch ist und daher starken Druck auf den Leitzins nach oben aus\u00fcbt, anstatt wie erhofft einen kleinen Spielraum f\u00fcr die Senkung der Zinsen zu liefern. Auch der Finanzminister \u2013 der nicht entlassen wurde \u2013 <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-03-22/turkey-says-no-step-back-from-free-markets-after-lira-crash\">beteuerte</a> hilflos die freien M\u00e4rkte, das liberale Devisenregime und dergleichen. Es nutzte aber alles nichts. Tiefe Entt\u00e4uschung sodann, <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/tusiad-yik-baskani-ozilhan-ekonomi-yonetimini-elestirdi-1824292\">erneut</a>, beim Gro\u00dfkapital: eineinhalb Jahre \u00f6konomischer Reformpakete seien ergebnislos geblieben, ohne Berechenbarkeit sei nichts zu machen, die T\u00fcrkei verpasse den Anschluss an die Welt wie schon zu Ende der 1970er, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tusiad-de-genel-kurul-gunu-ozilhan-rezervlerden-doviz-satmak-ancak-kisa-vadede-ise-yarar-kaslowski-3-yildir-aciklanan-ekonomik-paketler-sonuc-vermedi,942481\">so</a> der T\u00dcSIAD.</p><p>Zwar ist die T\u00fcrkei wegen der massiven Kreditexpansion und den niedrigen Zinsen nach China <a href=\"https://www.aa.com.tr/en/economy/turkish-economy-grows-18-in-2020/2160307\">das einzige Land</a> innerhalb der G20, das das Jahr 2020 mit einem <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/03/01/buyume-yuzde-18-ekonomik-gorunum-nasil/\">wirtschaftlichen Plus</a> abschloss (1,8% BIP-Wachstum in der T\u00fcrkei f\u00fcr das ganze Jahr). Auch im neuen Jahr w\u00e4chst die t\u00fcrkische Wirtschaft bislang <a href=\"https://t24.com.tr/haber/turkiye-2021-in-ilk-ceyreginde-yuzde-7-buyudu,955702\">kr\u00e4ftig weiter</a> (7%/BIP-Wachstum im 1. Quartal 2021 gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum). Aber nicht nur blieben die strukturellen Defizite des t\u00fcrkischen Neoliberalismus wie die finanzielle Au\u00dfenabh\u00e4ngigkeit und das gro\u00dfe <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/12/turkey-erdogan-akp-alarming-surge-consumer-corporate-debt.html\">Leistungsbilanzdefizit</a> (-5,1%/BIP, 2020) bestehen, welches weiterhin mit ausl\u00e4ndischem Kapital finanziert werden muss. Es gesellte sich auch noch ein gr\u00f6\u00dferes staatliches Defizit (-3,7%/BIP, 2020) hinzu, das logischerweise zu einer <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/01/turkey-economy-public-debt-is-growing-generating-risks.html\">betr\u00e4chtlichen Erh\u00f6hung</a> der einst eigentlich recht niedrigen Staatsverschuldung auf 40%/BIP (2018: 29%, 2019: 31%) f\u00fchrte \u2013 wovon <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/01/turkey-economy-public-debt-is-growing-generating-risks.html\">mehr als die H\u00e4lfte</a> in ausl\u00e4ndischer W\u00e4hrung besteht. Das hei\u00dft: Auf den Wertverlust der Lira folgt nicht nur Zunahme der Verschuldung der Privaten, sondern auch des Staates. Mittlerweile hat Erdo\u011fan ein <a href=\"https://haber.sol.org.tr/haber/erdogandan-akplileri-uzen-tasarruf-genelgesi-cumhurbaskanligi-muaf-308251\">umfassendes Sparpaket</a> f\u00fcr alle staatlichen Institutionen und Ministerien ver\u00f6ffentlicht \u2013 ausgenommen nat\u00fcrlich des Pr\u00e4sidialamtes. Ebenfalls nahm wegen der Kreditschwemme und dem W\u00e4hrungsverfall die (Privat-)Verschuldung enorm zu (75%/BIP <a href=\"https://data.worldbank.org/indicator/FS.AST.PRVT.GD.ZS?locations=TR\">Inlandsverschuldung</a> der Privaten, insgesamt 60%/BIP <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/02/turkey-foreign-debt-risks-hover-over-turkish-lira-recovery.html\">Auslandsverschuldung</a> privat und \u00f6ffentlich), wobei <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/05/further-depreciation-turkish-lira-appears-inevitable\">alleine</a> 200 Milliarden $ an Schulden (etwa 25%/BIP) in ausl\u00e4ndischer W\u00e4hrung haupts\u00e4chlich des Privatsektors kurzfristig, das hei\u00dft innerhalb von 12 Monaten umzuw\u00e4lzen sind.</p><p>Die zu erwartende Explosion der <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/baris-soydan/bankalarin-batik-kredileri-hakkinda-gec-olmadan-konusmamiz-lazim,31117\">Rate notleidender Kredite</a> (<i>non-performing loans</i>, NPL) konnte nur mittels tempor\u00e4rer Ma\u00dfnahmen verdeckt werden: Wurden fr\u00fcher 90 Tage \u00dcberziehung von Kreditratenr\u00fcckzahlungen als notleidende Kredite klassifiziert, so erlaubte die Regierung w\u00e4hrend der Pandemie eine Ausweitung auf 180 Tage. Daher betr\u00e4gt derzeit der Anteil der NPL an allen Krediten offiziell 3,79%; nach fr\u00fcherer Darstellung berechnet jedoch 4,43%. Rechnet man alle Kredite hinzu, die in irgendeiner Weise R\u00fcckzahlungsschwierigkeiten aufweisen, kommt man auf einen Anteil problematischer Darlehen von 15% an allen Krediten. Zudem wurden Darlehen in Milliardenh\u00f6he umstrukturiert; das hei\u00dft, es wurden R\u00fcckzahlungskonditionen von bestehenden Krediten im Sinne der Schuldner ver\u00e4ndert (beispielsweise mittels Ratenaufschub, oder blo\u00dfer Zinszahlung f\u00fcr eine bestimmte Zeit). So wurden <a href=\"https://www.dunya.com/finans/haberler/178-firmanin-38-milyar-lira-borcuna-yapilandirma-haberi-619418\">beispielsweise</a> zwischen Oktober 2019 und M\u00e4rz 2021 Kredite von 178 Unternehmen in H\u00f6he von 38 Milliarden TL umstrukturiert. Anfang Juli dieses Jahres kam es zur bislang <a href=\"https://www.bloomberght.com/istanbul-havalimani-isletmecisinden-turkiye-tarihinin-en-buyuk-refinansmani-2284223\">gr\u00f6\u00dften Refinanzierungsaktion</a> der t\u00fcrkischen Geschichte: Bezeichnenderweise war es die den dritten Istanbuler Flughafen bedienende Operateurin IGA, die ganze 6,9 Milliarden $ Schulden refinanzieren lie\u00df. <a href=\"https://www.academia.edu/44607632/Turkeys_Public_Banks_Amid_the_Covid_19_Pandemic\">Schon 2018</a> betrug die H\u00f6he der Kreditrestrukturierungen f\u00fcr Unternehmen 30 Milliarden $. Aber darauf zu spekulieren, dass Unternehmen, die heute Kredite nicht mehr zur\u00fcckzahlen k\u00f6nnen, morgen pl\u00f6tzlich wieder in der Lage hierzu sind, stellt eine sehr riskante Flucht in die Zukunft dar. Man denke an das an sich unbedeutende Unternehmen Diriteks Tekstil, dessen B\u00f6rsenwert im Jahr 2020 um ganze 246% zulegte. Diriteks Tekstil musste Anfang des Jahres schon Schulden von \u00fcber einer Million TL restrukturieren, konnte die erste R\u00fcckzahlungsrate trotz g\u00fcnstiger Konditionen dennoch nicht zahlen und sah sich folgerecht einem Vollstreckungsverfahren seitens des Gl\u00e4ubigers, der \u00f6ffentlichen Halk Bank, <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/zombilerin-yukselisi-makale-1502135\">ausgesetzt</a>. Ein \u00d6konom der Europ\u00e4ischen Bank f\u00fcr Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) spricht mit Bezug auf die notleidenden Kredite in der T\u00fcrkei treffend vom \u201e<a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-10-12/turkey-s-credit-boom-seen-at-risk-of-backfiring-into-bad-loans\">elefant-in-the-room</a>\u201c. Und nicht ohne Grund sind die Profite der \u00f6ffentlichen Banken \u2013 die ja zu jener Kreditschwemme zu realen Negativzinsen politisch forciert wurden \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kamu-bankalarinin-karinda-sert-dusus-vakifbank-in-kari-yuzde-56-halkbank-in-yuzde-92-azaldi,951544\">ins Bodenlose gefallen</a> und gehen mittlerweile <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/ekonomi/kamu-bankalarindan-iki-ayda-11-milyar-tllik-zarar-iki-nedeni-var-6512170/\">ins Minus</a>.</p><p>Der Wert der Lira f\u00e4llt indes weiter. Die Dollarisierung der Einlagen, also der Anteil von $-Bankeinlagen an allen Bankeinlagen, als Schutz vor W\u00e4hrungsverfall und Inflation betr\u00e4gt weiterhin <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/05/further-depreciation-turkish-lira-appears-inevitable\">fast 60%</a>, die Inflation ist mit <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/turkish-inflation-climbs-two-year-high-likely-delaying-interest-rate-cut\">mittlerweile 18,95%</a> (Juli) erneut stark gestiegen und die Schere zwischen der Inflation der Produzentenpreise und der Verbraucherpreise <b>[8]</b> hat mit fast 26% mittlerweile einen <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/fiyatlara-uretici-farki-sonbaharda-geliyor-haberi-627126\">historischen H\u00f6chststand</a> erreicht. Diese Entwicklung wird sich sehr sicher in kurzer Zeit auf die Verbraucherpreise niederschlagen. Kaum jemand glaubt mehr den erw\u00e4hnten Inflationszahlen des T\u00dcIK; alternative Berechnungen der Untersuchungsgruppe Inflation (<i>Enflasyon Ara\u015ft\u0131rma Grubu</i>, ENAG) gehen von einer fast dreifachen Inflationsrate (<a href=\"https://twitter.com/ENAGRUP/status/1345997008117649408\">36%</a> f\u00fcr 2020) als der offiziell angegebenen aus. Es verwundert nicht, dass die ENAG wegen \u201egezielter Verleumdung\u201c und \u201eIrref\u00fchrung der \u00d6ffentlichkeit\u201c <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-05-08/turkish-researchers-face-fines-for-publishing-own-inflation-data\">prompt</a> seitens des T\u00dcIK und des Finanzministers angezeigt und vom Staatsanwalt vorgeladen wurde.</p><h4><i>Lange Rede, kurzer Sinn: Die kr\u00e4ftigen Wachstumszahlen verdecken nicht nur die Ausma\u00dfe der sozialen Depravation, sondern \u00fcberhaupt die fundamentale Instabilit\u00e4t des Akkumulationsregimes und des Krisenmanagements.</i></h4><p>Diese werden seit Jahren palliativ behandelt, wobei sich Instabilit\u00e4t und Krisen Jahr um Jahr versch\u00e4rfen. Ob und wann sich diese Instabilit\u00e4t erneut als manifeste Krise Bahn bricht, steht in den Sternen geschrieben. Fest steht jedoch: Umso mehr sie sich versch\u00e4rft, umso heftiger bricht sie hervor, wenn es soweit ist. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt: Das ist immer wieder der Fall. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der stets wiederkehrende Zyklus aus struktureller Instabilit\u00e4t \u2013 Krise \u2013 palliatives Krisenmanagement beendet wird, solange das derzeitige politische und Akkumulationsregime bestehen bleibt.</p><h2><b>Das Unbehagen im Akkumulationsregime</b></h2><p>Im Unterschied zu den untergeordneten Kapitalfraktionen geht es dem Gro\u00dfkapital unmittelbar ganz pr\u00e4chtig: Die gr\u00f6\u00dften Kapitalgruppen und Privatbanken der T\u00fcrkei wie <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/koc-holding-2020de-927-milyar-tl-kar-etti-1814053\">Ko\u00e7</a>, Sabanc\u0131, \u0130\u015f Bankas\u0131 und so weiter legten <a href=\"https://www.birgun.net/haber/ulkede-kriz-yasanirken-koc-ve-sabanci-net-karini-ikiye-katladi-321976\">2020</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/koc-holding-in-konsolide-cirosu-ilk-ceyrekte-5-kat-artti-ceo-cakiroglu-son-5-yilda-43-3-milyar-tl-yatirim-yaptik,951019\">wie auch</a> <a href=\"https://www.bloomberght.com/sabanci-ilk-ceyrekte-krini-47-artirdi-2279847\">bisher</a> im Jahr 2021 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/is-bankasi-ilk-ceyrek-karini-yillik-bazda-yuzde-27-artirdi,952180\">kr\u00e4ftig zu</a>, an Ums\u00e4tzen so sehr wie an Profiten. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die <a href=\"https://www.dunya.com/ekonomi/iso-500-aciklandi-iste-pandemi-yilinda-sanayinin-devleri-haberi-622485\">gr\u00f6\u00dften 500 Industrieunternehmen</a> der T\u00fcrkei, deren gr\u00f6\u00dfte zu ebenen jenen Kapitalgruppen geh\u00f6ren \u2013 auch wenn ihre Verschuldung und Schuldenr\u00fcckzahlungen ebenfalls zunahmen und sich ihre kr\u00e4ftigen Profitsteigerungen haupts\u00e4chlich aus dem nicht-operativen Gesch\u00e4ft ergaben (also au\u00dferhalb ihres industriellen Kerngesch\u00e4fts liegend, z.B. im Finanzwesen). Woher kommt also das Unbehagen der f\u00fchrenden \u00f6konomischen Akteure im Akkumulationsregime? Warum beschwert sich der T\u00dcSIAD fast durchgehend \u00fcber das derzeitige Regime (au\u00dfer es legt mal wieder eine orthodox-neoliberale Wende hin)?</p><h4><i>Marxistische Theoretiker*innen und Kritiker*innen haben \u00fcberzeugend dargestellt, dass Erdo\u011fans weiter oben dargestellten permanenten \u201eZigzag\u2019s\u201c nicht einer pers\u00f6nlichen Schrulle des Pr\u00e4sidenten entspringen oder gar einer islamistischen Ideologie, wie es \u00f6fter aus (links-)liberalen Kreisen zu h\u00f6ren ist.</i></h4><p>Es handelt sich vielmehr um einen immer prek\u00e4rer werdenden Balanceakt des Regimes zwischen den \u00f6konomischen Interessen des Gro\u00dfkapitals und denen der KMU, wobei die letzteren gemeinsam mit ihren Besch\u00e4ftigten zur Hauptw\u00e4hler*innenbasis des derzeitigen Regimes geh\u00f6ren. In Abgrenzung zu liberalen Analyseans\u00e4tzen tendieren die marxistischen dennoch oft in eine allzu rigide strukturalistische Richtung: Die These vom \u201e<a href=\"https://www.taylorfrancis.com/chapters/edit/10.4324/9781003098638-5/making-new-neoliberal-state-turkey-melehat-kutun\">neuen Neoliberalismus</a>\u201c legt beispielsweise nahe, dass der Autoritarismus Erdo\u011fans eine geradezu notwendige Folge der Krise des finanzialisierten Neoliberalismus (in der T\u00fcrkei) darstellt. Dabei streben doch gerade die b\u00fcrgerliche Opposition in der T\u00fcrkei und die \u00f6konomisch dominanten Akteure, das Gro\u00dfkapital, eine Perspektive der Restauration des Neoliberalismus anstelle des derzeitigen dezisionistischen Regimes an. Der Marxist \u00dcmit Ak\u00e7ay <a href=\"https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13569775.2020.1845920\">hebt zwar hervor</a>, dass die bisher gr\u00f6\u00dfte Krise des Regimes, die sich durch den Gezi-Aufstand 2013 manifestierte, nicht unmittelbar aus einer Krise des Akkumulationsregimes folgte. Er f\u00fchrt aus, dass es so etwas wie \u201e[t]he political elite\u2019s survival strategies\u201c (S. 10) gab, die zu einer Staatskrise und dann zum Wandel des politischen Regimes hin zur pr\u00e4sidialen Diktatur f\u00fchrten \u2013 sprich, sich politische K\u00e4mpfe nicht eins zu eins auf die Verh\u00e4ltnisse im Akkumulationsregime zur\u00fcckf\u00fchren lassen. Gleichzeitig bleiben sie davon auch nicht g\u00e4nzlich unabh\u00e4ngig, da beispielsweise im betreffenden Fall die Akkumulationskrise die Staatskrise versch\u00e4rfte. Dann aber ordnet Ak\u00e7ay den politischen Autoritarismus in der T\u00fcrkei dem allgemeinen globalen Trend zum Autoritarismus angesichts wirtschaftlicher Stagnation zu und identifiziert \u00fcberhaupt politischen Autoritarismus mit Neoliberalismus, den er als \u2013 ausschlie\u00dfliche? \u2013 <a href=\"https://newleftreview.org/sidecar/posts/erdogans-zigzags\">Ursache</a> f\u00fcr jenen Autoritarismus betrachtet \u2013 als ob das eine zwangsl\u00e4ufig aus dem anderen folgte. Auch historisch betrachtet ist dies ungen\u00fcgend: Als sei es nach Thatcher und Reagan nicht zur Formation eines \u201eprogressiven Neoliberalismus\u201c gekommen; als g\u00e4be es aktuell nicht Biden in den USA, den Aufschwung des Gr\u00fcnen Kapitalismus in Europa und die neoliberale Restaurationsperspektive in der T\u00fcrkei als reale Alternativen f\u00fcr die dominanten Fraktionen des Kapitals.</p><p>Der Marxist Ali R\u0131za G\u00fcrgen hebt gegen liberale Ans\u00e4tze <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/sermayeyi-agirlamak-makale-1509511\">hervor</a>, dass nicht der Autoritarismus von Erdo\u011fan f\u00fcr die prek\u00e4re Situation der internationalen Kapitalfl\u00fcsse in die T\u00fcrkei verantwortlich sei, sondern \u2013 so legt es sein Artikel nahe \u2013<i> ausschlie\u00dflich</i> der globale Kontext, das hei\u00dft die globale Krise des Kapitalismus im Zuge der Coronapandemie, die ein Versiegen der Kapitalstr\u00f6me in die Peripherie mit sich brachte. Es stimmt nat\u00fcrlich, dass die t\u00fcrkische Wirtschaft wegen ihrer abh\u00e4ngigen Finanzialisierung auf internationale Kapitalstr\u00f6me besonders sensibel reagiert. Warum dann aber beispielsweise letztes Jahr die Lira derjenigen W\u00e4hrung der Schwellenl\u00e4nder wurde, die am st\u00e4rksten abwertete, obwohl alle Schwellenl\u00e4nder mehr oder minder im selben globalen Kontext operieren und alle mehr oder minder von internationalen Kapitalfl\u00fcssen abh\u00e4ngen, l\u00e4sst sich nicht allein damit erkl\u00e4ren.</p><h4><i>Selbstverst\u00e4ndlich hat die Politik und damit auch die unvorhersehbare \u2013 oder eigentlich: vorhersehbar im Zickzackkurs prozessierende \u2013 Wirtschaftspolitik des Regimes unmittelbare Auswirkungen auf die Kapitalkreisl\u00e4ufe: Die offensichtlich politisch herbeigef\u00fchrte Negativzinspolitik der TCMB letzten Jahres f\u00fchrte sehr unmittelbar zu einem Versiegen der internationalen Kapitalstr\u00f6me und versch\u00e4rfte die Krise.</i></h4><p>Die erneute \u201eUnberechenbarkeit\u201c und Politisierung der Wirtschaftspolitik seit M\u00e4rz dieses Jahres nach einem kurzen orthodox-neoliberalen Intermezzo f\u00fchrt weiterhin zu einem Fall des Wertes der Lira, damit zu einer Steigerung der Inflation und so weiter, die sich nicht allein aus der strukturellen Akkumulationskrise erkl\u00e4ren lassen, sondern wesentlich durch die Wirtschaftspolitik des Regimes versch\u00e4rft werden. Politik und Wirtschaftspolitik gehen somit selbst nicht unmittelbar oder ausschlie\u00dflich auf in ihren Funktionen f\u00fcr die Erf\u00fcllung der Interessen der dominanten \u00f6konomischen Akteure. Sie funktionieren ebenso im Sinne des politischen Machterhalts, was sich nicht immer oder nicht in jeder Hinsicht mit den Interessen der dominanten \u00f6konomischen Akteure deckt und zugleich unmittelbare Auswirkungen auf die Akkumulation hat. Umgekehrt sind die dominanten Fraktionen des Kapitals nicht nur am weitestgehend reibungslosen Funktionieren der Kapitalkreisl\u00e4ufe interessiert, sondern ebenso am gesamtgesellschaftlichen Kontext, in dem die Kapitalkreisl\u00e4ufe eingebettet sind, sprich an der Stabilit\u00e4t gesellschaftlicher Hegemonie.</p><p>Die marxistischen Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze zur derzeitigen Situation in der T\u00fcrkei leiden meines Ermessens daran, dass sie bestimmte \u00f6konomische Zusammenh\u00e4nge als gegeben und als ausschlie\u00dflich oder haupts\u00e4chlich determinativ f\u00fcr gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse ansehen, dabei aber die gesellschaftlichen und hegemonialen Aspekte von Vergesellschaftung sowie den (Klassen-)Kampf um hegemoniale (\u00f6konomische) Strategien essentialistisch oder funktionalistisch relativieren und ihnen keine wesentliche Determinationskraft zuordnen. Wie schon hervorgehoben, hat das Wirtschaftsmanagement unter Erdo\u011fan den wirtschaftspolitischen Spielraum der \u201egoldenen Jahre\u201c (2002-10) dazu genutzt, klientelkapitalistische Beziehungen aufzubauen und zu st\u00e4rken, anstatt diesen f\u00fcr ein Upgrade der kapitalistischen Struktur der t\u00fcrkischen Wirtschaft insgesamt zu verwenden. Diese klientelkapitalistischen Beziehungen sind zwar, gesamtwirtschaftlich gesprochen, nebens\u00e4chlich: Der linke Analytiker Bahad\u0131r \u00d6zg\u00fcr <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/baskan-ve-milli-oligarklari-makale-1501497\">skandalisiert</a> zwar zurecht, dass die gr\u00f6\u00dften 10 Unternehmen, die die gr\u00f6\u00dften Staatsauftr\u00e4ge erhalten, 2002-19 Auftr\u00e4ge in H\u00f6he von 203,9 Milliarden $ oder Auftr\u00e4ge von einem Volumen von 26%/BIP zugesprochen bekommen haben. Damit ist laut WB die T\u00fcrkei das Land, in dem die gr\u00f6\u00dften 10 Unternehmen am meisten Staatsauftr\u00e4ge relativ zum BIP bekommen, noch vor Brasilien mit 9,8%/BIP. Aber diese Relationen verblassen im Vergleich zum Gro\u00dfkapital, was \u00d6zg\u00fcr und viele andere linke Analytiker*innen nicht betonen und daher ein verzerrtes Bild reproduzieren: Allein die gr\u00f6\u00dfte Kapitalgruppe der T\u00fcrkei, die <a href=\"https://www.koc.com.tr/hakkinda/biz-kimiz\">Ko\u00e7 Holding</a>, hat einen j\u00e4hrlichen Umsatz von 6%/BIP; die <a href=\"https://tusiad.org/tr/tusiad/hakkinda\">T\u00dcSIAD</a> als Ganze hingegen produziert 50%/BNP ausschlie\u00dflich des \u00f6ffentlichen Sektors. Weder Ko\u00e7 noch die T\u00dcSIAD als Ganze z\u00e4hlen zum klientelkapitalistischen Netzwerk im engeren Sinne, sondern bilden den Hauptmotor des t\u00fcrkischen Kapitalismus. Aufgrund dieser vergleichbar untergeordneten Rolle des Klientelkapitalismus war daher die Gro\u00dfbourgeoisie diesen Beziehungen gegen\u00fcber lange Zeit auch mehr oder minder gleichg\u00fcltig eingestellt, oder hielt sie f\u00fcr einen Preis, den man f\u00fcr die im Sinne des Gro\u00dfkapitals umgesetzten neoliberalen Reformen seitens der AKP zahlen musste. Sie sind aber f\u00fcr den politischen Machterhalt des Regimes unerl\u00e4sslich, so sehr, wie sie im derzeitigen dezisionistisch-polykratischen Politikgef\u00fcge gleichzeitig auch zu einer Last werden f\u00fcr das Regime, da ein \u201eSkandal\u201c nach dem anderen auffliegt (ich f\u00fchre dies sp\u00e4ter aus). Zum anderen: Auch das wirtschaftliche Krisenmanagement des Regimes zielt ganz offensichtlich darauf, durch St\u00fctzung der KMU das politische \u00dcberleben des Regimes zu sichern. Wegen der \u00f6konomischen Subordination der KMU und wegen des Realit\u00e4tssinnes der AKP wird dabei stets der prek\u00e4re Balanceakt mit dem Gro\u00dfkapital gesucht, woraus sich der schon beschriebene Zickzack-Kurs herleitet, der aber zugleich die fundamentale wirtschaftliche Instabilit\u00e4t versch\u00e4rft.</p><h2><b>Der Kampf um die Krise des Neoliberalismus</b></h2><h4><i>Gesellschaftliche Hegemonie besteht nicht allein aus und dient nicht allein der \u00f6konomischen Dominanz beziehungsweise Hegemonie der f\u00fchrenden Fraktionen des Kapitals, wie sich umgekehrt \u00f6konomisch hegemoniale Akteure nicht allein um (ihre) \u00f6konomische Dominanz und Hegemonie k\u00fcmmern, sondern auf umfassende gesellschaftliche Hegemonie visieren.</i></h4><p>In der Organisation gesellschaftlicher Hegemonie werden nicht nur die Interessen der \u00f6konomisch relevanten Akteur*innen prozessiert, sondern auch derer, die im Politischen, Kulturellen und Sozialen Deutungsmuster, Ideologien, Vermittlungsformen usw. im Sinne gesellschaftlicher Hegemonie und damit ebenfalls politische, kulturelle (und andere) Hegemonie(n) organisieren. Militarismus, Chauvinismus, gesellschaftliche Polarisierung, Dezisionismus und dergleichen sind hierbei ebenso Mittel, mit denen das derzeitige Regime in der T\u00fcrkei versucht, sich teils mit nicht unmittelbar \u00f6konomischen Methoden eine neue Legitimationsbasis zu schaffen und daher nicht allein als Funktionen f\u00fcr die kapitalistische Akkumulation zu betrachten. Daher funktioniert der politische Machterhalt des Regimes beziehungsweise die Sicherung seines \u00dcberlebens trotz aller Krisen im Land weiterhin, auch wenn seit l\u00e4ngerem die Legitimation des Regimes schleichend untergraben wird. Der immer <a href=\"https://tr.euronews.com/2020/11/09/metropoll-turkiye-nin-nabz-anketi-ak-parti-oylar-ilk-kez-yuzde-30-un-alt-nda\">noch verbreitete Unglaube</a> der Bev\u00f6lkerung, dass die Opposition es <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halkin-yarisindan-fazlasi-muhalefet-partilerinin-iktidara-karsi-alternatif-cozum-onerileri-sunamadigini-dusunuyor,938203\">besser</a> machen k\u00f6nne (bzw. dass es tragf\u00e4hige <a href=\"https://t24.com.tr/haber/arastirma-muhafazakar-secmen-sosyal-demokrat-secmene-kiyasla-daha-karasiz-secmenin-stratejik-oy-verme-egilimi-guclu,921725\">alternative Parteien</a> g\u00e4be), der weiterhin fest verankerte Glaube von fast 80% der AKP-W\u00e4hler*innen an eine <a href=\"https://www.turkuazlab.org/wp-content/uploads/2020/12/Turkiyede-Kutuplasmanin-Boyutlari-2020-Arastirmasi-Sunumu.pdf\">ausl\u00e4ndische Verschw\u00f6rung</a> hinter dem Gezi-Aufstand 2013, und die damit im Zusammenhang stehende viel st\u00e4rkere Zunahme der wahltechnisch betrachtet <a href=\"https://t24.com.tr/haber/arastirma-muhafazakar-secmen-sosyal-demokrat-secmene-kiyasla-daha-karasiz-secmenin-stratejik-oy-verme-egilimi-guclu,921725\">Unsicheren/Schwankenden</a> als derer, die statt den Regimeparteien nun die Oppositionsparteien w\u00e4hlen wollen, bezeugt das Gewicht der relativen Autonomie politischer und sozialer Muster von Macht und Identit\u00e4tsbildung auch inmitten einer Hegemoniekrise.</p><p>Weder die Krise des Akkumulationsregimes, noch die allgemeinere Legitimationskrise haben unmittelbar und unvermittelt soziale und politische Effekte. Sie haben nur vermittelt durch die Formen des Politischen und des Sozialen Effekte, die somit co-determinativ sind und deren Eigenheiten daher nicht einfach funktionalistisch entkernt werden k\u00f6nnen. Umgekehrt gef\u00e4hrden insbesondere gesellschaftliche Polarisierung und Dezisionismus aus der Perspektive des orthodox-neoliberalen b\u00fcrgerlichen Lagers \u2013 wegen der durch sie teils induzierten, teils versch\u00e4rften Hegemoniekrise \u2013 die Stabilit\u00e4t des gesamten gesellschaftlichen Systems ungleicher und ausbeuterischer gesellschaftlicher Beziehungen (nicht nur der \u00f6konomischen) grundlegend, weshalb sie, zumindest in ihrer eigenen diskursiven Repr\u00e4sentation, f\u00fcr eine stabilere Form der Regulation<i> aller</i> gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse streiten. <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/iktidar-bloku-icinde-arayislar-makale-1507278\">Das regulationstheoretische Argument</a>, dass das (hegemoniale) Projekt politischer Akteure die Interessen der Bourgeoisie im weitesten Sinne mit einbeziehen muss, und dass erst die Synchronisation von politischem Projekt mit diesen Interessen die Kontinuit\u00e4t des Machtblocks gew\u00e4hrleistet, ist zwar so allgemein gehalten richtig, weicht der Bearbeitung dieser Felder aber letztlich aus und zieht sich auf eine deskriptive Position zur\u00fcck (Feststellung von Synchronit\u00e4t oder Asynchronit\u00e4t/Krise). Es ist daher auch zugleich nicht richtig: Zum einen aufgrund der Bandbreite an M\u00f6glichkeiten, die zwischen vollst\u00e4ndiger Synchronisation und vollst\u00e4ndiger Asynchronit\u00e4t liegen. Es fehlt die Antwort auf die Frage nach den Faktoren, die festlegen, welche Position genau zwischen vollst\u00e4ndiger Synchronisation und vollst\u00e4ndiger Asynchronit\u00e4t eingenommen wird und damit nach Akteur*innen, Funktionsweisen und Interessen (innerhalb) derjenigen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, die miteinander synchronisieren oder asynchron sind. Damit im Zusammenhang l\u00e4sst es zum anderen die Frage nach der Eigenheit nicht-\u00f6konomischer Sph\u00e4ren und somit nicht-\u00f6konomischer Interessen, Akteure, Hegemonien usw. im Ensemble der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse unbeantwortet und legt einen Funktionalismus \u201ein letzter Instanz\u201c nahe (in letzter Instanz m\u00fcssen diese anderen Verh\u00e4ltnisse n\u00e4mlich mit den \u00f6konomischen synchronisieren). Aus dieser unzureichenden theoretischen Bearbeitung folgt aber die unzureichende Analyse hegemonietheoretisch ausschlaggebender Prozesse, was der theorie- und analyseimmanente Grund f\u00fcr die Attraktivit\u00e4t nicht-marxistischer Ans\u00e4tze ist.</p><p>Liest man die Verlautbarungen des T\u00dcSIAD genauer, kann man eine ineinander verschr\u00e4nkte \u00f6konomische wie politisch-regulative, in jeder Hinsicht jedoch <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/kavga-turkiye-kapitalizmini-kim-nasil-yonetecek-makale-1517988\">sehr umfassende</a> Kritik am derzeitigen Regime herauslesen: <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/tusiad-yik-baskani-ozilhan-ekonomi-yonetimini-elestirdi-1824292\">\u00d6konomisch</a> wird ganz offen f\u00fcr eine neoliberale Restauration auf erweiterter Grundlage optiert. Politisierung der regulativen Institutionen, Unvorhersehbarkeit, Unf\u00e4higkeit in der Inflations- und W\u00e4hrungsverfallsbek\u00e4mpfung und somit palliatives statt transformatives Krisenmanagement werden darin scharf kritisiert. Im Gegenzug werden eine neoliberale Geldpolitik, depolitisierte regulative Institutionen, ein Krisenmanagement und eine Wirtschaftspolitik eingefordert, die die industrielle Produktionsbasis des t\u00fcrkischen Kapitalismus eine Stufe h\u00f6her heben kann, statt mit Kreditschwemmen bankrotte Gesch\u00e4ftsmodelle am Leben zu halten. Das Kalk\u00fcl ist, in den globalen Lieferketten aufzusteigen und China partiell abzul\u00f6sen. <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/catismanin-alternatif-bir-yuzu-tusiad-ve-mhp-makale-1526777\">Politisch-regulativ</a> betrachtet kritisiert der T\u00dcSIAD fast alle wichtigen politischen Entscheidungen des Regimes: Ob nun den Austritt aus der Istanbuler Konvention, das HDP-Verbotsverfahren, die Berufung des neuen Rektors der Bo\u011fazi\u00e7i-Universit\u00e4t wider den Willen der Studierenden und Lehrenden, die Bildungspolitik, die Infragestellung des Laizismus, die Repression der Medien, die diplomatische Isolation des Landes oder die politisierte Justiz \u2013 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tusiad-yuksek-istisare-konseyi-baskani-ozilhan-dan-sedat-peker-aciklamasi-kamuoyu-nezdinde-dile-gelen-bu-suphelerin-giderilmesi-gerekiyor,959760\">nicht zuletzt</a> die durch Sedat Pekers \u201eOffenbarungen\u201c publik gemachte Versumpfung des Staates. All dies wird kritisiert aus der Angst heraus, dass ansonsten gesellschaftliche Polarisierung und Legitimationseinbruch die Hegemoniekrise so sehr versch\u00e4rfen k\u00f6nnten, dass sie nicht mehr nur die derzeitige Regierung und das derzeitige politische Regime gef\u00e4hrden. Aus demselben Grund bezieht sich der Vorsitzende des T\u00dcSIAD, Simone Kaslowski, positiv-wohlwollend auf Bidens Krisenpaket, das er als \u201e<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/kavga-turkiye-kapitalizmini-kim-nasil-yonetecek-makale-1517988\">sozialdemokratisch gef\u00e4rbt</a>\u201c charakterisiert. Bez\u00fcglich des Krisenmanagements in der T\u00fcrkei \u00e4u\u00dfert er, wie oben hervorgehoben, Sorge wegen Inflation und Arbeitslosigkeit.</p><p>Inwiefern die Vorschl\u00e4ge der restaurativen Akteure \u00fcberhaupt f\u00fcr die popularen Klassen von Nutzen sind, diskutiere ich am Ende des Artikels genauer. F\u00fcr diesen Abschnitt m\u00f6chte ich allerdings Folgendes hervorheben: Nat\u00fcrlich w\u00e4re Erdo\u011fan ohne den Neoliberalismus nicht m\u00f6glich gewesen. Dessen krisenhafte Umsetzung in den 1990ern delegitimierte fast alle Parteien au\u00dferhalb der AKP, vor allem die sozialdemokratische Linke; zudem zerschlug die Privatisierungswelle der 2000er die organisiertesten Teile der Arbeiter*innenklasse, wie \u00fcberhaupt der Neoliberalismus f\u00fcr einen <a href=\"http://arastirma.disk.org.tr/wp-content/uploads/2020/09/D%C4%B0SK-AR-12-Eyl%C3%BCl-RAPOR-SON.pdf\">grundlegenden Positionsverlust</a> der Arbeiter*innenklasse sorgte (Entrechtung, stagnierende Reall\u00f6hne, klaffende Produktivit\u00e4ts-Lohn-Schere, finanzielle Abh\u00e4ngigkeit usw.).</p><h4><i>Eine desorientierte, zunehmend sozial depravierte Arbeiter*innenklasse bei gleichzeitiger (partieller) Delegitimation der b\u00fcrgerlichen Linken ist eine der wichtigsten Bedingungen f\u00fcr den Aufstieg der autorit\u00e4ren Rechten, die so einerseits das Vakuum f\u00fcllen, andererseits den sozialen Unmut auf ihre Art und Weise prozessieren kann.</i></h4><p>Marxist*innen wie Korkut Boratav, Galip Yalman, P\u0131nar Bedirhano\u011flu oder \u00dcmit Ak\u00e7ay haben diese Entwicklungen exzellent aufgearbeitet. Es sind dies aber nicht die einzigen und hinreichenden Gr\u00fcnde f\u00fcr den Aufstieg der autorit\u00e4ren Rechten \u2013 im Fall der T\u00fcrkei: f\u00fcr die Errichtung einer pr\u00e4sidialen Diktatur unter F\u00fchrung von Erdo\u011fan. Es bedarf auch einer autorit\u00e4ren Rechten, die, um der eigenen politischen Macht willen, einen erfolgreichen sozialen und politischen Kampf mit politischen Kontrahent*innen und den relevanten sozialen Akteuren um politische und soziale F\u00fchrung ausficht. Eine autorit\u00e4re Rechte, die zudem in der Lage ist, eine gewisse aktive oder passive Massenbasis zu schaffen. Einmal an der Macht, ist diese auch seitens der Gro\u00dfbourgeoisie nicht mehr ohne weiteres kontrollierbar und deshalb \u2013 au\u00dfer in au\u00dferordentlichen Krisenzeiten \u2013 selten von ihr erw\u00fcnscht. Daher \u00e4hnelt der T\u00dcSIAD heute dem Zauberlehrling, der die Geister nicht mehr kontrollieren kann, die er selbst herbeirief (oder zumindest stark in ihrer Genese unterst\u00fctzte). Es gibt aber auch keinen Zaubermeister, der helfen kann. Insofern ist es richtiger, den derzeitigen Autoritarismus nicht als \u201eneuen Neoliberalismus\u201c zu bezeichnen, <a href=\"https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Studien/Studien_6-19_Globalisierung.pdf\">sondern als</a> \u201eErgebnis einer mit zunehmender H\u00e4rte gef\u00fchrten Auseinandersetzung<i> um</i> Neoliberalismus\u201c (S. 59) seitens diverser im engeren Sinne \u00f6konomischer und nicht-\u00f6konomischer Akteur*innen. Erdo\u011fan bleibt an das Gro\u00dfkapital gebunden, das die \u00f6konomische Hauptkraft in der T\u00fcrkei ist. Und ebenso bleibt das Gro\u00dfkapital an Erdo\u011fan gebunden: Denn seine Regierung h\u00e4lt, wenn auch krisenhaft, die Profite des Kapitals und neoliberale Arbeitsverh\u00e4ltnisse aufrecht. Eine allzu antagonistische Opposition gegen Erdo\u011fan zu betreiben, vergr\u00f6\u00dfert die Gefahr, ganz andere Geister, n\u00e4mlich die popularen, zu entfachen, was wiederum aus Sicht des Gro\u00dfkapitals und der b\u00fcrgerlichen Opposition ganz andere Risiken birgt. Daher befinden sich Erdo\u011fan und Gro\u00dfkapital in einem instrumentellen Zweckverh\u00e4ltnis miteinander, das sie bei erstbester Gelegenheit \u00fcber den Haufen schmei\u00dfen w\u00fcrden \u2013 w\u00e4re dies nur m\u00f6glich, ohne gro\u00dfe Krisen zu riskieren!</p><h2><b>Autorit\u00e4re Konsolidierungsversuche</b></h2><h4><i>Die schon bekannten autorit\u00e4ren Konsolidierungsversuche des Regimes setzen sich derweil ununterbrochen fort. Sie setzen sich zusammen aus Unterdr\u00fcckung (erstens und zweitens), sowie Einbindung und Spaltung zugleich der Opposition (zweitens und drittens). Au\u00dferdem findet der Versuch der Festigung eines autorit\u00e4ren, dezisionistischen Regimes inklusive einer ihm entsprechenden neuen Legitimationsbasis statt (viertens).</i></h4><p><i>Erstens</i> wird der Kampf um die entscheidenden oppositionsgef\u00fchrten Gro\u00dfst\u00e4dte weitergef\u00fchrt. Wie schon dargelegt, bilden die oppositionsgef\u00fchrten Gro\u00dfst\u00e4dte \u2013 insbesondere Ankara und Istanbul \u2013 die politische Hauptschlagkraft der b\u00fcrgerlichen Opposition gegen das Regime, wie sie selbst Ergebnis eines erfolgreichen Kampfes der Opposition sind. Seit den Kommunalwahlen 2019, also seitdem Ankara und Istanbul nach Jahrzehnten von der AKP (oder Vorg\u00e4ngerparteien der AKP) an die Opposition \u00fcbergingen, decken deren neugew\u00e4hlte B\u00fcrgermeister <a href=\"https://t24.com.tr/haber/yavas-in-aktardigi-3-katrilyonluk-yolsuzluk-iddiasinin-bilancosu-sus-bitkileri-de-var-osmanlispor-da,919238\">einen Korruptions- oder Misswirtschaftsfall</a> <a href=\"https://www.birgun.net/haber/35-milyon-dolarlik-kamu-zarari-310611\">nach</a> <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2020/gundem/akp-doneminde-ibbde-paralari-odenen-isler-ortada-yok-6158045/\">dem anderen</a> aus der AKP-\u00c4ra auf. Zugleich nutzen sie die Mittel der Stadtverwaltungen, um durch dienstleistungsorientierte Politik und milde redistributive Ma\u00dfnahmen f\u00fcr die Mittellosen eine gewisse Massenbasis f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Opposition aufzubauen. Es ist <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/chp-iktidar-icin-yerel-yonetimlere-yogunlasti-haber-1501385\">offensichtlich</a>, dass die b\u00fcrgerliche Opposition darauf abzielt, durch den Erfolg in den Kommunalverwaltungen in die Macherrolle zu kommen, Barrieren bei Regime-W\u00e4hler*innen zu brechen und ergo gen\u00fcgend Unterst\u00fctzung aufzubauen, um die n\u00e4chsten Parlaments- und Pr\u00e4sidentschaftswahlen zu gewinnen. Erdo\u011fan und das um ihn herum organisierte Regime hingegen versuchen, den Handlungsspielraum der oppositionellen Stadtverwaltungen so weit wie m\u00f6glich einzuschn\u00fcren, um diese Rechnung der Gegenseite zu vereiteln.</p><p>Mehrere Mechanismen greifen dabei ineinander: Zum einen werden zwar die B\u00fcrgermeister der betreffenden St\u00e4dte von der oppositionellen CHP gestellt, die Stadtparlamente sind aber immer noch von AKP und MHP dominiert. Das bedeutet, die Parteien des Regimes nutzen ihre Parlamentsmehrheiten, um die Legislative und Exekutive auf Munizipalebene zu blockieren. Zudem nutzt Erdo\u011fan die Mittel des Zentralstaates, um die Ressourcen der St\u00e4dte so weit wie m\u00f6glich zum Versiegen zu bringen: So bekommen oppositionsgef\u00fchrte St\u00e4dte (und Unternehmen) unterdurchschnittlich wenig zentralstaatliche Gelder und <a href=\"https://2020.tr-ebrd.com/state-banks-on-the-rise/\">\u00f6ffentliche Kredite</a>, weshalb sie sich <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-4-metro-hatti-icin-eurobond-la-580-milyon-dolar-borclandi-imamoglu-kamu-bankalari-garabet-tavri-birakmali,918696\">internationale</a> Partner oder Kreditgeber wie die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-eminonu-alibeykoy-tramvay-hatti-projesi-icin-fransiz-kalkinma-bankasi-ndan-93-milyon-euro-luk-finansman-destegi-alacak,961088\">franz\u00f6sische</a> oder <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ibb-ile-avrupa-imar-ve-kalkinma-bankasi-arasinda-mutabakat-metni-imzalandi-ilk-proje-incirli-beylikduzu-metro-hatti-olacak,950060\">europ\u00e4ische</a> Entwicklungsbank suchen. Es werden aber auch historische St\u00e4tten wie etwa der <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/ibbden-gezi-parki-alaninin-sultan-beyazit-hani-veli-hazretleri-vakfina-devredilmesine-iliskin-aciklama-1821921\">Gezi Park</a> oder der Galata-Turm (beides Istanbul), die sich eigentlich im Eigentum der Gro\u00dfst\u00e4dte befinden, an zentralstaatliche Ministerien \u00fcbertragen und somit aus den H\u00e4nden der Stadtverwaltungen genommen. Nicht zuletzt interveniert die Zentralregierung permanent in die Angelegenheiten der St\u00e4dte: Spendensammlungen der Munizipalit\u00e4ten, um von der Corona-Pandemie Betroffenen zu helfen (und nat\u00fcrlich gesellschaftliche Legitimation aufzubauen), wurden etwa der \u201eParallelstaatlichkeit\u201c und des Terrorismus bezichtigt und seitens des Innenministeriums unter einem juristischen Vorwand verboten. Die oppositionellen Munizipalit\u00e4ten <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-2020-de-ihtiyac-sahiplerine-618-milyon-890-bin-lira-destek-saglandi,937437\">wussten</a> dies aber mehr oder minder <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-duyurdu-6-milyon-tek-yurek-kampanyasi-ikinci-kez-basladi,942920\">zu umgehen</a>. Die Auseinandersetzung um das Spendensammeln und -verteilen der oppositionellen Munizipalit\u00e4ten setzt sich <a href=\"https://t24.com.tr/video/imamoglu-ndan-bagis-kampanyasina-izin-vermeyen-bakan-soylu-ya-tepki-132-bin-ailenin-bayramda-yuzlerinin-gulmesini-istemeyen-bir-kisi-var-o-da-icisleri-bakani,40154\">bis heute</a> fort, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tunc-soyer-tv-ler-bizi-yok-saydi-ama-48-saatte-ankara-nin-gonderdiginden-daha-fazla-yardim-topladik,913291\">ebenso</a> wie das Bem\u00fchen derselben, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-bayram-oncesinde-100-milyon-lira-tutarinda-yeni-destek-paketi-hazirladik-185-bin-ailemizin-kartlarina-500-lira-yatirdik,964909\">alternative</a> Methoden der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mansur-yavas-duyurdu-kampanyamiz-bir-ayda-20-milyon-tl-destek-aldi,950661\">Redistribution</a> zur Anwendung zu bringen und somit der Repressionskeule des Regimes zu entgehen. Auch <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/ibbdeki-akp-yolsuzluklarini-acikliyoruz-her-yol-tugvaya-1843746\">beschlagnahmte</a> das Innenministerium einen Gro\u00dfteil der \u201eAntikorruptionsdossiers\u201c der Istanbuler Stadtverwaltung, bevor diese die Dossiers finalisieren und der Justiz \u00fcbergeben konnte.</p><p>Der derzeit gr\u00f6\u00dfte Konfliktpunkt, der mehrere dieser Mechanismen zusammenf\u00fchrt und daher symptomatisch ist, ist der Konflikt um <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/405297.megaprojekt-istanbuls-untergang.html\"><i>Kanal Istanbul</i></a>, ein megalomanes, mehrere Dutzend Milliarden Dollar teures Projekt zur Anlage eines k\u00fcnstlichen zweiten Wasserkanals parallel zum Bosporus. Von den \u00f6kologisch potenziell desastr\u00f6sen Folgen dieses Projekts abgesehen, ist offensichtlich, dass es sich hier \u00f6konomisch betrachtet um ein klassisches Klientelprojekt handelt \u2013 die Bauauftr\u00e4ge gehen nat\u00fcrlich an Erdo\u011fan-nahe Unternehmer. Zugleich ist es ein Prestigeprojekt Erdo\u011fans, mit dem er sich erneut als Vision\u00e4r und \u201eMacher\u201c pr\u00e4sentieren will. Und nicht zuletzt ist es ein Armdr\u00fccken zwischen Erdo\u011fan und der Istanbuler Munizipalit\u00e4t darum, wer eigentlich in Istanbul das Sagen hat.</p><p><i>Zweitens</i> geht die umfassende Repression gegen Oppositionelle und Dissidenten ununterbrochen weiter. Demonstrationen oder Kundgebungen sind, wenn sie nicht regierungsnah sind, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/tihv-2020-yilindaki-hak-ihlallerini-paylasti-hak-savunucularina-24-yil-hapis-cezasi-90-tutuklama-1079-haber-ile-97-internet-sitesine-erisim-engeli,958235\">fast unm\u00f6glich</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/chp-den-adalet-raporu-804-gun-eylem-yasagi-6-bin-322-gozalti-761-is-cinayeti-349-habere-erisim-engeli,959513\">geworden</a>, Folter und Gewalt seitens Beamt*innen nimmt zu. Unabh\u00e4ngige oder nicht regierungskonforme Fernsehsender werden im Gegensatz zu regimetreuen mit <a href=\"https://www.hrw.org/news/2020/12/15/turkey-crackdown-independent-tv-channels\">horrenden Strafzahlungen</a> des Obersten Rundfunk- und Fernsehrates (<i>Radyo ve Televizyon \u00dcst Kurulu</i>, RT\u00dcK) \u00fcberzogen, dessen Chef laut Eigenaussage zudem Erdo\u011fans \u201eEmpfehlungen und Vorschl\u00e4ge\u201c als Befehle ansieht. Der letztes Jahr neu gegr\u00fcndete Fernsehsender <i>Olay TV</i> musste innerhalb k\u00fcrzester Zeit <a href=\"https://t24.com.tr/haber/nevsin-mengu-ne-izmir-marsi-ne-mehter-marsi-caldik-haber-yaptik-cavit-caglar-hdp-yanlisi-diyerek-baskiyi-mesrulastiriyor,923135\">schlie\u00dfen</a> \u2013 mutma\u00dflich wegen gro\u00dfem politischem Druck, da der Sender auch \u00fcber die pro-kurdische, linke HDP berichtete. Nat\u00fcrlich gehen <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/mhp-medyasi-kaynak-aktariminda-akp-medyasini-geride-birakti-ulkeyi-bahceli-yonetiyor-1848890\">fast alle</a> \u00f6ffentlichen Reklameschaltungen und damit Unsummen an Geldern <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/iktidar-destekcisi-medyaya-akan-kamu-kaynagi-3-adaletsizlikten-cok-daha-buyuk-bir-sorun-var-haber-1528410\">an regimetreue Sender und Zeitungen</a>, kaum welche an oppositionelle. <a href=\"https://ifade.org.tr/reports/EngelliWeb_2019_Eng.pdf\">Nicht nur</a> werden Hunderttausende Webseiten blockiert und Tausende Social Media-Accounts juristisch verfolgt; die Regierung \u00fcberzog auch Facebook, Youtube, Instagram, TikTok und Twitter mit <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-11-04/biggest-social-media-companies-are-fined-by-turkey-under-new-law\">Strafen</a> in H\u00f6he von insgesamt 1,2 Millionen \u20ac, weil sie keine der Regierung gegen\u00fcber f\u00fcr das Unternehmen verantwortlichen lokalen Repr\u00e4sentanten ernannt hatten. Das Gesetz, das dies erfordert, wie auch die Strafzahlungen stehen im Zusammenhang mit dem Versuch des Regimes, mehr direkte Kontrolle auf die Social Media-Unternehmen auszu\u00fcben. Eine <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/turkey-plans-further-clampdown-independent-media\">weitere Versch\u00e4rfung</a> des Medienrechts, wonach die Kontrolle der Regierung \u00fcber Nachrichtenplattformen, die Gelder aus dem Ausland beziehen (also im Prinzip die gesamte alternative Onlinepresse), wurde schon angek\u00fcndigt als \u201eKampf gegen die f\u00fcnfte Kolonne\u201c. Zudem wurden seit 2018 etwa 40 (oft oppositionelle) Journalist*innen <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/05/erdogan-endorses-mob-attack-opposition-leader-warning-more-come\">t\u00e4tlich angegriffen</a>. Der oppositionelle, nationalistisch orientierte Sender<i> Halk TV</i> wurde w\u00e4hrend einer Live\u00fcbertragung aus den Waldbrandgebieten Anfang August von einem regierungsnahen Mob <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/08/06/tv-yayinina-baskin-bakan-istifasi-ve-bir-asker-videosu/\">angegriffen</a>, nachdem zuvor der RT\u00dcK Sender, die nicht regierungskonform \u00fcber die Waldbr\u00e4nde berichteten, mit \u201eden heftigsten Sanktionen\u201c bedroht (und diese dann <a href=\"https://bianet.org/bianet/medya/248607-rtuk-once-tehdit-etti-sonra-ceza-kesti?bia_source=mailchimp&amp;ct=t(RSS_EMAIL_CAMPAIGN+-+Bianet+T%C3%BCrk%C3%A7e+G%C3%BCnl%C3%BCk)&amp;mc_cid=bee6f913c5&amp;mc_eid=4504c19f40\">umgesetzt</a>) und der millionenfach auf Twitter geteilte #HelpTurkey-Hashtag \u00f6ffentlich und juristisch <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/turkish-prosecutor-investigates-tweets-calling-help-wildfires\">angeprangert und verfolgt</a> wurde, weil er die T\u00fcrkei als \u201eschwach\u201c darstelle.</p><p>Die Verfolgung geschieht auch au\u00dferhalb der T\u00fcrkei, <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/exiled-turkish-journalist-attacked-outside-home-germany\">wie j\u00fcngst der Angriff</a> auf den kritischen Investigativjournalisten Erk Acarer in Berlin und die Existenz von <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/407199.gefahr-f%C3%BCr-t%C3%BCrkische-oppositionelle-im-fadenkreuz.html\">Todeslisten</a> mit Namen von t\u00fcrkeist\u00e4mmigen Oppositionellen und Dissidenten in Deutschland gezeigt hat. Das Vorgehen beschr\u00e4nkt sich nicht allein auf Journalist*innen, sondern hat System. Erst neulich wurde die Chefin der rechten Oppositionspartei IYI, Meral Ak\u015fener, bei einem Besuch in Rize am Schwarzen Meer von einem aufgestachelten Mob empfangen und musste die Stadt fr\u00fchzeitig verlassen. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-erdogan-salgin-surecinde-milletimizin-hem-sagligini-guvenligini-asini-ve-isini-korumak-icin-devletimizin-tum-imkanlarini-seferber-ettik,954704\">Erdo\u011fans Kommentar</a>, an Ak\u015fener gerichtet: \u201eDanke Gott daf\u00fcr, dass sie nicht zu weit gegangen sind, und dir [nur, A. K.] eine Lehre erteilt haben. Das sind noch die guten Tage, wartet mal ab, was da noch kommt\u201c, ist paradigmatisch f\u00fcr die drohende, Gewalt relativierende oder <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/siddetin-tarihcesi-daha-neler-olacak-neler-galeri-1525820\">zur Gewalt anstachelnde Sprache</a>, die zentrale Personen des Regimes seit Jahren gegen oppositionelle Politiker*innen, Journalist*innen, Akademiker*innen und andere nutzen. Dabei ist MHP-Chef <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-bu-kez-ahmet-sik-i-hedef-gosterdi-mhp-nin-hedef-gosterdigi-kimler-saldiriya-ugramisti,957623\">Bah\u00e7eli</a> oft viel direkter als Erdo\u011fan. So bezeichnete er Protestierende an der Eliteuniversit\u00e4t Bo\u011fazi\u00e7i als \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-bogazici-universitesi-nde-turkiye-nin-sinir-uclariyla-oynaniyor-eskiyalar-bogazici-ne-tutunarak-ulkemize-meydan-okuyor,930788\">giftige Schlangen, deren K\u00f6pfe wir zerquetschen m\u00fcssen</a>\u201c.</p><p>Die Repressionswelle gegen die HDP wurde in der vergangenen Zeit immer intensiver. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hdp-nin-hak-ihlalleri-raporu-son-5-yilda-16-binden-fazla-hdp-li-gozaltina-alindi-4-bine-yakin-hdp-li-tutuklandi,919835\">Tausende</a> ihrer Mitglieder, Funktionstr\u00e4ger*innen und sogar Parlamentarier*innen wurden in den letzten Jahren in Untersuchungshaft genommen, etwa 1000 <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/2990310-iki-bucuk-yilda-1336-dosya\">Immunit\u00e4tsaufhebungsantr\u00e4ge</a> liegen f\u00fcr HDP-Parlamentarier*innen im Parlament vor und fortlaufend finden Razzien gegen sie statt. Mittlerweile l\u00e4uft auch das sogenannte \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/3530-sayfalik-kobani-iddianamesinden-kapatilmasi-icin-cagri-yapilan-hdp-ile-ilgili-iddialar-cikti-myk-toplantisina-kck-lilar-katildi-hdp-liler-de-orgut-yoneticisi,925222\">Kobane-Verfahren</a>\u201c auf Grundlage einer <a href=\"https://t24.com.tr/haber/demirtas-in-avukatlari-suclamalara-20-ayri-baslikla-yanit-verdi-gizli-tanik-aslinda-yok-twitter-hesabi-sahte,929051\">haneb\u00fcchenen</a> Anklageschrift gegen insgesamt 108 \u00e4ltere F\u00fchrungspersonen der HDP. Gegen die Partei ist mittlerweile auch ein umfassendes Verbotsverfahren beim Verfassungsgericht anh\u00e4ngig (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/hdp-nin-kapatilmasi-istemine-cozum-sureci-gerekce-gosterildi-hdp-kapatilir-mi-hangi-secenekler-soz-konusu,960815\">ebenfalls</a> auf Grundlage einer haneb\u00fcchenen Anklageschrift), das auch eine Politikverbotsforderung f\u00fcr Hunderte HDP-Politiker*innen enth\u00e4lt; beide Anklagen mit dem Hauptvorwurf der Spaltung von Staat und Nation beziehungsweise der Zuarbeit zu einer \u201eTerrororganisation\u201c (also der PKK).</p><p>Auch hier gilt: Was von oben abgesegnet wurde, findet von unten seine Entsprechung. Am 15. Juni 2021 ermordete ein \u00fcberzeugter Faschist in Izmir Deniz Poyraz, eine Mitarbeiterin im dortigen B\u00fcro der HDP am 15. Juni 2021. Die Tat, begangen von einem, der <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/hdpli-ertugrul-kurkcu-saldirganlari-acikladi-3-silahli-iceri-giriyor-1845160\">in Syrien gek\u00e4mpft</a> und sich <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/gokcer-tahincioglu-yuzlesme/deniz-poyraz-in-katili-onur-gencer-icimi-soguttum-beni-serbest-birakin,31464\">laut Eigenaussage</a> vorgenommen hatte, so viele HDP\u2019ler wie er konnte zu ermorden, ist \u2013 egal ob es ein <a href=\"https://ilerihaber.org/icerik/deniz-poyrazin-katili-onur-gencerin-izmir-valiliginin-yonetiminde-oldugu-balcova-termal-oteli-sik-sik-ziyaret-ettigi-ortaya-cikti-127333.html\">geplantes Attentat</a> oder ein Selbstl\u00e4ufer war \u2013 direkte Folge einer von oben gezielt betriebenen Politik der <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/gundem/turkiye-cok-gergin-dil-mutlaka-degismeli-6531109/\">gewaltt\u00e4tigen Polarisierung</a> im Sinne des Machterhalts. <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/erdogans-game-plan-next-election-involves-kurdish-vote\">Es folgten</a> weitere auch bewaffnete Attacken auf HDP-B\u00fcros und ein <a href=\"https://bianet.org/english/human-rights/247964-seven-people-from-kurdish-family-shot-dead-at-home-in-racist-assault\">Massenmord</a> an einer kurdischen Familie in Konya, bei der sieben Mitglieder der Familie von einem t\u00fcrkischen Faschisten ermordet wurden, kaum ein paar Wochen nachdem sie von einem aufgestachelten Mob, an dem auch der sp\u00e4tere Massenm\u00f6rder teilnahm, angegriffen wurden. <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1155265.kurdische-familie-dedeo%C4%9Fullar%C4%B1-tuerkei-grosse-feuer-ueberall.html\">Einen Tag darauf</a> griff ein faschistischer Mob von 300 Personen kurdische Landarbeiter*innen in Elmal\u0131 an und forderte sie dazu auf, das Land zu verlassen.</p><h4><i>Offensichtlich dient die Entfesselung der Repression im Allgemeinen (wie im Besonderen gegen die HDP) dazu, Teile der Opposition zu demobilisieren und zu zerm\u00fcrben sowie, bez\u00fcglich der Medien, zu Regimediskursen massenwirksame alternative Diskurse zu verhindern. Au\u00dferdem dient sie dazu, eine autorit\u00e4r-faschistoide Massenbasis aufzubauen.</i></h4><p>Beim angestrebten HDP-Verbot k\u00f6nnte die Rechnung der Regierung weniger die sein, die Formation einer alternativen, mitte-links orientierten pro-kurdischen Partei in der T\u00fcrkei <i>\u00fcberhaupt</i> zu verhindern. Wichtigen politischen Akteur*innen in der T\u00fcrkei ist klar, dass dies eher unwahrscheinlich ist und auch, dass sich pro-kurdische Parteien in der Vergangenheit immer st\u00e4rker reformierten, nachdem sie verboten wurden. Das Kalk\u00fcl ist vermutlich eher, dass eine Schlie\u00dfung der HDP (oder eine Kappung der ihr zustehenden staatlichen Zusch\u00fcsse) <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/3112432-butun-hesaplar-eylule-odakli\">kurz vor den n\u00e4chsten Wahlen</a> zu einer gleichm\u00e4\u00dfigen Verteilung des W\u00e4hler*innenpotenzials der HDP auf Regime- wie restlichen Oppositionsparteien f\u00fchrt (oder die Effizienz der HDP weiter reduziert) und somit den Regimeparteien den Sieg erm\u00f6glicht. Es ist aber bislang nicht abzusehen, in welche Richtung sich das Verbotsverfahren entwickelt, da sein Ausgang wesentlich von den derzeitig laufenden Machtk\u00e4mpfen abh\u00e4ngt und nicht von juristischen Prozessen (w\u00e4ren Recht und Gesetz Ma\u00dfstab des Verfahrens, w\u00e4re es gar nicht erst zu einem Verbotsverfahren gekommen).</p><p>Die in diesem Artikel wegen einem innenpolitischen Fokus stiefm\u00fctterlich behandelte Au\u00dfenpolitik, in diesem Fall das Verh\u00e4ltnis zur USA und zur EU, hat diese Repressionsorgie im Allgemeinen und das Verbotsverfahren gegen die HDP im Besonderen nicht nachteilig affiziert, <a href=\"https://jacobinmag.com/2021/03/turkey-erdogan-hdp-peoples-democratic-party-pro-kurdish-socialism\">im Gegenteil</a>. Die durch die politische wie \u00f6konomische Integration der T\u00fcrkei in den euro-transatlantischen Kapitalismus sowie durch Druck ihrer Hauptakteure (USA, EU) erzeugte Wiederann\u00e4herung der T\u00fcrkei an die au\u00dfenpolitischen Interessen der NATO war Grund genug f\u00fcr diese, keine weiteren Sanktionen gegen die T\u00fcrkei zu erheben \u2013 <a href=\"https://www.reuters.com/article/us-turkey-eu-exclusive-idUSKBN2BA1KP\">mit explizitem Verweis</a> darauf, dass auch ein drohendes HDP-Verbot daran nichts \u00e4ndern w\u00fcrde. Dies steht <a href=\"https://revoltmag.org/articles/deutsch-t%C3%BCrkische-untiefen/\">in Kontinuit\u00e4t</a> zur Au\u00dfenpolitik des euro-transatlantischen Blocks gegen\u00fcber der T\u00fcrkei der letzten Jahre, wonach die wirtschaftliche und geheimdienstliche Zusammenarbeit sowie R\u00fcstungsexporte weiter Bl\u00fcten trieben, w\u00e4hrend gelegentliche Skandalisierungen der Menschenrechtslage in der T\u00fcrkei als disziplinierende Hebel genutzt wurden, um die T\u00fcrkei \u00f6konomisch wie au\u00dfenpolitisch auf Linie zu halten. Jedenfalls folgten niemals auch nur ann\u00e4hernd so harte Sanktionen gegen\u00fcber der T\u00fcrkei wie gegen\u00fcber Russland, China oder seit neuestem Belarus. <a href=\"https://www.swp-berlin.org/en/publication/customs-union-old-instrument-new-function-in-eu-turkey-relations/\">Seit geraumer Zeit</a> verweisen bundesdeutsche Think Tanks zudem <a href=\"https://www.dw.com/tr/almanyadan-%C3%A7arp%C4%B1c%C4%B1-t%C3%BCrkiye-raporu-kurumlar-felce-u%C4%9Frat%C4%B1ld%C4%B1/a-57127795\">ganz offen</a> und unverbl\u00fcmt darauf hin, dass sich die EU ihrer mangelnden \u201enormativen Kraft\u201c bewusst werden und sich daher darauf beschr\u00e4nken sollte, wirtschaftliche Druckmechanismen daf\u00fcr zu nutzen, die T\u00fcrkei ausschlie\u00dflich in au\u00dfenpolitischen Angelegenheiten auf Linie zu bringen.<i> Hic Rhodus, hic salta</i> \u2013 zeige hier und jetzt, was du kannst! Das HDP-Verbotsverfahren ist das Rhodos der Fabel, und <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57611741\">die EU sprang</a>: Es wurde eine Vertiefung der f\u00fcr die T\u00fcrkei sehr wichtigen Zollunion und eine Verl\u00e4ngerung des \u201eFl\u00fcchtlingsdeals\u201c vereinbart statt neuen Sanktionen. Insofern ist der EU keine Inkonsequenz vorzuwerfen \u2013 au\u00dfer freilich derjenigen, \u201eMenschenrechte\u201c ganz nach gusto hochtrabend im Munde zu f\u00fchren aber sich nur dann f\u00fcr sie zu interessieren, wenn es gegen Russland, China, Belarus, Venezuela oder Kuba geht.</p><p>Aber die Repression gegen die HDP ist,<i> drittens</i>, auch ein integrales Element der Spaltung und Einbindung von Teilen der Opposition.</p><h4><i>Die (Nicht-)Thematisierung der \u201ekurdischen Frage\u201c auf Grundlage eines assimilatorischen t\u00fcrkischen Nationalismus und die Normalisierung eines rasenden militaristisch-nationalistischen \u201eAntiterrordiskurses\u201c hat den antikurdischen t\u00fcrkischen Nationalismus zu einer wichtigen Mobilisierungs- und Legitimationsquelle f\u00fcr politische Akteur*innen gemacht.</i></h4><p>Sogar der klassisch progressiv-neoliberale Ali Babacan, ehemals Wirtschaftsminister unter der AKP, nun Chef der kleinen Oppositionspartei DEVA, der sonst einen sehr starken Fokus auf \u201eRechtsstaatlichkeit und Menschenrechte\u201c hat, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/murat-sabuncu/ali-babacan-cozum-surecinde-hukumet-bir-adim-atacak-orgut-bir-adim-atacak-tavri-orgutu-guclendirdi,28323\">kritisiert</a> den in der Vergangenheit liegenden \u201eFriedensprozess\u201c mit der PKK, weil er die PKK gest\u00e4rkt habe. Abdullah G\u00fcl, der letzte Pr\u00e4sident vor Erdo\u011fan, der tendenziell Babacan-nah ist und die Polarisierung im Land wie auch das Pr\u00e4sidialsystem (wenn auch oft in sehr diplomatischen Worten) ablehnt, lehnt zwar den Verbotsantrag gegen die HDP ab \u2013 allerdings mit der <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/murat-sabuncu/11-cumhurbaskani-gul-t-24-e-konustu-hdp-ye-kapatma-davasi-acilmasini-ve-gergerlioglu-nun-milletvekilliginin-dusurulmesini-cok-yanlis-buluyorum,30262\">Begr\u00fcndung</a>, dass eine Schlie\u00dfung der HDP \u201eTerrororganisationen\u201c (also die PKK) st\u00e4rken w\u00fcrde und nicht etwa, weil ein solches Verbot gegen jede Minimalvorstellung von Rechtsstaatlichkeit geht. Sogar Babacan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ali-babacan-dan-anayasa-nin-ilk-dort-maddesi-sorusuna-uygun-iklim-yaniti,932645\">dr\u00fcckt sich darum</a>, die Pr\u00e4ambel und die ersten vier Paragraphen der <a href=\"https://www.tbmm.gov.tr/anayasa/anayasa_2018.pdf?TSPD_101_R0=08ffcef486ab2000ff259786418a411d0b908f239414891a82ca1e70fb157d3ec257397cacea6e8a08eee612741430007014cc9d5900a144826ec0c4b95c00ba5e6519cb6a8fb620e0367c3e8ace91d2b73f56888936220fa477a70f4a0c573f\">Verfassung</a>, die unter anderem einen rasenden geschichtsmetaphysischen t\u00fcrkischen Nationalismus und einen staatsverherrlichenden \u201eAtat\u00fcrkismus\u201c auf Verfassungsrang erheben, infrage zu stellen. Daher und weil sich die b\u00fcrgerliche Opposition weitestgehend mit dieser Normalisierung arrangiert und diese teilweise auch f\u00fcr ihre eigenen Zwecke nutzt, wird der antikurdische t\u00fcrkische Nationalismus von Regime- wie von Oppositionsparteien mehr oder minder stark geteilt.</p><p>Die Regimeparteien waren, machiavellianisch betrachtet, sehr geschickt darin, diesen militaristisch-nationalistischen \u201eAntiterrordiskurs\u201c auch auf die HDP auszuweiten und diese mit der PKK in eins zu setzen. <a href=\"https://www.turkuazlab.org/wp-content/uploads/2020/12/Turkiyede-Kutuplasmanin-Boyutlari-2020-Arastirmasi-Sunumu.pdf\">Mittlerweile</a> ist die HDP \u2013 neben der AKP \u2013 die <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/galeri/metropoll-arastirma-akp-yuzde-277-ile-secmenin-asla-oy-vermem-dedigi-ilk-parti-1852570/2\">am st\u00e4rksten abgelehnte</a> Partei in der Bev\u00f6lkerung, auch eine politische Zusammenarbeit mit ihr wird <a href=\"https://t24.com.tr/haber/area-arastirma-olasi-cumhurbaskanligi-secimlerinde-mansur-yavas-muharrem-ince-ile-abdullah-gul-e-fark-atiyor,899856\">mehrheitlich abgelehnt</a>. Mit der intensivierten Repression gegen die HDP man\u00f6vriert das Regime daher auch die b\u00fcrgerliche Opposition in eine schwierige Position. Diese wissen ja: Ohne die HDP, die bei landesweiten Wahlumfragen bei etwa 10% der Stimmen liegt, und somit auch ohne politische Zugest\u00e4ndnisse an die HDP scheint ein Sieg gegen die Regimeparteien und Erdo\u011fan unm\u00f6glich. Beispielsweise waren die HDP-W\u00e4hler*innen die <a href=\"https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkischer-fr%C3%BChling/\">K\u00f6nigsmacher</a> bei den Kommunalwahlen in Istanbul 2019. Andererseits ist die Ablehnung von PKK und HDP insbesondere bei der oppositionellen MHP-Abspaltung IYI und innerhalb ihrer W\u00e4hler*innenbasis sehr stark. Orientiert sich die Hauptoppositionspartei CHP also allzu offen auf eine Zusammenarbeit auch mit der HDP, dann riskiert sie einen Bruch mit der IYI und anderen kleineren Oppositionsparteien, was die Aussichten auf einen Sieg gegen Erdo\u011fan bei Wahlen ebenso unwahrscheinlich macht. Regimeakteure konzentrieren daher ihre verbalen Attacken und \u201eTerrorismusvorw\u00fcrfe\u201c auch <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-gayemiz-daha-guclu-bir-turkiye,942434\">ganz besonders</a> auf die CHP und <a href=\"https://www.birgun.net/haber/siyasette-ittifak-savaslari-332225\">versuchen</a> \u2013 teils mit <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-den-iyi-parti-lideri-meral-aksener-e-onerimiz-gecerliligini-korumakta-don-evine-bitsin-bu-cile,922602\">expliziten Einladungen</a> \u2013, die IYI und andere kleinere Oppositionsparteien auf ihre Seite zu ziehen. Ganz davon abgesehen gibt es auch innerhalb der CHP und den CHP-W\u00e4hler*innenschaft starke anti-kurdische und anti-HDP Tendenzen.</p><p>Es ist also ein best\u00e4ndiges Schwanken der b\u00fcrgerlichen Hauptoppositionsparteien hinsichtlich der HDP zu sehen: <a href=\"https://t24.com.tr/haber/iyi-parti-genel-baskan-yardimcisi-hdp-yi-problemli-goruyoruz-fezlekeler-geldiginde-evet-diyecegiz,935268\">Bekundete</a> der stellvertretende Chef der IYI, Yavuz A\u011f\u0131ralio\u011flu, dass sie die Aufhebung der Immunit\u00e4ten von HDP-Parlamentar*iennen unterst\u00fctzen werden (weil Terror!), <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-den-iktidara-1994-ruhu-dedikleri-iste-o-yirtip-attiklari-gomlegin-ta-kendisi,936623\">ruderte</a> gleich darauf die Chefin der IYI, Meral Ak\u015fener, zur\u00fcck und betonte, man w\u00fcrde nicht einfach so, ohne genauere Pr\u00fcfung, die Immunit\u00e4tsaufhebungsantr\u00e4ge abnicken. Dieselbe Ak\u015fener sagte <a href=\"https://www.diken.com.tr/hdpyle-ittifak-yapmayiz-diyen-aksenerden-demirtasa-terorle-ic-ice-oldugu-gercek/\">aber auch</a> noch kurz zuvor im Februar 2021, Selahattin Demirta\u015f (der ehemalige Co-Vorsitzende der HDP, der seit mehreren Jahren im Gef\u00e4ngnis sitzt) sei organisch mit dem \u201eTerror\u201c verbunden und sie suche kein B\u00fcndnis mit der HDP. Zur Verbotsdrohung gegen die HDP blieb und bleibt sie allerdings <a href=\"http://www.diken.com.tr/hdpyle-ittifak-yapmayiz-diyen-aksenerden-demirtasa-terorle-ic-ice-oldugu-gercek/\">gezielt vage</a> und h\u00e4lt sogar eine Unterst\u00fctzung daf\u00fcr von Teilen ihrer Partei f\u00fcr m\u00f6glich. Innerhalb der IYI wird <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/iyi-parti-once-icerige-bakacak-1817197\">diskutiert</a>, wie es zu bewerkstelligen ist, sich so scharf wie m\u00f6glich von der HDP abzugrenzen, zugleich aber auch nicht dem Regime zuzuarbeiten; etwa, indem man beispielsweise durch Akzeptanz der Immunit\u00e4tsaufhebungen auch die Ausweitung der Repression auf die restliche Opposition erm\u00f6glicht. Die IYI denkt <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/iyi-parti-cephesi-demirtasin-onerisinin-milleti-baltalayacagini-dusunuyor-1825490\">offensichtlich auch</a> \u00fcber die Gr\u00fcndung eines dritten Wahlb\u00fcndnisses nach, sollten CHP und HDP offen miteinander koalieren. Einige <a href=\"https://t24.com.tr/amp/haber/iyi-parti-toplu-istifa-aksener-e-guvenimiz-sarsildi,916591\">wenige Austritte</a> aus der IYI wegen der \u201eN\u00e4he zur HDP\u201c hat es ebenfalls schon gegeben. CHP-Chef K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu hingegen weicht zwar vom Ultranationalismus seines Vorg\u00e4ngers Deniz Baykal betreffs der \u201ekurdischen Frage\u201c ab, <a href=\"http://www.aljazeera.com.tr/gorus/cozum-surecinde-chp-ucuncu-yol-mumkun-mu\">lehnte aber</a> den \u201eFriedensprozess\u201c mit der PKK ab 2009/2010 <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglundan-cozum-sureci-aciklamasi,229601\">dennoch ab</a> \u2013 mit der Begr\u00fcndung, dieser nutze der PKK und \u00d6calan. In den letzten Jahren <a href=\"https://www.jacobinmag.com/2016/11/turkey-erdogan-coup-hdp-pkk-syria-gulen-ypg\">stach er damit hervor</a>, dass er milit\u00e4rische Invasionen der t\u00fcrkischen Armee gegen die PKK und kurdische Gebiete in Syrien unterst\u00fctzte und zudem denjenigen Immunit\u00e4tsaufhebungsantr\u00e4gen zustimmte, die \u00fcberhaupt erst zur Inhaftierung der ehemaligen Co-Vorsitzenden der HDP (und sp\u00e4ter auch zur Inhaftierung eines CHP-Parlamentariers) f\u00fchrten. Auch aktuell lehnt er die offensichtlich zur Schw\u00e4chung und Spaltung der Opposition eingesetzten Immunit\u00e4tsaufhebungsantr\u00e4ge nicht rigoros ab, sondern bekundet, man m\u00fcsse erst mal deren Inhalte \u201e<a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/chp-genel-baskan-kemal-kilicdaroglu-yasalarla-oynayan-iktidar-gidicidir-1815708\">pr\u00fcfen</a>\u201c.</p><p>Ein wirkliches Novum war allerdings die Reaktion der b\u00fcrgerlichen Opposition auf eine in ihrer Zielsetzung und Umsetzung <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/02/16/13-sehit-sorulari-harekatin-amaci-neydi-sorumlusu-kim/\">bis heute</a> <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/sedat-ergin/o-magarada-saat-saat-ne-oldu-41743108\">nicht ganz aufgekl\u00e4rten</a> Milit\u00e4roperation des t\u00fcrkischen Staates im irakisch-kurdischen Gebirge von Gara im Februar 2021. W\u00e4hrend der Operation kamen <a href=\"https://t24.com.tr/haber/milli-savunma-bakani-akar-gara-da-13-vatandasimizin-naasina-ulasildi,932974\">13 t\u00fcrkische Geiseln</a> in der Hand der PKK um, wof\u00fcr sich der t\u00fcrkische Staat und die PKK gegenseitig beschuldigten. W\u00e4hrend die b\u00fcrgerlichen Oppositionsparteien bei solchen Operationen \u2013 insbesondere mit so hohen Verlusten \u2013 \u00fcblicherweise sofort an der Seite der Regierung stehen, blieben sie diesmal kritisch-distanziert und <a href=\"https://www.kisadalga.net/yazar/garede-cuvallayan-iktidar-ve-muhalefetin-soru-sorma-basarisi_2608\">stellten viele Fragen</a> bez\u00fcglich des Zwecks und des genauen Ablaufs der Operation. Das versetze <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/aksener-tarzi-muhalefet-41743103\">nat\u00fcrlich</a> das Regime <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-hicbir-sey-adina-terore-goz-yumulamaz-tarafsiz-ve-hareketsiz-kalinamaz,933916\">in Rage</a>. In diesem Fall durchschauten also die b\u00fcrgerlichen Oppositionsparteien die politische Inszenierung des Operationsablaufs als Methode des Regimes, sich Legitimation auch im oppositionellen Lager zu organisieren. Das Verbotsverfahren gegen die HDP ist in dieser Hinsicht nat\u00fcrlich auch eine Initiative des Regimes, um die b\u00fcrgerliche Opposition dazu zu zwingen, sich nicht mehr schwankend angesichts der \u201ekurdischen Frage\u201c beziehungsweise der HDP zu verhalten, <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/gundemi-hdpye-odaklayan-iktidar-anayasa-degisikligiyle-bir-daha-acilmamasinin-pesinde-1815713\">sondern sich eindeutig zu positionieren</a> \u2013 und daf\u00fcr den Preis bezahlen (n\u00e4mlich entweder die Unterst\u00fctzung der Kurd*innen oder die der Nationalist*innen zu verlieren).</p><p>Die Versuche zur Spaltung und Einbindung der Opposition erfolgen indes nicht ausschlie\u00dflich \u00fcber die \u201ekurdische Frage\u201c. Zum einen f\u00e4llt die wohlwollende Berichterstattung \u00fcber Spaltungen innerhalb der Oppositionsparteien ins Auge. Eine <a href=\"https://t24.com.tr/haber/umit-ozdag-iyi-parti-yi-chp-nin-uydu-partisi-haline-getirmislerdir,936900\">offiziell</a> mit Verweis auf die \u201ekurdische Frage\u201c und N\u00e4he zur G\u00fclen-Gemeinde erfolgte Abspaltung von der IYI wurde seitens der Regimepresse gut aufgenommen. Auch der Pr\u00e4sidentschaftskandidat der CHP von 2018, Muharrem Ince, trat aus der CHP aus und hat mittlerweile eine eigene Partei gegr\u00fcndet. Auch \u00fcber ihn wurde in der Regimepresse <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/erdoganin-anayasa-hamlesinin-puf-noktalari-41730444\">sehr wohlwollend</a> berichtet und das Vorgehen der CHP gegen\u00fcber Ince skandalisiert. Aber es wird unter Umst\u00e4nden auch direkter interveniert: So <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/trumptan-once-trumptan-sonra-41709165\">besuchte</a> Erdo\u011fan im Januar 2021 ein wichtiges Mitglied der kleinen oppositionellen Partei der Gl\u00fcckseligkeit (<i>Saadet Partisi</i>, SP), die aus der Tradition des politischen Islams in der T\u00fcrkei kommt und von deren Vorg\u00e4ngerin sich die AKP als Abspaltung gegr\u00fcndet hat. Offensichtlich konnte Erdo\u011fan diese Pers\u00f6nlichkeit (O\u011fuzhan Asilt\u00fcrk) von einer Wiederann\u00e4herung an die AKP \u00fcberzeugen. Seit kurzem pl\u00e4diert Asilt\u00fcrk offen daf\u00fcr, dass sich die SP der Wahlallianz des Regimes, der Volksallianz (<i>Cumhur \u0130ttifak\u0131</i>) anschlie\u00dft und ihre oppositionelle Rolle aufgibt. Er <a href=\"https://t24.com.tr/haber/saadet-partisi-nden-oguzhan-asilturk-e-yanit-partinin-yetkili-kurullari-ve-karar-organlari-bellidir,959353\">versucht</a> mittlerweile zunehmend aggressiv, die Macht innerhalb der SP zu \u00fcbernehmen, wobei auch die derzeitige SP-F\u00fchrung selbst in ihrer Opposition zur AKP <a href=\"https://t24.com.tr/haber/karamollaoglu-dogru-bulmadigimiz-politikalarini-degistirmesi-sartiyla-ak-parti-yle-ittifak-yapilabilir,928502\">nicht immer klar</a> positioniert ist. Offensichtlich zielen diese Taktiken darauf ab, eine Demobilisierung, Demoralisierung und/oder sogar ein \u00dcberlaufen von Teilen der Opposition herbeizuf\u00fchren.</p><p>Nicht zuletzt erfolgen Einbindungsversuche der Opposition auch \u00fcber die k\u00fcmmerlichen Reste gemeinschaftlicher oder konsultativer Verfahren sowie einer angeblich an Rechtsstaatlichkeit orientierten Reformagenda. Bei der <a href=\"https://www.haberturk.com/adalet-bakani-gul-den-hsk-secimi-mesaji-uzlasmayla-secilmesi-cok-onemli-3077728\">Besetzung</a> von sieben neuen Mitgliedern des f\u00fcr die Ernennung aller wichtigen Richter*innen und Staatsanw\u00e4lt*innen zust\u00e4ndigen Rats f\u00fcr Richter und Staatsanw\u00e4lte (<i>Hakim ve Savc\u0131lar Kurulu</i>, HSK) erlaubte das Regime der CHP und IYI, zwei der Mitglieder zu ernennen und somit so etwas wie eine \u201egemeinsame Verantwortung in der Staatsf\u00fchrung\u201c zu evozieren. Auch wurde <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/erdoganin-asilturk-ile-gorusmesinde-yeni-anayasanin-da-gundeme-geldigi-belirtiliyor-1811157\">zeitweise</a> dar\u00fcber gemunkelt, das Regime k\u00f6nne einige wenige Zugest\u00e4ndnisse an die rechten Oppositionsparteien machen bei der Ausarbeitung einer neuen Verfassung \u2013 und selbstredend im Gegenzug Unterst\u00fctzung f\u00fcr die neue Verfassung erhalten. Und wie schon vor zwei Jahren wurde mit gro\u00dfem Tamtam ein <a href=\"https://t24.com.tr/haber/canli-erdogan-insan-haklari-eylem-plani-ni-acikliyor,936450\">Menschenrechtsaktionsplan</a> verk\u00fcndet, das angeblich Menschenrechte sch\u00fctzen und willk\u00fcrlichen Haftstrafen vorbeugen und dadurch als Schein einer Teilliberalisierung die oppositionelle Energie d\u00e4mpfen sollte. Letztlich tragen die Zugest\u00e4ndnisse an gemeinschaftliche Verfahrensweisen und die Reformagenda allerdings nicht weit, da sie schon von Anfang an weitestgehend Makulatur waren.</p><p>Denn gemeinschaftliche Verfahren und Rechtsstaatlichkeit vertragen sich,<i> viertens</i>, nicht mit dem andauernden Faschisierungsprozess als Krisenbearbeitungsmodus, der daher auch einer anderen Legitimationsbasis, namentlich einer autorit\u00e4ren bedarf. In dieser Hinsicht erfolgte zuz\u00fcglich der in diesem Artikel schon beschriebenen repressiven Ma\u00dfnahmen und zur Gewalt anstachelnden Reden seitens des Regimes auch eine erneute Diskussion um die Wiedereinf\u00fchrung der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-bahceli-nin-aym-cagrisina-destek-tbmm-bir-adim-atarsa-seve-seve-ben-de-buna-katilirim,906649\">Todesstrafe</a> sowie <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-dan-anayasa-mahkemesi-aciklamasi-aym-baskani-ve-uyeleri-ayni-dusuncede-degilse-geregini-yapmali,909193\">mehrmalige</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/04/01/bahceli-istedi-diye-erdogan-aym-duzenine-son-verir-mi/\">Forderungen</a> nach der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-anayasa-mahkemesi-tekrar-yapilandirilmali-yeni-anayasa-surecinde-yuksek-mahkemenin-mevcut-durumu-mutlaka-ele-alinmali,932241\">institutionellen Entmachtung</a> oder gar <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-aym-milletin-mahkemesi-olmayacaksa-derhal-kendisini-feshetsin-basindaki-zat-da-gecikmeden-istifa-etsin,933415\">Abschaffung</a> des Verfassungsgerichtes, da es in einigen wichtigen politischen Verfahren nicht nach dem Gefallen des Regimes entschied. Als Zementierung konservativ-autorit\u00e4ren Lebensstils wurden <a href=\"https://t24.com.tr/haber/hafta-sonu-tekel-bayileri-kapatilacak-mi-marketlerde-icki-satisi-olmayacak-mi-genelgede-acik-hukum-yok-fiili-yasak-mi-gundemde,919504\">Alkoholverkaufsverbote</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/icisleri-bakani-soylu-dan-tam-kapanma-aciklamasi-denetimleri-en-ust-seviyede-tutmaliyiz,948802\">w\u00e4hrend</a> pandemiebedingten Lockdowns verh\u00e4ngt, <a href=\"https://t24.com.tr/video/erdogan-muzik-yasagini-saat-24-00-e-cekiyoruz-kusura-bakmasinlar-gece-kimsenin-kimseyi-rahatsiz-etmeye-hakki-yok,39860\">Musik und Unterhaltung</a> m\u00fcssen aktuell trotz vollst\u00e4ndiger \u00d6ffnungen um Mitternacht beendet werden. Und es erfolgte die lang angek\u00fcndigte Aufk\u00fcndigung der Istanbuler Konvention zum Schutz vor h\u00e4uslicher Gewalt seitens des t\u00fcrkischen Staates. Der Austritt aus diesem Abkommen war schon letztes Jahr versucht worden, traf aber auch innerhalb des Regimes auf gro\u00dfen Widerstand. Dieses Jahr war das Regime <a href=\"https://www.duvarenglish.com/turkeys-erdogan-quits-istanbul-convention-with-a-midnight-presidential-decree-news-56713\">erfol</a><a href=\"https://www.duvarenglish.com/turkeys-erdogan-quits-istanbul-convention-with-a-midnight-presidential-decree-news-56713\">greich darin</a>, die K\u00fcndigung der Istanbuler Konvention durchzudr\u00fccken \u2013 mit dem <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskanligi-iletisim-baskanligi-ndan-istanbul-sozlesmesi-aciklamasi,940584\">Argument</a>, diese legitimiere mit dem Begriff \u201egesellschaftliches Geschlecht\u201c \u201ewidernat\u00fcrliche\u201c (also nicht-heteronormative) Sexualit\u00e4ten, was \u201eunserem\u201c Moralverst\u00e4ndnis <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56492232\">wi</a><a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56492232\">derspr\u00e4che</a>. Die restriktive und homophobe Sexualit\u00e4ts- und Alltagsmoral zielt damit aber nicht nur auf die Unterdr\u00fcckung und Demoralisierung alternativer Lebensentw\u00fcrfe und Sexualit\u00e4ten, sondern vor allem auch auf die Schaffung (oder St\u00e4rkung) von und Legitimation durch konservativ-autorit\u00e4re Sozialcharaktere. Warum sonst kommt eine Familien- und Sozialministerin auf die Idee, den Anstieg von Gewalt an Frauen f\u00fcr \u201e<a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/05/why-women-are-calling-turkeys-only-female-cabinet-member-resign\">tolerabel</a>\u201c zu halten, da sie einen (noch) st\u00e4rkeren Anstieg mit der Pandemie erwartet h\u00e4tte? Zugleich erdreistete sich aber das Tourismusministerium Ende Juli 2021 ernsthaft und ohne Scham ein Promotionsvideo \u00fcber Istanbul mit dem Titel \u201e<a href=\"https://twitter.com/TCKulturTurizm/status/1419764679019278336?s=19\">Istanbul is the new cool</a>\u201c zu drehen und zu ver\u00f6ffentlichen, das Istanbul als eine s\u00e4kulare, liberale, offene, lebensfreudige, unbeschwerte, potenziell queere und hippe Stadt darstellte, um irgendwie noch westliche Tourist*innen anzuziehen. Als ob \u201eEnjoy, I\u2019m vaccinated\u201c nicht gereicht h\u00e4tte. Die <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/secular-turks-mock-governments-appropriation-care-free-lifestyles-istanbul-promo\">zynischen Kommentare</a> auf Twitter reichten von \u201edas war/ist Istanbul vor/nach der AKP\u201c bis hin zu \u201eFrauen tanzen, Ballett auf den Stra\u00dfen, wilde N\u00e4chte, Getr\u00e4nke, Tische... Es ist so sch\u00f6n, ich frage mich welches Land das wohl sein mag\u201c.</p><p>Nicht zuletzt gab es einige institutionelle Ver\u00e4nderungen zur St\u00e4rkung der repressiven Apparate. Die Ver\u00e4nderungen zielen auf die Festigung eines autorit\u00e4ren Staatsaufbaus: <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2021/01/turkey-gives-police-access-military-alarming-human-rights.html\">Beispielsweise</a> ist es mittlerweile dem Geheimdienst (MIT) und der Polizei erlaubt, bei \u201eterroristischen oder gesellschaftsbezogenen Ereignissen\u201c auf Waffenbest\u00e4nde des Milit\u00e4rs zuzugreifen. Zudem ist es mittlerweile <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bakan-soylu-toplumsal-olaylarda-kayit-yasagina-dair-emniyet-genelgesi-anayasa-ya-aykiri-degil-basini-engellemez,949777\">verboten</a>, mit Handys Aufnahmen von polizeilichen Ma\u00dfnahmen zu t\u00e4tigen. Auch wurde die <a href=\"https://www.hrw.org/news/2020/12/24/turkey-draft-law-threatens-civil-society\">Kontroll- und Interventionsmacht</a> des Innenministeriums \u00fcber die Vorst\u00e4nde von NGOs <a href=\"https://media-cdn.t24.com.tr/files/Venedik_Komisyonu_Turkiye_raporu.pdf\">bedeutend gest\u00e4rkt</a>. Und es wird seitens des Regimes die Einf\u00fchrung einer <a href=\"https://www.haberturk.com/yazarlar/muharrem-sarikaya/2958771-yeni-anayasanin-olmazsa-olmaz-iki-sarti-1-cumhurbaskanligi-hukumet-sistemi-2-uniter-yapi\">neuen Verfassung</a> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/02/03/yeni-anayasadan-ilk-haberler-daha-guclu-baskanlik/\">diskutiert</a>, die <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/yeniden-kurulus-anayasasi-41737612\">offensichtlich</a> eine verfassungsrechtliche St\u00e4rkung der Pr\u00e4sidialdiktatur parallel mit einer St\u00e4rkung der t\u00fcrkisch-nationalistischen und islamistischen Elemente der Verfassung zum Ziel hat. Aber keine dieser Ma\u00dfnahmen konnte verhindern, dass Anatolien Ende Juli wortw\u00f6rtlich in Flammen aufging.</p><h2><b>Anatolien in Flammen</b></h2><h4><i>Seit Ende Juli w\u00fcten die vermutlich verheerendsten Waldbr\u00e4nde in der Geschichte der</i> <a href=\"https://atmosphere.copernicus.eu/copernicus-mediterranean-region-evolves-wildfire-hotspot-while-fire-intensity-reaches-new-records\"><i>modernen T\u00fcrkei</i></a><i>.</i> <a href=\"https://www.economist.com/europe/2021/08/07/turkeys-deadly-fires-raise-the-heat-for-erdogan\"><i>\u00dcber 160.000 Hektar Waldfl\u00e4che</i></a><i> verbrannten vom 28. Juli bis zum 9. August in</i> <a href=\"https://twitter.com/bekirpakdemirli/status/1424804281941733379/photo/1\"><i>\u00fcber 270 Br\u00e4nden</i></a><i>, die 53 von insgesamt 81 Provinzen in Flammenmeere verwandelten.</i></h4><p>Es ist nat\u00fcrlich einerseits Zufall, dass im selben Jahr die Corona-Pandemie auf der Welt w\u00fctet; in Texas im Februar eine historische <a href=\"https://www.nbcnews.com/news/us-news/death-toll-rises-210-february-cold-wave-texas-n1273911\">K\u00e4ltewelle</a> zum Zusammenbruch des Elektrizit\u00e4tsnetzwerkes und zu \u00fcber 200 K\u00e4ltetoten f\u00fchrte; Kanada und Teile der USA eine bisher nicht gesehen Hitzewelle von 50\u00b0 Celsius durchmach(t)en; in Rheinland-Pfalz beziehungsweise Nordrhein-Westfalen (und in Belgien, Luxemburg, der Niederlande und der nord\u00f6stlichen Schwarzmeerk\u00fcste der T\u00fcrkei) geradezu <a href=\"https://www.nationalgeographic.co.uk/environment-and-conservation/2021/07/experts-fear-germanys-deadly-floods-are-a-glimpse-into-climate-future\">diluvianische Sintfluten</a> zu immensen Zerst\u00f6rungen und zum Tod von fast 200 Menschen f\u00fchrten; weitere Regionen rund um das <a href=\"https://www.vice.com/en/article/n7bk9d/a-heatwave-has-triggered-a-massive-melting-event-in-greenland\">Mittelmeer in Flammen</a> stehen (Waldbr\u00e4nde in Italien, Griechenland, dem Balkan, Algerien...); auch Kalifornien mit dem gr\u00f6\u00dften Waldbrand seiner Geschichte k\u00e4mpft; es sogar in Sibirien zu weitfl\u00e4chigen Waldbr\u00e4nden kommt, w\u00e4hrend in Gr\u00f6nland die Eiskappen wegen einer Hitzewelle <a href=\"https://www.vice.com/en/article/n7bk9d/a-heatwave-has-triggered-a-massive-melting-event-in-greenland\">massiv schmelzen</a> und so weiter. Aber es ist zugleich \u00fcberhaupt kein Zufall, sondern diese Extremwetterereignisse sind eine logische Konsequenz von geradezu eiserner Notwendigkeit. Sie folgen aus dem menschengemachten Klimawandel, wie der <a href=\"https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2021-08/klimawandel-ipcc-bericht-weltklimarat-erderwaermung-extremwetter/komplettansicht\">aktuell ver\u00f6ffentlichte</a> Weltklimabericht des<i> Intergovernmental Panel on Climate Change</i> (IPCC) in aller Ausf\u00fchrlichkeit und wissenschaftlich fundiert festh\u00e4lt. Extremwetterereignisse werden daher unausweichlich zunehmen, einzig die Frage nach dem <i>wann</i> und <i>wo</i> beherbergt eine Prise Zufall. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit dem zumindest stark durch menschliche Handlungen beg\u00fcnstigten Ausbruch und der Verbreitung von Epidemien und Pandemien. Vielleicht wird dieses Jahr irgendwann als das erste \u00f6kologische Katastrophenjahr bezeichnet werden, in dem sich die mit apodiktischer Notwendigkeit aus dem Klimawandel und den spezifischen Formen menschlicher Landwirtschaft folgenden Extremwetterereignisse und Pandemien in einem bislang noch nicht gekannten Ausma\u00df akkumulierten \u2013 und damit auch den Menschen in den imperialistischen Zentren die Klimakrise fassbar vor Augen f\u00fchrten. Die UN spricht schon davon, dass wir auf einen Planet hinsteuern, der zu einer \u201e<a href=\"https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/Human%20Cost%20of%20Disasters%202000-2019%20Report%20-%20UN%20Office%20for%20Disaster%20Risk%20Reduction.pdf\">uninhabitable hell</a>\u201c (S. 3) wird und Leo Panitch bl\u00e4ut uns, etwas arg pessimistisch, schon seit Jahren ein, dass wir uns <a href=\"https://catalyst-journal.com/2020/06/class-theory-for-our-time\">darauf vorbereiten m\u00fcssen</a>, den Sozialismus unter Umst\u00e4nden aufzubauen, die denen von<i> Blade Runner</i> \u00e4hneln.</p><h4><i>Das derzeitige Inferno in Anatolien ist allerdings nicht nur eine Geschichte des menschengemachten Klimawandels. Es f\u00fchrt \u2013 wie in einem Brennglas \u2013 alle in diesem Artikel bereits angesprochenen sozialen Entwicklungen und Antagonismen konzentriert zusammen und versch\u00e4rft sie: den neronischen Hochmut des Regimes, das Desinteresse des neoliberalen Staates an Mensch und Natur, die Faschisierung, den Lynchmob, die antikurdische Hetze \u2013 aber auch das Potenzial umfassender Solidarit\u00e4t.</i></h4><p>An erster Stelle ist das Totalversagen des neoliberalen Staates zu nennen, wo es um Schutz und \u00dcberleben von Mensch und Natur geht: Angesichts der v\u00f6llig unzureichenden Ausstattung von Feuerwehr und Feuerl\u00f6schflugzeugen versuchten Dorfbewohner*innen, Polizist*innen und Gendarmen individuell mit eigenen H\u00e4nden, kleinen Wasserk\u00fcbeln, Decken und dergleichen den Fl\u00e4chenbrand zu bes\u00e4nftigen; die Evakuation von Tausenden von Menschen aus K\u00fcstenorten und Tourismusressorts wurde teils mit <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=Pk2NZ9Q2_o8\">privaten Mitteln</a>, das hei\u00dft mit Privatjachten, Jetskies und kleinen Booten organisiert. Ganze D\u00f6rfer und St\u00e4dte mussten evakuiert werden; auch das <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=1IP3j2NrQVY\">Kohlekraftwerk \u00d6ren</a> bei Milas/Mu\u011fla, das in letzter Sekunde abgeschaltet und gemeinsam mit der ganzen Umgebung von den Seestreitkr\u00e4ften des t\u00fcrkischen Milit\u00e4rs evakuiert wurde. Es war eine der wenigen Situationen, in denen die Regierung das Milit\u00e4r, das seit dem Putschversuch 2016 direkt dem Gouverneur und der Regierung mit Ausnahme des milit\u00e4rischen Verteidigungsfalles weisungsgebunden untersteht, zu Hilfe rief. Die Furcht vor einer (eher fiktiven denn wahrscheinlichen) kemalistischen \u201eVereinigung von Volk und Armee\u201c durch gemeinsame Aktion sitzt tief. Viele <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=6Fs8YITtkwo\">freiwillige Brandbek\u00e4mpfer*innen</a> aus allen Landesteilen, oft politisch links eingestellt, und Dorfbewohner*innen <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=QgN7tnoEkZ4\">berichten</a> <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=rCcHGmm6Uaw\">davon</a>, dass lange Zeit gar keine oder kaum Flugzeuge/Helikopter eingesetzt wurden \u2013 oder sie, von Staat und Regierung in Stich gelassen, die Br\u00e4nde selbst bek\u00e4mpfen mussten. \u201eIch wei\u00df nicht, wer uns helfen wird\u201c, ruft \u2013 verzweifelt und w\u00fctend zugleich \u2013 Ismail \u00d6zt\u00fcrk, ein Dorfbewohner bei Manavgat/Antalya, dessen gesamtes Dorf niederbrannte.</p><p>Im Zentrum der Debatte um Staatsversagen steht die beizeiten von Atat\u00fcrk gegr\u00fcndete gemeinn\u00fctzige Institution der T\u00fcrkischen Luftfahrtgesellschaft (<i>T\u00fcrk Hava Kurumu</i>, THK) und nat\u00fcrlich das Forst- und Landwirtschaftsministerium. Die THK diente historisch nicht nur der Verbreitung und Ausbildung der Luftfahrt, sondern auch der Bek\u00e4mpfung von Br\u00e4nden. Noch 2002 besa\u00df sie 19 L\u00f6schflugzeuge, die in den 2000er-Jahren im In- wie im internationalen Ausland zum Einsatz kamen. Ab etwa 2010 wurde sie <a href=\"https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-08-06/grounded-firefighting-aircraft-haunt-erdogan-as-blazes-rage\">zunehmend heruntergewirtschaftet</a>, indem ihr bestimmte privilegierte Einkommensquellen staatlicherseits gekappt und islamistischen Organisationen \u00fcbergeben wurden. Seit 2019 wird sie von einem regimetreuen Zwangsverwalter gef\u00fchrt, der 2015 kurzfristig einen Ministerposten innehatte (den f\u00fcr Handel und Z\u00f6lle), und die THK gemeinsam mit dem Forst- und Landwirtschaftsministerium ganz aus der Brandbek\u00e4mpfung <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/tuncay-mollaveisoglu/bu-bir-yonetim-krizi-goz-gore-gore-yandik-1857732\">herauszog</a>. Das Herunterwirtschaften der THK ist dabei nicht nur (aber auch) Teil des antikemalistischen Kulturkampfes der AKP: Die THK steht immer noch f\u00fcr ein \u201eErbe Atat\u00fcrks\u201c und galt als kemalistische Bastion. Das Kaputtsparen der de facto halbstaatlichen, aber nach Privatrecht operierenden THK ist aber auch ganz simpel Teil einer neoliberalen Austerit\u00e4tspolitik, die an allen haupts\u00e4chlich sozialen und infrastrukturellen Ausgaben spart, die als \u201e\u00fcberfl\u00fcssig\u201c gelten. <a href=\"https://griechenlandsoli.com/2021/08/07/polizisten-im-uberfluss-aber-keine-feuerwehrleute/\">Ein Blick</a> auf das Nachbarland Griechenland, in dem die <a href=\"https://www.heise.de/tp/features/Griechenland-Verheerende-Waldbraende-bedrohen-auch-die-Hauptstadt-6156901.html\">durch Austerit\u00e4t</a> fast handlungsunf\u00e4hige Feuerwehr verzweifelt mit dem <a href=\"https://www.independent.co.uk/climate-change/greece-fires-news-live-wildfires-weather-b1898720.html\">wenigen Personal</a>, das ihr zur Verf\u00fcgung steht, versucht, die Br\u00e4nde zu bek\u00e4mpfen \u2013 w\u00e4hrend zugleich die Polizei massiv aufgestockt wurde und wird \u2013, macht deutlich, <a href=\"https://www.heise.de/tp/features/Griechenland-erst-saniert-dann-verbrannt-6158465.html?seite=all\">wie \u00e4hnlich</a> sich zwei neoliberale Staaten an der euro-transatlantischen Peripherie bei allen ideologischen und kulturellen Differenzen sind.</p><p>Anstatt die durchaus vorhandenen <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58029855\">funktionsf\u00e4higen Teile</a> der Flotte der THK sofort zu nutzen \u2013 <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=ZW88UT6Ol_U\">sieben Flieger</a> standen die ganze Zeit flugbereit bei Etimesgut/Ankara auf dem Flugfeld \u2013 und die reparaturbed\u00fcrftigen schnellstm\u00f6glich auf Vordermann zu bringen, regnete es <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58029855\">Schm\u00e4hungen und Drohungen</a> auf die THK und alle, die den Einsatz der THK einforderten. Dabei plapperte der Forst- und Landwirtschaftsminister Bekir Pakdemirli nat\u00fcrlich heraus, dass dem Ministerium selbst <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58029855\">keine Feuerl\u00f6schflugzeuge</a> zur Verf\u00fcgung st\u00fcnden. Und der derzeitige Zwangsverwalter der THK gab zu, dass er sich \u201eauf einer Hochzeit\u201c befand, als ihn CHP-Chef Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu verzweifelt versuchte, per Telefon zu erreichen. Dieser wollte ihm das Angebot der am heftigsten vom Feuer betroffenen Gebiete (alle CHP-gef\u00fchrt) \u00fcberreichen, wonach die betreffenden Munizipalit\u00e4ten vorschlugen, die Wartungskosten der THK-Feuerl\u00f6schflugzeuge zu \u00fcbernehmen, damit diese schnellstm\u00f6glich in den Einsatz geschickt werden k\u00f6nnten. Bis Feuerl\u00f6schflugzeuge und -helikopter von Russland, der Ukraine, Israel und Aserbaidschan und anderen L\u00e4ndern \u2013 \u00fcbrigens zu vermutlich bedeutend <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/tuncay-mollaveisoglu/ormanlar-yansin-diye-her-sey-yapildi-1848468\">h\u00f6heren Kosten</a> als eine <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58029855\">Wartung</a> der THK-Flotte \u2013 angemietet wurden und die EU Hilfe schickte, waren die Br\u00e4nde schon zu einem Fl\u00e4chenbrand ausgewachsen.</p><h4><i>Sehenden Auges also lie\u00df das Regime die Provinzen in Flammen aufgehen \u2013 genauso, wie der r\u00f6mische Geschichtsschreiber Sueton Kaiser Nero beschreibt, der dem Gro\u00dfen Brand von Rom unt\u00e4tig zugeschaut haben soll.</i></h4><p>Wie der Nero der Erz\u00e4hlungen Suetons, so verfolgt \u2013 abgesehen von der neoliberalen Inkompetenz \u2013 auch das Regime in der T\u00fcrkei offensichtlich mehrere Kalk\u00fcle mit dem laxen Vorgehen gegen die Br\u00e4nde. Ein Faktor ist vermutlich ein polit\u00f6konomischer: <a href=\"https://www.tema.org.tr/basin-odasi/basin-bultenleri/canakkale-icin-kader-ani\">Bis zu</a> 70% <a href=\"https://www.tema.org.tr/basin-odasi/basin-bultenleri/yasalarla-madencilikten-korunan-alanlar-belirlenmeli\">einiger</a> betroffener Provinzen sind mit Bergbaulizenzen versehen. Das Abbrennen der W\u00e4lder \u201evereinfacht\u201c da nat\u00fcrlich den Bergbau, zumal \u2013 zuf\u00e4lligerweise? \u2013 unmittelbar zu Beginn der Br\u00e4nde <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/07/31/yanginlar-sonmeden-orman-ve-kiyilar-yeni-yagmaya-aciliyor/\">ein Gesetz</a> verabschiedet wurde, das im Prinzip dem Pr\u00e4sidenten das Recht zuspricht, nach Gutd\u00fcnken Waldgebiete als Bergbaugebiet zu deklarieren. Obwohl der Schutz der W\u00e4lder auf Verfassungsrang verbindlich festgelegt ist, wurde dieses Verfassungsprinzip w\u00e4hrend der AKP-\u00c4ra <a href=\"https://monde-diplomatique.de/artikel/!5761209\">kontinuierlich untergraben</a>. Der Bergbau (Gold, Metalle, usw.) stellt nun mal eines der lukrativsten Investitionsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr AKP-nahe Kapitalgruppen dar. Auch jetzt wird zwar versprochen und versichert, dass alle niedergebrannten W\u00e4lder aufgeforstet werden. \u00c4hnliche hochheilige Versprechungen haben sich allerdings in der Vergangenheit als <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1155310.waldbraende-in-tuerkei-grosse-waldgebiete-zerstoert.html\">blanke L\u00fcgen</a> erwiesen.</p><p>Ein weiterer Faktor ist ein gedoppelter politischer. Zum einen wird die Unf\u00e4higkeit, die Br\u00e4nde zu bek\u00e4mpfen \u2013 auch von Erdo\u011fan selbst \u2013 <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/erdogan-struggles-contain-political-fallout-turkeys-wildfires\">der Opposition zugeschrieben</a>. Alle Kommunalverwaltungen der am heftigsten von den Br\u00e4nden betroffenen Provinzen an der West- und S\u00fcdk\u00fcste der T\u00fcrkei sind n\u00e4mlich unter Kontrolle der CHP. Das ist nat\u00fcrlich Teil des allgemeinen Kampfes um die Hegemonie zwischen Regime und Opposition um die Gunst der Bev\u00f6lkerung. Zugleich aber soll und darf aus Regimeperspektive brennen, was zum verhassten West- und S\u00fcdk\u00fcstenstreifen der T\u00fcrkei geh\u00f6rt \u2013 das hei\u00dft diejenigen Teile des Landes, die w\u00e4hrend der AKP-\u00c4ra durchgehend in der Hand der kemalistischen CHP (oder, wenn auch etwas weniger stabil, der MHP) blieben und daher nun in neronischer Verachtung dem Brand ausgeliefert wurden. Und inmitten dieses Infernos sang <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/erdogandan-yangin-aciklamasi-suikast-iddiasi-yogun-sekilde-sorusturuluyor-1856606\">das Regime</a> und <a href=\"https://onedio.com/haber/yandas-medyanin-turkiye-nin-yangin-basarisi-hakkinda-yaptigi-gecmis-haberleri-okuyunca-saskina-doneceksiniz-996006\">die Regimepresse</a> <a href=\"https://www.sabah.com.tr/gundem/2021/08/10/son-dakika-yanginlarda-buyuk-basari-tarihe-gecen-anlar\">eine Ode</a> auf die angeblich unvergleichlich effektive Brandbek\u00e4mpfung(sinfrastruktur) des t\u00fcrkischen Staates und <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/08/turkish-prosecutor-investigates-tweets-calling-help-wildfires\">schwang die Repressionskeule</a> gegen den millionenfach geteilten #HelpTurkey-Hashtag auf Twitter.</p><p>Der andere Teil des politischen Kalk\u00fcls ist die Nutzbarmachung der Br\u00e4nde f\u00fcr die Entfachung des antikurdischen Rassismus und der faschistischen Massenmobilisierung zwecks Legitimationserhalt. <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/407845.waldbr%C3%A4nde-in-der-t%C3%BCrkei-schuld-sind-die-anderen.html\">Erdo\u011fan h\u00f6chstpers\u00f6nlich</a> legte eine Verursachung der Br\u00e4nde durch die PKK nahe. Er bezeichnete die Opposition erneut als \u201eTerroristen\u201c und <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-58075222\">drohte</a> durch die Blume mit Gewalt im Falle eines solchen \u201eVaterlandsverrats\u201c, was die dann nat\u00fcrlich tats\u00e4chlich stattfindenden \u00dcbergriffe legitimierte und anfachte. Nat\u00fcrlich gibt es bis heute keine Beweise daf\u00fcr, dass \u201eSaboteure\u201c oder die PKK die Feuer gelegt haben. Der t\u00fcrkische Staat m\u00fcsste sich grundlegend Gedanken \u00fcber seinen Existenzgrund machen, wenn Saboteure und/oder die PKK so f\u00e4hig w\u00e4ren, dass sie fast die H\u00e4lfte des Landes in ein Flammenmeer verwandeln k\u00f6nnen. <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1155310.waldbraende-in-tuerkei-grosse-waldgebiete-zerstoert.html\">Unter F\u00fchrung</a> vermutlich der MHP (aber auch Teilen der oppositionellen MHP-Abspaltung <a href=\"https://twitter.com/alibaydas/status/1422198847305129988\">IYI</a>) und mit tatkr\u00e4ftiger Unterst\u00fctzung der regimetreuen <a href=\"https://www.jungewelt.de/artikel/407468.hasskampagne-massaker-an-kurden.html\">Revolverpresse</a> wurden \u00fcber <a href=\"https://sendika.org/2021/07/kim-yakti-627226/\">Social Media-Accounts</a> und <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/yalan-yangini-provokasyon-linc-hedef-gosterme-haber-1530516\">Internetseiten</a> Hetze gegen angebliche \u201ePKK-Terroristen\u201c und andere \u201eB\u00f6sewichte\u201c betrieben und bewaffnete rechte Volkswehren zum \u201eSchutze des Vaterlandes\u201c gegr\u00fcndet. Anstelle die Feuer zu bek\u00e4mpfen und die Regeneration von Mensch und Natur zu f\u00f6rdern, wie linke Freiwillige es taten, konzentrierten sich diese Volkswehren darauf, Lynchmobs und sogar <a href=\"https://twitter.com/svendscha/status/1422498595547271168\">Passkontrollen</a> auf viel befahrenen Stra\u00dfen zu organisieren. Alle, die \u201eausl\u00e4ndisch\u201c, \u201esuspekt\u201c oder, noch schlimmer, wie Kurd*innen aussahen beziehungsweise per Geburtsort als \u201eKurde\u201c identifiziert werden konnten, wurden <a href=\"https://www.zeit.de/zett/politik/2021-08/rassismus-tuerkei-waldbraende-kurdische-bevoelkerung\">angegriffen</a> und regelrecht zum Abschuss freigegeben. Die Aufwiegelung ging so weit, dass ein <a href=\"https://twitter.com/kazdaglariist/status/1422173374822944770\">Gendarmerie-Kommandant intervenierte</a> und organisierte Zivilist*innen in scharfen Worten mahnte, nicht auf Falschinformationen bez\u00fcglich angeblicher \u201eTerroristen\u201c und Sabotageakten reinzufallen. Die Gendarmerie h\u00e4tte eine Reihe an solchen anonymen Meldungen gepr\u00fcft; alle seien falsch gewesen und h\u00e4tten Unschuldige bewusst zur Zielscheibe erkoren. Der Kommandant hob explizit hervor, dass solcher Art Informationen der wechselseitigen Aufhetzung und der Lynchjustiz dienten. Offensichtlich bef\u00fcrchten auch Teile des Staates, dass die betriebene Hetze zu einem unkontrollierbaren Chaos und zur weiteren Destabilisierung des Landes f\u00fchrt.</p><h2><b>Alle gegen alle \u2013 im Namen von Staat und Erdo\u011fan!</b></h2><p>Denn inmitten der autorit\u00e4ren Konsolidierungsversuche versch\u00e4rft sich mit dem sich einengenden \u00f6konomischen Spielraum und der allgemeinen Krisenhaftigkeit der konflikthafte Charakter der Polykratie. <a href=\"https://www.jstor.org/stable/40185021\"><i>Polykratie</i></a> bezeichnet ein \u201e\u00e4u\u00dferst komplizierte[s] Herrschaftsgef\u00fcge[], aufgebaut aus mehreren, sich gegenseitig nicht selten bek\u00e4mpfenden und blockierenden Zentren, die allerdings in der Regel [\u2026] dem allm\u00e4chtigen F\u00fchrer\u201c (S. 417) untergeordnet bleiben. Zu so einer Situation kommt es \u00fcblicherweise mit der schrittweisen Ersetzung konstitutionell-institutioneller Vermittlungs- und Politikformen durch dezisionistische Politik- und Staatsformen. <i>Dezisionismus</i> hei\u00dft in diesem Fall, dass das politische Handeln nicht prim\u00e4r mittels rechtsstaatlich-konstitutionell abgesicherten und f\u00fcr alle relevanten Machtakteur*innen verbindlichen Regeln, Normen und gemeinschaftlichen Vermittlungsformen stattfindet. Vielmehr sind es unmittelbare Entscheidungen von potenten Machtakteur*innen, aus deren Handlungen auch Gesetz und Norm folgen oder zumindest nach gusto interpretiert/angewandt werden (k\u00f6nnen). <b>[9]</b></p><p>Die grundlegende dezisionistische Fiktion ist nat\u00fcrlich diejenige, dass es in einem politischen Zustand, in dem der Dezisionismus dominant ist oder eine wichtige Rolle spielt, nur<i> einen</i> Souver\u00e4n gibt, aus dessen Entscheidung dann alles Relevante folgt beziehungsweise dem alle anderen politischen Organe untergeordnet sind. Stattdessen tun sich unter dem einen offiziellen (dezisionistisch agierenden) Souver\u00e4n (in diesem Fall Erdo\u011fan), der sich auch in das Gesch\u00e4ft anderer staatlicher Institutionen <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/erdal-saglam/fiyat-istikrari-komite-kurarak-saglanamaz-1848776\">einmischt</a>, lauter kleinere (M\u00f6chtegern-)Souver\u00e4ne und Machtbl\u00f6cke hervor, die miteinander konkurrieren um Macht und Einfluss, eben eine Polykratie. Da aber konstitutionell-institutionelle Vermittlungsformen politischer Konflikte fehlen oder den dominanten dezisionistischen stark untergeordnet sind, werden diese Konflikte oft hinter den Kulissen gef\u00fchrt. B\u00fcndnisse und Kooperationen werden ad hoc und institutionell nicht abgesichert geschlossen \u2013 und genauso abrupt wieder aufgek\u00fcndigt. Dabei nehmen alle untergeordneten, aber dennoch entscheidenden, Akteur*innen f\u00fcr sich in Anspruch, ganz und gar im Sinne des offiziellen Souver\u00e4ns (Erdo\u011fan) oder des Staatswohls zu handeln, da diese Elemente das Einzige sind, worauf sich die dezisionistischen Akteure als \u00fcbergeordnete Institutionen einigen k\u00f6nnen. Da diese selbst aber durch den Dezisionismus entweder fast jedweder Verbindlichkeit und objektivierter Institutionalisierung beraubt sind oder aber selbst wesentlich dezisionistisch agieren, wird der politische Konflikt innerhalb des polykratischen Gef\u00fcges zunehmend eruptiv und agonal ausgetragen, insbesondere, wenn der politische und \u00f6konomische Verteilungsspielraum durch die andauernde Krisenhaftigkeit kleiner wird.</p><h4><i>Erdo\u011fan thront als Schiedsrichter letzter Instanz \u00fcber dem polykratischen Kampfplatz und versucht, dessen Volatilit\u00e4t durch ad hoc kalkulierte Balanceakte unter Kontrolle zu halten.</i></h4><p>Es macht daher auch Sinn, von einem (politischen) Regime zu sprechen, da nicht alle relevanten politischen Akteur*innen auch \u00f6ffentliche oder offen gelegte politische Funktionen \u00fcbernehmen, aber dennoch im und au\u00dferhalb des Staates politisch ma\u00dfgeblich sind. Die MHP hat beispielsweise keinen einzigen Ministerialposten inne \u2013 dennoch organisiert sie ihre Kader in bestimmten Staatsapparaten und wirkt ganz ma\u00dfgeblich mit an der Formulierung der Regierungspolitik.</p><p>\u00dcber die Ausma\u00dfe dieses polykratischen Zustandes habe ich <a href=\"https://revoltmag.org/articles/zwischen-faschisierung-elitenzwist-und-widerstand-die-t%C3%BCrkei/\">anderorts</a> ausf\u00fchrlich <a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">geschrieben</a>. Ich m\u00f6chte hier auf die aktuellen Entwicklungen eingehen. Zum einen hat sich der Machtkampf zwischen dem \u2013 von den Nationalisten der MHP unterst\u00fctzten \u2013 Innenminister S\u00fcleyman Soylu, der nicht aus der Tradition des politischen Islams stammt, und dem aus der Tradition des politischen Islams kommenden Schwiegersohn von Erdo\u011fan, Berat Albayrak (ehemals Finanz- und Wirtschaftsminister), durch den weiter oben diskutierten R\u00fccktritt von Albayrak Ende letzten Jahres vorerst im Sinne von Soylu \u2013 und daher im Sinne des nationalistischen Lagers beziehungsweise eines nationalistischen Kr\u00e4ftenetzwerkes im derzeitigen Regime \u2013 entschieden.</p><p>Dieses Netzwerk befindet sich mit dem erneut eskalierten Krieg gegen die Kurd*innen ab 2015 und der, politisch betrachtet lebenserhaltenden, Unterst\u00fctzung der MHP f\u00fcr die AKP schon seit geraumer Zeit im Aufwind. Auch in diesem Jahr \u00fcbernahm der MHP-Chef Bah\u00e7eli wie in den Jahren zuvor die Initiative im Faschisierungsprozess der T\u00fcrkei, indem er die Wiedereinf\u00fchrung der Todesstrafe, mehrmals die Entmachtung und/oder Abschaffung des Verfassungsgerichtshofes und letztlich eine neue Verfassung vorschlug. An letzterem <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/mhpnin-hazirladigi-yeni-anayasa-calismasinin-ayrintilari-belli-olmaya-basladi-1833808\">entfacht</a>e sich ein bisher nicht weiter hochgekochter Konflikt mit der AKP, da Bah\u00e7elis Vorschlag zwar auf ein autorit\u00e4res Staatssystem ausgerichtet ist, aber auch explizite Kontrollmechanismen des Pr\u00e4sidenten, beispielsweise durch ebenfalls direkt gew\u00e4hlte Pr\u00e4sidentenberater (sozusagen durch faschistische Tribune) vorsieht. Auch bei der Verbotsforderung gegen\u00fcber der HDP war Bah\u00e7eli lautstark vorne dabei \u2013 mit Sicherheit auch deswegen, um der M\u00f6glichkeit einer taktisch-instrumentellen Ann\u00e4herung der AKP an die HDP oder einem erneuten \u201eFriedensprozess\u201c zuvorzukommen, da die MHP selbst Haupttreiberin und eine der Hauptprofiteurinnen des militaristischen Kurses ist. Demgegen\u00fcber k\u00f6nnte die AKP unter Umst\u00e4nden auch wegen ihrer Geschichte zu einem taktisch-instrumentell verstandenen \u201eFriedensprozess\u201c mit der kurdischen Bewegung zur\u00fcckkehren oder eine R\u00fcckkehr wahltaktisch in Aussicht stellen, auch wenn dies aufgrund der Entwicklungen immer unwahrscheinlicher wird. \u00c4hnliches, wenn auch auf einem viel niedrigeren Niveau, wurde schon bei den Kommunalwahlen 2019 versucht. <b>[10]</b> Dass Erdo\u011fan <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-sizler-baskalarinin-evlatlarini-daga-olume-gonderenlerin-kendi-evlatlarini-yurt-disinda-nasil-ihtimamla-buyuttuklerini-yasattiklarini-da-gayet-iyi-biliyorsunuz,964882\">vor Kurzem</a> die mehrheitlich kurdische Gro\u00dfstadt Diyarbak\u0131r besuchte und betonte, es sei nicht die AKP gewesen, die den \u201eFriedensprozess\u201c beendet habe (sondern nat\u00fcrlich PKK und HDP), war f\u00fcr die t\u00fcrkischen Verh\u00e4ltnisse seit 2015 ein Novum, weil es den Friedensprozess zumindest wieder zum Thema machte. <a href=\"https://www.trthaber.com/haber/gundem/cumhurbaskani-erdogan-yangin-mahalline-gorevli-olmayanlar-giremeyecek-600203.html\">Erst k\u00fcrzlich</a> hob er kontrafaktisch hervor, dass es der t\u00fcrkische Staat gewesen sei, der die Kurd*innen in Kob\u00e2ne vor dem IS gesch\u00fctzt habe. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-cumhur-ittifaki-dunden-daha-guclu-bir-sekilde-ayaktadir,965572\">Prompt intervenierte</a> Bah\u00e7eli und gab \u00f6ffentlich zu verstehen, dass niemand irgendwelche \u201eAbsichten\u201c (sprich, auf einen erneuten Friedensprozess) herauslesen sollte.</p><h4><i>Im Zuge der Erstarkung des nationalistischen Lagers in seiner Breite sowie der erneuten offenen Militarisierung der T\u00fcrkei sind auch zentrale Akteur*innen des</i> <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57257229\"><i>Tiefen Staates der 1990er</i></a><i> als wirkm\u00e4chtige Akteur*innen erneut in die \u00d6ffentlichkeit ger\u00fcckt.</i></h4><p>Ryan Gingeras <a href=\"https://www.jstor.org/stable/40586942\">h\u00e4lt fest</a>, dass der Begriff des Tiefen Staates genutzt wird, um</p><p><i>to explain why and how agents employed by the state execute policies that directly contravene the letter and spirit of the law. It is a phrase that generally refers to a kind of shadow or parallel system of government in which unofficial or publicly unacknowledged individuals play important roles in defining and implementing state policy. Although military officers are often seen as ringleaders in administering the Turkish deep state, the participation of narcotics traffickers, paramilitaries, terrorists and other criminals is also deemed essential in constructing the deep state. [\u2026] Paramount to the operation and survival of the deep state is the extreme emphasis placed upon state security[.]</i> (S. 152-54, 173)</p><p>Im Tiefen Staat spielen also Pers\u00f6nlichkeiten innerhalb und au\u00dferhalb des Staates eine zentrale Rolle in der Formulierung und Umsetzung legaler wie vor allem illegaler Sicherheitspolitik im Namen der \u201eStaatssicherheit\u201c. Die ehemalige Premierministerin <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/gokcer-tahincioglu-yuzlesme/cinayetler-kasetler-yalanlar-ve-sorusturulmayan-suclar,31087\">Tansu \u00c7iller</a>, die alle (das hei\u00dft vor allem auch rechtswidrig vorgehende Paramilit\u00e4rs) als \u201eHelden\u201c bezeichnete, die f\u00fcr den Staat t\u00f6ten und get\u00f6tet werden; der ehemalige Polizeichef und Innenminister <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57235924\">Mehmet A\u011far</a>, der f\u00fcr den Aufbau der Sondereinsatzkr\u00e4fte der Polizei und ihrer semi- bis illegalen Kriegsf\u00fchrung in den kurdischen Gebieten in den 1990er ma\u00dfgeblich verantwortlich war (und wegen der Bildung einer kriminellen Organisation w\u00e4hrend seiner Amtszeit ins Gef\u00e4ngnis musste); sowie nationalistische Mafiabosse, darunter auch Sedat Peker, wurden seit 2015/16 juristisch wie politisch rehabilitiert und unterst\u00fctz(t)en seitdem die AKP. Auch Innenminister S\u00fcleyman Soylu kommt aus der politischen Tradition, aus der auch Mehmet A\u011far kommt. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/susurluk-u-hatirlatan-o-fotografi-gozaltinda-kaybedilenlerin-yakinlari-yorumladi-onlar-icin-adalet-hic-islemedi,909907\">Ein</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/susurluk-u-hatirlatan-o-fotografi-gozaltinda-kaybedilenlerin-yakinlari-yorumladi-onlar-icin-adalet-hic-islemedi,909907\">Fot</a>o aus dem letzten Jahr, auf dem besagter Mehmet A\u011far, ein ultranationalistischer Mafiaboss und zwei <a href=\"https://www.dw.com/tr/faili-me%C3%A7hullerle-an%C4%B1lan-isim-korkut-eken/a-57694554\">ehemalige hochrangige Milit\u00e4rs</a> aus dem Gebiet der \u201espeziellen Kriegsf\u00fchrung\u201c in einem Luxusyachthafen posieren, zeigt deutlicher als alle Worte, was Tiefer Staat in der T\u00fcrkei ist.</p><p>Aber die Konflikte innerhalb dieses polykratischen Regimes nehmen nicht ab, sondern eher zu. So kam es zu einem gr\u00f6\u00dferen Machtkonflikt mit einer spezifischen nationalistischen Fraktion, die wegen ihrer au\u00dfenpolitischen Perspektive einer zu erschaffenden Balance zwischen USA und Russland als Eurasier bezeichnet werden. <a href=\"https://warontherocks.com/2021/04/turkeys-talk-show-nationalists/\">Diese Fraktion</a> war ebenfalls nach dem Bruch zwischen AKP und G\u00fclen-Gemeinde 2012-13, sp\u00e4testens jedoch ab 2016 juristisch wie politisch rehabilitiert worden. Sie konnte sogar eine starke mediale Pr\u00e4senz entwickeln und in Diplomatie und au\u00dfenpolitischer Sicherheitsdoktrin partiell den Ton angeben, trotz fehlender elektoraler Verankerung. Der vorgeschobene Grund f\u00fcr den jetzt aufbrechenden Machtkonflikt war eine eher spielerische denn ernsthafte Infragestellung des Vertrages von Montreux (1936), der die Hoheit der T\u00fcrkei \u00fcber die Bosporus-Meerenge und die Freiheit der Handelsschifffahrt garantiert, dabei aber zugleich den internationalen milit\u00e4rischen Schiffsverkehr stark einschr\u00e4nkt. Diese Infragestellung ist jedoch ein Symptom der <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/akp-bu-kumpasin-neresinde-makale-1518245\">au\u00dfenpolitischen Reorientierung</a> des Regimes in Richtung einer engeren Zusammenarbeit mit den USA und dem Westen im Allgemeinen: Vor allem Staaten, die nicht Anrainer des Schwarzen Meeres sind, sind von den milit\u00e4rischen Beschr\u00e4nkungen des Vertrages betroffen. <a href=\"https://www.zeitschrift-luxemburg.de/die-tuerkei-zwischen-neuer-eu-annaeherung-geopolitischen-verwicklungen-und-putschbedatte/\">Daher</a> ver\u00f6ffentlichten unter anderem mehr als 100 ehemalige Admir\u00e4le aus besagter eurasischer Fraktion eine Erkl\u00e4rung, die zur Einhaltung des Vertrages mahnte, da sie eine Besch\u00e4digung des Verh\u00e4ltnisses zu Russland bef\u00fcrchteten. Es war zugleich ein Man\u00f6ver, um ihrer offensichtlich anstehenden politischen Liquidation <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/metin-gurcan/bir-amiral-bildirisi-analizi-gercekler-dogrular-yanlislar-senaryolar,30491\">zuvorzukommen</a>. AKP und MHP reagierten umgehend und verurteilten die Erkl\u00e4rung als \u201ePutschversuch\u201c; es folgte eine riesige Razzia gegen die Admir\u00e4le. Ein hochrangiger AKP\u2019ler bezeichnete die Erkl\u00e4rung als \u201e<a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56658215\">Gottes Segen</a>\u201c \u2013 so wie Erdo\u011fan den Milit\u00e4rputsch 2016 als Gottes Segen bezeichnet hatte \u2013, der ihnen die S\u00e4uberung der eurasischen Elemente erm\u00f6gliche. Der intellektuelle Kopf der Eurasier, der ehemalige Admiral Cem G\u00fcrdeniz, war gemeinsam mit anderen wichtigen eurasischen Milit\u00e4rs nach Jahren der teils \u00f6ffentlichen Lobpreisung seitens des Regimes im Handumdrehen zur<i> persona non grata</i> geworden \u2013 eine typische Entwicklung in dezisionistisch-polykratischen B\u00fcndniskonstellationen.</p><p>Auch mit dem Hauptb\u00fcndnispartner MHP und der um sie und in ihr organisierten nationalistischen Fraktion kommt es zu Konflikten. Die \u201ekurdische Frage\u201c und die Kontrolle \u00fcber das Pr\u00e4sidialamt beziehungsweise die Debatte um die neue Verfassung habe ich schon erw\u00e4hnt. Es gibt aber auch einen Kampf um die ideologische Deutungshoheit im Allgemeinen. Eine Wiederann\u00e4herung Erdo\u011fans und der AKP an Parteien sowie an Kultur- und Symbolpolitik des politischen Islams ist klar erkennbar. Nach 2015-2016 hatte eine t\u00fcrkisch-nationalistische und staatsverherrlichende Wende stattgefunden, da die AKP angesichts der Hegemoniekrise und des Bruchs mit ihrem ehemaligen B\u00fcndnispartner, der Gemeinde des Predigers Fetullah G\u00fclen, das B\u00fcndnis mit unterschiedlichen nationalistischen Fraktionen in Staat und Gesellschaft suchte. Jetzt aber versucht die AKP wieder umzuschwenken. Ihr geht es dabei wie bei der instrumentellen Tuchf\u00fchlung an die Kurd*innen zum einen darum, das eigene B\u00fcndnisnetzwerk ausweiten und damit zugleich die Opposition zu schw\u00e4chen. Das habe ich weiter oben bez\u00fcglich der Ann\u00e4herungen an die<i> Saadet Partisi</i> (SP) ausgef\u00fchrt. Die AKP nahm hierf\u00fcr auch eine <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56505590\">innere Erneuerung</a> ihrer Kaderstruktur vor und versetzte erneut viele Pers\u00f6nlichkeiten aus der Tradition des politischen Islams in entscheidende Stellen der Parteistruktur. Andererseits geht es ihr aber auch darum, im Ideologischen und Kulturellen daf\u00fcr zu sorgen, dass ihr die F\u00fchrung nicht zugunsten der nationalistischen Fraktionen entgleitet. Schon fr\u00fcher gab es darum Konflikte. Wegen der Abschaffung eines <a href=\"https://t24.com.tr/haber/bahceli-den-andimiz-kararina-sert-tepki-danistay-skandal-bir-karara-imza-atmis-milli-gerceklerle-catismistir,939250\">erznationalistischen Eidspruchs</a> in Schulen oder bestimmter <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/harp-okullarina-giris-kosullarini-belirleyen-yonetmeliklerde-kritik-degisiklik-irticai-faaliyet-cikarildi-1822750\">anti-islamistischer Regularien</a> bei den Rekrutierungsmechanismen des Milit\u00e4rs gab es j\u00fcngst einen \u00e4hnlichen Konflikt zwischen AKP und nationalistischen Fraktionen.</p><p>Dabei treten auch in der Reorientierung der AKP auf einen <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/erdogan-erken-secime-mi-hazirlaniyor-41851386\">islamistischen Kulturkampf</a> dezisionistische Elemente zutage: Der Imam der erst j\u00fcngst wieder in eine Moschee konvertierten Hagia Sophia, Boynukal\u0131n, trat mehrmals initiativ ins Rampenlicht, indem er <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56434283\">lautstark</a> gegen hohe Zinsen, den Laizismus, LGBTQI*, die Nutzung des Begriffs \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/ayasofya-nin-bas-imami-prof-boynukalin-kadin-cinayetleri-vurgusu-kadini-erkege-dusman-etmeye-calisan-bir-sloganik-medya-propagandasidir,937665\">Femizid</a>\u201c sowie die Istanbuler Konvention Stellung bezog und das seiner Interpretation nach vom Quran <a href=\"https://t24.com.tr/haber/mehmet-boynukalin-dan-tepki-toplayan-aciklamalar-bana-dusen-hisseden-hepinize-kaliteli-pamuk-aldim-alayinizin-cehenneme-kadar-yolu-var,949592\">verb\u00fcrgte Recht</a> des Mannes \u00fcber die Familie zu herrschen verteidigte. Er \u00fcbersch\u00e4tzte sich allerdings. Nach gro\u00dfem \u00f6ffentlichen Druck trat er im April diesen Jahres <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ayasofya-daki-bas-imamlik-gorevinden-ayrilan-boynukalin-kararimin-bir-sebebi-de-ayasofya-imami-konusuyor-da-biz-niye-konusmayalim-hezeyanlarina-meydan-vermemektir,944470\">zur\u00fcck</a>. An seiner Statt ergriff gleich der n\u00e4chste Imam die Initiative: Bei einem Gebet, bei dem auch Erdo\u011fan zugegen war, bezeichnete er den Staatsgr\u00fcnder Atat\u00fcrk als \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-in-katildigi-programda-ataturk-e-atfen-zalim-ve-kafir-diyen-imama-tepki-yagdi,955487\">Unterdr\u00fccker und Ungl\u00e4ubige</a>n\u201c, was nat\u00fcrlich ebenfalls zu einem gro\u00dfen Skandal wurde. Ein anderer AKP-Parlamentarier war der Meinung, dass \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/meclis-teki-butce-gorusmelerinde-akp-li-aydogdu-nun-seriat-bizim-hukukumuzdur-sozleri-tutanaklara-gecti,919767\">die Scharia unser Gesetz</a>\u201c ist, w\u00e4hrend ein stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AKP die Perspektive vertrat, dass die geplante neue Verfassung eine \u201e<a href=\"https://www.birgun.net/haber/akp-den-akp-ye-yanit-kurulus-anayasasi-soz-konusu-degil-334242\">Verfassung der Neubegr\u00fcndung</a>\u201c der Republik anstrebe. Der eigentliche Fraktionsvorsitzende der AKP ruderte prompt zur\u00fcck und versicherte, dass man an der Republik von 1923 festhalten werde.</p><p>Der Kampf um die Justiz setzt sich ebenfalls fort. Wie gehabt beschweren sich zentrale Figuren des Verfassungsgerichtshofs regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber unterschiedliche Aspekte mangelhafter Rechtsstaatlichkeit im Land; etwa \u00fcber die mangelhafte Umsetzung von Urteilsspr\u00fcchen des Verfassungsgerichtes. Dabei h\u00e4lt sich das Verfassungsgericht selber \u201enach oben hin\u201c, also hinsichtlich der Umsetzung von Urteilen des Europ\u00e4ischen Menschengerichtshofes, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/berberoglu-karari-ilk-degil-turkiye-yargisinda-anayasa-muhim-degil-parasi-neyse-oderiz-donemi,909009\">nicht immer</a> an dessen Beschl\u00fcsse. Es handelt also selbst nicht rechtsstaatlich und ist intern politisch <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/sedat-ergin/anayasa-mahkemesinin-hassas-dengeleri-41636492\">grob in zwei Lager</a> gespalten. Erdo\u011fan versucht, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/cumhurbaskani-da-eski-istanbul-bassavcisi-ni-secti-fidan-27-kasim-da-yargitay-a-23-ocak-ta-anayasa-mahkemesi-uyeligine-secildi,928355\">eigene Leute</a> in diese Institution zu platzieren, die noch nicht vollst\u00e4ndig unter seiner Kontrolle ist. Innerhalb des polykratischen Herrschaftsgef\u00fcges hat sich das Verfassungsgericht den \u00c4rger f\u00fchrender Vertreter des Regimes zugezogen, da es in einigen besonders krassen rechtswidrigen F\u00e4llen nicht im Sinne des Regimes entschied: Beispielsweise beim <a href=\"https://t24.com.tr/haber/karayollarinda-yuruyusu-engelleyen-kurala-iptal-demokratik-protesto-hakkina-iptal-karari-baskanin-oyuyla-verilebildi,915544\">Demonstrationsrecht</a>, dem ersten Verbotsantrag gegen die HDP (das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aym-hdp-iddianamesini-iade-kararini-gerekcesiyle-yargitay-a-gonderdi,946185\">mangels</a> \u00fcberzeugender Begr\u00fcndung einstimmig zur\u00fcckgewiesen wurde!) und bei der offensichtlich rechtswidrigen und rein politisch motivierten <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57679999\">Inhaftierung</a> eines HDP-Parlamentariers (\u00d6mer Faruk Gergerlio\u011flu). Es kam sogar zu einem <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/aym-uyesiyle-icisleri-arasinda-isik-atismasi-haber-1501618\">sehr heftigen \u00f6ffentlichen Schlagabtausch</a> zwischen einem vermutlich linksnationalistischen Richter des Gerichts und dem Innenminister Soylu. Aus diesen Gr\u00fcnden speist sich die mehrfach erfolgte Forderung nach der Abschaffung des Verfassungsgerichtes, allen voran seitens der MHP. Das Verfassungsgericht bef\u00fcrchtet, dass der Vertrauenseinbruch in das Justizsystem zu gro\u00df wird und es \u201enotwendigerweise zu Suchbewegungen au\u00dferhalb des Justizsystems\u201c (AYM-Vorsitzender Arslan) <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aym-baskani-mahkemelerin-yargilama-ilkelerine-uygun-bir-sekilde-uyusmazliklara-cozum-uretemedigi-bir-yerde-hukuk-disi-arayislarin-ortaya-cikmasi-kacinilmaz,962130\">kommt</a>; dass also die staatliche Ordnung aktiv in Frage gestellt und Gerechtigkeit au\u00dferstaatlich gesucht wird. \u00c4hnlich argumentiert auch der Justizminister Abd\u00fclhamit G\u00fcl, der deshalb mit Innenminister Soylu <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-55769361\">seit l\u00e4ngerem</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/akpden-suleyman-soyluya-bir-tepki-daha-1807819\">im Clinch</a> liegt. Soylu fordert <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/adalet-bakani-gulun-karsi-ciktigi-bazi-duzenlemeleri-iceren-torba-teklif-mecliste-1851289\">beispielsweise</a> im Gegensatz zu Justizminister G\u00fcl die Fortf\u00fchrung von Elementen des Ausnahmezustandes; diese seien n\u00fctzlich im \u201eKampf gegen den Terror\u201c (Soylu hat sich in dieser Angelegenheit mittlerweile durchgesetzt). Aber letztlich bilden die Gegens\u00e4tze Verfassungsgericht-Lokalgerichte oder (Abd\u00fclhamit) G\u00fcl-Soylu nur unterschiedliche Nuancen desselben dezisionistisch-polykratischen Herrschaftsgef\u00fcges im Justizsystem. Die Justiz als solche ist in hohem Ma\u00dfe durchpolitisiert und so zu \u201eunabh\u00e4ngigen\u201c Entscheidungen nicht f\u00e4hig. Sichtbar wird dies etwa aus einer Untersuchung von Reuters auf Grundlage von Daten des Justizministeriums, nach der 45% der 21.000 Richter*innen und Staatsanw\u00e4lt*innen drei oder <a href=\"https://www.reuters.com/investigates/special-report/turkey-judges/\">weniger als drei Jahre Erfahrung</a> im Amt haben.</p><h2><b>\u201eDer Staat ist heilig, nicht aber das Wort eines jeden, der ihm dient\u201c</b></h2><p>Zur\u00fcck zum Aufh\u00e4nger des Essays, dem ber\u00fcchtigten Mafiaboss, Sto\u00dftruppler des tiefen Staates und mittlerweile Social Media Star Sedat Peker.</p><h4><i>Peker ist MHP\u2019ler und tritt ein f\u00fcr die Schaffung eines gro\u00dft\u00fcrkischen Reiches \u2013 er ist also ein typischer ultranationalistischer Faschist, genauer gesagt ein</i> <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-56695017\"><i>Pant\u00fcrkist</i></a><i>. Als Mafiaboss \u00fcbernahm er</i> <a href=\"https://warontherocks.com/2021/06/the-state-stays-dark-mafia-politics-return-to-turkey/\"><i>laut seinen eigenen Aussagen</i></a><i> auch bewaffnete Aufgaben f\u00fcr den Staat im Kampf gegen die PKK.</i></h4><p>In Geheimdienstberichten der 1990er wird er namentlich genannt als Akteur innerhalb der mit dem Geheimdienst konkurrierenden staatlichen Elemente des Tiefen Staates. In den sp\u00e4ten 1990ern und fr\u00fchen 2000ern erlosch sein Glanz \u2013 wie der der anderen nicht-staatlichen Elemente des Tiefen Staates. Innerhalb der staatlichen Elemente des Tiefen Staates setzte sich die \u00dcberzeugung durch, nach der Inhaftierung von Abdullah \u00d6calan seien diese schwer kontrollierbaren und relativ autonomen Akteure nicht mehr n\u00fctzlich genug f\u00fcr den Staat. Ein Mafiaboss nach dem anderen landete im Gef\u00e4ngnis oder musste ins Ausland fliehen, die kurdische Hizbullah wurde dezimiert. Aber wie schon erw\u00e4hnt: Sp\u00e4testens mit der offen militaristisch-nationalistischen Wende der AKP ab 2015 krochen diese Kreaturen wieder hervor. Auch Sedat Peker, der 2016 wieder zu fragw\u00fcrdigem \u201eRuhm\u201c gelangte: Er bedrohte die Akademiker*innen f\u00fcr den Frieden (BAK) damit, dass er in ihrem Blut duschen werde. Seitdem wurde er wieder zu einer angesehenen und f\u00fcr das Regime mobilisierenden Pers\u00f6nlichkeit \u2013 bis er sich 2020 ins Ausland absetzte. Einige Monate sp\u00e4ter, im April 2021 kam es dann zu einer gro\u00dfen Razzia gegen seine Familie und seine Mafiastrukturen.</p><p>Laut eigener Aussage hatte ihn der Innenminister Soylu vor dieser m\u00f6glichen Razzia gewarnt und Peker deshalb empfohlen, f\u00fcr einige Zeit ins Ausland zu verschwinden, bis sich die Lage beruhige. Es ist bisher nicht wirklich ersichtlich, warum genau Soylu Peker fallen lie\u00df; auch Peker \u00e4u\u00dfert in seinen ersten Videos Verwunderung und vor allem Entr\u00fcstung \u00fcber den Innenminister: Peker habe doch auch aus dem Ausland so sehr f\u00fcr Soylu im Kampf gegen Albayrak Position bezogen. \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-besinci-video-devletin-bilgisi-dahilinde-fethullah-gulen-le-gorusmeye-gittigini-soyleyen-mehmet-agar-in-elinde-yazili-emir-var-midir-yoksa-devlet-geleneginde-teror-orgutu-liderine-sozlu-talimatla-insan-yollanir-mi,38886\">Du warst doch mein R\u00fcckkehrticket</a>\u201c, bricht er an einer Stelle in seinem f\u00fcnften Video ehrlich entr\u00fcstet hervor, als er sich direkt an Soylu wendet. Im Endeffekt ist dieses Detail vielleicht auch unwichtig. Im Allgemeinen k\u00f6nnen wir einen polit-\u00f6konomischen und vermutlich einen politischen Ursachenkomplex f\u00fcr den Zwist ausmachen, auch ohne alle Details genau zu kennen.</p><p>Polit\u00f6konomisch betrachtet handelt es sich um ein <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/peker-agar-ve-ortadaki-pamuk-sekeri-makale-1521106\">Auseinanderbrechen</a> von Teilen des unendlich komplex ausdifferenzierten milliardenschweren Klientelgeflechts der Netzwerke um und zwischen Erdo\u011fan und dem Regierungsclan der Aliyevs in Aserbaidschan, in welchem die nicht zum engen Netzwerk geh\u00f6renden Akteure geschasst wurden, als sich \u00f6konomische Probleme (prim\u00e4r Schuldenr\u00fcckzahlungsprobleme) einstellten. Peker war wohl mit einem azerischen Oligarchen alliiert, der in Bedr\u00e4ngnis geriet und unterging \u2013 das zumindest legt die verlinkte Analyse von Bahad\u0131r \u00d6zg\u00fcr nahe. Politisch betrachtet ist es ein <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ahmet-sik/sedat-peker-videolari-bize-ne-anlatiyor-ne-anlatmiyor,30964\">wahrscheinliches Szenario</a>, dass sich ein Teil des nationalistischen Machtblocks daf\u00fcr einsetzt, dass Albayrak (oder Soylu?) sich zum Nachfolger von Erdo\u011fan heraufarbeitet, um im Windschatten des schwachen Albayrak (oder Soylus?) erneut die dominante Kraft im Staat zu werden. Peker hat sich wohl Ger\u00fcchten nach relativ autonom und gegen diesen Block und Albayrak (oder Soylu?) gestellt und geriet dadurch auf die politische Abschussliste. Warum ihn dann der mit Albayrak verfeindete Soylu fallen lie\u00df, dar\u00fcber k\u00f6nnen wir, wie gesagt, derzeit nur spekulieren. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-e-erhan-tuncel-i-kim-emanet-eder-diyen-soylu-ya-peker-den-yanit-bana-bu-komployu-kuran-organize-sube-yetkilileri-feto-culukten-cezaevinde,954416\">Mittlerweile</a> r\u00fchmt sich Peker auch damit, dass er Soylus Pl\u00e4ne auf das Pr\u00e4sidialamt zerst\u00f6rt habe. Eventuell war nicht Albayrak, sondern Soylu die Person, die den Windschatten f\u00fcr die nationalistische Fraktion hervorbringen sollte. Oder aber die Person \u00e4nderte sich im Laufe der Zeit.</p><p>Was wir wissen ist, dass Soylu bisher versucht, <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/mustafa-balbay/saray-soylu-surgun-1842920\">die ganze Aff\u00e4re</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/mustafa-balbay/saray-soylu-surgun-1842920\">dahingehend</a><a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/mustafa-balbay/saray-soylu-surgun-1842920\"> auszunutzen</a>, gegen die islamistischen Fraktionen innerhalb der AKP vorzugehen und partiell auch gegen vergangene Politik der AKP wie beispielsweise den Friedensprozess zu wettern, also in die Offensive zu kommen. Dabei hat er aber einen schweren Stand: Innerhalb der <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/tolga-sardan-buyutec/emniyet-terfilerinde-serh-krizi-ve-cumhurbaskanligi-ndan-soylu-ya-gelen-mesaj,31540\">zentralen Machtstellen des Polizeiapparates</a> ist anscheinend schon ein Kampf zwischen Soylu-nahen und anti-Soylu-Fraktionen entbrannt \u2013 und auch <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/yoneylem-arastirmanin-turkiye-siyaset-paneli-haziran-verileri-cumhuriyette-1850431\">in Bev\u00f6lkerungsumfragen</a> steht Soylu <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/anket-secmenin-yuzde-75-i-sedat-peker-in-iddialarina-inaniyor,12123\">mittlerweile</a> <a href=\"https://ahvalnews.com/tr/suleyman-soylu/bahceli-savunsa-da-mhp-secmeni-de-soyludan-destegini-cekti-arastirma\">schlecht da</a>. In einem der wichtigsten Think Tanks des Regimes, SETA, hat es <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/yazarlar/baris-terkoglu/setanin-cocuklari-birbirini-yedi-1847859\">vermutlich</a> die zuvor Soylu unterlegene Albayrak-Fraktion geschafft, die gesamte Soylu-nahe Fraktion auszumerzen (die wiederum, typisch f\u00fcr einen polykratischen F\u00fchrerstaat, mit viel Pathos und der Ansage: \u201ewir werden weiter auf dem Weg marschieren, den der Pr\u00e4sident gezeigt hat\u201c, den Think Tank mit wehenden Fahnen verlie\u00df). <a href=\"https://www.dw.com/tr/merkez-bankas%C4%B1ndaki-siyasi-atama-furyas%C4%B1-90-ki%C5%9Fiyi-buldu/a-58056396\">Auch innerhalb</a> der B\u00fcrokratie der TCMB <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kulis-merkez-bankasi-na-eski-hsk-uyesi-yazar-in-atanmasi-ekonomi-burokrasisinde-berat-albayrak-etkisinin-surdugunun-gostergesi,965616\">scheint</a> die Albayrak-Fraktion die Oberhand gewonnen zu haben. Wie gesagt: Wo Dezisionismus und Polykratie herrschen, da k\u00f6nnen Verb\u00fcndete von gestern Feinde am n\u00e4chsten Tag sein und umgekehrt.</p><h4><i>Pekers erneuter Aufstieg und das Aufplatzen der von ihm \u201eaufgedeckten\u201c Skandale als Form politischer Abrechnung w\u00e4ren nicht m\u00f6glich gewesen ohne die ausgeuferten Verschr\u00e4nkungen von Dezisionismus, Polykratie und Klientelkapitalismus \u2013 letzterer als Mechanismus der Loyalit\u00e4tsbildung \u2013 der letzten Jahre.</i></h4><p>Anf\u00e4nglich \u2013 wie er selbst in seinen Videos betont \u2013 motiviert aus Entr\u00fcstung, Wut und Rachedurst erz\u00e4hlte Peker in einer immer wieder durch ausf\u00fchrliche Drohungen und Kampfansagen an Mehmet A\u011far, Albayrak und Soylu durchsetzten manisch-narzisstischen Inszenierung aus dem Plauderk\u00e4stchen dezisionistischer und klientelistischer Willk\u00fcr hinter den Kulissen. Bis Mitte-Ende Mai ging es in seinen Videos darum, wie sich angeblich Mehmet A\u011far im oben erw\u00e4hnten polit\u00f6konomischen t\u00fcrkisch-azerischen Geflecht den ebenfalls oben erw\u00e4hnten Luxusyachthafen mit unlauteren Mitteln krallte; sein Sohn (ein AKP-Parlamentarier) eine Frau vergewaltigt und umgebracht und sich dann durch den Staat habe decken lassen; darum, dass der Sohn des ehemaligen AKP-Premiers Binali Y\u0131ld\u0131r\u0131m, Erkam Y\u0131ld\u0131r\u0131m, angeblich den Drogenhandel zwischen Kolumbien-Venezuela-T\u00fcrkei-Zypern organisiert habe; um einen lokalen Polizeichef in Silivri, der Suizid beging, weil er anscheinend dem Druck politischer Direktiven Soylus nicht mehr standgehalten habe; um eine Hand voll erzopportunistischer Journalisten wie Hadi \u00d6z\u0131\u015f\u0131k oder Veyis Ate\u015f, die sich inmitten der Aufl\u00f6sung des Konstitutionalismus im Glanze von Macht und Geld zu Vermittlern zwischen Macht und Geld aufgespielt h\u00e4tten (unter anderem auch zwischen Peker und Soylu); um S\u00fcleyman Soylu selbst, der seine Position als Minister ausgenutzt habe, um sein Versicherungsunternehmen aufbl\u00fchen zu lassen; aber auch darum, wie Peker im Zypern der 1990er seinen Bruder dem Milit\u00e4r f\u00fcr extralegale Aktivit\u00e4ten zur Verf\u00fcgung stellte; wie er im Sinne der AKP 2015 mit Gewalt gegen Medien vorging; wie er AKP-Parlamentariern und AKP-nahen Auslandsorganisationen wie den (zwischenzeitlich verbotenen) Osmanen Germania Geld zusteckte und so weiter und so fort. Wortmeldungen seitens in den Videos genannter Personen, Leaks von Videos und Gespr\u00e4chen, einige journalistische Recherchen und sogar einige wenige R\u00fccktritte (<a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/gundem/veyis-atesle-ilgili-flas-gelisme-6491448/\">Veyis Ate\u015f</a> k\u00fcndigte von seinem Sender, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/yalikavak-marina-dan-mehmet-agar-aciklamasi-gorevinden-ayrildi,955288\">Mehmet A\u011far</a> trat von seiner CEO-Position im Luxusyachthafen zur\u00fcck) legen bei den meisten von Peker erz\u00e4hlten Geschichten nahe, dass in ihnen zumindest <a href=\"https://farukbildirici.com/sedat-peker-vakasinda-gazetecilik-bilancosu/\">ein F\u00fcnkchen Wahrheit</a> innewohnt; wie viel genau davon Realit\u00e4t, wieviel Fiktion, wie viel blo\u00df falsches Wissen oder \u00dcberheblichkeit ist, werden wir indes wohl erst dann lernen, sobald uns alle relevanten staatlichen Quellen offengelegt werden \u2013 wenn \u00fcberhaupt. Die t\u00fcrkische Justiz tut angesichts der \u201eEnth\u00fcllungen\u201c von Peker bisher jedenfalls \u2013 gar nichts.</p><p>In der partiell auch von Peker \u201eaufgedeckten\u201c Geschichte des dubiosen Gesch\u00e4ftsmannes <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/ahmet-sik/a-dan-z-ye-sezgin-baran-korkmaz-olayi,29414\">Sezgin Baran Korkmaz</a> kommen alle diese F\u00e4den des Dezisionismus, der Polykratie und des Klientelkapitalismus exemplarisch zusammen. Korkmaz, ein aggressiver Investor kurdischer Abstammung, geh\u00f6rt zu den typischen Neureichen der AKP-\u00c4ra. Nach 2016 arbeitete er sich durch Anbiederung an den Staat nach oben, etwa durch Vermittlungst\u00e4tigkeiten zwischen der us-amerikanischen Gesch\u00e4ftswelt und der t\u00fcrkischen. Unter Umst\u00e4nden spielte er auch eine wichtige <a href=\"https://kronos34.news/tr/sezgin-baran-korkmazin-ucagi-40-kez-venezuelaya-gitmis/\">Vermittlerrolle</a> im Drogenhandel zwischen Venezuela und der T\u00fcrkei. F\u00fcr seine Dienste wurde er offensichtlich klientelistisch belohnt: mit Insiderinformationen zu Unternehmen in der T\u00fcrkei, die sich in Schwierigkeiten befanden. Diese kaufte er dann aggressiv und vermutlich teils mit unlauteren Mitteln auf. Zudem betrieb er Geldw\u00e4sche f\u00fcr die Kingston-Br\u00fcder, einer Betr\u00fcgerbande in den USA, die sich vom us-amerikanischen Staat rechtswidrig Milliarden von Dollar an Zusch\u00fcssen zuwenden lie\u00dfen. Korkmaz hatte offensichtlich Kontakte in alle Bereiche \u00f6konomischer, politischer und juristischer Macht in der T\u00fcrkei und lie\u00df aus all diesen Bereichen wichtige Personen in seinen Luxushotels umsonst verkehren. Aber er war eben nicht der einzige Klient der Macht: Ein t\u00fcrkischer Konkurrent, der Korkmaz auch \u00f6konomisch unterlegen war und von ihm vernichtet zu werden drohte, wandte sich vermutlich an den Innenminister Soylu (die Details der Story bleiben noch vage). Mit Appellen an Nation, Vaterland und dergleichen hochtrabende Dinge bat er diesen, Korkmaz aus dem Verkehr ziehen zu lassen. Soylu sah vermutlich die Chance gekommen, sich einen getreuen \u00f6konomischen Klienten aufzubauen. Er informierte Korkmaz, \u00e4hnlich wie sp\u00e4ter Peker, vor einer bevorstehenden Razzia und riet ihm zur Flucht. Das B\u00fcro f\u00fcr die Untersuchung von Finanzkriminalit\u00e4t (MASAK) fertigte zeitgleich einen vernichtenden Bericht \u00fcber Korkmaz an \u2013 ein paar Monate, nachdem ein vorhergehender Bericht desselben MASAK nichts gegen Korkmaz aufzudecken hatte. Und schon war Korkmaz pl\u00f6tzlich Saulus statt Paulus. Die Leser*in wei\u00df mittlerweile schon: Solche abrupten Umkehrungen sind typisch f\u00fcr dezisionistisch-polykratische Herrschaftsgef\u00fcge. Hinzu kommt nun, dass der schon genannte Journalist Veyis Ate\u015f Korkmaz telefonisch kontaktierte \u2013 Teile des Telefongespr\u00e4chs wurden im Zuge des \u201eSkandals\u201c <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ses-kaydi-var-aciklamasi-haberturk-sunucusu-veyis-ates-firari-sezgin-baran-korkmaz-dan-10-milyon-euro-istedi-mi,959129\">ver\u00f6ffentlicht</a> \u2013 und sich als Vermittler zwischen ihm und Soylu anbot; nat\u00fcrlich im Gegenzug f\u00fcr eine l\u00e4ppische Aufwandsentsch\u00e4digung von 10 Millionen Euro!</p><h4><i>Der Staat war also nicht nur tief, sondern auch sumpfig geworden, voller Kreaturen, denen noch die \u201enationalen Werte\u201c der alten Mafiosis und Paramilit\u00e4rs des Tiefen Staates zu blo\u00dfen Instrumenten ihres reinen individuellen Machtopportunismus wurden.</i></h4><p>Interessant ist, dass Peker in seinen ersten Videos stets hervorhob, nicht gegen den Staat zu sein. Im Gegenteil, er hielt bei seinen \u201eAufdeckungen\u201c und Attacken auch stets den Staatspr\u00e4sidenten Erdo\u011fan au\u00dfen vor. Mehrmals betonte er, dass er im Staate aufgewachsen und f\u00fcr ihn gedient habe. \u201e<a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/sedat-peker-1834751\">Der Staat existiert ewig</a>, er ist heilig. Es gibt aber kein Gesetz, das vorschreibt, dass das Wort eines jeden, der dem Staat dient, auch heilig ist\u201c, so Peker im dritten Video, und sp\u00e4ter im siebten Video: \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-7-video,39060\">Der Staat ist ein Geist</a> und es ist dieser Geist, der heilig ist\u201c. Deshalb, so Peker, greife er bestimmte \u00fcble oder \u201etiefe\u201c Elemente im Staat an, nicht aber den Staat als solchen. Er hob hervor, dass \u201esie\u201c \u2013 A\u011far, Soylu, Albayrak \u2026 und so weiter? \u2013 Erdo\u011fan umgarnt h\u00e4tten und rief Erdo\u011fan, den er seinen \u201egro\u00dfen Bruder\u201c nannte, dazu auf, im Sinne des Staates (und somit nat\u00fcrlich in seinem eigenen) zu intervenieren. Im vierten Video sprach er davon, dass er \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-dorduncu-video-koruma-polisimi-sen-vermedin-mi-suleyman-soylu-temiz-suleyman-in-istifa-olayi-var-ya-bir-gun-once-robot-hesaplardan-tweetler-hazirlandi,38805\">vor dem Staat in den Staat</a>\u201c fl\u00fcchtete. Das kann w\u00f6rtlich verstanden werden: Aus der T\u00fcrkei fl\u00fcchtete er nach Albanien, dann in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Es ist aber vor allem im \u00fcbertragenen Sinne zu verstehen: Geschasst im Machtkonflikt innerhalb des polykratischen Staatsgebildes seitens einer ihm feindlich gesinnten Fraktion fl\u00fcchtete er nach vorne, mitten in dieses Gebilde hinein \u2013 in der Hoffnung, das Spiel gegen die ihn verfolgenden Elemente im Staat zu wenden und sich selbst erneut als lukrativen Agent desselben pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen. Alle seine Videos sind daher ebenso viele Gespr\u00e4chsangebote an den Staat im Allgemeinen, an Erdo\u011fan im Besonderen.</p><p>Ende Mai drehte er jedoch den Hahn weiter auf. Er betrat sehr sensible Themenbereiche \u2013 vermutlich, weil seine Versuche, erneut vom Staat ernst genommen zu werden, bis dato keine Fr\u00fcchte getragen hatten. In seinem achten Video machte <a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-8-video,39238\">er \u00f6ffentlich</a>, wie seinem Wissen nach die T\u00fcrkei Waffen an Jihadisten in Syrien lieferte \u2013 unter anderem ihn selbst \u201eausnutzend\u201c, wie er es bezeichnete. Peker k\u00fcndigte an, auch in eine Abrechnung mit Erdo\u011fan h\u00f6chstpers\u00f6nlich gehen zu wollen und dessen Ged\u00e4chtnis \u201eaufzufrischen\u201c, <a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-8-video,39238\">da Erdo\u011fan leider</a> im Sinne von Soylu Partei ergriffen habe. Er fing an, die AKP im Allgemeinen anzugreifen und dar\u00fcber zu berichten, wie nicht nur Soylu Klientelismus betreibe, sondern auf welche Art und Weise in allen AKP-Munizipalit\u00e4ten Korruption und Vetternwirtschaft stattf\u00e4nde. Peker nutzte die Gelegenheit, seine Zuschauer*innen dazu aufzurufen, sich gegen die Regierung zu stellen, diese umzuw\u00e4lzen und die Ordnung zu ver\u00e4ndern, damit Korruption und Klientelismus aufh\u00f6rten. Er schlug sogar einen linkspopulistischen Ton an: Er sprach von der Pl\u00fcnderung von Ressourcen durch eine Handvoll Klientelkapitalisten, w\u00e4hrend die Bauern und das Volk in Armut dahindarbten. Er \u00e4u\u00dferte sich auch dar\u00fcber hinaus politisch und kritisierte die Kurden- und Alevitenpolitik der Regierung. Auch w\u00e4hrend der Waldbr\u00e4nde Ende Juli/Anfang August kritisierte er die Schuldzuweisungen an die HDP und <a href=\"https://sendika.org/2021/07/sedat-peker-yanginlari-hdpliler-cikariyor-demek-halkimizi-hdp-binalarina-saldirtma-amacindan-baska-ne-ise-yarayabilir-627191/\">bezeichnete</a> die Vorw\u00fcrfe als \u201eSpiel von Provokateuren im Gewande der Vaterlandsliebe\u201c. Peker vertrat damit eine politische Linie, die sich eigentlich als Mehrheitsmeinung im Staat der fr\u00fchen 2000er durchgesetzt hatte, namentlich die in diesen \u201eFragen\u201c enthaltenen sozialen Antagonismen durch milde integrative Kompromisse zu entsch\u00e4rfen und damit der PKK die soziale Basis abzugraben, ohne von den Prinzipien des t\u00fcrkischen Nationalismus g\u00e4nzlich abzuweichen. Letztlich konnte er noch so oft betonen, dass er nur einzelne Individuen im Staat angriff und der Staat heilig sei: Ende Mai/Anfang Juni befand Peker sich eindeutig auf Kriegsfu\u00df mit Regierung wie Staat.</p><p>Seine ver\u00e4nderte Strategie machte vermutlich Eindruck. In Kombination mit dem gro\u00dfen \u00f6ffentlichen \u201eErfolg\u201c seiner Videos kam es deshalb ab Anfang/Mitte Juni zu einer merklichen Ver\u00e4nderung im Vorgehen von Peker. Am Wochenende des 12./13. Juni 2021 erschien nicht wie erwartet ein neues Video. Zun\u00e4chst hie\u00df es, Peker sei von t\u00fcrkischen Kommandos entf\u00fchrt worden. Es stellte sich heraus, dass ihn <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/sedat-peker-dubaili-yetkililer-tarafindan-konutundan-alindi-iddiasi-1844197\">Beamte der VAE</a> (vermutlich des Geheimdienstes) zu einer Befragung einbestellt hatten. Wir wissen nicht genau, was dort und anderweitig besprochen wurde. <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-ailemin-yanina-geldim-mit-timlerinin-yaptigi-operasyonla-yakalandigim-asla-dogru-degildir,958887\">Peker selbst</a> erz\u00e4hlt die eher unwahrscheinliche Geschichte, dass ihn die VAE-Beamten davor warnten, weitere Videos zu ver\u00f6ffentlichen, da sein Leben in h\u00f6chster Gefahr sei. Wahrscheinlicher ist, dass die VAE gegen au\u00dfenpolitische Konzessionen der T\u00fcrkei Druck auf Peker aufbauten; gleichzeitig ist es sehr wahrscheinlich, dass um diesen Zeitpunkt herum auch Verhandlungen zwischen Peker und dem t\u00fcrkischen Staat, oder besser gesagt, bestimmten Fraktionen im t\u00fcrkischen Staat stattfanden. Die Videos h\u00f6rten abrupt auf. Seitdem twittert Peker seine \u201eEnth\u00fcllungen\u201c nur mehr. Er ging auch nicht wie angek\u00fcndigt dazu \u00fcber, Erdo\u011fan ins Zentrum zu stellen. Stattdessen schoss er sich wieder vor allem auf S\u00fcleyman Soylu und dessen angebliches Klientelnetzwerk ein: Beispielsweise machte er publik, dass Soylu angeblich auch nach dem gescheiterten Milit\u00e4rputsch vom 15. Juli 2016 unter der Hand <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-den-bakan-soylu-ya-arkandaki-saibeli-organizasyonla-15-temmuz-sonrasinda-da-devlet-envanterine-kayitli-olmayan-silahlari-dagitmaya-neden-devam-ettiniz,964626\">Langfeuerwaffen an Zivilisten verteilte</a> in der Vorbereitung auf einen B\u00fcrgerkrieg (was <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/turkish-mobster-claims-akp-supporters-secretly-armed-after-putsch\">plausibel</a> ist, da eine bei der angeblichen Waffen\u00fcbergabe beteiligte Person das von Peker angef\u00fchrte \u00dcbergabetreffen best\u00e4tigt hat, ohne jedoch zu wissen was \u00fcbergeben wurde, und laut einer Analyse von Daten des Innenministeriums bis zu 100.000 Waffen aus staatlichen Inventaren fehlen). <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/06/16/pekerin-olasi-haber-kaynaklari-ve-mit-operasyonu-haberi/\">Es ist seitdem offensichtlich</a>, dass Peker seither (wenn nicht schon zuvor) unmittelbar aus dem Polizei- und Justizapparat heraus sensible Informationen auch \u00fcber <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/emniyette-dun-alinan-ifadeyi-bugun-sedat-peker-yayinladi-haber-1527661\">sehr aktuelle Ereignisse</a> erh\u00e4lt, die er sodann auch ver\u00f6ffentlicht.</p><p>Peker hat also sein subjektives Ziel, als jemandes Agent im Staat zu fungieren und darin zugleich seine eigenen Interessen zu verfolgen, vorerst erfolgreich erreicht. Ende Mai waren seine Videos schon insgesamt <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57236348\">172 Millionen mal</a> angeschaut gewesen, in den Sozialen Medien folgen ihm ebenfalls Millionen Menschen. \u00d6ffentliche Umfragen \u00fcber Kenntnis und Einsch\u00e4tzung der Inhalte von Pekers Videos seitens der Bev\u00f6lkerung der T\u00fcrkei oszillieren in ihren Ergebnissen zwar noch zu extrem, um daraus zu tragf\u00e4higen Schl\u00fcssen zu kommen; es ist aber offensichtlich, dass Peker zu einem popularen Ph\u00e4nomen geworden ist.</p><h4><i>Das von ihm wohlkomponiert inszenierte Simulacrum, die Simulation des \u201eEhrenmannes\u201c, der \u00fcberpotente M\u00e4nnlichkeit, Gewaltbereitschaft, einen exzessiv-manischen Narzissmus und ein dementsprechendes Selbstbewusstsein gekoppelt mit einer aufm\u00fcpfigen, gar politisch oppositionellen Haltung, aber im Namen von Staat (devlet), Nation (millet) und Vaterland (vatan) verk\u00f6rpert, macht den verf\u00fchrerischen Bann seiner politischen \u00c4sthetik aus.</i></h4><p>Sehr erfolgreich auf wenige Minuten ist dies in einem <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=RwJcYJylUEg\">Kunstvideo</a> des Youtubers T\u0131mar Rutherford zur Darstellung gebracht worden. Peker selbst ist nat\u00fcrlich alles andere als irgendwie \u201eoppositionell\u201c oder gar emanzipatorisch: \u201eWenn ich Dreck bin, dann nur Dreck der untersten Stufe in einem ganzen System an Dreck\u201c, hebt Peker selber <a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-9-video-yasadikca-ve-yaslandikca-degil-direndikce-buyuruz,39442\">in aller Ehrlichkeit</a> im bisher letzten seiner langen Videos hervor. Durch seine Popularit\u00e4t und seine Bef\u00e4higung, wichtige Akteur*innen der polykratischen Konfiguration ins Wanken zu bringen und \u00f6ffentlich zu demaskieren, hat er erreicht, was viele andere Machtnetzwerke im polykratischen Gef\u00fcge nicht schaffen. Darin liegt Pekers derzeitige Einzigartigkeit und Unersetzbarkeit, was ihn letztlich n\u00fctzlich gemacht hat \u2013 f\u00fcr wen auch immer innerhalb des polykratischen Gef\u00fcges. Ryan Gingeras h\u00e4lt dazu passend <a href=\"https://www.jstor.org/stable/40586942\">fest</a>, dass die nicht-staatlichen Elemente des Tiefen Staates zwar vornehmlich mit Bezug auf den Staat wirkm\u00e4chtig werden, dass sie aber nicht darin aufgehen, willenlose Instrumente f\u00fcr staatliche Akteure zu sein. Dar\u00fcber hinaus verfolgen sie auch eigene Interessen und legen sich daf\u00fcr, wo n\u00f6tig, auch mit staatlichen Akteuren an.</p><p>Was hat sich also machtpolitisch hinter den Kulissen getan Ende Mai/Anfang Juni? <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/23/peker-konustukca-erdoganin-mintika-temizligi-kolaylasiyor/\">Eine These</a> w\u00e4re, dass Erdo\u011fan durch Pekers Performance \u00fcberzeugt ist, jetzt den geeigneten Moment gefunden zu haben, sich einer nationalistischen Fraktion im Machtblock zu entledigen, dass aber Bah\u00e7eli, der auch als erster von beiden \u00f6ffentlich Soylu in Schutz genommen hat, blockt. Andererseits hat Peker vor Kurzem auch wenig subtil damit gedroht, die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-den-suleyman-soylu-ya-tum-suclarin-yaninda-bana-bilgi-sizdirdigin-icin-yuce-divana-kesin-gideceksin,965735\">Gewalt eskalieren zu lassen</a>, wenn \u201esie\u201c bei den n\u00e4chsten Wahlen, die \u201esie\u201c laut Peker offensichtlich verlieren werden, nicht von selbst die Macht abtreten. Es ist nicht ganz klar, ob Peker mit \u201esie\u201c Erdo\u011fan und die AKP meint, oder nur bestimmte Teile des derzeitigen Regimes. Letztlich k\u00f6nnen wir derzeit nur spekulieren, mit wem im Staat Peker zusammenarbeitet. Fakt ist, dass die Causa Peker beziehungsweise die vom ihm \u00f6ffentlichkeitswirksam aufgerollten Skandale eindr\u00fccklich vor Augen f\u00fchren, welches Ausma\u00df Dezisionismus, Polykratie und Klientelkapitalismus in der T\u00fcrkei mittlerweile angenommen haben.</p><h4><i>Das ganze Land schaut auf die Youtube-Videos eines gewaltaffinen, im Namen des Staates mordenden Mafiabosses</i> <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/05/25/ikinci-perde-soylunun-yanitladigi-tek-soruyla-acildi/\"><i>anstatt</i></a><i> auf das Parlament und die Justiz f\u00fcr entscheidende Entwicklungen in Politik und Recht \u2013 kann es ein eindr\u00fccklicheres Bild f\u00fcr die Ersetzung von Konstitutionalismus durch Dezisionismus und Polykratie geben?</i></h4><p>Und zeigen nicht gerade die von ihm \u201eaufgedeckten\u201c Skandale, wie sehr Dezisionismus und Polykratie mit Korruption, Vetternwirtschaft, Gl\u00fccksrittertum, kurzum: Klientelkapitalismus zusammengewachsen sind? Zugleich zielt Pekers Vorgehen nat\u00fcrlich darauf ab, diese etablierten Mechanismen zu festigen. In der klassisch paternalistischen Manier des Rechtspopulismus entfacht er den berechtigten Unmut und die Leidenschaften der Bev\u00f6lkerung in einer tendenziell reaktion\u00e4ren Art und Weise \u2013 und dann noch in einer Form, die die Bev\u00f6lkerung passiv mobilisiert, sie also explizit nicht selbst zur Organisation und zur Aktivit\u00e4t aufruft, sondern als mobilisierte Man\u00f6vriermasse im innerpolykratischen Machtkampf zur Hand haben m\u00f6chte.</p><h2><b>Die widerst\u00e4ndige T\u00fcrkei und die etatistische Opposition</b></h2><p>Beim Versuch einer paternalistischen Mobilisierung der Bev\u00f6lkerung steht Peker nicht alleine da. Der Unmut in der Bev\u00f6lkerung und der Unglaube in die Institutionen des Staates ist, wie gezeigt, weit verbreitet. Es gibt aber dar\u00fcber hinaus auch zahlreiche Widerst\u00e4nde und K\u00e4mpfe gegen die vom Regime und vom Neoliberalismus herbeigef\u00fchrten destruktiven Zw\u00e4nge, Verbote, Entrechtungen, Depravationen. So k\u00e4mpften und k\u00e4mpfen <a href=\"https://sendika.org/2021/05/salgin-yonetiminin-on-dorduncu-ayinda-isci-sinifi-mucadelesi-617316/\">die gesamte Pandemie \u00fcber</a> Arbeiter*innen an vielen Standorten gegen Entlassungen, Nicht-Erf\u00fcllung von Corona-Ma\u00dfnahmen, fehlende Auszahlung von L\u00f6hnen und vieles mehr \u2013 <a href=\"https://sendika.org/2021/03/genel-is-genel-merkezi-kartal-belediyesi-ile-tis-imzaladi-isciler-irademiz-yok-sayildi-dedi-609945/\">auch</a> in <a href=\"https://elyazmalari.com/2021/02/23/kadikoyun-simarik-grevcileri/\">oppositionsgef\u00fchrten Kommunen</a>. Zwar waren am <a href=\"https://sendika.org/2021/05/1-mayis-2021-direnis-iradesi-sokakta-616787/\">1. Mai 2021</a> im Prinzip alle Demonstrationen verboten, Linke und Gewerkschafter*innen organisierten aber in vielen Stadtteilen und -pl\u00e4tzen kleinere Kundgebungen und lie\u00dfen sich von Gewahrsamnahmen nicht einsch\u00fcchtern. An der Bo\u011fazi\u00e7i Universit\u00e4t, einer der prestigetr\u00e4chtigsten Universit\u00e4ten des Landes, kam es seit Januar diesen Jahres zu einer riesigen Protestwelle gegen einen von Erdo\u011fan per Dekret und gegen die W\u00fcnsche der Studierenden und Lehrenden eingesetzten AKP\u2019ler als Zwangsverwalter-Rektor \u2013 mit Erfolg: Erst vor Kurzem wurde der Rektor, <a href=\"https://yetkinreport.com/2021/01/05/otomatik-taslakerdogan-emaneti-ehline-bakin-nasil-veriyor/\">Melih Bulu</a>, ebenfalls per Erdo\u011fans Gnadendekret abgesetzt. Die <a href=\"https://www.nd-aktuell.de/artikel/1154670.der-erste-zwangsverwalter-geht.html\">Bo\u011fazi\u00e7i-Uni</a> geh\u00f6rt neben einer kleinen Handvoll anderer Eliteuniversit\u00e4ten zu den Universit\u00e4ten, die die AKP trotz 20-j\u00e4hriger Regierungszeit nicht kontrolliert bekommt. Die feministische Bewegung ist die Einzige, die wegen ihrer gro\u00dfen Legitimation immer noch Demos organisieren und teils die Polizei zum R\u00fcckzug von den Stra\u00dfen zwingen kann. Dabei hat die Mobilisierungsf\u00e4higkeit der feministischen Bewegung mit zunehmender Repression und Austritt aus der Istanbuler Konvention nicht abgenommen, sondern zugenommen. Die HDP ist zwar durch den autorit\u00e4ren Dauerbeschuss kaum mehr handlungsf\u00e4hig, bleibt aber weiterhin standhaft; auch in Wahlumfragen bleibt sie weiterhin stabil bei um die 10%. Der Kampf der Anwaltskammern gegen die regimefreundliche Reform derselben letzten Jahres wie auch der geradezu heroische Kampf der \u00c4rztekammer f\u00fcr eine populare Pandemiepolitik und gegen die Verdrehungen und Inhumanit\u00e4t des Regimes unter den widrigsten Umst\u00e4nden zeigen, dass es auch in und durch organisierte Korporationen \u2013 \u00dcberreste des fordistischen Erbes in der T\u00fcrkei \u2013 Widerstand gegen den Autoritarismus m\u00f6glich ist.</p><p>Auch angesichts dieser K\u00e4mpfe und anderen wichtigen politischen Fragen ist regelm\u00e4\u00dfig eine mehr oder minder starke beziehungsweise absolute Mehrheit der Bev\u00f6lkerung anderer Meinung als das Regime: Eine absolute Mehrheit der Bev\u00f6lkerung lehnt den Austritt aus der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-saadet-partililerin-yuzde-81-i-mhp-lilerin-yuzde-31-i-istanbul-sozlesmesi-nden-cikilmasini-onaylamiyor,942740\">Istanbuler Konvention</a> ab; eine absolute Mehrheit lehnt die staatlichen Profitgarantien f\u00fcr die zahlreichen \u201e<a href=\"https://www.turkuazlab.org/wp-content/uploads/2020/12/Turkiyede-Kutuplasmanin-Boyutlari-2020-Arastirmasi-Sunumu.pdf\">Megaprojekte</a>\u201c (Br\u00fccken, Tunnel, Flugh\u00e4fen, usw.) ab und unterst\u00fctzt deren <a href=\"http://www.metropoll.com.tr/upload/content/files/1870-ekim20-ayin5rakami.pdf\">Verstaatlichung</a>; eine Mehrheit lehnt auch den <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halk-kanal-istanbul-un-yapilmasi-hakkinda-ne-dusunuyor,962105\">Kanal Istanbul</a> ab; eine absolute Mehrheit ist der Meinung, dass es keine politische Einmischung in die <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/arastirma-millet-ittifaki-na-yakinim-diyenlerin-orani-cumhur-ittifaki-na-yakinim-diyenlerden-fazla,11090/4\">Universit\u00e4ten</a> geben und diese ihre Rektor*innen selber w\u00e4hlen sollten und unterst\u00fctzt den Protest an der <a href=\"https://t24.com.tr/haber/konda-arastirmasindan-carpici-sonuc-toplumun-yuzde-67-si-bogazici-universitesi-ogrencilerini-hakli-buluyor,943200\">Bo\u011fazi\u00e7i-Universit\u00e4t</a>; ebenso eine absolute Mehrheit lehnt jedwede Beschr\u00e4nkung des <a href=\"http://www.metropoll.com.tr/upload/content/files/1870-ekim20-ayin5rakami.pdf\">Verfassungsgerichtes</a> ab; eine absolute Mehrheit bevorzugt <a href=\"https://www.milliyet.com.tr/yazarlar/guneri-civaoglu/muhafazakar-kesim-mri-6447122\">Laizismus</a> statt \u201edie Scharia\u201c (81% gg. 18%); eine Mehrheit lehnt die Enteignung des <a href=\"https://t24.com.tr/haber/metropoll-arastirma-semenin-neredeyse-yarisi-markette-pazarda-gida-enflasyonunun-yuzde-40-ve-uzerinde-oldugunu-soyluyor,943359\">Gezi-Parkes</a> und seine \u00dcberf\u00fchrung in ministeriales Eigentum ab; eine absolute Mehrheit ist der Meinung, dass die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/anket-halkin-yaklasik-yuzde-60-i-emekli-amiraller-bildirisinde-darbe-imasi-oldugunu-dusunmuyor,944750\">Erkl\u00e4rung der Admir\u00e4le</a> zum Vertrag von Montreux keinen Putschversuch darstellt; und nicht zuletzt findet eine Mehrheit die von der Opposition betriebene Skandalisierung der <a href=\"https://t24.com.tr/foto-haber/metro-poll-den-carpici-anket-millet-ittifaki-na-egilim-cumhur-ittifaki-na-egilimden-3-puan-fazla,11919/4\">Verschleuderung der TCMB-Reserven</a> richtig.</p><p>Angesichts der autorit\u00e4ren Furie, wie sie in der T\u00fcrkei w\u00fctet, ist dieses Niveau an Widerstand, K\u00e4mpfen und abweichender politischer Meinung der Bev\u00f6lkerungsmehrheit beachtlich. Der LKW-Fahrer, der bei einem Besuch der oppositionellen CHP \u00fcber die \u00f6konomische Misere seines Berufsstandes klagt und dann spontan vor laufender Kamera explodiert: \u201e<a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/nakliyeciden-chpli-vekillere-abi-bir-kukreyelim-haber-1527446\">Bruder, lass\u2019 mal br\u00fcllen wie ein L\u00f6we</a>. Mein verehrter Bruder, hau doch mal die Faust auf den Tisch und br\u00fcll mal. Es geschieht Unrecht, die Menschen hier leiden, den Menschen geht es schlecht, sie sind hungrig\u201c, hat schon viel in Kauf genommen. Es bedarf viel Mut, eine solche Kampfansage in der heutigen T\u00fcrkei vor laufender Kamera abzulassen.</p><h4><i>An Kampfbereitschaft und Mut fehlt es wahrlich nicht. Aber die K\u00e4mpfe finden nur selten zu einer relativ geeinten politischen Form und Perspektive zusammen</i>.</h4><p>Das Potenzial atomisierter und demobilisierter Proteste und individueller Kampfbereitschaft bleibt aber notwendig beschr\u00e4nkt und tendenziell offen f\u00fcr eine reaktion\u00e4re Degeneration, Hoffnungslosigkeit, Kapitulation vor dem Herrschenden und/oder R\u00fcckzug. Angesichts dessen verfolgt die b\u00fcrgerliche Opposition eine sehr etatistische Form der Politik. Die N\u00e4he bis hin zu Identit\u00e4t der b\u00fcrgerlichen Opposition zur/mit der Regierung bez\u00fcglich der \u201ekurdischen Frage\u201c habe ich schon erw\u00e4hnt. Auch in allen Angelegenheiten, die als \u201estaatlich\u201c akzeptiert sind, wie beispielsweise die grunds\u00e4tzliche Vorstellung einer <a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-ndan-abdulkadir-selvi-abdulkadir-selvi-benim-adima-nasil-konusuyor-yoksa-birileri-selvi-ye-yazdiriyor-mu,919825\">Substanz</a> und Einheit des Staates und die Verteidigung seiner Institutionen (<a href=\"https://t24.com.tr/haber/chp-den-charlie-hebdo-tepkisi-hicbir-ulke-turkiye-cumhuriyeti-nin-cumhurbaskani-na-hakaret-edemez-ettirmeyiz,911906\">inklusive des Pr\u00e4sidialamtes</a>!) und <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/dort-partiden-abdye-caatsa-kinamasi-haber-1507401\">Interessen</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/meral-aksenerden-erdoganin-cagrisina-yanit-1757650\">nach Au\u00dfen</a>, steht die b\u00fcrgerliche Opposition <a href=\"https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2020/09/turkey-russia-erdogan-dispute-armenia-azerbaijan-nagorno.html\">Seite an Seite</a> mit dem Regime (oder fordert <a href=\"https://t24.com.tr/haber/ali-babacan-ve-ahmet-davutoglu-ndan-ortak-basin-toplantisi,938443\">sogar</a> ein <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-bu-ulkede-millete-terorist-diyenler-andimiz-i-yasaklayanlar-oldu,939659\">noch h\u00e4rteres Vorgehen</a>). Sie stimmen damit de facto zu, wenn wichtige Wortf\u00fchrer*innen des Regimes die Unterscheidung machen in <a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/nedret-ersanel/mehmet-agar-bu-olaylar-neticesinde-baska-siyasi-beklentiler-var-ise-acik-soyleyeyim-o-olmaz-2057662\">Regierungsangelegenheiten</a>, bei denen man durchaus unterschiedlicher Meinung sein k\u00f6nne, und <a href=\"https://www.sabah.com.tr/yazarlar/donat/2021/05/06/kanayan-yara\">Staatsangelegenheiten</a>, bei denen Einheit gefordert sei. Dabei gibt es nat\u00fcrlich nicht einen \u201eheiligen Geist des Staates\u201c, der zeitlos durch Raum und Zeit west, wie es Peker und viele vor ihm behaupteten. Die Anrufung einer mystischen \u201eEssenz des Staates\u201c ist allerdings ein Mittel, um Zustimmung zu einer grunds\u00e4tzlich autorit\u00e4ren Vergesellschaftungsform zu generieren \u2013 etwas, worin sich in der Tat Regierende wie b\u00fcrgerliche Oppositionelle seit Gr\u00fcndung der Republik, ja seit dem sp\u00e4ten Osmanischen Reich einig sind. Insofern l\u00e4sst sich mit Fug und Recht von einer autorit\u00e4ren Staatstradition in der T\u00fcrkischen Republik sprechen.</p><h4><i>Die b\u00fcrgerliche Opposition teilt aber auch den Aspekt der paternalistischen Mobilisierung, die der autorit\u00e4ren Staatstradition zueigen ist.</i></h4><p><a href=\"https://t24.com.tr/haber/kilicdaroglu-video-ile-seslendi-buradan-siyasi-iktidara-acik-bir-cagrida-bulunuyorum-turkiye-nin-evlatlarini-serbest-birakin,930648\">Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu</a> so sehr <a href=\"https://t24.com.tr/haber/sedat-peker-izmir-hdp-il-baskanligina-yapilan-provokasyon-amacli-saldirinin-cok-daha-buyuklerini-ne-yazik-ki-onumuzdeki-zamanlarda-yasayacagiz,959773\">wie</a> <a href=\"https://t24.com.tr/video/sedat-peker-den-8-video,39238\">Sedat Peker</a>, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/imamoglu-ndan-hutbe-aciklamasi-diyanet-gencleri-ayirmayan-devlet-yoneticileri-olsun-diye-de-dua-etsin,931708\">Imamo\u011flu</a> (CHP-B\u00fcrgermeister von Istanbul) so sehr wie <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/bogazicili-ogrencilerden-bahceliye-yanit-once-terorist-demekten-vazgec-1816006\">Bah\u00e7eli</a>, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/aksener-kktc-mustakil-bir-devlettir-haddinizi-bilin,931922\">Meral Ak\u015fener</a> so sehr wie die <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/hdpye-saldiri-aydinlatilmali-41834543\">Revolverpresse</a> des Regimes sind sich einig im Aufruf, dass die Menschen \u201eja nicht auf die Stra\u00dfe\u201c gehen oder zumindest \u201eMa\u00df und Zur\u00fcckhaltung\u201c in ihrem Protest wahren sollen, weil sonst alles au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t und Chaos das Land regiert. Als disziplinierend-mobilisierendes Element werden dazu verschw\u00f6rungstheoretische Ideologiefragmente \u201e<a href=\"https://dukespace.lib.duke.edu/dspace/bitstream/handle/10161/22556/Goknar%20-%20Political%20Melodramas%20of%20Conspiracy.pdf?isAllowed=y&amp;sequence=2\">as an intentionally deployed weapon of politics</a>\u201c (S. 2) genutzt. \u201eJemand hat auf den Knopf gedr\u00fcckt\u201c <a href=\"https://www.hurriyet.com.tr/yazarlar/abdulkadir-selvi/turkiyenin-onundeki-kritik-esik-41842003\">und</a> <a href=\"https://www.sozcu.com.tr/2021/yazarlar/ismail-saymaz/sen-suclusun-mehmet-ali-bey-6492402/\">\u00e4hnliche S\u00e4tze</a> sind politische Allgemeinpl\u00e4tze geworden, die implizieren, dass es ein \u2013 nat\u00fcrlich nie konkret zu identifizierendes \u2013 Mastermind (<i>\u00fcst ak\u0131l</i>) gibt, das <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-yargimiz-nasil-15-temmuz-un-hesabini-soruyorsa-6-8-ekim-olaylarinin-hesabini-da-bolucu-orgutun-unsurlarindan-soruyor,906889\">laut Erdo\u011fan</a> <a href=\"https://t24.com.tr/haber/erdogan-son-8-yilda-partimize-yonelik-kesintisiz-saldiri-doneminden-milletimizin-destegiyle-ciktik,964513\">seit Gezi 2013</a> in den unzusammenh\u00e4ngendsten Ereignissen als das eine identische Subjekt wirkt, um die T\u00fcrkei durch wechselseitige Polarisierung und Aufhetzung der Bev\u00f6lkerung zu vernichten. <a href=\"https://www.yenisafak.com/yazarlar/ibrahim-karagul/sedat-pekere-feto-dosyalari-mi-verildi-zaafi-olan-dubaiye-kosuyor-bin-zayedin-tetikcisi-oluyor-onlarca-sedat-peker-harcanir-2058569\">Auch Sedat Peker</a> wird von der Revolverpresse in diese Verschw\u00f6rung eingeordnet.</p><p>Nat\u00fcrlich gibt es kein Mastermind. Es ist das Regime selbst, das Polarisierung und Aufhetzung betreibt, um Alternativen zu unterdr\u00fccken und sich eine autorit\u00e4re Legitimationsbasis zu schaffen. In Kombination mit anderen Krisenelementen bringt dies aber auch eine Reihe nichtintendierter Effekte mit sich, wie sich versch\u00e4rfende au\u00dfenpolitische und soziale Antagonismen, Prekarit\u00e4t, usw., die durchaus wirklich zu einer Art von Kontrollverlust f\u00fchren, n\u00e4mlich zur Hegemoniekrise an sich. Das verschw\u00f6rungstheoretische Framing versucht blo\u00df, diese Hegemoniekrise disziplinierend zu organisieren. Denn wo hinter allem Unzusammenh\u00e4ngenden und allen Verwerfungen ein b\u00f6ser Mastermind zum Schaden Aller agiert und man nie wei\u00df, ob nicht auch etwas als Gut erscheinendes eigentlich dem B\u00f6sen dient, da macht sich eine passivierende \u00c4ngstlichkeit breit. Der Glaube daran w\u00e4chst, dass es der Lenkung durch die das Volk f\u00fchrenden Elite bedarf, welche allein kompetent den Kampf gegen dieses Mastermind ausfechten kann. \u201e[C]onspiracy isn\u2019t just a symptom of authoritarian politics, [\u2026] it imagines and prefigures that authoritarianism\u201c (S. 6), fasst G\u00f6knar im eben zitierten Artikel folgerichtig zusammen. Ein erfolgreicher Kampf gegen die Taktiken des Regimes, in dem die Bev\u00f6lkerung selbst organisiert partizipiert, ist der erfolgversprechendste Weg gegen die Pr\u00e4sidialdiktatur: Die Wahrnehmung der eigenen Wirkm\u00e4chtigkeit ist das beste praktische Gegenmittel gegen die verschw\u00f6rungstheoretische Disziplinierung im Allgemeinen, aber vor allem auch gegen die in der Diffusit\u00e4t des Alltagsverstandes verankerten, jahrzehntelang von den Herrschenden gef\u00f6rderten reaktion\u00e4ren Elemente wie den antikurdischen Rassismus <a href=\"https://www.bbc.com/turkce/haberler-turkiye-57485198\">oder</a> die <a href=\"https://t24.com.tr/haber/area-arastirma-olasi-cumhurbaskanligi-secimlerinde-mansur-yavas-muharrem-ince-ile-abdullah-gul-e-fark-atiyor,899856\">Unterst\u00fctzung</a> f\u00fcr <a href=\"https://www.gazeteduvar.com.tr/son-anket-millet-ittifaki-onde-galeri-1500153?p=5\">au\u00dfenpolitischen Chauvinismus</a>.</p><p>Die b\u00fcrgerliche Opposition will dies aber offensichtlich nicht. Sie hofft darauf, durch die Exploitation reaktion\u00e4rer Sedimente im Alltagsverstand eine paternalistische Mobilisierung gegen das Regime zu organisieren, mit dem sie das Regime st\u00fcrzen und den \u00dcbergang zu einer restaurierten neoliberalen Hegemonie einleiten kann \u2013 ohne eine zu starke populare Partizipation zu riskieren, die bedeutend mehr als eine blo\u00dfe Restauration des Neoliberalismus auf die politische Agenda setzen k\u00f6nnte. Wie sehr die b\u00fcrgerliche Opposition das Regime st\u00fcrzen und wirklich abschaffen will, ist ohnehin an sich fragw\u00fcrdig. Der Chef der Hauptoppositionspartei CHP, Kemal K\u0131l\u0131\u00e7daro\u011flu, gab erneut zu verstehen, dass sie <a href=\"https://t24.com.tr/video/kilicdaroglu-kanal-istanbul-ihalesine-girecek-ulkeye-mesafe-koyacagiz-paralarini-odemeyecegiz-bizden-bir-banka-kredi-verirse-gunu-geldiginde-o-da-gorur,38698\">keine Abrechnung</a> (<i>devr-i sab\u0131k</i>) mit der AKP-\u00c4ra und ihren Verbrechen vorhaben, sollten sie an die Macht kommen. \u00c4hnlich der schon erw\u00e4hnte stellvertretende Vorsitzende der IYI, Yavuz A\u011f\u0131ralio\u011flu, der \u201e<a href=\"https://t24.com.tr/haber/iyi-partili-agiralioglu-ak-parti-deki-arkadaslarimiza-dusman-degiliz-onlarin-rakipleriyiz,941960\">unsere Freunde in der AKP</a>, inklusive Herr Erdo\u011fan\u201c explizit nicht als Feinde, sondern als Konkurrenten unter dem Banner derselben Sache, \u201eNation und Heimat\u201c bezeichnete.</p><p>Unter dem Druck der Faschisierung sind auch Teile der Linken, allen voran starke Fraktionen innerhalb der HDP, auf eine Taktik der \u201eDemokratiefront\u201c umgeschwenkt, der zufolge die Zusammenarbeit aller \u201edemokratischer Parteien\u201c zwecks Sturz des Regimes Priorit\u00e4t hat. Die Linke, auch die HDP, w\u00e4re allerdings besser beraten, sich prim\u00e4r auf das zu konzentrieren, was sie von den b\u00fcrgerlichen Parteien unterscheidet: Eine Perspektive auf die \u00dcberwindung des Neoliberalismus im Sinne der popularen Klassen und eine umfassende Demokratisierung durch populare Massenmobilisierung und -partizipation. Ansonsten bleiben nicht nur die materiellen Bedingungen der M\u00f6glichkeit einer reaktion\u00e4ren Organisierung und Mobilisierung der popularen Klassen erhalten, sondern auch die ideellen und politischen \u2013 wie der antikurdische Rassismus, der militaristische Chauvinismus und dergleichen. Erst wenn das Volk selbst an der politischen Macht aktiv partizipiert und \u00fcber sein Geschick selbst entscheidet, werden die Bedingungen der M\u00f6glichkeit des Autoritarismus aufgehoben, <a href=\"https://t24.com.tr/yazarlar/riza-turmen/akp-sonrasi-turkiye-yeni-bir-demokrasi,31141\">so</a> R\u0131za T\u00fcrmen, ehemaliger Richter der T\u00fcrkei am Europ\u00e4ischen Menschengerichtshof und linker Demokrat. Die revolution\u00e4ren Elemente innerhalb der Linken m\u00fcssen dabei zus\u00e4tzlich den Punkt stark machen, dass es nicht blo\u00df um Klientelkapitalismus und Neoliberalismus geht und dass strategisch die \u00dcberwindung der kapitalistischen Produktionsweise als solcher letztlich der einzige Weg ist, die notwendigen (wenn auch nicht allein hinreichenden) Grundlagen f\u00fcr ein gutes Leben f\u00fcr die Bev\u00f6lkerungsmehrheit zu schaffen. Dass sich Linke priorit\u00e4r auf ihre Aufgaben konzentrieren, schlie\u00dft eine taktische Wahlzusammenarbeit, so denn Wahlen stattfinden sollten, nicht aus. Im Gegenteil: Erst dann, wenn die Linke ihre Aufgaben gut macht, kann sie bei einer m\u00f6glichen Wahlallianz eine Anerkennung linker Positionen erzwingen.</p><p>Das kurz- bis mittelfristige Ziel f\u00fcr Linke sollte sein, Erdo\u011fan zu st\u00fcrzen \u2013 aber unter Umst\u00e4nden, in denen die Linke so stark wie m\u00f6glich ist. Es w\u00e4re sogar w\u00fcnschenswert, wenn sie bei den n\u00e4chsten Wahlen einen selbstbewussten und eigenst\u00e4ndigen dritten Parteienblock im Unterschied zum Regimeblock wie zum Block der b\u00fcrgerlichen Opposition bilden k\u00f6nnte, anstatt direkt oder indirekt dem b\u00fcrgerlichen Oppositionsblock zuzuarbeiten. Nur durch organisatorische und ideologische Autonomie sowie einer erfolgreichen popularen Praxis kann die Linke Positionen erk\u00e4mpfen. Zusammenschl\u00fcsse wie Einheit f\u00fcr Demokratie (<i>Demokrasi \u0130\u00e7in Birlik</i>, D\u0130B), die sich aus Parteien und Organisationen, Bewegungen und Einzelpersonen zusammensetzen, <a href=\"https://t24.com.tr/haber/demokrasi-icin-birlik-ten-muhalefete-armut-pisip-kimsenin-agzina-dusmeyecek,907330\">versuchen gerade</a>, solch eine <a href=\"https://www.evrensel.net/haber/436368/demokrasi-konferansi-halkin-gercek-halk-egemenligi-kuracagi-yolculuga-katki-sunmaya\">populare Perspektive</a> zusammen mit einer popularen Mobilisierung zu entwickeln.</p><h4><i>Vielleicht sind wir derzeit an einem Punkt angelangt, an dem es nicht mehr so sehr um die Frage geht, ob Erdo\u011fan st\u00fcrzt \u2013 sondern eher darum, wie er st\u00fcrzt und wie die T\u00fcrkei nach Erdo\u011fan aussehen wird. Diesem Kampf um die Zukunft der T\u00fcrkei sollten wir uns selbstbewusst und voll Lebensfreude stellen.</i></h4><hr/><h2><b>Anmerkungen:</b></h2><p><b>[1]</b> F\u00fcr die Entwicklungen und theoretischen Einsch\u00e4tzungen zu den Entwicklungen vor/bis September 2020 verweise ich auf meinen l\u00e4ngeren Analyseartikel \u201e<a href=\"https://revoltmag.org/articles/virus-als-katalysator/\">Virus als Katalysator</a>\u201c, ebenfalls hier im<i> re:volt magazine</i> erschienen. Ich werde die dort ausgef\u00fchrten Dinge hier nicht mehr ausf\u00fchrlich behandeln und auf permanente Verweise auf jenen Artikel verzichten; wo keine Quellen angegeben sind oder nicht weiter ausgef\u00fchrt wird, lassen sich Details in jenem Artikel nachlesen.</p><p>F\u00fcr viele wichtige inhaltliche Diskussionen und Literaturempfehlungen danke ich dem Arbeitskreis<i> Social and Political History of Turkey</i>. Besonderer Dank gilt dabei Axel Gehring und Svenja Huck f\u00fcr wichtige inhaltliche und formale Kommentare. Ganz besonderen Dank zudem an Johanna Br\u00f6se f\u00fcr eine sehr genaue inhaltliche und sprachliche Redaktion des<i> gesamten</i> Artikels. Was w\u00e4re der Artikel nur ohne dich und deine Arbeit? F\u00fcr alle Fehler, Fehleinsch\u00e4tzungen und Verr\u00fccktheiten, die weiterhin im Artikel geblieben sind, bin nat\u00fcrlich nur ich verantwortlich. Gedankt sei auch Jo aus dem <i>re:volt</i>-Kollektiv f\u00fcr die meines Ermessens sehr treffende Collage, die als Titelbild des Artikels fungiert.</p><p><b>[2]</b> Ein in der Zwischenzeit vorlegter Rechenschaftsbericht des Finanzministeriums nennt fast identische Zahlen: 2,4%/BIP direkte Ausgaben, 9,3%/BIP Kredite usw. <a href=\"https://ms.hmb.gov.tr/uploads/sites/12/2021/06/Kamu-Maliyesi-Raporu-1.pdf\">Siehe</a> T.C. Hazine ve Maliye Bakanl\u0131\u011f\u0131,<i> Kamu Maliyesi Raporu 2021-I</i>, Mai 2021, S. 30.</p><p><b>[3]</b> Minibusse sind kleinere Busse, die etwa 10-20 Sitz- und 5-10 Stehpl\u00e4tze haben und eines der meistgenutzten Fortbewegungsmittel in der T\u00fcrkei darstellen.</p><p><b>[4]</b> Sind die Zinsen niedriger als die Inflationsrate, spricht man von realem Negativzins. Das hei\u00dft die Zinsen sind \u2013 egal ob sie nominell positiv, das hei\u00dft \u00fcber 0% liegen \u2013 real negativ, da sie unterhalb des Niveaus der Preissteigerung verbleiben. Jeder, der zu realem Negativzins investiert, betreibt also im Normalfall ein Verlustgesch\u00e4ft. Im betreffenden Fall ist ein realer Negativleitzins der TCMB daher ein sehr starker negativer Investitionsimpuls f\u00fcr ausl\u00e4ndisches Kapital. Anders sieht es beispielsweise bei <a href=\"https://www.deutsche-finanzagentur.de/de/private-anleger/bundeswertpapiere/bundesanleihen/\">bundesdeutschen Staatsanleihen</a> aus, die ebenfalls einen realen Negativzins abwerfen. Da sie jedoch gemeinsam mit der deutschen Wirtschaft und im Unterschied zur T\u00fcrkei als stabil und als sicherer Hafen gelten, investieren Finanzmarktakteur*innen durchaus in sie um diese dann beispielsweise als Sicherheiten f\u00fcr weitere Finanzgesch\u00e4fte zu nutzen.</p><p><b>[5]</b> Bei einem W\u00e4hrungs- oder Devisenswap werden Mengen zweier W\u00e4hrungen wechselseitig getauscht, um in Zukunft wieder r\u00fcckgetauscht zu werden. Die TCMB beispielsweise nutzt solche Swaps, um kurzfristig an dringend notwendige Devisen heranzukommen. Damit verschiebt sich das Problem des Devisenmangels in die Zukunft.</p><p><b>[6]</b> Da die t\u00fcrkische Wirtschaft bei wesentlichen Inputs an Importe gebunden bleibt, wirkt sich nat\u00fcrlich ein Wertverfall der Lira unmittelbar auf die Inflation aus und zieht regelm\u00e4\u00dfig eine Steigerung derselben mit sich. So wurde dann zwar nach den desastr\u00f6sen 1990ern, als die TCMB noch eine Fokussierung auf einen fixen TL-Wert hatte und inmitten der Transformationskrisen zum regulierten Neoliberalismus und spekulativer Attacken im Prinzip handlungsunf\u00e4hig wurde, die Wechselkursfokussierung der TCMB aufgegeben im Sinne einer Preisstabilit\u00e4tsfokussierung. Da letzteres aber ebenfalls eine gewisse Stabilit\u00e4t des Wechselkurses voraussetzte, intervenierte die TCMB wo n\u00f6tig nat\u00fcrlich auch in den Devisenmarkt, so beispielsweise 2004-05. Aber das waren noch gute Zeiten, da war das Akkumulationsregime noch nicht fundamental krisenhaft, sondern wurde nur zyklisch negativ affiziert von volatilen internationalen Finanzstr\u00f6men.</p><p><b>[7]</b> Was Zinshebungen in den USA und daher Kapitalabfl\u00fcsse aus der Peripherie in die USA wahrscheinlich machte <a href=\"https://www.mahfiegilmez.com/2021/03/faiz-nicin-artrld-simdi-ne-olacak.html\">und daher</a> trotz orthodox-neoliberaler Geldpolitik des t\u00fcrkischen Zentralbankchefs zu einem Fall des Wertes der TL f\u00fchrte. Auch die beste Wirtschaftspolitik kann im Regelfall die strukturellen Defizite eines spezifischen Akkumulationsmodells nicht beheben, in diesem Fall die abh\u00e4ngige Finanzialisierung der t\u00fcrkischen Wirtschaft.</p><p><b>[8]</b> \u00dcblicherweise werden die Steigerungen der Verbraucherpreise als offizielle Inflationsrate angegeben. Produzentenpreise hingegen bezeichnen die Preise, die Produzenten f\u00fcr ihre Inputs bezahlen. <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/turkeys-inflation-spirals-out-control\">Wegen der Importabh\u00e4ngigkeit</a> der t\u00fcrkischen Wirtschaft und dem Fall des Wertes der Lira ins Bodenlose sind die Produzentenpreise um mehr als 40% gestiegen, weit mehr als die Verbraucherpreise. Das hei\u00dft letztlich, dass die Kosten der Unternehmen viel st\u00e4rker steigen als die Preise, zu denen sie ihre Waren verkaufen k\u00f6nnen. Auf kurz oder lang werden also Bankrotte folgen oder eine <a href=\"https://www.al-monitor.com/originals/2021/07/wealthy-turks-drive-consumption-despite-soaring-inflation\">Anpassung</a> der beiden divergierenden Preisentwicklungen stattfinden, das hei\u00dft die sich schon <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/son-dakika-lpgye-zam-geldi-1848996\">beschleunigende</a> <a href=\"https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/kapanmanin-faturasi-agir-oldu-1846972\">Steigerung der Verbraucherpreise</a>.</p><p><b>[9]</b> Ich nutze damit den Begriff etwas anders als Carl Schmitt, der ihn als ein metaphysisches Letztbegr\u00fcndungsprinzip jeder Rechtsordnung, egal ob liberal oder monarchisch oder sonst wie, verstanden wissen will und ihn zudem normativ positiv aufl\u00e4dt. Daher die Charakterisierung von Schmitt als proto-faschistisch. Ich nutze den Begriff als Analysetool f\u00fcr<i> eine</i> m\u00f6gliche Strukturierung eines gegebenen politischen Systems (im betreffenden Fall der T\u00fcrkei), zudem sicherlich ohne eine normative Aufwertung.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkisches-inferno/", "id": "https://revoltmag.org/articles/t%C3%BCrkisches-inferno/", "author": {"name": "Alp Kayserilio\u011flu", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2021-08-12T08:52:03.024590+00:00", "date_modified": "2021-08-12T09:18:02.196769+00:00", "tags": ["re:think", "t\u00fcrkei", "widerstand", "antikurdischer rassismus", "corona", "autorit\u00e4re konsolidierung", "sezgin baran korkmaz", "repression", "waldbr\u00e4nde 2021", "bogazici", "istanbul konvention", "sedat peker", "krise des neoliberalismus"], "summary": "Die T\u00fcrkei steht in Flammen: Von Corona-Krise \u00fcber Wirtschaftskrise, machttrunkenem Hochmut, Chaos im Staat und verheerenden Waldbr\u00e4nden bis hin zu Widerstand gegen das politische Regime in der T\u00fcrkei der letzten Monate berichtet unser Redakteur Alp Kayserilio\u011flu in einem sehr, sehr langen Essay."}, {"title": "Warum eine ostdeutsche Linke?", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Warum eine ostdeutsche&nbsp;Linke?</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Stahl- und Walzwerk Hennigsdorf bei Berlin\" height=\"420\" src=\"/media/images/Beitragsbild3.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Morgennebel | creative commons</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Die beiden Autoren trennt beinahe eine ganze Ost-Generation. Doch die aktuelle politische Entwicklung der sozialen Frage in Ostdeutschland und die damit verbundenen Projekte, wie zum Beispiel</i> <a href=\"https://twitter.com/aufbruchost?lang=de\"><i>Aufbruch Ost</i></a><i>, entfalten Kr\u00e4fte, die viele Ost-Linke unterschiedlichster Pr\u00e4gung zusammenbringen. Im Kontext der Auseinandersetzung \u00fcber linke Strategien aus der Perspektive von Lohnabh\u00e4ngigen in Ostdeutschland entstand dieser Text als Auftakt einer Artikelserie. In dieser wollen wir den gesellschaftlichen Erfahrungen realsozialistischer Praxis aus Bescha\u0308ftigungs-, Bildungs-, und Gesundheitspolitik etc. nachgehen, um daraus mo\u0308gliche Perspektiven eines sozialistischen Aufbruch Ost abzuleiten. Ein Aufbruch, der sich nicht auf importierte und damit unrealistische Politikkonzepte stu\u0308tzt, sondern Antworten aus der konkreten Situation der Lohnabh\u00e4ngigen in Ostdeutschland entwickelt.</i></p><h3><b>Von gro\u00dfen Hoffnungen\u2026</b></h3><p>Jede Gesellschaft hat einen spezifischen Charakter, der von der politischen \u00d6konomie, einer darauf basierenden Kultur und historischen Grundlagen abh\u00e4ngig ist. Das gilt f\u00fcr kapitalistische, wie f\u00fcr sozialistische Gesellschaften: die eine beruht auf Konkurrenz, die andere auf Kooperation. Vor nunmehr 30 Jahren wurde der nach dem 2. Weltkrieg entstandene realsozialistische Teil Deutschlands, die DDR, dem gr\u00f6\u00dferen, kapitalistischen Teil, der BRD, angeschlossen. In der DDR hatte eine knappe Mehrheit in den Ma\u0308rz-Wahlen 1990 der Allianz fu\u0308r Deutschland den Auftrag fu\u0308r einen schnellen Vollzug gegeben. Die meisten ahnten nicht, zu welchen wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Verwerfungen dies im Laufe der Jahre f\u00fchren wu\u0308rde. Obwohl man als informierte*r DDR-Bu\u0308rger*in nicht nur aus dem Staatsbu\u0308rgerkunde-Unterricht, sondern auch dem West-Fernsehen wusste, wie die bundesdeutsche Gesellschaft funktionierte, vertraute man den Versprechungen einer Vereinigung auf Augenh\u00f6he. Man versprach sich davon die Teilhabe an den sozialen Segnungen der westdeutschen Nachkriegsmarktwirtschaft, die erg\u00e4nzt werden w\u00fcrden durch ostdeutsche Errungenschaften.</p><p>Doch es kam anders. Dem sozialen Abstieg infolge der Deindustrialisierung, Ru\u0308ckgang der <a href=\"https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/38373\">Bruttowertscho\u0308pfung</a> 1991 auf ein Drittel (31 Prozent) im Vergleich zu 1989, und der daraus resultierenden Arbeitsplatzvernichtung auf fast die H\u00e4lfte (56,5 Prozent) folgten mehrere Wellen von Arbeitsmigrationen nach Westdeutschland. Fast ein Viertel der Bev\u00f6lkerung von knapp 17 Millionen Menschen <a href=\"https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-05/ost-west-wanderung-abwanderung-ostdeutschland-umzug?utm_referrer=https://www.google.com/\">verlie\u00df bis heute</a> das Gebiet der ehemaligen DDR. Sie hinterlie\u00dfen eine \u00fcberalterte und abgeha\u0308ngte Gesellschaft. An der <a href=\"https://www.iwh-halle.de/publikationen/detail/vereintes-land-drei-jahrzehnte-nach-dem-mauerfall/\">wirtschaftlichen Lage</a> hat sich bis heute nichts grundlegendes ge\u00e4ndert.</p><p>In Bezug auf die Kultur hatten es sich die bundesdeutschen Eliten zum Ziel gesetzt, alles in 40 Jahren in der DDR entstandene, das nicht ihren Vorstellungen entsprach, den freien Marktkra\u0308ften zu \u00fcberlassen. Gro\u00dfe Teile der Infrastruktur verschwanden. Als prominentes Beispiel seien hier die u\u0308ber 2000 <a href=\"https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kulturh%C3%A4user_in_der_DDR\">regionalen Kulturha\u0308user</a> genannt. Institutionen, die in die kleinbu\u0308rgerliche Welt von \u201aHoch-Kultur\u2018 passten, wurden in diesem Sinne vereinnahmt: ausgew\u00e4hlte Museen, Theater und Gedenksta\u0308tten. Immaterielles, wie Literatur, Kunst, Filme, Musik, etc. wurde im Kontext eines \u201awiedervereinten\u2018 Deutschlands totgeschwiegen oder diskreditiert.</p><h3>...<b>zur Kolonie der Bundesrepublik</b></h3><p>Zur Sicherstellung des machtpolitischen U\u0308bergangs nutzte man westdeutsche Funktionseliten aus der zweiten Reihe. Diesen standen in den neuen Gebieten Karrieremo\u0308glichkeiten in Politik, Medien, Wissenschaft und Justiz offen, die in ihren Heimatregionen nie mo\u0308glich gewesen wa\u0308ren. Dort waren alle entsprechenden Positionen schon besetzt. Legitimiert wurde dieser Schritt offiziell damit, dass das Gros ehemaliger DDR-Bu\u0308rger*innen auch jenseits fru\u0308herer Posten im Realsozialismus nicht in der Lage wa\u0308re, ausreichend schnell das neue westdeutsche System umzusetzen. Und Eile war das Gebot der Stunde. Um erwartbarer Kritik und Widerstand zuvor zu kommen, gab man als Alibi einem verschwindend geringeren Teil von Ostler*innen die Chance auf berufliche Stabilit\u00e4t oder Aufstieg im eigenen Territorium. Um diese Stellen zu behalten war allerdings klar, wessen Positionen sie zu vertreten hatten. Die Hoffnung, dass sich eine derartige Besetzungspolitik von Fu\u0308hrungspositionen zugunsten der nachfolgenden ostdeutschen Generation \u00e4ndern und damit demokratiefo\u0308rdernd auswirken werde, ist nicht eingetreten. Die Lage hat sich teilweise <a href=\"http://docplayer.org/27104334-Wer-beherrscht-den-osten.html\">sogar verscha\u0308rft</a>. Heute kann man alles in allem von kolonisierten Verha\u0308ltnissen sprechen.</p><h3><b>Entta\u0308uschungen und rechtes Spektakel</b></h3><p>Die in ihrer Region verbliebenen Ostler*innen waren nach der Wende paralysiert von der unerwarteten Wucht der Vera\u0308nderungen. Viele passten sich aus Mangel an Alternativen mit der Zeit an, ohne jedoch ihren, nicht erst in der Zeit der Wende erworbenen, Hang zum Widerspruch ganz zu verlieren. Nach einem anf\u00e4nglichen Vetrauensverlust, der auf die ungel\u00f6sten Widerspr\u00fcche in der DDR-Gesellschaft zur\u00fcckzuf\u00fchren war, wurde die Nachfolgerin der fr\u00fcher f\u00fchrenden Staats- und Regierungspartei, SED/PDS, von circa 20 Prozent der an den Wahlen teilnehmenden Ostdeutschen bevorzugt.<br/> Diskussionen u\u0308ber die Geschichte und Kultur der DDR fanden vor allem im privaten und halbo\u0308ffentlichen Raum statt. In den offiziellen Medien wurden sie entweder weiterhin im Stil des \u201aKalten Krieges\u2018, oder als apolitische \u201aOstalgie\u2018 ausschlie\u00dflich denunziatorisch gef\u00fchrt. Als nach etwa zwei Jahrzehnten fu\u0308r die Wa\u0308hler*innen im Osten nicht mehr zu \u00fcbersehen war, dass die politische Folgestruktur der SED/PDS, die PDS/LINKE, auch nur die Verha\u0308ltnisse verwaltete und keine Ideen fu\u0308r die wirtschaftliche und damit soziale Verbesserung der Lage hatte, wandte man sich nach und nach einem neuen parlamentarischen Oppositionsprojekt zu: der AfD. Eine in ihren Strukturen und f\u00fchrenden K\u00f6pfen zutiefst westdeutsche Partei, begegnet den ostdeutschen Erfahrungen sozialer Deklassierung mit nationalistischen und rassistischen Angeboten und kann dabei auf eine seit dem Anschluss der DDR an die BRD entstandene rechtsradikale Basis bauen.<br/><br/> Angefangen mit der nationalistischen PEGIDA-Bewegung und den daran anschlie\u00dfenden Wahlerfolgen der AfD setzte bei jungen Linken mit ostdeutschem Hintergrund allm\u00e4hlich ein Prozess der konkreteren Bescha\u0308ftigung mit ihrer Region ein, in dem Bewusstsein, dass diese sich vom Rest des Landes unterscheidet. Dabei geht es um Diskussionen zu \u00f6konomischen, politischen und kulturellen Themen sowie ihre historische Einordnung, die sie aus dem Privaten kannten. In der O\u0308ffentlichkeit wurden diese aber anders oder gar nicht verhandelt \u2013 auch nicht in ihrer linken Lebenswelt. Aus einer versch\u00e4mten, nie selbst thematisierten ostdeutschen Herkunft, wurde ein selbstbewusstes Auftreten, das auch in Westdeutschland <a href=\"https://www.freitag.de/autoren/elsa-koester/das-ist-unser-haus\">nicht mehr u\u0308bersehen werden</a> konnte.</p><h3><b>Im Unterschied vereint?</b></h3><p>Das Experiment der politischen und wirtschaftlichen Vereinigung zweier unterschiedlich gewachsener Gesellschaften, kann durch die vollst\u00e4ndige Assimilierung der einen als gescheitert gelten. Dies gilt auch f\u00fcr die Linke. Das Ergebnis nach 30 Jahren ist: Deindustrialisierung, Entvo\u0308lkerung und eine rechtsnationalistische politische Entwicklung im angeschlossenen Teil. Dabei gab es eine linke Chance, als die sozialen Anschlussverwerfungen zu Tage traten. Der anfa\u0308ngliche Vertrauensvorschuss wurde von der PDS zugunsten einer gesamtdeutschen Perspektive verspielt. Au\u00dfer ein paar Streicheleinheiten f\u00fcr die ostdeutschen Seele, hatte man wenig zu bieten. Auf die zu Recht formulierten spezifischen Probleme der Lohnabha\u0308ngigen in Ostdeutschland gibt es bis heute keine Antworten. Fast drei Jahrzehnte nach der Deindustrialisierung und trotz des Wissens, dass nur die massive Schaffung von Arbeitspla\u0308tzen der Schlu\u0308ssel zu einer langfristigen Lo\u0308sung der sozio-\u00f6konomischen Probleme ist, wird in gesamt- oder ostdeutschen Milieus bis heute nicht u\u0308ber eine digitale, nachhaltig-o\u0308kologische Re-Industrialisierung diskutiert.<br/></p><p>Empirisch stellt man bei der Bescha\u0308ftigung mit der sozialen Frage die Unterschiede zu einem historisch gewachsenen, westdeutschen Kapitalismus fest. Die Privatisierungspolitik der Treuhand fu\u0308hrte neben der Deindustrialisierung auch dazu, dass es keine Klasse von Kapitaleigner*innen mit DDR-Biographien gibt. Bei dem Wenigen, was u\u0308brig blieb, waren Ostdeutsche die gro\u00dfe Ausnahme. Das allermeiste fiel an westdeutsche und einige internationale Kapitalist*innen, die eine andere Standortpolitik betreiben, als Familienunternehmen aus der Region. Auf der Seite der Lohnabha\u0308ngigen kann man, wie weiter oben schon beschrieben wurde, von einer sich seit 30 Jahren verfestigenden preka\u0308ren Lage sprechen. Die angebotenen gesamtdeutschen politischen Lo\u0308sungen, die ausschlie\u00dflich einer bundesrepublikanischen Tradition folgen, imaginieren bis heute eine vermeintliche Homogenita\u0308t von Ost und West, die es aber nie gegeben hat. Gleichzeitig sind die Angebote auch fu\u0308r die alten Bundesl\u00e4nder zum gro\u00dfen Teil ungeeignet, eine Entwicklung hin zu mehr sozialer Gleichheit zu erm\u00f6glichen. Doch das m\u00fcssen die im Westen Sozialisierten fu\u0308r sich selbst entscheiden.</p><h3><b>Fu\u0308r einen (sozialistischen) Aufbruch Ost!</b></h3><p>Eine fortgesetzte Anwendung elita\u0308rer Politikkonzepte, bei der eine aus der linksliberalen, kleinb\u00fcrgerlichen Mittelschicht rekrutierte Funktionselite sich gegenu\u0308ber der Mehrheit an Lohnabha\u0308ngigen als intellektuelle Fu\u0308hrung aufspielt und die zu verhandelnden Themen vorgibt, wird zu noch mehr Abwehrtendenzen f\u00fchren. Das gilt nicht nur fu\u0308r Ostdeutschland. Aber dort ist das Versagen der gesamtdeutschen Linken am offensichtlichsten. Diese ist in ihrer Mehrheit scheinbar nicht Willens oder in der Lage, eine auf humanistischen L\u00f6sungen basierende Politik fu\u0308r <i>alle</i> Lohnabha\u0308ngigen zu machen. Stattdessen wird das Bedu\u0308rfnis nach sozialen Sicherheiten, wer mo\u0308ge es den Ostdeutschen verdenken, von diesem weitestgehend materiell abgesicherten Milieu ignoriert oder als antiquiert verachtet und so de facto den Rechtspopulist*innen mit ihren nationalistischen und rassistischen Lo\u0308sungen \u00fcberlassen. Diese nehmen das Geschenk dankend an.<br/> Angesichts dieser Entwicklungen m\u00fcsste sich eine gesamtgesellschaftliche Linke, die traditionell die Interessen der Lohnabha\u0308ngigen vertrat, fragen, was sie denn falsch macht. Der Bezug zur Klasse ist offensichtlich zum gro\u00dfen Teil, und insbesondere in Ostdeutschland, verloren gegangen. Stattdessen werden in weiten Teilen der Linken moralische Verwarnungen ausgesprochen. Angesichts der Wahlerfolge der AfD f\u00fchlt man sich in der Einscha\u0308tzung der sogenannten Masse und ihres \u201erassistischen Grundkonsens\u201c besta\u0308tigt, wendet sich umso mehr dem eigenen kleinb\u00fcrgerlichen Milieu und seinem ganz eigenen Blick auf die Welt zu und verliert dabei immer mehr an gesellschaftlichem Einfluss. Parallelen zu anderen europa\u0308ischen La\u0308ndern sind nicht zufa\u0308llig.</p><h3><b>Eine ostdeutsche Linke</b></h3><p>Eine ostdeutsche Linke muss sich der postmodernen, identita\u0308tspolitischen Gefahren bewusst sein, die lauern. Gleichzeitig d\u00fcrfen aber auch keine historisierenden sozialistischen Antworten gegeben werden. Das ostdeutsche Unwohlsein beruht nicht in erster Linie auf einer besonderen kulturellen Identita\u0308t, die sich in einen mit der Zeit un\u00fcberschaubar werdenden Kanon anderer Identit\u00e4ten einreiht und mit Antdiskriminierungsappellen heilen lie\u00dfe. Dieses Gef\u00fchl beruht vielmehr auf der, unter Marxist*innen allseits bekannten, materiellen Ungleichheit im Kapitalismus. Das ist nicht jeder Person, die dieses Gefu\u0308hl beschleicht, gleich bewusst. Aber wofu\u0308r ist denn eine Linke da, wenn nicht daf\u00fcr, diese Erkenntnis zu vermitteln?<br/> Die Lohnabha\u0308ngigen haben aufgrund ihrer Alltagserfahrungen ein reichhaltiges Wissen u\u0308ber die sozialen Verwerfungen. Man muss ihnen Lo\u0308sungen anbieten, die nicht aus den goldenen Zeiten der Arbeiter*innenbewegung stammen, aber auf deren Grundlagen beruhen und dabei die realsozialistischer Gesellschaften kritisch reflektieren. Und man muss sie einladen und ihnen zu ermo\u0308glichen, bei der politischen Arbeit mitzuwirken, um ihren Interessen gesellschaftliche Hegemonie zu verschaffen. Es geht dabei nicht nur um die Unterstu\u0308tzung gewerkschaftlicher Ka\u0308mpfe, sondern um die aktive Schaffung einer Basis, die auch im Alltag jenseits der Produktionspha\u0308re ansetzt.<br/></p><p>Bis in die dritte Generation hinein kennen Ostdeutsche noch aus eigenem Erleben oder Erz\u00e4hlen die Vorzu\u0308ge der DDR-Gesellschaft. Ansonsten w\u00fcrden sie mit der heutigen Situation nicht so unzufrieden sein. Es ist nicht das nationalistische Gefu\u0308hl, \u201eDeutscher 2.-Klasse\u201c zu sein. Aus diesem Erkla\u0308rungsansatz spricht nur die grenzenlose U\u0308berheblichkeit westdeutscher Eliten, die dieses Deutschland fu\u0308r das Ma\u00df aller Dinge halten. F\u00fcr die Lohnabha\u0308ngigen einer verl\u00e4ngerten Werkbank im Osten, in ihrem tagta\u0308glichen Kampf, u\u0308ber die Runden zu kommen, ist es das nicht. 30 Jahre Ungleichheitserfahrungen mit dem Wissen, dass es auch anders gehen k\u00f6nnte, sind vielleicht der Grund dafu\u0308r, dass fast zwei Drittel der Ostdeutschen <a href=\"https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/269349/ostdeutsche-identitaet-zwischen-medialen-narrativen-und-eigenem-erleben#fr-footnode2\">sich noch immer mit der DDR verbunden fu\u0308hlen</a>.<br/><br/> Die ostdeutsche Gesellschaft braucht eine origina\u0308re ostdeutsche Linke, die den Lohnabha\u0308ngigen Politikangebote entsprechend der vorhandenen gesellschaftlichen Spezifik unterbreitet. Nach 40 Jahren DDR und 30 Jahren angeschlossenes Ostdeutschland, also insgesamt 70 Jahren unterschiedlicher Entwicklung, steht den Ostler*innen nicht nur aus demokratietheoretischer Sicht das Recht zu, sich eigensta\u0308ndige politische Verkehrs- und Aushandlungsformen zu schaffen.<br/> Dies sollte man nicht als Aufruf zu einer irgendwie gearteten Spaltung, der mu\u0308hsam vereinigten, aber immer handlungsunfa\u0308higer werdenden gesamtdeutschen \u201aMosaiklinken\u2018 verstehen. Vielmehr als Beitrag, die notwendigen, eigensta\u0308ndigen Debatten im Osten zu fu\u0308hren. Die westdeutsche Linke sollte es als Chance zur Reflexion des eigenen Zustandes begreifen und als Inspiration fu\u0308r Vera\u0308nderungen. Wir sind an einer F\u00fclle von Meinungen und einer sich daraus entwickelnden Debatte zum Thema \u201eostdeutsche Linke&quot; \u00e4u\u00dferst interessiert.<br/><br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/warum-eine-ostdeutsche-linke/", "id": "https://revoltmag.org/articles/warum-eine-ostdeutsche-linke/", "author": {"name": "Autoren-Kollektiv Ost", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2021-03-26T10:47:19.164463+00:00", "date_modified": "2021-03-26T12:39:24.110411+00:00", "tags": ["re:think", "realsozialismus", "ostdeutschland", "linkspartei", "klassenpolitik", "ddr", "sozialismus", "kapitalismus", "wiedervereinigung", "mauerfall"], "summary": "Eine ostdeutsche Linke muss Lo\u0308sungen anbieten, die nicht aus den goldenen Zeiten der Arbeiter*innenbewegung stammen, aber auf ihren Grundlagen beruhen und dabei die realsozialistischen Gesellschaften kritisch reflektieren."}, {"title": "Der ewige Diego", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Der ewige&nbsp;Diego</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"&quot;Liebe den Fussball, hasse den Rassismus. Ich bin verr\u00fcckt.&quot;\" height=\"420\" src=\"/media/images/diego_che_je_so_pazzo.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Alessandro Pelizzari</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Wir schreiben das Jahr 1984, genauer den 16. September. Es ist der Tag, an dem Diego Armando Maradona das Gef\u00fchl kennenlernt, das in gro\u00dfen Teilen der italienischen Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber Neapel vorherrscht: den Anti-Meridionalismus. Es ist der erste Spieltag der italienischen Meisterschaft 1984/85 und Maradonas Debut in der Serie A. Neapel reist f\u00fcr das Spiel nach Verona, die Stadt Romeos und Julias, die Stadt des italienischen Wirtschaftswunders und nicht zuletzt die Stadt des \u201esmall is beautiful\u201c, wo kleine und sehr kleine Betriebe Handwerk und Bruttoinlandprodukt produzieren und so die sozio\u00f6konomische Entwicklung vorantreiben.</p><p>Diego verstand sogleich, dass es in Neapel um weitaus mehr als nur um Fu\u00dfball geht: \u201eSie haben uns mit einem Transparent empfangen, das mir mit einem Schlag zu verstehen gab, dass das Spiel von Neapel \u00fcber Fu\u00dfball hinausgeht: &#x27;Willkommen in Italien&#x27; stand darauf. Es ging um einen Kampf des Nordens gegen den S\u00fcden, der Rassisten gegen die Armen.\u201c</p><p>Die Lega Nord, die Partei, die heute von Matteo Salvini angef\u00fchrt wird, und die sich durch ihren anti-meridionalistischen Rassismus auszeichnet, entsteht zwar erst 1989, nicht aber der Rassismus gegen die S\u00fcditaliener*innen. In den Stadien Norditaliens ist es Tradition, Neapel, die wichtigste Mannschaft S\u00fcditaliens, und ihre Fans mit Transparenten zu empfangen, die den Vesuv besingen \u2013 den Vulkan, dessen Ausbruch Pompei zerst\u00f6rte \u2013 und mit Ch\u00f6ren, die die Neapolitaner*innen als \u201eCholera-Erreger*innen\u201c betiteln und sie auffordern, sich zu waschen.</p><h3><b>Neapel in den 1980er Jahren</b></h3><p>F\u00fcr viele Italiener*innen war Neapel die Stadt der Cholera und der Erdbeben. Tats\u00e4chlich hat die Stadt das Stigma der Cholera-Epidemie von 1973 und des Erdbebens von 1980 nie \u00fcberwunden. Die Cholera hatte zwar nur einige dutzend Tote gefordert, doch das Image der Cholera- und Erdbebenstadt wurde Neapel nicht mehr los.</p><p>Noch mehr als das Erdbeben war die Cholera der zur Realit\u00e4t gewordene Alptraum: Im Herzen des florierenden Westens, in einer seiner am dichtesten besiedelten Metropolen, breitete sich eine Krankheit aus, die man hier nur noch als Nachrichten aus den \u00e4rmsten und \u201eunterentwickeltsten\u201c Ecken der Welt kennt. So kamen Widerspr\u00fcche ans Licht, die von einer alles anderen als homogenen wirtschaftlichen Entwicklung Italiens zeugten. Sie zeigten sich in den Gassen Neapels, in den sogenannten \u201ebassi\u201c<i>,</i> den winzigen Wohnungen im Erdgeschoss, in denen einkommensschwache Familien bis heute dicht an dicht leben, die dann in den 2000er Jahren zur folkloristischen Sehensw\u00fcrdigkeit f\u00fcr Tourist*innen wurden. Sie zeigten sich aber auch in den miserablen Hygienebedingungen, in denen die popularen Klassen der Stadt zu leben gezwungen waren und teilweise auch heute noch sind. Szenarien, die vielmehr an die \u201evillas miserias\u201c Argentiniens erinnern als an eine reiche Metropole des Westens. Sie erinnern an Orte wie die Villa Fiorita, wo am 30. Oktober 1960 Diego geboren wurde.</p><p>Das Neapel, in das Maradona kam, stand am Beginn einer industriellen Krise der gesamten Region, die noch Jahrzehnte andauernden werden w\u00fcrde. Das Stahlwerk Italsider in Bagnoli, einem Quartier in der westlichen Peripherie, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Betrieb gesetzt und 1991 schon wieder geschlo\u00dfen, nur wenige Jahre nach dem Abgang der Nummer 10 aus Neapel. Es war das Neapel einer gra\u00dfierenden Arbeitslosigkeit, des Schmuggels von Zigaretten und eines sich ausbreitenden Heroinkonsums. Es war das Neapel der Camorra-Morde an <a href=\"https://it.wikipedia.org/wiki/Giancarlo_Siani\">mutigen Journalist*innen</a>, die die kriminellen Abkommen zwischen Politik, Wirtschaft und Mafia anprangerten; das Neapel der Fehden zwischen den Camorra-Clans und des Blutes auf der Stra\u00dfe. Das Neapel der 1980er Jahre wurde von vielen wie eine hoffnungslose H\u00f6lle beschrieben. Zu jener Zeit verlie\u00dfen zehntausende Emigrant*innen jedes Jahr die Stadt, um in den Fabriken des Nordens, in Frankreich oder in Deutschland zu arbeiten.</p><h3><b>Diego als Erl\u00f6ser</b></h3><p>Und ausgerechnet in Deutschland wird Neapel den ersten internationalen Erfolg seiner Geschichte feiern. Am 17. Mai 1989 wird in Stuttgart das R\u00fcckspiel des Uefa-Cup-Finals gespielt. Das Hinspiel im Stadion San Paolo in Neapel endete 2:1 f\u00fcr die \u201eazzurri\u201c (die himmelblauen Trikots) mit Toren von Maradona und dem Brasilianer Careca. F\u00fcr Stuttgart hatte der Deutsche <a href=\"https://www.spazionapoli.it/2014/10/06/lindimenticabile-gaudino-esempio-demigrante-napoletano-tedesco/\">Maurizio Gaudino</a> getroffen, Sohn von kampanischen Emigrant*innen (der Vater aus Caserta, die Mutter aus Neapel), die im Nachkriegsboom nach West-Deutschland (Br\u00fchl) emigrierten. Im Neckarstadion dr\u00e4ngten sich 67.000 Zuschauer*innen, 30.000 davon Italiener*innen \u2013 ein Gro\u00dfteil aus S\u00fcditalien, genau wie die Eltern von Gaudino: Arbeiter*innen bei Porsche, Daimler, Bosch oder IBM; Blaukragen, die von der Misere und den fehlenden Zukunftsaussichten aus S\u00fcditalien geflohen waren und auf der Suche nach einer w\u00fcrdigeren Existenz eine regelrechte \u201e<a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=mfeyKxaUzWE\">Reise der Hoffnung</a>\u201c angetreten hatten. An jenem Abend unterst\u00fctzten wohl nur zwei dieser Emigrant*innen den VfB Stuttgart, alle anderen feierten nach dem Schlu\u00dfpfiff das Endresultat von 3:3 und somit den Pokalsieg Neapels. F\u00fcr sie alle war das mehr als nur ein Sieg und eine Fu\u00dfball-Troph\u00e4e. Es war eine Selbstbehauptung angesichts erlittener Ausbeutung und Dem\u00fctigung; es war der Stolz und das Wissen, am n\u00e4chsten Tag mit erhobenem Haupt in die Fabrik eintreten zu k\u00f6nnen.</p><p>Und dieser Stolz wurde von einem Gef\u00fchl der Befreiung begleitet: Unter jenen, die heute um Diego trauern, ist \u201eriscatto\u201c (Befreiung, Erl\u00f6sung) das meistbenutzte Wort zur Beschreibung dieses Sieges und der Bedeutung Maradonas f\u00fcr sie selbst. \u201eRiscatto\u201c bedeutet im Italienischen soviel wie \u201eer hat uns die Ohrfeigen vom Gesicht genommen\u201c \u2013 \u201eci ha levato gli schiaffi da faccia\u201c. Dieser neapolitanische Ausdruck beschreibt in einem Sprachbild eine praktisch unm\u00f6gliche Handlung der Vergeltung eines erlittenen Angriffs oder einer erlittenen Beleidigung. \u201eSich die Ohrfeigen vom Gesicht nehmen\u201c: Befreiung und Revanche.</p><p>Es gibt keine gr\u00f6\u00dfere Herausforderung als ein Spiel gegen Juventus Turin. Umso st\u00e4rker das Gef\u00fchl, sich \u201edie Ohrfeigen vom Gesicht zu nehmen\u201c bei einem Sieg gegen Juventus. Denn Juventus ist der Gewinner-Club par excellence und besitzt das reichste Palmares. Der Fu\u00dfball-Club geh\u00f6rt der Familie Agnelli, einer der wichtigsten Familie des norditalienischen Kapitals, Besitzerin der FIAT (heute FCA, Fiat Chrysler Automobiles) von Turin, in deren <a href=\"https://duepublico2.uni-due.de/servlets/MCRFileNodeServlet/duepublico_derivate_00026914/07_Coppola_Italien.pdf\">Betrieb in Mirafiori</a> ab den 1950er Jahren tausende und abertausende aus dem S\u00fcden (Calabres*innen, Sizilianer*innen, Neapolitaner*innen) gearbeitet haben.</p><p>Am 3. November 1985 kommt Juventus ins Stadion San Paolo nach Neapel. Dann der indirekte Freisto\u00df im Strafraum, die Mauer von Juventus nur f\u00fcnf Meter vom Ball entfernt. Vergebens erinnern die Neapel-Spieler den Schiedsrichter an die gem\u00e4\u00df Reglement vorgesehene Distanz von neun Metern. Dann <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=SXll6oE0qEo\">fl\u00fcstert Maradona</a> einem anderen Spieler selbstbewu\u00dft zu: \u201eIch schie\u00dfe trotzdem, treffen werde ich ohnehin\u201c. Und so war es. In den folgenden Jahren mit Diego im Team gewann Neapel mehrmals gegen Juventus. Im bekannten Doku-Film von <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=ZZS_ZoJ4B0Y\">Emir Kusturica</a> erkl\u00e4rte er selbst, was damals die Siege gegen Juve f\u00fcr ihn, f\u00fcr die Fans und f\u00fcr den ganzen S\u00fcden bedeutet haben: \u201eEs herrschte die allgemeine Annahme, dass der S\u00fcden nie gegen den Norden gewinnen kann. Wir spielten gegen Juventus in Turin und schossen sechs Tore. Du kannst dir vorstellen, was es bedeutet, wenn eine Mannschaft des S\u00fcdens sechs Tore gegen die Familie Agnelli schie\u00dft?\u201c</p><p>F\u00fcr viele Neapolitaner*innen und f\u00fcr viele S\u00fcditaliener*innen bedeutete ein Sieg gegen Juve den lang ersehnten Sieg gegen den Norden und gegen die Reichen. Das Gleiche wiederholte sich im Sommer 1990, als Neapel zum zweiten Mal den italienischen Meistertitel holte und den AC Mailand von Silvio Berlusconi, dem aufsteigenden Stern des italienischen Kapitalismus, auf Platz zwei verwies. Und in Neapel h\u00e4ngten Leute das emblematische Transpartent auf: \u201eBerlusconi, auch die Reichen weinen.\u201c</p><p>Wer aber allein die Zahl der geschossenen Tore und der erlangten Titel heranzieht, um das Verh\u00e4ltnis der Neapolitaner*innen und Diego zu verstehen, erweist sich zwar als guter Buchhalter, hat aber wenig vom sozialen Charakter dieser Beziehung verstanden. Corrado Ferlaino, Pr\u00e4sident des SSC Neapel in der Maradona-\u00c4ra, war ein ebensolcher Buchalter und interessierte sich ausschlie\u00dflich f\u00fcr den \u201ereturn of investment\u201c. Als ihn eines Tages Diego um ein Benefiz-Spiel f\u00fcr ein krankes Kind bat, blockte er ab. Die Eltern des Kindes hatten kein Geld, um die lebensnotwendige Operation zu bezahlten. Diego widersetzte sich, bezahlte die 12 Millionen f\u00fcr die Unfallversicherung aus der eigenen Tasche und \u00fcberzeugte seine Mitspieler, das Spiel auch so zu spielen. Maradona hatte bereits bei seiner Ankunft im Juli 1984 erkl\u00e4rt: \u201eIch will ein Idol der armen Jungs von Neapel werden, weil ich in Buenos Aires lebte wie sie.\u201c Das Spiel wurde auf einem schlammbedeckten Feld <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=1CavW8ODe54\">in der Peripherie von Neapel</a> ausgetragen. Die Spieler w\u00e4rmten sich auf einem Parkplatz zwischen Autos und \u201emotorini\u201c ein. Am Ende kamen 20 Millionen Lire zusammen und das Kind wurde erfolgreich operiert.</p><p>Es handelte sich um eine kleine Episode im Leben des Fu\u00dfballers Maradona, aber um eine gro\u00dfe im Leben des Menschen Diego. So ist f\u00fcr Neapel die \u201ecebollita\u201c, die Zwiebel von Villa Fiorita, wie Diego zu Hause genannt wird, nicht nur ein Fu\u00dfballgott, sondern auch ein fragiler, stets l\u00e4chelnder, temperamentvoller, altruistischer Mann, der Kokain konsumierte und seine <a href=\"https://www.marcha.org.ar/por-que-queremos-tanto-al-diego-si-somos-feministas/?fbclid=IwAR0COF5iHu-hPfUcvhxaXUum6K2MrD-Mwtw4Owfzcz_XvBep4Le94hjq_Aw\">machoide Seite gegen\u00fcber Frauen</a> zu oft nicht im Griff hatte.</p><h3><b>\u201eDiego es pueblo\u201c \u2013 Diego ist das Volk</b></h3><p>Die neapolitanische Bev\u00f6lkerung hat sich mit Diego Armando Maradona als Fu\u00dfballer und Mensch, als fleischgewordene Dialektik zwischen Mensch und Mythos identifiziert wie mit niemandem zuvor. Es gibt keine Pers\u00f6nlichkeit aus dem Showbusiness oder der Politik, die f\u00e4hig war, eine solche Verbindung zu \u201eihrem Volk\u201c aufzubauen, wie Diego es konnte. Denn es war eine Verbindung, die nicht an seine Spielzeit in Neapel gebunden blieb. Auch f\u00fcr die nach 1991 \u2013 dem Jahr der Antidoping-Kontrollen, des Koks im Urin und seiner Flucht aus Neapel \u2013 Geborenen, die Maradona also nie live haben spielen sehen, ist er eine Identifikationsfigur. Sie haben seine Meisterst\u00fccke erst auf VHS Kassetten und dann im Internet nachgeschaut. Aber sogar wer gar nie ein Fu\u00dfballspiel von Maradona gesehen, keine seiner Aktionen auf dem Feld, die \u201e<a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=iOAFWLm7tPg\">mano de Dios</a>\u201c oder \u201e<a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=-NrJuU0Kw2w\">das sch\u00f6nste Tor des Jahrhunderts</a>\u201c erlebt hat, ja sogar wer nichts von Fu\u00dfball h\u00e4lt: auch f\u00fcr sie ist Diego ein Symbol, er ist einer von ihnen. Sie weinen heute zusammen mit den Fu\u00dfball Freaks, mit den Ultras, mit den leidenschaftlichen Fans.</p><p>Wer den \u201ePopulismus\u201c begreifen will, sollte weniger Laclau lesen als vielmehr versuchen, das gesellschaftliche und politische Ph\u00e4nomen Maradona zu verstehen. Diego verstand sich nie als VERTRETER \u201eseines Volkes\u201c, das wollte er auch gar nicht. Diego WAR das Volk, nicht nur in Neapel. Als lebendiger Mensch mit all seinen Fehlern, seiner rauen und unkonventionellen Art verk\u00f6rperte er genau das: das widerspr\u00fcchliche Leben des Volkes.</p><p>Dabei legt Diego seinen nationalen und argentinischen Charakter ab und wird als Maradona zu einem universellen Charakter. Das hatten wir bereits bei der Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft 1990 erlebt. Das Halbfinale zwischen Italien und Argentinien wurde \u2013 welche Ironie des Schicksals! \u2013 im Stadion San Paolo in Neapel gespielt, just in \u201eseinem\u201c Zuhause, vor \u201eseinen\u201c Leuten. Tausende Neapolitaner*innen erlebten dieses Spielt extrem gespalten: F\u00fcr welche \u201eHeimat\u201c sollten sie nun fanen? F\u00fcr ihre offizielle Heimat oder f\u00fcr die \u201eHeimat Maradona\u201c? Die Mehrheit w\u00e4hlte schlie\u00dflich die Heimat ihres Passes. Andere \u2013 teils leise, teils laut \u2013 hatten Diego gew\u00e4hlt. Dabei sind sie seinem Rat gefolgt: \u201eIch finde es geschmackslos, von den Neapolitaner*innen zu verlangen, f\u00fcr einen Abend Italiener*innen zu sein, w\u00e4hrend sie die restlichen 364 Tage im Jahr als &#x27;terroni&#x27; beschimpft werden.\u201c \u201eTerroni\u201c \u2013 Erdfresser, wie die S\u00fcditaliener*innen im Norden abwertend genannt werden. So setzte sich die Liebe zum Argentinier durch, der den Neapolitaner*innen im Schatten des Vesuvs W\u00fcrde, Stolz und Erfolg zur\u00fcckgebracht hatte.</p><p>Das Volk der \u201cPatria Grande\u201d, von Lateinamerika also, das er fu\u00dfballspielend stets verteidigt und gew\u00fcrdigt hat, weint heute um ihn. Aber auch die restliche Welt. 48 Stunden nach seinem Tod erschien sogar in den Ruinen von <a href=\"https://twitter.com/MoAlkhalid/status/1331914500379979778/photo/1\">Idlib</a>, im kriegszerr\u00fctteten Nordsyrien, ein Wandgem\u00e4lde, das ihn darstellt. \u00dcberall erz\u00e4hlen Menschen, dass Maradona ein Symbol war, \u00fcber das sie sich und ihr Leben verst\u00e4ndlich machen konnten. Diego als Befreier. Diego als Volk. Und Maradonas Fu\u00dfball als eine offene Sprache, die in ihrem Geist der Rebellion, in ihrer Ehrlichkeit Journalist*innen und den M\u00e4chtigen gegen\u00fcber, wie es sich alle Unterdr\u00fcckten w\u00fcnschen, \u00fcberall und f\u00fcr alle verst\u00e4ndlich ist.</p><p>Die vielen Tr\u00e4nen der letzten Tage bergen aber auch eine Gefahr. Es gibt Tendenzen, Diego \u201ereinzuwaschen\u201c. Maradona wird heute von (fast) allen mit Lorbeeren \u00fcberh\u00e4uft, sogar von seinen ehemaligen Feinden. Hinter dem sogenannten \u201eRespekt\u201c f\u00fcr den Tod eines Menschen versteckt sich damit aber auch der Versuch, seine Figur zu normalisieren und sie von all den Aspekten zu befreien, die im Sinne einer b\u00fcrgerlichen Moral als verdorben gelten und nun stigmatisiert und marginalisiert werden. Damit wird gerade der volksnahe Diego und die Dialektik, die er verk\u00f6rpert, aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis gel\u00f6scht. Wenn das gelingt, k\u00f6nnte er zu einem konsumierbaren und kommerzialisierbaren Heiligen ohne Ecken und Kanten werden. Doch genau dieses Image hat er seit Beginn seiner Karriere bek\u00e4mpft, wie er es im wundersch\u00f6nen <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=wPR84ZywynM&amp;feature=youtu.be\">Interview</a> mit dem Journalisten, Genossen und Freund <a href=\"https://it.wikipedia.org/wiki/Gianni_Min%C3%A0\">Gianni Min\u00e0</a> auf den Punkt brachte. Es w\u00fcrde die Seele seiner Person zerst\u00f6ren, die zutiefst popular ist, wie es im Grunde auch die G\u00f6tter des antiken Griechenlands waren: M\u00e4chtig, aber fehlbar, gro\u00dfz\u00fcgig, aber skurril. Wie die Religion als Sublimierung des Volkes, um es mit dem Soziologen \u00c9mil Durkheim zu sagte.</p><p>Wenn Diego einfach zu einer weiteren Statue gemacht wird, wird er ein ausgestopfter K\u00f6rper und ein einbalsamiertes Konzept. Wenn wir jedoch die Dialektik, die er verk\u00f6rperte, in Erinnerung behalten, werden wir seine Menschlichkeit und seine rebellische Lebendigkeit bewahren.</p><p></p><p>\u00dcbersetzung aus dem Italienischen: Maurizio Coppola und Maja Tschumi</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Vielen wird er f\u00fcr seine fu\u00dfballerischen K\u00fcnste in Erinnerung bleiben, doch hinter dem Star verbirgt sich, vor allem f\u00fcr viele Menschen aus dem S\u00fcden, ein Symbol der Befreiung."}, {"title": "Drei Mythen \u00fcber die Corona-Krise. Teil Drei.", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Drei Mythen \u00fcber die Corona-Krise. Teil&nbsp;Drei.</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"Coronamythen.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/Coronamythen.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Flickr</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Die Corona-Pandemie bringt f\u00fcr uns konstant Ver\u00e4nderungen mit sich: Im Tages- oder im Wochentakt werden neue Bedingungen und Regeln aufgestellt. Die meisten von uns verfolgen die Entwicklungen mehr oder weniger regelm\u00e4\u00dfig und versuchen, die Ereignisse und damit auch m\u00f6gliche Szenarien der Krisenbearbeitung durch die Herrschenden einzuordnen und zu analysieren. Dabei gibt es auch Annahmen und Mystifizierungen, die es (zum aktuellen Zeitpunkt) zu hinterfragen und zu diskutieren gibt. Dieser Beitrag ist der Auftakt einer Reihe zum Thema. Obwohl sich einige der Aussagen sicher verallgemeinern lassen, beziehen sich die folgenden \u00dcberlegungen in erster Linie auf die Bundesrepublik Deutschland.</p><p></p><hr/><p><i>Mythos 3: Um die Krise zu \u00fcberwinden, m\u00fcssen wir alle den G\u00fcrtel enger schnallen. Wenn wir jetzt verzichten k\u00f6nnen, wird es uns bald wieder besser gehen.</i></p><hr/><p>Gerade in Krisenzeiten wird gern die Floskel \u201eWenn es der Wirtschaft gut geht, geht es uns allen gut\u201c in verschiedenen Ausformungen wiederholt. In der Corona-Pandemie wird das durch die Phrase erg\u00e4nzt, wir alle w\u00fcnschten uns eine baldige R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t. Diese beiden Wunschgedanken bed\u00fcrfen einer grundlegenden Kritik.</p><h3><b>Ein gutes Leben f\u00fcr alle?</b></h3><p>Was bedeutet es eigentlich, dieses \u201ees geht uns allen gut\u201c? Hei\u00dft es, dass wir alle einen Job haben, ein ausreichendes Einkommen und einigerma\u00dfen sichere Zukunftsaussichten? Dann lie\u00dfe sich konstatieren, dass diese Lebensumst\u00e4nde im Kapitalismus selbst in wirtschaftlichen Konjunkturphasen bei Weitem nicht auf alle und sp\u00e4testens seit dem Finanzcrash von 2008 und im Zuge des neoliberalen Umbaus wohl auch insgesamt f\u00fcr immer weniger Menschen zutreffen. Au\u00dferdem ignoriert diese Auffassung eines \u201eguten Lebens\u201c die massive Beschneidung unserer Freiheit im und durch das Arbeitsleben: Wir m\u00fcssen unsere Zeiteinteilung und gesamte Lebensplanung kapitalistischen Sachzw\u00e4ngen unterwerfen.</p><p>Eine freie Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung im Sinne eines guten Lebens sind kaum m\u00f6glich: Viele von uns m\u00fcssen Arbeiten verrichten, die sie nicht tun wollen, die sie k\u00f6rperlich und psychisch zerm\u00fcrben und krank machen. Wir lernen, uns und unsere Arbeitskraft im Berufsleben trotzdem zu selbst wie eine Ware zu verkaufen \u2013 vom Bewerbungsgespr\u00e4ch bis zur Profilierung vor Kolleg*innen und Chef*innen - um im Konkurrenzkampf nicht unterzugehen. W\u00e4hrend der Arbeitszeit, also einem meist erheblichen Teil unserer Lebenszeit, sind wir fremdbestimmt. Unser*e Arbeitgeber*in entscheidet, welche T\u00e4tigkeiten wir wann und wie auszuf\u00fchren haben. Demokratische Prinzipien gibt es in der Arbeitswelt kaum und auch, wenn sich manche Unternehmen gern den Anstrich flacher Hierarchien geben, bleiben Vorgesetzte doch immer Vorgesetzte, die die Grenzen unserer Selbstbestimmung von oben festlegen und sich den t\u00e4glich durch unsere Arbeit geschaffenen (Mehr.)Wert aneignen.</p><p>Der im Kapitalismus strukturell unter diesem Wert liegende Lohn, der am Ende des Monats auf unserem Konto landet, dient im Wesentlichen der Reproduktion unserer Arbeitskraft, die wir dem Unternehmen schlie\u00dflich auch noch im n\u00e4chsten Monat gewinnbringend verkaufen k\u00f6nnen sollen. All das sind nur einige der t\u00e4glichen Zumutungen des kapitalistischen Systems f\u00fcr unsere Leben. Mit anderen Worten: Im Kapitalismus geht es uns nie \u201egut\u201c. Die reale Verschlechterung unserer Lebensverh\u00e4ltnisse, etwa durch steigende Zahlen derjenigen, die \u201earbeitslos\u201c, also ohne entlohnte Arbeit sind, Kurzarbeit, steigende Lebenshaltungskosten bei gleichbleibenden Hartz4-S\u00e4tzen und sinkenden L\u00f6hnen, kommt durch die Corona-Krise nun zum bestehenden Stress noch dazu. Und wenn nun in der Pandemie darauf verwiesen wird, dass es uns allen gut geht, wenn es der Wirtschaft gut geht, d\u00fcrfen wir nicht der Illusion verfallen, das Kapital w\u00fcrde irgendwelche sozialen Interessen verfolgen.</p><p>Das liegt gar nicht in seiner Logik. Im Gegenteil: Der Kapitalismus und darin das Kapital profitiert zum Beispiel von einer gewissen Zahl an Erwerbslosen, die in relativer Verelendung leben und die schon Marx als \u201eindustrielle Reservearmee\u201c bezeichnete. Sie dienen \u2013 wie auch Hierarchisierungen von Arbeiter*innen auf dem globalen Markt (bei der Ausbeutung von migrantischen Arbeiter*innen zum Beispiel) \u2013 zugleich als abschreckendes Beispiel (\u201eSeht, wie schlecht es euch erginge, wenn ihr nicht f\u00fcgsam der f\u00fcr euch vorgesehenen Arbeit nachgeht!\u201c), der Lohndr\u00fcckerei und als tats\u00e4chliche R\u00fccklage von Arbeitskraft, auf die in Zeiten des Aufschwungs zur\u00fcckgegriffen werden kann. Sozialstaatliche Zuwendungen erf\u00fcllen dabei die Funktion, die potenziellen Arbeitskr\u00e4fte in einem einigerma\u00dfen tauglichen Zustand zu halten, damit sie bei Bedarf verwertbar sind. Eine hohe Besch\u00e4ftigungsquote und ein steigender Lebensstandard sind allenfalls Nebenprodukte der Kapitalverwertung, auf die keinerlei Verlass ist.</p><h3><b>Die Normalit\u00e4t hei\u00dft Verwertung</b></h3><p>Krisen stellen unsere sicher geglaubten Erwartungen f\u00fcr die Zukunft infrage. In so einer Situation ist nachvollziehbar, dass der Wunsch nach mehr Vorherseh- und Planbarkeit des Lebens aufkommt. Der Kapitalismus bietet uns, ganz einfach indem er seiner ihm innewohnenden Verwertungslogik folgt und uns durch immer neue Unwetter oder einfach durch den t\u00e4glichen Nieselregen peitscht, diese Sicherheit aber so oder so nicht. \u201eDas Einzige, das in diesen \u00f6konomischen St\u00fcrmen gewiss ist, ist die Ungewissheit\u201c (Heinrich 2018: 175). Zu welcher Art Normalit\u00e4t sollten wir also zur\u00fcckwollen? Wenn Politiker*innen davon sprechen, dass wir alle uns eine \u201eR\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t\u201c w\u00fcnschen, meinen sie vor allem, dass die infolge der Krise verschlechterten Kapitalverwertungsm\u00f6glichkeiten wieder verbessert werden sollen. F\u00fcr den Staat ist das wichtig, weil er vom Kapital abh\u00e4ngig ist. Staatliche Strukturen, Investitionen und Institutionen werden durch Steuergelder finanziert, welche die Unternehmen vom Reichtum, den die Lohnabh\u00e4ngigen f\u00fcr sie erarbeiten, abf\u00fchren. Staat und Kapital stehen in einer Wechselbeziehung. Insbesondere in der aktuellen Gesundheitskrise muss der Staat Leben und Gesundheit der Arbeiter*innen, die Wertbasis der kapitalistischen Demokratie, sch\u00fctzen. Aber nur insofern es dem kapitalistischen Gesamtinteresse dient.</p><p>Die Ausrichtung der Politik an kapitalistischen Interessen statt an hehren Prinzipien zeigt sich nur allzu deutlich daran, dass die Arbeitsbedingungen in gro\u00dfen Betrieben, zum Beispiel in der Fleischindustrie, als Infektionstreiber von der Politik ausgeklammert werden und aus der medialen \u00d6ffentlichkeit weitgehend verschwunden sind. Die Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens hat Vorrang \u2013 koste es, was es wolle. Corona-Einschr\u00e4nkungen werden \u2013 in der zweiten Welle noch massiver \u2013 fast ausnahmslos in den privaten, sozialen und kulturellen Bereich verlegt. Die Jugend, die als Masse durchweg egoistischer Party-Monster inszeniert wird, ist der willkommene S\u00fcndenbock, um diese Politik zu rechtfertigen. Dabei wird auf valide Belege f\u00fcr diese homogene Darstellung ebenso gern verzichtet wie auf den Hinweis, dass durchaus auch \u00e4ltere Menschen trotz Pandemie <a href=\"https://www.rnd.de/panorama/sozialpsychologe-uber-corona-partys-eine-grosse-rolle-spielen-egoistische-motive-KWNG2KXTZJDBTJLQ3FP27READA.html\">Feiern veranstalten</a> und so weiter.</p><p>Abseits des Privaten hingegen sollen wir uns in volle Bahnen quetschen, uns acht Stunden lang neben unsere Kolleg*innen an den Schreibtisch setzen, mit Dutzenden von ihnen am Flie\u00dfband stehen oder unsere Tage in schlecht gel\u00fcfteten Klassenzimmern verbringen (der Kapitalismus braucht gebildete kommende Generationen). Trotz exponentiell steigender Fallzahlen durften wir unser Geld abends noch \u00fcber viele Wochen hinweg im Restaurant lassen \u2013 auch die Gastronomie ist eine wichtige Branche, was die aktuellen Debatten und Proteste um die weitgehenden Schlie\u00dfungen nochmal deutlich machen \u2013 uns aber bitte nicht im Park treffen. Neben der erschwerten Kontrollierbarkeit von Abstandsregeln sind derlei Freizeitaktivit\u00e4ten auch einfach wirtschaftlich schlecht verwertbar und erscheinen daher aus der Perspektive der Politik am ehesten verzichtbar. Nachweislich hilft eine Reduktion der Kontakte, Infektionsketten zu unterbrechen und die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Eben dieser Argumentation folgend ist es nicht nachvollziehbar, dass das f\u00fcr die Kontakte im Arbeitsalltag nicht gelten soll. Es ist mehr als offensichtlich, dass es nicht um uns, unsere Bed\u00fcrfnisse und unsere Leben geht, sondern unsere Gesundheit n\u00fcchtern gegen Kapitalinteressen abgewogen wird.</p><h3><b>Es rettet uns kein h\u00f6h\u2019res Wesen\u2026</b></h3><p>Ziel der aktuellen Politik ist nicht, das Leid, das der Kapitalismus f\u00fcr die meisten Menschen bedeutet, zu mindern, sondern es so rasch wie m\u00f6glich auf den Pr\u00e4-Corona-Stand zu bringen. Die allt\u00e4gliche Missachtung unserer k\u00f6rperlichen und psychischen Gesundheit ist f\u00fcr uns au\u00dferhalb der Versch\u00e4rfungen in der Corona-Krise weniger f\u00fchlbar und damit auch \u201enormal\u201c geworden. Nur deshalb ist es leicht, uns vorzugaukeln, zu diesem Zustand zur\u00fcckzukehren sei w\u00fcnschenswert. Im Moment lassen sich damit sogar W\u00e4hler*innenstimmen gewinnen. Genaugenommen wird versucht, auf dieser Grundlage die Lohnabh\u00e4ngigen die Krise austragen zu lassen. Real- und Nominall\u00f6hne <a href=\"https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/09/PD20_366_623.html;jsessionid=3113DC22B27374FF3398F59C52227FD5.internet8732\">sinken</a>, w\u00e4hrend die Verm\u00f6gen der Superreichen \u2013 wie in fast jeder Krise \u2013 <a href=\"https://www.dw.com/de/reiche-werden-dank-corona-reicher/a-55184720\">weiter wachsen</a>; gro\u00dfe Konzerne werden aufw\u00e4ndig gerettet, w\u00e4hrend kleine Betriebe, Kleinselbstst\u00e4ndige und Kollektive in die R\u00f6hre schauen.</p><p>Die Profiteure einer Krise sind selten die Arbeiter*innen. Der Kapitalismus ist in seinem Wesen krisenhaft: Betrachtet man die materiellen Verh\u00e4ltnisse, die er schafft und stetig reproduziert, ist seine \u201eRettung\u201c f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Teil der Menschen keineswegs erstrebenswert. Warum sollten wir diese neuerliche Krise der kapitalistischen Warenwirtschaft ausbaden, beeintr\u00e4chtigt sie doch unsere Leben jeden Tag?! Parolen wie \u201eCapitalism is the crisis\u201c oder \u201eThe virus is capitalism\u201d haben deshalb aktuell zu Recht Hochkonjunktur, weil sie auf diesen Umstand verweisen. Bei entsprechendem politischen Willen g\u00e4be es weitaus bessere M\u00f6glichkeiten, die Krise finanziell abzufedern: zum Beispiel Verm\u00f6gens- und Erbschaftssteuern, stark progressive Einkommenssteuer oder Enteignungen. Stattdessen werden zum Beispiel durch die Senkung der Mehrwertsteuer in erster Linie weiter diejenigen bevorteilt, die ohnehin schon \u00fcber komfortablere finanzielle M\u00f6glichkeiten verf\u00fcgen. Was bringt es uns, beim Kauf eines Neuwagens soundso viel sparen zu k\u00f6nnen, wenn wir ihn uns eh nicht leisten k\u00f6nnen? Abgesehen davon, dass es den Unternehmen \u00fcberlassen ist, ob sie die Steuersenkung \u00fcberhaupt weitergeben oder sich selbst noch mehr bereichern. \u201eWir sitzen alle im selben Boot\u201c trifft also nur insofern zu, als das \u201ewir\u201c nicht die Herrschenden und die Beherrschten, die Kapitalist*innen und die Lohnabh\u00e4ngigen zusammen meint, sondern nur uns, die wir weitestgehend vom Reichtum der kapitalistische Warenwirtschaft ausgeschlossen sind.</p><p>Die Krise gemeinsam zu schultern, kann nicht hei\u00dfen, dass wir uns noch mehr vom Mund abzusparen m\u00fcssen. Vielmehr hei\u00dft es, gemeinsame soziale Proteste gegen die Belastungen, die auf uns abgew\u00e4lzt werden, zu organisieren, uns in Arbeitsk\u00e4mpfen nicht gegeneinander ausspielen zu lassen und die Reichen und Kapitalist*innen zur Kasse zu bitten. Wenn jemand den G\u00fcrtel enger schnallen muss, dann sie! Diese Form der Politik wird uns nicht von oben geschenkt, wir m\u00fcssen sie von unten erk\u00e4mpfen. Auch in Zeiten von Corona.</p><p></p><hr/><h3><b>Weiterf\u00fchrende Literatur:</b></h3><p>Heinrich, Michael (2018): Kritik der politischen \u00d6konomie: eine Einf\u00fchrung in \u201eDas Kapital\u201c von Karl Marx. Reihe Theorie.org. Stuttgart: Schmetterling Verlag.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Dabei gibt es auch Annahmen und Mystifizierungen, die es (zum aktuellen Zeitpunkt) zu hinterfragen und zu diskutieren gibt. Dieser Beitrag ist der Auftakt einer Reihe zum Thema. Obwohl sich einige der Aussagen sicher verallgemeinern lassen, beziehen sich die folgenden \u00dcberlegungen in erster Linie auf die Bundesrepublik Deutschland.</p><p></p><hr/><p><i>Mythos 2: Wir befinden uns in einer pandemiebedingten Krise.</i></p><p></p><hr/><p></p><p>Nat\u00fcrlich befinden wir uns in einer krisenhaften Zeit. Zum einen ist da die Gesundheitskrise: Gesundheit und Leben der weltweiten Bev\u00f6lkerung sind durch das Virus und seine Ausbreitung tats\u00e4chlich bedroht. Ist von einer pandemiebedingten Krise die Rede, so ist aber zumeist eine wirtschaftliche Krise gemeint, die durch die Pandemie verursacht wird. Diese Schlussfolgerung l\u00e4sst sich von zwei Seiten aus kritisieren.</p><h3><b>Kapitalistische Krisen</b></h3><p>Es wird zum einen ausgeblendet, dass der Kapitalismus <i>an sich</i> krisenhaft ist. Seine funktionellen Mechanismen haben zerst\u00f6rerische Wirkung, was sich auf grunds\u00e4tzlich widerspr\u00fcchliche Verh\u00e4ltnisse dieser Wirtschaftsordnung zur\u00fcckf\u00fchren l\u00e4sst. Der Kapitalismus ist auf die Naturkr\u00e4fte und die Naturprodukte beziehungsweise nat\u00fcrlichen Ressourcen angewiesen. Sie bilden die Grundlage der Warenproduktion. Ungeachtet dessen strebt das Kapital nach immer besseren und umfassenderen Verwertungsm\u00f6glichkeiten, sprich mehr Profit \u2013 und das ohne R\u00fccksicht auf die reproduktiven Grenzen der Natur. Es entzieht sich St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck die eigene Funktionsgrundlage.</p><p>Der Kapitalismus tritt damit in Widerspruch zu sich selbst. Zudem befindet sich der Mensch in einem dialektischen Verh\u00e4ltnis zur Natur, \u201e<i>insofern sie 1. ein unmittelbares Lebensmittel, als inwiefern sie [2.] die Materie, der Gegenstand und das Werkzeug seiner Lebenst\u00e4tigkeit ist. [\u2026] Da\u00df das physische und geistige Leben des Menschen mit der Natur zusammenh\u00e4ngt, hat keinen andren Sinn, als da\u00df die Natur mit sich selbst zusammenh\u00e4ngt, denn der Mensch ist ein Teil der Natur\u201c</i> (MEW 40: 516). Der Mensch ist also selbst Natur und steht ihr zugleich gegen\u00fcber, indem er sie durch seine produktive T\u00e4tigkeit ver\u00e4ndert. Durch die kapitalistische Entfremdung von der Natur, die zu einer immer st\u00e4rkeren Ausbeutung ihrer Kr\u00e4fte und Ressourcen durch die menschliche Arbeit f\u00fchrt, tritt der Mensch also letztlich in Widerspruch zu sich selbst, indem er Lebensmittel und Gegenstand seiner Arbeit zerst\u00f6rt. Worum es im Kapitalismus geht, ist Kapitalverwertung und die Produktion von Mehrwert.</p><p>Es geht nicht darum, das Leben der Menschen durch Fortschritt zu verbessern, es geht nicht um Wohlstand f\u00fcr die breite Bev\u00f6lkerung, es geht nicht um Nachhaltigkeit durch verbesserte Technologien, sondern um eines: m\u00f6glichst effiziente Kapitalverwertung und den sich daraus ergebenden Unternehmensprofit. Das Argument des Fortschritts durch Innovationsdruck in der unternehmerischen Konkurrenz ist letztlich eine ideologische \u00dcberblendung dieser n\u00fcchternen Profitlogik. Der Kapitalismus mag gewaltige Produktivkr\u00e4fte hervorbringen, aber eben darum wirkt er zerst\u00f6rerisch auf den Menschen und die Natur. Die Form eines \u201eGreen New Deal\u201c, wie ihn etwa EU-Kommissions-Pr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen <a href=\"https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-12/green-new-deal-umweltschutz-ursula-von-der-leyen\">propagiert</a>, ist auch deshalb eine Farce: Effizientere Technologien, die sich in einer nicht-kapitalistischen Ordnung wahrscheinlich tats\u00e4chlich im Sinne einer nachhaltigeren Produktion nutzen lie\u00dfen, f\u00fchren durch die Triebkr\u00e4fte des Kapitals stattdessen zu Rebound-Effekten, das hei\u00dft, zu Mehrproduktion oder Mehrkonsumtion durch frei werdende Ressourcen, anstatt sie einzusparen. Einen gr\u00fcnen Kapitalismus gibt es nicht, da die ihm innewohnenden Mechanismen zwangsl\u00e4ufig die \u00dcbernutzung von Ressourcen nach sich ziehen.</p><h3><b>Krisen ins Innere verlagern</b></h3><p>Zur Zerst\u00f6rung der Natur kommt die Zerst\u00f6rung der einzelnen Menschen durch physische und psychische Belastung. Im Zuge der Neoliberalisierung haben sich dabei der Druck und Zwang auf die Arbeiter*innen zum gro\u00dfen Teil von au\u00dfen nach innen verlagert. Selbstoptimierung und -Management werden zu Leitbegriffen immer gr\u00f6\u00dferer Teile der Bev\u00f6lkerung. Sie sind die Prinzipien der neuen Arbeits- und Ausbeutungsmodelle. Die schlimmsten Ausw\u00fcchse der Exploitation, wie sie noch im 19. Jahrhundert vorherrschten, sind nur scheinbar \u00fcberwunden. Nach wie vor sind Kapitalismus und Ausbeutung eins: \u201eSt\u00f6\u00dft die Verl\u00e4ngerung der Arbeitszeit aufgrund gesetzlicher oder tariflicher Beschr\u00e4nkungen an Grenzen, dann versucht der Kapitalist in der Regel eine Intensivierung der Arbeit durchzusetzen, etwa durch ein h\u00f6heres Tempo der Maschinen\u201c (Heinrich 2018: 114). In diese Kerbe schl\u00e4gt beispielsweise der k\u00fcrzliche <a href=\"https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2020-10/konjunkturkrise-mehrarbeit-ohne-lohnausgleich-gesamtmetall-chef-stefan-wolf\">Vorsto\u00df</a> des Gesamtmetall-Chefs und Multimillion\u00e4rs Stefan Wolf, Pausenregelungen aufzuweichen, sowie Mehrarbeit ohne Lohnzuschlag ableisten zu lassen.</p><p>Ungehindert w\u00fcrde sich das Kapital seiner einzigen wirklichen wertschaffenden Grundlage berauben: der menschlichen Arbeitskraft. Allein politische Reglements und der Staat, die die \u00dcberbelastung der Arbeiter*innen begrenzen und die Reproduzierbarkeit der Arbeitskraft garantierten, verhindern diese Entwicklung \u2013 allerdings nicht prim\u00e4r zugunsten der Arbeiter*innen, sondern zugunsten der Sicherung des Kapitalismus selbst. In kapitalistischen Demokratien ist die grundlegende Aufgabe der Politik, die Gesundheit und Arbeitskraft der Bev\u00f6lkerung so weit zu erhalten, dass sie f\u00fcr das Kapital produktiv bleibt. Die realen Lebensumst\u00e4nde einiger Menschen m\u00f6gen dadurch an verschiedenen Punkten tats\u00e4chlich verbessert werden, was aber nichts an der zerst\u00f6rerischen Tendenz des Kapitalismus \u00e4ndert und schon gar nicht etwas \u00fcber die Qualit\u00e4t dieses staatlichen Modells aussagt. In einem solchen System bleiben dennoch all jene auf der Strecke, die sich nicht standardisiert verwerten lassen oder aufgrund struktureller Benachteiligung und Ausschl\u00fcsse von vornherein schlechtere Chancen haben.</p><h3><b>Krise der Wirtschaft?</b></h3><p>Des Weiteren m\u00fcssen wir nun genauer betrachten, was eine <i>Wirtschaftskrise</i> im kapitalistischen Kontext \u00fcberhaupt bedeutet. In eine Krise ger\u00e4t die kapitalistische Wirtschaft, wenn ein gro\u00dfer Teil der produzierten Waren wegen zur\u00fcckgehender Zahlungsf\u00e4higkeit nicht mehr absetzbar ist. Historisch betrachtet verlief die Entwicklung des Kapitalismus seit seinen Anf\u00e4ngen in immer wiederkehrenden Krisen. Die unternehmerische Konkurrenz und der Zwang, Profit zu machen, bedingen den Wachstumszwang im Kapitalismus. Er dr\u00e4ngt das Kapital zu einer immer weiter getriebenen Verwertung, was in einer Situation begrenzter Ressourcen und Konsumtionsf\u00e4higkeit zwangsl\u00e4ufig an materielle Grenzen sto\u00dfen muss. Das f\u00fchrt zu zyklischen Krisen, in denen die produzierte Warenmenge abnimmt. Wachstumshemmend sind diese nur geringf\u00fcgig.</p><p>Nach einem jahrelangen kontinuierlichen Anstieg nahm in Deutschland selbst in der letzten gro\u00dfen Wirtschaftskrise nur im Jahr 2009 die Wirtschaftsleistung <a href=\"https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1251/umfrage/entwicklung-des-bruttoinlandsprodukts-seit-dem-jahr-1991/\">um einige Prozent ab</a> und stieg ab 2010 weiter an. Auch inmitten der Pandemie schreitet die wirtschaftliche Erholung weltweit (und insbesondere in Deutschland, dank umfangreicher finanzieller Konjunkturst\u00fctzungsma\u00dfnahmen der Bundesregierung) immer weiter <a href=\"https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/Wirtschaftliche-Lage/2020/20201014-die-wirtschaftliche-lage-in-deutschland-im-oktober-2020.html\">voran</a>. Entsprechend nimmt der Ressourcenverbrauch auch trotz Krisen konstant zu und hat dementsprechend das Potential zu immer versch\u00e4rfteren Krisen. Damit ist nicht gesagt, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise zusammenbrechen muss. Krisen haben f\u00fcr den Kapitalismus sogar nutzenbringende Wirkungen. So sind Unternehmen durch die nachlassende Kaufkraft gezwungen, ihre Produktion wieder enger an die Nachfrage bzw. Zahlungsf\u00e4higkeit der Warenkonsument*innen zu koppeln und sie durch technische Neuerungen den ver\u00e4nderten Bedingungen anzupassen.</p><p>In der Krise k\u00f6nnen neue Industriezweige oder Branchen entstehen und wenig profitable Unternehmen werden durch Bankrott ausgesiebt. Damit werden die Bedingungen f\u00fcr den n\u00e4chsten Aufschwung geschaffen. Krisen sind dem Kapitalismus also nicht nur aufgrund der sachlich bedingten Kapitalbewegung inh\u00e4rent, sondern er kann sie funktionell integrieren. Obwohl sie f\u00fcr einzelne Unternehmer*innen nachteilig sind, k\u00f6nnen sie insgesamt die Wirtschaftsordnung am Laufen halten.</p><h3><b>Krise der Krisenerz\u00e4hlung</b></h3><p>Auch die aktuelle (wirtschaftliche) Krise ist keineswegs rein pandemiebedingt. Vielmehr ist der Kapitalismus in seinem Wesen widerspr\u00fcchlich und somit krisenhaft und f\u00fchrt zyklisch zu wirtschaftlichen Einbr\u00fcchen. Darin ist die Pandemie ein besonderer Anlass der Krise, wobei sie einen kapitalistischen Charakter hat und im Wesentlichen kapitalistisch bedingt ist. Krisen bedeuten im Kapitalismus nachlassendes Wachstum. Um die Herrschenden diese momentane Krise der kapitalistischen Warenproduktion nicht auf unserem R\u00fccken austragen lassen, m\u00fcssen wir den kapitalistischen Wachstumszwang selbst als die Krise und den Grund f\u00fcr Ausbeutung und Gef\u00e4hrdung unserer Leben, unseres Planeten und die ungerechte Ordnung unserer Gesellschaft erkennen.</p><p>Letztlich zielt die bedrohliche Rhetorik der Politik in Bezug auf die Wirtschaftskrise darauf ab, die Akzeptanz daf\u00fcr zu st\u00e4rken, dass eine schlecht laufende Wirtschaft vor allem unsere pers\u00f6nlichen Leben beeintr\u00e4chtigt und das angestrebte Wirtschaftswachstum (das uns gern widerspr\u00fcchlich als \u201ewirtschaftliche Stabilit\u00e4t\u201c verkauft wird) unser ganz individuelles wie vordringlichstes gesellschaftliches Interesse sei. Doch wer profitiert am Ende am meisten von den staatlichen Konjunktur-Ma\u00dfnahmen? Schlechte Kapitalverwertungsm\u00f6glichkeiten f\u00fchren durch die nachlassende Nachfrage nach Arbeitskraft zu Arbeitslosigkeit und damit zu einer realen Verschlechterung der Lebensbedingungen der Lohnabh\u00e4ngigen durch Mangel an Einkommen zur Existenzsicherung.</p><p>Das hat mit den Lebensbedingungen der Arbeiter*innen im Kapitalismus generell zu tun. Indem man jede*n Einzelnen in die Pflicht nimmt, sich dem \u201ekapitalistischen Gemeinwohl\u201c verpflichtet zu f\u00fchlen, suggeriert man, dass sich Kapitalinteressen mit sozialen Interessen decken w\u00fcrden. Das ist der Mythos, der in Teil drei dieser Reihe untersucht wird.</p><p></p><hr/><h3><b>Weiterf\u00fchrende Literatur:</b></h3><p>Heinrich, Michael (2018): Kritik der politischen \u00d6konomie: eine Einf\u00fchrung in \u201eDas Kapital\u201c von Karl Marx. Reihe Theorie.org. Stuttgart: Schmetterling Verlag.</p><p>Marx, Karl (1968): \u00d6konomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844. In: Karl Marx Friedrich Engels Erg\u00e4nzungsband, MEW 40. Berlin: Dietz Verlag, S. 465\u2013588.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/drei-mythen-%C3%BCber-die-corona-krise-teil-zwei/", "id": "https://revoltmag.org/articles/drei-mythen-%C3%BCber-die-corona-krise-teil-zwei/", "author": {"name": "Laura M\u00fcller", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-10-31T12:31:07.446411+00:00", "date_modified": "2021-09-01T20:15:26.475261+00:00", "tags": ["re:think", "coronakrise", "\u00f6konomie", "corona", "autoritarismus", "krise", "kapitalismus", "pandemie"], "summary": "Die Schlussfolgerung, wir bef\u00e4nden uns in einer pandemiebedingten Krise, greift zu kurz. Sie ignoriert die zerst\u00f6rerischen Kr\u00e4fte, die der Kapitalismus zwangsl\u00e4ufig entfaltet. Es handelt sich vielmehr um eine Dauerkrise, die sich nicht innerhalb des Systems \u00fcberwinden l\u00e4sst."}, {"title": "Drei Mythen \u00fcber die Corona-Krise. 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Teil&nbsp;Eins.</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"coronamythen1.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/Beitragsbild_WObWiJG.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Flickr</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Die Corona-Pandemie bringt f\u00fcr uns konstant Ver\u00e4nderungen mit sich: Im Tages- oder im Wochentakt werden neue Bedingungen und Regeln aufgestellt. Die meisten von uns verfolgen die Entwicklungen mehr oder weniger regelm\u00e4\u00dfig und versuchen, die Ereignisse und damit auch m\u00f6gliche Szenarien der Krisenbearbeitung durch die Herrschenden einzuordnen und zu analysieren. Dabei gibt es auch Annahmen und Mystifizierungen, die es (zum aktuellen Zeitpunkt) zu hinterfragen und zu diskutieren gibt. Dieser Beitrag ist der Auftakt einer Reihe zum Thema. Obwohl sich einige der Aussagen sicher verallgemeinern lassen, beziehen sich die folgenden \u00dcberlegungen in erster Linie auf die Bundesrepublik Deutschland.</p><hr/><p><i>Mythos 1: Unsere Freiheit wird zunehmend eingeschr\u00e4nkt. Die Politik schl\u00e4gt einen autorit\u00e4ren oder gar totalit\u00e4ren Kurs ein.</i></p><hr/><p>Ob sich die Machtapparate beziehungsweise die Herrschaftsstrukturen im Zuge der Pandemie in eine autorit\u00e4re oder totalit\u00e4re Richtung bewegen, h\u00e4ngt mit der Art der staatlichen Machtaus\u00fcbung zusammen, mit der wir es zu tun haben. Der franz\u00f6sische Machtanalytiker Michel Foucault hat \u00fcber mehrere Werke hinweg verschiedene Machtmodelle entwickelt und untersucht, die dazu hilfreich sein k\u00f6nnen. Interessanterweise legte er diese anhand des Umgangs mit verschiedenen Infektionskrankheiten dar. Sie lassen sich also gut auf das politische Handeln in der aktuellen Corona-Pandemie \u00fcbertragen.Insgesamt finden sich in Foucaults Schriften drei Machtmodelle mit epidemiologischem Bezug, von denen vor allem das disziplinierende Pest-Modell und das liberale Pocken-Modell f\u00fcr die Analyse der heutigen Situation interessant und relevant sind.<br/></p><h2><b>Disziplinierung und Kontrolle</b></h2><p>Das Pest-Modell der Machtaus\u00fcbung setzt auf umfassende Disziplinierung und Kontrolle der Bev\u00f6lkerung. Die Pestst\u00e4dte des 17. und 18. Jahrhunderts wurden gerastert und parzelliert, verh\u00e4ngten eine strenge Quarant\u00e4ne und lie\u00dfen alle Parzellen-\u00dcberg\u00e4nge kontrollieren. Die Beh\u00f6rden pr\u00fcften und erfassten permanent den Gesundheitszustand der Bev\u00f6lkerungsmitglieder: \u201eDer Raum erstarrt zu einem Netz von undurchl\u00e4ssigen Zellen. Jeder ist an seinen Platz gebunden. Wer sich r\u00fchrt, riskiert sein Leben: Ansteckung oder Bestrafung. Die \u00dcberwachung ist l\u00fcckenlos\u201c (Foucault 1994: 251 f.). Das Pest-Modell beschreibt eine totalit\u00e4re Machtaus\u00fcbung.</p><p>F\u00fcr die Annahme, dass sich die Corona-Politik in Deutschland in Richtung dieses Modells entwickelt, finden sich nur wenige Anhaltspunkte. Streng genommen kann die Quarant\u00e4ne, die f\u00fcr Infizierte, enge Kontaktpersonen oder Reisende angeordnet wird, diesem Modell zugeordnet werden. Allerdings wird diese Ma\u00dfnahme anlassbezogen sowie zeitlich begrenzt angewandt und betrifft entsprechend nur einen kleinen Teil der Bev\u00f6lkerung. Verst\u00f6\u00dfe gegen die Quarant\u00e4ne-Anordnungen werden zwar geahndet, aber weitaus weniger drastisch sanktioniert als w\u00e4hrend der Pest-Epidemien. Einzelne F\u00e4lle, wie die infektionsbedingte <a href=\"https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/Goettingen-700-Bewohner-in-Massen-Quarantaene,corona3508.html\">Abriegelung</a> eines Hochhauskomplexes in G\u00f6ttingen, sowie die fl\u00e4chendeckende Schlie\u00dfung von Gesch\u00e4ften und \u00f6ffentlichen Einrichtungen, entsprechen am ehesten diesem disziplinierenden Modell. Dar\u00fcber hinaus gibt es auch Versuche, Ma\u00dfnahmen durchzusetzen, die auf eine umfassende Disziplinierung und Kontrolle abzielen. Dazu geh\u00f6ren die Bestrebungen der ersten Pandemie-Wochen, eine verpflichtende Corona-App inklusive Preisgabe zahlreicher sensibler Daten einzuf\u00fchren und ebenso die j\u00fcngsten \u00c4u\u00dferungen des RKI-Chefs Lothar Wieler, der von <a href=\"https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-10/lothar-wieler-rki-corona-risikogebiete-abriegelung\">der milit\u00e4rischen Abriegelung</a> von Bezirken oder ganzen St\u00e4dten fabuliert.</p><p>In der Regel haben kapitalistische Demokratien jedoch wenig Interesse an einem autorit\u00e4ren Wandel. Das hei\u00dft nicht, dass er ausgeschlossen w\u00e4re, wie die genannten Beispiele verdeutlichen. Derlei Ma\u00dfnahmen sollten denn auch stets Gegenstand unserer Kritik und gegebenenfalls unseres Widerstands sein. Bevor wir aber voreilige Schl\u00fcsse \u00fcber die Corona-Politik ziehen, sollten wir zur Kenntnis nehmen, dass diese Form der Machtaus\u00fcbung f\u00fcr den Kapitalismus, insbesondere in seiner neoliberalen Ausformung, allgemein wenig nutzbringend erscheint. Im Gegenteil, er profitiert sogar von liberal-demokratischen Ordnungen.</p><h2><b>Statistische Kontrolle und Eigenverantwortung</b></h2><p>Diesen Umstand greift Foucaults liberales Pocken-Modell auf. Die liberale Infektionsbek\u00e4mpfungsstrategie, deren Modell sich vom administrativen Umgang mit den Pocken gegen Ende des 18. Jahrhunderts herleitet, besteht haupts\u00e4chlich in der statistischen Kontrolle ihrer Ausbreitung. Es werden vorbeugende Ma\u00dfnahmen wie Impfungen und Aufkl\u00e4rungskampagnen angewandt und auf die Eigenverantwortung der Individuen gesetzt, denen entsprechende Freiheitsr\u00e4ume gelassen werden. Ziel dieser Strategie ist die Senkung der Infektionsrate, um die mit der Epidemie einhergehenden Risiken, insbesondere f\u00fcr die Wirtschaft, zu minimieren. Paradebeispiele f\u00fcr dieses Vorgehen in der aktuellen Pandemie sind das im Fr\u00fchjahr von Regierung und Medien verbreitete \u201eflatten the curve\u201c-<a href=\"https://www.flattenthecurve.com/\">Modell</a>, demzufolge die Neuinfektionen in kleineren Raten \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum gestreckt werden m\u00fcssten, um das Gesundheitssystem nicht zu \u00fcberlasten. Dar\u00fcber hinaus gibt es die Festlegung von Grenzwerten f\u00fcr Regionen, unterhalb derer es nur wenige Einschr\u00e4nkungsma\u00dfnahmen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung gibt. Selbst die Ausgangbeschr\u00e4nkungen zur Peak-Phase der ersten Welle in der Bundesrepublik entsprechen dem liberalen Modell, da es sich keineswegs um Ausgangssperren handelte und die individuelle Bewegungsfreiheit unter bestimmten Bedingungen erhalten blieb.</p><p>Gibt es also \u00fcberhaupt einen Grund zur Beunruhigung angesichts dieses liberalen Vorgehens? Durchaus. In seinen Vorlesungsunterlagen vom Coll\u00e8ge de France schrieb Foucault 1978/79: \u201eMan kann sagen, dass es die Devise des Liberalismus ist, gef\u00e4hrlich zu leben.\u201c (Foucault 2004: 101). Das hei\u00dft, dass das Risiko nicht ausgeschaltet, sondern strategisch integriert wird. Die Frage ist dann aber: Auf wessen Kosten wird gef\u00e4hrlich gelebt? Freiheit bedeutet im Liberalismus vor allem wirtschaftliche Freiheit. Individuelle Freiheit untersteht dabei der Freiheit, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen und die kapitalistisch produzierten Waren zu konsumieren.</p><h2><b>Neoliberale Pandemiebek\u00e4mpfung</b></h2><p>Die Aufgabe der Politik ist in liberalen Demokratien, die Rahmenbedingungen f\u00fcr einen funktionierenden freien Markt zu schaffen und zu erhalten. Herrschaft wird rationalisiert und folglich \u2013 garniert mit den b\u00fcrgerlichen Werten der Aufkl\u00e4rung \u2013 die Reichweite der staatlichen Macht begrenzt. Individuen, denen bestimmte, wohlkalkulierte Freiheitsr\u00e4ume zugestanden werden, lassen sich effizienter verwalten. Dabei ist Effizienz der Leitstern des Neoliberalismus. Zwang wird weniger vertikal von oben, sondern ma\u00dfgeblich durch die alles durchdringenden Sachzw\u00e4nge des Kapitalismus ausge\u00fcbt. Auch die Bek\u00e4mpfung der Corona-Pandemie basiert auf einem Risiko-Management, das von einer bestimmten Infektions- und Sterberate ausgeht, sie als vertretbar hinnimmt und erst einschreitet, wenn wirtschaftliche Sch\u00e4den abzusehen sind. Das hei\u00dft also auch, wenn zu vielen der im kapitalistischen Verwertungsprozess ben\u00f6tigten Arbeitskr\u00e4fte gesundheitliche Risiken drohen.</p><p>Das liberale Macht-Modell impliziert eine zynische Abw\u00e4gung der Gesundheit und des Lebens von Menschen gegen wirtschaftliche Risiken. Um die Rettung und den Schutz jeder Einzelnen, wie zum Beispiel Angela Merkel noch in ihrer Fernsehansprache im M\u00e4rz behauptete, geht es dabei nicht. Das Leid der Einzelnen, die Kranken und Toten verschwinden hinter den nackten Zahlen. Allein die Infektionsrate entscheidet, ob ihr Leid politisch zu verschmerzen ist oder politischen Handlungsbedarf ausl\u00f6st. Alles zum Schutz der Wirtschaft! Die Verlagerung der Corona-Beschr\u00e4nkungen \u2013 vor allem auch in der zweiten Welle und selbst im \u201eLockdown-Light\u201c \u2013 ins Private und die Hervorhebung der Eigenverantwortung im Alltag sind paradigmatisch daf\u00fcr. Politiker*innen \u00e4u\u00dfern inzwischen ganz unverhohlen, dass \u201ewir\u201c uns einen zweiten Lockdown wie im Fr\u00fchjahr nicht leisten k\u00f6nnen.</p><p>\u201eWir\u201c meint dabei nat\u00fcrlich die kapitalistische Unternehmerklasse, zu der sich freilich sowohl die Lohnabh\u00e4ngigen als auch die Politik in einem Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis befinden. Es soll Akzeptanz f\u00fcr die Priorisierung der Wirtschaft in der Bek\u00e4mpfung der Pandemie-Folgen geschaffen werden. Dahinter steht zum einen die Behauptung, die Krise sei rein pandemie-bedingt: die Verantwortung f\u00fcr sie wird nach au\u00dfen verlagert, auf eine h\u00f6here Gewalt, die da \u00fcber uns kommt (f\u00fcr ein Virus kann ja keine*r was). Und zum anderen wird so das Narrativ gest\u00e4rkt, dass eine gut funktionierende kapitalistische Wirtschaft gut f\u00fcr uns alle w\u00e4re. Privat sollen wir uns isolieren und zum Wohle der Wirtschaft auf vieles verzichten: Freund*innen, Soziale Kontakte, Kultur, Entspannungsm\u00f6glichkeiten \u2013 vieles, was dem Leben Freude und Sinn gibt (und zus\u00e4tzlich oft Funktionen der Reproduktion der Arbeitskraft erf\u00fcllt). Und das mag aus gesundheitlicher Sicht notwendig sein; aber im krassen Gegensatz dazu sollen wir uns zugleich an unseren Arbeitspl\u00e4tzen, auf dem Weg dorthin und zur\u00fcck, t\u00e4glich einem Ansteckungsrisiko aussetzen, die Gefahr von Krankheit und Tod hinnehmen, um f\u00fcrs Kapital weiterhin produktiv zu sein.</p><p>W\u00e4hrend derzeit wenig auf einen autorit\u00e4ren Umschwung unter dem Deckmantel der Notstandsbek\u00e4mpfung hindeutet, sollten uns eben dieser Zynismus und die kalte Sachlichkeit des Kapitalismus Sorgen machen, die unser Leben vor, w\u00e4hrend und nach der Pandemie bedrohen. Die Pandemie ist lediglich ein Vergr\u00f6\u00dferungsglas des Umgangs mit Leben im Kapitalismus. Diese Einsicht muss insbesondere in Zeiten der Krise, aber auch dar\u00fcber hinaus, Triebfeder unserer linken und antikapitalistischen K\u00e4mpfe sein.</p><p></p><hr/><h2>Weiterf\u00fchrende Literatur:</h2><p>Foucault, Michel (1994): \u00dcberwachen und Strafen. Die Geburt des Gef\u00e4ngnisses. Frankfurt am Main: Suhrkamp.</p><p>Foucault, Michel (2004): Die Geburt der Biopolitik. Vorlesung am Coll\u00e8ge de France 1978 - 1979. Geschichte der Gouvernementalit\u00e4t 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Obwohl auch die Corona-Krise einen potenziellen Anlass daf\u00fcr bietet, verbleibt er bisher ein Mythos. Laura M\u00fcller legt dar, warum."}, {"title": "Um welche Freiheit geht es eigentlich?", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Um welche Freiheit geht es&nbsp;eigentlich?</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"arti_wess_freiheit.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/arti_wess_freiheit.936d8e81.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Johanna Br\u00f6se</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Berlin, 29. August 2020. Ein junger Mann mit blonden Locken und offenem buntem Hemd steht inmitten einer demonstrierenden Menschenmenge. Sein Blick ist ernst, zur Seite gewandt, fast ikonografisch. Er reckt mit der rechten Hand einen kleinen Blumenstrau\u00df in die Luft. Dahinter ist ein schwarz-rot-wei\u00dfes Meer an Fahnen zu sehen. Neben dem Blumenstrau\u00df-Mann geht ein weiterer Demonstrant vorbei: Er tr\u00e4gt auf seinem Shirt die schwarz-rot-goldene Deutschlandflagge samt Bundesadler. Direkt hinter ihm: Zwei Personen, auf deren Fahne in schwarz-wei\u00df-rot noch \u201eTrump 2020\u201c und \u201eWWG1WGA\u201c (\u201eWhere we go one, we go all\u201c, ein zentraler Slogan der QAnon-Anh\u00e4nger*innenschaft) gekritzelt wurde \u2013 dasselbe Akronym findet sich auch auf ihren T-Shirts. Im Hintergrund ist das Brandenburger Tor zu sehen, viele weitere Menschen mit Fahnen und Schildern, die meisten von ihnen sind M\u00e4nner. Sie sind mittleren Alters, aber auch j\u00fcnger. Eine sitzende Person mit \u201ePuma\u201c-Shirt hat sich bei einem ebenfalls j\u00fcngeren Menschen eingehakt, der wiederum bei einer \u00e4lteren Person mit Warnweste und Wutb\u00fcrger-Hut. Direkt daneben: lange rot gef\u00e4rbte Haare, Sonnenbrille. Sie alle schauen entschlossen. Keiner tr\u00e4gt eine Maske. Mit diesem Bild titelt <i>DIE ZEIT</i> Anfang September fragend: \u201eSind das jetzt alles Nazis?\u201c</p><p>An diesem Tag wurden pr\u00e4gnante Bilder geschaffen. Tausende Menschen sind nach Berlin gereist, um ihren Protest gegen die Einschr\u00e4nkungen durch die staatlichen Pandemie-Ma\u00dfnahmen auf die Stra\u00dfe zu bringen und erreichten damit sogar die Stufen des Reichstags. Rechte Parolen und verschw\u00f6rungstheoretische Symboliken dominieren in einer b\u00fcrgerlichen Masse \u2013 und f\u00fcgen sich dort wunderbar ein, weil sie f\u00fcr die Beteiligten insgesamt kein Problem darstellen. Und eine konsternierte Linke steht z\u00e4hneknirschend und verstreut am Rande des Geschehens und hat dem Ganzen kaum etwas entgegenzusetzen. Es war wirklich ein erfolgreicher Tag f\u00fcr die Rechte in Deutschland.</p><h2><b>Wo Impfgegner drauf steht\u2026</b></h2><p>Trotz gro\u00dfer Diskussion im Nachhinein: Noch immer h\u00f6rt man die Frage, wie das passieren konnte. Als sei das, was sich da als Gemengelage von Zigtausenden zusammentat, pl\u00f6tzlich vom Himmel gefallen: Wie kann das sein, die Heilpraktikerin aus der Eifel neben dem Stiernacken mit Reichskriegsflagge? Schwei\u00dft der Zorn gegen die staatlich verordneten Corona-Ma\u00dfnahmen pl\u00f6tzlich zusammen, was nie zusammen war? Treffen auf den \u201eQuerdenken\u201c-, \u201eHygiene\u201c- undsoweiter-Demos eingefleischte Verschw\u00f6rungsschwurbler*innen auf neuerdings besorgte B\u00fcrger*innen ohne sonstige politische Vorgeschichte? Oder ist der Schulterschluss eigentlich gar nicht so unverst\u00e4ndlich, sondern vielmehr konsequent?</p><p>Sicher, es gehen auch Menschen auf die Stra\u00dfe, denen wirklich etwas an der Wahrung der Grundrechte, der Demokratie und der Freiheit liegt, die um diese besorgt sind und die korrupte Politik kritisieren und dagegen protestieren. Linke machen das seit jeher, die Notwendigkeit dazu steht au\u00dfer Frage. Und nat\u00fcrlich sind nicht alle \u201eQuerdenker\u201c fanatische Verschw\u00f6rungstheorist*innen, manche bewegen vor allem berechtigte Sorgen. Warum stehen aber die T\u00fcren gerade sperrangelweit offen f\u00fcr konspirationistische Ideen, die statt Realpolitik und real regierendem Kapitalismus eine Art Marionettenspiel der M\u00e4chtigen als Feindbild ausmachen?</p><p>Es wird in der \u00f6ffentlichen Debatte oft davor gewarnt, alle \u00fcber einen Kamm zu scheren: die Chemtrail-Hardliner mit den Verschw\u00f6rungstheorie-light-Menschen, die strammen Nazis mit den impfskeptischen Yoga-Hippies. Das ist sicherlich richtig, vor allem, wenn wir diskursiv noch was rausholen wollen. Aber ebenso wichtig ist es, nicht naiv an die Sache heranzugehen. Dass Letztere wissentlich mit Rechten demonstrieren, macht sie noch nicht unwiderruflich selbst zu Rechten, sondern auf den ersten Blick \u201enur\u201c zu Ignorant*innen. Allerdings: \u00dcberschneidungen zu erkennen (und die gibt es viele zwischen den hier scheinbar nebeneinander auftretenden Gruppierungen), ist viel wichtiger als nach Trennlinien zu suchen. Nur so l\u00e4sst sich das Ph\u00e4nomen verstehen. Das ist die eine wichtige Aufgabe, denn so wird die absurde Mitte-Rechts-Trennung vermieden, die nicht nur naiv, sondern vor allem gef\u00e4hrlich ist.</p><p>Die zweite Aufgabe ist es, anzuerkennen, welche Funktion Verschw\u00f6rungsnarrative f\u00fcr die Beteiligung der Menschen an den Demos haben. Verschw\u00f6rungsglauben eint sie als gemeinsame Klammer, und die konspirationistischen Erz\u00e4hlungen m\u00fcssen dabei noch nicht einmal dieselben sein. Sie k\u00f6nnen sich sogar widersprechen, und doch funktionieren sie wie ein Klebstoff: \u201eDu glaubst auch an irgendeine gro\u00dfe antisemitische Verschw\u00f6rung? Ja, prima, dann sind wir auf einer Seite\u201c. Die Struktur ist weit wichtiger als der Inhalt. Und damit entwickelt die zun\u00e4chst h\u00f6chst heterogene Truppe derjenigen, die zum Beispiel bei den Querdenken-Demos gemeinsam laufen, erst ihre gef\u00e4hrliche Schlagkraft. Wenn man sich dagegen die bundesweiten Linken (nicht nur die Partei) anschaut, die sich erst m\u00fchsam, nach vielen Diskussionen um Inhalt und Strategie, f\u00fcr gemeinsame B\u00fcndnisarbeit aufstellen k\u00f6nnen, gewinnt der Umstand der scheinbar m\u00fchelosen Verschmelzung von b\u00fcrgerlichen Verschw\u00f6rungsschwurbler*innen und organisierten Nazis nochmal an Brisanz.</p><p>Leicht wird es auch deshalb nicht, Strategien gegen die weltverschw\u00f6rerischen Erkl\u00e4rungen zu entwickeln, weil sie eben nicht nur ein bisschen Aufregung verursachen, sondern oft genug brandgef\u00e4hrlich sind. Doch was hat es mit Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen, realen Verschw\u00f6rungen und den politischen Implikationen von beidem auf sich, und weshalb ist eine Differenzierung dringend notwendig? Und, nat\u00fcrlich: Wie verhalten wir uns, als Linke, dazu?</p><h2><b>\u2026ist oft nur Geschwurbel drin</b></h2><p>Zugegeben, es ist auf den ersten Blick nicht ganz leicht, reale Verschw\u00f6rungen von Verschw\u00f6rungsgeschwurbel zu unterscheiden. Reale Verschw\u00f6rungen sind vor allem ein zentraler Bestandteil von Politik im globalen kapitalistischen Machtgef\u00fcge und damit wichtige Triebkr\u00e4fte, vor denen wir die Augen nicht verschlie\u00dfen d\u00fcrfen. Alle Verschw\u00f6rungstheorien gleich als \u201eIdiotie\u201c oder \u201eWahn\u201c (was sowieso f\u00fcrchterlich schwierige und pathologisierende Begriffe sind) abzutun, wom\u00f6glich auch aus Angst, in die gleiche Ecke gedr\u00e4ngt zu werden, ist deshalb nicht zielf\u00fchrend. Michael Butter lieferte 2018 in \u201e\u201aNichts ist, wie es scheint\u2018\u201c eine einfache und dennoch plausible L\u00f6sung. Verschw\u00f6rungstheorien lassen sich in zwei Kategorien unterteilen: in richtige und falsche. Zumeist setzen Verschw\u00f6rungstheorien entweder die Bedeutung Einzelner oder kleiner Gruppen f\u00fcr den Lauf von Ereignissen viel zu hoch an; oder sie setzen eine viel zu gro\u00dfe Menge an Mitwissenden und Beteiligten voraus, als dass dies tats\u00e4chlich in dem Ausma\u00df an Geheimhaltung m\u00f6glich w\u00e4re, die ja ebenfalls konstituierend f\u00fcr eine Verschw\u00f6rung ist.</p><p>Vom antiken Plot gegen den r\u00f6mischen Imperator C\u00e4sar, \u00fcber die t\u00f6dlichen Stay-Behind-Strukturen wie Gladio bis zu den Mitteln, mit denen gro\u00dfe Tabakkonzerne jahrzehntelang das Suchtpotenzial ihrer Produkte gesteigert und dies wissentlich verharmlost haben. Verschw\u00f6rungen sind ein wichtiges Instrument zur Sicherung der politischen und gesellschaftlichen Macht in der Klassengesellschaft, aber auch bei Machtk\u00e4mpfen unterschiedlicher Interessensgruppen untereinander oder im Kampf gegen Systemalternativen. Viele jener Verschw\u00f6rungen, die es wirklich gegeben hat, wurden fr\u00fcher oder sp\u00e4ter aufgedeckt \u2013 durch kritische Journalist*innen, Forscher*innen, Aktivist*innen. Wiederum andere Verschw\u00f6rungstheorien \u2013 wie die, die Mondlandung sei ein Fake gewesen \u2013 konnten nie bewiesen werden. Warum? Weil sie schlicht und ergreifend falsch sind.</p><h2><b>Beim Barte des Methusalem</b></h2><p>Auch neu sind Verschw\u00f6rungstheorien bei weitem nicht. Schon im Mittelalter wurden Frauen wegen angeblicher Hexenkr\u00e4fte stigmatisiert und verfolgt, Juden und J\u00fcd*innen wurde die Verbreitung der Pestepidemie angelastet und sie wurden schon ebenso lange als \u201eStrippenzieher\u201c und gierige Verschw\u00f6rer diskriminiert. Sp\u00e4testens die gef\u00e4lschten \u201eProtokolle der Weisen von Zion\u201c, die 1901 erschienen, machten eine vermeintlich j\u00fcdisch-bolschewistische Weltverschw\u00f6rungserz\u00e4hlung virulent, was diskursiv die Shoa mit vorbereitete. Womit wir es bei vielen systemischen Verschw\u00f6rungstheorien im Kern zu tun haben, ist der Glaube daran, dass versteckt agierende M\u00e4chte einen geheimen Plan ausf\u00fchren, um das Volk zu entm\u00fcndigen, die Menschen in ihrer Freiheit einzuschr\u00e4nken, sie willenlos und gef\u00fcgig zu machen.</p><p>Diese Verschw\u00f6rungsideen gibt es zuhauf mit verschiedensten Narrativen und in unterschiedlichem Absurdit\u00e4tsgrad. Zum Beispiel die so genannten Deep-State-Theorien, die fast messianischen Charakter haben und sehr einflussreich sind. Ein bekanntes Netzwerk dieser Glaubensvariante sind die Anh\u00e4nger*innen von QAnon, dessen Verschw\u00f6rungsnarrative auf zahlreichen Plattformen verbreitet werden. In den USA hat das Netzwerk eine enorme Reichweite und zahlreiche politische Unterst\u00fctzer*innen, vor allem im Umfeld von Donald Trump, der als Heilsbringer gilt. Einer aktuellen Umfrage des us-amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Civiqs nach glaubt ein Drittel der befragten republikanischen W\u00e4hler*innenschaft, dass die QAnon-Theorien zumeist wahr sind, weitere 23 Prozent glauben an Teile davon. Besonderen Einfluss hat dabei das Narrativ rund um einen Ring aus Eliten (darunter viele Politiker*innen der Demokratischen Partei), Celebrities und sonstigen bekannten Pers\u00f6nlichkeiten, der nach Vorstellung der QAnon-Anh\u00e4nger*innenschaft Kinder entf\u00fchrt, sexuell ausbeutet und ihnen das Verj\u00fcngungsmittel Adrenochrom auspresst. Lange verlacht und ignoriert, wird nun von Expert*innen \u00f6ffentlich vor dem Gewaltpotenzial dieser Verschw\u00f6rungsideologie gewarnt; das FBI setzte das Netzwerk k\u00fcrzlich auf die Liste der \u201eDomestic Terror Threats\u201c, ihrer (insgesamt fragw\u00fcrdigen, weil politisch motivierten) Zusammenstellung nationaler terroristischer Bedrohungen. Zu ihrer wachsenden deutschsprachigen Anh\u00e4nger*innenschaft geh\u00f6rt unter anderem Xavier Naidoo, der seine ersch\u00fctternden Erkenntnisse tr\u00e4nenreich, aber mit beachtlicher Reichweite \u00fcber s\u00e4mtliche Kan\u00e4le streut.</p><p>Was die Verbreitung der Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen heute angeht, gehen manche Forscher*innen davon aus, dass es sich zwar durch das Internet schneller bewerkstelligen l\u00e4sst, gro\u00dfe Mengen an Menschen zu erreichen; allerdings seien die Narrative weniger ausgearbeitet. Waren fr\u00fchere Verschw\u00f6rungstheorien noch sehr auf (verdrehte) Logik bedacht und in ihrer Argumentation oft in sich schl\u00fcssig, sind sie heute weit fragmentarischer. Twitter und Messengerdienste haben, so machen Forscher*innen deutlich,</p><p><i>\u201ezu einer Verschiebung von Verschw\u00f6rungstheorien zu Verschw\u00f6rungsger\u00fcchten gef\u00fchrt, da Verschw\u00f6rungsspekulationen zunehmend ohne die Art von Beweisen und verworrenen Formulierungen in den Umlauf gebracht werden, die \u00fcber Jahrhunderte \u2013 und in anderen Medien noch immer \u2013 so charakteristisch f\u00fcr sie sind\u201c</i> (COMPACT Education Group 2020).</p><p>Oft stehen Narrative einer Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlung auch in direktem Widerspruch mit einer anderen. Bei den sogenannten Klimaleugnern beispielsweise stehen die \u00dcberzeugungen nebeneinander, dass man Klimaerw\u00e4rmung mit den Instrumenten, mit denen dies weltweit anerkannt und wissenschaftlich durchgef\u00fchrt wird, gar nicht messen <i>k\u00f6nne</i>; und gleichzeitig, dass sich das Klima \u00fcberhaupt nicht erh\u00f6ht habe. F\u00fcr letztere Behauptung br\u00e4uchte man allerdings rein logisch valide Messungen, aber\u2026nun ja.</p><p>Die \u201econspiracy without theory\u201c, also die Verschw\u00f6rungsbehauptung ohne Theorie, wie es Nancy L. Rosenblum und Russell Muirhead in ihrem Buch \u201eA Lot of People Are Saying\u201c ausdr\u00fccken, macht eine politische Instrumentalisierung noch leichter. Es gibt keine Nachfrage nach Beweisen, keine Punkte, die ein Muster bilden, keine genaue Untersuchung von denjenigen, die des Verschw\u00f6rens bezichtigt werden. Vielmehr wird auf die Last einer Erkl\u00e4rung verzichtet, die Verschw\u00f6rungsanh\u00e4nger*innen erzwingen ihre eigene Realit\u00e4t durch Wiederholung (etwa Trumps \u201eviele Leute sagen\u2026!\u201c) und blo\u00dfe Behauptung.</p><h2><b>Die M\u00e4r vom rechten Randph\u00e4nomen</b></h2><p>Zur\u00fcck zum Schulterschluss. Was so wahrgenommen wird, als w\u00fcrden die Rechten sich unters \u201enormale Volk\u201c mischen, funktioniert in Wirklichkeit anders herum. Was wir in den letzten Jahren erlebt haben, ist ein massiver und vor allem medial wirksamer Aufschwung rechter Bewegungen und des Rechtspopulismus. Damit einher ging und geht eine drastische Verschiebung des Sagbaren. Die Normalisierung rechter Haltungen, die \u201eKritik\u201c an den Eliten, an der Regierung, der L\u00fcgenpresse, all das wird seit mindestens einem Jahrzehnt verst\u00e4rkt von rechts vorbereitet. In der \u00f6ffentlichen Debatte wird dabei immer noch \u2013 und immer wieder \u2013 der Fehler gemacht, entweder rechten Populismus am Rande der Gesellschaft zu verorten oder ernsthaft den inhaltlichen Dialog zu suchen. So wird rechten Ideen eine B\u00fchne geboten, die das \u201eNazipositive Milieu\u201c (Hengameh Yaghoobifarah) konsumieren, sich aber gleichzeitig sch\u00f6n von einer Zugeh\u00f6rigkeit zu rechten Formierungen abgrenzen kann. Verschw\u00f6rungsgeschwurbel ist dem rechten Projekt inh\u00e4rent: Die Regierung wird von Kommunisten gelenkt, die Presse ist gleichgeschaltet, Fl\u00fcchtlinge werden gezielt ins Land gelassen, um die deutsche Nation zu zersetzen, et cetera. Und ganz nah dran, auch schon l\u00e4nger: Esoterik, Spiritualismus, Okkultismus, v\u00f6lkische Siedlerbewegungen, Reichsb\u00fcrger und noch so vieles mehr. Wer also glauben m\u00f6chte, auf der \u201eQuerdenken\u201c-Demo in Berlin hingen Rechte mit B\u00fcrger*innen ab, der sollte sich vielleicht die Ringelreihen und Birkenstock-Reisegruppen nochmal genauer anschauen. Da hingen rechte B\u00fcrger*innen ab. Normalos trafen auf normalisierte Rechte und der ideologische Hintergrund zeigt sich als gar nicht so verschieden.</p><p>So weit, so gut in Sachen Gegnerbestimmung. Was machen wir jetzt damit? Ein linker Umgang mit solchen Entwicklungen ist, dass sich intensiv mit Inhalten und Abwehr auseinandergesetzt wird. Das ist gleichzeitig leider auch ein Problem: Wir schauen uns die Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen immer wieder an, kneifen die Augen zusammen (oder lachen einmal herzlich) und nehmen sie argumentativ auseinander. Und das ist nat\u00fcrlich gut so. Aber es reicht nicht aus, weil daran keine richtige Strategie anschlie\u00dfen kann. Ein weiteres Problem ist, dass wir manchmal gar nicht wissen, wie wir uns zwischen tats\u00e4chlicher autorit\u00e4rer Formierung des Staates und dem Grundrechtegeheul der Schwurbler verhalten sollen, ohne zu argumentativen Gehilfen des einen oder der anderen zu werden. Der erste Schritt zur L\u00f6sung muss sein, sich das Ganze aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen und zu verstehen, was da passiert.</p><h2><b>Die Verschw\u00f6rung ist die Verschw\u00f6rung ist die Verschw\u00f6rung</b></h2><p>Was treibt Menschen dazu, ihren Glauben solcherlei Ideen zu schenken? Es hat, auch was die Tiefe der \u00dcberzeugung angeht, fast einen religi\u00f6sen Charakter. Das Weltliche kann mit dem Erfahrungshorizont und dem aufgekl\u00e4rten Wissen nicht erkl\u00e4rt werden, also muss die L\u00f6sung in etwas Mystischem, Geheimem liegen. Dass diese Erkl\u00e4rung so greifen kann, h\u00e4ngt mit dem messianischen Charakter zusammen, der den Gl\u00e4ubigen gleichzeitig von der Masse der Ungl\u00e4ubigen abhebt: Du hast es erfasst! Und \u2013 und das ist das perfide daran \u2013 es l\u00e4sst das zutiefst neoliberale Mantra \u201eDu alleine bist f\u00fcr deinen Erfolg verantwortlich\u201c unter anderen Vorzeichen einfach weiterreichen: Es sind weder du selbst noch die (kapitalistischen) gesellschaftlichen Umst\u00e4nde, die dein Leben so miserabel, chaotisch, unplanbar scheinen lassen, sondern es gibt Verantwortliche f\u00fcr alles. Gleichzeitig ahmt der Verschw\u00f6rungsglaube auch eine Art aufkl\u00e4rerischen Prozess nach, in dem der Einzelne eine Neubest\u00e4tigung der eigenen Individualit\u00e4t erf\u00e4hrt: Das Gemeinschaftsgef\u00fchl resultiert daraus, dass sich jede*r als Aufkl\u00e4rer*in wahrnimmt \u2013 diesen individuellen Erfolg aber sofort von anderen best\u00e4tigt sehen m\u00f6chte. Nicht zuletzt f\u00fchrt dies zu einer Spirale, die immer noch gr\u00f6\u00dfere Superverschw\u00f6rung hinter der Verschw\u00f6rung aufzudecken.</p><p>Verschw\u00f6rungstheorien sind ein wichtiges Instrument daf\u00fcr, was in den Sozialwissenschaften \u201eOthering\u201c, das \u201ezum Anderen machen\u201c, genannt wird. Damit k\u00f6nnen ihre Anh\u00e4nger*innen Schuldige suchen und in einem zweiten Schritt deutlich zwischen einem \u201euns\u201c \u2013 den Leidtragenden der Verschw\u00f6rung \u2013 und einem \u201eihr\u201c \u2013 die Verschw\u00f6rer selbst \u2013 eine Grenze ziehen. Dies f\u00fchrt, \u00e4hnlich wie andere rechte und rassistische Mechanismen, zu einer Erh\u00f6hung der eigenen Position \u2013 \u201eaber ich hab\u2018 es durchschaut, mich kriegen sie nicht!\u201c \u2013 und einem starken Gemeinschaftsgef\u00fchl mit den anderen Verschw\u00f6rungs\u00fcberzeugten.</p><p>Was wir derzeit \u2013 vor allem mit der Pandemie \u2013 erleben, ist eine neue Zuspitzung der permanenten Krise des Kapitalismus, deren letzten Ausbruch mit der Wirtschaftskrise 2007ff. wir noch gar nicht verdaut haben. Krisen und Verschw\u00f6rungstheorien laufen Hand in Hand: \u201eKriege, politische, wirtschaftliche oder ideologische Umw\u00e4lzungen, Naturkatastrophen und solche, die von Menschen selbst verursacht wurden, sind der Boden, auf dem sie gedeihen\u201c (Hepfer 2015, S. 17).</p><p>Hinzu kommt in gro\u00dfen Teilen der industriell hochentwickelten L\u00e4nder der sukzessive Abbau des Sozialstaats und die Zerst\u00f6rung sozialer Gewissheiten in den letzten Jahrzehnten. Der individualisierende Neoliberalismus mit der alle Lebensbereiche durchziehenden Selbstverantwortlichkeitsmoral und in Mode gekommene chauvinistische Diskurse verst\u00e4rken den Klassenwiderspruch. Auch der Evergreen Rassismus tr\u00e4gt zu einem Bedrohungsszenario bei und befeuert die soziale K\u00e4lte. Viele Menschen befinden sich in einer Wirklichkeit, die sie als bedrohlich empfinden und die es vor allem auch ist. Das Vertrauen in Staat, Regierung, Wohlstandsversprechen br\u00f6ckelt massiv, neue Gewissheiten m\u00fcssen geschaffen werden.</p><p>Der Kapitalismus als Klassengesellschaft ist darauf angewiesen, den Antagonismus zwischen Kapitalisten und Lohnabh\u00e4ngigen aufrecht zu erhalten, und die Arbeiter*innenklasse auch durch Strategien der Verschleierung der Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse von einer weitreichenden Organisierung abzuhalten. Die kapitalistische Erz\u00e4hlung eines guten Lebens f\u00fcr alle, wenn man sich nur kr\u00e4ftig genug bem\u00fcht, ist damit eine der wenigen \u2013 vielleicht die einzige? \u2013 Superverschw\u00f6rungstheorien, die tats\u00e4chlich existiert.</p><p>Statt diese Wirklichkeit begreifen zu wollen \u2013 oder zu k\u00f6nnen \u2013 werden Erkl\u00e4rungen gesucht, die das eigene Schicksal verst\u00e4ndlich machen und vor allem die Verantwortung externalisieren, was im neoliberalen Zeitalter nachvollziehbar ist. Verschw\u00f6rungstheorien bieten eine Entlastungsfunktion: Da sie von au\u00dfen von den dunklen M\u00e4chten gelenkt wurden, konnten die Anh\u00e4nger*innen selbst keinerlei Einfluss auf bisherige Ereignisse und Entwicklungen haben.</p><p>Anstatt sich gegen die Zw\u00e4nge des Kapitalismus zu wehren, wird dieser Wirklichkeit eine Wahrheit entgegengesetzt, die es ertr\u00e4glich macht, in ihr zu leben. Eine Wahrheit voll falscher Fakten und kruder Ideen, die das Unverst\u00e4ndnis spiegelt, mit dem die Menschen ihren eigenen Bedingungen und denen anderer begegnen. Eine Wahrheit, die schwer zu widerlegen ist, weil sie sich in Logik und Form einer \u00dcberpr\u00fcfung entzieht. Eine Wahrheit, die den Menschen, die an sie glauben, die eigene \u00dcberlegenheit vorgaukelt.</p><p>Gef\u00e4hrlich wird es sp\u00e4testens dann, wenn diese Wahrheit reale politische Macht erh\u00e4lt. Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen dies: In vielen Staaten, von den USA, Brasilien, der T\u00fcrkei bis Ungarn, ist der rechte Staatsumbau weit fortgeschritten, viele andere Staaten, darunter auch Deutschland, forcieren einen autorit\u00e4ren Umbau. Die globale Rechte sichert sich immer gr\u00f6\u00dfere Machtr\u00e4ume. Das rechte Hegemonieprojekt n\u00e4hrt sich auch aus den Verschw\u00f6rungsnarrativen. Mit Trump gibt es etwa aktuell (noch) einen Pr\u00e4sidenten, der als einer der einflussreichsten Verschw\u00f6rungstweeter gelten kann. Trump und Konsorten haben die konspirationistische Form des politischen \u201eWissens\u201c wieder salonf\u00e4hig gemacht und nutzen hierbei Verschw\u00f6rungsideologien strategisch zur Mobilisierung ihrer Anh\u00e4nger*innenschaft.</p><h2><b>Der m\u00e4nnliche Schwurbler</b></h2><p>Trotz historisch unterschiedlicher Reichweite waren rechte Diskurse seit je her voller Fake Facts und Verschw\u00f6rungsschwurbeleien. Hier reihen sich aktuelle Verschw\u00f6rungsapologeten \u00e0 la Attila Hildmann, Ken Jebsen und Konsorten wunderbar ein. Die Kritiker, die Aufkl\u00e4rer, die Ungem\u00fctlichen, die Verk\u00fcnder: Sie haben es gerafft und sie werden das Volk befreien. Die Freiheit des einfachen Mannes, das ist ihre Parole. Und so wird unter dem fast schon zum Kampfbegriff avancierten Deckmantel der Demokratie das Erfolgskonzept rechter Normalisierung. Ein Konzept, das sehr erfolgreich darin ist, ein verunsichertes Naziaffines Milieu abzuholen.</p><p>Augenf\u00e4llig ist, wer sich da vornehmlich als Befreier, als Messias aufspielt: Der wei\u00dfe Mann. Damit wird auch deutlich, wer oder was gerettet werden soll, n\u00e4mlich die m\u00e4nnlichen Privilegien. Im \u201eLeitfaden Verschw\u00f6rungstheorien\u201c einer internationalen Forschungsgruppe wird zwar von einem generellen Forschungskonsens berichtet, dass sich keine besonderen Merkmale hinsichtlich Klasse, Geschlecht, Herkunft et cetera bei Verschw\u00f6rungsaffinen ausmachen lie\u00dfe. Allerdings:</p><p><i>\u201em\u00e4nnliche Verschw\u00f6rungstheoretiker (sind) oftmals in der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4senter und treten unverhohlener auf. Der Grund hierf\u00fcr ist m\u00f6glicherweise, dass Verschw\u00f6rungstheorien eine Strategie sind, mit der weit verbreiteten Krise der M\u00e4nnlichkeit in der westlichen Welt umzugehen\u201c (COMPACT Education Group 2020).</i></p><p>Was da in der Krise steckt, ist jene toxische M\u00e4nnlichkeit, die den patriarchalen ausbeuterischen Zugriff auf Frauen* legitimieren soll. Der Mann, der Chef im Haus und in der Gesellschaft, diese Gewissheit br\u00f6ckelt massiv. Schuld daran ist: Die Frau, die sich der Macht des Mannes entzieht, sich nicht (mehr) unterordnet, nicht mit ihm Sex haben m\u00f6chte. Die Wut darauf entl\u00e4dt sich auch gewaltvoll: Der Attent\u00e4ter von Halle 2019 machte beispielsweise in den Videoaufnahmen w\u00e4hrend seiner Angriffe \u201eden Feminismus\u201c daf\u00fcr verantwortlich, dass die Geburtenrate sinke und so das Volk der Zersetzung preisgegeben werde.</p><p>Antifeminismus und Verschw\u00f6rungsschwurbeleien h\u00e4ngen auch an vielen anderen Stellen sehr eng miteinander zusammen. Es zeigt sich eine fragile M\u00e4nnlichkeit, die versucht, ihre Bedeutsamkeit durch das messianische Rumgeprotze wiederherzustellen. Die Attit\u00fcde des m\u00e4nnlichen Aufkl\u00e4rers, der opferbereit und mutig ist, dient der Selbstinszenierung als Held, so der Sozialpsychologe Rolf Pohl im Interview mit <i>Zeit Online</i>. In diesem Gebaren, gepaart mit einem Erstarken des Antifeminismus, steckt viel Gewaltpotential, was bei der Auseinandersetzung mit Verschw\u00f6rungstheorien nicht au\u00dfer Acht gelassen werden darf.</p><h2><b>Und nun?</b></h2><p>Stellt euch einmal die Entt\u00e4uschung eines ausgemachten QAnon-Truthers vor, wenn die Welt gerade tats\u00e4chlich einfach von einem (aus biologischer Sicht) recht normalen, aber dennoch in seinen Auswirkungen noch lange nicht erforschten Virus getroffen wurde, statt von einer ausgemacht diabolischen Bev\u00f6lkerungsdezimierungsstrategie von miesen Milliard\u00e4ren \u2013 wo bliebe denn da die ganze Aufregung, das ganze Entertainment?</p><p>Verschw\u00f6rungstheorien sind f\u00fcr eine seri\u00f6se Auseinandersetzung irgendwie eine eigenartige Sache; sie ernst zu nehmen, f\u00e4llt nicht leicht. Die bizarren Kapriolen, die Verschw\u00f6rungstheorien mit der Realit\u00e4t drehen, ja, wie sie diese verdrehen, machen gerade ihren Reiz, ihre Lust, ihre Anziehungskraft f\u00fcr viele aus. Der Erfolg der \u201eIlluminati\u201c-Reihe von Dan Brown, \u201eDas Foucaultsche Pendel\u201c oder \u201eDer Friedhof in Prag\u201c von Umberto Eco f\u00fcr die etwas kritischeren Leser*innen; Verschw\u00f6rungen in Detektiv- und Heldengeschichten von Sherlock Holmes bis Matrix \u2013 im Kontext der popkulturellen Verarbeitung boomt das Genre. Es macht deutlich, wie viel Lust es Leuten machen kann, \u00fcber Verschw\u00f6rungstheorien nachzudenken. Der kritische Punkt besteht darin, harmlose und gef\u00e4hrliche Angebote zu unterscheiden und ganz generell: Fiktion nicht mit der Sehnsucht nach Relevanz f\u00fcr das eigene Leben aufzuladen.</p><p>Und mal ehrlich: Wer von uns zum Beispiel hat kein Problem damit, was mit unseren Daten auf internationalen Servern eigentlich passiert? Statt eine politische Analyse der Warenf\u00f6rmigkeit unserer Lebensinformationen und Daten und eine Kritik an diesen Verwertungsprozessen zu formulieren, sind es nur wenige Schritte dahin, \u201ehinter dem Internet\u201c eine Instanz der Kontrolle und der absichtsvollen \u201eF\u00fchrung\u201c zu vermuten. Diese dann antisemitisch zu framen oder ihnen eine bolschewistische Agenda zu unterstellen, schlie\u00dft daran an. Hier sind wir wieder bei der dringenden Notwenigkeit, die wirklichen Verschw\u00f6rungen von den falschen Verschw\u00f6rungsschwurbeleien zu unterscheiden. Doch was ben\u00f6tigen wir dar\u00fcber hinaus, damit wir nicht nur in Abwehrk\u00e4mpfen gegen Rechte Formierungen und ihre Verschw\u00f6rungstheorien agieren, sondern der ideologischen Nutzung von Verschw\u00f6rungstheorien als politischer Agenda etwas entgegensetzen?</p><p>Wir brauchen auch als Linke einen klaren Standpunkt, der deutlich macht, dass die rechte Verschw\u00f6rungsbewegung insgesamt keine Perspektiven f\u00fcr ein besseres Leben, eine andere Gesellschaft bietet und diese auch nicht bieten kann. Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen gaukeln vor, dass Ereignisse immer das Ergebnis von absichtsvollem Handeln Einzelner \u2013 und nicht das Produkt von politischen Herrschaftsverh\u00e4ltnissen und strukturellen Effekten des Kapitalismus sind. Sie sind notwendig r\u00fcckschrittlich, h\u00f6chstens in Gewalt gegen Einzelne oder eben rassistisch gegen \u201eAndere\u201c gerichtet. Sie sind Katalysatoren f\u00fcr Gewalt und Polarisierung. Personen, die tief in diese Erz\u00e4hlungen verstrickt sind, wollen den Status Quo der Gesellschaft als solches nicht \u00e4ndern, h\u00f6chstens ihren eigenen Einfluss darin.</p><p>Und auf der anderen Seite: Was ist mit den Leuten, die nah dran sind, die Schwurbelaffinen, bei denen aber noch nicht alle Hoffnung verloren ist? Kann man den Menschen die Erfahrungen von Kontrollverlust anders verst\u00e4ndlich machen? Politische \u00dcberlegungen dazu m\u00fcssen \u00fcber eine psychologische oder pathologisierende Untersuchung des Verschw\u00f6rungsdenkens hinausweisen. Auch die Analyse der Funktion von Verschw\u00f6rungstheorien f\u00fcr den*die Einzelne*n reicht nicht aus. Damit w\u00fcrden solidarische und gemeinsame K\u00e4mpfe ausgehebelt werden. Verschw\u00f6rungstheorien sind und waren politische Instrumente gegen emanzipatorische Perspektiven, auch wenn sie nach Ver\u00e4nderung schreien. Hier m\u00fcssen wir ansetzen f\u00fcr eine fundamentale Kritik an den Verh\u00e4ltnissen. Die wirkliche Ver\u00e4nderung voranzutreiben und nicht falschen G\u00f6ttern hinterherzulaufen, das ist unsere, das ist die linke Aufgabe.</p><hr/><p>Dieser Essay ist ein Cross-Post. Er ist ebenfalls in der aktuellen Ausgabe von kritisch-lesen.de <a href=\"https://kritisch-lesen.de/ausgabe/richtig-schwurbeln-verschworungserzahlungen-und-rechte-kontinuitaten\">\u201eRichtig schwurbeln! Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen und rechte Kontinuit\u00e4ten\u201c</a> vom 13. Oktober 2020 zu finden.</p><hr/><h2><b>Weiterf\u00fchrende Literatur:</b></h2><p>COMPACT Education Group 2020: Leitfaden Verschw\u00f6rungstheorien, Compact Forschungsgruppe (Comparative Analysis of Conspiracy Theories), online <a href=\"https://conspiracytheories.eu/_wpx/wp-content/uploads/2020/04/COMPACT_Guide_Deutsch-2.pdf\">hier</a>.<br/> Karl Hepfer 2015: Verschw\u00f6rungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft. Bielefeld, Transcript.<br/> Nancy L. Rosenblum und Russell Muirhead 2019: A Lot of People Are Saying: The New Conspiracism and the Assault on Democracy. Princeton University Press.<br/> Zeit Online 2020: Vom Loser zum Messias. Video online <a href=\"https://www.zeit.de/video/2020-10/6196464941001/verschwoerungstheorien-vom-loser-zum-messias?utm_referrer=https%3A%2F%2Fforum.kritisch-lesen.de%2Findex.php%3Fp%3D%2Fdiscussion%2F1885%2Fessay\">hier</a>.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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W\u00e4hrend sich die staatlichen Restriktionsma\u00dfnahmen auf allen gesellschaftlichen Ebenen \u00fcberschlugen, wirkten gro\u00dfe Teile der revolution\u00e4ren Linken hierzulande gel\u00e4hmt und handlungsunf\u00e4hig. Die Dynamik und Rigorosit\u00e4t staatlicher Ma\u00dfnahmen sorgten in linken Gruppen angesichts der \u00fcberwiegend autonomen Organisationsformen f\u00fcr Ratlosigkeit. Kommunikationskan\u00e4le und ritualisierte Plena wurden \u00fcber Nacht weitestgehend lahmgelegt. Klassische Aktionsformen waren pl\u00f6tzlich nicht mehr m\u00f6glich und revolution\u00e4r-linke Inhalte waren dadurch noch weniger wahrnehmbar. Es fehlten handlungs- und entscheidungsf\u00e4hige Strukturen, die trotz der Ausnahmesituation in der Lage waren, die Corona-Krise politisch daf\u00fcr zu nutzen, Alternativen und Perspektiven aufzuzeigen. Die radikale Linke hat damit ihre Handlungsunf\u00e4higkeit in Krisensituationen gezeigt. Angesichts des neonazistischen Terrors von NSU 2.0, rechter Prepper-Gruppen und der gr\u00f6\u00dferen Anzahl aufgedeckter rechter Terrorzellen sowie des Versuchs der AfD, parlamentarische Macht zu gewinnen, eine schaurige Erkenntnis. Vor allem wenn wir uns vor Augen f\u00fchren, dass der Staat mit seinen Institutionen nicht selten eine st\u00fctzende Rolle im Aufbau dieser Terrorzellen spielt.</p><p></p><h3><b>Die Rolle revolution\u00e4rer Kr\u00e4fte</b></h3><p>Dabei sind Krisen eigentlich das ureigene Feld revolution\u00e4rer Kr\u00e4fte. Ihre Aufgabe ist es, Klassenk\u00e4mpfe \u00fcber den Umweg praktischer Solidarit\u00e4t und theoretischer Analyse zu st\u00e4rken. In Zeiten gro\u00dfer gesellschaftlicher Umbr\u00fcche und Ver\u00e4nderungen politisieren sich viele Menschen und suchen nach handlungsf\u00e4higen Organisierungen, um soziale Forderungen auch wirkm\u00e4chtig artikulieren zu k\u00f6nnen. Beispiele daf\u00fcr sind die \u201eHartzIV-Proteste&quot; (2004), die \u201eBankenkrise\u201c (2008/2009) oder der \u201eSommer der Migration&quot; (2015) und die antirassistischen Proteste gegen die zahlreichen rassistischen Mobilisierungen (beispielsweise gegen die von der NPD initiierten \u201eNein-zum-Heim-Demonstrationen\u201c). Es ist die Aufgabe revolution\u00e4rer Kr\u00e4fte, die von der Krise betroffenen Lohnabh\u00e4ngigen anzusprechen und sie nachhaltig und langfristig f\u00fcr eine klassenk\u00e4mpferische Praxis zu gewinnen.<br/></p><h3><b>Solidarit\u00e4t aufbauen</b></h3><p>Zu Beginn des Lockdowns riefen linksliberale Akteur*innen oder Tr\u00e4ger*innen der sozialen Daseinsf\u00fcrsorge bundesweit dazu auf, sich in den von ihnen initiierten Solidarit\u00e4tsnetzwerken ehrenamtlich zu engagieren. Auch linke Gruppen initiierten Netzwerke, z.B. in Hamburg, Stuttgart oder Berlin. Im Berliner Stadtteil Wedding wurden das Label und die Arbeitsgruppe \u201eWedding solidarisch&quot; von uns als \u201eH\u00e4nde weg vom Wedding&quot; gegr\u00fcndet. Dies fungierte als Klammer f\u00fcr eine linke, klassenk\u00e4mpferische Perspektive auf die Krise (\u201eKlassenkampf statt Klatschen!\u201c). F\u00fcr uns bedeutete der Aufbau einer themenbezogenen Arbeitsgruppe sowohl das ideologische Besetzen der Krisenthemen, als auch die Schaffung einer Struktur, die kontinuierlich in der Lage ist, Interessierte in die politische Diskussion und Praxis einzubinden. Wie auch andere Initiativen gr\u00fcndeten wir zuerst moderierte Telegram- und Facebook-Gruppen, die schnell auf tausende Follower*innen anwuchsen. Neben der Vernetzungsm\u00f6glichkeit praktischer Unterst\u00fctzungsangebote stellten sie auch wichtige Kan\u00e4le f\u00fcr die Bereitstellung linker, <a href=\"https://www.unverwertbar.org/corona/\">antikapitalistischer Analysen</a> und Angebote dar. Diese bilden einen wichtigen Gegenpol zu den rechten Kr\u00e4ften, welche die Krise f\u00fcr das Propagieren von Rassismus, Antisemitismus und Verschw\u00f6rungsmythen nutzten und weiterhin nutzen.<br/><br/> W\u00e4hrend die Bundesregierung Milliarden von Hilfsgeldern zur Absicherung der Profite gro\u00dfer deutscher Unternehmen verschleuderte, konnten wir in unseren eigenen Kan\u00e4len die Corona-Krise als das benennen, was sie ist: eine kapitalistische Krise. Die Schaffung von virtuellen wie praktischen Solidarit\u00e4tsnetzwerken sind eine weiterzuentwickelnde Perspektive von Klassenpolitik. Besondere Abgrenzung braucht es in Bezug auf Netzwerke, mit denen staatliches Versagen durch sozialliberale Hilfsangebote kaschiert werden soll. In Berlin zeigte sich, dass der Senat und die Bezirke schnell in der Lage sind, Solidarit\u00e4t und praktische Unterst\u00fctzung mittels gef\u00f6rderten Freiwilligenagenturen zu vereinnahmen. Innerhalb kurzer Zeit wurden zus\u00e4tzliche Gelder bewilligt, um staatliche und staatsnahe Netzwerke zu gr\u00fcnden.<br/><br/> Die ideologische Distanz zum Staat, der politische Entscheidungen vor allem zugunsten der herrschenden Kapitalfraktionen trifft, muss daher aus radikal-linker Perspektive immer wieder herausgearbeitet werden. Andernfalls droht eine Vermischung der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung von linken Kriseninterventionen und staatlichem Krisenmanagement. Revolution\u00e4re Krisenanalysen und -erz\u00e4hlungen bleiben dann auf der Strecke.</p><p></p><h3><b>Das Virus hei\u00dft Kapitalismus</b></h3><p>Mit der gegr\u00fcndeten Arbeitsgruppe \u201eWedding solidarisch&quot; wurde auf den Klassencharakter der (t\u00f6dlichen) Auswirkungen der Pandemie hingewiesen. Denn das Virus ist kein von den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen und Verwerfungen entkoppeltes Gesundheitsproblem. Obwohl es zwar alle betreffen kann, betrifft es nicht alle gleich. Die sozialen Fragen um Arbeitsbedingungen, Wohnraum, patriarchale Gewalt und Rassismus haben sich schon vor der Pandemie gestellt und wurden durch die Krise noch versch\u00e4rft und sichtbarer gemacht. Das Problem liegt im System und es ist unsere Aufgabe, gesellschaftliche Gegenentw\u00fcrfe zu formulieren und auf die Stra\u00dfe zu tragen. Die im Rahmen der Pandemie dr\u00e4ngendere Gesundheitsfrage versetzte uns in die Lage, \u00fcber dieses Thema unsere Kampffelder Antifaschismus/Antirassismus, Mietenk\u00e4mpfe, Arbeitsk\u00e4mpfe und Feminismus zu verkn\u00fcpfen.</p><p>Angesichts der verst\u00e4rkten Repressionen durch omnipr\u00e4sente Polizeikr\u00e4fte, versch\u00e4rfte Bu\u00dfgeldkataloge, die Aushebelung von Freiheitsrechten wie der Versammlungsfreiheit und vieles mehr, musste die Linke (wieder) lernen, unter repressiveren politischen Umst\u00e4nden zu arbeiten. Tausende <a href=\"https://www.unverwertbar.org/aktuell/2020/4805/\">Forderungskataloge</a> (\u201eF\u00fcr eine soziale und demokratische L\u00f6sung der Krise&quot;), Plakate und Aufkleber wurden ausgegeben, im \u00f6ffentlichen Raum verteilt und verklebt - auch mithilfe \u00f6ffentlich beworbener Materialausgabestellen im Stadtteil. Das Ziel, mit radikal-linken Inhalten \u00f6ffentliche R\u00e4ume zu dominieren und die Krise zu deuten, konnte stellenweise erreicht werden. Das geschah plakativ wie praktisch durch konkrete Aktionen und Gespr\u00e4che am Rande der Kundgebungen und im Kiez. Im Wedding organisierten wir von April bis Juli sechs Kundgebungen an zentralen Orten und zwei symbolische Aktionen vor den drei Weddinger Krankenh\u00e4usern. Dabei reihten wir uns in bestehende Aktionsnetzwerke ein, um unsere Themen gesamtgesellschaftlich einbetten zu k\u00f6nnen.<br/></p><p>Neben einem feministischen und antirassistischem Aktionstag galt und gilt dies auch f\u00fcr die bundesweite Plattform <a href=\"https://nichtaufunseremruecken.noblogs.org/\">#NichtaufunseremR\u00fccken</a>. Regionale und \u00fcberregionale Vernetzungen sind jetzt umso wichtiger, um nicht im beschr\u00e4nkten Lokalismus zu verharren. Das gegenseitige \u00fcberregionale Aufeinanderbeziehen unterst\u00fctzt eine organisatorische Kraft im Lokalen, die in der Lage ist, sich krisenfest aufzustellen. Im Rahmen unseres <a href=\"https://www.unverwertbar.org/ueber-uns/struktur/\">r\u00e4tekommunistischen Umstrukturierungsprozesses</a> konnten wir erneut feststellen, dass themenbezogene Diskussionen in Kommissionen, klare Verantwortlichkeiten und transparente Entscheidungswege dabei helfen, auch unter widrigen Bedingungen zu arbeiten.</p><p></p><h3><b>Linke Krisenfestigkeit!</b></h3><p></p><p>Mit der Arbeitsgruppe \u201eWedding solidarisch&quot; wurde Handlungsf\u00e4higkeit in einer politischen Ausnahmesituation hergestellt. Die Agitation mit spezifischen Materialien auf der Stra\u00dfe hat linken, antikapitalistischen Krisenerz\u00e4hlungen und Analysen viel Raum und eine breite Wahrnehmung verschafft, auf die wir weiterhin aufbauen.<br/> Dabei sind diese Inhalte im alten Arbeiter*innenstadtteil Wedding auch vermittelbarer, da hier viele Menschen aufgrund von Armut, Arbeitslosigkeit und beengten Wohnverh\u00e4ltnissen von den kapitalistischen Ausbeutungsmechanismen betroffen sind. Au\u00dferdem sind - abgesehen von t\u00fcrkischen-faschistischen Strukturen - nur sehr wenige rechte Kr\u00e4fte im Alltag pr\u00e4sent.<br/> Selbstkritisch m\u00fcssen wir anmerken, dass die Struktur der Arbeitsgruppe Wedding Solidarisch (z.B. Online-Plena) klassischen linken Praktiken folgte und damit das Potential in der Organisierung von interessierten, nicht-organisierten Menschen auf diesem Wege relativ gering war. Das Beteiligungsmoment in der Praxis von Wedding Solidarisch war dadurch begrenzt. Direkte Gespr\u00e4che am Rande der Kundgebungen waren die haupts\u00e4chliche M\u00f6glichkeit, mit Leuten au\u00dferhalb der gewohnten Kontexte in Kontakt zu treten, insbesondere nach Lockerung der Beschr\u00e4nkungen des \u00f6ffentlichen Lebens. Positive Momente ergaben sich oft bei Gespr\u00e4chen \u00fcber die konkrete Praxis von \u201eH\u00e4nde weg vom Wedding\u201c. Dabei stellt das Stadtteilmagazin <a href=\"https://plumpe.noblogs.org/\">\u201ePlumpe\u201c</a> eine gute Basis dar, um radikal-linke Stadtteilarbeit zu diskutieren und linke Schwerpunkte weiter zu popularisieren.<br/></p><p>Eine Herausforderung bleibt: die in der Corona-Pandemie geschaffenen Solidarit\u00e4tsnetzwerke und Arbeitsgruppen mit der \u00dcberf\u00fchrung in unsere Struktur zu verstetigen. Es zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen der geleisteten Agitation und der Anzahl von Interessierten, die in den folgenden Wochen als neue Gesichter zu unserer Gruppe stie\u00dfen. Dabei kommt der Organisation eine besondere Verantwortung zu, wenn sie Interessierte organisatorisch wie auch ideologisch nachhaltig binden m\u00f6chte. Dabei ist klar, dass die gesellschaftliche Mobilisierung f\u00fcr die antikapitalistische Krisenerz\u00e4hlung unbedingt klare Organisationsformen und ideologische Leitplanken braucht, um auch in Zeiten sich vermeintlich normalisierender Verh\u00e4ltnisse und nachlassender Wut politisch wahrnehmbar zu bleiben.<br/> Thematisch arbeitende Kommissionen mit vorgelagerten Vorfeldstrukturen schaffen dabei niedrigschwellige Angebote, um Menschen den Einstieg in unsere Gruppe zu erleichtern. Wir haben \u201eWedding Solidarisch\u201c in unsere bestehenden Angebote \u00fcberf\u00fchrt, um mit weiteren Aktiven entlang der Kampffelder praktisch weiterzuarbeiten. Ob wir als revolution\u00e4re Linke aus der Coronakrise politisch wie personell gest\u00e4rkt herausgehen k\u00f6nnen, werden wir im Zuge der kommenden Debatten im nationalen wie globalen Kontext sehen.</p><p></p><h3><b>Klassenkampf und Solidarit\u00e4t</b><br/></h3><p>Die Notwendigkeit der klassenbewussten, k\u00e4mpferischen Solidarit\u00e4t ist dr\u00e4ngender denn je. Die \u00f6konomischen Auswirkungen der jetzigen, sich ausweitenden Krise sind kaum zu untersch\u00e4tzen. Diese Krise bietet der herrschenden Klasse einen guten Vorwand, Angriffe auf Arbeitsverh\u00e4ltnisse mit drohender Pleite zu legitimieren: genannt seien hier z.B. eine staatliche Sparpolitik, Versch\u00e4rfung der Arbeitsbedingungen durch Entlassungen, Verhinderung gewerkschaftlicher Arbeit (Union Busting), Outsourcing oder der (gewerkschaftliche) Verzicht auf Gehaltserh\u00f6hungen und Arbeitsk\u00e4mpfe.<br/> Au\u00dferdem steht eine Explosion privater Schulden durch Arbeitslosigkeit f\u00fcr viele Menschen bevor, die sich wiederum in einem dramatischen Anstieg der Zahl von Zwangsr\u00e4umungen und drohender Wohnungslosigkeit zeigen wird. Gerade jetzt braucht es politische Kr\u00e4fte, die diese komplexen, zusammenh\u00e4ngenden Widerspr\u00fcche im Kapitalismus aufzeigen und erkl\u00e4ren.</p><p>Dies verdeutlicht die Dringlichkeit, linke und revolution\u00e4re Organisationen entlang von krisenfesten, planvollen und kontinuierlichen Formen auszurichten. Unsere <a href=\"https://revoltmag.org/articles/bau-auf-bau-auf-revolution%C3%A4re-stadtteilarbeit-neu-organisieren/\">Organisationsformen</a> m\u00fcssen sich an dieser Notwendigkeit orientieren und in der Lage sein, die Fallstricke autonomer und individualistischer Praxis zu \u00fcberwinden. Es muss uns gelingen, den breiten Massen der Lohnabh\u00e4ngigen zu vermitteln, wie sozialistische (Waren-)Produktion, die gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums und politische Partizipation im Sinne einer solidarischen Gesellschaft gerecht zu organisieren sind. Dies sind erste grobe Schlaglichter revolution\u00e4rer Ver\u00e4nderungen. So kann die revolution\u00e4re Linke politisch wie personell aus den Krisen gest\u00e4rkt hervorgehen.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/mit-links-gegen-die-krise/", "id": "https://revoltmag.org/articles/mit-links-gegen-die-krise/", "author": {"name": "H\u00e4nde Weg vom Wedding", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-08-28T09:08:53.242705+00:00", "date_modified": "2020-09-01T18:27:16.490440+00:00", "tags": ["re:think", "lockdown", "stadtteilarbeit", "coronakrise", "corona", "kapitalismus", "solidarit\u00e4t", "organisation"], "summary": "W\u00e4hrend sich weite Teile der postautonomen Linken im teilweisen Shutdown atomisierten, nutzten revolution\u00e4re Organisationen die Krise f\u00fcr ihre klassenk\u00e4mpferische Agenda. In der losbrechenden \u00f6konomischen Krise braucht es eine radikale Linke, die auch in Ausnahmezust\u00e4nden handlungsf\u00e4hig bleibt."}, {"title": "Hinter der rassistischen Polizeigewalt", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Hinter der rassistischen&nbsp;Polizeigewalt</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"clay-banks-qT7fZVbDcqE-unsplash.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/clay-banks-qT7fZVbDcqE-unspla.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Clay Banks</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Hinter der brutalen Polizeigewalt in den USA steht ein perfides System aus Zwangsarbeit, Ausbeutung und Sklaverei, das die USA besonders f\u00fcr schwarze (aber auch andere arme) Menschen etabliert haben.</p><p>Der 13. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten verbietet Sklaverei \u2013 au\u00dfer f\u00fcr Strafgefangene. Nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei konnten so verschiedene Staaten mit den sogenannten \u201eBlack Codes\u201c ihre Sklavenarbeiter*innen zum Weiterschuften zwingen. Die Black Codes stellten \u201eVagabundieren\u201c unter Strafe, zwangen Schwarze unter Strafandrohung, immer einen Job vorweisen zu k\u00f6nnen, begrenzten die Berufswahl f\u00fcr arme schwarze Menschen auf Feldarbeit und Bedienstetent\u00e4tigkeiten und \u00e4hnliches \u2013 und garantierten so den Plantagen- und Minenbesitzer*innen, dass ihre Arbeitskr\u00e4fte ihnen weiter Profite erwirtschaften w\u00fcrden.</p><p>Diese \u201eBlack Codes\u201c gibt es heute nicht mehr. Aber daf\u00fcr gibt es ein Strafrecht, das darauf ausgelegt ist, arme Menschen einsperren zu k\u00f6nnen \u2013 um dann im Knast Profite mit ihnen zu machen. So kann man f\u00fcr den Besitz von <a href=\"https://www.criminaldefenselawyer.com/resources/crack-vrs-powder-cocaine-one-drug-two-penalties.htm\">f\u00fcnf Gramm Crack</a> bis zu f\u00fcnf Jahre in den Knast kommen \u2013 von der Reichendroge Kokain muss man f\u00fcr eine solche Strafe 90 Gramm besitzen. (Und das ist noch die entsch\u00e4rfte Version: Die Strafen f\u00fcr Crackbesitz waren mal knapp 100 mal so hoch wie f\u00fcr Kokainbesitz, jetzt eben \u201enur noch\u201c 18 mal.)</p><h2><b>Endlose Profite durch das Gef\u00e4ngnissystem</b></h2><p>Dazu kommt: Gerichtsprozesse sind teuer. Fast alle Verurteilungen kommen deshalb zustande, ohne dass je die Schuld der Verurteilten gepr\u00fcft worden w\u00e4re. \u201ePlea bargaining\u201c nennt man diese Herangehensweise: Dem Menschen, der beschuldigt wird, ein Verbrechen begangen zu haben, wird angeboten, eine etwas geringere Strafe als die von der Staatsanwaltschaft geforderte H\u00f6chststrafe in Kauf zu nehmen und daf\u00fcr auf eine Verhandlung zu verzichten. Weil Verhandlungen teuer sind und die H\u00f6chststrafe bedrohlich, nehmen knapp 97 Prozent aller strafrechtlich Beklagten <a href=\"https://www.innocenceproject.org/guilty-pleas-on-the-rise-criminal-trials-on-the-decline/\">diese Option an</a>. Zahllose Untersuchungen zeigen, dass die Quote an Menschen, die damit \u201eVerbrechen\u201c zugeben, die sie niemals begangen haben, schwindelerregend hoch ist. <b>[1]</b></p><p>Sind die Leute dann \u2013 wahrscheinlich, weil sie sich keinen Prozess leisten konnten \u2013 mal im Gef\u00e4ngnis gelandet, gilt f\u00fcr sie also das Verbot der Sklaverei nicht mehr. Zahllose gro\u00dfe Konzerne produzieren in amerikanischen Kn\u00e4sten. Immer wieder gibt es Berichte \u00fcber Betriebe, die schlie\u00dfen mussten, weil sie nicht gegen die billigere Konkurrenz der Knastarbeit konkurrieren konnten \u2013 oder von Streikenden, die einfach <a href=\"https://paydayreport.com/prison-labor-replaces-striking-garbage-workers-in-new-orleans/\">durch Gefangene ersetzt</a> werden. Wenn Strafgefangene sich weigern zu arbeiten, droht ihnen <a href=\"https://www.theguardian.com/commentisfree/2018/aug/23/prisoner-speak-out-american-slave-labor-strike\">Isolationshaft</a> \u2013 also Folter.</p><p>Es ist schwierig, Zahlen zu finden, die den Umfang der durch Zwangsarbeit in Kn\u00e4sten erwirtschafteten Profite greifbar machen w\u00fcrden. Aber sicher ist: Es wird eine Menge Geld mit dem gro\u00dffl\u00e4chigen Einsperren von Menschen gemacht. Nicht nur, weil Gefangene f\u00fcr gro\u00dfe Konzerne produzieren, sondern auch, weil Gef\u00e4ngnisse ideale Absatzm\u00e4rkte sind. Sei es f\u00fcr Medizin, Sicherheitstechnik, Kleidung oder f\u00fcr Essen \u2013 einiges davon kann man sogar von den Gefangenen in Zwangsarbeit selbst herstellen lassen.</p><p>Die Privatisierung immer weiterer Teile der Gef\u00e4ngnis-Infrastruktur hat viele sehr profitable M\u00e4rkte erschlossen. Deswegen gibt es eine gro\u00dfe Lobby von Konzernen, die f\u00fcr immer h\u00f6here Strafen f\u00fcr Gefangene streiten.</p><p>In Vertr\u00e4gen mit privaten Betreibern von Gef\u00e4ngnissen verpflichten sich die Staaten f\u00fcr gew\u00f6hnlich, die <a href=\"https://eji.org/news/private-prison-quotas-drive-mass-incarceration/\">Kn\u00e4ste stets belegt</a> zu halten \u2013 unabh\u00e4ngig von der Kriminalit\u00e4tsentwicklung. Das bedeutet: Wenn die Gerichte zu wenig Menschen ins Gef\u00e4ngnis schicken, m\u00fcssen die Staaten Strafe zahlen. Und das wollen sie nat\u00fcrlich nicht.</p><p>In Statistiken kann man sehen, wie die Profite des amerikanischen Knastsystems die Zahl der Gefangenen in die H\u00f6he getrieben haben. Heute sitzen \u00fcber zwei Millionen Menschen in amerikanischen Kn\u00e4sten. Ein Heer aus Zwangsarbeiter*innen und unfreiwilligen Marktankurbler*innen \u2013 darunter <a href=\"https://www.naacp.org/criminal-justice-fact-sheet/\">weit \u00fcberproportional</a> People of Color.</p><h2><b>Wof\u00fcr dieses System?</b></h2><p>Ich stelle mir vor, was es bedeutet, wenn man all das wei\u00df und wenn dann ein Bulle kommt und einen sinnlos herumschubst. Man wei\u00df: Dieser Typ sitzt am l\u00e4ngeren Hebel. Wenn er mag, zeigt er mich einfach an. Unterstellt mir, ich h\u00e4tte mich gewehrt. Zerst\u00f6rt vielleicht mein gesamtes Leben. \u201eDer hat Widerstand geleistet\u201c, ist auch in Deutschland die Standardantwort von Polizist*innen, wenn sie jemand wegen Gewalt anzeigt.</p><p>Andersrum wei\u00df der Bulle: Unser Rechtssystem ist darauf ausgelegt, Leute einzusperren. Mit einer schwarzen Person kann ich eigentlich alles machen \u2013 denn wenn sie sich wehrt, kann ich sie f\u00fcr Jahre im Knast verschwinden lassen. Im Zweifel sag ich einfach: \u201eDer hat sich gewehrt!\u201c Dann passiert mir auch vor Gericht nichts \u2013 <a href=\"https://correctiv.org/aktuelles/justiz-polizei/2015/08/20/polizisten-nur-selten-vor-gericht\">wenn ich denn \u00fcberhaupt</a> vor Gericht muss. Auch nach dem brutalen Mord an George Floyd kam erst einmal die Debatte auf: \u201eHat er sich vielleicht gewehrt?\u201c</p><p>Der brutale Rassismus der Bullen in Amerika konnte auch deswegen so lange so gut funktionieren, weil hinter ihm die Drohung auf ein Leben hinter Gittern steht. Und die brutale Zwangsarbeit des Knastsystems funktioniert deshalb so gut, weil man sie mit rassistischer Spaltung legitimieren kann.</p><p>F\u00fcr die Herrschenden sind diese Mechanismen dringend n\u00f6tig. Nach Sch\u00e4tzung des Landwirtschaftsministeriums haben mehr als <a href=\"https://www.ers.usda.gov/topics/food-nutrition-assistance/food-security-in-the-us/key-statistics-graphics.aspx#foodsecure\">14 Millionen</a> Haushalte in den USA Schwierigkeiten, ausreichend Nahrungsmittel f\u00fcr alle Familienmitglieder zusammenzubekommen. In \u00e4rmeren Gegenden sind inzwischen <a href=\"https://www.theguardian.com/us-news/2017/sep/05/hookworm-lowndes-county-alabama-water-waste-treatment-poverty\">Darmparasiten</a> \u2013 eine Krankheit, die eigentlich nur in den \u00e4rmsten L\u00e4ndern der Welt vorkommt \u2013 weit verbreitet, weil tausende Menschen ohne Zugang zu flie\u00dfendem Wasser oder zu Abwasserkan\u00e4len leben und deswegen gezwungen sind, ihre Schei\u00dfe direkt neben ihrem Haus zu entsorgen. Fast 40 Prozent aller US-Amerikaner*innen gaben in einer Umfrage der Zentralbank Federal Reserve an, eine unerwartete Rechnung von 400 Dollar <a href=\"https://www.federalreserve.gov/publications/2020-economic-well-being-of-us-households-in-2019-dealing-with-unexpected-expenses.htm\">nicht ohne weiteres</a> (etwa nur durch Hilfe von Dritten oder Aufnahme eines Kredits) begleichen zu k\u00f6nnen, w\u00e4hrend allein eine Geburt f\u00fcr Menschen ohne Krankenversicherung zwischen 10.000 und 50.000 US-Dollar kostet. Und mehrere zehntausende Menschen <a href=\"https://news.gallup.com/poll/268094/millions-lost-someone-couldn-afford-treatment.aspx\">sterben jedes Jahr</a> an behandelbaren Krankheiten, weil ihnen das Geld f\u00fcr Medikamente fehlt. Man kann davon ausgehen, dass in den USA eine ziemlich gro\u00dfe Zahl an Menschen regelm\u00e4\u00dfig vor der Wahl steht: Klauen oder sterben.</p><p>Aber die Menschen sollen nicht klauen, sie sollen arbeiten. Billig arbeiten. Selbst dann, wenn der Lohn f\u00fcr einen Vollzeit-Job nicht mal mehr f\u00fcr die Miete eines Zimmers reicht. Was \u00fcbrigens gar nicht so selten vorkommt: Zwischen 15 und 45 Prozent der <a href=\"https://www.urban.org/research/publication/homelessness-programs-and-people-they-serve-findings-national-survey-homeless-assistance-providers-and-clients/view/full_report\">us-</a><a href=\"https://www.urban.org/research/publication/homelessness-programs-and-people-they-serve-findings-national-survey-homeless-assistance-providers-and-clients/view/full_report\">amerikanischen Obdachlosen</a> gehen jeden Tag <a href=\"https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK218239/\">ganz normal</a> zur Arbeit.</p><p>Um Menschen dazu zu zwingen, unter solchen Bedingungen weiter jeden Tag f\u00fcr die Profite eines anderen zu schuften, muss die Alternative furchterregend sein. Das Knastsystem in den USA schafft nicht nur billige Sklavenarbeitskr\u00e4fte f\u00fcr jene Konzerne, die innerhalb der Gef\u00e4ngnisse produzieren. Es h\u00e4lt auch die riesige Masse an Arbeitskr\u00e4ften au\u00dferhalb der Mauern m\u00f6glichst billig \u2013 und, vor allem, ruhig.</p><p>Die billigsten Arbeitskr\u00e4fte in den USA sind Afroamerikaner*innen. Das <a href=\"https://www.nytimes.com/2020/06/01/business/economy/black-workers-inequality-economic-risks.html\">Haushalts-Median-Verm\u00f6gen</a><a href=\"https://www.nytimes.com/2020/06/01/business/economy/black-workers-inequality-economic-risks.html\"> in den USA</a> \u2013 also die Menge an Geld, die jener Haushalt hat, der genau in der Mitte zwischen den reicheren und den \u00e4rmeren 50 Prozent liegt \u2013 betr\u00e4gt f\u00fcr wei\u00dfe Haushalte 171.000 US-Dollar. Bei den schwarzen Haushalten sind es 17.600 US-Dollar.</p><p>Das System der Ausbeutung der Menschen in den USA braucht die Spaltung durch den Rassismus ebenso, wie es das furchterregende Knastsystem mit seiner Sklavenarbeit und die brutalen Polizist*innen braucht.</p><h2><b>Das Prinzip der abgestuften Ausbeutung greift weltweit</b></h2><p>Der Grund, warum Staaten in ihrer praktischen Politik so erbittert rassistische Mechanismen verteidigen, ist, dass man mit ihnen eine Menge Geld machen kann. Nicht nur in den USA.</p><p>In Deutschland sind hunderttausende Menschen akut von Abschiebung bedroht. Sie m\u00fcssen alle paar Monate ihre Duldung verl\u00e4ngern und leben in der st\u00e4ndigen Angst, demn\u00e4chst im Flieger in ein Kriegsgebiet zu sitzen. F\u00fcr viele ist der einzige Weg, ihren Aufenthalt zu sichern, ein Ausbildungsplatz \u2013 oder eine Festanstellung. Ich kenne dutzende junger Menschen, die in beschissen bezahlten Jobs arbeiten, um sich vor der Abschiebung zu retten. Die Drohung lautet hier: Billig arbeiten oder abgeschoben werden.</p><p>Gleichzeitig ist rassistische Spaltung auch in Deutschland eines der effektivsten Mittel, um unliebsame Gesetze durchzusetzen. Beispielsweise im Bereich der \u00dcberwachung: Weil zentrale Datenbanken die technologische Grundlage f\u00fcr Total\u00fcberwachung bieten, werden diese von Datensch\u00fctzer*innen intensiv bek\u00e4mpft. Als vor einigen Jahren die erste zentrale Datenbank in Deutschland geschaffen wurde, wurde dennoch kaum protestiert. Denn die Datenbank <a href=\"https://netzpolitik.org/2016/gefluechtete-als-datenmasse-riesiger-datenpool-fuer-viele-behoerden/\">galt nur</a> f\u00fcr Gefl\u00fcchtete. An ihnen konnte man so jahrelang erproben, was jetzt schrittweise auch f\u00fcr die passdeutsche Bev\u00f6lkerung <a href=\"https://netzpolitik.org/2019/trotz-eilantrag-in-karlsruhe-seehofer-schafft-zentrale-datenbank-aller-buerger/\">eingef\u00fchrt</a> wird.</p><p>Der umstrittene L\u00fcgendetektor, an dessen Entwicklung die EU aktuell arbeitet, wurde zun\u00e4chst an den Grenzen <a href=\"https://www.sueddeutsche.de/digital/grenze-kuenstliche-intelligenz-software-iborderctrl-1.4196243\">getestet</a> und hat es so nie zu gro\u00dfer Bekanntheit gebracht. Und der zeitlich unbegrenzte Pr\u00e4ventivgewahrsam, mit dem die bayerische Polizei Menschen ins Gef\u00e4ngnis sperren kann, ohne dass sie ein Verbrechen begangen h\u00e4tten, wurde bereits dutzende Male angewandt, ohne gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit zu erregen. Denn: Eingesperrt wurden <a href=\"https://netzpolitik.org/2019/bayerisches-polizeigesetz-19-personen-wochenlang-in-praeventivgewahrsam/\">fast ausschlie\u00dflich</a> Gefl\u00fcchtete.</p><p>Diejenigen, die jetzt zu den Aufst\u00e4nden in den USA aber auch zu der Situation der Gefl\u00fcchteten und hunderttausenden Passlosen in Deutschland keine klare Position beziehen, weil sie \u201eausgewogen\u201c bleiben wollen, die unterst\u00fctzen damit nicht nur das unendliche Leid, das der Rassismus bedeutet \u2013 sie st\u00fctzen auch das System der abgestuften Ausbeutung und Disziplinierung, das letzten Endes jede arbeitende Person trifft. Weltweit. Gewisserma\u00dfen ist es ein bitterer Zynismus, dass die schwarze Community in den USA aktuell indirekt auch f\u00fcr eine Verbesserung der Lage vieler wei\u00dfer Rassist*innen k\u00e4mpft.</p><p>Es bleibt zu hoffen, dass auch hierzulande irgendwann die Erkenntnis ankommt, dass es beispielsweise bei der Diskussion um das Bleiberecht von Gefl\u00fcchteten nicht nur um Moral geht, sondern um ein prinzipielles Interesse aller lohnabh\u00e4ngigen Menschen: sich jenen Spaltungsversuchen entgegenzustellen, die, wo sie durchgesetzt werden k\u00f6nnen, die Lage aller arbeitenden Menschen verschlechtern.</p><p>Solidarit\u00e4t mit den K\u00e4mpfen der Unterdr\u00fcckten in den USA und weltweit!<br/></p><hr/><h2><b>Anmerkung:</b></h2><p><b>[1]</b> Theoretisch bekommt man in den USA als Beschuldigte*r in einem Kriminalverfahren eine*n Anwalt*in gestellt, wenn man zu wenig Geld hat, um selbst eine*n zu zahlen. Aber <a href=\"https://scholarlycommons.law.wlu.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=4331&amp;context=wlulr\">zum einen</a> muss man daf\u00fcr nachweisen, dass das Haushaltseinkommen auf oder unter der Armutsgrenze liegt, was dazu f\u00fchrt, dass sehr viele Menschen, denen der Nachweis nicht gelingt oder deren Verdienst knapp \u00fcber der Armutsgrenze liegt, durch das Raster fallen. Und zum anderen sind die staatlichen Anw\u00e4lt*innen vollkommen \u00fcberlastet, was dazu f\u00fchrt, dass sie sich a) nicht wirklich um ihre F\u00e4lle k\u00fcmmern k\u00f6nnen und sehr schnell zum \u201eplea bargaining\u201c raten und b) dass man oft ewig darauf warten muss, eine*n zu bekommen \u2013 und warten muss man h\u00e4ufig im Knast. Deswegen sa\u00dfen beispielsweise in den USA 2015 <a href=\"https://www.theguardian.com/commentisfree/2015/jun/17/poor-rely-public-defenders-too-overworked\">eine halbe Million Menschen</a> bereits seit einem Jahr im Gef\u00e4ngnis, ohne dass je \u00fcber ihre Schuld oder Unschuld entschieden worden w\u00e4re.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/hinter-der-rassistischen-polizeigewalt/", "id": "https://revoltmag.org/articles/hinter-der-rassistischen-polizeigewalt/", "author": {"name": "Laura Meschede", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-06-18T16:50:58.273135+00:00", "date_modified": "2020-06-18T17:30:07.556774+00:00", "tags": ["re:think", "gef\u00e4ngnis", "black codes", "rassismus", "polizeigewalt", "solidarit\u00e4t", "zwangsarbeit"], "summary": "Rassistische Polizeigewalt entsteht nicht im luftleeren Raum. Hinter ihr steht ein perfides System der abgestuften Ausbeutung und Disziplinierung, das in letzter Instanz alle Lohnabh\u00e4ngigen trifft. Und zwar weltweit. Ein Beitrag von Laura Meschede."}, {"title": "Kommunistische Organisation statt Aktionismus", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Kommunistische Organisation statt&nbsp;Aktionismus</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"2258387891_e4b61e528b_o.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/2258387891_e4b61e528b_o.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">ISO</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Im vergangenen Monat entwickelte sich im re:volt magazine eine Debatte um die aktuelle Situation in der Covid-19-Krise, deren politische Einsch\u00e4tzung, sowie die Handlungsm\u00f6glichkeiten der radikalen Linken. Die Genoss*innen von Kritik &amp; Praxis Frankfurt (im Folgenden K&amp;P) blicken in ihrem</i> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/die-selektive-solidarit%C3%A4t-durchbrechen/\"><i>Beitrag von Mitte April</i></a><i> weise voraus und schreiben: \u201eEs wird nicht reichen, Transparente aus den Fenstern zu h\u00e4ngen oder Online-Demonstrationen zu veranstalten. Ohne eine Praxis des zivilen Ungehorsams ist die Ethik der F\u00fcrsorge im Kleinen auch in Zukunft wenig wert. Wir fangen besser heute als morgen damit an, \u00fcber das \u201awie\u2018 nachzudenken.\u201c Dem entgegnet ein zweiter</i> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/bereiten-wir-uns-auf-eine-widerst%C3%A4ndige-zeit-vor/\"><i>Debattenbeitrag von \u00d6kologisch Radikal Links</i></a><i> (im Folgenden \u00d6RL), \u201edass eine politische Praxis nicht nur in unseren K\u00f6pfen, sondern allein durch aktives Agieren und Ausprobieren entsteht\u201c. Es wird gefordert, neue politische Wege zu gehen, um aus der Schockstarre herauszukommen.</i> <i>In diesem Text wollen wir die Frage des \u201ewie\u201c, die von K&amp;P aufgeworfen wurde, den Entwicklungen angepasst weiterdenken und konkretisieren. Dabei darf es zu keiner falschen Dichotomie von Theorie und Praxis und zu keiner verzweifelten Suche nach dem heilbringenden Novum revolution\u00e4ren Handelns kommen.</i></p><p></p><h3><b>Kapitalistische Pandemiebek\u00e4mpfung</b></h3><p>Die Corona-Pandemie ist eine Gesundheitskrise historischen Ausma\u00dfes. Hunderttausende Infizierte, tausende Tote, ungekl\u00e4rte Folgen f\u00fcr Geheilte und so weiter. Der Staat hat darauf zun\u00e4chst mit so genannten Kontaktbeschr\u00e4nkungen reagiert. In der Folge vermeldet die Bundesagentur f\u00fcr Arbeit 10,1 Millionen Meldungen zur Kurzarbeit. Nichtsdestotrotz werden Millionen von Arbeiter*innen weiterhin in ihre Lohnarbeitsst\u00e4tten gezwungen und irrsinnigen gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt. Trotz der umfangreichen Sicherungs- und Auffangma\u00dfnahmen des Staats f\u00fcr die Industrien, lief das Kapital gegen diese Mindestbeschr\u00e4nkungen Sturm und geb\u00e4rt sich dabei als vermeintliche \u201eFreiheitsrechtlerin\u201c. Bei dieser Strategie wird \u2013 nicht unbedacht \u2013 mit Rufen nach Bewegungsfreiheit und Versammlungsrecht ein \u00fcber die Grenzen der jeweiligen Klassen hinaus gemeinsames Interesse, n\u00e4mlich das nach \u201eFreiheit\u201c, imaginiert. Dieses gemeinsame Interesse existiert aber nicht. Was <a href=\"https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/christian-lindner-kontakte-trotz-corona-wieder-smart-ermoeglichen-16720150.html\">Christian Lindner</a> stellvertretend f\u00fcr das deutsche Kapital formulierte, ist die Forderung der totalen Freiheit des Warenaustauschs. Der b\u00fcrgerliche Staat ist diesem Druck naturgem\u00e4\u00df nachgekommen und baut die Lockdown-Ma\u00dfnahmen sukzessive ab. So kann man nun wieder bei T\u20acDI f\u00fcr 1\u20ac-Unterhosen auf Corona-Partys gehen, oder im Fitnessstudio Viren verschleudern. F\u00fcr Arbeiter*innen in diesen Bereichen ist das aber, anders als f\u00fcr andere, keine optionale Angelegenheit. Sie werden dort hin gezwungen. Diesen Lockerungen gegen\u00fcber \u00e4u\u00dfern ernstzunehmende Virolog*innen erhebliche Bedenken.</p><p>K&amp;P liegt also unserer Meinung nach gleichzeitig richtig und falsch, wenn sie die Rolle des \u201eepidemiologischen Wissens und seiner Tr\u00e4ger*innen\u201c zur Antriebsfeder der Lockdown-Ma\u00dfnahmen mit all ihren Folgen erkl\u00e4ren. Richtig, weil die wissenschaftliche Expertise zun\u00e4chst nat\u00fcrlich handlungsanweisend f\u00fcr den Staat gewirkt hat. Falsch, weil sich diese wissenschaftliche Vernunft nicht gegen die Logik des Kapitals durchsetzen konnte, um neue Infektionsherde zu unterdr\u00fccken. Folglich sind es nicht vern\u00fcnftige Gesundheitsma\u00dfnahmen, die die Lebensbedingungen des Proletariats grunds\u00e4tzlich verschlimmern, sondern die aggressiven Angriffe des Kapitals auf das Arbeitsrecht.</p><p>Fast im Stillen wurde der 12-Stunden-Tag in einigen Branchen wiedereingef\u00fchrt, die Ruhezeiten verk\u00fcrzt und die Lohnkosten auf den Staat umverteilt. Mancherorts kam es zudem zu Urlaubssperren. Dabei ist zu erkennen, dass die Phase des Neoliberalismus des sp\u00e4ten 20. Jahrhunderts, in dem es zur relativen Befriedung der Arbeiter*innenklasse (bezogen auf Arbeitsverh\u00e4ltnisse und Lohn) kam, einen Kurswechsel erf\u00e4hrt. Das zeigt sich w\u00e4hrend Corona ganz besonders. Einerseits lassen sich keynesianische Regulierungsprogramme in den USA, der EU und anderswo beobachten, die der Beruhigung des Marktes dienen sollen. Das ist in Krisenzeiten ein ganz normaler Vorgang. Andererseits wird in Deutschland und dar\u00fcber hinaus in ungekannter Intensit\u00e4t an den Arbeitsrechten und -verh\u00e4ltnissen ger\u00fcttelt. Diese Angriffe belegen, dass die aufkommende Krise nicht eine zyklische, \u00e4hnlich der von 2008 ff. ist, sondern eine von historischem Ausma\u00df, vergleichbar mit der von 1929 ff., sein wird.</p><p></p><h3><b>Wo stehen wir?</b></h3><p>Diese Versch\u00e4rfungen der Lohnarbeitsverh\u00e4ltnisse, sowie die l\u00e4cherlich geringen Ma\u00dfnahmen zum Infektionsschutz in den Arbeitsst\u00e4tten, stellen genau jene \u201esozialdarwinistische Logik der Auslese\u201c dar, die K&amp;P beschreibt. Eine nicht beherrschbare Zirkulation des Virus ist schon jetzt, kurz nach den R\u00fccknahmen der Beschr\u00e4nkungen, zu verzeichnen. So \u00e4ndert das Robert-Koch-Institut st\u00e4ndig seine Angaben dazu, ob die effektive Reproduktionszahl des Virus nun unter oder \u00fcber 1,0 liegt. Weiterhin wurde bereits eingestanden, dass die scheinbar sinkenden Neuinfektionen vielleicht auch mit weniger durchgef\u00fchrten Tests zu erkl\u00e4ren sind. Die fehlende Kontrolle ist deutlich erkennbar.</p><p>Und trotzdem: Zwanghaft versuchen sich die Virolog*innen des RKI in Sch\u00f6nf\u00e4rberei der Situation und geben dabei nicht mal \u00fcberzeugend vor, das gesundheitliche Wohl der Menschen im Fokus zu haben. \u201eVerreckt f\u00fcr die Wirtschaft oder verreckt am Hunger\u201c, schreien sie den Arbeiter*innen entgegen, die sie (nun wieder) in den normalen Arbeitsalltag zwingen. Dabei zeigen \u00fcberf\u00fcllte Gesch\u00e4fte und S-Bahnen, erneute Schulschlie\u00dfungen und die Corona-Ausbr\u00fcche in Gro\u00dfbetrieben die Infektionstendenz an. Leben und Gesundheit der Arbeiter*innen werden geflissentlich aufs Spiel gesetzt, um die nationale Wirtschaft gerade auch im Hinblick auf die internationale Konkurrenz zu st\u00e4rken. Die Arbeit des RKI ist folglich nicht einfach eine neutrale, ideologiefreie Darlegung von Fakten, keine einfache epidemiologische Gewissheit.</p><p>Die Frage, die K&amp;P aufwirft, wie nun mit dem ganzen Schlamassel umzugehen sei, erfordert eine strukturelle Analyse des Bestehenden und eine langfristig angelegte Strategie im Sinne der kommunistischen Sache, statt einer nur scheinbar konkreten Widerst\u00e4ndigkeit. Wenn K&amp;P also schreibt: \u201eDie gegenw\u00e4rtige Situation l\u00e4sst sich nicht in der bin\u00e4ren Logik einer einseitigen Parteinahme aufl\u00f6sen: Es gibt nicht einfach ein daf\u00fcr und dagegen\u201c, dann liegen sie nat\u00fcrlich nicht falsch. Dennoch ist das unbefriedigend. Wenn es n\u00e4mlich kein einfaches \u201adaf\u00fcr\u2018 oder \u201adagegen\u2018 gibt, dann muss auch eine ausdifferenzierte Position formuliert werden. Einen Monat nach dem Beitrag von K&amp;P, der eine solche Position gerade nicht ausformulierte, halten wir das f\u00fcr eine dringliche Aufgabe.</p><p></p><h3><b>Alter Wein in neuen Schl\u00e4uchen</b></h3><p>Kritisieren wir also am Beitrag von K&amp;P die fehlende Konkretisierung einer grunds\u00e4tzlich richtigen Initiative, so weisen wir dagegen die Vorschl\u00e4ge von \u00d6RL entschieden zur\u00fcck. Die Bem\u00fchungen und selbstgesteckten Ziele von \u00d6RL nach Aufkl\u00e4rung der Gesellschaft \u00fcber besonders marginalisierte und prekarisierte Gruppen, nach neuen Formen politischer Praxis und nach einer Learning by Doing-Strategie sind weder neu, noch haben sie Konsistenz. Das merkt man auch schon bei der Lekt\u00fcre des Debattenbeitrags.</p><p>In v\u00f6lligem Tunnelblick darauf, \u201espontan\u201c und \u201ewiderst\u00e4ndig\u201c zu werden, attestiert \u00d6RL mehrfach ein Totdiskutieren der Praxis, w\u00e4hrend diese doch angeblich \u201eallein durch aktives Agieren und Ausprobieren entsteht\u201c. Im Widerspruch dazu steht die eigene angebotene Bildungsarbeit. Generell f\u00fchrt die Fetischisierung der Spontaneit\u00e4t nach dem Motto: spontane Bewegungen hier, wenig spontane Organisationsformen dort, zu einigen weiteren Widerspr\u00fcchen. Wird der radikalen Linken zuerst noch die totale Ohnmacht bescheinigt (aus der aufzuwachen sei), wird dann im Weiteren gefordert, die eigene Handlungsmacht auf die Probe zu stellen. M\u00fcssen wir nun erst geweckt werden, oder sollen wir schon losschlagen? Wird auf der einen Seite eine \u201eneue politische Praxis\u201c gefordert, so wird im n\u00e4chsten Zug erkl\u00e4rt, dass Nachbarschaftshilfen \u201ekeine neue Bewegung\u201c ersetzen. Sie seien zwar \u201eAusdruck eines neuen gesellschaftlichen Zusammenhalts\u201c, werden dann aber instrumentell herabgew\u00fcrdigt als \u201eeine Plattform, um lokal mehr Menschen als \u00fcblich zu erreichen\u201c. Stattdessen wird dann an Menschenketten und \u201ewiderst\u00e4ndigeren Aktionen\u201c, mit Graffitis, Kundgebungen und (Online)-Demonstrationen die \u201eneue politische Praxis\u201c ausgemacht.</p><p>Schon Lenin schrieb: \u201eAber es gibt Spontaneit\u00e4t und Spontaneit\u00e4t\u201c, und hielt fest:</p><p><i>\u201eDarum bedeutet jede Herabminderung der sozialistischen Ideologie, jedes Abschwenken von ihr zugleich eine St\u00e4rkung der b\u00fcrgerlichen Ideo1ogie. Man redet von Spontaneit\u00e4t. Aber die spontane Entwicklung der Arbeiterbewegung f\u00fchrt eben zu ihrer Unterordnung unter die b\u00fcrgerliche Ideologie, sie verl\u00e4uft eben nach dem Programm des Credo, denn spontane Arbeiterbewegung ist Trade-Unionismus, ist Nur-Gewerkschaftlerei. Trade-Unionismus aber bedeutet eben ideologische Versklavung der Arbeiter durch die Bourgeoisie.\u201c</i> <b>[1]</b></p><p>\u00c4hnliches geschieht im Text von \u00d6RL auch, die die \u201eintellektuelle Distanz\u201c verfluchen, und damit eben die genaue Analyse meinen. Sie rufen zur spontanen Erprobung der Handlungsmacht auf, fordern aber zugleich maximal reformistische Etappenziele ein, n\u00e4mlich die Wiedereinf\u00fchrung der \u201edemokratischen Freiheitsrechte\u201c, das Demonstrieren und aktionistisch sein. Die wirklich ernsten Fragen, also die nach dem Verlauf der Corona-Krise und der sich zuspitzenden Kapitalkrise, werden zum \u201eschwierigen Dilemma f\u00fcr die radikale Linke\u201c erkl\u00e4rt, und damit nicht angegangen. \u201eAktiv werden!\u201c, scheint da wichtiger.</p><p></p><h3><b>Was tun?</b></h3><p>Statt der konfusen Spontaneit\u00e4t bedarf es einer planvollen kommunistischen Organisation der Arbeiter*innenklasse. Da die autorit\u00e4re Zuspitzung der Lebensverh\u00e4ltnisse unseres Ermessens nach einerseits an den Angriffen der Kapitalist*innenenklasse auf die Lohnarbeitsverh\u00e4ltnisse und andererseits nat\u00fcrlich auch an den Einschr\u00e4nkungen des \u00f6ffentlichen und vor allem privaten Lebens festzumachen ist, m\u00fcssen diese Kampffelder zentraler Gegenstand von Theorie und Praxis sein. Das hei\u00dft im Konkreten:</p><ul><li>Die Kommunist*innen als Teil der Arbeiter*innenklasse m\u00fcssen den Angriff auf das Arbeitsrecht und auf die Lohnarbeitsverh\u00e4ltnisse in den Betrieben und Fabriken beantworten und bek\u00e4mpfen. Unter strategischer Leitung der zu errichtenden Kommunistischen Partei m\u00fcssen wir in die Betriebsr\u00e4te dr\u00e4ngen und zus\u00e4tzlich Arbeiter*innenr\u00e4te in Unternehmen und Abteilungen etablieren. Nicht um die schlechte Reformpolitik der Gewerkschaften vermeintlich besser zu machen, sondern um die St\u00e4rkung der \u201esozialistischen Ideologie\u201c in der Arbeiter*innenklasse voranzutreiben. Reformorientierte Auseinandersetzungen wie beispielsweise Lohnerh\u00f6hungen oder Corona-Schutzma\u00dfnahmen sind dabei nat\u00fcrlich nicht au\u00dfen vor zu lassen, sondern im Gegenteil zu forcieren. Das kann jedoch nicht das Ziel, sondern allenfalls Etappe des Kampfes der Partei, im Gegensatz zu dem von \u201eWiderstandsgruppen\u201c, sein. Wichtiger ist die Verankerung im Proletariat, die Errichtung einer Massenbasis f\u00fcr kommunistische Politik und Organisation.</li></ul><p></p><ul><li>Die in beiden Texten gelobten Nachbarschafts- und Solidarit\u00e4tsnetzwerke sind ein weiterer sehr wichtiger Arm kommunistischer Organisation. Hier in Frankfurt am Main, und auch anderswo, l\u00e4sst sich deutlich erkennen, dass es sich um erfolgreiche Aufbauversuche handelt. So platzen schon die Tafeln, auch ohne Corona, in vielen St\u00e4dten aus allen N\u00e4hten. Die Gabenz\u00e4une, die vielerorts installiert wurden, werden viel genutzt. Wir m\u00fcssen diese Angebote dauerhaft ausbauen, mit hydroponischen Systemen <b>[2]</b>, Gartenkollektiven und so weiter die Versorgung, auch f\u00fcr das Prekariat, stabilisieren und somit verdeutlichen, dass trotz aller \u00f6konomischer und pandemischer Krisen nur die Kommunist*innen es sind, die die materielle Grundsicherung der Arbeiter*innen auf lange Sicht gew\u00e4hrleisten wollen und auch k\u00f6nnen. Somit, oder auch mit den solidarischen Einkaufssystemen f\u00fcr Risikogruppen, werden Beziehungen in der Arbeiter*innenklasse aufgebaut. Gerade in Zeiten der massenhaften Kurzarbeit und den zu erwartenden Krisen auf dem Arbeitsmarkt werden auf diese Solidarit\u00e4tsnetzwerke immer mehr Arbeiter*innen angewiesen sein.</li></ul><p></p><ul><li>Die entstehenden Beziehungen, sowie die kommunistische Organisation der Arbeiter*innen in Partei und R\u00e4te stellen \u00fcberhaupt erst die Voraussetzungen dar, um marginalisierten Menschen Unterst\u00fctzung zu bieten. Diese wurden in beiden Debattenbeitr\u00e4gen zu Recht als die am st\u00e4rksten Betroffenen des kapitalistischen Vollzugs in der Corona-Krise identifiziert. Das zeigt sich gut an der Frankfurter Drogenhilfe, wo sich Arbeiter*innen aus verschiedenen Einrichtungen zusammen getan haben, um die menschenunw\u00fcrdigen Zust\u00e4nde der Szene im Bahnhofsviertel zu kritisieren und <a href=\"https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/corona-in-frankfurt-drogenhilfe-beklagtunhaltbare-\">die Stadt zum Handeln aufzufordern</a>. \u00c4hnlich und in gr\u00f6\u00dferem Umfang muss dies auch bezogen auf die Lage der Gefl\u00fcchteten getan werden. Auch Problemen der immer mehr zunehmenden h\u00e4uslichen Gewalt kann, solidarisch, erst durch einen Ausbau dieser Beziehungsweisen entgegengewirkt werden. So k\u00f6nnen sich Frauen ja erst an Strukturen oder Netzwerke wenden, wenn diese existieren.</li></ul><p></p><ul><li>Die ersten drei Punkte stellen Eckpfeiler der theoretischen und praktischen Arbeit einer Kommunistischen Partei \u2013 auf H\u00f6he der Corona-Zeit \u2013 dar. Dabei ist die Darstellung verschiedener Betroffenheitsgrade von Lohnarbeiter*innen, Prekariat und so weiter nicht als Einbettung in irgendwelche Milieutheorien zu verstehen. Das ist kein Aufruf, sich jetzt auf dieses oder jenes Milieu, welches ob seiner Lage vermeintlich besonders ansprechbar f\u00fcr unsere Politik sei, zu st\u00fcrzen. Die Kommunistische Partei hat sich an der marxistischen Klassenanalyse zu orientieren, und somit den Klassenantagonismus zwischen Proletariat und Bourgeoisie auf die Spitze zu treiben.</li></ul><p>Das bedeutet in diesen Pandemie-Zeiten vor allem auch die Gesundheit der Arbeiter*innen gegen die Profitinteressen der Kapitalist*innen zu verteidigen. Gro\u00dffl\u00e4chige Desinfektionsstationen m\u00fcssen \u00fcberall im \u00f6ffentlichen Raum angebracht werden, gerade vor dem Eintritt in \u00d6PNV oder Supermarkt. Weiterhin muss der Bek\u00e4mpfung der Pandemie alle Unterst\u00fctzung zugetragen werden, die Verharmlosungen und Lockerungsforderungen, seien sie nun vom Kapital oder irgendwelchen Verschw\u00f6rungstheoretiker*innen, rigoros zur\u00fcckgeschlagen werden, beispielsweise durch koordinierte Propaganda- und Medienkampagnen, oder die benannte Beziehungsarbeit.</p><p>Die \u201eHygienedemos\u201c k\u00f6nnen dabei eine n\u00fctzliche Funktion einnehmen. Nicht um \u201eantifaschistischem Widerstand\u201c eine B\u00fchne zu liefern, sondern als Sprungbrett f\u00fcr die eigenen Positionen. So ist die \u00f6ffentliche Meinung einhellig dahingehend, dass es sich bei den Corona-\u201eSkeptiker*innen\u201c um \u201eVerr\u00fcckte\u201c handelt, die unser aller Gesundheit aufs Spiel setzen. Wir m\u00fcssen als radikale Linke diese gesellschaftliche Stimmung zuspitzen und sagen: \u201eGenauso skrupellos ist die Bourgeoisie, die euch in Fabrikhallen quetscht, die euch in engen Z\u00fcgen Fahrkarten kontrollieren l\u00e4sst und allerhand weitere Angriffe auf die Gesundheit organisiert.\u201c</p><p>Das hei\u00dft der Aufbau der Kommunistischen Partei ist die Organisation der Vernunft gegen jeden Angriff auf die Gesundheits- und Lebensverh\u00e4ltnisse der Arbeiter*innen. Diese Vernunft gebietet es, nicht spontan und reaktiv jeder Eintagsfliege hinterher zu jagen, sondern den Aufbau langfristiger Strukturen zu betreiben. Die Corona-Krise ist schon jetzt eine umfassende Kapital- und Gesellschaftskrise, der nur beizukommen ist, wenn die essenzielle Funktion der Kommunistischen Partei mit ihren hier konkretisierten Teilaufgaben erkannt und danach gehandelt wird.</p><p></p><hr/><p></p><h3>Anmerkungen:</h3><p><b>[1]</b> Lenin, <i>Was tun?</i>, Kapitel II \u201eSpontaneit\u00e4t der Massen und Bewusstheit der Sozialdemokratie\u201c.</p><p><b>[2]</b> Hydroponik ist eine Untergruppe der Hydrokultur, bei der Pflanzen ohne Boden gez\u00fcchtet werden, indem stattdessen mineralische N\u00e4hrl\u00f6sungen in einem Wasserl\u00f6sungsmittel verwendet werden.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/kommunistische-organisation-statt-aktionismus/", "id": "https://revoltmag.org/articles/kommunistische-organisation-statt-aktionismus/", "author": {"name": "Kommunistische ArbeiterInnen Organisation (KAO)", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-06-14T08:17:17.778594+00:00", "date_modified": "2020-06-18T17:01:09.762914+00:00", "tags": ["re:think", "frankfurt", "strategiedebatte", "corona", "pandemie", "ausnahmezustand", "klassenkampf"], "summary": "In der bisherigen Corona-Debatte im re:volt wurde laut Kommunistischer ArbeiterInnen Organisation (KAO) Ungehorsam und Widerstand diskutiert. Das seien falsche Pr\u00e4missen. Ein Debattenbeitrag f\u00fcr eine strukturelle Analyse und eine langfristig angelegte Strategie im Sinne der kommunistischen Sache."}, {"title": "Bereiten wir uns auf eine widerst\u00e4ndige Zeit vor!", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Bereiten wir uns auf eine widerst\u00e4ndige Zeit&nbsp;vor!</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"planet over profit.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/planet_over_profit.0ddde28a.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Joe Brusky | Flickr</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Der folgende Debattenbeitrag von</i> <a href=\"https://oekoradikallinks.noblogs.org/\"><i>\u00d6kologisch Radikal Links</i></a><i> ist eine Antwort auf den im April ver\u00f6ffentlichten Beitrag von</i> <a href=\"https://revoltmag.org/articles/die-selektive-solidarit%C3%A4t-durchbrechen/\"><i>Kritik &amp; Praxis Frankfurt</i></a><i>. Wir rufen weiterhin alle antikapitalistischen Zusammenh\u00e4nge und Organisationen dazu auf, sich an dieser Debatte zu beteiligen, Beitr\u00e4ge einzureichen und gerne auch Widerspruch und Kritik zu leisten. Selbstverst\u00e4ndlich sind auch antifaschistische Beitr\u00e4ge gew\u00fcnscht, wie auf die derzeit gr\u00f6\u00dferen Mobilisierungen rechter und verschw\u00f6rungsmythischer Akteur*innen Widerstand von links geleistet werden kann.</i></p><p></p><hr/><p></p><p>Mit dem Ausbruch des Virus SARS-CoV-2 in Deutschland und weltweit, und dem damit verbundenen Lockdown, wurde die Form unserer politischen Arbeit vor weitreichende Probleme gestellt. Nicht nur mussten wir von pers\u00f6nlichen Treffen auf Videokonferenzen umsteigen, auch musste unser gesamtes geplantes Konzept umgearbeitet werden. Was urspr\u00fcnglich als eine Plattform zur Mobilisierung f\u00fcr den Global Climate Strike am 24. April 2020 geplant war, hat sich nun der Bildungsarbeit verschrieben. Wir machen eine Social-Media-Kampagne zur Geschichte und Gegenwart \u00f6kosozialer K\u00e4mpfe und der letzte Vortrag unserer Online-Veranstaltungsreihe hat bereits stattgefunden. Au\u00dferdem wurden mehrere Aktionen im physischen und virtuellen Raum durchgef\u00fchrt.</p><p>So geht es nicht nur uns. Viele Gruppen und Organisationen versuchen neue Wege der Kommunikation und Organisation zu finden. Die aktuellen Ereignisse zeigen jedoch, wie starr und unvorbereitet die Strukturen gro\u00dfer Teile der radikalen Linken sind, wie schwer sie sich tun, in dieser pl\u00f6tzlichen Krisensituationen agieren zu k\u00f6nnen, in der wir wegen \u201esocial distancing\u201c weitgehend aus dem privaten Raum heraus agieren m\u00fcssen und auf das Internet zur\u00fcckgeworfen sind.</p><p>Die Genoss*innen von Kritik &amp; Praxis Frankfurt kommen <a href=\"https://revoltmag.org/articles/die-selektive-solidarit%C3%A4t-durchbrechen/\">in ihrem Debattenbeitrag</a> zu dem \u2013trivialen, aber nat\u00fcrlich richtigen Ergebnis, dass es f\u00fcr eine politische Praxis auch in Zeiten von Corona nicht reicht \u201eTransparente aus dem Fenster zu h\u00e4ngen oder Online-Demonstrationen zu veranstalten\u201c. Der Beitrag schlie\u00dft mit der Forderung, mehr \u00fcber die Art und Weise einer politischen Praxis in Zeiten der Pandemie nachzudenken. Das ist richtig, geht allerdings nicht weit genug. Uns muss klar sein, dass eine politische Praxis nicht nur in unseren K\u00f6pfen, sondern allein durch aktives Agieren und Ausprobieren entsteht, und dann auch ausgehandelt werden kann. Das zeigt uns die Corona-Krise deutlich auf. Die radikale Linke muss also schnell aus ihrer Ohnmacht erwachen. \u00dcber die Art und Weise politischer Praxis <i>nachzudenken</i> ist erst die halbe Miete: wir m\u00fcssen das Wissen, die Erfahrungen und die Handlungsbasis f\u00fcr neue Formen von politischer Praxis f\u00fcr die Zeit des Lockdowns und danach schaffen, und zwar eigentlich schon vorgestern und nicht erst \u00fcbermorgen. Das gilt f\u00fcr eine Praxis im Ausnahmezustand, wie auch f\u00fcr die Zeit danach.</p><h2><b>Aus Fehlern lernen</b></h2><p>Als radikale Linke sind wir in unseren Aktions- und Organisierungsformen oft wenig spontan. Das war auch schon vor Corona so, tritt nun aber viel st\u00e4rker zutage. Bei unvorhersehbaren, sich \u00fcberschlagenden Ereignissen k\u00f6nnen weite Teile der Bewegung oft nur schwerf\u00e4llig, oder gar nicht agieren und reagieren. Immer wieder treten Situationen ein, in denen wir mit unserer einstudierten Praxis an die Grenzen unserer \u00fcblichen Strukturen von w\u00f6chentlichem Plenum und choreographierten Demonstrationen geraten. Selbst im Falle positiver Ereignisse - zum Beispiel spontan entstehender Bewegungen wie Fridays for Future oder den Protesten der Gelbwesten in Frankreich - versteigt sich ein gro\u00dfer Teil der Linken regelm\u00e4\u00dfig in Diskussionen \u00fcber ein F\u00fcr und Wider, ohne daraus eine Praxis zu entwickeln. Letztere ist aber dringend n\u00f6tig. In der konkreten Auseinandersetzung muss ein aktiver Umgang mit neuen, spontanen Bewegungen gefunden werden - und zwar, indem versucht wird, gemeinsame K\u00e4mpfe aufzubauen, zu unterst\u00fctzen und sie mitzugestalten. Nur so k\u00f6nnen wir neue Erkenntnisse und Erfahrungen \u00fcber soziale Ph\u00e4nomene und eine politische Praxis gewinnen, die sich aus rein intellektueller Distanz nicht verstehen lassen.</p><p>Auf negative soziale Ereignisse k\u00f6nnen wir als radikale Linke in weiten Teilen noch schlechter reagieren. Diese scheinen, wenn sie \u00fcber uns hereinbrechen, zu einer Art L\u00e4hmung zu f\u00fchren. Es wirkt fast unm\u00f6glich, in solchen Situationen selbstbewusst aus der Defensive wieder herauszutreten und zu agieren. Bis heute sind wir als radikale Linke zum Beispiel nicht aus der Schockstarre erwacht, die durch den Rechtsruck in der Gesellschaft und den Rechtspopulismus des Gr\u00fcnen-Politikers Boris Palmer, bis hin zur AfD, ausgel\u00f6st wurde. Die Sehnsucht eines Gro\u00dfteils der Menschen nach autorit\u00e4ren Krisenl\u00f6sungen offenbart sich etwa im Erstarken der CDU/CSU, oder dem grassierenden Denunziantentum in der Gesellschaft. Immer wieder etwa gab es in j\u00fcngster Zeit Meldungen, Nachbar*innen h\u00e4tte die Polizei zugerufen, da sich im Nebengarten/-haus mehr Menschen aufhalten w\u00fcrden, als nach Infektionsschutzverordnung erlaubt. Wir haben es nicht geschafft, eine wirkm\u00e4chtige Strategie und Bewegung gegen das Erstarken rechter Diskurse und deren Geltungsmacht aufzubauen. Sowohl die konkreten Interventionen von \u201eNationalismus ist keine Alternative\u201c, als auch die breit angelegten gesellschaftlichen B\u00fcndnisse von \u201eUnteilbar\u201c m\u00fcssen als wichtige und richtige Versuche gewertet werden. Jedoch sind auch sie nicht \u00fcber eine symbolische Wirkung hinausgegangen. Warum nicht?</p><p>Diese Erkenntnisse m\u00fcssen vor allem jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie f\u00fcr unsere linksradikale Politik eine wichtige Rolle spielen. Wir m\u00fcssen aus diesen Fehlern lernen. In der aktuellen Situation ist es notwendig, staatliche Einschr\u00e4nkungen des Lebens und der politischen Handlungsf\u00e4higkeit mit ihren autorit\u00e4ren Phantasien zu hinterfragen. Darunter f\u00e4llt etwa das faktische Versammlungsverbot. Insbesondere mit Blick auf die \u00d6konomie zeigt sich die Willk\u00fcr der Durchsetzung des Infektionsschutzes: so werden hier Arbeitsschutzrechte nur mangelhaft durchgesetzt, um die Profite des Kapitals weiterhin zu erm\u00f6glichen. Ziel muss es jedoch auch sein, die Infektionskette kurz, die Infektionsrate niedrig und die Infektionskurve flach zu halten \u2013 damit die durch die neoliberalen Einsparungen im Gesundheitssystem eingeschr\u00e4nkten Kapazit\u00e4ten nicht \u00fcberfordert werden. Nur so kann auch die Sterberate so gering wie m\u00f6glich gehalten werden. Ein schwieriges Dilemma f\u00fcr die radikale Linke - dennoch m\u00fcssen wir jetzt proaktiv werden!<br/> Die Gesamtheit der Folgen der Corona-Krise ist nicht absehbar. Wir m\u00fcssen uns aber in jedem Fall auf eine sich zuspitzende Krise des Kapitalismus vorbereiten. Hinzu kommen eine Fortsetzung und Versch\u00e4rfung der autorit\u00e4ren Formierung, die sich schon jetzt durch das Vorgehen der Polizei offenbart. So werden bei Aktionen und Demonstrationen vermehrt die Identit\u00e4ten der Aktivist*innen aufgenommen und ihnen Platzverweise erteilt, auch wenn Abstand gehalten wird und Masken getragen werden. Das autorit\u00e4re Verhalten gipfelt in der Aussage, Demonstrant*innen m\u00fcssten nur ihre Schilder ablegen, dann d\u00fcrften sie am selben Ort stehen bleiben. Es n\u00fctzt also nichts, mit der Vorbereitung auf diese Zust\u00e4nde anzufangen, wenn es bereits zu sp\u00e4t ist.</p><p>Einen Masterplan, wie wir jetzt aktiv werden und uns auf das Kommende vorbereiten k\u00f6nnen, kann es dabei nicht geben. Wir m\u00fcssen L\u00fccken und neue Wege finden, in denen wir handlungsf\u00e4hig sind, und diese nutzen! Daf\u00fcr ist es n\u00f6tig, dass wir uns Wissen aneignen und in dieser praktischen Auseinandersetzung l\u00e4ngerfristige Strategien finden. So \u00f6ffnen Online-Formate etwa neue M\u00f6glichkeiten internationaler Solidarit\u00e4t. Diese neuen Erfahrungen k\u00f6nnen auch f\u00fcr die Zeit nach der Pandemie wichtig sein.</p><h2><b>Fragend schreiten wir voran</b></h2><p>Unser Anspruch als Organisierung war von Anfang an, zur Vorbereitung auf eine widerst\u00e4ndige Zeit anzuregen. Das bedeutet f\u00fcr uns, dass wir versuchen, uns und andere weiterzubilden und uns gegenseitig f\u00fcr die Aneignung widerst\u00e4ndiger Aktionsformen zu inspirieren. Bildung, die nicht von unserer Praxis losgel\u00f6st ist, sollte momentan, da wir aktionistisch eingeschr\u00e4nkt sind, eine zentrale Rolle einnehmen. Die von uns kurz <a href=\"https://oekoradikallinks.noblogs.org/oeko-soziale-kaempfe/\">aufbereiteten Texte zu \u00f6kosozialen K\u00e4mpfen</a> oder auch Videos von Aktionen mit Forderungen k\u00f6nnen hier beispielhaft genannt werden. Wir werden in der kommenden Zeit dem Themenfeld der Enteignung mehr und mehr Aufmerksamkeit schenken. Es m\u00fcssen konkrete Forderungen aufgestellt werden, die f\u00fcr eine Gesellschaft abseits der kapitalistischen Verwertung erk\u00e4mpft werden m\u00fcssen. Die M\u00f6glichkeiten der virtuellen Vernetzung und Bildung, zum Beispiel eine \u00fcbergreifende und h\u00f6here Reichweite, wollen wir dabei nicht ungenutzt lassen. Dabei schaffen Nachbarschaftsinitiativen, die \u00fcber Chats laufen, eine Plattform, um lokal mehr Menschen als \u00fcblich zu erreichen. Online-Veranstaltungen er\u00f6ffnen M\u00f6glichkeiten zur internationalen Vernetzung und Solidarit\u00e4t.</p><p>Die im Zuge der Corona-Krise entstandenen Nachbarschaftsinitiativen, in der auch der Gro\u00dfteil von uns, wie auch der restlichen radikalen Linken, in vielen Gro\u00dfst\u00e4dten aktiv ist, sind Ausdruck eines neuen gesellschaftlichen Zusammenhalts. Das Bewusstsein f\u00fcr gesellschaftliche Probleme und die damit zusammenh\u00e4ngende Notwendigkeit solidarischen Zusammenwirkens, auf die die radikale Linke und andere Akteur*innen seit Jahren versuchen aufmerksam zu machen, scheint in der breiteren Gesellschaft zu steigen. Gleichzeitig sind und ersetzen die entstehenden Nachbarschaftsnetzwerke keine neue Bewegung. Vielmehr m\u00fcssen wir diese Entwicklungen als Chance begreifen, um unsere Themen auch in der breiteren Gesellschaft zu platzieren und die entstandenen Netzwerke \u00fcber den Lockdown hinaus als Strukturen beizubehalten. Unsere Politik muss \u00fcber solidarische Nachbarschaftshilfe hinausgehen. So markieren die Proteste und Aktionen bez\u00fcglich der EU-Au\u00dfengrenzen einen Versuch, das gerade zumindest teilweise entstehende solidarische Bewusstsein aufzugreifen und auszuweiten. Unsere Solidarit\u00e4t macht weder vor nachbarschaftlichen Grenzen Halt, noch vor nationalstaatlich gesetzten Grenzen.<br/> Konkrete Beispiele einer bereits bestehenden Praxis, die sich partiell Handlungs-m\u00f6glichkeiten zur\u00fcckerk\u00e4mpft, lassen sich an verschiedenen Stellen alleine schon in unserem direkten Umfeld finden: die Menschenkette der Seebr\u00fccke Frankfurt am 5. April, widerst\u00e4ndigere Aktionen wie von Riseup4Solidarity, im Zuge derer ganz Frankfurt mit Bannern, Graffitis und Tags versch\u00f6nert wurde und vieles mehr. Bundesweit zeigen etwa die Aktionen von #besetzen mit Livestream aus Berlin am 28. M\u00e4rz oder die zahlreichen Aktionen in vielen St\u00e4dten anl\u00e4sslich des 1. Mai, wohin die Reise gehen kann. Verschiedene Initiativen versuchen auch mit Online-Demos den Charakter physischer Kundgebungen auf den digitalen Raum zu \u00fcbertragen. Daran m\u00fcssen wir ankn\u00fcpfen und uns Wissen zu ungehorsamen Aktionsformen im digitalen Raum aneignen, beziehungsweise diese praktisch erproben.</p><p>Wieder einmal trifft es in dieser Krise die ohnehin Prekarisierten der Gesellschaft am st\u00e4rksten: Kranken- und Altenpfleger*innen, prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte, Wohnungslose, Alleinerziehende, Migrant*innen, Frauen und Queers. Dass diese auch in digitalen R\u00e4umen unterrepr\u00e4sentiert sind, erschwert unsere Handlungsm\u00f6glichkeiten noch zus\u00e4tzlich. Es ist notwendig, dass wir auch im \u00f6ffentlichen Raum, beispielsweise durch Aktionen, Banner oder Plakate, Aufmerksamkeit schaffen. Hier m\u00fcssen K\u00e4mpfe gef\u00fchrt, weitergef\u00fchrt und verst\u00e4rkt werden. Dabei d\u00fcrfen allerdings die brennenden Probleme unserer Zeit - die Krise von \u00d6kologie und Kapital - nicht hintenanstehen. Denn sie sind die Grundlage vieler anderer Krisen. Es geht darum, Versuche zu starten - wie es schon einige vorgemacht haben - unsere Handlungsmacht auf die Probe zu stellen. Diese Aufgabe geht \u00fcber die Zeit der Pandemie hinaus. Wir sollten auch jetzt schon die Situation nach Corona mitdenken, ohne uns aber, bedingt durch die schnellen Ver\u00e4nderungen, in st\u00e4ndigen Prognosen zu verlieren. Aber so oder so: Lasst uns f\u00fcr die jetzige und die kommende Zeit Netzwerke schaffen, uns organisieren und Aktionserfahrungen sammeln!</p><p>In den kommenden Tagen und Wochen gibt es einige Anl\u00e4sse, die dazu einladen, kollektiv neue Wege auszuprobieren, sich auszutauschen und neue Erfahrungen zu gewinnen, um uns im Agieren f\u00fcr eine rebellische Politik weiterzuentwickeln. Wir m\u00fcssen jetzt anfangen, die vorherrschenden gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse zum Wanken zu bringen. Fangen wir jetzt damit an: Mutig, auf neuen Wegen, mit kreativen Aktionen, ob verdeckt oder offen! Die N\u00e4chte sind lang! Lasst sie uns nutzen.</p><hr/><h2>Anmerkung</h2><p><i>\u00d6kologisch Radikal Links. Unter diesem Namen wurde in Frankfurt f\u00fcr den 24. April 2020 eine antikapitalistische Mobilisierung f\u00fcr den Global Climate Strike geplant. Aufgrund der ver\u00e4nderten Situation konnte diese nicht wie geplant stattgefunden. Seitdem hat sich \u00d6kologisch Radikal Links der Bildungsarbeit verschrieben und veranstaltet unter anderem einem eine Online-Veranstaltungsreihe und eine Social-Media-Kampagne zu Geschichte und Gegenwart \u00f6kosozialer K\u00e4mpfe. Zudem wurden Banneraktionen durchgef\u00fchrt.</i><br/></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Eine f\u00e4hige Kritik der aktuellen Verh\u00e4ltnisse kann nur in der Praxis mit der Krise entstehen."}, {"title": "Corona-Clicktivismus schafft keine Klimagerechtigkeit", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Corona-Clicktivismus schafft keine&nbsp;Klimagerechtigkeit</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"markus-spiske-u8dkOSphdl8-unsplash.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/markus-spiske-u8dkOSphdl8-uns.d10d45b2.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Markus Spiske</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p><i>Die Autor*innen stellen m\u00f6gliche Strategien und Handlungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Klimabewegung an, da die geplante Massenaktion \u201eShell Must Fall\u201d des B\u00fcndnisses</i> <a href=\"https://code-rood.org/en/shell-must-fall/\"><i>Code Rood</i></a><i> in Den Haag nicht wie geplant im Mai stattfinden kann. Viele Aktivist*innen hatten den Termin bereits im Kalender freigehalten und sich \u00fcber den Themenkomplex der fossilen Industrie informiert. Das l\u00e4sst sich nun nutzen.</i></p><p></p><p>Inmitten der Corona-Pandemie erleben wir eine Welle des aufkommenden Online-\u201eAktivismus\u201d. F\u00fcr viele Menschen ist damit die Hoffnung verbunden, sich dabei politisch sinnvoll bet\u00e4tigen zu k\u00f6nnen. Dies f\u00fchrt bei einigen zu einem R\u00fcckzug ins Internet, da das Netz in vielen L\u00e4ndern einen der letzten verbleibenden \u00f6ffentlichen R\u00e4ume darstellt. Die virtuellen Initiativen zeigen: Auch in diesen schwierigen Zeiten sind viele Menschen willens, sich f\u00fcr soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Dennoch sind die Online-Kampagnen unzul\u00e4nglich. Vielen Aktivist*innen sind sich der Problematik bewusst, dass es sich, allein historisch betrachtet, als viel erfolgreicher erweist, Unterdr\u00fcckung auf anderen Wegen zu bek\u00e4mpfen, als es alle Online-Likes, Shares und Views zusammen verm\u00f6gen. Mit Blick vor allem auf den Bereich der niederl\u00e4ndischen Klimabewegung, auf die Appelle an Vernunft und Gewissen, oder die offensive Verteidigung: Wie sehen Umgang und Strategien von Aktivist*innen derzeit aus?</p><h2>Fossile Brennstoffe verursachen die Klimakrise, nicht ein Mangel an Likes</h2><p>In den Umweltgruppen sind viele Aktivist*innen verunsichert, was w\u00e4hrend der Corona-Ausgangssperren zu tun sei. Dies f\u00fchrt bei einigen zu einem R\u00fcckzug ins Internet, da dieses in vielen L\u00e4ndern einer der letzten verbleibenden \u00f6ffentlichen R\u00e4ume darstellt. Infolgedessen beobachten wir auch in diesem Bereich eine starke Zunahme von Online-Aktivit\u00e4ten der Aktivist*innen. Diese fallen recht unterschiedlich in Form und Inhalt aus. Die niederl\u00e4ndische Sektion von <i>FridaysForFuture</i> beschloss beispielsweise, ihren Streik am 3. April online durchzuf\u00fchren. Die Aktivist*innen riefen <a href=\"https://fridaysforfuture.nl/digital-strike/\">dazu auf</a>, Selfies mit Protestschildern in den sozialen Medien zu ver\u00f6ffentlichen, um damit das Bewusstsein f\u00fcr die Klimakrise zu erh\u00f6hen. Die Sektion von <i>Extinction Rebellion</i> und die niederl\u00e4ndische progressive NGO <i>De Goede Zaak</i> (\u201eDie Gute Sache\u201d, Anm. Red.) starteten eine Petition namens \u201eGeen Poen Zonder Plan\u201c (\u201eKein Geld ohne Plan\u201d). <a href=\"https://actie.degoedezaak.org/petitions/geen-poen-zonder-plan\">Sie fordern von der Regierung</a> unter anderem, Unternehmen nur dann finanziell zu unterst\u00fctzen, wenn sie konkrete Pl\u00e4ne vorweisen, ihre Auswirkungen auf das globale Klima zu senken \u2013 etwa, indem sie ihre Investitionen in fossile Brennstoffe beenden, ihre Belegschaften sch\u00fctzen und in eine Green Economy investieren.</p><p>Die Initiativen zeigen: Auch in diesen schwierigen Zeiten sind viele Menschen willens, sich f\u00fcr soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Dennoch sind diese Online-Kampagnen unzul\u00e4nglich. Das die Aktionen dennoch unzul\u00e4nglich sind, liegt an der zugrunde liegenden Strategie. Zumeist basieren sie n\u00e4mlich auf der liberalen Idee des \u00fcberlegenen Arguments <b>[1]</b>, nach dem die Welt durch das \u00fcberzeugendere Argument zu ver\u00e4ndern sei. Es handelt sich um einen sehr dominanten politischen Ansatz \u2013 zumindest unter Aktivist*innen mit Universit\u00e4tsabschl\u00fcssen, die nicht direkt von unertr\u00e4glicher Ungerechtigkeit betroffen sind. Liberale erkennen zwar an, dass es in unserer Gesellschaft Zust\u00e4nde gibt, welche ge\u00e4ndert werden m\u00fcssen. Ihrer Ansicht nach brennen auch Politiker*innen, Konzerne und die Machthaber*innen nur darauf, Informationen \u00fcber diese Ungerechtigkeiten zu erhalten. Wenn diese Informationen nur ihr Geh\u00f6r f\u00e4nden, so die \u00dcberzeugung, w\u00fcrden die Herrschenden eifrig zuh\u00f6ren und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter alles in ihrer Macht Stehende zur Verbesserung der Lage tun.</p><p>Es ist keine \u00dcberraschung, dass dieser Ansatz nicht funktioniert. Obwohl der Treibhausgaseffekt in der akademischen Welt und dar\u00fcber hinaus seit 1896 <b>[2]</b> bekannt und sehr gut nachgewiesen ist, f\u00fchrte dies nicht dazu, fossile Brennstoffe im Boden zu lassen. Auch hat es beispielsweise den \u00d6l-Multi Shell nicht daran gehindert, ganze L\u00e4nder zu kolonisieren, um mit dem globalen Export fossiler Brennstoffe Milliarden zu verdienen. Shell wird nicht aufh\u00f6ren, nur weil wir sagen, dass der Multi auf einem Irrweg ist. Er wird dann damit aufh\u00f6ren, wenn er von uns gestoppt wird. Hierbei bleiben aber die meisten Onlinekampagnen zahnlose Tiger.</p><p>Im Gegensatz zu dieser liberalen Auffassung von Politik besteht eine lange Tradition verschiedener radikaler Ans\u00e4tze. In diesen wird vorausgesetzt, dass die Reichen und M\u00e4chtigen ihre Privilegien nicht freiwillig aufgeben werden. In jenen Ans\u00e4tzen wird die gesellschaftliche Verfassung im st\u00e4ndigen Wandel gesehen. Die gesellschaftliche Entwicklung entfaltet sich aus Konflikten zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Akteur*innen (marxistisch: antagonistische Klassenverh\u00e4ltnisse). Aus den Konflikten gehen auch (unterdr\u00fcckerische) soziale Strukturen hervor; zum Beispiel das Patriarchat, White Supremacy, Ableism und so weiter. Radikale streben an, diese unterdr\u00fcckerischen Strukturen abzubauen, statt sie zu reformieren. Wir werden nicht auf eine bessere Behandlung warten.</p><h2><b>Es ist ein Marathon, kein Sprint</b></h2><p>Wir m\u00fcssen demokratische Gegenmacht aufbauen, um Ungerechtigkeiten gemeinsam zu stoppen. Gegenmacht aber entsteht dann, wenn Menschen, die sich dem Kampf f\u00fcr ihre Befreiung verschrieben haben, zusammenkommen und untereinander verl\u00e4ssliche Bindungen und Beziehungen aufbauen <b>[3]</b>. Am Arbeitsplatz praktische Solidarit\u00e4t zu \u00fcben, oder ein Frauen*haus am Laufen zu halten, erfordert ganz andere F\u00e4higkeiten als eine Onlinekampagne. Das Engagement hat damit einen l\u00e4nger anhaltenden Einfluss, als die Arbeit daran, einen Flashmob viral werden zu lassen.</p><p>Gegenmacht aufzubauen dauert mitunter l\u00e4nger als ein Bachelor-Abschluss. Es handelt sich um keinen zeitlichen Sprint, sondern um einen Marathonlauf. Um nur einige internationale Beispiele zu nennen: Die s\u00fcdmexikanischen Zapatistas bereiteten sich zehn Jahre lang versteckt im lakadonischen Urwald vor, ehe sie am Neujahrestag 1994 den offenen Aufstand begannen <b>[4]</b>. Der Revolution in der nordsyrischen Region Rojava ging jahrzehntelange Aufbauarbeit in D\u00f6rfern voraus <b>[5]</b>. Ganz gleich also, wie dr\u00e4ngend der Kampf gegen Klimaungerechtigkeiten auch ist; die systematische Unterdr\u00fcckung durch Patriarchat, Kolonialismus, Kapitalismus und Rassismus dauert schon seit vielen Jahrhunderten an. Es hat Ewigkeiten gedauert, diese Unterdr\u00fcckungssysteme zu entwickeln. F\u00fcr ihre Abschaffung ben\u00f6tigen wir einen wahrscheinlich ebenso langen Atem <b>[6]</b>.</p><p>Gegenmacht aufzubauen hei\u00dft, langfristige <a href=\"https://revoltmag.org/articles/eine-kurze-geschichte-der-klimagerechtigkeit/\">tragf\u00e4hige Strukturen des Widerstands</a> zu schaffen. W\u00e4hrend wir diesen \u201eradikalen\u201d Artikel \u00fcber radikale Politik schreiben, bek\u00e4mpft die <i>Gulabi Gang</i> seit \u00fcber einem Jahrzehnt Missbrauch und h\u00e4usliche Gewalt in Indien. Hierzu bilden Frauen Selbstverteidigungskommandos. Sie trainieren Stockkampf und gr\u00fcnden Nachbarschaftsgerichte, um so zugunsten der Opfer direkt gegen h\u00e4usliche Gewalt vorzugehen <b>[7]</b>. Ein lokaleres, im Allgemeinen weithin unbekanntes Beispiel f\u00fcr Gegenmacht ist die <i>Rode Hulp</i> der 1930er Jahre in Groningen. Die Organisation half Tausenden von Kommunist*innen und Antifaschist*innen, der Verfolgung in Nazi-Deutschland zu entkommen. In Zusammenarbeit mit dem kommunistischen Untergrund in Deutschland wurde internationale Solidarit\u00e4t so zu einer lebensrettenden Praxis <b>[8]</b>. Diese Beispiele beweisen, dass selbst unter den widrigsten Bedingungen gew\u00f6hnliche Menschen Unterdr\u00fcckung wirksam bek\u00e4mpfen k\u00f6nnen. Was bedeuten die Beispiele aus der weltweiten Geschichte f\u00fcr unsere aktuelle Situation \u2013 oder anders: Was ist zu tun?</p><h2><b>Radikal anders</b></h2><p>Radikale Graswurzelpolitik kann nicht durch Online-Kampagnen oder Petitionen ersetzt werden. Selbstverst\u00e4ndlich brauchen wir schriftliche und theoretische Arbeit, und diese Arbeit kann auch online entstehen oder verbreitet werden. Um uns zu organisieren, brauchen wir Infoabende, Leserunden, Texte und Debatten, online oder offline. Auch m\u00fcssen Informationen \u00fcber unsere Vorhaben \u00fcber unsere direkten Netzwerke hinaus verbreitet werden. F\u00fcr verschiedene Anl\u00e4sse und Zielgruppen eignen sich dabei verschiedene Mittel und Wege \u2013 Flyer, Graffiti, Kunst, B\u00fccher, Blogs und so weiter. Unz\u00e4hlige Dinge k\u00f6nnen wir auch jetzt tun, ohne eine gro\u00dfe Menschenmenge auf einmal versammeln zu m\u00fcssen. Seien wir kreativ!</p><p>In anderen politischen K\u00e4mpfen wird hier bereits mit viel Kraft vorgelegt: Im norditalienischen Mailand <a href=\"https://revoltmag.org/articles/ausz%C3%BCge-einer-chronik-aus-mailand-in-zeiten-von-corona/\">initiierten Militante</a> die <i>Brigade Volontarie per l&#x27;emergenza</i>, die armen Menschen angesichts des sozialen Zusammenbruchs, der mit der Corona-Krise und einer gleichg\u00fcltigen Regierung einherging, Unterst\u00fctzung anbietet. Unterdessen streiken Erwerbst\u00e4tige in ganz Italien f\u00fcr Gesundheitsschutz und soziale Sicherheit, und es kommt zu einer Welle von Gef\u00e4ngnisrevolten. Radikale in Venedig und vielen anderen St\u00e4dten organisieren <a href=\"https://revoltmag.org/articles/ein-brief-aus-italien/\">Netzwerke gegenseitiger Hilfe</a>, die sich vor allem auf prek\u00e4re Arbeitnehmer*innen im Logistiksektor, in Callcentern und der Landwirtschaft konzentrieren. In Frankfurt am Main und an vielen anderen Orten wurden <a href=\"https://revoltmag.org/articles/solidarit%C3%A4t-hei%C3%9Ft-solidarit%C3%A4t-f%C3%BCr-alle/\">Kundgebung</a>en, mit der Forderung, die Festung Europa zu \u00f6ffnen, organisiert: #LeaveNoOneBehind im Mittelmeer. Die Demonstrant*innen standen dabei im \u00f6ffentlichen Raum im Abstand von jeweils 2,50 Metern. Gefl\u00fcchtete Frauen*, die in einem \u00fcberf\u00fcllten Lager auf der griechischen Insel Lesbos festsitzen, begannen damit, <a href=\"https://wirkommen.akweb.de/2020/03/wie-die-bewohnerinnen-des-fluechtlingslagers-moria-gegen-das-corona-risiko-kaempfen/\">Gesichtsmasken zu n\u00e4hen</a>. Gleicherma\u00dfen f\u00fcr Gefl\u00fcchtete, wie auch f\u00fcr die griechischen Inselbewohner*innen.</p><p>Unsere Erkenntnis: Diese Aktivit\u00e4ten basieren auf bereits bestehenden Beziehungen und Strukturen und erreichen deshalb weit mehr als reine Internetagitation. Solange das gegenw\u00e4rtige Onlinefieber zudem auf liberalen Ideen gr\u00fcndet, werden wir damit keine Klimagerechtigkeit erreichen. Als Radikale wollen wir Gegenmacht aufbauen, die in den Communities verankert ist, um Unterdr\u00fcckung zu beenden. Onlinetools k\u00f6nnen bei radikalen Bildungs-, Organisations- und Mobilisierungsstrategien helfen, aber sie sind kein Selbstzweck.</p><h2><b>Was ist radikale Klimapolitik?</b></h2><p>Im Herbst 2018 hatte die deutsche Polizei enorme Schwierigkeiten bei der R\u00e4umung des Hambacher Forsts. Nachdem Hebeb\u00fchnen, gl\u00fccklicherweise ohne Personenschaden, abgebrannt waren, trauten sich Leihfirmen in Deutschland nicht mehr, der Polizei Hebeb\u00fchnen f\u00fcr die R\u00e4umung der Baumh\u00e4user zu vermieten. Schlie\u00dflich konnte die deutsche Polizei dann doch noch, in den Niederlanden bei der Firma Boels, Hebeb\u00fchnen mieten \u2013 offensichtlich au\u00dferhalb der Reichweite von deutschen Umweltautonomen. Beispielhaft lie\u00dfe sich der Radius dieser Form von autonomer Gegenmacht \u00fcber Landesgrenzen hinweg deutlich durch den Aufbau von internationalen und vertrauensvollen Beziehungen der Klimabewegung im Stil der historischen <i>Roden Hulp</i> erweitern. Au\u00dferdem wird hier deutlich, dass selbst fossile Gro\u00dfkonzerne wie RWE oder Shell sehr verwundbar sind. Ohne kooperationswillige Gesch\u00e4ftspartner*innen k\u00f6nnen die Multis offensichtlich noch nicht einmal eine Hebeb\u00fchne zum Fensterputzen ausleihen. Auch in Corona-Zeiten lassen sich derartige Zusammenh\u00e4nge recherchieren und m\u00f6gliche Aktionen vorbereiten.</p><p>Zahllose weitere Beispiele bietet die Geschichte und Gegenwart der Anti-Atombewegung. So gaben Wendlandveteran*innen 2017 auf einem Klimacamp Gleisblockade-Workshops. Aus pers\u00f6nlichen Beziehungen erwuchsen so Strukturen von Gegenmacht. Diese Beziehungen m\u00fcssen auch in Corona-Zeiten gepflegt und ausgeweitet werden. Warum nicht in Corona-Zeiten als Erntehelfer*in auf den Feldern um die Kohlekraftwerke herum anheuern und so die Gegend besser kennenlernen?</p><p>Mittelfristig versprechen gemeinsame K\u00e4mpfe von Klimaaktivist*innen und den wohlwollenden Teilen der Belegschaften von Shell (und Konsorten) Erfolge. Hierzu braucht es konkrete, ausgearbeitete Entw\u00fcrfe f\u00fcr eine radikale Abwicklung fossiler Industrien und die zeitgleiche Entwicklung attraktiverer, interessanterer und sinnvollerer Arbeitspl\u00e4tze, welche auf eine sozial und \u00f6kologisch w\u00fcnschenswerte Zukunft hinwirken. Die Ausarbeitung solcher Projekte und die n\u00f6tige Recherchearbeit sind auch in Coronazeiten sehr gut m\u00f6glich \u2013 jetzt vielleicht hier und da sogar mehr denn je. Letzten Endes liegt die Macht in jedem Unternehmen bei den Arbeitenden: Sollten mal die Kohlebaggerfahrer*innen streiken, ist <i>Ende Gel\u00e4nde!</i> auch ohne Massenaktion m\u00f6glich. Doch die Lohnabh\u00e4ngigen im Bergbau werden sich erst auf die Klimabewegung einlassen, wenn diese ihnen eine bessere Zukunftsstrategie bieten kann (als die fossilen Konzerne). Lokf\u00fchrer*innen, die Kohlez\u00fcge fahren, k\u00f6nnen genauso gut andere G\u00fcter- oder Personenz\u00fcge fahren. Mechaniker*innen oder Techniker*innen aus den fossilen Industrien k\u00f6nnten stattdessen Stra\u00dfenbahnen, Fahrr\u00e4der oder landwirtschaftliche Ger\u00e4te instandhalten. Ingenieur*innen k\u00f6nnten anstatt neuer Projekte, den R\u00fcckbau fossiler Infrastruktur und deren Entsorgung und Recycling planen und \u00fcberwachen. Wie die Coronakrise zeigt, hat auch der Staat genug Geld f\u00fcr alle m\u00f6glichen Transformationsprozesse, solange der politische Druck vorhanden ist. Warum nicht eigentlich f\u00fcr die Abwicklung von Shell und Co.?</p><h2><b>Handlungs-Perspektiven in Zeiten von Corona</b></h2><p>Wir m\u00fcssen uns zusammen auf die Seite der Unterdr\u00fcckten stellen und eine umfassende Analyse der politischen Situation leisten. Diese wird uns schlie\u00dflich helfen, erfolgreiche Strategien zu entwickeln, um den Status Quo anzugehen \u2013 und zwar w\u00e4hrend, wie auch nach Corona \u2013 oder vor dem n\u00e4chsten Ausnahmezustand. Die Ausbeutung von Communities und nat\u00fcrlichen Ressourcen zwecks Profit durch den globalen Neoliberalismus geht weiter. Shell und Konsorten etwa werden weiterhin in der Erde herumbohren, ganz gleich, ob wir bestens informiert allein zu Haus sitzen oder nicht.</p><p>Da Versammlungen und Massenaktionen in den bisherigen Formaten gerade nicht durchsetzbar sind, scheint die Stunde der Kleingruppenaktionen geschlagen zu haben: Aus Freundeskreisen k\u00f6nnen in den eigenen vier W\u00e4nden Bezugsgruppen geformt, je nach Wollen und K\u00f6nnen vielseitige Aktionen vorbereitet und durchgef\u00fchrt werden. Auch in Corona-Zeiten sind Spazierg\u00e4nge m\u00f6glich. Die perfekte Gelegenheit, um fossile Infrastruktur auszukundschaften. Davon gibt es n\u00e4mlich sehr viel in Stadt und Land. Nicht nur die Aktion\u00e4r*innenversammlung macht Shell als Konzern aus, sondern auch jede Menge andere Geb\u00e4ude, Anlagen, Verladestationen und so weiter. Scouting, Recherche und Vorbereitung lassen sich gut direkt heute noch angehen. Die Umsetzung von Kleingruppenaktionen gelingt derzeit vielleicht noch besser als sonst \u2013 und auch k\u00fcnftige gr\u00f6\u00dfere Aktionen k\u00f6nnen schon jetzt vorbereitet werden.</p><p>Bislang ungeschlagene Champions in der praktischen Abwicklung fossiler Industrie sind die seit 2016 aktiven <i>Niger Delta Avengers</i> (NDA). Die Avengers sind eine klandestine, gut (aus-)gebildete Guerillaeinheit, welche organisiert und systematisch vorgeht: Mittels leichter Waffen und Schnellboote zerst\u00f6ren sie die Erd\u00f6linfrastruktur von Shell und Chevron in Nigeria. Ihr Ziel ist es, den Export von Erd\u00f6l aus Nigeria g\u00e4nzlich zu stoppen und Kompensationen f\u00fcr die jahrzehntelangen Zerst\u00f6rungen durch die Erd\u00f6lf\u00f6rderung zu erzwingen. Aufgrund ihrer Angriffe sank der Erd\u00f6lexport Nigerias so tief wie seit 20 Jahren nicht mehr \u2013 zeitweise um \u00fcber 40 Prozent <b>[9]</b>. Es ist auch in unseren Breitengraden unm\u00f6glich, s\u00e4mtliche fossile Infrastruktur l\u00fcckenlos vor Angriffen der Klimabewegung zu sch\u00fctzen. Wer lange genug sucht, wird Schwachpunkte finden: Online oder offline.</p><p>Weltweit sind tagt\u00e4glich Menschen auf unterschiedliche Weise im Kampf gegen die Zerst\u00f6rung von Natur- und Lebensgrundlagen, sowie die Klimakrise aktiv. Was wird erst m\u00f6glich werden, wenn sich all diese K\u00e4mpfe besser miteinander verkn\u00fcpfen, um gegen das fossile Kapital und dessen Verbrennen fossiler Ressourcen vorzugehen? Von der Dakota-Access-Pipeline in Nordamerika zu den Anti-Steinkohle-K\u00e4mpfen von Indigenen in Kolumbien oder Australien, bis hin zur Erd\u00f6lf\u00f6rderung in Nigeria, den Raffinerien in den Niederlanden, oder deutschen Tagebauen und Kraftwerken? Den Plan f\u00fcr die neue Klima-Internationale k\u00f6nnen wir schon mal zu Hause aushecken; und ebenso die Vernetzung mit Mitstreiter*innen und Genoss*innen weltweit.</p><p>Wir bereiten uns vor. Wir organisieren uns<b> [10]</b>. Wir werden versuchen, scheitern, reflektieren, weiter versuchen...und k\u00e4mpfen, bis wir gewinnen!</p><p></p><hr/><p><i>Merel ist seit Jahren in der niederl\u00e4ndischen Klimabewegung aktiv. Jakobus arbeitet in der \u00f6kologischen Landwirtschaft und nimmt an Aktionen der Klimabewegung teil. Eine Version ihres Artikels erschien unter</i> <a href=\"https://code-rood.org/en/2020/04/13/corona-clicktivism-does-not-bring-climate-justice/\"><i>\u201eCorona Clicktivism Does Not Bring Climate Justice\u201d</i></a><i> auf der Seite des B\u00fcndnisses Code Rood.</i></p><hr/><h2><b>Anmerkungen</b></h2><p><b>[1]</b> Im gesamten Text beziehen wir uns auf das Gegensatzpaar <i>liberal / radical,</i> welches im Englischen weiterverbreitet ist als im Deutschen. Die Begriffe reformistisch / revolution\u00e4r, oder linksliberal / linksradikal sind m\u00f6gliche Ann\u00e4herungen. Das Gegensatzpaar Liberal / Radikal wird ausf\u00fchrlich von Lierre Keith im Buch \u201eDeep Green Resistance\u201c dargestellt: S.61-112 (2011) von Aric McBay, Lierre Keith und Derrick Jensen. Seven Stories Press. New York. Das Buch ist auch online <a href=\"https://deepgreenresistance.net/en/resistance/civilization/civilization-irredeemable/%20inklusive%20%C3%9Cbersichtstabelle%20zum%20Liberal/RadikalSplit\">vollst\u00e4ndig einsehbar</a>. Eine k\u00fcrzere Zusammenfassung auf Deutsch findet sich auf S.150ff. in \u201eNachhaltig aktiv sein und bleiben\u201c (2019) von Timo Luthmann. Unrast Verlag. M\u00fcnster.</p><p><b>[2]</b> Der schwedische Wissenschaftler Svente Arrhenius publizierte als Erster 1896 einen <a href=\"https://www.rsc.org/images/Arrhenius1896_tcm18-173546.pdf\">wissenschaftlichen Artikel</a>, in dem er den Einfluss von industriell ausgesto\u00dfenem CO2 auf die Erdatmosph\u00e4re berechnete: \u201eOn the Influence of Carbonic Acid in the Air upon the Temperature of the Ground\u201c. In: Philosophical Magazine and Journal of Science Series 5, Volume 41, April 1896, pages 237-276. Die deutschen und englischen <a href=\"https://de.wikipedia.org/wiki/Svante_Arrhenius\">Wikipedia-Artikel</a> geben einen \u00dcberblick \u00fcber sein Leben.</p><p><b>[3]</b> Die \u201e11 Thesen\u201c vom <i>Kollektiv! Bremen</i> bieten einen <a href=\"https://de.indymedia.org/node/9708\">inspirierenden Vorschlag</a> f\u00fcr eine revolution\u00e4re Organisierung in der Gegenwart. Mit dem Fokus auf Bewegungen f\u00fcr Klimagerechtigkeit bietet das auch das Brosch\u00fcrenprojekt <a href=\"https://organizingcoolstheplanet.wordpress.com/about-organizing-cools-the-planet/\">Organizing Cools the Planet</a> aus Nordamerika und die deutsche Adaption <a href=\"http://www.wurzelnimtreibsand.de/\">Wurzeln im Treibsand</a> von ausgeco2hlt.</p><p><b>[4]</b> Die Website der EZLN in <a href=\"http://enlacezapatista.ezln.org.mx/\">mexikanischem Spanisch</a> und ihr mehrsprachiger <a href=\"https://radiozapatista.org/?page_id=3365&amp;lang=en\">Radiosender</a>.</p><p><b>[5]</b> Zur Geschichte der kurdischen Freiheitsbewegung in Rojava ein Artikel des kurdischen <a href=\"https://www.yxkonline.org/2019/07/21/7-jahre-rojava-revolution/\">Studierendenverbandes YXK</a>.</p><p><b>[6]</b> Bereits 2009 ver\u00f6ffentlichte die <i>Bundeskoordination Internationalismus</i> (Buko) hierzu den Artikel \u201e<a href=\"https://www.buko.info/fileadmin/user_upload/doc/projekte/klima_assoe_09.pdf\">Vergesst Kopenhagen, die Katastrophe ist l\u00e4ngst da</a>\u201c. Darin wird ein vorschneller \u201eKatastrophismus\u201d kritisch hinterfragt.</p><p><b>[7]</b> Zur <a href=\"https://gulabigang.in/history.php\">Website</a> und <a href=\"https://gulabigang.in/videos.php\">Videos</a> der <i>Gulabi Gang</i>.</p><p><b>[8]</b> <i>Rode Hulp</i> \u2013 De opvang van Duitse Vluchtelingen in Groningerland 1933-1940 von IPSO-geschiednisgroep Groningen (Redaktion: Ruud Weijdeveld). 1986. Groningen. Seit letztem Jahr ist auch eine deutsche \u00dcbersetzung erh\u00e4ltlich: IPSO-Geschichtsgruppe Groningen. Rode Hulp (Rote Hilfe) Die Aufnahme deutscher Fl\u00fcchtlinge im Groningerland 1933-1940. 2018. Hans-Gerd Wendt.</p><p><b>[9]</b> Mehr Infos dazu auf <a href=\"http://www.nigerdeltaavengers.org/\">deren Homepage</a>, sowie beim britischen <a href=\"https://guardian.ng/opinion/the-threat-by-niger-delta-avengers/\"><i>Guardian</i></a><i>,</i> oder der <a href=\"https://www.bbc.com/news/world-africa-36414036\"><i>BBC</i></a><i>.</i></p><p><b>[10]</b> F\u00fcr konkrete erste Schritte zur Gr\u00fcndung einer Klimagruppe empfehlen die Autor*innen die entsprechende <a href=\"https://interventionistische-linke.org/solidarity-will-win\">Brosch\u00fcre der <i>interventionistischen Linken</i> (iL)</a>. Und zur weiteren Organisierung unter dem Ausnahmezustand einer Pandemie <a href=\"https://www.stroomversnellers.org/campagne-voeren-in-een-pandemie/\">diesen Artikel</a> (<i>Stromversnellers</i>, Campagne voeren in een Pandemie).</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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Das ist politisch aber problematisch, wenn es Handlungs-Alternativen abseits davon unsichtbar macht. Ein Debattenbeitrag aus der Klimabewegung."}, {"title": "Krise, Klima, Klopapier", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Krise, Klima,&nbsp;Klopapier</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"HamsterKlopapierCorona.JPG\" height=\"420\" src=\"/media/images/HamsterKlopapierCorona_mnaQtB.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Alp Kayserilio\u011flu</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p>Die Krise ist zur\u00fcck: Nach der Asienkrise (1997), dem Platzen der Dotcom-Blase (2000) und der so genannten Finanzkrise (ab 2008) steuert nun alles mit Volldampf auf die n\u00e4chste gro\u00dfe \u00f6konomische Krise zu. Dieses Mal ist es eine Pandemie, die alles ins Trudeln bringt, und damit den Ausbruch der Krise vorwegnimmt. Doch was auch immer die Ausl\u00f6ser nun sein m\u00f6gen \u2013 ob nun partiell oder wie bereits 2008 allgemein, ob territorial einigerma\u00dfen begrenzt oder global: \u00d6konomische Krisen sind offensichtlich ein fester Bestandteil der auf Profit und Markt ausgerichteten Gesellschaftsordnung.</p><p>Die Besonderheiten der jeweiligen Krisenverl\u00e4ufe einmal au\u00dfen vorgelassen, sind die allgemeinen Muster von verbl\u00fcffender \u00c4hnlichkeit. Zun\u00e4chst wirtschaftliche Erholung mit Krediten zur Finanzierung des Aufschwungs. Dann folgt beschleunigtes Wachstum und Euphorie. Schlie\u00dflich Kursst\u00fcrze, Panikverk\u00e4ufe, Zusammenbruch und massenhafte Insolvenzen. W\u00e4hrend in den zyklischen Wachstumsperioden die Wirtschaftsliberalen die gefragten Talkshowg\u00e4ste sind, schl\u00e4gt in der Krise stets die Stunde der Protektionist*innen und Keynesianer*innen. T\u00e4glich gr\u00fc\u00dft das Murmeltier!</p><h2><b>Funke \u2026</b></h2><p>Auch jetzt rufen alle wieder nach Staatshilfen. Von den (Solo-)Selbstst\u00e4ndigen \u00fcber den Mittelstand bis zum transnationalen Unternehmen, von der Szenekneipe bis zu Apple und VW: Unternehmen drosseln die Produktion oder stellen sie ganz ein. L\u00f6hne werden gek\u00fcrzt, massenhaft Erwerbst\u00e4tige auf die Stra\u00dfe gesetzt. Das Bruttosozialprodukt und der \u00d6lpreis st\u00fcrzen ab, Pleitewellen sind im Anmarsch. Der IWF rechnet mit der gr\u00f6\u00dften Krise seit der Gro\u00dfen Depression und die Konjunktur- und Rettungsprogramme \u00fcbersteigen in ihrem Umfang bereits jetzt alle bis hierher bekannten.</p><p>Dass der Krisenausl\u00f6ser dieses Mal eine Pandemie ist, bringt neben diesen allgemeinen Mustern nat\u00fcrlich Besonderheiten (hierzulande) unbekannten Ausma\u00dfes mit sich: Ausgangssperren, Quarant\u00e4ne, Mobilmachung der Armee. Erh\u00f6hte Repressionsma\u00dfnahmen des Staates und drastische Einschnitte in die Rechte der Lohnabh\u00e4ngigen sind zwar oft Begleiterscheinungen \u00f6konomischer Krisen \u2013 aber wer sollte sich trauen, diese im Zeichen des grassierenden Virus in Frage zu stellen? Der herrschenden Politik ist es zuvor schon gelungen den Gesundheitssektor und die Krankenh\u00e4user ohne st\u00e4rkeren politischen Gegenwind kaputt zu sparen. Die (Sp\u00e4t)folgen der letzten Krisenbew\u00e4ltigung werden nun schmerzlich sp\u00fcrbar und die sozialen Abwehrk\u00e4mpfe m\u00fcssen wohl oder \u00fcbel auf die Tage nach der Ausbreitung des Virus verschoben werden.</p><p>Doch eine Frage dr\u00e4ngt nach Beantwortung: Sollten wir \u00fcberhaupt noch von g\u00e4ngigen zyklischen Krisen sprechen? Oder m\u00fcssen wir nicht vielmehr, was die derzeitige gesellschaftliche Entwicklung betrifft, bereits von einer allgemeinen Krise, einer Krise in Permanenz reden? Denn auch wenn die mediale \u00d6ffentlichkeit allem Anschein nach immer nur ein Thema zur selben Zeit behandeln kann, sollten wir nicht vergessen, dass wir gerade erst damit angefangen hatten, endlich \u00fcber die Klimakrise und ihre dramatischen Auswirkungen zu debattieren. Nicht nur die Rekordwerte unserer \u201ewinterlichen\u201c Temperaturen sollten daran erinnern, dass die Klimakrise eben kein mediales Intermezzo war. Vielmehr gehen wir unentwegt und mit Siebenmeilenstiefeln auf irreversible Kipppunkte des \u00d6kosystems zu. Ab diesen werden verst\u00e4rkende R\u00fcckkopplungen einsetzen, die zu einem Lawineneffekt werden d\u00fcrften. Erinnert sei hier nur kurz an das arktische Meereis, den gr\u00f6nl\u00e4ndischen Eisschild oder die tauenden Permafrostgebiete. Sind unsere derzeitigen Notstandsgesetze vielleicht nur ein Vorgeschmack auf das, was uns erwartet, wenn die Wetterextreme \u00fcber uns hereinbrechen und die Reichen und Sch\u00f6nen sich in ihren wetterfesten Luxusbunkern verschanzen werden? Vor uns die Sintflut, nur leider \u201erettet uns kein h\u00f6heres Wesen\u201c...</p><h2><b>\u2026und Pulverfass</b></h2><p>Wirtschaftskrise, nicht bew\u00e4ltigte Staatsschuldenkrise, Klimakrise, riesige Migrations- und Fluchtbewegungen, deren sozialen Ursachen oft schon durch klimatische Ver\u00e4nderungen befl\u00fcgelt wurden, und nun also eine Pandemie unerwarteten Ausma\u00dfes. Der gemeinsame Nenner dieser Krisen ist ein globales Wirtschaftssystem, in welchem dem Streben nach maximalem Profit alles andere untergeordnet werden muss. Wir befinden uns in einer Situation, bei der Mensch und Natur auf kurz oder lang zwangsl\u00e4ufig unter die R\u00e4der kommen m\u00fcssen. Unendliches profitgesteuertes Wachstum ist n\u00e4mlich nicht vereinbar mit den planetaren Grenzen, die gerade \u00fcberschritten werden.</p><p>Aber profitgeleitetes Wachstum l\u00e4sst sich unter Marktbedingungen nicht einfach abschalten, denn Unternehmer*innen, die bei dem Streben nach Profitmaximierung nicht mitmachen, k\u00f6nnen auf dem Markt nicht bestehen und gehen unter. Dieser Mechanismus ist die objektive Ursache f\u00fcr den grenzenlosen Drang nach Profit und dem Streben nach stetigem Wachstum. &#x27;Profite first!&#x27; \u2013 \u00d6kologie- und Gesundheitssysteme bestenfalls &#x27;second&#x27; \u2013 und auch dann nur, soweit die Absicherung des Profits das erfordert. Denn Produktion fu\u0308r einen Markt hei\u00dft immer und zwangsl\u00e4ufig durch Konkurrenz vermittelte, unkontrollierte, unkoordinierte, also letztlich planlose Produktion und deren r\u00fccksichtslose Erweiterung. Selbst wenn der Markt \u00fcberschaubar w\u00e4re, w\u00fcrde weiterhin jedes Unternehmen versuchen, seine Konkurrent*innen aus dem Feld zu schlagen. Sowohl das \u00d6kosystem, als auch die Gesundheit und das Leben der Lohnabh\u00e4ngigen sind dem zwangsl\u00e4ufig untergeordnet.</p><p>Die kapitalistische Dynamik hat die Produktivkr\u00e4fte bis zu einem Punkt nie gekannter Entwicklungen und M\u00f6glichkeiten entwickelt. Von der Globalit\u00e4t, der Vernetzung und der Digitalisierung bis hin zur Automatisierung. Andererseits stehen wir gerade kurz vor dem Abgrund. Aber gibt es tats\u00e4chlich keine Alternativen zu einem Hineingeworfen oder -gesto\u00dfen werden? Auch wenn Geschichte sich nicht wiederholt, so kann ihre Betrachtung doch die Blicke f\u00fcr heutige M\u00f6glichkeiten sch\u00e4rfen. Von Interesse sollte in diesem Zusammenhang sein, was Karl Marx und Friedrich Engels bereits in jungen Jahren \u00fcber das Aufkommen und den Durchbruch des B\u00fcrgertums, der Bourgeoisie, gegen das feudale Mittelalter schilderten:</p><p><i>\u201eDie Produktions- und Verkehrsmittel, auf deren Grundlage sich die Bourgeoisie heranbildete, wurden in der feudalen Gesellschaft erzeugt. Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung dieser Produktions- und Verkehrsmittel entsprachen die Verh\u00e4ltnisse, worin die feudale Gesellschaft produzierte und austauschte, die feudale Organisation der Agrikultur und Manufaktur, mit einem Wort die feudalen Eigentumsverh\u00e4ltnisse den schon entwickelten Produktivkr\u00e4ften nicht mehr. Sie hemmten die Produktion, statt sie zu f\u00f6rdern. Sie verwandelten sich in ebenso viele Fesseln. Sie mu\u00dften gesprengt werden, sie wurden gesprengt.\u201c</i></p><p>Was damals die feudalen, sind heute die b\u00fcrgerlichen Eigentumsverh\u00e4ltnisse. Sie sind zu Fesseln geworden, was die weit hinter dem Entwicklungsstand zur\u00fcckbleibende Pharmaforschung und die unzureichende Versorgung mit Medikamenten schlagend beweisen. Erst wenn diese Fesseln und mit ihnen der Zwang zur Profitakkumulation aufgehoben wird, besteht die M\u00f6glichkeit, mit den notwendigen und den zur Verf\u00fcgung stehenden Arbeiten und Arbeitskr\u00e4ften, sowie den nat\u00fcrlichen und menschengemachten Ressourcen zu rechnen und zu planen. W\u00fcrden die Produktionsmittel der gesamten Gesellschaft geh\u00f6ren, k\u00f6nnte so geplant werden, dass alle arbeiten, daf\u00fcr aber weniger. Es k\u00f6nnte so gewirtschaftet werden, dass die Grenzen des \u00d6kosystems ganz oben auf der Priorit\u00e4tenliste st\u00e4nden - denn Profit und Markt w\u00e4ren beseitigt. Auch der Gesundheitssektor k\u00f6nnte endlich den Stellenwert bekommen, der ihm geb\u00fchrt. Pandemien und schreckliche Krankheiten lie\u00dfen sich mit voller Kraft erforschen und bek\u00e4mpfen. W\u00fcrden sie dann \u00fcberhaupt noch auftreten? Die neueren Infektionskrankheiten haben ihre Wurzel fast ausnahmslos im Niedergang der Artenvielfalt und der kapitalistischen Form der Landnutzung, also Monokulturen, r\u00fccksichtslose Rodung der W\u00e4lder und \u00fcberbeanspruchte B\u00f6den.</p><p>Tats\u00e4chlich m\u00fcssten auch bei assoziierter Produktion im Falle einer Pandemie alle eine Weile zu Hause bleiben. Aber niemand m\u00fcsste zum Beispiel darum f\u00fcrchten, nach dieser Zeit seinen Job zu verlieren. Denn wo nicht der Profit Sinn und Ma\u00dfstab der Produktion ist, sondern das Erzeugen n\u00fctzlicher Gebrauchsg\u00fcter, gibt es keinen Grund Produktionsst\u00e4tten zu schlie\u00dfen, auch wenn diese eine Zwangspause einlegen m\u00fcssten.</p><p>Wir k\u00f6nnen es drehen und wenden wie wir wollen. Was auch immer die Leistungen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft waren, die \u201eEigentumsverh\u00e4ltnisse entspr[e]chen [\u2026] den schon entwickelten Produktivkr\u00e4ften nicht mehr\u201c. Ergo m\u00fcssen sie gesprengt werden!</p><h2><b>Wer nicht k\u00e4mpft, hat schon verloren</b></h2><p>Die gute Nachricht: Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses ist objektiv soweit fortgeschritten, dass zumindest theoretisch ein gutes Leben f\u00fcr alle m\u00f6glich w\u00e4re. Und die Schlechte? Anders als von Kautsky bis Ulbricht vermutet, gibt es kein heimliches Drehbuch f\u00fcr geschichtliche Entwicklungen und keine Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten im menschlichen Handeln. Die wichtigste Produktivkraft aber ist, und genau das haben die genannten deutschen Sozialisten str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigt, der Mensch. Anders gesprochen: Nur wenn in und durch die Krise das massenhafte Bewusstsein entsteht, das eine andere Welt nicht nur m\u00f6glich, sondern mittlerweile dringend n\u00f6tig ist, kann der Durchbruch zu assoziierten Gesellschaft gelingen.</p><p>Im Zeichen der Corona-Bek\u00e4mpfung hat Angela Merkel vermeintlich ein Paradoxon entdeckt: Nur durch Abstand zu Anderen k\u00f6nnten wir heute unsere Solidarit\u00e4t unter Beweis stellen. Was tiefgr\u00fcndig daherkommt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung bez\u00fcglich eines grassierenden Virus als banale empirische Beschreibung des Offensichtlichen. Der eigentliche Widerspruch dagegen sitzt tiefer. Die Gesellschaft, deren erstes Wort die Konkurrenz ist, ruft pl\u00f6tzlich nach Solidarit\u00e4t. Dabei haben wir alle, die wir in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind, zun\u00e4chst einmal nur gelernt, uns um den eigenen Arsch zu k\u00fcmmern. Beim Kampf ums Klopapier ist dieses Credo dieser Tage recht eindr\u00fccklich zu beobachten. Was dem ein oder anderen diesbez\u00fcglich noch ein Schmunzeln \u00fcber die Lippen jagt, ist in anderen Weltgegenden schon bedrohlicher geworden. Hier schnellen bereits, bedingt durch die Coronapanik, Waffenk\u00e4ufe in die H\u00f6he: Ein Schalk, wer B\u00f6ses dabei denkt.</p><p>Also \u201eGame Over\u201c? Wenn wir der b\u00fcrgerlichen Apologetik vertrauen, die in ihrer grenzenlosen Ignoranz den <i>homo economicus</i>, also den Menschen, wie er sich in der von ihr vertretenden Gesellschaftsordnung entwickelt hat, mit dem <i>homo sapiens</i> gleichsetzt, dann unbedingt. Gehen wir diesen Trugschluss nicht mit, sehen wir \u2013 neben den ungeahnten neuen technischen M\u00f6glichkeiten \u2013 auch gesellschaftliche Entwicklungen, die durchaus hoffen lassen: Massive sozialen K\u00e4mpfe in Frankreich und Chile, die globale Klimabewegung, die K\u00e4mpfe von Mieter*innen, oder die beginnenden Corona-Streiks f\u00fcr tempor\u00e4re Betriebsschlie\u00dfungen und bessere Sicherheitsstandards. \u00dcberall stehen, mal mehr mal weniger hervorgehoben, das b\u00fcrgerliche Eigentum und die blind w\u00fctenden Marktgesetze zur Debatte.</p><p>Wie also werden sich die Menschen in der Krisenentwicklung verhalten? Welche Strukturen schaffen und aufbauen? Welche K\u00e4mpfe f\u00fchren, welche Niederlagen erleiden und welche Schl\u00fcsse daraus ziehen? Wir wissen es nicht. Aber dass mittlerweile alle Varianten von halbherzigen &#x27;L\u00f6sungen&#x27; und national beschr\u00e4nkten &#x27;Kompromissen&#x27; dahin schmelzen, wie das Polareis, stellt zumindest eine Chance dar. Ebenso der Aspekt, dass in der Krise offensichtlich wird, wie unf\u00e4hig die Marktprinzipien sind, die anstehenden Probleme zu l\u00f6sen und zu koordinieren: Ob bei der Entwicklung von Medikamenten, oder der Versorgung mit Krankenhausbetten. Zumindest nach \u201emehr Markt\u201c oder der \u201eunsichtbaren Hand\u201c kr\u00e4ht pl\u00f6tzlich niemand mehr.</p><p>\u201eDie Alternative zu globaler Freiheit und Gerechtigkeit ist die weltweite H\u00f6lle\u201c haben Dietmar Dath und Barbara Kirchner vor einigen Jahren mit so viel Berechtigung wie Pathos formuliert. Verbl\u00fcffend ist lediglich, wie schnell die Wirklichkeit dazu dr\u00e4ngt, sich zwischen diesen beiden M\u00f6glichkeiten entscheiden zu m\u00fcssen. Aber wie hei\u00dft es doch so sch\u00f6n; nur wer nicht k\u00e4mpft hat schon verloren. In diesem Sinne: The future is unwritten!</p><p></p><hr/><p><i>Christian Hofmann und Philip Broistedt schreiben auf</i> <a href=\"https://assoziation.info\">assoziation.info</a>. <i>Im September 2020 erscheint ihr Buch \u201eGoodbye Kapital\u201c im Papy Rossa Verlag.</i></p><p></p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. 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Bilder sind von dieser Lizenz ausgeschlossen und Eigentum ihrer jeweiligen Urheber_innen.\n      </p>\n\n      <p class=\"print-remove\">\n        <a id=\"imprint\" href=\"/imprint\">Impressum</a> |\n        <a id=\"privacy\" href=\"/imprint#privacy\">Datenschutz</a>\n      </p>\n    </section>\n  </div>\n</div>\n\n  </footer>\n</div>\n", "url": "https://revoltmag.org/articles/krise-klima-klopapier/", "id": "https://revoltmag.org/articles/krise-klima-klopapier/", "author": {"name": "Philip Broistedt und Christian Hofmann", "email": "redaktion@revoltmag.org"}, "date_published": "2020-04-21T13:06:28.336618+00:00", "date_modified": "2020-04-21T13:07:21.491680+00:00", "tags": ["re:think", "geschichte", "naturzerst\u00f6rung", "corona", "krise", "pandemie", "kapitalismus", "\u00f6kologie", "solidarit\u00e4t"], "summary": "Wir k\u00f6nnen die Corona-Krise nur mit Blick auf vorherige Krisenverl\u00e4ufe und die kapitalistische Dynamik der letzten Jahrzehnte verstehen. Den weltweiten solidarischen K\u00e4mpfen gegen Profitmaximierung und Ausbeutung f\u00e4llt deshalb eine wichtige Aufgabe zu: Die Fesseln zu sprengen. Ein Debattenbeitrag."}, {"title": "Die selektive Solidarit\u00e4t durchbrechen", "content_html": "\n\n\n<div style=\"background: #eaeaea; width: 100%; height: 100%\">\n  <style>\n    .__wrapped-content {\n      max-width: 670px;\n      padding: 1.5rem;\n      margin: 1.5rem auto;\n      background: white\n    }\n  </style>\n  <article class=\"__wrapped-content\">\n    <link href=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.css\" rel=\"stylesheet\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-title\" content=\"re:volt mag\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-capable\" content=\"no\"><meta name=\"apple-mobile-web-app-status-bar-style\" content=\"black\"><meta name=\"theme-color\" content=\"#99020b\"><link rel=\"apple-touch-icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><link rel=\"manifest\" href=\"/static/revoltmag/manifest.307d5e0f476ef238b243c472abadb46c.json\"><link rel=\"icon\" sizes=\"180x180\" href=\"/static/revoltmag/icon_180x180.f95a8c6b74bb715d326c7790779a0330.png\"><script defer=\"defer\" src=\"/static/revoltmag/app.f1c5096a2a5bfa5cb0dc.js\"></script>\n    <header class=\"content\">\n      <h1>Die selektive Solidarit\u00e4t&nbsp;durchbrechen</h1>\n    </header>\n\n    \n      \n        \n        \n\n\n  <div class=\"content-image\">\n    <div class=\"content-image-wrapper\">\n      \n        <img  alt=\"49739227972_4c4e1eaa43_h.jpg\" height=\"420\" src=\"/media/images/49739227972_4c4e1eaa43_h.2e16d0ba.fill-840x420-c100.jpg\" width=\"840\">\n      \n      \n        <span class=\"content-copyright\">Protestfotografie.Frankfurt</span>\n      \n    </div>\n  </div>\n\n\n      \n    \n\n    \n      <section class=\"content content-section content-type-paragraph\">\n        <p></p><p><i>[Editorial:] Der folgende Debattenbeitrag von</i> <a href=\"https://kritikundpraxis.org/\"><i>Kritik &amp; Praxis Frankfurt</i></a><i> ist ein Debattenauftakt um widerst\u00e4ndige Praxis und Organisierungsformen unter dem herrschenden Ausnahmezustand. Wir rufen alle antikapitalistischen Zusammenh\u00e4nge und Organisationen dazu auf, sich an dieser Debatte zu beteiligen, Beitr\u00e4ge einzureichen und gerne auch Widerspruch und Kritik zu leisten.</i></p><p></p><hr/><p></p><p>Ende Januar hat die chinesische Zentralregierung Wuhan und andere St\u00e4dte in der Provinz Hubei unter Quarant\u00e4ne gestellt und ganze Krankenhauskomplexe in wenigen Tagen aus dem Boden gestampft. Auf die Verbreitung des neuartigen Virus SARS-CoV-2 und die drastischen Ma\u00dfnahmen zu dessen Eind\u00e4mmung reagierten Beobachter*innen in europ\u00e4ischen Gesellschaften mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu. Ausgeschlossen schien, dass \u201eso etwas\u201c hier m\u00f6glich sei.</p><p>Nur wenige Wochen sp\u00e4ter stapeln sich in Italien und Spanien die S\u00e4rge vor den Hallen eines durch die europ\u00e4ische Austerit\u00e4tspolitik kaputt gesparten Gesundheitssystems und die W\u00f6rter \u201eAusgangssperre\u201c, \u201eQuarant\u00e4ne\u201c und \u201eKontaktverbot\u201c sind eine manifeste Realit\u00e4t unseres Alltags geworden. Der Ausnahmezustand wirft uns \u2013 wenn auch auf h\u00f6chst unterschiedliche Art und Weise \u2013 aus unseren privaten und politischen Alltagsroutinen und Gewohnheiten. Der folgende Text ist eine erste Zwischenbilanz einiger politischer Fragen, die sich aus der gegenw\u00e4rtigen Situation ergeben. Er steht unter dem Vorbehalt des situativen Denkens. Jeder Versuch, die Geschehnisse auf den Begriff zu bringen, ist vorl\u00e4ufig.</p><p>In Deutschland zielen die staatlichen Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung des Virus auf die Kontrolle der Bewegung im \u00f6ffentlichen Raum, die Einschr\u00e4nkung der privaten Kontakte in der Freizeit, sowie eine \u00c4nderung des individuellen Hygieneverhaltens. Damit einher geht eine enorme Aufwertung des epidemiologischen Wissens und seiner Tr\u00e4ger*innen in den Staatsapparaten. Wir k\u00f6nnen beobachten, dass weitreichende politische Entscheidungen und Grundrechtsbeschr\u00e4nkungen mit Verweis auf die Expertise von Virolog*innen, allen voran jenen des staatlichen Robert-Koch-Instituts, gef\u00e4llt werden. Durch den Verweis auf die wissenschaftliche Expertise werden Entscheidungen immer einer politischen Diskussion entzogen. Gleichzeitig er\u00f6ffnet der virologisch begr\u00fcndete Ausnahmezustand der Exekutive einen gro\u00dfen Ermessensspielraum \u2013 und den nutzt sie derzeit auch, um linken Protest zu verunm\u00f6glichen. Das zu sagen, hei\u00dft nicht, das epidemiologische Wissen grunds\u00e4tzlich in Frage zu stellen, oder zu behaupten, die Gefahr von Covid-19 sei in irgendeiner Art und Weise \u201ekonstruiert\u201c, um den staatlichen Ausnahmezustand zu proben.</p><p>Die radikale Linke steht vor einer paradoxen Situation. Wir beobachten die digitalen \u00dcberwachungsfantasien, das Vorgehen gegen Demonstrationen und die Stilllegung jedes politischen Diskurses mit gro\u00dfer Sorge. Und nat\u00fcrlich tragen die gesundheitspolitischen Ma\u00dfnahmen den Makel einer zynischen Doppelmoral, weil das t\u00e4gliche Sterben an den europ\u00e4ischen Au\u00dfengrenzen, in den Textilfabriken des globalen S\u00fcdens, oder im Bombenhagel russischer und t\u00fcrkischer Kampfjets in Syrien, stillschweigend hingenommen wird. Gleichwohl ist es nicht m\u00f6glich, sich einfach gegen diese Regierung der Gesellschaft und den Zugriff auf unsere Subjektivit\u00e4t zu stellen. Physische Distanz, die Vermeidung von Menschenmengen, eine gewisse Einschr\u00e4nkung unserer Sozialkontakte: Zumindest solange kein Impfstoff existiert, scheint das sinnvoll. Die Alternative jedenfalls w\u00e4re eine sozialdarwinistische Logik der Auslese, die unter dem gegebenen Zustand des Gesundheitssystems mit der ungebremsten Zirkulation des Virus einherginge. Es ist kein Zufall, dass die \u201estarken M\u00e4nner\u201c von Trump bis Bolsonaro mit dieser Option sympathisieren. Die gegenw\u00e4rtige Situation l\u00e4sst sich nicht in der bin\u00e4ren Logik einer einseitigen Parteinahme aufl\u00f6sen: Es gibt nicht einfach ein \u201edaf\u00fcr\u201c und \u201edagegen\u201c. Behauptungen, die staatlichen Ma\u00dfnahmen w\u00e4ren nur autorit\u00e4r sind ebenso falsch, wie das auch unter Linken zu beobachtende Denunziantentum und der allgemein grassierende Untertanengeist. Wer unterhalb dieser Fallh\u00f6he argumentiert, verweigert sich der Komplexit\u00e4t der Situation.</p><p></p><h3><b>Von Nachbarschaftshilfen zum zivilen Ungehorsam</b></h3><p>Was also tun? Trotz des Festhaltens an einem vern\u00fcnftigen Kern der staatlichen Ma\u00dfnahmen d\u00fcrfen wir uns nicht einfach dem medizinischen Diskurs der Epidemiologie und der staatlichen Bev\u00f6lkerungspolitik unterwerfen, der uns jeglicher politischer Sprechf\u00e4higkeit beraubt. Es ist absurd, dass es problemlos m\u00f6glich ist, 175.000 gestrandete Urlauber*innen zur\u00fcckzuholen und gleichzeitig die humanit\u00e4re Aufnahme von 5.500 Gefl\u00fcchteten auszusetzen. Gleichzeitig werden Gefl\u00fcchtete hierzulande weiterhin in Sammelunterk\u00fcnften zusammengedr\u00e4ngt, die sie einer ungleich gr\u00f6\u00dferen Gefahr der Ansteckung aussetzen. Grunds\u00e4tzlich verbannen die staatlichen Ma\u00dfnahmen die Verantwortung f\u00fcr die Eind\u00e4mmung von SARS-CoV-2 in den \u00f6ffentlichen Raum und die privaten Sozialbeziehungen. Die kapitalistische Warenproduktion hingegen soll mehr oder weniger ungehindert weiterlaufen. In den Amazon-Logistikzentren, auf Baustellen und bald auch auf deutschen Spargelfeldern m\u00fcssen Arbeiter*innen weiterhin antanzen. Unter dieser Politik leiden derzeit Frauen*, die einen Gro\u00dfteil der Sorgearbeit leisten und vermehrt h\u00e4uslicher Gewalt ausgesetzt sind, sowie prek\u00e4r und migrantisierte Besch\u00e4ftigte und Marginalisierte, wie Obdachlose in besonderem Ma\u00dfe.</p><p>Parallel zu den staatlichen Ma\u00dfnahmen sind in vielen St\u00e4dten spontane Netzwerke nachbarschaftlicher Solidarit\u00e4t entstanden. Sie korrespondieren mit der Anrufung einer nationalen Schicksalsgemeinschaft, aber sie gehen nicht darin auf. In Frankfurt/M sind einige von uns in diesen Netzwerken aktiv. Wir beobachten, dass viele Menschen, die sich jetzt zum Teil erstmals organisieren, die staatlichen Exklusionsmechanismen im Blick haben und kritisieren. Ideen wie Gabenz\u00e4une f\u00fcr obdachlose Menschen mussten nicht erst von au\u00dfen an die Netzwerke herangetragen werden. Die Wut auf ein auch hierzulande kaputt gespartes und in Teilen privatisiertes Gesundheitssystem ist gro\u00df. Nat\u00fcrlich gilt das nicht f\u00fcr alle, die sich jetzt engagieren. Doch das deckt sich mit unseren Erfahrungen aus anderen sozialen Bewegungen: Orte, an denen Neues entsteht, sind immer von einer gewissen Ambivalenz durchdrungen. Wenn das in der Vergangenheit kein Ausschlusskriterium war, um mitzumischen \u2013 warum sollte es jetzt anders sein? In welche Richtung sich die Nachbarschaftsnetzwerke entwickeln, wird zum Teil auch von uns abh\u00e4ngen.</p><p>Gleichzeitig m\u00fcssen wir so schnell wie m\u00f6glich Strategien entwickeln, um jenseits der nachbarschaftlichen Mikropolitiken wieder handlungsf\u00e4hig zu werden. Machen wir uns nichts vor: Die nachbarschaftlichen Solidarit\u00e4tsnetzwerke sind in ihrer Reichweite und ihrem Aktionsradius beschr\u00e4nkt. Um die staatlichen Exklusionsmechanismen und Teilungsdispositive zu kritisieren und praktisch zu unterlaufen, brauchen wir auch im Ausnahmezustand Formen des politischen Handelns in der \u00d6ffentlichkeit \u2013 erst recht, weil wir uns in den kommenden Monaten hierzulande auf eine neue Konjunktur sozialer K\u00e4mpfe im Zuge der Wirtschaftskrise einstellen m\u00fcssen. Es wird nicht reichen, Transparente aus den Fenstern zu h\u00e4ngen oder Online-Demonstrationen zu veranstalten. Ohne eine Praxis des zivilen Ungehorsams ist die Ethik der F\u00fcrsorge im Kleinen auch in Zukunft wenig wert. Wir fangen besser heute als morgen damit an, \u00fcber das \u201ewie\u201c nachzudenken.</p>\n      </section>\n    \n  </article>\n  <footer class=\"__wrapped-content\">\n    <div class=\"columns is-desktop\">\n  <div class=\"column is-7-10\">\n    <section class=\"content content-license padded\">\n      <h2>Lizenzhinweise</h2>\n      <p>Copyright \u00a9 2017 re:volt magazine Redaktion - Einige Rechte vorbehalten</p>\n      <p>\n        Die Inhalte dieser Website bzw. Dokuments stehen unter der <a href=\"http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/\">Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz</a>.\n        \u00dcber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k\u00f6nnen Sie \u00fcber unsere <a href=\"/contact\">Kontaktseite</a> erhalten. 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